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V „Vor dem Vergessen Bewahren“ als künstlerisches Programm in:

Alicja Piekarska

Die Fotografin Gundula Schulze Eldowy, page 247 - 254

Die Wirklichkeit der späten DDR-Jahre in Schwarz-Weiß

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4119-2, ISBN online: 978-3-8288-6973-8, https://doi.org/10.5771/9783828869738-247

Tectum, Baden-Baden
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„Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 247 V „Vor dem Vergessen Bewahren“ als künstlerisches Programm 1986 verließ Gundula Schulze Eldowy die Stadt Berlin, die ihr seit diesem Zeitpunkt als eine wesentliche Zwischenstation in ihrer Entwicklung als Fotografin erscheint. Seitdem beobachtet die Künstlerin das Leben und die Menschen in dieser Stadt aus einer gewissen Distanz. In einem Interview von 2007 sagte die Fotografin, dass sich Berlin „drastisch verändert“ habe.501 Sie musste feststellen, dass das Milieu von Berlin Mitte und Prenzlauer Berg, das sie in den 1970er und 80er Jahren fotografiert hatte, verschwunden war. In ihrem 2011 publizierten Bildband „Berlin in einer Hundenacht“ äußert sich Schulze Eldowy wie folgt: „In Berlin hält sich nichts lange. Alles geht in ungewöhnlich kurzer Zeit sangund klanglos unter. Wie August und Margarete. Wie Tamerlan, Ulla und Horst, wie die blinde Briefträgerin, der ich in der Dunckerstraße begegnete, als sie die Post austrug. Die Betonung liegt auf dem Verschwinden ihrer Geschichte, auf dem Verschwinden ihrer Erinnerung, auf dem Verschwinden ihrer Namen.“502 Mit dem Verschwinden des Berliner Milieus verschwand auch die besondere, original berlinerische Wesensart, die die Künstlerin so bewundert hatte: 501 Schulze Eldowy im Interview mit Mengewein 2007. 502 Schulze Eldowy 2011a, S. 16. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 248 „Das authentisch, unverwechselbar Berlinerische – all diese Wortschöpfungen und Lieder, diese Schnoddrigkeit, dieser Humor, dieser Witz, dieses Vulgäre, Ordinäre, Ulkige – über das wir uns noch totgelacht haben, ist heute spurlos verschwunden. Z. B.: ‚Mein liebes Fräulein Langhaus, sie sehen ja heut so krank aus. Die Liebe hat sie krank gemacht, wer hätte das gedacht‘.503 Im einleitenden Text des Bildbands „Berlin in einer Hundenacht“ erwähnt die Künstlerin, dass auch einige wichtige Informationen über einzelne Personen des Berliner Milieus aus ihrem Gedächtnis verschwunden sind. In der Beschreibung eines betagten Herrn erinnert sie sich an sein Aussehen, seinen Alltag, seine Gewohnheiten, seine Herkunft, seine verstorbene Frau, seine Geständnisse sowie an ihre letzte Begegnung 1979, den Namen des Mannes kann sie sich jedoch nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen.504 Die von der Person übriggebliebenen Eindrücke summieren sich in ihrer Erinnerung zum Lebensbild einer namenlosen Erscheinung. Erst als der Künstlerin bei der Sichtung ihres Negativarchivs ein Bild des Mannes, auf dem er an einem runden Tisch sitzt und raucht, in die Hände kam, meldete sich auch sein scheinbar vergessener Name in ihrer Erinnerung zurück: „Da fällt mir auch sein Name wieder ein: August. Hätte ich ihn nicht fotografiert, wäre er mir entglitten. Wie der größte Teil meiner Begegnungen von damals.“505 Das Bild ermöglichte ihrem Gedächtnis, die zum Namen führende Assoziation wiederherzustellen. Die Künstlerin stellt fest: „Berlin verschluckt seine Bewohner gnadenlos. Schicht für Schicht deckt die Stadt den Mantel des Vergessens über sie. Die Zeit geht vorüber und reißt alles mit sich fort. Wäre da nicht ein Impuls gewesen, August zu fotografieren, wäre er der totalen Vergessenheit anheim gefallen.“506 503 Schulze Eldowy im Interview mit Mengewein 2007. 504 Schulze Eldowy 2011a, S. 13. 505 Ebenda. Die Künstlerin gibt zu, nicht alle Namen vor dem Vergessen gerettet zu haben, wie etwa den der Briefträgerin. (Schulze Eldowy 2011a, S. 16). 506 Schulze Eldowy 2011a, S. 13. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 249 Die Fotografie rettet zum einen den Porträtierten vor dem Vergessen, indem sie einen Augenblick seines Lebens gleichsam einfriert, „mumifiziert“.507 Zum anderen rettet sie das Besondere, das Individuelle, die gelebte Wirklichkeit, ja die Geschichte des betreffenden Menschen. Wie wichtig es für die Fotografin war, gerade die Geschichte ihrer Protagonisten festzuhalten und wiederzugeben, ist an folgender Feststellung erkennbar: „Wer keine Geschichte hat, hat kein Erleben. Wer kein Erleben hat, hat nichts zu erzählen. Wer nichts zu erzählen hat, geht verloren.“508 Nach Schulze Eldowy lässt sich das Leben, die „Vergangenheit und Gegenwart“ eines Menschen, in einem Bild anhand von Mimik, Gestik und Körperhaltung erkennen oder zumindest erahnen.509 Mit ihrer Ansicht steht die Künstlerin im Gegensatz zu den Überlegungen des Filmtheoretikers Siegfried Kracauer, der in seinem Essay „Die Photographie“ (1927) davon ausgeht, dass eine Fotografie ohne mündliche Tradition „nicht rekonstruiert“ werden könne, da sie ein vom Kontext losgelöstes, vergangenes Fragment, die „räumliche Konfiguration eines Augenblicks“ sei: „nicht der Mensch tritt in seiner Photographie heraus, sondern die Summe dessen, was von ihm abzuziehen ist“.510 Als Beispiel nennt er eine Fotografie seiner Großmutter, auf der sie zu einer „Puppe im historischen Kostüm“, zu einem „archäologischen Mannequin“, ja zu einem „Gespenst“ geworden ist.511 Die Enkel können die Ähnlichkeit der abgebildeten mit der erlebten Großmutter nicht nachvollziehen, da sich die Dargestellte vor ihren Augen „in modisch-altmodische Einzelheiten“ auflöst.512 Nach Kracauer werden das Leben und die Geschichte eines Menschen auf einer Fotografie „wie 507 Schulze Eldowy im Interview mit Mengewein 2007. 508 Schulze Eldowy 2011a, S. 18. 509 Schulze Eldowy 2011c, S. 63; Schulze im Gespräch mit Adler 1985, S. 99; Schulze im Interview mit Funken 1988, S. 78. 510 Siegfried Kracauer: Die Photographie. In: Das Ornament der Masse, Frankfurt am Main 1963, S. 22 und S. 32 (21–39). 511 Ebenda, S. 22 und 31. 512 Ebenda, S. 22f. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 250 unter einer Schneedecke vergraben“.513 Auch eine das ganze Leben erfassende Reihe von Aufnahmen ist nicht in der Lage, die Geschichte einer Person zu erzählen: „Die Photographien stehen nebeneinander wie statische Berichte, und weder ist aus dem früheren Bild das spätere zu ahnen, noch aus diesem jenes zu rekonstruieren.“514 Schulze Eldowy stimmt mit dieser Auffassung nicht überein, für sie kann das Innere durch das Äußere zum Ausdruck gebracht und das Wesen eines Menschen in einem Bild konzentriert werden. In den Augen der Künstlerin „bewahrt“ auch die Fotografie – ähnlich wie das Gedächtnisbild bei Kracauer – etwas ganz Bestimmtes, das in der festgehaltenen Szene „Gemeinte“. Bei Kracauer heißt es: „Gleichviel, welcher Szene sich ein Mensch erinnert: sie meinen etwas, das sich auf ihn bezieht (…). Im Hinblick auf das für ihn Gemeinte werden sie aufgehoben. Sie organisieren sich also nach einem Prinzip, das sich von dem der Photographie seinem Wesen nach unterscheidet. Die Photographie erfaßt das Gegebene als ein räumliches (oder zeitliches) Kontinuum, die Gedächtnisbilder bewahren es, insofern es etwas meint.“515 Die thematisch im Bildband „Berlin in einer Hundenacht“ versammelten Fotografien bewahren die Geschichte eines kleinen Ausschnitts der DDR-Wirklichkeit, die Geschichte einer besonderen, mehr oder weniger skurrilen Lebensart, wie sie durch die Augen der Künstlerin gesehen wird. Die Fotografin will den Betrachter dazu anregen, sich mit den Zeugnissen der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen, um seine eigene Herkunft besser kennenzulernen, um Abneigungen zu überwinden, um „frei und glücklich“ zu werden,516 um „Unbewusstes bewusst zu machen, um Gegensätze zu integrieren und zu erlösen“.517 Um sich selbst zu befreien, setzte sich Schulze Eldowy 513 Ebenda, S. 26. 514 Ebenda, S. 32. 515 Ebenda, S. 24f. 516 Schulze Eldowy im Gespräch der Verfasserin am 10.10.2014 in Berlin; Schulze Eldowy im Interview mit Gehann 2012. 517 Schulze Eldowy im Gespräch der Verfasserin am 31.08.2015 in Berlin. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 251 „existentiell mit dem Erbe“, „welches [ihre] Generation bekam“, auseinander:518 „Vergessen dient dem Unbewussten. Wird von einer Generation zur anderen ständig dasselbe wiederholt, werden die Muster, die dem kollektiven Verhalten zugrunde liegen, nie aufgelöst. Ein Großteil der Menschen sträubt sich dagegen, aufzuarbeiten, was sie von vorhergehenden Generationen erbten. Und so wiederholt sich in einer endlosen Kette dasselbe, ohne je gelöst zu werden. Meine Eltern haben nie Großreine gemacht in ihrer eigenen Psyche. Die Schuld gaben sie immer anderen. Ich habe endgültig damit Schluss gemacht. Um mich zu befreien, musste ich mich den alten Mustern stellen. Die Tragik der Muster, in denen man gefangen ist, wirkt auf der individuellen wie auch auf der kollektiven Ebene. Bis heute.“519 Schulze Eldowy machte Schluss mit der Tendenz, andere zu beschuldigen und mit der „Abneigung gegen [ihre] germanischen Ahnen“.520 Die Fotos halfen ihr, diese Ressentiments nach und nach zu überwinden und ganz zu heilen. Zuletzt wurde der Künstlerin, die zur Zeit der Entstehung der Bilder nicht das geringste Interesse für ihre Vorfahren gehabt hatte,521 deutlich, wie wichtig es für einen Menschen ist, seine Wurzeln zu kennen. Ihr heutiges Verständnis will sie – gerade auch in Bezug auf ihre eigene Person – in ihrem neuen Buch „Tänzerflügel ‒ Die verlorene Geschichte“, das sie gerade schreibt, verdeutlichen.522 Mit ihren dokumentarischen Bildern kämpfte Schulze Eldowy nicht nur gegen das Vergessen von Personen und ihrer Namen, das Vergessen von nachhaltigen Lebenserfahrungen, das Vergessen der jüngsten deutschen Geschichte, sondern auch gegen das Vergessen ihrer eigenen Lebensgeschichte – ganz im Sinne von Paul Strand: „Deine Fotografie ist für jeden, der wirklich sehen kann, ein Dokument 518 Schulze Eldowy im Interview mit Gehann 2012. 519 Ebenda. 520 Schulze Eldowy im Gespräch der Verfasserin am 10.10.2014 in Berlin. 521 Ebenda. 522 Karim Saab: Alles ist beseelt. Die Fotografin Gundula Schulze Eldowy über ihre neue Ästhetik. In: Märkische Allgemeine, 25.2.2014. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 252 deines Lebens“ und im Sinne von Dorothea Lange: „Jedes Porträt eines anderen Menschen ist ein ‚Selbstporträt‘ des Fotografen“.523 In den Aufnahmen von Schulze Eldowy kommen ihre ganze „Ausstrahlung,“524 ihr Gefallen, ihre Faszination, ihr Wohlbefinden, ihre Ängste und ihre Entwicklung mit zum Ausdruck. Was sie in ihren Schwarz-Weiß-Fotografien darstellt, kennt sie von sich selbst: Lebenslust, Direktheit, Sinnlichkeit. Indem sie die Einheit mit dem Gegenüber zu erzielen bestrebt war, gelang es ihr, eine fotografische Dokumentation ihres eigenen Lebens zu schaffen. Sie stand mitten im Geschehen, erlebte die Geschichten der fotografierten Personen, versetzte sich in ihre Denk- und Lebensart, so dass sie letztlich feststellen konnte: „Ich wurde eine von ihnen“.525 Das allzu intensive Sich-Hineinsteigern in das fotografierte Thema, das zu tiefe emotionale Eindringen in die Welt anderer kann dem Künstler laut Schulze Eldowy jedoch gefährlich werden: „Mit den Fotografen verhält es sich wie mit den Schauspielern, die sich zu sehr in eine Rolle vertiefen und sie nicht mehr loslassen bis die Rolle sie im wirklichen Leben einholt“.526 Dies hatte die Fotografin während ihrer Arbeit an dem farbigen Zyklus „Der große und der kleine Schritt“ (1982–1990), der in Friedhöfen, Geburtssälen, Krebsstationen, Fabrikhallen und Schlachthäusern der DDR entstand, selbst erlebt. Die Bilder in ihrer ganzen Schrecklichkeit schienen zu ihrer eigenen Realität zu werden. Sie „manifestierten“ sich ihr so, dass es plötzlich „keine Trennungslinie zwischen Bild und Wirklichkeit“ mehr gab.527 Sie 523 Dorothea Lange und Paul Strand zit. nach Sontag 1977, S. 118 und 173. 524 Gundula Schulze Eldowy: Tagebuchauszüge New York 1992/93, 1996, 2001. In: New York, die Stadt der Hottentotten, weil ich selbst ein Hottentotte bin, Gundula Schulze Eldowy. (Schriftlicher Austausch zwischen Gundula Schulze Eldowy und der Verfasserin am 19.1.2015). 525 Schulze Eldowy 2011a, S. 17. Schulze Eldowy sagte auch, dass ihre Protagonisten ihre ‚Kampfgefährten‘ und ‚Gleichgesinnten‘ waren. (Schulze Eldowy im Interview mit Mengewein 2007). 526 Gundula Schulze Eldowy im schriftlichen Austausch mit der Verfasserin zum Thema „Bild und Sehen“ am 8.4.2015; Schulze Eldowy im Interview mit Mengewein 2007. 527 Ebenda. „Vor dem Vergessen bewahren“ als künstlerisches Programm 253 beeinflussten die Künstlerin unbewusst so sehr, dass ihr Leben „einen tragischen Zug anzunehmen“ begann, „der vorher nicht zu bemerken war“.528 Diese Erfahrung ist einer der Gründe, warum die Künstlerin nach der Wende aufhörte, sich mit sozialdokumentarischer Fotografie zu befassen.529 Nach dem politischen Wandel stand der Künstlerin die große Welt offen. Sie begann sich intensiv mit innerer Wahrnehmung zu befassen, die die äußeren Bilder als Metaphern für innere Bilder, für etwas Geistiges einsetzte. 528 Ebenda. 529 Bild und Sehen 2015.

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Zusammenfassung

Gundula Schulze Eldowy ist eine der markantesten und umstrittensten Fotografinnen der Spätphase der DDR. Ihre radikalen, sozialdokumentarischen Fotografien über Randexistenzen der Gesellschaft und über Arbeiter sowie vor allem ihre Aktporträts erregten in der DDR großes Aufsehen; ihre Ausstellungen gehörten dort zu den am besten besuchten. Diese Arbeit ist der erste Versuch einer Werkmonographie über Gundula Schulze Eldowy und über ihre Position innerhalb der ostdeutschen Kunstszene. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den sozialdokumentarischen Schwarz-Weiß-Zyklen der Berliner Zeit (1977–1990). Die Studie zur fotografischen Vorgehensweise von Schulze Eldowy zeigt sie zuerst als eine Beobachterin, die wie ein Flaneur in der Großstadt umherstreift und die ihr als kurios auffallenden Menschen sowie auf den ersten Blick banal erscheinende Alltagsobjekte aufnimmt. Des Weiteren zeigt die Untersuchung sie als eine empathische Fotografin, die aus dem Erleben sowie der sozialen Interaktion heraus schafft. Dank ihres fotografischen Blicks, der an Bildern amerikanischer Fotografen und vor allem den literarischen Werken der französischen Realisten geschult wurde, erscheinen Schulze Eldowys Inszenierungen gelebten Lebens als wichtigste ostdeutsche Bilddokumente, etliche gar als Ikonen, die ein präzises Zeitbild der späten DDR-Jahre ergeben.