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Das Märchen vom Gelde und von der schlechten und der guten Inflation in:

Günter Alexander

Das Wesen der Begriffe, page 231 - 234

Eine Studie zu G.W.F. Hegels "Wissenschaft der Logik"

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4128-4, ISBN online: 978-3-8288-6969-1, https://doi.org/10.5771/9783828869691-231

Tectum, Baden-Baden
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Das Märchen vom Gelde und von der schlechten und der guten Inflation Es gab niemals - ein so hübsches, kleines und überschaubares Gemein wesen, w iejenes, das ich nun zu beschreiben anheben möchte. Auf zauber hafte Weise leben dort immer gerade soviele Menschen und es waren im mer gerade soviele Dinge vorhanden, als wir sie für unsere Geschichte be nötigen. Das Dörfchen am Fuße eines Hügels bestand aus nur drei Häusern. Dort lebten drei fleißige Handwerker, ein Bäcker, ein Tischler und, gänzlich un verzichtbar, ein Stecknadelproduzent. Auf dem Hügel über allem thronte ein Schlösschen, in dem die regierende Fürstin mit ihrem Gemahl hauste (davon später mehr). Nach jedem langen Arbeitstag trafen sich unsere drei Freunde auf dem Markt in der Mitte des Ortes, gleich weit entfernt von allen drei Wohnhäu sern mit ihren Werkstätten. Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für M o nat, Jahr für Jahr, - trugen unsere Drei ihre Waren zu Markte und tauschten sie nach altem Brauche zu guten Teilen. Der Bäcker trug zehn Brote herbei und traf den Tischler, der zwei Ti sche gefertigt hatte. Zu ihnen gesellte sich die Nadel, wie unser flinkfingriger Freund ohne Arg gespitznamt ward, mit einem Schächtelchen von im mer exakt hundert Stück feinster Ware. Frohen Sinnes tauschten sie jeder das Seine und alle gingen mit ihrem Anteil zufrieden nach Haus. Wenn wir unterstellen wollen (und es steht sehr wohl in unserer Macht, dies zu tun), daß die Rohmaterialien, die alle drei verwandten, um ihr Tag werk zu verrichten, immer gemeinsam den gleichen Wert besaßen, dann tauschen alle drei ihre Waren zu gleichem Werte. Dieser Wert entspricht exakt der Zeit, die sie auf die tägliche Fertigung verwandt haben. Wir neh men daher zusätzlich an, daß sie alle Tage lang genau die gleiche Zeit lang an ihrer Arbeit sitzen. Dann ergeben sich die Tauschverhältnisse auf eine einfache Weise wie folgt: Der Bäcker hatte für seine zehn Brote einen Tisch und fünfzig Steckna deln erhalten. Der Tischler nannte sein fünf Brote und fünfzig Stecknadeln. Und die Nadel trat den Heimweg an mit fünf Broten und einem Tisch. 232 Ich überanspruche die Phantasie von Leserinnen und Lesem ungern, aber mögen sie sich bitte allesamt vorstellen, daß unsere Drei mit ihren Fa milien das, was sie erworben hatten, bis zum nächsten Morgen wieder ver brauchten. An jedem frischen, neuen Tage mußten daher alle wieder von vorne beginnen. Kaum der Erwähnung wert, wie es alle Mächtigen dieser Erde sind, sei die Fürstin des ganzen Landstrichs, die auf einer Anhöhe residierte und sich dort, neben ändern Belustigungen, auch so ihre Gedanken machte. E i nes Tages ward verkündet, daß sie die Produktion von Stecknadeln zu verfürstlichen gedenke und sie schaffte den geschmeichelten Produzenten, samt all seiner Produktionsmittel in ein Verließ ihres Schlösschens. Da sie, bequem wie Fürstinnen sind, keine Lust hatte, das Schächtelchen Steckna deln jeden Tag auf seinem Weg zum Markte auch nur im Geiste zu beglei ten, schickte sie des Abends einen Boten hinunter, der dort Bäcker und Tischler traf. Der Bote verkündete, daß er in seiner Tasche hundert Papierstückchen trage, mit denen er stellvertretend für die Fürstin und die Nadel Brot und Tisch zu erwerben hätte. Das Wort der Fürstin darauf, daß, wenn gewollt, jedes dieser Stückchen Papier auf dem Schlosse in eine spitze Nadel zu verwandeln sei. Bäcker und Tischler dachten sich nichts weiter, tauschten alles wie gewohnt, und traten unbeschwert den Heimweg an. Doch da treten nun, unerwähnt bisher, ihre Frauen auf den Plan, und rüffelten ordentlich die Gedankenlosigkeit ihrer Gatten. Mensch Männe, sprach eine jede, Du 'weißt doch, daß ich heut’ Nacht die fünfzig Nadeln fü r meine Arbeit brauche. Geh’, und hol’sie vom Schlosse! Auf dem netten Weg zum Schlösschen, der sich idyllisch an sein Hügelchen schmiegte und von vereinzelten, zufällig angesiedelten Büschen und Bäumen gesäumt war, trafen sich Bäcker und Tischler, grämten sich über ihre launischen Weiber, und traten vor die Tore des für ein Schloß recht schmächtigen Baues. Der Diener, den sie schon als Boten kannten, nahm ihre Bestellung entgegen, beriet sich mit der Fürstin und kam nach kurzer Zeit, wie versprochen, mit hundert Stecknadeln zurück. Mit einer tiefen Verbeugung nahm er die hundert Stückchen Papier von Bäcker und Tisch ler entgegen, knallte den beiden die Tür vor der Nase zu - und fluchte der blöden Idee seiner Herrin. 233 So ging es wiederum Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, - bis der Mann der Fürstin bei ihr vorsprach und sagte: 'Ver ehrteste, ich brauch’ bis’ G eld für’n schicken Coiffeur im Dörfchen unseres Nachbarn, dem G raf von Nix. Bequem und geizig, wie Fürstinnen sind, dacht' sich Unsere DurchLeucht, Gib's ihm, und riß zu den hundert Schein ehen, die sie für den Markt vorbereitet hatte, noch zwei oder drei weitere von der Rolle mit dem Papier, das ihr ansonsten für Ihr-wißt-schon-was ge dient hatte. Der Mann dankte es ihr und beide waren froh, daß sie sich so gleich aus den Augen verloren, als sich die schwere Tür des Regierungs zimmers schloß. Am nächsten Abend, zauberhafter Zuwachs, wie oben erwähnt, trafen Bäcker und Tischler auf ihrem Weg zum Fürsten den Coiffeur aus der Nachbargemeinde. Als sie nun den Diener der Fürstin um den Tausch ihrer Zettel in Nadeln baten, Ach! da stellte sich heraus, daß nicht genug für alle da war. Und da die Fürstin trotz allem Eigensinn patriotisch gesonnen war, ging der Friseur gänzlich leer aus. Und wenn die Arbeit für seinen Grafen nicht als systemrelevant gewertet wird, weil er unübertroffene Qualität an Frisu ren liefert, bleibt er auf den Schulden sitzen, bis ihm die Fliegen um die Nase surren. So haben wir also die schlechte Inflation als willkürliche Aus weitung der Geldmenge verstanden. Kommen wir zu der guten. Es begab sich eines Tages in unserem kleinen Gemeinwesen, daß der Bäcker ein wenig aufgeregt schien, als er zu Markte schritt. Er hatte näm lich, wie sich herausstellte, durch Erfindungsgeist und/oder -reichtum sei ne Tagesproduktion von zehn Broten auf zwölf erhöht. Zapperlott! dachten sich alle. Als nun der Bote der Fürstin mit seinen hundert Scheinehen erschien, und alle ihre Anteile an den Früchten des Tages zu erwerben gedachten, da weigerte sich der Bäcker schlicht und einfach, von seinen zwölf Broten sechs für einen Tisch und weitere sechs für fünfzig Nadeln herzugeben. Da wäre doch aller Einsatz von Hirnschmalz, alle Tüftelei und so weiter und so fort ganz vergeblich gewesen. Der Bote der Fürstin, gewitzt wie Domestiken nun einmal sind, nahm von der Rolle, die er bei sich führte, um sich auf dem Heimweg an idylli scher Stelle des Wegs zu erleichtern, zwanzig Blättchen und schrieb zwan 234 zig Mal Ein Taler aufs Papier. Erfreut, daß alle samt und sonders mögliche Konflikte vermieden hatten, ging der Bäcker mit einem Tisch und 60 Ta lern nach Hause. Der Tischler, der sich noch darüber wunderte, daß sein Tisch plötzlich 60 Taler kostete, trug zum Ausgleich 6 Brote mit sich. Wie an jedem Abend trafen sich Bäcker und Tischler auf dem Weg zum Schlösschen, klopften an die Türe, beschieden dem Diener, ihnen für ihre zusammen 120 Taler gleichfalls 120 Stecknadeln auszuhändigen. Und Ach! sie stellten fest: So viele Stecknadeln hatte der Nadler an diesem Tage gar nicht geschafft! Mürrisch und mit wenig guter Erwartung an die Kommentare ihrer Frauen traten beide den Heimweg an. Das hat man nun von seinem Erfin dungsreichtum, dachte der Bäcker und überlegte, ob er nicht im Nachbar ländle mit seinen Zetteln einen Einkaufsbummel machen sollte. Die Fol gen, die dies am nächsten oder übernächsten Tage zeitigen würde, sind uns ja bekannt.... Damit haben wir auch verstanden, was eine gute Inflation ist. Obwohl die Folgen für die Währungsreserven in beiden Fällen die gleichen sind, ist eine Steigerung der Produktivität an sich nichts schlechtes. Nur verringert sich der Wert einer Ware, gemessen an der Zeit zur Herstellung. In gegen läufiger Relation steigen bei Verminderung des Wertgehaltes die Preise. Was wäre nun, wenn der Bote nicht so klug gewesen wäre und die Geldmenge nicht ausgeweitet hätte? Der Bäcker wäre auf seinen zwei Bro ten sitzengeblieben - und könnte auf den Gedanken geraten, sie zu expor tieren. Nun mag man sich fragen, was geschieht, wenn die zwei Brote unseres Bäckers in einem Nachbarländle landen, dessen Produzenten in gleicher Zeit mehr oder weniger Ware produzieren. Was wenn noch ein drittes Dörfchen in den Reigen eintritt, was wenn es tausende sind? Man sieht, daß die im Grunde einfachen Verhältnisse (für die sich faule Philosophen, wie ich einer bin, interessieren) sehr schnell sehr kompliziert werden, wenn man sich auf die globalen Produktions- und Währungsver hältnisse einläßt. Und 'wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute!

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Zusammenfassung

G.W.F. Hegels „Wissenschaft der Logik“ ist einer der schwierigsten Texte der philosophischen Literatur. Mit seiner Interpretation der dialektischen Methode hat Günter Alexander den Schlüssel für den Zugang zu Hegels Hauptwerk gefunden. Da die Methode konsequent unterhalb des sprachlichen Zugriffs arbeitet, leistet die Studie zum Werk Hegels auch eine Kritik sprachanalytischer und kommunikationstheoretischer Ansätze in der gegenwärtigen kulturwissenschaftlichen Forschung. Menschen irren, wenn sie glauben, daß sie denken, wenn sie sprechen. Zuweilen hat man Hegels Logik auch als Ethik gelesen. Daher lag es nahe, eine Anwendung auf das Thema selbst zu versuchen. Günter Alexander zeigt in dem Aufsatz „Grundlagen der Ethik“, daß eine Selbstgesetzgebung (Kant) und Rechtfertigungsrituale wie z. B. in der Diskursethik (Habermas) überflüssig sind. Die Weltformel aller Ethik lautet: „Unser Interesse an tugendhaftem Handeln liegt auf der gleichen Ebene wie unser Interesse am Gelingen einer Handlung.“ Mit seinen „Spekulationen zur Kosmologie“ wendet Günter Alexander die dialektische Methode auf einige philosophische Probleme der Physik an. Den Abschluß bildet ein kleines „Märchen vom Gelde“, in dem die Ursachen für die gute und die schlechte Inflation gefunden werden.