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Carina Angelina, Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive für die Ausübung der Prostitution in:

Carina Angelina, Stefan Piasecki, Christiane Schurian-Bremecker (Ed.)

Prostitution heute, page 33 - 56

Befunde und Perspektiven aus Gesellschaftswissenschaften und Sozialer Arbeit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4106-2, ISBN online: 978-3-8288-6966-0, https://doi.org/10.5771/9783828869660-33

Tectum, Baden-Baden
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33 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive für die Ausübung der Prostitution Carina Angelina Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive Abstract “Reasons why women and girls prostitute themselves are innumerable. Each of them has her own story, her own agony or her own private hopelessness. They do it out of love or hate, they do it for money or drugs, they do it for children, for family or for reckoning” (Moos, 2005: 90).6 There are various motives and reasons for getting involved with, staying in and leaving prostitution. Usually a variety of factors and not just a single motive alone, contribute to the decision. These motives and causes can be differentiated into the so-called “pull and push factors”. While push factors are mostly interpreted as negative and are often associated with structural and individual barriers that limit individual alternatives and options for action, the pull factors are more likely to be positive and include decision-making and personal determination. This article focuses mainly on the push factors and motivations of migrant women in prostitution. Examples of push factors include economic constraints, low education and the associated lack of employment, homelessness, neglect and violence in childhood and drug addiction. Einführung Für den Einstieg und das Verbleiben in sowie den Ausstieg aus der Prostitution gibt es diverse Motive und Ursachen (vgl. BMFSFJ 2015: 106). Dabei spielen recht häufig „multifaktorielle Prozesse“ eine Rolle 6 A. d. Ü.: Übersetzung von der Autorin vom Deutschen ins Englische. 34 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute und nicht ein einzelner Beweggrund (vgl. Heinz-Tossen 1993: 274 zit. n. Gugel 2011: 12). Diese Motive und Ursachen lassen sich in sogenannte Pull- und Push-Faktoren gliedern, die wie folgt definiert werden: Die Push-Faktoren werden subjektiv als negativ empfunden und gedeutet. Oft stellen sie einen Zusammenhang von strukturellen und individuellen Barrieren und Hindernissen dar, die Druck von außen ausüben und die Handlungsmöglichkeiten (Agency) verringern. Die Pull-Faktoren werden als positiv wirkend empfunden und gedeutet. Sie stehen entweder für Antrieb und Anziehungskraft von außen oder für einen persönlichen Impuls, Entschlossenheit, Entscheidungsmacht und Veränderungsbereitschaft. Sie bieten sich auch manchmal unerwartet durch zufällige Zeitzusammenhänge von Lebensereignissen an (BMFSFJ 2015: 107). In diesem Artikel werde ich aus folgenden Gründen den Schwerpunkt auf die Push-Faktoren legen: Zum einen wurden im durchgeführten Experteninterview mit einer Sozialarbeiterin der Fachberatungsstelle sichtBar7 für Frauen in der Prostitution vorwiegend Push-Faktoren genannt (v. a. im Zusammenhang mit Migration und Prostitution). Auch andere Prostituiertenfachberatungsstellen sehen Push-Faktoren als vorherrschende Motive (vgl. u. a. Niesner 2014: 4). Zum anderen standen diese Ursachen und Motive in der von mir recherchierten Literatur im Vordergrund. Zum Schluss werde ich aber auf die in der Literatur genannten Pull-Faktoren knapp eingehen. 7 Als feministische Beratungsstelle kümmert sich sichtBar seit 1998 um Frauen und Transsexuelle in der Prostitution in Kassel. Dabei liegt ihr Schwerpunkt in der Gesundheitsaufklärung während der aufsuchenden Arbeit im Milieu. Zudem bietet sichtBar offene Sprechstunden und Einzelberatung in den Räumen von sichtBar an, vermittelt bei Bedarf an andere Einrichtungen, steht im Einzelfall auch für Begleitung zur Verfügung und bietet Aussteigerinnen vereinzelt Hilfestellung bei Problemlagen (vgl. FIF e. V. 2017; Angelina 2015: 83). 35 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive Da sich größtenteils Frauen prostituieren (siehe auch Artikel Angelina/ Schreiter: 11ff.), werde ich meinen Schwerpunkt auf die Ursachen und Motive weiblicher Prostitution legen. Dass die genannten Gründe auch für männliche oder transsexuelle Prostituierte zutreffen können, ist jedoch nicht ausgeschlossen. Migrantinnen in der Prostitution Schätzungen zufolge beträgt der Anteil der Migrantinnen in der Prostitution in Deutschland mehr als die Hälfte; die meisten stammen aus Osteuropa (vgl. TAMPEP 2007: 5f.).8 Seit der EU-Osterweiterung kommen immer mehr junge Frauen aus den ökonomisch schwachen Ländern nach Deutschland, um hier der Prostitution nachzugehen (vgl. Wege 2015: 82; siehe Artikel Angelina/Schreiter: 11ff., siehe Artikel Niesner/Ramirez-Vega: 155ff.). Die Gründe hierfür werden im folgenden Abschnitt näher erläutert. Auch wenn diese vordergründig bei Migrantinnen in der Prostitution eine entscheidende Rolle spielen, können sie auch bei Prostituierten mit deutscher Nationalität festgestellt werden. Auffällig ist, dass sich die nachfolgenden Faktoren gegenseitig bedingen oder eng miteinander verknüpft sind, was eine eindeutige Trennung erschwert. Feminisierung der Migration Seit den 1970er-Jahren ist eine zunehmende Feminisierung der Migration in der EU zu verzeichnen (vgl. u. a. Hess u. Lenz 2001 zit. n. Le Breton 2011: 36; TAMPEP 2007: 5f.). Aufgrund von Armut kommen viele junge Frauen aus ökonomisch schwachen Ländern in der Hoffnung, im Westen der EU Arbeit und ein besseres Leben zu finden (Feminisierung der Armut) (vgl. Han 2003: 251). Die schlechte wirtschaftliche Stellung der Frauen ist hierbei eine Folge der geschlechterspezifischen 8 Die Sozialarbeiterin von sichtBar schätzt, dass 98–99 % der Frauen in der Prostitution in Kassel Migrantinnen sind (vgl. Angelina 2015: 84). 36 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Diskriminierung in den patriarchalisch geprägten Ländern (vgl. BKA 2010: 32). Auf dem globalisierten Arbeitsmarkt lassen sich heute geschlechterspezifische Bereiche finden, in denen vorwiegend Migrantinnen tätig sind (vgl. Le Breton 2011: 36ff.). Prostitution wird als eine der wenigen Möglichkeiten für Migrantinnen gesehen, um Geld zu verdienen (vgl. Han 2003: 250; TAMPEP 2007: 5f.). Eine kriminelle Begleiterscheinung der Feminisierung der Migration ist der Frauen- und Kinderhandel (vgl. Han 2003: 189, 197). Nachfrage nach ausländischen Prostituierten Dabei gilt das Sexgewerbe als boomende Branche und profitables Geschäft, das eine steigende Nachfrage nach ausländischen, darunter so genannt [sic!] ‚exotischen‘ Frauen verzeichnet (Kofman 2002: 12 zit. n. Bowald 2010: 180). Eine Ursache für die Migration derart vieler Frauen, die anschließend im Sexgewerbe tätig sind, scheint auch mit der großen Nachfrage der Freier nach ausländischen Prostituierten zusammenzuhängen (vgl. TAMPEP 2007: 5; Le Breton 2011: 37). Ökonomischer Zwang und Perspektivlosigkeit [D]ie Frauen, mit denen wir arbeiten, die suchen sich das im Grunde genommen nicht wirklich aus, sondern es ist ein ökonomischer Zwang (Interview, Z. 334ff. zit. n. Angelina 2015: 18). Sowohl die Beraterin von sichtBar wie auch etliche nationale und internationale Studien benennen ökonomische Gründe als Hauptfaktor für die Ausübung der Prostitution (vgl. Interview, Z. 257ff., 284ff., 370ff. zit. n. Angelina 2015: 18; TAMPEP 2007: 9; BMFSFJ 2015: 209; Mayhew u. Mossmann 2007: 16). 9 Hierbei wird verwiesen auf Leopold, Steffan (1997), Gangoli und Westmarland (2006), Svanström (2006) und Strobl (2006). 37 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive Die Perspektivlosigkeit in der eigenen Heimat drängt viele der jungen Frauen nach Deutschland und dort in die Prostitution mit dem Ziel, möglichst schnell viel Geld zu verdienen und in der Hoffnung, dann ein besseres Leben führen zu können (vgl. Interview, Z. 276 zit. n. Angelina 2015: 19; Wege 2015: 86). Die Vorstellungen über Deutschland begünstigen den Einstieg ebenfalls, denn „gerade in Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder generell auch osteuropäischen Ländern ist Deutschland immer noch das Land, in dem Milch und Honig fließt“ (Interview, Z. 322ff. zit. n. Angelina 2015: 19). Die Hoffnungen und Wünsche dieser Frauen entsprechen meist nicht dem, was sie in der Realität tatsächlich erwartet (vgl. Wege 2015: 86). Geringe Bildung und berufliche Alternativlosigkeit [W]enn wir eine Frau haben, nennen wir sie mal Olga, sie kommt aus Bulgarien und hat keinerlei Bildung. Was soll denn da die Alternative sein? […] Aber einen Job oder einen Beruf können wir ja auch nicht anbieten (Interview, Z. 78ff. zit. n. Angelina 2015: 19). Zu den Ursachen gehören auch die fehlende Bildung und die daraus resultierende berufliche Alternativlosigkeit, welche dann den ökonomischen Zwang verursachen (vgl. Interview, Z. 260ff. zit. n. Angelina 2015: 20; Han 2003: 251; Mayhew u. Mossmann 2007 zit. n. BMFSFJ 2015: 20). Da die Prostitution keinerlei Qualifikationsbedingungen unterliegt, wirkt die Tätigkeit besonders anziehend und wird von vielen als einzige Möglichkeit gesehen, Geld zu verdienen (vgl. TAMPE 2007: 6). Fehlende Deutschkenntnisse sowie eine geringe Bildung machen den Ausstieg und die Aufnahme einer anderen Erwerbstätigkeit (fast) unmöglich (vgl. Wege 2015: 87). Versorgung der Familie [A]ber oft ist es so, dass die Frauen, die zu uns kommen und hier in Deutschland anschaffen gehen, aus Familien kom- 38 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute men, in denen, warum auch immer, die Frau dafür zuständig gemacht wird, die Familie zu versorgen, und das nicht nur emotional, sondern auch finanziell (Interview, Z. 264ff. zit. n. Angelina 2015: 20). Viele Frauen kommen aus einem kulturellen Hintergrund, in dem die Frau für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich ist und erwartet wird, dass sie ihren „Dienst an der Familie leistet“ (Interview, Z. 273 zit. n. Angelina 2015: 20; vgl. Wege 2015: 86f.). Der Druck der Familie drängt sie oft in die Prostitution, in der Hoffnung, schnell Geld zu verdienen, um damit die Familie in der Heimat zu unterstützen (vgl. Wege 2015: 86f.; Pickup 1998: 45ff. zit. n. Han 2003: 202). Als Versorgerin kann sie sich nicht leisten, krank zu werden oder in irgendeiner Weise Schwäche zu zeigen. Die eigenen Wünsche müssen in den Hintergrund treten (vgl. Wege 2015: 86f.). Der enorme Druck und die finanzielle Not führen auch dazu, dass einige Prostituierte gesundheitsgefährdende Sexualkontakte (z. B. Sex ohne Kondom) nicht ablehnen (vgl. Interview, Z. 460ff. zit. n. Angelina 2015: 20; BMFSFJ 2005: 20). Zuhälter Also ja, wenn wir von Zwang reden, dann reden wir auch davon, dass Frauen mit einer vereiterten Blasenentzündung weiterhin arbeiten gehen, weil der Zuhälter sein Geld haben will. Das ist schon auch ein dreckiges Business (Interview, Z. 343ff. zit. n. Angelina 2015: 21). Wie bereits im vorherigen Abschnitt angedeutet, sorgen zum Teil Zuhälter, zumeist männliche Familienangehörige dafür, dass die Frauen das Geld für die Familie verdienen (vgl. Interview, Z. 270ff. zit. n. Angelina 2015: 21; Wege 2015: 87). Eine emotionale Beziehung zwischen der Frau und dem Zuhälter kann ebenfalls ein Grund sein, dass sich die Frau bereit erklärt, sich zu prostituieren (vgl. Interview, Z. 273ff. 39 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive zit. n. Angelina 2015: 21; BMFSFJ 2004b: II 5)10. Nicht selten üben die Partner psychische und/oder physische Gewalt aus, um den Profit zu erhöhen und sich selbst zu bereichern (vgl. BMFSFJ 2004b: II 5). TAMPEP nennt die emotionale Bindung zu einem Zuhälter als einen der drei Hauptgründe für deutsche Prostituierte, im Milieu tätig zu sein (vgl. 2007b: 9). Im Gegensatz dazu schildert die Mitarbeiterin von sichtBar, dass die wenigen deutschen Frauen, die in Kassel der Prostitution nachgehen, seltener Zuhälter haben als jene mit Migrationshintergrund (vgl. Interview, Z. 362ff. zit. n. Angelina 2015: 21). Die Beraterin von sichtBar beschreibt außerdem, dass der Druck, dem die Prostituierten bereits beim Einstieg ausgesetzt sind, weiterhin aufrechterhalten wird und damit ein Ausstieg enorm erschwert oder unmöglich gemacht wird: Und je nachdem wird der Zuhälter natürlich, das klingt jetzt hart, aber der wird seinen Goldesel ja auch nicht gerne loslassen, ne. Also das sind schon ganz massive Druckmittel, wie Männer ihre Schäfchen in der Prostitution halten (Interview, Z. 377ff. zit. n. Angelina 2015: 21). Hierbei muss erwähnt werden, dass derartige Druckmittel meiner Einschätzung nach bereits dem strafrechtlichen Bereich zugeordnet werden könnten (vgl. Artikel Deborah da Silva: 127ff.). 10 Ein weiterer Aspekt ist die sogenannte Loverboy-Methode. Diese Methode wird derzeit vermehrt bei jungen, teils minderjährigen deutschen Opfern beobachtet: Ein junger Mann nimmt zu meist jüngeren Mädchen Kontakt auf, spielt ihnen die große Liebe vor und macht sie emotional von sich abhängig. Dann manipuliert und isoliert er sie von ihrem sozialen Umfeld. Ihre Abhängigkeit zu ihm nutzt er, um sie dann in die Prostitution zu bringen und dort auszubeuten. Laut dem aktuellen Bundeslagebild Menschenhandel, wurde jedes dritte Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung durch Täuschung in die Prostitution gezwungen. Dazu gehörte u. a. das Vortäuschen einer Liebesbeziehung (vgl. BKA 2016: 8ff.). 40 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Stärkung des Selbstwertgefühls, Hedonismus, Selbstverwirklichung und hohe Verdienstmöglichkeiten Ich würde behaupten, dass die Stärkung des Selbstwertgefühls eher gar keine Rolle spielt (Interview, Z. 317f. zit. n. Angelina 2015: 22). […] und dass das nichts damit zu tun hat, dass sie nymphomanisch ist oder sich in irgendeiner Form verwirklicht (Interview, Z. 342ff. zit. Angelina 2015: 22). Die Mitarbeiterin der Beratungsstelle sichtBar ist der Auffassung, dass die ihr bekannten Prostituierten, welche mit wenigen Ausnahmen überwiegend einen Migrationshintergrund aufweisen, der Prostitution weder zur Stärkung des Selbstwertgefühls noch zur Selbstverwirklichung oder aufgrund eines gesteigerten Verlangens nach Sex mit wechselnden Geschlechtspartnern nachgehen. Aufgrund der bereits genannten vordergründigen Motive und Ursachen lässt sich vermuten, dass Pull-Faktoren kaum bis gar keine Rolle bei Migrantinnen spielen. Also möglicherweise wäre […] einer der positiven Faktoren, ja, ich bin in der Lage meinem Kind Geld zu schicken. Aber der negative Faktor ist, ich bin in einem anderen Land, um anschaffen zu gehen, ne. Und ja dadurch, dass da so viel mit Zwang ist (Interview, Z. 456ff. zit. n. Angelina 2015: 22). Die vergleichsmäßig teils hohen Verdienstmöglichkeiten ohne Qualifikation können (eingeschränkt) auch als Pull-Faktor eingestuft werden (vgl. Interview, Z. 324f. zit. n. Angelina 2015: 22; Mayhew u. Mossmann 2007 zit. n. BMFSFJ 2015: 20). Zusätzlich ermöglicht der gute Verdienst, dass die Frauen ihre ganze Familie ernähren und vielleicht etwas Geld für sich zurücklegen können (vgl. Interview, Z. 325ff., 370ff. zit. n. Angelina 2015: 22). Außerdem verweist die Mitarbeiterin von sichtBar darauf, dass es hierbei auch grundsätzlich um die Frage des Lebensstandards geht. Einige Prostituierte berichteten ihr, dass es 41 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive ihnen in der Prostitution immer noch besser gehe als im Heimatland (vgl. Interview, Z. 276-283 zit. n. Angelina 2015: 22f.).11 Beschaffungsprostitution [D]ie meisten Frauen, die anschaffen gehen, um sich das Geld für den Stoff zu verdienen, würden lieber heute als morgen aussteigen. Aber sie wissen auch, dass Wunsch und Realität zweierlei sind. [...] Eva hat sich, zumindest zurzeit, damit abgefunden, einen Job zu machen, den sie hasst und der sie, wie sie sagt ‚jedes Mal wieder ankotzt‘ (Strobel, 2006 zit. n. BMFSFJ 2007a: 16). Verschiedene nationale und internationale Studien belegen, dass Beschaffungsprostitution häufig auf dem Straßenstrich stattfindet (vgl. Steffan u. Kerschl 2004: 19; Hester u. Westmarlands 2006 zit. n. BM- FSFJ 2007a: 16). Ältere Berichte und Studien dokumentieren, dass in Deutschland drogenabhängige Prostituierte meist deutscher Nationalität sind (vgl. TAMPEP 2007: 6f.). TAMPEP benennt neben den ökonomischen Gründen und der emotionalen Beziehung zu Zuhältern den Drogenkonsum als dritten Hauptgrund für das Bestehen der Pros titution in Deutschland (vgl. 2007b: 9). In einer Studie vom BMFSFJ wurde u. a. die Verelendung vor allem von Beschaffungsprostituierten thematisiert, „die zum einen durch ihre Suchtabhängigkeit, zum anderen durch die Prostitution von Isolation, 11 Hierzu muss angemerkt werden, dass es sich auch um eine Selbstschutzstrategie handeln könnte. Manche Prostituierte verharmlosen bewusst die Situation in der Prostitution z. B. die Gewalt, der sie teils durch Freier ausgesetzt sind, um die Prostitution weiterhin ausüben zu können (vgl. Phoenix 1999: 22 zit. n. Bowald 2010: 150; Interview, Z. 422–426 zit. n. Angelina 2015: 23; vgl. Artikel Deborah da Silva: 127ff.). Auch der Aufbau einer inneren Distanz und die Unterscheidung zwischen privatem sexuellem Kontakt und sexuellem Kontakt gegen Entgelt (vgl. Interview, Z. 318ff. zit. n. Angelina 2015: 23) gehört zur Selbstdistanzierung und Selbstkontrolle. Dies kann jedoch langfristig u. a. zur Beziehungsunfähigkeit führen (vgl. Høigård u. Finstad 1992 zit n. BMFSFJ 2007b: 26). 42 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Verlust des Selbstwertgefühls, körperlicher Verwahrlosung, Krankheiten und auch körperlichem Verfall betroffen seien“ (2004b: II 5f.). Beschaffungsprostituierte sind zudem in höherem Ausmaß von gewalttätigen Freiern bedroht: [D]rogenentzug und die Bedingungen des Straßenstrichs bergen ein erhöhtes Risiko, Opfer von Misshandlungen und sexueller Gewalt zu werden. Manche Freier nutzen die Notsituation der unter Beschaffungsdruck stehenden Frauen und Mädchen gezielt aus: Sie versuchen die Preise zu drücken, verlangen Sex ohne Kondom, demütigen Frauen oder erwarten ungewöhnliche Sexualpraktiken (Kerschl 2005: 117). Neben der Beschaffungsprostitution spielen bei vielen Prostituierten auch verschiedenste Suchtmittel und ein erhöhter Alkoholkonsum eine Rolle. Eine Umfrage in Deutschland ergab, dass 41 % der interviewten Prostituierten in den letzten 12 Monaten Drogen konsumiert hatten (vgl. BMFSFJ 2004a: 27). Auch die Mitarbeiterin von sichtBar bestätigte einen erhöhten Alkoholkonsum und die gelegentliche Einnahme von Kokain unter Prostituierten (vgl. Interview, Z. 293ff. zit. n. Angelina 2015: 24). Obdachlosigkeit Obdachlosigkeit begünstigt ebenfalls den Einstieg v. a. bei jungen Frauen, die sich auf der Straße prostituieren (vgl. Plumridge 2001 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16). In einer Untersuchung der Situation auf dem Kölner Straßenstrich wird Obdachlosigkeit ebenfalls im Zusammenhang mit Drogenkonsum erwähnt (vgl. Steffan u. Kreschl 2004: 26). Enorm hohe Mietkosten in Bordellen führen dazu, dass v. a. ausländische Prostituierte ihr Zimmer im Bordell auch als Wohnraum nutzen: „Ich hatte keine Wohnung, ich hatte nix, ich habe auf der Arbeit gewohnt, das war halt mein Leben“ (BMFSFJ 2015: 111). Dies bedeutet jedoch eine weitere Abhängigkeit, da der Verlust des Arbeitsortes auch den Verlust des Wohnraumes zur Folge hat. Eine drohende Woh- 43 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive nungs- bzw. Obdachlosigkeit kann ein weiterer Grund dafür sein, in der Prostitution zu bleiben, auch da so keine Ausstiegsmöglichkeiten gesehen werden (vgl. Branter 2010: 22f.). Schulden Sowohl nationale als auch internationale Studien und Berichte verdeutlichen, dass finanzielle Gründe beim Einstieg in die Prostitution als Hauptursache anzusehen sind (vgl. BMFSFJ 2007a: 14) und zu den drei Hauptfaktoren gehören, die den Einstieg deutscher Frauen in die Prostitution begünstigen (vgl. TAMPEP 2007: 9). Im Folgenden werde ich die ökonomischen Push-Faktoren thematisieren. Verschuldung wird bei diversen Befragungen als Ursache für die Aus- übung der Prostitution angegeben (vgl. Perkins 1991 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16; BMFSFJ 2007a: 14). Die Prostituierung wird teilweise als einzige Möglichkeit wahrgenommen, um bestehende Schulden abzubauen (vgl. BMFSFJ 2007a: 14). In einer älteren Befragung gaben 10 % der Prostituierten an, dieser Tätigkeit nachzugehen, um Schulden zu tilgen – häufig die des Partners (vgl. Leopold u. Steffan 1997 zit. n. Leopold 2005: 24). Einige verblieben außerdem länger als geplant in der Prostitution, da aufgrund der extrem hohen Mieten im Bereich der Wohnungsprostitution und geringerer Einnahmen als erwartet die Schulden nicht so schnell abgebaut werden konnten (vgl. Brantner 2010: 22f.). Schulden sind also nicht nur ein Push-Faktor für den Einstieg, sondern auch ein erhebliches Hindernis bei einem gewünschten Ausstieg (vgl. BMFSFJ 2015: 41, 108f.). Weitere finanzielle Gründe wurden in einer Umfrage von Steffan und Leopold angegeben. Das Geld werde zum Leben gebraucht (36 %), im Hauptberuf werde zu wenig verdient (7 %), man sei arbeitslos (4 %) oder finanziere damit die Ausbildung (2 %) (vgl. 1997 zit. n. Leopold 2005: 24). 44 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Familiärer Hintergrund – Vernachlässigung und Gewalt in der Kindheit/Jugend Die Familie, die eigentlich Schutzraum für Heranwachsende sein sollte und eine wichtige Basis für den Aufbau von Beziehungen, Stabilität und Selbstschutz im späteren Erwachsenenleben sein kann, war für viele der von uns befragten Prostituierten ein höchst problematischer und von Gewalt und Instabilität geprägter Raum (BMFSFJ 2004b: II 83). Familie als primäre Sozialisationsinstanz spielt eine entscheidende Rolle für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Hierfür sind stabile Beziehungen zu den Mitgliedern der Kernfamilie äußerst wichtig (vgl. Rieländer 2000: 12f.). Intakte Familien unterstützen den Sozialisationsprozess und sorgen sich u. a. um die seelische Gesundheit ihrer Mitglieder, damit diese zu handlungsfähigen Personen in der Gesellschaft heranwachsen können (vgl. Huinink 2009). Most people working as prostitutes have history of childhood physical and sexual abuse (Farley u. Barkan 1998 zit. n. BMFSFJ 2004b: II 7). Phoenix veranschaulicht ebenfalls, dass Prostituierte häufig einen eher schwierigen und instabilen familiären Hintergrund aufweisen, welcher nicht selten von Missbrauch, Vernachlässigung und Heimaufenthalten geprägt ist (vgl. 2000 zit. n. BMFSFJ 2004b: II 78). Auch wenn aufgrund verschiedener Gewaltdefinitionen sowie unterschiedlicher Methoden und Samples die Ergebnisse variieren (vgl. BMFSFJ 2004b: II 82)12, haben mehrere nationale sowie internationale Untersuchungen festgestellt, dass ein erheblicher Anteil der Prostituierten sexueller Gewalt in ihrer Kindheit oder Jugend ausgesetzt war (vgl. 12 In der Studie vom BMFSFJ wurden 110 Prostituierte in Deutschland befragt, wovon ca. 77 % deutscher Nationalität und zwischen 14 und 62 Jahre alt waren. Im Durchschnitt waren die Befragten dieser Teilpopulation wesentlich jünger als die der Hauptbefragung. Außerdem muss angemerkt werden, dass diese Studie nicht als repräsentativ gelten kann, da u. a. der Anteil der Migrantinnen zu gering war (vgl. 2004b: II 16f.). 45 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive BMFSFJ 2004b; Steffan u. Kerschl 2004; Farley et al. 2003). Aufgrund des sexuellen Missbrauchs in der Kindheit bzw. Jugend sind langfristige psychische Schädigungen bis hin ins Erwachsenenalter sowie eine Traumatisierung sehr wahrscheinlich (vgl. BMFSFJ 2004b: II 82). Vor allem Frauen, die sehr jung ins Sexgewerbe einsteigen, haben häufig Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend erlebt. Viele Prostituierte, vor allem jene mit Missbrauchserfahrungen, haben bereits in ihrer Kindheit erfahren, dass ihr Körper nicht vor Übergriffen geschützt war. Sie haben gelernt, ihren Körper abzuspalten, um überleben und arbeiten zu können. Ihr Körper wird funktionalisiert und eher als Arbeitsmaschine eingesetzt (ebd.: II 74). Experten/-innen von Hilfeeinrichtungen gehen davon aus, dass durch den Missbrauch in der Kindheit die Abspaltung zum eigenen Körper als Selbstschutz erlernt wurde (vgl. ebd.). Die Funktionalisierung des eigenen Körpers in der Prostitution kann durch den Missbrauch begünstigt werden. Da sie „an den Einsatz ihres Körpers als Objekt gewohnt seien, sei die wiedererlebte sexuelle Gewalt ein bekanntes Muster, dem sie oft nicht entrinnen zu können glaubten“ (BMFSFJ 2004b: II 5). Sie nehmen somit schon früh ihren eigenen Körper als Objekt wahr, der von anderen Menschen missbraucht wurde, und lernen im späteren Alter, diesen für eigene Zwecke zu funktionalisieren. Männer waren für mich Spielzeug. Absolutes Spielzeug. Ich hab, ich wusste, dass ich ganz schnell das zu hören bekomme, was ich immer vermisst hatte, nämlich dass ich toll bin, dass ich hübsch bin, dass ich, äh, ich hab Geschenke bekommen, ich bin begehrt worden, ich bin... Es ist toll. Und ich hab ganz viel Anerkennung bekommen, auch wenn sie nur kurz war, ich hab das bekommen, was ich halt immer vermisst hab und was ich gesucht habe, so (Interview II, Z. 103– 108 zit. n. Franke 2014: 19). Die Fachliteratur sieht einen Zusammenhang zwischen einer „instabilen Eltern-Kind-Beziehung“ und „emotionaler Labilität“ (Röhr 1972: 46 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute 78), die überwiegend Frauen aus prekären Familienverhältnissen betrifft. Viele sind auf der ständigen Suche nach Anerkennung und Zuneigung. Meist haben sie gelernt, diese durch Leistung und nicht um ihrer selbst willen zu erhalten (vgl. ebd.). Personen mit einem Inzesthintergrund lernen früh „(nur) über Sexualität Zuwendung und Körperkontakt zu bekommen“ (Hirsch 1994 zit. n. Heim et al. 2005: 387). Die eigene Sexualität wird daher in beiden Fällen als Mittel zum Zweck eingesetzt. Es steht nicht die Lust nach sexueller Befriedigung im Vordergrund, sondern die sexuelle Befriedigung Anderer soll die eigene Sehnsucht nach Bewunderung und einer liebevollen Zuneigung stillen (vgl. Röhr 1972: 78; Friedrich, 2000 zit. n. Heim et al. 2005: 387). Diese Bestätigung kann einerseits durch Promiskuität gesucht werden (vgl. Heim et al. 2005: 387f.)13, aber auch in der Prostitution (vgl. Röhr 1972: 78). Ein weiteres Motiv, sich zu prostituieren, ist nach Aussagen von Prostituierten, dass sie in ihrer Arbeit einen Weg sehen, eine Situation zu beherrschen, die sie als Kind nicht beherrschen konnten. Viele von Ihnen berichten, zum ersten Mal ein Gefühl von Macht empfunden zu haben, als sie ihren ersten Freier hatten (Alexander 1989 zit. n. Heim et al. 2005: 388). Missbräuchliche Übergriffe in der Kindheit, die als ohnmächtig und gewalttätig erlebt wurden, können zu körperlichem Kontrollverlust führen. Die Prostituierung kann der (unbewusste) Versuch sein, das Gefühl der Eigenkontrolle über den Körper zurückzugewinnen (vgl. Interview, Z. 416f. zit. n. Angelina 2015: 29; Interview III, Z. 704–706 zit. n. Franke 2014: 20). Einige Studien weisen nach, dass es Verbindungen gibt zwischen selbstverletzendem Verhalten und sexuellem Missbrauch in der Kind- 13 Heim et al. (2005) verweist u. a. auf Hirsch (1994), Paolucci et al. (2001), Noll et al (2003). 47 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive heit (vgl. Gast 2005: 417).14 In diesem Zusammenhang werden „selbstdestruktive Bewältigungsstrategien“ (Harnach 2011: 125)15 auch als möglicher Kofaktor für die Ausübung der Prostitution genannt (vgl. Artikel Meghan Donevan: 179ff.). Neben sexueller Gewalt erlebten viele Prostituierte in ihrer Kindheit auch körperliche und psychische Gewalt durch die eigenen Eltern. Eine Befragung ergab Folgendes: 73 % der Prostituierten hatten bereits körperliche Gewalt erfahren (vgl. BMFSFJ 2004b: II 79). 52 % wurden sogar häufig oder gelegentlich körperlich bestraft (vgl. BMFSFJ 2004a: 26). 37 % waren häufig oder gelegentlich heftiger Prügel ausgesetzt (vgl. BMFSFJ 2004b: II 80). Knapp die Hälfte der Befragten hatten psychische Gewalt in Form von Niederbrüllen (55 %) oder seelisch verletzenden Handlungen (52 %) erlebt (vgl. ebd.: II 79). Für Roe-Sepowitz ist emotionaler Missbrauch ein begünstigender Faktor für den Einstieg in die Prostitution. Sie sieht einen starken Zusammenhang zwischen „emotionalen Missbrauch in der Kindheit, Weglaufen von zu Hause (auf Trebe gehen) und Erfahrungen mit dem Einsatz von Sex als Überlebensstrategie“ (2012 zit. n. BMFSFJ 2015: 20). In der Bundesstudie zur Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland wurde weiterhin festgestellt, dass die befragte Teilpopulation der Prostituierten zwei- bis dreimal häufiger von psychischer und physischer Gewalt sowie fast fünfmal häufiger von sexueller Gewalt betroffen war als der Durschnitt der befragten Frauen in der repräsentativen Hauptstudie (vgl. BMFSFJ 2004b: II 26). Die Ergeb- 14 Gast (2005) verweist u. a. auf Schetky (1990), Paris et al. (1994a), van der Kolk, Fisler (1994). 15 Harnach (2011) verweist u. a. auf Testa (2005), Willson, Windom (2008), Merill et al. (2003). 48 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute nisse dokumentieren zudem, dass die betroffenen Prostituierten einerseits meist schwereren Formen von Gewalt ausgesetzt waren und anderseits wesentlich häufiger Opfer von Gewalt wurden (vgl. ebd.: II 28). Missbrauch sowie Vernachlässigung werden somit als Push-Faktoren angesehen, die den Einstieg in die Prostitution begünstigen (vgl. Plumridge 2001 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16). Dennoch sollte man nicht von strikt kausalen Zusammenhängen ausgehen (vgl. BMFSFJ 2004b: II 83): Nicht jedes Opfer sexuellen Missbrauchs befindet sich in der Prostitution, noch ist jede Prostituierte Opfer einer Gewalt- oder Missbrauchserfahrung (vgl. Alexander 1989 zit. n. Heim et al. 2005: 388; BMFSFJ 2007a: 17). Dennoch lassen die vorliegenden Untersuchungsergebnisse darauf schließen, dass Gewalterfahrungen sowie prekäre Familienverhältnisse wesentliche Prägungen mit sich bringen, die dann den Einstieg in die Prostitution und deren Aus- übung begünstigen (vgl. BMFSFJ 2004b: II 83). Nachfrage An dieser Stelle werde ich die allgemeine Nachfrage nach kommerzieller Sexualität auf der Meta-Ebene als eine Ursache der Prostitution aufzeigen (vgl. Artikel Manuela Schon: 57ff.). Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland über eine Million Männer täglich zu Prostituierten gehen (vgl. Dt. Bundestag 2001: 1). Derzeit gibt es jedoch nur eine quantitative Studie aus den 1990er-Jahren, die laut Umfrage ergab, dass ca. 18 % der geschlechtsreifen männlichen Bevölkerung dauerhaft aktive Sexkäufer sind (vgl. Kleiber u. Velten 1994 zit. n. Gerheim 2011: 7). Ebenso wie bei der geschätzten Anzahl der Prostituierten finden sich auch hier diverse und divergierende Ansichten (vgl. Bowald 2010: 75ff.). Seit den 1960er-Jahren führen veränderte Moralvorstellungen in den westlichen Staaten dazu, dass das Sexgewerbe rasch an Bedeutung gewinnt. Veränderte Vorstellungen der Sexualmoral (vgl. Schulze 1993 49 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive zit. n. Han 2003: 251) sowie der Wandel der Lebenseinstellung (Erlebnisgesellschaft) tragen u. a. zu einer steigenden Nachfrage nach Prostituierten bei. Als Folge entstehen zahlreiche Betriebe, teilweise auch im illegalen Bereich, mit dem Ziel, diese Nachfrage zu befriedigen (vgl. Han 2003: 251). Prostitution does not exist as a consequence of women’s economic disenfranchisement. Poverty is a supporting factor. Not a reason. […] Prostitution exists for only one reason; that reason is male demand. No amount of poverty would be capable of creating prostitution if it were not for male demand (Moran 2014: 2f.). […] if there was no demand, there would be no prostitution (Skarhed 2010: 30). Beide Zitate betonen, dass die Nachfrage nach kommerzieller Sexualität die grundlegende Ursache für Prostitution sei. Denn das Angebot von käuflichem Sex gäbe es nicht ohne die entsprechende Nachfrage. Eine Prostituierte machte in einem Interview ebenfalls die Sexkäufer für das Vorhandensein der Prostitution verantwortlich, da deren Bereitschaft, für sexuelle Handlungen zu bezahlen, die Prostitution aufrechterhalte (vgl. Le Breton 2011: 199). Im Gegensatz dazu ist für die Beraterin von sichtBar die Nachfrageseite nicht die maßgebliche Ursache, für die Entscheidung vieler Frauen sich zu prostituieren (vgl. Interview Z. 442ff. zit. n. Angelina 2015: 31): „Da würde man zu sehr von Angebot und Produkt reden. Das passt nicht“ (Interview, Z. 444 f. zit. n. Angelina 2015: 31). Hohe Verdienstmöglichkeiten, Flexibilität, Selbstständigkeit, Abenteuer, Selbstverwirklichung, Zugehörigkeitsgefühl und Anerkennung (Pull-Faktoren) Ein Motiv, welches sowohl als Push-, aber auch als Pull-Faktor genannt wird, sind ökonomische Gründe. Als besonders anziehend gilt die Aussicht auf einen guten Verdienst (vgl. BMFSFJ 2015: 111f.), wel- 50 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute cher besonders im Vergleich zu anderen unqualifizierten Erwerbstätigkeiten verhältnismäßig hoch sein kann (vgl. Mayhew u. Mossmann 2007 zit. n. BMFSFJ 2015: 20). Im Zusammenhang damit steht teilweise auch das Verlangen, sich teurere Sachen leisten zu können (vgl. Leopold u. Steffan 1997 zit. n. Leopold 2005: 24; Perkins 1991 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16; Le Breton 2011: 161). Der Kauf von „schönen Dingen“ wird ebenfalls als Beweggrund v. a. von jungen Frauen angegeben, um unter Gleichaltrigen mithalten zu können (vgl. Hester u. Westermarland 2004 zit. n. BMFSFJ 2007a: 15). Die Möglichkeit der flexiblen Zeiteinteilung und der Selbstständigkeit werden zudem als Vorteil bewertet (vgl. Mayhew u. Mossmann 2007 zit. n. BM- FSFJ 2015: 20; Leopold u. Steffan 1997 zit. n. Leopold 2005: 24). Neben den finanziellen Gründen werden auch der Spaß-Faktor, das Motiv der Selbstverwirklichung und Aufregung genannt (vgl. Perkins 1991 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16): „Also ich fand es ja auch immer spannend, mich so im Rotlicht zu bewegen, ja, so ein bisschen verrucht und so, ein bisschen im Businesskostüm rumzurennen ohne Slip drunter zu haben […] das fand ich total spannend“ (BMFSFJ 2015: 110). Die familiäre Atmosphäre, das Erleben von Zugehörigkeit mit engen sozialen Kontakten werden einerseits als anziehend beschrieben, können aber andererseits einen erwünschten Ausstieg erschweren (vgl. BMFSFJ 2015: 111f.). Als weiterer Pull-Faktor wird die Prostituierung als Möglichkeit genannt, Anerkennung bzw. Zuneigung zu erlangen, um das eigene (geringe) Selbstbewusstsein zu stärken (vgl. Plumridge 2001 zit. n. Mayhew u. Mossmann 2007: 16; Hester u. Westermarland 2004 zit. n. BMFSFJ 2007a: 15). Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass dieser Aspekt als Pull-Faktor auch kritisch hinterfragt werden kann, gerade wenn die Suche nach Anerkennung, wie bereits thematisiert, aus einem prekären familiären Hintergrund erwächst. 51 Hintergründe, Ursachen und Handlungsmotive Fazit Die Ursachen und Motive für die Ausübung der Prostitution sind zum einen bei jeder Person unterschiedlich. Zum anderen tauchen gewisse Muster bzw. wiederholende Begründungen in Studien und bei der Befragung auf. Meist spielen dabei mehrere Ursachen und Beweggründe eine Rolle, die den Einstieg und das Verbleiben begünstigen bzw. einen gewünschten Ausstieg verhindern (vgl. BMFSFJ 2015: 106; Moos 2005: 90). Diese Beweggründe und Ursachen lassen sich grob in vier verschiedene Kategorien einteilen:16 Persönlichkeitsstrukturelle u. a.: Perspektivlosigkeit, geringe Bildung, Gewalterfahrungen in der Kindheit/Jugend, Anerkennungund Zugehörigkeitsbedürfnis, Drogen, Obdachlosigkeit Ökonomische u. a.: Armut, Verschuldung, hohe Verdienstmöglichkeiten Beziehungsbasierte u. a.: Versorgung der Familie, Kontrolle durch Zuhälter/ Familie17 Gesamtgesellschaftliche u. a.: Nachfrage durch Freier, Feminisierung der Migration und Armut, geringe Bildung, kulturelle Prägungen (z. B. patriarchale Strukturen). Im Rahmen der Sozialen Arbeit ist es wichtig, sich dieser Hintergründe und Strukturen bewusst zu sein, um adäquate, individuelle, psychosoziale Unterstützung und Begleitung leisten zu können. 16 Hierbei sei angemerkt, dass die genannten Kategorien die Komplexität der unterschiedlichen Aspekte nicht vollständig erfassen können. Einige Beweggründe und Ursachen könnten auch anderen Kategorien zugeordnet werden. Die Kategorien und die darin enthaltenen Aspekte können ineinander übergehen, sich bedingen und beeinflussen. 17 Diese Beweggründe stehen teils stark mit kulturellen, gesellschaftsstrukturellen Prägungen im Zusammenhang. 52 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Literatur Angelina, C. (2015): Erklärungsansätze für die Motive und Ursachen der Ausübung von Prostitution und sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostituierten. Bachelorarbeit (unveröffentlicht). BKA (Hrsg.) (2010). Trauma Leitfaden Handbuch. Hilfe für den professionellen Umgang mit Opfern von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung für Polizei, Justiz und kommunale Verwaltung (2.Aufl.). Wiesbaden: MKL-Druck GmbH & Co. KG. BKA (2016). Bundeslagebild 2015 Menschenhandel. Wiesbaden. Zugriff am 29.07.2017 unter http://bit.ly/2haXBEq. BMFSFJ (Hrsg.) (2004a). 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Zusammenfassung

Ebenso skandalisiert wie verharmlost ist die Praxis gewerblichen Geschlechtsverkehrs immer wieder Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher Debatten. Undeutlich bleibt dabei oft, was genau gemeint ist und über wen gesprochen wird. Die rechtliche Lage, die sozioökonomische Position, die Profiteure und die Benachteiligten eines sich ständig verändernden Milieus müssen nämlich ebenso berücksichtigt werden wie die Orte von Prostitution und das Geschlecht der Betroffenen. Dieser Sammelband möchte gegenwärtige Strömungen und Auffassungen sichtbar machen, Ursachen und Motive von Prostitution argumentativ aufbereiten, die Nachfrageseite und ihre Rolle im Prostitutionssystem beleuchten, den Einfluss medialer Sujets nachzeichnen und auch die Probleme benennen, die im Rahmen der Feldforschung entstehen. Zudem stellt der Band wichtige Beratungs- und Ausstiegsangebote vor, die insbesondere in Deutschland und Schweden verfolgt werden. Neben sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln und sozialarbeiterischen Interventionsmöglichkeiten bei von Gewalt betroffenen Menschen in der Prostitution stehen vor allem Betroffene mit ihren Erfahrungen im Mittelpunkt. Stimmen aus der Praxis der Sozialen Arbeit prägen den abschließenden Schwerpunkt des Buches und berichten von den Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu.