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Soni Unterreithmeier, Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu. Ein Bericht von SOLWODI Augsburg in:

Carina Angelina, Stefan Piasecki, Christiane Schurian-Bremecker (ed.)

Prostitution heute, page 198 - 208

Befunde und Perspektiven aus Gesellschaftswissenschaften und Sozialer Arbeit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4106-2, ISBN online: 978-3-8288-6966-0, https://doi.org/10.5771/9783828869660-198

Tectum, Baden-Baden
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198 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu. Ein Bericht von SOLWODI Augsburg Soni Unterreithmeier Abstract SOLWODI ist eine Abkürzung von “Solidarity with women in distress“ (auf Deutsch: Solidarität mit Frauen in Not). Der Grundstein für diese Frauenrechts- und Frauenhilfsorganisation wurde in Mombasa, Kenia, im Jahr 1985 gelegt. Dort kam die Gründerin Lea Ackermann mit Frauen und Mädchen ins Gespräch, die sich aufgrund von bitterster Armut prostituieren mussten. Seit 1987 gibt es SOLWODI auch in Deutschland – derzeit mit 18 Fachberatungsstellen und acht Schutzwohnungen deutschlandweit. Dort werden Frauen, z. T. mit ihren Kindern, betreut als Betroffene von Frauenhandel und Zwangsprostitution, Zwangsverheiratung und Verfolgung im Namen der Ehre sowie besonderen Formen der Flucht, Gewalt, Traumatisierung. 30 Jahre Einsatz für Frauenrechte Seit 30 Jahren engagieren wir uns nicht nur gegen Frauenhandel, sondern auch für eine Ächtung der Prostitution zum Schutz der Frauen. Denn wir erleben die Alternativlosigkeit, die ein Großteil der Frauen als vermeintlich einzigen Ausweg in die Prostitution führt. Wir erleben die Gewalt und Ausbeutung im ganz „legalen Job“ mit den jahrelangen Traumafolgestörungen. Bis auf die wenigen gehobenen, gut bezahlten Segmente (Belle-jour, Escort-Service, Sadomaso, Domina Studio), in denen sich deutsche Frauen prostituieren, müssen ein Großteil der Frauen, meist ausländische, die prostitutive Tätigkeit wie am Fließband verrichten. Als besonders menschenverachtendes Bei- 199 Stimmen und Stimmungen aus der Praxis. SOLWODI Augsburg spiel sind die sogenannten FKK-Clubs zu nennen, in denen sie sich nonstop 13 Stunden täglich nackt Männern für sexuelle Dienste anbieten. Auf der Internetseite FKK-Tours (vgl. FKK-Tours 2018) kann man nachlesen, wie Männer per Shuttle-Tour durch Deutschlands Bordelle gefahren werden mit einem täglichen Angebot von neuen Frauen, die zur sexuellen Befriedigung von Männern zur Verfügung stehen. Der Gang zu einer Prostituierten wird für den Mann leichtgemacht, denn Sex ist einfach zu haben: wortlos, beziehungslos, unpersönlich. Ein Bordellbesuch, so meinte kürzlich ein Freier bei einem Kontakt mit unserer Streetworkerin, sei so, wie wenn er zu McDonalds ginge und einen Burger essen würde, wenn die Frau daheim nichts gekocht hätte. Aufsuchende Milieusozialarbeit von SOLWODI in Augsburg Im Rahmen unserer Streetwork Tätigkeit besuchen wir seit zwei Jahren einmal pro Woche die jungen Frauen in FKK-Clubs, Laufhäusern, Bordellen und Wohnungen. Wir sind sehr betroffen über die Situationen, die sich uns darbieten. Bei den 238 Kontakten im Jahr 2017 haben wir lediglich eine deutsche Frau angetroffen und nur wenige, die außer den einschlägigen Begriffen etwas Deutsch sprachen. Diese Sprachkenntnisse beschränken sich meist auf wenige auswendig gelernte Floskeln und Sexpraktiken mit den entsprechenden Preisen. Schätzungen nach beträgt der Ausländerinnenanteil in diesen Segmenten über 95 %. Laut Polizeiangaben der Kriminalpolizei Augsburg sind in Stadt und Landkreis Augsburg, einem Ballungsraum mit ca. 500.000 Einwohnern ca. 450–500 Prostituierte ständig präsent, verteilt auf zwölf Bordelle (u. a. zwei FKK-Clubs, drei Laufhäuser, drei SM-Studios) und ca. 90 Bordellwohnungen (Stand Oktober 2017 laut Kripo Augsburg).55 Der Straßenstrich in Augsburg wurde mit der „Dritten Verordnung zur Veränderung über das Verbot der Prostitution in der Stadt Augsburg vom 09.01.2013“ verboten. 55 Diese Zahlen entstammen der polizeilichen Ermittlungsarbeit (präventiv/ repressiv). 200 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Die Betreiber/-innen der Häuser werden normalerweise schriftlich informiert, dass Sozialarbeiterinnen von SOLWODI in Kooperation mit dem Gesundheitsamt Augsburg Frauen aufsuchen und beraten. Mit kleinen Give-aways (z. B. Süßigkeit, Kerze, Seife…) knüpfen wir Kontakt mit den Frauen. Nach anfänglichem Misstrauen ist die Bereitschaft zum Reden meist groß. Manche erwarten uns schon und freuen sich, wenn sie mit uns sprechen können. Die Klientinnen Die Frauen kommen fast immer – wie bereits mehrfach in diesem Band dargelegt – aus den Armenhäusern Europas, vielfach entstammen sie sozialen Randgruppen wie Sinti oder Roma, die in ihrem Land ausgegrenzt und geächtet sind. Das sind kollektive Gesellschaften, in denen nicht der Einzelne, sondern das Wohl bzw. Überleben der Großfamilie zählt. Und es sind patriarchale Gesellschaften, in denen Mädchen und Frauen von klein auf ihre Wertlosigkeit erleben. Ihre Erfahrungen sind Gewalt, Missbrauch, Demütigung, Ausbeutung, aber auch Ausweglosigkeit, Depression, Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sie sind es gewohnt, zum Wohle des Mannes oder des Clans benutzt zu werden und zu tun, was man ihnen sagt. Damit sind sie eine unglaublich leicht zu beeinflussende, genügsame „Verfügungsmasse“ auf dem deutschen Prostitutionsmarkt. Fallbespiel Auf Hinweis eines Freiers besuchten wir eine kleine, zierliche Frau, die, wie sich herausstellte, eine bereits 20-Jährige Bulgarin war. Sie sagte, sie fühle sich „sterbenselend, habe unerträgliche Kopf- und Rückenschmerzen, sei zum Sterben bereit.“ Ein Freier, der sich selbst als pädophil beschrieb, gab ihr Essen, Geld und brachte sie zum Arzt. Sie machte einen verlorenen Eindruck: eine kleine, verängstigte Frau, in einem Kinderkörper. Durch den Arztbesuch verstand sie, dass sie nicht todkrank sei, sondern ein akutes Rückensyndrom habe, unterer- 201 Stimmen und Stimmungen aus der Praxis. SOLWODI Augsburg nährt und depressiv sei. Da der Freier, der sie für sich „retten“ wollte, ihr nicht wöchentlich 1000 Euro für die Familie in Bulgarien geben wollte bzw. konnte, ging sie zurück ins Bordell. Als wir sie das nächste Mal antrafen, fühlte sie sich wieder schlecht. Sie kündigte an, bald in eine andere Stadt zu gehen. Selbstschutzstrategien und Abhängigkeitsverhältnisse Viele der Frauen versuchen bei einem ersten Treffen mit uns eine Fassade aufrechtzuerhalten. Doch unser konsequentes Kommen spricht sich herum und es entsteht langsam Vertrauen. Die Frauen sind froh, mit jemandem sprechen zu können, den sie nicht als Bedrohung empfinden. Bedingt durch die Kontrolle der Zuhälter gibt es unter den Frauen nur selten Solidarität. Die Frauen sehen sich meist als Konkurrentinnen und sind extrem misstrauisch untereinander. Oftmals wechseln sie die Stadt in der sie tätig sind in kurzen Abständen von ein bis zwei Wochen. Da der Zuhälter nicht selten die einzige Bezugsperson ist, wird er im Laufe der Zeit immer wichtiger. Die meisten Zuhälter merken, wie bedürftig die Frauen sind. Eine Mischung aus psychischer und physischer Gewalt mit Liebesversprechen und Komplimenten verstrickt die Frauen in schier unentrinnbare Abhängigkeiten. Noch schwieriger ist es für Betroffene der sogenannten Loverboy-Methode. Diese Masche verbreitet sich immer mehr und auch deutsche Mädchen und junge Frauen fallen auf die raffinierten Liebesversprechungen von Loverboys herein. Beispiele zweier Verfahren in Augsburg Mitte November 2017 endete ein Verfahren am Augsburger Landgericht. Nachfolgend ein Zitat aus dem am 14. November erschienenen Artikel der Augsburger Allgemeinen: Im Juni vorigen Jahres wird Samy B., 23, dann verhaftet. Es zeigt sich, dass er mehrmals dieselbe Masche genutzt hat, um junge Frauen in die Prostitution zu bringen. Er spielte ih- 202 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute nen große Gefühle vor, sprach von einer gemeinsamen Zukunft und erzählte ihnen, wie leicht es sei, im Rotlichtmilieu viel Geld zu verdienen. Er schaffte es sogar, eine Studentin aus bürgerlichen Verhältnissen in das Bordell im Stadtteil Hochzoll zu locken. Die damals 19-jährige Janka W. warf ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften hin. Wochenlang bediente sie Freier von vormittags an bis spät in die Nacht, bis sie dann doch wieder den Absprung schaffte. Die Männer standen teils vor ihrem Zimmer Schlange, weil junge, deutsch sprechende Frauen nur noch selten zu finden sind. […] Der Vorsitzende Richter Wolfgang Natale sagte: ‚Es hatte für die Frauen massive psychische Folgen. Der Angeklagte hat das in Kauf genommen, um sich zu bereichern‘“ (Augsburger Allgemeine 2017). Bei einem anderen Prozess in Augsburg mit Verdacht auf Menschenhandel, der im Frühjahr 2017 zu Ende ging, stammten sowohl Täter als auch die Betroffenen aus Ungarn. Das Strafmaß für die Täter betrug drei Jahre und einige Monate. Angeklagt waren drei Männer und eine Frau aus Ungarn: Zuhälter/-innen von drei 19-Jährigen Ungarinnen, die sie mit gerade mal 18 Jahren nach Deutschland in die Prostitution gebracht hatten. Alle lebten zusammen in einer durch Prostitution finanzierten Wohnung, quasi in einem Minibordell. Die Frauen mussten 24 Stunden täglich für die Zuhälter bzw. die Zuhälterin und Freier erreichbar und verfügbar sein. Sie mussten 75–85 % ihres Verdienstes abgeben, und den Rest in Kleidung und Lebensmittel investieren. Sie wurden bedroht und bei Arbeitsverweigerung geschlagen, eine Krankheit wurde als Grund nicht akzeptiert. Die Zuhälter hatten keinerlei eigenes Einkommen, außer aus gelegentlichen Diebstählen. Doch wurde die Anklage wegen Menschenhandel fallen gelassen, da allen Vorgaben „freiwillig“ nachgekommen worden war. Die Frauen hatten bei Vernehmungen angegeben, dass sie sich nicht ausgebeutet gefühlt hätten. Ob dem Einverständnis der Frauen tatsächlich eine freie Willensentscheidung zugrunde liegt, muss sehr bezweifelt werden, denn zur freien Willensentscheidung braucht es Alternativen. 203 Stimmen und Stimmungen aus der Praxis. SOLWODI Augsburg Wenn Alternativen jedoch faktisch nicht vorhanden sind, kann kaum von frei gewählter Selbstbestimmung ausgegangen werden. Als wir von SOLWODI die jungen Frauen in unserer Obhut hatten, waren wir bestürzt darüber, wie felsenfest sie von der Chancenlosigkeit ihres eigenen Lebens überzeugt waren, und davon, dass mit 19 Jahren sowieso schon alles zu spät sei. Mädchen, die in einer Umgebung der Gewalt, Demütigung, Missbrauch und Entwürdigung aufwuchsen, haben kein Vertrauen in ihre Selbstwirksamkeit. Als junge Frauen neigen sie zu glauben, dass ihre einzige Chance in der Rettung durch einen Mann liegt und im Verkauf ihres eigenen Körpers. Männer aus ähnlichem Milieu, mit vergleichbarer Geschichte wissen das. Sie bieten sich als Retter an, schwärmen von Liebe und sagen der unerfahrenen Frau, was sie zu tun hat. Das ist ein knallhartes Geschäft mit Zuckerbrot und Peitsche, das mögliche Reste von Vertrauen und Selbstachtung der jungen Frau in Kürze zerstört und menschliche Wracks hinterlässt. So haben wir die jungen Ungarinnen, nachdem sie von der Polizei aus ihrer „Arbeitsstelle“ genommen worden waren, todunglücklich erlebt. Tagelang saßen sie meist an die Heizung gelehnt, „willenlose Hüllen in Warteposition“, so die Beurteilung eines Polizeibeamten, lediglich beschäftigt mit gelegentlichem Rauchen, und dem Konsum von Kaffee, gezuckerten Getränken und Chips. Sie fühlten sich nicht als Opfer, sondern sehnten sich nach einem „ruhigen Familienleben“. Selbst die verabreichten Schläge entschuldigten sie als berechtigt, denn schließlich hätten sie nicht arbeiten wollen, da sie krank waren. Dennoch glaubten sie den Versprechungen der Täter. Diese hatten vorgegeben, dass sie mit dem in der Prostitution erwirtschafteten Geld eine gemeinsame Zukunft aufbauen würden. Die Frauen waren nun fassungslos und entsetzt, als ihnen diese Hoffnung durch die Verhaftung der Täter genommen worden war. Gerichte können nur im Rahmen gesetzlicher Vorgaben Recht sprechen. Dass die Voraussetzungen für Menschenhandel juristisch nicht haltbar waren, nehmen wir als Organisation, die sich seit Jahrzehnten für die Opfer einsetzt, mit großem Bedauern zur Kenntnis. 204 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute In einem Gespräch mit unserer Streetworkerin drückte sie das wie folgt aus: Ausländische Frauen, die im Rotlichtmilieu arbeiten, sind Gefangene einer Parallelgesellschaft. Sie haben keine Außenkontakte, durch ihre (gewollte) Orientierungs- und Sprachlosigkeit sind sie völlig isoliert. Sie leben in ständiger Angst, Angst vor dem Zuhälter, dem Bordellbetreiber, dem Freier, der Polizei, Angst, dem Lover nicht zu genügen, Angst die Zimmermieten nicht zahlen zu können, nicht genug zu verdienen, Angst vor Krankheiten und der Zukunft. Die wenigsten Mädchen glauben oder hoffen, dass sie selbst ihr eigenes Leben gestalten können. Fallbeispiel Adina56 Die 19-Jährige Rumänien Adina schafft seit ihrem 18. Geburtstag in Deutschland an. Eigentlich war ihr ein Job als Zimmermädchen versprochen worden. Da dies in Deutschland angeblich nicht gleich geklappt hätte, sollte sie „vorübergehend“ ihre Schulden, die dem Zuhälter entstanden seien, in der Prostitution abarbeiten. Vor einigen Monaten war sie zur Abtreibung gezwungen worden. Inzwischen glaubt Adina dass sich ihr Zuhälter in sie verliebt habe. Sie will von ihm schwanger werden in der Überzeugung, dass er mit ihr dann eine Familie gründen würde. Familiäre Verstrickungen Vielfach sieht die Großfamilie in der Tochter das Kapital ihres Körpers und opfert sie für die Versorgung der Gemeinschaft. Dann organisiert die Familie selbst die Prostitution in Deutschland und überwacht die Frau. Diese erzählt uns dann, dass sie freiwillig arbeite, denn sie habe Kinder und eine Mutter/Oma zu versorgen. Die einzig denkbare er- 56 Aus Gründen der Anonymität wurde der Name geändert. 205 Stimmen und Stimmungen aus der Praxis. SOLWODI Augsburg strebenswerte Zukunft sehen die meisten Frauen dieser Kollektivgesellschaften in einer eigenen Familie. Sie wünschen sich einen Ehemann, Kinder – oder erst ein Kind. Der intensive Kinderwunsch hat zwei Wurzeln. Einerseits die große Hoffnung, über ein Kind zu Mann und Familie zu kommen. Andererseits gibt es die Sehnsucht, über die Versorgung und Liebe zu dem Kind das eigene Trauma zu heilen. Doch die Realität ist leider meist die Wiederholung der eigenen negativen Erfahrungen. Der Kindsvater, ebenso halt- und beziehungslos aufgewachsen, will bzw. kann keine Verantwortung übernehmen. So wird die junge Mutter ihr Kind in der Obhut ihrer Familie lassen müssen – ein Teufelskreis, in dem Verwahrlosung und Lieblosigkeit vorprogrammiert sind. Fallbeispiel Dalina57 Dalina ist 22 Jahre alt, sie stammt aus Bukarest. Ihre eigene Mutter hatte sie bei der Oma zurückgelassen, um in Deutschland zu arbeiten. Dalina selbst hat zwei Kinder, sechs und vier Jahre alt. Auch Dalina hat ihre Kinder ihrer Oma überlassen, d. h. sie werden von der Urgroßmutter betreut. Dalina erzählt, dass sie sich gerade von dem Mann getrennt habe, der ihr sog. Loverboy ist/war. Vor drei Jahren sei sie auf ihn hereingefallen. Sie habe ihm seine Liebe geglaubt, dass er sie heiraten wolle, einfach alles. Sie zog zu ihm und lebte in Rumänien als seine Geliebte. Da konnte sie beobachten, wie die Mädchen eingeteilt, je nach Alter und Schönheit sortiert wurden, um weiter nach Westen verschleppt zu werden. Sie selber musste in Rumänien nicht arbeiten, das passierte erst in Deutschland. In dieser Zeit machte er sie von sich abhängig, so dass sie für ihn anschaffen ging, in der Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit dem von ihr verdienten Geld. Es dauerte einige Zeit, bis sie feststellte, dass er auch mit anderen Mädchen schlief. Als er dann auch noch versuchte, sie vom Kontakt zu ihrer Oma und 57 Aus Gründen der Anonymität wurde der Name geändert. 206 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute ihren eigenen Kindern fernzuhalten, wurde es ihr zu viel. Sie schaffte es, zu fliehen und wandte sich an SOLWODI. Nun hat sie Angst und fühlt sich überfordert. Aber sie weiß, was sie will: endlich als Selbstständige zu arbeiten, um ihren Traum vom „Hausbau für die Kinder“ zu verwirklichen. Nach drei Jahren in Deutschland hat sie weder Geld, noch hat sie die deutsche Sprache gelernt. Sie fragte, wieso sie so viel Aggressivität in sich tragen würde, sie wäre manchmal blind vor Wut und hätte sich dann nicht im Griff. Gründe für die Prostitution Die meisten Frauen geben an, dass sie sich für Geld prostituieren, für die vermeintliche Zukunft mit dem Loverboy oder die Unterstützung der Familie im Heimatland. Maximal 10 % der von uns besuchten Frauen können in die eigene Tasche arbeiten: Sie wollen etwas für sie in der Heimat Unerreichbares: ein Haus, ein Auto, etwas Luxus, eine Schönheits-OP. Das eingenommene Geld erleben die Frauen als Entschädigung für eine Tätigkeit, die sie verabscheuen, mit Männern, die sie verachten, auf Kosten ihrer Gesundheit. Einblicke in die Arbeit als Prostituierte Hier ein paar Aussagen von Frauen, die wir angetroffen haben: „Er (der Freier) hat mich für die Leistung bezahlt und nicht gekauft, aber er erwartet von mir, dass ich alles gebe. Ich hasse ihn.“ Eine andere meinte: „Der Anfang in der Prostitution war ein Alptraum, die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Die Freier werden immer anspruchsvoller, wollen mehr für weniger Geld und versuchen wie auf dem Flohmarkt zu handeln.“ Beispielsweise wurde ein Gespräch mit angehört, in dem der Mann sagte, er brauche nur 10 Minuten und dafür wolle er nur den halben Preis zahlen. Eine Frau berichtete, dass fast alle Männer fragen, ob sie es ohne Kondom haben könnten. Wenn sie dann eine Absage bekämen, zögen sie weiter, da 207 Stimmen und Stimmungen aus der Praxis. SOLWODI Augsburg es genug Mädchen gäbe, die das machen. Perverse Praktiken würden auch viel öfter gewünscht. An einem Wochenende wurde unsere Streetworkerin von einer verzweifelten jungen Rumänin angerufen. Sie könne aufgrund starker Schmerzen und Blutungen im Vaginalbereich keine Kunden mehr bedienen. In der Klinik wurde eine Wucherung festgestellt, die sofort ambulant operativ entfernt wurde. Sie erhielt eine Krankschreibung für eine Woche. Kurz nach ihrer Rückkehr ins Laufhaus rief sie wieder an und fragte, ob sie jetzt wieder Kunden bedienen könne. Das entsetzte „Nein“ löste bei ihr Verzweiflung aus. Wie solle sie dann die Zimmermiete von täglich 100 Euro aufbringen? Fallbeispiel Elli58 Elli aus Rumänien, 20 Jahre alt, rief wegen schrecklicher Erlebnisse an, die sie erlitten habe. Deswegen habe sie kein normales Schlaf- und Essverhalten mehr. Ein alter Freier um die 60 Jahre, wäre vor zwei Jahren auf ihr liegend gestorben. Kurz darauf habe sie sich gerade noch aus dem brennenden Zimmer retten können, das die drogenabhängige Kollegin in Brand gesteckt hatte. Das verfolge sie Tag und Nacht. Ihr Cousin und Zuhälter, ein junger offensichtlich innerlich verwahrloster Mann, hatte sich bei einem Autoverkauf verzockt und völlig überschuldet. Unsere Streetworkerin schildert: „Ich begegnete einem schmalen, kleinen, dunklen Mann, zu dem Elli voll Stolz aufblickte, einem Mann, der seine Geschäftstüchtigkeit immer wieder unterstreichen musste. Dieser Mann erzählte von seiner Tapferkeit, auch was das Bordell betrifft, wo er gerade mit fünf Mädchen wohne. Er würde nicht nur ‚sein Mädchen‘ verteidigen, sondern alle anderen auch, falls sie Probleme mit den Freiern bekommen würden. Das Gute in Deutschland sei das viele Geld, das man hier verdienen würde. 150 Euro in der Stunde, im Vergleich zu Rumänien mit nur 25 Euro in der Stunde.“ Elli ermutigte ihn tröstend und zustimmend: „Wir schaffen das schon.“ Dann sah ich plötzlich den verwahrlosten kleinen Jungen in 58 Aus Gründen der Anonymität wurde der Name geändert. 208 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute ihm, der sein Leben lang (als Roma) ums Überleben kämpfte. Mir kam der rumänische Spruch in den Sinn: „Saracia naste monstrii!“ was auf Deutsch heißt: „Die Armut gebiert Monster.“ Persönliches Fazit und Appell an die Gesellschaft Wir als Menschen unserer Gesellschaft müssen wieder lernen, Verantwortung zu übernehmen. Entgrenzter Kapitalismus, das Diktat des Geldes, Egosucht und Machtstreben führen zu Entsolidarisierung. Folgen sind hemmungsloses Nehmen, Benutzen und Ausbeuten der Welt und ihrer Menschen wie z. B. der Frauen in der Prostitution. In Deutschland wird Prostitution gesetzlich als Beruf verharmlost und es wird dadurch übersehen, wie viel Leid die Prostitution für einen Großteil der sich prostituierenden Frauen bedeutet. Wir als Gesellschaft müssen etwas tun, denn hinter der Fassade von Luxus und Glamour liegt das Elend der Frauen. Literatur Augsburger Allgemeine (2017). Prostitution: Wie ein Soldat vier Frauen ausnutze. Zugriff am 11.02.2018 unter www.augsburger-allgemeine.de/ augsburg/Prostitution-Wie-ein-Soldat-vier-Frauen-ausnutzteid43238766.html. FKK-Tour (2018). FKK Tour Germany. Zugriff am 09.02.2018 unter www.fkktours.com.

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References

Zusammenfassung

Ebenso skandalisiert wie verharmlost ist die Praxis gewerblichen Geschlechtsverkehrs immer wieder Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher Debatten. Undeutlich bleibt dabei oft, was genau gemeint ist und über wen gesprochen wird. Die rechtliche Lage, die sozioökonomische Position, die Profiteure und die Benachteiligten eines sich ständig verändernden Milieus müssen nämlich ebenso berücksichtigt werden wie die Orte von Prostitution und das Geschlecht der Betroffenen. Dieser Sammelband möchte gegenwärtige Strömungen und Auffassungen sichtbar machen, Ursachen und Motive von Prostitution argumentativ aufbereiten, die Nachfrageseite und ihre Rolle im Prostitutionssystem beleuchten, den Einfluss medialer Sujets nachzeichnen und auch die Probleme benennen, die im Rahmen der Feldforschung entstehen. Zudem stellt der Band wichtige Beratungs- und Ausstiegsangebote vor, die insbesondere in Deutschland und Schweden verfolgt werden. Neben sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln und sozialarbeiterischen Interventionsmöglichkeiten bei von Gewalt betroffenen Menschen in der Prostitution stehen vor allem Betroffene mit ihren Erfahrungen im Mittelpunkt. Stimmen aus der Praxis der Sozialen Arbeit prägen den abschließenden Schwerpunkt des Buches und berichten von den Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu.