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Elvira Niesner, Encarni Ramirez, Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit in:

Carina Angelina, Stefan Piasecki, Christiane Schurian-Bremecker (Ed.)

Prostitution heute, page 155 - 178

Befunde und Perspektiven aus Gesellschaftswissenschaften und Sozialer Arbeit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4106-2, ISBN online: 978-3-8288-6966-0, https://doi.org/10.5771/9783828869660-155

Tectum, Baden-Baden
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155 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Elvira Niesner und Encarni Ramirez Abstract FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e.  V., is an intercultural counseling center for migrant women and their families. Since its establishment in 1980, it has been active in supporting women subject to (sexual) violence, exposed to precarious living conditions and in need of help. These include victims of domestic violence and violence in the name of honor as well as women affected by female genital mutilation. Also included are women who have no surety of obtaining residential permit or those under threatening financial situation. FIM has, from the start, supported migrant women in prostitution and is active in protection of victims in Human Trafficking. The widespread phenomenon of poverty-related labour migration is especially associated with the EU eastward expansion and has, to an extent, increased the cases of prostitution that are connected to existential hardship. That is the reason why FIM has expanded the capacity and fields of work in poverty-prostitution. In this article the situation in poverty-related prostitution is presented, followed by the basic concept of social work related to methodical working approaches (manner). Methods of street work, both in brothels and in streets, which provide counselling, help and support in cases of violence and exploitation right up to the moment when the women wish to leave prostitution, and the scope of opportunity thereafter, are presented. FIM views its work as providing concrete support in each individual case and at the same time as a socio-political mission. Along with further educational training, network and advocacy work, focus will be placed on the structural and overall societal background. And through FIMs working expertise, there will be demand for changes. 156 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Einleitung FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V. ist ein interkulturelles Beratungszentrum für Migrantinnen und ihre Familien in Frankfurt am Main. Seit Gründung im Jahr 1980 engagiert sich FIM für Frauen, die von (sexualisierter) Gewalt betroffen sind, sich in prekären Lebensverhältnissen befinden und Hilfe benötigen. Darunter sind u. a. Opfer von (häuslicher) Gewalt, von Gewalt im Namen der Ehre sowie von Genitalbeschneidung Betroffene. Darunter sind auch Frauen in einer aufenthaltsrechtlich prekären oder materiell bedrohlichen Situation. Schon immer unterstützt FIM Migrantinnen in der Prostitution40 und ist im Opferschutz bei Menschenhandel aktiv. In den Jahren des seit nunmehr bald vierzigjährigen Bestehens gab es verschiedene Phasen von Prostitutionsrealitäten, an die sich FIM in der eigenen Arbeitsweise und Organisationsentwicklung kontinuierlich und flexibel angepasst hat, FIM ist mit der Sozialen Arbeit den Wegen der Prostitution gefolgt (Albert 2015:15). Im Verlaufe dieser Zeit entstand aus einer ehrenamtlichen Initiative Frankfurter Frauen, die sich infolge des Sextourismus für thailändische Frauen in der Prostitution oder auch für sogenannte Heiratsmigrantinnen engagierten, ein professionelles Beratungszentrum mit Unterstützungspotential für Frauen aus aller Welt. Vor allem seit der zweiten EU-Osterweiterung und dem damit einhergehenden Massenphänomen der armutsbedingten Arbeitsmigration hat sich – wie eingangs dargestellt – das Ausmaß von Prostitution aufgrund existenzieller Nöte stark vergrößert. Deshalb hat FIM eigene Kapazitäten und Arbeitsfelder im Bereich Armutsprostitution stark ausgeweitet. 40 Aus Gründen der Lesbarkeit wird in diesem Text von den Prostituierten/ den Frauen gesprochen, wissend, dass auch Jungen und Männer sexuelle Dienstleistungen anbieten. 157 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit So hatten die Streetworkerinnen im Jahr 2016 fast 5.000 verschiedene Kontakte zu Frauen in der Prostitution. Konkrete weiterführende Einzelfallhilfe erfolgte in nahezu 200 Fällen mit einer Anzahl von rund 1.500 einzelnen Beratungen oder auch Begleitungen. Es wurden insgesamt Frauen aus 16 verschiedenen Herkunftsländern beraten mit den deutlich stärksten Gruppen aus Rumänien und Bulgarien. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in Frankfurt/Main, aber auch im Rhein-Main-Gebiet und hessenweit ist FIM aktiv. Grundsätzlich unterstützt FIM Frauen in der Prostitution aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern und in den verschiedensten Lebenslagen, sowohl selbstbestimmt und professionell Tätige bis hin zu Opfern von Menschenhandel und Gewalt. Im Fokus der FIM Arbeit stehen allerdings die Frauen in der Armutsprostitution. Um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen und darauf bezogene Arbeitsansätze, Maßnahmen und sozialpolitische wie gesellschaftskritische Überlegungen soll es in diesem Artikel gehen. Der Situationsbeschreibung in der Armutsprostitution folgen die konzeptionellen Grundlagen der Sozialarbeit und darauf bezogene methodische Arbeitsansätze und Haltungen. Es werden Streetwork – sowohl in den Bordellen als auch am Straßenstrich – dargestellt, die weiterführende Unterstützung/Beratung, die Hilfe bei Gewalt und Ausbeutung bis hin zu den Ausstiegshilfen und -möglichkeiten. FIM sieht in ihrer Arbeit verbunden mit der konkreten Einzelfallhilfe zugleich einen gesellschaftspolitischen Auftrag. Mit weiterführender Bildungs-, Netzwerk- und Advocacyarbeit werden die strukturellen und gesamtgesellschaftlichen Hintergründe fokussiert und mit der Praxisexpertise Veränderungen eingefordert. Frauen in der Armutsprostitution Politische Entscheidungen im Zusammenhang mit insbesondere der zweiten EU-Osterweiterung (Freizügigkeit bzgl. Aufenthalt und Ar- 158 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute beitsaufnahme) haben als Folge prekärer wirtschaftlicher Bedingungen in den Herkunftsländern dazu geführt, dass viele Menschen aus den neuen EU-Ländern auf Arbeitssuche nach Westeuropa kommen. Dazu gehören auch junge Frauen aus Bulgarien und Rumänien, die aufgrund großer wirtschaftlicher Not und weit verbreiteter Perspektivlosigkeit eine Erwerbstätigkeit in den Ländern Westeuropas suchen. Viele sind dazu bereit oder werden dazu gedrängt bzw. gezwungen, als Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu sichern. Aus Armutsmigration ist Armutsprostitution geworden, eine aktuell am häufigsten anzutreffende Form der Prostitution in Deutschland. Die Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern macht die Frauen zu leichten Opfern von Händler-, Zuhälter-, Verwandtschafts- und sogenannten „Freundes“-Netzwerken. Kontrolle, Ausbeutung und Gewalt durch Dritte finden häufig statt. Der Mann an ihrer Seite stellt dabei oft eine Kombination aus Zuhälter, Liebhaber und Lebenspartner dar, der kontrolliert und auch Gewalt anwendet, wenn nicht alles nach seinem Willen verläuft (vgl. Artikel Deborah da Silva: 127ff.). FIM beobachtet bei den Frauen in der Armutsprostitution spezifische Phänomene. Sie kommen nicht nur aus Lebenssituationen, die durch extreme Armut geprägt sind, sondern sie bringen oft bereits umfangreiche Gewalterfahrungen aus ihrer Familie mit. Viele von ihnen aus Bulgarien und Rumänien gehören zu den diskriminierten ethnischen Minderheiten der Roma und Türken. Die Frauen aus den neuen EU-Ländern sind meist jung und unerfahren. In der Regel haben sie eine geringe Schulbildung und meist keine berufliche Bildung. Oftmals sind sie nicht alphabetisiert (vgl. auch Artikel Carina Angelina und Lisa Schreiter, S. 22). Kenntnisse zu den elementaren Körperfunktionen, zu Verhütungsmethoden und sexuell übertragbaren Infektionen sowie deren Übertragungswegen sind nicht oder nur unzureichend vorhanden. Ungewollte Schwangerschaften werden in Kauf genommen und durch (häufige) Abtreibungen beendet. Eine gesundheitliche Versorgung existiert nicht (vgl. auch Arti- 159 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit kel Carina Angelina und Lisa Schreiter, S. 23). Auch die Wohnsituation ist meist prekär. Sie schlafen entweder im Bordell oder irgendwo auf einer Matratze und verfügen in der Regel über keinen eigenen Wohnraum. Auch Sozialversicherungen oder gar Altersvorsorge existieren nicht. Insgesamt ist die Situation der Frauen in der Armutsprostitution geprägt von fehlendem Selbstschutz und Selbstsorge. Die Frauen sind zwar in Deutschland aufenthaltsrechtlich legal tätig (Freizügigkeit), zugleich befinden sie sich jedoch auf einem informellen Arbeitsmarkt in relativer Unsichtbarkeit am Rande der Gesellschaft. Bedingt durch die besonders vulnerable Situation der Frauen zeigen sich eine hohe Fluktuation und eine starke bundesweite und auch europaweite Mobilität auf dem Markt. Dieser ist geprägt von Dumpingpreisen und von Freiern, die ungeschützten Geschlechtsverkehr fordern. Es profitieren daher vor allem die Freier, die umfangreiche Leistungen für wenig Geld einfordern und (neue) völlig inakzeptable Formen beim käuflichen Sex durchsetzen wollen wie z. B. Gang Bang Partys oder Flatrate-Angebote. Es sind Freier, die manchmal nach besonders jungen Frauen oder Minderjährigen Ausschau halten. Von der Armutsprostitution profitieren vor allem aber auch Zuhälter und Menschenhändler, die die vulnerablen Frauen abhängig machen, zur Prostitution drängen oder zwingen und ausbeuten. Die Profiteure sind zudem die Vermieter und Betreiber von ausgewiesenen Prostitutionsstätten und von wirtschaftlichen Mischbetrieben wie z. B. FKK-Clubs. Die ‚heimlichen‘ Kooperationen zwischen legalem, sichtbarem Geschäftsbetrieb und den kriminellen und unsichtbaren Geschäftemachern (Zuhälter und Menschenhändler) gehören erfahrungsgemäß dazu. Der Trend geht weg von den bekannten, seit Jahrzehnten etablierten Bordellen hin zu mehr durch Betreiber/Zuhälter organisierte und fluktuierende Wohnungs- sowie Hotelprostitution und erstreckt sich auch auf die in Wellness-Großbetriebe eingeflochtene Prostitution und auf Kontaktaufbau über das Internet. Die Straßenprostitution mit ihrem ganz besonderen Sicherheits- und 160 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Gesundheitsrisiko ist am stärksten von Frauen in der Armutsprostitution geprägt. Die vorherrschende strukturelle Problematik hat der Bundesrat treffend in den folgenden Worten zusammengefasst: Es besteht ein erhebliches strukturelles Machtgefälle zwischen Zuhältern und Bordellbetreibern auf der einen und Prostituierten auf der anderen Seite, welches sowohl die Bildung angemessener Marktpreise als auch zumutbarer Arbeitsbedingungen grundsätzlich verhindert (Bundesrat 2011: 1). Konzeptionelle Grundlagen und Überlegungen In dieser hochkomplexen Gemengelage ist FIM sozialarbeiterisch und auch sozial(arbeits)politisch aktiv und folgt dabei nicht den vorherrschenden ideologisch begründet und polarisierend wirkenden Maximen im (fach)öffentlichen Diskurs: Prostitution ist ein Beruf wie jeder andere (Sexarbeit) oder aber Prostitution ist per se Gewalt gegen Frauen (Viktimisierung). FIM steht damit eher für eine liberal-feministische Tradition, die die Lebenssituation und Tätigkeit der Frauen respektiert, jedoch den Auswirkungen und den gesellschaftlichen Hintergründen kritisch gegen- übersteht (vgl. Artikel „Sozialarbeiterische Perspektiven“ Carina Angelina: 113ff.). Für FIM als Frauenrechtsorganisation ist Prostitution keine Erwerbsarbeit oder gar ein Beruf wie jeder andere. „Die Vermarktung von Frauenkörpern und Sexualität drückt eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern aus und stützt sexistische patriarchale gesellschaftliche Strukturen. Dies ist die gesellschafts- und insbesondere geschlechterpolitische Ebene. Als Beratungszentrum besteht die Aufgabe von FIM allerdings darin, Frauen in Notlagen und schwierigen Lebens- 161 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit situationen zu stärken und zu unterstützen, sie in ihrer eigenen Entscheidung zur Existenzsicherung zu respektieren, egal um welche Form es sich handelt. Dazu gehören selbstverständlich auch die Frauen, die, mehr oder weniger, selbstbestimmt in der Prostitution arbeiten und dort auch, meist vorübergehend, verbleiben wollen (Niesner 2014: 149). Dies bedeutet, FIM arbeitet grundsätzlich wertschätzend, Frauen erhalten Unterstützung, unabhängig davon, ob sie in der Prostitution verbleiben oder aussteigen wollen. Dies bedeutet aber auch, dass keine Einstiegsberatung in die Prostitution erfolgt. Als Menschenrechtsorganisation orientiert FIM ihr Handeln an den angeborenen, unveräußerlichen Rechten und Grundfreiheiten eines jeden Einzelnen, die nicht aufgrund staatlicher Zugehörigkeit, sondern Kraft des Menschseins den Betreffenden zugehören. Die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar, Diskriminierung und Ausgrenzung aufgrund von Herkunft, sozialem Status oder gesellschaftlich stigmatisierten/ausgegrenzten Lebenswelten sind nicht hinzunehmen. Anti-diskriminierende, kultursensible bzw. auch sensibilisierende Bildungs- und Aufklärungsarbeit zur komplexen Lebensrealität der Frauen ist deshalb zentraler Bestandteil der FIM Sozialarbeit. Es geht einerseits darum, für strukturelle und gesellschaftlich verankerte Benachteiligungen zu sensibilisieren sowie bei Politik und Verwaltung für Veränderung zu werben. Ausgrenzung erfolgt nicht nur aus Gründen des sozialen Status als Prostituierte, sondern auch aus Gründen der Herkunft (Intersektionale Diskriminierung). Denn aus der Armut kommende osteuropäische Arbeitsmigranten/-innen erfahren keine Förderung zur gesellschaftlichen Integration, die Orientierung in der Politik der Europäischen Union liegt in der Wirtschafts-, jedoch nicht in einer Sozialunion. Das Ziel der Anti-Diskriminierungsarbeit bei FIM besteht zugleich auch darin, ein Bewusstsein zu fördern für das Leben und die Bedingungen von ‚kultureller Armut‘, die sich wie folgt zeigt: 162 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Eine mit individueller Frustration und fehlender sozialer Organisation einhergehende gesellschaftliche Ausgrenzung, die […] zu entsprechenden Reaktionen und Lebenseinstellungen bei den Betroffenen führ t . So sei die ‚Kultur der Armut‘ geprägt durch dauernde Geldknappheit, niedrige Qualifikation, Zuflucht im Alkohol, Neigung zur Gewalt, Fehlen von Zukunftsplanung, Misstrauen gegenüber Behörden, das Gefühl der Hilflosigkeit, Abhängigkeit, eine geringe gesellschaftliche Durchsetzungsfähigkeit sowie eine auf die eigene, unmittelbare Lebenswelt reduzierte Wahrnehmung von Gesellschaft (Salentin 2000: 116ff.). Soziale Arbeit mit gesellschaftskritischem Auftrag muss Differenzierungen, Unterschiede und Vielfalt im Blick haben und die Probleme der marginalisierten Gruppen benennen können. Eine große Herausforderung, der sich auch FIM gegenübersieht, besteht jedoch darin, schwierige Verhältnisse damit nicht weiter festzulegen oder gar neu zu konstruieren. Deshalb ist es wichtig, dekonstruktive Ansätze zu reflektieren, in denen es nicht alleine darum geht, die ungleichen Lebenswelten, die Problemlagen und Bedürfnisse der Anderen (also der Obdachlosen, Frauen, Migranten und Suchtkranken) zu thematisieren und Konzepte zu entwerfen, die diesen gerecht werden. Vielmehr geht es ihnen darum, solche Ordnungen und Regulierungen zu problematisieren und zu hinterfragen, entlang derer Subjekte überhaupt erst als die jeweiligen Anderen produziert werden und die Effekte zu hinterfragen, die aus dem Engagement für die Anderen wiederum resultieren (Plößer 2010: 228). Ganz konkrete aktuelle Herausforderungen leiten sich hier z. B. bezüglich der potentiellen Einbindung bzw. Einflussnahme von sozialarbeiterischer Praxis auf die Umsetzung des Prostituiertenschutzgesetzes in den Kommunen ab: verfestigt das Gesetz Ausgrenzung und Stigmatisierung, wie dies von Verbänden der Sexarbeiter/-innen befürch- 163 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit tet wird41 oder werden die sozialen Randgruppen in der Prostitution gestärkt? Die Umsetzung von qualitativ hochwertigen Beratungssettings – im Rahmen der gesetzlich verpflichtenden Informations- und Gesundheitsberatung – birgt die Chance zur Stärkung von subjektiver Gestaltungskompetenz und damit folglich zur besseren Einbindung in gesellschaftliche Strukturen und Integration. Dies wäre z. B. dann der Fall, wenn sich mehr Frauen in der Armutsprostitution so organisieren würden, dass sie daraus später potentielle Leistungsansprüche erwerben, um größere Ausstiegschancen zu haben. Entgegen eines defizitären Blickwinkels – und einer damit einhergehenden Fokussierung auf den grundsätzlichen Opferstatus der in der Prostitution Tätigen – konzentriert sich FIM methodisch auf den Empowerment-Ansatz: die Arbeit mit den Klientinnen zielt auf deren Kompetenzen und Ressourcen, es geht um Selbstbemächtigung, Selbstbefähigung und Stärkung von eigenständigem Handeln. Der Konsument sozialer Dienstleistungen wird hier nicht mehr (allein) im Fadenkreuz seiner Lebensunfähigkeit und Hilflosigkeit wahrgenommen. Im Zentrum stehen vielmehr seine (wenngleich oftmals verschütteten) Stärken und Fähigkeiten, auch in Lebensetappen der Hilflosigkeit und der Demoralisierung eine produktive Lebensregie zu führen und gestaltend die Umstände und Situationen des eigenen Alltags zu modellieren (Herriger 2014: 71). Für FIM bedeutet dies in der Arbeit mit Frauen in der Armutsprostitution, sich sowohl auf die einzelnen konkreten Anliegen und deren Lösung zu konzentrieren, wie auch breiter und umfassender die Klientin mit ihrer Biographie, ihrem Lebensentwurf, ihren sichtbaren sowie vorerst verborgenen Ressourcen im Blick zu haben und sie in der Selbstorganisation ihrer Lebenswelt zu respektieren. 41 Laut Vorstand des Berufsverbandes für erotische und sexuelle Dienstleistungen ist die Anmeldepflicht diskriminierend, datenschutzrechtlich bedenklich und berge die Gefahr eines Zwangsoutings (BesD 2016). 164 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute In einer lebensweltorientierten Sozialen Arbeit wird auf Grundlage von Vertrauen im Rahmen eines niedrigschwelligen Zugangs das Zusammenspiel von Problemen und Möglichkeiten, von Stärken und Schwächen gesehen und gemeinsame Konstruktionen von Handlungsmöglichkeiten entwickelt (vgl. Thiersch, Grundwald u. Köngeter 2000: 161). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit geht über die klientinnen- und fallbezogenen Arbeitsweisen hinaus und nutzt ihre institutionellen und professionellen Ressourcen kritisch und selbstkritisch gegen die Eigenmacht von Institutionen und die Macht der Experten, um lebensweltliche Ressourcen zugleich zu respektieren und in ihren Möglichkeiten zu befreien. Sie agiert kooperierend und koalierend mit anderen Institutionen und Politiken […], sie agiert so als Glied einer Kultur des Sozialen, die […] ihr Profil im Ineinandergreifen lebensweltlicher und professioneller Ressourcen hat (ebd. 176). Methodisches Arbeiten im Kontext von Armutsprostitution Die Tatsache, dass FIM bereits seit 1980 kontinuierlich in der Streetwork aktiv ist, liefert einen umfassenden Fundus an Erfahrungswissen zur Arbeit mit Migrantinnen in der Prostitution, welches die Grundlage bildet für ein flexibles und innovatives Vorgehen, um neue Herausforderungen inhaltlich und methodisch professionell bewältigen zu können. Das mediale und voyeuristische Interesse für die Lebensrealitäten in dieser Parallelgesellschaft sind einerseits hoch (vgl. Artikel Stefan Piasecki: 75ff.). Zugleich befindet sich das Arbeitsfeld in einer gesellschaftlichen Grauzone, die vornehmlich ethisch und moralisch abgelehnt und am Rande der Kriminalität verortet wird (vgl. Wege 2015: 75). Auch die Soziale Arbeit in dieser Welt ist wenig geachtet. 165 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Für eine professionelle Sozialarbeit bedeutet das, dass persönliche Stärken wie Selbstsicherheit, Klarheit, Selbstreflektion und eine offene sowie wertschätzende Haltung, um sich in dieser ‚anderen‘ Lebenswelt gut bewegen zu können und nicht zu resignieren, unbedingt erforderlich sind. Die Soziale Arbeit fußt auf mehreren Säulen. Die FIM-Mitarbeiterinnen haben fachliche Kompetenz und spezifisches Wissen zum Arbeitsfeld der Prostitution und den jeweiligen Themen- und Problemfeldern sowie den Hintergründen. Zu diesem lebensweltorientierten Wissen und den Kenntnissen über strukturelle Zusammenhänge und Benachteiligungen (Globalisierung, Diskriminierung, Existenzdruck etc.) gehört zudem die Kompetenz, auf sexuelle Gewalt, Ausbeutung und traumatische Erlebnisse professionell reagieren zu können. Die klassischen Beratungskompetenzen sind sowohl systemisch wie auch personenzentriert verortet. Zu den Arbeitsstandards zählen beispielsweise wertfreies Auftreten, aktives und empathisches Zuhören oder die Fähigkeit zur Balance zwischen Nähe und Distanz. Es geht darum, eine konstruktive Arbeits- und Vertrauensbeziehung zwischen Beraterin und Klientin zu entwickeln. Das übergeordnete Beratungsziel in der Armutsprostitution liegt darin, die Selbstsorge zu stärken in den verschiedensten Bereichen: Gewaltprävention, Stärkung der Handlungsfähigkeit bei Ausbeutung, Abhängigkeit, Gewalt und Ausstiegswunsch, Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen, Schwangerschaftsverhütung und Alterssicherung etc. Zugleich geht es um ein verbessertes Selbstmanagement, indem z.  B. akzeptable Preise verhandelt werden können, eine freie Wahl von Kunden und angebotener Dienstleistungen erfolgt oder eine Krankenversicherung abgeschlossen wird. Die niedrigschwellige Ansprache stellt für FIM ein zentrales Moment dar. Deshalb spielt die aufsuchende Sozialarbeit eine große Rolle, daneben aber auch die muttersprachliche Kommunikation. 166 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Bei der Auswahl der Kolleginnen für dieses Tätigkeitsfeld achtet FIM vor allem auf biographische Hintergründe und sprachliche sowie interkulturelle Fähigkeiten. Es werden Kolleginnen aus den Herkunftsländern, aus denen die Prostituierten kommen, eingebunden, so dass eine muttersprachliche und kultursensible Beratung möglich ist. Da es oft schwierig ist, entsprechend empathische Muttersprachlerinnen mit sozialarbeiterischer Qualifikation zu finden, entscheidet sich FIM – mit ihrer eigenen interkulturellen Schwerpunktsetzung – dafür, auch fachfremde, jedoch sprachlich und interkulturell kompetente, Mitarbeiterinnen einzusetzen und für die soziale Arbeit im Bereich der Prostitution zu qualifizieren. Bedarfsorientierte Soziale Arbeit Da die Frauen in der Armutsprostitution mit Blick auf soziale Strukturen am Rande der Gesellschaft stehen, d. h. oft keinen eigenen Zugang zu Beratung, Behörden etc. finden, ist ein zentraler Baustein die niedrigschwellige aufsuchende Soziale Arbeit. Zentral ist hier die Streetwork auf der Straße oder aber auch in den verschiedensten Prostitutionsstätten. Weiterhin zentral ist eine den Bedürfnissen angepasste Einzelfallhilfe sowie Aufbau/Entwicklung/Förderung einer jeweiligen kommunalen Struktur der Institutionen und auch Hilfeeinrichtungen, die befähigt sind, den besonderen Anforderungen der Frauen in der Armutsprostitution sensibel und vorurteilsfrei zu begegnen und sie u. a. auch beim Ausstieg zu unterstützen. Streetwork Die Lebens- und Arbeitswelt der Frauen in der Prostitution, sei es die Straße, das Bordell, der Club oder die Tagesterminwohnung, ist für diese Teil ihres Alltags und somit sozialräumliche Normalität. Die Streetworkerin steht damit vor der Aufgabe, in gewisser Weise auch Teil dieser Lebenswelt zu werden, sich darin so orientieren zu können, 167 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit dass sie weder als (geschäfts)störend noch als Eindringling empfunden wird. Zugleich geht es darum, ihren Arbeitsauftrag umzusetzen (vgl. auch Artikel Christiane Schurian-Bremecker: 104ff.). Mit dem Ziel, Informationen zu geben, Kontakte herzustellen und Vertrauen aufzubauen, sind die Kolleginnen von FIM als Streetworkerinnen unterwegs. Sie informieren über Hilfsangebote bei Gewalterfahrungen, bei Zwang und Ausbeutung sowie über Möglichkeiten der Unterstützung beim Ausstiegswunsch. Wichtige Themen in den Gesprächen sind immer auch gesundheitliche Fragen und Aufklärung zu sexuell übertragbaren Krankheiten, Fragen zur selbständigen Tätigkeit, deren Versteuerung sowie zur Krankenversicherung und aktuell zum Prostituiertenschutzgesetz. Die professionelle Rolle der Sozialarbeiterin steht fortlaufend vor neuen Herausforderungen, denn die konkreten Reaktionen der Frauen können – auch tagesabhängig – sehr unterschiedlich sein. Die Kontaktaufnahme „erfordert ein hohes Maß an beraterischer Kompetenz, beruflichem Selbstbewusstsein und hoher Kommunikationsfähigkeit“ (Albert 2015: 17). Die Streetworkerinnen begegnen Frauen in unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsrealitäten: Es offenbart sich ein Feld zwischen einerseits Abhängigkeits- und Ausbeutungssituationen sowie andererseits eigenständiges und selbstbestimmtes, auch lukratives Arbeiten und oft fließenden Übergängen zwischen diesen Polen. Hinzu kommt die Gruppe der Frauen, die eindeutig zur Prostitution gezwungen werden und nie in Betracht gezogen hatten, selbst dort tätig zu sein. Auf den ersten Blick ist für die Streetworkerin nicht zu erkennen, in welcher Situation sich die angetroffene Frau befindet. Daher gilt es mit ausreichendem Hintergrundwissen, milieusensibel, nicht stigmatisierend oder viktimisierend und dennoch opfersensibel unterwegs zu sein und den ‚richtigen Moment‘ für zentrale, tiefergehende Themen zu finden. 168 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Den Frauen in der Armutsprostitution fällt es oft schwer, sich für die Verbesserung ihrer eigenen Situation einzusetzen. Da sie im Herkunftsland aus extrem prekären Lebenssituationen kommen, finden sie sich häufig mit ihrer aktuell desolaten Lage ab bzw. finden diese weniger gravierend als die Sozialarbeiterinnen. Denn trotz Ausbeutung und Dumpingpreise bleibt vielen Frauen in der Prostitution in Deutschland immer noch mehr Geld, als sie jemals in der Heimat verdienen konnten.Die Frauen sind nicht selten resigniert und oft nicht dazu bereit bzw. in der Lage, Hilfsangebote anzunehmen. Wir haben Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Abhängigkeit, die sich aber nicht als Opfer zu erkennen geben (können) bzw. (noch) nicht dazu fähig sind, ihre Situation zu ändern. Diese Konstellation stellt die Streetworkerinnen vor große Herausforderungen und bringt spezifische Belastungen mit sich. Professionelle Beraterinnen müssen die Diskrepanz akzeptieren bzw. ohne Resignation aushalten zwischen den Zielen des Empowerments und dem praktisch Realisierbaren (Ambiguitätstoleranz). Empowermentprozesse funktionieren meist auch nur partiell. Die Arbeit in der Lebenswelt der Armutsprostitution ist eine Arbeit der kleinen Erfolge. Für viele Frauen bedeutet der regelmäßige Kontakt zu den Streetworkerinnen auch einfach eine menschliche Begegnung, die einzige außerhalb des Milieus und der einzige Kontakt, der nichts einfordert (humanitäre Komponente). Viele Frauen in der Prostitution sind mobil unterwegs. Gerade in den Tagesterminwohnungen wechseln die Frauen wochenweise ihren Tätigkeitsort. Aufsuchende Sozialarbeit kann in diesen Bereichen nicht auf regelmäßige Kontakte und vertrauensbildende Maßnahmen zurückgreifen, da Frauen meist nur einmal angetroffen werden. Um diesem Phänomen zu begegnen, hat FIM im Hessennetzwerk eine mehrsprachige Website für Frauen und Männer in der Prostitution42 entwickelt, welche zentrale Informationen zu Gesundheit, Verhütung, 42 www.pia-hessen.de 169 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Geburt, Aufenthalt, Arbeitsrecht, Sozialleistungen und Anlaufstellen bzw. Hilfssysteme digital zugänglich macht. Weiterführende Beratung Die Einzelfallhilfe bzw. Case Management findet auf verschiedenen Ebenen statt: =>Problemlösungen im Einzelfall Zum einen gibt es die konkreten, dringenden Anliegen, die es zu unterstützen gilt. Hierzu gehören z. B. Schuldenregulierung, Schwangerschaft und Geburt ohne Krankenversicherung, Schwangerschaftsabbruch, akute gesundheitliche Beschwerden, Hilfe beim Schriftverkehr mit Behörden. Zum anderen besteht ein umfassender Informationsbedarf z. B. zum Prostituiertenschutzgesetz, zu steuerlichen Fragen, zu kommunalen (humanitären), gesundheitlichen Angeboten. =>Empowerment Diese weiterführende Beratung richtet sich auf ein gutes Selbstmanagement und eine verbesserte Selbstsorge, innerhalb oder auch außerhalb der Prostitution. In dieser Beratung spielen Themen der Prävention vor Krankheit, der Schwangerschaftsverhütung, der Lebensgestaltung und Zukunftsplanung eine Rolle. Die Erfahrungen von FIM zeigen, dass die Frauen offen sind für die Unterstützung im Einzelfall, dass jedoch die eher nachhaltig und perspektivisch positiv wirkende Empowermentarbeit nur in wenigen Fällen angenommen wird und diese Arbeit von den Beraterinnen mit viel Kontinuität und Ausdauer zu verfolgen ist. Massiv verhindernd kommt hinzu, dass es für die Frauen kaum konkrete Erwerbs-, Wohnungs- und damit auch Lebensalternativen gibt. Damit sind den Unterstützungsmöglichkeiten von FIM enge Grenzen gesetzt. 170 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Ausstiegslos Frauen in der Armutsprostitution haben sich ihre Tätigkeit in der Prostitution meist nicht gezielt ausgesucht, sondern sind selbstbeschreibend oft irgendwie mangels Erwerbsalternativen ‚hineingeraten‘. Damit fehlt auch ein Bewusstsein für ein geplantes und sich damit selbstschützendes Vorgehen wie: Beginn und Ende der Arbeit, akzeptable Arbeitsbedingungen herstellen, eigene Zukunft nach der Tätigkeit in der Prostitution absichern. Deshalb sowie mangels Erwerbsalternativen sind bei vielen Frauen ein Ausstiegswunsch oder eine realisierbare Zukunftsplanung nicht vorhanden. Ausstiegswünsche entstehen konkret dann, wenn aus psychischen/ emotionalen und gesundheitlichen Gründen die Tätigkeit in der Prostitution nicht mehr möglich ist, wenn Frauen zu ihrer Familie in das Herkunftsland und zu dort lebenden Kindern zurückkehren wollen, wenn sie versuchen wollen, ihre Kinder nach Deutschland zu holen und ein geregeltes Leben aufzubauen, wenn sie schwanger sind (oft vorübergehender Ausstieg, denn Kinder werden ins Herkunftsland verbracht), wenn sie einen festen Freund haben (oft ein ehemaliger Freier), der den Ausstieg fördert, wenn sie (oft auch aus Altersgründen) einfach viel zu wenig Geld verdienen können. Die Hürden für einen Ausstieg sind hoch. Der Teufelskreis besteht darin, dass viele Frauen in der Armutsprostitution weder einen Wohnsitz angemeldet haben noch über eine Steuernummer bzw. Identifikationsnummer verfügen. Weil sie sich nur ‚informell‘ und nicht offiziell als Erwerbstätige oder als in Deutschland dauerhaft Wohnende bewegen, ist es für sie nur schwer möglich, eine reguläre, alternative Erwerbsarbeit zu finden. Auch besteht für sie – trotz oft jahrelangen Aufenthaltes in Deutschland – in den meisten Fällen kein Anspruch auf finanzielle staatliche Leistungen. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, um einen Ausstieg formal zu organisieren. Lebt eine Frau schon über fünf Jahre in Deutsch- 171 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit land und kann dies nachweisen, so hat sie beim Jobcenter einen Anspruch auf Arbeitslosengeld II, auch wenn sie nicht die gesamten fünf Jahre einen formalen Freizügigkeitsgrund erfüllt hat43. Hat sie diesen Anspruch nicht, kann sie den Ausstieg nur über eine alternative Erwerbsarbeit (zumindest eine geringfügige Beschäftigung) erreichen. Die meist nicht vorhandene Meldeadresse erschwert jedoch die Arbeitssuche und ohne Arbeit finden die Frauen kaum einen Wohnraum außerhalb des Milieus. Dieser Kreislauf ist schwer zu durchbrechen. Dennoch finden Frauen mit Unterstützung durch FIM den Weg aus der Prostitution. Dazu gehören eine psychosoziale Stabilisierung, die Begleitung bei der Suche nach alternativer Erwerbsarbeit, Hilfe bei der Durchsetzung von Leistungsansprüchen und die Klärung bzw. Unterstützung bei Unterbringungsbedarf. Vielfach führt ein Zusammenspiel begünstigender Faktoren, wie ein neuer Partner, erworbene Deutschkenntnisse, Behörden, die ihren Ermessensspielraum weitreichend nutzen, etc. dazu, dass ein Ausstieg aus der Prostitution erfolgreich verlaufen kann. Die aufenthaltsrechtlich bedingten Probleme bestehen für die Frauen unabhängig von den für sie grundsätzlich sehr schlechten Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Finden sie überhaupt eine alternative Erwerbsarbeit, handelt es sich um eine Tätigkeit im Niedriglohnsektor und sie stehen vor der Herausforderung, plötzlich mit sehr viel weniger Geld auskommen zu müssen und dann z. B. ihre Familie im Herkunftsland nicht mehr unterstützen zu können. Eine weitere Herausforderung kann das veränderte soziale Umfeld, die neue Lebenswelt sein. Die Regeln und Bedingungen im Milieu sind nicht zu vergleichen mit regulären Arbeitsverhältnissen und den sich daraus ergebenden Anforderungen wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, feste Arbeitszeiten etc. 43 Siehe §7 SGB II, § 4a Freizügigkeitsgesetz/EU. 172 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Hilfe bei Gewalt Zu Opfern von Gewalt in der Prostitution erhält FIM Kontakt über die Polizei, die Streetwork oder über Freier. Mit Blick auf Menschenhandel bestehen für Hessen gefestigte Kooperationsbeziehungen, sodass die Frauen mit Unterstützung der Polizei regelmäßig Kontakt zu FIM als Hessischer Koordinierungs- und Fachberatungsstelle für Opfer von Menschenhandel bekommen. Auch über die Streetwork wenden sich immer wieder Frauen mit Gewalterfahrungen an FIM. Die Kontaktaufnahme muss nicht direkt während der Streetwork stattfinden, sondern ergibt sich häufig erst im Nachhinein telefonisch. Freier kontaktieren FIM häufig dann mit der Bitte um Unterstützung, wenn sich zwischen ihnen und der betreffenden Prostituierten in Not/ Gewaltverhältnissen eine Beziehung aufgebaut hat. Der umfassendste Opferschutz ist dann möglich, wenn die Betreffenden dazu bereit sind, in einem Strafverfahren gegen den Täter auszusagen, und wenn ihre Zeugenschaft für die Staatsanwaltschaft von strafrechtlicher Bedeutung ist. In diesen Fällen erhalten die Frauen eine sichere Unterkunft und haben Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Sie können einen Deutschkurs besuchen und berufsbildende Maßnahmen ergreifen. FIM unterstützt die Opfer von Menschenhandel bzw. von Zuhälterei und Ausbeutung zudem durch psychosoziale Beratung, Sicherstellung von medizinischer und psychologischer Versorgung, Information über Möglichkeiten von Rechtsbeistand und Nebenklagevertretung sowie durch Vorbereitung, Begleitung und Nachbereitung bei Gerichtsprozessen. Im Weiteren geht es um die Hilfe zur Sicherstellung der materiellen Existenz und bei der Arbeitssuche, Integration in die deutsche Gesellschaft bzw. Unterstützung bei der Rückkehr und bei der Reintegration in das Herkunftsland. 173 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Nicht zwingend steigen Frauen aus der Prostitution aus, wenn sie sich einmal erfolgreich gegen eine Gewaltsituation gewehrt haben. Es gibt Frauen, die einen solchen ‚Bruch‘ und die ihnen gegebene Unterstützung für sich nutzen, um ihr Leben und ihren Lebenskontext vollständig umzustellen. Andere jedoch ‚halten nicht durch‘ und kehren in alt bekannte Strukturen zurück bzw. verschwinden plötzlich und brechen den Kontakt zur Beratungsstelle unbegründet ab. Politisches Arbeiten in der Sozialarbeit Auf der praktischen Ebene der Sozialen Arbeit bleiben der Empowerment- und lebensweltorientierte Ansätze zentral, soll das subjektive Selbstbestimmungsrecht eines/r jeden respektiert werden. Der Mensch handelt jedoch im Rahmen bestehender Möglichkeiten, die stark von außen, dem Umfeld, den Strukturen, den glücklichen oder unglücklichen Umständen der Geburt bestimmt sind. Mit dem Profil eines menschen- und frauenrechtlich orientierten Beratungszentrums ist bei FIM deshalb die Soziale Arbeit unabdingbar mit sensibilisierender, gesellschaftskritischer Bildungs- und Advocacyarbeit verwoben. Hierbei werden ausgrenzende und diskriminierende Strukturen sowie für den Markt der Armutsprostitution verantwortliche Mechanismen in den Blick genommen. FIM engagiert sich vielseitig, dies sowohl in der breiten Öffentlichkeit wie auch in der Fachöffentlichkeit und im Kontext von Kooperationsbeziehungen. Zu dieser Arbeit gehören die aktive Beteiligung an Runden Tischen, das Initiieren von interdisziplinären Arbeitskreisen und die umfassende Vernetzungsarbeit mit Kooperationspartnern. Im Kontext Armutsprostitution ist FIM aktuell insgesamt an neun verschiedenen kontinuierlich tagenden Gremien, z. T. als Organisatorin und Moderatorin, auf Landes- sowie auf kommunaler Ebene beteiligt. 174 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Hinzu kommt ein von FIM verantwortetes, mehrfach jährlich stattfindendes Treffen der Streetworkerinnen in Hessen. Eine konkrete und auf die Zielgruppe der Freier zugeschnittene Ansprache wird seit 2006 verantwortet: Die Website www.stoppt-zwangsprostitution.de sensibilisiert Freier in ihrer Verantwortung als Akteure auf dem Markt der Armutsprostitution und liefert eine niedrigschwellige und anonyme Möglichkeit, sich bei Verdacht auf Gewalt und Menschenhandel zu melden bzw. Frauen zu unterstützen. Diese Form der Kontaktaufnahme zu FIM wird immer wieder von Freiern genutzt. Hinsichtlich des neuen Prostituiertenschutzgesetzes engagiert sich FIM für eine Umsetzung des Gesetzes, die vor allem die politischen Ziele – den Schutz und die Stärkung der Prostituierten – im Blick hat. In Frankfurt am Main beteiligt sich FIM aktiv an einem vom Magistrat eingesetzten Fachbeirat, der Vorschläge zur kommunalen Umsetzung unter Berücksichtigung der spezifischen Situation in Frankfurt (hohe Prostituiertenzahl, darunter viele Armutsprostituierte, besonders prekäre Wohnsituationen) erarbeiten soll. Auf Landesebene hat FIM für Behördenmitarbeiterinnen und -mitarbeiter, die für die Informations- und die Gesundheitsberatung im Rahmen des gesetzlichen Anmeldeverfahrens für Prostituierte zuständig sein werden, eine zweitägige Fortbildung konzipiert und mehrfach erfolgreich durchgeführt. Diese Personengruppe, die bisher kaum Berührungspunkte mit dem Themenfeld ‚Prostitution‘ hatte, wurde hierbei u. a. zu den Problematiken der Armutsprostitution informiert und sensibilisiert. In der Advocacyarbeit von FIM ist es von entscheidender Bedeutung, dass die reale Vielfalt der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen in der Pros titution im Mittelpunkt steht. Denn jede ideologische Diskussion geht an den Problemlagen der Frauen und an deren Bedürfnissen vorbei (FIM 2014: 11). 175 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der Bundesregierung zu „Menschenhandel und Zwangsprostitution in Europa“ konnte FIM 2014 im Rahmen einer Anhörung dieser großen, besonders benachteiligten Gruppe in der Prostitution Gehör verschaffen, einer Gruppe, die bislang in keinem der bestehenden Lobbynetzwerke der Sexarbeiterinnen vertreten ist. Wichtig ist es, die Meinungspolarisierungen zwischen erzwungener Prostitution einerseits und selbstbestimmter Prostitution andererseits zu überwinden, denn erst dann können die verschiedensten Zwischenformen zwischen Zwang und Freiheit sichtbar werden und damit auch die Bindung der Prostitution an ein asymmetrisches Geschlechterverhältnis, in dem Frauen für Männer ‚da sind‘ (vgl. FIM 2006: 5)44. Im Rahmen einer ehrlichen Auswertung und Evaluation der Ergebnisse und Praxiserfahrungen durch das Gesetz, wünscht sich FIM einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, in dem Fragen von Geschlechterbeziehung wie auch Ausgrenzung und Diskriminierung kritisch reflektiert werden. Das Prostituiertenschutzgesetz sollte nicht nur dazu beitragen, dass sich kommunal Verantwortliche und Verwaltungen mit einem ungeliebten und bislang weitgehend ignorierten Phänomen aus ordnungspolitischen Gründen irgendwie beschäftigen müssen. Es braucht einen weiterführenden Impuls in unserer Gesellschaft für eine offene und tiefgehende Wertediskussion, die menschenrechtlich orientierte Normen reflektiert und die Beziehung zwischen den Geschlechtern sowie (internationale) existenzbedrohende Ausbeutungsstrukturen einschließt. Das Prostituiertenschutzgesetz bietet einen guten Anlass für neues gesellschaftliches Bewusstsein und Handeln, darin liegt jetzt die Chance. 44 Eine sozialhistorische Einordung hierzu nimmt Kontos vor: „Vor dem Hintergrund eines liberalen Umgangs mit Sexualität … (ist Prostitution ) … nicht mehr die Schattenseite der bürgerlichen Ehe- und Liebesverhältnisse, die als deren latente Bedrohung eingehegt und ausgesperrt werden müsste, sondern sie wird (für Männer) zur leicht zugänglichen Entlastung von den wachsenden Herausforderungen und Risiken des neoliberalen Alltags“ (Kontos 2009: 390). 176 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Literatur Albert, M. (2015). Soziale Arbeit im Bereich Prostitution–Strukturelle Entwicklungstendenzen im Kontext von Organisation, Sozialraum und professioneller Rolle. In: Soziale Arbeit und Prostitution. Wiesbaden: Springer Fachmedien. Albert, M., Wege, J. (2015). Einleitung. In: Soziale Arbeit und Prostitution. Wiesbaden: Springer Fachmedien. BesD – Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e. V. (2014). Berufsverband der Sexarbeiter_innen erwartet mit Besorgnis weitere Ergebnisse zur geplanten Prostitutionsregulierung. Berlin: Pressemitteilung vom 09.09.2014. Bufas – Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter e. V. (2015). Stellungnahme zum Entwurf eines Gesetzes zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. Berlin: September 2015. Bundesrat (2011). Entschließung des Bundesrates – Stärkere Reglementierung des Betriebs von Prostitutionsstätten, Drucksache 314/10, 11.02.2011. FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V. (2014). Menschenhandel und Zwangsprostitution in Europa. Eine Stellungnahme zu Öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, Deutscher Bundestag, Ausschussdrucksache 18(17)28. FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V. (2006). Prostitution: Zwang oder Beruf? – Tagungsdokumentation, Schwalmstadt (Eigenveröffentlichung). Follmar-Otto, P., Rabe, H. (2009). Menschenhandel in Deutschland: die Menschenrechte der Betroffenen stärken. Deutsches Institut für Menschenrechte. DEU. Herriger, N. (2014). Empowerment in der Sozialen Arbeit – Eine Einführung, 5. Erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer. Kontos, S. (2009). Öffnung der Sperrbezirke. Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution. Königstein/Taunus: Ulrike Helmer Verlag. Niesner, E. (2014). Armutsprostitution – eine gesellschaftliche Herausforderung. In: Zeitschrift für Menschenrechte , 2014 (2), 144–158, Schwalbach: Wochenschau Verlag. 177 Armutsprostitution und sozial(politische) Arbeit Plößer, M. (2010). Differenz performativ gedacht. Dekonstruktive Perspektiven auf und für den Umgang mit Differenzen. In: Differenzierung, Normalisierung, Andersheit – Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften. Salentin, K. (2000). „Kultur der Armut“ oder nur Niedrigeinkommen? – Armut und die Bewältigung finanzieller Probleme. In: Soziale Probleme – Zeitschrift für soziale Probleme und soziale Kontrolle, 11. Jahrgang, Heft 1/2.,116–140. Thiersch, H., Grunwald, K. und Köngeter, S. (2000). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. In: Grundriss Soziale Arbeit, Opladen. Wege, J. (2015). Soziale Arbeit im Kontext der Lebenswelt Prostitution – Professionelle Handlungsansätze im Spannungsfeld unterschiedlicher Systeme und Akteure. In: Soziale Arbeit und Prostitution. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

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Zusammenfassung

Ebenso skandalisiert wie verharmlost ist die Praxis gewerblichen Geschlechtsverkehrs immer wieder Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher Debatten. Undeutlich bleibt dabei oft, was genau gemeint ist und über wen gesprochen wird. Die rechtliche Lage, die sozioökonomische Position, die Profiteure und die Benachteiligten eines sich ständig verändernden Milieus müssen nämlich ebenso berücksichtigt werden wie die Orte von Prostitution und das Geschlecht der Betroffenen. Dieser Sammelband möchte gegenwärtige Strömungen und Auffassungen sichtbar machen, Ursachen und Motive von Prostitution argumentativ aufbereiten, die Nachfrageseite und ihre Rolle im Prostitutionssystem beleuchten, den Einfluss medialer Sujets nachzeichnen und auch die Probleme benennen, die im Rahmen der Feldforschung entstehen. Zudem stellt der Band wichtige Beratungs- und Ausstiegsangebote vor, die insbesondere in Deutschland und Schweden verfolgt werden. Neben sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln und sozialarbeiterischen Interventionsmöglichkeiten bei von Gewalt betroffenen Menschen in der Prostitution stehen vor allem Betroffene mit ihren Erfahrungen im Mittelpunkt. Stimmen aus der Praxis der Sozialen Arbeit prägen den abschließenden Schwerpunkt des Buches und berichten von den Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu.