Content

Carina Angelina, Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution und Prostituierten in:

Carina Angelina, Stefan Piasecki, Christiane Schurian-Bremecker (ed.)

Prostitution heute, page 113 - 126

Befunde und Perspektiven aus Gesellschaftswissenschaften und Sozialer Arbeit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4106-2, ISBN online: 978-3-8288-6966-0, https://doi.org/10.5771/9783828869660-113

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
113 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution und Prostituierten Carina Angelina Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution Abstract How prostitution is received and regarded in society depends heavily upon widespread opinions. There is a controversial discussion within religious institutions, feminist organizations and social work on how prostitution should be viewed. Even though social work representatives advocate for the rights and dignity of women in prostitution and help them to cope with its social, psychological and physical effects, divergent views are encountered in the discourse on predominantly heterosexual prostitution (women as providers of sexual acts against loan and men as consumers). Because of such contrary views, common goals and strategies for action are extremely difficult to come by. In the feminist discourse, there are two main attitudes to prostitution: the abolitionist (definition of prostitution as violence) and the liberal (definition of prostitution as sexwork). Both sides argue with the right for sexual self-determination and against patriarchal structures. The following article adds a third ambivalent standpoint to this discussion, in order to provide a multi-perspective approach, so that the three main views from the perspective of social work concerning this specific topic are outlined. These typifications attempt to describe the complex and often ambiguous values, roles and priorities in social work. 114 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Einführung In den unterschiedlichsten Bereichen, u. a. in der Kirche, feministischen Organisationen und der Sozialen Arbeit, wird diskutiert, wie Prostitution verstanden und bewertet wird und wie sich ihr gegenüber zu positionieren sei. Dabei treffen divergierende Meinungen aufeinander, die teilweise nicht miteinander kompatibel sind (vgl. BMFSFJ 2005: 15). Vorwiegend wird über heterosexuelle Prostitution diskutiert, bei der Frauen sexuelle Handlungen gegen Entgelt anbieten und Männer als Sexkäufer fungieren (vgl. Grenz u. Lücke 2006: 12 zit. n. Grenz 2007: 11). Auch wenn die Soziale Arbeit für die Rechte und Würde der Frauen in der Prostitution eintritt und ihnen „Hilfestellung und Betreuung bei den sozialen, psychischen und physischen Auswirkungen“ (Reichert u. Rossenbach 2013 zit. n. Albert 2015: 13) gibt, kann in der Sozialen Arbeit keine einheitliche Sichtweise zu diesem Thema festgestellt werden. Aufgrund dieser konträren Ansichten, gestalten sich gemeinsame Zielsetzungen und Handlungsstrategien äußerst schwierig (vgl. Albert 2015: 13, 22). Im feministischen Diskurs stehen sich seit den 1970er-Jahren vor allem zwei divergierende Haltungen in Bezug auf Prostitution gegenüber: die abolitionistische (ablehnend) und die liberale (befürwortend) (vgl. Grenz 2015: 12 zit. n. Bastian 2010: 29). Beide Seiten argumentieren mit dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und gegen patriarchale Strukturen (vgl. Grenz 2007: 15). Im folgenden Abschnitt wird versucht eine weitere ambivalente Haltung miteinzuschließen, sodass also drei wesentliche sozialarbeiterische Anschauungen dargestellt werden.32 Diese Typisierungen versuchen zu beschreiben, „welche komplexen und oft nicht eindeutigen 32 Ich beziehe mich hierbei auf die Ausarbeitung von Vorheyer (2010) hinsichtlich sozialarbeiterischen Haltungen bzgl. Prostitution, die von Albert (2015) aufgenommen, interpretiert und erweitert wurden. 115 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution Werthaltungen, Rollenverständnisse und Handlungsschwerpunkte“ (Albert 2015: 21f.) in der Sozialen Arbeit vertreten sind. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass es auch noch weitere sozialarbeiterische Haltungen bzgl. Prostitution gibt (ebd.: 22) und „sich solche Positionierungen prozesshaft und je nach beruflichen Situationen ständig ändern können“ (ebd.: 19). Weitere Differenzierungen, eine weiterreichende Auseinandersetzung mit den rechtlichen Konsequenzen sowie kritische Einwände können in diesem Artikel nur im Ansatz vorgestellt und nicht ausführlicher behandelt werden.33 a) Traditionell-feministische Perspektive (ablehnend) Prostitution wird aus traditionell-feministischer Perspektive zwar als existierende Wirklichkeit anerkannt, jedoch wird sie eher kritisch bewertet und teils abgelehnt. Die abolitionistische Sichtweise wird hier häufig vertreten (vgl. Grenz 2007: 19). Der Begriff Abolitionismus wurde im 19. Jahrhundert von der Feministin Josephin Butler geprägt, deren Ziel es war, die Prostitution zu beenden (vgl. Schmackpfeffer 1999: 25, 27). Diese Anschauung erkennt Prostitution nicht als Beruf an (vgl. Grenz 2005: 12 zit. n. Bastian 2010: 29), sondern fasst sie als eine Folge des Patriarchats und Kapitalismus auf (vgl. Bastian 2010: 30; Sanders 2005: 38f. zit. n. Grenz 2007: 15). Prostitution ist somit auch nicht mit der Gleichstellung der Geschlechter vereinbar, da Freier vorwiegend männlich sind und Prostituierte überwiegend weiblich. In der Prostitution werden geschlechterspezifische Stereotype gefördert und die Anschauung unterstützt, dass die Befriedigung sexueller Bedürfnisse (meist von Männern) eine 33 Eine ausführliche Auseinandersetzung mit den rechtlichen Konsequenzen der jeweiligen Positionen sowie kritische Einwände sind in dem Bericht des BMFSFJ (2007c) nachzulesen. 116 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Art Recht sei. Männer erlangen aufgrund von ökonomischer Macht den Zugang zum weiblichen Körper (vgl. Schulze 2014: 21) und dies wird als Form der Ausbeutung und Unterdrückung der Frauen beurteilt (vgl. Albert 2015: 20; Schwarzer 1975: 178 zit. n. Bastian 2010: 30; Gerheim 2011: 9). Frauen leben demnach in der Prostitution ihre Sexualität nicht selbstbestimmt aus, sondern werden aufgrund der ökonomisch-sozialen Benachteiligung in die Prostitution gedrängt und zur Ware degradiert (vgl. Schmackpeffer 1999: 108ff.). Da es lediglich um die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Sexkäufers geht (vgl. Schwarzer 1983: 8 zit. n. Bastian 2010: 31), kann man daher nicht von einer gleichberechtigen sexuellen Beziehung sprechen (vgl. Barry 1996: 23, 112 zit. n. BMFSFJ 2007b: 17): Als zentrales Motiv gilt die männliche Kontrolle des weiblichen Körpers und der weiblichen Sexualität, so daß die Bedürfnisse und Interessen der Männer bedient werden, nicht aber die der Frauen (Meuser 1998: 79 zit. n. Bastian 2010: 30). Mit dieser Auslegung steht Prostitution im Widerspruch zur Emanzipation (vgl. Schmackpeffer 1999: 107). Radikale Positionen sind der Ansicht, Prostitution müsse als Gewalt gegen Frauen im Sinne einer Vergewaltigung gewertet werden, da mit der Bezahlung die Zustimmung erkauft und erzwungen werde (vgl. Jeffreys 1997: 4 zit. n. Grenz 2007: 14; Honeyball 2008 zit. n. Gerheim 2011: 9). Sanders (2005) sowie O’Connell Davidson (1998) teilen eine prostitutionskritische Ansicht und sehen Frauen in der Prostitution als Opfer von gesellschaftlichen Verhältnissen, nehmen sie dennoch als bewusste Akteurinnen war (vgl. zit. n. Grenz 2007: 14f.): Weitgehend Einigkeit herrschst darüber, dass Prostitution ein Resultat und Abbild der rechtlichen, ökonomischen und sozialen Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen sowie der sexuellen Doppelmoral ist, die den Männern mehr Freiheiten zugestehen. Das ökonomische Ungleichgewicht 117 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution macht die Entscheidung, in der Prostitution tätig zu werden, zu einer rationalen (Sanders 2005: 38f zit. n. Grenz 2007: 15). Politische Auswirkungen dieser Haltung zeigen sich zum Teil im sogenannten Schwedischen Modell (vgl. Dodillet 2006 zit. n. Albert 2015: 20). Hier wird das Ziel verfolgt u. a. durch die strafrechtliche Verfolgung der Sexkäufer, die Nachfrage zu reduzieren und damit auch das Angebot einzudämmen. Da Prostituierte als Opfer von Ausbeutung angesehen werden, ist das Anbieten von sexuellen Handlungen gegen Entgelt nicht strafbar (vgl. Han 2003: 256f.; Gerheim 2011: 9). Prostitution wird hier als soziales und gesellschaftliches Problem gewertet, welches allen Beteiligten schadet (vgl. Kilvington et al. 2001: 79f. zit. n. Han 2003: 256). Allerdings werden von verschiedenen Gruppierungen auch Einwände vorgebracht, von denen ich drei kurz aufzeigen möchte. 1. Prostituierte werden hier mit Gewaltopfern gleichgesetzt (vgl. HWG 1994 zit. n. BMFSFJ 2005: 21). Viele teilen diese Auffassung nicht, mit der Begründung, dass „auch die Selbstwahrnehmung von Prostituierten mit Gewalterfahrungen sich nicht durchgehend mit der eines Gewaltopfers deckt“ (ebd.). 2. Mit der Kriminalisierung der Sexkäufer sollen diese als Täter eingestuft werden. Dies bedeutet jedoch, dass alle Prostituierte somit indirekt als Opfer angesehen werden (vgl. BMFSFJ 2007b: 21). 3. „Da die freie Selbstbestimmung Ausdruck der Menschenwürde ist, bestimmt der Einzelne selbst, was seine Würde ausmacht“ (ebd.). Die Grenze darf erst dann gezogen werden, wenn eine Tat als sozialschädlich angesehen wird. Schweden argumentiert, dass Prostitution eine Gefährdung der Gleichberechtigung darstellt. Die meisten Länder sind nicht dieser Ansicht (vgl. ebd.).34 34 An dieser Stelle muss jedoch erwähnt werden, dass 2014 eine nicht bindende Resolution im Europaparlament verabschiedet wurde, die das schwedische Modell empfiehlt und alle europäischen Länder dazu auffordert, 118 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Die traditionell-feministische Perspektive hat Auswirkungen auf die Arbeitsweise in der Sozialen Arbeit. Da diese Ansicht vorwiegend problembezogen ist, wird Prostitution als schädliche Tätigkeit beurteilt, die keine langfristige Perspektive aufweist. Grundsätzlich wird davon ausgegangen, dass die Personen nicht in der Tätigkeit verbleiben wollen (vgl. Albert 2015: 19f.). Sie benötigen deshalb ein „hohes Maß an sozialen, rechtlichen und staatlichen Unterstützungsmaßnahmen“ (ebd., 20). Daraus folgt eine „zweckgebundene Sozialarbeit“, die sich v. a. an „den Ausstiegswünschen und der beruflichen Reintegration der Frauen orientieren soll“ (ebd.). Auch wenn diese Position der Prostitution ablehnend oder kritisch gegenübersteht, wird prostituierten Personen „hohe Toleranz und Wertschätzung“ entgegengebracht (ebd.). b) Neo-feministische Perspektive (befürwortend) In den 80er-Jahren entstanden diverse Prostituiertenprojekte, wie z. B. Hydra, HWG oder Kassandra. Sie werten Prostitution als Beruf wie jeden anderen und bezeichnen diese deshalb als Sexarbeit (vgl. Bastian 2010: 32f.). Folglich befürworten sie eine Entkriminalisierung sowie Entstigmatisierung von Prostitution und Sexkauf, fordern eine gesellschaftliche Normalisierung (vgl. Gerheim 2011: 9; Albert 2015: 20) und setzen sich für rechtliche Arbeits- und Lebensbedingungen für Prostituierte ein, die sie als besser erachten (Vgl. Grenz 2005: 12ff. zit. n. Bastian 2010: 29). Eine rechtliche Gleichstellung mit anderen Erwerbstätigkeiten soll erreicht werden, indem sowohl die Sperrbezirksverordnung (vgl. Hydra) als auch Paragraphen des StGB im Zusammenhang mit Förderung der Prostitution und Zuhälterei abgeschafft werden sollen. Zusätzlich soll das Werbeverbot im StGB aufgehoben werden (vgl. BMFSFJ 2007b: 29). Grundlage für diese Forderungen dieses Modell zu übernehmen: „Die Abgeordneten betonen, dass nicht nur Zwangsprostitution, sondern auch freiwillige sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung die Menschenrechte und die Würde des Menschen verletzen“ (vgl. Europäisches Parlament 2014). 119 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution ist ebenfalls die Gleichstellung der Geschlechter (vgl. BMFSFJ 2005: 21). Das Wort Zwangsprostitution wird bei dieser Ansicht als widersprüchlich beurteilt, da Prostitution als rein freiwillige Tätigkeit dargestellt und klar von sexualisierter Gewalt abgetrennt wird: Zwangsprostitution gibt es nicht. Prostitution ist eine freiwillig erbrachte sexuelle Dienstleistung, die einen einvernehmlichen Vertrag zwischen erwachsenen Geschäftspartner/-innen voraussetzt. Ohne dieses Einvernehmen handelt es sich nicht um Prostitution, sondern um erzwungene Sexualität und damit um sexualisierte Gewalt (Engelmeyer in Deutscher Bundestagsprotokoll 14/69 2001: 15 zit. n. BMFSFJ 2005: 19).35 Es werden die „selbstverantwortliche Entscheidung und die relativen Vorzüge dieser Tätigkeit und Selbstbestimmung von Art und Umfang der Arbeit“ hervorgehoben (BMFSFJ 2005: 21). Dennoch wird Prostitution als teilweise patriarchales System verstanden, da Frauen mit ihrer Sexualität der Befriedigung von Männern zur Verfügung stehen (vgl. Prostituiertenprojekt Hydra 1991: 12 zit. n. Bastian 2010: 31). Allerdings unterscheidet diese Position im Gegensatz zu den Abolitionisten/-innen zwischen „Prostitution als Institution einer partriarchalischen [sic!] Gesellschaft und Prostitution als daraus resultierende Möglichkeit des Gelderwerbs für Frauen“ (vgl. Prostituiertenprojekt Hydra 1991, 9 zit. n. Bastian 2010, 32). Trotzdem wird Prostitution nicht im Widerspruch zur Emanzipation gesehen, da sie auch als Form der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen verstanden werden kann, als natürliches sexuelles Verlangen oder Ausdruck „sexuellen Andersseins“ (Grenz 2007: 15). Einige Vertreter/-innen dieser Position bewerten Prostitution außerdem als wichtige gesellschaftliche Funktion (vgl. Albert 2015: 21). Begründung hierfür ist u. a., dass männliche Sexualtriebe in der Prostitution befriedigt werden und dadurch schädigendes Verhalten vermieden werden kann (vgl. Grenz 2007: 16f.; Prostituiertenprojekt 35 Engelmeyer bezieht sich an dieser Stelle auf Kassandra e. V. 120 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Hydra 1991: 13 zit. n. Bastian 2010: 31): „Sexualität gehört demnach zur unveränderlichen Identität und nimmt Schaden, wenn sie nicht ausgelebt werden kann“ (Grenz 2007: 16f.). Negative Auswirkungen können sowohl bei einer sexuell unbefriedigten Person auftreten als auch bei Personen in dessen Umfeld. Mit der Prostitution sollen Männer die Möglichkeit erhalten, „die gewünschte Art von Sexualität ausleben zu können, da sich ihre sexuellen Energien ansonsten ins Negative wenden“ (Grenz 2007: 16).36 Aus diesem Grund lehnen Vertreter/-innen dieser Sichtweise das Schwedische Modell ab (vgl. Bastian 2010: 32). Auch diese Position wird von diversen Seiten kritisiert. Unter anderem werden die negativen Auswirkungen und Schattenseiten der Prostitution vollkommen ausgeblendet bzw. verharmlost (vgl. BMFSFJ 2005: 21). Weitere Kritikpunkte zu dieser Ansicht decken sich mit der „liberalfeministischen Perspektive“. Daher werde ich die Einwände weiter unten im Text ausführen. Auch diese Einstellung beeinflusst das Verhalten von Sozialarbeiter/-innen und deren Umgang mit Prostituierten. Sie begegnen den Personen in der Prostitution nicht nur mit Toleranz und Respekt, „sondern auch mit eindeutiger Solidarität und Unterstützung ihrer eigentlichen Tätigkeit“ (Albert 2015: 20). Da Prostitution als eine bestimmte Form von selbstbestimmter Sexualität verstanden wird, zielt die Beratung darauf ab, Prostituierte in ihren Rechten in der Prostitution zu stärken. Sie sollen lernen, sich selbstbewusst und eigenständig zu vertreten (vgl. ebd.: 21) und in ihrem Alltag Unterstützung erhalten (vgl. Bastian 2010: 41). Soziale Arbeit übernimmt auch die Aufgabe eines Fürsprechers gegenüber der Gesellschaft. „Konsequent vertre- 36 Grenz nennt das Beispiel einer Frau, die sich gewünscht hätte, dass ihr Vater zu einer Prostituierten gegangen wäre. Ihr Vater habe unbefriedigte sexuelle Bedürfnisse gehabt im Hinblick auf bestimmte sexuelle Praktiken, welche die Mutter verweigerte. Diese sexuelle Frustration führte zu einem angespannten Familienverhältnis. Hätte er seine sexuellen Wünsche mit einer Prostituierten ausgelebt, wäre dies nach Meinung der Tochter eine Befreiung für ihn und die Familie gewesen (vgl. Grenz 2007: 16). 121 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution ten wird in diesem Kontext die aktive Solidarität mit Sexarbeiterinnen und der Einsatz für eine Stärkung ihrer Rechte in der Öffentlichkeit“ (Albert 2015: 21). c) Liberal-feministische Perspektive (ambivalent) Die liberal-feministische Perspektive entspricht in etwa dem aktuellen politischen Kurs in Deutschland: Kennzeichen eines freiheitlichen Rechtsstaates ist die Respektierung der autonomen Entscheidung der Einzelnen, so lange keine rechtlich geschützten Interessen anderer verletzt werden (BMFSFJ 2007a: 8). Es ist nicht die Aufgabe des Staates, moralische Verhaltensstandards durchzusetzen oder Menschen vor den Folgen ihrer Lebensentscheidung zu bewahren, die sie in freier Selbstverantwortung getroffen haben (BMFSFJ 2007b: 26). Dies verdeutlicht erneut, dass auf politischer Ebene die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Betroffenen im Vordergrund stehen. Freiwilligkeit und sexuelle Selbstbestimmung ist demnach dann gegeben, wenn eine Person „frei über das ‚Ob‘, das ‚Wann‘ und das ‚Wie‘ einer sexuellen Begegnung entscheiden kann“ (BMFSFJ 2007a: 8). Zwangsprostitution und Menschenhandel werden eindeutig als Gewalt definiert (vgl. BMFSFJ 2007b: 26), freiwillige Prostitution jedoch nicht, da diese als Erwerbstätigkeit der Berufsfreiheit nach Art. 12 Abs. 1 GG zugeordnet wird (vgl. BMFSFJ 2007a: 8). Dennoch wird betont, dass diese Tätigkeit ein erhöhtes Risiko für psychische und physische Folgeerscheinungen und eine erhöhte Gewaltprävalenz aufweist (vgl. BMFSFJ 2007b: 26). Nachfolgende Kritikpunkte, die von verschiedenen Seiten angebracht werden, betreffen sowohl die liberal-feministische Position als auch die neo-feministische Perspektive: 122 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute 1. Die Menschenwürde wird auf die Autonomie des Einzelnen begrenzt. Es wird argumentiert, dass die Sexualität „zum unantastbaren Kernbereich der Persönlichkeit“ gehört (ebd.: 27). Daher kann und darf Sexualität nicht kommerzialisiert und zur Ware degradiert werden (vgl. ebd.). 2. Diese Argumentationen verschleiern, dass Prostitution v. a. die wirtschaftlich Mächtigen begünstigt und dass häufig ökonomische Ungleichheit und strukturelle Gewalt in die Prostitution führen. Somit wird die Situation einer Person, die sich aufgrund einer bestimmten Notlage und/oder Zwängen prostituiert, missbraucht. Dies könne auch „nicht durch eine ‚formale‘ Zustimmung ‚geheilt‘ werden“ (Jeffreys 1997: 318f. zit. n. BMFSFJ 2007b: 27). 3. Die Praxis zeigt, dass es äußerst schwierig ist, Unterschiede zwischen freiwillig erbrachter Prostitution und erzwungener nachzuweisen (vgl. Jeffreys 1997: 295, 305 zit. n. BMFSFJ 2007b: 28). 4. Mit der Legalisierung und Akzeptanz von Prostitution werde diese dann „salonfähig“ gemacht (Jeffreys 1997: 323 zit. n. BMFSFJ 2007b: 28). Dadurch würden „Schwellenängste“ möglicher Sexkäufer reduziert, wodurch die Nachfrage nach Prostitution ansteigen könnte (BMFSFJ 2007b: 28). Die liberal-feministische Haltung in der Sozialen Arbeit wird als ambivalent bezeichnet. Die Ausübung der Prostitution wird respektiert, jedoch werden die Folgen dieser Tätigkeit kritisch beleuchtet und beurteilt (vgl. Albert 2015: 21). Prostitution wird deshalb nicht als „Beruf wie jeder andere“ gewertet (ebd.). Die Zielgruppe stellen hier nicht diejenigen dar, die der Prostitution gerne und selbstbestimmt nachgehen und keinen Ausstieg beabsichtigen, sondern jene die Unterstützung in Anspruch nehmen möchten. Ausstiegsmöglichkeiten werden zwar angeboten, das Verbleiben im Sexgewerbe wird jedoch auch respektiert. Interventionsmöglichkeiten und Hilfe entsprechen den Bedürfnissen der Klientinnen. Ein freiwilliger Einstieg in die Prostitution wird 123 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Dennoch vertritt diese Position ebenfalls die Ansicht, dass unter diesen Umständen negative Folgeerscheinungen psychischer oder physischer Art auftreten können, die zu einem Ausstieg führen. Bei vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten wird der Ausstieg unterstützend begleitet (vgl. ebd.). Persönliches Fazit Die bisherige Sicht, die in diesem Bereich arbeitenden Frauen nur als ‚Opfer‘ krimineller Organisationen zu sehen, ist einseitig und voreilig. Dennoch können Fakten nicht darüber hinwegtäu-schen [sic!], dass die in der Sexindustrie arbeitenden Frauen weitgehend unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten und in vieler Hinsicht ausgebeutet werden, unabhängig davon, ob sie genötigt oder freiwillig dort arbeiten (Han 2003: 205). Prostituierte sollten nicht als handlungsunfähige Personen stigmatisiert und somit entmündigt werden. Dennoch sollte ebenfalls nicht verdrängt werden, dass Sexualität u. a. aufgrund eines ökonomischen Ungleichgewichts kommerzialisiert wird. Dabei sind diejenigen im Vorteil, die die finanziellen Mittel besitzen, um sich sexuelle Zuneigung zu erkaufen, und jene im Nachteil, die sich gezwungen sehen, unter prekären Bedingungen zu prostituieren (vgl. Artikel Carina Angelina: 33ff.; vgl. Artikel Elvira Niesner und Encarni Ramirez: 155ff.). Hier kann man von Ausnutzung eines Menschen aufgrund seiner Notlage sprechen. Deshalb sollte an die Nachfrageseite appelliert und diese in die Verantwortung genommen werden.37 37 Als Beispiel hierfür kann eine Kampagne aus Stuttgart angeführt werden, die Freier sensibilisieren soll: „Mit der Plakatkampagne ‚Stoppt Zwangsund Armutsprostitution‘ will die Stadt eine Wertediskussion zum Frauenbild in der Gesellschaft, zu Sexualität und Partnerschaft anstoßen. Die Menschenwürde steht im Mittelpunkt der Kampagne“ (Landeshauptstadt Stuttgart: 2016). 124 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Sozialarbeiter/-innen sollten Prostituierten, die meist von verschiedenen Akteuren stigmatisiert werden, mit Respekt und Toleranz begegnen (vgl. Artikel Deborah da Silva: 127ff.). Dabei sollten Unterstützungs- sowie Ausstiegsangebote Teil der Beratung sein. Um den Ausstieg derjenigen zu fördern, die diesen Wunsch artikulieren, sollten Hilfsangebote sowie Therapiemöglichkeiten verstärkt staatlich gefördert werden. Da ein Ausstieg nicht erzwungen werden darf und sollte, muss ein gewünschtes Verbleiben in der Prostitution gleichfalls respektiert werden. Auch hier ist es dringend erforderlich, entsprechende Mittel und Angebote, die auf Wunsch freiwillig und kostenlos in Anspruch genommen werden können, zur Verfügung zu stellen, um den betroffenen Personen in ihrer Lebenswelt unterstützend zur Seite zu stehen. Literatur Albert, M. (2015). Soziale Arbeit im Bereich Prostitution. Strukturelle Entwicklungstendenzen im Kontext von Organisation, Sozialraum und professioneller Rolle. In: Albert, M., Wege, J. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Prostitution. Professionelle Handlungsansätze in Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–26. Bastian, N. (2010). Prostitution im Kontext feministischer Debatten. In: Bastian, N., Billerbeck, K. (Hrsg.): Prostitution als notwendiges Übel? Analyse einer Dienstleistung im Spannungsfeld von Stigmatisierung und Selbstermächtigung. Marburg: Tectum-Verlag, S. 27–40. BMFSFJ (Hrsg.) (2005). Untersuchung „Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes“. Abschlussbericht. Freiburg. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2mfaMCc. BMFSFJ (Hrsg.) (2007a). Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz - ProstG). Berlin. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2lznCOD. BMFSFJ (Hrsg.) (2007b). Reglementierung von Prostitution. Ziele und Probleme. Eine kritische Betrachtung des Prostitutionsgesetzes. Berlin. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2v8Kbyf. 125 Sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostitution Europäisches Parlament (2014). Die Freier bestrafen, nicht die Prostituierten, fordert das Parlament. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2I9sEdd. Gerheim, U. (2011). Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. Eine soziologische Studie (1. Aufl.). Bielefeld: transcript (Gender Studies). Grenz, S. (2007). (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen (2. Aufl.). Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwissenschaften. Han, P. (2003). Frauen und Migration. Strukturelle Bedingungen, Fakten und soziale Folgen der Frauenmigration. Stuttgart: Lucius & Lucius Verlag. Hydra e. V. (Hrsg.). Unsere Ziele. Zugriff am 07.03.2018 unter http://www.hydra-berlin.de/verein/unsere_ziele/. Schmackpfeffer, P. (1999): Frauenbewegung und Prostitution. Über das Verhältnis der alten und neuen deutschen Frauenbewegung zur Prostitution. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2oVNxQh. Schulze, E. (2014): Sexuelle Ausbeutung und Prostitution und ihre Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter. Zugriff am 07.03.2018 unter http://bit.ly/2tmPDy6. Landeshauptstadt Stuttgart (2016): Die Kampagne: „Stoppt Zwangs- und Armutsprostitution“. Zugriff am 28.02.2018 unter http://stuttgart-sagt-stopp.de/kampagne/.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Ebenso skandalisiert wie verharmlost ist die Praxis gewerblichen Geschlechtsverkehrs immer wieder Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher Debatten. Undeutlich bleibt dabei oft, was genau gemeint ist und über wen gesprochen wird. Die rechtliche Lage, die sozioökonomische Position, die Profiteure und die Benachteiligten eines sich ständig verändernden Milieus müssen nämlich ebenso berücksichtigt werden wie die Orte von Prostitution und das Geschlecht der Betroffenen. Dieser Sammelband möchte gegenwärtige Strömungen und Auffassungen sichtbar machen, Ursachen und Motive von Prostitution argumentativ aufbereiten, die Nachfrageseite und ihre Rolle im Prostitutionssystem beleuchten, den Einfluss medialer Sujets nachzeichnen und auch die Probleme benennen, die im Rahmen der Feldforschung entstehen. Zudem stellt der Band wichtige Beratungs- und Ausstiegsangebote vor, die insbesondere in Deutschland und Schweden verfolgt werden. Neben sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln und sozialarbeiterischen Interventionsmöglichkeiten bei von Gewalt betroffenen Menschen in der Prostitution stehen vor allem Betroffene mit ihren Erfahrungen im Mittelpunkt. Stimmen aus der Praxis der Sozialen Arbeit prägen den abschließenden Schwerpunkt des Buches und berichten von den Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu.