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Carina Angelina, Lisa Schreiter, Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution in:

Carina Angelina, Stefan Piasecki, Christiane Schurian-Bremecker (ed.)

Prostitution heute, page 11 - 32

Befunde und Perspektiven aus Gesellschaftswissenschaften und Sozialer Arbeit

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4106-2, ISBN online: 978-3-8288-6966-0, https://doi.org/10.5771/9783828869660-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution Carina Angelina und Lisa Schreiter Abstract The following article serves as an introduction to the issue of prostitution and provides an overview of the milieu in Germany. After providing a definition of prostitution and what it consists of, different criteria and the role of free choice in prostitution are examined. Then, fundamentals of the legal framework of prostitution in the Federal Republic of Germany are traced and circumstances of those affected are roughly outlined. The discussion is then carried out further by providing critical views on subcultural developments and profiteers of prostitution. Begriffsdefinition Prostitution kann definiert werden als „Anbieten des eigenen Körpers zur sexuellen Befriedigung anderer Personen gegen materielle Entlohnung“ (Paulus 2016: 5), wobei auch materielle Güter wie beispielsweise Drogen ein Zahlungsmittel darstellen können. Das im Juli 2017 in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) liefert eine weitere rechtliche Begriffsdefinition. Demnach ist unter Prostitution eine „sexuelle Handlung mindestens einer Person an oder vor mindestens einer anderen unmittelbar anwesenden Person gegen Entgelt oder das Zulassen einer sexuellen Handlung an oder vor der eigenen Person gegen Entgelt“ zu verstehen (Dt. Bundestag 2016a: 2). Aktuell wird Prostitution auch euphemistisch als „Sexarbeit“ bezeichnet. Dieser Begriff impliziert, dass Prostitution eine legitime Form von Erwerbstätigkeit darstellt und ihr freiwillig nachgegangen wird (vgl. Jeffreys 2014: 17). Laut Kontos wird „Prostitution […] damit auf den marktförmigen Tausch reduziert, normalisiert und aus ihren geschlechtspolitischen Bezügen herausgelöst“ (2009: 9). 12 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Differenzierung nach dem Kriterium der Freiwilligkeit Prostitution kann in vielfacher Hinsicht als höchst heterogen bezeichnet werden. An dieser Stelle wird versucht, den Begriff anhand der jeweiligen „Handlungs- und Entscheidungsspielräume“ sowie der „Arbeits bedingungen und Arbeitsverhältnisse“ genauer zu beleuchten (BMFSFJ 2005b: 19): Ist von einer selbstbestimmten Entscheidung (Prostitution als gewünschter Beruf oder „Abenteuer“) die Rede, wird von „freiwilliger Prostitution“ ausgegangen. Hier hat die Person jedoch auch die Wahlmöglichkeit, ihren Lebensunterhalt mit einer anderen Tätigkeit zu verdienen. Im sogenannten grauen Bereich hingegen ist die Wahl einer anderen Tätigkeit enorm eingeschränkt. Aufgrund realer oder selbst empfundener Alternativlosigkeit prostituieren sich die Personen, selbst wenn das nicht wirklich gewollt wird. Aus der Not heraus werden hier zum Teil vielfach unzumutbare Arbeitsbedingungen und gesundheitliche Risiken hingenommen, wie etwa die „Arbeit ohne Kondom [...] oder die Abgaben an Zuhälter oder Partner [bzw.], die Arbeit unter schlechten räumlichen, zeitlichen, hygienischen oder finanziellen Bedingungen“ (BMFSFJ 2005b: 19f.). Gugel kritisiert den rechtlichen Umgang mit dieser Gruppe, da diese nach der Konzeption des Prostitutionsgesetzes als freiwillige Prostitution angesehen wird (vgl. 2011: 14). Im unfreiwilligen Bereich spricht man von Zwangsprostitution, welche von Ausbeutung sowie Gewalt geprägt ist und in der keinerlei Entscheidungsfreiheit mehr besteht (vgl. BMFSFJ 2005b: 19). Da die Grenzen zwischen diesen Bereichen oft fließend sind, gestaltet sich eine klare Einteilung in der Praxis meist schwierig. Während die einen die Ansicht vertreten, dass Prostituierung auf die freie Entscheidung der meisten Prostituierten1 zurückzuführen ist (vgl. Leopold 2005: 24), gehen andere, bspw. einige Vertreter der 1 Prostitution ist stark geschlechtsspezifisch determiniert. Um dies sprachlich zu verdeutlichen, wird im vorliegenden Artikel folgendermaßen gegendert: Bei in der Prostitution tätigen Menschen wird ausschließlich die weibliche Form (Prostituierte) verwendet, da Prostitution vorrangig von Frauen ausgeübt wird (siehe Abschnitt „Situation (in) der Prostitution“ S. 20). 13 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution Kriminalpolizei, davon aus, dass der größere Anteil der Prostituierten nicht selbstbestimmt tätig ist (vgl. Andrick 2012). Die Polizisten Sporer aus Augsburg oder Ubben aus Hamburg schätzen den Anteil derer, die aufgrund unterschiedlichster Zwänge tätig sind, sogar auf bis zu 90 % bzw. 95 % (vgl. Andrick 2012; Sporer 2013: 5). Laut dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) befinden sich viele Personen in der Prostitution in einer sozialen und psychischen Situation, „in der es fraglich ist, ob sie sich wirklich frei und autonom für oder gegen diese Tätigkeit entscheiden können“ (BMFSFJ 2007: 10). Auch die Frankfurter Fachberatungsstelle FIM für Frauen in der Prostitution betont, dass der Großteil der sich prostituierenden Frauen, die sich im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten entschieden haben oder dazu entscheiden mussten, im Milieu zu arbeiten, unter extrem erniedrigenden und menschenunwürdigen Bedingungen tätig sind […]. Es handelt sich nicht einfach um einen ausbeuterischen Arbeitsmarkt, sondern um die Verkettung von strukturellen und individuellen Zwangssituationen, die zur Ausweglosigkeit führen (Niesner 2014: 4). Pickup beurteilt die eingeschränkte Freiwilligkeit von Personen im sogenannten grauen Bereich daher wie folgt: „Die Freiwilligkeit der Frauen könnte vor diesem strukturellen Hintergrund letztendlich doch als Unfreiwilligkeit gelten, sie setzt dennoch die bewusste Entscheidung voraus“ (1998: 45ff. zit. n. Han 2003: 202). Da nahezu alle Personen, die sexuelle Handlungen kaufen, Männer sind, wird im vorliegenden Text ausschließlich die männliche Form (Freier) verwendet (siehe Artikel Manuela Schon: 57ff.). Die Zuschreibung Zuhälter/-in/ bzw. Betreiber/-in wird gegendert, da für diese Personengruppe keine Zahlen vorliegen und bekannt ist, dass sowohl Frauen als auch Männer als Zuhälter/-innen fungieren. 14 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Rechtliche Rahmenbedingungen der Prostitutionsausübung in Deutschland Die Ausübung, der Kauf sowie die Förderung (z. B. das Betreiben eines Bordells) von Prostitution sind in Deutschland grundsätzlich legal. Das gesetzliche Mindestalter liegt bei 18 Jahren (BMFSFJ 2017a: 2). Gesetzliche Vorgaben, die die Prostitution unmittelbar betreffen, sie beschränken und strafbare Formen definieren, sind in mehreren Gesetzesbüchern zu finden (u. a. Strafgesetzbuch, Ordnungswidrigkeitengesetz, Infektionsschutzgesetz). Die beiden wichtigsten Gesetze, die entscheidenden Einfluss auf die Prostituierten haben und einen rechtlichen Rahmen schaffen, sind das Prostitutionsgesetz (ProstG) und das Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG). Prostitutionsgesetz (ProstG) Das am 1. Januar 2002 eingeführte ProstG schafft die wichtigsten rechtlichen Rahmenbedingungen in Bezug auf Prostitution (vgl. BM- FSFJ 2007: 4) und gilt als eines der liberalsten Prostitutionsgesetze europaweit (vgl. Kavemann u. Steffan 2013). Der Gesetzgeber wollte mit dem ProstG die Prostitution weder grundsätzlich befürworten noch bekämpfen, sondern Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich die Situation derjenigen verbessert, die sich freiwillig in der Prostitution befinden und deren Rechte stärken (vgl. BMFSFJ 2007: 7; ebd.: 10). Somit wurde Prostitution rechtlich als selbstbestimmte Entscheidung respektiert, obwohl zugleich betont wurde, dass diese teilweise mit enormen Risiken verbunden ist (vgl. BMFSFJ 2007: 7). Außerdem war es Intention, durch das ProstG die Kriminalität in diesem Milieu zu bekämpfen, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen und den Ausstieg aus der Prostitution zu erleichtern (vgl. BMFSFJ 2007: 7, 81). 15 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution Mittels folgender Regelungen sollten diese Ziele erreicht werden: Mit der Abschaffung der Sittenwidrigkeit2 haben Prostituierte laut § 1 ProstG die Möglichkeit, nach erbrachter sexueller Handlung ihren Lohn gerichtlich einzuklagen. Der Vertrag ist einseitig verpflichtend, sodass der Sexkäufer die sexuellen Handlungen nicht einklagen kann. Mit der Abschaffung der Strafbarkeit der Förderung von Prostitution wurde die Möglichkeit für ein Beschäftigungsverhältnis geschaffen. Dadurch erhielten Prostituierte auch einen umfassenden Zugang zur Sozialversicherung. Mit der Einschränkung des Weisungsrechtes des Arbeitgebers in § 3 ProstG sollte die sexuelle Selbstbestimmung der Prostituierten gewahrt werden (vgl. BMFSFJ 2007: 7, 16, 81; Kavemann u. Steffan 2013; BT-Drs.14/5958 2001: 5). Die durch die Bundesregierung beauftragte Evaluation des ProstG zeigte diverse Auswirkungen des Gesetzes auf und betonte weiteren Handlungsbedarf: Es wurden zwar rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, damit Prostituierte Zugang zu einem Beschäftigungsverhältnis und zu Sozialversicherungsleistungen erlangen, jedoch wurde dies kaum in Anspruch genommen. Nur ein Prozent der Befragten gab an, einen Arbeitsvertrag als Prostituierte zu haben, und nur wenige waren als Prostituierte krankenversichert (vgl. BMFSFJ 2007: 17, 81). Es konnten kaum Verbesserungen in Bezug auf die Arbeitsbedingungen verzeichnet werden. Bisher haben nur sehr wenige Prostituierte von ihrem Recht Gebrauch gemacht, ihr Entgelt einzuklagen. Mögliche Gründe hierfür sind die in der Praxis übliche 2 Zwar ist Prostitution seit 1927 nicht mehr strafbar und somit legal, allerdings galt diese bis zur Einführung des ProstG als sittenwidrig und gemeinschaftsschädlich. Trotzdem mussten sowohl Prostituierte als auch Bordellbetreiber/-innen Steuern zahlen (vgl. Kavemann u. Steffan 2013). 16 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Vorkasse, die Wahrung der eigenen Anonymität sowie die Abschreckung der Sexkäufer bei der Androhung einer Klage. Die Umsetzung der Klageerhebung wäre damit überflüssig (vgl. ebd.: 14, 81). Die Möglichkeiten des Ausstiegs wurden nicht verbessert. Es gab auch keine Anzeichen dafür, dass das ProstG zur Verbesserung oder zur Erschwerung der Bekämpfung von kriminellen Begleiterscheinungen beigetragen habe.3 Zusätzlicher Handlungsbedarf besteht ebenfalls in der effektiveren Bekämpfung des Menschenhandels, der Zwangsprostitution und Ausbeutung von Prostituierten (vgl. ebd.: 81). Laut der bundesweiten AG Recht Prostitution hatte das Prostitutionsgesetz aufgrund der oben genannten Mängel weder wesentliche Auswirkungen auf den Alltag der Prostituierten noch brachte es signifikante Verbesserungen mit sich (vgl. Löw u. Ruhne 2011: 30). Welche Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes von verschiedenen Seiten außerdem beobachtet wurden, ist weiter unten bei „Profiteure, Veränderungen der Infrastruktur und kritische Entwicklungen im Milieu” unter Seite 23–26 nachzulesen. 3 Die Ergebnisse der Studie „Does legalized prostitution increase human trafficking?“ weisen jedoch eine grundsätzliche Tendenz auf, dass in Ländern, in denen Prostitution legalisiert ist, mehr Fälle von Menschenhandel bekannt sind, als in Ländern, in denen Prostitution gesetzlich verboten ist (vgl. Universität Heidelberg 2013; Cho et al. 2013: 1): „Es wird oft angenommen, dass legaler käuflicher Sex den Menschenhandel reduzieren könnte, da dann mehr legal in einem Land lebende Prostituierte zur Verfügung stehen. Unsere Studie deutet jedoch auf das Gegenteil“ (Universität Heidelberg 2013). Die Forschungsergebnisse dieser Studie können jedoch nicht als Beweise für konkrete Länder gelten. Ebenso bemerkt Dreher, dass sich durch die Legalisierung möglicherweise auch Arbeits- und Lebensumstände der Prostituierten verbessern können (vgl. ebd.). 17 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution ProstSchG Das Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen wurde im Oktober 2016 als Reaktion auf das als mangelhaft evaluierte ProstG beschlossen und ist zum 1. Juli 2017 in Kraft getreten (vgl. BMFSFJ 2017c). Die Politik sah Handlungsbedarf, da sich bei der Evaluation des seit 2001 geltenden ProstG herausstellte, dass nur wenige Erwartungen erfüllt wurden und weitere gesetzliche Maßnahmen vonnöten sind, um die Situation von sich in der Prostitution befindlichen Personen zu verbessern. Es fehlten Mindestvorgaben zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Prostituierten, zudem mangelte es an behördlichen Kontrollmöglichkeiten, was Intransparenz und kriminelle Strukturen begünstigte. Das neue Prostituiertenschutzgesetz hat zum Ziel, dem entgegenzuwirken, das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Prostituierten zu stärken sowie Grundlagen für verträgliche Arbeitsbedingungen zu schaffen (vgl. BMFSFJ 2017c). Um Kriminalität innerhalb der Prostitution, besonders den damit verwobenen Menschenhandel, effektiver bekämpfen zu können, sollen Prostitutionsbetriebe besser zu überwachen sein und erstmals Betreiber/-innen und Bordelle geprüft werden (vgl. ebd). Die durch das Prostituiertenschutzgesetz getroffenen Regelungen betreffen v. a. drei Gruppen: Prostituierte, Betreiber/-innen sowie Freier. Prostituierte sind fortan dazu verpflichtet, sich als Prostituierte zu registrieren. Bei der Anmeldung muss angegeben werden, an welchen Orten geplant ist, in der Prostitution tätig zu werden (vgl. BMFSFJ 2017b). Außerdem ist ein Informations- und Beratungsgespräch sowie eine verbindliche Gesundheitsberatung wahrzunehmen. Diese ist von Prostituierten über 21 Jahre alle zwölf Monate, beziehungsweise bei unter 21-Jährigen alle sechs Monate zu erneuern (vgl. BMFSFJ 2017a: 5). Abschließend erhält die Prostituierte eine Anmeldebescheinigung, welche bei über 21-Jährigen zwei Jahre lang, bei unter 21-Jährigen ein Jahr gültig und von der Prostituierten stets bei sich zu tragen ist (vgl. ebd: 4). 18 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Betreiber/-innen bedürfen nun einer behördlichen Erlaubnis, um ein Prostitutionsgewerbe eröffnen zu können (vgl. BMFSFJ 2017a: 6). Dafür müssen sie ein Betriebskonzept vorlegen und sich auf Zuverlässigkeit prüfen lassen, also ein Führungszeugnis vorlegen. Keine Zuverlässigkeit wird erteilt, wenn die betreffende Person innerhalb der letzten fünf Jahre aufgrund schwerwiegender Straftaten verurteilt wurde (vgl. BGBI 2016: 2377). Des Weiteren werden erstmals Mindestanforderungen an zum Prostitutionsgewerbe genutzte Anlagen sowie Prostitutionsfahrzeuge4 eingeführt, die eingehalten werden müssen. Beispielsweise dürfen die zur Prostitution genutzten Räume nicht mehr einsehbar und der Arbeits- sowie Schlafort der Prostituierten muss künftig klar getrennt sein (vgl. BMFSFJ 2017b). Der/die Betreiber/-in hat weiterhin dafür Sorge zu tragen, dass in seinem/ihrem Betrieb weder Minderjährige noch Frauen ohne Anmeldebescheinigung oder gar Opfer von Menschenhandel beschäftigt sind (vgl. BMFSFJ 2017b). Das Weisungsrecht, welches sich negativ auf die Machtdynamik zwischen Betreiber und Prostituierte auswirken und dadurch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung behindern kann, wird mit Einführung des ProstSchG im Prostitutionsgesetz expliziter eingeschränkt. Der/die Betreiber/-in darf keine Vorgaben mehr zur Ausgestaltung der sexuellen Handlungen machen (vgl. BMFSFJ 2017a: 3). Zudem darf er/sie sich nicht an der Vermietung von Räumen bereichern, d. h. die Preise dürfen in keinem Missverhältnis zu Normpreisen stehen (vgl. BGBI 2016: 2381). Verboten ist außerdem, für Sex ohne Kondom oder mit Schwangeren zu werben (vgl. ebd). Freier betrifft v. a. die eingeführte Kondompflicht. Die Prostituierte kann bei Zuwiderhandlung nicht bestraft werden, wohl aber der Freier (vgl. BMFSFJ 2017b). Außerdem macht sich seit dem 15. Oktober 2016 nach dem Paragraphen 232a StGB derjenige strafbar, der wis- 4 Prostitutionsfahrzeuge sind Kraftfahrzeuge, Fahrzeuganhänger und andere mobile Anlagen, die zur Erbringung sexueller Dienstleistungen bereitgestellt werden (z. B. Wohnwagen, Wohnmobile) (vgl. Bundeministerium der Justiz und für Verbraucherschutz 2017). 19 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution sentlich kommerzielle sexuelle Handlungen einer Zwangsprostituierten in Anspruch nimmt und somit ihre Situation ausnutzt (vgl. Juris 2016). Hierfür reicht ein bedingter Vorsatz aus, d. h. der Täter muss „damit gerechnet oder es billigend in Kauf genommen haben“, dass es sich hierbei um einen Zwangskontext handeln könnte (KOK 2016: 14). Indizien können beispielsweise vorliegen, wenn eine Person in der Prostitution Verletzungen aufweist, eingeschüchtert wirkt oder ein/e Zuhälter/-in Bezahlung sowie Art der sexuellen Handlung aushandelt (vgl. SPD 2016: 1). Die Strafbarkeit wird jedoch aufgehoben, wenn der Freier freiwillig einen Verdachtsfall bei den zuständigen Behörden zur Anzeige bringt (vgl. KOK 2016: 14). Das ProstSchG, besonders aber die Anmeldepflicht der Prostituierten, war von Anfang an diverser Kritik ausgesetzt. So befürchtet die Berliner Beratungsstelle Hydra e. V. die Stigmatisierung (vgl. 2015: 2) und der Deutsche Juristinnenbund die Diskriminierung von Prostituierten (vgl. 2015). Die Fachberatungsstelle SOLWODI spricht sich dagegen für die Anmeldepflicht aus, da sie den angemeldeten Frauen Rechtssicherheit bieten könne (vgl. 2015: 2). Zwiegespalten äußert sich die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e. V.: Zwar sei die wissenschaftliche Aufarbeitung des Milieus wichtig für die weitere Debatte um Prostitution, jedoch besteht die Befürchtung, dass sich angesichts der zumeist prekären Situation innerhalb der Prostitution nur ein Bruchteil der Frauen anmelden und die Zahl der gemeldeten Prostituierten in Deutschland dadurch zu gering ausfallen wird (vgl. 2017: 3). Da nicht geplant ist, eine Dunkelziffernstatistik durchzuführen, ist es für die Weiterführung vieler Hilfsprogramme von hoher Wichtigkeit, dass sich der Großteil der in der Prostitution tätigen Frauen anmelden wird (vgl. ebd.: 4). Die Evaluierung des Prostituiertenschutzgesetzes muss bis spätestens 1. Juli 2025 abgeschlossen sein und wird die Wirksamkeit der getroffenen Regelungen darstellen (vgl. BGBI 2016: 2385). 20 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Situation (in) der Prostitution Schätzungen hinsichtlich des Ausmaßes Über die Anzahl der in der Prostitution tätigen Personen sind derzeit keine wissenschaftlich fundierten Angaben vorhanden. Diverse Schätzungen bewegen sich zwischen 150.000 bis hin zu 700.000 in der Prostitution tätigen Frauen (vgl. Paulus 2016: 83). Die Zahl von 400.000 wird auch noch heute häufig zitiert, obwohl diese Angabe, welche auf die Prostituiertenberatungsstelle Hydra e. V. zurückgeht, im Zusammenhang einer politischen Diskussion um Geschlechtergleichstellung Ende der 80er-Jahre entstanden ist (vgl. Kavemann u. Steffan 2013) und für diese Zahl keine Angaben zur Erhebung vorliegen (vgl. Bundesministerium für Frauen und Jugend 1994: 4, 8). Ob die geschätzte Anzahl der in der Prostitution tätigen Personen damals wie heute höher oder geringer ist, wird weiterhin stark diskutiert (vgl. Leopold u. Steffan 2001 zit. n. Kavemann u. Steffan 2013). In der Stadt München ist festzustellen, dass sich die Anzahl der Prostituierten in den letzten 20–30 Jahren vermutlich verdoppelt bis verdreifacht hat. Von der Kriminalpolizei wurden in den 1990er-Jahren ca. 800–1.000 Personen in der Prostitution geschätzt (vgl. Bundesministerium für Frauen und Jugend 1994: 189), während laut offiziellen Angaben des Polizeipräsidiums München im Jahr 2016 rund 2.777 Personen der Prostitution nachgingen (vgl. Polizeipräsidium München 2017: 62f.). Genaue Zahlenangaben werden u. a. dadurch erschwert, dass viele Personen nur gelegentlich oder nur für kurze Zeit der Prostitution nachgehen (vgl. BMFSFJ 2014). Angaben bzgl. des Geschlechts In der Prostitution sind mit großer Mehrheit Frauen tätig. Über den genauen Anteil liegen ebenfalls lediglich Schätzungen vor (vgl. BMFS- FJ 2014). In München waren 2014 bspw. nur 126 der registrierten Prostituierten männlich (vgl. Polizeipräsidium München 2015: 65). Die Nachfrage hinsichtlich kommerzialisierter Sexualität ist jedoch über- 21 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution wiegend männlich dominiert. Es lässt sich also im Hinblick auf Prostitution eine deutliche Geschlechtszugehörigkeit feststellen (vgl. Gugel 2011: 6, 53; vgl. auch Artikel Manuela Schon: 57ff.). Orte der Prostitution Prostitution ist sowohl in ländlichen als auch in städtischen Bereichen vorzufinden, jedoch erfolgt diese vermehrt in städtischen Gebieten (vgl. Albert 2015: 9f.). Manche Städte weisen spezielle Bezirke auf, die als Prostitutionsmilieu bekannt sind und zum Teil einen langen geschichtlichen Hintergrund haben. Als Beispiele können hier St. Pauli in Hamburg oder das Leonhardsviertel in Stuttgart genannt werden (vgl. ebd.: 15). Laut Schätzung von TAMPEP übt ein Großteil der Prostituierten (80 %) ihre Tätigkeit „indoor-based“ (TAMPEP 2007: 6) aus und nicht auf dem Straßenstrich. Es ist ein Wandel festzustellen, den man „Verhäuslichung“ nennt – weg von „der öffentlichen Straßenprostitution hin zur Bordell- und Wohnungsprostitution“ (Löw 2006: 192 zit. n. Albert 2015: 14). Herkunft, Migration und Armut Deutschland ist ein wichtiges Zielland für ausländische Prostituierte (vgl. TAMPEP 2007: 5). Die EU-Osterweiterungen im Jahre 2004 und 2007 hatten zur Folge, dass seither immer mehr junge Frauen aus den wirtschaftlich schwachen Ländern nach Deutschland kommen, um sich hier zu prostituieren (vgl. Wege 2015: 82). Mehr als die Hälfte der in der Prostitution tätigen Frauen sind Migrantinnen, vorwiegend aus Osteuropa (vgl. TAMPEP 2007: 6). Im Jahr 2016 waren beispielsweise 89,1 % der registrierten Prostituierten in München Migrantinnen. Damit wurde ein neuer Höchstwert erreicht. Der Großteil dieser Frauen kam aus dem osteuropäischen Raum (vgl. Polizeipräsidium München 2017: 62f.). In den 1990er-Jahren wurde der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund in der Prostitution dahingehend noch äußerst 22 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute gering eingeschätzt (vgl. Bundesministerium für Frauen und Jugend 1994: 189). Ökonomischer Zwang und die Perspektivlosigkeit im Heimatland drängt viele junge Frauen aus den Armutsländern Europas nach Deutschland in die Prostitution (vgl. Angelina 2016: 18f.; Wege 2015: 86; vgl. Artikel Carina Angelina: 33ff.). Der Armut folgt häufig die Armutsprostitution: Armutsprostitution bedeutet, dass die Frauen sehr nachteilige biographische Voraussetzungen (fehlende Schul- und Berufsbildung, frühe Gewalterfahrungen, Mutterschaft im Jugendalter, Probleme bei der Existenzsicherung) haben und ihnen fehlt ein gutes Selbstmanagement (keine Gesundheitsversorgung, Geschlechtsverkehr ohne Kondom, mangelnde Deutschkenntnisse, ohne Zukunftsplanung…). Inakzeptable Marktgesetze und -bedingungen (Dumpingpreise, extrem hohe tägliche Freierzahlen, Gewalterfahrungen…) bestimmen ihr Leben (Niesner 2014: 2). Gewalterfahrungen und gesundheitliche Situation Die Ausübung der Prostitution ist „mit einem hohen Gewaltpotential verbunden“ (BMFSFJ 2004a: II 6, vgl. Artikel Deborah da Silva: 127ff.). In der sogenannten Eva-Studie gaben mehr als 50  % der befragten sich prostituierenden Frauen an, schon einmal Opfer einer Gewalttat durch Sexkäufer, Zuhälter/-innen oder Bordellbesitzer/-innen geworden zu sein (vgl. ebd.). Auch in einer Umfrage vom BMFSFJ gaben die Befragten an, Angst vor körperlichen oder sexuellen Übergriffen zu haben, u. a. durch Sexkäufer, welche bei dieser Befragung als Tätergruppe an zweiter Stelle stehen (vgl. BMFSFJ 2004b: 26).TAMPEP stellte ebenfalls fest, dass eine Gewaltzunahme gegenüber Prostituierten zu verzeichnen ist, z. B. von Seiten der Sexkäufer, wenn ihre Wünsche nicht erfüllt werden (vgl. 2007: 7). Dabei sind Beschaffungsprostituierte in besonders hohem Ausmaß von gewalttätigen Sexkäufern bedroht, welche die Notsituation der 23 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution Frauen teils gezielt ausnutzen, sie demütigen und Dumpingpreise oder Sex ohne Kondom fordern (vgl. Kerschl 2005: 117) In einer Umfrage des BMFSFJ wurde außerdem festgestellt, dass Prostitution meist mit starken psychischen und physischen Belastungen verbunden ist und überwiegend von besonders vulnerablen Personen ausgeübt wird: 43 % hatten sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebt (vgl. Artikel Carina Angelina: 33ff.). 41 % berichten, körperliche oder/und sexuelle Gewalt in der Prostitution erlebt zu haben. 25 % hatten gelegentlich oder häufig Selbstmordgedanken. 41 % konsumierten in den letzten zwölf Monaten Drogen. Viele wiesen gesundheitliche Beschwerden u.  a. im gynäkologischen sowie im Magen-Darm-Bereich auf (vgl. BMFSFJ 2004a; BMFSFJ 2004b: 24–27; BMFSFJ 2007: 9). Problematisch ist zudem, dass Prostituierte häufig nicht krankenversichert sind. Die Einschätzung von Heide, dass ca. 90 % aller Frauen in der Prostitution keine Krankenversicherung haben (vgl. Heide 2016: 7), deckt sich mit den Ergebnissen der Studie des Robert Koch-Instituts von 2015 (vgl. Ärztezeitung, Nr. 62 2016: 4 zit. n. Heide 2016: 7). Der gesundheitliche Zustand von Prostituierten ist oft prekär. Aufgrund der fehlenden Krankenversicherung können diese sich bei Krankheit keine Behandlung leisten und sehen sich gezwungen, trotz Beschwerden ihrer Tätigkeit nachzugehen (vgl. BMFSFJ 2004a: II 60). Veränderung der Infrastruktur, Profiteure und kritische Entwicklungen im Milieu Die Einführung des ProstG führte zu einer enormen Erweiterung der Infrastruktur (vgl. Gerheim 2013: 40 zit. n. Wege 2015: 78). In soge- 24 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute nannten Saunaclubs5 werden immer wieder Geschäftsfeiern abgehalten, wodurch die Schwelle zum Milieu verringert wird. Damit wird die Prostitution normalisiert und nach und nach gesellschaftsfähig gemacht (vgl. Gerheim 2013: 40 zit. n. Wege 2015: 78): Prostitution beinhaltet längst nicht mehr das Geschäft ‚Sex gegen Geld‘ an sich, sondern wird zunehmend zu einem Wellness- und Erholungsbereich für gestresste Männer aller Gesellschaftsschichten (Gerheim 2013: 40 zit. n. Wege 2015: 78). In Deutschland wird der jährliche Umsatz in der Prostitutionsbranche auf 14,5 Mrd. Euro geschätzt (vgl. Reichel u. Topper 2003 zit. n. Gugel 2011: 54). Offizielle Zahlen im Hinblick auf die Gewinne der Sexindustrie in Deutschland gibt es nicht (vgl. Gugel 2011: 54). Als Profiteure der Prostitution sind zunächst die Freier zu nennen, die für wenig Geld käuflichen Sex und menschenunwürdige Praktiken einfordern (vgl. Niesner 2014: 2). In Freier-Foren können sich Sexkäufer austauschen und Prostituierte und deren Dienste bewerten. Viele Beiträge sind geprägt von Sexismus und abwertenden Bezeichnungen von Prostituierten sowie Frauen im Allgemeinen (vgl. Gugel 2011: 6; vgl. Artikel Manuela Schon: 57ff.). Eines der Mitgliederstärksten, das Lusthaus-Forum, wirbt beispielsweise mit dem Slogan „Huren, Escorts und Bordelle im anonymen Ficktest”. Dabei brüstet sich das Forum damit, „die Stiftung Hurentest“ zu sein, „ganz ohne Zensur” (Herriger 2017). Aber auch Vermieter/-innen und Betreiber/-innen ziehen einen hohen Nutzen aus der Prostitution. So verlangen sie teils unverhältnismäßig hohe Mietkosten in Bordellen und Laufhäusern, um mehr Gewinn zu generieren – die Beträge reichen bis zu 150 € täglich pro Zimmer (vgl. Heide 2016: 7). Zusätzlich wird sich auch durch interne Zahlungsmodalitäten an Prostituierten bereichert. In bestimm- 5 Beispiele für solche Saunaclubs sind das „Paradise“ in Stuttgart (Zugriff am 01.03.2018 unter http://www.the-paradise.de/#) oder das „Artemis“ in Berlin (Zugriff am 01.03.2018 unter https://fkk-artemis.de/home/). 25 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution ten Bordellen müssen die dort tätigen Frauen Gebrauchsgegenstände, aber auch Getränke und Essen zu überhöhten Preisen vom Haus abnehmen (vgl. Winter 2009: 226). Die Liberalisierung der Prostitution erlaubt ebenfalls dem Staat enorme Einnahmen infolge erhobener Steuern. Unterliegt eine Prostituierte keinem Angestelltenverhältnis – und wie oben genannt ist dies bei der überwiegenden Mehrheit der Fall – ist sie selbstständig tätig und muss neben der Einkommenssteuer auch Gewerbe- und Umsatzsteuer zahlen (vgl. Lange 2018). Neben den regulären Steuerabgaben müssen Prostituierte in einigen Städten zusätzlich eine sogenannte Vergnügungssteuer bezahlen. Die Höhe dieser variiert von Stadt zu Stadt: In Dortmund zahlt eine Prostituierte pro Arbeitstag beispielsweise 6 € (vgl. Bufas e. V. 2010), in Köln 150 € im Monat (vgl. Voice4Sexworkers 2014). Aufgrund der politischen Entwicklungen sind Strukturen und Geschäftsmodelle entstanden, die die Notsituation der jungen, überwiegend aus Osteuropa stammenden Frauen ausnutzen und mit der Würde des Menschen unvereinbar sind (vgl. Wege 2015: 86f.). Als Folge der Liberalisierung der Prostitution in Deutschland wurden neue Märkte erschlossen, z. B. sogenannte Flatrate-Bordelle. Ein bekanntes Beispiel war das Stuttgarter Flatrate-Bordell Pussy Club, in das am Eröffnungswochenende im Jahr 2009 rund 1.700 Freier kamen (vgl. Gugel 2011: 55). Diese konnten für einen Pauschalpreis mit den anwesenden Prostituierten unbegrenzt Sex haben, wie es in einem der Flyer beworben wurde: „Sex mit allen Frauen so lange du willst, so oft du willst und wie du willst! Sex, Analsex, Oralsex natur (also ohne Kondom, Anmerkung der Verfasserin Gugel), 3er, Gruppensex, Gangbang (früher als Gruppenvergewaltigung bekannt, Anmerkung der Verfasserin Gugel)… Alles ist möglich“ (ebd.). Flatrate Sex darf seit der Einführung des ProstSchG nicht mehr beworben werden (vgl. Herriger 2017). Eine weitere neue Erscheinungsform der Prostitution ergibt sich durch das Internet, mit zunehmender Digitalisierung verzeichnet dieser Bereich einen enormen Zuwachs (vgl. Fondation Scelles 2016: 23). Die 26 Angelina, Piasecki, Schurian-Bremecker (Hg.) : Prostitution heute Anonymität und die niedrigen Ausgaben für Werbung bieten große Vorteile für die Anbieterinnen und die Kunden. In Deutschland werden Portale wie Gesext.de, Kaufmich.de, Escort 77 oder Fetischspace angeboten. Auf Gesext.de können sexuelle Handlungen von Mitgliedern angeboten und wie auf der Auktionsplattform Ebay ersteigert werden (vgl. Hunecke 2011: 234). Geboten werden kann beispielsweise auch auf die Jungfräulichkeit einiger junger Frauen (vgl. gesext 2017). Des Weiteren besteht ein großer Markt für Minderjährige: „Sehr junge, kindlich aussehende Frauen, sogenanntes ‚Frischfleisch‘ sind bei Freiern besonders beliebt“ (Breymaier 2016: 1). Bei einer Befragung von Freiern gaben viele an, offen eine Präferenz für junge und unfreie Frauen zu haben, „weil sie als gefügiger eingestuft werden“ (International Labour Organisation 2005: 62). Es gibt eigens dafür Bordelle, die sich auf besonders junge Frauen „spezialisiert“ haben, wie beispielsweise das Bordell Teenyland in Köln. Dort gibt es u. a. spezielle „Teeny- Themenzimmer“: z. B. ein „Prinzessinnen-Zimmer” mit pinkem Jugendbett und ein „Klassenzimmer” mit Schultafel (vgl. Teenyland). Fazit „Prostitution heute“ ist, insbesondere nach den Gesetzesnovellen und parlamentarischen Initiativen der letzten Jahre, längst mehr als eine allein gesellschaftliche Herausforderung. Sie ist zu einem Milliardengeschäft geworden, von Berufsverbänden und dem Finanzamt gleichermaßen begleitet und beobachtet. Spätestens seit den Grenzöffnungen nach Osteuropa und den Migrationsbewegungen der 2010er-Jahre sind jedoch auch Phänomene zurückgekehrt, die schon vor 100 Jahren zu beklagen waren – nicht nur die unmittelbare Not, aus der Menschen heraus sich prostituieren, sondern auch die Nähe zu allen Formen der Organisierten Kriminalität sind es, die gesamtgesellschaftlich Betroffene wie auch Außenstehende bedrohen. Wohlstandsversprechen und Entführungen, psychischer Druck und rohe Bedrohungslagen bringen Menschen in Abhängigkeiten zu Personen und Strukturen, die 27 Ein Milieu im Wandel – Zugänge zum Thema Prostitution von rechtlichen Reformen profitieren, mit denen jene Problemlagen eigentlich behoben werden sollten. Die Forderungen nach Gleichberechtigung und Rechtssicherheit sind berechtigt, aber für allzu viele geht es im Feld der Prostitution um Fragen der schieren Existenz. Literatur Albert, M. (2015). Soziale Arbeit im Bereich Prostitution. Strukturelle Entwicklungstendenzen im Kontext von Organisation, Sozialraum und professioneller Rolle. In: Albert, M., Wege, J. (Hrsg.): Soziale Arbeit und Prostitution. Professionelle Handlungsansätze in Theorie und Praxis. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–26. Andrick, S. (2012). Wirklich freiwillig ist niemand Prostituierte. Zugriff am 16.09.2017 unter http://bit.ly/1KVYV6Q. Angelina, C. (2016). Erklärungsansätze für die Motive und Ursachen der Aus- übung von Prostitution und sozialarbeiterische Perspektiven im Umgang mit Prostituierten. Bachelorarbeit (unveröffentlicht). Kassel. 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Zusammenfassung

Ebenso skandalisiert wie verharmlost ist die Praxis gewerblichen Geschlechtsverkehrs immer wieder Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher Debatten. Undeutlich bleibt dabei oft, was genau gemeint ist und über wen gesprochen wird. Die rechtliche Lage, die sozioökonomische Position, die Profiteure und die Benachteiligten eines sich ständig verändernden Milieus müssen nämlich ebenso berücksichtigt werden wie die Orte von Prostitution und das Geschlecht der Betroffenen. Dieser Sammelband möchte gegenwärtige Strömungen und Auffassungen sichtbar machen, Ursachen und Motive von Prostitution argumentativ aufbereiten, die Nachfrageseite und ihre Rolle im Prostitutionssystem beleuchten, den Einfluss medialer Sujets nachzeichnen und auch die Probleme benennen, die im Rahmen der Feldforschung entstehen. Zudem stellt der Band wichtige Beratungs- und Ausstiegsangebote vor, die insbesondere in Deutschland und Schweden verfolgt werden. Neben sozialwissenschaftlichen Blickwinkeln und sozialarbeiterischen Interventionsmöglichkeiten bei von Gewalt betroffenen Menschen in der Prostitution stehen vor allem Betroffene mit ihren Erfahrungen im Mittelpunkt. Stimmen aus der Praxis der Sozialen Arbeit prägen den abschließenden Schwerpunkt des Buches und berichten von den Erfahrungen aus der täglichen und praktischen Arbeit im Milieu.