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Einleitung in:

Renate Laszlo

Der altenglische Gelehrte Alkuin von York und seine Zeit, page 1 - 2

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4122-2, ISBN online: 978-3-8288-6965-3, https://doi.org/10.5771/9783828869653-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Anglistik, vol. 7

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Der Todestag des nordhumbrischen Poeten Alkuin oder Alcuin ist nach allgemeinem Konsens der 19. Mai des Jahres 804 nach Christus oder der alten Inkarnationszeit. Ausgehend von diesem Datum und anderen Gegebenheiten wird sein nicht überliefertes Geburtsjahr in das vierte Jahrzehnt des achten Jahrhunderts datiert. Donald Bullough schätzt es auf 731, Stephen Allott auf 732 und Richard Fletcher auf 740 alter Inkarnationszeit. Nimmt man den Mittelwert dieser kontroversen Schätzungen, so wird er ungefähr 735 geboren, dem gleichen Jahr, in dem Beda stirbt. Nach einem in Vers 1635/36 geschilderten Ereignis hält Peter Godman unter Vorbehalt gewisser Voraussetzungen auch ein Geburtsjahr zwischen 737/8 oder 745/6, also bis zu einem Jahrzehnt später als allgemein angenommen, für möglich (Fußnote, S. 133). Alkuin selbst sagt nichts über das Jahr seiner Geburt, die Zeit seiner Kindheit oder Jugend und auch die auf hagiographischer Basis im ersten Drittel des 9. Jhs. komponierte anonyme Vita Alcuini trägt wenig zur Aufhellung seines Lebens bei. Aus der Alkuins Werk innewohnenden Liebe zu seiner Heimat lässt sich analog der Biografie Bedas erschließen, dass Alkuin in York oder Umgebung zur Welt kommt, ab dem siebten Lebensjahr in einer nordhumbrischen Klosterschule erzogen wird und nach dem Abschluss seiner Studien mit dem Schreiben beginnt. Nach allgemeiner Lehrmeinung schreibt er das in Rede stehende Gedicht über York um oder nach 780/2 alter Inkarnationszeit, also mitten in der nichtexistenten Phantomzeit. Während des Mittelalters ist Alkuin sowohl in England als auch auf dem Kontinent unbekannt und seine lateinischen Schriften werden nicht beachtet. 1672 wird zum ersten Mal etwas von ihm gedruckt. Ende des 18. Jhs. sind seine Dichtungen aufgearbeitet und Frobenius Forster, Abt von Sankt Emmeram in Regensburg, liefert 1777 eine Ausgabe seiner lateinischen Werke in zwei Bänden, die 1851 von Migne in Paris als Band 100 und 101 in Patrologiae cursus completus abgedruckt 1 werden; 1873 erscheinen Alkuins Briefe von Jaffé in Berlin als Band 6 in Bibliotheca rerum germanicarum. Alles was von Alkuins Arbeiten zur Bibelexegese, an Heiligenviten, Homilien und Gedichten, in seinen Beiträgen für den philosophischen, grammatischen, mathematischen und rhetorischen Anfangsunterricht, in seinen Briefen und vor allem in seiner literarischen Ausarbeitung über die „Bischöfe, Könige und Heiligen der Kirche von York“ erhalten ist, schreibt er ausschließlich als Studienmaterial für die Schüler der Klosterschule. Nach dem Wiederaufleben seiner Dichtungen im 18. Jh. nehmen die Interpreten das, was Alkuin schreibt, für bare Münze und versuchen, Alkuins Leben und Wirken aus seinen Werken abzuleiten, was auch Peter Godman in der Einleitung auf Seite XXXVIII bestätigt. Man realisiert nicht, dass Alkuins Gedichte dafür nicht geeignet sind und ganz besondere Vorsicht bei der Auswertung seiner mehr als 300 hinterlassenen Briefe geboten ist, da es sich dabei um eigens für den lateinischen Unterricht entworfene Muster mit erfundenen Inhalten und imaginären Adressaten handelt, die niemals abgeschickt wurden. Dadurch wird über den Autor und seine Zeit ein Geschichtsbild entworfen, das unzutreffender und widersprüchlicher überhaupt nicht sein kann. Das absurde Ergebnis der verfehlten Interpretation über Alkuin gipfelt in seiner angeblichen Zusammenarbeit mit dem fiktiven Karl dem Großen, dem der Autor seine allgemeine Popularität und seinen Bekanntheitsgrad in der Neuzeit verdankt, was auch aus der Biografie Karl der Grosse und seine Zeit von Donald Bullough 1966 (deutsch von Ursula Heilmann 1967) und der fast unübersehbaren Sekundärliteratur der letzten zwei bis drei Jahrhunderte ersichtlich ist. Einleitung 2

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Zusammenfassung

Der mittelalterliche Gelehrte Alkuin von York verdankt seinen Bekanntheitsgrad in der Neuzeit vor allem, dass er lange Zeit als wichtigster Berater Karls des Großen galt. Während des Mittelalters war Alkuin dagegen sowohl in England als auch auf dem Kontinent unbekannt. Erst im 17. Jahrhundert fanden seine lateinischen Schriften, die er als Studienmaterial für seine Klosterschüler verfasste, erste öffentliche Beachtung. Im 18. Jahrhundert wurden Alkuins literarische Ausarbeitung über die „Bischöfe, Könige und Heiligen der Kirche von York“ und auch seine rund 300 überlieferten Briefe als wahre Begebenheiten aufgefasst. Alkuins Leben, sein Wirken und seine Zeit wurden aus seinen Werken abgeleitet. Dass es sich bei seinen Briefen um eigens für den Lateinunterricht entworfene Mustertexte mit erfundenen Inhalten und imaginären Adressaten handelte, wurde zu dieser Zeit völlig übersehen. Folglich wurde von dem Autor und seiner Zeit ein Geschichtsbild entworfen, das unzutreffender und widersprüchlicher nicht sein könnte.