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Teil III. Studien und Briefe zur Anthropologie in:

Wolfgang Harich

Arnold Gehlen, page 377 - 520

Eine marxistische Anthropologie?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4126-0, ISBN online: 978-3-8288-6960-8, https://doi.org/10.5771/9783828869608-377

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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T e i l I I I S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 3 7 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Goethes Beitrag zum Materialismus. Zum 165. Jahrestag der Entdeckung des Zwischenkieferknochens1 (27. März 1949) Am 27. März 1784 schrieb Goethe an Herder: »Ich habe gefunden weder Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude macht: das os intermaxillare beim Menschen.« Und an Frau von Stein: »Es ist mir ein köstliches Vergnügen geworden, ich habe eine anatomische Entdeckung gemacht, sage aber niemand ein Wort.« Was hat es mit diesem »os intermaxillare« (dem Zwischenkieferknochen) auf sich? Es handelt sich hier um dasjenige Knochenstück des Oberkiefers, das die vier oberen Schneidezähne trägt und das ursprünglich in sich selbst paarig gespalten und von den äußeren Knochenteilen des Oberkiefers getrennt ist, aber bereits beim Embryo im Prozess der Schädelbildung mit seinen Nachbarteilen und in sich selbst verwächst. Goethe wies auch am menschlichen Oberkiefer Spuren der Nahtstellen zwischen dem »os intermaxillare« und den äußeren Knochenteilen nach (diese Naht trägt in den Lehrbüchern der Anatomie seither den Namen »sutura incisiva Goethei = Goethesche Schneidezahnnaht!). Da nun beim Tierschädel (einschließlich dem der Menschena en) die Nahtstellen (suturae) sichtbar bleiben, während beim Menschenschädel die Verwachsung des Oberkiefers so vollkommen ist, dass sie nahezu völlig verschwindet, glaubten die Anatomen vor Goethe, in dem Fehlen des Zwischenkieferknochens beim Menschen einen Beweis für die absolute Trennung zwischen Mensch und Tier erblicken zu können. Und selbstverständlich zogen die Ideologen der feudalen und klerikalen Reaktion aus dieser Au assung theologische und idealistische Schlussfolgerungen: Das angeblich nicht existente »os intermaxillare« musste als Rechtfertigung für die Lehre von der Gottgescha enheit des Menschen, der Unveränderlichkeit der menschlichen Natur und der absoluten »Autonomie des Geistes« herhalten. Goethes Entdeckung fällt zeitlich in die erste Periode seines Aufenthalts in Weimar (1775–1786). Wenn Goethes dichterischer Scha ensprozess in dieser Periode seines Lebens komplizierter, schwieriger, langwieriger war, als er es in der Frankfurter Genie- 1 (AH) Zuerst in: Tägliche Rundschau vom 27. März 1949, S. 4. Zeitgleich entstanden verschiedene weitere Artikel und Aufsätze Harichs zu Goethe – was sicherlich dem Goethe -Jubiläum geschuldet war. Siehe vor allem, die hier entwickelten esen ausführlich begründend: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung (abgedr. in: Band 6.1, S. 739–794). Zum Kontext: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 3 8 0 T e i l I I I zeit gewesen, so lag das nicht zuletzt daran, dass Goethe jetzt das praktische gesellschaftliche Handeln und die Vervollkommnung seiner wissenschaftlichen Kenntnisse über die dichterische Schöpfung stellte. Dabei bestand zwischen seiner gesellschaftlichen und seiner wissenschaftlichen Praxis ein enger Zusammenhang. Beide Tätigkeitsgebiete waren erleuchtet von den großen Ideen der bürgerlichen Aufklärung. Und als kühner Aufklärer, der gewillt war, der Vernunft zum Siege über die Vorteile der Religion zu verhelfen, packte er auch die Probleme der Naturwissenschaft an. Aber während Goethe politisch in der deutschen Misere, der Stickluft feudalabsolutistischer Kleinstaaterei mit seiner Aufklärermission tragisch scheitern musste (die italienische Reise war 1786 eine Flucht aus dieser ho nungslosen deutschen Kleinstaatenge), wuchs er als Naturwissenschaftler bereits weit über die Grenzen der Aufklärung hinaus. Denn was besagte die Entdeckung des »os intermaxillare«? Dass der Mensch kein »autonomes«, ewig unveränderliches Geistwesen, sondern dass er aus der Natur entstanden ist, aus niederen, tierischen Formen der Materie sich empor entwickelt hat und – wie hoch er sich geistig auch erheben mag – seiner elementaren Grundlage, der Natur, der Materie, verhaftet bleibt. Goethe war der Dialektik in der Natur auf die Spur gekommen: Der Einheit der Gegensätze, dem allseitigen Zusammenhang der Erscheinungen, der ständigen Bewegung und Veränderung, der Entwicklung vom Niederen zum Höheren – und diese bewegte und verschlungene Wirklichkeit in ihrer Kompliziertheit, Lebendigkeit und Fülle zu fassen, waren die Kategorien des mechanistischen Materialismus des 18. Jahrhunderts zu eng und starr. Und als Dialektiker wandte er sich gegen Albrecht von Hallers »Nil noviter generari« (Nichts Neues entsteht), gegen Carl von Linnés metaphysisch starre Lehre von der Konstanz der Arten. Die Überlieferung bot Goethe, als philosophische Grundlage seiner Naturau assung, die Lehre Spinozas von der Einheit und Unendlichkeit der Weltsubstanz. Goethes Kupferstich nach Goethes Zeichnungen zu seiner Arbeit über den Zwischenkieferknochen 3 8 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e »Pantheismus« entsprang dem Bedürfnis, die dialektische Einsicht in die Zusammenhänge des Lebens zum umfassenden Weltbild zu verallgemeinern. Die modernen Ideologen der deutschen Reaktion haben sich krampfhaft bemüht, Goethes dialektische Natur- und Weltanschauung in einen bodenlosen irrationalistischen »Mythos« umzulügen. Mit diesen Verfälschungen und Missdeutungen hat der Naturforscher Goethe nichts gemein. Er war ein exakter, fortschrittsbemühter, methodisch klarer, materialistischer Wissenschaftler und himmelweit entfernt von dem irrationalen Gefasel und den närrischen »metaphysischen« Gespreitztheiten jener wissenschaftsfeindlichen bürgerlichen Reaktion, die sich heute sehr zu Unrecht auf ihn beruft. Und wenn die universale Weltanschauung, die Goethe – über die konkrete, materialistische Einzelforschung hinaus – anstrebte, in seiner Zeit auch nur geniale Ahnung, kühne Vorwegnahme kommender Erkenntnis sein konnte, so ist den heutigen Vernunftschändern doch das grandiose Wort entgegenzuhalten, mit dem Goethe den missverstandenen, mystisch verzerrten Pantheismus der Romantiker abwehrte: »Die Wissenschaft ist eigentlich das Vorrecht des Menschen, und wenn er durch sie immer wieder auf den großen Begri geleitet wird, dass das All ein harmonisches Eins sei, so wird dieser Begri weit reicher und voller in ihm stehen, als wenn er in einem bequemen Mystizismus ruhte, der seine Armut gern in einer respektablen Dunkelheit verbirgt.« Diese Dunkelheit Jacobis, Schellings und der Romantik mochte noch »respektabel« sein, die der heutigen Dunkelmänner ist es längst nicht mehr. Goethe im 62. Lebensjahr (nach dem Gemälde von Luise Seidler, Weimar 1811) 3 8 2 T e i l I I I Größe und Grenzen Lamarcks. Zum 120. Todestag des großen französischen Biologen2 (17. Dezember 1949) Vor 120 Jahren, am 18. Dezember 1829, starb in Paris im Alter von 85 Jahren Jean-Baptiste de Monet, Chevalier de Lamarck, einer der genialsten französischen Naturforscher, der zu den entscheidenden Vorläufern und Mitbegründern der materialistischen Richtung in der biologischen Wissenschaft gehört. Lamarck wurde 1744 in Bezentin in der Picardie geboren. Nachdem er noch unter der absoluten Monarchie als O zier im Kriegsdienst gestanden hatte, widmete er sich umfangreichen naturwissenschaftlichen Forschungen und Studien, gelangte aber erst in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zu seinen umwälzenden Entdeckungen und Hypothesen. Während der Französischen Revolution, am Vorabend der Jakobinerdiktatur, wurde er Professor am Pariser Jardin des Plantes. In der napoleonischen Ära gab er elf Jahre lang ein meteorologisches Jahrbuch heraus. In seiner Flora française entwickelte er auf dem Gebiet der Botanik eine neue analytische Einteilungsmethode, die dem Linnéschen System gegenüber einen wesentlichen Fortschritt bedeutete. In der zoologischen Systematik trennte er die wirbellosen Tiere (Mollusken usw.), denen sein spezielles Forscherinteresse galt, von den Wirbeltieren. Seine Abstammungslehre begründete er 1809 in der zweibändigen Philosophie zoologique (Zoologische Philosophie) und 1815 bis 1822 in seiner siebenbändigen Histoire naturelle des animaux sans vertrèbes (Naturgeschichte der wirbellosen Tiere). Dieses gewaltige Werk, dessen erster Band in Form einer allgemeinen theoretischen Einleitung die präziseste Darlegung seiner wegweisenden Gedanken enthält, verfasste Lamarck als erblindeter Greis. Lamarcks großes und bleibendes Verdienst in der Geschichte der biologischen Wissenschaft besteht darin, dass er mit der zu seiner Zeit herrschenden metaphysischen und idealistischen eorie von der Unveränderlichkeit (Konstanz) der Arten entschieden brach und die Veränderlichkeit der P anzen- und Tierarten, die Abstammung der höheren, komplizierteren Lebewesen von den niedrigeren feststellte, wobei er vor allem 2 (AH) Zuerst in: Tägliche Rundschau vom 17. Dezember 1949, S. 6. 3 8 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e den Zusammenhang der Artveränderung mit den Umweltbedingungen und die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften nachwies. Damit lehrte Lamarck, die Lebewesen nicht als ein für alle Mal fertig gegebene, unwandelbare »Geschöpfe« Gottes, sondern in ihrer geschichtlichen Veränderung und Entwicklung und in ihrem kausalen Zusammenhang mit den sie umgebenden natürlichen Lebensbedingungen und in ihrer Abhängigkeit von der Umwelt zu betrachten. In seiner Philosophie zoologique schrieb er: »Die systematischen Einteilungen, die Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten sowie deren Benennungen sind willkürliche Kunsterzeugnisse des Menschen. Die Arten oder Spezies der Organismen sind von ungleichem Alter, nacheinander entwickelt und zeigen nur relative, zeitweilige Beständigkeit; aus Varietäten gehen Arten hervor. Die Verschiedenheit in den Lebensbedingungen wirkt verändernd auf die Organisation, die allgemeine Form und die Teile der Tiere ein, ebenso der Gebrauch oder Nichtgebrauch der Organe. Im ersten Anfang sind nur die allereinfachsten, niedrigsten Tiere und P anzen entstanden und erst zuletzt diejenigen von der höchst zusammengesetzten Organisation.« Bereits 50 Jahre vor dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk erstreckte Lamarck den Entwicklungsgedanken auch auf die Erklärung der Entstehung des Menschen. Das Menschengeschlecht, so lehrte er, sei aus a enartigen Säugetieren hervorgegangen, die sich in einem allmählichen Entwicklungsprozess die aufrechte Gangart und die Mitteilung von Bestrebungen und Gedanken durch eine Lautsprache »angewöhnt« hätten. Nichtsdestoweniger blieb Lamarck in einigen schwerwiegenden Fehlern und Irrtümern befangen. Er nahm Erkenntnisse vorweg, die erst Jahrzehnte später an Hand eines reichen Forschungsmaterials exakt begründet werden konnten. So wies Friedrich Engels, der Lamarcks Verdienste gegen die Anwürfe Dührings verteidigte, darauf hin, dass erst nach Lamarcks Tod zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die für die Begründung der materialistischen Entwicklungslehre von größter Wichtigkeit sind: Die Embryolo- Jean-Baptiste de Lamarck 3 8 4 T e i l I I I gie und die Paläontologie, die »eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden P anzen und Tiere« nachweisen. Dieser Hinweis von Engels verp ichtet uns Heutige, Lamarck historisch gerecht zu werden, das heißt den rationellen, fortschrittlichen Kern seiner Lehre, seine bleibenden Erkenntnisse und Errungenschaften, von seinen historisch bedingten Irrtümern sorgfältig zu unterscheiden. Lamarcks entscheidender Fehler bestand darin, dass er die Umweltbedingtheit der Artveränderungen und die Tatsache der Vererbung erworbener Eigenschaften nicht restlos materialistisch zu erklären vermochte, sondern teilweise auf eine aktive Anpassung der Organismen an die Außenwelt zurückführte, als ob zum Beispiel die Kamp ust der Stiere deren Hörner und das Tastbedürfnis der Schnecke deren Fühler hervorgebracht habe. Unter dieser Voraussetzung gelangte Lamarck zu der wissenschaftlich unhaltbaren Behauptung, dass jedem Lebewesen eine ursprüngliche, zweckgerichtete »Lebenskraft« innewohne, die die Entwicklung des Organismus gerade in die Richtung lenke, die durch die veränderten Umweltbedingungen erfordert werde. Lamarcks eorie wurde von der o ziellen Wissenschaft in Frankreich, die krampfhaft an ihren idealistischen und theologischen Vorteilen festhielt, lange Zeit hindurch bekämpft und unterdrückt. Im Ausland war sie bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein fast völlig unbekannt. In Deutschland kannte selbst Goethe Lamarcks Werke nicht – der gleiche Goethe, der bereits im 18. Jahrhundert durch seine naturwissenschaftlichen Arbeiten zu ganz ähnlichen Resultaten wie Lamarck gelangt war. Seit dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk, seit dem Auftreten Haeckels in Deutschland und Timirjasews in Russland im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurde und wird die materialistische Richtung in der Biologie bis auf den heutigen Tag von den reaktionären Genetikern (Weismann, Johannsen, Morgan usw.) und den faschistischen Rassen»theoretikern«, die übereinstimmend eine vom lebenden Organismus unabhängige »ewige« Erbsubstanz annehmen, als »Lamarckismus« und »Neolamarckismus« bekämpft. Sie versuchen, wie Franz Mehring es ausdrückte, von verschiedenen Seiten, aber von der gleichen weltanschaulichen Grundlage her, »das Lebendige an Lamarck 3 8 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e durch Kunstgri e zu töten und das Tote an ihm durch ebensolche Kunstgri e zu beleben«. Demgegenüber ist heute der schöpferische Darwinismus, der in der sowjetischen Wissenschaft, in der Mitschurinschen Biologie, seinen derzeitigen Gipfelpunkt erreicht hat, der einzig legitime Erbe aller vorwärtsweisenden Erkenntnisse und echten Errungenschaften Lamarcks. Mitschurin und Lyssenko haben aus der Tatsache, dass die Veränderungen der Arten von den Umweltbedingungen abhängen und dass erworbene Eigenschaften vererbbar sind, die kühne Schlussfolgerung gezogen, dass die Eigenschaften der Tier- und P anzenarten durch Scha ung der erforderlichen Bedingungen von den Menschen planmäßig und zweckbewusst verändert werden können. Die Richtigkeit dieser konsequent materialistischen Au assung wurde durch die grandiosen praktischen Erfolge der sowjetischen Agrobiologie bewiesen. Die Anhänger der Mitschurinschen Biologie stehen dabei Lamarck ebenso kritisch gegenüber, wie sie sich der Tatsache bewusst sind, dass seine Lehre in der Entwicklungsgeschichte der Wissenschaften einen gewaltigen Fortschritt bedeutete. Der sowjetische Biologe F. A. Dworjankin erklärte in diesem Sinne: »Unsere Einstellung zum klassischen Erbe in der Biologie ist ein schöpferisch-kritisches Verarbeiten und kein einfaches Schlucken von Fertigem, kein bloßes Methodensammeln von rechts und links (…). Was halten wir für richtig an Lamarck? Die Wechselwirkung von Organismus und Außenwelt, die Vererbung der Eigenschaften, die der Organismus im Prozess dieser Wechselwirkung erworben hat (…). Dagegen verwerfen wir bei Lamarck die fehlerhafte Seite seiner Lehre – den autogenen Prozess der Selbstvervollkommnung des Organismus, der angeblich allen Lebewesen immanent ist. Aber wo ndet gerade diese Seite der Lamarckschen Lehre ihre Entwicklung? Eben bei den Leuten, die uns Lamarckisten nennen und dabei zu erwähnen vergessen, dass sie selbst, die Mendelisten-Morganisten, diese Seite der Lamarckschen Lehre weiterentwickeln.« 3 8 6 T e i l I I I 3 8 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Notizen zu Gehlens Der Mensch3 (1952) Seite 1: »Mensch ein lebendiges Wesen, das zu sich selbst Stellung nehmen muss, wozu ein Bild des eigenen Wesens, eine – wie immer geartete – Deutungsformel des eigenen Seins notwendig ist.« Das kann in dieser Allgemeinheit nicht behauptet werden. Beim Animismus der Primitiven bestimmen vielmehr die Wesenszüge des eigenen Seins zunächst – d. h. vor der Re exion auf das eigene Sein – die Deutungsformel der Vorgänge und Erscheinungen der Natur. (Anthropomorphismus aller religiösen Vorstellungen.) Bedürfnis nach Stellungnahme zu sich selbst ist demgegenüber sekundär! Seite 2: »Christentum und Darwinismus hätten die gemeinsame Voraussetzung, dass der Mensch nicht aus sich selbst, sondern nur durch Kategorien des Außermenschlichen begri en werden könnte.« Das ist Unsinn! Der Gott des Christentums, der den Menschen gescha en haben soll, ist nur für das Christentum etwas Außermenschliches, an sich ist er ein Phantasieprodukt der Menschen. (Die Christen sehen sich als Geschöpfe ihres Phantasieprodukts.) Die Abstammungslehre Darwins leitete den Menschen aus einer Realität her (Tierreich) als Entwicklungsstufe der Materie. Freilich reichte der Darwinismus nicht aus. Die neue Qualität des Menschen muss »aus sich selbst« begri en werden. Aber es ist unsinnig, Religion und Wissenschaft über einen Kamm zu scheren. Seite 2: »Dass der Mensch in sich und mit sich eine Aufgabe vor ndet. Durch die Lösung der Aufgabe hat der Mensch sich zu etwas zu machen.« Nietzsche – der Mensch, das »noch nicht festgestellte Tier«. Bedeutet: a) Es ist noch nicht festgestellt, was der Mensch ist, und b) der Mensch ist »unfertig«, »festgerückt«. – Unendliche Entwicklungsmöglichkeit des Menschen. Ausbau immer neuer, höherer, 3 (AH) 17 Blatt, handschriftlich, nicht datiert. Reine Zitate werden, auch in den folgenden Exzerpten, Notizen, nicht wiedergegeben. Darwin erste Skizze seines Stammbaums des Lebens, 1837 3 8 8 T e i l I I I komplizierterer Leistungen. Grundlage: Mangel an biologischer Festgelegtheit, Mangel an natürlicher Angepasstheit. Seite 3: »Wissenschaft vom Menschen in der Gesamtheit seiner hauptsächlichen Eigenschaften, Merkmale usw., im Hinblick auf die wirkliche Besonderheit des Menschlichen.« (Also vor der Gesellschaftswissenschaft, die die verschiedenen historischen Gesellschaftsformationen untersucht.) Ist eine solche Fragestellung möglich? Ja, es handelt sich um die Untersuchung von Phänomenen, die von den Besonderheiten der verschiedenen Gesellschaftsformationen unabhängig sind (Arbeit überhaupt, Sprache überhaupt, Denken überhaupt usw.). Nur ist es notwendig, zu beachten, dass es sich um eine – wenn auch mögliche und nötige – Abstraktion handelt. 1) Das spezi sch Menschliche ist nichts fertig Gegebenes. 2) Es entfaltet sich nicht beim isolierten Individuen, sondern nur in der Gesellschaft (Eigenschaften, die zwar am Individuum – und nicht ohne weiteres an der Gesellschaft – auftreten, aber nur dadurch, dass das Individuum in der Gesellschaft lebt, von ihr geformt wird). 3) Das spezi sch Menschliche existiert, wo es überhaupt existiert, immer nur in bestimmter Gesellschaftsformation. Ist wissenschaftliche Anthropologie möglich? 1) Sie ist keine Biologie, da sie nicht auf die Abstammung des Menschen re ektiert, nicht dessen biologische Entstehung zu erklären sucht, sondern das spezi sch Menschliche als solches behandelt, obwohl sie zugibt, dass es nicht ein für alle Mal fertig Gegebenes, sondern historisch entstanden und zu weiterem Ausbau und höherer Entwicklung fähig ist. 2) Sie ist keine Gesellschaftswissenschaft, denn sie bezieht sich auf Phänomene, die in jeder beliebigen Gesellschaftsformation, ohne durch deren Besonderheiten grundlegend berührt zu werden, auftreten (wie die Sprache). Ebenso wenig, wie man die Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens (zum Beispiel die Spontaneität der Entwicklung der Produktivkräfte) dadurch erklären kann, dass man sich an Eigenschaften des menschlichen Individuums hält (zum Beispiel Zielbewusstheit und Absichtlichkeit des Handelns), ebenso wenig kann man die anthro po logischen Phänomene, die nur am Individuum (wenn auch am vergesellschafteten Individuum) existieren, mit den Kategorien der Gesellschaftswissenschaft, mit Basis und Überbau und dergleichen erfassen! (Zum Beispiel Sprechen, Denken, Handeln usw.) Die Gesellschaft wird vielmehr erst im Kommunismus zum menschlichen Subjekt. 3 8 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Seite 3: Sonderstellung des Menschen. Wovon besondert er sich? Vom Tier – ganz im Sinne der populären Unterscheidung. Gibt es »das« Tier? Gibt es generelle Eigenschaft aller Tiere, die diese Abstraktionen als sinnvoll rechtfertigen? Eigenschaften, die nur die Tiere haben, und die kein Mensch hat? Die Beantwortung dieser Frage müsste bereits die Frage »Was ist der Mensch?« lösen. Seite 4: Aufgabe, den Begri »das Tier« als sinnvoll aufzuzeigen. Seite 4: Warum gibt es noch keine Anthropologie? a) Man bringt das »Äußere« und das »Innere« nicht zusammen (Morphologie und Psychologie, Leib und Seele bleiben durch unüberbrückbaren Hiatus getrennt). Auch die Feststellung, der Mensch sei eine Leib-Seele-Geist-Einheit, bleibt leer. Sie hat lediglich Wert durch Negierung des Dualismus. Aber sie zeigt nicht positiv, worin diese Einheit besteht, warum gerade diese Physis dieses Bewusstsein und umgekehrt hat, sie ist also – wie jede Ganzheitsformel – abstrakt. b) In die Anthropologie müssen mehrere Einzelwissenschaften eingehen: Biologie, Psychologie, Erkenntnistheorie, Sprachwissenschaft, Physiologie, Gesellschaftswissenschaft. Seite 5: »Sobald man einzelne Merkmale oder Eigenschaften ansah, fand man nichts spezi sch Menschliches?« Merkmale oder Eigenschaften – ja. Aber es geht um Funktion: Denken, zielbewusst handeln, wollen, arbeiten usw. Fragt sich nur: Welche dieser Funktionen ist die grundlegende? Seite 5: »Es gibt genügend Tiere, die Wohnungen bauen. Elefanten sind auch klug.« Das ist Unsinn. Denken tun Elefanten nicht, und die Zelle existiert nicht vorher im Kopf der Biene – als bewusste Antizipation des gewollten Resultat. Seite 5: »Irrtumsfähigkeit und Störbarkeit des Bewusstseins.« Das Denken bewegt sich in Kombinationen des Allgemeinen. Es kann daher, wenn diese Kombinationen der Realität entsprechen, diese tiefer und richtiger widerspiegeln als die an den individuellen konkreten Fall gebundene sinnliche Wahrnehmung. Es kann aber auch falsch kombinieren. Es gilt, Wahrheit und Irrtum aus einer Wurzel zu begreifen.4 4 (AH) Im Rahmen seiner zeitlich parallel erfolgenden Studien zur Logik, die ein wichtiger Teil der Logik-Debatte der jungen DDR-Philosophie waren, zeigte Harich, wie er diese Forderung verstanden wissen wollte. Siehe die entsprechenden Texte des 2. Bandes. 3 9 0 T e i l I I I Seite 5: Leib-Seele-Geist-Einheit. Gibt es durchgängige Kategorien? Gehirnvorgänge sind das notwendige Substrat von Denkvorgängen. Aber: Lässt sich das Phänomen Wahrheit-Irrtum durch Kategorien der Hirnphysiologie erfassen? Seite 5/6: »Zentraler Gesichtspunkt, der das Ganze des Menschen betri t.« Die Arbeit. Seite 6: »Nicht an isolierte Merkmale halten, weil diese immer irgendwo im Tierischen wiederzu nden seien.« Die Begründung ist falsch. 1) Vernunft ist nicht bei Tieren zu nden, auch nicht »irgendwo«. 2) Arbeit ist ein Merkmal. Richtig ist, dass es eine Funktion sein muss, die einerseits alles spezi sch Menschliche bedingt, andererseits alles spezi sch Menschliche voraussetzt. Das ist die Arbeit. Sie ist die Grundlage des Denkens und Wollens, und sie setzt Denken, Wollen usw. voraus. Seite 7: Angri auf die »klassische« Abstammungslehre – betri t den Darwinismus, sofern er nicht zum dialektischen Materialismus weitergeht. Seite 7: »Jede unmittelbare Ableitung vom Tier (Großa en, Schimpansen) müsste von vornherein die Fragestellung, die sich auf das spezi sch Menschliche bezieht, versperren?« Ja, aber nur, wenn diese Ableitung über den Rahmen des bloß Biologischen hinausgeht und ins Gegenstandsgebiet des historischen Materialismus übergreift, d. h. nur dann, wenn sie die Menschwerdung als biologische Höherentwicklung au asst, nicht aber, wenn sie das qualitative Neue des Menschen durch die Arbeit erklärt. Seite 7: Klassischer Darwinismus drängt sich auf, wenn man an den Menschen von außen herangeht und Kenner der zoologischen Entwicklungsgeschichte, der Fossilien usw. ist. Damit lasse sich aber nicht erklären: Was ist Sprache, was ist Phantasie, was ist Erkenntnis, was ist Moral? Alles richtig. Aber die Arbeit erklärt alle diese Phänomene. Seite 8: Seit Nietzsche eine Reihe von Versuchen, die Psyche biologisch zu betrachten. Diese Versu- Darwin-Karikatur, 22. März 1871 im Magazin e Hornet, Titel: “A venerable Orang-Outang. A contribution to unnatural history” 3 9 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e che schlagen deshalb fehl, weil man nicht von einer spezi sch menschlichen Biologie ausgeht und so zur mechanistischen Überschätzung von Determinanten (Sexualtrieb, Hunger usw.) gelangt, die eine Fülle von Phänomenen unerklärlich lassen, zum Beispiel die Moral. Ist der Antrieb des Ethischen verkappter Sexualtrieb oder sublimierter Hunger – worin besteht die Verkappung, worin die Sublimierung? Zum Beispiel Aufopferung. – Die Fähigkeit dazu ist die Fähigkeit, gegen die eigenen vitalen Bedürfnisse zu handeln. Das setzt spezi sch menschliche Biologie voraus, d. h. eine nicht bloß vital determinierte Antriebsstruktur. Ebenso: Weitgesteckter Ehrgeiz, der sich über nahe liegende, bequeme Erfolgsmöglichkeiten und über Möglichkeiten nahe liegender Bedürfnisbefriedigung hinwegsetzt, bestimmte »kleinliche Vorteile« missachtet! – Wie kann ein Organismus biologisch funktionsfähig sein, der die Reize, die von solchen vitalen Lockungen ausgehen, ignorieren kann? Man denke sich einen hungrigen Löwen, der ein Beutetier laufen lässt, ja, nicht beachtet, weil es von »höheren Interessen« ablenken würde! Für den Menschen sehr wichtig: Hierarchie übergeordneter und untergeordneter Interessen, ständiges Ausgeliefertsein an Alternativen. Fähigkeit zum Durchhalten weit gesteckter Ziele und gleichzeitig Ablenkbarkeit. Seite 8: Doch, solche »Übergänge« von der tierischen zur menschlichen Existenz gibt es, aber nur als quantitative Summierung von Intelligenzleistungen in der Sphäre der Tiere, denen dann der qualitative Sprung folgt. Die »Einsicht« der A en. Seite 9: Frage nach den Existenzbedingungen des Menschen. Wie kann der Mensch sein Dasein fristen? Dazu braucht er alle seine spezi sch menschlichen Leistungen. Die Sprache, das Denken, die Pedanterie, den Willen, das Ethos. – Wie würde sich eine unbeaufsichtigte Gruppe von Irren verhalten, die man in freier Natur aussetzte und sich selbst überließe? Würden sie arbeiten? Seite 10: Es sei für den Menschen schon eine beträchtliche Leistung, nächstes Jahr noch zu leben, eine Leistung, die den ganzen Einsatz spezi sch menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten erfordert. Dies gilt auch für einen Menschen, der als Parasit lebt? Auch für einen Kranken, der im Bett liegt und den andere p egen? Frage: Welches Minimum an spezi sch menschlichen Leistungen ist notwendig für den extremsten Fall an parasitärer Existenz? Seite 10: Der Mensch lebt nicht, er führt sein Leben. Richtig, aber nicht absolut: Die Gesellschaft bestimmt die Grenzen, innerhalb derer er es führt. 3 9 2 T e i l I I I Seite 10: Das Risiko einer Physis, die aller beim Tier so wohlbewährten organischen Gegensätzlichkeit widerspricht. Dieses Risiko ist aber zugleich O enheit für eine Unendlichkeit von Chancen. Seite 10: Schlüssel zum Wesen eines Lebewesens: Die Frage, unter welchen Bedingungen es existiert. Seite 10: Die besondere biologische Leiblichkeit des Menschen mache seine Intelligenz notwendig. Das ist richtig. Aber es genügt nicht. a) Diese Intelligenz setzt diese besondere Leiblichkeit voraus. Eines ist Bedingung und Resultat des anderen. b) Genetisch war erst die Unangepasstheit des vormenschlichen Organismus da – dann deren Kompensation durch Arbeit, dann Ausbau der Arbeit zu spezi sch menschlichen Leistungen und in dem Maße gleichzeitig Abbau der spezi sch tierischen Eigenschaften – wobei der weitere Verlust an tierischer Biologie Bedingung für den weiteren Ausbau der menschlichen Leistungen war. Seite 10: Sprache setzt ein System tiefer liegender Bewegungs- und Emp ndungszusammenhänge fort. Seite 10: Untierische und einmalige Antriebsstruktur des Menschen. Seite 10: Aufgabe: Ein System einleuchtender wechselseitiger Beziehungen aller wesentlichen Merkmale des Menschen, vom aufrechten Gang bis zur Moral. Grundfunktion: Die Arbeit. Ein System, in dem sich alle Funktionen gegenseitig voraussetzen. Seite 11/12: Gegen Max Schelers Stellung des Menschen im Kosmos. 1) Schelers Standpunkt. Unterscheidung zwischen gewohnheitsmäßigem und intelligentem Verhalten, die beide hervorgehen aus dem instinktiven Verhalten, das in einem bestimmten Rhythmus verläuft (was ist das?), sinnvoll (müsste heißen: angepasst), nicht erworben (warum erworben?), artdienlich ist. Gewohnheitsmäßiges Verhalten kommt jedem Lebewesen zu, das sein Verhalten auf Grund früherer Erfahrungen (bedingte Re exe) in einer lebensdienlichen und zweckmäßigen Weise langsam und stetig abändert, in strenger Abhängigkeit von der Zahl der Versuche und der so genannten Probierbewegungen. Gewohnheit bildet sich durch 3 9 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Festhalten und Herausüben bewusster Probierbewegungen. Hierauf beruht auch das Gedächtnis. (Eng verbunden mit Handlungs- und Bewegungsnachahmung.) Intelligenz. Wenn ein Tier neuen, weder art- noch individualtypischen Sachverhalten gegenüber ohne Versuche ein sinngemäßes Verhalten vollzieht. A en haben diese Fähigkeit, aber nur im Anziehungsfeld triebhaft interessanter Neuaufgaben. Das neue Prinzip, das den Menschen zum Menschen macht, sei ein allem Leben überhaupt entgegengesetztes Prinzip; stehe außerhalb des Lebens: der Geist. Existenziell entbunden, ablösbar vom Bann und von der Abhängigkeit vom Organischen. Nicht mehr trieb- und umweltgebunden, sondern umweltfrei und welto en. Widerstandszentren der Umwelt werden zu Gegenständen erhoben. Akt der Isolierung, trennt Dasein und Wesen. Asketischer Akt der Hemmung der eigenen triebhaften Zuwendung zu den Dingen hebt den Realitätsdruck der Welt auf und fasst das Sosein der Dinge, abgesehen von ihrem Dasein, auf. (Interessant: Denken, d. h. Widerspiegelung des Allgemeinen, abgelöst vom individuell konkreten Fall, setzt Askese voraus.) Geist lebt von den Kräften, die nicht in der Welt umgesetzt, sondern ihr entzogen werden (durch Askese), bewegt sich außerhalb des Lebens und auf Kosten des Lebens. (Klages-Idee.) 2) Meine Stellungnahme. Gewohnheitsmäßiges Verhalten müsste aus bedingten Re- exen erklärt werden. Fragt sich nur: Bei welchem Tier fängt es an (Panto eltierchen?), bei welchem hört es auf bzw. wird es zu intelligentem Verhalten? Welche neue Gehirnleistung unterscheidet gewohnheitsmäßiges von intelligentem Verhalten? Der A e löst nur triebhaft interessante Neuaufgaben. Setzt deren erfolgreiches Handeln aber nicht immer schon ein Minimum an Askese voraus? Falsch, dass »Geist« substantialisiert wird. Falsch, dass »Geist« außerhalb des Lebens stehe, denn er ist nur auf der Grundlage seines biologischen Substrats (Gehirn) möglich. Falsch, dass nicht nach Entstehung und Entwicklung des Geistes gefragt, sondern das fertige Resultat einfach hingenommen wird. Falsch, dass Geist einfach als neue, höhere Schicht auf einen ansonst tierischen Organismus mit tierischen Gewohnheiten und Intelligenzakten aufgesteckt wird (ontologisch, Schichtenschema!). Falsch, dass nicht das grundlegende Moment des Neuen – die Arbeit – gefasst und mit den materiellen Existenzbedingungen des Menschen, als deren Voraussetzung, als deren Herstellungsmittel und als deren Resultat in Beziehung gesetzt wird. 3 9 4 T e i l I I I Im Einzelnen: Ablösbar vom Bann: Voraussetzung und Resultat der Konzentration auf Mittelglieder in der Arbeit unter Festhalten des Ziels und unter Möglichkeit, störende Reize, die dazwischen kommen, unbeantwortet zu lassen. Ablösbar von der Abhängigkeit vom Organischen. Das heißt – nicht biologisch vital bedeutsame Objekte können Gegenstand werden usw. Nicht mehr trieb- und umweltgebunden: Der Verlust an biologischer Spezialisiertheit und an Spezialisiertheit des Wahrnehmungshorizonts. Askese – macht die Konzentration auf ein Ziel und das Durchhalten dieses Zieles über Entbehrungen hinweg möglich. Andererseits ist Askese die Bedingung für die Distanz gegenüber dem konkret-individuellen Fall und für die Erfassung des Allgemeinen. (Teilweise nicht lesbar, AH.) Der rationelle Kern der Kritik der praktischen Vernunft: Es gehört zum Wesen des Menschen, Reize, die von vital bedeutsamen Objekten ausgehen, oder von Objekten, die uns mehr »reizen« als die mühselige, aufopfernde, asketische Hingabe an ein übergeordnetes Ziel, unbeantwortet lassen zu können. Seite 13: Sehr gut. Gegen ontologische Substantialisierung dessen, was seinem Wesen nach funktionell ist. Substantive wie Seele, Geist, Trieb usw. sind überhaupt irreführend, Funktionen können nur verbal ausgedrückt werden: Denken, Erkennen, Erinnern, Wollen, Anstreben, Abzielen-auf usw. Seite 13: Ablehnung des Stufenschemas: Instinkt – Gewohnheit – praktische Intelligenz – menschliche Intelligenz (Geist). Gut. Seite 14: Alternative, zu der das Stufenschema zwingt: Entweder nur gradueller Unterschied. (Geist als bloße Anreicherung, Verfeinerung, Komplizierung tierischer »Eigenschaften«, wie der praktischen Intelligenz des A en. Dies wäre noch mechanistisch!) Oder: Der Geist ist etwas absolut Neues. Richtiger: Durchlaufendes Strukturgesetz, das den ganzen Menschen in allen seinen Funktionen, von den physischen bis zu den geistigen in spezi sch menschlicher Weise beherrscht und den »Stil« oder die Verlaufsform aller seiner Bewegungen, Handlungen, Lautäußerungen, Intelligenzakte, Antriebserlebnisse usw. bestimmt. Frage: Ist dieser durchlaufenden Struktur auch das vegetative Leben des Organismus unterworfen? Verdauung? Innersekretorische Geschichten? at’s the question! eorie von Bolk. 3 9 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Seite 14: Gehlen: »Mensch ist handelndes Wesen.« Das ist schon etwas Sekundäres. Es erklärt nicht die Entstehung des Handelns. Das erste Handeln war vitale Bedürfnisbefriedigung, die »tierisch« nicht erreichbar war, also Arbeit. Handeln kann nicht Denken erklären, Arbeit ja. Seite 15: Die Vorstellung des Aristoteles, dass der Mensch (Mikrokosmos) Stufen des Tierreichs (niedere Instinktwesen, etwas höhere Gewohnheits- und Gedächtnistiere, noch höhere mit praktischer Intelligenz) in sich vereine, und dass er dieses Stufenreich noch mit seinem Geist kröne, diese Vorstellung sei falsch. Hat der Mensch Instinkte? Hunger, Geschlechtstrieb – ja. Diese nden nur nicht ihr Objekt, wenn sie nicht von der Gesellschaft dazu erzogen werden, es zu nden. (Teilweise nicht lesbar, auf der folgenden Seite bricht das Manuskript ab, AH.) Exzerpte und Notizen zu Gehlens Zur Systematik der Anthropologie5 (nicht datiert) I 1) Verschiedene und unter einander kaum vergleichbare Bemühungen, die sich unter dem Namen »Anthropologie« vorgestellt haben. (a) Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht = Anleitung zur Weltkenntnis, dabei »Welt« in dem Sinne, wie man es bei der Verbindung »Ein Mann von Welt« gebraucht. Hierher gehören Schopenhauers Aphorismen zur Lebensweisheit und die Schriften der französischen Moralisten. (b) Imm. Hermann Fichtes Anthropologie – Lehre von der menschlichen Seele. Dabei Kapitel 3: Verleiblichung der Seele. Ausdruckskunde. Der Leib als der »reale Ausdruck der Seele« gefasst. Hierher gehören ausdruckskundliche Bemühungen von Herder, Treviranus, Carus, Schopenhauer, Lavater. (c) Scheler und Klages: Versuche einer philosophischen Anthropologie. (Gehlen übergeht Feuerbachs Anthropologie und Anthropologismus. Ferner geht Gehlen auf rein biologistische Anthropologien nicht ein: Daubenton, Blumenbach, 5 (AH) 18 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 3 9 6 T e i l I I I Darwin, Haeckel, Martin, Schwalbe und Fischer, Baur, Fischer, Lenz. Anthropologie als menschliche Erblichkeitslehre.) 2) Gehlens Beurteilung der anthropologischen Ausdruckskunde (Lavater bis Klages): (a) Positiv: Berücksichtigung der leiblichen Seite im Gegensatz zur klassischen Psychologie Wundtscher Prägung. Man bedient sich dazu fast überall des Grundsatzes: Dass das Äußere der »Ausdruck« des Inneren sei. (b) Positiv: Die ausdruckskundliche Anthropologie brachte es in Einzelheiten und in deren Klassi kation zu vielerlei und guten, auch zu praktischen Resultaten für mannigfaltige Zwecke der Charakter- und Verhaltensdiagnostik und -prognose. (c) Negativ: Der Satz, dass »das Innere das Äu- ßere« sei, ist logisch unbefriedigend: Es wird in diesem Satz ein Unterschied ebensowohl gemacht wie geleugnet. (d) Der Satz ist auch ontologisch unbefriedigend: Wenn man sich das Gemeinte vorstellen will, so bleibt nur eine »begri slose freie prästabilierte Harmonie« übrig (Hegels Kritik an Physiognomik und Schädellehre). (e) Grundsätzliche Fragen entziehen sich der Ausdruckskunde, werden daher von ihr liegen gelassen: • Sie nimmt zum Beispiel die Sprache als Tatsache hin, ohne zu untersuchen, was denn Sprache überhaupt ist. • Sie kümmert sich nicht darum, was eigentlich die erstaunliche Ausdrucksfähigkeit des Menschen bedeutet; sie vermag nicht anzugeben, warum sich bei einer Schildkröte oder einer Kuh nichts ausdrückt. • Sie steht mit keinen sicheren Argumenten der Tatsache gegenüber, dass sie auf die Unwillkürlichkeit des Ausdrucks der beobachteten Menschen angewiesen ist, da ja auch die inneren Impulse grundsätzlich noch der Kontrolle und Hemmung unterliegen können. Wenn man das praktisch vernachlässigen kann, so nur gegenwärtig und nur aus soziologischen Gründen: Weil wir gegenwärtig in einer Kupferstich aus Lavaters Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe, 1775–1778 3 9 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Zeit leben, in der nicht – wie in Japan oder im alten Spanien – die Vermeidung des unwillkürlichen Ausdrucks ständisches oder autoritäres Norm-Ideal ist.6 (Die Frage, die Gehlen übergeht, ist hier: Ob nicht Kontrolle und Hemmung selbst ihren Ausdruck haben und Ausdruck von etwas sind. Man denke an Ernst Blochs Gedanken, dass die Maskerade etwas Demaskierendes ist, sofern die Maske, die gewählt wurde, eine Wunschrichtung ausdrückt.) 3) Gehlens Stellungnahme zu den Versuchen philosophischer Anthropologie bei Scheler und Klages. Gehlen bringt beide auf einen Nenner: Das Wesentliche und Auszeichnende des Menschen, den beide Autoren die Absicht haben, in seiner Gesamtheit zu beschreiben, fällt doch in den Geist – wie immer sie diesen Geist auch bewerten. (a) Dies sei Fortsetzung der Geistmetaphysik. Es werde von Scheler und Klages zwar nicht mehr der Geist als Verbindungsglied zwischen irdischer und göttlicher Wirklichkeit bezeichnet (wie seit Platon), aber der Dualismus – ein traditionelles Schema – werde festgehalten: Der Geist erscheint als »gegennatürliche« Instanz, wenn er keine übernatürliche mehr sein soll. Damit haben wir also den Geist als Widersacher der Seele, und auch Scheler erklärte den Geist als ein allem Leben entgegengesetztes Prinzip: Er könne nicht selbst ein Teil der Welt sein. (b) Das Motiv hierfür: Die o ensichtliche Verschiedenheit von Geist und Physis. Die Leichtfertigkeit, beide zu unterscheiden und damit zu trennen. Die Schwierigkeit, eine nicht bloß postulierte, sondern einsehbare Verbindung zwischen beiden zu nden. Das Beispiel Schelers und Klages’ zeigt, dass es nicht genügt, vom »Leben« im biologischen Sinne her zu denken, wenn man dem traditionellen Schema wirklich entgehen will. Die Geläu gkeit der Entgegensetzung dringt durch, und der Geist erscheint als gegennatürliche Instanz. 4) Gehlen verwirft die (substantialisierten) »Wesensbegri e« wie »Geist«, »Wille«, »Seele«. Es sind metaphysische Begri e. Sie geraten irgendwo mit Erfahrungen in Kollision. Sie haben einen mehr geahnten und gefühlten als angebbaren Inhalt. Man gruppiert sie gegeneinander oder übereinander nach Wertneigungen unerforschlicher (?) Herkunft. Die zwischen diesen Dingen angeblich bestehenden Beziehungen sind vielmehr Bewegungen von Gefühlen, die durch Nennung dieser Begri e ausgelöst werden. Lehren, die mit Begri en wie »Geist«, »Wille«, »Seele« usw. arbeiten, ähneln 6 (AH) Siehe hierzu Harichs frühen Zeitungs-Artikel Ein Bühnenbildner am Regiepult. Willi Schmidt wird Georg Kaisers Soldat Tanaka inszenieren, vom 1. Februar 1946. 3 9 8 T e i l I I I auch insofern der Kunst, als sie in freiem Wettbewerb um die Zustimmung des Geschmacks des Publikums auftreten, nicht aber den Erfolg von der Übereinstimmung mit den Tatsachen erwarten, wie die Wissenschaften. 5) Postulat einer Leib-Seele-Geist-Einheit nicht viel besser. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man sich damit den Tatsachen mehr nähert, aber in dieser Formel liegt kein Hinweis darauf, wie und warum man statt einer Verschiedenheit bloß eine Unterschiedenheit denken soll, und wie man nun wieder aus dieser zur Einheit kommt, und es lässt sich aus ihr, weil sie selbst mit abstrakt-allgemeinen Begri en arbeitet, kein nur nächster Schritt bestimmen, wie man sich den Tatsachen – und welchen? – zu nähern habe, um diese Formel zu bestätigen. II 1) Programm der Gehlenschen Anthropologie: (a) Sie soll eine Wissenschaft sein, d. h.: • Ihre Begri e den Tatsachen entnehmen, nicht die Tatsache nach den Begri en arrangieren; • Hypothesen aufstellen und deren Übereinstimmung mit den Tatsachen beweisen. (b) Sie soll philosophisch sein im Sinne von »übergreifend«. 2) Unterschied zu anderen Wissenschaften, die mit dem Menschen zu tun haben. (a) Die Morphologie, Physiologie, Sinnesphysiologie, Psychologie, Sprachwissenschaft, Soziologie usw. (hinzuzufügen wäre: Politische Ökonomie, Geschichtswissenschaft usw. usw.) beschäftigen sich nämlich auch mit dem Menschen, und zwar so, wie dies Einzelwissenschaften allein möglich ist: Indem sie an diesem komplexesten aller Gegenstände bestimmte Seiten untersuchen und von den anderen Seiten möglichst absehen. Eine philosophische Wissenschaft vom Menschen schließt den Versuch ein, mit dem Material dieser Einzelwissenschaften und über ihre Grenzen hinweg Aussagen über den Menschen als Ganzes zu machen, und zwar selbst wieder empirisch-wissenschaftliche Aussagen. (b) Gehlens Ausgangshypothese: Dass der Mensch ein einheitlicher und ein der Wissenschaft zugänglicher Gegenstand ist. Diese Behauptung zerfällt in zwei esen: 3 9 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e (1) ese von der Einheit der Spezies Mensch – gegen Rassismus. (Sofern Rassenkunde in Bezug auf den Menschen überhaupt berechtigt ist, ist die philosophische Anthropologie der Rassenkunde vorgeordnet, wie es eine allgemeine Anatomie »des Menschen« gibt, die jeder speziellen Anatomie und Morphologie der Rassen logisch vorgeordnet ist.) Hinzuzufügen wäre: Das Verhältnis der philosophischen Anthropologie zur Gesellschaftswissenschaft. Einerseits ist sie dieser vorgeordnet, sofern sie sich auf allgemeinmenschliche Eigenschaften (Denken) bezieht, die sich bei den Menschen aller Zeiten und bei den Angehörigen aller Klassen nden; andererseits ist ihr Gegenstand – der Mensch – auch in seiner Allgemeinheit – als Spezies – natürlich Resultat der historischen Entwicklung der Gesellschaft. Vergleich hierzu die Ausführungen von Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten. (Aber abgesehen von den Klassengegensätzen. Einerseits setzt Sprache als Erscheinungsform des gesellschaftlichen Bewusstseins, also als Kollektivphänomen jeder menschlichen Gesellschaft, die anthropologische Eigenschaft »Sprechenkönnen«, »Sprechen« bei allen Individuen dieser Gesellschaft bereits voraus. Andererseits kann sich diese Eigenschaft an den Individuen nur ausbilden und reproduzieren in der Gesellschaft und unter ihrem Ein uss, und zwar sowohl phylogenetisch wie ontogenetisch. Die Anthropologie behandelt Sprache nur als Fähigkeit der Individuen, nicht als Kollektivphänomen; sie kann aber diese Eigenschaft nur vom Kollektivphänomen her erklären, als Mittel der Verständigung, womit die Kollektivität bereits vorausgesetzt ist.) (2) ese von der Ganzheit jedes einzelnen Menschen in sich. Träfe diese ese nicht zu, so hätten wir es mit der anderen Behauptung zu tun, dass der Mensch aus mindestens zwei verschiedenen Substanzen, Leib und Seele, zusammengesetzt ist. Es müsste dann zwei verschiedene Wissenschaften geben, die sich in die Erforschung des Menschen zu teilen hätten: Biologie und Psychologie, wenn auch zugestanden würde, dass diese irgendwie zusammenzuarbeiten hätten. (Würde die zweite ese nun dualistisch bestritten werden, so entstünde die Frage: Wäre die Biologie nur die allgemeine Biologie – die von Mensch und Tier und P anze? Wenn dies der Fall wäre, wenn es also keine spezielle Biologie von Menschen gäbe, wenn eine solche Wissenschaft gegenstandslos wäre, so läge das spezi sch Menschliche allein im Psychischen (Geist und dergleichen), und der Dualismus hätte recht. Wenn aber eine spezi sche Anthropo-Biologie sinnvoll ist, und deren Kategorien müssten dann ja in einer Korrelat-Beziehung zu den psychischen Eigenschaften des Menschen stehen, dann hätte in der Tat die Anthropologie einen einheitlichen, Leib und Seele umgreifenden Gegenstand: Den 4 0 0 T e i l I I I Menschen als ganzen.) Hierher gehört Gehlens Polemik gegen den Schichtungsgedanken von Scheler und Hartmann. (c) Gehlen: Wir müssen einen Ansatzpunkt nden und von ihm aus konkrete Fragen ableiten, der vor jeder Unterscheidung der physischen und psychischen Seite, also von »Seele« und »Leib« liegt, ja, vor jeder Möglichkeit ihrer Unterscheidung. (d) Bis hinab in die Wahl der Worte ist zu vermeiden, dass in irgendeinem Ausdruck verborgen etwas über den Unterschied von Leib und Seele präjudiziert erscheint; alle in der Anthropologie verwendeten Ausdrücke müssen grundsätzlich »psychophysisch neutral« sein. 3) Der gesuchte Ansatzpunkt der philosophischen Anthropologie, der vor jeder Unterscheidung der physischen und der psychischen Seite liegt, ist die Handlung. (a) Von einer Verschiedenheit oder Unterscheidbarkeit von »Innen« und »Außen«, von psychisch oder physisch ist während des Vollzugs einer Handlung selbst schlechterdings nichts gegeben, und höchstens die nachherige Re ektion aus einem gerade nicht handelnden Zustand heraus kann die »inneren« Phasen der Überlegung, des Entschlusses usw. von der »äußeren, eigentlichen« Handlung trennen. Während der Handlung selbst ist dagegen diese Re ektion unvollziehbar, ihre Bedingungen sind vernichtet. (b) Die Handlung liegt auch jenseits der Kategorie »Ausdruck«. Sie kann ausdrucksvoll sein wie eine Gebärde, muss es aber keineswegs, und wir haben uns damit auch der Anregung entzogen, den Leib von vornherein als »Ausdrucksfeld« der »Seele« oder ähnliches zu fassen. 4) Bedeutungen: (a) Unter Handlung soll die voraussehende, planende Veränderung der Wirklichkeit verstanden werden. (b) Unter Kultur soll der Inbegri der durch Handeln veränderten bzw. neu gescha enen Tatsachen mitsamt den dazu notwendigen Mitteln, sowohl den Vorstellungsmitteln, als auch den Sachmitteln, verstanden werden. (c) Der zweite Ausdruck – Kultur – wird jeweils zu beziehen sein auf eine konkrete menschliche Lebensgemeinschaft. Verwendet wird der sehr allgemeine Ausdruck »Gemeinschaft« überall da, wo konkrete und von anderen unterscheidbare Gruppen 4 0 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e kooperieren. Der Ausdruck Gemeinschaft wird also hier auch durch die Handlung bestimmt. 5) Es gibt keine menschliche Gemeinschaft, in der es nicht Kultur gäbe, d. h. irgendwelche voraussehende Veränderung der Tatsachen und Sachverhalte im Dienste des Menschen, und handele es sich nur um die niemals fehlende Herstellung von Wa en oder Schutzmitteln, wie Kleidung und Obdach, oder um Techniken der Nahrungsbescha ung. Die Gegenüberstellung von Natur und Kultur ist nur insofern sinnvoll, als sie die nichtmenschliche, urwüchsige und sich selbst überlassene Natur gegenüber den Inseln methodischer Veränderung meint, die der Mensch in sie hineinarbeitet, um sie zu nötigen, ihn zu tragen. Nur in einem »entgifteten« und für ihre Zwecke zurecht gemachten Umkreis, den sie in die Natur hineinschneidet, existiert eine konkrete menschliche Gesellschaft. – Aus diesem Grund die Ablehnung a) der bekannten Unterscheidung von Kultur- und Naturmenschen, b) der von Kultur und Zivilisation. 6) Gegen den Einwand, dass man nicht buchstäblich vom Menschen als dem handelnden Wesen sprechen können, sagt Gehlen: In komplizierten Kulturverhältnissen gibt es erzwungene oder auch erreichbare Arbeitslosigkeit, einige Möglichkeiten entlasteter, freigesetzter, oft auch luxuriöser Existenz – doch nur zu Lasten der Arbeit anderer. Man kann für den Begri Handlung auch mit genügender Annäherung den Begri Arbeit einsetzen, und der »Schweiß des Angesichts« ist, wo man auch menschliche Gemeinschaften ansieht, nicht wohl bestreitbar. 7) Gehlens Hypothese: Die gesamte Organisation des Menschen sei von der Handlung her verständlich. III 1) Die Handlungen der Menschen beziehen sich teils auf die ihnen gemeinsame Wirklichkeit, teils beziehen sie sich wechselseitig auf einander. 2) Die Menschen nehmen geplante Veränderungen auch gegeneinander vor, und es gibt zahllose Weisen der Beein ussung, des Zwanges, der Verständigung, der Unterdrückung und Befreiung, der Dressur, Überredung und Erziehung: Alles Einwirkungen auf das gegenseitige Verhalten. 4 0 2 T e i l I I I 3) Jeder Einzelne kann und muss zu sich selbst Stellung nehmen; er muss seine Antriebe und Interessen kontrollieren, gegen einander entscheiden, hemmen usw. und also – in gewissen Grenzen – seinen eigenen inneren Zustand planmäßig verändern, nämlich nach irgend einer Leitidee, welche den Forderungen der Gemeinschaft entspricht. 4) Die in den einzelnen Gemeinschaften zu beobachtenden »Moralen« sind An triebsori entierungen von jeweils sehr verschiedener Aufbau-Ordnung. Die Hypothese, dass die gesamte Organisation des Menschen von der Handlung her zu erforschen sei, schließt ein, dass auch diese Moralen aus dem Zusammenhang der Konstitution des Wesens Mensch zu verstehen sind. 5) Herder: »Der Mensch ist nicht mehr eine unfehlbare Maschine in den Händen der Natur, sondern wird sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung.« 6) Schiller: »Bei dem Tiere und der P anze gibt die Natur nicht bloß die Bestimmung an, sondern führt sie auch allein aus. Dem Menschen aber gibt sie bloß die Bestimmung und überlässt ihm selbst die Erfüllung derselben.« 7) Bestimmte Normen der Stellungnahme gegen einander und sich selbst gegenüber sind in jeder menschlichen Gemeinschaft nachweisbar, man darf daher schließen, dass sie zu den Existenzbedingungen menschlicher Gemeinschaft und damit des Menschen selbst gehören, und eben ihre Notwendigkeit bei einer ebenfalls immer vorhandenen prekären Gültigkeit würde den Bereich der »Unsicherheit« umgrenzen, die Riskiertheit, die immer gesehen wurde. 8) Moral und dergleichen dienen der Zucht und Selbstzucht (im pädagogischen Sinne), der Formierung der Antriebe und Interessen, der Stellungnahme zu anderen und zu sich selbst. Erziehung und Selbstzucht sind die hervorragendsten Richtungen des normierten (planmäßigen) Handelns gegeneinander, und es kommt alles darauf an, dass man sowohl die Notwendigkeit, als auch die Unsicherheit dieser Handlungen festhält: Es besteht ebenso ein Zwang zur Zucht, wie eine chronische Chance des Verpassens, Verunglückens. Der Zwang zur Zucht erklärt sich aus dem Antriebsüberschuss des Menschen, die chronische Gefahr des Verpassens, Verunglückens erklärt sich aus der exklusiv menschlichen Bewusstheit – und damit Störbarkeit – des Antriebslebens. 4 0 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 9) Es ist falsch, diese Seite – »sich selbst Zweck und Ziel der Bearbeitung« – nicht zu beachten, wie dies die nur aufs Physische abzielende Anthropologie tut; und es ist auch falsch, beide Seiten wohl zu sehen, aber sie substantiell zu trennen, indem man sagt: Der Mensch gehöre teils der physischen Welt an, teils der geistigen (moralischen). 10) Dieselbe »Ursache«, welche den Menschen zu einem handelnden Wesen macht, macht ihn auch zu einem möglicherweise verunglückenden. Es ist daher dasselbe, ob wir sagen: unsere Anthropologie soll in der ese vom Menschen als dem handelnden Wesen die Probleme der Moral mit umfassen, oder ob wir sagen: diese »höhere Unsicherheit«, die mit dem Problem der Sittlichkeit gemeint ist, muss in der Verfassung und Konstitution des Menschen liegen. 11) Dass der Mensch ein Wesen der Zucht ist, und dass er Kultur scha t, unterscheidet ihn von jedem Tier und de niert ihn zugleich, denn es gilt innerhalb der unserer Erfahrung zugänglichen Zeiten und Räume absolut. Kein Tier lebt von der voraussehenden tätigen Veränderung der urwüchsigen Natur, keines hat Sittlichkeit oder Selbstzucht. 12) Die Frage nach der biologischen Betrachtungsweise des menschlichen Verhaltens kann nur innerhalb einer weiteren Frage gestellt werden, indem nämlich nach den empirischen Bedingungen gefragt wird, unter denen die betre ende Gattung existiert. Unter diese Bedingungen muss man auch die leibliche, somatische Bescha enheit dieser Gattung rechnen, und insofern ist diese Betrachtungsweise auch in jener engeren Bedeutung biologisch, die meistens gemeint wird. Wenn wir also die Handlungen der Menschen untersuchen, so fassen wir sie als Wesen, wie ein somatisch so bescha enes Wesen sich am Leben erhält. 13) Der Begri der Ursache hat vollständig zu verschwinden. Er hat einen de nablen Sinn nur da, wo einzelne Zusammenhänge isoliert werden können, also innerhalb echt experimenteller Wissenschaften. In allen nicht-experimentellen ist er ein metaphysischer Begri und besteht meistens darin, dass man ein Merkmal rein begri ich isoliert und als »Ursache« des ganzen Komplexes setzt, aus dem es isoliert wurde. So sagt man wohl, die Wirtschaftsverfassung sei die Ursache der kulturellen Erscheinungen, oder die industrielle Entwicklung sei die Ursache der Bevölkerungsvermehrung, oder – in unserem Falle – der Gebrauch der Hand sei die Ursache der starken Gehirnentwicklung und diese wieder die Ursache der Menschwerdung, oder die Au ichtung der spättertiären 4 0 4 T e i l I I I Urwälder sei die Ursache des Herabsteigens von den Bäumen und damit der Aufrichtung usw. Das alles ist Metaphysik. Eine äquivalente Behandlung, welche die Fehler solcher »Kausalfragen« vermeidet und von vornherein im Sinne unserer biologischen Fragestellungen liegt, ist die folgende. Man sagt nicht: A ist die Ursache von B, sondern man hebt ab auf den Zusammenhang von Bedingungen, den wir suchen. Man formuliert also: Ohne A kein B, ohne B kein C, ohne C kein D usw. Läuft diese Reihe in sich zurück – ohne N kein A –, so ist ein totales Verständnis des betrachteten Systems gelungen, ohne dass irgendwo die Metaphysik einer einzelnen Ursache Platz hätte. Diese Methode ist natürlich unserem Problem allein angemessen. Wenn wir nach den Bedingungen suchen, unter denen der Mensch sich am Leben erhält, so betrachten wir ein derartiges System: Ein so bescha ener Organismus, der mittels dieser Handlungen unter diesen Umständen existiert. In die Leerstellen dieses Schemas (so bescha en … diese … diese …) werden jeweils mehrere nähere Merkmale einzutragen sein; aber ein Verständnis im totalen Sinne ist nur erreicht, wenn alle diese Bestimmungen als wechselseitige Abhängigkeiten erscheinen, wie oben beschrieben. (Darin steckt ein richtiger Kern: Abweisung des metaphysischen Kausalbegri s, der linearen Ursachenkette. Aber das Problem, das grundlegende Moment aufzu nden, ist damit natürlich nicht erledigt. Für das Wechselverhältnis von Basis und Überbau in der gesellschaftlichen Entwicklung gilt grundsätzlich dasselbe: Ohne A kein B, ohne B kein A. Trotzdem ist die Basis, nicht der Überbau das grundlegende Moment.) Gehlen gibt selbst zu, dass ihn seine Methode von der Frage der Entstehung des Menschen zunächst abschneidet. IV 1) Der Mensch ist in seiner Existenzmöglichkeit auf gewisse Leistungen angewiesen, von denen die wichtigsten sind: (a) Die voraussehende, planende Veränderung vorgefundener Sachverhalte ins Lebensdienliche; (b) Leistungen der Weltorientierung und Weltdeutung; (c) Akte der Stellungnahme gegenüber den eigenen Antrieben, dazu gerechnet Kontrollen und Hemmungen gegen einander, die in die Antriebssphäre eingreifen. 4 0 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 2) Die Kultur gehört zu den physischen Existenzbedingungen des Menschen. 3) In der Zoologie ist der Begri der Umwelt unentbehrlich geworden. Er besagt, dass die zahllosen je spezi schen, natürlicherweise möglichen ökologischen Situationen von bestimmten Arten »ausgenutzt« werden, die jenen nunmehr angepasst oder in die sie eingepasst sind, gleichgültig, mit welchen Mechanismen man sich dies erreicht denkt. Diese Umwelteinpassung kann auch im Verhalten untersucht werden. Ein aufwachsendes Tier kann sich den charakteristischen Bestandstücken der Umwelt gegenüber mit angeborener Sicherheit und Richtigkeit verhalten, was natürlich keineswegs ausschließt, dass es mit der Zeit auch lernt und Erfahrungen macht. Die Instinkthandlungen der Tiere sind selbst Einpassungen, sie sind organisch festgelegte, spezialisierte Verhaltensweisen auf bestimmte Umweltkon gurationen. Für den Tatbestand der Einpassung in die Umwelt ist es dabei gleichgültig, ob ein Tier Veränderungen an der Umwelt vornimmt oder nicht; diese Veränderungen sind nämlich selbst wiederum instinktiv gesteuert, wie der Nestbau der Vögel oder die Bauten des Bibers. Diese verändernden Tätigkeiten sind niemals voraussehend geplant oder in dem »Dass« ihres Zu-Stande-Kommens selbst noch von Planung abhängig. (Angeborene Instinktbewegungen: unbedingte Re exe; Erfahrungen: bedingte Re exe. Neue Qualität des Menschen: Teleologie der Arbeit. Unterschied Biene und Baumeister im 5. Kapitel des Kapital.) 4) H. Webers Unterscheidung von Umgebung und Umwelt. Umgebung: Die Gesamtheit der in naturgesetzlicher Weise miteinander verknüpften Glieder eines Lebensraumes, in dem wir einen Organismus beobachten, in den wir ihn versetzen oder versetzt denken. Umwelt: Die im ganzen Komplex einer Umgebung enthaltene Gesamtheit der Bedingungen, die einem bestimmten Organismus gestatten, sich kraft seiner spezi schen Organisation zu halten. Merkmale der Umwelt: (a) Sie ist ein Ausschnitt aus einer weiteren Sphäre (Umgebung); (b) Sie bildet einen spezi schen, also bestimmten Komplex; (c) Sie ist bezogen auf eine Art, respektive auf ein als austauschbar gedachtes Individuum; (d) Sie ist nicht transponierbar, d. h. kein Tier kann sich in die Umwelt eines anderen versetzen oder sich von den Inhalten jener anderen Umwelt her verhalten, es sei denn, die Inhalte der einen Umwelt wären potenziell auch die der anderen (im Falle von Warnsymbiosen etc.). 4 0 6 T e i l I I I 5) Es ist kein typisch menschlicher, d. h. auf diese Gattung bezogener Komplex von Bedingungen angebbar, der erfüllt sein müsste, damit diese Gattung »sich halten« kann. Der Mensch lebt nicht in einem Verhältnis organischer Anpassung oder Einpassung an irgendwelche bestimmte, angebbare natürliche Sphären, sondern: Seine Konstitution erzwingt, leistet aber auch eine intelligente, planende Tätigkeit, die es ihm gestattet, aus sehr beliebigen Konstellationen von Naturumständen durch voraussehende Veränderung derselben sich Techniken und Mittel seiner Existenz zurecht zu machen. Wir sehen daher diese Gattung überall leben, in Wüsten, Polargebieten, Hochgebirgen und Steppen, in Sumpfgebieten und auf dem Wasser und in allen Klimaten: Eine spezi sche, zugeordnete Umwelt oder Umgebung ist daher nicht angebbar. (Zeitweilig kann der Mensch sogar in der Luft, ja, in der Stratosphäre und unter Wasser leben.) 6) Der Mensch lebt immer von den Resultaten seiner verändernden Tätigkeit, er lebt immer innerhalb seiner Kultursphäre und von ihr, ist niemals aber angepasst an urwüchsige Umstände. 7) In speziellen Fällen kann der Mensch gewohnheits- oder zuchtmäßig in einem bestimmten Kulturmilieu derart verwurzelt sein, dass er in der Tat daran gebunden ist (für ein, zwei Generationen). – Wir wollen die Fähigkeit zur Kultur einmal symbolisch »k« nennen, was eine generell menschliche Variable mit verschiedenen Größenwerten sein soll. In erster Annäherung würde diese Variable die Variabilität der Denkmittel und Tätigkeitsformen, also auch der Sachmittel bezeichnen. Wenn nun k relativ klein ist, so gibt es eine relative Sphärenfesselung in dem bestimmten tradierten Kulturmilieu. Ist k groß, so hat man aktive, eigentätige Anpassungsfähigkeit an immer wieder andere Umgebungen. Es besteht keine Möglichkeit, diesen Faktor mit dem biologischen Umweltbegri in eine notwendige Beziehung zu bringen; er bezeichnet ja gerade den Grad der Fähigkeit, sich von den konkreten Umgebungsbedingungen abzulösen. (Sehr wichtig für den Kampf gegen geographische Milieutheorie und Rassismus.) 8) Die Resultate der geplanten, verändernden Tätigkeit des Menschen – samt allen Mitteln – gehören zu dessen physischen Existenzbedingungen. (Das heißt: Produktion – die spezi sche materielle Existenzbedingung des Menschen.) 9) Von einer biologischen Umwelt des Menschen kann man nicht sinnvoll sprechen. Man kann nicht den Uexküllschen Umweltbegri auf den Menschen anwenden. Kraft unvergleichlicher kultureller Leistungen ist es gelungen, Techniken zu nden, die einen 4 0 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e wenn auch bisher nur vorübergehenden Aufenthalt in der Luft, sogar in der Stratosphäre und unter Wasser ermöglichen. Es gibt sogar schon eine Aufteilung des Südpolargebiets in Interessenzonen, was nur sinnvoll ist, weil grundsätzlich auch dort Menschen leben, mit einander Krieg führen usw. können. Gegenüber dieser Technik – die immer Kultur im oben de nierten Sinne ist – gibt es heute nur noch ganz unspezi sche Grenzen biologischer Leistungsmöglichkeit überhaupt, wie zerstörerische Temperaturen, absoluten Luftmangel oder Ähnliches. 10) Der Mensch hat also nicht Umwelt, sondern Welt. Und nicht nur objektiv, sondern auch subjektiv. Die Fähigkeit zur planenden, voraussehenden Veränderung der jeweils beliebigen vorgefundenen Naturbedingungen, mit der der Mensch die physischen Existenzbedingungen seines eigenen Lebens scha t, bedeutet, nach der subjektiven Seite, nun aber doch: Jede beliebige Einzelheit des Vorgefundenen kann »vorstellend« räumlich und zeitlich verlagert und vorstellend durch irgend eine andere Einzelheit überlagert werden. Beispiele: (a) Der Wilde sieht in dem Baum das künftige Boot. (b) Für den Mohammedaner, wo er auch sei, ist im Osten Mekka. (c) Hinter dem Berge weiß man, obschon es unsichtbar ist, das Dorf. (d) Eine störende Windung des Flusses wird weggedacht – als nächstes reguliert. Die Antizipation des (erstrebten) Resultat der Arbeit im Bewusstsein hat all dies zur Folge; sie hat zur Folge, dass der Mensch ebenso ein vorstellendes wie ein wahrnehmendes Wesen ist, ja, Ersteres in höherem Grade, und dass er davon lebt. Der Mensch verhält sich genauso von diesen vorgestellten Sachverhalt her wie von den vorgefundenen. Das aber heißt: Die ganze Fülle des Raumes und der Zeit steht dem Menschen o en; er hat also Welt und nicht Umwelt; sein Bewusstseinsinhalt ist von mehr als dem unmittelbar Wahrnehmbaren erfüllt. (Hier ist bereits die Fähigkeit des Denkens – Intention über stellvertretende Symbole auch auf Nicht-Präsentes – vorausgesetzt. Ferner Phantasie.) 11) Die für den Menschen wahrnehmbaren Inhalte bereits sind in gar keiner Weise auf biologisch Nützliches oder Verwendbares eingeschränkt, sondern von einem biologisch ganz sinnlosen Reichtum. Die Unzahl von Sternen wahrzunehmen ist zunächst über- üssig. 4 0 8 T e i l I I I 12) Der Mensch kennt nicht nur seine Kultursphäre und seinen – potenziell ebenfalls auswechselbaren – Lebensraum, sondern diese Sphären erweitern sich bis zu den Sternen. Mit anderen Worten: Er fasst diesen Lebensraum auf als Teil eines großen, unbestimmt weit sich erstreckenden Ganzen, seine Weltorientierung und Deutung erstreckt sich durchaus auf dieses Ganze, und so deutet er zum Beispiel die Sterne als Lagerfeuer Verstorbener (Australier), wenn er sie nicht schon als Weltpunkte zur Orientierung bei nächtlicher Seefahrt benutzt, wie die Polynesier. Kraft derselben denkenden und deutenden Interpretation fasst er die ihm gegebene Welt durchweg als Teil einer nichtgegebenen auf. Er »durchbricht« also die wahrnehmbare Welt und interpoliert überall Nichtwahrnehmbares – seien dies nun Dämonen, demokritische Atome, Götter oder sonst etwas. 13) Der Mensch durchbricht oder erweitert auch tätig die unmittelbar seinen Sinnen gegebene Welt, und zwar Kraft derselben Technik, mit der er sich überhaupt im Dasein hält. Fernrohre und Mikroskope leisten dies ebenso wie die »künstliche Nase«, die er in Gestalt eines Jagdhundes mit sich führt, oder wie die Signaltrommel. 14) Der Mensch, organisch unspezialisiert und reizo en, ist keiner spezi schen Naturkonstellation angepasst, sondern hält sich in beliebigen Naturkonstellationen durch planende Veränderung des Vorgefundenen und durch Orientierungsleistungen (Bedeutungen, Interpretationen, Interpolationen, vorstellende Neukombination usw.). Daher hat er auch subjektiv Welt. 15) Die Möglichkeit, die Umwelten der Tiere einzusehen und zu erkennen, beweist schon die Fähigkeit, Welt zu haben. – Mit dem Umweltbegri ist gemeint: Das Tier, das jeweils untersucht wird, lebt und existiert in einem Ausschnitt möglicher Inhalte, von denen jedoch nur bestimmte für das Tier physisch, praktisch oder sensuell bedeutsam werden, die unter sich ein System – eben die spezi sche Umwelt – ausmachen. Das Eichhörnchen und die Spinne am selben Baum sind sich gegenseitig unbekannt und für einander nicht vorhanden. Dieses Ausschnitthafte der Umwelt ist de nitorisch wesentlich. Wovon soll nun eigentlich die menschliche Umwelt ein Ausschnitt sein? Hierauf ist keine Antwort möglich ohne zuzugeben, dass der Mensch Welt hat. 4 0 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e V 1) Bei Menschen ist der Sachverhalt der Einpassung nicht erfüllt. Wenn man den Menschen morphologisch betrachtet, so fehlt ihm die spezialisierte Organausstattung, die das Subjekt der Einpassung, das Korrelat der Umwelt ist. 2) Der Mensch ist das unspezialisierte und in diesem Sinne primitive Wesen. Dabei bedeutet primitiv: Alle kennzeichnenden Organe und Organbildungen des Menschen sind teils phylogenetisch ursprünglich oder archaisch, teils ontogenetisch primitiv, d. h. festgehaltene Embryonalformen. (Unter Spezialisierung muss man dabei eine Entwicklung oder besser die Endphase einer durchlaufenden Entwicklung verstehen, die in dem Verlust der Fülle von Möglichkeiten besteht, welche in einem unspezialisierten Organ liegen, zu Gunsten der umweltentsprechenden Hochentwicklung einiger dieser Möglichkeiten auf Kosten anderer. (Hypothese von Bolk.) 3) Vom Tier aus gesehen erscheint der Mensch als »Mängelwesen«. (Platons Protagoras, Herder.) (Einzelheiten: Zur Systematik der Anthropologie, Seite 26.) 4) Zum Mängelwesen gehört: Lebensgefährlicher Mangel an echten Instinkten (ebenfalls Herder, aber schon La Mettrie). (Wichtig als Wa e im Kampf gegen Instinkt-Verherrlichung: Gehlen entwickelt Herders Kategorie der »Besonnenheit« weiter.) Dem Menschen fehlen echte Instinkte, d. h. angeborene erfolgssichere und auf Auslöserschemata abgestimmte Bewegungs guren. Selbst der Saugre ex, wenn er eine Instinkthandlung ist, arbeitet unsicher. 5) Zum Mängelwesen gehört: Embryonischer Gesamthabitus einschließlich der erstaunlich verlängerten Wachstums- und Entwicklungszeiten mit ihrer Schutzbedürftigkeit. (Andererseits: Bedingung seiner Überlegenheit. Der Mensch wird unfertig den Außenweltreizen ausgesetzt und zu ihrer eigentätigen Verarbeitung gezwungen.) 6) Als das Mängelwesen, das er ist, würde der Mensch innerhalb natürlicher, urwüchsiger Lebensbedingungen, rein als biologische Daseinspotenz von seiner Organ- und Instinktausstattung her gesehen, als bodenlebend inmitten der gewandtesten Fluchttiere und der gefährlichsten Raubtiere, schon längst ausgerottet sein. 4 1 0 T e i l I I I 7) Ein organmangelhaftes Wesen steht vor uns, der sicheren Instinkte weitestgehend entbehrend, ausgesetzt der unbestimmten Fülle der o enen Welt, die keine Einpassung ihm ausliest oder ihm wenigstens teilweise abblendet. Eine voraussehende, tätige Ver- änderung dieser Welt ins Lebensdienliche wird die bare Existenz dieses Wesens allein ermöglichen. 8) Dieses Wesen – der Mensch – muss der Welt, die biologisch richtig negativ als Überraschungsfeld bestimmt werden muss, die Bedingungen seiner Existenz selbst abringen und begegnet sich und erfährt sich dabei immer selbst als Aufgabe und Problem, ist sich darin selbst »Zweck und Ziel der Bearbeitung« (Herder). 9) Man sagt, dass das Gehirn ein Maximum an Spezialisierung erreiche, dass der Mensch das spezialisierte Gehirnwesen sei. Das Gehirn ist als Intelligenzorgan aber schlecht de niert: Außerhalb seiner dunklen, vegetativen regulierenden Funktionen betrachtet, ist es vielmehr das Organ des voraussehenden Handelns, das »psychomotorische Organ«, wenn man will, und daher, genau wie die Hände, die sozusagen materielle Tatsache selbst – dass der Mensch der auf die gesteuerte Handlung hin gebaute Organismus ist. Mit dem Gehirn muss man die Sinnesorgane, die Sprach- und Denkfähigkeit und vor allem die ganz untierische extreme Gesamtbeweglichkeit des menschlichen Körpers zusammen sehen, die ungeheure Vielfalt möglicher, gegeneinander antwortender motorischer Figuren, und dann fragen, wie ein Organismus bescha en sein muss, der das – um leben zu können – nötig hat. Das eben ist ein embryonischer, organisch unspezialisierter, instinktarmer Organismus, der der o enen Weltfülle exponiert ist. Es ist die unendliche Plastizität des Verhaltens, die im Gehirn repräsentiert ist, und in diesem Sinne ist das Gehirn zwar hoch entwickelt, aber keineswegs spezialisiert, wenn doch damit ein Verlust an Fülle der Möglichkeiten einhergeht: Es ist das Organ »für alle Zwecke«. 10) Kurze Andeutung von Gehlens Au assung der Abstammungsfrage: Zur Systematik der Anthropologie, Seite 28. VI 1) Alle geistigen Leistungen des Menschen können von seiner Handlungsfähigkeit aus begri en werden. Dies sei hier an der Wahrnehmung nachgewiesen. Die spezi sch menschliche Art des Wahrnehmen ist praxis-bedingt. Es gilt dasselbe für die Sprache, 4 1 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e für die Wissenschaft und – für die Weltanschauungen (Religionen etc.), die den Charakter von obersten Führungssystemen von Gemeinschaften (marxistisch: Überbaufunktion für eine bestimmte Gesellschaft) haben. 2) Der Mensch ist dem »Überraschungsfeld« der Welt ausgesetzt und auf dessen Ver- änderungen angewiesen. Für den Menschen kommt es also darauf an, sich in dieser Welt ebensowohl zu orientieren, wie deren Einzelheiten in die Hand zu bekommen. Diese theoretische Praxis ist die Formel für den Aufbau der menschlichen Wahrnehmungswelt. 3) Die bloße Wahrnehmung verscha t höchstens – durch Wiederholung – Bekanntschaft (nicht Erkenntnis). Für den Menschen ist es viel wichtiger, die Veränderungen der Dinge kennen zu lernen, d. h. deren mögliche Qualitäten, so wie sie den mit ihnen umgehenden Handlungen und deren Veränderungen entsprechen. Das ist einleuchtend, sofern der Mensch auf eine geplante, voraussehende Veränderung der Sachverhalte hin angelegt ist, weil eben die vorgefundene Situation nicht mit Sicherheit die notwendigen Lebensbedingungen enthält: Was nur ein anderer Ausdruck für mangelnde Einpassung ist. 4) Die Wahrnehmungswelt des Menschen ist »o en«; sie ist leer an auslösenden Schemata oder Instinktsignalen: Eben dies ist die »Reizüber utung«, der der Mensch ausgesetzt ist. (Reizüber utung heißt: Es wird mehr, viel mehr wahrgenommen als das vital Bedeutsame, andererseits wird das vital Bedeutsame unklarer, unschärfer wahrgenommen als von den Tieren.) Für den Menschen ist also innerhalb alles dessen, was er wahrnimmt, innerhalb der Reize, von denen er über utet wird, eine gewisse Orientierung vonnöten, nämlich eine Durcharbeitung der Reizfülle mit dem Ziel, gewisse Gliederungen, Unterscheidungen, Bevorzugungen und Vernachlässigungen in der Fülle des Wahrnehmbaren erst herzustellen. 5) Die Leistungen des Durcharbeitens der Reizfülle sind biologisch notwendig, und sie sind praktisch in dem Sinne, dass sie in ihrer Entstehung an die Entwicklung der Handlungsfähigkeit geknüpft und mit dieser verschränkt sind. Nur dann nämlich, wenn sie in den Aufbau elementarer Bewegungsformen eingebaut sind, werden diese Erfahrungen »unvermeidlich«, was sie ihrer zentralen biologischen Bedeutung wegen sein müssen, und umgekehrt: Nur in der Verschränkung mit der Durchorganisation des Wahrnehmungsfeldes können die Bewegungen selber »intelligent« werden und 4 1 2 T e i l I I I wenigstens einen großen Teil ihrer ganz unausmessbaren Plastizität und Kombinierbarkeit entwickeln. 6) Unter diesen Voraussetzungen ergeben sich von vornherein Erfahrungen nicht nur über die gerade vorgefundenen Qualitäten und Dingwerte, über den »Ist«-Bestand, sondern auch über die möglichen, von dem Verlauf der eigenen Handlungen abhängenden Qualitäten, sozusagen über den »Soll-Bestand« der Dinge. 7) Die Wahrnehmungswelt der Menschen ist ein Produkt, ein Resultat und enthält im wörtlichen Sinne Tatsachen, Tatbestände. (Nicht in dem Sinne, dass die Tat des Menschen die Dinge hervorbrächte, dies wäre subjektiver Idealismus, aber in dem Sinne, dass die menschliche Tätigkeit die spezi sch menschliche Art der wahrnehmenden Widerspiegelung der Dinge bestimmt.) 8) Wenn man die Ordnungsgesetze der Sehwahrnehmung untersucht und sich vor allem über die Zusammenarbeit von Auge und Hand, von Tast- und Sehsinn klar wird, so stellt man fest, dass die Sehwahrnehmung nicht die führende Wahrnehmung ist, sondern – im Verlauf der Entwicklung des tätigen Menschen – durch diese Entwicklung dazu gemacht wird. (a) Hierbei haben zunächst die jahrelang betriebenen spielenden Umgangsbewegungen der Kinder große Bedeutung: Es sind einmal Bewegungsübungen mit ihren objektiven Folgen an Tasterfahrungen; sodann vermitteln diese spielenden Umgangsbewegungen die Zuordnung von Seh- und Tasteindrücken, sowie vor allem Erfahrung über die gegenseitigen Variationen der Seh- und Tasteindrücke, wie sie aus der Ver- änderung der Umgangsbewegungen erfolgen. (b) Die Sehwahrnehmung übernimmt die Erfahrungen der Tastwahrnehmung; die Hand scheidet damit als Erkenntnisorgan zunehmend aus, während das optische Feld gesättigt wird mit Erfahrungen über die Schwere, Konsistenz, Materialstruktur usw. der Dinge, die diesen nunmehr angesehen werden. Die praktischen Werte der Dinge werden also – auf Grund dieser Praxis des Umgangs mit ihnen – sichtbar. Die Symbolik der Sehwahrnehmung enthält dann im Endresultat in erster Linie Andeutungen über wirkliche und mögliche Umgangsqualitäten der Dinge, damit aber Bewegungs- und Handlungsuggestionen rein optischer, d. h. müheloser Art. (c) In der Sehwahrnehmung gliedert sich selbst eine innere Ordnung derart heraus, dass Erfahrungen über die Veränderungen der Bestände derselben im Zuge des eigenen 4 1 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Gesamtbewegungszustandes gemacht werden. Das Größerwerden entfernter Dinge bei eigener Annäherung ist nur ein sehr einfacher Spezialfall dieses Vorganges, die gegenseitige Verdeckung der Sehdinge je nach relativer Größe und Entfernung bei Eigenbewegung des Beobachters ist ein anderer Spezialfall. Die Richtung der Entwicklung geht dahin, dass die ausgiebigen und wichtigen dieser Veränderungen schließlich allein aufgefasst bleiben. Der Unterschied derjenigen Bewegungen, welche innerhalb des Sehfeldes von unseren Eigenbewegungen entwickelt werden, von denen, die ohne unser Zutun im Sehfeld selbst statt nden (Eigenbewegungen der Sehdinge), wird niemals verwischt; die praktisch oder sachlich belanglosen Veränderungen dagegen werden »übersehen«, »neutralisiert«, wie zum Beispiel gewöhnlich der Schatten der Dinge und deren Richtungswechsel, der den Veränderungen des Sonnenstandes und unseres eigenen Standorts entspricht. Dies alles beweist jedenfalls, dass die Durchgliederung des Sehfeldes, seine Au adung mit optischen Symbolen unter seiner Organisation in Vordergrundhaftes (Belangvolles) und Hintergrundhaftes (Gleichgültiges) eigentätig geschieht und das Resultat von Erfahrungen über die korrespondierenden Veränderungen von Eigenbewegungen und Wahrnehmungseindrücken ist. Dabei sind die normalerweise übersehenen und vergleichgültigen Daten entwickelbar, und sie können bei geänderter Interessen- und Handlungsrichtung gerade die steuernden Werte sein, wie zum Beispiel die Färbungsnuancen der Wasserober äche für den Seemann. (Während bei den Tieren die Selektion des vital Bedeutsamen und die Abblendung des Belanglosen nicht eigentätig, praktisch, als Resultat des Handelns erfolgt, sondern instinktiv bestimmt und angeboren ist; die bedingten Re exe gruppieren bei ihnen nur assoziativ neue Wahrnehmungsqualitäten um die Wahrnehmungen des vital Bedeutsamen.) Bei Menschen ist die Durcharbeitung der Reizfülle mit dem Ziel der überblickenden Orientierung an die Entwicklung der Handlungsfähigkeit geknüpft. 9) Weil der Mensch handelndes, der o enen Weltfülle ausgesetztes und von deren Veränderung lebendes Wesen ist, gibt es bei ihm keine instinktiven Bewegungs guren wie bei den Tieren, deren Aktionen von biologisch entscheidenden und stereotypen Reizkonstellationen ausgelöst werden und angeboren, erfahrungsfrei »richtig« sind. Die menschlichen Bewegungen unterliegen einer anderen Gesetzlichkeit: (a) Sie müssen einen ganz außerordentlichen untierischen, unspezialisierten Kombinationsreichtum aufweisen, um nämlich der grenzenlosen Mannigfaltigkeit der Sachum- 4 1 4 T e i l I I I stände und -situationen gewachsen zu sein, denen der Mensch ausgesetzt ist, und die er in die Hand zu bekommen hat. (b) Sie dürfen nicht auf bestimmte Umstände angepasst und keine festgelegten Spezial- guren sein, es ist also weiter nötig, dass sie nicht angeboren sind; denn angeboren sind spezielle Bewegungskoordinaten. (c) Sie werden entwickelt, und zwar erfahrungsmäßig, d. h. sie müssen im Zusammenhang mit der Erfahrungsorientierung aufgebaut werden und sich selbst zur Erfahrung kommen. (d) Daher beim Menschen: Konstruktion einer ganz ungemeinen Beweglichkeit des Leibes, dessen ganze Ober äche tastemp ndlich und Sinnes äche ist, und der sehr weitgehend gesehen wird. Dadurch wird jede mögliche Bewegung re ektiert, d. h. sinnlich zurückgegeben und erfährt unweigerlich sowohl Gegenstände und Widerstände als auch sich selbst. Dazu versagt die Natur dem Menschen angeborene fertige Bewegungskoordinaten. Dazu stellt sie ihm eine, vom Tier aus gesehen unweigerlich lange Reifezeit zur Verfügung. Dazu unterstellt sie die Bewegungsreifung der eigenen Blick- und Tastkontrolle. Dazu verknüpft sie sie außerdem vorzüglich mit der Selbstent deckung des Leibes, d. h. der Gegeneinanderbewegung. Jeder Bewegungsimpuls wird also zum Erwartungsimpuls: Er muss Emp ndungsfolgen am eigenen Leib oder an den Dingen, mithin Koordinations- und Erfolgserfahrungen entdecken und damit erwarten lassen. (e) Die menschlichen Bewegungen müssen zunehmend zu geführten Bewegungen werden. Sie werden von virtuellen Bewegungsentwürfen her angesichts gesehener Sachverhalte neu koordiniert, d. h. geplant und verlieren schließlich alle Vergleichbarkeit mit angeborenen Bewegungen. (Dem wirklichen Sprung über den Graben geht der vorgestellt-planende Sprung im Bewusstsein voraus.) (f ) Die einzigartige Verlangsamung und Trägheit des menschlichen Reifungsvorgangs – eine wesentliche Seite der Unspezialisiertheit – ist daher, von einer anderen Seite her gesehen, die »Schonzeit«, in der ein biologisch hil oses Wesen sowohl sich selber wie die Welt zum ema der Entdeckung, der Erfahrung und Beherrschung macht. (g) Gelernte Handlungen werden automatisiert und können dann wie instinktiv getrieben, mit der Sicherheit von Instinkt-Aktionen laufen. Auf der Grundlage des im Laufe der Zeit erworbenen Bestandes an automatisiertem Handlungskönnen ist ein grundsätzlich unbegrenzter weiterer Ausbau des Bewegungskönnens möglich. 4 1 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 10) Die hier gezeigte Struktur der Wahrnehmung und Bewegung gilt für kein Tier. Schon weit unterhalb des »Verstandes« ist also im Bereich der sensomotorischen Vorgänge die Besonderheit der menschlichen Konstitution nachweisbar. 11) Ausgezeichnetes Beispiel für eigenständig erworbene Besonderheit des Wahrnehmens: Tasse. Zur Systematik der Anthropologie, Seite 36. VII 1) Situationsfreiheit. Dass der Mensch situationsfrei ist, bedeutet seine Unabhängigkeit von dem je zufälligen »Ist-Bestand« der gerade vorgefundenen Situation. Diese Unabhängigkeit ist ebenso eine theoretische wie eine praktische, und dies auf jeder beliebigen Ebene beider Ausdrücke. Was der Mensch sieht und erkennt, das ist außer dem gerade vorhandenen Material – oder besser: durch dieses hindurch – der darin angedeutete Horizont von Möglichkeiten und Veränderungs-Chancen. Daher gestattet keine Situation von ihrem »Ist-Bestand« her eine sichere Voraussage, was der Mensch in ihr tun und wie er sich verhalten wird. Freiheit »wozu« bedeutet natürlich: Es besteht Freiheit zur Ausnutzung der in jenem Bestand liegenden Möglichkeiten, zur Veränderung der Situation nach irgend einer Richtung hin – je nach dem Umkreis der objektiven Möglichkeiten, der verfügbaren Erfahrungen und der vorgezogenen Interpretationen und Deutungen. Die Vorstellungen Raum und Zeit sind nichts anderes als die in abstracto gefasste ganz grundsätzliche Unerschöp ichkeit jeder Erfahrung, die Offenheit jeder Situation, die Unabschließbarkeit jeder Bewegung darin, die Veränderlichkeit jeder Tatsache. 2) Entlastung. Der Begri der Entlastung ist von der Überlegung aus zu erreichen, dass ja die wesenhaften Merkmale des Menschen, wenn man sie unter den sonst bewährten biologischen Gesichtspunkten betrachtet, »Mängel« oder »Belastungen« sind: Dies gilt ebenso für die Gesamtheit seiner hil osen Organausstattung, wie für die Exponierung in einer nicht-angepassten Welt, einem Überraschungsfeld. Wie zieht der Mensch gerade aus diesen Belastungen die Mittel seiner Lebensfristung? Er nutzt sozusagen seine Nichteinpassung aus, um über die Welt und sich selbst Überblick zu erhalten und sie in die Hand zu bekommen. 3) Die Rolle der Entlastung in der praktisch erworbenen Sehwahrnehmung. (Tasse.) Das (praktisch erworbene) Wahrnehmungsfeld ist so gebaut, dass auf einem Hintergrund 4 1 6 T e i l I I I unendlich mannigfaltiger, neutralisierter und nicht aktuell werdender Daten von nur potentieller Wahrnehmbarkeit gewisse Zentren hochsymbolischer Verdichtung – welche ihrerseits in verschiedenen Ebenen liegt – erscheinen, nämlich: die Dinge, und dass dieses ganze System mit einem Blick übersehen werden kann, gerade deswegen, weil so außerordentlich viel »übersehen« (= nicht beachtet) wird und nicht in die Andeutungszentren eingeht. 4) Das bedeutet für die Entlastung: Die Unmittelbarkeit des Eindrucks und Ein usses der Reizfülle ist gebrochen, die Kontaktstellen mit ihr sind auf ein Minimum reduziert, aber auf Minima von höchster potentieller Entwickelbarkeit. So entspricht die Wahrnehmungsordnung ebenso dem indirekten, auf die künftigen Phasen der Wirklichkeit gehenden Verhalten des Menschen, wie sie ihrerseits aus einem unangepassten, unspezi schen »probierenden« Verhalten erst hervorgeht. Diese ganze, im Resultat lebenswichtige Struktur setzt natürlich gerade die Überschwemmung mit unangepassten, unausgelesenen Reizmassen voraus, und gerade mit Hilfe dieser Bedingung erst gelingt jene allmähliche »Au adung« der Eindrücke mit Symbolen, jene Ordnung und Gliederung des Sehfeldes, die im Zuge der menschlichen Umgangstätigkeit anwächst und als übersehene Welt vor uns steht: Sie drückt sichtbar aus, dass man Distanz gewonnen hat, den Bannkreis der Unmittelbarkeit gebrochen, und dass ein voraussehendes, die künftigen Eindrücke schon vorwegnehmendes und im großen Umkreis herrschendes Verhalten möglich ist. So zieht der Mensch aus den – vom Tier her gesehen: abnormen – Bedingungen gerade die Mittel seiner menschlichen Lebensführung, und diesen nicht einfachen Zusammenhang bezeichnet Gehlen mit dem Ausdruck: Entlastung. 5) Eine andere Seite desselben Sachverhalts: Die fortschreitende Indirektheit des menschlichen Verhaltens, der zunehmend herabgesetzte und damit freiere, mehr variable Kontakt. Zwischen die Handlung und deren Ziel werden Mittelglieder eingeschoben, die ihrerseits Gegenstand eines abgeleiteten und umwegigen Interesses werden. Nicht den zufälligen Gebrauch eines vor Augen liegenden Werkzeuges für nächste Zwecke, sondern die Bearbeitung eines Werkzeuges für einen fernen Zweck halten wir für menschliches Verhalten. Hier bemerkt man auch, wie die Handlungen oder, allgemein gefasst, Bewegungen des Menschen geführte und geplante Bewegungen nach vorschwebenden, vorausgesehenen Situationen hin sind. Was also – von außen gesehen – indirektes, variables, die Unmittelbarkeit übergreifendes Verhalten ist, das ist – von innen gesehen – geplantes, voraussehendes, von je höheren Zentren aus gesteuertes Verhalten. 4 1 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 6) Damit die niederen Funktionen zu geführten und eingesetzten Funktionen werden können, müssen die höheren gewisse Leistungen übernehmen, die ursprünglich den niederen zukamen – vor allem die der Variation und Kombination –, aber sie tun dies in einer uneigentlichen, nur andeutenden symbolischen Form – sie sind also bewusst. Dieser Mechanismus ist, genau genommen, die Voraussetzung, unter der wir erst die Funktionen in niedere und höhere einteilen. Das einfachste Beispiel ist ein Bewegungsentwurf: Die Bewegungen der Arme und Hände sind zunächst noch mit den Aufgaben der Ortsbewegung belastet und verlieren diese Aufgaben mit der Aufrichtung. In der Fülle der Spiel-, Umgangs-, Tast- und Greifbewegungen haben nun die Bewegungen der Arme und Hände einen großen Vorrat von Kombinationen und Variationen durchgespielt, im direkten Kontakt mit den Sachen selbst. Das heißt aber: Sie haben keine Handlung im eigentlichen Sinne, keine vorausgeplante Arbeit geleistet. Erst wenn ein Entwurfsfeld der Phantasie entwickelt ist, können vorstellend, in einer nur andeutenden Bewegungs- und Situationsphantasie alle Variationen und Kombinationen neu entworfen werden, und die reale Bewegung wird selbst zur geführten, zur sekundär eingesetzten Arbeitsbewegung. Die Aufgaben der Bewegungsvariation und -zuordnung, mit deren Durchbuchstabieren das kleine Kind Jahre ausfüllt, werden also später von der virtuellen Bewegung übernommen, die reale Bewegung wird auf einfachem Wege geführt und kann zum Teil automatisiert werden. Ein Bewegungsentwurf ist aber eine nur angetippte, eine virtuelle und damit zugleich voraussehende Bewegung, eine bloß mögliche, aber in der Richtung auf die Zukunft und auf zukünftige Situationen als möglich erlebte Bewegung. In diesem Sinne bedeutet Entlastung: Dass die Schwerpunktbildung im menschlichen Verhalten zunehmend in die höchsten, nämlich die mühelosesten, nur andeutenden Funktionen fällt, und damit haben wir in einer neuen Hinsicht den oben erwähnten Sachverhalt, dass der Bannkreis der Unmittelbarkeit durchbrochen wird und das Verhalten ein vorwegnehmendes, auf die künftigen Phasen der Wirklichkeit gehendes ist. 7) Die Andeutungen des Sehfeldes sind Niederschläge früherer, real vollzogener Bewegungen, wie zum Beispiel der an einer Türklinke mit gesehene Index: niederzudrücken. Diese Andeutungen selbst sind die Stützpunkte und Orientierungsmarken der virtuellen Bewegungen, die von vornherein an jenen Symbolen ansetzen und von daher gesteuert die reale Bewegung führen oder hemmen. Der Andeutungsreichtum des optischen Feldes ist also verschränkt mit dem zunehmenden Übergewicht virtueller 4 1 8 T e i l I I I Bewegungen und also mit dem Übergang realer Probierbewegungen in geführte und geplante. 8) Entlastung ist: Gewinn der Lebens-Chancen und -Techniken aus den vorgegebenen anormalen Bedingungen. Diese liegen hier in der ungemeinen Beweglichkeit der menschlichen Physis, in ihrem Mangel an angeborenen, speziell angepassten Bewegungs guren. Der ganze mühsame Weg der Entwicklung dieses Bewegungsreichtums ist zugleich der Weg der Entlastung: Bis sich ein solches Können an virtuellen Kombinationen so entwickelt hat, dass die realen Bewegungen durchaus sekundär werden, nämlich geführte oder gehemmte, je nachdem, welche Andeutungen der überblickten, übergri enen Situation von der Bewegungsphantasie aufgenommen werden. VIII 1) Die Sprache setzt die Prozesse der Entlastung geradlinig fort. Überlegt man, dass eine selbsttätig über die Wahrnehmungswelt gebreitete Symbolik, eine Herabsetzung des unmittelbaren Kontakts mit ihr, ein zunehmend variables und nur andeutendendes Verhalten zu den allgemeinen Gesetzen jenes Lebens gehört, so kann es nicht erstaunen, diese Gesetze in der Sprache in höchster Ausprägung wiederzu nden, wenn man die Sprache nur grundsätzlich selbst als senso-motorisches System erfasst – von allerdings besonderer Eigenart. Jedenfalls tut die Sprache den letzten Schritt der Situationsbefreiung: Indem wir uns mit einem Wort, einem selbstgescha enen Symbol auf eine Sache richten, sie darin sinnlich, hörbar und symbolisch wahrnehmen, und indem das Wort uns beliebig zu Gebote steht, werden wir von der gegebenen Situation völlig unabhängig. Die Grenzen des Hier und Jetzt beliebig übergreifend, ist uns die Welt in bloßen Andeutungen verfügbar, die aus unserer eigenen Lebendigkeit ihre Intimität ziehen, und die Wahrnehmungen werden durch die Worte zugleich ersetzt, erledigt und vertreten, sie können in ihrer Tatsächlichkeit übergri en und beliebig transponiert werden, was besonders in der Richtung auf Ferne und Zukunft von höchster Wichtigkeit ist. 2) Die Qualität »Denken« selbst lässt sich nicht ableiten. Eine Intention überhaupt ist ein Sichrichten, Sichverhalten durch ein anzeigendes Symbol hindurch auf ein darin erscheinendes Ganzes, so wie die Katze im Rascheln die Maus »intendiert«. Warum die von der Lautbewegung des Wortes getragene Intention diese besondere Qualität »Denken« hat, hängt vielleicht daran, dass allein im Sprachlaut die Intentionsbewegung das anzeigende Symbol selbst schon enthält: Nämlich den Laut. Die Bewegung, die sich 4 1 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e auf die Sache richtet und das Symbol der Sache selbst (der vernommene Laut) sind beim Sprechen in ein einziges subjektives Erlebnis zusammengezogen. 3) Gegenüber dieser Funktion gibt es noch eine indirektere, die wieder jene führt und variiert: Das im höchsten Grade entsinnlichte Denken ist gegenüber der Sprache noch die entlastende Distanz, und diese kontaktlosesten, variabelsten und mühelosesten Phantasmen brauchen sich nur noch auf feinste, selbst bloß angedeutete Bewegungs- und Vorstellungssymbole zu stützen. Das Denken ist Vorstellung der Vorstellung oder Symbolik zweiter Ordnung; es hängt ab von einer sensomotorischen Symbolik der Sprache und der Handbewegungen. 4) Betrachtet man das Denken von der Sprache her und betrachtet man die Sprache wiederum von den elementaren Bewegungs- und Orientierungsleistungen her, so entfällt von dieser Seite aus jeder Grund, eine dualistische Annahme zu machen. Erst dann, wenn man nicht mehr alle schwer lösbaren Fragen in den Begri »Seele« hineinschiebt, lässt sich dieser Begri in ein deutliches Problem fassen. 5) Das Problem »Seele« betri t allein noch das Antriebsleben des Menschen, nämlich die Tatsache, dass der Mensch seine Antriebe, Bedürfnisse, Interessen usw. untrennbar von den Phantasmen ihrer Erfüllungen in sich erlebt. Diese Bewusstheit, diese Bebilderung der Antriebssphäre macht den Grund dessen aus, was man Innenwelt nennt, und sie ist eine große Paradoxie, die wir keinen Grund haben, irgend einem Tier zuzuschreiben. Das Denken selbst wird entweder von da her oder von äußeren Anlässen in Bewegung gesetzt, und wenn es in sich weitertreibt, wenn es seine ematik in sich selbst ndet, so ist es auch dann durch – allerdings sehr bedingte und hochgezüchtete – Interessen getrieben. Gehlen behauptet hier, dass die »Autarkie« des Denkens eine bloß scheinbare sei. Das Denken steht – in sich selbst sozusagen bloße Potenzialität – im Dienste so verschiedener und beliebiger Zwecke und Anlässe, dass es eben deshalb als von jedem besonderen, angebbaren Zweck unabhängig erscheint, so dass sich die Täuschung einer eigengesetzlichen Sphäre ergibt, wie sie allen Dualismen zu Grunde liegt. IX 1) Dem Menschen sind seine Antriebe, Bedürfnisse und Interessen selbst in einer spezi schen Weise »innen« gegeben, und zwar eingehüllt in Phantasmen und Bilder 4 2 0 T e i l I I I der Gegenstände, respektive Situationen ihrer Erfüllungen. Im Vollzug der Handlung jedoch, welche diese Bedürfnisse befriedigt, ist von dieser inneren Sphäre nichts mehr gegeben, sondern sie ist aufgegangen in das ganz nach außen gewendete Situationsbewusstsein handelnder Tätigkeit. Aber wenn wir ruhen, schlafen oder mit mechanisierten Tätigkeiten nur ober ächlich beschäftigt sind, dann erleben wir den inneren Druck der Wünsche und Interessen in den Bildern ihrer Ho nungen oder Befürchtungen, und dann wird das Denken um diese Bilder herum angetrieben. 2) Unserer Antriebe gehen nicht notwendig und selbstverständlich in Handlungen über; täten sie dies, so würden sie uns gar nicht als Antriebe bewusst werden. Die Antriebe haben vielmehr ein problematisches Verhältnis zur Handlung, indem sie von der Handlung abzuhängen sind, oder auch nicht. Hiatus: Der Mensch ist im Stande, seine Antriebe, Wünsche und Interessen bei sich zu behalten, von der Handlung abzuhängen, was entweder von selbst (im Ruhezustand) oder auch willkürlich geschehen kann, indem er ihnen nicht tätig nachgibt. Damit kommen nun die Antriebe erst als »innere« zur Geltung. Es ist der Hiatus, der ganz eigentlich das ausmacht, was man Seele nennt. 3) Im Hiatus erleben wir die Antriebe eingehüllt in Phantasmen und Bilder ihrer Erfüllungssituationen, demnach in Bildern der Außenwelt. Dem Hungernden schweben die Schüsseln vor, dem Ehrgeizigen die Orden. Novalis: Seele = »innere Außenwelt«. Kant: Es sind die Vorstellungen des äußeren Sinnes, mit denen wir unser Gemüt besetzen. 4) Angepasste Instinktbewegungen, die auf ausgeliehene Signale hin einschnappen, sind dem Menschen versagt, dem vielmehr nichts garantiert, dass die Außenwelt die Erfüllung seiner Bedürfnisse auch hergibt. 5) Die Sachlichkeit des menschlichen Handelns und Sichverhaltens setzt eine Fähigkeit voraus, die Bedürfnisse zu hemmen und aufzuschieben. Nur eine Tätigkeit, welche den Eigengesetzen des Sachumganges objektiv nachzugehen versteht, wird der o enen Welt die Bedingungen abnötigen können, die künftigen Bedürfnissen zur Verfügung stehen, und daher müssen die jetzt sich meldenden zurückbehalten werden, um keine begierigen Fehler zu veranlassen. Nur wer die Bilder seiner Antriebswünsche in sich sieht, weil er sie nicht außer sich sieht, wird im Stande sein, diese Welt so zu verändern, dass 4 2 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e er ihnen morgen begegnet. Der Hiatus, den wir Seele nennen, ist daher nur der im Menschen selbst noch einmal erscheinende Abgrund, der an sich unsere Bedürfnisse von ihren Erfüllungen trennt, und die Besetzung des Antriebslebens mit Zielbildern, die dieses Innere erst freilegen und hemmbar machen ist die Bedingung, um diese Antriebe morgen zu befriedigen. 6) Wie kommt diese Besetzung des Gemüts mit den Vorstellungen des äußeren Sinns zu Stande? Antwort: Sie kommt durch den Mangel an angeborenen Harmonien zwischen zweckmäßigen Instinktbewegungen und Reizschematen zu Stande, positiv ausgedrückt dadurch, dass auch die Zuordnung von Bedürfnisgefühlen, Abhilfebewegungen und Erfüllungsbildern beim Menschen empirisch erfolgt, Erfahrungsursache ist und gelernt werden muss. Beispiel: Der Hunger ist dem kleinen Kind nicht anders gegeben denn als schmerzhaftes Unlustgefühl – ohne Zielvorstellung. Erst die Orientierung dieses Gefühls an wiederholten Eindrücken und Bildern der Abhilfe scha t mit der Zeit ein gerichtetes, konkretes, d. h. zusammengewachsenes Bedürfnis, das – sobald es fühlbar wird – in den Phantasmen der Erfüllung sich meldet, das also jetzt als bestimmter Antrieb, als Hunger-nach-solchem fasslich wird. Hineinbildungskraft bis in die Antriebssphäre hinein – Welto enheit der menschlichen Antriebe. 7) Die Vorstellungen (Phantasmen der Erfüllung) sind selbst variabel. So gesehen, ist die Bildhaftigkeit des Antriebslebens dessen Plastizität. Fähigkeit der menschlichen Bedürfnisse und Interessen, Verbindungen untereinander einzugehen und abzubrechen. Neuorientierungen zu nden, sich auf Ähnliches oder Zugehöriges zu verteilen, sich also auszubreiten und, wie die Vorstellung selbst, das Abwesende in das Anwesende zu echten. 8) Die menschlichen Bedürfnisse – als die eines welto enen Wesens – müssen in gewissen Grenzen inhaltlich mit der Erfahrung mitvariieren und den Fortschritten der Welt-Orientierung und -Beherrschung folgen können, sie müssen weiter von der Handlung und der Jetztsituation ablösbar sein, da sie Fernwerte, Bilder des Vergangenen, Bestrebungen nach dem Abwesenden und Interessen an künftigen Sachverhalten enthalten müssen, und sie müssen, wieder in gewissen Grenzen, in der Ebene der Antriebsphantasie oder »Vorstellung« selbst beweglich sein, so dass wir Interessen und Bedürfnisse an bloß gedachten Situationen und Zielen kombinieren können. 4 2 2 T e i l I I I 9) Würden die Antriebe und Bedürfnisse nicht erst unter dem Eindruck der Umstände ihrer Erfüllungen zu gerichteten Interessen, so erführen sie keine inhaltliche, phantasiehafte Zielbesetzung. Ohne inhaltliche, phantasiehafte Zielbesetzung wiederum würden wir Antriebsinhalte nicht über den äußeren Wechsel der Umstände hinweg festhalten können, und es gäbe dann keine Tätigkeit im Dienste künftiger Erfüllungen. 10) Wären die Antriebe und Bedürfnisse nicht plastisch und umstimmungsfähig, also um-orientiertbar, was sie wieder nur als bewusste (der Vorstellung gegebene, den inneren Sinn besetzende) sein können, so wären wir unfähig, einen noch erträglichen oder gar günstigen Wechsel der äußeren Bedingungen auszunutzen, und ebenso unfähig, an den Planungen und Möglichkeiten ein Interesse zu nehmen, die das Bewusstsein über die vorhandene Welt hin entwirft. 11) Jeder Antrieb ist darin und damit, dass er bewusst ist, ohne weiteres einen Gegenstand möglicher Stellungnahme. Jedes Bedürfnis ohne Ausnahme, sogar das des Hungers, kann von anderen Interessen verworfen, gehemmt oder zugelassen werden. Die Lebenswichtigkeit dieser Möglichkeit sieht man sofort, wenn man erwägt, dass Dauer in teressen, d. h. solche, welche invariant gegenüber Situationsveränderungen auf die Zukunft gehen, sich nur dann festlegen lassen, wenn ihnen Augenblicksbedürfnisse untergeordnet werden, und weiter, dass die handelnde Auswertung von Mitteln zu Zwecken von innen gesehen ein kontrolliertes, nämlich nach Bedarf einsetzbares Interesse an den Mitteln – untergeordnet dem nach den Zwecken – bedeutet, und so noch in anderen Fällen. 12) Es ist für den Menschen, der seine Bedürfnisse selbsttätig befriedigt, eine Notwendigkeit, auch noch seinen sehr vermittelten und bedingten Handlungen und Sachumständen ein »triebhaftes« Interesse zu nehmen, und umgekehrt: Der Unterschied zwischen unmittelbar und im nächsten Sinn biologisch zweckmäßigen und »getriebenen« Handlungen und solchen, die entfernter oder vermittelter den elementaren Bedürfnissen dienen, darf kein fest bestimmter Unterschied sein. Dies ist eine andere Seite der Plastizität der menschlichen Antriebe, dass sie nämlich im Stande sind, den Handlungen nachzuwachsen und an deren Inhalte sich zu heften, so dass beide damit selbst zu Bedürfnissen werden. Zum Beispiel ist der Trieb des Hungers von dem Interesse, an dieser bestimmten Stellen nach Nahrung zu suchen, und von dem Bedürfnis, sich dahin zu begeben, im konkreten Erlebnis gar nicht unterscheidbar. Daraus folgt, 4 2 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e dass es eine objektive Grenze zwischen Antrieben und Interessen, Bedürfnissen und Gewohnheiten gar nicht gibt. Elementare Triebe der bloßen Abhilfe kann man als Mensch gar nicht erleben. Diese sind vielmehr untrennbar von den Bedürfnissen nach den Mitteln dazu und nach den Mitteln dieser Mittel, also erfahrene und intelligente Sachinteressen ebensogut wie Triebe, und zudem sind sie in das Ordnungsgefüge überwachsender, vorwiegender und dauertätiger Interessen eingebaut. 13) Auch die elementaren, organisch repräsentierten Triebe (Geschlechtstrieb) folgen beim Menschen der allgemeinen Gesetzlichkeit seiner Antriebstruktur: Sie können – selbst absolut – gehemmt und unterdrückt oder jederzeit ihrer Erfüllung aufgeschoben werden, sie verbinden sich mit anderen Interessen von jedem Grade der Bedingtheit, sind ihren Inhalten nach weitgehend unlenkbar. X 1) Antriebsüberschuss. Ein Blick auf Gegenwart und Geschichte zeigt eine so namenlose, das Gesicht der Erde völlig umgestaltende Intensität der menschlichen Tätigkeit, dass auch von dieser Seite her der Eindruck bestätigt wird, den schon die Selbsterfahrung jedem Einzelnen zeigt: Dass diese Tätigkeit weit über das hinausgeht, was zu bloßer Fristung und Sicherung des Lebens aufzuwenden wäre. Es treibt also den Menschen über die bloßen biologischen Minimum-Bedürfnisse geradezu hinaus. 2) Die Leistung, mit der der Mensch sich im Leben hält, ist eine Dauerleistung, unabhängig von den periodischen Rhythmen der Natur. Entsprechend der Beobachtung, nach welcher die organischen Bedürfnisse in die Gesetzlichkeit der Handlungsantriebe eingehen, gibt es auch keine besonders bedeutsame periodische Rhythmik dieser elementaren Antriebe. Instinktperiodizität in einem dauertätigen Wesen wäre eine sehr störende Disharmonie. 3) Lorenz zeigt Parallelen, die man zwischen dem menschlichen Antriebsüberschuss und den spielerischen, tierischen »Überschussbewegungen« ziehen kann. Sieht man nun – mit Bolk – das Wesen der menschlichen Konstitution in der »Retardation« oder Verjugendlichung, im »embryonischen« Habitus, so wird die Analogie bedeutsam, wenn man nur nicht wieder jene Retardation als Ursache des Antriebsüberschusses einsetzt. 4 2 4 T e i l I I I Der Punkt des qualitativen Unterschiedes besteht dagegen bei Mensch und Tier nicht nur darin, dass beim Menschen diese Überschussaktivität festgehalten wird, sondern dass vor allem diese Formen »uneigentlicher« und bedürfnisindirekter, wenn man will: spielerischer und überschüssiger Betätigung allererst die Bedingungen scha en, unter denen dauernd auch die organischen Bedürfnisse erfüllt werden, während beim Tier die jugendlichen Überschussbewegungen sehr bald in sehr vereinfachte und zweckdirekte übergehen. Auch die organisch repräsentierte Antriebsstruktur der Geschlechts- und Nahrungstriebe wäre bei Menschen »angelegt« auf Erfüllung in umwegigen, erfahrenen, variierten und zweckindirekten Handlungen, und diese Erscheinung, zuzüglich der Tatsache, dass die Antriebskraft weit über das hinausgeht, was zur Erfüllung jener Minimumbedürfnisse aufzuwenden wäre – diese zwei Merkmale umgrenzen den fraglichen Begri des Antriebsüberschusses. 4) Der Antriebsüberschuss gibt die für den Aufbau der wichtigen Funktionen notwendige Hemmungsenergie her. Ein großer Teil der Antriebskräfte wird dazu verwendet, Dauerinteressen festzuhalten, d. h. sie gegen mögliche Gegeninteressen festzustellen. Das ganze System des erwachsenen Charakters ist ein Zuchtsystem, es beruht auf einem erst herzustellenden Gleichgewicht von Unterordnungen, kontrollierten Zulassungen, endgültigen Verwerfungen und Kontrollen gewisser Antriebe durch andere. Dieses Zuchtsystem wird in der Erziehung angelegt, die ja auch, wenn später die Selbstzucht eingreift, niemals als gegenseitige Erziehung aufhört. Das Zuchtsystem der Antriebe, d. h. der geführte Charakter ist eine auch biologische Existenzbedingung, da ohne sie eine geregelte Tätigkeit, in der ja auch wieder die Existenzbedingungen des Einzelnen liegen, nicht möglich wäre. 5) Die Formierung des Antriebslebens ist selbst erzwungen – und zwar durch jenen Antriebsüberschuss, der eine Verarbeitung und Festlegung aufnötigt, die ein inneres Bedürfnis, ein Trieb selbst ist. Ist diese Formierung gelungen, so ergibt sie eine fast unerschöp ich gerichtete Leistungsenergie. Gelingt sie nicht, so entsteht leicht eine Ausweitung einzelner Triebräume, Wucherungen mit entsprechenden Verödungen, man beobachtet Süchte, luxurierende Funktionen, wieder übermäßigen inneren Hemmungsaufwand, Abdrängungen in ktive Betätigungen, zu Rauschmitteln, Assozialität usw. (An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, AH.) 4 2 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Mensch und Arbeit. Notizen7 (frühe 50er Jahre) (AH) Die folgenden Notizen dienten zur Vorbereitung eines Manuskripts mit dem ema Mensch und Arbeit. Beiträge zur Grundlegung der Anthropologie. Sie betre en das Kapitel I: Wie ist Anthropologie als Wissenschaft möglich? Struktur und Inhalt verweisen auf Kategorisierung als Notizen, die der Abfassung des Manuskripts Der Gegenstand der Anthropologie (dieser Titel wurde also später gewählt) vorausgingen. 1) Der Mensch – eine metaphysische Abstraktion? (a) Anthropologie – Lehre vom Menschen, umfassender gemeint als in der herkömmlichen Anthropologie (die sich auf die Abstammungsfrage beschränkt). Unter dem Einschluss der Fragen des Denkens, Wollens, und der ethischen Probleme – und zwar diesseits aller gesellschaftswissenschaftlichen Problematik. (b) Ist das möglich? Mögliche Einwände von marxistischer Seite: Metaphysische Abstraktion. • Marx über Religion. • Sechste Feuerbach- ese. • Engels. Bahrs Ä n. (c) Bestimmter Zusammenhang. Feuerbach erklärt aus Eigenschaften des Menschen die Religion, die Phänom des gesellschaftlichen Bewusstseins ist und Überbau-Charakter hat. Dafür sind die anthropologischen Kategorien unzureichend, ja, fehl am Platze. Anthropologie kann niemals Bedingtheit, Inhalt und Funktion irgendeiner Ideologie erklären, das ist Sache der Gesellschaftswissenschaften und ihrer Kategorien. Sie kann nur die Tatsache erklären, wie ein Bewusstsein bescha en ist, das für solche Ideologien o en ist. Beispiel Moral. (d) Verdeutlichen in Bezug auf Moral. (e) Dahinter steht bei Marx eine Kritik an den Fraktionen der bürgerlichen Aufklärung, die aus dem Wesen des Menschen bestimmte Gesellschaftsordnungen als natürlich ableiten (bzw. unnatürlich ablehnen). • Heroische Illusionen als Ursprung. Verdecken des Klassencharakters der bürgerlichen Revolution. • Illusionen und ihrer Enttäuschung. • Rolle dieser Illusionen in der Nationalökonomie. 7 (AH) Handschriftliche Notizen, zwölf A4 Seiten in einem fest gebundenen Notizbuch. Nicht datiert, entstanden höchstwahrscheinlich Anfang der fünfziger Jahre. Teilweise schwer lesbar, an verschiedenen Stellen ergänzt, grammatikalisch verändert usw. 4 2 6 T e i l I I I • Utopischer Sozialismus und Hodgskin, ompson. • Prinzipielle Unmöglichkeit der Fragestellung – Welche Gesellschaftsordnung ist natürlich? (f ) Aber: Das macht die Kategorie »Der Mensch« nicht sinnlos. Eigenschaft der Plastizität, die durch diesen Wandel bedingt und ihrerseits dessen Bedingung ist. (g) Bahrs Ä n. Es kann sich nicht darum handeln, das historisch Gewordene abzuschneiden. Eigenschaften des Menschen sind historisch geworden. Auch nicht absolut konstant, sondern relativ konstant (gegenüber Sprache, gegenüber Gesellschaftsformationen). (h) Faktisch: Die Klassiker haben vom Menschen gesprochen. (Beispiele von Marx bis Stalin.) (i) Faktisch: Bei den Klassikern – Elemente der Anthropologie. Gründe, warum nicht ausgeführt. 2) Abstraktion – ja, aber nicht metaphysisch. (a) Notwendigkeit der Abstraktion. (Abstraktion vom Geschlecht, vom Alter, vom persönlichen Charakter, der nationalen Eigenart.) (b) Möglichkeit des Absinkens in Metaphysik. • Eigenschaften des Menschen verabsolutieren: Annahme, dass sie nicht entstanden wären. Annahme absoluter Konstanz. • Abstraktionen nicht scharf genug durchführen. Belasten mit historisch Spezi schem (zum Beispiel individuelle Liebe). • Substantialisierung dieser Eigenschaften (»Geist«, »Seele«) und deren Isolierung vom Organismus. • Isolieren des Menschen von der Gesellschaft, in der er allein diese Eigenschaft entfaltet. (c) Die Dialektik verhilft dazu, Abstraktionen mit dem Bewusstsein dessen, wovon abgesehen wird, durchzuführen. 3) Das Verhältnis der Anthropologie zur Naturwissenschaft. (a) Klärung der Abstammungsfrage. Dazu gehört: • Die Erklärung der Artenveränderung allgemein. • Die Erklärung der biologischen Voraussetzungen im Besonderen. (b) Hier schon die Grenze. 4 2 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e • Was der Mensch mit Tieren gemeinsam hat – interessiert nicht. (Das letzte Kapitel einer Zoologie. Ebenso uninteressant wie Chemie, Atomphysik.) • Die somatische Seite der neuen Qualität – braucht neue Kategorien, Anthropo-Biologie. • Positiv: Großhirnrinde. (Ursache nicht rein natürliche Art, sondern bedingt durch Denken. Wechselwirkung.) • Organprimitivismen, Rückbildungen. (Auch keine rein natürlichen Ursachen.) • Anthropo-biologische Kategorien müssen im Gegensatz zu zoologischen entwickelt werden. (Kontinuität und Diskretion. Der qualitative Sprung erstreckt sich auch auf den Organismus.) • Anthropo-Biologische Kategorien nicht rein biologisch. Sie haben entweder somatische und gesellschaftliche Seiten (zum Beispiel Organprimitivismen und gesellschaftliches Leben in der Zivilisation). Oder sie haben somatische und geistige Seiten (der aufrechte Gang, erworben, Gewohnheit). (c) Die Anthropologie ist also auf die Naturwissenschaften angewiesen, aber beherrscht sie unter bestimmten Gesichtspunkten. 4) Das Verhältnis der Anthropologie zur Gesellschaftswissenschaft. (a) Gegenstand der Gesellschaftswissenschaft: Entwicklungsgesetze der Gesellschaft. (b) Stillschweigendes Voraussetzen der handelnden Menschen in allen gesellschaftswissenschaftlichen Kategorien. Einheit und Unterschied. (c) Unbrauchbarkeit anthropologischer Kategorien für Gesellschaftswissenschaft. (Auch wenn persönliche Initiative entscheidend ist, wie beim Absolutismus, so nur unter bestimmten Bedingungen.) Oder Individualität – gesellschaftlich bedingt. (d) Abgrenzung von Sprache, Wissenschaft, Kunst und solchen Phänomenen, die nicht zum Überbau zu rechnen sind. (e) Hier dasselbe Verhältnis. (Zum Beispiel ist die Entwicklung der Sprache etwas anderes als eine Untersuchung der Fähigkeit des Sprechens.) (f ) Umgekehrt: Die Anthropologie muss das Leben des Menschen in der Gesellschaft voraussetzen, sonst Kaspar-Hauser-Wissenschaft. (g) Aber: Gesellschaftliche Kategorien sind für Probleme der Anthropologie unzureichend. Wie kombinierte der Mensch Tast- und Seheindrücke? Eigenart seiner senso-motorischen Vorgänge? Wollen? Warum nicht von Instinkten determiniert? (h) Anthropologie ist nicht identisch mit Psychologie. • Einerseits die somatische Seite der neuen Qualität. • Andererseits: Ethik, Logik, Sprache. Gegen Psychologismus. 4 2 8 T e i l I I I 5) Das Verhältnis zu den Wissenschaften überhaupt. 6) Fundamentale Bedeutung der Anthropologie für Medizin, Anthropo-Biologie, Psychologie, Charakterologie, Logik, Ethik, Ästhetik. (a) Somatisch – mit Ausnahme dessen, was tierisch ist. (b) Psychisch=geistig – mit Ausnahme dessen, was gesellschaftlich bedingt ist (Inhalt). 7) Kampf gegen Idealismus und metaphysischen Materialismus. 8) Beantwortung von Fragen, die in der Geschichte der Philosophie aufgetaucht und falsch (idealistisch) beantwortet worden sind. (a) Falsche eorie kann nicht nur Unsinn sein. (b) Beispiel: Kants Ethik. Falsche Freiheitstheorie. Freiheit der Entscheidung. 9) Engels über die Arbeit. Notizen zu Gehlens Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft8 (1952) 1) Die Arbeit ist sehr genial. Sie enthält wirklich neue Funde. Als Marxist kann man nicht daran vorbeigehen. Sie gehört unbedingt zu dem, was wir »kritisch aneignen« müssen. 2) Wenn man mit Gehlen darüber diskutiert, muss man ihm vor allem den falschen Eindruck nehmen, dass wir Marxisten mit dem Anspruch auftreten, »schon alles zu wissen«. Hier gilt die tiefe und weise Überlegung unseres großen Bertolt Brecht, der in den Kalendergeschichten sagt: »Ich habe bemerkt, dass wir viele abschrecken von unserer Lehre dadurch, dass wir auf alles eine Antwort wissen. Könnten wir nicht im Interesse der Propaganda eine Liste der Fragen aufstellen, die uns ganz ungelöst erscheinen?« (Seite 183) 8 (AH) 16 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 4 2 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Man müsste Gehlen klarmachen, dass in der dialektisch-materialistischen Lehre vom Annäherungscharakter des Erkenntnisprozesses nicht nur rationalistischer Optimismus (ohne jede Anmaßung) liegt, sondern gleichzeitig auch Bescheidenheit, Ehrfurcht vor dem Problemen, Anerkennung der Unerschöp ichkeit des Gegenstandes (ohne Agnosti zis mus und Ignorabimus). Man müsste ihn auf die klassischen Worte Lenins hinweisen, in denen diese Bescheidenheit zum Ausdruck kommt (zum Beispiel auf die Unterscheidungen zwischen relativer und absoluter Wahrheit und den objektiven Wahrheitsgehalt beider in Materialismus und Empiriokritizismus). Man müsste ihm überhaupt von unserer Bescheidenheit in diesem Sinne eine klare Vorstellung verscha en. Erstens: Über die Einstellung des Kommunismus zur bürgerlichen Kultur sagte Lenin auf dem XI. Parteitag der KPdSU (Bolschewiki): »Wenn das Volk der Eroberer in kultureller Hinsicht höher steht als das besiegte, dann zwingt es ihm seine Kultur auf. Liegen die Dinge umgekehrt, dann ist es meist der Besiegte, der dem Sieger seine Kultur aufzwingt. Ist nicht in Moskau, der Hauptstadt der RSFSR, etwas Ähnliches vorgefallen, und ist es nicht so gekommen, dass 4700 Kommunisten (fast eine ganze Division und alle von den besten Leuten) einer fremden Kultur unterlegen sind? In der Tat könnte man hier fast den Eindruck gewinnen, als ob die Besiegten eine hohe Kultur besäßen. Das ist keineswegs der Fall. Ihre Kultur ist kläglich, äußerst niedrig, aber sie ist immer noch höher als die unsrige. Und so kläglich und dürftig sie auch sein mag, ist sie doch höher als die unserer verantwortlichen kommunistischen Funktionäre.« Zweitens: Lenin im Jahre 1920 in einem Appell an die Sowjetjugend: »Ihr würdet einen gewaltigen Fehler begehen, wolltet ihr daraus (aus der Notwendigkeit, den Marxismus zu erlernen und die Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung zu studieren, WH) den Schluss ziehen, dass man Kommunist werden kann, ohne sich beharrlich das angehäufte menschliche Wissen und die von allen Klassen der Geschichte gescha ene Kultur anzueignen.« 3) Andererseits ist und bleibt es grotesk, wie wenig Gehlen, der Gelehrter von hohem Rang ist, den Marxismus kennt. Er kennt die Deutsche Ideologie, ein geniales, aber durchaus unausgereiftes Jugendwerk von Marx und Engels, das diese »der nagenden Kritik der Mäuse umso williger überließen, als wir unseren Hauptzweck damit erreicht hatten – Selbstverständigung.« (Marx über die Deutsche Ideologie im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie) Er will ferner über »Planung«, Planwirtschaft usw. mitreden, 4 3 0 T e i l I I I nachdem er einerseits den platten »common sense«-Aufkläricht der Margaret Mead, dieses soziologischen College-Girls, genossen und sich andererseits durch die »Managerial Revolution« des trotzkistischen Schweins James Burnhams hat »belehren« lassen. Er kennt den Sozialismus also nur aus bürgerlichen Zerrbildern. Mir fällt hier die Äußerung Franz Mehrings über Nietzsche ein: »Er zählte 20 Jahre, als Lassalle seine Arbeiteragitation begann, und als er mit 44 Jahren dem ö entlichen Leben entrückt wurde, hatte er von der modernen Arbeiterbewegung nicht mehr aufgefasst als die allerlandläu gsten und allerplattesten Vorurteile des Spießers, wie sie der Probereiter an der Wirtstafel von Posemuckel oder Herr Eugen Richter in der Freisinnigen Zeitung vorträgt. Um die Ungeheuerlichkeit dieser Tatsache an einem Manne zu verstehen, der ein Philosoph zu sein beanspruchte, stelle man sich einen Augenblick vor, dass die Kant, Fichte und Hegel noch Philosophen genannt werden sollten, wenn sie über die große Französische Revolution nichts anderes zu sagen gehabt hätten, als was ihnen der Hofmarschall von Kalb darüber vorplapperte.« Margaret Mead und Burnham – das sind nur zwei Seiten des Hofmarschalls Kalb von heute! 4) Zu dem ganzen Abschnitt I »Die technische Zivilisation und die seelischen Zustände in ihr« ist zu sagen: a) Die Grundtendenz der Kritik, die Gehlen an der industriellen Gesellschaft übt, ist zutiefst humanistisch. Gehlen kommt so der marxistischen Gesellschaftskritik um Haaresbreite nahe, ja, mehr noch: Er bereichert und konkretisiert sie durch wesentliche neue Erkenntnisse. b) Schon innerhalb der kapitalistischen industriellen Gesellschaft, gibt es eine Schicht, die sich mehr oder weniger von den entmenschenden Auswirkungen dieser Gesellschaft frei macht: Das klassenbewusste Proletariat und mit ihm die konsequent demokratisch orientierte, marxistische Intelligenz, die das Citoyen-Ideal der bürgerlichen Revolution auf der neuen, höheren Stufe des sozialistischen Bewusstseins festhält. Das sind die Kräfte, die berufen sind, der Menschheit den ganzen Dreck der kapitalistischen Entmenschung vom Halse zu scha en. c) Gehlen sieht nicht, dass seine Analyse nicht auf die technische Zivilisation schlechthin, sondern nur auf die kapitalistische technische Zivilisation zutri t. Er kennt weder den Sozialismus in der Sowjetunion, noch die humanen Errungenschaften in den Ländern der neuen Demokratie, in den Volksrepubliken. Aus diesem Grunde fehlt ihm 4 3 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e eine Zukunftsperspektive. Aus diesem Grunde sind seine Arbeiten – gerade wegen ihrer rücksichtslosen Aufrichtigkeit – von Resignation und Pessimismus überschattet. Aber: Wenn er mit dieser rücksichtslosen Aufrichtigkeit nun auch noch die marxistische Literatur studiert (und nicht nur die Deutsche Ideologie), wenn er sich dann noch die Mühe nimmt, zu uns zu kommen, das Leben und die Arbeit unserer Partei zu beobachten usw. und damit die Plattheiten der Mead und die Lügen Burnhams zu vergleichen, dann endet er unweigerlich als Bolschewik!!! 5) »Dabei ist es schon bemerkenswert, dass die Selbstverständlichkeit, mit der der Begri ›Anpassung‹ in sozialpsychologischen Untersuchungen sich durchsetzt, nicht mehr Aufmerksamkeit erregte. Dieser Begri setzt ja die Vorstellung unbeein ussbarer Bedingungen der Außenwelt voraus, denen sich ein Organismus nicht entziehen, und die er nicht umgestalten kann.« Sehr, sehr richtig! Aber warum hat diese Selbstverständlichkeit nicht mehr Aufmerksamkeit erregt? Weil die Bourgeoisie bei Strafe ihres Untergangs daran interessiert ist, dass die Intellektuellen in ihren sozialpsychologischen Untersuchungen die Bedingungen der Außenwelt als unbeein ussbar voraussetzen. Nur unter dieser Voraussetzung nämlich kann ihre Beschreibung der entmenschenden Auswirkungen des Kapitalismus keinen »Schaden« anrichten, kann sie nicht in einen Appell zur Veränderung dieser entmenschenden Welt umschlagen. Solange sie das nicht tut, gleicht die Kritik der »technischen Zivilisation« – so humanistisch sie motiviert sei –, nur den Fliegen, die von außen an die Fensterscheibe des Bourgeois taumeln, ohne das Fenster im mindesten zu lädieren. Die Erkenntnis aber, dass die Bedingungen der Außenwelt beein ussbar und veränderlich sind, ist ein Stein, der – gut gezielt – die Fensterscheiben des Bourgeois zertrümmert. Indem Gehlen die Selbstverständlichkeit des Begri s »Anpassung« in der Soziologie nicht kritiklos hinnimmt, sondern sie bemerkenswert ndet, ist er sehr nahe daran, sich denen beizugesellen, die auf der Straße stehen und der Bourgeoisie mit Steinen die Fenster einwerfen. Was sagt Marx? »Die materialistische Lehre, dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind, vergisst, dass die Umstände eben von den Menschen verändert werden und dass der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie kommt daher mit Notwendigkeit dahin, die Gesellschaft in zwei Teile zu sondern, von denen der eine über der Gesellschaft erhaben ist. (Z. B. bei Robert Owen.) Das 4 3 2 T e i l I I I Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit kann nur als umwälzende Praxis gefasst und rationell verstanden werden.«9 Wenn Gehlen den Marxismus studiert und sich ihm gegenüber so aufrichtig prüfend verhält wie gegenüber seinen anderen Quellen, wird er eines Tages die stillschweigenden Voraussetzungen der bürgerlichen Soziologie nicht nur bemerkenswert nden, sondern sie energisch bekämpfen, und zwar vom Klassenstandpunkt der Arbeiter, die die Bedingungen revolutionieren können. (»Wenn mein starker Arm es will, stehen alle Räder still!«) Er wird sich unweigerlich der KP oder dem linken Flügel der Sozialdemokratie anschließen. (Was übrigens für die Arbeiterbewegung ein gewaltiger Gewinn wäre!!!) 6) »Die Komplizierung der zivilisatorischen Superstrukturen ist in der Tat so groß, die Verhältnisse sind so undurchsichtig, dass sie kaum mehr in der Vorstellung konkreter Bedingungen und Folgen übersehbar sind. Alle Planung hängt an der Voraussetzung, dass man sie wenigstens noch berechnen kann. Für den Einzelnen hat dies zunächst die Folge, dass seine Begri e von dem, was er tut, und von dem, was ihm widerfährt, nicht mehr zusammenhängen: er tut zum Beispiel ordentlich seiner Arbeit und wird durch eine irgendwo auf dem Erdball ausgelöste, ihm völlig unverständliche Krise arbeitslos. Als Reaktion gibt es kaum ein anderes Verhalten, als das des Primitiven, der auch nicht verstehen kann, warum er krank wird: er ndet einen ›Schuldigen‹, und dies ist immer der, der schon aus anderen Gründen unbeliebt ist.« a) Für den Marxisten sind die Krisen und Kriege nichts Überraschendes. Er begreift sie als notwendige Konsequenzen der kapitalistischen Produktionsweise, macht sich von vornherein auf sie gefasst und zielt in seinem gesamten politischen Handeln darauf ab, die mit der Krise und dem Krieg heranreifende objektiv revolutionäre Situation für den Sturz der kapitalistischen Gesellschaft auszunutzen. Er handelt dann allerdings nicht mehr als Einzelner, sondern als bewusster, vorwärtstreibender Angehöriger der Klasse, die unter Krisen und Kriegen am meisten leidet, die an der Beseitigung des Kapitalismus objektiv interessiert ist, und die den Kapitalismus beseitigen kann, weil sie den Arm am Hebel der Produktion hat. Diese Klasse ist das Proletariat. Das Proletariat ist in diesem Sinne kollektives Subjekt des Geschichtsprozesses. Der Kopf dieses Subjekts, sein Bewusstsein, seine organisierende und organisierte Zentrale, sein Gene- 9 (AH) Harich zitierte die 3. Feuerbachthese, in der Fassung von 1888. Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 533  . Den Satz »Sie kommt etc.« ließ Harich weg. 4 3 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e ralstab ist die marxistische Partei. Das Bewusstsein der Partei stellt den entschiedenen Bruch mit der Primitivität des nur spontan reagierenden, die Zusammenhänge nicht begreifenden Bewusstsein dar. b) Im Sozialismus gibt es keine Krisen. Da der sozialistische Wirtschaftsplan nach der Überführung der Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum Gesetz im doppelten Sinne ist: als Entwicklungsgesetz der sozialistischen Gesellschaft und als Summe juristischer Verbote und Gebote, wird durch ihn die schicksalhafte, ungebändigte Elementargewalt der ökonomischen Prozesse durch den Menschen beherrscht und im Dienste der Vermenschlichung des Menschen gelenkt. Daher weiß die sozialistische Gesellschaft, wie sie in fünf und zehn Jahren leben wird, und sie weiß, was sie praktisch tun muss, um so zu leben. Dieses Bewusstsein, das sich im Prozess der Verwirklichung des Sozialismus – in dem Maße, wie die Zielsetzungen der Partei und des Staates durch die Praxis als real bewiesen werden – auf die ganze Gesellschaft ausbreitet, verwandelt die Menschen, gibt ihnen Mut, Sicherheit und Selbstvertrauen. (Beobachtbar ist dies schon an kleinen, sehr interessanten Symptomen: Sowjetische Arbeiter nehmen sich – im Gegensatz zu kapitalistischen Arbeitern – kein von Muttern geschmiertes Frühstücksbrot zur Arbeit mit, sondern gehen zur Vesperpause in den Gastronom und kaufen sich belegte Brote mit Kaviar oder Schinken, knallig bunt garniert, obwohl das sehr viel teurer ist. Diese typisch sowjetische Generosität mag zum Teil etwas spezi sch Russisches sein. Im Wesentlichen aber ist sie Vertrauen auf den Plan, Gefühl der Sicherheit der eigenen Existenz, völlige Abwesenheit irgendeines Gedankens daran, dass man sparsam sein und für seine ungewisse Zukunft sorgen müsse. Sparen gilt geradezu als unfein. Sowjetische Arbeiter, die in ärmlichen Verhältnissen hausen, bringen es in der Regel fertig, eine Prämie für eine gute Leistung innerhalb von 24 Stunden in einem eleganten Hotel zu verjubeln.) Erst im Sozialismus und Kommunismus nimmt durch den Plan der gesellschaftliche Entwicklungsprozess als nicht mehr entfremdeter die Struktur des menschlichen individuellen Handelns an: Die Gesellschaft setzt sich ein Ziel, das sie durch praktische Realisierung der Mittel auf wohl durchdachte Weise Schritt für Schritt verwirklicht. So wird die Gesellschaft zu einem eigentlichen Subjekt, und so vermenschlicht sie sich. Daher leben die Menschen der Sowjetunion in Antizipationen der Zukunft, die auf den westlichen Besucher, der zu beobachten weiß, einen rührenden, bestürzenden und beglückenden Eindruck machen. Daher betrachtet die sowjetische Literaturkritik »die 4 3 4 T e i l I I I Gestaltung der Keime des Kommenden« als eines der hauptsächlichsten Anliegen des sozialistischen Realismus.10 c) Gehlen spricht von »Schuld« und setzt die Schuld in ironische Anführungszeichen. Meint er damit, dass auch der Hass der Kommunisten auf die »schuldige« Bourgeoisie primitiv sei? Dann ist er sehr auf dem Holzweg. Nach marxistischer Au assung wird die Bourgeoisie von derselben unbeherrschten, weil nicht durchschaubaren Elementargewalt der ökonomischen Entwicklung vorangetrieben, die den ganzen Bewegungsprozess der Totalität der kapitalistischen Gesellschaft determiniert. Daher hat die Bourgeoisie als Klasse keine »Schuld«. Aber da der Prozess kein automatischer ist, da er sich als herrschende Tendenz durch das bewusste Handeln von Individuen durchsetzt, o enbart sich das Verhalten der Klasse der Bourgeoisie im moralisch schuldhaften Verhalten eines Teils ihrer Individuen. Aber das Verhalten der Individuen, so abscheulich es sei, ist nur eine Ober ächenerscheinung, der als das Tiefere, Wesentlichere die Bewegung der Klassen zu Grunde liegt. Die ökonomischen Interessen des reaktionärsten Teils der deutschen Bourgeoisie (der Schwerindustriellen) waren die Hauptursache des Faschismus, und sie waren als solche nicht schuldhaft. Wohl aber machte sich der einzelne deutsche Imperialist, der durch den Prozess getrieben wurde und ihn seinerseits vorantrieb, unter Umständen auch moralisch schuldig (wenn er zum Beispiel in seinen Betrieben die Zwangsarbeiter grausam behandeln ließ oder wenn er an der Lieferung von Vergasungsöfen Millionen verdiente). Dass in der faschistischen Ära so und so viele Bourgeois zu persönlich schuldigen Verbrechern herabsinken mussten, war eine gesetzmäßige Erscheinung. Dass aber der Bourgeois X als Individuum ein bestimmtes Verbrechen beging, war seine persönliche Schuld, die er nicht hätte begehen müssen. Es gab auch Bourgeois, die keine persönliche Schuld auf sich luden. Diese wurden in der DDR ökonomisch liquidiert, weil die Klasse ökonomisch liquidiert wurde, aber es wurde ihnen persönlich kein Haar gekrümmt. Im Übrigen: Auch Arbeiter beginnen faschistische Verbrechen, und diese waren nicht mehr und nicht weniger Verbrechen als die der kapitalistischen Individuen. Mit anderen Worten: Wenn der Marxist hasst, so sucht er nicht »Schuldige« (wie ein Primitiver, der einem Dämon die Schuld an seiner Krankheit zuschiebt), sondern er hasst das 10 (AH) Harich besuchte 1948 die Sowjetunion, seine entsprechenden Zeitungsartikel nden sich in den Bänden 1.1, 1.2 und 1.3. 4 3 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e System der gesellschaftlichen Beziehungen, das Menschen zu Schuldigen macht, und er hasst außerdem diejenigen individuellen Menschen, die sich – ob Bourgeois oder Arbeiter – durch das System zu Schuldigen machen lassen.11 Im Übrigen sagt Engels: »Erst wenn die fragliche Produktionsweise ein gut Stück ihres absteigenden Astes hinter sich, wenn sie sich halb überlebt hat, wenn die Bedingungen ihres Daseins großenteils verschwunden sind und ihr Nachfolger bereits an die Tür klopft – erst dann erscheint die immer ungleicher werdende Verteilung als ungerecht, erst dann wird von den überlebten Tatsachen an die sogenannte ewige Gerechtigkeit appelliert. Dieser Appell an die Moral und das Recht hilft uns wissenschaftlich keinen Fingerbreit weiter; die ökonomische Wissenschaft kann in der sittlichen Entrüstung, und wäre sie noch so gerechtfertigt, keinen Beweisgrund sehen, sondern nur ein Symptom. Ihre Aufgabe ist vielmehr, die neu hervortretenden gesellschaftlichen Missstände als notwendige Folgen der bestehenden Produktionsweise, aber auch gleichzeitig als Anzeichen ihrer hereinbrechenden Au ösung nachzuweisen, und innerhalb der sich au ösenden ökonomischen Bewegungsform die Elemente der zukünftigen, jene Missstände beseitigenden, neuen Organisation der Produktion und des Austausches aufzudecken. Der Zorn, der den Poeten macht, ist bei der Schilderung dieser Missstände ganz am Platz, oder auch beim Angri gegen die, diese Missstände leugnenden oder beschönigenden Harmoniker im Dienst der herrschenden Klasse; wie wenig er aber für den jedesmaligen Fall beweist, geht schon daraus hervor, dass man in jeder Epoche der ganzen bisherigen Geschichte Sto genug für ihn ndet.«12 7) Ausgezeichnet die Ausführungen auf Seite 8 von »Die tiefere Vernünftigkeit des Verhaltens« bis »den Ausdruck ›Sonderbedarfsträger‹ antre en«. Hier wird sehr gut gezeigt: a) Dass der Kapitalismus zur Verantwortungslosigkeit erzieht und b) dass die Entfremdung des Arbeitsresultats, wie sie für den Kapitalismus kennzeichnend ist, den Arbeitsvorgang menschlich unbefriedigend macht. (Da die Resultate des eigenen Tuns nicht beherrscht werden, fehlt die lebendige menschliche Beziehung zum eigenen Tun.) Der Sozialismus hat nun auch mit dieser Erscheinung unwiderru ich Schluss gemacht. Ich erläutere wieder durch Beispiele: 11 (AH) Diese Überlegungen hat Harich in den fünfziger Jahren mehrfach variiert, siehe exemplarisch die Notizen: Sartre und der Marxismus (abgedr. in: Band 1.3, S. 1994–2012). 12 (AH) Zitat nachgewiesen in: Engels, Friedrich: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 138 f. 4 3 6 T e i l I I I a) Im Kapitalismus ist die Totalität der Gesellschaft chaotisch, und die ökonomischen Entwicklungsgesetze setzen sich als unbeherrschte Elementargewalten durch. Deshalb hat ein Unternehmer, der Bankrott macht, »Pech gehabt«. Sein Bankrott kann ihm nicht persönlich zur Last gelegt werden, da auf Schritt und Tritt auch tüchtige Unternehmer Bankrott machen. Gleichzeitig liefert eine solche Gesellschaft aber auch den Faulpelzen und Parasiten die nötigen Ausreden. Man kann nicht mehr unterscheiden zwischen denen, die für ihr Unglück verantwortlich gemacht werden können, und denen, die unschuldig vom Unglück verfolgt werden. So entsteht neben vielen unschuldig Leidenden auch jener miserable Typ, den die Individualpsychologie beschreibt: Der Taugenichts, der immer den anderen die Schuld an allem zuschiebt. Im Sozialismus dagegen ist das Chaos der gesellschaftlichen Totalität aufgehoben, der ökonomische Entwicklungsprozess wird von Menschen beherrscht und gelenkt. Deshalb können sozialistische Betriebsdirektoren, die unter diesen Umständen Bankrott machen, als Schuldige abgesetzt oder sogar als Saboteure bestraft werden und werden auch bestraft. b) Im Kapitalismus gelten Arbeitslose als bedauernswerte Menschen, die das schlechte soziale System zur Unproduktivität, zum parasitären Leben wider Willen, verurteilt. Im Sozialismus sind nur völlige Nichtsnutze und Tagediebe arbeitslos, Leute, die in mehreren Betrieben wegen Säumigkeit, krimineller Vergehen usw. entlassen werden mussten oder Leute, die nicht arbeiten wollen. Dabei besteht die moralische Quali kation, die dem Arbeitslosen im Urteil der Gesellschaft zugesprochen wird, in beiden Fällen zu Recht. Aber nur im Sozialismus gibt es ein gültiges Kriterium der persönlichen Verantwortung. Der Satz, dass »jeder seines Glückes Schmied« sei, ist im Kapitalismus eine verlogene Phrase; im Sozialismus ist er Wahrheit. (Man lese sich unter diesem Gesichtspunkt einmal durch, was die kapitalistischen Apologeten Hayek, Röpke13 und Konsorten am Wirtschaftssystem der Sow- 13 (AH) Mit Wilhelm Röpke und der durch diesen vertreten Argumentationsart setzte sich Harich in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre mehrfach auseinander. Siehe exemplarisch den Artikel Röpke, Pechel und der »Totalitarismus«, der am 23. August 1946 in der Täglichen Rundschau erschienen war. (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1020–1024.) In dem Artikel »Abendland« oder nationale Souveränität? Der Kosmopolitismus – eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk schrieb er im November 1949 in der Neuen Welt (Heft 11): »Wenn man Jüngers Schrift Der Friede mit einer Anzahl von Büchern vergleicht, die zur selben Zeit (während der letzten Kriegsjahre) in den kapitalistischen Ländern von bürgerlichen Autoren verfasst und von der bürgerlichen Presse in allen Tonarten gepriesen wurden, so stellt man eine erstaunliche Übereinstimmung fest. Im Winter 1944/1945 schrieb Wilhelm Röpke, ein bekannter Vertreter neoliberalistischer Wirtschaftsau assungen und erbitter- 4 3 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e jetunion so »unmenschlich« nden: Sie nden »unmenschlich«, dass die Saboteure persönlich zur Verantwortung gezogen werden, dass mehrmals entlassene Arbeiter verachtet werden usw. Sie machen dabei den Fehler, dass sie den qualitativen Unterschied zwischen kapitalistischer und sozialistischer Produktion »vergessen« und daher diese Erscheinungen in ihre angestammten kapitalistischen Kategorien übersetzen. Da ihre Leser nun die Sowjetunion nicht kennen und in den gleichen kapitalistischen Kategorien denken, gelingt es ihnen, mit ihren schändlichen Büchern Tausende von Menschen, die unter dem Kapitalismus leiden, an der Erkenntnis des einzig richtigen und möglichen Auswegs zu hindern. In Wirklichkeit ist heute nur noch das sozialistische System menschlich, und das Verantwortlichmachen der Individuen für die – nicht mehr entfremdeten – Resultate ihres Tuns ist ein integrierender Bestandteil dieser sozialistischen Menschlichkeit.) c) Der Aufbau-Verlag14 (Eigentümer: Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands) konnte im Jahre 1951 gleichzeitig die Arbeitslöhne und Gehälter erhöhen und durch persönliche Initiative der Mitarbeiter, Angestellten und Arbeiter die Produktionskosten so herabsetzen, dass auf einen Schlag alle im Verlag erschienenen Bücher im Verkaufspreis um 15–20 % herabgesetzt werden konnten. Als dies in einer Betriebsversammlung den Arbeitern bekannt gemacht wurde, als gleichzeitig diejenigen Arbeiter, die durch Einsparungsvorschläge besonders hervorgetreten waren, mit hohen ter Gegner des Sozialismus, in der Schweiz das Buch Die deutsche Frage, in dem er die irrsinnige › eorie‹ ›begründete‹, dass der Nationalsozialismus mit dem Kapitalismus nichts zu tun hätte, sondern eine ›Abart‹ des ›Totalitarismus‹ sei, wie er in der Sowjetunion herrsche. Damit gab Röpke der antisowjetischen Propaganda der Nachkriegsjahre das gewünschte Stichwort. Das Schlagwort vom ›Totalitarismus‹ sollte sich insofern als au- ßerordentlich brauchbar erweisen, als es einen doppelten Zweck erfüllt: Es täuscht einerseits die Massen über den Klassencharakter des Faschismus hinweg, dient also dem Schutz der Monopole, die sich unbehelligt für eine Übergangszeit hinter der alten formaldemokratischen Fassade verstecken können, und es lenkt andererseits die Abneigung der Massen gegen den Faschismus, sofern sie ideologisch verworren bleibt, auf den Sozialismus ab.« (Neuabdr. in: Band 1.3, S. 1321) 14 (AH) In den fünfziger Jahren arbeite Harich erst neben-, dann hauptberu ich für den Aufbau-Verlag. Der Band 1.3 präsentiert eine Auswahl seiner Gutachten, Arbeiten, Manuskripte usw., die im Rahmen dieser Tätigkeit entstanden (u. a. S. 1581–1648). Dort alle weiteren Informationen. Eine sehr gute Einführung bietet: Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000, Bd. 1, S. 208–243. Siehe außerdem Mittenzweis Monographien: Zwielicht. Auf der Suche nach dem Sinn einer vergangenen Zeit, Leipzig, 2004. Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland, 1945 bis 2000, Berlin, 2003. 4 3 8 T e i l I I I Geldprämien ausgezeichnet wurden, machten die Arbeiter und Angestellten innerhalb von drei Tagen spontan 800 neue Verbesserungsvorschläge, von denen etwa 700 sich als realistisch erwiesen. Der Zusammenhang zwischen der Quali kation der eigenen Leistung und der Verbilligung der Bücher (die arbeitenden Menschen als Konsumenten zu Gute kommt) und der Verbesserung des eigenen Lebensstandards (durch Lohnerhöhung und Prämien) ist heute schon fast jedem Angehörigen des Verlages bewusst und wirkt sich als Stimulanz seiner Arbeit und als Steigerung des eigenen Lebensgefühls aus. Die Aktivistenehrungen, die Maidemonstrationen in den »Ländern hinter dem eisernen Vorhang« usw. sind geradezu Exzesse eines neuen Selbstbewusstseins, das mit der Befreiung der Arbeit von Entfremdung sich herausbildet. d) Das neue Verhältnis zur Arbeit verwandelt nach und nach die ganze Gesellschaft: Während in der bürgerlichen Schule der Klassenprimus als widerwärtiger Streber gilt (und es auch tatsächlich ist), ist in der sozialistischen Schule der beste Schüler auch gleichzeitig derjenige, der bei seinen Kameraden menschlich die größte Autorität genießt. Auf derselben Linie liegt die vollständige Beseitigung antiintellektueller Tendenzen der Handarbeiter im Sozialismus, die spontane Ehrfurcht, die von sozialistischen Arbeitern den Gelehrten und Künstlern entgegengebracht wird. (In Moskau zum Beispiel werden elegant angezogene Frauen im Straßenverkehr von den einfachsten Menschen mit Hochachtung und Zuvorkommenheit behandelt, weil in ihnen eine »Artistika«, eine Arbeiterin von höherem, geistigem Typus und also eine mit Recht Mehrverdienende, vermutet wird. An die Stelle von einerseits Unterwür gkeit, andererseits Neid tritt eine freie, spontane Verehrung der höheren Leistung. Im Berliner Glühlampenwerk muss der Direktor, der sich einen neuen Maßanzug hat schneidern lassen, von Abteilung zu Abteilung gehen und sich »bewundern« lassen, und er tut das auch ungeniert.) Kurzum: »Was spricht gegen den Kommunismus? Er ist vernünftig. Jeder versteht ihn. Er ist leicht. Du bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen. Er ist gut für dich, erkundige dich nach ihm. Die Dummköpfe nennen ihn dumm, und Die Schmutzigen nennen ihn schmutzig. Er ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit. Die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen. Aber wir wissen: Er ist das Ende der Verbrechen. 4 3 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Er ist keine Tollheit, sondern Das Ende der Tollheit. Er ist nicht das Rätsel, Sondern die Lösung. Er ist das Einfache, Das schwer zu machen ist.«15 (Bertolt Brecht) Bertolt Brecht auf der Friedenskundgebung des Kulturbundes, Oktober 1948 15 (AH) Brechts Lob des Kommunismus ist in verschiedenen Versionen verbreitet. Vertont wurde das Gedicht von Hanns Eisler. Harich und Brecht waren eng befreundet. In den späten vierziger Jahren versuchte Harich, Brecht möglichst gute Arbeitsbedingungen nach dessen Rückkehr nach Berlin zu ermöglichen und verteidigte diesen gegen verschiedene Angri e (beispielsweise durch Fritz Erpenbeck). In der Täglichen Rundschau hatte Harich am 14. Januar 1949 über die Premiere der Mutter Courage berichtet. Unter dem Titel: Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht im Deutschen eater. (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1178–1181.) Es schloss sich dann seine Kontroverse mit Fritz Erpenbeck an. Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag, in: Die Weltbühne, Nr. 6, 1949, S. 215–219. Harich bezog sich dabei auf den Artikel: Erpenbeck, Fritz: Einige Bemerkungen zu Brechts Mutter Courage, in: Die Weltbühne, Nr. 3, 1949, S. 101–103. Siehe hierzu: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR. Fritz Erpenbeck gegen Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 55–69. Zahlreiche weitere Verweise zu Brecht nden sich verteilt über das gesamte Werk von Harich, besondere Berücksichtigung verdient dabei sicherlich ihr gemeinsamer Kampf gegen die Staatliche Kunstkommission im Nachklang des Arbeiteraufstandes von 1953. Siehe außerdem Harichs Brief an Anton Ackermann vom 17. Januar 1949 (abgedr. in: Band 1.3, S. 1481–1493). 4 4 0 T e i l I I I 8) »Es ist ein trauriges, die verkehrte Welt gut bezeichnendes Merkmal, dass oft dem Phantastischen und Utopischen eine moralische Würde nicht bestritten werden kann, weil es die unerfüllten und unverzichtbaren idealen Bedürfnisse ausspricht; während umgekehrt diejenigen, die rational handeln, immer wieder von den Verwirrungen desavouiert werden, die sie anrichten.« Schön gesagt, aber: Es ist ein noch traurigeres, die verkehrte Welt des Westens noch besser bezeichnendes Merkmal, dass im Jahre 1952, also mehr als 100 Jahre nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifest und fast 35 Jahre nach der Oktoberrevolution, der sozialistische Humanismus noch von einem deutschen Gelehrten von Weltrang für etwas Phantastisches und Utopisches gehalten werden kann. Wenn Gehlen Wert darauf legt, den Anachronismus eines guten Teils seiner Produktion zu überwinden – und das muss er, wenn er bei den Menschen der Zukunft nicht als sonderbare Figur gelten will –, so wird es Zeit, dass er von der Realität der Sowjetunion Notiz nimmt. Die Zeit, in der jede Au ehnung gegen Bestehendes (Fichte, Hölderlin) utopisch, jede Versöhnung mit der Wirklichkeit Resignation war, und in der beide Haltungen unvereinbar waren, ist unwiderru ich vorbei. Sowohl die resignierten Realisten als auch die utopischen Rebellen sind heute – so achtbar sie einmal waren – zu anachronistischen Figuren geworden. In der Partei, die die Vorbereitung der sozialistischen Revolution organisiert, und in der sich entfaltenden sozialistischen Gesellschaft bilden die unverzichtbaren idealen Bedürfnisse und das rationale Handeln eine untrennbare Einheit!!! Allerdings kann diese Einheit nur dann vollzogen werden, wenn sie auf der Erkenntnis dessen, was zukünftig ist, basiert. Unter Umständen kommt sich – vorübergehend, etwa 1933 in Deutschland – die opportunistische »Selbstauslieferung an die wechselnden Umstände« als »rationales Handeln« vor (und erwacht dann eines Tages vor der Entnazi zierungskommission), während das wahrhaft »rationale Handeln« eine Zeit lang gegen den Strom schwimmen muss (wie die deutschen Kommunisten, die 1933 ins KZ gingen). Wir leben in einer Zeit, in der – stoisch gesprochen: der »Weltlauf« die Träume des unverzichtbaren idealen Bedürfnisses mächtig befördert. Für diese Zeit gilt das Wort: »Alle Wege führen zum Kommunismus.« (Molotow) Konkret gesprochen: Wenn es gelingt, die amerikanischen Imperialisten und ihre Hauptverbündeten in Europa, die Adenauer & Co., an der Entfesselung des dritten Weltkrieges zu hindern, werden sie mitsamt dem kapitalistischen System in der neuen Weltwirtschaftskrise ersticken, die 4 4 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e schon da ist und in der forcierten Kriegsrüstung ihren Ausdruck ndet. Wenn es aber den amerikanischen Imperialisten gelingt, vor Ausbruch der Krise den dritten Weltkrieg zu entfesseln, dann werden sie vom Erdball hinweggefegt werden (denn die Sowjetmacht steht nicht nur an der Elbe, sondern auch in der Nähe von Alaska, und mit 500 Millionen Chinesen ist auch nicht zu spaßen, und das kapitalistische Hinterland ist völlig unstabil, von Widersprüchen zerrissen, und die friedliebenden Massen der kapitalistischen Länder könnten eine Kriegsprovokation ihrer Herrschenden zum Anlass revolutionärer Aufstände machen, zum Mindesten würden sie die roten Armeen unterstützen, und die amorphen Massen der Kleinbürger würden es – wie der liebe Gott – mit den stärkeren Bataillonen halten.) So wenig utopisch und phantastisch sind heute die idealen Bedürfnisse! Im Gegenteil: Das »rationale Handeln« der Bourgeoisie ist heute utopisch und phantastisch. Utopisch und phantastisch ist die Absicht, die Deutschen, die in russischen Wintern gefroren haben und in Ruinenstädten leben müssen, für einen neuen Krieg begeistern zu können. Utopisch und phantastisch ist die Absicht, Franzosen, Deutsche und Italiener in einer »Europa-Armee« vereinigen zu können. Utopisch und phantastisch ist die Vorstellung, dass sich solche Riesenländer wie die UdSSR und China durch Atombombendrohung erpressen ließen. Utopisch und phantastisch ist der Gedanke, dass die deutschen Arbeiter und Intellektuellen in der DDR nicht die Lehre von Marx und Engels begri en hätten und »Befreiern« vom Schlage Adenauers und Lehrs um den Hals fallen würden. Utopisch und phantastisch ist der Gedanke, dass sich die Kolonialherrschaft in Vietnam, Persien, Malaya, Ägypten, Tunis und Marokko noch lange aufrechterhalten ließe. Diese utopischen und phantastischen Vorstellungen, Gedanken und Pläne sind aber auch verbrecherisch, und es muss ihnen jegliche moralische Würde energisch bestritten werden, während das rationale Handeln der Sowjetmacht, das nicht utopisch und nicht phantastisch ist, der moralischen Würde völlig entspricht und noch niemals durch seine Resultate moralisch desavouiert wurde. 9) Vortre ich, dass Gehlen angesichts der kapitalistischen industriellen Gesellschaft die Hegelsche Formel von der »Selbstentfremdung« einfällt, »welche eben darin besteht, in zweierlei Welten das Bewusstsein zu haben«. Fontane hat dieses gespaltene, seiner selbst entfremdete Bewusstsein meisterhaft gestaltet, und zwar in denjenigen Figuren, in denen sich »korrekter« Dienst an einem unmenschlichen System mit privater Integrität verbindet. Auch bei omas Mann gibt es dergleichen. Der faschistische Redakteur, der Leitartikel im Sinne der Goebbelspropaganda schreibt, weil dies nun mal 4 4 2 T e i l I I I »seines Amtes« ist, und sich gleichzeitig im privaten Kreis als humaner Schöngeist gibt, der KZ-Aufseher, der seine Gefangenen foltert und daheim ein liebevoller Familienvater ist, sind nur extreme Formen dieses gespaltene Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist doch aber nur so lange möglich, so lange das gesellschaftliche System als Ganzes – bei aller immanenten Rationalität seiner Teilsysteme – chaotisch und anarchisch ist. Ist dies nicht mehr der Fall, so verschwindet auch in den Individuen das gespaltene Bewusstsein. Im Sozialismus können die Individuen ihre gesellschaftliche P icht eben nur dann korrekt erfüllen, wenn sie eine bewusste Beziehung zur Totalität der Gesellschaft herstellen. Ein sozialistischer Buchhalter muss zum Beispiel, wenn er im Sinne des Systems funktionieren will, genau wissen, dass der Betrieb in gewisser Beziehung verschwenderisch und in anderer Beziehung wieder knauserig mit seinen Mitteln umgehen muss, und er hat dafür kein fertiges Schema. Er muss vielmehr jede Ausgabe und jede Einsparung unter dem Gesichtspunkt betrachten, ob sie den großen Zielsetzungen des sozialistischen Aufbaus direkt oder indirekt schaden oder nützen kann, und das erfordert in jedem Fall eine konkrete und umfassende Analyse der Situation. Ein sozialistischer Finanzbeamter muss wissen, dass eine Steuerhinterziehung eines Privatunternehmens – auch wenn sie sich auf bloße 500,– Mark erstreckt – ein willkommener Anlass zur Enteignung und Verstaatlichung des betre enden Betriebes sein kann, während die aus Schlamperei und Leichtsinn entstandenen Steuerschulden eines Schauspielers oder eines Schriftstellers, auch wenn sie sich auf 10 000,– Mark belaufen sollten, äußerst human und nachsichtig zu behandeln sind und auf dem Wege eines großzügigen Abzahlungsvertrages bereinigt werden können. Auch der Buchhalter, auch der Finanzbeamte dürfen in einer Gesellschaft, die sich zum Sozialismus hin bewegt, keine nach Schema arbeitenden Bürokraten sein, wenn sie nicht schwere politische und administrative Fehler machen wollen. Auch sie müssen eine lebendige Beziehung zur Totalität der Gesellschaft haben, und da die Totalität der Gesellschaft nichts Chaotisches, sondern etwas Humanes und Sinnvolles ist, nämlich der Prozess der Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Prozess der Erfüllung der Pläne, der Prozess der systematischen Steigerung des Lebensstandards und der Kultur der arbeitenden Menschen, hat man als sozialistischer Funktionär bei dem, was man tut, ein um so besseres Gewissen, je deutlicher man sich der Konsequenzen des eigenen Tuns bewusst ist. Und so überwindet man das entfremdete Bewusstsein am unentfremdeten Resultat des eigenen Tuns. 4 4 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Auch hierfür wieder ein paar prägnante Beispiele: Hüte sind an und für sich in der Produktion teurer als Mützen. In der Sowjetunion sind aber Mützen im Verkaufspreis teurer als Hüte. Warum? Weil die sowjetische Bekleidungsindustrie in hohem Maße pädagogisch orientiert ist: Iwan Iwanowitsch und Alexander Lwowitsch sollen nicht mehr wie verwegene Gesellen aussehen, sondern feine, propere Kulturmenschen auch im Äußeren werden. In der Tschechoslowakei und in der Deutschen Demokratischen Republik sind Platten mit Musik von Bach und Beethoven um die Hälfte billiger als Platten mit Jazz-Musik, obwohl diese umfangmäßig gewöhnlich kleiner und in der Herstellung billiger sind. In der DDR bekommt man für den Preis von 24 Zigaretten eine komplette Ausgabe von Goethes Faust (Urfaust, Faust – Ein Fragment, Faust erster und zweiter Teil usw.) in Ganzleinen und auf holzfreiem Papier. Wie soll ein System, in dem diese Pädagogisierung der Ökonomie gang und gäbe ist, funktionieren, wenn die Funktionäre Bürokraten mit entfremdetem Bewusstsein sind? Daher entfallen im sozialistischen Bewusstsein denn auch die »exzessiven Phantasmen, in denen sich die unterernährten sozialen Instinkte ergehen«. Derjenige, der die Macht als Selbstzweck ansieht und nicht einsieht, dass Macht überhaupt nur als Mittel zum menschlich Guten sinnvoll und zu rechtfertigen ist, wird früher oder später durch die Entwicklung hinweggefegt. Umgekehrt ndet der idealistisch Strebende, der in der kapitalistischen Gesellschaft ein haltloser Träumer, ein Sonderling bliebe – es sei denn, dass er sich dem Kampf der Arbeiterbewegung anschlösse –, reale Chancen für die Entfaltung seiner persönlichen Initiative. Jeder Funktionär ist verp ichtet, die Pläne und Vorschläge jedes Neueres sachlich zu prüfen, und wenn er diesen Plänen und Vorschlägen Hindernisse in den Weg legt, wird früher oder später der Neuerer an seine Stelle gesetzt werden. Das System kann weder erstarrte Routine gebrauchen, noch Idealisten, die ohne Erfüllung ihrer Pläne herumlaufen. Die erstarrte Routine könnte den Aufbau auf irgendeinem Gebiet durch Stagnation hemmen, und der enttäuschte Idealist, der seine Pläne nicht an den Mann zu bringen vermag, könnte der Konterrevolution in die Arme getrieben werden. Hiermit hängt zusammen, dass Kritik und Selbstkritik geradezu das Entwicklungsgesetz der sozialistischen Gesellschaft sind. Hierüber sagt Lenin: »Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer P ichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. 4 4 4 T e i l I I I Einen Fehler o en zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer P ichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse, und dann auch der Masse. (Lenin, Der Radikalismus – Die Kinderkrankheit im Kommunismus.) Und Stalin sagt: »Ich rede schon gar nicht von der Furcht der Parteien der II. Internationale vor Selbstkritik, von ihrer Manier, ihre Fehler zu verheimlichen, heikle Fragen zu vertuschen, ihre Mängel durch die Vorspiegelung zu bemänteln, es sei alles in schönster Ordnung, wodurch jeder lebendige Gedanke abgestumpft und die revolutionäre Erziehung der Partei und der Massen anhand der eigenen Fehler gehemmt wird, einer Manier, die von Lenin verspottet und angeprangert wurde.« (Stalin, Fragen des Leninismus.) 10) Es mag »niemals schwerer gewesen sein, sich ein gediegenes Wissen über die großen Verhältnisse anzueignen, als heute. Denn ›Wissen‹ kann nur als Bestandsstück zielbewussten und kontrollierten Handelns de niert werden. Ein solches aber sich über die Zusammenhänge der gegenwärtigen sozialen, politischen und ökonomischen Welt anzueignen ist – in den Grenzen des überhaupt Erreichbaren – wahrscheinlich nur denen möglich, die die Chance der Initiative haben, die Tatsachen auch da, wo sie noch dunkel sind, reagieren und antworten zu lassen, – also sehr wenigen Menschen. Die anderen können gar nicht die ›Höhen des Wissens‹ ersteigen, werden aber andererseits durch irgendwelche drastischen Konsequenzen der Verhältnisse, die sich bis in ihr Haus hinein abwickeln, zur Reaktion auf das Ganze derselben veranlasst. Dieses Verhalten kann nicht anders als assoziativ und a ektmäßig ausfallen, also primitiv.« Hierzu ist zu sagen: a) Niemals ist es leichter gewesen, sich ein gediegenes Wissen über die großen Verhältnisse anzueignen, als heute. Es ist zwar auch heute noch sehr schwer, aber es war niemals so verhältnismäßig leicht wie heute. Warum? Erstens können die Massen lesen und schreiben. Zweitens enthält jede Zeitung und jede Nachrichtensendung (auch die reaktionärste und verfälschteste) ein Minimum an Tatsachenmaterial, das für sich spricht. Drittens wiederholen sich gewisse historische Erfahrungen derart schnell und in derart stereotypischer Weise, dass den Massen ihr gesetzmäßiger Zusammenhang heute leichter bewusst wird als gestern. (Man denke an den Zusammenhang Kriegsvorbereitung-Antisowjethetze-Kommunistenhetze-Antisemitismus-ökonomische Krisensitua- 4 4 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e tion.) Viertens gibt es die kommunistischen Parteien. Fünftens gibt es die sozialdemokratischen Parteien, die zwar nur Scheinopposition betreiben, aber dabei Argumente geltend machen müssen, die durchaus geeignet sind, einem die Augen zu ö nen. Sechstens gibt es die marxistische Lehre, die man sich aneignen kann, um die historisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. b) Richtig ist, dass Wissen nur als Bestandsstück zielbewussten und kontrollierten Handelns verstanden werden kann, marxistisch gesprochen: Dass eorie und Praxis eine Einheit bilden müssen. Das bedeutet aber nur, dass man die historisch-gesellschaftlichen Zusammenhänge und die eigenen Interessen nur dann adäquat erfassen kann, wenn man bewusst an der revolutionären Praxis des proletarischen Klassenkampfes teilnimmt. Als bewusster Vorkämpfer der Klasse, der die Zukunft gehört, gewinnt man ein Wissen, das Bestandsstück zielbewussten (auf die Revolution orientierten) und kontrollierten (an den eigenen Fehlern und den Fehlern der Partei selbstkritisch kontrollierten und korrigierten) Handelns ist. c) Die Masse reagiert zwar assoziativ und a ektmäßig, also spontan, und das gilt auch für die breiten rückständigen Teile des Proletariats. Aber die objektiven Lebensbedingungen des Proletariats, sein vitales Bedrohtsein von Krieg und Krise, und die Tatsache, dass es objektiv an den Zielen der Herrschenden nicht interessiert ist, führen dazu, dass das Proletariat assoziativ und a ektmäßig richtig reagiert – richtig = in Richtung auf die Revolution. Es kommt nur darauf an, dass es über eine Partei verfügt, die ihm in jeder Situation die großen Zusammenhänge bewusst macht, deren Prognosen und Warnungen durch die historische Entwicklung laufend veri ziert werden, und die sich auf diese Weise bei den Massen so viel Vertrauen erringt, dass sie in der revolutionären Situation die Führung an sich reißen und die spontane Bewegung der Massen organisieren kann, nachdem sich alle Fraktionen der Bourgeoisie und alle anderen (nicht-kommunistischen) oppositionellen Parteien vor den Massen als Agenten der Todfeinde der Massen entlarvt haben. Klassisches Beispiel: Der Prozess, der die Bolschewiki in Russland zur Macht kommen ließ. 1914 gehen die Bolschewiki als einzige Parlamentsfraktion, die die Kriegskredite verweigert, in die Illegalität. In dem Maße, wie der Krieg unerträglich wird, erinnern sich die Massen an die Hand voll beherzter Leute, die 1914 den Mut hatten, gegen den Strom des Chauvinismus zu schwimmen, und die damit ihre Treue zum russischen Volk bewiesen. Aber das genügt noch nicht: 1917 kommen zunächst die Menschewi- 4 4 6 T e i l I I I ki und Sozialrevolutionäre zur Macht und erringen zunächst auch die Mehrheit in den Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets). Erst jetzt entlarven sich diese scheinbar oppositionellen Parteien, die die Beendigung des Krieges und die Aufteilung des Grund und Bodens versprachen, vor den Massen. In dem Augenblick, wo die Enttäuschung der Massen über die Politik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die Enttäuschung über die Weiterführung des Krieges ihren Höhepunkt erreicht, können die Bolschewiki die Macht an sich reißen.16 Dieser Prozess, der vom »Februar« zum »Oktober« geführt hat, bahnt sich gegenwärtig auch in Deutschland an. Die Adenauer-Regierung ist bereits durch ihre Kriegspolitik und ihren nationalen Verrat derartig entlarvt und kompromittiert, dass sie unweigerlich hinweggefegt werden wird, sei es durch gesamtdeutsche Wahlen, sei es durch die im Jahre 1953 fälligen Bundestagswahlen. Es wird dann noch nicht der Moment zur Machtergreifung durch die konsequent revolutionären Parteien (SED, KPD) und die konsequenten Friedensanhänger (Zentrum, Bayernpartei, Niemöller-Heinemann-Bewegung) gekommen sein. Es wird wahrscheinlich die SPD (eventuell in einer Koalition mit dem Zentrum und der Bayernpartei) an die Macht kommen. Aber das wird nur ein Provisorium sein, da die neue Regierung den Kurs des Adenauer-Regimes entweder in Westdeutschland oder in Gesamtdeutschland fortsetzen wird. Tut sie dies aber, so wird sie sich ebenfalls kompromittierten, und wenn sich dann eine politische Krisensituation ereignet (sei es auf Grund einer ökonomischen Krise, sei es auf Grund einer o enen Kriegsvorbereitung), dann wird der Zeitpunkt heranreifen, an dem die proletarische Revolution reale Siegeschancen hat – und zwar als eine von den Massen der Arbeiter, Bauern, Kleinbürger und Intellektuellen getragene Volksrevolution gegen Kriegsgefahr und für Frieden und nationale Einheit und Unabhängigkeit. Klassen reagieren eben anders, machen auf andere Weise ihre Erfahrungen wie Individuen. Aber in der proletarischen Klasse hat sich im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung eine Führung herausgebildet, die nicht mehr »assoziativ und a ektmäßig, also primitiv« reagiert, sondern bewusst, weit vorausschauend, das Heranreifen der Revolution vorbereitend, und die über ein System der Strategie und Taktik verfügt, das aus den praktischen Erfahrungen zahlloser Revolutionen – von der französischen und deutschen Revolution von 1848 bis zur chinesischen Volksrevolution von 1949 – entwickelt wurde. Wenn das spontane Sich-Aufbäumen der Massen gegen Elend, Arbeits- 16 (AH) Ausführlich äußerte sich Harich zu diesen historischen Prozessen in seinen Studien zur Anarchie (Band 7) und in seinen Artikeln für die Neue Welt (abgedr. in: Band 6.2). 4 4 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e losigkeit, Krieg und Unterdrückung (wie sie der Kapitalismus mit Notwendigkeit produziert) und die bewusste Strategie und Taktik der Avantgarde richtig kombiniert werden, dann braucht das Aufbegehren der Massen keineswegs erfolglos zu bleiben und in apathische Hinnahme des Bestehen zurücksinken. Notizen zu Gehlens Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. 1. Fortsetzung17 (1952) 11) Seiten 11/12: »All das hat die Ansicht bereits zum Gemeinplatz gemacht, dass die Menschheit ein stabiles moralisches Verhältnis zur industriellen Kultur noch nicht gefunden hat. Ernster Besinnung würdig ist die noch weitergehende ese, dass dies überhaupt unmöglich ist« (eine ese, die unter anderem Röpke vertritt). a) Die Au assung, dass es primär auf das »moralische Verhältnis« ankommt, ist Unsinn. Worauf es primär ankommt, ist das Verhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen.18 Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse waren Entwicklungsbedingung der Produktivkräfte und sind zu einem Hemmnis der Produktivkräfte geworden. Daher die Weltkriege und Weltwirtschaftskrisen. Daher »das allgemein um sich greifende Unbehagen, die Zuckungen der Sozialkörper, das immer unruhigere Angebot von Ideologien, die von den Intellektuellen eberhaft errichtet und wieder abgetragen werden, der Abbau aller Präliminarien des Egoismus, das Flüchtige und Unsorgfältige der Vorwände, die plötzlich auftretenden höllischen Bestialitäten«. Alle diese Widersprüche liegen nicht in der »industriellen Kultur« als solcher begründet, auch nicht in dem mangelnden moralischen Verhältnis »der Menschheit« zu dieser »industriellen Kultur«, sondern darin, dass sich die industrielle Kultur in einem Teil der Welt noch auf der Grundlage bürgerlich-kapitalistischer Besitzverhältnisse entwickelt. Sie konnte freilich nur auf dieser Basis entstehen, und deshalb war der Kapitalismus historisch notwendig. Inzwischen sind diese Verhältnisse aber für die Produktivität der industriellen Kultur zu eng geworden, sie müssen gesprengt werden, sie werden gesprengt. Die geschilderten Symptome sind nichts anderes als Formen des Kampfes zwischen 17 (AH) 15 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 18 (AH) Siehe zu diesem emenkomplex Harichs Vorlesungen zum dialektischen und historischen Materialismus, zur marxistischen Dialektik und zum Marxismus-Leninismus, die er in diesen Jahren an der Berliner Humboldt-Universität hielt bzw. schon gehalten hatte. (Abgedr. in den Bänden 6.2 und 1.1.) 4 4 8 T e i l I I I dem absterbenden Alten, das sich verzweifelt wehrt, und dem werdenden Neuen, das sich verzweifelt ans Licht kämpft. Das stabile moralische Verhältnis zur industriellen Kultur wird sich bei der Menschheit einstellen, sobald der Sieg des Neuen entschieden ist. Es hat sich im Grunde bereits eingestellt in der Sowjetunion, was um so beachtlicher ist, als es sich hier bis vor Kurzem um ein sehr rückständiges Land handelte, das überdies ständig von außen bedroht war. Was übrigens das »Angebot von Ideologien« betri t: Der Marxismus wurde weder » eberhaft errichtet« noch »wieder abgetragen«. Er wurde vor über hundert Jahren gescha en und seither ständig organisch weiter entwickelt. Auch dies sollte zu denken geben. b) Die ese, »dass dies überhaupt unmöglich ist«, ist durchaus keiner ernsten Besinnung mehr würdig. Die Existenz der Sowjetunion beweist, dass es möglich ist. Die Röpke und Konsorten, die eine o ene Apologie des Kapitalismus angesichts seiner Unmenschlichkeiten und Widersprüche nicht mehr wagen können, haben lediglich die Aufgabe, den Menschen, die nach einem Ausweg suchen, mit solchen esen Sand in die Augen zu streuen. Sie haben dafür zu sorgen, dass die Sowjetunion im Bewusstsein dieser Menschen dieselbe Rolle spielt wie die Hölle im Bewusstsein derer, die unter dem niedergehenden Feudalismus stöhnten: »Wenn ihr den – zugegeben: entsetzlichen – Kapitalismus, dieses ›irdische Jammertal‹, nicht schafsgeduldig hinnehmt, dann kommt ihr in die Hölle!« Aber die Sowjetunion ist nicht die Hölle. Sie ist zwar auch nicht der Himmel, aber sie ist der Weg zu einem menschlichen Leben des Friedens und der sinnvollen Arbeit. Was es mit dem Schwindler Röpke auf sich hat, davon kann sich Gehlen leicht überzeugen, wenn er das Buch Anti-Röpke. Eine Streitschrift über Volkswirtschaft und Politik von Christian Reineke, erschienen im »Literaturvertrieb Zürich«, 1946, liest. 12) Seite 14: »Als nun die Wirtschaft selbst krank geworden, auf den Staat zurück el, verwandelte sich alles ö entliche Leben mehr oder weniger in staatliches, und der Staat selbst zunehmend in den Verwaltungs- und Fürsorgestaat, der ›planen‹ muss.« a) Welcher Staat ist hier gemeint? Der bourgeoise oder der proletarische? Der bourgeoise Staat, wie sehr er die Wirtschaft scheinbar auch reglementieren mag, kann niemals die Elementargewalt der ökonomischen Prozesse beherrschen, sondern bleibt 4 4 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e ihr ausgeliefert, weil er immer Instrument einer Fraktion der Bourgeoisie sein wird. (In der faschistischen Wirtschaft war der Staat Instrument der reaktionärsten und aggressivsten Teile des Trustkapitals, das die anderen Fraktionen der Bourgeoisie mit staatlichen Zwangsmitteln an die Wand drückte und die ganze Wirtschaft der aggressiven Kriegsrüstung unterordnete. Von »Fürsorge« und »Planung« konnte dabei natürlich keine Rede sein, wie die Resultate beweisen: Eine schöne »Fürsorge«, die ein ganzes Volk für blutige Verbrechen missbraucht und dann in den Abgrund stürzt! Eine schöne »Planung«, die die Welt zu erobern plant und im Chaos von 1945 ihr Ende ndet!) Im proletarischen Staat dagegen be ndet sich die Wirtschaft tatsächlich in den Händen des Staates und ist also menschlichen Interessen untertan. Deshalb gibt es hier wirkliche Fürsorge und Planung. b) Alles ö entliche Leben verwandelt sich in staatliches? Aber wo war denn das Leben im Kapitalismus jemals ö entlich? Wenn wir absehen von der kurzen Phase der jakobinischen Demokratie in Frankreich, war es das niemals. Immer waren Privatisierung der menschlichen Verhältnisse auf der einen Seite und das ohnmächtige Ausgeliefertsein der atomisierten Individuen an die schicksalshafte, entfremdete Macht der Verhältnisse auf der anderen Seite die Gegenpole des bürgerlichen Lebens. Dass die Macht der Verhältnisse auch noch mit brutalsten staatlichen Gewaltmitteln auftritt – wie im Faschismus –, ist nur ein extremer Fall, eine äußerste Zuspitzung dieser seit altersher bestehenden Nicht-Ö entlichkeit des bürgerlichen »ö entlichen Lebens«! Die »schöne Ö entlichkeit« des Lebens in den antiken Republiken, die die Jakobiner wiederherstellen wollten, die omas Je erson in seinen Anfängen vorschwebte, und von der Hölderlin und der junge Hegel träumten, kann überhaupt erst unter der Bedingung sozialistischer Produktionsverhältnisse verwirklicht werden. Dabei ist dann aber ein Staat (der proletarische) nur so lange nötig, so lange es Reste des Kapitalismus gibt. Sind sie verschwunden, so kann er absterben, weil dann Justiz, Polizei, Militär usw. ihren Sinn verlieren. 13) »Die komplizierte Seele des modernen Menschen ist zum Teil eine Selbstverarbeitung heimatloser Sozialinstinkte.« Sehr gut: Und wenn der Kapitalismus nur den einen Sinn gehabt hätte: diese »komplizierte Seele« hervorzubringen, dann müsste er schon deswegen als eine große und »lohnende«, historisch unentbehrliche Epoche der Menschheit gewürdigt werden. 4 5 0 T e i l I I I Es ist gut für die Menschheit, dass sie den Sozialismus erst aufbauen kann, nachdem Werther sich erschossen hat und Madame Bovary zu Grunde gegangen ist, nachdem E Briest ihren bürokratischen Mann betrog und Tonio Kröger sich nach dem blonden, blauäugigen »Leben« sehnte, nachdem Brahms und Schumann komponiert und die französischen Impressionisten gemalt haben. Gehlen sollte unter diesem Gesichtspunkt einmal Die Erziehung des Menschengeschlechts von Lessing lesen und sich die Aktualität dieser Schrift im Hinblick auf die »komplizierte Seele« und deren Unentbehrlichkeit für den Sozialismus und Kommunismus der Zukunft vergegenwärtigen! Da die Literatur und Kunst des bürgerlichen Zeitalters existiert und im Sozialismus – unter Abwürgung aller Pseudokunst – eine Massenverbreitung ndet wie nie zuvor, können sich die Errungenschaften der »komplizierten Seele« auch dadurch nicht mehr verlieren, dass die »Sozialinstinkte« endlich eine Heimat nden! Nebenbei bemerkt: Nach meiner Überzeugung ist der wichtigste Dolmetscher zwischen der »komplizierten Seele« und dem Sozialismus kein anderer als Heinrich Heine! Dies zeigt sich schon heute in der Deutschen Demokratischen Republik. Die kleinbürgerlichen Restbestände äußern sich nämlich mit Vorliebe in ultra-kommunistischer Tarnung: Als rotlackierte BDM-Allüren und nivellierendes Knotentum. Das Werk Heines, der mit den Nachtigallen stöhnte, einen eleganten, witzsprühenden Stil schrieb, den kleinbürgerlichen Asketismus hasste, vor seelischer Kompliziertheit barst und gleichzeitig den Sieg des Kommunismus verkündete, ist die schärfste Wa e im Kampf gegen diese Missverständnisse. Kein Zufall, dass Heine derjenige klassische Schriftsteller ist, der in den »Ländern hinter dem eisernen Vorhang« am meisten propagiert und in den größten und billigsten Au agen herausgebracht wird. Wenn uns nur Aischylos zur Verfügung stünde, hätten wir weniger Aussicht, mit dem Knotentum fertig zu werden! 14) Seite 16: »(…) dass die moderne Seele gleichzeitig mit der Wissenschaft von ihr und mit der Kunst entsteht, in der sie abgespielt wird.« Hier gibt Gehlen ein klassisches Beispiel für dialektische Wechselwirkung. Wo liegt das grundlegende Moment? Es liegt in der Warenproduktion, in der lauter isolierte Individuen produzieren, die nur durch den Markt verbunden sind, dessen Entwicklungsgesetze sich mit ungeplanter, unbeherrschbarer Elementargewalt – also »entfremdet« – durchsetzen. Dieses »grundlegende Moment« erzeugt das entsprechende »gesellschaftliche Bewusstsein«, das sich einerseits in den »heimatlosen Sozialinstinkten« der »komplizierten Seele«, andererseits in der modernen Psychologie und in der modernen Kunst, den wissenschaftlichen und 4 5 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e ästhetischen Spiegelbilder von ihr, o enbart. Marx: Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt. Aber dieses Bewusstsein ist nicht bloß passiver Re ex, sondern wirkt aktiv auf seine ökonomische Basis zurück: Nur so lange die Menschen an die privatisierte Moral und heimatloses Seelenleben gewöhnt sind, nur so lange sie von der Ideologie beherrscht werden, die ihnen Psychologie und moderne Kunst aufdrängen, halten sie es in einer auf Warenproduktion basierenden Gesellschaft aus, nden sie wenigstens – wenn auch leidend – aus dieser Gesellschaft keinen Ausweg. Das gesellschaftliche Bewusstsein, aus dem gesellschaftlichen Sein entstanden, wird also seinerseits zur Bedingung des gesellschaftlichen Seins. Das ist die ese des dialektischen Materialismus! Die Wechselwirkung zwischen moderner Seele einerseits und moderner Psychologie und Kunst andererseits ist also nur untergeordnetes Moment einer umfassenderen Wechselwirkung. 15) Seite 17: Geniale Bemerkung über die Ursachen des »Minderwertigkeitsgefühls«. Nur eine Frage: Wieso haben Kommunisten kein solches Minderwertigkeitsgefühl? Wieso sehen sie ihren Stolz darin, dass die soziale Rolle, die sie spielen, in den Augen der anderen Gruppen – in schlimmen Zeiten kann man schon sagen: in den Augen der ganz Gesellschaft! – nicht selbstverständlich ist? 16) Seite 17: Geniale Bemerkung: »Die Behandlung wirklich gewichtiger Dinge mit den Instinkten des Spiels, ja des Hasards, steht neben dem hohen Ernst, mit dem kindische Beschäftigungen getrieben werden.« 17) »In der Bewirtschaftung des Lebendigen fallen soziale, ethische und ökonomische Kategorien nicht auseinander«, während bei Ausbeutung der anorganischen Natur (Kohle, Elektrizität) »die Vorstellung einer Beschränkung der erlaubten Mitteln nicht schon an der Grundproduktion ansetzt«, so dass es also »innerhalb der Naturausnutzung keinerlei ethische, sondern nur technische Grenzen der Zielsetzung gibt«. Das ist ein interessanter und wichtiger Gedanke. Ich gebe aber folgendes zu bedenken: a) Es gibt eine stumpfe Brutalität und Unmenschlichkeit von Bauern, die zwar – im Gegensatz zur technisierten – ihre Grenzen hat, aber auch »nicht ohne« ist. Sie ist heute noch weit verbreitet unter Russen und wird von der Kommunistischen Partei erbittert bekämpft. Stalin sagte im Mai 1935 in einer Rede vor den Absolventen der Akademien der Roten Armee wohl nicht ohne Grund Folgendes: 4 5 2 T e i l I I I »Die Maschinen zu schätzen und darüber zu berichten, wie es um die technische Ausrüstung der Werke und Fabriken bestellt ist, das hat man gelernt. Aber ich kenne keinen einzigen Fall, wo man mit der gleichen Lust darüber berichtet hätte, wie viel Menschen wir in einer bestimmten Periode herangebildet und wie wir ihnen geholfen haben, sich zu entwickeln und sich in der Arbeit zu stählen. Wodurch ist das zu erklären? Das ist dadurch zu erklären, dass man bei uns noch nicht gelernt hat, die Menschen zu schätzen, die Arbeitskräfte zu schätzen, die Kader zu schätzen. Ich erinnere mich eines Falles in Sibirien, wo ich eine Zeitlang in der Verbannung lebte. Es war im Frühjahr, zur Zeit des Hochwassers. Dreißig Mann waren zum Fluss gegangen, um Holz herauszu schen, das von dem tobenden, gewaltigen Strom weggeschwemmt worden war. Am Abend kamen sie ins Dorf zurück, ein Kamerad aber fehlte. Auf die Frage, wo denn der dreißigste Mann sei, antworteten sie gleichgültig, dass der dreißigste ›dort geblieben‹ sei. Auf meine Frage: ›Wieso denn dort geblieben?‹ antworteten sie mit derselben Gleichgültigkeit: ›Was gibt’s denn da noch zu fragen, er ist eben ertrunken.‹ Und in demselben Augenblick eilte einer von ihnen irgendwohin und sagte: ›Die Stute muss getränkt werden.‹ Auf meinen Vorwurf, dass ihnen am Vieh mehr liege als an den Menschen, antwortete einer unter allgemeiner Zustimmung der anderen: ›Was liegt uns schon an ihnen, an den Menschen? Menschen können wir immer machen. Aber eine Stute … versuche mal, eine Stute zu machen.‹ (Allgemeine Bewegung im Saal). Da habt ihr einen vielleicht wenig bedeutsamen, aber sehr charakteristischen Zug. Mir scheint, dass das gleichgültige Verhalten mancher unserer Leiter zu den Menschen, zu den Kadern, und das Unvermögen, die Menschen zu schätzen, ein Überbleibsel jenes sonderbaren Verhaltens der Menschen zu Menschen ist, das in der eben erzählten Episode aus dem fernen Sibirien zum Ausdruck kam.«19 19 (AH) Zitat nachgewiesen in: Stalin: Rede im Kremelpalast vor den Absolventen der Akademien der Roten Armee am 4. Mai 1935, in: Stalin: Werke, Band 14, Darmstadt, 1976, S. 22 f. Vorher hieß es: »Eine Technik ohne Menschen, die sie gemeistert haben, ist tot. Eine Technik mit Menschen an der Spitze, die die Technik gemeistert haben, kann und muss Wunder vollbringen. Hätten wir in unseren erstklassigen Werken und Fabriken, in unseren Sowjet- und Kollektivwirtschaften, in unserem Verkehrswesen, in unserer Roten Armee die genügende Anzahl von Kadern, die fähig sind, diese Technik zu bewältigen, so würde unser Land dreimal und viermal so große Leistungen erzielen wie heute. Das ist der Grund, warum jetzt das Schwergewicht auf die Menschen, auf die Kader, auf die Funktionäre gelegt werden muss, die die Technik meistern. Das ist der Grund, warum die alte Losung, ›Die Technik entscheidet alles‹, durch die eine bereits hinter uns liegende Periode, die Periode des Mangels auf dem Gebiete der Technik, gekennzeichnet ist, jetzt durch eine neue Losung ersetzt werden muss, durch die Losung: ›Die Kader entscheiden alles‹. Das ist jetzt die Hauptsache. Kann man sagen, dass man bei uns die große Bedeutung dieser neuen Losung begri en und voll erfasst hat? Ich möchte das nicht sagen. Sonst 4 5 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e An diesem »sonderbaren Verhalten der Menschen zu Menschen«, an dieser »gutmütig« stumpfen, brutalen Bauernhäuterei sind bekanntlich viele Menschen zu Grunde gegangen. Diese Brutalität ist zwar immer noch tausendmal sympathischer als die ra niert technisierte Brutalität, die die Menschen in Gaskammern steckte, und die nur von Menschen eines hochindustrialisierten kapitalistischen Landes praktiziert werden konnte – aber unmenschlich ist sie halt auch. b) Man darf die andere Seite der Technisierung und der Ausnutzung der anorganischen Naturkräfte nicht übersehen: Die leichtere Durchschaubarkeit der anorganischen Natur, die damit verbundene Entmythisierung des Weltbildes, die Tatsache, dass sich der Intellekt an den Vorgängen technischer Produktion schneller entwickelt, schneller einsichtig wird usw. Das ist ein wesentlicher – wenn auch nicht der einzige – Grund für die intellektuelle Überlegenheit der Arbeiter über die Bauern. Ein wacher Intellekt aber ist sehr viel mehr einer humanistischen moralischen Erziehung zugänglich als ein bäurisch stumpfer, der in halb mythisierten organologischen Kategorien denkt – vorausgesetzt, dass eine gesellschaftliche Ordnung gegeben ist, die die Menschen im Sinne humanistischer Moral erzieht. Das ist im Sozialismus der Fall, und gerade im Sozialismus zeigt sich, wie himmelhoch die Humanität der Industriearbeiterschaft der bornierten »Gutmütigkeit« der Bauern überlegen ist. Ein deutscher Kriegsgefangener, der in die sowjetische industrielle Produktion gesteckt wurde, konnte einer humanen Behandlung sicher sein. Einer, der auf dem achen Lande arbeiten musste, konnte bestenfalls Glück haben und »gutmütige« Leute antre en, er konnte aber auch an der »gutmütigen« Schlamperei verrecken. c) Das Wesen kommunistischer Politik besteht in der zielbewussten Lenkung gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse und ist gleichzeitig ein fortgesetzter Kampf um das hätten wir kein so unerhörtes Verhalten zu den Menschen, den Kadern, den Arbeitskräften, wie wir es nicht selten in unserer Praxis beobachten. Die Losung ›Die Kader entscheiden alles‹ erfordert, dass unsere Leiter das sorgsamste Verhalten zu unseren Arbeitskräften, den ›kleinen‹ und ›großen‹, auf welchem Gebiete sie auch arbeiten mögen, an den Tag legen, sie sorgsam hegen und p egen, ihnen helfen, wenn sie der Unterstützung bedürfen, sie ermuntern, wenn sie die ersten Erfolge aufzuweisen haben, sie aufrücken lassen usw. Indes sehen wir in der Praxis eine ganze Reihe von Fällen herzlos bürokratischen und geradezu unerhörten Verhaltens zu den Arbeitskräften. Das erklärt ja auch im Grunde, dass man mit den Menschen, anstatt sie kennen zu lernen und sie erst, nachdem man sie kennen gelernt hat, auf ihre Posten zu stellen, nicht selten wie mit Schach guren umspringt.« (Ebd., S. 22.) 4 5 4 T e i l I I I Vertrauen der Massen der Arbeiter und werktätigen Menschen – ein Vertrauen, das die Partei erringen muss, wenn sie sich nicht von ihrer Massenbasis isolieren und hil os an ihre Feinde ausliefern will. Durch diese Erfordernisse, die sowohl vor als auch nach der Revolution bestehen, sind die Methoden bestimmt, die die Partei zur Durchsetzung ihrer Ziele anwendet. Es können nicht alle Mittel erlaubt sein. Der Gedanke, die Partei könne die Massen mit militärischen Zwangsmitteln disziplinieren und »zu ihrem Glück zwingen«, ist im Grunde kleinbürgerlich, wurde in den Jahren nach der Revolution von Trotzki und Sinowjew vertreten und wurde von Stalin entlarvt und zerschlagen. Stalin entwickelte damals folgendes Prinzip der Massenführung, das er gegen Trotzki durchsetzte: Erstens. Die Armee der Parteimitglieder unterscheidet sich wesentlich von einer militärischen Armee. In der militärischen Armee erarbeiten die Soldaten ihren Lebensunterhalt nicht selbst, sondern erhalten ihn durch die administrativen Organe der Führung. Deshalb sind die Soldaten – wenn auch hier nicht absolut – auf die Führung angewiesen. In der Armee der Partei dagegen erarbeiten die Mitglieder selbst ihren Lebensunterhalt, folglich ist hier die Führung auf die Mitglieder angewiesen. Folglich müssen die Mitglieder der proletarischen Partei, wenn diese nicht zerfallen soll, auf andere, nicht-militärische Art geführt werden als die Soldaten einer Armee. Sie müssen vollständig von der Gerechtigkeit der Sache der Partei und von der Richtigkeit der Maßnahmen der Führung überzeugt sein. Zweitens. Das Hauptmittel der Führung der Massen durch die Partei kann nur die Überzeugung sein. Die Partei muss sich stützen: a) Auf die bewusste, begeisterte Unterstützung durch die überwiegende Mehrheit der aktiven Menschen aus der Masse der Arbeiter und Bauern, b) auf die wohlwollende Neutralität und Duldung durch die überwiegende Mehrheit der nicht-aktiven Teile der Massen der Arbeiter und Bauern, und erst zuletzt c) auf die gewaltsame Unterdrückung der aktiven Minderheit, die sich durch ihr praktisches Verhalten den Zielen der Partei bewusst feindlich entgegenstellt. Dieses Schema der Massenführung bedingt, dass die Gewaltanwendung die geringste Rolle spielt und der Aufklärung und Überzeugung absolut untergeordnet ist. Drittens. Es gibt sichere Kriterien dafür, ob die Diktatur eine Diktatur des Proletariats oder eine Diktatur der Partei über das Proletariat ist. Die Diktatur des Proletariats würde sich in Gegensatz zum Proletariat stellen, wenn sie eine falsche Politik machte, 4 5 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e d. h. eine Politik, die nicht den objektiven Interessen der Arbeiter, Bauern und Intellektuellen, also der Masse der Bevölkerung, dient. Die Diktatur des Proletariats würde sich aber auch dann in Gegensatz zum Proletariat stellen, wenn ihre Politik zwar richtig ist, wenn sie zwar objektiv den Interessen der Massen entspricht, wenn sie aber in Maßnahmen besteht, die von den Massen noch nicht gewollt werden. Deshalb kann die Partei nur solche Maßnahmen durchführen, die sowohl den Interessen der Massen dienen, als auch von der Mehrheit der Massen als richtig und notwendig eingesehen werden. Deshalb muss sie jedes Mal, in jeder Situation darauf achten, dass der »nächste Schritt« dem Bewusstseinszustand der Massen entspricht, und muss jeden »nächsten Schritt« vornehmlich mit den Mitteln der Überzeugung durchsetzen, wobei Gewalt immer nur gegen eine Minderheit bewusst und aktiv Widerstrebender angewandt werden darf. Das ist, in kurzen Worten, die Stalinsche (antitrotzkistische) Lehre von der Führung der Partei und der Führung der Massen durch die Partei. Nun ist aber diese Führung im Grunde eine Lenkung und Beherrschung objektiver Prozesse »aus Einsicht in die Notwendigkeit«, und es besteht eine klare Analogie zwischen dieser Führung und der Beherrschung und Lenkung von Naturprozessen durch Technik und Wissenschaft. Das klingt unmenschlich nur für denjenigen, der in Kategorien denkt, die von der Beherrschung der anorganischen Natur hergenommen sind. Es ist aber gar nicht unmenschlich, weil die Mittel der Führung durch die Eigenart des Materials bestimmt werden, das gelenkt und »bearbeitet« wird. Es handelt sich eben um »Menschenmaterial«, und dieses kann mit Aussicht auf Dauer der Erfolge nur »gelenkt« und »bearbeitet« werden, wenn die Hauptmittel der »Lenkung« und »Bearbeitung« in Überzeugung und Erziehung bestehen. Die Erfolge werden dann um so größer sein, wenn die Menschen in der Praxis der gesellschaftlichen Umwälzung die Erfahrung machen, dass die Argumente richtig waren, mit denen sie überzeugt wurden, und dass ihnen die Erziehung zum eigenen Besten ausschlägt. Eine Massenbeherrschung durch demagogische Lügen kann immer nur kurzfristige Erfolge zeitigen, muss früher oder später an ihren Widersprüchen scheitern. Daher die Kurzlebigkeit von Hitlers »Tausendjährigem Reich«, daher der »lange Atem« des kommunistischen Welttriumphes, der mit dem Eintritt von Marx und Engels in den »Bund der Kommunisten« im Jahre 1847 begann, und der sich in unserer Zeit vollendet. 4 5 6 T e i l I I I 18) Sehr ärgerlich ist es, dass Gehlen die »Aufklärungskultur« anscheinend recht abschätzig beurteilt. Die Naivität der Aufklärer steht außer Frage! Mit Voltaire könnte man heutzutage wenig anfangen. Aber trotzdem ist und bleibt die Aufklärung eine der stolzesten Epochen der Menschheit. Sie ist und bleibt unser Erbe, auf das wir stolz sind. Ihre Ideale: Fortschritt, Humanität, Vernunft, Brüderlichkeit, Bildung, Zivilisation, Freiheit sind im Marxismus im Hegelschen Sinne »aufgehoben«: Die Naivität, die Illusionen und Flachheiten, mit denen sie verbunden waren, sind vernichtet, ihr Gehalt aber ist unverlierbar aufbewahrt. Keine Zukunft ist denkbar, die diese Ideale mit Füßen tritt oder verhohnigelt. Im Zeichen der Parolen der Aufklärung besiegte das Bürgertum den Feudalismus. Inzwischen hat es diese Parolen schmählich verraten. Das Interesse an Intellektuellen, die sich über die Aufklärung mokieren, ist eines der sichersten Kriterien für die tiefe Verkommenheit der Bourgeoisie. Es hat geradezu den Anschein, als ob die Bourgeoisie aus ihrer Zukunftslosigkeit und aus ihrem Abfall von den Idealen ihrer eigenen heroischen Periode, einen Kult macht. Allerdings hat das seine guten Gründe; denn – nach den Worten des Kommunistischen Manifests – richten sich die Wa en, die die Bourgeoisie einst gegen den Feudalismus schmiedete, nun gegen die Bourgeoisie selbst. Man verfolge einmal die Entwicklungslinie Voltaire – Condorcet – Saint-Simon – Marx oder die Entwicklungslinie Helvétius – Holbach – Owen – Marx, und das bourgeoise Naserümpfen über die Aufklärung wird erklärlich.20 Die Ideen der Aufklärung haben ihre historische Bedeutung eben nicht darin erschöpft, den Rothschild und Nucingen zur Macht zu verhelfen. Dies Träumen des 18. Jahrhunderts vom »Reich der Vernunft« und vom »Reich der Freiheit« war nicht nur dazu 20 (AH) Diese Überlegungen waren für Harich in geschichtsphilosophischer und philosophiegeschichtlicher Perspektive grundlegend. Sie prägten noch seine Anschauungen zur Aufklärung in Kommunismus ohne Wachstum (1975), wo die beiden gerade geschilderten Linien einander gegenüber gesetzt werden. Siehe hierzu: Heyer: Ein Schmuddelkind der DDR-Philosophie. Die Rezeption Jean-Jacques Rousseaus in der DDR, Berlin, 2012. Voltaire, 1738 4 5 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e da, die Strump abrikanten und Krämer der feudalen Fesseln zu entledigen. In alledem machten sich größere Ansprüche geltend, Ansprüche, die sich immer wieder melden werden, bis auch der letzte Bourgeois verschwunden ist. 19) Die Projekte der Margaret Mead sind lächerliche Zerrbilder des Sozialismus. – Der sozialistische »Neubau der Welt« kann nur von der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie erkämpft werden. Der Sozialismus kann auch nicht von Soziologen »erfunden« werden, sondern kann nur entdeckt werden, und er ist entdeckt worden von Marx und Engels als das notwendige Entwicklungsresultat der inneren Widersprüche des Kapitalismus. Jedes Gerede von »sozialer Neuordnung der Welt«, das nicht von der Analyse der kapitalistischen Wirklichkeit und ihrer Widersprüche ausgeht, ist reiner Unsinn. 20) Burnham ist ein Schwein und ein Lügner. Schwein deshalb, weil er seine eigenen Lügen durchschaut, weil er bewusst lügt. Die »Manager«- eorie ist der größte Unsinn, der je ausgeheckt wurde. Erstens gibt es »Manager« (Direktoren, leitende Angestellte), so lange es eine Kooperation von hohen Graden gibt, also nicht erst seit heute und gestern. Zweitens entscheiden in den grundlegenden Fragen niemals die Manager, sondern die Besitzenden. Die ganze Manager- eorie ist also nichts anderes als eine ordinär apologetische Verschleierung der Besitzverhältnisse. Drittens unterscheiden sich kapitalistische Manager von sozialistischen qualitativ. Kapitalistische Manager sind – wenn bisweilen auch auf hohem Niveau – Bürokraten ohne Beziehung zur Totalität der Gesellschaft. Sozialistische Manager sind – wenn bisweilen auch auf niedrigem Niveau – so etwas wie Helden, nämlich bewusste, opferbereite Diener der Interessen der Arbeiterklasse, die ihr ganzes Leben dem Glück des Volkes unterordnen, die in die Zukunft blicken, die der schöpferischen Kritik der Massen standhalten müssen, und die die Massen zu stolzem Selbstbewusstsein, zur Kritik und Selbstkritik erziehen. Und wenn sozialistische Manager alle diese Anforderungen nicht erfüllen, dann verschwinden sie, werden im Ergebnis der Kritik von unten abgesetzt und müssen sich so lange als einfache Arbeiter in der Produktion bewähren, bis ihre bürokratische Gesinnung gebrochen ist. (Die bürgerliche Presse nennt das dann »in Ungnade fallen«, womit sie den Kampf gegen den Bürokratismus, der ein Lebensgesetz der sozialistischen Gesellschaft ist, mysti ziert. Sie übersetzt also unsere Maßnahmen in ihre Hofschranzen-Ideologie, so wie Schwein Burnham den Aufbau unseres Funk ti o närsap pa rats in die Bürokraten-Ideologie amerikanischer Spießer übersetzt. Und auf diesen Mist fällt Professor Gehlen herein!) 4 5 8 T e i l I I I 21) Bemerkungen zu dem, was Tönnies noch als Utopie erschien, was aber »heute auf die meisten Europäer sicher nicht mehr als Paradoxie wirkt«. a) Bei der Entstehung des Sozialismus handelt es sich primär nicht um die »Scha ung (!) eines sozialen Zustandes«, sondern darum, dass die Massen der arbeitenden Menschen auf Grund der Unerträglichkeit ihrer von der Bourgeoisie gescha enen Lebensbedingungen (Paris, 1871, Russland 1905 und 1917, Deutschland 1918, China 1948/1949) gezwungen sind, sich gegen den bestehenden Zustand aufzulehnen. Den bestehenden Zustand können diese Massen aber nur dann radikal überwinden, wenn sie durch despotische Eingri e in das Eigentumsrecht eine Umwälzung in den Produktionsverhältnissen herbeiführen und dann den Aufbau in einer Richtung organisieren, die Schritt für Schritt zur ökonomischen Liquidation der Klassen führt. b) Im Sozialismus wird zwar das »gewinnerzielende Privateigentum« ausgeschlossen, aber das persönliche Interesse an einem besseren Leben wird damit nicht ausgeschlossen, sondern – durch ein System gesta elter Leistungslöhne – zum Motor der Produktion gemacht.21 An die Stelle der alten Konkurrenz der Kapitalisten tritt der Wettbewerb der befreiten Arbeiterklasse. Es gilt das Prinzip: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen!« »Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt. (…) In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch ihre Produktivkräfte gewachsen und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller ießen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten 21 (AH) Zu diesem ema äußerte sich Harich bereits 1949 ausführlich, in dem einzigen Aufsatz, den er je für die Einheit schrieb. Unter dem Titel Zum Problem der neuen Arbeitsmoral ist er neu abgedr. in Band 6.2, S. 1368–1375. Dort alle weiteren Informationen und die entsprechenden Argumentationsmuster Harichs. 4 5 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e werden und die Gesellschaft auf ihre Fahne schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!«22 (Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1875.) 22 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: Kritik des Gothaer Programms, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 19, Berlin, 1962, S. 20 f. Die Auslassung der von Harich oft zitierten Passage lautet: »Demgemäß erhält der einzelne Produzent – nach den Abzügen – exakt zurück, was er ihr gibt. Was er ihr gegeben hat, ist sein individuelles Arbeitsquantum. Z. B. der gesellschaftliche Arbeitstag besteht aus der Summe der individuellen Arbeitsstunden. Die individuelle Arbeitszeit des einzelnen Produzenten ist der von ihm gelieferte Teil des gesellschaftlichen Arbeitstags, sein Anteil daran. Er erhält von der Gesellschaft einen Schein, dass er soundso viel Arbeit geliefert (nach Abzug seiner Arbeit für die gemeinschaftlichen Fonds), und zieht mit diesem Schein aus dem gesellschaftlichen Vorrat von Konsumtionsmitteln soviel heraus, als gleich viel Arbeit kostet. Dasselbe Quantum Arbeit, das er der Gesellschaft in einer Form gegeben hat, erhält er in der andern zurück. Es herrscht hier o enbar dasselbe Prinzip, das den Warenaustausch regelt, soweit er Austausch Gleichwertiger ist. Inhalt und Form sind verändert, weil unter den veränderten Umständen niemand etwas geben kann außer seiner Arbeit und weil andererseits nichts in das Eigentum der einzelnen übergehen kann außer individuellen Konsumtionsmitteln. Was aber die Verteilung der letzteren unter die einzelnen Produzenten betri t, herrscht dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer anderen ausgetauscht. Das gleiche Recht ist hier daher immer noch – dem Prinzip nach – das bürgerliche Recht, obgleich Prinzip und Praxis sich nicht mehr in den Haaren liegen, während der Austausch von Äquivalenten beim Warenaustausch nur im Durchschnitt, nicht für den einzelnen Fall existiert. Trotz dieses Fortschritts ist dieses gleiche Recht stets noch mit einer bürgerlichen Schranke behaftet. Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitslieferungen proportionell; die Gleichheit besteht darin, dass an gleichem Maßstab, der Arbeit, gemessen wird. Der eine ist aber physisch oder geistig dem andern überlegen, liefert also in derselben Zeit mehr Arbeit oder kann während mehr Zeit arbeiten; und die Arbeit, um als Maß zu dienen, muss der Ausdehnung oder der Intensität nach bestimmt werden, sonst hörte sie auf, Maßstab zu sein. Dies gleiche Recht ist ungleiches Recht für ungleiche Arbeit. Es erkennt keine Klassenunterschiede an, weil jeder nur Arbeiter ist wie der andere; aber es erkennt stillschweigend die ungleiche individuelle Begabung und daher Leistungsfähigkeit der Arbeiter als natürliche Privilegien an. Es ist daher ein Recht der Ungleichheit, seinem Inhalt nach, wie alles Recht. Das Recht kann seiner Natur nach nur in Anwendung von gleichem Maßstab bestehen; aber die ungleichen Individuen (und sie wären nicht verschiedene Individuen, wenn sie nicht ungleiche wären) sind nur an gleichem Maßstab messbar, soweit man sie unter einen gleichen Gesichtspunkt bringt, sie nur von einer bestimmten Seite fasst, z. B. im gegebenen Fall sie nur als Arbeiter betrachtet und weiter nichts in ihnen sieht, von allem anderen absieht. Ferner: Ein Arbeiter ist verheiratet, der andere nicht; einer hat mehr Kinder als der andere etc. etc. Bei gleicher Arbeitsleistung und daher gleichem Anteil an dem gesellschaftlichen Konsumtionsfonds erhält also der eine faktisch mehr als der andere, ist der eine reicher als der andere etc. Um alle diese Missstände zu vermeiden, müsste das Recht, statt gleich, vielmehr ungleich sein. Aber diese Missstände sind unvermeidbar in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft, 4 6 0 T e i l I I I Und das ist keine Utopie und nichts Paradoxes! Und ebenso wenig utopisch und paradox ist das Folgende: »Will man in aller Kürze die Anatomie der kommunistischen Gesellschaft skizzieren, so wird das eine Gesellschaft sein: a) in der es kein Privateigentum an Produktionsinstrumenten und -mitteln, sondern nur gesellschaftliches, kollektives Eigentum an ihnen geben wird; b) in der es keine Klassen und keine Staatsmacht, sondern Scha ende der Industrie und der Landwirtschaft geben wird, die sich als eine freie Assoziation der Werktätigen wirtschaftlich selbst verwalten werden; c) in der die Volkswirtschaft, nach einem Plan organisiert, auf der höchstentwickelten Technik sowohl in der Industrie als auch in der Landwirtschaft basieren wird; d) in der es keinen Gegensatz zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft geben wird; e) in der man die Produkte nach dem Prinzip der alten französischen Kommunisten verteilen wird: ›Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen‹; f ) in der Wissenschaft und Kunst sich unter so günstigen Verhältnissen entwickeln werden, dass sie zur vollen Blüte gelangen werden; g) in der die Persönlichkeit, befreit von der Sorge um das Stück Brot und von der Notwendigkeit, sich an die ›Mächtigen dieser Welt‹ anzupassen, wirklich frei sein wird. Und so weiter und so fort. Es ist klar, dass wir von einer solchen Gesellschaft noch weit entfernt sind. Was die internationalen Voraussetzungen anbelangt, die für den vollen Triumph der kommunistischen Gesellschaft notwendig sind, so werden sie sich in dem Maße ergeben und mehren, wie die revolutionären Krisen und die revolutionären Aktionen der Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern anwachsen werden. Man darf sich die Sache nicht so vorstellen, dass die Arbeiterklasse eines Landes oder einiger Länder zum Sozialismus oder gar zum Kommunismus schreiten wird, die Kapitalisten der anderen Länder aber das gleichgültig mit ansehen und mit verschränkten Armen dasitzen werden. Und erst recht darf man sich nicht vorstellen, dass sich die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Ländern bereit nden wird, bloßer Zuschauer der siegreichen Entwicklung des Sozialismus in diesem oder jenem Lande zu sein. In Wirklichkeit werden die Kapitalisten alles tun, was in ihren Kräften steht, um solche Länder zu erdrosseln. In Wirklichkeit wird jeder ernste Schritt in diesem oder jenem Lande zum Sozialismus und um so mehr zum Kommunismus hin unvermeidlich von einem unbändigen Drang der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder zur Eroberung der Macht und zur Erkämpfung des Sozialismus in diesen Ländern begleitet sein. Auf diese Weise werden sich im Laufe der weiteren Entwicklung der internationalen Revolution und der internationalen Reakwie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist. Das Recht kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.« (Ebd., S. 20 f.) 4 6 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e tion zwei Zentren im Weltmaßstab herausbilden: Ein sozialistisches Zentrum, das eine Anziehungskraft auf die Länder ausübt, die zum Sozialismus tendieren, und ein kapitalistisches Zentrum, das eine Anziehungskraft auf die Länder ausübt, die zum Kapitalismus tendieren. Der Kampf dieser beiden Lager wird das Schicksal des Kapitalismus und des Sozialismus in der ganzen Welt entscheiden.«23 (Stalin, Unterredung mit einer amerikanischen Gewerkschaftlerdelegation, September 1927.) Dies wurde vor nunmehr 25 Jahren gesagt. Heute wird in der Sowjetunion mit der beginnenden Entwicklung von Agro-Städten und mit dem Übergang zur automatisierten Produktion der erste Schritt zum Kommunismus getan, und es ist natürlich kein Zufall, dass sich gleichzeitig die beiden Zentren – Moskau und Washington – herausgebildet haben. Das allerdings hat Tönnies (der übrigens als junger Mann in England eine Zeit lang denselben Stammtisch besuchte wie der alte Friedrich Engels) sich nicht träumen lassen. Doch was tut’s? Die Weltgeschichte richtet sich nicht nach dem, was bornierte »Soziologen« für »utopisch« halten. c) Weder im Sozialismus, noch im Kommunismus kann die Rede sein von einer »Festsetzung und Normierung der Bedürfnisse«. Bedürfnisse kann man nicht festsetzen. Sie sind da, und sie entwickeln sich in dem Maße, wie sie befriedigt werden. Wenn man das elende Leben eines Infanteristen im Kriege führt, emp ndet man es als das höchste Bedürfnis, sich in den Straßengraben zu legen und zu schlafen, ja, eine »Pinkelpause« kann nach 10 Kilometern Marsch zu einem Wunschtraum werden, der das ganze Bewusstsein erfüllt. Wenn man aber satt zu essen und eine warme Wohnung und eine befriedigende Arbeit hat, will man gute Bücher lesen und gute Musik hören, will man seidene Schlafröcke tragen und schöne Frauen verführen. Eine »Realrepugnanz« zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung wird also immer bestehen, auch dann, wenn der Kommunismus mit den sozialen Kon ikten aufgeräumt hat. Und diese »Realrepugnanz« wird das Vehikel sein, das die Produktion vorantreibt, auch dann, wenn die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreibt: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Voraussetzung dazu ist allerdings, dass die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst zum ersten Bedürfnis geworden ist. Das aber lässt sich erreichen: Durch Technisierung der Landwirtschaft und Automatisierung der industriellen Produktion, wobei die Bauern und Arbeiter zu Ingenieuren, 23 (AH) Zitat nachgewiesen in: Stalin: Unterredung mit der ersten amerikanischen Arbeiterdelegation, 9. September 1927, in: Stalin: Werke, Band 10, Berlin, 1953, S. 70. 4 6 2 T e i l I I I Wissenschaftlern, also »geistigen Menschen« werden, durch Hineinpumpung aller Schätze der Bildung und Kultur in die Massen, durch fortgesetzte Belohnung und Ehrung der Helden der Arbeit, durch Erziehung der Massen zu einem hohen Arbeitsethos. Von einem solchen Zustand sind wir »in den Ländern hinter dem eisernen Vorhang« noch weit entfernt, aber er ist unser Ziel, und es macht höllischen Spaß, sich an die Verwirklichung eines solchen Ziels zu wagen. Und immerhin: Auch mit dem vorläu- gen Ziel, mit der Verwirklichung des Prinzips: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Leistungen!«, ist schon viel erreicht. 22) Seiten 22/23: »Die für historisch gebildete Menschen staunenswerte Abwesenheit aller asketischen Ideale.« Was verlangt dieser »historisch gebildete Mensch« denn eigentlich von den Menschen? Den Menschen wird im 20. Jahrhundert – auf einer hohen Stufe technischer Entwicklung – zugemutet, in Not und Elend zu vegetieren, zu jahrelanger Arbeitslosigkeit verurteilt zu sein, sich in jahrelangen Kriegen quälen und hinschlachten zu lassen – und dann sollen die Menschen auch noch »asketische Ideale« haben? Dem Gehlen fehlt o enbar das Erlebnis, arbeitslos zu sein und für eine fünfköp ge hungernde Familie sorgen zu müssen. Im fehlt o enbar das Erlebnis derer, die in Schützengräben, Feldstrafabteilungen und Konzentrationslagern aushalten mussten. Er hat sich o enbar nicht in den Wintern 1945/1946 und 1946/1947 das Brennholz im Wald suchen müssen. Er hat sich o enbar nicht monatelang von Kohlrüben und erfrorenen Karto eln ernähren müssen. Wie könnte er sonst über die »Abwesenheit aller asketischen Ideale« staunen? Wenn Gehlen sich in diesem Punkt nicht korrigiert, wenn er nicht Phantasie genug aufbringt, sich das namenlose Elend von Millionen und Abermillionen Menschen in allen Ländern der Welt plastisch vorzustellen, dann möge er sich auf das bornierte Räsonnement in Spenglers Jahre der Entscheidung zurückziehen und über die »Sucht des Versichertsein-Wollens« verächtlich die Nase rümpfen. Wir Marxisten sind zwar – wenn es sinnvoll ist – zu schwereren Opfern an Gut und Blut bereit als alle, die in der Weltgeschichte jemals asketische Ideale hatten. Wir sind auch nicht der Meinung, dass die Ansprüche des Magens das Höchste wären, was es 4 6 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e auf Erden gäbe, und deshalb erziehen wir uns und die Arbeiter zum Kampf und – wo immer wir gesiegt haben – zur Arbeit, die in Zukunft das erste Bedürfnis der Menschen werden soll. Aber weil wir mit den Massen und ihrer Not verbunden sind, nden wir es richtig, vernünftig und angemessen, dass diese Massen, die alle Reichtümer scha en, ihre Ansprüche auf ein anständiges, menschliches Leben anmelden, nden es um so richtiger, vernünftiger und angemessener, als die Forderung, dass jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten und jeder nach seinen Leistungen genießen soll, durchaus nicht auf Schlemmerei hinausläuft. Wir halten es auch in diesem Punkt mit Heine, der schreibt: »O das Volk, dieser arme König in Lumpen, hat Schmeichler gefunden, die viel schamloser, als die Hö inge von Byzanz und Versailles, ihm ihren Weihrauchkessel an den Kopf schlugen. Diese Ho akaien des Volkes rühmen beständig seine Vortre ichkeiten und Tugenden, und rufen begeistert: wie schön ist das Volk! wie gut ist das Volk! wie intelligent ist das Volk! – Nein, ihr lügt. Das arme Volk ist nicht schön; im Gegenteil, es ist sehr hässlich. Aber diese Hässlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselben schwinden, sobald wir ö entliche Bäder erbauen, wo Seine Majestät das Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stückchen Seife könnte dabei nicht schaden, und wir werden dann ein Volk sehen, das hübsch propre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat. Das Volk, dessen Güte so sehr gepriesen wird (nebenbei: auch Gehlen preist es, Seite 18, oben! WH), ist gar nicht gut; es ist manchmal so böse wie einige andere Potentaten. Aber seine Bosheit kommt vom Hunger; wir müssen sorgen, dass das souveräne Volk immer zu essen habe; sobald allerhöchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag, wird es euch auch huldvoll und gnädig anlächeln, ganz wie die andern. Seine Majestät das Volk ist ebenfalls nicht sehr intelligent; es ist vielleicht dümmer als die anderen, es ist fast so bestialisch dumm wie seine Günstlinge. Liebe und Vertrauen schenkt es nur denjenigen, die den Jargon seiner Leidenschaft reden oder heulen, während es jeden braven Mann hasst, der die Sprache der Vernunft mit ihm spricht, um es zu erleuchten und zu veredeln. So ist es in Paris, so war es in Jerusalem. Lasst dem Volk die Wahl zwischen dem Gerechtesten der Gerechten Heinrich Heine, 1829, Zeichnung von Franz eodor Kugler 4 6 4 T e i l I I I und dem scheußlichsten Straßenräuber, seid sicher, es ruft: ›Wir wollen den Barnabas! Es lebe der Barnabas!‹ – Der Grund dieser Verkehrtheit ist die Unwissenheit; dieses Nationalübel müssen wir zu tilgen suchen durch ö entliche Schulen für das Volk, wo ihm der Unterricht auch mit den dazugehörigen Butterbroten und sonstigen Nahrungsmitteln unentgeltlich erteilt werde. – Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigen Kenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald auch ein intelligentes Volk sehen. – Vielleicht wird dasselbe am Ende noch so gebildet, so geistreich, so witzig sein, wie wir es sind, nämlich wie ich und du, mein teurer Leser, und wir bekommen bald noch andere gelehrte Friseure, welche Verse machen wie Monsieur Jasmin zu Toulouse, und noch viele andere philosophische Flickschneider, welche ernsthafte Bücher schreiben, wie unser Landsmann, der famose Weitling.«24 »Asketische Ideale« – die fand man bei den Nazis, die übrigens auch zu den byzantischen Schmeichlern »des Volkes« gehörten. Freilich war die Naziideologie wie überhaupt, so auch in diesem Punkt voller logischer Ungereimtheiten. Die asketischen Ideale vertrugen sich nämlich glänzend mit der grob-materialistischen Parole des »Sich-Gesundsto- ßens« am Korn der Ukraine und am Öl Transkaukasiens. Aber war die Hitlersche Prase »Gemeinnutz geht vor Eigennutz« etwa nicht asketisch? Und war das spartanische Getue der SS-Recken etwa nicht asketisch? Und was stand in Wirklichkeit dahinter? Die Raubgier der deutschen Monopolkapitalisten, die noch reicher werden wollten, als sie schon waren, und die nur deswegen auf die Forderung verzichten konnten, »weniger und in angenehmeren Berufen zu arbeiten« (Finer), weil sie sowieso schon nicht arbeiteten, sondern von der Arbeit anderer lebten. Wir Marxisten sagen nicht: »Gemeinnutz geht vor Eigennutz!«, sondern wir fordern eine Gesellschaft, in der »die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist« (Kommunistisches Manifest)25, und im Kampf für diese Gesellschaft sind wir alle bereit, einen 24 (AH) Zitat nachgewiesen in: Heine: Geständnisse, Kapitel 5, in: Heine: Sämtliche Werke, Band 2, München, 1969. 25 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 4, Berlin, 1959, S. 482. Genau lautet die Passage: »Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die ö entliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer anderen. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen 4 6 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e gut Teil unseres »Eigennutzes« hintanzustellen. Wir fordern Askese von uns selbst, wenn es sein muss; denn wir lassen uns natürlich nicht bestechen. Aber unsere Ideale sind trotzdem nicht asketisch, sondern sie sehen – im Gegenteil – so aus: »Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon Das Himmelreich errichten. Wir wollen auf Erden glücklich sein, Und wollen nicht mehr darben; Verschlemmen soll nicht der faule Bauch, Was eißige Hände erwarben. Es wächst hienieden Brot genug Für alle Menschenkinder, Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust, Und Zuckererbsen nicht minder. Ja, Zuckererbsen für jedermann, Sobald die Schoten platzen! Den Himmel überlassen wir Den Engeln und den Spatzen. Und wachsen uns Flügel nach dem Tod, So wollen wir euch besuchen Dort oben, und wir, wir essen mit euch Die seligsten Torten und Kuchen. Ein neues Lied, ein besseres Lied! Es klingt wie Flöten und Geigen! Das Miserere ist vorbei, Die Sterbeglocken schweigen. Die Jungfer Europa ist verlobt Mit dem schönen Geniusse Der Freiheit, sie liegen einander im Arm, Sie schwelgen im ersten Kusse. die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.« (Ebd.) 4 6 6 T e i l I I I Und fehlt der Pfa ensegen dabei, Die Ehe wird gültig nicht minder – Es lebe Bräutigam und Braut, Und ihre zukünftigen Kinder! Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied, Das bessere, das neue! In meiner Seele gehen auf Die Sterne der höchsten Weihe – Begeisterte Sterne, sie lodern wild, Zer ießen in Flammenbächen – Ich fühle mich wunderbar erstarkt, Ich könnte Eichen zerbrechen! Seit ich auf deutsche Erde trat, Durchströmen mich Zaubersäfte – Der Riese hat wieder die Mutter berührt, Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.«26 Notizen zu Gehlens Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft. 2. Fortsetzung27 (1952) 23) »Die meisten möchten reicher sein und weniger und in angenehmeren Berufen arbeiten.« Die sozialistische Arbeiterbewegung stimuliert diese primitiven Wünsche jedenfalls nicht. Sie knüpft zwar an an die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse des Proletariats (die unter den Bedingungen eines Lebens in Not, Elend und sozialer Unsicherheit übrigens menschlich völlig verständlich und natürlich sind), bleibt aber dabei nicht stehen, sondern hebt das Bewusstsein des Proletariats auf das Niveau des politischen Kampfes, verlangt vom Proletariat Opfer und Anstrengungen in diesem Kampf und strebt eine Gesellschaftsordnung an, in der nicht weniger, sondern mehr gearbeitet wird. Wenn die Berufe in der sozialistischen Gesellschaft angenehmer sind, so nicht deswegen, weil weniger gearbeitet würde, sondern weil die Arbeit von Ent- 26 (AH) Zitat nachgewiesen in: Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen, Kapitel 2 (Caput I). Zusatz Harichs in Klammern: Heine, Deutschland – Ein Wintermärchen, entstanden 1844, unter dem Ein uss des jungen Marx! 27 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 4 6 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e fremdung befreit ist und so für jeden – nicht nur für Ausnahmefälle wie Gelehrte und Künstler – zum Genuss werden kann. Beachtet werden muss hier, dass proletarische Organisationen, die im Kampf für die Befriedigung unmittelbarer materieller Bedürfnisse stecken bleiben wie die reformistischen Gewerkschaften in den USA (CIO und AFL), in Wirklichkeit Stützen des kapitalistischen Systems, also im Grunde bourgeoise Einrichtungen sind. Sie halten die Arbeiter in einem Bewusstseinszustand gefangen, in dem sie nichts weiter wollen als »reicher sein und weniger und in angenehmeren Berufen arbeiten«. Sie befestigen damit in den Arbeitern die Illusion, dass dies innerhalb der kapitalistischen Produktionsverhältnisse möglich sei, tragen also entscheidend dazu bei, dass die Arbeiter den Kapitalismus als unüberwindliche Sozialordnung hinnehmen. Und das ist Verrat an den historischen Aufgaben der Arbeiterklasse, Verrat am Sozialismus. Wie weit dieser Verrat gehen kann, zeigt wiederum der Faschismus: Wenn man will, kann man auch die gestohlenen Seidenstrümpfe aus Paris, die gestohlenen Pelze aus Norwegen und die gestohlenen Fettpakete aus der Ukraine als »soziale Errungenschaften im Rahmen des Kapitalismus« betrachten. Für eine revolutionäre proletarische Partei dagegen ist der ökonomische, tradeunionistische Kampf für bessere Lebensbedingungen der Arbeiter der größeren historischen Zielsetzung, den Kapitalismus zu stürzen, untergeordnet. Auch die revolutionäre proletarische Partei, die kommunistische, kämpft für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen, sie muss dafür kämpfen, um sich nicht von den Massen zu isolieren; sie betrachtet diese Seite ihres Kampfes aber lediglich als ein Mittel, die Arbeiter zum Bewusstsein ihrer eigenen Stärken zu erziehen, und geht davon aus, dass die Bourgeoisie jeden Erfolg, den das Proletariat im tradeunionistischen Kampf erzielt, in ein Mittel elastischer Sicherung des kapitalistischen Systems zu verwandeln trachtet. Wenn das Proletariat also nicht durch seine eigenen Erfolge eingeschläfert werden soll, muss es vom tradeunionistischen zum revolutionären Bewusstsein erzogen werden, und das ist nur dadurch möglich, dass die revolutionäre Partei den Marxismus (diese Einheit von Wissenschaft und Moral) in die Arbeiterklasse hineinträgt. Der Prozess der Selbsterziehung des Proletariats, der in der Entwicklung der revolutionären Partei seine bewusste Widerspiegelung ndet, bringt Charaktere hervor, die alles andere als faule, »materialistische« Spießer sind: Man denke an Ernst älmann, Dimitro , Maurice orez, La Passionaria, André Marty, Tschapajew, Woroschilow, 4 6 8 T e i l I I I Kalinin, Kirow, Ordshonikidse, Rakosi, Bierut, Luigi Longo usw. usw. – alles Arbeiter oder Söhne von Kleinbauern. Wenn man ihr Leben studiert, so stellt man fest, dass in jedem von ihnen eine Fülle historischer Typen »aufgehoben« ist: Die Kühnheit feudaler Feldherren hat sich mit der Unbestechlichkeit Robespierres, mit der Umsicht und kühlen Berechnung bürgerlicher Ökonomen und mit der spezi schen Humanitas des modernen Arbeiters vereinigt. Der Opfersinn christlicher Märtyrer ist in diesen kolossalen Kerlen auferstanden, ist aber ins Diesseitige gewandt, hat festen Boden unter den Füßen und verträgt sich ausgezeichnet mit einer Geisteshaltung, die mit allen Wassern strategischer und taktischer Überlegungen gewaschen ist. 24) Seite 24: »In dem maître et possesseur de la nature ist das maître et possesseur de la société enthalten.« Allerdings! Und das ist gut so. Die Menschen sind keine Esel. Nachdem sie die Kritik der reinen Vernunft und den Darwinismus, das Flugzeug und das Radio hervorgebracht haben, kann man es ihrer Menschenwürde nicht länger zumuten, dass sie von den Elementargewalten der ökonomischen Entwicklung wie von unbegri enen Naturgesetzen beherrscht werden. Das haben nicht nur Kommunisten gesehen, wenn diese es auch am schärfsten sahen und am kühnsten mit dieser Erkenntnis ernst machten. Auch omas Mann, der größte bürgerlicher Humanist unseres Zeitalters, sagte 1932 zu Ehren des 100. Todestages von Goethe: »Der Bürger ist verloren und geht des Anschlusses an die neue heraufkommende Welt verlustig, wenn er es nicht über sich bringt, sich von den mörderischen Gemütlichkeiten und lebenswidrigen Ideologien zu trennen, die ihn noch beherrschen, und sich tapfer zur Zukunft zu bekennen. Es nützt nichts, die Vernunft zu verhöhnen und einen verstockten Gemüts- und Tiefenkult zu treiben, dessen heutige Gottgeschlagenheit und Lebensverlassenheit sich darin erweist, dass er als eine Art verzweifelter und hasserfüllter Totschlagsentimentalität sich darstellt. Die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt, in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein wird, diese Welt wird kommen, und sie wird das Werk jener großen Nüchternheit sein, zu der heute schon alle in Betracht kommenden, alle einem verrotteten und kleinbürgerlich-dumpfen Seelentum abholden Geister sich bekennen. Sie wird kommen, denn eine äußere und rationale Ordnung, die der erreichten Stufe des Menschengeistes gemäß ist, muss gescha en sein oder sich schlimmen Falles durch 4 6 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e gewaltsame Umwälzung hergestellt haben, damit das Seelenhafte erst wieder Lebensrecht und ein menschlich gutes Gewissen gewinnen könne.«28 omas Mann, 1932, Goethefeier der Akademie der Künste Maître et possesseurs de la société – oder besser: Eine société, die der maître et possesseur ihrer selbst ist, nachdem sie sich zum maître et possesseur de la nature durch die große Industrie gemacht hat – darauf kommt es an, das ist unser Ziel. Und deshalb ist der alte Descartes unser großer und geliebter Ahnherr! Und wer ihn schmäht, dem schlagen wir auf die Pfoten. 25) Seiten 24/25: Es gibt eine »tonangebende Gruppe«, in der die »grenzenlose Pleonexie« keinen Platz hat: Wir Kommunisten sind nicht begehrlich, sondern lieben Arbeit und Kampf als Mittel der Vermenschlichung des Menschen, wir sind nicht anmaßend, 28 (AH) Zitat nachgewiesen in: Mann, omas: Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, in: Mann, omas: Goethes Laufbahn als Schriftsteller. Zwölf Essays und Reden zu Goethe, Frankfurt am Main, 1982, S. 37 f. Für Harich und viele andere Intellektuelle der jungen DDR waren dieser Ausführungen Manns sehr wichtig. Im Rahmen des Goethe -Jubiläums von 1949 wurden sie immer wieder zitiert, die Bandbreite derer, die sich auf die genannte Passage bezogen, reicht von Johannes R. Becher und Alexander Abusch bis hin zu Ernst Bloch und Georg Lukács. Auch Harich äußerte sich oft in diesem Sinne, seine entsprechenden Texte nden sich in den Bänden 1.3 und 6.1 sowie teilweise 9 und 10. Aufgearbeitet ist diese Entwicklung bei: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort ausführlich zu den Wortmeldungen omas Manns zu Goethe (S. 49–68) sowie zu den anderen Stimmen der Gründungsjahre der DDR. 4 7 0 T e i l I I I sondern erklären Kritik und Selbstkritik zum Bewegungsgesetz unserer Partei und der Gesellschaftsordnung, die wir anstreben, wir sind auch nicht herrschsüchtig, sondern verachten alles Herrschen, das nicht durch einen humanen Zweck legitimiert ist. Und wenn wir, obwohl nicht herrschsüchtig, die Herrschaft anstreben, so deshalb, weil wir wissen, dass die Humanität ohne eigene Macht nichts auszurichten vermag, sondern als machtlose Humanität bestenfalls das Feigenblatt des Inhumanen sein kann, also schuldhaft wird. 26) Seiten 25–34: Die Kritik der Psychoanalyse ist im Großen und Ganzen richtig. Richtig ist auch, was über die begrenzten positiven Errungenschaften der Psychoanalyse gesagt wird. Dass die klassische Psychologie eine Selbstanalyse des Gelehrtenstandes darstelle, ist ein witziger und dabei tiefer Gedanke. Man vergleiche damit, was Lukács in Existenzialismus oder Marxismus? über die entsprechende Erkenntnistheorie ausführt, die die Philosophie zur internen Angelegenheit der Kathedergelehrsamkeit gemacht hat: »Die herrschende Philosophie ist die Philosophie der Professoren.«29 (Seite 13) Wenn Gehlen die psychoanalytische eorie »eine wunderbar leistungsfähige Linse mit höchstem Au ösungsvermögen für solche Eigenschaften« nennt, »über deren Herkunft die Linse allerdings nichts wissen kann«, so vergisst er, die Individualpsychologie von Adler, Künkel usw. zu erwähnen, die den Freudschen Pansexualismus überwunden hat, die die sozial bedingten psychischen Erscheinungen sehr viel schärfer erfasst, über deren Herkunft aber ebenso wenig weiß. Wir Marxisten können mit Adler und Künkel 29 (AH) Existenzialismus oder Marxismus? (Berlin, 1951) war das erste Buch von Georg Lukács, das Harich im Aufbau-Verlag betreute. Das Zitat stammt aus dem Aufsatz Die Krise der bürgerlichen Philosophie, dort aus der Behandlung des »Zersetzungsprozesses der klassischen bürgerlichen Philosophie«. Genau lautet die Passage: »Die herrschende Philosophie ist die Philosophie der Professoren. Neben der sich damals entwickelnden Psychologie ist ihr fast ausschließlicher Inhalt die Erkenntnistheorie. Die Philosophie selbst wird zur Spezialwissenschaft, und das ist lediglich die andere Seite der entschiedenen, prinzipiellen Abkehr von jeder Weltanschauungsfrage. Damit sagt sie sich von ihrer alten gesellschaftlichen Rolle, die gedankliche Ausdrucksform der großen welthistorischen Interessen einer aufstrebenden Klasse zu sein, los. Dadurch, dass sie bereit ist, einen für die damalige Bourgeoisie notwendigen, vom Gesichtspunkt des mit der Reaktion eingegangenen festen Klassenkompromisses unentbehrlichen weltanschaulichen Grenzposten einzunehmen, werden die einzelnen Schritte und Resultate, die Methoden und Inhalte der philosophischen ›Spezialwissenschaft‹ immer gleichgültiger für die bürgerliche Klasse.« (Ebd., S. 13.) 4 7 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e sehr viel mehr anfangen als mit Freud, obwohl zugegeben werden muss, dass Freud der Bahnbrecher war. Ganz ausgezeichnet ist der Hinweis auf Seite 26: »Die Psychoanalyse wurde, seit Freud erschien, in Hinsicht auf Tiefe und Ra nement ihrer Denkmittel und Deskriptionen mit der Kunst überhaupt erst konkurrenzfähig. Der um 1890 – wenn man zum Beispiel Tscheschow mit der Kathederpsychologie jener Zeit vergleicht – anscheinend unüberbrückbare Abstand zwischen der psychologischen Ergiebigkeit des Romans und der der Wissenschaft verringerte sich erheblich!« Ein ausgezeichneter, grandioser Gedanke. Erstens ist die Feststellung als solche richtig, und wir Marxisten dürfen bei aller kritischen Haltung zu Freud diese seine Leistung nie vergessen. Zweitens zeigt diese Feststellung wieder einmal, wie außerordentlich nahe Gehlen an vielen Punkten dem Marxismus kommt. Denn der Marxismus sieht in der Kunst ebenso ein legitimes, unentbehrliches Mittel der Bewältigung und Widerspiegelung des Lebens, der Realität, wie in der Wissenschaft und Philosophie. Und auch in der Hinsicht verwaltet der Marxismus das kolossale Hegelsche Erbe: Denn warum sind Kunst, Religion und Philosophie in der Phänomenologie des Geistes große Etappen der menschlichen Bewusstseinsentwicklung, des Sich-Selbst-Begreifen der »absoluten Substanz«? Weil Hegel weit entfernt war von der später einsetzenden und auch heute noch herrschenden akademischen Borniertheit, die wichtige gedankliche Erneuerungen und Entdeckungen nur dort erkennt und anerkennt, wo sie im o ziellen Gewand einer schulmäßigen Philosophie mit der entsprechenden philosophischen Aufschrift aufgetreten sind. Hegel erkannte, dass die Menschheit im Verlaufe ihrer Entwicklung in den verschiedensten Weisen, auf den verschiedensten Wegen um die gedankliche Bewältigung der Wirklichkeit gerungen hat. So sehr er jede seichte »philosophische« Belletristik bekämpfte, so sehr war er davon überzeugt, dass die großen Kunstwerke der Menschheitsentwicklung – die homerischen Epen, die griechischen Tragödien und Hegel vor Studenten, Lithographie von Franz Kugler 4 7 2 T e i l I I I Komödien, die Werke Shakespeares, Diderots, Goethes (namentlich der Faust des letzteren) – große Etappen in der gedanklichen Eroberung und Bewältigung des »Absoluten« durch sich selbst – materialistisch gesagt: der Wirklichkeit durch den Menschen – bedeuten. In diesem Sinne betrachteten Marx und Engels nicht nur Hegel, Saint-Simon und Ricardo und Darwin als ihre Vorläufer, sondern auch Cervantes, Shakespeare und Goethe, vor allem aber Balzac und Heine. In diesem Sinne betrachteten Lenin und Stalin die Gesellschaftskritik von Gogol, Gontscharow, Ostrowski, Tolstoi, Turgenjew und vor allem Tschechow und Gorki als Entstehungsbedingung der bolschewistischen Weiterentwicklung des Marxismus. Und etwas Ähnliches (wenn auch auf minderem Niveau) meinte Lassalle, wenn er Schiller und Platen als die eigentlichen Vorläufer seiner Arbeiteragitation betrachtete (diese Agitation war dann auch danach!). Ein marxistischer Philosoph kann sich daher niemals darauf beschränken, die »Fachrichtung« Philosophie zu studieren und sie mit ein wenig naturwissenschaftlichen, historischen und ökonomischen Kenntnissen zu »untermauern«.30 Er muss auch – und ich möchte sagen: vor allem – ein hervorragender Kenner der ganzen Literatur- und Kunstgeschichte sein.31 Seine Analyse des Kleinbürgertums wird konkreter und richtiger, wenn sie beispielsweise an Tschechow und Hamsun geschult ist. Den von Lenin analysierten Imperialismus wird er tiefer verstehen, wenn er omas Manns Zauberberg und Doktor Faustus gelesen hat. Die Rolle der Großbourgeoisie wird er richtiger erkennen, wenn er Balzac, Flaubert und Zola kennt usw. usf. Es ist sehr vielversprechend, dass Gehlen Tschechow liebt. Wenn er ihn wirklich liebt, ist hier unbedingt eine Einbruchstelle für marxistische Beein ussung. Man müsste ihm zunächst einmal alle Bücher von Lukács zu lesen geben. 30 (AH) Wie Harich diese Forderungen konkret umsetzen wollte zeigen die Dokumente: Kritik am gegenwärtigen Studienplan und Neuer Studienplan für Fachphilosophen, beide datiert auf den 12. Dezember 1951, abgedr. in: Band 1.3, S. 2029–2041. 31 (AH) In der Hegel-Denkschrift formulierte Harich dies 1952 wie folgt: »Dabei dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass z. B. ein Germanist, der Schiller verstehen will, auch etwas von Kant und von Schillers ästhetischen und philosophischen Schriften wissen muss. Es dürfte auch kein Zweifel darüber bestehen, dass wenn man über eine marxistische Interpretation dieser emen verfügt – man sie auch ausnutzen muss.« (Abgedr. in: Band 5, S. 129.) 4 7 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e 26) Seite 31 unten: »Man muss diesen Satz im Zusammenhang mit noch anderen esen sehen, mit denen vergesellschaftet er aufzutreten p egt: dass Werte oder Ideale zuletzt nur zweckmäßige Mechanismen seien, in denen das Unbewusste oder der biologischen Prozess oder etwas anderes Unpersönliches letzthin doch auf seine Rechnung käme, dass Idealbildungen überhaupt nur Ideologien wären, mit denen sich unsere Interessen kostümierten, oder dass sie – als bloße Illusionen – nur Anzeichen von Vorgängen sind, die in einem Nutzerfolg aufgehen, der sich hinter unserem Rücken abspielt. Alle diese esen sind für sehr tiefe Instinkte, die wohl zuletzt soziale sind, untragbar.« Das ist eine sehr wichtige Stelle, und Gehlen hat hier vollkommen recht. Es besteht aber die Gefahr, dass er diesen Einwand, der gegenüber jeglicher Vulgärsoziologie ebenfalls erhoben werden muss, für einen Einwand gegen den Marxismus hält. Die vulgärsoziologische Betrachtung der Kultur- und Moralgeschichte geht nämlich davon aus, dass jede historische Erscheinung vollständig erklärt und erledigt sei, wenn ihre soziale Genesis aufgedeckt ist. In diesem Sinne sieht sie in Werten oder Idealen – analog zur Psychoanalyse – »zuletzt nur zweckmäßige Mechanismen, in denen die materiellen Interessen dieser oder jener Klasse oder der historische Prozess oder etwas anderes Unpersönliches letzthin doch auf seine Rechnung käme, dass Idealbildungen überhaupt nur Ideologien wären, mit denen sich unsere Interessen kostümieren, oder dass sie – als bloße Illusionen – nur Anzeichen von Vorgängen sind, die in einem Nutzerfolg aufgehen, der sich hinter unserem Rücken abspielt«. Wir müssen Gehlen überzeugend nachweisen, dass der historische Materialismus (als dessen Verteidiger gegen den Idealismus die Vulgärsoziologien hauptsächlich auftreten) in dieser Frage einen prinzipiell entgegengesetzten Standpunkt einnimmt, dass er also jene »sehr tiefen Instinkte«, für die diese Au assung der Werte und Ideale untragbar ist, nicht nur anerkennt, sondern ihnen Recht gibt. Marx, Engels, Lenin und Stalin haben nie gemeint, dass der sachliche Inhalt, die objektive Wahrheit einer wissenschaftlichen eorie, einer philosophischen Lehre, eines Kunstwerks usw. durch die Aufdeckung ihrer ökonomisch-sozialen Genesis gelöst und erledigt wäre und in der Relativität auf ihre Entstehungsbedingungen aufginge. Wenn wir mit der größten Ausführlichkeit und mit einer wirklichen Feinheit alle gesellschaftlichen Gründe aufdecken würden, weshalb gerade im 15. und 16. Jahrhundert die Umwälzung der Astronomie durch Kopernikus, Galilei und Kepler stattgefunden 4 7 4 T e i l I I I hat – und wir könnten diese Gründe aufdecken durch das Studium der ökonomisch-gesellschaftlichen Grundlagen, deren Zusammenhänge durch Anwendung der materialistischen Dialektik durchschaubar werden –, so würde diese Analyse noch immer keine Antwort geben auf die Frage nach dem objektiven – und damit bleibenden – Wahrheitswert der neuen Astronomie, und solange sie diese Frage nicht stellte, wäre sie auch keine marxistische Analyse. Ebenso steht es mit der Kunst. Nachdem Marx in der Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie eine eingehende und tiefe Analyse der historisch-gesellschaftlichen, in letzter Instanz ökonomischen Entstehungsbedingungen der Epen Homers gegeben hat, fährt er fort: »Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehen, dass griechische Kunst und Epos an gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, zu verstehen, dass sie für uns noch Kunstgenuss gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und unerreichbare Muster gelten.«32 Ähnliche Gedanken nden sich in der von Stalin inspirierten Kritik des Zentralkomitees der KPdSU (Bolschewiki) an den vulgärsoziologischen Fehlern der Geschichtsdarstellung Pokrowskis. Und für die Werte und Ideale gilt das Nämliche: Zwar konnten die Ideen der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur auf der Grundlage des revolutionären Kampfes der Bourgeoisie gegen den Feudalismus entstehen, zwar ist die Verwirklichung dieser Ideen im Kapitalismus eine Illusion, zwar ist es auch richtig, dass diese Ideen von der Bourgeoisie (besonders gegenwärtig) missbraucht werden, sich in ihrer Abstraktheit in Lebenslügen des Kapitalismus verwandeln ließen und also in der Tat bestimmte Interessen kostümieren. Aber gleichzeitig machen sich in diesen Ideen Ansprüche geltend, die in dieser bestimmten sozialen Bedingtheit und in dieser bestimmten historisch-gesellschaftlichen Funktion nicht aufgehen. Sie gehen darin nicht auf, weil sie einen objektiven, zeitüberdauernden Wahrheitsgehalt haben, der überhaupt nur vertieft, nicht aber außer Kraft gesetzt werden kann. Der Wahrheitsgehalt dieser Ansprüche bedingt eben, dass diese Ideen jederzeit auch zum Ausgangspunkt neuer, gegen die Bourgeoisie sich richtender Revolten werden können. Ferner: Mit diesen Ideen haben sich ganz bestimmte moralische Quali kationen und Haltungen entwickelt, die ebenfalls nicht in einer begrenzten historischen und sozialen Funktion aufgehen, sondern ein lebendiger Besitz der sich entwickelnden Menschheit 32 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 13, Berlin, 1961, S. 641. 4 7 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e bleiben. (Ich erinnere hier nochmals an die historischen Typen – feudaler Feldherr, bürgerlicher Geschäftsmann, Jakobiner usw. –, die im proletarischen Revolutionär »aufgehoben« sind – im Sinne der Aufbewahrung.) Zugeben muss man allerdings, dass es leider noch sehr viele »Marxisten« gibt, die diesen Sinn des historischen Materialismus völlig verdunkeln, die es nicht verstehen, die Prinzipien von Lenins und Stalins Kampf gegen den soziologischen Relativismus auch auf die Werte und Ideale anzuwenden, und die damit zahllose anspruchsvolle bürgerliche Intellektuelle in den Sumpf des Idealismus zurückstoßen. Fortsetzung folgt. (Es lässt sich nicht sagen, ob Harich seine Auseinandersetzung tatsächlich fortführte und nur die Manuskripte nicht erhalten sind, oder ob er seine Beschäftigung abbrach, AH.) Entlastung, vitale Askese, Lebensdienlichkeit33 (16. März 1952) (1) Unter vitaler Askese, die mit der Entlastung untrennbar zusammenhängt, aber nicht unmittelbar identisch ist, verstehe ich: Das Nicht-Reagieren auf vital bedeutsame Reize, das Unterdrücken physischer Bedürfnisse, das Aufschieben und Vertagen der Befriedigung von Bedürfnissen, die Unterordnung elementarer Bedürfnisse unter höhere Interessen und Zielsetzungen, jegliches »Aushalten« (von Schmerz, Anstrengung, Hunger, Strapazen), jegliches »Durchhalten« (einer einmal vorgenommenen Arbeit, auch wenn es schwer fällt) usw. (2) Entlastung und Fähigkeit zur vitalen Askese sind Resultate jener qualitativen Veränderung des biologischen und psychologischen Substrats, die sich mit dem Übergang zur Arbeit, insbesondere zur Herstellung und Benutzung von Werkzeugen, herausbildeten, und die als spezi sch menschliche »Mängel«-Ausstattung vererbt werden. (3) Jeder Arbeitsvorgang setzt ein Minimum an Entlastung und Fähigkeit zur vitalen Askese voraus. Dieses Minimum, einmal gegeben, konnte sich zu einem Maximum dadurch entwickeln, dass Millionen von Generationen die vitale Askese »trainierten«. (4) Ist die vitale Askese lebensdienlich? (a) Sie ist die Voraussetzung der Arbeit, also die Voraussetzung der gesamten Kulturschöpfung. 33 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 16. März 1952. 4 7 6 T e i l I I I (b) Sie kann zu biologisch schädlichen Folgen führen: a) Im Falle von Überanstrengung (der Mensch verfügt nicht über ein sicher funktionierendes Gefühl dafür, was er sich physisch zumuten kann). b) Im Falle einer durch soziale Umstände erzwungenen Überanstrengung (weil der Mensch zur vitalen Askese fähig ist, kann er von Ausbeutern und Unterdrücker gewaltsam zu Leistungen gezwungen werden, die ihn in kurzer Frist physisch ruinieren). (c) Sie kann biologisch fördernd sein: Wenn der Mensch in Maßen die Strapazen des Sports und die Unannehmlichkeiten der Abhärtung auf sich nimmt. (d) Sie kann bis zur Preisgabe des eigenen Lebens gesteigert werden (bis zum Ertragen von Folter, bis zum Märtyrertod). (5) Das Sich-Aufopfern ist eine Modi kation der vitalen Askese, weist im Grunde dieselbe Tätigkeitsstruktur auf wie das Retardieren des Orgasmus im Liebesspiel oder wie das Kantische Handeln im Dienste der P icht und wider die Neigung. Die ganze Kritik der praktischen Vernunft ist im Grunde eine Verabsolutierung des ethischen Aspekts der vitalen Askese. Dabei zwei Fehler: Einerseits ist nicht jede vitale Askese ethisch (sie kann Genussmittel sein), andererseits ist nicht jede Hingabe an die Neigungen unethisch (wie schon Schiller bemerkte). Aber in der Tat: Ohne die vitale Askese als menschliches Spezi kum durchleuchtet und begri en zu haben, kann man mit den Problemen der Ethik nicht ins Klare kommen. Entlastung und vitale Askese sind das anthropologische Substrat, das von den gesellschaftlich herrschenden, historisch sich wandelnden »Moralen« geformt wird. Jedes geltende Recht basiert darauf, dass es so etwas als durchgehendes Strukturgesetz des Menschen gibt. (Mit hungrigem Magen am prächtigen Schaufenster eines Delikatessengeschäfts vorbeigehen zu können, setzt die Fähigkeit zur vitalen Askese voraus, und zwar erhebliche! Nur auf der Grundlage dieser Fähigkeit, die biologisch gegeben sein muss, kann aber den Menschen die Befolgung von Gesetzen angewöhnt werden.) (6) Das Sich-Aufopfern ist eine Modi kation der vitalen Askese. Über die Lebensdienlichkeit der vitalen Askese als solcher, siehe oben die Punkte 1–5. Mit diesen Feststellungen ist aber noch gar nichts darüber gesagt, ob die Idee, für die sich einer aufopfert, lebensdienlich ist oder nicht, und für wen sie lebensdienlich ist. (a) Die Idee, für die Giordano Bruno sein Leben hingab, und die Idee, für die Ernst älmann hinter Kerkermauern schmachtete und starb, dienten dem Fortschritt der ganzen Menschheit. (b) Die Idee, für die ein Nazi, ehrlichen Herzens, die Strapazen des Krieges auf sich nahm, war lebensdienlich nur für das Gesindel, das sich am Kriege bereicherte, 4 7 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e für die überwiegende Mehrheit der Menschen war diese Idee schädlich und tödlich. (c) Ideen haben keine biologische, sondern eine historische und gesellschaftliche Funktion. Sie dienen bestimmten Klasseninteressen in bestimmter historischer Situation, und es muss festgestellt werden, ob die Interessen der jeweiligen Klasse mit den Erfordernissen des allgemeinen gesellschaftlichen Fortschritts harmonieren oder nicht. Die Interessen der Bourgeoisie waren vom Ausgang des Mittelalters bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dem Fortschritt der Produktivkräfte der Gesellschaft förderlich, Sie sind im Zeitalter des Imperialismus, im Zeitalter der Monopole, Truste, Syndikate und Kartelle, im Zeitalter der Weltkriege und Weltwirtschaftskrise, der faschistischen Diktaturen usw. zu dem entscheidenden Hemmnis der Fortentwicklung der Produktivkräfte geworden, sie bedingen Unproduktivität, Chaos, Zerstörung, Wissenschaftsfeindlichkeit, geistige und sittliche Barbarei und politische Tyrannis. (d) Hingabe an eine Idee, Aufopferung für sie – welchen Interessen sie auch dienen mag – bedingt in jedem Fall Steigerung des Lebensgefühls, führt zum Genuss des eigenen Ethos. Dies darf nicht verkannt werden, auch dann nicht, wenn die Hingabe objektiv – von außen gesehen – wegen der Verlogenheit und Fortschrittsfeindlichkeit der Idee dumm und lächerlich ist. Von Don Quichotte bis zur fanatisierten NS-Frauenschaftsheroine sind alle Helden überlebter Ideen komisch. Das hindert nicht, dass sie das überaus lebensfördernde Bewusstsein ihres eigenen Heroismus genießen. Brief an Ernst Engelberg34 (17. März 1952) Lieber Genosse Engelberg! Ich erhielt heute das Protokoll unserer theoretischen Konferenz von Jena 1951 und habe darin mit brennendem Interesse Deinen hervorragenden und überaus lehrreichen Beitrag gelesen, für den ich Dir auf diesem Wege meinen Dank sagen möchte. Was Du über die Kontinuität der historischen Entwicklung der Moral gesagt hast, hat mich außerordentlich bewegt und angesprochen. Ich glaube, dass Du in Bezug auf diese Frage die Hinweise des Genossen Stalin in dessen Arbeit über den Marxismus und die Sprachwissenschaft sehr viel besser verstanden hast, als es bei Genossen Matthäus Klein 34 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 17. März 1952, nicht adressiert. 4 7 8 T e i l I I I der Fall ist. Es handelt sich hier um ein Problem, über das ich mir seit geraumer Zeit selbst sehr den Kopf zerbreche, und ich bin froh, in Dir sozusagen einen Gefährten zu haben. – Darf ich Dir sagen, zu welchem Resultat ich in dieser Frage gelangt bin? 1) Es gibt ein allgemeinmenschliches anthropologisches Substrat der Moral, das mit dem Übergang unseres tierischen Vorfahren zur Arbeit, zur Herstellung und Benutzung von Werkzeugen, zur Produktion der eigenen materiellen Lebensbedingungen durch Arbeit gegeben ist. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung sind Werkzeugherstellung und Werkzeugbenutzung dazwischen geschaltet. Das bedeutet: Der Mensch ist fähig, auf ablenkende Reize nicht zu reagieren, auch wenn sie unmittelbare vitale Bedeutung haben. Er ist fähig, ein Bedürfnis dem anderen, höheren unterzuordnen. Er ist fähig, die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse gleichsam aufzuschieben und zu vertagen. Er ist fähig, dem ideell antizipierten Resultat über die mühseligen Zwischenhandlungen seiner Verwirklichung hinweg »treu« zu bleiben. Er ist fähig, Entbehrung, Hunger, Strapazen auszuhalten. Er ist fähig, eine einmal begonnene Leistung »durchzuhalten«, auch wenn es schwer fällt. Das setzt einen Organismus voraus, der auf qualitativ andere Weise funktioniert wie der der Tiere. Das setzt relative Unabhängigkeit von Trieben und Instinkten voraus, von denen das Tier (vom Regenwurm bis zum Schimpansen) absolut beherrscht wird, die dem Tier die instinkthafte Sicherheit seiner Lebensorientierung verleihen, die aber auch das Tier in der Unmittelbarkeit des Triebdrucks gefangen halten. Den qualitativ neuen Organismus mit seiner Instinktschwäche und seiner Fähigkeit zur vitalen Askese hat sich der Mensch dadurch selbst gescha en, dass er in der Arbeit durch Millionen von Generationen hindurch das Zuwiderhandeln gegen unmittelbare Bedürfnisse trainierte. Für das spezi sch menschliche Verhalten hat das sehr entscheidende Folgen: Wir sind Herr über unsere eigenen biologischen Triebe. Wir können mit hungrigem Magen an den prächtigen Schaufenstern von Delikatessengeschäften vorbeigehen, ohne die Scheibe einschlagen zu müssen. Wir können schönen Frauen erst umständlich den Hof machen, ohne sie gleich vergewaltigen zu müssen. Wir können beim Coitus den Orgasmus willkürlich hinauszögern, was kein Tier kann, können also Liebesspiele à la van de Velde praktizieren. Wir können die schädlichen Überanstrengungen eines sechzehnstündigen Arbeitstages, aber auch die gesunden Strapazen von Sport und Abhärtung auf uns nehmen. Wir können uns um einer Idee willen foltern lassen, auch dann, wenn es uns freistünde, die Idee zu verleugnen, die Genossen zu verraten und dadurch der Folter zu entgehen. 4 7 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Vom einfachsten Arbeitsvorgang (siehe Marx, Kapital, Kapitel 5) bis zu den Phänomenen der Selbstaufopferung und des Heroismus ist die vitale Askese für menschliches Verhalten tief charakteristisch. Jedenfalls hat jeder die Möglichkeit dazu, wenn auch viele nur in geringem Maße davon Gebrauch machen. Diese Möglichkeit ist aber allgemein-menschlich, ist ein schlechthin anthropologisches Phänomen. 2) Die Kritik der praktischen Vernunft von Kant ist mit ihrer rigorosen Entgegensetzung von »P icht« und »Neigung« im Grunde eine Verabsolutierung des ethischen Aspekts der vitalen Askese. Bleibende Erkenntnis: Kant hat die vitale Askese als anthropologische Bedingung ethischen Verhaltens sichtbar gemacht, wenn auch nicht erklärt (was erst seit Engels’ Schrift über den Anteil der Arbeit möglich ist). Grundlegender Irrtum: Die Gleichsetzung von Ethik und vitaler Askese. Nicht jede vitale Askese ist ethisch (sie kann Genussmittel sein – siehe Coitus!). Nicht jedes Verhalten, das den Neigungen und Interessen entspricht, braucht amoralisch zu sein. Ferner: Es kann unter Umständen unethisches Verhalten im Dienste eines höheren Interesses geben, das für die Gesellschaft wertvoll ist. Was wäre aus Voltaire geworden, wenn er sich nicht durch seine Finanzspekulationen eine materielle Grundlage seines Scha ens erworben hätte, was aus Goethe, wenn er Friderike Brion geheiratet hätte? Was aber wäre die Kultur ohne Voltaire und Goethe? 3) Es gibt einen Grundbestand ethischer Normen, der für menschliche Gesellschaften überhaupt verbindlich ist, weil ohne ihn gesellschaftliche Produktion nicht möglich wäre. Dieser Grundbestand gesellschaftlicher Moral hat sich durch die verschiedenen Basen und Überbauten hindurch historisch entwickelt und bereichert, ohne mit irgend einem Überbau identisch zu sein. Auf dieser Kontinuität der Entwicklung der Moral beruht a) die Tatsache, dass wir die Moralen vergangener Zeitalter und Gesellschaftsformen verstehen können, was nur möglich ist, wenn uns dort neben Befremdlichem auch Vertrautes begegnet; b) die Tatsache, dass die Sowjetmenschen von 1952 den Tartu e und den Geizigen von Molière Ernst Engelberg, 1963 4 8 0 T e i l I I I durch ihr Lachen moralisch genau so quali zieren können wie die Franzosen des 17. und 18. Jahrhunderts; c) die Tatsache, dass wir die berühmte »subjektive Ehrlichkeit« von Hitlerjungen, die bereit waren, dem Faschismus ihr Leben zu »weihen«, als moralisches Positivum anerkennen können; d) die Tatsache, dass wir die Möglichkeit des moralischen Appells an bürgerliche Intellektuelle besitzen. (Vergessen werden darf hierbei freilich nicht, dass die bürgerliche Ideologie moralische Postulate formuliert hat, die in der bürgerlichen Praxis fortwährend verletzt und verleugnet werden, und dass diese Postulate nur bei uns – ihres illusorischen Charakters entkleidet – ihre reale Erfüllung nden.) 4) Es gibt schließlich die Moral als ein sehr wichtiges Element des Überbaus. Von ihr gilt all das, was Matthäus Klein in seinem Diskussionsbeitrag sagt. 5) Die unter Punkt 3 und 4 angeführten Formen der Moral bilden in jeder Gesellschaft eine untrennbare Einheit, aber eine Einheit unterschiedener und wohl zu unterscheidender Momente. Was den Überbau der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft betri t, so ist er das mächtige Stimulans der maximalen Entfaltung der allgemeinmenschlichen Moral. Was an ethischen Werten und Qualitäten sich in der gesamten Geschichte der Menschheit kontinuierlich entwickelt hat, wird vom sozialistischen und kommunistischen Überbau auf qualitativ neuer Stufe zur Vollendung gebracht, und zwar unter gleichzeitiger Zerschlagung der Illusionen, der Heuchelei, des Pharisäertums usw., die für die vorhergehenden Moralen charakteristisch waren. Beispiel: Der Fleiß, die Liebe zur Arbeit werden im Kapitalismus pervertiert. Gerade der eißige Arbeiter bewegt sich, wenn er nicht über die innere Kontrollinstanz eines entwickelten Klassenbewusstseins verfügt, unter kapitalistischen Verhältnissen bisweilen hart an der Grenze des Klassenverrats oder überschreitet diese Grenze sogar. Der eißige Schüler wird unter den gleichen Verhältnissen zum ekelhaften »Streber«. Erst der Sozialismus befreit das Ethos des Fleißes und der Strebsamkeit aus der Umklammerung dieser Lebenswidrigkeiten. Daher steht der gute Schüler in einer Schule der UdSSR, in einer Arbeiter- und Bauernfakultät der DDR, als moralischer Typ dem »Streber« von ehedem diametral entgegengesetzt gegenüber. Niemand, der mit unbefangenem Blick die Erscheinungen prüft, kann sich diesem Eindruck entziehen. Hier zeigt sich der unversöhnliche Gegensatz von bürgerlichem und sozialistischem Überbau. Trotzdem ist und bleibt der Fleiß »als solcher« eine allgemeinmenschliche moralische Kategorie, die mit der Produktion überhaupt zusam- 4 8 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e menhängt und durch die Produktionsverhältnisse nur modi ziert, mit anderem Inhalt versehen, in andere Funktion gebracht, mit anderen psychologischen und ideologischen Komponenten ausgestattet wird. Ich glaube, dass es sich lohnt, diese Gesichtspunkte zu durchdenken. Sie sind wesentlich, wenn wir auf der Grundlage von Stalins Arbeit über die Sprachwissenschaft zu einer Klärung auch der ethischen Fragen gelangen wollen. Wichtig scheint mir der Hinweis auf die anthropologischen Phänomene in diesem Zusammenhang. Kein Individuum denkt, spricht, handelt (moralisch oder unmoralisch) ohne die Gesellschaft, die ihm Denken, Sprechen, Handeln beibringt. Trotzdem sind Denken, Sprechen, Handeln, Arbeiten als Funktionen und Tätigkeiten des Individuums etwas anderes als die entsprechenden Sphären des gesellschaftlichen Bewusstseins (Ideologie, Sprache usw.). Daher hat – nach meiner Meinung – die Anthropologie einen eindeutig de nierten Gegenstand – »den« Menschen. Man muss sich zwar darüber klar sein, dass es sich hierbei um eine Abstraktion handelt, man muss wissen, wovon man abstrahiert, man darf nicht aus dem »Wesen des Menschen« Ideologien erklären (wie es Feuerbach mit der Religion tat). Trotzdem bleibt es eine in Grenzen berechtigte Abstraktion. Die Frage, was »der« Mensch ist, können wir nicht umgehen, wenn wir die vitale Askese, das Arbeiten, das Handeln, das Sprechen, das Denken, das ethische Sich-Verhalten usw. bis auf den Grund durchleuchten wollen. Doch damit soll es vorerst genug sein! Es grüßt Dich Dein (AH) Ernst Engelberg antwortete am 5. April 1952 auf Harichs Brief (1 Blatt, maschinenschriftlich), er schrieb von seiner Leipziger Dienstadresse, verwies aber auf seine Berliner Privatanschrift. Nach dem vorgeschlagenen Telefonat kam zu Tre en zwischen den beiden. Zu Harichs Brief schrieb er: »Deine Zeilen haben mich sehr gefreut. Es tut einem gut, dass man nicht bloß Prügel bekommt und einem manchmal misstrauischen und griesgrämigen Schweigen gegenüber steht. Ich brauche hier und da eine Aufmunterung durch einen gescheiten und belesenen Genossen.« Über Engelbergs bekannte Bismarck-Biographie äußerte sich Harich in den achtziger Jahren mehrfach positiv bzw. neutral. 4 8 2 T e i l I I I Über die Anthropologie Arnold Gehlens35 (50er Jahre) (AH) Der folgende Text Harichs ist nicht datiert. Eventuell handelt es sich dabei um den Versuch der Abfassung jenes Artikels zur Anthropologie und zu Gehlen, den er mehrfach für die von ihm als Chefredakteur geleitete Deutsche Zeitschrift für Philosophie zugesagt hatte. (Siehe die entsprechenden Briefe in Band 1.3.) Dafür würde sprechen, dass in dem Manuskript verschiedene Fußnoten vermerkt, aber noch nicht ausgeführt sind, also ein wissenschaftlicher Aufsatz geschrieben werden sollte. Als Abfassungszeit ist die erste Hälfte der fünfziger Jahre zu vermuten. Verschiedene Überlegungen und Formulierungen nden sich in dem großen Manuskript Der Gegenstand der Anthropologie in überarbeiteter und ergänzender Form wieder. Im Folgenden soll das Werk eines bürgerlichen Denkers gewürdigt werden, das in seinen besten Teilen einen wertvollen Beitrag zur Entwicklung unseres Wissens um die qualitativen Besonderheiten des Menschen darstellt: Arnold Gehlens Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Unsere Ausführungen werden freilich, bei aller Anerkennung des Positiven, der Kritik nicht entbehren. Das genannte Werk weist ideologische Schwächen auf, die dem weiteren Fortschritt der Anthropologie hemmend im Wege stehen und daher rücksichtslos aufgedeckt werden müssen. Es wird sich in den folgenden Darlegungen also darum handelt, all das, was in Gehlens Buch echte Errungenschaft ist, gegen Irrtümer und falsche Schlussfolgerungen des Verfassers abzugrenzen und genau die Schranke zu markieren, die ihn bisher daran hindert, zu einer konsequent wissenschaftlichen Lösung seines Problems zu gelangen, ja, ihn in grundlegend wichtigen Fragen bei reaktionären Scheinlösungen Zu ucht suchen lässt. Diese Erkenntnisschranke ist, wie wir zeigen werden, gesellschaftlichen Charakters; genauer: Es ist der bürgerlichen Klassenstandpunkt, der die reaktionären Bestandteile in der Weltanschauung und Methodologie Arnold Gehlens bedingt und es ihm unmöglich macht, die Tragweite und wahre Bedeutung der eigenen Ergebnisse zu begreifen. Eine Auseinandersetzung mit Gehlen soll aber hier nur der Anlass einer anderen, darü ber hinausführenden Bemühung sein. Das eigentliche Anliegen des folgenden Aufsatzes ist der Versuch, die Grundsätze der Anthropologie des dialektischen Materialismus zu entwickeln. Die Darstellung der Gehlenschen eorie, die Herausarbeitung ihres rationellen Gehalts und die Kritik an ihr werden also nur unmittelbar im Vordergrund unserer Betrachtungen stehen. Worauf es uns vor allem ankommt, ist der Nach- 35 (AH) 11 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 4 8 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e weis, dass die verschiedenen Äußerungen der Klassiker des Marxismus-Leninismus über das Wesen des Menschen sich zum Ganzen einer logisch geschlossenen Lehre zusammenfügen, die die Grundlage einer jeden wissenschaftlichen Anthropologie der Zukunft bildet. Dies wird schließlich zu erhärten sein an jenen neuesten Problemen der Anthropogenese, mit denen die bürgerliche Wissenschaft aller Richtungen, einschließlich Gehlens, nachgerade ausweglos gegenübersteht, obwohl die grundsätzliche Beantwortung dieser Fragen – durch Friedrich Engels – seit langem vorliegt und anhand der jüngsten Forschungsresultate (von denen sie vollauf bestätigt wird) nur konkretisiert zu werden braucht.36 Wir gehen hier zunächst von der Voraussetzung aus, dass die Anthropologie überhaupt eine legitime Disziplin ist, dass sie einen eigenen, ganz spezi schen Gegenstand hat – im Schnittpunkt der Zuständigkeitsbereiche von Natur- und Gesellschaftswissenschaft. Dass diese Voraussetzung sachlich berechtigt, also marxistisch zulässig ist, könnte nun bereits grundsätzlich bestritten werden. Es ist also nötig, sie von vornherein gegen mögliche Einwände zu sichern. Wie jeder andere Wissenschaft arbeitet die Anthropologie mit Abstraktionen, die nur bestimmte Seiten der unerschöp ichen Realität widerspiegeln. Ihre zentrale Abstraktionen ist mit einem Wort: »Der Mensch«. Die Aufgabe der Anthropologie besteht darin, die qualitativen Besonderheiten des Menschen, im Unterschied zu allen (auch den höchsten) Tiergattungen, allgemeingültig zu bestimmen, die Gesetzmäßigkeiten des inneren Zusammenhanges dieser Besonderheiten aufzuzeigen und ihre Entstehung und Entwicklung zu erklären. Dabei muss die Anthropologie von sehr vielem absehen, angefangen vom Unterschied der Geschlechter und den Verschiedenheiten der Lebensalter bis zu zivilisatorischen und intellektuellen Di erenzen, wie sie etwa zwischen einem Eiszeit-Menschen und einem großstädtisch-modernen Industrie-Arbeiter, gar einem Ingenieur oder Arzt, bestehen. Es fragt sich nun, was – nachdem von alledem abstrahiert ist – dann noch übrig bleibt, mit anderen Worten: Ob Begri e wie »der Mensch«, »das Wesen des Menschen«, »die Natur des Menschen« u. dgl. überhaupt sinnvoll sind, und ob das, was sie in solcher 36 (AH) Ab dem folgenden Absatz bilden die Ausführungen des Manuskripts ein Unterkapitel, von Harich gekennzeichnet als I. 4 8 4 T e i l I I I Allgemeinheit widerspiegeln, noch als Gegenstand für eine eigene Wissenschaft in Frage kommt. Wenn man den marxistischen Standpunkt zu dieser Frage darlegen will, so kann man nicht an der Tatsache vorbeigehen, dass die Klassiker des Marxismus dieses Abstrakt-Genus »der Mensch« als Kategorie der Gesellschaftslehre für völlig unbrauchbar erklärt und bekämpft haben. Statt von »der« Natur »des« Menschen im Allgemeinen zu sprechen, sind Marx, Engels, Lenin und Stalin in ihren Analysen irgendwelcher gesellschaftlichen Erscheinungen stets von den wirklichen, historischen Menschen ausgegangen, von deren konkreten Beziehungen zur Natur und zueinander, von der geschichtlichen Bewegung ihres ökonomisch-gesellschaftlichen Seins und seiner Widerspiegelung im gesellschaftlichen Bewusstsein, von den Klassen und ihren Kämpfen, von den historischen Formen der Produktion, an die die Existenz dieser Klassen jeweils gebunden ist usw. Sie waren Gegner eines jeden Anthropologismus und wiesen alle Versuche, gesellschaftliche Erscheinungen aus dem Wesen »des« Menschen, als einem quasi übergeschichtlichen Faktor, abzuleiten, zurück. Es ist klar, dass man marxistisch an unser Problem nur herangehen kann, wenn man sich diesen Standpunkt voll und ganz zu eigen macht. Es ist jedoch die Frage, ob dies bedeutet, dass die Anthropologie als solche nach marxistischer Au assung keine Berechtigung hat. Um hierauf antworten zu können, muss, so glauben wir, zweierlei berücksichtigt werden: Erstens der konkrete Zusammenhang, in dem die marxistischen Klassiker das »anthropologische Prinzip« bekämpft haben, und zweitens der grundsätzliche Unterschied, der zwischen Anthropologie und Gesellschaftswissenschaft besteht. Zur ersten Frage ist zu bemerken, dass das Abstrakt-Genus »der Mensch«, ideologisch verzerrt, in bestimmten bürgerlichen eorien vorkommt, die Marx und Engels bei der Scha ung des dialektischen und historischen Materialismus kritisch überwinden mussten. Die bürgerliche Aufklärung hatte den Feudalismus mit dem Argument bekämpft, dass er mit der »Natur des Menschen« unverträglich sei, und für die Zukunft, d. h. als Resultat der bürgerlichen Revolution, die Errichtung eines »Reiches der Vernunft« verkündet, das dieser menschlichen Natur entsprechen werde. In dieser Ideologie waren noch die Utopisten befangen, wenn sie ihrerseits den Kapitalismus als im Widerspruch mit der menschlichen Natur stehend bezeichneten und ihm, nicht weniger 4 8 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e abstrakt postulierend als die Aufklärer, nunmehr den Sozialismus als »Vernunftreich« gegenüberstellten. Marx und Engels haben im Kampf gegen diese Vorstellungen den wissenschaftlichen Sozialismus gescha en, und in diesem Zusammenhang haben sie – unter anderem – gezeigt, dass man gesellschaftliche Verhältnisse überhaupt nicht dadurch begreifen kann, dass man sie an abstrakten Idealen (zum Beispiel an einem Idealbild der menschlichen Natur) misst, sondern nur dadurch, dass man die in der Gesellschaft bestehende Wechselbeziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und die daraus resultierenden realen Klassenkämpfe analysiert. Die menschliche Natur als solche ist nach marxistischer Au assung grundsätzlich mit jeder historischen Produktionsordnung verträglich; wenn also die Beseitigung einer bestimmten Produktionsordnung objektiv möglich und historisch notwendig wird, so nicht, weil diese der menschlichen Natur nicht entspräche, sondern weil sie sich zu einem Hemmnis der weiteren Entfaltung der Produktivkräfte entwickelt hat. Dass es etwas derartiges wie die »Natur des Menschen« gibt, ist damit o ensichtlich nicht bestritten; es ist damit vielmehr nur gesagt, dass all das, was in diesem Begri zusammengefasst wird, als Begründung für eine Umwälzung gesellschaftlicher Verhältnisse wissenschaftlich nicht in Betracht kommt. Noch wichtiger ist in diesem Zusammenhang die Kritik, die Marx und Engels am Anthropologismus Ludwig Feuerbachs üben. Feuerbach fasste die Religion als phantastische »Entäußerung« des »menschlichen Wesens« auf; er leitete also eine Erscheinung des Überbaus der Gesellschaft – einer bestimmten Gesellschaft – aus dem Abstrakt-Genus »der Mensch« ab. Damit verfehlte er einerseits die tatsächliche, die ökonomisch-gesellschaftliche Basis der Religion, andererseits verfehlte er aber auch die Allgemeinheit, auf die sich sinnvoller Weise die Abstraktionen »Mensch« beziehen muss, indem er eine historisch-vergängliche, an bestimmte Gesellschaftsformationen gebundene Ideologie mit der Natur des Menschen schlechthin in Zusammenhang brachte. Demgegenüber betont Marx: »Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen: 1. Von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religi- öse Gemüt für sich zu xieren, und ein abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen; 2. Das Wesen kann daher nur als ›Gattung‹, als innere, stumme, die 4 8 6 T e i l I I I vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefasst werden.«37 Und weiter sagt Marx: »Feuerbach sieht daher nicht, dass das ›religiöse Gemüt‹ selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und dass das abstrakte Individuum, das er analysiert, in Wirklichkeit einer bestimmten Gesellschaftsform angehört.«38 Auch durch diese Kritik an Feuerbach wird die Anthropologie als solche nicht in Frage gestellt. Marx wehrt hier lediglich eine anthropologistische Grenzüberschreitungen ab, d. h. einen sachlich haltlosen Übergri des anthropologischen Erklärungsprinzips auf Erscheinungen, die nur durch gesellschaftswissenschaftliche Analyse erklärt und begri en werden können. Er kritisiert also – mit vollem Recht – einen Fehler, der wohl die philosophische Konzeption Feuerbachs bestimmt, aber nicht im Wesen der Anthro po logie liegt. Die Anthropologie, wenn sie nur wissenschaftlich betrieben wird, kann nicht darauf ausgehen, Ideologien aus dem »Wesen des Menschen« erklären zu wollen, ebenso wenig, wie sie – wie wir sahen – von irgendwelchen Gesellschaftszuständen behaupten kann, dass sie mit diesem »Wesen des Menschen« übereinstimmten oder ihm widersprächen. Für alle derartigen Probleme ist nicht sie, sondern vielmehr die Gesellschaftswissenschaft kompetent. Damit sind wir nun bereits zu der zweiten Frage gelangt, die es hier vorbereitend zu klären gilt, zum Problem des Verhältnisses von Gesellschaftswissenschaft und Anthropologie. Sicher ist, dass zwischen beiden ein in der Sache selbst begründeter Zusammenhang besteht; denn die Gesellschaft wäre nichts ohne die Menschen, aus denen sie sich zusammensetzt, und die übereinstimmend bestimmte Eigenschaften (Handeln, Sprechen, Denken usw.) haben müssen, ohne die ein gesellschaftliches Leben unmöglich wäre; und umgekehrt existiert der Mensch nie anders als in der Gesellschaft, von der er getragen wird, in der allein seine menschlichen Eigenschaften sich entwickeln können, und die ihn bedingt. Trotzdem liegt hier ein Unterschied vor, der in verschiedenen Disziplinen mit je spezi sch gegenständlicher Orientierung zum Ausdruck kommen muss. Die Human-Medizin und die Psychologie zum Beispiel sind anthropologisch, die politische Ökonomie 37 (AH) Harich zitierte die 6. Feuerbachthese. Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . 38 (AH) Harich zitierte die 7. Feuerbachthese. Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . 4 8 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e und die Geschichtsschreibung gesellschaftswissenschaftlich orientiert. Ja, es gibt philosophische Disziplinen, die in beiden Richtungen arbeiten, wie die Ethik, deren Gegenstand eine subjektive und eine objektive Seite hat, nämlich einerseits die an thropo lo gisch zu behandelnden Probleme der menschlichen Antriebsstruktur, des Willens, der persönlichen Verantwortung usw., und andererseits die gesellschaftswissenschaftliche Frage der geltenden »Moralen« und ihrer ökonomisch-sozialen Bedingtheit. Die Gesellschaftswissenschaften behandeln die Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Lebens der Menschen, ihrer Produktion, ihrer Ökonomie, ihrer sozialen Beziehungen, ihrer Geschichte, ihrer Kultur, ihren Ideen usw. Die Anthropologie dagegen hat die qualitativen Besonderheiten des Menschen im Allgemeinen zum Gegenstand, wobei freilich die gesellschaftliche Bedingtheit jedes einzelnen Menschen zu diesen Besonderheiten gehört. Das sind zwei ganz verschiedene Aspekte, unter denen die Realität »menschliches Sein« betrachtet wird, die aber beide notwendig sind, und von denen keiner sich auf den anderen reduzieren lässt. Dass die Menschen »handelnde Wesen« sind, ist zum Beispiel eine anthropologische Feststellung; aber auch die vollständigste eorie des menschlichen Handelns (als Teil der Anthropologie) könnte nicht die Gesetzmäßigkeit erklären, die den Verlauf der Geschichte bestimmt. Sie könnte dies nicht, obwohl in der Geschichte nichts geschieht ohne menschliches Handeln, ohne bewusste Absichten, ohne gewollte Ziele. Und umgekehrt: Auch die vollständigste eorie der Bewegungsgesetze der Geschichte kann nicht die Frage nach der leiblich-geistigen Bescha enheit eines Wesens, das Absichten hat, sich Ziele setzt, also handelt, ersparen. Sie kann dies nicht, obwohl es keinen einzigen Menschen gibt, dessen Fähigkeit, zu handeln, sich nicht im Umgang mit der Gesellschaft entwickelt hätte, und dessen Absichten und Zielsetzungen nicht gesellschaftlich geprägt wären. Wie steht es, angesichts dieser Überlegungen, mit der Frage nach der Berechtigung der Anthropologie? Die marxistischen Klassiker haben, wie wir zeigten, mit Recht den Anthropologismus in der Gesellschaftswissenschaften bekämpft. Sie haben aber damit nicht den Sinn der Anthropologie selbst bestritten. Die Anthropologie vermag ihrem Wesen nach die Probleme keiner einzigen Gesellschaftswissenschaft zu lösen. Sie kann eben deswegen überhaupt nicht darauf prätendieren, eine Gesellschaftswissenschaft zu sein, wie sehr sie ihrerseits auf die Resultate aller Gesellschaftswissenschaften auch 4 8 8 T e i l I I I angewiesen ist. Das aber heißt nicht, dass die Anthropologie überhaupt entbehrlich wäre, dass es keinerlei Fragen gibt, die einer anthropologischen Behandlung bedürften. Die Anthropologie ist einerseits weniger, andererseits mehr als Gesellschaftswissenschaft. Sie ist weniger insofern, als sie sich ausschließlich auf jene allgemein-menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten bezieht, die jeweils am Individuen der Gattung »Mensch« existieren und nur an ihm in der Analyse greifbar und zugänglich sind. Will man den Inbegri dieser Eigenschaften als die »bloß natürlich verbindende Allgemeinheit« der menschlichen Individuen bezeichnen, so ist der Gegenstand der Anthropologie – eben diese Allgemeinheit. Die Beziehungen zwischen den Menschen sind es nicht. In Folge dessen gehören Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens, also auch Kategorien wie: Produktionsverhältnis, Basis und Überbau, Klassen und Klassenkampf, Staat, Ideologie usw., nicht zu ihrem Zuständigkeitsbereich. Sie kann daher auch nicht Aussagen über Dinge machen, die unter diese Kategorie fallen (etwa über die Religion). Die spezi sch anthropologischen Abstraktionen liegen auf einer anderen Ebene. Damit ist aber nun gesagt, dass der anthropologische Gesichtspunkt für die Beurteilung gesellschaftlicher Erscheinungen nicht in Frage kommt. Es ist damit nicht gesagt, dass umgekehrt die Anthropologie keinerlei gesellschaftliche Kategorien in Betracht zu ziehen brauchte, dass für sie die Resultate der politischen Ökonomie, der Soziologie, der Geschichtswissenschaft, der Geschichte der Produktivkräfte, der allgemeinen Kulturgeschichtsforschung usw. belanglos wären. Wir meinen, dass bei der Unterschiedenheit des anthropologischen und des gesellschaftswissenschaftlichen Aspektes dieser vor jenem auch dann den Vorrang haben muss, wenn es um die Lösung spezi sch anthropologischer Fragen geht, gemäß der Tatsache, dass das gesellschaftliche Sein der Menschen ihr Bewusstsein bestimmt – und nicht nur ihr Bewusstsein, sondern zum Beispiel auch ihren aufrechten Gang oder ihre Instinktstruktur. Um auf seinem eigenen Gebiet zu haltbaren Ergebnissen zu gelangen, muss der Anthro po loge unbedingt eine klare Vorstellung davon haben, was die menschliche Gesellschaft ist, weshalb eine konsequent wissenschaftliche Anthropologie auch nur auf der Grundlage des historischen Materialismus möglich ist. Zumindest muss der Anthro po loge sich darüber klar sein, dass jene spezi sch menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten, die er – allgemeingültig für jeden beliebigen Menschen – herauszuarbeiten trachtet, sich im Individuum stets nur entfalten können, sofern es als Glied einer 4 8 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e konkreten Gemeinschaft aufwächst und lebt, dass sie also von den historischen Besonderheiten der jeweiligen Gesellschaft, in den weiten Grenzen des »Menschenmöglichen«, auch modi ziert werden, und vor allem: Dass selbst die Anlage zu dem, was »menschenmöglich« ist, diese scheinbar rein biologische Faktor, sich phylogenetisch nur herausbilden konnte, weil die menschliche Phylogenese, seit dem qualitativen Sprung der Menschwerdung, sich nicht mehr unter natürlichen, sondern unter gesellschaftlichen Bedingungen vollzog. Es sind nämlich nicht nur sämtliche menschliche Betätigungsarten – von der Kop ägerei bis zur Philosophie –, es ist auch die Konstitution gesellschaftlich erworben, die das menschliche Wesen für die Ausbildung dieser ganzen Skala möglicher Tätigkeiten o en, plastisch und variabel hält. So ist es zwar richtig, zu sagen, dass ein Ideal-Fall von Kaspar Hauser, mit Robinson kombiniert, weder Mensch noch Tier wäre, ja, überhaupt nicht existieren könnte. Aber es genügt bei weitem nicht. Man muss hinzufügen, dass selbst die spezi sche Lebensunfähigkeit eines solchen Wesens (auf das Feuerbachs »abstrakt – isoliert – menschliches Individuum«, konsequent durchdacht, hinausläuft) selbst ein gesellschaftliches Produkt ist. Trotzdem sind die anthropologischen Kategorien ganz anders als die gesellschaftswissenschaftlichen. Zwischen ihnen besteht ein analoger Unterschied wie zwischen dem Sprechen (als Fähigkeit und Tätigkeit der Individuen der Gesellschaft) und der Sprache (in der sie sprechen, und die als solche eine Erscheinungsform des gesellschaftlichen Bewusstseins ist). Beides existiert zwar realiter nicht getrennt und nebeneinander, sondern nur in Kohärenz; nichtsdestoweniger ist es voneinander unterschieden. Und der Unterschied zwischen beiden muss von der Wissenschaft auch unbeschadet der Tatsache festgehalten werden, dass die gesellschaftliche Kategorie »Sprache« gegenüber der anthropologischen Kategorie »Sprechen« das grundlegende Moment, die objektive Bedingung darstellt. Andererseits ist die Anthropologie aber auch mehr als Gesellschaftswissenschaft. Ihr Gegenstand, der Mensch, hat eine somatische Seite: Seinen nicht-tierischen oder nur teilweise tierischen Organismus. Diese wird von den Gesellschaftswissenschaften zwar stillschweigend vorausgesetzt, kommt in ihren Abstraktionen aber nicht vor, es sei denn indirekt in der Weise, dass der anthropologisch so höchst voraussetzungsvolle Begri der »menschlichen Bedürfnisse« gebraucht wird, der allerdings unentbehrlich ist. Eine 4 9 0 T e i l I I I direkte Bezugnahme auf den Organismus des Menschen gibt es in den Gesellschaftswissenschaften nicht, und auch für die qualitativen Besonderheiten des menschlichen Trieb- und Instinktlebens sind sie nicht unmittelbar zuständig. Freilich gilt auch hier – und hier ganz besonders – die eben getro ene Feststellung, dass die Gesellschaftswissenschaft für die Anthropologie die denkbar größte Bedeutung hat, dass ihre Kategorien die fundamentaleren sind. Nur aus ökonomisch-sozialen Ursachen kann man zum Beispiel, wie Engels nachweist, die Genesis der individuellen Liebe als eines historischen Produkts begreifen, und gerade die Forschungsresultate Gehlens über menschliche »Instinktresiduen«, »Entdi erenzierung« usw. zwingen, wie wir zeigen werden, zu der Schlussfolgerung, dass die qualitative Besonderheit des menschlichen Geschlechtstriebes überhaupt aus der generell-menschlichen Art der Lebensfristung, mithin aus sozialen Tatsachen erklärt werden muss, wenn anders sie nicht völlig mysteriös bleiben soll. Das aber besagt nichts gegen die Berechtigung einer besonderen Anthropologie, und auch die ese, dass sie in bestimmter Hinsicht mehr als Gesellschaftswissenschaft sei, wird dadurch nicht betro en. Sobald man nämlich seine Aufmerksamkeit nicht mehr der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Liebe als einem sozialem Phänomen zuwendet, sondern danach fragt, wie denn ein Organismus mit einer Instinktstruktur leben kann, die solchen historischen Modi kationen des Geschlechtstriebes zugänglich und ausgesetzt ist, und welcher innere Zusammenhang zwischen den organischen Besonderheiten dieses Leibes und seiner so unstabilen, so plastischen Instinktstruktur besteht, sieht man sich unweigerlich auf anthropologische Begri e angewiesen, die die Gesellschaftswissenschaft auch dort nicht hergibt, wo sie allein die Erklärungsgründe zu liefern vermag. Dass andererseits auch die Biologie diese Begri e nicht hergibt, da ihr Gegenstand wiederum diesseits des qualitativen Sprung ist der Menschwerdung liegt, und dass aus eben diesem Grunde die Human-Medizin keine Naturwissenschaft im eigentlichen Sinne ist, wird ausführlich noch zu zeigen sein und soll an diesem Punkt vorerst nur angedeutet werden. Fest steht nach allem Gesagten jedenfalls, dass weder die Anthropologie Gesellschaftswissenschaft ist, noch die Gesellschaftswissenschaften die Anthropologie entbehrlich machen. 4 9 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Marxismus und Anthropologie39 (50er Jahre) (AH) Die Überschrift Marxismus und Anthropologie war eine der Varianten, die Harich o ensichtlich als Titel für sein geplantes Buch vorgesehen hatte. Es sind in seinem Nachlass drei – in Einzelheiten voneinander abweichende – Anfänge des Manuskripts erhalten, im Folgenden kommt einer davon zum Abdruck. Es ist das Ziel der folgenden Erörterungen, den Nachweis zu erbringen, dass der Marxismus eine Lehre vom Menschen einschließt, die, systematisch ausgearbeitet, in der Lage wäre, die zeitgenössische Anthropologie aus ihrer verfahrenen Situation herauszuführen. Wenn wir diese Überzeugung geltend machen, so müssen wir heute noch gegenwärtig sein, bei Gegnern wie Gleichgesinnten starkes Befremden hervorzurufen. Was die Gegner betri t, so ist das freilich kein Wunder. Von ihnen können wir nicht erwarten, dass sie dem Marxismus, den sie in anderen Problemzusammenhängen ohnehin ablehnen, sonderlich viel Vertrauen entgegenbringen werden auf einem Gebiet, das zur traditionellen Vorzugsthematik seiner eoretiker o enbar nur in entfernter Beziehung steht. Aber auch viele Marxisten werden der vorliegenden Arbeit mit äu- ßerster Skepsis begegnen, und bei dieser Kategorie von Lesern dürfte es sich darum handeln, dass die Forderung, in die Systematik ihres Weltbildes eine Disziplin einzufügen, die das Allgemeinmenschliche zum Gegenstand hat, ihnen von vornherein als A ront gegen die Grundsätze der materialistischen Geschichtsau assung erscheinen wird. Unser Versuch, die fundamentalen Aussagen des dialektischen und historischen Materialismus über das Wesen des Menschen zusammenzufassen, muss unter diesen Umständen bei der Frage ansetzen, ob die Ausarbeitung einer eigenen Anthropologie denn überhaupt zu den legitimen Aufgaben marxistischer Forschung gehören kann. Diese Frage a limine zu verneinen wäre allenfalls möglich, wenn der Marxismus in den ökonomischen und soziologischen Analysen aufginge, die der proletarisch-sozialistischen Revolution ihre theoretische Begründung geben, wenn er, mit anderen Worten, nur Gesellschaftswissenschaft wäre und weiter nichts. Diese Voraussetzung tri t indessen nicht zu. Die Tendenz, den Marxismus zur bloßen Einzelwissenschaft herab zu werten, gehört zu den charakteristischen Fehlern der II. Internationale, und es ist eines der bleibenden theoretischen Verdienste des Bolschewismus, die damit zusammenhängen- 39 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. 4 9 2 T e i l I I I den, meist positivistischen Vorurteile radikal überwunden zu haben. Die Lehre von Marx – darüber hat Lenin de nitiv Klarheit gescha en – erhebt in erster Linie den Anspruch, Weltanschauung zu sein, sie hatte durchaus den Charakter eines philosophischen Systems, und in der materialistischen Dialektik verfügt sie über eine Methode von universeller Anwendbarkeit, die es ihr, im Prinzip jedenfalls, ermöglicht, zu allen das Denken der Menschheit bewegenden Problemen Stellung zu nehmen.40 Es ist klar, dass dieser weittragende philosophische Anspruch sich logischerweise nur aufrechterhalten lässt, wenn anerkannt wird, dass für den Marxismus die uralte Frage nach der Herkunft und dem Wesen des Menschen so unabweisbar ist wie für jede Weltanschauung und für jede Philosophie. Hat man das aber zugegeben, so folgt da raus auch, dass eine eigene Anthropologie als Systemteil des dialektischen Materialismus gar nicht entbehrt werden kann. Allerdings könnte sich bei näherer Prüfung herausstellen, dass der Marxismus genötigt ist, die Annahme einer einheitlichen, in allen historischen Veränderungen persistenten Natur des Menschen für illusorisch zu erklären. Doch selbst angenommen, dies wäre der Fall, so würden die Überlegungen, die zu diesem Ergebnis führten, immer noch das ema Mensch betre en und mithin den Charakter anthropologischer Aussagen haben. Freilich kommt es darauf an, was Anthropologie in diesem Zusammenhang überhaupt heißen soll. Vorerst kann das noch nicht als ausgemacht gelten, denn wir haben es hier mit einem Terminus zu tun, der insofern außerordentlich vieldeutig ist, als er zur Benennung der verschiedensten philosophischen und fachwissenschaftlichen Bestrebungen benutzt wird. Um uns davon zu überzeugen, brauchen wir nur die in Betracht 40 (AH) In zahlreichen Ausführungen hat Harich diese ese immer wieder variiert – seit den späten vierziger Jahren und in enger intellektueller Übereinstimmung mit Lukács. Der Marxismus müsse ein vollständiges und voll entfaltetes philosophisches System werden. Oftmals sprach er davon, dass die bisherige marxistische Philosophie, historisch durchaus teilweise entschuldbar, dabei versagt hätte. Dieser Gedanke trägt beispielsweise das Vademecum und die Schriften aus seinem Umfeld (abgedr. in: Band 1.3, S. 2109–2135). Um ein umfassendes philosophisches System zu werden, müsse der Marxismus zahlreiche Wissensgebiete erschließen und thematisch besetzen: Ethik, Ästhetik, Erkenntnistheorie, Religionskritik, Logik, Philosophiegeschichte, Anthropologie, Naturphilosophie usw. Die entsprechenden Ansätze von Lukács und Bloch beurteilte Harich dabei in den fünfziger Jahren überaus positiv. Er selbst arbeitete zur Anthropologie und Logik, nach seiner Haftzeit vor allem zu den emen Ökologie und erneut zur Erkenntnistheorie. 4 9 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e kommenden Nachschlagewerke zu Rate zu ziehen: Jedes Mal wird dort unter dem betre enden Stichwort eine Vielzahl ganz disparater Auskünfte erteilt. So unterscheidet zum Beispiel das Handlexikon der Philosophie von Metzke (1949) zwölf voneinander abweichende Bedeutungen des Wortes und erwähnt dabei noch nicht einmal, dass in Frankreich und den angelsächsischen Ländern die allgemeine Völkerkunde, mit Einschluss der Prähistorie, als Anthropologie bezeichnet zu werden p egt. Der Sinn unserer Problemstellung hängt also davon ab, was wir selbst im Folgenden unter Anthropologie verstehen wollen. Die Festlegung des eigenen Sprachgebrauchs ist in diesem Falle jedoch keine rein terminologische Frage. Und zwar deswegen nicht, weil hier, im Gegensatz zu anderen Äquivokationen, die Verbindung verschiedener Begri e mit ein- und demselben Wort von der Sache selbst her gesehen so wenig als Zufall betrachtet werden kann, dass vielmehr sämtliche vorkommende Bedeutungen von Anthropologie dem schlichten Wortsinn mehr oder weniger gut zu entsprechen scheinen. Ein paar wahllos herausgegri ene Beispiele mögen das verdeutlichen. Wenn etwa Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) die subjektiven Bedingungen für die Ausführung der sittlichen Gesetze behandelt; wenn die Anthropologie des jüngeren Fichte (1856) im Untertitel Lehre von der menschlichen Seele zu sein verspricht und sich von gewöhnlicher Psychologie dann darin unterscheidet, dass das dritte Kapitel, über die »Verleiblichung der Seele«, eine Art Ausdruckskunde entwirft; wenn Feuerbach seine Religionskritik, welche die Götter zu Projektionen des menschlichen Wesens erklärt, als Au ösung der eologie in Anthropologie charakterisiert; wenn Tschernyschewski, schreibt, die Anthropologie sei »eine Wissenschaft, die bei der Behandlung jedes Teiles des menschlichen Lebensprozesses stets daran denkt, dass dieser ganze Prozess und alle seine Teile sich im menschlichen Organismus abspielen« „Natural Selection“, Darwin-Karikatur von Carlo Pellegrini, 1871 4 9 4 T e i l I I I usw., so sind das nach Standpunkt und ematik sicher kaum noch vergleichbare Bestrebungen. Sie haben aber zweifellos dies gemeinsam, sich wirklich in der einen oder anderen Weise auf den Menschen zu beziehen. Und dasselbe gilt für die verschiedenen positiven Wissenschaften, die nacheinander, zum Teil auch nebeneinander, als An thro po logie aufgetreten sind: Es gilt für das vergleichende Studium menschlicher Schädel, das sich die anthropologischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert angelegen sein ließen, es gilt ebenso für die anthropogenetischen Folgerungen aus dem Darwinismus, für die Fahndungen der Fossilienkunde nach dem »missing link« zwischen Mensch und A e, für die Rassenkunde, die menschliche Vererbungslehre, die Ethnologie, die Prähistorie – um nur die wichtigsten dieser Disziplinen zu nennen. Der Grund dieses eigentümlichen Sachverhalts liegt darin, dass der Mensch ein in der ganzen Realität, soweit sie uns bekannt ist, unvergleichlich komplexes Phänomen darstellt und unter den verschiedensten Gesichtspunkten zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und philosophischer Re ektion werden kann. Aber eben weil das so ist, tri t man nicht bloß eine, der Sache gegenüber neutrale, terminologische Entscheidung, wenn man die eine oder andere der vielen divergierenden Bedeutungen von Anthropologie als für den eigenen Sprachgebrauch verbindlich auswählt, sondern optiert mit einer solchen Wahl, bewusst oder gedankenloserweise, zugleich auch für eine bestimmte theoretische Konzeption, etwa für die Au assung, dass gerade der anatomische Aspekt – oder der ethnologische, psychologische, moralische usw. – in Bezug auf die Wesenskenntnis des Menschen zentral und ausschlaggebend sei. Und dass das von allen diesen möglichen und denkbaren Aspekten gleichermaßen gelten kann, wird niemand behaupten wollen. Natürlich soll damit nicht gesagt werden, dass irgendeiner Wissenschaft das Recht verwehrt werden könnte, sich einen beliebigen, ihr als geeignet erscheinenden Namen zuzulegen; der Wert ihrer Resultate hängt davon in keiner Weise ab. Wohl aber müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der überaus anspruchsvolle Name »Lehre vom Menschen« als Bezeichnung für Forschungen, die meist mit einseitiger Problemstellung von einer schmalen Phänomenbasis ausgehen, leicht die Beschränktheit des betre en- 4 9 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e den Sachgebiets vergessen macht und so unter Umständen ideologischen Verzerrungen der Wirklichkeit Vorschub leistet. In der Tat legt der geschichtliche Bedeutungswandel von »Anthropologie« – den wir hier nicht im Einzelnen verfolgen können – davon Zeugnis ab, das nur zur oft das Menschenbild der gerade dominierenden Ideologie entscheidend beteiligt gewesen ist, wenn diese Stelle in der Nomenklatur der Wissenschaftssystematik von einer bestimmten Disziplin und keiner anderen besetzt war. Es genügt, an die Tatsache zu erinnern, dass im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anthropologie, mit der Abstammungsfrage im Mittelpunkt, allgemein als Zweig der Naturwissenschaften aufgefasst wurde, oder daran, dass in der faschistischen Ära Vererbungs- und Rassenforschung ihren Namen beanspruchten. Soll unser eigener Begri von Anthropologie wirklich angemessen sein und sich von derartigen Einseitigkeiten frei halten, so müssen wir uns also davor hüten, seine Bedeutung durch eine voreilige, unbegründete De nition festzulegen, die einfach einen heute oder gestern üblichen Sprachgebrauch übernimmt. Was wir selbst sinnvollerweise unter Anthropologie zu verstehen haben, wird sich vielmehr erst im Rahmen der Untersuchungen herausstellen können, in denen wir, von der Sache selbst her argumentierend, den Gegenstand und Aufgabenkreis dieser Disziplin, wie wir sie au assen, näher bestimmen werden, und die De nition kann nur am Ende dieser Untersuchungen stehen, nicht an deren Beginn. Gleichwohl ist es möglich und angebracht, eine Reihe gängiger Bedeutungen schon an dieser Stelle von vornherein auszuscheiden. Zunächst ist zu bemerken, dass wir hier – sozusagen – Prolegomena zur Ausarbeitung eines bisher unbeachtet gebliebenen Systemteils der marxistischen Philosophie, des dialektischen und historischen Materialismus, vorlegen wollen. (An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, AH.) 4 9 6 T e i l I I I Variante 4 9 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Variante 4 9 8 T e i l I I I Was heißt Anthropologie41 (50er Jahre) (AH) Unter dem Titel Was heißt Anthropologie sind zwei Manuskriptanfänge Harichs überliefert, die ebenfalls in den fünfziger Jahren, um 1953 bis 1955, entstanden sein müssen und in den Kontext seiner anderen Studien zum ema passen. Sie werden im Folgenden beide, trotz einiger Überschneidungen, präsentiert. 1. Version 1) Der Terminus »Anthropologie« hat einen unzweifelhaft eindeutigen Wortsinn. Wörtlich übersetzt heißt er einfach: Lehre vom Menschen. So scheint die Frage, von der unsere Überlegung ausgeht, sich sehr leicht beantworten zu lassen und eingehender Erörterung nicht bedürftig zu sein. Jedoch im Sprachgebrauch der Philosophie, und fast gleichermaßen in dem der positiven Wissenschaften, wurde und wird unter Anthro po logie ganz Verschiedenes verstanden. Um sich davon zu überzeugen, braucht man nur die in Betracht kommenden Nachschlagewerke zu Rate zu ziehen, wo unter dem betre enden Stichwort jedes Mal eine Vielzahl disparater Auskünfte erteilt wird. So unterscheidet der Große Brockhaus (Band 1, 15. Au age, 1928) drei, das Handlexikon der Philosophie von Erwin Metzke (1949) sogar zwölf voneinander abweichende Bedeutungen des Wortes, und auch in dem letztgenannten Werk wird noch gar nicht erwähnt, dass in Frankreich und den angelsächsischen Ländern vor allem die Ethnologie, mit Einschluss der Prähistorie, als Anthropologie bezeichnet zu werden p egt. Es ist demnach klar: Wir können sinnvoll über unser ema nur sprechen, wenn wir zunächst einmal sagen, was wir mit Anthropologie überhaupt meinen, und die eine, bestimmte Bedeutung, die für uns maßgebend sein soll, von den möglichen anderen abzugrenzen suchen. 2) Eine erste, vorläu ge Festlegung ergibt sich daraus, dass die Erörterungen dieses Buches zum Ziel haben, die Grundlagenfragen eines Wissensgebiet zu klären. Das ist freilich eine noch sehr allgemeine und unbestimmte Aufgabe, die im Folgenden noch konkreter gefasst und präzisiert werden muss. Sie reicht aber aus, es als begründet erscheinen zu lassen, dass wir unter Anthropologie nichts anderes als eine Disziplin verstehen wollen, also keine Weltanschauung, keinen – wie immer gearteten – Standpunkt. Und damit hätten wir bereits eine Entscheidung von nicht zu unterschätzender Tragweite getro en; eine Entscheidung, die sich so wenig von selbst versteht (was man 41 (AH) 1. Version, 5 Blatt, 2. Version, 8 Blatt (mit zahlreichen handschriftlichen Korrekturen), maschinenschriftlich, nicht datiert. 4 9 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e in Anbetracht des Wortsinns »Lehre vom Menschen« vielleicht anzunehmen geneigt ist), dass wir uns durch sie vielmehr einer ganzen Kategorie verwirrender Äquivokationen mit einem Schlage zu entledigen vermögen. Denn tatsächlich hat das Wort »Anthropologie«, mit dem ursprünglich nur Wissenszweige benannt wurden, schon seit langem auch einen bekenntnishaften Beiklang; nur zu oft ist es für die Bezeichnung von Ideologien, philosophischen Einstellungen und Denkweisen, methodologischen Prinzipien der Betrachtung des Menschen, gar der Realität überhaupt, u. dgl. beansprucht worden. Alle derartigen Bedeutungen wollen wir hier von vornherein als für uns unmaßgeblich ausscheiden, und indem wir das tun, neutralisieren wir den Begri der Anthropologie in einer Weise, dass der sachliche Problembereich, den es im Folgenden sicherzustellen gilt, davor bewahrt bleibt, mit irgendwelchen standpunktlich festgelegten eorien durcheinandergebracht zu werden, von denen sich nicht im voraus sagen lässt, wie wir sie nach näherer Prüfung werden einzuschätzen haben. Natürlich bedeutet diese Neutralisierung nicht, dass wir selber keinen Standpunkt zu beziehen gedächten; sie bedeutet dies um so weniger, als sie selbst – wie sich noch zeigen wird – von einem sehr bestimmten Standpunkt aus, nämlich dem des dialektischen und historischen Materialismus, als unbedingt geboten erscheint. Aber allerdings setzt sie voraus und schließt ein, dass wir auch die eigenen weltanschaulichen Überzeugungen und methodologischen Grundsätze, von denen wir uns im Folgenden leiten lassen werden, nicht etwa »anthropologisch« nennen dürfen, sondern sie klar und eindeutig von der Anthropologie, also der Disziplin, auf deren Boden, an deren Proble men sie sich bewähren sollen, unterscheiden müssen. Logisch ist diese Unterscheidung allein schon deswegen unerlässlich, weil ein erheblicher Teil unserer Untersuchungen der Frage der Daseinsberechtigung der Anthropologie gewidmet sein wird und sich ja nicht a limine die Möglichkeit von der Hand weisen lässt, dass uns dabei weltanschauliche Überlegungen prinzipieller Art gerade gebieten könnten, diese Disziplin, im Hinblick auf die Mannigfaltigkeit der positiven Wissenschaften, die sich auf den Menschen beziehen, für über üssig zu erklären. Unsere Stellungnahme wäre dann eine geradezu anti-anthropologische. Aber auch wenn wir zu dem gegenteiligen Ergebnis gelangen sollten, wird die theoretische Konzeption, die uns von der Unentbehrlichkeit einer besonderen Anthropologie überzeugt sein lässt, nicht selber anthropologisch heißen dürfen. 5 0 0 T e i l I I I 3) Wovon wir uns mit dieser ersten terminologischen Entscheidung abzugrenzen wünschen, sei an einigen charakteristischen Beispielen erläutert. Zunächst an einem Beispiel, das zur Klarstellung dessen, worauf es hier ankommt, insofern besonders geeignet sein dürfte, als sie einen Denker betri t, der uns in ideologischer Beziehung verhältnismäßig nahesteht; wir meinen N. G. Tschernyschewski, den Klassiker des vormarxistischen Materialismus in Russland. Das philosophische Hauptwerk Tschernyschewskis (Ausgewählte philosophische Schriften, Moskau, 1953, S. 63  .) trägt den Titel: Das anthropologische Prinzip in der Philosophie.42 Das allein genügt, um zu sagen, dass der Verfasser sich einer Terminologie bedient, der wir uns nicht anschließen können. Hieße die Schrift umgekehrt: »Das philosophische Prinzip in der Anthropologie«, so würden wir zwar fragen müssen, was für ein Prinzip da gemeint sei, von welcher Philosophie es aufgestellt werde und für welchen Gegenstand die als Anthropologie 42 (AH) Im Rahmen seiner Tätigkeit für den Aufbau-Verlag verfasste Harich am 13. Juni 1955 das o zielle Gutachten für das Werk: Tschernyschewski: Das anthropologische Prinzip. Er schrieb: »Der Aufbau-Verlag beabsichtigt, als 8. Band seiner kleinen Philosophischen Bücherei (für die Harich verantwortlich war, AH) zwei der wichtigsten philosophischen Arbeiten des russischen revolutionären Demokraten N. G. Tschernyschewski herauszugeben. Es handelt sich um die folgenden Werke: 1) Das anthropologische Prinzip in der Philosophie, die umfassendste Darlegung der materialistischen Anschauungen Tschernyschewskis, die uns überliefert ist; 2) Zur Kritik der philosophischen Vorurteile gegen den ländlichen Gemeinbesitz, diejenige Schrift, in der Tschernyschewski unabhängig von Marx und Engels einen Versuch unternimmt, die Hegelsche Dialektik materialistisch umzudenken und mit dem Gedankengut des Utopischen Sozialismus zu verbinden, das er zugleich auf das Problem der russischen Dorfgemeinde anwendet. Die erstgenannte Arbeit war bisher für den deutschen Leser nur in der inzwischen vergri enen Ausgabe der Ausgewählten Philosophischen Schriften Tschernyschewskis erhältlich; sie verdient unbedingt, gesondert herausgegeben zu werden. Die zweite Arbeit ist bisher in deutscher Sprache überhaupt noch nicht erschienen. Wir werden beide Arbeiten unter dem Sammeltitel Das anthropologische Prinzip verö entlichen. Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Alfred Kurella, die kurze marxistische Einführung und die Lebensdaten am Schluss des Bandes stammen von unserer Mitarbeiter Wolf Düwel, der zugleich als Herausgeber zeichnet. Um baldige Druckgenehmigung wird gebeten.« (Abgedr. in: Band 1.3, S. 1630.) In dem Band 1.3 weitere Hinweise zu Tschernyschewski, ebenso verstreut über das ganze Werk. Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski 5 0 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e bezeichnete Wissenschaft zuständig sein soll. Von dem Sprachgebrauch selbst aber brauchten wir uns dann nicht zu distanzieren. So jedoch ist das unbedingt erforderlich. Denn erstens scheint der Titel Anthropologisches Prinzip in der Philosophie besagen zu wollen, dass die universellen, Natur und Gesellschaft betre enden Problemzusammenhänge der Philosophie unter einem Gesichtspunkt in Angri zu nehmen seien, der einseitig von der Betrachtung des Menschen hergenommen ist. Und zweitens lässt der Ausdruck »anthropologisches Prinzip« sich schlechterdings nicht mit dem Grundsatz vereinbaren, das Wort »Anthropologie« zu neutralisieren. Doch sehen wir zu, was es mit jenem Prinzip in dem genannten Werk auf sich hat. Gemeint ist damit im Grunde ein methodisches Postulat. Das »anthropologische Prinzip«, schreibt Tschernyschewski, fordere, »den Menschen als ein Wesen zu betrachten, dass nur eine Natur hat«; es fordere, »das menschliche Leben nicht in verschiedene Hälften zu zerschneiden, die verschiedene Naturen angehören« usf. (a. a. O., S. 170) Wie wir hierzu sachlich auch stehen mögen (es wird sich zeigen, dass wir grundsätzlich durchaus positiv dazustehen): Wir können uns auf keinen Fall mit der Benennung einverstanden erklären, die Tschernyschewski für dieses Postulat gewählt hat. Denn der allgemeine methodologische Sinn des so genannten »anthropologischen Prinzips« lässt sich in etwa zusammenfassen in dem Grundsatz, die Erscheinungen der Realität nicht als losgelöst voneinander, sondern in ihrem organischen Zusammenhang zu betrachten, und dieser Grundsatz ist selbstverständlich nicht an das Gebiet der Anthropologie gebunden. Aber auch seine Konkretisierung auf diesem Gebiet kann gleichfalls nicht schlechthin als anthropologisch bezeichnet werden, da man schwerlich wird behaupten können, dass die bloße Beschäftigung mit anthropologischen Fragen eo ipso eine Gewähr dafür biete, dass dualistische Konzeptionen u. dgl. ausgeschlossen bleiben. Zwischen der methodischen Forderung selbst – die eine ganz allgemeine, universelle Bedeutung hat – und ihrem speziellen Anwendungsbereich – der faktisch auch anderen Methoden der theoretischen Bearbeitung ausgesetzt ist – ist also ein Unterschied zu machen, und will man diesen auch sprachlich klar und deutlich hervortreten lassen, so wird man von einem monistischen – vielleicht sogar von einem dialektischen – Prinzip und von dessen konkreter Anwendung auf das Gebiet der Erforschung des Menschen sprechen müssen, nicht aber eine Formulierung wählen dürfen, die beides so ununterscheidbar zusammenzieht, dass das eine als unmittelbar identisch mit dem anderen erscheint. 5 0 2 T e i l I I I Was nun weiter die Anthropologie angeht, so wird diese von Tschernyschewski folgendermaßen charakterisiert. Er nennt sie (a. a. O., S. 172) »eine Wissenschaft, die bei der Behandlung jedes Teils des menschlichen Lebensprozesses stets daran denkt, dass dieser ganze Prozess und jeder seiner Teile sich im menschlichen Organismus abspielen; dass dieser Organismus das Material ist, welches die von ihr (der Anthropologie, WH) untersuchten Phänomene hervorbringt; dass die Qualitäten der Phänomene durch die Eigenschaften des Materials bedingt sind und dass die Gesetze, nach denen die Phänomene entstehen, nur Sonderfälle der Wirkungen der allgemeinen Naturgesetze sind«. Auch diesen Satz können wir im Interesse einer sauberen Begri sbildung so nicht akzeptieren; ganz unabhängig davon, wie wir das Bild vom Menschen beurteilen mögen, das Tschernyschewski vorschwebt. Wir können es deswegen nicht, weil der Satz eine De nition der Anthropologie gibt, die wieder keinen Unterschied macht zwischen der Disziplin als solcher und der bestimmten theoretischen Einstellung der Denkweise, der Art der Fragestellung, auf die Tschernyschewski diese Disziplin verp ichten will.43 Die Disziplin – das ist die Lehre vom Menschen, für die allein wir den Namen Anthropologie reklamiert wissen wollen. Die theoretische Einstellung aber, zu der Tschernyschewski sich bekennt, ist o enbar die des Materialismus; und zwar eines Materialismus von besonderem Typus, der, anders als der von Marx, den Menschen als nur organisch-naturgesetzlich bedingt ansieht. Das sind ersichtlich ganz verschiedene Kategorien, und dass beide im Begri einer materialistischen Anthropologie nach Art der von Tschernyschewski entworfenen ineinandergreifen, darf nicht dazu verleiten, sie einfach gleichzusetzen. Im Sinne der von uns getro enen Entscheidung müsste der zitierte Satz also anders lauten, etwa so: »Die Anthropologie ist die Wissenschaft, die den Menschen zum Gegenstand hat. Um ein adäquates Bild von diesem ihrem Gegenstande zu gewinnen, muss die Anthropologie bei der Behandlung jedes Teil des menschlichen Lebensprozesses stets daran denken, dass usw. usf.« Es bliebe dann freilich immer noch die Frage nach dem Gegenstand der so verstandenen Anthropologie, im Unterschied zu den Zuständigkeitsbereichen der Humanme- 43 (AH) Diese Di erenzierungen liegen der Art nach auf eben jener Linie, die Harich auch im Rahmen der Logik-Diskussion der jungen DDR-Philosophie vertrat. Seine entsprechenden Wortmeldungen sind nachzulesen im 2. Band. 5 0 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e dizin, der Psychologie, der Ethnologie usw., o en; es bliebe vor allem zu klären, ob die von Tschernyschewski aufgeführten Gesichtspunkte der Betrachtung des Menschen im einzelnen richtig und ausreichend sind oder nicht. Doch das sind Probleme, die in diesem Zusammenhang nicht zur Debatte stehen. Worum es hier zunächst geht, ist weiter nichts als eine Präzisierung der Begri e, und im Hinblick darauf ließe die letztere Formulierung nichts mehr zu wünschen übrig. 2. Version 1) Analog zu den Ausführungen der 1. Version, hier weggelassen, AH. 2) Das Erfordernis, derartige Schwankungen des Sprachgebrauchs aufzudecken und zu eliminieren, ist in der Philosophie an sich nicht ungewöhnlich. Viele der wichtigsten Termini, die im philosophischen Schrifttum immer wieder und in immer neuen Zusammenhängen Verwendung nden, sind äquivok, sei es, dass in ihnen Alltagsbedeutungen mitschwingen, die in die prinzipielle Überlegung Unklarheit und Verwirrung hineintragen, sei es, dass ihr Sinn sich im Verlauf der Geschichte des philosophischen Gedankens verschoben hat. Um Missverständnissen vorzubeugen, ist es in allen solchen Fällen ratsam, sich jeweils Rechenschaft darüber zu geben, was man mit den betre enden Wörtern genau bezeichnet wissen will und was nicht. Gerade so verhält es sich im vorliegenden Falle auch. Es kommt hier indessen noch etwas besonderes hinzu. Wir stehen im Folgenden vor der Aufgabe, den Sachbereich einer wissenschaftlichen bzw. philosophischen Disziplin anzugeben; einer Disziplin, von der schon an dieser Stelle gesagt sei, dass sie auf Grund ihres außerordentlich komplexen Objekts zunächst und zumeist durch ein hohes Maß an inhaltlicher Unbestimmtheit charakterisiert ist. Das braucht uns freilich erst im Zusammenhang mit denjenigen Problemen näher zu interessieren, die die Bestimmung des Gegenstandes der Anthropologie betre en und von denen in diesem Kapitel noch nicht die Rede sein soll. Es ist jedoch auch für die terminologische Wahl, die es zu tre en gilt, von vornherein nicht unerheblich. Denn man kann nicht behaupten, dass die Mannigfaltigkeit der Bedeutungen von »Anthropologie« in einem ähnlichen Sinne von der Sache selbst her gesehen zufällig wäre, wie das bei vielen anderen Äquivokationen durchaus der Fall ist. Und aus diesem Grunde kann der Sprachgebrauch, dem wir zu folgen gedenken, nicht willkürlich festgelegt werden; er will wohl überlegt sein. 5 0 4 T e i l I I I Die prinzipielle Beliebigkeit aller Benennungen soll damit selbstverständlich nicht bestritten werden. Dass der Name einer Sache ihrer Natur ganz äußerlich ist, gilt zweifellos auch hier,44 und grundsätzlich stünde es uns frei, einerseits mit dem Namen »Anthropologie« alles nur Erdenkliche zu bezeichnen, und andererseits demjenigen, was üblicherweise so genannt wird, beliebige andere Namen zu geben; wie denn tatsächlich die Disziplin, die wir wirklich so nennen werden, bisweilen auch ganz anders geheißen hat, falls sie überhaupt als besondere Disziplin begri en wurde und nicht vielmehr in umfassendere Systemteile der Philosophie aufgelöst war. Aber erstens p egt man die Terminologie wissenschaftlicher Arbeiten (von etwaigen logisch-mathematischen Symbolisierungen u. dgl. abgesehen) dem regulären Sprachgebrauch zu entnehmen und sich bei der Fixierung des Bedeutungsgehalts der benutzten Wörter gerade nur so weit vom normalerweise Üblichen und Verständlichen zu entfernen, wie es unbedingt erforderlich ist, um die entsprechenden Begri e zu präzisieren. Und zweitens kann ein Name, wiewohl er die Sache als solche gar nicht tangiert, nichtsdestoweniger doch, vermöge der Assoziationen, die er auslöst, für die Vorstellungen belangvoll sein, welche unser Bewusstsein sich von dieser Sache bildet. Macht man sich diese Voraussetzungen klar, so erkennt man, dass es bei einer terminologischen Festlegung keineswegs als gleichgültig betrachtet werden kann, ob zwischen den verschiedenen Dingen, die gemeinhin mit ein- und demselben Wort bezeichnet werden, ein gewisser Zusammenhang, gar eine partielle Übereinstimmung besteht oder nicht. Nur wo ein solcher Zusammenhang fehlt oder nur sehr entfernt vorhanden ist, ist es gänzlich in unser Belieben gestellt, welche der zur Wahl stehenden Bedeutungen wir im Kontext einer bestimmten Gedankenfolge als allein verbindlich ansehen wollen. Davon kann nun im vorliegenden Fall nicht die Rede sein. Wie disparat die mannigfachen Bedeutungen des hier zu erörternden Terminus auch sein mögen, und wie sehr 44 (AH) In den achtziger Jahren machte Harich in seinen Hartmann-Manuskripten diese Überlegung mehrfach geltend. Sein argumentatives Ziel war es, Dogmatismus und Sektierertum durch die Entlarvung von Begri ichkeiten bloßzustellen bzw. zu kritisieren. Anders formuliert: Wo sich marxistische Kritik bürgerlicher Philosophie an De nitionen, Benennungen, Termini aufhänge, müsse sie, so Harichs Credo, immer genau darauf achten, was die Begri e eigentlich bezeichnen. Ein bürgerlicher Philosoph müsse nicht von dialektischem Materialismus reden, könne aber genau diesen meinen, gar präzisieren oder konkretisieren. (Siehe die entsprechenden Ausführungen des 10. Bandes.) 5 0 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e sie es sind, davon werden wir gleich einige Proben geben: Fest steht, dass sie sich letztlich durchweg auf ein- und dasselbe Wirkliche beziehen, eben auf den Menschen. Wenn wir in Anbetracht dieser Sachlage eine bestimmte Bedeutung des Wortes »Anthropologie« als die für uns maßgebende auszeichnen, so fällen wir damit eo ipso auch eine Entscheidung von einer gewissen philosophischen Relevanz. (Bruch im Manuskript, anschließend Wiederholung der Ausführungen zu Tschernyschewski, hier weggelassen, AH.) Lassen wir die Einwände vorerst noch ganz dahingestellt sein, die wir gegen das Bild vom Menschen, das Tschernyschewski hier vorschwebt, zu erheben hätten; nehmen wir an, dass wir uns im Sachlichen seinen Au assungen über den menschlichen Lebensprozess ohne jede Einschränkung anzuschließen vermöchten: Selbst unter dieser Voraussetzung könnten wir seinen Satz nicht akzeptieren; und zwar deswegen nicht, weil er eine De nition der Anthropologie gibt, die keinen Unterschied macht zwischen der Disziplin als solcher und der bestimmten theoretischen Einstellung, auf die Tschernyschewski diese Disziplin verp ichten will, die er bei der Betrachtung des Gegenstandes dieser Disziplin für einzig angemessen und zulässig erklärt. Die Disziplin – das ist die Lehre vom Menschen, für die allein wir den Namen Anthropologie reklamiert wissen wollen und von der feststeht, dass sie faktisch von ganz verschiedenen Standpunkten aus betrieben worden ist. (Erneut wörtliche Wiederholung der weiteren Ausführungen zu Tschernyschewski, hier weggelassen, AH.) Ganz ähnlich verhält es sich mit dem so genannten »anthropologischen Prinzip«, das Lenin (Philosophischer Nachlass, Berlin, 1949, S. 325) mit Recht als »ungenaue, schwache Umschreibung des Materialismus« charakterisiert hat. Tschernyschewski führt über dieses Prinzip aus, es bestehe darin, »dass man den Menschen als ein Wesen betrachten muss, das nur eine Natur hat; dass man das menschliche Leben nicht in verschiedene Hälften zerschneidet, die verschiedene Naturen angehören usf.« (a. a. O., S. 170) So weit hätten wir dagegen nicht das Mindeste einzuwenden, ja, man wird sehen, dass wir uns diese methodische Forderung sogar uneingeschränkt zu eigen machen werden. Womit wir uns gleichwohl nicht einverstanden erklären können, ist, dass dieses Prinzip als »anthropologisch« bezeichnet wird. (Verschiedene Wiederholung bisheriger Gedanken, danach bricht das Manuskript ab, AH.) 5 0 6 T e i l I I I Kritische Bemerkungen zu Pawlows Zweiten Signalsystem (Sprache) (1963/1964) (AH) Ab 1963 durfte Harich zum Ende seiner Haftzeit wieder vereinzelte Bücher lesen und sich Notizen machen. Im 3. Band dieser Edition sind seine Exzerpte und Überlegungen zu dem Lehrbuch Grundlagen der marxistischen Philosophie abgedruckt (S. 445–536). Der entsprechende Abschnitt mit den Notizen zu Pawlow wurde dort ausgelassen und wird im Folgenden präsentiert. Alle weiteren Informationen bietet die Einleitung Harichs Notizen aus der Haftzeit des Herausgebers, die den entsprechenden Teil im 3. Band (S. 437–444) erö net. Ausgangspunkt [S. 190: »Die Wörter sind ebensolche realen Reizerreger wie alle anderen äußeren Reizerreger, aber ihre Besonderheit besteht darin, dass sie Zeichen, Signale derjenigen Körper- und Erscheinungsabbilder sind, die das Erste Signalsystem bilden. Folglich sind sie ihrem Wesen nach Signale von Signalen.«] Das ist falsch. Erstens: Wieso sind die Signale, die das Erste Signalsystem bilden, »Körper- oder Erscheinungsabbilder«? Das Glöckchen, das den Speichel uss des Hundes – als bedingten Re ex – auslöst, sobald es ertönt, ist doch kein Abbild der Nahrung, die dem Hund gleich darauf verabreicht wird. Seit wann wird eine Portion Fleisch durch den Klang einer Glocke »abgebildet«? Es handelt sich hier gar nicht um ein Abbild, sondern darum, dass zu wiederholten Malen ein bestimmter Außenweltreiz mit einem lebenswichtigen Objekt (Nahrung) verbunden auftritt und dieses Objekt schließlich für das betre ende Tier signalisiert. Zweitens: Das Signal löst unmittelbar einen Re ex aus, das Wort aber gerade nicht. Das qualitativ Neue der Sprache besteht u. a. gerade darin, dass das Vernehmen der Wörter nicht unmittelbar in eine Reaktion, eine Re exbewegung (und zwar weder in eine unbedingte, noch in eine bedingte) umschlägt. Die Wörter wirken also gar nicht mehr als Signale, sondern als Symbole, mit deren Hilfe wir uns miteinander über die Dinge verständigen. Und drittens: Die Wörter sind deswegen nicht »Signale von Signalen«, weil sie sich ja, wenn sie das wären, nur Iwan Petrowitsch Pawlow 5 0 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e auf abiotische Faktoren beziehen dürften, aus denen das Erste Signalsystem bekanntlich besteht. Mit Wörtern kann man biotische Faktoren aber ebenso bezeichnen wie abiotische! [S. 190: »Was im Ersten Signalsystem widergespiegelt und danach von einem neuen Signal, dem Wort, signalisiert wird, wird bewusst.«] Es wird doch im Ersten Signalsystem keineswegs der biotische Faktor durch den abiotischen (eben das Signal) widergespiegelt. Das Grunzen und Quietschen des Schweines (Signal) spiegelt doch nicht das Schweine eisch (biotischer Faktor) wider. Und das Wort als solches spiegelt auch nichts wider, sondern die mit dem Wort verbundene Vorstellung der Sache; die ist aber weder ein Signal, noch ein »Signal des Signals«, sondern ein Abbild. Ferner: Im Ersten Signalsystem spiegeln sich nicht die Signale wider, sondern die von den Signalen ausgelösten bedingten Re exe, die unterscheiden sich darin aber gerade nicht von den unbedingten Re exen. Der Unterschied besteht darin, dass in bedingten Re exen »eines für das andere genommen« wird, mithin eine Stufe erreicht ist, in der das Verhalten des Tieres zu den Dingen (namentlich seine Wahrnehmung der Dinge) indirekt und umwegig wird und sich im Verlauf des individuellen (ontogenetischen) Lebensprozesses mit »Erfahrungen« anreichert. Hauptteil 1) Die unbedingten Re exe der Tiere werden unmittelbar von biotischen Faktoren ausgelöst, die also für das betre ende Tier nicht den Charakter von Signalen haben. Die bedingten Re exe dagegen, die sich nur bei höheren Tieren nden, werden von abiotischen Faktoren ausgelöst, die zu wiederholten Malen mit biotischen Faktoren verbunden auftreten. So löst das Ertönen des Glockenklangs, das eine Zeit lang zu wiederholten Malen der Verabreichung der Nahrung vorausgeht, schließlich allein den Speichelre ex des Pawlowschen Hundes aus. Der Glockenklang ist hier der abiotische Faktor, die Nahrung der biotische Faktor. Diese abiotischen Faktoren nun, die bedingte Re exe auslösen, nennt Pawlow Signale, und zwar »Signale des Ersten Signalsystems«. Wo immer also bei Pawlow und seinen Schülern von »Signalen des ersten Signalsystems« die Rede ist, sind damit abiotische Faktoren gemeint, von denen entsprechende biotische Faktoren dem Tier »signalisiert« werden. Wenn nun die Wörter – wie dies die Pawlowsche Sprachtheorie behauptet – »Signale der Signale« wären, d. h. Signale 5 0 8 T e i l I I I derjenigen anderen, ursprünglichen Signale, die das Erste Signalsystem bilden, dann würden sich die Wörter nur auf abiotische Faktoren beziehen, dann würden nur abiotische Faktoren mit Wörtern bezeichnet werden, dann würde die menschliche Sprache überhaupt nur Wörter für abiotische Faktoren enthalten. Tatsächlich werden aber nicht nur abiotische, sondern auch biotische Faktoren direkt mit Wörtern bezeichnet (z. B. alle Nahrungsmittel usw.). Schon aus diesem Grund ist die De nition der Wörter, ja, der Sprache überhaupt als »Zweites Signalsystem«, als System von »Signalen der Signale« schief. 2) Ein abiotischer Faktor kann dann Signal werden, wenn er eine Zeit lang wiederholt und regelmäßig mit einem biotischen Faktor verbunden auftritt. Mit den Wörtern werden aber auch Dinge und Vorgänge bezeichnet, bei denen das durchaus nicht der Fall ist. Wieso ist z. B. das Wort »Stehlampe« ein »Signal des Signals«, wenn doch die Stehlampe selbst kein Signal von irgend etwas ist? Der Glockenklang, der in dem Pawlow schen Experiment dem Hund die nahende Fütterung signalisiert – ja, das ist ein Signal. Aber was wird denn von der Stehlampe signalisiert, was vom Teppich, was vom Bücherschrank? Und doch werden alle diese Dinge, die in der Regel gar nichts signalisieren, mit Wörtern bezeichnet! Also sind die Wörter keine »Signale von Signalen«. 3) Ein abiotischer Faktor kann Signal werden, wenn er zu wiederholten Malen mit einem biotischen Faktor verbunden auftritt. Das Wort, mit dem eine Sache bezeichnet wird, p egt aber gerade nicht mit dieser Sache verbunden aufzutreten. Das Wort »Schlacht im Teutoburger Wald« zeigt z. B. nicht an, dass hier, jetzt gleich die Schlacht im Teutoburger Wald statt ndet, dass man sich folglich – bedingter Re ex – mit einem altgermanischen Schwert bewa nen muss. Im Gegenteil: Die Dinge, von denen wir reden, sind meistens gerade abwesend, sie gehören zum Teil – wie die Schlacht im Teutoburger Wald – einer längst versunkenen Vergangenheit an und werden nun in der Sprache und durch die Sprache »vergegenwärtigt«. Das ist ja gerade eine der wesentlichen Leistungen des Worts – dass es die abwesenden, nicht gegenwärtigen Dinge vertritt (repräsentiert) und es uns so ermöglicht, uns trotz ihrer Abwesenheit über sie zu verständigen. 4) Was heißt überhaupt »Signal«? Das Wort »Signal« in der Pawlowschen eorie der bedingten Re exe ist doch nur deswegen sinnvoll und tre end, weil der damit bezeichnete abiotische Faktor bei dem Tier, das ihn wahrnimmt, unmittelbar ein bestimmtes Verhalten auslöst, eine Reaktion – eben den bedingten Re ex. Ganz ähnlich löst etwa 5 0 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e das Pfeifsignal, das das Nahen eines Eisenbahnzugs ankündigt, bei dem Autofahrer ein Verhalten aus – er tritt auf die Bremse und bringt den Wagen vor der Bahnüberführung zum Stehen. Signale sind mithin wesensmäßig nicht nur dadurch charakterisiert, dass sie etwas signalisieren, sondern auch dadurch, dass sie bei demjenigen, dem sie es signa li sieren, ein entsprechendes Verhalten hervorrufen, eine Reaktion bewirken. Wenn man sich dies vor Augen hält, so wird klar, dass die Wörter überhaupt gar keine Signale sind, oder genauer gesagt – sie sind es nur ausnahmsweise, sie können es unter Umständen sein, sind es aber in der Regel nicht. Signalcharakter hat ein abiotischer Faktor dann, wenn er bei dem betre enden Lebewesen, für das er Signal ist, eine auf den signalisierten biotischen Faktor bezügliche Reaktion auslöst – eben den bedingten Re ex. Selbstverständlich kann das Wort unter Umständen auch solche Reaktionen auslösen, z. B. der Ruf »Feuer« im überfüllten Zuschauerraum eines eaters eine Panik; auch Befehle wie »Stillgestanden« oder »Hände hoch« haben sicher etwas vom Signal, und wenn von »Ananas mit Schlagsahne« gesprochen wird, mag manchem das Wasser im Mund zusammenlaufen wie dem Pawlowschen Hund beim Ertönen der bekannten Glocke. Pawlow im Medizinischen Institut, 1913 Aber all das ist nicht die Regel. In der Regel ist das Wort nicht Auslöser von Re exen, schlägt das Vernehmen des Wortes nicht in eine Aktion um, und zwar weder in eine instinktive, noch in eine bewusste, handlungsmäßige. Das Wort ist also primär nicht 5 1 0 T e i l I I I Signal, sondern etwas ganz anderes – es ist Symbol. Das Wort signalisiert die Dinge nicht, sondern es symbolisiert und repräsentiert sie, und dieses Symbolisieren und Repräsentieren kann, im Gegensatz zum Signalisieren, grundsätzlich folgenlos bleiben. 5) Während das Signal unmittelbar eine Reaktion auslöst (den bedingten Re ex), erweckt das Wort stets eine Vorstellung im Bewusstsein des angesprochenen bzw. sprechenden Subjekts – eine Vorstellung, welche die mit dem Wort bezeichnete Sache vermöge früher gelebter Emp ndungen, Wahrnehmungen usw. widerspiegelt. Diesen Charakter der Vorstellung hat der bedingte Re ex nicht, eben weil er Re ex ist, weil in ihm die Wahrnehmung des Signals unmittelbar in Aktion umschlägt. Beim Menschen ist die Aktion dagegen in der Regel gebremst: Zuhörend bzw. lesend handeln wir nicht, sondern lassen in uns ein Bild der Sache entstehen, von der die Rede ist, bilden uns über diese Sache ein Urteil – um dann vielleicht doch zu handeln, aber überlegt, von Erkenntnis geleitet. Das Wort als Signal au assen heißt, diesen qualitativen Unterschied im Verhalten von Mensch und Tier zu verwischen. 6) Die abiotischen Faktoren mit Signalcharakter sind vorgefundene Naturdinge, die von den Tieren nicht erst gescha en wurden und die auch dann existieren würden, wenn es die Tiere, für die sie Signale sind, gar nicht gäbe. Anders die Wörter: Die Wörter scha t der Mensch (die menschliche Gesellschaft in ihrer historischen Entwicklung) selbst – als bestimmt-artikulierte Laute, mit denen der Mensch die Dinge bezeichnet. Während also die Signale Naturerscheinungen sind, sind die Wörter Kulturerzeugnisse. Aus der Feststellung dieses qualitativen Unterschieds ergibt sich ein weiterer Einwand gegen die Pawlowsche Sprachtheorie: Pawlow verfehlt das Wesen der Sprache, weil er ganz einseitig vom Problem der Rezeptorik ausgeht und so die hohe motorische Schöpfer- und Lernleistung nicht sieht, die in jedem Wort steckt. Pawlow hat in genialer, bahnbrechender Weise die Erwerbrezeptorik der höheren Tiere entdeckt – das ist sein bleibendes Verdienst, das ihn zu einem der größten Naturwissenschaftler aller Zeiten macht. Und zur Erfassung des psychischen Lebens der Tiere reicht die Entdeckung auch aus. Aber den Menschen kann man von den Problemen der Rezeptorik allein her nicht erfassen. Was den Menschen auszeichnet, ist ja gerade die – auf der Grundlage des Übergangs zur Arbeit entstandene – Erwerbmotorik, und die ist auch für die Bestimmung des Wesens der Sprache von entscheidender Bedeutung. 5 1 1S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e Inwiefern stellt den der bedingte Re ex bei den höheren Tieren etwas qualitativ Neues dar gegenüber dem unbedingten Re ex? Das Neue liegt nur im Rezeptorischen: Das höhere, zur Ausbildung bedingter Re exe fähige Tier nimmt auch solche Außenweltreize auf und reagiert auf sie in lebensdienlicher Weise, an denen es »achtlos vorübergehen« würde, wenn es nur biotische Faktoren wahrnähme. Es sieht und hört und riecht also mehr, als für seine Gattung biologisch-unmittelbar bedeutsam ist, und dieses grundsätzliche Plus gegenüber niederen Tieren erwirbt es im Verlauf seiner individuellen Lebenserfahrung (während z. B. die Zecke von der Außenwelt nur zweierlei wahrnimmt – die Helligkeit, die sie zum Emporsteigen in Bäumen und Büschen veranlasst, und den Buttersäuregeruch von Säugetieren, die unter den Bäumen vorbeigehen und auf die die Zecke sich herabfallen lässt). Es gibt also bei den höheren Tieren eine im individuellen Lebensverlauf erworbene Rezeptorik; eine im individuellen Lebensverlauf erworbene Motorik dagegen gibt es bei ihnen nicht. Freilich unterscheidet Pawlow zwischen bedingten und unbedingten Re exen, und das scheint – auf den ersten Blick – ein Unterschied im Motorischen zu sein – denn der Re ex ist ja etwas Motorisches. Sieht man aber genauer hin, so erkennt man, dass zwischen dem bedingten Re ex und dem unbedingten Re ex, sofern sie Re exe sind, überhaupt kein Unterschied besteht. Bei dem berühmten Pawlowschen Hund ist es ja ein- und derselbe, an sich gänzlich unveränderte Re ex des Speichel usses, der sowohl durch den unmittelbaren Anblick bzw. Geruch der Nahrung ausgelöst werden kann (unbedingter Re ex, hervorgerufen durch den biotischen Faktor selbst) als auch durch den Klang der Glocke (bedingter Re ex, hervorgerufen durch den als Signal wirkenden abiotischen Faktor). Es ist also ein- und derselbe Re ex, es sind nicht zwei verschiedene Re exe. Der qualitative Unterschied liegt nicht im Motorischen, sondern nur im Rezeptorischen, und er besteht darin, dass eine lebensdienliche Erweiterung der Sphäre des Wahrgenommenen im Verlauf der individuellen Entwicklung erworben worden ist – eine Erweiterung, die es dem höheren Tier ermöglicht, von den lebenswichtigen Dingen (Nahrung, Geschlecht, Feind) umwegig und indirekt Kenntnis zu erhalten. Das ist schon sehr viel, es ist zweifellos eine erste Bedingung der Menschwerdung. Es ist sogar ein erster Keim des logischen Schließens. Aber es ist gänzlich verfehlt, von hier aus, von der Entdeckung dieser rezeptorischen Höherwertigkeit aus, nun unmittelbar den Menschen anzuvisieren, ohne zu sehen, dass 5 1 2 T e i l I I I beim Menschen noch etwas grundsätzlich anderes neu hinzukommt – nämlich eine erworbene und erlernte Motorik, ein gelerntes, eingeübtes Bewegungskönnen, dessen Regeln und Normen jedem menschlichen Individuum von der Gesellschaft tradiert und beigebracht werden. Und hierher gehört die Sprache! Liest man Pawlows Ausführungen zur Sprache, so hat man den Eindruck, dass es nur auf das Wahrnehmen (das Hören) der Wörter ankomme: Der Mensch hört halt Wörter, wie das Tier Signale wahrnimmt – beides rein rezeptive Vorgänge. Nur auf dieser Grundlage ist die Gleichsetzung von Wort und Signal zu Stande gekommen, nur auf dieser Grundlage konnte es geschehen, dass das Besondere des Wortes lediglich darin gesehen wird, dass es ein Signal zweiter Hand, ein »Signal des Signals« sein soll. Doch das Wort ist zunächst und vor allem gesprochenes Wort, der heranwachsende Mensch lernt vor allem sprechen, d. h. Laute nach normativen Mustern, die ihm die Gesellschaft (die Eltern usw.) übermitteln, künstlich zu artikulieren – unter mancherlei Zungenverrenkung und Plapperei. Und das gesprochene Wort ist allemal eine gelernte, erworbene, motorische Leistung – etwas, was es beim Tier gar nicht gibt, was es beim Tier ebensowenig gibt und geben kann wie die mannigfaltigen erlernten motorischen Leistungen, die zur Arbeit, zur Herstellung und zum Gebrauch des Werkzeugs und zu jeglicher Art menschlichen Handelns, menschlichen Könnens – vom Teetrinken bis zum Geigenspiel, vom aufrechten Gang bis zur Trapezakrobatik – erforderlich sind. In diesem Zusammenhang – im Zusammenhang der Gesamtheit erworbener motorischer Leistungen des Menschen, im Zusammenhang der Arbeit, des Handelns, der schöpferischen Aktivität, im Zusammenhang des Übernehmens und Weiterführens gesellschaftlicher Kulturüberlieferung durch das lernende Individuum – muss man die Sprache sehen, und dann erst kann es vielleicht sinnvoll sein, über irgendwelche Analogien nachzudenken, die im Bereich des Rezeptorischen zwischen dem gehörten Wort und den Pawlowschen Signalen bestehen mögen. 7) Die Signale sind an die signalisierten biotischen Faktoren gebunden. Lösen sie sich von ihnen auf die Dauer ab, so zerfällt der bedingte Re ex wieder. Die Wörter dagegen sind von den Dingen, die sie bezeichnen, ablösbar. Die Gesellschaft kann mit einem Wort unter Umständen auch dann noch einen jedermann verständlichen Sinn verbinden, wenn die betre ende Sache schon seit Jahrhunderten gar nicht mehr existiert. Die Wörter sind von den Dingen auch in der Hinsicht ablösbar, dass sie den Dingen abso- 5 1 3S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e lut äußerlich sind und daher jederzeit durch andere Wörter ersetzt werden können. Daher haben die verschiedenen Sprachen für ein- und dieselbe Sache verschiedene Wörter. Wo gibt es in der Sphäre der Pawlowschen Signale etwas, das dem auch nur vergleichbar wäre? 8) Die Wörter dienen dem Menschen als Mittel der Verständigung über die Dinge. Die Tiere aber haben keine Sprache, sie kennen keine sprachliche Verständigung untereinander – weder zwischen den Arten noch innerhalb derselben Art. also verständigen sie sich auch nicht mittels der Signale über die biotischen Faktoren. Sobald man das Wort als Verständigungsmittel de niert – als das, was es seinem Wesen nach ist –, erweist sich jede Analogie zwischen dem Wort und dem Pawlowschen Signal als absurd. 9) Richtig an der Pawlowschen Lehre vom Zweiten Signalsystem ist lediglich dies: Die Ausbildung der bedingten Re exe bei den höheren Tieren, die Fähigkeit, »das eine für das andere zu nehmen«, ist insofern eine Bedingung für die Entstehung der Sprache, (und mithin für die Menschwerdung unserer tierischen Vorfahren), als hier die Keime und Anfänge jener Indirektheit und Umwegigkeit des menschlichen Verhaltens zur Welt liegen, die sich in der Sprache – auf qualitativ neuer, höherer Stufe – vollenden. Wenn Pawlow mit seiner eleganten Formel, das Wort sei ein »Signal des Signals«, sagen wollte, durch die Sprache verhalte der Mensch sich zur Welt noch indirekter und umwegiger als das Tier durch den bedingten Re ex, dann wollte er etwas Richtiges sagen; aber tatsächlich hat er das nicht gesagt, sondern etwas anderes, das nur geeignet ist, das Wesen der Sprache zu verdunkeln. Pawlows Fehler ist, dass er den qualitativen Unterschied zwischen bedingtem Re ex und Sprache und mithin den Unterschied zwischen Tier und Mensch verwischt, dass er – mit anderen Worten – in der Erforschung des psychischen Lebens der Tiere zwar ein Bahnbrecher dialektisch-materialistischer Erkenntnis gewesen ist, aber vor dem historischen Materialismus, genauer: vor der dialektisch-materialistischen Anthropologie, haltgemacht hat und zu vulgärmarxistischen Vorstellungen herabgesunken ist. Sein Verdienst, den bedingten Re ex entdeckt und genial analysiert zu haben, wird davon freilich nicht berührt. Aber auf dieses Verdienst, so gewaltig es ist, reduziert sich auch Pawlows Bedeutung für den Aufbau und die konkrete Ausarbeitung der modernen materialistischen Weltanschauung. 5 1 4 T e i l I I I Die Extreme berühren sich. Zum Tod von Arnold Gehlen45 (1976) Frage: Der Tod Arnold Gehlens bringt mich zu der Frage: Wie soll ein Linker sich zu einem Konservativen im Gebiet des Geisteslebens, der Philosophie, stellen? Harich: Nicht in jedem Fall pauschal ablehnend. Karl Marx ist von dem konservativen preußischen Staatsphilosophen Hegel ausgegangen und hat aus dessen Geisteserbe alles Rationelle kritisch verarbeitet und weitergeführt. Die Einsicht, dass der Klassenkampf das Bewegungsgesetz der Geschichte sei, übernahm Marx von den Historikern der französischen Restaurationszeit, unter anderem von demselben Guizot, der, als konservativer Premierminister unter Louis Philippe, ihn aus Paris auswies. Balzac, dem legitimistischen Reaktionär, rühmten Marx und Engels nach, aus seinen Romanen mehr über die Geschichte und Struktur der französischen Gesellschaft gelernt zu haben als von allen Historikern und Ökonomen zusammengenommen. Frage: Betrachten Sie dies als vorbildlich noch für die Gegenwart? Harich: Im Falle Arnold Gehlens in hohem Maße. Allerdings sehe ich nach seinem Tode bei den Konservativen nur noch wenig, wovon zu lernen sich lohnte. Frage: Wird ihre Einstellung zu Gehlen von anderen Linken geteilt? Harich: Überprüfen Sie einmal, wie oft in Georg Lukács’ Eigenart des Ästhetischen Gehlen zitiert wird, und überzeugen Sie sich an den betre enden Stellen davon, dass dort über weite Strecken einen kritisch-produktive Aneignung Gehlenscher Anregungen statt ndet. Denken Sie ferner an Ernest Mandel, an dessen Marxistische Wirtschaftstheorie, die im ersten Kapitel ihre anthropologischen Grundaussagen ausdrücklich aus Gehlens Hauptwerk bezieht. Frage: Worin kann ein Marxist bei Gehlen rationelle Gesichtspunkte oder gar gesicherte Wahrheiten nden? Harich: Gehlens größtes Verdienst war es wohl, das Bild des Menschen erstmals umfassend und vollständig dualistischer Missdeutung entzogen zu haben, die bis dahin die philosophische Anthropologie beherrscht hatte. Dieser Dualismus sucht das spezi- sch Menschliche allein im Geist bzw. in der Seele. So geschah es, seit Sokrates, in der Antike. So verfuhr desgleichen die jüdisch-christliche Tradition. Und die Neuzeit brachte in dem Punkt keinen prinzipiellen Wandel. Im Gegenteil. Gerade Descartes trieb, mit seiner Zweisubstanzenlehre, den Dualismus auf die Spitze. An gelegentlicher Opposition dagegen hat es freilich nicht gefehlt. Ich denke an den Sophisten Protagoras, wie er uns aus zweiter Hand, durch Platon, überliefert ist, oder in der deutschen Aufklärung an Herder, den Gehlen übrigens seinem Vorgänger nannte, oder auch an 45 (AH) In: Frankfurter Rundschau, Nr. 44 vom 21. Februar 1976, S. 111. 5 1 5S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e gewisse Einfälle Feuerbachs, wie etwa den, dass der Mensch, mit dem Magen eines Tigers ausgestattet, einen tigerhaften Verstand haben müsste u. dgl. Doch solche Denkansätze blieben stets sporadisch, niemand arbeitete sie systematisch aus, philosophiehistorisch entbehren sie jeder Kontinuität. Noch bei Max Scheler und erst recht implizit in der Schichten-Ontologie Nicolai Hartmanns war die moderne philosophische Anthropologie durchaus dualistisch. Erst bei Gehlen hat die Leib-Seele-Geist- Einheit des Menschen aufgehört, für das theoretische Begreifen ein bloßes Postulat zu sein. Gehlen erst hat entdeckt, dass der Mensch durchgängig im ganzen ein der Natur gegenüber qualitatives Novum darstellt. Danach unterscheiden wir uns von der gesamten Tierwelt nicht nur als Vernunftwesen, sondern ebenso auch durch die Bescha enheit unserer Haut, den Bau unserer Zähne, den aufrechten Gang, die Eigentümlichkeiten unseres Antriebslebens usw., und in jeder Person hängen alle diese qualitativ neuen Momente untereinander zusammen und bedingen sich wechselseitig. Für die Grundlegung der Humanmedizin, der Psychologie, der Verhaltensforschung, der Charakterkunde usw. hatte das bahnbrechende Bedeutung. Frage: Bahnbrechend auch für den Marxismus? Harich: Es fügt sich in den dialektischen Materialismus harmonisch ein, vorausgesetzt, man fasst das, was bei Gehlen meist als Ausgangspunkt der Menschwerdung erscheint, umgekehrt als Resultat dieses Prozesses auf. Hier vor allem setzt die Kritik von Lukács an. Ganz nahe kommt Gehlen dem Marxismus aber darin, dass er den Menschen durchweg aus der Eigenschaft, handelndes Wesen zu sein, interpretiert. Ich erinnere nur an die Unterscheidung der Aktivitäten von Biene und Baumeister bei Marx, im 5. Kapitel des Kapitals, sowie an Engels’ Schrift Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en. Die enge Berührung ist um so erstaunlicher, als Gehlen davon bei der Abfassung seines Hauptwerks, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940), nichts ahnte. Und übertro en hat er die bisherige marxistische Forschung durch die genialen Einzelanalysen, die er aus seinem – und unserem – zentralen Ansatz herauszuholen wusste; so, wenn er etwa das Zusammenspiel von Auge und Hand im Erkenntnisprozess behandelt oder dem Wesen des Charakters auf den Grund geht. Frage: War Gehlen nicht 1940 erklärter Nazi? Und hat das keine Folgen für sein Werk gehabt? Harich: Obwohl er damals Nazi war – und zwar nicht aus Opportunitätsgründen, sondern aus nationalistisch-konservativer Überzeugung –, hat er faktisch in seinem Hauptwerk alle theoretischen Voraussetzungen des Rassismus zerschlagen. Seine durch nichts zu bestechende wissenschaftliche Aufrichtigkeit machte ihn da im eigenen politischen Lagers zu einem unbequemen, widerborstigen Nonkonformisten. Gegen 5 1 6 T e i l I I I jeglichen Biologismus ist das Werk sowieso gerichtet, insofern, als es den Menschen ja nicht als Instinktwesen gelten lässt, womit es auch die »blonde Bestie«, die damals im Schwange war, von den Grundlagen her in Frage stellt. Frage: Ein querköp ger Konservativer also. Harich: Genau. Und diese faszinierende Querköp gkeit begegnet uns in seinem Alter wieder. In den Nekrologen auf ihn hat man bis zum Überdruss, lobend oder tadelnd, seinen Konservatismus betont. Aber rechts wie links wurde nicht erwähnt, dass dieser Konservative bewundernden Respekt und Sympathie für die Sowjetunion hegte. Und gerade wenn sie sich unbeliebt machte, engagierte Arnold Gehlen sich für sie. Im Druck und auf dem Bildschirm erklärte er zum Beispiel volles Verständnis zu haben für den Einmarsch in die Tschechoslowakei und die Unterdrückung Solschenizyns. Auf negative Berichte aus den sozialistischen Ländern p egte er mit dem Satz zu reagieren: »Davon weiß ich nichts, denn das habe ich in den Zeitungen gelesen.« Die Sowjetunion – so prophezeite er – werde sich eines Tages als »die letzte Ordnungsmacht in Europa« bewähren. Frage: So eindeutig ist seine Stellung zum Marxismus jedoch nicht. Harich: Gehlen verhielt sich feindselig zu dem, was er den »liberalen Halbmarxismus« nannte, d. h. besonders zur Frankfurter Schule, namentlich zu Adorno. Er war auch ein hasserfüllter Gegner jeder Art von Anarchismus, und nichts ging ihm, dementsprechend, mehr gegen den Strich als die antiautoritäre Bewegung der ausgehenden sechziger Jahren. Sobald er aber eine Revolution in ihre konstruktive, ihre Aufbauphase eintreten und aus dem Chaos eine neue Ordnung errichten sah, da ng sie an, ihm Achtung abzunötigen. Mit Kommunisten als Opposition wollte er nichts zu tun haben. Kommunisten an der Macht dagegen imponierten ihm. Deshalb nden Sie in seinem ganzen Werk, von den Anfängen in der ausgehenden Weimarer Republik bis zu seinem Tode, nirgends eine Zeile gegen die Sowjetunion oder eines der sozialistischen Länder, und er hat auch nie ein Wort gegen die DDR geäußert. Frage: Fragt sich, ob einem Marxisten ein solcher Bundesgenossen erwünscht sein kann. Harich: Ja und nein. Die politische Philosophie Arnold Gehlens gehört sicher zum problematischsten und im wesentlichen doch wohl reaktionären Teil seiner Lebensleistung, die freilich in diesem einen Aspekt nicht aufgeht. Frage: Woran liegt das? Harich: Gehlen hatte in seiner Jugend den Marxismus nicht kennen gelernt und setzte sich auch später nie ernsthaft mit ihm auseinander. Er kam von Denkern wie Scheler und Driesch her. So beging er zeitlebens den fundamentalen Fehler, gesell- 5 1 7S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e schaftliche Prozesse in anthropologischen Kategorien nachzuvollziehen. Statt dass sein Bild des Menschen aus einem adäquaten Gesellschaftsverständnis erwachsen wäre, blieb umgekehrt die Soziologie bei ihm ein Anhängsel seiner Anthropologie. Nun entdeckte er, dass dem Menschen die Starrheit des instinktgeleiteten Verhaltens der Tiere abgeht. Darin sah er einen Vorzug – die Möglichkeit weltverändernden Handelns –, aber auch einen Nachteil – die konstitutive Unsicherheit und Ausartungsbereitschaft unserer plastischen, variablen Antriebsstruktur. Also müsse – so meinte er – der Mensch, um nicht nach allen Seiten zu zer ießen wie ein Brei, gleichsam auf Schienen gelegt bzw. es müssten ihm Korsettstangen eingezogen werden, und eben diese Außenstützung hätten die Institutionen ihm zu gewähren, die somit unter allen Umständen zu bejahen und zu verteidigen seien. Und die Wahllosigkeit, mit der Gehlen die Institutionen schlechthin bejaht, macht ihn reaktionär missbrauchbar, ja, lädt zum Missbrauch geradezu ein. Frage: Auf Gehlen also könnten Sie, als Verfechter kommunistischer Institutionen, sich berufen, und am selben Punkt könnten ebenso gut im Westen die Neokonservativen ansetzen. Harich: Was die Neokonservativen auch tun und worin ihnen kein Linker nacheifern wird, auch dann nicht, wenn es ihm auf den ersten Blick politisch als nützlich erscheinen mag. Denn Gehlen hat hier geschichtsfremd gedacht. Er ist nie mit dem – von Hegel und Marx auf den Begri gebrachten – Phänomen gedanklich fertig geworden, dass dieselbe Institution eine Zeit lang progressiv und historisch notwendig sein kann, um dann eines Tages, erstarrt und veraltet, zum Hemmschuh der Entwicklung zu werden. Nebenbei bemerkt, ist dies der Punkt, an dem ich 1970, in meiner Kritik der revolutionären Ungeduld, so heftig gegen Gehlen polemisiert habe.46 Frage: Heißt das, dass Sie Gehlen als philosophischen Anthropologen hoch schätzen und gleichzeitig seine Gesellschaftslehre total ablehnen? Harich: Eine solche Ablehnung wäre auch wieder zu einfach, da Gehlen, ungeachtet der zutiefst falschen Grundlagen seines soziologischen Institutionalismus, als Gesellschaftsdenker doch sehr tre ende Beschreibungen des Kulturverfalls der kapitalistischen Länder geliefert hat. So gehörte er zum Beispiel zu den brillantesten Kritikern des Modernismus in der Kunst. Seinem Buch Zeit-Bilder (1960) kann der Sozialismus überaus wertvolle Argumente für die Begründung seiner Kulturpolitik entnehmen. Das Werk ist ein einziges Wa enarsenal gegen die modernistische Zersetzung, für die Verteidigung des Kulturerbes einer großen Vergangenheit. Als ich es las, war ich blass vor Neid, dass der Verfasser, ein Konservativer, ein Klassenfeind, darin Dinge erkennt und 46 (AH) Das entsprechende Kapitel VI (abgedr. in: Band 8, S. 141–170) wurde bereits erwähnt. 5 1 8 T e i l I I I ausspricht, die ich seit jeher so empfunden hatte, aber zu formulieren nie im Stande gewesen war. Frage: In jüngster Zeit hat Erhard Eppler, in seinem Buch Ende oder Wende, zwischen einem Konservatismus der Werte, den er gutheißt, und einem Konservatismus der Strukturen unterschieden.47 Fällt für Sie von da her Licht auf die Beurteilung Arnold Gehlens, seiner Stellung in seiner Zeit? Harich: Eppler ist einer der besten Köpfe der heutigen Sozialdemokratie. Seine Formel gibt in der Tat der ganzen Linken, über alle ihre Parteien- und Gruppenschranken hinweg, einen wesentlichen Maßstab zur sachgerechten Bewertung des Vermächtnisses von Gehlen an die Hand. Eppler illustriert seine Unterscheidung unter anderem durch das Beispiel: »Um die Gesundheit der Kinder zu erhalten, muss man eine Struktur, nämlich die der Schule, verändern.« Man hat danach ein konservatives Motiv, gerichtet auf einen Wert: die Gesundheit der Kinder, und die Veränderung der Struktur ist das Mittel, diesen Wertkonservatismus durchzusetzen. Ausgezeichnet, nur bleibt Eppler leider, als typischer Sozialdemokrat, stets im Reformismus stecken. Ich sage demgegenüber: Um die Werte zu erhalten, bedarf es der Revolution. Doch von diesen Gegensatz abgesehen, nde ich: Die Linke kann gar nicht konservativ genug sein hinsichtlich der Erhaltung des Lebens auf der Erde, der Lebensgrundlagen des Homo Sapiens, und eben deswegen muss sie dafür kämpfen, dass im Westen das kapitalistische System, mit seinem Pro- tstreben, seiner Marktanarchie, verschwindet und so auch der Sozialismus im Osten befreit wird von dem Zwang, dem Druck dieses Systems standhalten zu müssen, ja, mit ihm zu konkurrieren. Im Zeitalter der ökologischen Krise hat die Weltrevolution vor allem diesen einen, wertkonservativen Sinn. Frage: Und wie dächte Gehlen darüber? Harich: Der Tod hat ihn daran gehindert, Epplers Parole noch zu durchdenken. An der Schwelle dieser neuen Problemstellung ist Gehlen gestorben, was um so tragischer ist, als man gerade in seinem – philosophiegeschichtlich zu früh abgebrochenen – Le- 47 (AH) Siehe hierzu die entsprechenden Verweise des 8. Bandes und in Harichs letztem Werk: Nietzsche und seine Brüder (Neuabdr. in: Band 12). Erhard Eppler auf dem Bundesparteitag der SPD in Hannover, 1973 5 1 9S t u d i e n u nd B r i e f e z u r Ant hr o p o l o gi e benswerk beide Konservatismen neben- und durcheinander ndet. Zum Konservatismus der Werte hat Gehlen hervorragend beigetragen, und dass er da noch Zeitgemäßes in petto hatte, erhellt aus einer Äußerung, die er im Januar 1974 im Fernsehen tat. Er sagte sinngemäß, dass die Umweltschutzmaßnahmen, mit denen man neuerdings die schädlichen Nebenwirkungen des technisch-industriellen Fortschritts abzufangen suche, konservativ im besten Sinne seien. Daneben aber stehen leider große Passagen seines Werks, die o ensichtlich ganz auf den Konservatismus der Struktur eingeschworen sind. Und hier ist Gehlen mitunter nicht bloß konservativ, sondern reaktionär mit unleugbar faschistischen Zügen. Indes hat dieser Mann sein Lebtag lang bewiesen, dass er im im Stande war, selbst aus für ihn entlegenen Ecken neue Anregungen aufzugreifen und produktiv zu verarbeiten, so dass die Diskussion mit ihm über den Doppelbegri von Konservatismus sich zweifellos gelohnt hätte – für ihn wie für uns. Frage: Dazu ist es nun zu spät. Harich: Es ist zu spät, nicht, weil Gehlens Leben sich verändert hätte, sondern weil es, ohne sich im Geistigen erschöpft zu haben, abgebrochen ist. Daher bleibt es dabei, dass wir Marxisten diesen Denker gleichzeitig beerben und schonungslos bekämpfen müssen. Faule Kompromisse mit ihm sind nicht möglich, wohl aber Polemiken, die ihm zugleich sein Bestes zu entreißen wissen und nichts davon, keine Silbe, an seine rechten Adepten verschenken.

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Zusammenfassung

Seit Ende der 40er Jahre setzte sich Wolfgang Harich intensiv mit naturwissenschaftlichen und anthropologischen Problemstellungen auseinander. Dabei ging er der Frage nach, ob der Marxismus eine eigenständige Lehre vom Menschen benötige. Um 1950 entstand dann der Kontakt zu Arnold Gehlen, die Brieffreundschaft der beiden hielt bis zum Tod Gehlens. Über alle weltanschaulichen Diskrepanzen hinweg korrespondierten die beiden über wissenschaftliche Fragen und in zunehmendem Maße auch über Privates. In den 80er Jahren entdeckte Harich dann, dass Gehlens Hauptgedanken mit denen von Paul Alsberg, der als Jude aus Hitlerdeutschland emigrieren musste, übereinstimmen und wendete sich von Gehlen ab.

Der Band enthält nach drei einleitenden Aufsätzen und Manuskripten Harichs dessen erhaltene Briefe an Arnold Gehlen. Außerdem werden seine weiteren Studien zur Anthropologie präsentiert. Abschließend wird dann sein Eintreten für Paul Alsberg vorgestellt.