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Teil II. Briefe an Arnold Gehlen in:

Wolfgang Harich

Arnold Gehlen, page 241 - 376

Eine marxistische Anthropologie?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4126-0, ISBN online: 978-3-8288-6960-8, https://doi.org/10.5771/9783828869608-241

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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T e i l I I B r i e f e an Ar no l d G e hl e n 2 4 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Brief an Arnold Gehlen1 (08. März 1952) Sehr verehrter Herr Professor! Ich habe soeben sowohl den Aufsatz von Frau Dr. Mahn, als auch Ihre Stellungnahme dazu, die Sie mir freundlicherweise zuschickten, gelesen. Eine auch nur halbwegs erschöpfende Stellungnahme zu der ganzen Diskussion ist mir selbstverständlich zur Stunde noch nicht möglich. Sehr vieles will gründlich durchdacht sein, und es fehlt mir momentan auch an Zeit, mich so gründlich damit auseinander zu setzen, wie es sachlich erforderlich wäre. Außerdem möchte ich zunächst den Brief abwarten, den Sie mir in Aussicht gestellt haben. Falls Sie dort auf meine Anfragen und kritischen Bemerkungen des Näheren eingehen sollten, so würde ich es vorziehen, Ihren Brief in die Betrachtung der Diskussion gleich mit einzubeziehen, damit nicht dasselbe doppelt und dreifach gesagt wird. Heute nur ein paar Worte zu dem »Telos« und der Lebensdienlichkeit. Meine Ansicht hierzu ist folgende: Ist es zulässig, von Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit usw. in der Natur zu sprechen? Ich glaube nicht. Was uns als Zweckmäßigkeit in der Natur erscheint, ist in Wirklichkeit Resultat der Ausmerzung des Unangepassten. So erklären sich auch die mannigfaltigen Phänomenen, die sich mit der Kategorie der Zweckmäßigkeit nicht fassen lassen. Stalin sagt einmal, es verändere sich in der Welt alles, aber es verändere sich nichts, ohne dass ein besonderer Grund dafür vorliegt. Bei der Ausmerzung des Unangepassten wird eben nicht die Art eindeutig auf Zwecke »zugeschnitten«, sondern es werden Eigenschaften kausal »abgeschli en«, die dem Leben-Können unter bestimmten Umweltverhältnissen im Wege stehen. Dabei bleibt vieles erhalten, was zwar nicht lebensdienlich, aber auch nicht lebensstörend ist, und was dann als »zweckfrei« im Sinne einer Ausnahme von der Regel erscheint. Im einzelnen Fall bedürfen diese »zweckfreien« Phänomenen (die eben nur rätselhaft sind, wenn man von einem biologischen Teleologismus ausgeht) einer besonderen Untersuchung (zum Beispiel die bunten Flügel der Schmetterlinge oder das Neugierverhalten des Raben oder unser Blinddarm, unsere Fingernägel, Barthaare, die ja auch nicht unbedingt nötig sind). Es muss im Einzelfall festgestellt werden: Handelt es sich um Residuen einer früheren Stufe der Angepasstheit, um Residuen, die über üssig geworden sind, ohne störend zu sein, und die sich deshalb erhalten konnten? Oder 1 (AH) 10 Blatt, maschinenschriftlich, 08. März 1952. 2 4 4 T e i l I I liegt diesen Phänomenen doch ein verborgener »Sinn« zu Grunde, d. h. eine verborgene Beziehung zu den gegenwärtigen Lebensbedingungen der Art. Beides ist möglich. Jedenfalls ist die Zweck-Kategorie bei der Betrachtung der Natur falsch. Sie ist von uns – auf Grund unserer Nahstellung zu zweckbestimmten Phänomenen wie Arbeit, zielgerichtetes Handeln – auf die organische Natur übertragen worden. Sie lässt »eine Fülle von Realität außer sich«, um es à la Hegel auszudrücken. Allerdings ist sie in Grenzen – aber auch nur in Grenzen – brauchbar und in der Medizin sogar praktisch bewährt. Wir werden sie auch nie absolut überwinden können, denn es ist eben unmöglich, bei jedem Gegenstand aus dem Bereich des organischen Lebens die verwickelte Kausalität, die dem scheinbaren Telos zu Grunde liegt, bis ins Letzte aufzudecken. Aber die Aufgabe, dies zu tun, besteht nichtsdestoweniger, sie kann seit Darwin von niemandem mehr übersehen werden, und wenn wir im gegebenen Fall von Zweckdienlichkeit sprechen, so müssen wir uns zumindest im Stil der Kritik der Urteilskraft darüber klar sein, dass es sich um eine »Als ob«-Kategorie, eine Fiktion handelt. (Die Sprache lässt uns leider keine andere Möglichkeit als die, den Telos in Bezug auf das organische Leben in ausdrückliche Gänsefüßchen zu setzen.) Was den Menschen betri t, so ist das eigenartige dies: Er gelangt zu einem wirklichen Telos (nämlich zum zweckgerichteten Handeln) gerade dadurch, dass er aus dem Rahmen des naturgegebenen, scheinbaren Telos (des Telos in Anführungszeichen) herausfällt, respektive umgekehrt: Er fällt aus dem Rahmen des naturgegebenen, scheinbaren Telos dadurch heraus, dass er zum wirklichen Telos gelangt. (Beides sind zwei Seiten einer Sache: Der Abbau natürlicher Angepasstheit ist das Resultat des Überganges zur Arbeit, zum Handeln, und der Übergang zur Arbeit, zum Handeln ist erzwungen durch den Verlust natürlicher Angepasstheit.) Dabei darf man zweierlei nicht übersehen: 1. Die natürliche Angepasstheit geht bei Menschen keineswegs restlos verloren: a) Der scheinbare Naturteleologismus bleibt im menschlichen Organismus soweit erhalten, soweit er als materielles Substrat auch der menschlichen, der qualitativ neuartigen Art und Weise der Existenzfristung unentbehrlich ist (daher Hunger, Geschlechtstrieb), b) erhalten bleibt mehr oder weniger alles, was der spezi sch menschlichen Existenzfristung nicht im Wege steht (daher unsere gänzlich »über üssigen« Finger- und Fußnägel, unsere Barthaare usw.). Auf Grund dieser Phänomene hat die ontologische 2 4 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Schichtentorte nach wie vor ihre partielle Berechtigung:2 Es gibt in der Tat Organisches auch am Menschen, was mit den gleichen Kategorien begri en werden kann (und begri en werden muss) wie das sonstige organische Leben. Die Schichtentorte wird nur falsch, wenn sie über der Kontinuität des Organischen (die von den Viren bis zum menschlichen Organismus reicht) die somatische Seite der Besonderheit des Menschen vergisst. Die spezi sch menschliche Art der Lebensfristung setzt eben einen spezi sch menschlichen Organismus ebensowohl voraus, wie sie ihn zum Resultat hat. Dieser Organismus kann eben nur teilweise mit den organologischen Kategorien erfasst werden, die für die Tierwelt gelten. Die Phänomene der Unangepasstheit, der Instinktschwäche, der Organprimitivität, der Retardation usw., die auch materiell aufgewiesen werden können, sind eben etwas qualitativ völlig Neuartiges, müssen als etwas spezi sch Menschliches mit spezi schen Kategorien analysiert werden, und man kann sie nur verstehen, wenn man ihren untrennbaren Funktionszusammenhang mit den geistigen Tätigkeiten und Eigenarten des Menschen (Arbeit, Sprache, Handeln, Denken, »Exzentrizität« im Sinne Plessners usw.) versteht. Ihr großes, bleibendes Verdienst, sehr verehrter Herr Professor, besteht eben darin, dass Sie diese Phänomene genial aufgezeigt und gegen die ontologischen Körper-Seele-Geist-Schichttorten geltend gemacht haben. Dabei haben Sie freilich, verführt von der eigenen Entdeckung, die Sache überspitzt und so dargestellt, als ob der menschliche Organismus buchstäblich mit Haut und Haaren in den anthropologischen Kategorien, die Sie entwickeln, aufginge, und er geht eben nur mit der Haut darin auf, mit den Haaren nicht. Doch diese Überspitzungen liegen in der Natur einer großen Entdeckung, sie sind nicht das Wesentliche, sie werden entweder von Ihnen selbst oder von späteren Schülern und Epigonen (ich möchte meinen: von den Marxisten, denen die Zukunft gehört) kritisch abgebaut und revidiert werden. Entscheidend ist die Entdeckung, und die bleibt. 2. Man darf nicht übersehen, dass das »Zweckfreie« in der Natur auf einer ganz anderen Ebene liegt als das Zweckfreie im Verhalten des Menschen. In der Natur geht die Ausmerzung des Unangepassten nicht zweckmäßig von statten, und deshalb kann 2 (AH) Auf die hier gemeinte Ontologie Nicolai Hartmanns und Max Schelers wurde bereits verwiesen. Im 10. Band nden sich viele Querverweise, auch auf Gehlen, zu diesem ema. 2 4 6 T e i l I I biologisch Über üssiges existieren oder unter Umständen als Begleiterscheinung irgend eines Anpassungsvorgangs – von diesem aus gesehen »zufällig« – neu entstehen. Im menschlichen Bereich liegen die Dinge ganz anders: Hier führt die Mannigfaltigkeit möglicher Motivationen des Handelns, die durch den Antriebsüberschuss gegeben ist, und die Mannigfaltigkeit der Zwischenhandlungen, die zwischen Absicht und Ziel dazwischengeschaltet werden, zu einer relativen Verselbständigung von Neigungen, Handlungen, Handlungsabläufen usw., die sich vom unmittelbar Lebensdienlichen unter Umständen so weit entfernen, dass ein Zusammenhang beim besten Willen nicht mehr nachgewiesen werden kann. Was heißt denn überhaupt lebensdienlich beim Menschen? Der Säufer und Wüstling sind Grenzfälle, die dem tierischen Beherrschtsein von den Trieben o enbar am nächsten stehen. Ist ihr Verhalten lebensdienlich auch nur für sie selbst? Der Revolutionär Blanqui, der sich Jahrzehnte in den Zuchthäusern Napoleons III. gefangenhalten ließ, obwohl er seiner Idee »nur« hätte abzuschwören brauchen, um frei zu werden, der Revolutionär Julis Fucik, der sich lieber zwei Jahre lang wöchentlich von der Gestapo foltern ließ, als seine Genossen zu verraten, haben o enbar ein Maximum an Verleugnung vitaler Bedürfnisse auf sich genommen. Kann man sagen, dass ihr Verhalten nicht lebensdienlich war? War es nicht lebensdienlich für die Arbeiterklasse? War es nicht auch lebensdienlich (wenn auch nicht gerade im biologischen Sinne) für sie selbst? Entweder man beschränkt sich bei der Analyse »des« Menschen auf ein als Modell fungierendes allgemeingültiges Individuum, dann kann man nur sagen, dass mit dem Antriebsüberschuss und mit dem Reichtum an Zwischenhandlungen, die zum Selbstzweck werden können, eine unabsehbare Fülle an möglichen Motivationen gegeben ist (von der Onanie bis zum Heldentum), die nur zum Teil als biologisch angesehen werden können, und von denen auch die triebhaften nur zum Teil lebensdienlich sind. Oder man spricht von der menschlichen Gesellschaft, dann muss man spezi sch gesellschaftliche Kategorien herausarbeiten, die es gestatten, die vom gesellschaftlichen Leben produzierten Motivationen der Individuen sachgemäß zu bestimmen. Das Schwierige ist eben, dass der Mensch sich der Zuordnung zu einem bestimmten Wissensgebiet entzieht. Er gehört zur Natur und zur Gesellschaft, aber er geht als Ganzes nicht nur in den Disziplinen der Natur- und der Gesellschaftswissenschaft nicht auf (obwohl sie für seine Erforschung unentbehrlich sind), sondern er besteht auch nicht einmal aus säuberlich geschiedenen Bereichen, von denen sich der eine der Na- 2 4 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n turwissenschaft, der andere der Gesellschaftswissenschaft zuordnen ließe. Die biologischen Kategorien, deren man zu seiner Erforschung bedarf, haben einen spezi sch anthropologischen Einschlag, der mit den gesellschaftlichen Kategorien in untrennbarem Zusammenhang steht, und die gesellschaftlichen Kategorien wiederum, die für die Analyse von Menschengruppen (Klassen, Nationen usw.) angemessen sind, werden falsch und schief, so bald man mit ihnen die nur am Individuum greifbaren Wesenszüge des Menschen zu erfassen sucht. Die Isolierung der zu einer konkreten Einheit zusammengewachsenen Bestimmungen ist unentbehrlich, führt aber auf Schritt und Tritt zu Einseitigkeiten und Fehlern. Bei der Frage des Lebensdienlichen müssen, glaube ich, zwei Gegner bekämpft werden: Einerseits der Idealismus, der die Eigenarten des Menschen mit Kategorien wie »Geist« etc. substanzialisiert und damit jeder rationellen, wissenschaftlichen Erklärung dieser Eigenart den Weg abschneidet, andererseits der Vulgärmaterialismus, der dem ganzen Reichtum menschlicher Geistesschöpfung das »letzte Ziel des Brockens und Beissens« unterstellt (oder wie Freud: den Sexus). Diese beiden Gegner leisten sich im Übrigen wechselseitig Vorschub: je mehr der eine sich »metaphysisch« spreizt und mit der Religion kokettiert, desto »aufgeklärter« darf sich ungestraft der andere vorkommen. Und umgekehrt: Je dümmer und primitiver wiederum der andere ist, desto mehr sieht sich der eine in seinen metaphysisch-religiösen Hirnwebereien bestätigt. (In der ontologischen Schichttorte sind übrigens beide eklektisch miteinander versöhnt: »Unten« tierischer Organismus, »oben« substanzialisierter Geist, Ethos, »Wertemp nden«, sittliche Autonomie usw., und es gilt demnach die alte Spießerlitanei: Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel!)3 Wie kann man diese beiden Gegner nebst ihrer ontologischen »Synthese« erfolgreich schlagen? Ich glaube: Nur dann, wenn man streng kausal nachweist, wie aus ursprünglich biologischen Ursachen (biologisch im Sinne der Welt des Tieres) die relative Loslösung aus dem Nur-Biologischen entstanden ist, wie das relativ Losgelöste (die neue Qualität des Menschen) rückwirkend auch das biologische Substrat grundlegend verändert (vermenschlicht) hat, wie dieses veränderte biologische Substrat (dieses unangepasste, teils primitivisierte, instinktschwache) – wiederum rückwirkend – sich als Bedingung weiterer Menschwerdung und als Zwang zu weiterer Menschwerdung, d. h. als Zwang zur Ausbildung und Komplizierung der spezi sch menschlichen Art 3 (AH) Zu diesem emenkomplex siehe Harichs Notizen aus den letzten Jahren seiner Haftzeit (abgedr. in: Band 10, S. 816–866, ergänzend: Band 2, S. 757–776). 2 4 8 T e i l I I der Lebensfristung, auswirkte, und wie sich im Verlauf der Entwicklung dann die Konsequenzen dieses »Sprunges in eine neue Qualität« relativ verselbständigten und sich als spezi sch gesellschaftliche Determinanten den biologischen überordneten. Diese Aufgabe erfordert meines Erachtens ein neues Buch über den Menschen, ein neues Buch, in dem alle unbestreitbaren Errungenschaften des alten fortbesteht sollten, in dem aber die folgenden Gesichtspunkte maßgebend sein sollten: 1. Eine positive Antwort auf das Problem der Menschwerdung unter Weiterentwicklung der eorie von Engels (Übergang zur Arbeit als Quelle der Menschwerdung); 2. Herausarbeitung der historisch wandelbaren, von der Gesellschaft und ihren verschiedenen Entwicklungsstufen produzierten Motive, mit denen der höchst plastische, höchst wandelbare Antriebsüberschuss »besetzt« wird. (Als dritten Gesichtspunkt würde ich noch hinzufügen – aber das ist ein ema für einen besonderen Brief: Die Aufgabe Nummer zwei darf nicht und auf keinen Fall im Sinne eines historischen oder soziologischen Relativismus missverstanden werden: Die philosophischen Ideen sind zwar auch, aber nicht nur einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe »nützlich«, sondern sie haben auch objektiven Wahrheitsgehalt, sind Stufen der Entwicklung des Wissens und müssen als solche gewürdigt werden.4 Ebenso steht es mit den »Moralen«, die abgesehen von ihrer unmittelbaren historisch-gesellschaftlichen Funktion der fortschreitenden Menschwerdung des Menschen, die nie abgeschlossen sein wird, dienen – wenn Sie wollen im Sinne von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts!) Ich will nicht sagen, dass das in Ihrem Werk »fehlt«. Ein Buch ist kein Warenhaus, und eine geniale Entdeckung hat Anspruch auf fragmentarische Ausführung, hat Anspruch sogar auf falsche Verabsolutierungen des neugewonnenen Gesichtspunkts. (In dieser Hinsicht hat Frau Mahn mit ihren Beanstandungen ganz gewiss unrecht!) Aber geleistet werden muss diese Erweiterung und Weiterentwicklung, wenn nicht von Ihnen 4 (AH) Diese Überlegung gehört zu den Grundlagen von Harichs Denken. In den fünfziger Jahren geriet er wegen dieser Einstellung gegenüber dem bürgerlichen (aber auch dem sozialdemokratischen usw.) Erbe in die Kritik der Partei. Übernommen hatte er diese Einstellung von seinen akademischen Lehrern Nicolai Hartmann und Eduard Spranger. Im Aufbau-Verlag bemühte er sich in diesem Sinne durchaus erfolgreich um die Edition solcher »Gipfelleistungen« bürgerlichen Scha ens. (Siehe: Band 1.3, S. 1581–1650.) Die Sache war ihm so wichtig, dass er noch in den siebziger und achtziger Jahren Pläne und Gutachten verfasste (nun vor allem für den Akademie-Verlag). Einige dieser Pläne, Einleitungen usw. kommen in der Edition zur Präsentation, so, um nur ein Beispiel zu nennen, ausführlich zum Sozialutopischen Erbe (siehe: Band 6.2, S. 1168–1179). 2 4 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n selbst, so von anderen. Wenn Sie selbst sie leisten wollen, müssten Sie sich allerdings – wie ich glaube – mit dem Marxismus vertraut machen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will Sie nicht politisch »werben«, Sie nach dem »Osten« locken oder dergleichen. Ich will Sie nicht einmal – wie gern ich es auch täte – zu einer wohlwollenden Haltung zu meiner Partei veranlassen, Sie um eine Unterschrift für eine Friedensresolution usw. werben. Sie können politisch denken, was und wie Sie wollen, und auch wenn Sie der schwärzeste Reaktionär wären, ein Busenfreund von Herrn Adenauer oder was weiß ich – durch Ihre Leistung sind Sie sozusagen ein für alle Mal selbst zu einer unverlierbaren Entwicklungsstufe des objektiven Wissens geworden und werden es durch nichts mehr verhindern können, dass den kommunistischen Studenten von morgen und übermorgen die positiven Errungenschaften aus dem Menschen als obligatorischer Prüfungssto abgefragt werden. Nein, nicht um Politisches geht es mir, sondern darum, dass der »Sokrates und Asklepios in Einem«, nach dem Sie rufen, bereits längst existiert: Er heißt Marx. Ohne Marxismus können Sie die Frage – Biologisch oder nicht und wie weit und in welchem Sinne biologisch? – einfach nicht beantworten. Ohne Marxismus können Sie weder den Vulgärmaterialismus, noch die Vulgarismen der Psychoanalyse, noch die ontologische Schichttorte, noch die metaphysisch-idealistischen Schrullen von Litt, noch den Biologismus erledigen. Ohne Marxismus können Sie sich auch nicht von den Irrtümern des soziologischen und historischen Relativismus und des soziologisierenden Pragmatismus freimachen. Aber mit Marxismus könnten Sie eine Leistung vollbringen, die in historischer Bedeutung etwa der Hegelschen Phänomenologie gleichkäme. Zunächst einmal handelt es sich dabei um die einfache Ausfüllung einer – verstehen Sie! – Bildungslücke. Wenn Sie das Werk von Marx, Engels, Lenin und Stalin kennen würden, so würden Sie den folgenden Satz wahrscheinlich nicht zu Papier bringen, ohne sich ein wenig zu schämen: »Aber welches sind die tre enden soziologischen Kategorien? Denn diese sind uns ziemlich erst zum kleinen Teil bekannt, und so konnte ich (!) bisher erst zwei oder drei beitragen.« Ein paar Zeilen vorher sprechen Sie, was mich sympathisch berührt hat, von »gewissen Machwerken der abstrakten Kunst«. Nun, an diesen will ich Ihnen einmal zu zeigen versuchen, dass die »tre enden soziologischen Kategorien« x und fertig zu Ihrer Verfügung stehen. Wir Marxisten erklären diese Machwerke folgendermaßen: 2 5 0 T e i l I I 1. Der Kapitalismus unterwirft die Kunst den Gesetzen der Warenproduktion. Daraus folgt: Produktion von leicht verkäu icher Pseudokunst (Kitsch, Kriminalromane, reißerische Filme, Pornographie usw. usw.). Die Produktion dieser Pseudokunst orientiert sich auf den schlechten Geschmack der breiten Massen und reproduziert diesen schlechten Geschmack. 2. Der Kapitalismus hindert die ausgebeuteten Werktätigen daran, sich die Schätze der Kultur und Bildung anzueignen, hindert sie an der Entfaltung eines hohen ästhetischen Geschmacks und liefert sie damit der korrumpierten Pseudokunst aus. 3. Ein Teil der ernsthaften Kunstscha enden verliert angesichts des allgemeinen Banau sen tums, das den Ton angibt, die demokratische Orientierung und ieht in Menschenverachtung, l’art pour l’art und ausgeklügelte Atelierprobleme. 4. Der untergehende Kapitalismus produziert Ideologien, die den Intellektuellen die Möglichkeit rein intellektueller »Rebellionen« vortäuschen. Diese »Rebellionen« verleihen das stolze Gefühl, »radikal« zu sein, und sind trotzdem sehr bequem, weil sie die Unbequemlichkeiten des Kampfes für die wirklich radikale Sache, für den Kommunismus, sozusagen ersparen. Solche »Rebellionen« sind: Nietzsches Schmähungen auf die Liberalen, der Trotzkismus und auch die abstrakte »Kunst«. Oftmals werden damit wirklich rebellische Tendenzen, ehrlich rebellische Tendenzen, ehrlicher Abscheu gegen Spießerei usw. abgefangen und entweder ins Harmlose abgelenkt oder sogar (siehe die »nationale Revolution« der Faschisten) unmittelbar der nstersten Reaktion dienstbar gemacht. 5. Die abstrakte »Kunst« trägt dazu bei, dass die Volksmassen dem Kitsch und Schund ausgeliefert bleiben, weil sie die Schwerverständlichkeit der Kunst ins Extreme steigert. 6. Die untergehende Bourgeoisie kann die Wahrheit in der Kunst nicht vertragen, deshalb begünstigen ihre Klasseninteressen sowohl süßliche Idealisierungen des Lebens, als auch abstrakte Verzerrungen der Wirklichkeit. 7. Die untergehende Bourgeoisie hat keine Ideen mehr, sie hatte die alten Ideen ihrer eigenen revolutionären Epoche entweder über Bord geworfen oder zu heuchlerischen Phrasen werden lassen, kann also der Kunst keine ideellen Impulse mehr geben. 2 5 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n 8. Da das Bedürfnis nach etwas Neuem – wenn auch unklar und verworren – in der Gesellschaft lebendig ist, da sich aber wirklich Neues, schöpferisch Neues mit den Interessen der Herrschenden nicht verträgt, werden Surrogate des Neuen (Moden, inhaltslose Originalität um jeden Preis) angebetet. 9. Dies alles ist natürlich von niemandem beabsichtigt, sondern vollzieht sich – wie alle kollektiven Entwicklungsprozesse im Kapitalismus – spontan, mit elementarer »Naturgewalt«, und je weniger sich die Beteiligten über die letzten Ursachen und Zusammenhänge im Klaren sind, desto ohnmächtiger stehen sie dem allen gegenüber. 10. Die Katastrophen des Zeitalters (Weltkriege, Weltkrisen) werden von denen, die ihnen nicht auf den Grund gehen – auf den ökonomischen Grund – als ausweglose Apokalypse missverstanden, und diese Mysti zierung der nicht begri enen Realität kommt ebenfalls in der ästhetischen Formzertrümmerung der Abstrakten zum Ausdruck. Da haben Sie die »soziologischen Kategorien«, nach denen Sie fragen, verehrter Herr Professor! Es kommt nur darauf an, die oben angeführten zehn Momente nicht isoliert zu nehmen, sondern in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, in ihrer gegenseitigen Verzahnung und Verschlingung zu begreifen – und das eben heißt dialektisch denken –, und man erkennt, durch welche konkreten Vermittlungen die ökonomische Basis ihren Ein uss auf das geistige Leben durchsetzt, und mit welchen historischen – nicht absoluten, nicht schlechthin menschlichen – Motiven sie den Antriebsüberschuss etwa der Künstler oder ihrer snobistischen Bewunderer besetzt. Die Ursache letzter Instanz: Dass der Kapitalismus, der einmal Entwicklungsbedingung der Produktivkräfte gewesen ist, zu deren entscheidendem Hemmnis geworden und ins Stadium allgemeiner Fäulnis, Zersetzung, allseitigen Niedergangs eingetreten ist. Freilich: Das alles darf nicht vulgär, nicht soziologisch-schematisch aufgefasst werden. Nichts wäre falscher, als die Entscheidungen der Individuen aus ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener Klasse, aus ihrem »Milieu« ableiten zu wollen. Die Entwicklung der Klassen wird durch deren ökonomische Interessen bedingt, aber das Handeln der Individuen folgt anderen Gesetzen. Es gibt Denker, die – obwohl bürgerlich – um Wahrheit ringen und sich der existenzialistischen Verseuchung, dem »Nichts« (Passage nicht lesbar, AH), entgegenstemmen. (Sie und der selige Nicolai Hartmann gehören dazu, ferner Max Hartmann.) Es gibt Künstler, die den Realismus und die ästhetischen Werte verteidigen, Künstler, die gegen den Strom schwimmen (gegen den Kitsch sowohl 2 5 2 T e i l I I wie gegen die abstrakten Scheinrebellionen und den Snobismus). Es gibt durch und durch bürgerliche Menschen, die ein mutiges Nein zum Krieg sagen und dafür einstehen. Aber warum kann es das geben? Weil der Mensch eben in keinem Sinne »festgestellt«, »festgelegt« ist, weder biologisch durch Triebe und Instinkte, noch auch soziologisch durch die Zugehörigkeit zu einer Klasse, durch ein »Milieu«. Beim Durchschnitt der Individuen einer Klasse ist die Antriebsstruktur zwar von klassenmäßig bestimmten Motiven besetzt, vor allem dort, wo politische und soziale Entscheidungen zu fällen sind. Aber in der Gesellschaft als konkreter Totalität sind eben nicht nur diese möglichen (und im Durchschnitt herrschenden) Motive wirksam, sondern auch ganz andere: Humanistische Ideen aus früheren Zeiten (aus der Zeit der Französischen Revolution, aus dem christlichen Humanismus usw.), Mannesmut vor Fürstenthronen, Erinnerungen an Goethe und Heine, Geschmackskultur, die an der Anschauung der Re nais sancema le rei geschult ist, der kategorische Imperativ, wenn Sie wollen sogar eine hausbacken-konservative O ziersehre, die sich bei manchen als immer noch besser erwies als die Naziideologie von gestern und die Söldnerideologie von heute, und die zur Basis echter Opposition werden konnte. (Vom Sozialismus, von dem Leben von Marx und Engels, dessen Spur sich im Leben jedes Menschen unserer Zeit irgendwie nachweisen lässt, will ich gar nicht reden!) Dies alles ist in der Gesellschaft als konkreter Totalität vorhanden und wirksam, weil weder die Gesellschaftsklassen noch die Zeitalter durch chinesische Mauern voneinander getrennt sind. Dies alles ist weder »ewig menschlich«, noch naturgegebenen, noch auch biologisch, sondern es ist historisch-gesellschaftlich geworden, nach eigenem, historischem Gesetz, wird historisch überliefert, übt historische Wirkungen aus und kann zur Determinante menschlicher Entscheidung werden. Es kann, aber ebenso kann auch ganz anderes dazu werden: Die feige Anpassung an das Gewünschte, die Hingabe an den Wettlauf um den Pro t, das träge Sichwälzen in den schlechten Gewohnheiten, die einem durch ein schlechtes Milieu andressiert wurden, oder solche ebenfalls möglichen Determinanten wie Laster, Trunksucht, Verbrechen. Es kann auch Biologisches herrschen, wenigstens zeitweise: Etwa eine tolle, himmelstürmende Verliebtheit; aber dass sie eben den Himmel stürmt und nicht einzig und allein den Unterrock, auch das ist gesellschaftlich bedingt, weil historisch hindurch gegangen durch den Minnedienst der Feudalzeit und die Straßburger Lyrik des jungen Goethe und die Verse Heines usf. 2 5 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Der Mensch ist eben variabel und plastisch, er ist o en, nicht nur der Triebgebundenheit gegenüber. Er ist »o en« auch in dem Sinne, dass seine Antriebsstruktur in schier unerschöp ichen Kombinationen von gesellschaftlich wirksamen möglichen Motivierungen des Verhaltens besetzt werden kann. Und bei alledem ist er immer – das sehen Sie ganz richtig – das Resultat dessen, was er als primär Handelnder aus sich macht. Wenn er von den möglichen Motiven besetzt wird, so nicht in dem Sinne, dass er passiv wäre, dass sie ihn als Passiven determinierten. Nein, das letztlich Menschliche ist bei aller Determiniertheit das Moment der aktiven Wahl, des Sich-Entscheidens, das der Natur eines primär arbeitenden, also handelnden, praktischen Wesens entspricht. Deshalb ist er verantwortlich zu machen, für das, was er tut, und was er ist, deshalb wird sogar sein Charakter zu Recht als sein Verdienst ihm angerechnet oder als schuldhaft ihm übel genommen, obwohl sich sein Verschulden aus soziologischer usw. Bedingtheit erklären lässt. Die Verantwortung kann niemandem erspart werden, auch durch biologische, psychologische oder soziologische Erklärungen nicht. (Auch in diesem Punkt also darf der Marxismus nicht mit Vulgärsoziologie verwechselt werden. Wir sagen zwar: Verändert die Zustände, damit das Verbrechen verschwindet! Wir sagen aber nicht: Sprecht den Verbrecher frei, denn an dem, was er tat, sind die Zustände schuld. Denn die Zustände in ihrer objektiven Widersprüchlichkeit sind eben nicht nur an Verbrechen schuld, sondern auch an anderem: An der Menschlichkeit und Solidarität der Unterdrückten, an der heiligen Empörung und dem Heroismus derer, die für eine bessere Zukunft kämpfen usw.). Die Freiheit der Entscheidung in der »Situation«, das ist das, worin die Existenzialisten unbedingt Recht haben, und worin ihnen der Marxismus niemals widersprechen wird. Sie haben nur Unrecht, wenn sie damit die Leugnung der objektiven Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung begründen und ein Abstraktum der subjektiven »Wahlfreiheit« dem Abstraktum eines ungesetzlichen gesellschaftlichen Chaos gegenüberstellen.5 Ich will damit schließen. Wenn es Ihnen recht ist: Nur vorläu g! Verstehen Sie bitte meine Anpreisung des Marxismus nicht falsch. Ich kann nicht anders, als Ihnen, den 5 (AH) Zu diesem emengebiet siehe Harichs Notizen zu Sartre (abgedr. in: Band 1.3, S. 1994–2013) sowie seine weiteren Ausführungen zum Existenzialismus, die sich vor allem im 9. Band nachlesen lassen (dort neben verschiedenen brie ichen Äußerungen gegenüber Georg Lukács die Texte: Lektoratsgutachten zu Existenzialismus oder Marxismus?, 1951, S. 128–133; Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, 1952, S. 133–147)). 2 5 4 T e i l I I ich verehre, und von dessen Drang nach Wahrheit ich tief, tief überzeugt bin, etwas von dem mitzuteilen, was ich selbst für die Wahrheit halte. Ich warte voller Begierde auf Ihren Brief. Mit bestem Gruß Ihr (AH) Den gerade wiedergegebenen Brief schickte Harich nicht ab. Stattdessen begann er noch einmal von vorn, das, was er zu sagen hatte, war ihm o ensichtlich sehr wichtig. Aus zehn wurden vierundzwanzig Seiten. Der folgende Brief enthält zwar einige kleinere Überschneidungen zum vorhergehenden, aber diese sind insofern in Kauf zu nehmen, da sich die Bedenken und Argumentationsmuster von Harich sehr gut erkennen lassen. Den zweiten Brief sendete er dann ab. Brief an Arnold Gehlen6 (08. März 1952) Sehr verehrter Herr Professor Gehlen! Ich habe soeben den Aufsatz von Frau Dr. Mahn und Ihre Antwort darauf gelesen. Eine auch nur halbwegs erschöpfende Stellungnahme zu dieser Diskussion ist mir selbstverständlich zur Stunde noch nicht möglich. Sehr vieles will erst gründlich durchdacht sein, und ich bin leider zur Zeit derartig mit Arbeit überhäuft, dass es mir schwerfällt, mich so gründlich damit auseinander zu setzen, wie es sachlich erforderlich wäre. Außerdem möchte ich zunächst den Brief abwarten, den Sie mir in Aussicht gestellt haben. Falls Sie dort auf meine Anfragen und kritischen Bemerkungen zu Ihrem Werk des Näheren eingehen sollten, so würde ich Ihren Brief in die Betrachtung der Diskussion gleich mit einbeziehen, damit nicht dasselbe doppelt und dreifach gesagt wird. Heute kann ich nur ein paar Fragen, die mir wesentlich zu sein scheinen, herausgreifen. 1. Ein Wort zu dem »Telos« und der »Lebensdienlichkeit«. Meine Ansicht hierzu ist die folgende: Ich halte es zunächst einmal prinzipiell nicht für zulässig, ohne weiteres von Zweckmäßigkeit, Nützlichkeit usw. in Bezug auf die organische Natur zu sprechen. Wenn man es tut, so gelangt man unweigerlich in der Konsequenz zu der platten Wol schen Teleologie, nach der die Mäuse dazu da sind, von den Katzen gefressen zu werden, und die Katzen, um die Mäuse zu fressen, und beide, um die Weisheit des 6 (AH) 24 Blatt, maschinenschriftlich, 08. März 1952. 2 5 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Schöpfers zu bekunden.7 Im Prinzip ist es dann auch gleichgültig, ob man diese Teleologie etwa à la Driesch »vertieft« oder ob man es bei ihren platten Versionen bewenden lässt. Nur wenn man grundsätzlich nicht mit teleologischen Vorurteilen an die organische Natur herangeht, kann man auch die mannigfaltigen Phänomene, die sich mit der Kategorie der Zweckmäßigkeit nicht fassen lassen, erklären. Stalin hat einmal gesagt, es verändere sich in der Welt alles, aber es verändere sich nichts, wenn nicht ein bestimmter Grund dafür vorliege. Was uns als Zweckmäßigkeit in der Natur erscheint, ist in Wirklichkeit Resultat der Ausmerzung des Unangepassten, und bei der Ausmerzung des Unangepassten, die ein Spezialfall des universellen Gesetzes des Kampfes der Gegensätze ist, wird eben nicht 7 (AH) Harich bezog sich (er verwendete diese Passage sehr häu g, zuletzt in den Hartmann-Manuskripten, Band 10) auf Engels’ Dialektik der Natur. Die Schrift war für den undogmatischen und der Parteiphilosophie kritisch gegenüberstehenden Marxismus der DDR-Intellektuellen von zentraler Bedeutung. Dort heißt es im hier relevanten Kontext: »So hoch die Naturwissenschaft der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts über dem griechischen Altertum stand an Kenntnis und selbst an Sichtung des Sto s, so tief stand sie unter ihm in der ideellen Bewältigung desselben, in der allgemeinen Naturanschauung. Den griechischen Philosophen war die Welt wesentlich etwas aus dem Chaos Hervorgegangenes, etwas Entwickeltes, etwas Gewordenes. Den Naturforschern der Periode, die wir behandeln, war sie etwas Verknöchertes, etwas Unwandelbares, den meisten etwas mit einem Schlage Gemachtes. Die Wissenschaft stak noch tief in der eologie. Überall sucht sie und ndet sie als Letztes einen Anstoß von außen, der aus der Natur selbst nicht zu erklären ist. Wird auch die Anziehung, von Newton pompöserweise allgemeine Gravitation getauft, als wesentliche Eigenschaft der Materie aufgefasst, woher kommt die unerklärte Tangentialkraft, die erst die Planetenbahnen zu Stande bringt? Wie sind die zahllosen Arten der P anzen und Tiere entstanden? Und wie nun gar erst der Mensch, von dem doch feststand, dass er nicht von Ewigkeit her da war? Auf solche Fragen antwortete die Naturwissenschaft nur zu oft, indem sie den Schöpfer aller Dinge dafür verantwortlich machte. Kopernikus, im Anfang der Periode, schreibt der eologie den Absagebrief; Newton schließt sie mit dem Postulat des göttlichen ersten Anstoßes. Der höchste allgemeine Gedanke, zu dem diese Naturwissenschaft sich aufschwang, war der der Zweckmäßigkeit der Natureinrichtungen, die ache Wol sche Teleologie, wonach die Katzen gescha en wurden, um die Mäuse zu fressen, die Mäuse, um von den Katzen gefressen zu werden, und die ganze Natur, um die Weisheit des Schöpfers darzutun. Es gereicht der damaligen Philosophie zur höchsten Ehre, dass sie sich durch den beschränkten Stand der gleichzeitigen Naturkenntnisse nicht beirren ließ, dass sie – von Spinoza bis zu den großen französischen Materialisten – darauf beharrte, die Welt aus sich selbst zu erklären, und der Naturwissenschaft der Zukunft die Rechtfertigung im Detail überließ. Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch mit zu dieser Periode, weil ihnen kein anderes naturwissenschaftliches Material zu Gebote stand als das oben geschilderte.« Engels: Dialektik der Natur, in: Marx/Engels: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 315 f. 2 5 6 T e i l I I die Art eindeutig auf Zwecke »zugeschnitten«, sondern es werden hier einerseits diejenigen Eigenschaften, die dem Lebenkönnen unter bestimmten Umweltverhältnissen im Wege stehen, »abgeschli en«, andererseits wird sie zur Ausbildung neuer, angepasster, »zweckmäßiger« Eigenschaften gezwungen. Bei dem »Abschleifen« nun bleibt selbstverständlich vieles erhalten, was zwar nicht lebensdienlich, aber auch nicht lebensstörend ist, und was dann als »zweckfrei« im Sinne einer »Ausnahme von der Regel« erscheint. Aber weil die Regel keine teleologische Regel ist, kann man auch nicht von »zweckfreien« Phänomenen sprechen. Im einzelnen Fall bedürfen diese Phänomene (zum Beispiel die von Ihnen genannten bunten Flügel der Schmetterlinge oder das Neugierverhalten des Raben oder auch unser Blinddarm, unsere Fingernägel und Barthaare, die ja auch nicht unbedingt »nötig« sind, sondern ganz im Gegenteil) einer besonderen Untersuchung ihrer Herkunft. Es muss im konkreten Fall festgestellt werden: Handelt es sich um Residuen einer früheren Stufe der Angepasstheit, die »über üssig« geworden sind, ohne störend zu sein, und die sich deshalb erhalten konnten? Oder liegt diesem Phänomenen doch ein verborgener »Sinn« zu Grunde, d. h. eine von der Forschung bislang noch nicht aufgedeckte Beziehung zu den gegenwärtigen Lebensbedingungen der Art? Oder ist das »Über üssige« als Begleiterscheinung irgendeines Anpassungsvorgangs – von diesem aus gesehen: zufällig, aber an sich kausal notwendig – neu entstanden? Es ist doch wohl klar, dass die ganze Mannigfaltigkeit der Tier- und P anzenarten als solche über üssig ist, dass sich eine teleologische determinierte Natur von erheblicher Armut denken ließe. Wenn man dies aber in Bezug auf das Ganze des organischen Lebens ohne weiteres zugeben muss, warum nicht auch in Bezug auf jeden beliebigen vorgefundenen Organismus? Die so genannten »Launen der Natur« sind eben Produkte jener zahllosen objektiven Zufällen in der Natur, die sich immer am Schnittpunkt mehrerer von ei nander unabhängiger Kausalketten ergeben. Die Zweckkategorie ist bei Betrachtung der Natur jedenfalls falsch. Sie ist von uns – auf Grund unserer Nahstellung zu den von uns selbst vollzogenen Akten der Arbeit, des zielgerichteten Handelns usw. – auf die organische Natur übertragen worden, und sie lässt – um es mit den Worten Hegels zu sagen (die freilich nicht auf dieses Problem gemünzt sind) – »eine Fülle von Realität außer sich«. Allerdings ist sie in Grenzen – aber auch nur in Grenzen – brauchbar und bis zu einem gewissen Grade sogar praktisch bewährt. Wir werden diese Kategorie auch nie absolut überwinden können; denn es ist unmöglich, bei jedem Gegenstand aus dem Bereich des organischen Lebens die 2 5 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n verwickelten Kausalketten, die dem scheinbaren Telos zu Grunde liegen, bis ins Letzte aufzudecken – jedes Ding ist unerschöp ich. Aber die Aufgabe, dies zu tun, besteht nichtsdestoweniger, und sie kann seit Darwin von niemandem mehr übersehen werden. Friedrich Engels schrieb im November 1859 an Marx: »Übrigens ist der Darwin, den ich jetzt gerade lese, ganz famos. Die Teleologie war nach einer Seite hin noch nicht kaputt gemacht, das ist jetzt geschehen. Dazu ist bisher noch nie ein so großartiger Versuch gemacht worden, historische Entwicklung in der Natur nachzuweisen, und am wenigsten mit solchem Glück. Die plumpe englische Methode muss man natürlich in Kauf nehmen.« Und Marx schrieb im Jahre 1861 an Lassalle: »Sehr bedeutend ist Darwins Schrift und passt mir sehr als naturwissenschaftliche Unterlage des gesellschaftlichen Klassenkampfes. Die grob englische Manier der Entwicklung muss man natürlich mit in den Kauf nehmen. Trotz allem Mangelhaften ist hier zuerst der Teleologie in der Naturwissenschaft nicht nur der Todesstoß gegeben, sondern der rationelle Sinn derselben empirisch auseinandergelegt.« Für die Richtigkeit dieser Äußerungen von Marx und Engels habe ich erst jüngst eine Bestätigung gefunden in der Naturphilosophie des verstorbenen Nicolai Hartmann, in dem Teil über die organologischen Kategorien. Dort wird auch sehr richtig ausgeführt, mit welcher kritischen Restriktion wir bei organischen Phänomenen von Telos sprechen können: Wir können es, wenn wir uns im Stil der Kritik der Urteilskraft darüber klar sind, dass es sich um eine »Als-ob«-Kategorie, um eine Fiktion handelt. (Die Sprache lässt uns leider keine andere Möglichkeit, als dies in der Weise auszudrücken, dass wir den Telos in Bezug auf das organische Leben in ausdrückliche Gänsefüßchen setzen.) 2. Was nun den Menschen betri t, so ist das Eigenartige dies: Er gelangt zu einem wirklichen Telos (nämlich zur Arbeit und damit zum zielstrebigen Handeln) gerade dadurch, dass er aus dem Rahmen des naturgegebenen, scheinbaren Telos (des Telos in Gänsefüßchen) herausfällt. Respektive umgekehrt: Er fällt aus dem naturgegebenen scheinbaren Telos dadurch heraus, dass er sich zum wirklichen Telos erhebt. Beides sind zwei einander wechselseitig bedingende Seiten ein- und derselben Sache: Der Abbau natürlicher Angepasstheit ist Resultat des Übergangs zur Arbeit, zum Handeln, zu einer höheren Stufe der Lebensfristung, und der Übergang zur Arbeit, zum Handeln, zur Einsicht in die Sache, zur praktischen Beherrschung der Sache durch Einsicht usw. ist erzwungen durch den Verlust natürlicher Angepasstheit. 2 5 8 T e i l I I Die eine Seite der Sache – das »Mängelwesen« – hat zuerst La Mettrie gesehen, als er darüber nachdachte, warum man bei einer jungen Ziege, die am Abgrund weidet, nicht befürchten müsse, dass sie in den Abgrund fällt, wohl aber bei einem kleinen Kind, das am Abgrund spielt. Herder hat dann diesen Ansatz in der genialen Schrift über den Ursprung der Sprache weiter ausgesponnen und zuerst die Phänomene der »Entlastung« beschrieben, und die Fortsetzung dieser in der Geschichte der Philosophie verschütteten Linie auf der höheren Ebene der Forschungsresultate von Bolk u. a. ist Ihr großes Verdienst. (Ein früherer Vorläufer in der Antike ist übrigens Platon, Protagoras, 321a– 324, wo auch schon das Feuer, die Staatsweisheit und die Tugenden als Kompensation der organischen »Mängel« erfasst werden!) Die andere Seite – die Arbeit als das grundlegende Moment des menschlichen Telos – hat der junge Hegel bei seinen Studien der englischen politischen Ökonomie (vor allem Smith) entdeckt (siehe Jenenser Realphilosophie, I, Seite 220–221, und II, Seite 198–199). In der Wissenschaft der Logik hat Hegel später aus dieser seiner Entdeckung weittragende Schlussfolgerungen gezogen (zum Beispiel in Bezug auf die Erkenntnis und Beherrschung der Natur durch den Menschen, Werke, V, Seite 217, oder in Bezug auf den Zusammenhang zwischen schlussfolgerndem Denken und Benutzung von Werkzeugen, Werke, V, S. 226!).8 Die Linie der Entdeckung dieser Seite gipfelt bei den Klassikern des Marxismus. Marx sagt im Kapital: »Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Sto wechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Natursto selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Natursto in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer 8 (AH) Zeitgleich zu diesem Brief und seinen anthropologischen Studien arbeitete Harich intensiv zur klassischen deutschen Philosophie des Idealismus im Allgemeinen und zu Hegels Philosophie im Besonderen. Es entstanden zahlreiche Manuskripte und Aufsätze, die zum großen Teil im 5. Band (siehe auch die Bände 3, 4, 6.1, 6.2) präsentiert werden. Dort auch der Abdr. von Harichs skandalumwitterter Hegel-Vorlesung (S. 437–714). 2 5 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n seiner eigenen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist im urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seine Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eigneen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eigenen körperlichen und geistigen Kräfte genießt.«9 Engels schreibt in seinem nachgelassenen Fragmenten über den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en: »Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums, sagen die politischen Ökonomen. Sie ist dies – neben der Natur, die ihr den Sto liefert, den sie in Reichtum verwandelt. Aber sie ist noch unendlich mehr als dies. Sie ist die erste 9 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: Das Kapital, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 23: Das Kapital, Band I, Berlin, 1968, S. 192 f. Weiter heißt es: »Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel. Die Erde (worunter ökonomisch auch das Wasser einbegri en), wie sie den Menschen ursprünglich mit Proviant, fertigen Lebensmitteln ausrüstet, ndet sich ohne sein Zutun als der allgemeine Gegenstand der menschlichen Arbeit vor. Alle Dinge, welche die Arbeit nur von ihrem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Erdganzen loslöst, sind von Natur vorgefundene Arbeitsgegenstände. So der Fisch, der von seinem Lebenselement, dem Wasser, getrennt, gefangen wird, das Holz, das im Urwald gefällt, das Erz, das aus seiner Ader losgebrochen wird. Ist der Arbeitsgegenstand dagegen selbst schon sozusagen durch frühere Arbeit ltriert, so nennen wir ihn Rohmaterial. Z. B. das bereits losgebrochene Erz, das nun ausgewaschen wird. Alles Rohmaterial ist Arbeitsgegenstand, aber nicht jeder Arbeitsgegenstand ist Rohmaterial. Rohmaterial ist der Arbeitsgegenstand nur, sobald er bereits eine durch Arbeit vermittelte Veränderung erfahren hat.« (Ebd., S. 193.) 2 6 0 T e i l I I Grundbedingung alles menschlichen Lebens, und zwar in einem solchen Grade, dass wir in gewissem Sinn sagen müssen: Sie hat den Menschen selbst gescha en.«10 Und in den Notizen Lenins zu Hegels Logik heißt es: »Für Hegel ist das Handeln, die Praxis, ein logischer Schluss, eine Figur der Logik, und das ist wahr. Natürlich nicht in dem Sinne, dass die Figur der Logik ihr ›Anderssein‹ in der Praxis des Menschen hätte (= absoluter Idealismus), sondern dass vice versa die Praxis des Menschen sich dadurch, dass sie sich milliardenmale wiederholt, im Bewusstsein des Menschen als logische Figur einprägt. Diese Figuren haben gerade (und nur) Kraft dieser milliardenmaligen Wiederholung die Festigkeit eines Vorurteils und axiomatischen Charakter.«11 Oder Marx in seinen esen über Ludwig Feuerbach aus dem Jahre 1845: »(1.) Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts 10 (AH) Zitat nachgewiesen in: Engels, Friedrich: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 444. Die von Harich zitierte Passage erö net das Fragment. Weiter heißt es: Weiter heißt es: »Vor mehreren hunderttausend Jahren, während eines noch nicht fest bestimmbaren Abschnitts jener Erdperiode, die die Geologen die tertiäre nennen, vermutlich gegen deren Ende, lebte irgendwo in der heißen Erdzone – wahrscheinlich auf einem großen, jetzt auf den Grund des Indischen Ozeans versunkenen Festlande – ein Geschlecht menschenähnlicher A en von besonders hoher Entwicklung. Darwin hat uns eine annähernde Beschreibung dieser unserer Vorfahren gegeben. Sie waren über und über behaart, hatten Bärte und spitze Ohren, und lebten in Rudeln auf Bäumen. Wohl zunächst durch ihre Lebensweise veranlasst, die beim Klettern den Händen andere Geschäfte zuweist als den Füßen, ngen diese A en an, auf ebener Erde sich der Beihülfe der Hände beim Gehen zu entwöhnen und einen mehr und mehr aufrechten Gang anzunehmen. Damit war der entscheidende Schritt getan für den Übergang vom A en zum Menschen. Alle noch jetzt lebenden menschenähnlichen A en können aufrecht stehen und sich auf den beiden Füßen allein fortbewegen. Aber nur zur Not und höchst unbehül ich. Ihr natürlicher Gang geschieht in halbaufgerichteter Stellung und schließt den Gebrauch der Hände ein. Die meisten stützen die Knöchel der Faust auf den Boden und schwingen den Körper mit eingezogenen Beinen zwischen den langen Armen durch, wie ein Lahmer, der auf Krücken geht. Überhaupt können wir bei den A en alle Übergangsstufen vom Gehen auf allen vieren bis zum Gang auf den beiden Füßen noch jetzt beobachten. Aber bei keinem von ihnen ist der letztere mehr als ein Notbehelf geworden. Wenn der aufrechte Gang bei unseren behaarten Vorfahren zuerst Regel und mit der Zeit eine Notwendigkeit werden sollte, so setzt dies voraus, dass den Händen inzwischen mehr und mehr anderweitige Tätigkeiten zu elen.« (Ebd., S. 444 f.) 11 (AH) Zitat nachgewiesen in: Lenin: Konspekt zur »Wissenschaft der Logik«, in: Lenin: Werke, Band 38, Berlin, 1964, S. 207 f. 2 6 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: Aber er fasst die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im Wesen des Christenthums nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefasst und xiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der ›revolutionären‹, der ›praktisch-kritischen‹ Tätigkeit. (2.) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der eorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, i. e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage. (3.) Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände eben von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss.«12 Auch hierzu haben Sie mit Ihren Analysen des Menschen als eines primär handelnden Wesens Neues und Wichtiges beigetragen, ja, man kann sagen, dass Sie in bestimmten Kapiteln und Teilen Ihres Buches diese genialen Hinweise der Klassiker des Marxismus (wahrscheinlich ohne es zu wissen und zu wollen) konkretisiert haben. Nur ist es eben so, dass die Arbeit das grundlegende Moment in dem ganzen Komplex von Handeln, Tätigkeit, Praxis, menschlicher Teleologie, Naturerkenntnis, Naturbeherrschung, Logik 12 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . Harich zitierte die ersten drei esen. Die dritte geht wie folgt weiter: »Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.« (Ebd.) Lenin, 1920 2 6 2 T e i l I I und biologischer Retardation und Rückbildung darstellt. Denn einerseits stellt die Arbeit das plausible Zwischenglied zwischen dem »Lebensdienlichen« und den abgeleiteten, entfernteren Modi kationen der handelnden »Natur« des Menschen dar, andererseits hat die Arbeit jene nicht mehr natürlichen Lebensbedingungen gescha en, unter denen die Wirksamkeit des Gesetzes der natürlichen Zuchtwahl aufgehoben wird, so dass ein organisches »Mängelwesen« entstehen kann und entstehen muss und seine Mängel biologisch vererben kann. Was übrigens Marx 1845 mit dem Idealismus meint, der die »tätige Seite« im Gegensatz zum Materialismus entwickelt habe, »aber nur abstrakt«, ist für jeden Kenner der Geschichte der Philosophie klar: 1. Den aktiv-energetischen Charakter der Leibnizschen Monaden. 2. Die Kantische Entdeckung des »spontanen« (d. h. aktiven) Charakters des Denkens (dessen Ursprung aus dem Nachdenken über die Experiment-Praxis sich gar nicht leugnen lässt, wenn man – wie Sie es zu meiner Freude irgendwo tun – die Stellen aus der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft, 2. Au age, B XII-XVII – in Betracht zieht). 3. Die Fichtesche Wissenschaftslehre. 4. Hegels Phänomenologie und Wissenschaft der Logik. Das alles hatte Feuerbach mit dem Idealismus über Bord geworfen, und Marx hat es gerettet und auf der Grundlage des dialektischen Materialismus weiterentwickelt.13 Sie haben noch eine lebendige Beziehung zu dieser großen Tradition deutschen Denkens, die im Marxismus »aufgehoben« ist. Aber weil Sie den Marxismus nicht kennen – oder ausschließlich in Form der politischen Agitation der Kommunistischen Partei –, lassen Sie sich auf Schritt und Tritt von den pragmatistischen Missverständnissen des Wesens der Praxis verführen. (Doch davon weiter unten!) 3. Man darf nicht vergessen, dass die natürliche Angepasstheit auch beim Menschen keineswegs restlos verloren geht. Einerseits bleibt der scheinbare Naturteleologismus im menschlichen Organismus und dessen Funktionen soweit erhalten, so weit er als materielles Substrat auch der menschlichen Art der Existenzfristung unentbehrlich ist (daher Hunger und Geschlechtstrieb usw.) Andererseits bleibt mehr oder weniger alles erhalten, was der spezi sch menschlichen Art der Existenzfristung nicht im Wege steht. Im Wege stünde ihr zum Beispiel das tierische Unterworfensein unter den Mechanismus 13 (AH) Zu Leibniz, Fichte, Hegel, Kant, Feuerbach usw. siehe die jeweiligen Texte dieser Edition. Einen guten Überblick zu Harichs Positionen bieten die entsprechenden Vorlesungen (abgedr. in den Bänden 3, 4, 5, 6.1, 6.2). 2 6 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n der Triebe und Instinkte, das unmittelbare Umschlagen der Reize in Reaktionen, die Verengung der Wahrnehmung auf das vital Bedeutsame – all das, was im Prozess der Menschwerdung mitsamt seinen somatischen Substraten »abgebaut« wird. Im Wege steht der spezi sch menschlichen Art der Existenzfristung aber manches andere nicht, und da sich nichts verändert, wenn nicht ein besonderer Grund dafür vorhanden ist, haben wir zum Beispiel unsere für unser Menschsein gänzlich »über üssigen« Finger- und Fußnägel, unsere Barthaare usw. Auf Grund dieser Phänomene, die teilweise auch Frau Dr. Mahn im Sinn hat, hat die ontologische »Schicht-Torte« à la Nicolai Hartmann nach wie vor ihre partielle Berechtigung: Es gibt in der Tat auch am Menschen Organisches, was mit den gleichen Kategorien begri en werden kann (und begri en werden muss) wie das übrige organische Leben. Die ontologische »Schichten-Torte« wird nur grundfalsch, wenn sie über der Kontinuität des organischen Lebens – die von den Viren bis zum menschlichen Organismus reicht – die somatische Seite der Besonderheit des Menschen vergisst, die nicht mit den gleichen Kategorien erfasst werden kann, und auf die es ankommt, wenn vom Menschen die Rede ist. Nur aus der Perspektive des primär handelnden, praktischen Wesens kann diese somatische Seite der Besonderheit des Menschen erschlossen werden. Die spezi sch menschliche Art der Lebensfristung setzt einen spezi sch menschlichen Organismus ebensowohl voraus, wie sie ihn zum Resultat hat. Dieser Organismus entzieht sich in allen seinen entscheidenden Besonderheiten dem Begreifen, wenn man an ihn mit den organologischen Kategorien herangeht, die für die Tierwelt gelten. Die Phänomene der Unangepasstheit, der Instinktschwäche, der Organprimitivität, der Retardation, des Festhaltens gewisser embryonaler Formen usw. – alles Dinge, die auch materiell aufgewiesen werden können –, sind eben etwas qualitativ völlig Neuartiges, müssen als etwas spezi sch Menschliches mit spezi schen Kategorien analysiert werden, und man kann sie nur verstehen, wenn man ihren untrennbaren Funktionszusammenhang, ihre dialektische Wechselwirkung mit den geistigen Tätigkeiten und Eigenarten des Menschen, vor allem aber mit seiner Eigenart, primär handelndes, tätiges Wesen zu sein, versteht, wenn man sie mit der Arbeit, der Sprache, dem Handeln, dem Denken, der »Exzentrizität« im Sinne Plessners, dem Ethos usw. als einheitlichen Komplex einander wechselseitig bedingender Momente au asst. Ihr großes, bleibendes Verdienst, sehr verehrter Herr Professor, besteht eben darin, dass Sie – unter schöpferischer Weiterentwicklung gewisser Anregungen Herders – diese 2 6 4 T e i l I I Phänomene genial aufgezeigt, sie durch Forschungsresultate der Wissenschaft (Bolk usw.) empirisch unanfechtbar belegt und gegen die simpli zierenden Körper-Seele-Geist-Einheitsschichttorten kämpferisch geltend gemacht haben. Dabei haben Sie nun freilich, verführt von der Faszinationskraft der eigenen Entdeckung, die Sache überspitzt und so dargestellt, als ob der menschliche Organismus buchstäblich »mit Haut und Haaren« in den anthropologischen Kategorien, die Sie entwickeln, aufginge, und er geht eben nur mit der Haut darin auf, mit den Haaren nicht, genauer: nicht mit allen Haaren. Doch diese Überspitzungen liegen in der Natur einer großen, bahnbrechenden Entdeckung. Sie nden sich – in anderer Weise – bei Darwin auch. Sie sind nicht das Wesentliche, sie werden entweder von Ihnen selbst oder von späteren Schülern und Epigonen – ich möchte meinen: namentlich von den Marxisten, denen die Zukunft gehört – kritisch abgebaut und revidiert werden. Entscheidend ist die Entdeckung, und die bleibt, und die ist so bedeutend, dass das säuerliche Eingeständnis Ihrer »Verdienste«, wie es sich bei Frau Dr. Mahn ndet, denn doch reichlich kläglich und beckmesserhaft wirkt. (Wenn nach der ganzen Litt-Schule kein Hahn mehr krähen wird, wird Ihr Buch vom Menschen, ungeachtet aller Überspitztheiten und Fehler, immer noch als eine unentbehrliche Entwicklungsstufe des fortschreitenden Wissens gelten!) Es ergibt sich aber, abgesehen von der Überspitzung, noch eine andere Frage: Ist es zulässig, die neuen Kategorien, die Sie herausgearbeitet haben, noch als biologische zu bezeichnen? Man kann das freilich tun und die Angelegenheit als terminologische Bagatelle ansehen. Man hat auch in Grenzen ein sachliches Recht dazu; denn diese Kategorien erfassen Phänomene, die ihre somatische, biologische Seite haben. Aber erstens lassen Sie selbst keinen Zweifel darüber, dass es sich hier nicht um Biologie schlechthin, sondern um eine spezi sch menschliche Biologie handelt – warum sollte man dann nicht zum Zwecke sauberer Unterscheidung der Begri e von anthropologischen Kategorien, von einer spezi sch anthropologischen Betrachtungsweise sprechen? Und zweitens – das ist meine Meinung – ist die somatische Seite der von Ihnen entdeckten und beschriebenen Erscheinungen das entwicklungsgeschichtlich Sekundäre, da es sich um biologische Auswirkungen der Lebensweise eines Organismus handelt, der durch Arbeit seine künstlichen Lebensbedingungen selbst produziert. Sie werden sich wundern, so etwas von einem Materialisten zu hören, aber Sie hören es von einem 2 6 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n dialektischen Materialisten, der das materielle Substrat des menschlichen Lebens in der Sphäre der Produktion und Reproduktion der materiellen Güter sieht, nicht in der Natur. »Worin besteht der Hauptfaktor im System der Bedingungen des materiellen Lebens der menschlichen Gesellschaft, der das Gepräge der Gesellschaft, den Charakter der Gesellschaftsordnung, die Entwicklung der Gesellschaft von einer Ordnung zu anderen bestimmt? Diesen Faktor sieht der dialektische und historische Materialismus in der Art und Weise der Gewinnung der Mittel für den Lebensunterhalt, die für die Existenz der Menschen notwendig sind, in der Produktionsweise der materiellen Güter – Nahrung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnung, Heizung, Produktionsinstrumente u. ä. –, die notwendig sind, damit die Gesellschaft leben und sich entwickeln kann.«14 (Stalin) Und drittens: Wenn Sie konsequent Nietzsches Gedanken einer biologischen Interpretation des Menschen durchführen wollen, müssen Sie zu kolossalen Missverständnissen spezi sch gesellschaftlicher Erscheinungen gelangen, zu Missverständnissen, die die Eselsbrücke zu einer philosophisch »vertieften« Neubegründung der faschistischen Ideologie bilden. Ihre »obersten Führungssysteme« liegen hart an der Grenze des Faschismus, und nicht zufällig berufen Sie sich in diesem Zusammenhang ja auch auf Alfred Rosenberg (jedenfalls in der mir vorliegenden Au age von 1940). (Ich nehme Ihnen das, nebenbei bemerkt, gar nicht übel, denn den Verführungen Nietzsches sind zeitweise auch solche konsequenten Demokraten wie Bernard Shaw und omas Mann erlegen, und wenn ihnen ein radikaler Denker von Ihrem Format erliegt, dann muss er in Konklusionen, die sich aus dieser falschen Prämisse ergeben, zwangsläu g noch sehr viel weiter gehen. Im Übrigen ist niemand, der den Marxismus nicht kennt und durchdacht hat, gegen Rückfälle in barbarische Ideologien ganz und gar immun. Heute kommt es nur darauf an, dass Sie um der Weiterentwicklung Ihrer eigenen genialen Leistung willen diese Irrtümer radikal überwinden. Möge der Humanismus 14 (AH) Stalins Werk, aus dem Harich hier zitiert, Über dialektischen und historischen Materialismus war einer der wichtigen Bestandteile der sowjetischen Ideologie. Mit den Ausführungen, in denen Stalin an die philosophischen Arbeiten Lenins bewusst anknüpfte, wurde 1938 die neue Staatsdoktrin der UdSSR verbindlich festgelegt. Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, in: Geschichte der KPdSU (Bolschewiki), Kapitel IV: Menschewiki und Bolschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion. Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei (1908–1912), Abschnitt 2. Als Broschüre war Stalins Text in den ersten Jahren der DDR weit verbreitet. Harich gri oft auf diese Schrift zurück und verwendete auch das hier gebrachte Zitat häu ger. Siehe exemplarisch den § 5: Produktivkräfte, Produktionsverhältnisse, Produktionsweise der Vorlesung Der historische Materialismus (in: Band 6.2, S. 1515–1525). 2 6 6 T e i l I I unseres großen Herder in Ihnen den endgültigen Sieg über Nietzsches Verführungen erringen, dann werden Sie unweigerlich auch den Weg zu Marx, Engels, Lenin und Stalin nden und Ihre eigene Leistung tiefer und richtiger verstehen!) omas Mann, Erika Mann, Johannes R. Becher, 1955 in Weimar Ich sagte: Wenn Sie konsequent den Gedanken einer biologischen Interpretation des Menschen durchführen, gelangen Sie zum Faschismus. Ich muss hier das Wort »wenn« energisch unterstreichen. Denn was Sie mit »biologisch« meinen, lässt durchaus auch die Entscheidung für eine ganz andere Lösung o en. Wenn Sie nämlich den Gedanken einer anthropologischen Interpretation des Menschen konsequent durchführen, wenn Sie die biologischen Kategorien, die Sie entwickeln, so spezi sch menschlich verstehen, wie Sie es tun, dann kann es gar nicht ausbleiben, dass Sie die gesellschaftliche Geprägtheit dieser Kategorien, deren spezi schen sozialen »Einschlag« erkennen, und die soziologischen Anspielungen in Ihrem Rundfunkvortrag zeigen, dass Sie zur Zeit nach einer solchen Lösung tasten. (Auch gewisse Bemerkungen in Ihrer Antwort auf die Kritik von Frau Dr. Mahn zeigen die gleiche Tendenz.) 2 6 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Nur werden Ihnen eben die Kategorien der bürgerlichen Soziologie nicht weiterhelfen. Die bürgerliche Soziologie kann Ihnen wohl Tatsachenmaterial liefern, das Ihnen wesentliche Aufschlüsse gibt, aber mehr kann sie nicht; denn sie sieht den Menschen nur in seiner sozialen Bedingtheit, ignoriert aber, dass er primär handelndes Wesen ist. Soziale Kategorien in unlösbarer dialektischer Verknüpfung mit dem Gesichtspunkt der Praxis, der sich mit Ihrem Gesichtspunkt des handelnden Wesens weitgehend deckt, nden Sie nur bei Marx. Auch die bürgerliche Vulgärsoziologie stellt nur eine Verfeinerung der Beschränktheiten des alten Materialismus des 18. Jahrhunderts dar, auch sie sieht nur die eine Seite: »Dass die Menschen Produkte der Umstände und der Erziehung, veränderte Menschen also Produkte anderer Umstände und geänderter Erziehung sind«, vergisst aber, »dass die Umstände eben von den Menschen verändert werden und dass der Erzieher selbst erzogen werden muss«, dass also »das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit nur als umwälzende Praxis gefasst und rationell verstanden werden kann.«15 (Marx) 4. Man darf nicht übersehen, dass das »Zweckfreie« in der Natur (das dort ebenso zweckfrei ist wie das vermeintlich Zweckgebundene) auf einer ganz anderen Ebene liegt als das Zweckfreie im Verhalten des Menschen. In der Natur geht die Ausmerzung des Unangepassten eben nicht zweckmäßig vonstatten, und deshalb kann und muss biologisch »Über üssiges« konserviert bleiben oder aber als Begleiterscheinung irgend eines Anpassungsvorganges – von diesem ausgesehen: zufällig – neu entstehen. Im menschlichen Bereich liegen die Dinge ganz anders: Hier ist einmal das sozial Lebensdienliche, das in letzter Instanz von den Entwicklungsgesetzen der Produktion abhängt, dem biologischen Lebensdienlichen übergeordnet, hier werden zum anderen sowohl das sozial Lebensdienliche, als auch das biologische Lebensdienliche auf so verwickelte Weise, über derartig komplizierte Zwischenglieder und Vermittlungen hinweg realisiert, dass sie sich nur als herrschende Tendenzen, mit statistisch erfassbarer Gesetzmäßigkeit, durch eine unabsehbare Mannigfaltigkeit relativ zweckfreier Erscheinungen hindurch geltend machen; und hier führt schließlich die Mannigfaltigkeit möglicher Motivationen des Handelns, die durch den »Antriebsüberschuss« und den Zwang zur »Entlastung« gegeben ist, sowie die Mannigfaltigkeit der Zwischenhandlungen, die jeweils zwischen Absicht und Ziel dazwischen geschaltet werden (und von denen jede zum Selbstzweck werden kann), zu einer relativen Verselbständigung von 15 (AH) Zitat bereits wiedergegeben, nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . 2 6 8 T e i l I I Interessen, Neigungen, Überzeugungen usw., die sich vom unmittelbar Lebensdienlichen unter Umständen so weit entfernen, dass der Nachweis eines Zusammenhanges auf eine Pedanterie hinausliefe. Die Märtyrer des Christentums, die sich als lebendige Fackeln verbrennen ließen, haben im biologischen Sinne zweifellos nicht »lebensdienlich« gehandelt. Bedeutet das, dass ihr Verhalten jeglicher Rückbindung an das Lebensdienliche entbehrt? Bedeutet es, dass das Ethos sozusagen frei in der Luft schwebt? Keineswegs! Für jeden, auch den einfachsten Arbeitsvorgang ist ein Minimum an Askese Voraussetzung: Das Absehenkönnen von ablenkenden Reizen, die »Treue« zum ideell antizipierten Resultat über die mühseligen Zwischenhandlungen seiner Verwirklichung hinweg, also auch das Unterdrücken vitaler Antriebe, das Unterordnen eines Antriebs unter einen höheren, das Aufschieben und »Vertagen« der Befriedigung nahe liegender Bedürfnisse usw. Das alles ist nur dem Menschen möglich. Gibt es aber einmal ein Wesen mit der Fähigkeit zu solch vitaler Askese, ist dieses Wesen spezi sch gesellschaftlichen Lebensbedingungen ausgesetzt (und dazu gehört, dass es im untergehenden Rom zum Beispiel vom Christentum erfasst und durchdrungen sein kann), so kann sich diese seine Fähigkeiten im Dienste einer Idee selbständig machen, zum hauptsächlichen Motor der ganzen Lebensführung werden und schließlich zu radikaler Verleugnung und Preisgabe des eigenen Lebens, zum Ertragen von Folter und qualvollem Tod führen. Da haben Sie das Ethos, das Frau Dr. Mahn in Ihren Analysen vermisst, da haben Sie aber auch die kompliziert vermittelte »Rückbindung« an das Lebensdienliche, an dem Sie – als im Grunde materialistischer Forscher, dem die »metaphysischen« Flausen ein Gräuel sind – unter allen Umständen und mit Recht festhalten wollen. Was nun das Christentum als solches betri t, so schwebt es natürlich ebenfalls nicht ohne »Rückbindung« in der Luft. Man denke an die Wurzeln der christlichen Religion:16 a) Die Niedergangsphase der athenischen Demokratie vom Ende des 5. bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts v. u. Z. ist von Engels in ihrer ökonomischen Bedingtheit erklärt worden. Aus der Niedergangsphase der athenischen Demokratie erklärt sich die Tendenz 16 (AH) Zu den folgenden Ausführungen siehe Harichs Vorlesungen, vor allem zur Philosophie der Antike (abgedr. in: Band 6.1, S. 53–424) und seine Ausführungen zum Mittelalter in der Vorlesung Die großen europäischen Denker des 17. Jahrhunderts (abgedr. in: Band 6.1, S. 437–644, zum Mittelalter S. 439–472). 2 6 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n zur Lebensverachtung und Welt ucht, die sich zuerst bei Platon ndet (wenn sich seine Philosophie auch nicht auf diese Tendenz reduziert). Platons Gorgias, Phaidon und sehr vieles aus dem Staat sind Quellen des Christentums (die gesellschaftliche Bedingtheit – vermittelt durch verzweifelt ausweglose Kritik des Bestehenden – wird sichtbar in Gorgias, 515–518, und im achten und neunten Buch des Staat!). b) Ursprung des Christentums in einem mehrfach von Fremdherrschaft unterdrückten Volk, daher der Messias-Glaube, der – wegen der objektiven Aussichtslosigkeit der Situation dieses Volkes – bei einer bestimmten Sekte vom Politischen ins Religiöse und Metaphysische umschlägt. c) Die Lage der Sklaven und der armen Freien im untergehenden römischen Weltreich. d) Die Entwicklung des Christentums von der Sklaven-Utopie zur Staatsreligion, ist nur möglich deshalb, weil sich die Unterdrückten und Ausgebeuteten mit Jenseitsvertröstungen, mit der Betonung der Gleichheit aller Menschen (aber erst im Himmel) usw. usf. ausgezeichnet in Botmäßigkeit halten ließen. e) Verschmelzung des Christentums mit dem antiken Idealismus in dem Maße, wie sich die Herrschenden, die auch die Gebildeten waren, des Christentums zu bemächtigen begannen. Für wen ist nun dieses Christentum »lebensdienlich«? Im biologischen Sinne ist es das in keiner Hinsicht. Aber es entspricht den gesellschaftlich bedingten Bedürfnissen bestimmter Klassen in bestimmten Situationen: Der Erlösungssehnsucht der Sklaven (daher die Märtyrer) und den Klasseninteressen der Ausbeuter von Konstantin dem Großen bis zur CDU. So kann es – bei der schier unendlichen Plastizität der menschlichen Antriebsstruktur – bestimmendes Motiv von allem Möglichen sein: Von ergreifenden Helden- und Märtyrertaten und auch von widerlicher Heuchelei im Dienste handgrei icher ökonomischer und politischer Interessen. Wie bald Sie mit Ihrem bornierten Begri des »Lebensdienlichen« stecken bleiben müssen, mag Ihnen nicht nur hieraus, sondern auch aus folgender Überlegung klar werden: Der Säufer, der Wüstling usw. sind Grenzfälle, die dem tierischen Be herrschtsein von den Trieben o enbar am nächsten stehen (wenn auch nicht auf tierischer, sondern spezi sch menschlicher Ebene). Ist das Verhalten des Säufers und des Wüstlings 2 7 0 T e i l I I deswegen lebensdienlich? Ist es lebensdienlich auch nur für sie selbst? Kommt auch nur ihr Egoismus auf seine Rechnung? Wie aber, wenn wir an den Revolutionär Julius Fucik denken, der sich in Prag lieber zwei Jahre lang wöchentlich von der Gestapo grauenhaft foltern und dann in Berlin-Moabit erschießen ließ, als seine Genossen zu verraten? O enbar hat er ein Maximum an Verleugnung vitaler Bedürfnisse auf sich genommen. Kann man sagen, dass sein Verhalten nicht lebensdienlich war? War es nicht lebensdienlich für die tschechoslowakische Arbeiterklasse und ihre Partei, die bei einem Verrat Fuciks ihre besten und erfahrensten Funktionäre eingebüßt hätte? War es nicht auch lebensdienlich für Fucik selbst (wenn auch nicht im biologischen Sinne)? Mir scheint, dass Sie bei der Weiterentwicklung Ihres großen Werkes vor folgendem Dilemma stehen: Entweder Sie beschränken sich bei der Analyse »des« Menschen auf ein als Modell gedachtes allgemeingültiges Individuum. Dann müssen Sie sich darüber klar sein, wovon Sie abstrahieren (nämlich von dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse und der historischen Entwicklungsprozesse). Dann können Sie aber auch nur sagen, dass mit dem Antriebsüberschuss und mit dem Reichtum an Zwischenhandlungen, die alle zum vital »zweckfreien« Selbstzweck werden können, eine unabsehbare Fülle an möglichen Motivationen gegeben ist (von der Onanie bis zum Heldentum der Jeanne d’Arc). Und bei dieser Beschränkung müssen Sie dann radikal auf Aussagen über spezi sch gesellschaftliche Erscheinungen verzichten, weil diese eben niemals »aus biologischer Sicht« erschlossen werden können, ja, nicht einmal aus der anthropologischen Sicht des isolierten und abstrahierten Modell-Individuum. Hier gilt nach wie vor die Kritik von Marx an Feuerbach: »Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen: 1. Von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu xieren, und ein abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen; 2. Das Wesen kann daher nur als ›Gattung‹, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefasst werden.«17 »Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben 17 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . Harich zitierte die 6. ese. 2 7 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind.«18 Wenn Sie bei einer solchen Beschränkung nicht stehen bleiben wollen, wenn Sie über den Rahmen des abstrakt-isolierten Modell-Individuums hinausgehen, ja, wenn Sie auch nur dieses Modell-Individuum als solches in seinen konkreten Bestimmungen verstehen wollen, dann müssen Sie sich für die andere Möglichkeit entscheiden: Für die Möglichkeit, »den« Menschen auch von den gesellschaftlichen Beziehungen her zu sehen. Dann müssen Sie aber auch mit spezi sch gesellschaftlichen Kategorien arbeiten, die es gestatten, die vom gesellschaftlichen Leben produzierten möglichen Motivationen menschlichen Handelns sachgemäß zu bestimmen. Das Schwierige dabei ist eben, dass der Mensch sich der Zuordnung zu einem bestimmten Wissensgebiet durchaus entzieht. Er gehört zur Natur und zur Gesellschaft, aber er geht als »der« Mensch nicht nur in den Disziplinen der Natur- und Gesellschaftswissenschaft auf (obwohl sie für seine Erforschung unentbehrlich sind), sondern er besteht auch nicht aus säuberlich geschiedenen Bereichen und ontologischen »Schichten«, von denen sich die eine der Naturwissenschaft, die andere der Gesellschaftswissenschaft zuordnen ließe. Die biologischen Kategorien, deren man zu seiner Erforschung bedarf, haben einen spezi sch anthropologischen, über-biologischen oder auch unter-biologischen (»Mängelwesen«) Einschlag, und dieser anthropologische Einschlag steht mit gesellschaftlichen Kategorien in untrennbarem Zusammenhang, und die gesellschaftlichen Kategorien wiederum, die für die Analyse von Menschengruppen (Klassen, Nationen usw.) angemessen sind (Klassenkampf, »Mentalität« soziale Schichten usw.), werden wiederum 18 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 1, Berlin, 1976, S. 378. Weiter heißt es in den berühmten Sätzen: »Die Religion ist die allgemeine eorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.« (Ebd.) 2 7 2 T e i l I I falsch und schief, sobald man mit ihnen die nur am Individuum greifbaren Wesenszüge »des« Menschen zu erfassen sucht. Denn das Denken, Sprechen, Handeln usw. in ihrer allgemeinen Struktur haben eben nicht Klassencharakter, sind auch nicht vom Nationalcharakter oder dergleichen abhängig. Die Isolierung der im Menschen zu einer konkreten Einheit zusammengewachsenen Bestimmungen ist für die Detailforschung unerlässlich, sie führt aber auf Schritt und Tritt zu Einseitigkeiten, Fehlern und Verzerrungen. Die fundamentale Aufgabe der von Ihnen begründeten Anthropologie für die anderen Wissenschaften scheint mir daher auch darin zu bestehen, dass das Wesen des Menschen in seiner Einheit so klar erfasst wird, dass die vom Menschen handelnden anderen Wissenschaften lernen können, wovon sie bei ihrer unentbehrlichen Detailforschung in jedem Fall abstrahieren und warum die an der jeweiligen Abstraktionen erarbeiteten Einsichten nicht verabsolutiert werden dürfen. Freud leitete gesellschaftliche Phänomene aus dem Mechanismus des Sexus ab, der sowjetische Sprachforscher Marr fabrizierte unter der falschen Voraussetzung, dass die Sprache ein Teil des ideologischen Überbaus der Gesellschaft sei und Klassencharakter habe, ganz unglaubliche Kon strukti o nen. Die Quellen aller dieser Verzerrungen der Wahrheit können von Ihnen aufgedeckt und ein für alle Mal unschädlich gemacht werden. 5. Bei der Frage des »Lebensdienlichen« müssen, glaube ich, vor allem zwei Gegner bekämpft werden: Einerseits der Idealismus, der die Eigenarten des Menschen mit Kategorien wie »Geist« etc. substantialisiert und damit jeder rationellen, wissenschaftlichen Erklärung dieser Eigenarten und vornherein den Weg verstellt, andererseits der Vulgärmaterialismus, der dem ganzen Reichtum menschlicher Geistesschöpfung das »letzte Ziel des Brockens und Beißens« oder – wie Freud – den Sexus unterstellt. Diese beiden Gegner leisten sich im Übrigen wechselseitig Vorschub: Je mehr der eine sich »metaphysisch« spreizt und mit der Religion kokettiert, desto »aufgeklärter« darf sich ungestraft der andere vorkommen. Und umgekehrt: Je dümmer und primitiver wiederum der andere ist, desto mehr sieht sich wieder der erstere in seinen metaphysisch-religiösen Hirnwebereien bestätigt. (In der ontologischen »Schicht-Torte« sind übrigens die bornierten Gesichtspunkte der beiden feindlichen Brüder eklektisch miteinander versöhnt, sie wohnen dort in einem Haus, und dieses hat Stockwerke: »Unten« tierischer Organismus, »oben« substantialisierter Geist, Ethos, »Wertemp n- 2 7 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n den«, sittliche Autonomie, Bindung ans »Transzendente« und alles, was gut und teuer ist. Hier gilt die alte Spießer-Litanei: Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel!) Wie kann man diese beiden Gegner – nebst ihrer ontologischen Schichtungs»synthese« – erfolgreich schlagen? Ich glaube, nur dann, wenn man streng kausal nachweist: a) Wie aus ursprünglich biologischen Ursachen (biologisch im Sinne der Welt des Tieres) die relative Loslösung aus dem Nur-Biologischen entstanden ist; b) wie das relativ Losgelöste – die neue Qualität des Menschen – rückwirkend auch das biologische Substrat verändert, vermenschlicht hat (sowohl geschwächt wie verfeinert, siehe Herder); c) wie dieses veränderte biologische Substrat – wiederum rückwirkend – sich als Bedingung weiterer Menschwerdung und als Zwang zu weiterer Menschwerdung (als Zwang zur Ausbildung und Komplizierung der spezi sch menschlichen Art der Lebensfristung) auswirkte; d) wie sich im Verlauf der Entwicklung dann die Konsequenzen dieses »Sprunges in eine neue Qualität« relativ verselbständigten und sich als spezi sch gesellschaftliche Determinanten den biologischen überordneten. Diese Aufgabe erfordert meines Erachtens ein neues Buch über den Menschen, ein neues Buch, in dem alle unbestreitbaren Errungenschaften des alten fortbestehen sollten, in dem aber die folgenden Gesichtspunkte maßgebend sein müssen: a) Eine positive Antwort auf das Problem der Menschwerdung unter Anerkennung dessen, was am Darwinismus echte, bleibende Errungenschaft ist, unter Weiterentwicklung der eorie von Engels (Übergang zur Arbeit als Quelle der Menschwerdung) und unter Anwendung der dialektischen Widerspruchskategorie (das handelnde Mängelwesen als Entfaltung einer eigentümlichen Coincidentia oppositorum). b) Herausarbeitung der historisch wandelbaren, von der Gesellschaft auf ihren verschiedenen Entwicklungsstufen produzierten Motive, mit denen der höchst plastische, höchst wandelbare Antriebsüberschuss besetzt wird. c) Als dritten Gesichtspunkt würde ich noch hinzufügen: Die Aufgabe Nummer 2 darf auf keinen Fall im Sinne eines historischen oder soziologischen Relativismus missverstanden werden: Die philosophischen Ideen sind zwar auch, aber nicht nur einer be- 2 7 4 T e i l I I stimmten gesellschaftlichen Gruppe in bestimmter historischer Lage »nützlich«, sondern sie haben auch objektiven Wahrheitsgehalt, sind Stufen der Entwicklung des Wissens und müssen als solche gewürdigt werden. Lenin sagt: »Die materialistische Dialektik schließt den Gesichtspunkt der Relativität unbedingt ein, aber sie reduziert sich nicht darauf, d. h. sie gibt die Relativität aller unserer Ideen und Kenntnisse zu, aber nicht im Sinne einer Leugnung der absoluten Wahrheit, sondern im Sinne der fortschreitenden Annäherung unserer Kenntnisse an die absolute Wahrheit.« In diesem Sinne bekämpft auch Stalin jene Vulgarisierungen des Marxismus, die darauf hinauslaufen, jede beliebige Erscheinung des gesellschaftlichen Bewusstseins damit abzutun, dass sie Ideologie dieser oder jener Klasse, Bestandteil dieser oder jenes Überbaus sei. (So in seiner Arbeit über die Fragen der Sprachwissenschaft.) (Der Relativismus ist in Ihrer Lehre von den »obersten Führungssystemen« mindestens ebenso falsch wie der partielle Biologismus.) Ähnlich steht es mit den »Moralen«, die – abgesehen von ihrer unmittelbaren historisch-gesellschaftlichen Funktion – der fortschreitenden Menschwerdung des Menschen, die nie abgeschlossen sein wird, dienen – im Sinne von Lessings Erziehung des Menschengeschlechts, nur sehr viel komplizierter und widerspruchsvoller. Das Prinzip der Individualität, der Persönlichkeit und die damit zusammenhängenden Imponderabilien der Moral sind beispielsweise zwar Produkte des bürgerlichen Zeitalters, haben aber nicht die moralischen Errungenschaften der Feudalzeit (den humanistischen Kern des Christentums, das Gewissen usw.) negiert, sondern ungemein verfeinert, und sie werden ihrerseits im Sozialismus und Kommunismus nicht etwa »abgescha t«, sondern auf eine höhere Stufe gehoben, gemäß der Losung des Kommunistischen Manifests: »An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die freie Entwicklung aller ist.«19 d) Als vierten Gesichtspunkt möchte ich noch hinzufügen: Das handelnde Wesen, das der Mensch vor allem ist, darf nicht pragmatistisch missverstanden werden. In diesem Zusammenhang hat meines Erachtens Frau Dr. Mahn unbedingt recht, wenn sie schreibt: »Die einverseelbaren Für-mich-Bedeutungen sind nur die subjektiven Hinsichten an den Dingen, aber nicht deren volle Realität, und die eigentliche Objektivität derselben ist das für sich nicht Einverseelbare, das der subjektiven Aktion Entge- 19 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 4, Berlin, 1959, S. 482. 2 7 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n genstehende, das Gegenständliche.« (S. 80) Sie hat auch Recht, wenn sie sagt, dass die Gegenstände der Welt, an denen sich der Vollzug auswirkt, ein Sein haben müssen. (S. 92) Unrecht hat sie nur insofern, als sie mit diesen Argumenten auch das substantialisierte »Sein« des Menschen retten will. Von einem »Sein« des Menschen zu sprechen, hat nur Sinn in Bezug auf dessen reale Existenz in der Welt (Existenz nicht im Sinne der Existenzphilosophie, sondern im schlichten Wortsinn). Von diesem »Sein« abgesehen, hat der Mensch durchaus kein »Sein«; denn sein Organismus ist ein Komplex von Prozessen, und ansonst ist der Mensch – wie Sie ihn sehen – handelndes, tätiges Wesen, und Sie sehen ihn richtig so. Wovon sich die neue Fassung Ihres Buches indessen freimachen müsste, das sind alle Reste von Relativismus und subjektivem Idealismus, die mit Ihrer Orientierung auf den Pragmatismus zusammenhängen und das Resultat dieser Orientierung sind. Ich will nicht leugnen, dass Ihnen James und Dewey »neue Phänomene der Wirklichkeit aufgeschlossen« haben. Empirisches Material ist immer und unter allen Umständen wertvoll, und Sie haben Recht, wenn Sie es benutzen. (Auch Hitler hat prächtige Autobahn bauen lassen, und es wäre reines Troglodytentum, sie aus antifaschistischem Purismus nicht zu befahren.) Sie müssen sich nur davor hüten, mit den wertvollen Aufschlüssen des amerikanischen Pragmatismus auch gleich die Prinzipien seiner Erkenntnistheorie zu übernehmen. Wenn man die Existenz einer objektiven, vom Bewusstsein unabhängigen, an sich gesetzmäßigen Realität leugnet, wenn man den Begri der Wahrheit ktionalistisch verdreht, bestreitet man die Grundlagen jeder Wissenschaft. Freilich: Die Praxis des Menschen ist das Kriterium der Wahrheit, der objektive Kausalzusammenhang zwischen dem Leuchten der Sonne und der Erwärmung der Erde lässt sich am sichersten dadurch beweisen (und gegen die Humesche Skepsis verteidigen), dass man die Sonnenstrahlen in einem Brennglas au ängt und damit ein Stück Papier in Brand steckt. Aber erstens hat die Kategorie der Kausalität, die auf diese Weise praktisch erprobt wird und nur durch solche Praxis in unser Bewusstsein »hineingekommen« ist, den Charakter objektiver Wahrheit und ist keine Fiktion, keine bloß subjektive »Hinsicht«, und zweitens stellt sie in ihrer Zuverlässigkeit und Objektivität nur eine Annäherung an die absolute Wahrheit dar, erfasst nur eine Seite des Gegenstandes, wenn auch eine wesentliche Seite; der vom Bewusstsein unabhängige Gegenstand als solcher ist unerschöp ich. 2 7 6 T e i l I I Was die »nützlichen« Fiktionen der Pragmatisten betri t, wem können Fiktionen schon nützen? Der Vermenschlichung des Menschen gewiss nicht. Für die Konzernherren an Rhein und Ruhr war es freilich nützlich, dass Hitler und Rosenberg mit den Fiktionen der barbarischen Rassenirrlehre das deutsche Volk für den Zweiten Weltkrieg reif machten. Aber war es nützlich für das deutsche Volk? Und war es – bei Lichte betrachtet – auch nur nützlich für die Konzernherren selbst, die mit ihrem Krieg den Verlust aller ihrer Ausbeutungsobjekte jenseits der Elbe, die eigene Unterordnung unter die amerikanischen Konzernherren und die Beschleunigung des Untergangs des Kapitalismus erreicht haben? Mir scheint, dass gerade in unserer Zeit angesichts der Irrlehren des Pragmatismus, der eine widerliche Business-Man-Ideologie ist, das herrliche Wort von Goethe gilt: »Beim Zerstören helfen alle falschen Argumente, beim Aufbauen keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht.«20 Fruchtbar wird der Gesichtspunkt der Praxis nur, wenn er in diesem Goetheschen Sinne gebraucht wird, auch für Ihr Werk. Nutzen Sie aus, was Sie bei Nietzsche, James und Dewey an aufschlussreichem Tatsachenmaterial nden, aber trennen Sie sich entschieden von den eorien, die diese Reaktionäre gratis dazu liefern! 6. Ich will nicht sagen, dass das alles in Ihrem Werk »fehlt«. Ein Buch ist kein Warenhaus, in dem man alles nden muss, und eine geniale Entdeckung hat Anspruch auf fragmentarische Ausführung, hat Anspruch sogar auf falsche Verabsolutierungen des neu gewonnenes Gesichtspunktes und auf Einsprengsel reaktionärer Ideologie. (Man denke nur an den zugleich fruchtbaren und hemmenden Ein uss, den der barbarische Bourgeois-Ökonom Malthus auf Darwin ausübte!) Wenn Ihnen Frau Dr. Mahn vorrechnet, was alles nicht in Ihrem Werk zu nden sei, so ist das einfach lächerlich, und ich möchte keinesfalls den Eindruck erwecken, dass ich hier in gleicher Weise verfahre. Es handelt sich nur darum, dass Verbesserung, Erweiterung und Weiterentwicklung Ihres Werkes so oder so geleistet werden wird – nämlich im Prozess der fortschreitenden Annäherung an die absolute Wahrheit –, wenn nicht von Ihnen selbst, so von anderen. Es wäre jedoch gut und würde komplizierte Umwege und Verzögerungen ersparen, wenn Sie selbst, der Sie von allen lebenden Denkern diese Materie am relativ richtigsten und tiefsten erfasst haben, diese Weiterentwicklung leisten könnten. Die bürgerli- 20 (AH) Harich verwendete das Goethe-Zitat in den fünfziger Jahren mehrfach, siehe zum Kontext unter anderem die entsprechenden Stellen in der Vorlesung Der Materialismus (abgedr. in: Band 1.1, S. 573) und in dem Aufsatz Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung (abgedr. in: Band 6.1, dort mit weiteren ähnlichen Zitate auf S. 764). 2 7 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n chen Philosophen sind dazu ausnahmslos unfähig – vergleichen Sie doch nur die jämmerlichen Elaborate der Heidegger, Jaspers und wie sie alle heißen mögen mit den Dimensionen Ihres Werkes –, und im marxistischen Lager, das die richtigen Kategorien und die richtige Methode mitbringt, ist man noch lange nicht so weit, hier stehen zunächst noch ganz andere Probleme auf der Tagesordnung. Wenn Sie selbst diese Arbeit leisten wollten, müssten Sie sich allerdings – wie ich glaube – sehr gründlich mit dem Marxismus vertraut machen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich will Sie nicht etwa politisch »werben«, nicht nach dem »Osten« locken, ja, nicht einmal politisch überzeugen – wie gern ich es auch täte. (Über Politik diskutiere ich mit Ihnen nur, wenn Sie ausdrücklich versichern, dass Ihnen das in keiner Hinsicht lästig ist.) Auch wenn Sie subjektiv dem Kommunismus noch so feindlich gegenüberstehen sollten – durch Ihre Leistung sind Sie sozusagen ein für alle Mal selbst zu einer unverlierbaren Entwicklungsstufe des objektiven Wissens geworden und werden es durch nichts mehr verhindern können, dass den kommunistischen Studenten von morgen und übermorgen die positiven Errungenschaften aus Ihrem Buch als obligatorischer Lehrsto abgefragt werden. Nein, um Politisches geht es hier ganz und gar nicht, sondern darum, dass der »Sokrates und Asklepios in einem«, nach dem Sie rufen, bereits längst existiert: Er heißt Marx. Ohne Marxismus können Sie die Frage: Biologisch oder nicht und wie weit und in welchem Sinne biologisch? einfach nicht beantworten. Ohne Marxismus können Sie weder den Vulgärmaterialismus, noch die Vulgarismen der Psychoanalyse, noch die Ontologie, noch die metaphysisch-idealistischen Schrullen von Litt, noch den Biologismus erledigen. Ohne Marxismus können Sie sich auch nicht von den Irrtümern des soziologischen und historischen Relativismus und von denen Nietzsches und des Pragmatismus freimachen, von Irrtümern, die Ihnen selbst das richtige Verstehen der eigenen bahnbrechenden Entdeckung ganz ungemein erschweren. Zunächst einmal handelt es sich dabei um die einfache Ausmerzung einer – verzeihen Sie! – sehr bemerkenswerten und aufschlussreichen Bildungslücke, einer Bildungslücke, die wieder einmal die marxistische ese von der Klassenbedingtheit der Ideologien beweist (praktisch beweist). Wenn Sie das Werk von Marx, Engels, Lenin und Stalin wirklich kennen würden, so würden Sie den folgenden Satz wahrscheinlich nicht zu Papier bringen – den Satz: »Aber welches sind die tre enden soziologischen Kategorien? Denn diese sind uns nämlich erst zum kleinsten Teil bekannt und so konnte ich (!!!) bisher (!) erst zwei oder drei beitragen.« Sie konnten beitragen! Wissen Sie eigent- 2 7 8 T e i l I I lich wirklich nicht, dass die »tre enden soziologischen Kategorien« zwischen pazi schem Ozean und Elbe, zwischen nördlichem Eismeer und Vietnam den ABC-Schützen beigebracht werden? Können Sie sich vorstellen, dass Kant, Fichte und Hegel nicht von der Französischen Revolution Notiz genommen hätten? Ich weiß nicht recht, wo ich die tre enden soziologischen Kategorien für die Kennzeichnung eines solchen exemplarischen Beispiels bürgerlich-intellektueller Weltfremdheit hernehmen soll! Wenn ich es marxistisch de nieren wollte, würde man mir glatt vulgäre Einseitigkeit vorwerfen. (»So einfach dürfen Sie es sich mit der bürgerlichen Intelligenz aber nicht machen, Genosse Harich!«) Ein paar Zeilen vorher sprechen Sie, was mich sympathisch berührt hat, von »gewissen Machwerken der abstrakten Kunst«. (S. 96) Nun, an diesen Machwerken will ich Ihnen einmal zu zeigen versuchen, dass die »tre enden soziologischen Kategorien« x und fertig zu Ihrer Verfügung stehen. Wir Marxisten erklären diese Machwerke nämlich folgendermaßen (ich deute wieder, wie beim Christentum, nur stichwortartig an): 1) Der Kapitalismus unterwirft die Kunst den Gesetzen der Warenproduktion und des Absatzes. Daraus folgt: Massenproduktion von leicht absetzbarer Pseudokunst, die den schlechten Geschmack der Massen als ergiebigen Markt benutzt und gleichzeitig diesen ergiebigen Markt fortlaufend reproduziert. Was begehrt ist, wird geliefert, gleichzeitig sorgt das Gelieferte dafür, dass die Begehrnisse im Zustand der Minderwertigkeit erhalten bleiben. (Unter Pseudokunst verstehe ich hier: Kitsch jeder Art, Schlager, Kriminalromane, seichte Operetten, amoralische Filme, pornographische Magazine usw. usf.) 2) Der Kapitalismus, eine Ausbeuteordnung, hindert die Massen der Werktätigen daran, sich die Schätze wirklicher Kultur und Bildung anzueignen, hindert sie damit an der Entfaltung eines guten ästhetischen Geschmacks und liefert sie so der Pseudokunst aus. 3) Ein erheblicher Teil der ernsthaften Kunstproduzenten verliert angesichts des allgemeinen Banausentums, das den Ton angibt, die demokratische Orientierung, üchtet sich in Menschenverachtung, snobistische Esoterie, l’art pour l’art und ausgeklügelte Atelier»probleme«. 2 7 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n 4) Der untergehende Kapitalismus, der so schändlich ist, dass er nicht mehr als Kapitalismus gerechtfertigt werden kann, produziert Ideologien der »indirekten Apologie«, Ideologien, die den Intellektuellen die Möglichkeit der »Rebellion« vortäuschen und sie gleichzeitig daran hindern, zum Kern der Sache vorzudringen. Diese »Rebellionen« verleihen das »erhabene« Gefühl, »radikal« zu sein, und sind trotzdem sehr bequem, weil sie die Unbequemlichkeit des Kampfes für die wirklich radikale Sache, für die proletarische Bewegung, für den Kommunismus, sozusagen ersparen. Solche »Rebellionen« sind: Nietzsches Schmähungen auf den liberalen »Philister«, jede Art von Propaganda für die »Befreiung« wessen? des Penis (so bei Wedekind!), der Trotzkismus und neben vielem anderen auch die abstrakte »Kunst«, die sich ungeheuer umstürzlerisch vorkommt, aber den »Umsturz« im Salon veranstaltet. Oftmals werden damit ehrlich rebellische Tendenzen, ehrlicher Abscheu gegen Spießerei usw. abgefangen und entweder ins absolut Harmlose abgelenkt oder sogar – siehe die »nationale Revolution« der Faschisten – unmittelbar der nstersten Reaktion dienstbar gemacht. 5) Die abstrakte »Kunst« trägt dazu bei, dass die Volksmassen dem Kitsch und Schund wehrlos ausgeliefert bleiben, weil sie die Schwerverständlichkeit der Kunst ins Extreme steigert. Sie erzeugt geradezu Ressentiments gegen die Kunst, leider nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen die große, wahre Kunst. 6) Die untergehende Bourgeoisie kann die Wahrheit in der Kunst nicht vertragen, deshalb begünstigen ihre Klasseninteressen sowohl süßliche Idealisierungen des Lebens (in dieser Hinsicht liegt der Märchenprinz aus der Operette mit den Gipsheroen des Herrn orack auf einer Stufe), als auch abstrakte Verzerrungen der Wirklichkeit, beides je nach Lage der Dinge abwechselnd. 7) Die untergehende Bourgeoisie hat keine Ideen mehr. Sie hat die alten Ideen ihrer eigenen revolutionären Epoche entweder über Bord geworfen und durch barbarische Ideologien ersetzt (Hitler) oder zu ausgehöhlten, heuchlerischen liberalen Phrasen werden lassen (»Freiheit« im Munde von McCloy!). Gleichzeitig muss sie sich mit Händen und Füßen dagegen zur Wehr setzen, dass die neuen Ideen des Kommunismus auf die Intelligenz Ein uss gewinnen. In ihrer völligen Ideenlosigkeit kann die untergehende Bourgeoisie der Kunst keine ideellen Impulse mehr geben. Die Kunst wird so selbst zu einem ideenlosen Plunder. 2 8 0 T e i l I I 8) Da das Bedürfnis nach etwas Neuem – wenn auch unklar und verworren – bei den Intellektuellen lebendig ist (man be ndet sich in einer Umwälzungsepoche), da sich aber wirklich Neues, schöpferisch Neues mit den Interessen der Herrschenden nicht verträgt, werden Surrogate des Neuen (Moden, inhaltslose Originalität um jeden Preis) angebetet. 9) Die gesellschaftlichen Katastrophen des Zeitalters (Weltkriege, Weltkrisen, Revolutionen, Bürgerkriege) werden von denen, die ihnen nicht auf den Grund gehen (auf den ökonomischen Grund), als eine einzige ausweglose Apokalypse missverstanden, und diese Mysti zierung der nicht begri enen gesellschaftlichen Realität, in der scheinbar »alles drunter und drüber geht«, spiegelt sich ebenfalls in der ästhetischen Formzertrümmerung der »Abstrakten« wider. 10) Dies alles ist natürlich von niemandem beabsichtigt, sondern vollzieht sich – wie alle gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse im Kapitalismus – spontan, mit elementarer »Naturgewalt«, und je weniger sich die Beteiligten über die letzten Ursachen und Zusammenhänge im Klaren sind, desto ohnmächtiger stehen sie dem allen gegenüber. Da haben Sie, in kurzen Andeutungen, die »soziologischen Kategorien«, nach denen Sie fragen, verehrter Herr Professor! Es kommt nur darauf an, die oben angeführten Momente nicht isoliert zu nehmen, sondern in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit, in ihrer gegenwärtigen Verschlingung und Verzahnung zu begreifen – und das eben heißt dialektisch denken –, und man erkennt ohne weiteres, durch welche konkreten Vermittlungen die ökonomische Basis ihren Ein uss auf das geistige Leben durchsetzt, und mit welchen historischen – nicht absoluten, nicht schlechthin menschlichen und schon gar nicht biologischen – Motiven sie den Antriebsüberschuss etwa eines Künstlers oder seines snobistischen Bewunderers seligiert und »besetzt«. Die Ursache letzter Instanz: Dass der Kapitalismus, der einmal Entwicklungsbedingung und Vehikel der produktiven Kräfte des Menschen gewesen ist (von der Renaissance bis zum Ende des 19. Jahrhunderts), zum entscheidenden Hemmnis der Produktivkräfte geworden und in das Stadium seines Sterbens, seines parasitären, greisenhaften Dahinvegetierens, seiner allgemeinen Zersetzung und Fäulnis eingetreten ist. Durch die Existenz der Sowjetunion und des roten China und durch die Revolution der kolonialen und abhängigen Völker wird praktisch bewiesen, dass es mit ihm zu Ende geht. 2 8 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Freilich: Das alles darf nicht vulgär, nicht soziologisch-schematisch aufgefasst werden. Nichts wäre falscher und dümmer, als die Entscheidungen und Haltungen der Individuen aus ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener Klasse, aus ihrem »Milieu« ableiten zu wollen. Die ökonomischen Interessen sind in der Tat die mächtigen Triebfedern der geschichtlichen Bewegung der Klassen, aber das Handeln der Individuen folgt anderen Gesetzen. Die oben angeführten zehn Momente erklären vieles, enthalten aber nicht die ganze Wahrheit. Es gibt bürgerliche Denker, die aufrichtig auch heute um Wahrheit ringen, die nicht über das »Nichten des Nichts« »philosophieren« (obwohl man auch mit einer solchen Hanswursterei berühmt werden und in zahllosen Salons achtungsvolles Emporziehen der Augenbrauen hervorrufen kann), sondern denen es um wissenschaftliche Erkenntnis geht (ich denke an Sie, an den verstorbenen Nicolai Hartmann, an Max Hartmann, vielleicht auch ein wenig an das mir sonst unbekannte säuerliche Frl. Dr. Mahn). Es gibt Künstler, die den Realismus und die ästhetischen Werte durch ihre schöpferische Arbeit verteidigen, die tapfer gegen den allgemeinen Strom der Nivellierung, des Kitsches, der abstrakten Scheinrebellionen und der Snobisterei, schwimmen. Es gibt durch und durch bürgerliche Menschen, denen auf einmal die Politik der Vorbereitung eines neuen Krieges »zu bunt wird«, die ein mutiges Nein zum Kriege sagen und dafür auch einstehen. Das alles gibt es. Aber warum kann es das geben? Weil der Mensch eben letzten Endes in keinem Sinne »festgestellt«, »festgelegt« ist, weder biologisch durch Triebe und Instinkte, noch auch soziologisch durch irgendein »Milieu«. Beim Durchschnitt der Individuen ist zwar die Antriebsstruktur von klassenmäßig bestimmten Motiven besetzt, vor allem dort, wo politische und soziale Entscheidungen zu fällen sind. Aber in der Gesellschaft als konkreter Totalität sind eben nicht nur diese möglichen – und im Durchschnitt vorherrschenden – Motive wirksam, sondern noch ganz andere: zunächst alles, was von der kämpfenden Arbeiterbewegung ausgeht, die immer vernehmlicher und unentrinnbarer an die Pforten schlägt (ich ho e, auch in diesem Brief!), aber auch humanistische Ideen aus früheren Zeiten, aus der Zeit der Französischen Revolution und der Aufklärung, aus dem christlichen Humanismus, aus der Antike, ferner Mannesmut vor Fürstenthronen, gediegene Urvätersitten, auch Erinnerungen an Goethe und Heine, auch Geschmackskultur, die an der Anschauung der Renaissance-Malerei geschult ist, der kategorische Imperativ von Kant usw., wenn Sie wollen sogar eine hausbacken-konservative O ziersehre, die sich bei manchem als immer noch stärker und besser erwies 2 8 2 T e i l I I als die Rowdy-Ideologie der Nazis von gestern und der Mischmasch von Business-Geist und Söldnerideologie von heute, und die durchaus zur Basis echter Opposition werden kann.21 Dies alles ist in der Gesellschaft als konkreter Totalität vorhanden und wirksam, weil weder die Gesellschaftsklassen, noch die Zeitalter durch chinesische Mauern von ei nander getrennt sind. Dies alles ist weder »ewig menschlich«, noch naturgegeben, noch auch biologisch, sondern es ist historisch-gesellschaftlich geworden, nach eigenem, historischem Entwicklungsgesetz, wird historisch überliefert, übt historische Wirkungen aus und kann zur maßgebenden Determinante menschlicher Entscheidung und Haltung werden (zum »Zuchtbild«, wenn Sie wollen). Es kann! Aber ebenso gut kann gegebenenfalls auch ganz anderes dazu werden: Die feige Anpassung an das Gewünschte, die Hingabe an den Wettlauf um den Pro t, das träge Sichwälzen in den schlechten Gewohnheiten, die einem durch ein schlechtes Milieu andressiert wurden, oder solche ebenfalls möglichen Determinanten wie Laster, Trunksucht und jegliches Verbrechen. Es kann beim Individuum, nie bei der Klasse, auch Biologisches herrschen, wenigstens zeitweise: Etwa eine tolle, himmelstürmende Verliebtheit; aber dass sie eben den Himmel stürmt und nicht einzig und allein den Unterrock, auch das ist gesellschaftlich bedingt, weil historisch hindurchgegangen durch den Minnedienst der Feudalzeit und die Straßburger Lyrik des jungen Goethe und durch Heine-Gedichte, vertont von Schubert usf. Der Mensch ist eben variabel plastisch, er ist »o en«, nicht nur der Triebgebundenheit gegenüber, sondern auch in dem Sinne, dass seine Antriebsstruktur in schier unerschöp ichen Kombinationen von gesellschaftlich wirksamen möglichen Motivierungen des Handelns und Sich-Verhaltens »besetzt« werden kann. Und bei alledem ist er immer – das sehen Sie ganz richtig – was er, als das primär handelnde Wesen, aus sich macht. Wenn er von »Anlagen« oder von den gesellschaftlich gegebenen möglichen Motiven ergri en und »besetzt« wird, so nicht in dem Sinne, dass er dabei nur passiv wäre, dass nur sie ihn als Passiven determinierten. Nein, das letztlich Menschliche ist bei aller Determiniertheit das Moment der aktiven Wahl, das Moment des Sich-Entscheidens, Sich-Verhaltens, das der »Natur« eines primär arbeitenden, weltverändernden, praktischen, also handelnden Wesens entspricht. Deshalb ist er verantwortlich zu 21 (AH) Ähnlich lautende esen und sogar Formulierungen lassen sich noch in den achtziger Jahren in Hartmann-Manuskripten nden. (Siehe: Band 10.) 2 8 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n machen für das, was er tut, und was er ist, deshalb wird ganz zu Recht sogar sein Charakter ihm als Verdienst angerechnet oder als schuldhaft übelgenommen, obwohl sich das Verschulden in jedem Fall aus soziologischer usw. Bedingtheit erklären lässt. Die Verantwortung kann niemandem erspart werden, auch durch biologische, psychologische oder soziologische Erklärung des Verhaltens nicht. Kurzum und nochmals: Der Marxismus darf nicht mit Vulgärsoziologie verwechselt werden. Wir sagen: Verändert die Umstände, damit das Verbrechen verschwinde! Wir sagen aber nicht: Sprecht den Verbrechern frei, denn an dem, was er tat, sind die Zustände schuld. Die Zustände in ihrer objektiven Widersprüchlichkeit sind eben nicht nur an Verbrechen schuld, sondern auch am Gegenteil: An der kreuzbraven Ehrlichkeit der meisten Darbenden und an der Menschlichkeit und Solidarität der Unterdrückten und an der heiligen Empörung und dem Heroismus derer, die für eine bessere Zukunft kämpfen usw. usf. Die Freiheit der Entscheidung in der »Situation«, dass ist das, wo rin die Existenzialisten relativ recht haben und worin ihnen der Marxismus niemals widersprechen wird. Sie haben nur Unrecht, wenn sie damit die Leugnung der objektiven Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung »begründen« und ein leeres Abstraktum subjektiver »Wahlfreiheit« dem Abstraktum eines ungesetzlichen gesellschaftlichen Chaos gegenüberstellen. Ich will damit schließen. Wenn es Ihnen recht ist: nur vorläu g! Verstehen Sie bitte meine Anpreisung des Marxismus nicht falsch. Es soll keine Proselytenmacherei von der billigen Sorte sein. Ich kann nicht anders, als Ihnen, den ich verehre, und von dessen Drang nach Wahrheit ich tief, tief überzeugt bin, etwas von dem mitzuteilen, was ich selbst als Wahrheit erkannt habe. Es ist Sonntag, der 9. März, morgens 10:00 Uhr. Ich habe Ihnen die ganze Nacht durch geschrieben. Darf ich Sie bitten, mir gelegentlich neue Arbeiten von sich zu schicken, oder ist das sehr unverschämt? Ich habe nur eorie der Willensfreiheit und den Menschen in der Au age von 1940. Wenn Sie wollen, würde ich mich mit Buchsendungen revanchieren, mit meiner Heine-Ausgabe und mit philosophischen Neuerscheinungen, die beachtlich sind, zum Beispiel: Georg Lukács, Existenzialismus oder Marxismus? und Ernst Bloch Subjekt-Objekt – Bemerkungen zu Hegel. Kommen Sie an die Werke der marxistischen Klassiker heran? Auch hiermit stehe ich jederzeit zu Diensten. Ich warte voller Begierde auf Ihren Brief und bin mit bestem Gruß Ihr 2 8 4 T e i l I I Brief an Arnold Gehlen22 (22. März 1952) Sehr verehrter Herr Professor Gehlen! Ich habe am 18. März Ihren freundlichen Brief und heute den Sonderdruck Ihrer Arbeit erhalten. Für beides danke ich Ihnen herzlich. Auf Ihre Arbeit will ich heute, Ihrem Wunsche entsprechend, noch nicht eingehen, sondern erst den zweiten Brief, den Sie mir in Aussicht stellen, abwarten. Ich will Ihnen nur so viel andeuten: Sie haben da meines Erachtens nicht nur einen, sondern mehrere sehr wesentliche »Funde« gemacht: Erstens haben Sie die »Entdi erenzierung« herausgearbeitet, die in vielerlei Hinsicht bedeutsam ist: Sie liegt zum Beispiel dem Phänomen der gesellschaftlich-kulturellen Formung vitaler Antriebe zu Grunde. Ihre Entdeckung ist ein Schlag gegen die Simpli zierungen der Psychoanalyse. Zweitens haben Sie (auf den Seiten 326/327) einen ganz entscheidenden Beitrag zur Enträtselung des »Ich«, der »Einheit der Person«, geleistet. Drittens haben Sie die »unbestimmte Verp ichtung« entdeckt, und darauf können Sie wirklich stolz sein. Das wird eines Tages in Soziologie, Pädagogik, Ethik, Ästhetik einen Ruck geben, verlassen Sie sich darauf. (Ich selbst habe zunächst einmal beschlossen, mir daraufhin nochmals den Le Bon – Psychologie der Massen – durchzulesen. Es ist ein widerwärtiges Buch, enthält aber Tatsachenmaterial, das eventuell für einen, der die unbestimmte Verp ichtung kennt, interessant wird.) Wie gesagt: Mehr will ich hierüber vorerst nicht sagen, weil ich’s vor Lektüre Ihres zweiten Briefes ja nicht darf. Aber Sie erlauben, dass ich wenigstens in großem Respekt vor Ihnen den Hut ziehe. Sie haben völlig recht: Die »Entlastung« und die »unbestimmte Verp ichtung« haben weder Hegel noch Marx gewusst. Nur darf man nicht meinen, dass Marx jemals mit dem Anspruch aufgetreten sei, alles »schon zu wissen«. Er war nicht Hegel. Nun ein paar Bemerkungen zu Ihrem Brief vom 16. März. Sie schreiben, dass Ihre Interessen zunehmend positiv-wissenschaftlich und abnehmend philosophisch werden. Vortre ich! Das ist ein Bekenntnis, das Ihnen jeder Marxist zur allerhöchsten Ehre anrechnen wird. Mit dieser Orientierung sind Sie schon beinahe bei uns, und wenn Sie es nicht wären, würde ich ja auch nicht ein so beharrliches Liebeswerben um Sie veranstalten, das mir bei zehn Vorlesungsstunden in der Woche viel Mühe kostet. Ich darf Sie auf folgende Zitate aufmerksam machen, die bei uns – wenn Sie so wollen – »Dogmen« sind. 22 (AH) 25 Blatt, maschinenschriftlich, 22. März 1952. 2 8 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n »Sobald an jede einzelne Wissenschaft die Forderung herantritt, über ihre Stellung im Gesamtzusammenhang der Dinge und der Kenntnis von den Dingen sich klar zu werden, ist jede besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang, d. h. jedes philosophische System, über üssig. Was von der ganzen bisherigen Philosophie dann noch selbständig bestehen bleibt, ist die Lehre vom Denken und seinen Gesetzen – die formale Logik und die Dialektik. Alles andere geht auf in die positive Wissenschaft von Natur und Geschichte.« (Friedrich Engels, Anti-Dühring, S. 29.) Und: Der Marxismus »lässt die für jeden Einzelnen unerreichbare ›absolute Wahrheit‹ laufen und jagt dafür den erreichbaren relativen Wahrheiten nach auf dem Weg der positiven Wissenschaften und der Zusammenfassung ihrer Resultate vermittelst des dialektischen Denkens«. (Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie.) Und schließlich: »Die Eigenart der Entwicklung der Philosophie besteht darin, dass mit der Entwicklung der wissenschaftlichen Kenntnisse von der Natur und der Gesellschaft sich eine positive Wissenschaft nach der anderen von der Philosophie absondert, so dass sich deren Gebiet ununterbrochen zu Gunsten der positiven Wissenschaft verkleinert, – ein Prozess, der – nebenbei bemerkt – bis heute noch nicht beendet ist. Und diese Befreiung der Naturwissenschaften und der Gesellschaftswissenschaften von der Philosophie stellt sowohl für die Wissenschaft, als auch für die Philosophie selbst einen Prozess des Fortschritts dar.« (Shdanow: Kritische Bemerkungen zu Alexandrows »Geschichte der westeuropäischen Philosophie«, 1947.)23 23 (AH) Gemeint ist: Andrei Alexandrowitsch Shdanow, geb. am 26. Februar 1896 in Mariupol, gest. am 31. August 1948 in Moskau. Treuer Mitarbeiter Stalins, der dessen brutales Vorgehen unterstützte. Von 1934 bis 1944 in Leningrad für die »Säuberungen« zuständig, die er radikal durchsetzte. Nach 1945 war er dann verantwortlich für die nach ihm benannte repressive Kulturpolitik (Shdanowschtschina). Dabei ging er auch gegen die »Speichellecker des Westens«, gegen Achmatowa, Pasternak, Soschtschenko, Eisenstein, Proko ew und Schostakowitsch vor, um nur die bekanntesten zu nennen. Von 1949 bis 1952 war Shdanows Sohn Juri mit Stalins Tochter Swetlana verheiratet. Für die Diskurse in der DDR und die philosophischen Debatten der fünfziger Jahre Jahre wurde folgende Schrift von ihm bedeutsam: Kritische Bemerkungen zu G. F. Alexandrows Buch: Geschichte der westeuropäischen Philosophie. Rede auf der Philosophentagung in Moskau, Juni 1947, in: Ders.: Über Kunst und Wissenschaft, Berlin, 1951, S. 80–114. Harich hatte Shdanows Konzeption immer wieder kritisiert, im Zuge der Hegel-Debatte auch ö entlich und überaus wirksam. Die Abrechnung mit Stalin brachte dann auch das Ende der o ziellen Bezugnahme auf Shdanow, die von diesem entwickelten Prinzipien der Kulturgängelung blieben jedoch erhalten. 2 8 6 T e i l I I Sie sind also, wie Sie sehen, auf einem ziemlich bolschewistischen Wege, und vielleicht liegt es daran, wenn Ihr Aufsatz über die »unbestimmte Verp ichtung« im Westen überhaupt nicht beachtet wurde. Dieses Berufen auf fachwissenschaftliche Quellen, dass für alle Ihre Arbeiten charakteristisch ist, hat man in der bürgerlichen Philosophie von heute gar nicht gerne, und es passt ins Bild, wenn Frau Dr. Mahn auf Ihre wissenschaftlichen Quellen (Bolk usw.) auch nicht mit einem Sterbenswörtchen eingeht. Einschränkend möchte ich zu Ihrem positiv-wissenschaftlichen Bekenntnis nur Folgendes zu bedenken geben: Einmal ist es eine Tatsache, dass noch längst nicht alle für die Wissenschaft relevanten und aufschlussreichen Gedanken aus der Geschichte der Philosophie ausgeschöpft sind. Ihr eigenes Werk bietet dafür hinreichend Beispiele; denn vor Ihnen hat noch keiner die tiefen anthropologischen Ahnungen unseres großen Herder für die Wissenschaft fruchtbar gemacht. Es gibt also in der Philosophie noch viel für die Wissenschaft zu erben. Ich selbst führe daher in meiner Partei und an der hiesigen Universität einen hartnäckigen Kampf für eine sorgfältigere Beachtung gewisser Einsichten und Ahnungen von Platon, Aristoteles, Stoa, Kant usw., die für den Marxismus wertvoll sind, obwohl sie durch den Riesen Hegel »an die Wand gedrückt« wurden. Zum anderen ist, wie Shdanow richtig bemerkt, der Prozess der völligen Au ösung der Philosophie in positive Wissenschaft noch immer nicht abgeschlossen. Daher ist es einerseits möglich, dass sogar solche Irrlehren wie der Pragmatismus oder die höchst philosophische Soziologie des Faschisten Pareto24 immer noch hier und da wertvolle, 24 (AH) Im Aufbau-Verlag war Harich in den Jahren der Entstehung dieser Briefe als Lektor für die Bücher von Georg Lukács zuständig. An den ungarischen Philosophen schrieb er am 20. September 1952 über die Zerstörung der Vernunft: »Werden Sie sich in Ihrem Buche auch mit Vilfredo Pareto auseinandersetzen? Es wäre, namentlich im Hinblick auf den Kampf gegen den Pragmatismus, sehr wichtig, wenn eine Äußerung von Ihnen über Pareto existierte.« (Abgedr. in: Band 9, S. 188.) Und in seiner Rezension des Werkes führte Harich aus: »Das Vorwort (S. 5–29) erörtert zunächst die Gesichtspunkte der Auswahl und Disposition, begründet die Methoden, denen die Darstellung folgt, und fügt im Anschluss daran den Darlegungen des Hauptteils eine Reihe wichtiger Ergänzungen hinsichtlich der internationalen Verbreitung des Irrationalismus in der imperialistischen Periode hinzu. Dabei wird auf Bergson, William James, Croce und Sorel näher eingegangen, Pareto, Boutroux u. a. werden am Rande erwähnt: Der leitende Gedanke ist hier der, dass die imperialistische Grundlage der bürgerlichen Philosophie des 20. Jahrhunderts zwar allenthalben irrationalistische Tendenzen hervortreibt, dass aber nichtsdestoweniger Deutschland als Zentrum des modernen Irrationalismus angesehen werden muss, sofern man nur die Weltwirkung Nietzsches und der Lebensphilosophie in Betracht zieht und 2 8 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n beachtliche Aufschlüsse abwerfen, die man nicht ignorieren darf. Andererseits ist es eine Tatsache, dass gewisse Gegenstandsgebiete von heute bis zu einem erheblichen Grade von der Philosophie okkupiert werden, weil sich ihrer die Wissenschaft noch nicht bemächtigt hat, weil sie von der Wissenschaft links liegen gelassen werden. Hierzu gehört zum Exempel die Ethik. Nur die eine Seite der Ethik – die historisch-gesellschaftliche Erklärung der »Moralen« – hat der Marxismus verwissenschaftlicht. Die andere Seite wird noch von der Philosophie besetzt gehalten, und den ersten Schritt zur Verwissenschaftlichung dieser Seite haben meines Wissens Sie getan – mit Ihrer noch erheblich philosophischen, aber auch schon erheblich wissenschaftlichen An thropo lo gie. Das Problem der Freiheit der Entscheidung, der Verantwortung, des »inneren Kon ikts« usw. lässt sich ohne die von Ihnen herausgearbeiteten anthropologischen Kategorien nicht wissenschaftlich behandeln.25 Das Wichtigste aber, was ich Ihnen zu bedenken geben möchte, ist dies: Das Bekenntnis zur positiven Wissenschaft darf nicht im Sinne eines platten Empirismus aufgefasst werden. Es ist nämlich die Regel, dass die positiven Wissenschaftler, je freier und unbeschwerter sie von jeglicher Philosophie zu sein glauben, nur desto tiefer im Sumpf aller möglichen falschen und überwundenen Philosophien darin stecken. Diese Wissenschaftler tragen in ihrer katastrophalen philosophischen Unbildung und in ihrem unbewussten Beherrschtsein von bestimmten gesellschaftlichen Denkformen und Denkgewohnheiten ganz naiv handfeste philosophische Voraussetzungen mit sich herum. Sie ziehen daher oft aus ihren eigenen – an und für sich grandiosen – Forschungsresultaten und Entdeckungen verallgemeinernde Schlussfolgerungen, die einfach falsch sind, und die wiederum den ungeheuerlichsten philosophischen eorien neuen Auftrieb geben. Ich erinnere Sie an den ganzen positivistischen Dreck, den die Relativitätstheorie mit sich herumschleppt:26 An die Leugnung des qualitativen Unterschiedes der Raumdian das Einmünden der obskuren Strömungen in die Ideologie des deutschen Faschismus denkt.« (Abgedr. in: Band 9, S. 291.) 25 (AH) Harich setzte sich mit dem »Problem der Freiheit« oft auseinander. Einschlägig sind seine Ausführungen in dem Vortrag Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit, den er auf der Konferenz Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Konferenz der Sektion Philosophie der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin (8. bis 10. März 1956), gehalten hatte. Neu abgedr. in: Band 3, S. 359–376. Dort weitere Hinweise usw. 26 (AH) In den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren hatte sich Harich intensiv mit der Physik und vor allem mit der philosophischen Verallgemeinerung der neuesten phy- 2 8 8 T e i l I I mension und der Zeitdimension, an Einsteins haarsträubende De nition der Gleichzeitigkeit, an die eorie der räumlichen und zeitlichen Endlichkeit der Welt, an den Versuch, mit Hilfe der als Dopplere ekt gedeuteten Rotverschiebung in den Spektren der Nebel das »Alter« und den »Radius« des Weltalls auszurechnen usw. Ich erinnere Sie weiter an das Geschwätz von der »Akausalität«, ja, »Willensfreiheit« im Atom, an die barbarische Gesellschaftsphilosophie des »sozialen Darwinismus«, der sich schließlich auch auf die positive Wissenschaft beruft, an die Leugnung der Entstehung von Zellen aus nichtzellularer Materie in der auf Virchow eingeschworenen höchst philosophischen Medizin usw. In allen diesen Fällen schlägt der scheinbar unphilosophische platte Empirismus in handfeste Metaphysik um. Für die wissenschaftlichen Koryphäen, auf die Sie sich berufen, und deren positive Leistungen Sie mit vollem Recht für die Anthropologie fruchtbar machen, gilt meines Erachtens dasselbe: Bolk hat mit der Entdeckung der Retardation eine großartige, bahnbrechende Leistung vollbracht. Aber er hat es nicht lassen können, über seine Resultate zu »philosophieren«, und dabei kommt Folgendes heraus: »Nicht weil der Körper sich aufrichtete, wurde die Menschwerdung vorbereitet, sondern weil die Form sich vermenschlichte (?), richtete sich der Körper auf.« (Gehlen, Au age 1940, S. 106 f.) Dabei weiß jedes Kind, dass die Perpendikularstellung schon durch das Baumleben der A en vorbereitet ist. Außerdem bekennt sich Bolk, wie Sie schreiben, als »überzeugter Anhänger der Lehre von der Ungleichheit der Rassen«. (Gehlen, 1940, S. 117) Um die »Philosophie« von Schindewolf und Ranke steht es nicht viel besser. Ranke scheint anzunehmen, dass Katzen, Kühe und Wale von Menschen abstammen; denn wie soll man folgenden Satz verstehen: »Der Gang ist sonach umgekehrt so, wie ihn die landläu ge Entwicklungslehre postulieren zu können meint: Nicht vom Niedrigen zum Höheren aufsteigend, sondern absteigend vom Höheren zum Niedrigeren. Die höchste Form der Schädelbildung, die menschliche, ist der gemeinschaftliche Ausgangspunkt der Schädelentwicklung der gesamten Säugetierreihe.« (Gehlen, 1940, S. 88) sikalischen Erkenntnisse beschäftigt. Verschiedene Schriften aus diesem Kontext kommen in der vorliegenden Edition zum Abdruck, darunter unter anderem im 3. Teilband der Frühen Schriften verschiedene Dokumente und Briefe zu und an Victor Stern. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie setzte er sich dafür ein und ermöglichte als Chefredakteur, dass die dauerhafte Diskussionsrubrik zu Grundfragen der modernen Physik eingerichtet wurde, in der verschiedene Physiker und Philosophen die eorien von Victor Stern im Speziellen und die Forschungsresultate der modernen Physik im Allgemeinen diskutierten. Zahlreiche weiterführende Hinweise, die Gedanken Harichs usw. präsentiert der 10. Band (Nicolai Hartmann. Der erste Lehrer). 2 8 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Wie gesagt: Als leidenschaftlicher Bejaher jeder positiv-wissenschaftlichen Neuerung bestreite ich nicht, dass die Bolk, Schindewolf, Ranke usw. als Forscher bahnbrechende Leistungen vollbracht haben. Ich stelle nur fest, dass sie auf Grund philosophischer Voraussetzungen und Vorurteile, die sie unbewusst an die Wirklichkeit herantragen, ihre eigenen Entdeckungen nicht verstehen und deshalb zu wissenschaftsfeindlichen Schlussfolgerungen gelangen. Diese Schlussfolgerungen wiederum sind hoch philosophisch und stehen in allerengstem Zusammenhang mit den lebenswidrigen reaktionären Ideologien unserer Epoche. Ein Hinweis: Kennen Sie omas Manns Doktor Faustus? Ich muss bei Bolk, Schindewolf, Ranke usw. immer an den Doktor Chaim Breisacher denken, in dessen Mund das Wort »Fortschritt« die verächtlichste Vokabel ist. »Wenn man ihn hörte, setzten da Verfall, Verdummung und der Verlust jeglicher Fühlung mit dem Alten und Echten so frühzeitig und an so respektabler Stelle ein, wie niemand es sich hätte träumen lassen. Ich kann nur sagen: Es war im Ganzen wahnsinnig komisch. Für ihn waren solche jedem Christenkinde ehrwürdigen biblischen Personagen wie die Könige David und Salomon, sowie die Propheten mit ihrem Salbadern vom lieben Gott im Himmel, bereits die heruntergekommenen Repräsentanten einer verblasenen Spät- eologie. Alles Moralische galt ihm als ein ›rein geistiges‹ Missverständnis des Rituellen usw.« ( omas Mann, Doktor Faustus, Ausgabe Suhrkamp, 1948, S. 441  .) Das etwa kommt dabei heraus, wenn man sich »unbefangen«, d. h. als platter Empirist, in einem gesellschaftlich-geistigen Milieu bewegt, wo derartige Ideologien virulent sind, und wenn man dann die Retardation und die Organprimitivismen entdeckt. Wie anders Herder! Er steht insofern zwar unter Bolk, weil er zu seiner Zeit noch nicht über dessen Forschungsresultate verfügte. Aber er bewegte sich dafür, als Schüler Kants, als Freund von Lessing, Diderot, Goethe, August von Einsiedel und Jean Paul, auch in einem sehr anderen Milieu. Der Humanismus der protestantischen Kirche, der Fortschrittsgedanke der Aufklärung und die Ideen der Französischen Revolution waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, und so sah er in der Schwächung der Instinkte und Organe zugleich die Verfeinerung. A propos »Unbefangenheit«! Sie schreiben: »Sehen Sie, das ist mein Geschäft: Ich weiß nicht sehr viel Metaphysisches, aber ab und zu gelingt ein Forschungsfund, etwas wirklich Neues, das ich deswegen (bilde ich mir ein) nden kann, weil ich gar keine eorie habe, völlig unbefangen bin und die wahrscheinlich sehr bürgerliche Eigenschaft 2 9 0 T e i l I I habe, dass mir meine eigenen Gedanken am meisten interessant sind.« – Der sehr bürgerliche Goethe hatte diese sehr bürgerliche Eigenschaft nicht. Aber Goethe war sehr bürgerlich in einer Zeit, als die bürgerliche Klasse noch nicht so verkommen war, wie sie es heute ist. Kaspar Hauser ist also zum Leitstern bürgerlicher Geisteshaltung erst geworden. Bei Goethe können Sie lesen: »Im Grunde sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. (…) Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. (…) Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten, keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr alles ihrem eigenen Genie zu danken zu haben, die Narren! Als ob das überall anginge. Und als ob die Welt sich ihnen nicht bei jedem Schritt aufdrängte und aus ihnen trotz ihrer eigenen Dummheit etwas mache (…).« Dies zum Ersten. Zum Zweiten aber: Sie sind sehr im Irrtum, wenn Sie meinen, dass Ihnen Ihre eigenen Gedanken am meisten interessant sind. Darf ich Sie daran erinnern, wie interessant und aufschlussreich Ihnen Herder, Kant, Schiller, W. v. Humboldt, Novalis, Schopenhauer, Nietzsche, James, Dewey, Pareto, Uexküll, Köhler, Bolk, Schindewolf, Julian Huxley, K. Lorenz, Whitman, Heinroth, Storch, Portmann, Nicolai Hartmann, Plessner, Trilles, Mead, Malinowski, Heard, Toynbee und viele, viele andere sind? Ihre eigenen Gedanken sind etwas wirklich Interessantes, weil Schöpferisches, Neues, aber sie stellen eine Weiterentwicklung von Vorgefundenem dar, das andere vor Ihnen gescha en haben, und wenn Sie es sich genau überlegen, so sind auch Sie – um das berühmte Bekenntnis Goethes abzuwandeln – ein »Kollektivwesen namens Gehlen«. Was Sie groß und schöpferisch macht, ist gerade Ihre vielseitige Orientierung, Ihr vielseitiges Anknüpfen an philosophische und wissenschaftliche Leistungen anderer, Ihr – wie es scheint – sehr umfangreiches Studium medizinischer, anthropologischer und psychologischer Fachzeitschriften. Es ist also reine Koketterie, wenn Sie sich als Kaspar Hauser ausgeben. In Wirklichkeit sind Sie von solcher Narretei sehr weit entfernt, weiter als irgend ein bürgerlicher Philosoph im heutigen Deutschland. Und zum Dritten: Unbefangen, theorielos sind Sie ganz und gar nicht. Ihr Gesichtspunkt des einheitlichen Strukturgesetzes ist eine eorie, und zwar eine sehr gute, die es Ihnen ermöglicht, zahllose wissenschaftliche Anregungen, Hinweise und »Funde« so schöpferisch zu assimilieren, dass ganz neue Einsichten gelingen. Wie kommt es denn, dass Sie es fertig bringen, in einem Artikel von 26 Druckseiten drei revolutionierende Entdeckungen zu gebären? Es kommt daher, weil Sie eine respektable Gebärmutter in sich tragen, die durch Berührung mit allen empirischen Daten, die die 2 9 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Wissenschaft Ihnen liefert, auf der Stelle hoch-schwanger wird. Für andere bedeuten die Hinweise der Bolk, Huxley, Lorenz, Whitman, Heinroth, Storch, Portmann usw. nicht viel, sie lesen darüber hinweg, weil sie auch ihre eorien haben, aber falsche eorien, unfruchtbare. Bei Ihnen dagegen schlagen diese Hinweise ein. Warum? Weil sie auf den fruchtbaren Boden ihrer richtigen eorie fallen. Andererseits: Auch Sie tragen, wie alle bürgerlichen Intellektuellen, falsche Denkformen mit sich herum, von denen Sie beherrscht werden. Beispiel: Dass ein so unspezialisiertes Wesen wie der Mensch von einem so hochspezialisierten Wesen wie dem A en abstammen soll, nden Sie ungeheuerlich. Sind Sie sich darüber klar, dass Sie damit auf genau denselben philosophischen Voraussetzungen basieren wie der klassische Darwinismus in seiner bornierten Darwin-Haeckelschen Form? Für Darwin-Haeckel war der Mensch höchstes Produkt einer einfachen, linearen Höherentwicklung der Natur. Sie kannten die Kategorie des qualitativen Sprunges und die Kategorie der coincidentia oppositorum nicht, wandten sie nicht an, waren daher blind für die neue Qualität des Menschen und machten es sich leicht, indem sie die Organprimitivismen, die Retardationen usw. einfach übersahen. Ergebnis: Die Substantiierung des Geistes in der idealistischen Metaphysik blieb unangefochten bestehen, konnte durch den Darwinismus nicht aus der Welt gescha t werden, konnte vielmehr ihrerseits den Darwinismus als primitiv abtun. Bolk und andere entdeckten dann die Organprimitivismen und die Retardationen, kannten die Kategorien des qualitativen Sprunges und der coincidentia oppositorum aber ebenfalls nicht, wandten sie gleichfalls nicht an und gelangten daher – auf der Grundlage der gleichen philosophischen Voraussetzungen wie Darwin und Haeckel, nur anhand anderer Tatbestände – zur Leugnung der Abstammung des Menschen vom Tier. Ferner: Abgesehen von der Übereinstimmung in den allgemeinen philosophischen Voraussetzungen kennen beide – Darwin-Haeckel und Bolk-Schindewolf – die fundamentale Bedeutung der Kategorie »Arbeit« nicht. Beide sehen die Erscheinungen, die sie untersuchen, isoliert von den Lebensbedingungen und Tätigkeiten des Menschen. Die einander ausschließenden eorien des Darwinis- Ernst Haeckel 2 9 2 T e i l I I mus und der Bolk-Richtung sind also im Grunde nur Kehrseiten ein- und derselben bornierten Denkweise. Und woran liegt das, dass alle diese Denker, die als Wissenschaftler so achtenswerte, unentbehrliche Leistungen zu Stande gebracht haben, gleichzeitig als Philosophen – die sie unbewusst sind – einer so ho nungslosen Borniertheit zum Opfer fallen? Es liegt daran, dass die Klassenverhältnisse des niedergehenden Kapitalismus a) die Wissenschaftler im platten Empirismus gefangen halten und ihr Denken den philosophischen Traditionen entfremden (weder Darwin-Haeckel, noch Bolk-Schindewolf kennen Herder, Hegel usw.), b) eine schier unübersteigbare Barriere zwischen den bürgerlichen Intellektuellen und dem Marxismus aufrichten und auf diese Weise c) die wissenschaftsfeindlichen Tendenzen der bürgerlichen Ideologie zusammen mit den entsprechenden methodischen Voraussetzungen in den Köpfen der Intellektuellen, diesen selber unbewusst, xieren. Daher sagt Lenin: »Keinem einzigen dieser Professoren, die im Stande sind, auf Spezialgebieten – Chemie, Geschichte oder Physik – die wertvollsten Arbeiten abzuliefern, darf man auch nur ein einziges Wort glauben, sobald von der Philosophie die Rede ist.« Wie kann ein so unspezialisiertes Wesen wie der Mensch von einem so hochspezialisierten wie dem A en abstammen? Das ist die Frage. Diese Frage ist aber gar nicht so vertrackt, wie es aussieht. Für den Marxisten ist es prinzipiell nicht überraschend, dass der gleiche Entstehungsprozess, aus dem etwas qualitativ Neues hervorgeht, gleichzeitig und in untrennbarer Einheit Aufwärts- und Abwärtsentwicklung, Fortschritt und Rückschritt ist. Wir Marxisten sehen zum Beispiel in der Überwindung der urkommunistischen Gentilverfassung durch die Sklaverei einen historisch notwendigen Fortschritt und einen Vorgang der Degradation. Engels sagt hierzu im Zusammenhang mit der Behandlung der irokesischen Gens: »Die Macht dieser urwüchsigen Gemeinwesen musste gebrochen werden – sie wurde gebrochen. Aber sie wurde gebrochen durch Ein üsse, die uns von vornherein als eine Degradation erscheinen, als ein Sündenfall von der einfachen sittlichen Höhe der alten Gentilgesellschaft. Es sind die niedrigsten Interessen – gemeiner Habgier, brutale Genusssucht, schmutziger Geiz, eigensüchtiger Raub an Gemeinbesitz –, die die neue, zivilisierte Gesellschaft einweihen.«27 (Ursprung der Familie, III) 27 (AH) Zitat nachgewiesen in: Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 21, Berlin, 1962, S. 97. 2 9 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Sie werden sagen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Aber es hat damit zu tun, denn die Menschwerdung und die Herausbildung der Sklaverei sind beide Vorgänge der Realität von ähnlichem Typus, sind beide Entstehungsprozesse von neuen Qualitäten und weisen daher allgemeine gesetzmäßige Züge auf. Außerdem lehrt die materialistische Dialektik, dass bei der Entstehung einer neuen Qualität in der Regel Neues und Altes miteinander streiten, wobei das Neue, obwohl anfangs schwach, unscheinbar und gefährdet, unweigerlich das Alte besiegt. Das Alte – das sind im Fall der Menschwerdung die hochspezialisierte Organausstattung, die hochspezialisierten Instinkte und der entsprechende Triebdruck, das Neue – das sind die Keimformen und Ansätze der Produktion der eigenen Lebensbedingungen durch Arbeit. Dieses Neue kann sich überhaupt nur durch Verdrängung des Alten durchsetzen, ohne dass dadurch aber seine Entstehung aus dem Alten im mindesten in Frage gestellt ist. Nur für den marxistisch nicht versierten bürgerlichen Ideologen ist es rätselhaft, dass Neues aus Altem durch Verdrängung des Alten entsteht. Er spricht entweder – als Darwinist – von einfacher Höherentwicklung und unterstellt dabei eine quantitative Höherentwicklung der Besonderheiten der alten Qualität, wobei er die Phänomene der neuen Qualität ignoriert, oder er sieht, wie Bolk, die neue Qualität, beschreibt deren spezi sche Züge, kann sich dann aber nicht mehr vorstellen, dass sie aus der alten Qualität entstanden ist. Aber der Dampf ist aus erhitztem Wasser entstanden und das faschistische System ökonomischer Reglementierung aus der freien Konkurrenz und der unspezialisierte Mensch aus dem hochspezialisierten A en. Der langen Rede kurzer Sinn: Es wäre gut, wenn Sie sich die Feststellung, dass Sie gar keine eorie hätten und »völlig unbefangen« seien, noch einmal sorgfältig überlegen würden. Ich behaupte: a) Sie gehen durchaus nicht unbefangen, sondern sehr wohl mit theoretischen Voraussetzungen an die Wirklichkeit heran – und zwar im positiven und im negativen Sinne; b) so weit es sich dabei um negative, erkenntnishemmende, theoretische Voraussetzungen handelt, sind es im Grunde genau die gleichen Voraussetzungen, die die nur scheinbar gegensätzlichen Beschränktheiten des klassischen Darwinismus und der Bolk-Richtung bedingen. Es sind die Voraussetzungen des metaphysischen Denkens, das die Fakten isoliert betrachtet, die Kategorien statisch au asst, das Entstehen neuer Qualitäten aus alten Qualitäten ignoriert und von den Realgesetzen des inneren Widerspruchs der Erscheinungen keinen deutlichen Begri hat. (»Metaphysisch« hier im Sinne von undialektisch. Hegel spricht von »Re exionsphilosophie«.) 2 9 4 T e i l I I Ich behaupte aber noch mehr. Gegen Ihre falschen theoretischen und methodischen Voraussetzungen setzen sich bei Ihnen – weil das Prinzip des »einheitlichen Strukturgesetzes« richtig ist – wesentliche Einsichten (teilweise Ahnungen) durch. Sie können sich dem Gefühl nicht entziehen, dass Sie es in Ihrer Anthropologie mit höchst widerspruchsvollen, dialektischen Erscheinungen zu tun haben. Sie schreiben (in Ihrer Antwort auf die Kritik von Frau Dr. Mahn): »Überhaupt ist das Fragmentarische einer wissenschaftlichen Konzeption kein Gegenstand eines berechtigten Einwandes, nicht einmal Widersprüche würden einen solchen begründen. Sie könnten in der Sache liegen!« Sehr richtig: Die Widersprüche liegen in der Tat in der Sache. Es kommt jedoch darauf an, dass man sie methodisch bewusst als Widersprüche der Sache erfasst. Nur dann kann man sie in einer logisch widerspruchsfreien eorie aussprechen. Tut man dies nicht, so spricht man die Widersprüche der Sache aus, indem man sich selbst widerspricht. Und das kann dann allerdings ein Gegenstand sehr berechtigter Einwände werden. Im Prinzip ist dieses Dilemma des metaphysischen Denkens nicht neu. Aristoteles erfasst zum Beispiel in seiner Metaphysik das widerspruchsvolle Aufeinander-Bezogensein des Allgemeinen und Besonderen nicht, aber es macht sich in seiner eorie in der Weise geltend, dass er sich selbst auf Schritt und Tritt widerspricht, indem er nämlich einmal behauptet, nur das Einzelne sei real (im Kampf gegen Platons Hy posta sie rung des Eidos), und dann wieder erklärt, nur das Allgemeine sei begri ich erkennbar. Ähnlichen logischen Widersinn, der sich ebenfalls aus der metaphysischen Behandlung dialektischer Phänomene ergibt, ndet man in Hülle und Fülle bei Adam Smith in dessen genialem Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Smith kommt bisweilen der Entdeckung des Mehrwerts um Haaresbreite nahe. Er erkennt zum Beispiel, dass die Kapitalisten nicht produzieren, um durch die Produkte ihre Bedürfnisse zu befriedigen, dass sie überhaupt nicht im Hinblick auf Konsumtion (weder eigene noch fremde), sondern um des Mehrwerts willen produzieren, und er leitet auch den Mehrwert ganz richtig ab aus dem Wert, den Titelblatt von An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations 2 9 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n die Arbeiter dem Rohsto zusetzen über den im Lohn empfangenem Wert hinaus. Das ist schon beinahe marxistisch. Da aber Smith auf Grund der Erkenntnisschranken, die die bürgerliche Ideologie bereits in der revolutionären Entwicklungsphase des Kapitalismus aufweist, keinen exakten Begri des Mehrwerts hat, da er Mehrwert und Pro t durcheinanderbringt und ihm das objektiv widerspruchsvolle Verhältnis zwischen beiden schleierhaft ist, bringt er es fertig, gleich darauf zu erklären: Die Kapitalisten hätten kein Interesse daran, ein größeres Kapital statt eines kleineren anzuwenden, wenn ihre Pro te nicht in einem bestimmten Verhältnis zur Größe des vorgeschossen Kapitals stünden. Und damit widerspricht er sich selbst; denn auf einmal erklärt er den Pro t (der ihm gleich Mehrwert gilt) aus dem »Interesse«, dem Wunsch der Kapitalisten, nicht aber aus der Formverwandlung des Rohsto s durch die Leistung der Arbeiter – eine glatte Albernheit, die später von seinen vulgären Nachbetern zu einer Psychologisierung der kapitalistischen Ökonomie ausgebaut wurde. Es sind diese logischen Unstimmigkeiten, die Marx meint, wenn er schreibt: »Die Widersprüche Adam Smiths haben das Bedeutende, dass sie Probleme enthalten, die er zwar nicht löst, die er aber dadurch ausspricht, dass er sich widerspricht. Sein richtiger Instinkt in dieser Beziehung wird dadurch am besten bewiesen, dass seine Nachfolger gegeneinander bald die eine, bald die andere Seite aufnehmen.« ( eorien über den Mehrwert, Band I, S. 171.) Das Kapital von Marx ist, im Gegensatz zu den Werken der Klassiker der bürgerlichen Ökonomie, logisch völlig widerspruchsfrei, aber es ist deswegen widerspruchsfrei, weil Marx die Widersprüche, die in der Sache liegen, mittels der dialektischen Methode als Widersprüche der Sache erfasst (so das Verhältnis von Mehrwert und Pro t). Der Widerspruch der Sache, mit dem nun Sie in Ihrer Anthropologie gedanklich nicht fertig werden, ist die Abstammung des unspezialisierten Menschen vom hochspezialisierten Tier. Dieses Phänomen ist Ihnen so unheimlich und unbegrei ich, dass Sie es am liebsten mit einem agnostizistischen Achselzucken übergehen und sich gänzlich auf die bloße Deskription des Vorgefundenen zurückziehen würden. Sie tun dies auch weitgehend, haben dabei aber ein schlechtes Gewissen und operieren dann doch – wenigstens in der Au age von 1940 – mit Ansätzen und Elementen einer eigenen Hypothese. Und dabei passiert Ihnen dann Folgendes: Sie formulieren die »drei einzig möglichen Lösungsschemata der Menschwerdung« und heben als deren gemeinsamen Vorzug hervor, dass alle drei »während der eigentlichen Epoche der Menschwerdung eine besonders günstige optimale Zufallsumwelt, ein Paradies annehmen; denn ein 2 9 6 T e i l I I unspezialisiertes Tier, bevor es Werkzeugintelligenz besaß, war unangepasst und schutzlos, kann also nur in einem Mutterschoß der Natur gelebt haben.« (Seite 127) Damit widersprechen Sie sich aber selbst: Denn alles, was Sie sehr richtig über »das« Tier als »Gegenbegri « zum Menschen, also über die gemeinsamen Eigenschaften aller Tiere (vom Regenwurm bis zum Schimpansen) ausgeführt haben, setzt voraus, dass es nirgends in der Natur einen solchen »Mutterschoß der Natur« geben kann. Logisch gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder war die ganze Vorfahrenreihe des Menschen biologisch unspezialisiert, dann muss sie auch selbst ihre Lebensbedingungen produziert, also »schon immer« menschlich gewesen sein. Dann ist der Mensch aber auch im Prinzip eine fertig gegebene Schöpfung (fragt sich: wessen?). Oder der Mensch ist historisch entstanden, dann kann er nur von den Tieren abstammen, dann muss ihm aber auch ein biologisch spezialisierter Vorfahr vorausgegangen sein, der sich zu einem unspezialisierten Wesen entwickelt hat. Die zweite Annahme, die einzig und allein ohne göttliche Schöpfung des Menschen auskommt, die einzig und allein mit der historischen Entstehung unseres Planetensystems und unserer Erde und mit den universellen Entwicklungsgesetzen der organischen Natur verträglich ist, kann jedoch nur begri en werden, wenn man erkennt, dass organische Rückbildung einerseits und Höherentwicklung auf qualitativ neuer Stufe andererseits einen einheitlichen Prozess ausmachen. Nur wenn man mit methodischem Bewusstsein diesen Widerspruch der Sache aufdeckt, kann man eine logisch widerspruchsfreie eorie entwickeln. Die Anwendung der Dialektik bietet also die Gewähr, die Ansprüche der Logik bis zur letzten Konsequenz zu erfüllen, während metaphysische Denkgewohnheiten – gerade dann, wenn sie spontan das vermeintlich »unbefangene« Bewusstsein des Forschers beherrschen – zu unabsehbaren logischen Unstimmigkeiten führen. War der »Mutterschoß« der Natur eine Steinwüste? Wie konnte darin der bereits unspezialisierte Menschenvorfahr leben? Oder war der »Mutterschoß« der Natur ein Stück Natur voller organischen Lebens, mit P anzen und Tieren? Wie ist dann die Existenz von P anzen und Tieren denkbar ohne die Vorgänge der natürlichen Zuchtwahl, die die Ausmerzung des Unangepassten besorgen und auf diese Weise umwelteingepasste Organismen entstehen lassen? Wenn aber das Gesetz der natürlichen Zuchtwahl in diesem »Mutterschoß« herrschte – wa rum betraf es nicht den Vorfahren des Menschen? Solange er noch nicht seine Lebensbedingungen durch Arbeit produzierte, muss es ihn betro en haben. Solange es ihn aber betro en hat, war er auch umwelteingepasst, biologisch spezialisiert, also kein Mensch, 2 9 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n sondern ein Tier. Wie aber kann von einem spezialisierten Tier der unspezialisierte Mensch abstammen? Aus diesen vertrackten Zirkel kommen Sie nur heraus, wenn Sie sich von den Denkgewohnheiten der Metaphysik (Re exionsphilosophie) frei machen und Dialektik studieren. »Unbefangen« werden Sie auf keinen Fall sein, weder als Metaphysiker, noch als Dialektiker. Aber als Metaphysiker wissen Sie nicht, wovon Sie befangen sind. Als Dialektiker wissen Sie es genau: Sie gehen mit den methodischen Prinzipien an die Realität heran, die der bewusstseinsunabhängigen Gesetzmäßigkeit der Sache angemessen sind. Damit bin ich nun an einem Punkt angelangt, wo ich die Methode des dialektischen Materialismus gegen Ihr Misstrauensvotum verteidigen muss. Sie schreiben: Diese Methode sei in dem Sinne metaphysisch, dass sie alles erkläre und nicht widerlegbar sei. Verzeihen Sie: Das ist ein Irrtum, es ist sogar eine Unterstellung. Die Methode des dialektischen Materialismus erklärt nämlich überhaupt nichts. Sie ist nichts, gar nichts ohne die konkrete Tatsachenforschung, ohne das Experiment, ohne die Praxis, ohne ein reiches empirisches Material, die allein zuverlässige Erkenntnis begründen können. Die materialistische Dialektik gibt nur die Anleitung, die Erscheinungen in ihren realen Zusammenhängen zu studieren, sie in ihrer Bewegung, Veränderung und Entwicklung zu sehen, sich bei allen Prozessen in der Realität auf qualitative Sprünge gefasst zu machen, die die harmonische Evolution an bestimmten Punkten durchbrechen, und die inneren Widersprüche in den Erscheinungen aufzudecken. Das klingt alles sehr banal, so lange man etwa bei Bewegung und Veränderung an die Unbeständigkeit des Wetters und an lebhaften Straßenverkehr denkt, oder solange man den qualitativen Sprung nur am Schulbeispiel der Verwandlung von Eis ins Wasser und von Wasser in Dampf erläutert. Es ist aber gar nicht banal, wenn man mit diesen methodischen Prinzipien radikal Ernst macht. Sie werden wissen, dass sich die Medizin lange Zeit nur in der Richtung der isolierenden Organpathologie entwickelte. Damit hängt zusammen, dass Abhängigkeiten elementaren Charakters erst verhältnismäßig spät bekannt wurden. Das rheumatische und Herzerkrankungen zum erheblichen Teil durch chronische Tonsillitis bedingt sind, ist eine verhältnismäßig moderne Einsicht, die über die bloße Organpathologie hinausgeht. Selbstverständlich ist dieser Zusammenhang nicht vom dialektischen Materialismus aufgedeckt worden, auch nicht dadurch, dass die Mediziner, die ihn aufdeckten, vorher 2 9 8 T e i l I I marxistisch geschulten worden wären. Die Medizin ist vielmehr auf der Grundlage der therapeutischen Praxis über die bornierten Schranken der Organpathologie hinausgegangen. Die Frage ist nur, warum derartige Zusammenhänge erst so verhältnismäßig spät bekannt wurden, warum man sie nicht viel früher wenigstens in Betracht zog, warum man nicht viel früher experimentweise Rheumatikern die vereiterten Tonsillen herausnahm. Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Weil in der Medizin niemals die Methode der materialistischen Dialektik bewusst angewandt wurde. Die Medizin wurde erst durch eine Fülle zufälliger empirischer Daten gezwungen, den bornierten Standpunkt der Organpathologie zu verlassen. Wenn sie dagegen von vornherein systematisch mit Methodenbewusstsein alle nur denkbaren Zusammenhänge, gerade auch verborgene, nicht o ensichtliche, in Betracht gezogen und sie experimentell »durchprobiert« hätte, so hätte sie sich Umwege ersparen und den Weg zur Aufdeckung der wesentlichen Zusammenhänge abkürzen können. Die Erziehung zu einem solchen Methodenbewusstsein ist aber erst möglich, wenn der dialektische Materialismus zur herrschenden Weltanschauung der Gesellschaft geworden ist. Solange das nicht der Fall ist, wird die Mehrzahl der Mediziner bestenfalls spontan, unter dem Zwang der Sache, dialektisch denken und angesichts komplizierter, tief verborgener – aber nichtsdestoweniger vorhandener – Zusammenhänge immer wieder in die metaphysische Denkweise zurückfallen. Im Prinzip handelt es sich nun bei der Aufdeckung des Zusammenhanges zwischen chronischer Tonsillitis und Rheuma um genau dasselbe wie bei der Enträtselung des Wesens und der Funktion des Staates. Der Staatsapparat ist eine aus der Sphäre der Produktion hervorgehende selbständige Macht, das Parlament wird vom Volk gewählt, und die parlamentarische Mehrheit stellt die Regierung, die also – wie es scheint – im Namen der Mehrheit und im Interesse der Mehrheit regiert. Die Regierung und Staatsgewalt stehen überdies – wie es scheint – neutral über den privaten Interessenkon ikten aller Bürger.28 So sah es die primitive, vormarxistische Arbeiterbewegung. Sie appellierte dann auch an den Staat, um Schutz vor der Willkür der Unternehmer zu erhalten. Sie sah im Staat eine neutrale, über Arbeitern und Unternehmern stehende 28 (AH) Siehe zu diesem emenfeld Harichs Ausführungen im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit dem Anarchismus (abgedruckt in Band 7). Siehe zudem seine Aufsätze in der Neuen Welt. 2 9 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Macht. Sie sah also den Staat isoliert von den Klassenverhältnissen der Gesellschaft. Und der Schein gab ihr recht: Denn die Fäden, die den Staat mit der herrschenden Klasse verbinden, sind ebenso unsichtbar wie die Krankheitssto e, die von den vereiterten Tonsillen ausströmen und Herz, Gelenke und Muskeln befallen. Erst durch zahllose empirische Beweise, erst durch zahllose Vorgänge, die bewiesen, dass die privaten, rein ökonomischen Lohnkon ikte zwischen Arbeitern und Unternehmern immer wieder von staatlichen Behörden zu Gunsten der Unternehmer geregelt wurden (und sei es mit Mitteln der Gewalt, mit brutaler Unterdrückung von Streiks, mit Polizeischutz für Streikbrecher usw.), lernten die Arbeiter, dass der Staat keine neutral über den Klassen stehende Macht ist. Was ihnen nun Marx von vornherein voraus hatte, und was er den rückständigen, nicht klassenbewussten Teilen des Proletariats bis heute voraus hat, ist die Dialektik, das dialektische Methodenbewusstsein, das ihn befähigte, den von der Bourgeoisie im Interesse der Bourgeoisie verschleierten Zusammenhang zwischen Bourgeoisie und Staat aufzudecken, die Illusionen des bürgerlich-demokratischen Parlamentarismus zu zerschlagen und nachzuweisen, dass der Staat seinem Wesen nach immer Herrschaftsinstrument der einen Klasse zur Unterdrückung der anderen Klasse ist. Indem die Marxisten diese dialektische Einsicht in das Proletariat hineintragen, heben sie den proletarischen Klassenkampf von der bloß ökonomischen, tradeunionistischen Stufe auf die Stufe des politischen Kampfes mit dem Ziel des Sturzes der ö entlichen Gewalt, der Zerschlagung des alten Staatsapparats und der Errichtung eines neuen, proletarischen Staates, des Staates der Diktatur des Proletariats. Es ist leicht zu begreifen, welche Bedeutung der erste Grundzug der materialistischen Dialektik – die Forderung, die Erscheinungen in ihrem Zusammenhang zu sehen – für die Arbeiterbewegung hat.29 Diese methodische Forderung hat aber nicht nur für die Arbeiterbewegung 29 (AH) Stalins Über dialektischen und historischen Materialismus war in der SBZ/DDR weit verbreitet und innerhalb der Philosophie bis zur Abrechnung mit Stalin grundlegend. Harich kannte die Broschüre sehr gut durch seinen Vorlesungszyklus Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, den er seit 1948 mehrere Jahre an der Berliner Humboldt-Universität gehalten hatte. Das Vorlesungsprogramm zer el in vier Teile, der erste brachte Die Entstehungsgeschichte der Philosophie des Marxismus, der zweite die Grundzüge der Dialektik, der dritte Den philosophischen Materialismus und der vierte Den historischen Materialismus. In der Version, die Harich ab April 1949 vortrug, kommt der Zyklus zum Abdruck. Band 1.1 (Frühe Schriften, Teilband 1: Neuaufbau im zerstörten Berlin), S. 407–498. Der zweite Teil ist, wie gesagt, den Grundzügen der Dialektik nach Stalin gewidmet. Zum Einstieg erklärte Harich: »Den Teilen 2 bis 4 dieser Vorlesung liegt 3 0 0 T e i l I I Bedeutung, sondern ist gleichzeitig – weil sie Bestandteil einer zutiefst wissenschaftlichen Methode ist – außerordentlich fruchtbar für alle Wissenschaften. Sie kann aber erst dann die Einzelwissenschaften durchdringen, wenn die Arbeiterklasse herrscht und die Intellektuellen im Geiste ihrer Weltanschauung zu erziehen die Macht hat. Mit der Kategorie des Widerspruchs verhält es sich sehr ähnlich. Die materialistische Dialektik lehrt die Menschen, ihre Aufmerksamkeit den o enen oder verborgenen Widersprüchen in den Erscheinungen zuzuwenden. Gerade daran muss die Arbeiterklasse zu allererst interessiert sein; denn von der Bourgeoisie wird ihr eingeredet, dass die politischen Interessen der Bourgeoisie identisch seien mit den Interessen des ganzen Volkes. »Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche«, sagte Wilhelm II. bei Beginn des Ersten Weltkrieges, der dann aber nicht der Verteidigung der In teres sen des deutschen Volkes, sondern der Raubgier der deutschen Bourgeoisie diente und den Volksmassen nichts als Not und Tod eintrug. Hitler redete von »Volksgemeinschaft«. Um diese Betrügereien entlarven und sich vor ihnen schützen zu können, muss die Arbeiterklasse den unversöhnlichen Gegensatz zwischen den Interessen der Bourgeoisie und ihren eigenen Interessen aufdecken, ein Gegensatz, der von der Bourgeoisie verschleiert wird. Sie kann das nur, wenn sie die materialistische Dialektik auf die gesellschaftlichen Erscheinungen anwendet. Widersprüche und Gegensätze sind aber nicht nur im gesellschaftlichen Leben wirksam, sondern in der ganzen Realität. Auf dem Widerstreit von Assimilation und Dissimilation beruht die relative Stabilität der Organismen, aber der gleiche Widerstreit ist auch Bedingung ihres Untergangs. Die diese Schrift Stalins zu Grunde. Warum? Nicht, weil wir im sowjetischen Sektor Berlins leben und weil Stalin das Oberhaupt der SU ist. (Obwohl ich es als bemerkenswerte Tatsache festzuhalten bitte, dass das Staatsoberhaupt der SU Lehrbücher der Philosophie schreibt. Winston Churchill malt Landschaften und der König von Schweden spielt Tennis.). Sondern aus einem sachlichen und einem didaktischen Grund. Sachlicher Grund: Die marxistische eorie ist der Inhalt der Erfahrungen der Arbeiterbewegung aller Länder. Sie entwickelt sich in dem Maß weiter, in welchem die Weltgeschichte ihren Fortgang nimmt, sie nimmt neue Inhalte, neue Erfahrungen auf. Schon Marx’ und Engels’ Lehre hätte nicht entstehen können, ohne die realen geschichtlichen Erfahrungen der vormarxistischen Arbeiterbewegung. (Marx und Engels haben selbst ihre Lehre anhand von neuen Erfahrungen weiterentwickelt.) Deshalb ist es heute notwendig, von der modernsten Erscheinungsform, des Marxismus auszugehen, die gesättigt ist mit den Erfahrungen von einem Jahrhundert Marxismus und dem Aufbau des Sozialismus in der SU.« (Ebd., S. 427.) 3 0 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n dynamischen Gefüge des Kosmos werden durch widerstreitende Tendenzen zusammengehalten, gehen aber auch an diesen widerstreiten Tendenzen schließlich zu Grunde. Und auf andere Weise ist auch die Menschwerdung ein in sich widerspruchsvoller Prozess. Die Kategorie des Umschlags quantitativer Veränderungen in qualitative Veränderungen, das Entstehen neuer Qualitäten, hat für das Proletariat entscheidende Bedeutung, weil es in seinem Kampf nur bestehen kann, wenn es sich rechtzeitig vorbereitet auf die heranreifenden objektiven Bedingungen des revolutionären Umsturzes. Es muss sich auf qualitative Sprünge im gesellschaftlichen Leben, im historischen Prozess gefasst machen und dann, wenn der Sprung eingetreten ist, auf der qualitativ neuen Stufe mit neuen Mitteln den Prozess der Entwicklung der Produktivkräfte vorantreiben. Aber welche Bedeutung die Kategorie des qualitativen Sprunges für die Wissenschaft überhaupt hat, ist ersichtlich nicht nur an der Eigenart chemischer und organischer Prozesse, sondern auch an einem solchen Problem wie der Menschwerdung. Und schließlich: Das Proletariat ist sehr interessiert daran, zu wissen, dass die kapitalistische Ordnung nicht ewig, sondern historisch entstanden und historisch vergänglich ist. Aber gibt es irgend eine Erscheinung der realen Welt, die man richtig verstehen kann, wenn man sie als ewige Gegebenheit hinnimmt, wenn man sie verabsolutiert? Dass Zellen aus Zellen entstehen, lässt sich freilich nicht bestreiten. Aber wenn man annimmt, dass dies immer so sein müsste, wenn man die Zelle zum unveränderlichen, »letzten« Ausgangspunkt und Bauelement der lebenden Materie erklärt, wie dies Virchow tat, dann mysti ziert man das organische Leben und ist letzten Endes zur Annahme eines Schöpfungsaktes gezwungen – ein Irrtum, der nicht nur philosophisch misslich ist, sondern auch in der medizinischen Praxis zu verhängnisvollen Konsequenzen führt: Warum hat die medizinische Forschung so lange Zeit die Untersuchungen des nichtzellulären Stützgewebes im menschlichen Organismus vernachlässigt und bei der Ergründung von Krankheiten (Krebs) nicht genügend in Betracht gezogen? Antwort: Weil sie in den erkenntnishemmenden metaphysischen Denkgewohnheiten der Virchowschen Zellularpathologie befangen war! Verstehen Sie dies alles bitte nicht falsch!! Es handelt sich nicht darum, dass der Wissenschaftler sozusagen auf »Parteibefehl« und unter Androhung sibirischer Verbannung gezwungen wird, »Realrepugnanz« zu konstatieren, wo keine ist. Die Dialektik gibt ihm lediglich den Hinweis, bei der Forschung die Möglichkeit von objektiven Wider- 3 0 2 T e i l I I sprüchen der Sache im Auge zu behalten und der zahllosen Fälle eingedenk zu bleiben, in denen bestimmte Phänomene nur so lange rätselhaft waren, so lange der Widerspruch, der in ihnen steckt, verbogen war. Ebenso soll der Wissenschaftler keineswegs gezwungen werden, zu bestreiten, dass tatsächlich Zellen aus Zellen entstehen. Die Dialektik warnt ihn nur, aus der Feststellung dieser Tatsache eine »absolute Wahrheit letzter Instanz« zu machen und sich so auf eine bestimmte abschließende Gesetzesform festzulegen, die eines Tages neue Phänomene als mysteriös erscheinen lassen könnte. Es besteht auch gar kein Anlass zu der Befürchtung, dass den Wissenschaftlern zugemutet werden könnte, Zusammenhänge zu konstruieren, die nicht bestehen. Aber die Forderung, prinzipiell in Zusammenhängen zu denken, soll sie befähigen, verborgene Zusammenhänge, die wesentlich sind, ans Licht zu ziehen. Die materialistische Dialektik als Methode des Herangehens an die Erscheinungen der Realität, als Methode der Erforschung der Erscheinungen, schneidet keineswegs der Forschung den Weg ab (das bleibt den metaphysischen Denkgewohnheiten vorbehalten). Sie ist kein Hebel der Konstruktion à la Hegelianertum. Sie präsentiert nicht irgendwelche »absoluten Wahrheiten«. Sie verp ichtet den Forscher nicht, auf gewollte und von vornherein »gewünschte« Resultate zuzusteuern, sie ist in jeder Hinsicht undogmatisch, ist der Todfeind jedes Dogmatismus. Sie weiß nicht alles schon vorher. Sie kann auch niemals die konkrete Forschung ersparen; denn wie gesagt: Ohne empirisches Tatsachenmaterial, ohne Experiment und Praxis ist und bleibt sie unfruchtbar. Sie zwingt auch nicht die Erscheinungen in ein festgelegtes Schema, sondern erfordert im Gegenteil, dass alle nur erdenklichen Möglichkeiten erwogen werden. Sie ist die schlechthin elastischste, der Realität am meisten sich anschmiegende Denkmethode. Wem sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, der trägt in seinem Bewusstsein den inneren Appell, bei keiner Ober äche haften zu bleiben, keine Erscheinung ungeprüft so hinzunehmen, wie sie sich auf den ersten Blick gibt, keine Erscheinung – und sei sie von so achtbarer Konstanz wie unser Sonnensystem – als etwas ewig Gegebenes, Unveränderliches anzusehen, sondern nach den Bedingungen ihrer Entstehung und den Bedingungen ihres möglichen Vergehens zu fragen. Wer dialektisch denkt, ist vor allem mit Ehrfurcht vor dem Speziellen und Speziellsten ausgerüstet und gefeit gegen falsche Verabsolutierungen partieller Erkenntnisse. Und vergessen Sie nicht: Die Dialektik hat Marx und Engels befähigt, vor hundert Jahren die historische Notwendigkeit der proletarischen Weltrevolution vorauszusehen. Die Dialektik hat Lenin befähigt, im Jahre 1902, als die russische Revolution erst zu 3 0 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n keimen begann, die prophetischen Worte niederzuschreiben: »Die Geschichte hat uns, den russischen Marxisten, jetzt die nächste Aufgabe gestellt, welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgend eines anderen Landes ist. Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen.« (Lenin, Was tun?, Ausgewählte Werke, Band 2, S. 50.) Die Dialektik hat Stalin befähigt, im Jahre 1939, durch Abschluss des Nichtangri spaktes mit Hitler, England und Frankreich zur Kriegserklärung an Deutschland zu veranlassen und damit die antifaschistische Weltkoalition des Zweiten Weltkrieges gegen den Willen der englischen, französischen und amerikanischen Bourgeoisie zu erzwingen. Die Dialektik befähigte Mao Tse Tung, das riesige China zu revolutionieren. Der große Heine schrieb im Jahre 1834 – zu einer Zeit, als Marx sechzehn und Engels vierzehn Jahre alt war: »Die deutsche Revolution wird darum nicht milder und sanfter ausfallen, weil ihr die Kantsche Kritik, der Fichtesche Transcendentalidealismus und gar die Naturphilosophie vorausging. Durch diese Doktrinen haben sich revolutionäre Kräfte entwickelt, die nur des Tages harren, wo sie hervorbrechen und die Welt mit Entsetzen und Bewunderung erfüllen können. (…) Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: Der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. Bei diesem Geräusche werden die Adler aus der Luft tot niederfallen, und die Löwen in der fernsten Wüste Afrikas werden die Schwänze einkneifen und sich in ihren königlichen Höhlen verkriechen. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.« Leider, leider wurde das Stück bisher gerade in Deutschland noch nicht aufgeführt, aber es sind deutsche Gedanken, es ist die von Hegel gescha ene, von Marx und Engels materialistisch umgestülpte Dialektik, die das Stück seit 1917 in der ganzen Welt au ührt. Kurzum: Es lohnt, sich mit dieser Dialektik – in ihrer marxistischen, materialistischen Gestalt – sehr eingehend zu befassen Doch zurück zu Ihren Brief: Sie haben den Eindruck, dass der dialektische Materialismus alles erklärt und daher nicht widerlegbar sei, ebenso wie der Darwinismus und die Psychoanalyse. Hierzu ist Folgendes zu sagen: 3 0 4 T e i l I I 1. Der Darwinismus erklärt im Bereich der organischen Natur sehr viel. Er erklärt aber in der klassischen, von Darwin und Haeckel ausgearbeiteten Form auch hier nicht alles. Es bedarf also der schöpferischen, an der konkreten Tatsachenforschung orientierten Weiterentwicklung. Sehr beachtliche Ansätze zu dieser Weiterentwicklung liegen bei Timirjasew, dem russischen Haeckel, und bei den sowjetischen Biologen und Biochemikern Mitschurin, Lyssenko, Oparin und Lepeschinskaja vor. Auch mit ihren Leistungen ist die Entwicklungen des Darwinismus freilich durchaus noch nicht abgeschlossen. Viele Einseitigkeiten sind überwunden: So wurde die abstrakte Formel »struggle for life«, die übrigens Marx und Engels schon kritisiert hatten, als unzulänglich erkannt. Neue Entdeckungen wurden gemacht: So wurde die Vererbung erworbener Eigenschaften experimentell bewiesen. (Wenn es Sie interessiert, schicke ich Ihnen das einschlägige Material: Dicke Wälzer von Timirjasew und Mitschurin und das stenogra sche Protokoll der Moskauer Biologentagung von 1947.) Aber natürlich: Es gibt sehr, sehr vieles, was der Darwinismus auch in seiner heutigen, reiferen Gestalt noch nicht erklären kann. Das kann auch gar nicht anders sein. Denn jeder Gegenstand ist an sich unerschöp ich, und der absoluten Wahrheit kommen wir im historischen Prozess der fortschreitenden Erkenntnis nur immer näher, erreichen können wir sie nie. Was die gesellschaftlichen und historischen Erscheinungen und die meisten anthropologischen Erscheinungen betri t, so hat der Darwinismus zu ihrer Erkenntnis wenig oder gar nichts beigetragen. Wenn er auf diese Gebiete übergreift, kann er sehr wohl widerlegt werden. Der »soziale Darwinismus« ist vom Marxismus längst und unwiderru ich widerlegt. Auf dem Gebiet der Anthropologie haben Sie selbst die Beschränktheit des Darwinismus aufgezeigt. Allerdings haben Sie mit keiner Ihrer Entdeckungen die Richtigkeit der Abstammungshypothese aus der Welt scha en können. 2. Dass die Psychoanalyse gewisse wertvolle, ausbaufähige und vor allem klinisch praktikable Einsichten gezeitigt hat, ist ganz unbestreitbar. Die marxistische Wissenschaft erkennt die Leistungen Freuds in ihren Grenzen voll und ganz an. (Wir sind weder prüde, noch Antisemiten.) Nur ist es unzulässig, die Psychologie auf Psychoanalyse zu reduzieren, und wenn versucht wird, dies zu tun, so kann man die verabsolutierenden Übergri e der Psychoanalytiker – inklusive Freuds – sehr wohl widerlegen. Mir scheint, dass Ihre eigene Anthropologie sehr wesentliche Gesichtspunkte zur Widerlegung psychoanalytischer Übergri e enthält. Bei der Behandlung sozialer und historischer 3 0 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Erscheinungen versagt die Psychoanalyse vollständig und ist mit Leichtigkeit widerlegbar. Freuds Kulturkritik ist kindischer Unsinn. 3. Beim Marxismus muss man zweierlei unterscheiden: Auf der einen Seite die Methode der materialistischen Dialektik, die als solche – wie gesagt – noch keine einzige Erkenntnis begründen kann, die aber universell anwendbar ist und sich in der konkreten Anwendung auf empirisches Forschungsmaterial als überaus fruchtbar erweist und deren Wesen unter anderem gerade darin besteht, Verabsolutierungen unmöglich zu machen, und daneben die konkreten wissenschaftlichen Leistungen der verschiedenen Marxisten mit den Klassikern des Marxismus – Marx, Engels, Lenin, Stalin – an der Spitze. Diese Leistungen sind sehr groß: Marx entdeckte, dass die Produktion der unmittelbaren materiellen Lebensmittel und damit die jedesmalige ökonomische Entwicklungsstufe der Gesellschaft – die dialektische Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen – die Grundlage bildet, aus der sich die Staatseinrichtungen, die Rechtsanschauungen, die Kunst und selbst die philosophischen und religiösen Vorstellungen der betre enden Menschen entwickelt haben, er entdeckte weiter das spezielle Entwicklungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise und der von ihr erzeugten bürgerlichen Gesellschaft, er entdeckte den Mehrwert und entschleierte damit das Geheimnis der kapitalistischen Ausbeutung, er erkannte die historische Notwendigkeit des proletarischen Klassenkampfes, er schuf die Umrisse der eorie der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats usw. Engels, der an allen diesen Leistungen beteiligt war, wandte außerdem in sehr genialer Weise die materialistische Dialektik auf die Probleme der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts an. Marx und Engels schufen unerreichte Muster marxistischer Geschichtsschreibung. Lenin und Stalin entwickelten den Marxismus unter den neuen Bedingungen des 20. Jahrhunderts weiter, begründeten die eorie des Imperialismus und der allgemeinen Krise des Kapitalismus, begründeten die Lehre vom Aufbau des Sozialismus in einem Land, begründeten die marxistische eorie der nationalen Frage, arbeiteten bis ins Einzelne die Strategie und Taktik der proletarischen Revolution und die marxistische Staatstheorie aus, schufen die politische Ökonomie des Sozialismus und zerschlugen endgültig alle Formen des subjektiven Idealismus in der Erkenntnistheorie (Positivismus, Pragmatismus, Relativismus, Empiriokritizismus, Neukantianismus). Außerdem ver- 3 0 6 T e i l I I teidigten sie den Marxismus gegen mechanistische und ökonomische Vulgarisierungen. Das alles sind ungeheure wissenschaftliche Leistungen, an denen man als gebildeter Mensch im 20. Jahrhundert nicht achtlos vorbeigehen kann. Man kann auch nicht vorbeigehen an den Einsichten von Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Franz Mehring und Georg Lukács auf dem Gebiet der politischen Ökonomie, der Geschichtsschreibung, der Literaturwissenschaft usw. Aber mit allen diesen Leistungen ist noch keineswegs, wie Sie unterstellen, »alles erklärt«. Mit einem solchen Anspruch ist keiner dieser Denker jemals aufgetreten. Es handelt sich jedes Mal um ganz konkrete, klar umgrenzte Sacherkenntnisse anhand eines reichen und tief durchdachten empirischen Materials. Es handelt sich weiter – ebenfalls auf den Gebieten, die mit dem proletarischen Klassenkampf zusammenhängen – um praktisch veri zierte Erkenntnisse – die Praxis ist die Revolution selbst, wobei, was niemand leugnet, gelegentlich auch falsche Prognosen unterlaufen sind wie in jeder Wissenschaft. (So die Ho nungen, die Marx im Kommunistischen Manifest an die deutsche Revolution von 1848 knüpfte, oder die falsche Au assung der Bauernfrage durch Stalin im Jahre 1906 oder zahlreiche Irrtümer der Rosa Luxemburg.) Begangene Irrtümer selbstkritisch einzugestehen und zu korrigieren, war für die marxistischen Klassiker immer Ehrensache. Der Satz des Kommunistischen Manifests, dass die Geschichte immer vom Klassenkampf beherrscht gewesen sei, erwies sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die neuen Forschungsresultate von Morgan, Maurer und Bachofen als unhaltbar: Marx und Engels revidierten ihre Au assung sofort und brachten sie mit dem Stand der Geschichtsforschung in Einklang. Die revolutionäre Praxis der Pariser Kommune von 1871 verhalf Marx zu neuen Einsichten in das Wesen der proletarischen Diktatur, die ihm bis dahin gefehlt hatten. Er vertiefte seine Staatstheorie dementsprechend, und in der neuen, vertieften Form bewährte sie sich in den Revolutionen von 1905 und 1917 vorzüglich. Lenin und Stalin erkannten, dass die alte Au assung der Marxisten, wonach die Revolution nur in allen Teilen der Welt gleichzeitig siegen könne, unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts unhaltbar geworden sei, warfen diese veraltete Formel über Bord und begründeten die eorie vom Aufbau des Sozialismus in einem Land, die sich in der Praxis als richtiger erwiesen hat als die starr-dogmatische Revolutionsformel der pseudoradikalistischen Trotzkisten. 3 0 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Mit alledem will ich gar nicht leugnen, dass es auch in unseren Reihen starre Dogmatiker, Buchstabengelehrte und Talmudisten gibt.30 Das ist unvermeidlich bei einer Philosophie, die nicht das Geheimnis eingeweihter Professoren ist, sondern in die Massen hineingetragen wird. Da entsteht dann ein breites pseudointellektuelles Adeptentum, das sich aus Unsicherheit, aus Mangel an geistiger Souveränität, kurzum: aus Mangel an marxistischem Denken – an auswendig gelernte Formeln klammert. Überreste unbewältigter bürgerlicher Ideologie tun das ihre. Mit dem Marxismus selbst hat das aber nichts zu tun. Für den Marxismus gibt es eigentlich nur ein einziges »Dogma«: Die Welt ist unerschöp ich und immer viel komplizierter, reicher, vielseitiger als selbst die beste eorie. Deshalb kann es keine eorie geben, die alles erklärt, sondern nur die konkrete Forschung, die diese oder jene Erscheinung, diese oder jene Seite der Realität erklärt. Die Aufgabe des Menschengeistes ist daher: Forschung, Forschung und nochmals Forschung. Aber: Der Forschende tut allerdings gut daran, die methodischen Gesichtspunkte der materialistischen Dialektik zu berücksichtigen, wenn er sich in der unabsehbaren Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zurecht nden will. Leider geht es nun aber auf einem speziellen Forschungsgebiet, auf dem Gebiet der Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft, um Leben und Tod der beteiligten Menschheit (die im Weltganzen nur ein Stäubchen ist), und deshalb haben die eorien der Marxisten über die damit zusammenhängenden Probleme eine so große Bedeutung, deshalb drängen Sie sich mit solchem Ungestüm auf. Aber deswegen ist mit diesen eorien noch lange nicht »alles erklärt«. Verständlicherweise sind im Marxismus, der sich zunächst und vor allem die Dinge der Revolution angelegen sein lässt, sogar große, weite Gebiete sehr vernachlässigt, und es ist schon sehr viel, wenn Engels zu Ihrem Gebiet, sehr verehrter Herr Professor, wenigstens das Fragment einer Broschüre beigesteuert hat. Die Kritik am Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie und der Briefwechsel mit den russischen Narodniki waren nämlich dringender. Und für Stalin sind der Atlantikpakt und manches andere 30 (AH) Gegen die dogmatischen Tendenzen und den sektiererischen Irrsinn in der Partei kämpfte Harich in den 50er Jahren immer wieder an und geriet dadurch mehrfach in die Kritik. (Siehe die Bände 1, 2, 3 und 5) Dass er hier gegenüber Gehlen ein mehr als »schöngefärbtes« Bild zeichnete, lässt den Schluss zu, dass sein Anliegen, Gehlen vom Marxismus zu überzeugen, durchaus Ernst gemeint war. 3 0 8 T e i l I I im Moment leider noch sehr viel dringender als die Frage der Sprachwissenschaft, und es ist schon viel, wenn er auch zu einer solchen Frage ein paar wegweisende Richtigstellungen liefert, die dem Vulgär- und Pseudomarxismus das Handwerk legen. Wie es vieles andere im Marxismus noch nicht gibt, so auch nicht die »Entlastung« und die »unbestimmte Verp ichtung«. Aber was daran sachlich richtig ist, dafür ist im Marxismus Platz. Und wenn dadurch gewisse, noch recht naive Gedanken aus Engels’ Schrift Über den Anteil der Arbeit unhaltbar werden sollten, so müssten diese Gedanken ohne Rücksicht auf Engels’ Autorität unbedingt über Bord geworfen werden (vor allem der völlig missdeutete sprechende Papagei von Seite 9!). Aber Sie müssen Ihre pragmatistischen und biologistischen Reste, Ihren historischen Relativismus und Ihr agnostizistisches Achselzucken über die Abstammungsfrage auch über Bord werfen. So kommen wir zusammen: Auf dem Boden rücksichtsloser, konsequenter Wissenschaftlichkeit, auf dem Boden rücksichtsloser Kritik und Selbstkritik! Fortsetzung vom 23. März 1952 Gestern habe ich fast den ganzen Tag lang an Sie geschrieben. Nun will ich aber endlich zu einem Abschluss kommen und daher nur noch andeutungsweise ein paar o en gebliebene Fragen Ihres Briefes beantworten: 1. Zur Arbeit muss die Kategorie »Spiel« hinzutreten. Sehr richtig. Zur Arbeit muss überhaupt noch manches hinzutreten, aber es tritt nicht von außen (woher?) zu ihr hin zu, sondern es entfaltet sich aus ihr und mit ihr. 2. Arbeit ist auch der einsame Prozess des Er ndens. Sehr richtig. Es wäre eine schlimme Simpli zierung, wollte man unter Arbeit nur die kollektive Produktion materieller Güter verstehen. Sie ist freilich das Fundamentale, von dem sich – auf einer gewissen Stufe der Arbeitsteilung – die höheren geistigen Tätigkeiten erst loslösen, bevor sie sich relativ verselbständigen. Aber auch wenn sie sich verselbständigt haben (wobei es eine weitere Frage ist, ob sie dann indirekt im Dienst der Produktion stehen oder nicht), bleiben sie nichtsdestoweniger Arbeit. Unter Umständen sogar höhere, fruchtbarere Arbeit. Wir Marxisten stehen weder auf dem Standpunkt des Aristoteles, der beleidigt gewesen wäre, wenn man seine Arbeit – die » eoria« – für Arbeit erklärt hätte, noch sind wir etwa Antiintellektualisten, die die »Intelligenzbestien« mit missbilligenden Blicken betrachten und nur der schwieligen Faust die Würde der Arbeit zugestehen. Je 3 0 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n vergeistigter die Arbeit, um so höher steht sie. Nur ist einerseits zu bedenken, dass auch die schwielige Faust ein Recht nicht nur auf Seife, sondern auch auf Vergeistigung hat – und dafür kämpfen wir –, und andererseits können wir Intellektuellen nur durch die schwielige Faust vor den Anschlägen einer geistfeindlichen Reaktion geschützt werden. Unser Ziel: Die völlige Überwindung des Unterschiedes zwischen körperlicher und geistiger Arbeit durch restlose Technisierung und maximale Automatisierung aller Produktionsprozesse und durch Hineinpumpung von jeglicher Bildung und Kultur in die werktätigen Massen. Was indessen die Einsamkeit im Prozess des Er ndens betri t: Kein noch so einsamer Forscher ist ein Kaspar Hauser. Er ist von anderen zum Forschen erzogen worden, er liest Bücher oder hat sie gelesen, er hat von der Gesellschaft die Sprache empfangen, er ndet Neues, indem er von bereits Gefundenem, das ihm überliefert wird, ausgeht, er entwickelt also immer, was andere schufen, weiter. Goethe hat »im einsamen Prozess des Er ndens« den Faust erfunden, aber den Knittelvers hat er von Hans Sachs und die Gestalt des Faust aus dem Volksbuch und dem Puppenspiel und den Famulus Wagner aus der Sturm- und Drang-Kritik am philiströsen Aufkläricht. Einsamkeit scheint mir also ein recht relativer Begri zu sein. 3. Das primäre Moment in einem Komplex einander wechselseitig bedingender Erscheinungen. Es ist durchaus keine Willkür, wenn man ein bestimmtes Moment heraus greift und als das primäre, grundlegende, »in letzter Instanz« bestimmende bezeichnet. Es muss nur das richtige Moment sein, das entscheidende Glied, an dem die ganze Kette hängt. Kann man es nden? Ich glaube: Ja! Ich möchte Sie an eines der Beispiele erinnern, die ich Ihnen in meinem zweiten Brief zur Verdeutlichung dessen, was ich meine, auseinandergesetzt habe: An die Unterdrückung nationaler und religiöser Minoritäten. Wenn die Minderheit keine kollektiven psychischen Eigenarten annähme, die auf die unterdrückende Majorität provozierend wirken, so wäre es o ensichtlich gar nicht möglich, dass die Unterdrücker ihr diskriminierendes und gewalttätiges Verhalten mit dem Hinweis auf die negativen Eigenschaften der Minorität begründen und rechtfertigen. Was sie zu dieser Verdrehung der Tatsachen und Zusammenhänge befähigt, ja, was in ihrem eigenen Bewusstsein diese Verdrehung der Tatsachen zu einem wirklich geglaubten, subjektiv ehrlichen Vorteil macht, ist eben eine wirklich existierende Erscheinung. Falsche eorien können nämlich überhaupt nicht geglaubt werden, wenn es nicht Phänomene gibt, die ihnen 3 1 0 T e i l I I recht zu geben scheinen. Trotzdem ist es nur eine Erscheinung, die – so wirklich ist sie auch ist – das Wesen verdeckt. Das Wesen der Sache liegt aber darin, dass die Unterdrückung das primäre Moment ist, und dass die negativen psychischen Eigenarten – oder die als negativ empfundenen – der Minorität durch die Unterdrückung aufgezwungen worden. Krankhafte Selbstkritik, Unterwür gkeit, Kriecherei auf der einen, Hinneigung zu oppositionellen, revolutionären, »zersetzenden« Bewegungen auf der anderen Seite sind – in ihrer Widersprüchlichkeit – typische Züge des Kollektivcharakters unterdrückter Minoritäten, und man kann sehr gut verstehen – wenn man nicht gerade die antisemitischen Vorurteile der Unterdrücker teilt –, dass diese Eigenschaften nicht »von Natur« da sind, sondern sich erst unter den Bedingungen der Unterdrückung und durch diese verursacht historisch herausgebildet haben. Wenn die Unterdrückung verschwindet, wenn völlige soziale, religiöse und kulturelle und politische Gleichstellung der Minorität erfolgt und Antisemitismus mit 25 Jahren Zwangsarbeit bestraft wird, verschwinden diese Eigenschaften früher oder später auch, und mit ihnen verschwindet die entsprechende Aversion bei den rückständigen Teilen der Majorität. Ist es Willkür, die Unterdrückung das primäre Moment zu nennen? Herr Gehlen, Sie ahnen nicht, wie schnell einem hier in der so genannten »Sowjetzone« die primären und sekundären Momente klar werden. Hier heiraten die Studentinnen mit 18 Jahren. Die Folge ist: Wenn man ein Mädchen auf der Straße nach der Uhrzeit fragt, sagt es einem gleichgültig, wie spät es ist, und geht ebenso gleichgültig seiner Wege. Andererseits werden einem mit einer geradezu pathetischen Nüchternheit nach der Vorlesung zuweilen gemeinsame Nächte »vorgeschlagen«. Es ist gar nicht zu glauben, wie schnell sich die Frauen, bei fehlender sozialer Hintansetzung und wenn gleichzeitig frühes Heiraten die Regel ist, sich verändern. Erstens fühlen sie sich nicht mehr unter allen Umständen umworben. Zweitens werben sie selbst, als ob gar nichts dabei wäre. Weshalb bereitet denn nun die Frage nach dem primären Moment im Prozess der Menschwerdung des Menschen so große Schwierigkeiten? Doch nur deshalb, weil für uns dieser Prozess in fast undenkliche, unvorstellbare Vorzeiten entrückt und in keiner Hinsicht beobachtbar ist, noch weniger beobachtbar als die Entstehung des Antisemitismus, und das will schon viel sagen: Aber die Entstehung des Planetensystems liegt noch weiter zurück, ist noch weniger beobachtbar, und trotzdem gibt es hierüber 3 1 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n plausible Hypothesen, und sie werden fortschreitend immer plausibler! Gibt es irgend eine Erscheinung der realen Welt, die nicht historisch entstanden wäre? Außer dem Weltganzen selbst gibt es das nicht. Wenn man annehmen wollte, dass die Eigenart des Menschen im Prinzip seit Ewigkeit existierte, so würde man damit nicht nur die Abstammungslehre, sondern auch den historischen Entstehungsprozess des Lebens auf der Erde und letzten Endes auch die Entstehung der Erde und des Planetensystems leugnen, sich also auf den überwundenen Standpunkt von Newton, Linné und Albrecht von Haller stellen, die entweder Schöpfung mit einem Schlage oder Ewigkeit des Seienden, wie es ist, annehmen mussten. Wenn aber zugegeben wird, dass die neue Qualität des Menschen nicht »schon immer« existiert haben kann, so gibt man zu, dass sie historisch entstanden sein muss. Dann aber ist die Frage nach den Ursachen ihrer Entstehung schlechterdings unabweisbar. Die Hypothesen über diese Ursachen und über diesen Entstehungsprozess können freilich niemals absolute Sicherheit beanspruchen. Sie könnten dies nur, wenn es gelänge, sie experimentell zu veri zieren, etwa durch künstliche Entwicklung von Anthropoiden zu Menschen (was prinzipiell durchaus möglich ist, aber praktisch kaum vorstellbar). Aber wie dem auch sei: Es gibt eine Hypothese, mit der man allen Phänomenen gerecht werden kann: Die eorie, dass sich der Mensch durch Arbeit selbst gescha en hat. Sie verträgt sich mit der auf ihren Geltungsbereich reduzierten klassischen Abstammungstheorie, liefert den Schlüssel zum genetisch-historischen Verständnis der Retardation, der Organ-Primitivismen, der Entlastung usw., erklärt auf plausible Weise den Übergang vom biologisch zum sozial »Lebensdienlichen«, sichert den Anschluss an die fundamentalen gesellschaftswissenschaftlichen und historischen Kategorien und wird der Aktivität des menschlichen Verhaltens absolut gerecht. Zugegeben – man kann es vorerst bei einer deskriptiven Anthropologie bewenden lassen und wird dann auch immer sehr beachtliche und vorwärtsweisender Einsichten zu Stande bringen: Ihre Arbeiten beweisen das. Aber es kommt darauf an, dass man als Illustration von Christian Jeremias Rollin in Hallers Icones anatomicae 3 1 2 T e i l I I Wissenschaftler in der Situation, in der man lebt, das Maximum an Wahrheit ausspricht, dessen man fähig ist. Und das kann man nur, wenn man sich mit der bloßen Beschreibung der vorgefundenen Phänomene nicht zufrieden gibt, sondern sie historisch-genetisch zu erklären versucht, und das wiederum erfordert eine Synthese »Gehlen plus Darwinismus plus Marxismus«! Nur dann kann man auch den Platz der Anthropologie im Gesamtzusammenhang der Wissenschaften bestimmen. Und nun noch etwas sehr Ernstes: Die Zeit ist nicht mehr fern, dass der Kommunismus endgültig siegen wird. Wenn Ihr Werk dann nur in den vorliegenden Fassungen vorliegt (mit Berufungen auf Nietzsche, Pareto usw. und ohne plausible Hypothese über die Menschwerdung), kann es möglicherweise lange Zeit missverstanden bleiben, bis endlich einer entdeckt, was an Wertvollem darin steckt. Vielleicht wird es uns beide dann nicht mehr geben? In der Zwischenzeit werden Anthropologie und Psychologie auf Pawlows »bedingten Re exen« herumreiten, die nur ziemlich simple Teilwahrheiten sind. Können Sie das vor der Zukunft verantworten? Können Sie es verantworten vor den Millionen Studenten von 1970 und 1980? Na, und Ihr Weltruhm liegt Ihnen gar nicht am Herzen? Ein Weltruhm, den Sie im kapitalistischen Lager nicht haben, weil man dort wissenschaftliche Philosophie nicht brauchen kann, und den Sie sich in unserem Lager mit Nietzsche-Pareto-Überwucherungen und mangelnder Abstimmungshypothese unter Umständen auf lange Zeit ebenfalls verscherzen? Aber die Weiterentwicklung Ihrer Anthropologie ist nicht nur aus taktischen Rücksichten geboten, sondern vor allem um der Wahrheit willen, um des Maximums an Wahrheit willen, zu dem Sie verp ichtet sind. Bis jetzt sind Sie nur der Newton der Anthropologie. Das ist schon viel. Aber wenn Sie doch auch der Kant und Laplace der Anthropologie sein können, warum wollen Sie denn dann der Newton bleiben? Das Schlagwort »Newtons metaphysische Beschränktheit« und die ehrfurchtsvolle Nennung von Kants Allgemeiner Naturgeschichte und eorie des Himmels31 gehören seit Engels 31 (AH) Die Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels hat Harich immer wieder positiv hervorgehoben und in ihrer Bedeutung gewürdigt. In seinen Vorlesungen spielte sie eine tragende Rolle bei der Interpretation der deutschen Philosophie der Aufklärung und des Entwicklungsgedankens. (Siehe die entsprechenden Verweise in den Bänden 6.1 und 6.2.) Das Werk erarbeitete Kant 1755 und verö entlichte es anonym. In Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte schrieb Harich: »Es sei nur daran erinnert, dass im neuzeitlichen Philosophieren von Anfängen evolutionistischer Naturbetrachtung ja erst seit der Allgemeinen Naturgeschichte und eorie des Himmels des frühen Kant (1755) die 3 1 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Rede sein konnte, dass die universal verallgemeinerte Dialektik noch in der Naturphilosophie der Romantiker rein spekulativen Charakter besaß und dass, was den Ge schichtspro zess anbelangt, z. B. das Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderung überhaupt erst durch die Französische Revolution als Phänomen der gesellschaftlichen Entwicklung fassbar geworden ist und erst von Hegel, 1806, übrigens unter Berufung auf vage Analogien aus der organischen Natur, auf den Begri gebracht wurde. Es genügt, sich diese Daten der Wissenschaftsgeschichte und dazu die Entferntheit und anscheinende Unverbundenheit der verschiedenen Punkte, an denen das dialektische Weltbegreifen da ansetzte, zu vergegenwärtigen, um einzusehen, wie schwer es den Philosophen fallen musste, der allgemeinen Zusammenhangs- und Entwicklungsgesetzlichkeit auf die Spur zu kommen, die den neu gesehenen bzw. neu geschehenden und nur dialektisch zu erfassenden Sachverhalten zu Grunde lag.« Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, in: Band 5, S. 285. In Harichs Schriften nden sich immer wieder Verweise auf Kants epochales Werk. Diese Hochschätzung der Allgemeinen Naturgeschichte war innerhalb der marxistischen Intellektuellen der DDR Allgemeingut. Bei Bloch, um nur ein Beispiel zu nennen, war in diesem Sinn zu lesen: »Denn wäre nichts von Kant übrig geblieben als die Allgemeine Naturgeschichte (…), dann würde er als der erste, der eine mechanische Kosmogonie gab, allein schon unsterblich sein. Er würde triumphierend mit Demokrit, Epikur, Lukrez, mit den französischen Materialisten gefeiert werden als philosophischer Vollender der Bahn Kopernikus, Galilei, Kepler und Newton.« Bloch: Zweierlei Kant-Gedenkjahre, in: Ders.: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 455. Stützen konnten sich Harich, Bloch, Georg Klaus u. a. auf Engels, der in der Dialektik der Natur geschrieben hatte: »Ich rechne die Materialisten des achtzehnten Jahrhunderts noch mit zu dieser Periode, weil ihnen kein anderes naturwissenschaftliches Material zu Gebote stand als das oben geschilderte. Kants epochemachende Schrift blieb ihnen ein Geheimnis, und Laplace kam lange nach ihnen. Vergessen wir nicht, dass diese veraltete Naturanschauung, obwohl an allen Ecken und Enden durchlöchert durch den Fortschritt der Wissenschaft, die ganze erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts beherrscht hat und noch jetzt, der Hauptsache nach, auf allen Schulen gelehrt wird. Die erste Bresche in diese versteinerte Naturanschauung wurde geschossen nicht durch einen Naturforscher, sondern durch einen Philosophen. 1755 erschien Kants Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels. Die Frage nach dem ersten Anstoß war beseitigt; die Erde und das ganze Sonnensystem erschienen als etwas im Verlauf der Zeit Gewordenes. Hätte die große Mehrzahl der Naturforscher weniger von dem Abscheu vor dem Denken gehabt, den Newton mit der Warnung ausspricht: Physik, hüte dich vor der Metaphysik! – sie hätten aus dieser einen genialen Entdeckung Kants Folgerungen ziehen müssen, die ihnen endlose Abwege, unermessliche Mengen in falschen Richtungen vergeudeter Zeit und Arbeit ersparte. Denn in Kants Entdeckung lag der Springpunkt alles ferneren Fortschritts. War die Erde etwas Gewordenes, so musste ihr gegenwärtiger geologischer, geographischer, klimatischer Zustand, mussten ihre P anzen und Tiere ebenfalls etwas Gewordenes sein, musste sie eine Geschichte haben nicht nur im Raum nebeneinander, sondern auch in der Zeit nacheinander. Wäre sofort in dieser Richtung entschlossen fortuntersucht worden, die Naturwissenschaft wäre jetzt bedeutend weiter, als sie ist. Aber was konnte von der Philosophie Gutes kommen?« Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, in: Karl Marx; Friedrich Engels: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 315  . 3 1 4 T e i l I I zum guten Ton im marxistischen Lager. Können Sie sich wirklich damit ab nden, der Newton der Anthropologie zu bleiben? Im Übrigen: Arbeit erscheint mir nicht nur in sehr vielen anderen Zusammenhängen als primäres Moment, sondern ist es auch wirklich. Die unwiderleglichen Beweise nden Sie in den marxistischen Büchern, die ich Ihnen geschickt habe, und mit denen ich Sie fernerhin so lange bombardieren werde, bis Sie’s begri en haben, respektive bis es Sie ergri en hat. Lesen Sie Engels, Stalin, Plechanow, Mehring, Luxemburg und Lukács! Sie werden sich unweigerlich von der Stichhaltigkeit der dort ausgebreiteten Argumente überzeugen. Und da nun einmal Quantität in Qualität umzuschlagen p egt, wird Ihnen – bei gehörigen Quanten marxistischer Lektüre – die materialistische Dialektik sehr bald in Fleisch und Blut übergehen. Die Voraussetzungen bringen Sie mit dem »einheitlichen Strukturgesetz« und der positiv-wissenschaftlichen Orientierung mit. 4. Sie beschweren sich darüber, dass ich mich über Ihre Unkenntnis der »tre enden soziologischen Kategorien für ein bestimmtes Phänomen« mokiert hätte. Über den Ton, den ich damals in meinem Brief plötzlich anschlug, muss ich wirklich beschämt sein. Aber was die Sache betri t, so kann ich meine Kritik auch nach Kenntnisnahme der »unbestimmten Verp ichtung« nicht abschwächen. Diese »unbestimmte Verp ichtung« ist eine allgemein menschliche Kategorie und nicht gebunden an die historisch-gesellschaftlichen Bedingungen einer bestimmten Epoche. Die Machwerke der abstrakten Kunst aber sind an bestimmte Bedingungen einer bestimmten Epoche gebunden: Nicht einmal an den Kapitalismus schlechthin, sondern an die Niedergangsphase des Kapitalismus, und hierfür sind die marxistischen soziologischen Kategorien zuständig, die sich aber – wie mir scheint – mit der »unbestimmten Verp ichtung« durchaus vertragen. Mit der Sprache gehört die »unbestimmte Verp ichtung« nämlich zu den Erscheinungen, die nicht Überbaucharakter haben. Allerdings wird die »unbestimmte Verp ichtung« von den »Überbauten«, die sich über den diversen Produktionsverhältnissen erheben, jeweils überformt und gestaltet. Aber nun bin ich bereits bei einem ema, was ich ja erst nach Empfang Ihres nächsten Briefes anschneiden darf. Es wird Zeit, dass ich schleunigst Schluss mache! Es grüßt Sie sehr herzlich Ihr getreuer 3 1 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Brief an Arnold Gehlen32 (26. April 1952) Sehr verehrter Herr Professor Gehlen! Die Entscheidung über meine Vortragsreise nach Westdeutschland ist nunmehr gefallen. Bis zum 24. Mai werde ich an der Universität mit den Zwischenprüfungen beschäftigt sein und dann eine Woche ausspannen müssen. Am 1. Juni werde ich von Berlin nach Hamburg abfahren, dort am 3. Juni einen Vortrag halten und dann bis Mitte Juni nacheinander die Städte Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main, Heidelberg, München, Göttingen und Hannover besuchen. Vortragsthemen: »Herders Vermächtnis in unserer Zeit« und »Heinrich Heine und das deutsche Kulturerbe«. Veranstalter: Der westdeutsche Kulturbund. Der Herder-Vortrag steht im Vordergrund und dient der Vorbereitung des 150. Todestages von Herder im Jahre 1953. Wenn ich in Heidelberg gesprochen habe, werde ich für ein, zwei Tage nach Speyer kommen, um Sie dort zu besuchen. Den genauen Termin werde ich Ihnen noch mitteilen. Für Unterkunft u. dgl. brauchen Sie nicht zu sorgen. Nur in einem Punkt sollten Sie sich rechte Umstände machen: Ich bin ein Freund des Alkohols und verwöhnt durch dieselben Wodka-Sorten und grusinischen Weine, die der Marschall Budjonny mit dem feuerroten Knebelbart, ein Held des russischen Bürgerkriegs, trinkt. Ob es wohl Rhein- und Moselweine gibt, die da einen Vergleich aushalten? Mal sehen, was die »abendländische Zivilisation« zu bieten hat! (Fassen Sie diesen Wink mit dem Zaunpfahl aber bitte nicht als Symptom von Pleonexie = Begehrlichkeit auf!) Es ist gut, wenn ich Ihnen hier gleich die Punkte sage, die ich in der Hauptsache mit Ihnen besprechen will: 1) Ich komme zu Ihnen als Parlamentär des Aufbau-Verlages und will die Frage »ventilieren«: Was kann getan werden, um Ihr Werk auch in der Deutschen Demokratischen Republik zu verbreiten? Meine Freunde und ich sind der Ansicht, dass wir vom »handelnden Wesen«, von der »Entlastung« und von Ihrer Sprach-Denktheorie sehr, sehr viel lernen können, und dass es nicht angeht, unseren Menschen diese Errungenschaften länger vorzuenthalten. Wir würden auch gerne unseren sowjetischen, polnischen und tschechoslowakischen Freunden, namentlich den Pawlow-Schülern und den von Stalin aus ihren Fesseln befreiten Sprachwissenschaftlern, diese Ihre Leistungen zugänglich machen. 32 (AH) 8 Blatt, maschinenschriftlich, 26. April 1952. 3 1 6 T e i l I I Andererseits gibt es auch in der vierten Au age Ihres Buches (die jetzt hier bei Parteitheoretikern etc. kursiert) gewisse Stellen, wo sich manches in uns sträubt: Novalis, Nietzsche und Pareto lieben wir nicht, am wenigsten Pareto. Wir sind uns zwar klar darüber, dass es auch bei diesen Denkern wertvolle Einsichten gibt, und sehen deutlich, dass Sie ausschließlich solche Einsichten im Menschen zitiert haben, ohne in irgendeiner Hinsicht dem romantischen Obskurantismus und der faschistischen Ideologie Vorschub zu leisten. Aber es gibt eben heute noch Wunden, die nicht vernarbt, Tränen, die nicht getrocknet sind, und erst in Jahren werden wir so weit sein, das partielle Gute uns auch aus Nietzsche und Pareto heraus zu picken und gebührend zu würdigen. Dass der Pragmatismus »die einzige bisher erschienene Philosophie« sein soll, »welche grundsätzlich den Menschen als handelndes Wesen ansieht« (Seite 329), will uns auch nicht munden. Alle diese Beanstandungen tre en zwar niemals das Wesentliche Ihrer eorie. Aber könnte man nicht dafür Sorge tragen, dass sich das Wesentliche bei uns recht bald und ohne Missverständnisse durchsetzt – ohne Missverständnisse, die unabsehbare Umwege, Verzögerungen und Anfeindungen seitens dogmatischer Flohknacker mit sich brächten? Mit anderen Worten: Ich will Sie zu einer überarbeiteten Lizenz-Ausgabe des Menschen für die DDR veranlassen. Wenn Sie dies ablehnen sollten, so würde ich nach meiner Rückkehr hier für Sie vorbereitend die Reklametrommel rühren: Einerseits durch kritische Würdigung Ihrer Leistung in Form von Essays, Artikeln, Vorträgen usw., andererseits durch interne Diskussionen mit führenden sowjetischen und deutschen Genossen. Ich glaube, dass ich es dann scha en würde, die Verbreitung Ihres Werkes in der DDR auch mit Nietzsche- und Pareto-Zitaten durchzusetzen; aber das würde natürlich länger dauern, und mir scheint, dass wir in einer Zeit leben, in der der »Weltgeist« Eile hat, in der man es sich also eigentlich nicht leisten kann, mit solchen wichtigen Dingen zu säumen. Kurzum: Dies muss ich mit Ihnen besprechen. 2) Ich komme zu Ihnen als Dozent der Berliner Humboldt-Universität. Ebenfalls, um »vorzufühlen«. Ich nde nämlich, dass Sie in der Staatlichen Verwaltungsakademie Speyer sehr fehl am Platze sind; denn ich kann mir vorstellen, dass die »staatliche Verwaltung«, deren Nachwuchs in Speyer ausgebildet wird, ein »schneidiger« Nachwuchs vermutlich!, nicht gerade zu jenen Institutionen gehören dürfte, die »Anknüpfungspunkt und Verhaltens-Unterstützung höherer Interessen sein, ja den anspruchsvollsten und edelsten Motivationen noch Daseinsrecht und Realitätschancen geben« können. Den Ruf nach solchen Institutionen habe ich in Ihrer Broschüre über die sozialpsychologi- 3 1 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n schen Probleme der industriellen Gesellschaft dick unterstrichen und daneben an den Rand geschrieben: »Dem Manne kann geholfen werden!« Kurzum: Wie wäre es denn – unter uns gesagt! – mit einem Ordinariat in Berlin? Mit dem Lehrstuhl Fichtes und Hegels? Sie brauchen uns, und wir brauchen Sie! Sie brauchen uns, denn die Auseinandersetzung mit den Sowjetwissenschaftlern, sowie mit Leuten wie Fred Oelßner, Walter Ulbricht, Ernst Bloch, Paul Rilla, Bertolt Brecht, Erich Wendt, Alfred Meusel, Anna Seghers, Johannes R. Becher usw. würde dem Menschen entschieden zu Gute kommen. Und wir brauchen Sie, denn die Berliner Universität ist in Punkto Philosophie seit dem Fortgang von Spranger und Hartmann sehr auf den Hund gekommen. Darf ich Ihnen unser philosophisches Lehrpersonal – unter Erwartung strengster Diskretion – einmal in kurzen Andeutungen vorstellen?33 a) Prof. Dr. Liselotte Richter, ein dickes Fräulein mit schiefen Absätzen, Leibniz-Philologin der Akademie der Wissenschaften, für Religionsphilosophie, Kierkegaard und dergleichen schwärmend. Sie lehnt Nicolai Hartmann ab, weil er ihr »zu kalt« (!) ist, und lässt vom Marxismus nur den jungen Marx gelten, in dessen »Jugendrebellion« sie etwas »Authentisches«, weil »Existenzielles« sieht. Wir haben die Gute im Verdacht, dass sie nur deswegen bei uns »Totalitaristen« so wacker aushält, weil sie im Westen von den Koryphäen der bürgerlichen Philosophie rettungslos an die Wand gedrückt werden würde. Sie aber gibt vor, dass sie berufen sei, in unserer »Finsternis« das Licht des »freien, abendländischen Geistes« leuchten zu lassen. Man lässt sie leuchten, soviel sie mag. b) Nicht minder übel ist Professor Dr. Walter Hollitscher, Direktor des Philosophischen Instituts, ein österreichischer Kommunist, dem ich jedoch nicht über den Weg traue. Hollitscher ist voll gestopft von Psychoanalyse, was er aber jetzt in ganz übertriebener Weise verleugnet (nicht aus wirklicher Meinungsänderung, sondern aus Opportunismus und scho er Charakterlosigkeit). An allem, was dieser Mann von sich gibt, klebt au- ßerdem der ganze positivistische und relativistische Dreck einer modernen naturwissenschaftlichen Halbbildung. Er hat in London in der Emigration eine Art psychoanalytischer Praxis für unbefriedigte alte Damen und deren Schoßhunde geleitet, hat dann nach dem Kriege in Wien Feuilletons für die Arbeiterpresse über »das Leben im Wassertropfen« geschmiert und sich schließlich hier in Berlin, unter Ausnutzung persön- 33 (AH) Zu den gerade und im Folgenden genannten Personen hat sich Harich immer wieder geäußert, weitere Verweise entfallen hier. 3 1 8 T e i l I I licher Beziehungen, einen Lehrstuhl erschlichen (wobei die Genossen, zu denen er Beziehungen hat, auf seine Talmi-Universalität herein elen). In Sachen der Philosophie ist dieser Bursche ein völliger Ignorant, und seinen Mangel an Marxismus macht er mühsam dadurch wett, dass er mit Hingabe in alle verfügbaren Ärsche kriecht. Ich führe gegen ihn einen erbitterten und leidenschaftlichen Kampf, unter Berufung auf Marx und Engels, bei denen es heißt: »Erstens müssen diese Leute, um der proletarischen Bewegung zu nutzen, auch wirkliche Bildungselemente mitbringen. Dies ist aber leider bei der großen Mehrzahl der deutschen bürgerlichen Konvertiten nicht der Fall. Weder die Zukunft noch die Neue Gesellschaft haben irgend etwas gebracht, wodurch die Bewegung um einen Schritt weitergekommen wäre. An wirklichem, tatsächlichem oder theoretischem Bildungssto ist da absoluter Mangel. Statt dessen Versuche, die sozialistischen, ober ächlich angeeigneten Gedanken in Einklang zu bringen mit den verschiedensten theoretischen Standpunkten, die die Herren von der Universität oder sonstwoher mitgebracht und von denen einer noch verworrener war als der andere, dank dem Verwesungsprozess, in dem sich die Reste der deutschen Philosophie heute be nden. (…) Solche Bildungselemente, deren erstes Prinzip ist, zu lehren, was sie nicht gelernt haben, kann die Partei gut entbehren.«34 Hollitscher hat etwas davon läuten hören, dass wir für den Materialismus sind; nun hält er es für »marxistisch«, an Kant und Hegel sein Bein zu heben, respektive frei nach Aristoxenos zu behaupten, dass Plato aus der typischen Niederträchtigkeit aller Idealisten (!) die Werke Demokrits verbrannt hätte, um damit den ganzen antiken Idealismus abzutun. Bei der Bekämpfung dieses Schurken gibt es natürlich sehr viel Ärger, aber unser Prinzip von Kritik und Selbstkritik ist zum Glück schon so weitgehend entfaltet, dass man solche Kämpfe – und zwar ö entlich – ohne Rücksicht führen kann, und wenn der Herr sich nicht auf den Hosenboden setzt, wird er jämmerlich Schi bruch erleiden. 34 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Zirkularbrief an Bebel, Liebknecht, Bracke u. a. Geschrieben am 17./18. September 1879, in: Karl Marx; Friedrich Engels: Werke, Band 19, Berlin, 1962, S. 150–166, Zitat S. 164. Die Auslassung lautet: »Statt die neue Wissenschaft vorerst selbst gründlich zu studieren, stutzte sich jeder sie vielmehr nach dem mitgebrachten Standpunkt zurecht, machte sich kurzerhand eine eigene Privatwissenschaft und trat gleich mit der Prätention auf, sie lehren zu wollen. Daher gibt es unter diesen Herren ungefähr soviel Standpunkte wie Köpfe; statt in irgend etwas Klarheit zu bringen, haben sie nur eine arge Konfusion angerichtet – glücklicherweise fast nur unter sich selbst.« (Ebd.) Zum Zirkularbrief siehe die entsprechenden Hinweise im 10. Band, dort auch eine ausführliche Interpretation Harichs. 3 1 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n c) Professor Kurt Hager, Ordinarius für dialektischen und historischen Materialismus, ein sehr positiver, gründlicher und achtenswerter Mensch, dabei ein ausgezeichneter Parteitheoretiker und Didaktiker, der den Studenten etwas wirklich Solides beibringt, aber nicht gerade von den Musen geküsst ist. In Geschichte der Philosophie ist er nicht bewandert, von Literatur und Kunst versteht er wenig, und so entwickelt er auch keine neuen Gedanken. Vortre ich, dass er bescheiden ist und seine Grenzen genau kennt. Beste Tradition der alten KPD. Kurt Hager im Gespräch mit Hermann Kant und Stephan Hermlin, 1985 d) Professor Dr. Schröter, hervorragender Experte für mathematische Logik, aber von Forschungsarbeit in seinem eigenen Institut so beansprucht, dass er für die Ausbildung von Fachphilosophen nur sehr bedingt zur Verfügung steht. e) Dr. Schrickel, ein halbgebildeter Schnösel, der nach meiner Meinung aus purer Faulheit von der Medizin zur Philosophie umgesattelt ist und skandalös primitive Vorlesungen hält. f ) Dr. Wolfgang Harich, mit allen Schwächen eines achtundzwanzigjährigen Anfängers behaftet. Das alles ist bei weiten nicht gut genug. Es entspricht weder den Traditionen einer Universität, an der Fichte und Hegel gelehrt haben, noch entspricht es den Verp ichtungen, die die Universität bei Heranbildung der wirklich prachtvollen Studenten erfüllen müsste. Unsere Studenten sind nämlich ein einziger Dorn der Freude: Fast 3 2 0 T e i l I I alles Arbeiterkinder oder selbst junge Arbeiter, die sich durch deutschen theoretischen Sinn, rücksichtslos kritische Geisteshaltung und eine enorme Lernkapazität auszeichnen. Es ist ein Jammer, zu sehen, dass sich diese jungen Menschen mit Vorlesungen von Hollitscher und Schrickel ab nden müssen. Ein Gehlen, den sie »kritisch aneignen«, wäre ihnen als Lehrer sehr, sehr zu wünschen, und solange wir ihnen das nicht bieten können, bleiben unsere Errungenschaften – unser Stipendiensystem, wonach es ein Tüchtiger auf bis zu 500,– DM im Monat bringen kann, und die systematische Einführung in die marxistischen Klassiker – nur eine halbe Sache. Also, wie wär’s: Wollen Sie nicht herkommen? Natürlich wird Hollitscher, der vor Ihrer Anthropologie höllische Angst hat, weil sie ihm »zu hoch« ist, mit wahrem Eifer den Rosenberg aus der ersten Au age des Menschen und manches andere noch hervorkramen, um sich seine fragwürdige Autorität zu sichern. Aber er wird Ihnen nichts anhaben können; unsere Partei hat Sinn für Qualität, und alles, was bei uns wirklichen Ein uss besitzt, dürstet danach, neuen Erkenntnissen den Weg zu bereiten, und so wird man dem Hollitscher rechtzeitig – und ohne dass er erst Schaden anrichten kann – das Maul stopfen. Dies also ist der zweite Punkt, den ich mit Ihnen im Juni besprechen möchte, und mit diesem zweiten Punkt würde sich natürlich auch der erste schneller erledigen. Denn ein Unterdrücken von Publikationen hiesiger Universitätslehrer gibt es nicht, und da uns überdies die Option eines bekannten Gelehrten für die DDR auch aus politisch-propagandistischen Gründen höchst willkommen wäre, würde man sogar die Pareto-Zitate im Menschen mit Glacéhandschuhen anfassen. Natürlich würden Ihre Publikationen hier kräftig kritisiert werden, aber die erste und wohl ziemlich erschöpfende Kritik würde von mir stammen, und Sie wissen, dass ich von dem Wertvollen Ihrer Leistung zutiefst überzeugt bin. Politische Bekenntnisse würde man von Ihnen nicht verlangen. Aber ein gründliches Studium des Marxismus würden Sie wahrscheinlich von sich selbst verlangen; denn Sie würden ja den Fragen und Meinungen Ihrer Studenten standhalten wollen. Ein großer Vorteil des geistigen Lebens in der DDR liegt darin, dass die maßgebenden Leute in Politik, Wirtschaft und Kultur fast ausnahmslos witzige, kluge und gebildete Menschen sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass hier philosophische Bücher wirklich gekauft und gelesen werden. Die Bücher von Lukács sind bei uns – und wir sind auf ein Drittel Deutschlands angewiesen – in Au agen von bis zu 50 000 Exemplaren erschienen 3 2 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n und immer sehr bald vergri en gewesen. Ernst Blochs kompliziertes und anspruchsvolles Hegel-Buch erschien in 20 000 Exemplaren. Die Au agenzi ern von Spinoza, Kant, Herder, Goethe und Hegel gehen ins Phantastische, von den marxistischen Klassiker ganz zu schweigen. Sehr viel Spaß macht es auch, Vorträge über wissenschaftliche Probleme vor Betriebsarbeitern zu halten. Das ist das dankbarste, aufnahmefähigste und klügste Publikum, das man sich denken kann. Natürlich wird allzu schwierige Terminologie zuerst ein wenig übel genommen, man muss in einer einfachen menschlichen Sprache sprechen. Aber die Probleme »liegen an« und werden heiß und leidenschaftlich diskutiert. Die Partei tut alles, um Restbestände antiintellektuellen Misstrauens zu beseitigen. Was aber das Beste ist: Man ist hier auf Schritt und Tritt aufgefordert, gegen jede üble und hemmende Erscheinung rücksichtslos anzukämpfen, und wenn man dies ernsthaft tut, erringt man sichtbare stabile Erfolge. Das eben macht unsere Institutionen für jeden, der sie zu gebrauchen versteht, beglückend und faszinierend. Jeder (Wort nicht lesbar, AH) ist für jedes Problem zugänglich. Und was unser Spezialgebiet betri t, so kann man mit dem Engels-Zitat, dass rücksichtslose Wissenschaftlichkeit am besten im Einklang mit den Interessen der Arbeiterklasse stehe, und mit dem Stalin-Zitat, dass es ohne Freiheit keine Kritik und ohne Meinungskampf keine Entwicklung der Wissenschaft gebe, falsche Götter sehr bald und gründlich stürzen, respektive zur Bescheidenheit und zur sachlichen Arbeit zwingen. Wo es Protektion, Karrierismus, Kriecherei und dergleichen noch gibt, handelt es sich um kleinbürgerliche Restbestände, und man ist herzlich eingeladen, sie zu beseitigen. Ferner: Wenn man irgend einen begabten jungen Menschen entdeckt, den man fördern will, kann man ihm sofort, ohne alle Schwierigkeiten, ein phantastisches Stipendium verscha en, ihn von allen Belastungen befreien und ihn zu einem vielseitig gebildeten Menschen entwickeln. Nochmals also: Wie wär’s mit einem Ordinariat in Berlin? Es ließe sich machen. Wenn Sie im zweiten Punkte nicht mit sich reden ließen, so bliebe der erste Punkt zu besprechen. Über den ersten Punkt können Sie nicht allein be nden, hierüber müssten wir uns verständigen; hier handelt es sich ja nicht mehr um Ihre Person, sondern um Ihre Ideen, die sozusagen Stufe des »Weltgeistes« sind, der vor Zonenschranken nicht halt macht. Ich möchte nur, dass Sie rei ich überlegen und selbst entscheiden, in welcher Form dasjenige, was an Ihnen »Weltgeist« ist, bei uns seinen legitimen Platz 3 2 2 T e i l I I erobern soll. Sie sollen frei darüber entscheiden und sollen wissen, dass meine Freunde und ich im Falle Ihrer Option für Speyer Ihre Ideen in einer Weise rezipieren und propagieren würden, die Ihnen in Speyer nicht schadet – eventuell durch entsprechende Akzentuierung der kritischen Vorbehalte. Sie sehen, dass ich sehr o en zu Ihnen bin. Wahrscheinlich bin ich o enherziger, als es mir von meinen Freunden gestattet werden würde, aber auch das ist natürlich propagandistisch berechnet; denn soweit ich Sie aus Ihrem Opus kennen, kann man nur so Ihr Vertrauen erringen. Also auf Wiedersehen im Juni in Speyer ich will diesen Brief abschließen; denn heute muss ich noch auf einen Studentenball der Pädagogen gehen und mit den angehenden marxistischen Deutsch-Lehrerinnen von Neuruppin und Chemnitz Tango tanzen, sonst werde ich beim nächsten Ausspracheabend wegen »überheblicher Einstellung zu den Massen« von den werten sächselnden und berlinernden Damen »zur Kritik gestellt«. Mit bestem Gruß Ihr Brief an Arnold Gehlen35 (25. April 1953) Lieber, sehr verehrter Herr Gehlen! Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Vorgestern schickte ich Ihnen ein kurzes Schreiben, nachdem mir mein Freund, nach Berlin zurückgekehrt, von seinem vergeblichen Versuch, Sie in Speyer anzutre en, und von seiner Begegnung mit Ihrer Frau Gemahlin berichtet hatte. Und gestern erhielt ich Ihren Brief vom 22. April, über den ich mich sehr, sehr gefreut habe, und für den ich herzlichst danke. Um gleich in medias res zu gehen: Mit der Eigenkonstitution: sinnvoll automatisierte Handlung, der in der Außenwelt etwas korrespondiert, worauf man »anspringt«, haben Sie wieder etwas Wichtiges gefunden (während ich mich, nun fast ein Jahr lang, ganz vergeblich damit abquälte, durch Beobachtung meines Babys und der Anwendung Ihrer Kategorien dahinter zu kommen, was eigentlich Lachen ist). 35 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 25. April 1953. 3 2 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Zunächst zur subjektiven Seite, zu den sinnvoll automatisierten Handlungen. Diese – und zwar gerade diejenigen unter ihnen, deren mühselige Erlernung bis zum qualitativen Sprung des »Könnens« man völlig bewusst vollziehen musste (also Schwimmen, Radfahren, Auto-Steuern, acht Webstühle gleichzeitig bedienen, Orgelspielen (mit Händen und Füßen!), nicht so sehr Gehen-Können, das man, bewusst geworden, bereits als fertige »Eigenschaft« an sich vor ndet) – sind, wie ich glaube, selber genussvoll, was sich übrigens schon aus allen dieses Problem streifenden Analysen in Ihrem Hauptwerk ergibt; alle diese – primär gelernten – Automatismen haben, um es mit einem besonders koketten Gehlen-Terminus auszudrücken, »Eigenwertsättigung«. Deshalb vor allem kann Arbeit – physische wie geistige –, in die ja immer viele derartige, ursprünglich erlernte, dann automatisierte Handlungen und Handlungskombinationen eingehen – vom verlängerten Fingerspitzengefühl einer richtig gehandhabten Karto elhacke bis zum ießenden Schreiben eines guten Stils –, nicht nur Bedürfnisse befriedigen, sondern selbst Bedürfnis werden – immer mit dem Anreiz, Neues, Vollkommeneres, noch eleganter Gekonntes hinzu zu lernen und dann seinerseits zu automatisieren usw., und immer mit der Tendenz des sich steigernden Ausbaus der »Entlastung«. (Dabei tritt etwas Analoges ein wie beim Entstehen des eigengesetzlichen, immanenten Telos von Institutionen, abgesehen von deren primär gewolltem Zweck: Ein spontanes Umspringen des Zweckhaften aufs Mittel selbst.) Nebenbei bemerkt: Dieser Selbstgenuss der eigenen sinnvollen Automatismen des Handelns hat, marxistisch angesehen, ungeheure Bedeutung. Es ergibt sich daraus nämlich: Die Tatsache, dass Arbeit als Lust und Qual empfunden und im dolce far niente das Glück gesehen wird, spricht nicht gegen die Arbeit als solche, sondern nur gegen die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie getan wird. Nicht die Bibel hat recht, die die Arbeit, als Sündenfall, anthropologisch als Fluch deklariert, sondern Marx, der betont, dass sie das Wesen des Menschen, das Wesen der menschlichen Natur ausmache, dass sie schon deswegen für den Menschen, seiner Natur gemäß, »eigentlich« Genuss und Selbstzweck sein müsse, aber unter den Bedingungen der »Entfremdung« (in allen Ausbeutergesellschaften, vornehmlich im Kapitalismus) zum Fluch pervertiert werde. Interessanterweise fügt Marx hier hinzu, dass eben dadurch – durch die zum Fluch pervertierte Arbeit – alles übrige, nicht zur Arbeit gehörige Tun (Essen, Zeugen) einen unmenschlichen, tierischen Zug erhalte, sofern es als Hauptzweck erscheine. So sagt Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844), in prächtig hegelnden 3 2 4 T e i l I I Wendungen: Der Arbeiter fühlte sich im Kapitalismus »erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich (…). Seine Arbeit ist nicht Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur Mittel, die Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen. (…) Es kömmt daher zu dem Resultat, dass der Mensch nur mehr in seinen tierischen Funktionen, Essen, Trinken und Zeugen, höchstens noch Wohnung, Schmuck etc. sich freitätig führt, und in seinen menschlichen Funktionen (Arbeit) nur mehr als Tier. Essen, Trinken und Zeugen sind zwar auch echt menschliche Funktionen (!!!! – welch ein Schlag ins Gesicht der ontologischen ›Seinsschichtung‹, die den spezi sch menschlichen Organismus, den Gehlenschen samt entdi erenzierten Instinktresiduen, also auch Essen und Zeugung als ›echt menschliche Funktionen‹ nicht kennt!! – Harich), in der Abstraktion aber, die sie von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt und zum letzten alleinigen Endzweck macht, sind sie tierisch.« (MEGA, I, 3. Band, S. 86) Das ist junger Marx, d. h. Feuerbachs »realer Humanismus« frisch verlobt mit Ricardos Ökonomie. Aber womöglich noch bestimmter proklamiert 1870 die Kritik des Gothaer Programms, polemisch gegen die ache Lassallesche Forderung nach »unverkürztem Arbeitsertrag«, als Ziel: »Nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden ist; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springquellen des genossenschaftlichen Reichtums voller ießen – erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!« Und Stalin, Ende 1953, in seinem letzten Werk, proklamiert wieder dasselbe und zeigt den konkreten Weg, es zu erreichen. Der Kommunismus wird also den Menschen – auch anthropologisch gesehen – dadurch in Freiheit setzen, dass er, nach Aufhebung der Entfremdung, die Produktion der materiellen und kulturellen Güter in einer Art riesenhaften Tennis-Platz verwandeln wird, auf dem – täglich etwa vier Stunden lang – sinnvoll automatisierte Handlungen mit vollautomatisierten Maschinen genussvoll und faszinierend kommunizieren werden, während im Übrigen Musik und Literatur getrieben werden wird. (A propos Tennis: Schon der Laborcharakter moderner Produktionsmittel schreit nach tennis-hafter weißer Kleidung und nach einer Arbeiterklasse, so lecker und propper wie ein Filmliebling in der Rolle eines Chirurgen, der Hausmusik treibt. Während das wirkliche Tennis wahrscheinlich nur ein Surrogat für freitätige Arbeit ist, das die Entfremdung aufzwingt – man denke!) 3 2 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Was die objektive Seite Ihrer Entdeckung anbetri t, so hat sie natürlich denselben ästhetischen Aspekt wie alles »generell Unwahrscheinliche«. Ein Urwald nämlich, in dem die Naturgesetze wie Kraut und Rüben durcheinander geschmissen sind – Fallgesetze und Anpassungsgesetze, welch ein Menü! – ist in diesem Punkte »wahrscheinlich«. Aber in den Automatismen – sowohl in den maschinellen wie in den kosmischen – geben sich Druck und Stoß, Anziehung, Kausalität et tutti quanti mit unwahrscheinlicher Plastizität – klassisch wie der Busen der Venus oder wie Hexameter vom alten Voß oder wie der Geiz bei Molière. Versteht sich, dass mir unter diesem Gesichtspunkt auch die unwahrscheinlichen Korrespondenzen – wie Fisch-Wasser – sehr einleuchten; man sollte dieses Problem, meine ich, auch kulinarisch durchdenken, bzw. Kulinarisches unter dem Gesichtspunkt dieses Problems, zum Beispiel Eisbein-Sauerkraut – die entsprechenden Gaumengefühle wären dann das, was Friedrich Heinrich Jacobi eigentlich mit dem »unmittelbaren Wissen« gemeint hat, und was er nur ästhetisch nicht zu charakterisieren wusste. Überhaupt ist die Kochkunst barbarischer Weise wenigstens in der abendländischen Philosophie noch nie als Gegenstandsbereich der Ästhetik gesehen worden; auch sie sollte via Anthropologie erschlossen werden. Wenn Westdeutschland einmal sozialistisch sein wird, also Sie mit den Chinesen zu einer Gesellschaftsordnung gehören werden, kann man ho en, dass die Ästhetik auch in dieser Hinsicht komplettiert wird. Damit genug für heute! Schicken Sie mir bitte bald Ihren Vortrag vor den Technikern! Herzlichst Ihr PS. Was mir eine Freude machen könnte? Wenn Sie einen Aufsatz über Herder (zum 150. Todestag im Dezember) für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie schreiben würden. Aber das werden Sie ja wohl doch nicht tun! Brief an Arnold Gehlen36 (22. Juli 1965) Hochgeehrter, lieber Herr Professor Gehlen! Über Ihren Brief vom 14. Juli 1965 und darüber, mit Ihnen nun wieder in Verbindung zu stehen, freue ich mich riesig. Haben Sie heißen Dank dafür. Das letzte, was ich vor 36 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 22. Juli 1965. 3 2 6 T e i l I I der langen Pause von Ihnen bekam, war 1956 Ihr, von mir telegraphisch bei Ihnen angefordertes schönes Buch Urmensch und Spätkultur. 1957/1958 hatte ich es dann einige Monate ständig bei mir, so das ich es mehrmals gelesen und mit Randnotizen beschmiert habe.37 Dass ich in ganz fundamentalen Fragen seit langem Ihre Anhänger bin, wissen Sie, also kann ich mich darauf beschränken, Ihnen heute, statt des fälligen Lobes und der Zustimmung, für die mir im Moment die Zeit zu knapp ist (und ich möchte diesen Brief nicht lange vertagen), nur ein paar Beanstandungen mitzuteilen, die Sie vielleicht interessieren werden. Aber vorher will ich Ihnen zu beliebiger Verwendung in künftigen Arbeiten noch zwei Funde schenken, bei denen ich, als ich auf sie stieß, sofort dachte: Das wäre etwas für Gehlen. Erstens ein Beispiel dafür, wohin es führen kann, wenn man Tier und in Folge dessen rein instinktmäßig reagierendes Wesen ist, statt sich, wie der Mensch, das »Mängelwesen«, der abstandscha enden Instinktreduktion zu erfreuen. Leo Tolstoi behauptet, in Krieg und Frieden, Berlin, 1947, Band II, S. 333, dass »ein A e, der die Hand in den Hals eines engen Kruges gesteckt und eine Hand voll Nüsse gepackt hat, seine Faust nicht ö nen kann, weil er das Ergri ene nicht verlieren will (!! – sic! statt ›will‹ würden Sie natürlich einen anderen Terminus einsetzen), und so sein Verderben (unter Umständen durch Verhungern!!!) herbeiführt«. Ob das stimmt, weiß ich freilich nicht, Sie müssten es noch experimentell nachprüfen. Aber von dieser Kleinigkeit abgesehen – vielleicht gibt Ihr neues Institut in Aachen die Mittel dafür her –, scheint es mir gut in eine neue Au age Ihres Menschen, etwa ins Kapitel »Leistungsgrenzen der Tiere«, hinein zu passen. Übrigens benutzt Tolstoi selbst diese Angelegenheit nur für einen Vergleich, der es aber in sich hat. Er meint nämlich, die Franzosen hätten 1812 in Russland deswegen zu Grunde gehen müssen, weil sie beim Abzug aus dem brennenden Moskau den aus den vorhergehenden Plünderungen stammenden Raub mitgeschleppt und es ebenso wenig fertig gebracht hätten, ihn beizeiten fortzuwerfen, wie der A e die Hand mit den Nüssen aufzumachen vermag. (Hier könnten Sie nun wieder eine Brücke schlagen zu Le Bon und etwa sagen, dass das von diesem beschriebene Reagieren in der Masse die – beim menschlichen Individuum ausgeschaltete – Instinktbeherrschtheit des Tuns und Lassens wieder herstellt!) 37 (AH) Während seiner Haftzeit war Harich, bis auf wenige Ausnahmen zumeist in Einzelhaft und von allen Nachrichten und Büchern abgeschnitten. Erst 1963 durfte er wieder ausgewählte Bücher lesen und sich Notizen anfertigen, es handelte sich dabei zumeist um Werke der Parteiliteratur. Die Lektüre von Gehlens Buch muss also vor oder nach der Haft stattgefunden haben. 3 2 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Und der zweite Fund, den ich Ihnen präsentiere: Sie beziehen sich ja auf G. H. Mead, Mind, Self and Society, und loben es mit Recht. (Nebenbei: Wie wäre es, wenn Sie einmal eine deutsche Übersetzung davon anregten??) Nun gibt es bei Korolenko, einem liberalen Ukrainer, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lebte und den jungen Gorki protegierte, eine Novelle, Der blinde Knabe, in der die Meadsche eorie durch ein frappantes Beispiel belegt, illustriert und gestützt wird. Korolenko schreibt: »Wir Sehenden bemerken die Widerspiegelung seelischer Regungen auf den Gesichtern der anderen und haben es daher gelernt, unsere eigenen zu verbergen. Blinde dagegen sind in dieser Beziehung völlig schutzlos.« Bei dem Verbergen der eigenen Gemütsregungen im Falle der Sehenden ndet, glaube ich, der paradoxe Vorgang statt, dass das »Übernehmen der Rolle des anderen« in ein »Sichhüten, die Rolle des anderen zu übernehmen« umschlägt. Können Sie das auch gebrauchen? Es sollte mich freuen. Nun zu Urmensch und Spätkultur. Da gibt es einen Zentralpunkt, mit dem ich nicht einverstanden bin, und dementsprechend einen Komplex von Einwänden, den ich in meinen kritischen Notizen mit dem Stichwort: »Grundfehler: Entökonomisierung der Soziologie« überschrieben habe. Und im einzelnen bezieht sich das auf Stellen, die in der ersten Au age (Bonn, 1956) auf den Seiten 26, 39, 41, 44, 58, 68, 70, 74, 77, 95, 119, 178, 234, 237, 238/239, 242 stehen. Mit den Unterstreichungen von drei einzelnen Seitenzahlen (gemeint sind 44, 74, 242, AH) habe ich wohl seinerzeit – wie gesagt: es ist lange her, dass das von mir aufnotiert wurde – Stellen gemeint, die mir in dieser Beziehung besonders aufgefallen sind. Ach nein: Nochmalige Nachprüfung ergibt, dass auf den Seiten, deren Seitenzahlen von mir unterstrichen sind, Sie sich selbst als eoretiker der Ökonomie versuchen oder sich zustimmend auf andere Sozialpsychologen beziehen (wie auf S. 242 auf Hofstätter), die das tun, und dabei zu Ergebnissen gelangen, die ich mit einem großen Fragezeichen versehen muss. Das Eigentliche und Besondere der »entökonomisierten Soziologie« tritt gerade an den anderen Stellen besonders markant hervor. Hier meine Randbemerkungen: Zu Seite 26, letztes Drittel, schrieb ich. »Diese Analogie stimmt aber nur ganz bedingt. Es besteht zwischen Auslöserwirkung und werkzeugbedingter ›Sollsuggestion‹ doch ein qualitativer Unterschied. Sonst wäre physisch oder ökonomisch erzwungene Arbeit (physisch erzwungene in der Sklaverei, ökonomisch erzwungene beim modernen Industrieproletariat) eine contradictio in adjecto.« 3 2 8 T e i l I I Zu Seite 39, erstes Drittel: »Das Beispiel, mit dem hier das ›Umschlagen der Arbeit in eine eigenwertgesättigte Habitualisierung‹ belegt wird, zeigt geradezu klassisch, dass die Entökonomisierung der Soziologie zu ganz weltfremden Einfällen führen kann. Der Bauer bestellt die Felder bei Leibe nicht deswegen, weil diese Arbeit für ihn ›eigenwertgesättigt-habitualisiert‹ ist, oder jedenfalls nicht in erster Linie aus diesem Grunde; aber natürlich auch nicht, weil ›die Menschen (d. h. die anderen) zu essen haben müssen‹, sondern: Er selbst will leben und möglichst gut leben, und das kann er in der warenproduzierenden Gesellschaft nur, wenn er irgendwelche Produkte, eben Waren, auf den Markt zu bringen vermag, und die stellt er auf dem Felde her. Und vor der Entstehung der Warenproduktion, in jeder auf Naturalwirtschaft basierenden Gesellschaft, ist es ihm um seine eigene Ernährung mittels der auf dem Felde erzeugten landwirtschaftlichen Produkte zu tun. Im Feudalismus überdies, der mit der Naturalwirtschaft oder auch mit Warenproduktion Hand in Hand gehen kann, handelt es sich darum, dass der Fronbauer die Mittel für die ihm politisch-juristisch aufgezwungenen Abgaben an den Feudalherren durch Feldbestellung etc. aufbringen muss. Damit, oder doch damit primär, sind die ausschlaggebenden, alles andere beherrschenden Motive bäurischen Verhaltens gegeben. Sie sind determiniert durch die in der jeweiligen Gesellschaft herrschenden ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und allenfalls noch dadurch, dass das bäurische Individuen jeweils in eine familiär-professionelle Tradition hineinwächst und so sich nach der Väter-Weise, eben als Bauer, diesen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten unterwirft. Hätte in der Landwirtschaft die ›eigenwertgesättigte Habitualisierung‹ der Arbeit wirklich die Bedeutung, die Gehlen ihr hier beimisst, so bliebe Gehlen die Erklärung dafür schuldig, warum denn dieser Faktor in den verschiedenen Gesellschaftsformationen mit unterschiedlicher Stärke wirkt, warum zum Beispiel der Kapitalismus die Kraft hat, ihn derart außer Kraft zu setzen, dass ein Phänomen wie die Land ucht entsteht.« Und nochmals: Die entökonomisierte Soziologie führt zur Weltfremdheit: Sie überschätzt sekundäre und tertiäre Motivkomponenten und unterschätzt die banalen egoistisch-materiellen Antriebe, die das Verhalten der überwiegenden Mehrheit der Menschen bestimmen und es gestatten, die generelle Tendenz gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse auf ökonomische Ursachen zurückzuführen, den Geschichtsprozess materialistisch zu erklären. Ein Soziologieprofessor mag durch den Anblick seiner Schreibmaschine zur eigenwertgesättigt-habitualisierten Abfassung eines riesigen Manuskripts angereizt werden und dabei ökonomisch so selbstlos sein, dass er es auf sich 3 2 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n nimmt, unter jahrelangem Darben etwas zu tun, wofür sein Verleger auf dem Markt doch keine Abnehmer ndet. Das sind aber Ausnahmen, die nicht den Gang der Welt bestimmen. Einem Bauern dagegen (und der bestimmt den Gang der Welt in starkem Maße!) würden P ug und Egge ankotzen, wenn die Feldbestellung für ihn nicht ökonomisch lebensnotwendig wäre. Und wenn die Arbeit mit diesen Geräten dann doch für ihn einen Eigenwert erhält, so deshalb, weil es einen Mechanismus der seelischen Anpassung an Widerwärtiges gibt, der das Leben besser ertragen hilft (so wie ein Mitgiftjäger den reichen Vater eines hässlichen Mädchens als unwiderstehlichen erotischen Reiz an eben diesem Mädchen zu emp nden p egt). Nur unter diesem Gesichtspunkt lässt sich realistische Literatur schreiben. Würde ein Schriftsteller dagegen an die Tatsachen des Lebens Maßstäbe anlegen, die der eorie von der eigenwertgesättigten Habitualisierung der Arbeitsvorgänge entnommen sind, so könnte dabei allenfalls so etwas wie das »Werkethos« aus Rudolf Herzogs Die Stoppelkamps und ihre Frauen herauskommen. Das soll natürlich nicht heißen, dass man den Eigenwert der Arbeit nicht propagieren soll, eine Gesellschaft vorausgesetzt, in der man ihn moralisch mit gutem Gewissen propagieren kann: Eine klassenlose, von Ausbeutung freie Gesellschaft. Hier ist es ganz am Platze, die Motivlage und Mentalität des Bauern auf das Niveau des selbstlosen Soziologieprofessors zu heben, aber der Übergang dazu kann auch unter diesen sozialen Bedingungen nur dann gelingen, wenn man zunächst einmal vom Vorwiegen der materiell-ökonomischen Motive in der Masse der Menschen als einer Realität ausgeht, sie realistisch in Rechnung stellt, an sie anknüpft und – vor allem – ihre Befriedigung zu einer absolut fraglosen, keiner Erörterung mehr bedürftigen Selbstverständlichkeit des gesellschaftlichen Lebens macht. Betont man dagegen den Eigenwert der Arbeit in einer Gesellschaft, die so strukturiert ist, dass die Arbeit für diejenigen, die wirklich arbeiten müssen, ein Fluch ist, dann macht man sich Illusionen oder, was schlimmer ist, hilft sie verbreiten, ohne ihnen selber erlegen zu sein, liefert also unbewusst und bona de oder bewusst und verlogen – Apologetik für die herrschende Schicht. Dass die Bauern arbeiten, weil von den Ackergeräten eine »Sollsuggestion« ausgeht: Das ist ein Ziel, ein Ideal, auf das wir hinsteuern sollten. Noch höher freilich stünde der Gesellschaftszustand, in dem sie arbeiten, »damit die Menschen zu essen haben«. Vorderhand jedoch gilt es zu sehen, dass es so gut wie jedem einzelnen Bauern zunächst einmal um sein eigenes Essen, Trinken und 3 3 0 T e i l I I Wohlergehen zu tun ist und dass für ihn sowohl die gekonnte, meisterliche Nutzung von Vieh, Boden, Ackergeräten (bei der ein bisschen Eigenwert noch mit abfallen mag) als auch die Lieferung von Nahrungsmitteln für die anderen Menschen (die aber dafür bezahlen müssen, in Notzeiten mit Perserteppichen für Karto eln) nur Mittel darstellen, zu jenem materiell-ökonomisch-egoistischen Kardinalszweck zu gelangen. Um aber diesen realen, nun einmal gegebenen Zustand abzuändern, d. h. um die sozialistischen Bedingungen für die Veredlung der bäurischen Motivlage zu scha en, darf man als Soziologe um Himmels willen den Bauern nicht einreden, dass der Eigenwert ihrer Arbeit sonderlich wichtig sei oder dass sie für die Ernährung anderer Menschen schuften müssten, sondern muss sie, ganz im Gegenteil, die einleuchtenden Realitäten, so wie sie sind, sehen lehren, zu dem Zweck, sie für die Veränderung dieser Realitäten zu mobilisieren. (AH) An dieser Stelle bricht der Brief ab. Harich sendete ihn nicht ab, legte ihn bei Seite und begann am 23. Juli, am darauf folgenden Tag, neu. Dieser, dann tatsächlich abgeschickte, Brief kommt im Folgenden zum Abdruck. Brief an Arnold Gehlen38 (23. Juli 1965) Hochgeehrter, lieber Herr Professor Gehlen! Aus dem an der Ostsee verbrachten Sommerurlaub zurückkehrend, fand ich zu Hause Ihren Brief vom 14. Juli vor, über den ich mich riesig gefreut habe und für den ich Ihnen vielmals danken möchte. Es ist sehr schön für mich, mit Ihnen nun wieder in Verbindung zu stehen. Das Letzte, was ich vor der langen Pause von Ihnen bekam, war 1956 Ihr – ich glaube damals von mir sogar telegraphisch erbetenes – Buch Urmensch und Spätkultur. Es kam damals leider nicht mehr dazu, dass ich mich darüber zu Ihnen äußern konnte, aber in den Jahren 1957/1958 hatte ich das Buch, das mir großen Genuss bereitete und viele wichtige Erkenntnisse vermittelte, monatelang ständig bei mir, mit dem Ergebnis, dass es jetzt, von oben bis unten mit Randnotizen beschrieben, neben mir liegt. 38 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 23. Juli 1965. 3 3 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Diese Notizen will ich nun in den nächsten Wochen noch einmal durchlesen und dann in einem späteren Brief an Sie wenigstens stichwortartig zu einigen Fragen, in denen ich mit Ihnen nicht ganz einverstanden bin, Stellung nehmen. Dass ich in Grundpositionen Ihr begeisterter Anhänger bin, versteht sich nach wie vor von selbst. Meine Einwände möchte ich vorläu g in dem Vorwurf »Entökonomisierung der Soziologie« zusammenfassen. Was ich des Nähren darunter verstehe, will ich Ihnen später in Ausführungen vor allem zu Seite 38 unten bis Seite 39 erstes Drittel Ihres Buches konkret auseinandersetzen. Heute nur soviel, dass ich es im Ganzen genommen wieder ein großartiges Werk nde. Vielleicht interessiert es Sie auch zu hören, dass Brecht sich in den letzten Monaten vor seinem Tode ziemlich intensiv mit Urmensch und Spätkultur beschäftigt hat, mit mir noch darüber sprach und von seiner Zitierung darin angenehm berührt war. Brechts damaliger Assistent, der jetzige Chefregisseur des Berliner Ensembles, Manfred Wekwerth, hat sich denn auch inzwischen zu Ihrem Anhänger, mit gewissen Vorbehalten, entwickelt und sich in einem hier im Aufbau-Verlag erschienenen Buch teilweise auf eorien von Ihnen gestützt und sie mit Brechts Konzeptionen verschmolzen. Ihr Streitgespräch mit Adorno ließ er neulich mitschneiden, und Maurer, der für einen Tag von Leipzig nach Berlin gekommen war, war ihm dann böse, dass er nicht extra diesen Tag lang seine Proben ausfallen ließ, um ihm, Maurer, das Band vorzuspielen und anschließend zu dritt – mit mir als Drittem – darüber zu diskutieren. Wekwerth und ich nden, dass Sie gegen Adorno im Recht sind, vorausgesetzt, dass die »Institutionen überhaupt«, die Sie für lebensnotwendig für den Menschen erklären, nicht gerade mit bestimmten, konkreten, historisch gegebenen Institutionen identi ziert werden, die vielmehr oft selbst ein Faktor der Chaotisierung und Unsicherheit sein können. Wenn Sie also zum Beispiel das Eigentum als Institution bejahen, dann stimmen wir dem zu, fügen aber gleich die Frage hinzu: Was für ein Eigentum? Wessen Manfred Wekwerth mit Gisela May bei den Proben zur Mutter Courage, 1978 3 3 2 T e i l I I Eigentum? Eigentum welchen Umfangs? Denn dass das Eigentum der Herren Krupp und Flick an den chaotischen und krisenhaften Entwicklungen des hinter uns liegenden Jahrhundertteils, die so viel Unsicherheit und Unstabilität, von der Weltpolitik über das Wirtschaftsgefüge bis in die menschliche »Antriebsstruktur« hinein, erzeugt haben, nicht ganz unbeteiligt gewesen ist, scheint uns kaum zweifelhaft zu sein. Dieser Vorbehalt ändert aber nicht das Geringste daran, dass wir Ihre ese, das menschliche Verhalten überhaupt müsse durch stabile Institutionen auf Schienen gelegt werden, um nicht beliebig zu entgleisen und auszuwuchern, akzeptieren und den Adornoschen Ruf nach Emanzipierung der Individuen vom Institutionellen radikal ablehnen. Übrigens glauben wir, dass dieser Ruf, weil von vornherein utopisch und realitätsfremd, die Institutionen ja doch nicht beseitigen, sondern sich im Ende ekt nur zur Leitidee einer der schlechtesten Institutionalisierungen, die sich denken lässt, auswachsen kann. Leider haben Sie in dem Streitgespräch quantitativ zu wenig gesagt und es sich streckenweise gefallen lassen, dass Adorno Sie gar nicht zu Wort kommen ließ, und an manchen Stellen elen uns Zitate aus Ihren Büchern ein, die als schlagende Antworten auf Adornos Argumentation am Platze gewesen wären, die Sie aber vorzubringen versäumten. (Nicolai Hartmann hatte sich seine eigenen Bücher besser eingeübt und verstand es ausgezeichnet, mit scheinbarer Improvisation von ihnen Gebrauch zu machen.) Alles in allem: Ein Vortrag von Ihnen über Adorno wäre uns lieber gewesen. Heute möchte ich Ihnen, zu beliebiger Verwendung in künftigen Arbeiten, noch zwei kleine Funde »schenken«, bei denen ich, als ich in den letzten Jahren auf sie stieß, sofort dachte: Das wäre etwas für Arnold Gehlen. (Wiedergabe der beiden Beispiele, analog zum Briefentwurf vom 22. Juli 1965, hier weggelassen, AH.) In den letzten Jahren habe ich – bis Herbst 1962 – vorwiegend manuell gearbeitet, aber auch sehr, sehr viel lesen können. Als großes Glück betrachte ich es, dass ich als Erwachsener Gelegenheit hatte, nochmals so gut wie alle Schullektüre-Klassiker zu lesen, und das nun in erwachsenem Zustand, wo einem nicht so viel entgeht und viele Dinge, die einem die Penne und die eigene Unreife verekelt hatten, neuen, ungeahnten Glanz bekommen. Auch meine Kenntnis der Literatur des 19. Jahrhunderts, der deutschen, russischen, englischen, französischen, konnte ich ganz enorm komplettieren. Ab Herbst 1963 wurde mir dann konzediert, nur noch wissenschaftlich zu ar- 3 3 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n beiten, und ich wählte mir zum ema – Jean Paul. In einem Zuge habe ich sein ganzes riesiges Lebenswerk, samt Briefwechsel, gelesen und bin ein rechter Jean- Paul- En thu si ast geworden. Der Titan zumeist steht seither bei mir auf der Anbetungskonsole, ich stelle ihn sogar über den Wilhelm Meister. Falls Sie ihn sich bisher haben entgehen lassen, so holen Sie das Versäumte recht bald nach, Sie werden es nicht bereuen. Und ein soziologisch-anthropologischer Essay von Ihnen über eine der zentralen Gestalten des Titan, Roquairol, ist ein Desiderat, das keines bleiben darf. Für Ihre Glückwünsche zu meiner in absehbarer Zeit bevorstehenden Verehelichung (die aber bis jetzt, entgegen voreiligen westlichen Pressenotizen, noch nicht vollzogen ist), danke ich Ihnen aufs Herzlichste. Dass sich diese Frau, mit der ich nächstens meine Instinktresiduen auf Institutions-Schienen legen will, gefunden habe, ist für mich ein großes Glück. Sie heißt Gisela May, ist ein Jahr jünger als ich und eine in Ost und West sehr erfolgreiche und vor allem phänomenal vielseitige Schauspielerin und Diseuse. Vom blasierten Teenager über Maria Stewart und die Prinzessin Eboli bis zur Mutter Wol en im Biberpelz gibt es nichts, was sie nicht gespielt hat und spielen kann. Vor acht Jahren wurde sie außerdem von Hanns Eisler als Chansonette entdeckt. So kam es, dass sie, Schauspielerin in Brechts »Berliner Ensemble«, zugleich auch in der Staatsoper Unter den Linden in den Sieben Todsünden der Kleinbürger von Weill/Brecht singt und mit abendfüllenden Brecht- und Tucholsky-Programmen, Chansons singend und rezitierend, in aller Herren Länder herumreist, eine Mischung von Marlene Dietrich und Lotte Lenya in jünger und sich von sonstigen Brecht-Interpretinnen durch dezidierte Damenhaftigkeit unterscheidend. Zudem ist sie eine rechte deutsche Hausfrau, die gut kocht und darauf achtet, dass das blütenweiße Linnen symmetrisch angeordnet im Schrank liegt – gänzlich frei von Bohème-Allüren, unter den Ahnen viele Schulräte. Ein kleines Photo füge ich bei, die Haarfarbe stimmt allerdings nicht mehr ganz, ist jetzt blonder. In Aachen ist GM bis jetzt noch nicht aufgetreten, was bedeutet, dass sie es sicher tun würde, wenn sich dort einmal eine Gelegenheit dafür bietet, und dann würde ich ihr sagen, dass sie Sie besuchen soll. Gelesen hat sie von Ihnen freilich noch nichts, kennt aber Ihre eorien, da sie ja mit mir, als der wandelnden Volksausgabe Ihre gesammelten Werke, liiert und am Berliner Ensemble Wekwerth ihr Chef ist. In Jean Pauls Titan kommt sie auch so ungefähr vor, dort unter dem Namen Linda. (Linda ist allerdings keine gute Hausfrau.) 3 3 4 T e i l I I Interessieren würde mich, was inzwischen aus Ihrer Tochter geworden ist, die ich ja 1952 in Speyer kennen lernte, als sie noch ein Back sch war. Meine Tochter, von der ich Ihnen damals ein Baby-Photo zeigte, Katharina genannt Kattrin, ist jetzt eine stark akzellerierende Dreizehnjährige, die Twist tanzt, alles »toll« ndet, sich in Männer mit grauen Schläfen »verknallt« und gute Zensuren in Deutsch und Geschichte und Fremdsprachen, schlechte in Physik und Mathematik hat. Sie will Luftstewardesse werden. Mit Philosophie ist vorläu g bei ihr noch nicht zu machen. Ich wollte ja neulich erklären, dass ich sie Katharina genannt habe, weil das ein beliebig abwandelbarer Name (Katja, Käthchen oder auch Trine) und sie nach Nietzsche ein »nicht festgestelltes Tier« und nach Scheler und Gehlen »welto en« ist; ich hätte sie daher nicht von vornherein festlegen wollen durch einen Namen, der nur für einen bestimmten Typ und Charakter passt und sich nicht mehr abändern lässt. Sie begri das kaum. Mit der Lösung der Berufsfrage, wie sie für mich gefunden wurde, bin ich recht zufrieden. Ich arbeite für den Verlag der Akademie der Wissenschaften auf dem Gebiet der philosophischen Klassiker-Edition von der Antike bis zum 19. Jahrhundert, brauche dabei kaum je im Büro zu sitzen, kann mir in Folge dessen meine Zeit nach Gutdünken selbst einteilen und so neben dem unmittelbaren Brotverdienst viel lesen und schreiben. Ich habe eine gemeinsame Wohnung mit meiner Mutter, bin aber auch oft zu Besuch bei meiner zukünftigen Frau, und beide verwöhnen mich recht, wobei die Letztgenannte darauf dringt, dass ich äußerlich den Eindruck einer französierten Eleganz erwecke. Für Ihr Angebot, mich mit neuen Büchern versorgen zu wollen, danke ich Ihnen von Herzen. Ich werde es mir, mit einer Ausnahme, durch den Kopf gehen lassen und mich gerne an Sie wenden, wenn ich besondere Wünsche habe. Die Ausnahme, die ich mir nicht erst durch den Kopf gehen zu lassen brauche, betri t die inzwischen von Ihnen erschienenen Bücher und Schriften, an denen ich natürlich brennend interessiert bin: Das Buch gegen die modernistische Kunst, von dem ich hörte, und die beiden Titel, die in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie erschienen sind, und vielleicht weiteres, wovon ich nichts weiß. Damit mag es für heute genug sein. Mit herzlichen Grüßen, auch an Ihre Angehörigen, bin ich Ihr 3 3 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n 3 3 6 T e i l I I Brief an Arnold Gehlen39 (17. August 1965) Lieber Herr Professor Gehlen! Vielen heißen Dank für Ihren zweiten lieben Brief vom 5. August 1965 und für die Übersendung Ihrer Zeit-Bilder, die wohlbehalten vor ein paar Tagen hier eingetro en sind. Ich bin jetzt auf Seite 42 und von allem schon sehr getan, obwohl meine Kenntnisse auf diesem Gebiet ja nun nicht von weit her sind. Um systematisch vorzugehen, möchte ich Ihnen aber zunächst einmal etwas über Ihr Früheres, nämlich Urmensch und Spätkultur, schreiben, wozu die Notizen schon seit so sehr langer Zeit bereit liegen, vorher jedoch die Zeit-Bilder, weil sie vielleicht zusätzlich Aufschlüsse auch über das Frühere geben, wenigstens ein erstes Mal ganz durchgelesen haben. Also im nächsten Brief werde ich damit anfangen, mir weitere Zusendungen Ihrer in den letzten Jahren erschienenen Arbeiten im Schweiße meines Angesichts zu verdienen. Es ist das sehr weise von Ihnen, mir’s derart dosiert zuzuteilen, und es fördert ein bisschen meine Produktivität. Hier zunächst nun ein paar unsystematische Kleinigkeiten, die mir bei der Lektüre der Zeit-Bilder, d. h. der ersten 43 Seiten davon, und beim Durch iegen der Register eingefallen sind. 1) Sonderbar, dass Sie nicht von Sedlmayr (so schreibt er sich wohl, ich habe im Moment nichts von ihm bei mir) Notiz genommen zu haben scheinen, ihn jedenfalls nicht ausdrücklich erwähnen. Irre ich mich, wenn ich vermute, dass der auf katholisch Ähnliches will? (Eine Vermutung, die Sie nicht kränken soll: Sie selbst sagten mir vor 13 Jahren in Speyer mal, als wir da um den Dom herum spazierten, Sie freuten sich darüber, dass die »Mängelausstattung« bei omas von Aquin vorkäme und in Marx gut hineinpasste; da müsse es wohl seine Richtigkeit damit haben, wenn solche Extreme nun auch noch mit Ihnen konform gingen.) 2) Auf Seite 25, erster Absatz, wäre noch eine Bemerkung über die Funktion der Ahnengalerien bei Adelsgeschlechtern am Platz gewesen. (Ein Adelsspross, der mit mir das gleiche Neuruppiner Gymnasium besuchte, sagte mir mal, diese Bilder im väterlichen Schloss seien die »Korsettstangen« seines Standesdünkels, der ohne das zerlaufen würde.) 39 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 17. August 1965. 3 3 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n 3) Seiten 38–39: Hier kommt ein sehr vielschichtiges Problem zur Sprache, das über die ematik dieses Buches weit hinausreicht: Nämlich dass die verschiedenen Gesellschaftsformationen den verschiedenen Sphären dessen, was Hegel »objektiver Geist«, was Marx »Überbau« nennt, sehr unterschiedlich abträglich oder zuträglich sind. Man musizierte und komponierte zur Zeit Bachs viel besser und ewigkeitshaltiger, als man gleichzeitig und unter gleichen Bedingungen zum Beispiel philosophierte, derart, dass die Ontologie von Christian Wol sich mit der Matthäuspassion nicht messen kann.40 Despotien waren oft literaturverhindernd, aber musikfördernd. Au allend, andererseits, ist die Armseligkeit der Malerei in der von großer Dichtung und Philosophie so überschäumenden Goethezeit, da fand etwa das Umgekehrte statt wie der Vorgang, den Sie auf Seite 38 feststellen: Dass die höchsten literaturfähige Sprache das Sichausdrücken und Weltwiderspiegeln in Bildern unnötig machte. 4) Seite 39, »Beginn der Kunstkrise«, erster Absatz: »Eine wirklichkeitsbetonte Darstellungsart, die sich im Süden noch lange in die ideelle Bildform einschiebt«, also die italienische Renaissancemalerei mit ihren christkatholischen oder antimythologischen emen. Man könnte meinen, dass dieses Festhalten an der ideellen Bildform der wirklichkeitsbetonten Darstellungsart mehr oder weniger abträglich gewesen wäre, aber das war es – soweit ich sehe – gar nicht. Mehr als der Protestantismus im Norden, samt der ihm zugehörigen Malerei, trug dieses italienische Sichdurchsetzen des Realismus innerhalb der ideellen Bildform dazu bei, das Diesseits, wie Sie es nennen, zu »neutralisieren« und der unbefangenen Forschung freizugeben, was man auch nennen könnte: Das Weltbild zu verdiesseitigen. (An dieser Stelle musste ich an den schönen Satz von Heine denken, dass die Schenkel der Tizianschen Venus gründlichere esen gewesen seien als die, die Luther an die Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen habe.) 5) Seiten 40–43: Zu allen diesen wichtigen und vortre ich beschriebenen Faktoren, die das Entstehen abstrakter Kunst begünstigen, kommt wohl noch einer hinzu: Die 40 (AH) Dieser Gedanke taucht in den Hartmann-Manuskripten der späten achtziger Jahre wieder auf. In den Hartmann-Dialogen – in denen Harich im Gespräch mit sich selbst war – heißt es beispielsweise: »Zu den Beispielen, die mir hierzu ein elen, gehörte auch der Umstand, dass im selben Land, zur selben Zeit die selben gesellschaftlichen Verhältnisse sowohl die Musik Johann Sebastian Bachs als auch die Leibniz-Wol sche Schulmetaphysik getragen und determiniert haben. Sie sagten noch, zwischen den Perücken Bachs und Wol s bestünden kleine Unterschiede, der Klassencharakter ihrer Werke sei identisch. Und ich wieder meinte, gleichwohl sei Wol auf der Strecke geblieben, aber Bach lebe unsterblich weiter.« (Abgedr. in: Band 10, S. 538.) 3 3 8 T e i l I I Herausbildung einer parasitären Intelligenzschicht, die praktisch machtlos und abhängig ist, auch geistig nur Handlangerdienste leistet, aber ihr Selbstbewusstsein nur behaupten kann in der Form eines Überlegenheitsdünkels, der den Snobismus, die Sucht nach dem Ausgefallenen und – vor allem und als Wichtigstes – die Neigung zu politisch gefahrlosen, nicht polizeiwidrigen, daher geduldeten, ja, von oben her mitunter sogar als Unzufriedenheitsventil benutzten »Epater le bourgeois«-Exzessen erzeugt. Der ganze Expressionismus war in diesem Sinne radikal tuende Begleitmusik zum weißen Terror, dem 1918/1919 Karl und Rosa zum Opfer elen; Opium nicht fürs Volk, wohl aber für Atelier und Romanisches Café. Ganz besonders gefällt mir Ihr Pro-Rationalismus, ihr Verhöhnen des Institutionsdusels, ihr rühmendes Herausstreichen des Umstandes, dass die Malerei in der Renaissance zu allererst dem Ideal exakter Wissenschaft verp ichtet gewesen sei und es verwirklicht habe wie bis heute keine Wissenschaft sonst. Tja, und weiter bin ich bis jetzt noch nicht gekommen, freue mich aber schon auf das Kapitel »Malraux«, das schon aufgeschlagen auf dem Nachttisch liegt. Da Ihnen die Meine so gefällt, will ich Ihnen nächstens ein paar »Prospekte« über sie schicken, d. h. Programmhefte ihrer Chanson-Abende mit Photos. Sie hat das vielgestaltigste und wandlungsfähigste Gesicht, das mir je begegnet ist – Sie werden staunen. Jetzt bin ich strohverwitwet, da das Berliner Ensemble zwischen 8. und 29. August in London im »Old Vic« gastiert, mit drei Brecht-Stücken (Der aufhaltsame Aufstieg des Arthuro Ui, Dreigroschenoper, Tage der (Pariser) Commune) und der Brechtschen Bearbeitung des Coriolan. Sie spielt in Commune die Madame Cabet, eine französisch-charmante Pariser Näherin Mitte fünfzig, die ohne große Ideale, aus ganz handfesten materiellen Motiven den Kampf der Kommunarden von 1871 mitmacht. Außerdem spielt sie, da das Berliner Ensemble auf Ensemblegeist achtet und da auch die Stars manchmal Komparsenrollen übernehmen müssen, die dritte Hure im Pu der Dreigroschenoper, schwarz angemalt als Mulattin. Sehr interessiert mich das neue Buch von Konrad Lorenz, Das sogenannte Böse. Ich brauche Sie aber nicht deswegen zu belästigen, denn ein in West-Berlin lebender alter Freund von mir, ein Arzt, hat es mir bereits empfohlen und will es mir schicken. In meinem Lektüreplan kommt es nach den Zeit-Bildern an die Reihe. 3 3 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Das Imponiertsein durch hö sche Allüren bei Goethe – noch stärker ist das im Tasso ausgeprägt, oder vielmehr: Da fängt es an. Auch in dieser Beziehung ist der Titan von Jean Paul als Gegenbeispiel lehrreich und zu empfehlen, auch der Hesperus: Hier wird die hö sche Welt kritisch gesehen und komisch gefunden, und zwar im Titan gerade die von Weimar. Vielen Dank nochmals und viele herzliche Grüße, auch an die Tochter im Volkswagen! Ihr PS. Durch den Tasso geht ein Bruch, weil im selben Stück noch Sturm- und Drang-Protest und schon Imponiertsein vom Hö schen. Daher der Widerspruch im Titelhelden, den kein Schauspieler weg kriegt: Dass der Tasso erst als Ideal gur erscheint und später als negativ, als exaltierter Hysteriker, dem »ganz recht geschieht«; dementsprechend Antonio erst als hassenswert, dann als im Recht be ndlich. Das ist nur so zu erklären, dass Goethe, während er das schrieb, einen Positionswechsel vollzog. Vorher war er auch Frankfurter Bürgersohn, aber mit bürgerlichem Selbstbewusstsein; dann mauserte er sich, und das Bürgerliche in ihm zeigte sich auf einmal von einer ganz anderen Seite: Als Aufblick zu Adel und Hof, als »Imponiertsein«!41 Vgl. auch das Rühmen des Adels schon im Urmeister! Brief an Arnold Gehlen42 (20. August 1965) Lieber Herr Professor Gehlen! Ich bin zwar in den Zeit-Bildern jetzt eigentlich erst auf Seite 77, habe aber un dis zi plinier ter Weise vorgeblättert – auf Seite 150 f. Was erwarten Sie anderes, wenn Sie mir ein Buch von sich schicken, wo im Register steht: »Lenin 150«? Da juckt es mich doch, da muss ich doch einfach … Sie schreiben, dass die modernistischen Maler (so will ich sie einmal abgekürzt nennen) politisch links gestanden hätten, sie seien Gegner der bestehenden Verhältnisse gewesen 41 (AH) In den späten vierziger und fünfziger Jahren hatte Harich dies durchaus noch anders eingeschätzt und beurteilt. Es klingt an dieser Stelle jenes Goethe-Bild durch, dass er dann in der Jean-Paul-Monographie vorstellte. Siehe mit weiterführenden Hinweisen usw.: Heyer. Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 42 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 20. August 1965. 3 4 0 T e i l I I und die bürgerliche Kultur ihnen verhasst. Dann aber sei in der Sowjetunion die abstrakte Malerei geächtet worden, und da »geschah etwas sehr Entscheidendes: sie (die Sowjets) entpolitisierten damit die moderne westliche Malerei, denn es war jetzt unmöglich geworden, die jeweils neueste Richtung mit politischen Vorstellungen nach links hin glaubhaft zu verbinden. Damit wurde die Kunstrevolution von den politischen Nebengeräuschen befreit, d. h. in die bloße Kunstimmanenz hinein gezwungen. (…) Der Malerei wurde geradezu die L’art-pour-l’art-Rolle aufgenötigt, sie wurde in den Netzhaut-Optimismus abgedrängt.« Mit dieser Erklärung bin ich nicht ganz einverstanden. Um das aber zu begründen, muss ich Sie bitten, folgende Unterscheidung zu akzeptieren: Die Unterscheidung zwischen den sozialen Anschauungen und politischen Sympathien und Antipathien eines Künstlers einerseits und andererseits den Tendenzen, die seinem Scha en objektiv das Gepräge geben. Beides deckt sich nicht immer. Die Literatur kennt hierfür klassische Beispiele: Balzac war seiner politischen Gesinnung nach schro er Legitimist, gab aber ein Bild der französischen Gesellschaft seiner Zeit, aus dem Marx, wie er bekannte, für seine so revolutionäre Doktrin mehr und Wesentlicheres lernen konnte als aus seinen wissenschaftlichen Vorläufern, den linksstehenden eoretikern der politischen Ökonomie, den zum Sozialismus übergelaufenen Schülern Ricardos, ompsons usw. omas Mann schrieb die erzkonservativen Betrachtungen eines Unpolitischen, war aber zugleich als Romancier und Novellist, und zwar schon lange vor seiner späteren republikanisch-demokratischen Mauserung in den zwanziger Jahren, ein Gesellschaftskritiker von erheblicher Sprengkraft, tiefer und gründlicher wirkend als sein politisch-unmittelbar viel radikalerer Bruder Heinrich.43 So etwas gibt es. Und es gibt das Umgekehrte: Dass jemand trotz linker Sympathien rechte Literatur macht: Paul Rilla hat das einmal schlagend an Zuckmayers Dramen nachgewiesen. Nun zur moderne Malerei. Hat die Ächtung der Abstrakten in der Sowjetunion westliche modernistische Maler politisch verärgert? Wahrscheinlich. Aber sie hat den Linkstrend dieser Leute, so er überhaupt bei ihnen ausgeprägt war, nie aus der Welt scha en können, und es ließen sich prominente Beispiele dafür anführen, dass modernistische Maler im Westen, einfach weil ihnen das Hemd näher war als der Rock, linksradikal engagiert blieben, ohne sich durch die Vorgänge in der SU beirren zu 43 (AH) Eine andere Position bezog Harich in seinen Zeitungsartikeln zu den Brüdern Mann, siehe vor allem: Der Abgrund. Zu Heinrich Manns 75. Geburtstag, zuerst am 23. März 1946 im Kurier, neu abgedr. in: Band 1.3, S. 1378–1383. 3 4 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n lassen – oder in weiser Erkenntnis, dass dort die Bedingungen und die Forderungen des Tages andere seien. So trat Picasso der kommunistischen Partei bei. Andererseits: Einen wirklich revolutionären Gehalt der abstrakten Malerei hat es nie gegeben, und demzufolge konnte er ihr durch den sozialistischen Realismus der Sowjetunion auch nicht ausgetrieben werden: Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche fassen, sagt der Berliner. Wo immer moderne Malerei soziale Anklage zum Ausdruck brachte und politisch revolutionierend wirkte, war sie gegenständlich, war sie realistisch. Ich blättere wieder in Ihrem Register und suche Käthe Kollwitz. Richtig, Sie haben Sie nicht vergessen, und zu meiner großen Freude rühmen Sie »den gänzlich unverzerrten Ernst ihrer Leidensaussage« (S. 149). Mir fällt noch George Grosz ein: Der rangiert bei Ihnen unter »expressionistischer Elendsmalerei« (die mit ihm und Dix abgelebt sei, S. 151). Ich würde ihn eher den eindringlichsten Entlarver des Gesichts der herrschenden Klasse nennen, den Mann, der die Proleten der zwanziger Jahre die Staatsanwälte, Richter, Generale und Großunternehmer der Weimarer Republik richtig sehen gelehrt hat und sie so in den Leserkreis der Roten Fahne hineinzog. Und wie sollte ich als Bewohner der Winsstraße in Berlin NO nicht an Heinrich Zille denken, dessen Gefährlichkeit für die Herrschenden von keinem Geringeren als Tucholsky gewürdigt wurde? (Bei alledem halte ich die Möglichkeit der bildenden Kunst, revolutionär aktivierend zu wirken, für außerordentlich begrenzt, und p ege in hiesigen Kunstdebatten dafür zu plädieren, die Maler und Zeichner in dieser Beziehung nicht mit Ansprüchen zu überfordern, die von der Literatur hergenommen sind. Aber so weit die bildende Kunst überhaupt im Stande ist, proletarisch-sozialistisches Klassenbewusstsein zu erwecken, kann sie das nur, wenn sie sich realistischer Mittel bedient.) Unter den ausländischen Malern, die nicht nur in ihren Ansichten und Sympathien, sondern in dem, was sie als Künstler leisten, revolutionär sind, fallen mir noch die großen Mexikaner ein, die in unserer Zeit das Fresko erneuert haben: Orozco, Siqueiros, der Name des dritten Großen ist mir im Moment entfallen. Demgegenüber handelt es sich in der abstrakten Malerei immer nur um Scheinrebellionen, um den sich radikal gebärdenden Snobismus (der für die Polizei völlig uninteressant ist), um einen Sturm im Wasserglas – nämlich in den Wassergläsern auf den Marmortischen des Romanischen Cafés, um eine Verlagerung der Revolution ins Formale, die die Inhalte, auf die es ankommt, schon deswegen unberührt lässt, weil sie von Natur aus und per de nitionem überhaupt keine Inhalte in den Gri bekommt. 3 4 2 T e i l I I Und das war schon so, längst bevor die Sowjetunion sich entschloss, dieses Pseudorevolutionärtum, das innerhalb des kapitalistischen Systems unter Umständen sogar durchaus eine Ablenkungsfunktion erfüllen kann, nicht auch noch zu honorieren. (Mir gefällt sehr gut in Ihrem Buch der Hohn auf die Radikalismen des Herrn Malraux. Sie sprechen Seite 47 von dessen Hass auf das Bürgerliche, lehnen ihn mit Recht ab und berufen sich auf Marx, der »weit korrektere Vorstellungen von der Wucht der bürgerlichen Diesseitseroberungen« gehabt habe. Ja, sehr richtig: Die wirklichen Revolutionäre wollen Erben und Fortsetzer dieser bürgerlichen Diesseitseroberung sein und zollen ihr daher Anerkennung und Respekt. Der »revolutionäre« Malraux dagegen ist Minister des Generals de Gaulle geworden.) Damit ist aber nur ein Motiv für die »Ächtung der abstrakten Malerei« in der SU angedeutet. Folgende Faktoren kommen noch hinzu: 1) Es handelt sich in der es nur um eine neue, eine unter Geburtswehen und Kinderkrankheiten im ganzen aufsteigende Gesellschaftsformation, und Goethe sagt (29. Januar 1826) zur Eckermann: »Alle im Rückschreiten und in der Au ösung begri enen Epochen sind subjektiv, dagegen aber haben alle vorschreitenden Epochen eine objektive Richtung.« Und Sie zeigen in den Zeit-Bildern meisterhaft, dass die abstrakte Malerei das Endprodukt einer, mit dem Impressionismus einsetzenden, in sich re ektierten Subjektivität ist. Der Kon ikt zwischen der Sowjetkunst und dem westlichen Modernismus war also unausbleiblich. Von diesem bemerken sie ganz richtig: Seine »Opposition war insofern selbst noch bürgerlich, als sie an den noch stehenden Gegner gebunden blieb«. Konnte auf gleicher Linie fortopponiert werden, als der Gegner seit 1917 in einem Teil der Welt nicht mehr »stand«? Natürlich nicht. Ich würde aber noch weiter gehen und sagen, dass die Opposition der Abstrakten a) von ihrem noch stehenden Gegner selbst in ziert war (von seiner Fäulnis) und dass sie b) eine echte Opposition überhaupt nicht gewesen ist (siehe oben!). 2) Im Zuge der sozialistischen Umwälzung wird selbstverständlich der exklusiven, snobistischen, vom Leben abgekapselten parasitären Intelligenzschicht, die zur Bourgeoisie dazugehört und von ihr erzeugt wird (auch wenn sie mit ihr unzufrieden ist), der Boden entzogen: Ihre Atelierprobleme werden bei Seite geschoben. Es hält sich nur, wer die neuen Ideen und sozialen Gehalte so in Kunstwerke umzusetzen weiß, dass sie den Volksmassen verständlich und vertraut werden. Die »Liebe des Volkes« aber »errangen« nie die Abstrakten, sondern – wie Sie Seite 149 richtig sagen – »Franz 3 4 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Marc, der die Eleganz der Linie nicht preisgab und gefühlsmäßig zugänglich blieb, auch wohl noch Macke aus ähnlichen Gründen, und Käthe Kollwitz wegen des gänzlich unverzerrten Ernstes ihrer Leidensaussage«. 3) Wo so viel verändert wird, wie in sozialistischen Ländern, da muss man aufpassen, dass nicht Kinder mit der Badewanne ausgeschüttet werden. Unter diesen Umständen wird für die Kultur zur Erzgefahr ein Revoluzzertum, das schlechthin alles umwälzen will, außer Schlechtem und Unnötigem auch Gediegenes, Wertvolles, Bewährtes – und zuweilen Gleichgültiges, das der Mühe nicht lohnt. Vor etlichen Jahren wollten hier Studenten das Beifallsklopfen in den Hörsälen als »bürgerlich« abscha en und durch Klatschen ersetzen, in der SU wurden in der Revolution erstmal die »zaristischen« O ziersschulterstücke abgescha t. Später besann man sich eines Besseren und gab diese kindischen und äußerlichen »Neuerungen« wieder auf. Sie hatten natürlich nicht viel geschadet, aber auch nicht im Mindesten genutzt, und es gab »Neuerungen« aus gleicher Gesinnung und von größerer kultureller Bedeutsamkeit, die furchtbar geschadet haben. Das sind nun Erfahrungen, die gerade bei den besten, vernünftigsten und umsichtigsten Kommunisten einen Hang zur Verteidigung des Erbes, zur P ege der wertvollen Traditionen aus früheren Epochen, der Errungenschaften, die der feudalen wie der bürgerlichen Vergangenheit zu danken sind, des Erhaltenswerten schlechthin, erzeugt haben.44 Und diese Leute sind es, die – zum Segen ihrer Länder – aus den sozialistischen Staatskassen Millionengelder für die Erhaltung von Zarskoje Sselo oder Sanssouci abzweigen und dafür sorgen, dass wahrlich nicht-marxistische Philosophen wie Leibniz oder Kant in hervorragenden Editionen gedruckt werden. Und aus denselben Motiven wehren dieselben Leute sich dagegen, dass in der heutigen Kunstübung unter dem Ein uss der westlichen Moderne die Errungenschaften der Renaissance und des bürgerlichen Realismus abgebaut werden, dass – mit anderen Worten – das Schielen der Künstler nach den westlichen scheinradikalen Moden auch bei uns ein asylum ignorantiae, oder genauer: impotentiae, erzeugt, in dem die Trauben als sauer gelten, weil man sie nicht mehr malen kann. 44 (AH) Harich sprach an dieser Stelle von sich selbst und seinem Freund Georg Lukács, von jener Position, die beide in den fünfziger Jahren vertreten hatten und auch nach den Ereignissen von 1956 weiter bezogen. 3 4 4 T e i l I I Alle Errungenschaften der Vergangenheit über Bord zu werfen: Das war in der Sowjet uni on in den zwanziger Jahren die Losung des so genannten Proletkult, und dessen Vertreter waren meist pro-abstrakt. Dieser Anschlag musste abgewehrt werden, und er wurde abgewehrt, und da hat Väterchen Stalin im Grundsätzlichen etwas Gutes und Vernünftiges getan (was nichts daran ändert, dass er in anderen Fragen auch Böses und Schlechtes und Falsches getan hat und dem Ultraradikalismus, dem er hier die Stirn bot, andernorts selbst wieder erlag). Auch bei der Überwindung der Stalinschen Epoche sollte nicht das Kind mit der Badewanne ausgeschüttet werden. Ich glaube nicht, dass ich mit diesen Ausführungen gegen Sie überhaupt noch polemisiere, ich glaube vielmehr, dass ich hier Ihre Ausführungen in diesem einem Punkt eher ergänze. Sagen aber will ich, dass, wenn es die von Ihnen konstatierte Entpolitisierung der modernen westlichen Kunst unter dem Eindruck des sowjetischen sozialistischen Realismus gibt, es mit der spontanen Linksorientierung der Künstler, bei denen sie sich ndet, nicht weit her sein kann: Es ist eine Linksorientierung ohne historischen Blick, ohne weiten Horizont, ohne Einfühlung in die Besonderheiten und Erfordernisse sozialistischer Kultur. Und bekennen möchte ich, dass ich es zwar begrüße, wenn in den sozialistischen Ländern jetzt, gegenüber der Epoche des Stalinschen Personenkults, den Künstlern viel mehr Bewegungsfreiheit für formale Eigenwilligkeiten gewährt wird – das kann à la longue der Entwicklung der Kultur nur zustatten kommen –, dass ich selbst aber innerhalb dieses erweiterten Toleranzraums nur desto energischer für einen gehaltvollen und technisch gemeistert Realismus eintrete und gegen den Morgenluft witternden Abstraktionismus Partei nehme. (Genau dasselbe tut ja auch Lukács!) Ich kann mich eben nicht glaubwürdig dafür einsetzen, dass Leibniz im Studienplan breiter behandelt werden muss und dass uns eine vollständige Hegel-Ausgabe not tut und dass anerkannt werden sollte, dass es bei Nicolai Hartmann und bei Ihnen noch viel für uns zu lernen gibt, wenn ich gleichzeitig Agitation für den Bildungswert irgendwelcher verbogenen Drahtspiralen oder unde nierbarer Klecksereien mache. So stehen die Fragen hier. Und da soll ich nun auch noch darauf Rücksicht nehmen, dass ich potentiell linkssympathisierende Bohémiens in den Ateliers und Cafés von Düsseldorf nicht vor den Kopf stoße? Da bin ich einfach überfordert, das ist zu viel verlangt. Damit mag es für heute genug sein. Ich ho e, dass Sie für meine Darlegungen ein bisschen Diltheysches »Verstehen« aufbringen werden. Mit herzlichen Grüßen bin ich Ihr 3 4 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Brief an Arnold Gehlen45 (09. September 1965) Hochverehrter Herr Professor Gehlen! Ich retiriere auf die heute beliebte »Masche«, die man den Zwischenbescheid nennt. Die Zeit-Bilder, dieses außerordentliche, mich von Seite zu Seite mehr fesselnde Buch, habe ich nun gelesen, mit immerfort wachsender Bewunderung und innigem Vergnügen, habe es partienweise anderen vorgelesen und, als ich selbst fertig war, sofort weiterverborgt. Sobald ich nun im Laufe der nächsten 14 Tage ein bisschen mehr Muße nden werde, schicke ich Ihnen zunächst ein paar der seit neun Jahren ausstehenden Bemerkungen zu Urmensch und Spätkultur. Hat man mir die Zeit-Bilder dann zurückgegeben, dann schreibe ich Ihnen Näheres darüber. Heute nur soviel, dass ich nicht wüsste, wann je ein so tief lotender Denker so viel blendenden Witz gezeigt hat; bei vielen Formulierungen blieb mir einfach der Atem weg, und auch den anderen, denen ich das zitierte. Na, und was denken Sie, wie es dem Berliner Ensemble wie Öl glatt heruntergegangen ist, dass Sie Brecht an der Spitze der Schriftsteller nennen, denen eine neue »peinture conceptuelle« Gleiches zur Seite stellen sollte. Man stritt erst, ob das nicht etwa an der alphabetischen Reihenfolge der aufgeführten Namen läge. Aber da Be (Benn) dann vor Br stehen müsste und es doch nicht tut, ist man aufs Höchste befriedigt. Nur die Prinzipalin, Helene Weigel, die ich »Frau Cosima Brecht« nenne, weiß es noch nicht, weil sie derzeit auf Urlaub ist. Aber sie wird es erfahren und Sie in ihr Herz schließen. Also, bis nächstens! Herzliche Grüße Ihr Brief an Arnold Gehlen46 (26. Oktober 1965) Lieber Herr Professor Arnold Gehlen! Haben Sie vielen Dank für Ihren lieben Brief vom 10. Oktober. Nachdem Sie das Gesicht meiner Frau in verschiedenen Lesarten kennen gelernt haben, werden wir Ihnen bei Gelegenheit auch noch die Stimme schicken. Es kommt jetzt hier eine neue Langspielplatte heraus: Chansons, hart auf der Grenze zur Schnulze, außerdem die alten Dienstmädchenlieder auf einer kleineren Platte. Und dann will jetzt die westdeutsche Firma Philips mit ihr eine Langspielplatte Brecht/Weill produzieren: Das, was 45 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, Durchschlag einer Postkarte, 09. September 1965. 46 (AH) 12 Blatt, maschinenschriftlich, 26. Oktober 1965. 3 4 6 T e i l I I ihr eigentlich gemäß ist. Allerdings braucht man für die Ausführung von Platten in den Westen eine Sondergenehmigung, die wird man ihr aber sicher erteilen. Heute kann ich Ihnen etwas sehr Erfreuliches vermelden, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Es ist Ihnen, und zwar in großem Stil, geglückt, nunmehr auch o ziell und namentlich genannt in den heutigen Marxismus einzudringen. Vor zehn Jahren setzte sich Georg Lukács an seine große Ästhetik, damals siebzig Jahre alt. 1955 und 1956 hatte ich viermal ausgiebig Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen und ihn, als er mir in großen Zügen seine Konzeption auseinandersetzte, auf Ihre philosophische Anthropologie aufmerksam zu machen, die er, wie ich ihm sagte, vor der Niederschrift des geplanten Werks unbedingt gelesen haben müsse. Nun liegen die beiden ersten Bände – zusammen etwa 1500 Seiten – gedruckt vor, Deutsch im Luchterhand-Verlag, Bundesrepublik, und wenn Sie sich das Namensregister ansehen, werden Sie feststellen, dass Sie oft und ausgiebig zitiert sind. Ich habe das Monsterwerk noch nicht zu lesen angefangen, es ist mir – und meinen westdeutschen Bekannten – auch zu teuer, und da warte ich erstmal die DDR-Ausgabe ab. Aber von meinem Freund Wolfgang Heise, der für die hiesige Deutsche Zeitschrift für Philosophie die Rezension darüber schreiben soll, weiß ich bereits, dass Lukács sich im Wesentlichen in positivem und anerkennendem Sinne auf Sie bezieht und in Ihnen vor allem einen Gewährsmann für hieb- und stichfeste empirisch-wissenschaftliche Fakten sieht. Auch daran, dass er häu g Nicolai Hartmann anführt, den er früher nicht kannte, bin ich übrigens nicht unschuldig. Dessen Ästhetik, ebenso wie Ihren Menschen, habe seinerzeit ich ihm per Post zugeschickt. Ob der nun achtzigjährige Altmeister der materialistischen Dialektik die Zeit-Bilder schon zu Gesicht bekommen hat, weiß ich freilich nicht, und ich möchte deswegen auch nicht bei ihm anfragen, weil wir beide ja seit 1956/1957 ähnlichen Dreck am Stecken haben und sicher gut daran tun, uns noch ein Weilchen zu meiden. Aber wichtig und ein »gefundenes Fressen« wären die Zeit-Bilder schon für ihn, und wenn Sie bereit wären, noch ein weiteres Ihrer Belegexemplare zu opfern, würde ich Ihnen die Budapester Adresse des Altmeisters zugehen lassen, vorausgesetzt, dass Sie in einem etwaigen Begleitschreiben mich ganz aus dem Spiel lassen und sich, am besten, nur auf Ihre Zitierung in der Eigenart des Ästhetischen (so heißt das Monsterwerk) beziehen. 3 4 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n (Nebenbei bemerkt: Fassen Sie die obige Erwähnung der Tatsache, dass ich die Lukácssche Ästhetik noch nicht in Händen habe, bitte unter gar keinen Umständen als ein Wink mit dem Zaunpfahl auf, dass etwa Sie sie für mich erstehen sollten. Ich käme im nächsten halben Jahr doch nicht dazu, mich in sie zu vertiefen, und bis dahin werde ich sie mir ganz gewiss auch auf anderem Wege verscha en können. Auch will besagter Rezensent, der Heise, sie mir gerne für lange Zeit leihweise überlassen. Es wäre mir wirklich äußerst peinlich, wenn Sie dächten, ich ginge Sie darum an, so ungefähr 120,– West-DM für mich locker zu machen.) Nun zu Urmensch und Spätkultur. Im Ganzen bin ich mit diesem Buch sehr einverstanden und nde es außerordentlich genial und fruchtbar. Meine Einwände betre en lediglich Einzelheiten, nie den Kern, nie das Ganze. Da sind zunächst diejenigen Einwände, die ich in dem Vorwurf »Entökonomisierung der Soziologie« zusammenfassen möchte. Sie beziehen sich auf Sätze, die auf folgenden Seiten (der ersten Au age, Bonn, 1956) stehen: Zu Seite 26: Ich nde, dass Sie die »Auslöserwirkung« des Geräts, dessen »Soll sug gesti on« doch überschätzen. Sie hat ganz sicher nicht die Durchschlagskraft, die der echte, biologische Auslöser in seiner Wirkung auf den tierischen Instinkt hat. Ihre Ausführungen legen den Gedanken nahe, beim Menschen sei die Sollsuggestion des Werkzeuges an die Stelle des – in Folge der Instinktreduktion abgeblassten – Auslösers getreten, und das ist eine Annahme, die ganz gewiss zu weit geht. Was die Menschen primär zur Arbeit treibt, ist der Zwang, sich Lebensbedingungen zu scha en, die die Natur von sich aus, als unbearbeitete, nicht hergibt. Sekundär tritt in gewissen Gesellschaftsformationen (zum Beispiel in der Sklaverei) der, meist bewa nete, Zwang hinzu, mit dem die Herrschenden die Unterdrückten zu Arbeitsleistungen anhalten. Tertiär erst kommt, aber auch nur unter Umständen, die liebwerdende Gewöhnung an die Meisterung bestimmter Arbeitsvorgänge hinzu. Und was die Sehnsucht angeht (Sie nennen die des passionierten Beamten nach den Akten), so ist weit verbreitet ja auch der umgekehrte Fall: Dass man sich gerade nach dem sehnt, was man eigentlich nicht kann. (So schätzte zum Beispiel Furtwängler das Dirigieren, weil es ihm zweiter Natur geworden war, gar nicht hoch ein und fand sich einen großen Komponisten, der er nicht war. Auch der Reiz der Feierabend-Hobbies liegt darin, dass man sich auf Gebieten betätigt, wo man nur zu diletieren vermag, und gerade nach denen sehnt man sich.) 3 4 8 T e i l I I Zu Seite 38, letzter Absatz, Seite 39, erster Absatz: Natürlich sagt der Bauer nicht: »Die Menschen müssen zu essen haben«, wenn er darauf Antwort geben soll, warum eigentlich die Felder bestellt werden müssen. Oder er gibt diese Antwort (wenn er sie gibt) nur Altruismus heuchelnd, nur in Beschönigung seiner wirklichen Motive. Aber dass er die wahre Antwort nicht wüsste, stimmt nicht. Bei einem freien Bauern unter den Bedingungen der Naturalwirtschaft lautet sie: »Ich muss mich und meine Familie ernähren«, bei einem Leibeigenen: »Ich muss die Fron abarbeiten, um nicht vom Gutsherrn bei Leib und Leben bedroht zu sein, und außerdem noch für meinen und meiner Familie Eigenbedarf aufkommen«, bei einem Bauern unter den Bedingungen der entfalteten Warenproduktion, zumal unter kapitalistischen: »Ich muss Karto eln, Getreide, Milch, Ge ügel, Schweine- und Rind eisch auf den Markt bringen und dort absetzen, um zu Geld zu kommen«. Das heißt, es ist völlig richtig, wenn Sie schreiben, mit der Antwort »Die Menschen müssen zu essen haben«, werde nur die Funktion des Gefüges beschrieben, aber nicht das eigene Motiv des Bauern selbst. Aber nicht richtig ist die Vorstellung, dass dieses eigene Motiv primär durch das »Umschlagen der Arbeit in eine eigenwertgesättigte Habitualisierung« bedingt sei, denn unvergleichlich viel elementarer, stärker, mit dem eigenen Gedeih und Verderb fester verknüpft und eben deswegen funktionell auch zuverlässiger ist das ökonomische Interesse (dessen je spezi sche Erscheinungsform von den gesellschaftlich herrschenden Produktions- und Austauschverhältnissen bedingt ist und mit ihnen historisch wechselt – daher die Unterschiede in den – nichts beschönigenden – Antworten der Bauern, die Glieder verschiedener Gesellschaften – Feudalismus, Kapitalismus usw. – sind). An dieser Stelle, die ich in dem ganzen Buch als die fragwürdigste emp nde, melde ich den grundsätzlichen Einwand an: Ich halte es für falsch, halte es für eine Verzerrung der wirklichen sozialen Zusammenhänge, wenn Ihre Motivforschung die Antriebe menschlichen Verhaltens – bisweilen ausschließlich, bisweilen hauptsächlich – auf die Gegebenheiten des Arbeitsprozesses zurückbezieht und dabei die ökonomisch-sozialen Gegebenheiten, d. h. das handgrei iche materielle Interesse (und dessen geschichtliche Modi zierung durch die einander ablösenden Gesellschaftsstrukturen, Produktions- und Austauschverhältnisse) auslässt. Zu Seite 44: Zeremonialisierung des Labour-Management-Kon ikts. Der ganze zweite Absatz von Seite 44 mit der – von Ihnen leider ohne kritische Vorbehalte zitierten – Idee Hofstätters ist national-ökonomisch und politisch eine einzige Naivität. 3 4 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Erstens sind die Kon ikte zwischen Labour und Management immer nur eine Vordergrunderscheinung, die das Wesen der Sache verdeckt: Dass es sich in Wahrheit um den Interessengegensatz von Arbeit und Kapital handelt (wobei freilich die Kapitalisten, besonders neuerdings, in hochindustrialisierten Ländern, die dadurch bedingten Kon- ikte durch ihre Manager mit den Arbeitern und deren Gewerkschaften austragen lassen). Zweitens: Dass die sozialen Spannungen der Vergangenheit darin ihren Grund gehabt hätten, dass das Sozialprodukt, weil nicht genügend produziert werden konnte, so klein gewesen sei, und in Folge dessen in dem Maße gegenstandslos werden müsste, wie die Produktion sich ausdehne, ist völlig falsch. Dann hätten ja im Mittelalter mit seiner wahrlich niedrigen Arbeitsproduktivität die sozialen Spannungen schärfer sein müssen als im 19. Jahrhundert mit seinen Dampfmaschinen, und das Umgekehrte ist tatsächlich der Fall. Drittens: Überproduktionen an Waren gibt überhaupt nicht die Gewähr für die Befriedigung sozialer Gegensätze (siehe die Wirtschaftskrisen im Kapitalismus, die durchweg Überproduktionskrisen und zugleich Unterkonsumtionskrisen sind und eben dadurch die Klassenkämpfe verschärfen). Viertens: Ausweitung der Produktion kann unter der Voraussetzung kapitalistischer Eigentumsverhältnisse nur dann den Anteil der arbeitenden Massen am Sozialprodukt vergrößern, wenn sie a) mit Vollbeschäftigung Hand in Hand geht (was nicht immer der Fall zu sein braucht; man kann auch durch drastische Rationalisierung des Produktionsprozesses, neue Fertigungsverfahren usw. die Produktion ausweiten und gleichwohl zur selben Zeit Massenarbeitslosigkeit haben) und wenn b) die Arbeitergewerkschaften so gut organisiert und geführt und so kampfentschlossen sind, dass sie den Unternehmern hohe Löhne abzutrotzen vermögen – was wiederum ein hochgradiges Klassenbewusstsein der Arbeiter des betre enden Landes im ganzen, zumindest aber deren hochentwickeltes ökonomisches Interessenbewusstsein voraussetzt. Wenn heute zum Beispiel die Arbeiter in Westdeutschland relativ sehr gut leben, so nicht, weil die westdeutsche Industrie so viele Waren erzeugt, sondern deshalb, weil die herrschende Klasse in Westdeutschland vor dem Kommunismus Angst hat, weil, mit anderen Worten, in allen Lohnverhandlungen zwischen Regierung bzw. Unternehmerverbänden auf der einen und Arbeitergewerkschaften auf der anderen Seite unsichtbar und doch drohend (den Unternehmern drohend) die DDR mit am Tisch sitzt. Der Klassenkampf 3 5 0 T e i l I I der Arbeiter, weit entfernt, durch die enorme Produktion über üssig zu werden, ist also die conditio sine qua non dafür, dass die Arbeiter bei der Verteilung des Sozialprodukts nicht zu kurz kommen. Würden sie es sich einfallen lassen, diesen Kampf zum bloßen Zeremoniell zu machen, so würden sie unweigerlich das Nachsehen haben, es mag noch so viel produziert werden. Fünftens: Was als ausreichende Bedürfnisbefriedigung und hoher Lebensstandard gelten kann, ist selbst geschichtlich relativ. In Zeiten, in denen es Fernsehapparate gar nicht gab, konnten sie auch nicht Gradmesser des Wohlstandes sein. Seit ihr Besitz gesellschaftlich zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist es nicht ausgeschlossen, dass ihre Eigentümer ausgebeutet sein und im Elend leben können, einfach deswegen, weil die Entwicklung der Zivilisation die Maßstäbe des Verelendetseins verschoben hat. Die Vorstellung also, dass eines Tages im Kapitalismus die Straßenbettler in Autos fahren könnten, ist nicht utopisch und nicht absurd. Absurd und utopisch aber ist die Hofstät ter sche Au assung, dass, wenn es so weit gekommen sein wird, die Gegensätze von Kapital und Arbeit jede Bedeutung verlieren werden. Himmelschreiendes soziales Elend wird dann eben darin bestehen, mit der letzten Monatsrate für das eigene Weltraumschi säumig zu sein. Zu Seite 58: Die eorien über den Ursprung des Eigentums von W. Nippold und W. Schmidt. »Wer etwas macht, dem gehört es aus diesem Grunde.« Sehr fragwürdig, von esen, die aus der Erforschung von Urzuständen der Gesellschaft gewonnen sind, zu derartigen Verallgemeinerungen aufzusteigen, denen bereits eine so frühe Kultur wie die der griechisch-römischen Antike, mit der Sklaverei als festen, nach Aristoteles sogar naturgegebenen Institution, auf der ganzen Linie Unrecht gibt. Oder habe ich etwas missverstanden? Dann deswegen, weil Ihre und Schelskys meines Erachtens sehr tre enden Ausführungen über die Kategorie des Beisichbehaltens in dem Augenblick missverstehbar werden, wo Sie sich in dieser Form auf Nippold und Schmidt als Gewährsleute beziehen. Was an dieser Stelle meinen Widerspruch herausfordert, ist der (von mir geargwöhnte) Versuch einer Anthropologisierung des Privateigentums, ist dessen Aufbauschung zu etwas Allgemeinmenschlichem in der Absicht, für das Privateigentum an Produktionsmitteln eine neue Apologetik zu scha en. (Auf derselben Seite 58 übrigens Zeile 14 v. o. ein Schreib- bzw. Druckfehler: Es muss ihrer statt seiner Rätselhaftigkeit heißen.) 3 5 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Zu Seite 68: Ende des ersten Absatzes. Der Vergleich mit dem Briefwechsel als einer »Institution«, die Gewissensregungen erzeugt, klingt zwar geistreich, nimmt aber Ihrer Argumentation die Überzeugungskraft, die er ihr doch gerade geben sollte. Bei jedem Versuch, in Auseinandersetzungen über dieses ema diesen Briefwechselvergleich in die Debatte zu werfen, wurde mir von den jeweiligen Partnern immer (mit Recht) entgegnet: Das schlechte Gewissen hat in der Vernachlässigung des Menschen, mit dem ich sonst Briefe wechsle, seinen Ursprung und gilt durchaus nicht der etwa zum Selbstzweck gewordenen Institution des Briefwechsels selbst. Wenn ich nämlich hingehe, um den anderen zu besuchen, beruhigt sich das schlechte Gewissen sofort, auch ohne dass wieder ein fälliger Brief geschrieben wird. Zu Seite 69 (die letzten zwei Zeilen) bis Seite 70 (ganz): Hier notierte ich an den Rand (Seite 70 oben): Anders: Das, was uns überhaupt dazu nötigt, uns in die Institution einzufügen und uns ihr unterzuordnen, ist ein lebenswichtiges, zumeist ökonomisches Interesse; indem wir uns einfügen, nehmen wir es aber auch auf uns, Funktionsträger der Eigengesetzlichkeit der Institution zu werden. Und zum letzten Absatz von Seite 70 notierte ich: Aha! Aber die Sicherung der Existenz ist in allen Gesellschaften durchaus davon abhängig, dass wir uns den Normen und Sachgesetzen der Institutionen fügen; tun wir das nämlich nicht, so hören die primären Bedürfnisse (ich würde sie nicht biologische, sondern ökonomische nennen) sofort auf, trivial zu sein. Und umgekehrt: Das Verhalten der überwiegenden Mehrheit der Menschen von heute wird unzuverlässig, sobald der ökonomische Druck aussetzt, der, in letzter Instanz, sie in die Institutionen hineinzwingt. Zu Seite 74: Die hier aufgezählten Motive stehen nicht auf gleicher Stufe nebeneinander und haben nicht gleiche Kraft. Bei einem bestimmten Individuum mag aus je besonderen Gründen das eine das andere überwiegen. Im gesamtgesellschaftlichen Durchschnitt jedoch – und damit bei der Masse der Individuen – bilden diese Motive eine Hierarchie, in der das ökonomische Interesse stärker ist und fundamentaler als die Gewohnheit oder die Verp ichtung an einen Ehrenkodex. Hier wie an anderen Stellen scheint mir, dass Sie von einer Basis aus verallgemeinern, die zu schmal ist. Bei Ihnen mag P icht zur Neigung geworden sein. Aber bei Ihrer Portierfrau? Den Beamten der preußischen Könige war die Unbestechlichkeit in Fleisch und Blut übergegangen. Aber denen von Väterchen Zar? Es sind Ausnahmefälle, in denen der »Raum für die verschiedensten subjektiven Tendenzen« wirklich so breit ist, wie Sie meinen; in der Regel ist er ziemlich beengt. 3 5 2 T e i l I I Zu Seite 95, zweiter Absatz: Frage: Sollten Eigentumsschutz, Erhaltung ständischen Prestiges, sogar Sicherung knapper Wild- und Viehbestände wirklich nur sekundäre, unerwartete Nebenerfolge gewesen sein???? Zu Seite 119: Hier schrieb ich an den Rand: Hier wie schon auf Seite 74 kommt bei Gehlen der neokonservativistische Pferdefuß zum Vorschein. Sein richtiger und vernünftiger Lobgesang auf die Institutionen überhaupt schlägt an diesen Stellen in eine Rechtfertigung des Bestehenden, unbesehen, ob es gut oder schlecht ist, um. Das ist erstens politisch und weltanschaulich reaktionär, zweitens aber auch unlogisch bei einem Denker, der ansonst die Relativität aller konkreten, historisch gegebenen Institutionen so scharf betont, der so Tiefes und Wahres darüber gesagt hat, dass die De nition des generell Menschlichen sich nicht von den Vorlieben und Vorurteilen irgend eines einzelnen Zeitalters abhängig machen darf. – Natürlich bedarf der Mensch der institutionellen Eingefasstheit überhaupt, aber er bedarf keineswegs auf die Dauer der bestehenden bürgerlichen Institutionen, so wenig wie er der feudalen Institution bedurfte. – Auf der gleichen Seite verweist ein Pfeil auf Seite 118, zweiter Absatz, letzter Satz: »Und das haben wir erlebt, was aus den Menschen wird, wenn sie usw.« An den Pfeil schrieb ich noch die Bemerkung: 1) Es kommt darauf an, in welcher Richtung die Menschen aus ihren Institutionen heraus gezwungen werden und in welche neuen man sie hinein zwingt. (Es kommt auch vor, dass einer sich von einem speckigen, alten Hut nicht trennen kann und sich dann schließlich doch wohler fühlt, wenn die Eheliebste ihn zum Kauf eines neuen gezwungen hat.) 2) Wurden im Faschismus – den Gehlen hier meint – die Menschen denn wirklich auf der ganzen Linie aus bestehenden Institutionen heraus gezwungen? War der Faschismus nicht vielmehr umgekehrt ein Weg, schlechte, überlebte Institutionen krampfhaft zu verteidigen und zu verewigen, in Spanien sogar mit den Mitteln militärischer Intervention von außen, gegen den erklärten Willen des Volks? Zu Seite 178, dritter Absatz: »Man kann auch zweitens keine Dauerinstanz usw.« Richtig! Aber das Angewiesensein auf Nahrung, Kleidung, Behausung usw. wirkt als ständige Triebfeder! Zu Seite 233, letzter, Seite 234, erster Absatz: Der Unterschied des »Status« von der »Rolle« könnte soziologisch tiefer gefasst sein, wenn er aus den Unterschieden von Feudalismus und Kapitalismus abgeleitet wäre. 3 5 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Zu Seite 237, zweiter Absatz, letzter Satz: Doch! Der Staat ist immer, seit er existiert, ein Instrument der Herrschenden zur Unterdrückung der beherrschten Gesellschaftsklassen, und eben dies ist das durchaus vorhandene gemeinsame inhaltliche Merkmal für das Negersultanat, Sparta, Rom, das ottonische Kaiserreich, Byzanz und – die Bundesrepublik. Zu Seite 242: Wieder Hofstätter. Hierzu wäre dasselbe zu sagen wie zu Seite 44. Zu ergänzen ist an dieser Stelle: Die Hofstättersche Zeremonialisierungsprognose lässt sich in keiner Weise mit dem Nicht-Gegensatz der beiden großen Parteien in USA belegen. Worum es sich hier vielmehr tatsächlich handelt, ist die Sicherung der Herrschaft der Großbourgeoisie durch einen Mechanismus, der es möglich macht, jede Opposition elastisch abzufangen. Dabei gibt es zwischen Demokraten und Republikanern in der Tat (wenigstens in der Regel) keine akuten Gegensätze; aber das heißt nicht, dass diese Gegensätze in der amerikanischen Gesellschaft überhaupt nicht existieren. Sie können nur nicht in einer das bestehende System gefährdenden Weise zum Austrag kommen. Und in Krisenzeiten kommt es vor, dass plötzlich die Scheingegensätze doch zum Ausdruck wirklicher Gegensätze werden und die Zeremonie auf einmal aufhört, eine zu sein, zum Beispiel in der ersten Roosevelt-Wahl (1932), bis zu einem gewissen Grade auch 1964 bei der Besiegung Goldwaters durch Johnson. So viel nur zur Begründung des Vorwurfs »Entökonomisierung der Soziologie«, der übrigens nicht Sie allein tri t, sondern die ganze neuere nichtmarxistische Soziologie seit Comte (nicht dagegen deren grandiose Erzväter, bei denen Nationalökonomie und Soziologie noch eine unlösbare Einheit bildeten: Saint-Simon, Fourier, Owen). Nun noch ein paar zusammenhanglose Einzelbemerkungen. Zu Seite 24: Nicht nur bei Menschen geht die Wahrnehmung in ihrer Überschussleistung weit über das Lebensnotwendige, ja, überhaupt Brauchbare hinaus: Sterne und Schatten werden auch von Schimpansen wahrgenommen. (Überhaupt ist mir in letzter Zeit durch Lektüre verschiedener Verhaltensforscher manches an dem scharfen Trennstrich, den Ihre Anthropologie auch in diesem Punkt zwischen Mensch und Tier zieht, doch wieder fraglich geworden. Haben Sie sich neuerdings mal mit den Delphinen beschäftigt? Wenn wir im Wasser lebten, würde ich sagen, dass diese Guten uns doch ziemlich nahe kommen. Und wenn wir Abkömmlinge nicht von Anthropoiden, sondern von Delphinen wären, müssten Sie in Ihrem Menschen wohl einiges noch umschreiben.) 3 5 4 T e i l I I Zu Seite 28, zweiter Absatz: »Tatsachenverhalt«, »die Teilphasen der einen Serie antworten jeweils auf die der anderen«. Als Beispiel das Ö nen eines Schlosses mittels eines Schlüssels. »Dabei schwebt der Entwurf des stimmenden Verlaufs des Ganzen jeweils als ›Sollform‹ vor.« Gewiss, aber wem denn? Doch nicht dem Schloss! Auch nicht dem Schlüssel! Denen schwebt gar nichts vor. Die geläu ge Trennung von Subjekt und Objekt lässt sich durch dieses Beispiel also doch wohl nicht aus der Welt scha en und durch den Begri »Tatsachenverhalt« ersetzen bzw. überbrücken. Zu Seite 31, erster Absatz: Die ese von W. Grebe. Vergleiche hierzu die im Grunde dasselbe besagenden Ausführungen Ernst Blochs über das »Dunkle des gelebten Augenblicks« im Prinzip Ho nung, I, zum Beispiel Kapitel 20, Seite 312  . Zu Seite 36, zweiter Absatz: Zusammenstoß von je eigenem Ethos im Menschen mit Institutionen. Diese Ausführungen wären noch wirkungsvoller, wenn sie durch literarhistorische Beispiele belegt würden (zum Beispiel Antigone usw.). Zu Seite 47, zweiter Absatz: Die Umwegigkeit des menschlichen Verhaltens ist auch von außen sichtbar, vorausgesetzt nur, dass man weiß, dass die jeweils bearbeiteten Gegenstände nicht unmittelbar lebensdienlich sein können. Zum Beispiel der Unterschied zwischen dem Buntspecht, der auf einen Baum, und Ihrer Stenotypistin, die auf ihre Schreibmaschine einhackt. Um diesen Unterschied von außen zu sehen, genügt es ja, zu wissen, dass die Brötchen, die das Mädchen sich vom nächsten Gehalt, das Sie ihr zahlen werden, kaufen wird, nicht in der Maschine drin stecken. Zu Seite 53, Zeile 9, v. u.: Druck- bzw. Schreibfehler. Richtig muss es heißen: »nichts von deinen Lebensmitteln« statt von »unseren«. Zu Seite 63, erster Absatz: Gehen die letzten beiden Sätze dieses Absatzes gegen Litt? Ich denke ja. Zu Seite 64, Zeile 9, v. u.: Derselbe Gedanke bis in die Formulierung hinein beim frühen Hegel, Glauben und Wissen: »der Hain der Hölzer (…)«. Zu Seite 66: Pagets eorie, dass die Sprache erst 10 bis 30 000 Jahre alt sein, halte ich für ganz abwegig und vor allem mit den Grundsätzen Ihrer Anthropologie für völlig unvereinbar. Sie, Herr Gehlen, haben ja gezeigt, dass und warum die Sprache ein 3 5 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Konstituens des Menschen überhaupt ist, und das ist eines Ihrer größten Verdienste. Warum nennen gerade Sie jetzt Pagets Schluss ohne jede Spur einer kritischen Distanzierung bemerkenswert? Zu Seite 81, erster Absatz: Es wäre schön und dankenswert gewesen, wenn Sie in diesem Zusammenhang noch eine Polemik gegen Heideggers Anti-»Man« (SuZ, § 27) eingebaut hätten. Zu Seite 83, zweiter Absatz: »Der auftretende Gegenstand« bis »akutes Bedürfnis vorliegt.« Hier schrieb ich an den Rand: So kommt viel über üssiger Beischlaf zu Stande. Zu Seite 97, zweiter Absatz: »Aus diesen Einsichten« bis »Möglichkeiten zulässt«: In irgend einer anderen Schrift von Ihnen (oder stammte sie von einem anderen Autor?) las ich in diesem Zusammenhang die sehr tre ende Formulierung »Originalität von der Stange«, die hier auch gut am Platze wäre. Zu Seite 102: Mit dem Vulgärdualismus, der aus cartesischen und idealistischen Restbeständen gemischt ist, meinen Sie doch sicher die N. Hartmannsche Ontologie – oder? Ich habe mich aber mehr und mehr zu der Einsicht durchgerungen, dass man mit diesen neutralen Termini (»behalten« u. dgl.) den realen Unterschied zwischen Psychischem und Physischem unmöglich aus der Welt scha en, ihn nur als Problem zudecken und auf sich beruhen lassen kann. Den wirklichen Fehler der Schichten-Ontologie sehe ich jetzt woanders (davon mal in einem späteren Brief ). Übrigens würde ich den N. Hartmannschen Vulgärdualismus nicht einen cartesisch-idealistisch gemischten nennen, sondern eher eine durch Descartes vermittelte Kreuzung zwischen Platon und Büchner-Vogt-Moleschott. Zu Seite 104: »Das Wort Geist ist kein Dienstsiegel.« Wieder gegen Litt? Zu Seite 106, vierter Absatz: Da ist zunächst die Sache usw.: Geht gegen Sartre, ja? Zu Seite 107, zweiter Absatz: Neu zu bemerken ist jetzt usw.: Statt »Beobachtung« müsste es »Selbstbeobachtung des Verfassers« heißen, denn nur angeborene Bescheidenheit verbietet Ihnen, zu sagen, dass Sie in diesem Absatz ein Selbstporträt von sich geben. So jedenfalls würde ich Sie sehen. 3 5 6 T e i l I I Zu Seite 108: Hier bin ich ernstlich böse. Wie konnten Sie Hitler einen Revolutionär nennen und sich in einem Atemzug auf ihn und auch Marx und Lenin beziehen? Nie hat Hitler die Gesellschaft verändern wollen, vielmehr wollte er sie samt allem Schlechten, das es in ihr gab, krampfhaft, gewaltsam, mit terroristischen Mitteln erhalten, und eben deswegen brauchte er das Asyl auch nicht; denn der »Asylschutz, missbrauchter Grundrechtsartikel« – was ist das überhaupt???? Zu Seite 112: Bei den Griechen »natürlich« kein Monotheismus oder nur sporadisch? Ich denke nein! Denken Sie an Xenophanes. Sporadischer Monotheismus bei Platon, bei Aristoteles nicht-sporadischer. Bei Epikur zwar Götter (Plural, in den Intermundien), aber von der Welt zurückgezogene, womit der gleiche E ekt der »Neutralisierung der Faktenaußenwelt« erreicht ist. Zu Seite 114, erster Absatz: Genauer. 1) In gewissem Sinne gibt es im Mittelalter wieder einen Polytheismus und eine Bevölkerung der Welt mit Geistern. 2) Dem Descartes ist die Anknüpfung an Griechisches (in der Renaissance) vorausgegangen. Zu Seite 114, zweiter bis vierter Absatz: Alles vollständig richtig, nur müsste hier, um einem historisch-relativistischen Missverstehen vorzubeugen, klar gesagt werden, dass die moderne Weltanschauung die wahrere und darum höher stehende ist. Zu Seite 116: Zeiterfassung. Diese Darlegungen bestätigen, dass die Raum-Zeit-Konzeption der Relativitätstheorie ein ra niert begründeter Rückfall in primitives Denken und die Polemik Einsteins gegen die angebliche Anschauungsgebundenheit der so genannten »klassischen« Raum-Zeit-Vorstellung reine Demagogie ist. Zu Seite 116, dritter Absatz: Die beiden Bereiche der Faktenaußenwelt: a) Rohsto , der in unsere Kultur eingeht, b) der unergiebige Bereich des schlicht Vorhandenen. Zwischen beiden Bereichen liegt der, der auf dem Wege der Verwendung des erstgenannten Bereichs mitbetro en, aber nicht zu irgendeinem menschendienlichen Zweck verwendet wird, jedoch auch nicht nur »schlicht vorhanden« ist (Klimaänderung durch Waldraubbau usw.). Zu Seite 117, erster Absatz: Wissenschaftsgeschichtliche Ergänzung hierzu: So setzte die klassische Nationalökonomie (Smith, Ricardo) die Kategorien der Warenproduktion und namentlich des Kapitalismus absolut und fasste sie als einzig naturgemäß auf. 3 5 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Die damals noch vorhandenen feudalen Wirtschaftsweisen galten dann als unnatürlich, der Natur »des« Menschen schlechthin widersprechend. Hier hat erst Marx die historische Relativität des »Natürlichen« entdeckt und dabei zugleich als erster den Gedanken ausgesprochen, dass es für die »Natur des Menschen« gerade bezeichnend ist, dass die unterschiedlichsten und gegensätzlichsten Produktionsverhältnisse ihr natürlich sein können, vorausgesetzt nur, dass sie die Bedingungen erfüllen, der Entwicklung der Produktion selbst auf die Dauer förderlich zu sein. Das gleiche Argument, mit dem Marx so, im Namen des Sozialismus, die historische Vergänglichkeit des Kapitalismus begründete, diente ihm dazu, der Sklaverei und dem Feudalismus historisch besser gerecht zu werden, als es die Smith und Ricardo vermochten. Zu Seite 118, zweiter Absatz, Anfang: »Anthropologisch muss man sich darüber klar sein, dass es eine vorkulturell fassbare menschliche Natur überhaupt nicht gibt.« Sehr, sehr wahr! »Der Mensch kann keine direkten zutre enden Aussagen über sich machen, er fasst sich nur über sein Nichtmenschliches hinweg.« Auch sehr richtig. Aber wieso folgt das eine aus dem anderen? Wieso hat der erste Sachverhalt in dem zweiten seine, wie Sie schreiben, Ursache? Das vermag ich nicht einzusehen. Ich sehe hier beim besten Willen keinen Zusammenhang, keine Möglichkeit, die eine ese mit der anderen zu begründen. Zu Seite 122, erster Absatz: Das zwischen Gut und Böse Schweben, der Mensch Dantes und Shakespeares, Balzacs und Tolstois. Das schlagendste Beispiel hierfür ndet sich jedoch bei – Victor Hugo, und zwar in dem Kapitel in Les Misérables, wo Jean Valjean sich zu dem Entschluss durchringt, für den ihm ähnlichen unschuldigen Angeklagten selbst ins Bagno zu gehen. Dieses Kapitel ist für Sie eine anthropologische und ethische Fundgrube, Sie sollten es unbedingt einmal lesen und daraufhin durchdenken. Zu Seite 122: Zwischen dem zweiten und dritten Absatz scheint mir der Zusammenhang unklar zu sein. Zu Seite 125, erster Absatz: Die tre endsten Ausführungen über das »Meinen«, die »persönliche Meinung« bei Hegel (namentlich in der Rechtsphilosophie), ganz in Ihrem Sinne. 3 5 8 T e i l I I Zu Seite 149 (erster Absatz, das heißt letzter Absatz von Kapitel 27) und Seite 166 (erster Absatz): Diese beiden, in Ihrem Buch voneinander getrennten Stellen sollten Sie einmal zu einem Ganzen ineinander arbeiten, dann haben Sie eine komplette neue eorie der Entstehung des Ichbewusstseins gescha en, die jetzt in der Fülle dessen, was Sie zu bieten haben, untergeht und schwer bemerkt wird. Gäbe es ein Nobelpreis für Philosophie, so müsste er Ihnen hierfür allein schon verliehen werden. Warum stellen Sie dieses Licht (aus Ihrem strahlenden Weihnachtsbaum) so unter den Sche el? Manchmal kann man Ihnen den Vorwurf nicht ersparen, dass Sie Ihre Funde nicht gut an den Mann zu bringen verstehen. Zu Seite 150, Zeilen 4–8, v. o.: Beschränkt sich die Auslöserwirkung in der Regel auf einen Gefühlsstoß??? Na, da muss ich aber sehr bitten: Unsere Erektionen sind etwa nichts? Zu Seite 150, letzter Absatz: Hier wäre m. E. zu ergänzen, dass das von Lorenz aufgedeckte Instinktresiduum der Kinderp ege bei uns Menschen einerseits so weit »aufgefächert« ist, dass es, wie Sie richtig sagen, »alles Hil ose, Kleine, Rundliche noch in sich hineinnimmt«, andererseits aber auch, wieder, und das sagen Sie mir, so labil und eben bloß residual, folglich durch andere, entgegengesetzte Motive ausschaltbar ist, dass leider die Kindsmörderin oder eine Ungeheuerlichkeit wie der SS-Mann, der es fertig bringt, die Köpfe jüdischer Babys an einer Wand zu zerschmettern, zu den Menschenmöglichkeiten gehören. Zu Seite 160, letzter Absatz: Kennen Sie die Stelle bei Balzac, in Père Goriot, wo der eine Held dem anderen auseinandersetzt, dass jeder zum Morden fähig sei, und das damit begründet, dass er selbst, obwohl ein sanftmütiger Mensch, es ohne weiteres fertig bringen würde, einen anderen zu töten, wenn der ihm nur fremd genug und weit genug entfernt sei? Wenn ihm zum Beispiel jemand, so sagt er, eine große Summe Geldes dafür böte, dass er einmal mit dem Kopf nickt, so würde er auch dann nicken, wenn er mit absoluter Sicherheit wüsste, dass durch eben dieses Nicken gleichzeitig in China ein Mandarin sterben muss. Das ist die schlagendste Polemik gegen das Ideal der »Fernstenliebe« und dessen verblasene Abstraktheit, die mir je bekannt geworden ist. Zu Seite 161, letzte zwei Zeilen, bis Seite 162, erster Absatz: Ist hier indirekte Polemik gegen Sartre beabsichtigt? 3 5 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Zu Seite 163, zweiter Absatz: Und doch gibt es auch heutzutage noch das Phänomen einer Virulenz bloßer Worte. Zu Seite 163 letzte Zeilen bis Seite 164, Anfangszeilen: Also Analogie des biogenetischen Grundgesetzes im Geistigen: Der Grundgedanke der Hegelschen Phänomenologie. Zu Seite 166: Siehe meine Bemerkung zu Seite 149! Zu Seite 167, zweiter Absatz: »Das oft gerühmte Erlebnis der Gemeinschaft« bis »dies ist das Problem des Totemismus.« Fundamentaler scheint mir dies zu sein: Dass das Gemeinschaftsbewusstsein der Gruppe sich aus der Begegnung (feindlichen oder friedlichen) mit anderen Gruppen und deren besonderen Gebräuchen, Sprache usw. ergibt. (»Wir« und »die anderen«.) Zu Seite 170: Begri »Hunger« hochabstrakt? »Bedürfnis« ja, aber »Hunger«??? Zu Seite 182, erster Absatz: Mehr noch: Der Imperativ nimmt geradezu eine instinktive Färbung an. Das doch sozial bedingte Inzesttabu erzeugt Ekel vor der Geschlechtlichkeit der eigenen Schwester und Mutter und macht die Vorstellung, diese zu begatten, unvollziehbar. Zu Seite 192, zweiter Absatz (letzter Absatz von Kapitel 33): Nur um den Preis der Unfähigkeit usw. Das liegt aber nicht an der Naturerkenntnis als solcher, sondern daran, dass deren Rationalismus noch nicht auf die Entwicklung der Gesellschaft ausgedehnt ist. Diesen entscheidenden Schritt tut dann der Marxismus. Zu Seite 199, letzter Absatz: Daher ist der subjektive Idealismus notwendige Entwicklungsstufe des philosophischen Gedankens – ohne ihn keine Abhebung des Subjektiven von der (objektiven) Situation, als deren Bestandsstück es (das Subjektive) unre ektiert erlebt worden war. Zu Seite 230, zweiter Absatz: »In Küchenabfällen« bis »kultischen zu erklären.« Hier teilweiser Widerspruch zu Seite 20. Zu Seite 258: »Überwältigende Indi erenz«. Lieblingsformulierung Nicolai Hartmanns. 3 6 0 T e i l I I Zu Seite 262, Zeile 9: »Wie wir sahen«. Hier würde ich einfügen, vgl. S. 186  . Zu Seite 283, erster Absatz, erster Satz: »Die inneren Folgen für die Menschheit sind noch nicht abzusehen.« Wieso inneren Folgen??? Zu Seite 289: Großes, großes Fragezeichen!! Zu Seite 295/296: Großes Fragezeichen zu den letzten drei Absätzen des Buchs. Damit mag es für heute genug sein. Das nächste Mal will ich mich zu den Zeit-Bildern äußern, was mir allerdings schwer fallen wird, weil es hier fast nur Zustimmung gibt und es sich in den Punkten, in denen ich etwas anderer Au assung bin, eigentlich nur um gustibus handelt, über die bekanntlich non disputandem est. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Ihr Brief an Arnold Gehlen47 (27. November 1969) Lieber Herr Professor Gehlen! Nach langen Jahren melde ich mich heute wieder einmal bei Ihnen, und ich tue es diesmal deswegen, weil ich Sie schonend darauf vorbereiten und gleichzeitig um Ihr Verständnis dafür bitten möchte, dass ich ein Büchlein geschrieben habe, worin unter anderem auch gegen Sie heftig polemisiert wird. Ich darf Sie kurz über den Zusammenhang aufklären. Wie Sie sich leicht vorstellen können, bin ich stark interessiert an dem Phänomen »unruhige Jugend« in der Bundesrepublik und in Westberlin. Interessiert soll heißen: Ich betrachte es mit sehr gemischten Gefühlen – einerseits erfreut über den au älligen Linksrutsch, andererseits aber auch besorgt über den vielen Blödsinn, der da mit hoch geschwemmt wird und der der Linken, wie ich glaube, so schadet (angefangen beim Kreieren bizarrer Haarmoden über die Promiskuität in so genannten »Kommunen« bis zu einer sich apolitisch verzettelnden Gewalttätigkeit gegen untaugliche Objekte). Bei diesen – vom marxistischen Standpunkt aus negativen und desorientierenden – Erscheinungen handelt es 47 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 27. November 1969. 3 6 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n sich o ensichtlich um ein Wiederau eben des lange Zeit, seit dem Fall Barcelonas Anfang 1939, totgeglaubten Anarchismus, um Absurditäten also, die nicht gar so neu und originell sind, wie sie zu sein glauben, die es vielmehr beim alten Bakunin und den Seinen auch schon gegeben hat. Es ist diese Erkenntnis, die mich dazu veranlasst hat, jetzt eine Schrift mit dem Titel Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus abzufassen.48 Im Untertitel hätte ich sie ebenso gut auch ein »Vademecum für westdeutsche linke Studenten« nennen können. Ich vermied das nur, weil ich nde, dass man politische Polemik grundsätzlich an politische Richtungen adressieren soll und nicht an biologische Kategorien von der Art der Generationen. Wahrscheinlich werden Sie nun erstaunt fragen, was denn Sie um Himmels willen damit zu tun hätten und was in einer solchen Arbeit eine Auseinandersetzung ausgerechnet mit Ihnen zu suchen habe. Sie haben recht, zu den Erzvätern der APO gehören Sie, weiß Gott, nicht. Aber: Ihre so konservativ gemeinten Warnungen vor dem »Verunsichern von Institutionen« (zum Beispiel in Urmensch und Spätkultur, Bonn, 1956, p. 27, 74, 99, 118 f., 284) sind nichtsdestoweniger von dem neoanarchistischen Flügel der viel ügeligen APO, nachdem die Frankfurter Soziologie-Studiosi anscheinend durch Adorno darüber belehrt worden, dass Institutionen dem Menschen abträglich seien, dass sie dessen »autonome Subjektivität« ersticken würden usw., aufgegri en und in den Schlachtruf »Auf, lasst uns die Institutionen verunsichern!« umgepolt worden, wobei übrigens – und ich vermute Ihren sprachschöpferischen Prioritätsanspruch – die von Ihnen einst geprägte Vokabel »Verunsichern« gleich Duden-reif wurde, so verbreitet ist sie jetzt. Da konnte ich es mir nicht versagen, den ungebärdigen jungen Leuten klarzumachen, dass die Umkehrung des Wortakzents, die Auswechselung des bei Ihnen negativen gegen ein positives Vorzeichen sie (kleingeschrieben) nicht davor schützt, die – verzeihen Sie bitte! – pauschale Abstraktheit und Uferlosigkeit Ihres Institutionenbegri s unbewältigt in die neue linksextremistische Ideologie mit hinüber zu nehmen, mit dem Erfolg, dass im Zeichen dieser Ideologie nun nicht etwa gegen die gesellschaftlich 48 (AH) Das 1971 erschienene Werk liegt in dieser Edition neu gedruckt vor (Band 7, S. 81–220). Der Band enthält zudem den umfangreichen Nachtrag, den Harich 1972 verfasste: Die Baader-Meinhof-Gruppe. Ein Interview (ebd., S. 223–386). In Zur Kritik der revolutionären Ungeduld beschäftigt sich das Kapitel VI. Exkurs über die Ideengeschichte des Verunsichern von Institutionen mit Gehlen (ebd., S. 141–169). 3 6 2 T e i l I I präponderanten Institutionen, auf die es, nach Marx und Lenin, ankommt, aufbegehrt wird, sondern di us gegen Autoritäres überhaupt und in jeder Form, ganz so, wie es der klassische Anarchismus auch schon tat, wenn er amtliche Akten verbrannte, antiautoritäre Kindergärten gründete und sinnlose Bombenanschläge verübte. Schon damals – sage ich den Neoanarchisten –, schon im Heroenzeitalter der Internationale von Saint-Imier ist bei alledem so gut wie nichts herausgekommen, und auch heute kann nichts dabei herauskommen, es sei denn, dass die Revolution kompromittiert wird. Und ich füge hinzu: Erstens kann die Revolution sehr, sehr viele alte Institutionen, ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen, ein paar Generationen lang unbehelligt stehen lassen und ruhig abwarten, wie eine klüger gewordene Zukunft sie modeln, umfunktionieren und, gegebenenfalls, auch zum Absterben bringen wird (was sogar für die ja in allen sozialistischen Ländern, mit Ausnahme Albaniens, tolerierten Kirchen gilt, erst recht natürlich für die monogame Familie), und zweitens bedarf sie, die Revolution, selbst massiver Institutionalisierung, wenn sie mit der einen alten Institution, die in der Tat vernichtet zu werden verdient, nämlich mit dem kapitalistischen Privateigentum an den Produktionsmitteln, gründlich und auf die Dauer fertig werden will – was eben nur mit Hilfe höchst autoritärer, repressiver Mittel möglich ist. Ich frage Sie, verehrter Meister, würden Sie an meiner Stelle es sich nehmen lassen, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass Adornos APO-inspirierendes Nein zu den Institutionen mit Gehlens Bejahung und Verteidigung derselben jene pauschale Abstraktheit teilt, die den Primat der ökonomischen Basis der Gesellschaft, der Besitzverhältnisse, und die ausschließliche Relevanz politischer Fragen im Klassenkampf verstellt? Würden Sie es fertig bringen, diese Trumpfkarte nicht auszuspielen gegenüber einer Pseudorebellion, die von Ihrer Soziologie so weit entfernt zu sein glaubt wie von der Politik des weiland Dr. Adenauer? Darauf zu verzichten, brachte ich nicht übers Herz. Um so weniger, als ja obendrein auch noch der Begri »Verunsichern«, wie viele Gehlen-Begri e »psycho-physisch neutral«, d. h. diesesfalls: die Unterscheidung von aufklärerischer eorie und revolutionärer Praxis dahingestellt sein lassend, dem neoanarchistischen Tun und Treiben so überaus zupass kommt. Denn: Wo die Marxisten eine Institution, die sie als fortschrittshemmend betrachten, entweder zerstören oder sie, falls ihre Kräfte dazu nicht ausreichen, theoretischer Kritik unterwerfen, da entfalten die Anarchisten gegen sie (die Institution) eine Aktivität, die praktisch noch viel weniger ausrichtet als bloße Kritik, aber, weil sie die Form des 3 6 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Handelns hat, zu der wohltuenden Einbildung zu berechtigen scheint, man lasse es nicht bei Worten bewenden, sondern vollbringe Taten. Und eben für dieses unklar schillernde Mittelding von subversiver Praxis und subversiver eorie, das die »Propaganda durch die Tat« schon immer war, passt der Terminus »Verunsichern« ausgezeichnet. Schon Bakunin wäre schier entzückt gewesen, hätte bereits ihm dieses Wort zu Gebote gestanden. Schon er »verunsicherte« die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sein Lebtag lang, während Marx sich, nach dem Scheitern der Revolution von 1848, gelehrter Arbeit zuwandte – wofür Anarchisten nur Verachtung übrig haben. Besagte Schrift von mir wird übrigens zunächst in einer um vier Fünftel ihres eigentlichen Umfangs verminderten Kurzfassung vorab gedruckt werden, und zwar in dem demnächst erscheinenden Anarchismus-Heft des Kursbuch (Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main). In dieser gekürzten Fassung werden Sie und Ihre Warnungen vor dem »Verunsichern von Institutionen« nicht vorkommen, ebenso wenig wie Adorno mit seinem Verdikt des Institutionellen überhaupt. Aber dann, 1970, wird die Schrift im ganzen erscheinen, ich weiß nur noch nicht, bei welchem Verlag, möglicherweise zuerst in der DDR, vielleicht aber auch erst (oder sogar nur) im Westen.49 Auf die Kurzfassung 49 (AH) Im Frühjahr 1969 kam von Hans Magnus Enzensberger die Einladung zur Beteiligung am Kursbuch Nummer 19, das der Anarchie-Problematik gewidmet sein sollte. Es ist nicht klar, warum Enzensberger Harich ausgerechnet zu diesem ema als Autor wollte, eventuell ging dies auf verschiedene Gespräche etc. zurück. Harich sagte seine Mitarbeit zu und begann zügig mit der Herstellung des Manuskript. Doch während der Arbeit verselbständigten sich Gedanken und Text und aus dem geplanten Aufsatz wurde ein Buch. Der ihm nun vorliegende Text war für das Kursbuch viel zu lang. Harich nahm das fertige Manuskript und kürzte es zusammen. Verschiedene Passagen oder Kapitel ließ er dabei ganz weg, allerdings blieb die Originalstruktur voll erhalten. Der so entstandene Text (dessen Anmerkungsapparat ebenfalls reduziert wurde) umfasste insgesamt 43 Seiten des Kursbuchs und erschien unter dem Titel Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. (In: Kursbuch 19, Dezember 1969, S. 71–113.) In dem ersten Nachtrag zur Buchversion der Basler Au age berichtete Harich 1970 wie folgt über den Entstehungsprozess der Anarchie-Studien: »Die vorliegende Arbeit ist im Frühjahr 1969 von Hans Magnus Enzensberger und Karl Markus Michel angeregt worden, die damals das Kursbuch-Heft 19 (Kritik des Anarchismus) vorzubereiten begannen und u. a. auch an mich die Au orderung richteten, dafür einen Beitrag zu schreiben. Als ich die Niederschrift, nach mehrmaliger Unterbrechung, im November beendet hatte, war das Manuskript für den vorgesehenen Zweck viel zu umfangreich geraten und der mir gesetzte Termin bereits leicht überschritten. Um die Redaktion nicht im Stich zu lassen, musste ich binnen weniger Tage für das Kursbuch eine Kurzfassung herstellen. Von den acht Abschnitten des Originals fehlen in ihr drei ganz, die übrigen sind durch Streichungen stark reduziert. Im Dezember 1969 ist sie erschienen. Eine Gelegenheit, den ungekürzten Text zu verö entlichen, bietet sich 3 6 4 T e i l I I im Kursbuch legte ich deswegen Wert, weil die Zeitschrift zu den Leib- und Magenblättern der »Neuen Linken« gehört und ich deren neoanarchistische Neigung vor allem »verunsichern« helfen möchte. Indes unter Enzensbergers redaktioneller Regie gegen Sie polemisieren, das wollte ich denn doch nicht. Daher – und nicht nur aus Raummangel – die Kürzung und gerade diese spezielle Kürzung. Fürs Weihnachtsfest wurde mir von befreundeter Seite Ihr neuestes Buch als Geschenk in Aussicht gestellt. Sie sollen darin – sagt man mir – das Ende der Geschichte kon statie ren. Ich bin sehr gespannt und werde, wenn ich’s gelesen habe, wieder von mir hören lassen. Mit herzlichen Grüßen derweil, auch an Fräulein (oder Frau) Tochter bin ich Ihr Brief an Arnold Gehlen50 (27. Februar 1974) Lieber Arnold Gehlen! Ich habe Ihnen lange – seit 1969 – nicht mehr geschrieben, weil ich mir Ihr Schweigen auf die gegen Sie gerichtete Polemik in meiner Schrift Zur Kritik der revolutionären Ungeduld nur so erklären konnte, dass Sie mir böse seien, und ich das auch völlig verständlich fand und über die Sache erst einmal »Gras wachsen lassen« wollte. Später war dann ich Ihnen böse, weil ich bei jeder neuerlichen Beschäftigung mit Ihnen fand, Sie hätten mit der Rezeption und Adaption der Freud-Lorenzschen Aggressionstrieb-Geschichte »Verrat« begangen an Ihrer einstigen, von mir sehr geliebten »Ablehnung der Trieblehren« (Der Mensch, 1. Au ., Berlin, 1940, p. 373  .). So ging denn in meinem »Antriebsüberschuss« der Antrieb unter, Ihnen unter Aufbietung aller Liebenswürdigkeit, die mir zu Gebote steht, und mit vielen Bitten um menschliches Verständnis zu erklären, dass ich in der Auseinandersetzung mit meinen anarchistisch irrenden Brüdern unmöglich auf den Einfall verzichten konnte, diese mit dem Nachweis zu beschämen, mit erst jetzt.« (Band 7, S. 208.) Doch wohin mit dem vollständigen Manuskript? Das Buch erschien schließlich 1971 in Basel, in der bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannten, da neu gegründeten »edition etcetera« (Basel, 1971). Im 7. Band ein Nachwort des Herausgebers (Die Entstehung von Harichs Schriften zur Anarchie, S. 451–472), das ausführlich über Entstehungs- und Druckgeschichte von Harichs Anarchie-Studien berichtet. 50 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 27. Februar 1974. 3 6 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n ausgerechnet von Ihnen indirekt geistig abhängig zu sein. (Stellen Sie sich vor, Georg Strasser hätte 1932 bei Hitler eine jüdische Großmutter entdeckt, und Sie werden, bei aller Gekränktheit, meine Triumph Gefühle verstehen, als ich bei den APO-Anarchisten die Formel vom »Verunsichern der Institutionen« wieder fand.) So wäre unsere Beziehung, die sonst nächsten Silberhochzeit feiern könnte – denn 1949 (oder 1950) schrieb ich Ihnen zum ersten Mal –, beinahe de nitiv in die Brüche gegangen, und darüber war ich, sobald mir das in der Großhirnrinde au ackerte, jedes Mal sehr deprimiert. Doch da erfuhr ich plötzlich, zu meiner riesengroßen Freude, Sie seien bereit, mit mir (und mit Augstein; ursprünglich war obendrein auch noch Enzensberger vorgesehen) in Düsseldorf, am 2. April, ö entlich über »Pessimismus und Optimismus heute« zu diskutieren. Jetzt ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen dafür von ganzem Herzen zu danken, und Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue, Sie bei dieser Gelegenheit nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen. Ho entlich nden auch Sie, dass wir es bei der Absolvierung des Disputierpensums coram publico nicht bewenden lassen, sondern hinterher, etwa bei askese-freiem Mahl (unser wohlhabender Gesprächspartner aus Hamburg wird sich ja wohl nicht lumpen lassen), die Chance zu persönlicherer Kommunikation ausgiebig wahrnehmen sollten. (Am 3. oder 4. April, je nachdem, wie lange mein Ausreisevisum befristet sein wird, werde ich dann wieder in die DDR zurückkehren.) Lassen Sie mich, um denkbare Missverständnisse auszuräumen und um unsere Begegnung am 2. April vorsorglich zu »entlasten«, noch folgende »Grundsatzerklärung« über meine heutige Einstellung zu Ihnen andeuten: 1) Sie sind für mich einer der geistvollsten Menschen, die heute unseren überbevölkerten Planeten bewohnen (und, ausnahmsweise, nicht übervölkern), und darunter wieder der brillanteste deutschsprachige Stilist, soweit jedenfalls die Prosa theoretischer Texte in Betracht kommt. (Ohne Formulierungsanleihen bei Ihnen käme ich gar nicht aus.) 2) Ich hege nach wie vor Bewunderung für all das an Ihrer Doktrin, was sich damit begnügt, philosophische Anthropologie zu sein, d. h. das qualitative Novum des Menschen auf den Begri zu bringen. Mit diesen Aspekten Ihrer Werke haben Sie sogar, nde ich, ungewollt einen unentbehrlichen Eckstein für das Weltbild des Marxismus geliefert, wofür wir Ihnen irgendwann einmal, im 21. Jahrhundert, ein Denkmal werden errichten müssen. (Und darin, dass ich hierauf 1955 den – damals in Bezug 3 6 6 T e i l I I auf Sie völlig ahnungslosen – Georg Lukács aufmerksam gemacht habe, der dann auch prompt partialer Gehlenianer wurde, besteht mein größtes, wahrscheinlich einziges Verdienst um die Weiterentwicklung der marxistischen eorie. Ich gleiche da so quasi jenen – an sich belanglosen – Ortschaften wie Bebra oder Hof, die im Kursbuch als Eisenbahnknotenpunkte wichtig sind.) 3) Meine unter Punkt 2 bezeugte Bewunderung für Sie ist leicht eingeschränkt, wie gesagt, seit Sie den Aggressionstrieb anerkennen. Meine Verabschiedung Freuds sträubt sich dagegen, und Schuster Lorenz, nde ich, sollte bei seinen Leisten, den Graugänsen nämlich, bleiben und Aussagen über Menschliches (auch Allzu-Menschliches) besser ganz sein lassen. Aber: Der anerkannte Aggressionstrieb steht so verquer in Ihrem Menschenbild, dass er sich von den linken Adepten, die Sie haben, leicht wieder daraus wird entfernen lassen – so wie das Obskure des späten Schelling aus dessen verdienstvoll-pantheistischer Naturphilosophie, ohne die Feuerbach nicht denkbar wäre. 4) Da, wo Sie über Geschichtlich-Gesellschaftliches sprechen und immerfort die Insti tu tionen zu stabilisieren empfehlen, betrachte ich Sie als Erz-Klassenfeind. Hier bin ich mit allen Fraktionen der Linken, von Ulrike Meinhof bis, sagen wir, Augstein, rabiat gegen Sie; denn die Institution schlechthin ist im Westen (aber auch uns durch Fernwirkung, Aufzwingen von Abwehrmaßnahmen etc. viel Verdruss bereitend) nun einmal das kapitalistische Privateigentum, und das muss eben weg. 5) Was aber wiederum nicht ausschließt, dass ich andere Dinge, an denen Ihr preu- ßisch-konservatives Herz hängt (bzw. die von Ihnen betrauert werden, falls es Sie nicht mehr gibt), auch meinerseits erhalten zu sehen wünschen. Das reicht von den großgeschriebenen Substantiven in der deutschen Rechtschreibung, die ich mit Klauen und Zähnen verteidige, über alles in der Kunst Unübertro ene (Renaissance-Malerei, Verse Goethes etc.) bis zum guten Benehmen bei Jugendlichen (das Letztere eingedenk der Tatsache, dass Robespierre die Manieren eines Rokoko-Kavalier hatte und die Söhne von Justizrat Marx in Trier und Oberschulrat Uljanow in Simbirsk aus durchaus guter, strenger Kinderstube kamen). Ja, ich gestehe, sogar den preußischen Stechschritt zu goutieren, den es ja nur noch auf Paraden der DDR-Armee und beim Aufziehen der Wache vor dem Ehrenmal Unter den Linden gibt, während Scharnhorst und Gneisenau daneben freundlich und etwas verblü t von ihren Denkmalssockeln herab blicken. Nur eben: Dies Altbewährte kriegt oft ein historisch gutes Gewissen erst wieder dadurch, dass die Reichen verschwinden und nur noch Leistung fürs Ganze, 3 6 7B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Vermögen aber gar nichts mehr gilt. Nein: Den Kapitalismus schenke ich Ihnen nicht für Ihre Institutionen-Sammlung. Den nicht. Zum Diskussionsthema des 2. April schweige ich mich besser aus. Da sollten wir unvorbereitet und unabgesprochen aufeinanderprallen, und nicht einmal das werde ich Ihnen verraten, ob ich für (oder gegen) den Optimismus (oder Pessimismus) bin. An Persönlichem gibt’s zu berichten, dass nach wie vor die Gisela May die Meine ist (leider liegt sie im Moment im Krankenhaus mit einer – nun aber glücklich abklingenden – rombose) und dass ich ein ganz dickes Buch über Jean Paul (630 Druckseiten à 44 Zeilen) geschrieben habe, das im Mai in der DDR, im Juni in der BRD erscheinen wird. Bei uns will es die bedauerlichste Lücke, die Lukács in seiner Interpretation deutscher Klassik o en gelassen hat, ausfüllen und bei Euch zugleich die jugendliche Linke, unter Zuhilfenahme eines dezidiert demokratischen Klassikers, zu Respekt vor großer Kulturleistung zurückführen helfen. (Der Jean Paul des revolutionsfreundlichen Titan, so zeige ich, bekämpfte den Wilhelm Meister, wie überhaupt Goethe, nicht nur, sondern ging bei ihm auch in die Lehre – man kann das miteinander vereinbaren, und nichts ist dümmer als linke Pauschalverwerfung großer Tradition, wie man sie in Sachen Goethe etwa bei Börne fand.) Irgendwann im Frühjahr müssen Sie den 70. Geburtstag haben. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Tag und muss daher den sehr von Herzen kommenden Glückwunsch dazu terminlich hiermit etwas ins Blaue hinein loslassen. Grüßen Sie auch Ihre Tochter, die mir als Vierzehnjährige noch lebhaft vor Augen steht. Seien Sie selbst voller Vorfreude auf den 2. April herzlichst gegrüßt von Ihrem (AH: Handschriftlicher Zusatz:) Hat Ihnen Rowohlt meinen Aufsatz Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß geschickt? Ich bat darum. Brief an Arnold Gehlen51 (07. April 1974) (AH) Von dem Brief existiert eine frühere Variante, datiert auf den 31. März 1974, 5 Blatt, maschinenschriftlich, die mit dem im Folgenden abgedruckten Brief weitgehend identisch ist. 51 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 07. April 1974. 3 6 8 T e i l I I Harich hatte lediglich einige einzelne Punkte etwas ausführlicher dargestellt. Von daher wird auf den Abdruck verzichtet. Lieber Herr Gehlen! Im Sinne meines Telegramms vom 30. März wollte ich Ihnen eigentlich schon vor einer Woche schreiben, habe es dann aber doch noch etwas vertagt, um bei der Gelegenheit gleich zu den – damals noch ausstehenden – Presseberichten Stellung nehmen zu können. Diese liegen nun vor, und soweit sie mir bekannt geworden sind, kommt der Artikel im Tagesspiegel, vom 31. März, der Wahrheit am nächsten, während der in der Süddeutschen Zeitung, trotz nicht ganz richtiger Darstellung des von mir Erlebten und erstaunlicher Unterbewertung der Rolle, die Augstein in unserem Gespräch hätte spielen sollen, doch noch einige entlarvende Details über das Verhalten des WDR mitteilt, die mir neu waren (siehe die Süddeutsche vom 3. April, Feuilleton). Aus meiner Sicht stellt sich der Fall folgendermaßen dar. Herr Hölters vom ASG-Bildungsforum Düsseldorf hatte mir im Oktober 1973 in Aussicht gestellt, dass unser Streitgespräch vom Fernsehen des WDR Köln für das III. Programm aufgezeichnet werden würde. In dem Schreiben, worin ich um eine Ausreisegenehmigung ersuchte, habe ich damals auch dies dem Kulturminister der DDR, Hans Joachim Ho mann, mitgeteilt. Ende des vorigen Jahres erfuhr ich dann durch Hölters, dass nunmehr diese Aufzeichnung fest zugesichert worden sei. Ich unterrichtete davon meinen Vorgesetzten, den Direktor des Verlages der Akademie der Wissenschaften der DDR, Dr. Werner Mußler, der, auf Anweisung des Kulturministers, meine Fahrt nach Düsseldorf, als Dienstreise für den Verlag deklariert, formell beantragen sollte. Gegen die Fernsehaufzeichnung gab es hierorts keine Einwände, ebenso wenig wie gegen unser Gespräch. Beides war vom Minister, in einem persönlichen Telefongespräch mit mir am 10. November, genehmigt worden. Am 21. März 1974 rief mich plötzlich Herr Hölters an, um mir, stark verärgert, zu erö nen, dass die Aufzeichnung für das III. Programm nicht zu Stande kommen werde. Der WDR sei »an Gehlen und Augstein nicht interessiert«; die könne er »immer haben«. Herr Höfer wolle stattdessen mit mir allein ein großes Interview für das I. Programm des Fernsehens veranstalten. Dies sei ihm, Hölters, durch Herrn Falkenberg vom WDR, einem der engsten Mitarbeiter Höfers, erklärt worden mit dem Zusatz, zu Harich hätte der WDR »sowieso den älteren Draht« (was sich wohl auf einstige 3 6 9B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Chanson-Sendungen Gisela Mays für den WDR und eine von da her datierende üchtige Bekanntschaft zwischen ihr und Höfer bezog). Auf Hölters Anfrage, was ich davon hielte, antwortete ich (sofort, am Telefon), ich dächte nicht daran, bei dieser dreckigen Geschichte mitzumachen. Erstens sei ich nicht bereit, die Ausschaltung meiner beiden westdeutschen Gesprächspartner hinzunehmen, und erst recht käme es für mich gar nicht in Frage, eine Solo-Publicity bei denselben Leuten einzuheimsen, die meine Partner dermaßen beleidigend zu behandeln vorhätten. Einem Mann von Ehre ein solches Angebot zu machen sei eine glatte Unverschämtheit. Herr Falkenberg scheine bei mir die Moral eines Ganoven vorauszusetzen, usw. Zweitens gehe es nicht um irgendeinen – rein privaten und zufälligen – »älteren Draht«, sondern darum, dass schließlich das Bildungsforum Düsseldorf zum ersten Mal seit meiner Haftentlassung (Ende 1964) eine o enbar auch für die DDR akzeptable Kombination für ein ö entliches Auftreten von mir in der Bundesrepublik gefunden habe. Wenn daher jetzt der WDR eben diesen Bildungsforum unter Bruch früherer Zusagen die III. Programm-Sendung verweigere und damit nanziellen Schaden zufügen wolle, dann würde es sehr undankbar von mir sein, das gutzuheißen und zu unterstützen, ja, daraus auch noch selber Nutzen zu ziehen. Und drittens wolle ich bei meinem Aufenthalt in Westdeutschland nichts tun, was nicht den Behörden der DDR bei Erteilung der Ausreisegenehmigung bereits als Zweck der Düsseldorf-Reise bekannt gewesen sei. Gegen eine Aufzeichnung des Gesprächs fürs III. Programm habe man hier nichts gehabt. Ein Solo-Auftritt von mir im I. Programm, bei gleichzeitigem Fortfall der Aufzeichnung des Gesprächs im III., sei aber eine ganz andere Sache. Mit dieser meiner Entscheidung war Herr Hölters sehr zufrieden. Er lobte besonders, geradezu überschwänglich, die »Loyalität und Fairness«, die ich sowohl ihm als auch Augstein und Ihnen gegenüber an den Tag gelegt hätte, und fand auch mein drittes Motiv absolut berechtigt. Mit meiner Ablehnung des Falkenbergschen Vorschlags als Druckmittel wandte er sich dann an Höfer direkt, und der verlegte sich nun auf folgende Hinhalte-Taktik: Er versprach, »alles in seiner Macht Stehende« tun zu wollen, um den Status quo ante wiederherzustellen, fügte aber hinzu, dass dies »technisch sehr, sehr schwierig« sein werde. Die xen Jungs vom Fernsehen, die in den entferntesten Winkeln des Erdballs dabei sind, wenn irgend etwas passiert, und es uns stets noch am selben Abend via Bildschirm in die Wohnstuben zu liefern p egen, können nämlich nicht genau wissen, ob sie es »technisch« zwischen dem 21. März und 2. April noch scha en werden, ihre Kameras in einer Düsseldorfer Schulaula aufzubauen. Höfers 3 7 0 T e i l I I Bescheid bedeutete also, dass er erst einmal abwarten wollte, bis ich im Westen sein würde, um mir dann sein Sonderangebot noch einmal persönlich zu unterbreiten. Von den Bemühungen um Wiederherstellung des »Status quo ante« wusste ich im Übrigens nichts. Ein Telegramm von mir an Hölters, er möge mich sofort verständigen, wenn sich in der Angelegenheit der Aufzeichnung für das III. Programm doch noch etwas ändern sollte, blieb fünf Tage lang, bis zu meiner Absage am 28. März, unbeantwortet. Von mir hatte nun der Leiter des Akademie-Verlags, Mußler, verlangt, ihn über etwaige Änderungen des ursprünglichen Konzepts meiner Reise sofort zu unterrichten. Und derartige Änderungen waren in der Folgezeit bereits eingetreten: Schon im November hatte Hans Magnus Enzensberger, ursprünglich als vierter Disputant vorgesehen, seine Teilnahme abgesagt, was bedeutete, dass ich als der einzige Linke in der Runde übrig geblieben war. Der Hessische Rundfunk, Redaktion Titel, esen, Temperamente, hatte mir für den Vormittag des 3. April ein Gespräch über mein – demnächst im Akademie-Verlag und bei Rowohlt erscheinendes – Jean-Paul-Buch vorgeschlagen. Der Termin der Düsseldorfer Disputation war von März auf den 2. April verschoben worden. Hölters hatte einen anderen Titel, zugkräftiger als »Pessimismus oder Optimismus heute«, gewünscht, und Sie hatten daraufhin »Risiken und Chancen der Zukunft« vorgeschlagen. All dies war von Mußler anstandslos akzeptiert worden. Aber als ich ihm dann am 22. März die Höfer-Falkenberg-Geschichte erzählte, da ng er an, sein Gesicht in besorgte Falten zu legen, von denen ich mir vorstellen könnte, dass sie sich bei einschlägigen Konsultationen auf höherer Ebene (im Akademie-Präsidium oder im Kulturministerium oder auch bei irgendwelchen Parteiinstanzen, wer weiß) nicht wieder geglättet haben. Jedenfalls lobte er mein Nein zu dem neuen WDR-Vorhaben und sagte, über diese Wendung der Dinge müsse er »noch einmal ein bisschen nachdenken«. Ich war zu diesem Zeitpunkt nach wie vor bereit, nach Düsseldorf zu fahren, schon um den gänzlich unschuldigen Hölters nicht im Stich zu lassen, aber auch deswegen, weil ich mir nicht nachsagen lassen wollte, vor der Konfrontation mit Ihnen und Augstein im letzten Augenblick gekni en zu haben. Mußler hatte dafür auch volles Verständnis. Doch am späten Vormittag des 28. März sah das Ergebnis seines sechstägigen Nachdenkens plötzlich so aus: Höfer und Falkenberg, sagte er, hätten eindeutig zu erkennen 3 7 1B r i e f e an Ar no l d G e hl e n gegeben, dass ihnen der Meinungsstreit Gehlen-Augstein-Harich samt dem ema, auf das er sich beziehe, völlig gleichgültig sei, dass sie nur mich allein, wegen meiner interessanten Vita, vor die Linse des I. Programms kriegen wollten, und dies sei ein unerträgliches Symptom für die Absicht gewisser westlicher Massenmedien, meine Düsseldorf-Reise zu einem gegen die Interessen der DDR gerichteten Sensationsrummel um meine Person zu missbrauchen, wie er in die Landschaft des derzeitigen »Dissidenten«-Booms (Solschenizyn-A äre etc.) hinein passe. Er bitte mich daher, noch einmal zu überdenken, ob ich die Reise nicht lieber absagen wolle. Das richte sich in keiner Weise gegen mich; ein Ausreise-Verbot für mich nach dem Westen liege nicht vor; bei einer ohnehin für mich vorgesehenen Dienstreise Ende April oder Mai nach Mailand, zum Verlag Feltrinelli, bliebe es nach wie vor; es richte sich auch nicht gegen das Düsseldorfer Bildungsforum, geschweige gegen Augstein und Gehlen (die, obwohl natürlich politische Gegner, integre Persönlichkeiten und respektable Gesprächspartner seien); wohl aber richte es sich gegen die Unverschämtheit und die zu vermutenden hinterhältigen Absichten des WDR sowie ähnlicher westlicher Medien. Zwei Stunden später wurde aus der »Bitte, zu überdenken« die »dringende Bitte, nicht zu fahren«. Was sollte ich das tun? So, wie die Dinge lagen, konnte ich Mußlers Argumentation nichts Überzeugendes entgegensetzen. Außerdem ist zu bedenken, dass es Mußler war, der mich Anfang 1965, unmittelbar nach meiner Haftentlassung, an den Akademie-Verlag engagiert und sich in all den folgenden Jahren gegen mancherlei Widerstände und Anfeindungen immer für mich eingesetzt hat; erst im Juli 1973 hat er, nach Lektüre meines neuen Jean-Paul-Manuskripts, nicht nur dieses für den Akademie-Verlag angenommen, sondern darüber hinaus verfügt, dass mir in Zukunft außer philosophischen auch literaturwissenschaftliche Lektoratsaufgaben anvertraut und dafür monatlich 600,– M mehr zu zahlen seien. Einem solchen Mann eine dringende Bitte abzuschlagen fällt schwer. Ich schickte also am Nachmittag des 28. März an Hölters ein Absage-Telegramm mit der gleichzeitigen Bitte, mich sofort anzurufen. Bei dem so zu Stande gekommenen Telefongespräch (Gespräche von West nach Ost kommen schneller durch als umgekehrt) nun machte Hölters gegenüber dem, was er am 21. März telefonisch zu mir gesagt hatte, plötzlich einen teilweisen Rückzieher. Er, Hölters, hätte sich seinerzeit nur »momentan verärgert« über den WDR geäußert; die ganze Sache sei ein Missverständnis gewesen, der – inzwischen direkt angesprochene – Höfer ein guter Mann und eifrig dabei, die III. Programm-Sendung doch noch »technisch zu ermöglichen«; Falkenberg 3 7 2 T e i l I I von Höfer ausgeschaltet und durch einen anderen Redakteur ersetzt usw.; und »soeben« sei die Entscheidung gefallen: der Status quo ante werde wiederhergestellt; auch stehe bereits der Sendetermin, im Mai, fest. Schließlich in beschwörendem Ton: »Sie können unmöglich von mir verlangt, Herr Harich, dass ich den WDR als Schuldigen hinstelle; denn ich bin vom WDR materiell abhängig.« Prompt wurde dann auch von Hölters in einer Presseerklärung, abgegeben am nächsten Tage in Düsseldorf (29. März), der WDR weitgehend reingewaschen und einiges von dem, was ich zu Hölters am Telefon, zur Begründung einer Absage, verlautbart hatte, entstellt und verzerrt wiedergegeben. Aber Gott sei Dank hatte ich zu diesem Telefongespräch als unverdächtigen Zeugen den in der DDR akkreditierten Spiegel-Korrespondenten Mettke in meine Wohnung geladen, der, während ich mit Düsseldorf sprach, neben mir saß und mir am nächsten Abend, als ihm Hölters' Erklärung vorlag, bestätigte: »So haben Sie das nicht gesagt!« Hölters Einstellung heute scheint, nach allem, was darüber zu mir durchdringt, zu besagen, die Hauptschuld trage die DDR mit ihrer Überemp ndlichkeit; schuld sei in geringerem Maße der WDR, da er ja alles getan habe, um die Sache doch noch »technisch zu ermöglichen«. Man soll aber nicht glauben, dass der WDR Herrn Hölters diese Willfährigkeit danke, ohne nein! Vor recherchierenden Pressereportern in Köln und auch vor mir – nämlich auf dem Umwege über Wibke Bruhns, eine gemeinsame Bekannte von Höfer und mir, die mich am Nachmittag des 30. März aus Bonn anrief – hat Höfer den ihn eifrig reinwaschenden Hölters als einen Mann verleumdet, der anscheinend nicht ganz seriös sei, da er vage Möglichkeiten als feste Zusagen ausgegeben, d. h.: die präsumtive Gesprächsrunde belogen, habe. Zumindest ist dem einem Punkt hat Ihr Buch Moral und Hypermoral also recht: Man lebt in Zeiten des Im-Stich-Lassens. Zu der so genannten »momentanen Verärgerung« Hölters’ ist übrigens noch Folgendes zu bemerken: Mit dem Datum (und Poststempel) des 19. März hat Hölters mir einen Brief geschrieben, dessen Inhalt er mir dann zwei Tage später, am 21. März, mit Rücksicht auf die Langwierigkeit der Postbeförderung zwischen West und Ost, auch noch telefonisch explizierte, so dass der »Moment« seiner Verärgerung mehrere Tage gedauert haben muss. Dieser Brief erreichte mich am 27. März, und sein letzter Absatz lautet wörtlich: »Leider muss ich Ihnen eine Enttäuschung bereiten. Das WDR-Fernsehen, 3. Programm, möchte in blitzartiger Erkenntnis unsere Disputation nicht aufzeichnen; etwas fadenscheinige technische Gründe werden vorgeschoben. Sowieso 3 7 3B r i e f e an Ar no l d G e hl e n verfüge man über den älteren Draht (sprich Gisela May, WH) zu Ihnen. Vielleicht ndet sich noch eine andere Fernsehanstalt. Der Witz liegt darin, dass der WDR Sie lieber außerhalb unserer Geschichte interviewen möchte, was mich natürlich wenig begeistert. Vielleicht sprechen wir darüber, wenn ich Sie am Zug abhole. Freundliche Grüße ihres F. H. Hölters.« Ich denke, es erübrigt sich jeder Kommentar. Dass wir in der DDR auf derartige Vorkommnisse mitunter überemp ndlich und nicht souverän genug reagieren, zuweilen sogar – was für Kommunisten etwas ganz Schlimmes ist – unter Verzicht auf die Möglichkeit eigener geistiger O ensive, daran ist allerdings etwas Wahres. Aber erstens kommt diese Emp ndlichkeit ja nicht von ungefähr, sondern hat ihre historischen Gründe (die Doktrin von den »innerdeutschen Sonderbeziehungen«, die den Kulturaustausch zwischen DDR und BRD belastet, tri t zusammen mit der Vorliebe des Westens für das Hochspielen unserer – tatsächlichen oder bloß vermeintlichen – Dissidenten). Und zweitens muss ein politisch erfahrener Mann wie Herr Höfer diese Emp ndlichkeit doch so weit kennen, um höchst über üssige Dinge zu vermeiden, die ihr neue Nahrung geben können. Hätte der WDR sich strikt an das einmal Vereinbarte gehalten, wäre er nicht plötzlich mit neuen Geschichten gekommen, dann hätte unser Düsseldorfer Gespräch auch stattgefunden. Mir sind an dem Fall zwei Dinge geradezu widerlich: Einmal die Selbstverständlichkeit, mit der die WDR-Leute bei mir die Moral des »Im-Stich-Lassens«, d. h. die freudige Bereitschaft, Sie und Augstein »abzuhängen«, vorausgesetzt haben, zum anderen die Maßstabslosigkeit, mir, nur wegen meiner Zuchthaus-Jährchen, vor einem Mann wie Ihnen den Vorrang zu geben. Ich leide nicht an Minderwertigkeitskomplexen, gewiss nicht, und ich emp nde Sie, Ihres Konservatismus wegen, als politischen und weltanschaulichen Gegner. Aber daran, dass Sie, verglichen mit mir Pygmäe, ein Riese sind und ich geschmeichelt und stolz sein kann, von Ihnen einer gemeinsamen ö entlichen Disputation für würdig befunden zu werden, gibt es bei mir nicht den geringsten Zweifel. Und auch Augstein ist ja nicht der »journalistische Moderator«, den man in ihm, laut Süddeutscher Zeitung, gesehen zu haben scheint. Immerhin verbindet sich in seinen Büchern eine von Karl Kraus herkommende große polemische Kultur in ziemlich einzig dastehender Weise mit recht fundierter Geschichtswissenschaft bzw. Anti- eologie. Aber sobald am Horizont ein östlicher »Dissident« auftaucht, gelten im Westen Qualität und Leistung, selbst der eigenen, bürgerlichen Koryphäen, o enbar nichts mehr. Da heißt es dann: Gehlen und Augstein »können wir immer haben«. Es ist wirklich zum Speien. 3 7 4 T e i l I I Und nun rechnen Sie sich aus, wie das auf die Eitelkeit und Publikationssüchtigkeit so manches Literaten bei uns wirkt. Es gibt Leute bei uns, die schreiben renitente Stellen in ihre Manuskripte, nur weil sie darauf spekulieren, damit leicht zu Westruhm zu gelangen, ohne im Osten noch etwas wirklich Ernstes riskieren zu müssen. Mit mir kann man aber so etwas nicht machen. Ich denke nicht daran, und nach dem jüngsten Vorfall weniger denn je, meine längst angestaubte Märtyrerkrone wieder neu aufzupolieren, nur weil das mit einem WDR-Interview honoriert wird. Trotzdem tut es mir natürlich schrecklich leid, dass aus unserem Wiedersehen – nach langen 22 Jahren – nichts geworden ist. Wie wäre es, wenn Sie mich nächstens einmal in Berlin besuchen kämen? Zugleich im Namen von Gisela May möchte ich Sie hiermit aufs Herzlichste dazu einladen. Mit freundlichen Grüßen Ihr Brief an Arnold Gehlen52 (13. Juni 1974) Lieber Arnold Gehlen! Die Nachricht über den schrecklichen Verlust, der Sie und die Ihren traf, war lange unterwegs. Mir bleibt nur übrig, Ihnen und Caroline mit von Herzen kommendem Beileid in Gedanken fest die Hand zu drücken. Denn gekannt habe ich Ihre Frau ja nicht. Als ich vor über 20 Jahren in Speyer Ihr Gast war, befand sie sich gerade auf einer Reise. Lebhaft erinnere ich mich jedoch an das rührende Vater-Tochter-Idyll, das ich damals zwei Tage lang mit erleben durfte, und wenn ich daran zurückdenke, scheint es mir gewiss zu sein, dass Ihre Frau mit Ihnen beiden zur Seite ein glücklicher Mensch gewesen sein muss. Mögen nun Tochter und Enkel dem späten Gehlen an steter Fürsorge und warmer Menschennähe alles geben, was er braucht, um in den geistigen Kämpfen der Zeit ganz da zu sein. Es grüßt Sie Ihr 52 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 13. Juni 1974, Im Literaturarchiv Marbach ndet sich im Nachlass Gehlens die handschriftliche Version des hier gedruckten Entwurfs, leichte Abweichungen. 3 7 5B r i e f e an Ar no l d G e hl e n Beileidskarte53 (Februar 1976) Erschüttert verneige ich mich vor der Totenbahre Arnold Gehlens, des bewunderten Feindes und geliebten Menschen. Der Konservatismus hat seinen weltweit letzten bedeutenden Denker verloren, die deutsche Sprache einen ihrer glänzendsten Stilisten, das europäische Geistesleben der Gegenwart einen alten Querkopf von riesigem Format und verehrungswürdiger Lauterkeit. Allen Angehörigen drücke ich in tief empfundener Anteilnahme fest die Hand. Wolfgang Harich 53 (AH) 1 Blatt, handschriftlich, Entwurf, abgesendete Version nicht erhalten, adressiert an »Familie Gehlen«.

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References

Zusammenfassung

Seit Ende der 40er Jahre setzte sich Wolfgang Harich intensiv mit naturwissenschaftlichen und anthropologischen Problemstellungen auseinander. Dabei ging er der Frage nach, ob der Marxismus eine eigenständige Lehre vom Menschen benötige. Um 1950 entstand dann der Kontakt zu Arnold Gehlen, die Brieffreundschaft der beiden hielt bis zum Tod Gehlens. Über alle weltanschaulichen Diskrepanzen hinweg korrespondierten die beiden über wissenschaftliche Fragen und in zunehmendem Maße auch über Privates. In den 80er Jahren entdeckte Harich dann, dass Gehlens Hauptgedanken mit denen von Paul Alsberg, der als Jude aus Hitlerdeutschland emigrieren musste, übereinstimmen und wendete sich von Gehlen ab.

Der Band enthält nach drei einleitenden Aufsätzen und Manuskripten Harichs dessen erhaltene Briefe an Arnold Gehlen. Außerdem werden seine weiteren Studien zur Anthropologie präsentiert. Abschließend wird dann sein Eintreten für Paul Alsberg vorgestellt.