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Andreas Heyer, Wolfgang Harich, Arnold Gehlen und die Idee einer marxistischen Anthropologie in:

Wolfgang Harich

Arnold Gehlen, page 11 - 132

Eine marxistische Anthropologie?

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4126-0, ISBN online: 978-3-8288-6960-8, https://doi.org/10.5771/9783828869608-11

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1 And r e as H e y e r W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Viele der thematischen Bereiche und Herausforderungen, mit denen sich Wolfgang Harich im Laufe seines Lebens auseinandersetzte, sind in der akademischen Ö entlichkeit bekannt. Die Bandbreite reicht von den literaturwissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten bis hin zu den philosophischen Schriften, von seiner Beteiligung an den Debatten um Hegel und um die Logik bis zur Kritik der modernen Kultur oder den Stellungnahmen zur Herausforderung der ökologischen Frage. Die einzelnen Facetten dieses seines Scha ens werden in der Edition entsprechend gewürdigt. Nun ist zwischen Literaturwissenschaft und Philosophie ein Unterschied zu machen, auch wenn Harich mit seiner Betonung der verbindenden Linien natürlich im Recht ist. In der Hegel-Denkschrift, gerichtet an Politbüromitglied Fred Oelßner formulierte Harich dies bei der Verteidigung seiner (und derjenigen von Georg Lukács sowie teilweise Ernst Bloch) Lesart Hegels 1952 wie folgt:1 »Dabei dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass z. B. ein Germanist, der Schiller verstehen will, auch etwas von Kant und von Schillers ästhetischen und philosophischen Schriften wissen muss. Es dürfte auch kein Zweifel darüber bestehen, dass wenn man über eine marxistische Interpretation dieser emen verfügt – man sie auch ausnutzen muss.«2 Es ist aber auch zu di erenzieren zwischen Philosophiegeschichte und Philosophie und politischer Publi- 1 Hierzu: Heyer: Die Hegel-Debatte in der frühen DDR-Philosophie und ihre Ursprünge, in: Band 5, S. 11–118, dort alle weiteren Hinweise, Literatur usw. 2 Band 5, S. 129. 1 2 E i nl e i t u ng zistik. Harich selbst wies darauf hin anlässlich der von ihm im Aufbau-Verlag unterstützen Herausgabe der Schriften Ernst Blochs.3 Die philosophiegeschichtlichen Schriften Harichs, die dieser in den späten vierziger und fünfziger Jahren sowie auch in der Zeit nach seiner Haftentlassung schuf, wurden in den entsprechenden Bänden bereits präsentiert. Ebenso konnte gezeigt werden, dass die direkt philosophischen Fragen in seinem Denken ebenfalls immer präsent waren und eine (hier durchaus im doppeldeutigen Sinn zu verstehende) rote durchgehende Linie bilden. Es kommt jetzt nicht darauf an, alle philosophischen Manuskripte und Werke Harichs detailgenau aufzuzählen. Genügen kann der Verweis auf die Abhandlung unter dem Titel Widerspruch und Widerstreit, die gleichsam als eine Art Vorstudie zu den in den achtziger Jahren entstandenen Hartmann-Manuskripten gelten kann. Harich kann also auch als Philosoph rezipiert werden. Von daher ist seine Selbsteinschätzung, die er in einem Brief an Robert Steigerwald vom 10. Januar 1983 gab, nur bedingt zutre end: »Nun kann natürlich ich nicht als löbliches Musterexemplar einer Entwicklung hin zum Marxismus – und das heißt allemal: hin zur Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei – gelten; weiß der Himmel nicht. Ich habe Schwankungen hinter mir, so ungeheuerlich, dass die von Erich Engel (Regisseur, Mitarbeiter Brechts, AH) sich daneben sehr bescheiden und harmlos ausnehmen. Aber: Es hat sich bei mir nie um solche Schwankungen gehandelt, die von dominierenden Strömungen der bürgerlichen Philosophie im 3 Der Band 1.3 präsentiert alle Briefe Harichs an Bloch, die Gutachten, Pläne usw., die er verfasste. (Siehe: Band 1.3, S. 1787–1842.) Am 28. Juni 1995 schrieb Harich im Gutachten zu Blochs Politik und Bedeutung. »Die so entstandene Sammlung ist vor allem aus zwei Gründen von außerordentlicher Bedeutung: Sie gibt erstens einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse der letzten 45 Jahre in der Beleuchtung eines militanten Humanisten und Demokraten, der seit 1918 ein leidenschaftlicher Bekenner des Sozialismus ist und konsequent für die Sache der Sowjetunion und der Kommunistischen Partei Deutschlands eintritt. Zweitens macht diese Sammlung von Aufsätzen und Artikeln in eindrucksvoller Weise deutlich, dass wir in Ernst Bloch, der bisher in der DDR den Lesern vorwiegend nur als Autor schwieriger und anspruchsvoller philosophischer Bücher bekannt ist, seit Jahrzehnten einen politischen Publizisten von hohem Rang besitzen, dem alle Wa en des Witzes, der Ironie und einer geistvollen und zugleich echt volkstümlichen Sprache zu Gebote stehen.« (Ebd., S. 1802 f.) An anderer Stelle machte Harich geltend, dass vor einer Neuau age von Blochs omas Müntzer zunächst ein anderes Buch von diesem in der DDR erscheinen solle, das Bloch als Philosophen und nicht erneut als Philosophiehistoriker zeige. 1 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Zeitalter des Imperialismus bestimmt gewesen wären. ›Au angbarriere‹ für den ›gesunden Menschenverstand‹, namentlich der naturwissenschaftlich gebildeten Intelligenz, war und ist der Positivismus, und gegen den bin ich jederzeit gefeit gewesen, ganz egal, ob Hollitscher oder Havemann oder Karl Schröter positivistisch auf mich einredeten. ›Au angbarriere‹ für geisteswissenschaftlich orientierte Intellektuelle mit Linksneigung war die ›Kritische eorie‹ der Frankfurter Schule – mich hat sie nie berührt, nie im Geringsten beein usst. Um von Neothomismus, Existenzialismus, Psychoanalyse, Strukturalismus usw. gar nicht zu reden. Mit Bloch bin ich zwar freundschaftlich verbunden gewesen – und verbündet in dem Bestreben, aus der DZfPh eine einigermaßen interessante und niveauvolle Zeitschrift zu machen. Aber all seine philosophischen ›Extras‹ ließen mich kalt, was er sehr wohl spürte. Zu verdanken habe ich diese – bei all meinen Eskapaden seltsame – Standfestigkeit und Geradlinigkeit auf dem ureigensten Fachgebiet dem Umstand, dass ich mich dem Marxismus-Leninismus als Nicolai-Hartmann-Adept genähert habe. Leider ist das in keinem nennenswerten philosophischem Opus zu Buche geschlagen. Vor 1956 absorbierten mich Vorlesungs- und Redakteurstätigkeit, nach 1964 Feuerbach-Philologie und Jean-Paul-Forschung, und Anfang der siebziger Jahre folgte Besessenheit von Zukunftsforschung und politischer Ökologie; Letzteres übrigens auch wieder durch die frühe Nicolai-Hartmann-Rezeption vorbereitet, die mich die Stalinschen ›Grundzüge‹ hatte sehr Ernst nehmen und daher den ersten ›Grundzug‹ schon 1948/1949 mit ökologischem Illustrationsmaterial anreichern lassen, weshalb denn, als die Zeit erfüllt war, der ›Club of Rome‹ mich wie ein coup de foudre traf.«4 Nicht allzu bekannt ist dagegen, dass sich Harich spätestens mit dem Beginn der fünfziger Jahre auch intensiv mit der Anthropologie auseinandersetzte. Bisher liegen zu der ematik zwei Aufsätze aus der Forschung vor. Stefan Dornuf äußerte sich auf dem Harich-Kolloquium von 1995 in dem Aufsatz Gehlen-Rezeption von Harich zur ematik.5 Er war in den achtziger Jahren mit Harich befreundet und half diesem auch bei Recherchen, Publikationen usw. im Westen. (Siehe die entsprechenden Verweise Harichs in Band 9 und 10.) 2000 gab er zusammen mit Reinhard Pitsch eine Gedenkschrift für Harich heraus, in der sich Karl-Siegbert Rehberg in dem Aufsatz Kommunistische und konservative Bejahung der Institutionen. Eine Brief-Freundschaft zu Harich 4 In: Band 10, S. 870 f. Interpretation dieser Passage in: Heyer: Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs, in: Band 10, S. 11–56. 5 Dornuf, Stefan: Gehlen-Rezeption von Harich, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland. Das Wolfgang-Harich-Gedenk-Kolloquium am 21. März 1996 im Ribbeck-Haus zu Berlin, Berlin, 1996, S. 77–87. 1 4 E i nl e i t u ng und Gehlen äußerte.6 Als ehemaliger Assistent Gehlen und Herausgeber von dessen Gesamtausgabe kannte er die Kontakte zwischen den beiden ebenfalls – aus der Perspek ti ve Gehlens. Die vorhandenen Aufsätze zehren also von dem privaten Kontakt zu Harich bzw. wurden durch diesen motiviert und verdanken ihm wichtige Hinweise. In den Geschichten der Disziplin Philosophische Anthropologie fand Harich bisher noch keine Berücksichtigung. Im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit beim Kurier, bei der Täglichen Rundschau, in der Weltbühne und in der Neuen Welt hatte Harich bereits in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre verschiedene Artikel und Aufsätze publiziert, die sich mit dem Entwicklungsgedanken in der deutschen Aufklärung, der Sprachtheorie, allgemeinen menschlichen Fragen und ähnlichem beschäftigten. Es bietet sich an, einige dieser Stationen, die zur Herausbildung von Harichs anthropologischen Überlegungen entweder wichtige Vorstationen bildeten oder bereits direkte Beiträge darstellen, hier anzusprechen – bis zu Harichs Verhaftung Ende 1956. Zu den verschiedenen Zeitungsartikeln, die Harich zum erweiterten emenkreis Anthropologie verfasste, gehören auch Goethes Beitrag zu Materialismus. Zum 165. Jahrestag der Entdeckung des Zwischenkieferknochens vom 27. März 1949 und Größe und Grenzen Lamarcks. Zum 120. Todestag des großen französischen Biologen vom 17. Dezember 1949. Beide sind im vorliegenden Band abgedruckt. Gerade in dem Artikel über Lamarck lässt sich gut erkennen, welchen Umgang Harich mit den geistesgeschichtlichen und ideengeschichtlichen Überlieferungen der Vergangenheit suchte. Er war bereit zu di erenzieren, was ihn von vielen Dogmatikern der Partei unterschied, konnte also, wie es der Titel bereits ausdrückt, »Größe und Grenzen« gleichzeitig benennen, den bleibenden Wert auch bürgerlicher Errungenschaften betonen und dem Sozialismus als Erbe beigeben. Harich schrieb: »Lamarcks großes und bleibendes Verdienst in der Geschichte der biologischen Wissenschaft besteht darin, dass er mit der zu seiner Zeit herrschenden metaphysischen und idealistischen eorie von der Unveränderlichkeit (Konstanz) der Arten entschieden brach 6 Rehberg, Karl-Siegbert: Kommunistische und konservative Bejahung der Institutionen. Eine Brief-Freundschaft, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000, Bd. 2, S. 438–486. 1 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e und die Veränderlichkeit der P anzen- und Tierarten, die Abstammung der höheren, komplizierteren Lebewesen von den niedrigeren feststellte, wobei er vor allem den Zusammenhang der Artveränderung mit den Umweltbedingungen und die Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften nachwies. Damit lehrte Lamarck, die Lebewesen nicht als ein für alle Mal fertig gegebene, unwandelbare ›Geschöpfe‹ Gottes, sondern in ihrer geschichtlichen Veränderung und Entwicklung und in ihrem kausalen Zusammenhang mit den sie umgebenden natürlichen Lebensbedingungen und in ihrer Abhängigkeit von der Umwelt zu betrachten. (…) Bereits 50 Jahre vor dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk erstreckte Lamarck den Entwicklungsgedanken auch auf die Erklärung der Entstehung des Menschen. Das Menschengeschlecht, so lehrte er, sei aus a enartigen Säugetieren hervorgegangen, die sich in einem allmählichen Entwicklungsprozess die aufrechte Gangart und die Mitteilung von Bestrebungen und Gedanken durch eine Lautsprache ›angewöhnt‹ hätten.«7 Auch die »Grenzen« Lamarcks – als Erkenntnisschranken bürgerlicher Philosophie – wurden von Harich benannt: »Nichtsdestoweniger blieb Lamarck in einigen schwerwiegenden Fehlern und Irrtümern befangen. Er nahm Erkenntnisse vorweg, die erst Jahrzehnte später an Hand eines reichen Forschungsmaterials exakt begründet werden konnten. So wies Friedrich Engels, der Lamarcks Verdienste gegen die Anwürfe Dührings verteidigte, darauf hin, dass erst nach Lamarcks Tod zwei ganz neue Wissenschaften entstanden, die für die Begründung der materialistischen Entwicklungslehre von größter Wichtigkeit sind: Die Embryologie und die Paläontologie, die ›eine eigentümliche Übereinstimmung zwischen der stufenweisen Entwicklung der organischen Keime zu reifen Organismen und der Reihenfolge der nacheinander in der Geschichte der Erde auftretenden P anzen und Tiere‹ nachweisen. Dieser Hinweis von Engels verp ichtet uns Heutige, Lamarck historisch gerecht zu werden, das heißt den rationellen, fortschrittlichen Kern seiner Lehre, seine bleibenden Erkenntnisse und Errungenschaften, von seinen historisch bedingten Irrtümern sorgfältig zu unterscheiden. Lamarcks entscheidender Fehler bestand darin, dass er die Umweltbedingtheit der Artveränderungen und die Tatsache der Vererbung erworbener Eigenschaften nicht restlos materialistisch zu erklären vermochte, sondern teilweise auf eine aktive Anpassung der Organismen an die Außenwelt zurückführte, als ob zum Beispiel die Kamp ust der Stiere deren Hörner und das Tastbedürfnis der Schnecke deren Fühler 7 Alle nicht extra nachgewiesenen Zitate dieser Einleitung entstammen Texten, die im vorliegenden Band abgedruckt sind. 1 6 E i nl e i t u ng hervorgebracht habe. Unter dieser Voraussetzung gelangte Lamarck zu der wissenschaftlich unhaltbaren Behauptung, dass jedem Lebewesen eine ursprüngliche, zweckgerichtete ›Lebenskraft‹ innewohne, die die Entwicklung des Organismus gerade in die Richtung lenke, die durch die veränderten Umweltbedingungen erfordert werde.« Von zentraler Bedeutung sowohl für Harichs wissenschaftliches Arbeiten als auch für die Hinwendung zu den Fragen der Anthropologie war sein Engagement im Goethe-Jubiläumsjahr 1949.8 Denn während eoretiker wie Ernst Bloch und Georg Lukács oder auch Hans Mayer sich im Jubiläumsjahr vor allem mit dem Verhältnis von Goethe und Hegel, von Faust und Phänomenologie beschäftigten (das ema war für Harich ebenfalls wichtig und zentral, war in dem hier relevanten Kontext aber überlagert durch die im Folgenden anzusprechenden eorien), ging es Harich in seinen Schriften um den Naturwissenschaftler Goethe.9 Von daher kann von einer Annäherung an den Gegenstandsbereich der Anthropologie gesprochen werden. Und zwar in mindestens doppelter Hinsicht. 1) Am 2. September 1949 erschien Harichs Artikel Georg Lukács sprach über Goethe in der Täglichen Rundschau.10 Noch in den neunziger Jahren trug der Artikel Harich Kritik ein, da er in diesem Lukács kritisierte.11 Harich hatte geschrieben: »Es ist jedoch zu bemerken, dass eine marxistische Goethe-Darstellung in ihrer ganzen Anlage umfassend sein muss, keinesfalls – wie es bei Lukács der Fall ist – an Goethes naturwissenschaftlicher Leistung vorübergehen kann. Die Tatsache, dass Goethe von der ersten Weimarer Periode an bis in die letzten Tage seines Lebens hinein entscheidende 8 Hierzu neuerdings die hervorragende Dissertation von: Fronzek, Henrik: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945–1965. Zur Konstruktion eines pädagogischen Deutungskanons, Würzburg, 2012. Ungenießbar, da ausschließlich ideologisch verfahrend, die Sammelbände: Ehrlich, Lothar; Mai, Gunther (Hrsg.): Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, Köln u. a., 2000. Ehrlich, Lothar; Mai, Gunther (Hrsg.): Weimarer Klassik in der Ära Honecker, Köln u. a., 2001. Die Zeitzeugen vereinend (allerdings ebenfalls stark ideologisch geprägt): Mayer, Herbert u. a. (Hrsg.): Goethe in der DDR. Konzepte, Streitpunkte und neue Sichtweisen, Berlin, 2003. 9 Hierzu mit allen weiteren Hinweisen: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/ DDR, Baden-Baden, 2017. 10 Tägliche Rundschau vom 2. September 1949, Nr. 205, Seite 4. Neu abgedr. in: Band 9, S. 121–127. 11 Florath, Bernd: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten. Wolfgang Harich ohne Schwierigkeiten mit der Wahrheit, in: Utopie kreativ, Heft 47/48, September/Oktober 1994, S. 58–73. 1 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Schläge gegen die mechanistische Naturau assung des 18. Jahrhunderts und deren theologische Konsequenzen geführt hat, dass er durch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen, durch den rationellen Kern seiner Lehre von der Metamorphose der P anzen, durch seine Wirbeltheorie des Schädels und durch seine Stellungnahme im Streit zwischen Cuvier und Geo roy de Saint-Hilaire zum genialen Vorläufer der materialistischen Richtung in der Biologie wurde – diese hochbedeutsame Tatsache, die mit Goethes Weltanschauung und auch mit seinen ästhetischen Au assungen in allerengster Beziehung steht, wird von Lukács einfach ignoriert, und zwar, wie es scheint, deshalb, weil Lukács eine – freilich vom Kopf auf die Füße gestellte – ›Geisteswissenschaft‹ betreibt, die aber zumindest einen Restbestand bürgerlicher Ideologie in sich trägt: Das bornierte Befangensein in der Begrenztheit des Spezialfachs. Lukács selbst hat die tragischen Auswirkungen der Arbeitsteilung auf das Bewusstsein der Intelligenz derart scharfsinnig analysiert, dass er sich dieses Mangels zweifellos bewusst ist. Im Vorwort zu seinem Buch über den jungen Hegel, wo er ebenfalls die naturwissenschaftliche Seite unberücksichtigt lässt und Hegels wichtige Jugendschrift De orbitis planetarum (Hegels Dissertation, AH) mit keinem Wort erwähnt, hat er den Mangel sogar eingestanden. Das aber bedeutet, dass man im marxistischen Sinn nur dann die Literatur- und Philosophiegeschichte sachgerecht darstellen kann, wenn man Lukács’ Errungenschaften weiterentwickelt und seine Beschränktheiten kritisiert und überwindet, statt ihn – wie es oft geschieht – für das A und O marxistischer Literaturhistorie zu halten und ihn in steriler Kritiklosigkeit abzuschreiben, wie das die Klosterschüler von Padua mit der Summa des omas von Aquin taten.«12 2) Wenige Monate später kamen sich Harich und Lukács aber näher und es entstand eine intensive Freundschaft und Zusammenarbeit, deren Ergebnisse Harich noch in den achtziger Jahren mit aller Macht gegen die Partei verteidigte.13 Und bereits 1949 12 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe, in: Band 9, S.125 f. 13 Siehe hierzu vor allem den Aufsatz Mehr Respekt vor Lukacs!, den Harich 1986 verfasste. (Abgedr. in zwei Versionen in: Band 9, S. 433–461.) An Kurt Hager schrieb er am 5. November 1986: »Bei den Lukács- und Bloch-Jubiläen 1985 habe ich mich bewusst sehr zurückgehalten. Mein Taktgefühl verbot mir, den Eindruck zu erwecken, dass nun auch ich den Zeitpunkt für ein volles ›Come back‹ für herangereift hielte. Meine Zurückhaltung el mir aber, o en gesagt, schwer, als ich feststellen musste, dass einerseits Lukács mit allzu viel – oft inkompetenter – Mäkelei und Besserwisserei bedacht wurde und sich andererseits bei uns Leute zu Wort meldeten, die Bloch vor Lukács den Vorzug geben. Mein Befremden wuchs angesichts der DDR-Ausgabe von Lukács’ Schrift Über die Besonderheit als Kategorie der Ästhetik, Berlin und Weimar (Aufbau-Verlag), 1985. Ein anmaßendes Nachwort darin, verfasst von Michael Franz, kritisiert Lukács von rechts und versteigt sich sogar dazu, Adorno gegen Lukács recht zu geben. Das war für mich das 1 8 E i nl e i t u ng war seine Kritik nicht eine solche, die um ihrer selbst Willen geübt wird. Sondern das, was Harich beanstandete, stand im Mittelpunkt seines eigenen großen Aufsatzes Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, den er 1949 verfasst hatte.14 Er war zuerst in der Neuen Welt erschienen, da Harich für die Täglichen Rundschau, zu der ja die Neue Welt gehörte, das Goethe-Jubiläum organisierte. Zusammen mit anderen Aufsätzen – abgedruckt wurden unter anderem Texte von Hans Mayer (Goethes Erbschaft), Ernst Bloch (Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes), Paul Rilla (Goethe in der Literaturgeschichte), Wilhelm Girnus (Die ästhetischen Au assungen Goethes) und Anton Ackermann (Ein Mitbürger der Zukunft) – erschien der Artikel dann erneut in der Festschrift Zu neuen Ufern.15 Erö net wurde der Text von Harich mit den Worten: »Das Goethejahr 1949 sollte nicht vorübergehen, ohne dass des Naturforschers Goethe und seines grandiosen Versuchs, zu einer dialektischen Gesamtanschauung der Natur zu gelangen, eingehend gedacht würde. Ein gründliches Studium der wichtigsten naturwissenschaftlichen Werke Goethes und eine umfassende, teils positiv wertende, teils kritisch überwindende Auseinandersetzung sowohl mit den bleibenden Errungenschaften seiner Forschertätigkeit als auch mit den idealistischen Fehlern und Unzulänglichkeiten seiner eorien sind nicht nur zum Zweck der Erhellung seiner gesamten Persönlichkeit und Lebensleistung unerlässlich, sondern auch sachlich, im Hinblick auf die Klärung brennend aktueller weltanschaulicher Streitfragen, von nicht zu unterschätzender Bedeutung.«16 Signal, aus meiner Reserve herauszutreten (…).« (Band 9, S. 419.) Alle weiteren Informationen können dem erwähnten 9. Band dieser Edition entnommen werden. 14 Neu abgedr. in: Band 6.1, S. 739–794. 15 Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949). Abgedruckt wurden neben Harichs Aufsatz: Mayer: Goethes Erbschaft, S. 5–17. Kamnitzer: Weimar zwischen Potsdam und Paris, S. 19–37. Deiters: Goethe als Erzieher zur Humanität, S. 39–51. Girnus: Die ästhetischen Au assungen Goethes, S. 53–85. Ackermann: Ein Mitbürger der Zukunft, S. 87–103. Mann: Über Goethe, S. 105–108. Heimann: Marx und Engels über Goethe, S. 109–114. Rilla: Goethe in der Literaturgeschichte, S. 115–159. Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161–178. Kaiser: Das Goethebild der russischen Literatur, S. 233–242. Jurgew: Russische Schriftsteller und Demokraten über Goethe, S. 243–246. Zweig: Der Gehilfe, S. 247–255. Die Beiträge von omas Mann und Arnold Zweig waren Nachdrucke früherer Arbeiten. Mit B. Heimann und L. Jurgew waren zwei sowjetische Literaturwissenschaftler beteiligt. 16 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, in: Band 6.1, S. 739. 1 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Nicht nur Literatur und Philosophie gehören Harich zu Folge in den Klassikerkanon des Marxismus. Auch die Naturwissenschaften müssten wahrgenommen, von ihren Goethe, Schädelzeichnungen reaktionären Verzerrungen befreit und in die eigene Tradition integriert werden. Dabei kam er dann zu der ese, dass die naturwissenschaftlichen Arbeiten Goethes für den Marxismus von eminent wichtiger Bedeutung seien. »Bei Goethe indessen geben die 2 0 E i nl e i t u ng progressiven, humanistischen Tendenzen seiner Dichtung seiner naturwissenschaftlichen Arbeit deutlich das Gepräge, während umgekehrt Wirkung und Ein uss des wissenschaftlich Erkannten wiederum unmittelbar in das Gesamtkunstwerk eindringen.«17 Harich ließ in seinem Essay die Arbeiten Goethes in den Naturwissenschaften Revue passieren: Neben der Mineralogie und der Botanik thematisierte er auch die Entdeckung des Zwischenkieferknochens und Goethes Beiträge (bzw. besser: Vorarbeiten) zur Evolutionstheorie. (Quasi eine Brücke zu Kant und Herder, über die Harich gegangen ist.) Außerdem machte er die Praxis als entscheidenden Faktor in Goethes Denken aus. Erst sie ergebe die eorie und überprüfe diese gleichzeitig. Es seien »Forderungen des Tages«18 gewesen, Probleme aus dem täglichen Leben, den Wirtschaftsprozessen oder aktuellen wissenschaftlichen Debatten, die Goethes Forschungen stimulierten. Gleichzeitig habe dieser eorien vom Ende der Geschichte abgelehnt. eoretische und praktische Erfahrungen hätten einen Prozesscharakter und könnten nicht in endgültige Formen und Modelle überführt werden: »Goethe fasste die Erkenntnis als fortschreitenden Prozess auf. In der Unangemessenheit zwischen eorie und Phänomen, in ihrem ›Kon ikt‹, ihrem ›Widerstreit‹ und ›Zwiespalt‹ sah er den ewigen Stachel zur Fortbewegung des Denkens und zur Bereicherung der Bewusstseinsinhalte, und er meinte, dass die Überwindung des ›Kon ikts‹ durch eine relativ angemessene eorie, eine neu errungene Wahrheit und Einsicht nicht das Werk des mit sich selbst in der Re ektion beschäftigten Verstandes sein, sondern nur durch die Praxis erzielt werden könne.«19 Naturwissenschaften und Literatur, so Harichs ese in dem Goethe-Aufsatz, ergänzten sich bei Goethe gegenseitig. Beide speisten sich aus den gleichen Quellen und hätten identische Zielrichtungen. Vor allem der junge Goethe sei ein Mitstreiter der Aufklärung gewesen. Das würden die Leiden des jungen Werther ebenso aufzeigen wie Goethes Reformeifer im Herzogtum Sachsen-Weimar oder seine naturwissenschaftlichen Forschungen.20 17 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, in: Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern, o. O., o. J., S. 189. 18 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 194. 19 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 200. 20 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 206. 2 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Es sind dieselben humanistisch-progressiven Motive, dieselben methodologischen Gesichtspunkte und Maximen, nach denen sein dichterisches wie sein naturwissenschaftliches Vermächtnis gestaltet ist, und in diesen Maximen ist letztlich die gesellschaftliche Praxis widergespiegelt, um es konkret zu sagen: der Emanzipationskampf des Bürgertums gegen den Feudalismus, die Aufklärungsbewegung, die Französische Revolution, der Versuch also einer Bewältigung und Bemeisterung der gesellschaftlichen Wirklichkeit durch die Menschen und für die Menschen, wie sie die besten Köpfe des Bürgertums in dessen revolutionärer Epoche anstrebten und ersehnten, ohne dieses große Ziel in der Wirklichkeit freilich jemals erreichen zu können. Hier hat der ästhetische Realismus Goethes so gut seine Wurzel wie sein naturwissenschaftlicher Forscherdrang – beides nur Modi kationen derselben, praktisch gerichteten, lebenbejahend aktiven Tätigkeit, deren großer Inhalt die Bewältigung der Welt ist.«21 Eingangs wurde auf Harichs ese verwiesen, dass auch die Beschäftigung mit den naturwissenschaftlichen Studien Goethes einen aktuellen Bezug habe. Aus marxistischer Sicht müsse Goethe von den reaktionären Analysen und Interpretationen seines Denkens befreit werden. Allerdings dürfe der Marxismus nicht so weit gehen, ihn seinerseits kritiklos zu vereinnahmen. Ließen sich in Goethes Weltsicht doch viele der Probleme und historisch bedingten Grenzen des deutschen Bürgertums aufzeigen. Größe und Grenze gehörten, das ist erneut zu sehen, für Harich immer zusammen, stützten sich gegenseitig. Daher sei Goethe als »der größte der Bürger in des Bürgertums großer, heroischer Zeit«22 zu betrachten. Außerdem gebe es durchaus Überschneidungen der marxistischen eorie mit den Ansichten Goethes.23 Erste Ansätze dialektischen und materialistischen Denkens seien in Goethes Anschauungen einge ossen bzw. hätten sich dort entwickelt. Gleichzeitig würden sie aber auch die Grenzen der Fortschrittlichkeit seines Scha ens markieren, die identisch mit den Grenzen der bürgerlichen Epoche wären: »Wo er wissenschaftlich vorging, gelangen ihm dialektische und auch materialistische Detailerkenntnisse, die einer heutigen Erfassung des Ganzen, vom Standpunkt des kämp- 21 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 205. 22 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 226. 23 »Goethesch und marxistisch: oft geht das zusammen. Oft können wir ganze Passagen von ihm wörtlich übernehmen und in den Kämpfen der Gegenwart für die Sache des Fortschritts verwenden.« Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 226. 2 2 E i nl e i t u ng fenden Proletariats, eminent fruchtbare Wege weisen. Wo er selbst es aber auf Weltschau anlegte, zerstob die Wissenschaft, und es blieb ›Naturphilosophie‹ mit all ihren fatalen Übeln, ein grandioser, ungeheurer, doch zu früher Versuch, der Goethes radikalen Denkmotiven, seinem Aufklärersinn zum Trotz in den Idealismus zurückmündete.«24 Im Prinzip wies Harich, das ist nicht von der Hand zu weisen, am naturwissenschaftlichen Goethe das nach, was Lukács und Bloch für den philosophischen und künstlerischen Goethe reklamierten.25 Die verschiedenen Artikel und Aufsätze zu Goethe, Lamarck, auch zu Johann Gottfried Herder (dazu gleich ausführlicher) waren erste Wortmeldungen Harichs zum Gebiet der Naturphilosophie, der philosophischen Naturforschung und damit der Anthropologie. Aber auch über den Druck hinaus beschäftigte er sich mit der ematik. Im Rahmen seiner Vorlesungstätigkeit an der Berliner Humboldt-Universität26 näherte er sich immer wieder diesem Gegenstand aus unterschiedlichen Blickwinkeln, wobei allerdings die deutsche Aufklärung und deren Weg bis hin zur klassischen deutschen Philosophie des Idealismus sein Hauptforschungsgebiet bildete. Es müssen jetzt nicht die Vorlesungen Harichs einzeln auf entsprechende Hinweise durchsucht werden, die mit dem Gegenstandsgebiet der Anthropologie korreliert werden können. Vielmehr genügt der exemplarische Hinweis auf die Vorlesung Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, die Harich 1950/1951 über zwei Semester hielt.27 Gegliedert war sie wie folgt: Vorbemerkungen § 1: Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung A) Kants Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels B) Caspar Friedrich Wol s eoria generationis von 1759 C) Die Wiederentdeckung von Leibniz’ Nouveaux Essais sur l’entendement humain von 1765 D) Die Sprachphilosophie von Johann Georg Hamann, 1760 bis 1770 24 Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, S. 227. 25 Heyer: Der gereimte Genosse, vor allem S. 101–124, 143–166. 26 Die Vorlesungszyklen Harichs, die dieser teilweise wiederholte, und die Einzelvorlesungen kommen zum Abdruck in den Bänden 1.1, 3, 4, 5, 6.1 und 6.2. 27 Abgedr. in: Band 6.2, S. 841–942. 2 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e E) Die Entwicklung der Geschichtsphilosophie Johann Gottfried Herders ab 1764 F) Lessings Erziehung des Menschengeschlechts G) Goethes Naturanschauung H) Fortsetzung von Herders Geschichtsphilosophie Sommersemester 1951 § 2: Kants Kritik der reinen Vernunft A) Zur Klärung der Begri e B) Der Kampf gegen die Metaphysik und seine gesellschaftliche Bedeutung C) Der Kampf gegen den Agnostizismus von Hume und seine gesellschaftliche Bedeutung D) Die Grundgedanken der Kritik der reinen Vernunft E) Kritische Stellungnahme zur Kritik der reinen Vernunft vom marxistischen Standpunkt Entwicklung eines P anzenkeimlings aus einer einfachen Keimstruktur nach der „ eoria generationis“ 2 4 E i nl e i t u ng § 3: Bemerkungen über Kants Kritik der praktischen Vernunft § 4: Die Französische Revolution und ihre Auswirkungen auf die klassische deutsche Philosophie § 5: Die Philosophie von Fichte § 6: Die Philosophie von Schelling Entsprechend seiner wissenschaftlichen Arbeiten dieser Zeit bildete Harich mehrere Schwerpunkte, um die er gleichsam seine weiteren eorien und esen, seine Forschungsgebiete gruppierte. a) Dem ersten Paragraphen Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung kommt im hier relevanten Kontext besondere Bedeutung zu, da Harich auch in vielen anderen Kontexten das ema immer wieder erwähnte bzw. voraussetzte. Es war in seiner Sichtweise der entscheidende ideengeschichtliche Strang bei dem Versuch der Benennung der progressiven Seiten der deutschen Aufklärung, d. h. derjenigen eorien und Facetten, mit denen die deutsche über die europäische Aufklärung hinausgehe. Also gerade nicht die materialistische Philosophie, sondern die philosophische und darauf aufbauend auch naturwissenschaftliche Verarbeitung originär naturwissenschaftlicher esen (bei gleichzeitiger Überwindung des mechanischen Materialismus). In dem bereits erwähnten Aufsatz Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung kann genau studiert werden, welche Schwerpunkte Harich dabei setzte. b) Innerhalb dieses Spektrums kam dann neben Goethe und Leibniz natürlich vor allem der Geschichtsphilosophie Johann Gottfried Herders Harich zu Folge eine hohe und nicht zu überschätzende Bedeutung zu. Dem korrespondiert sicherlich, dass er Anfang der fünfziger Jahre nicht nur über Herder promovierte, sondern im Aufbau-Verlag bereits mit seinen verschiedenen Publikationsprojekten begonnen hatte – gemeint ist damit nicht nur seine Herder-Edition, sondern beispielsweise auch die Neuherausgabe der Herder-Biographie Rudolf Hayms.28 c) Der dritte Schwerpunkt wird, das war bei Harich kaum anders zu erwarten, um die Kritiken Immanuel Kants gebildet (fast das ganze Sommersemester 1951 drehte sich um Kant). Die darauf folgenden Anmerkungen zu Fichte und Schelling haben eher ergänzenden denn selbständigen Charakter, d. h. es ging Harich nicht zuvorderst um den Eigenwert der Systembauten von Fichte und Schelling, sondern darum, welche 28 Alle wichtigen Texte und Manuskripte präsentiert der 4. Band. Weitere Verweise später. 2 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Elemente der Philosophie Kants sie in welche Richtung weiter entwickelten oder überwanden.29 Und das immer mitzudenkende Ziel dieser Vermessung Harichs war die Philosophie Hegels, von der es dann wiederum zum jungen Marx vorzustoßen gelte.30 Mit Blick auf den »Entwicklungsgedanken« können die Ausführungen noch etwas spezi ziert werden. Es ging Harich darum, weitere Momente der Entstehungsgeschichte des Marxismus, des dialektischen und historischen Materialismus herauszuarbeiten. Insofern waren, eine wichtige Analogie zu Blochs Ausführung, auch seine esen und Anmerkungen Bausteine einer Positionierung zu den zeitlich parallel sich ankündigenden Debatten um Hegel und die Logik.31 »Die fruchtbaren Elemente vorwärtsweisender Erkenntnisse, die einen Fortschritt des menschlichen Wissens bedeuteten, sollen herausgearbeitet werden. Alle diese Elemente echter Erkenntnis sind – freilich auf einer ganz neuen, qualitativ höheren Grundlage – Elemente des dialektischen und historischen Materialismus. Die Herausarbeitung der fruchtbaren Elemente in der klassischen bürgerlichen Philosophie ist also gleichbedeutend mit der Klärung der Vorgeschichte des dialektischen und historischen Materialismus. Das 29 Auch mit den Kantianern und Anti-Kantianern beschäftigte sich Harich in den fünfziger Jahren intensiv, siehe die entsprechenden Ausführungen im 3. Band. 30 Zu diesen Überlegungen liegen von Harich aus den fünfziger Jahren verschiedene Aufsätze und Wortmeldungen vor, neben seiner Hegel-Vorlesung (Band 5, S. 437–714) ist sicherlich der gemeinsam mit Georg Lukács verfasste Aufsatz zum jungen Marx bedeutsam: Lukács, Georg (und Harich, Wolfgang): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, 1840–1844, in: DZfPhil, Heft 2, 1954, S. 288–343. 31 Siehe hierzu mit weiteren Hinweisen: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, S. 577–592. Lothar Kreiser hat zu diesem Gebiet verschiedene Monographien und Aufsätze verfasst. Hier wird verwiesen auf seinen Aufsatz: Kreiser, Lothar: Logik. Lehre und Lehrinhalte an den philosophischen Fakultäten der Universitäten in der SBZ/DDR, 1945–1954, in: Gerhardt, Volker; Rauh, Hans-Christoph (Hrsg.): Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, 1945–1958, Berlin, 2001, S. 119– 159. Immanuel Kant. Kupferstich nach dem Gemälde von Johann Gottlieb Becker, ca. 1775. 2 6 E i nl e i t u ng wichtigste Resultat der westeuropäischen bürgerlichen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts: Der Materialismus. Aber es war nur ein mechanischer, ein metaphysischer Materialismus (von einzelnen Ansätzen zur Dialektik abgesehen). Deshalb war er nicht konsequent materialistisch. Bestimmte Probleme, deren materialistische, wissenschaftliche Lösung die Anwendung der dialektischen Methode voraussetzt, werden entweder überhaupt o en gelassen oder idealistisch gelöst. Der dialektische Materialismus ist daher der einzig konsequente Materialismus. Um zu diesem einzig konsequente Materialismus zu kommen, bedarf es der dialektischen Methode.«32 Harich sah einen Weg von den Errungenschaften der Aufklärung über die klassische deutsche Philosophie des Idealismus zur dialektischen Methode. Dies sei der Ausgangspunkt von Marx und Engels gewesen, den Schülern Hegels. Wichtig im vorliegenden Zusammenhang ist nun, dass Harich davon ausging, dass die Entwicklung und umfassende Anwendung der dialektischen Methode nicht nur die Entfaltung der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch einen bestimmten Stand der naturwissenschaftlichen Forschung voraussetze.33 Erst auf dieser Basis konnten dann auch die Ansätze zur Dialektik, die es in der deutschen Aufklärung gegeben habe, fruchtbar gemacht werden, sich gleichsam von der Spekulation zur wissenschaftlichen Sättigung mit Fakten entwickeln. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts habe eine statische Naturau assung vorgeherrscht, die ese der Erscha ung der Welt durch Gott sei kaum hinterfragt worden. In Deutschland komme vor allem zwei Schriften, erschienen in der Mitte des Jahrhunderts, Bedeutung bei der Überwindung dieser falschen ese zu: Zum einen Kants Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels (1755), zum zweiten Caspar Friedrich Wol s eoria generationis (1759). Die Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels hatte Harich immer wieder positiv hervorgehoben und in seiner Bedeutung gewürdigt. Das Werk erarbeitete Kant 1755 und verö entlichte es anonym (nur wenige Exemplare kamen in Umlauf ). In dem Manuskript Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte schrieb Harich (kurze Zeit nach seiner Haftentlassung, also in der Mitte der sechziger Jahre): »Es sei nur daran erinnert, dass im neuzeitlichen Philosophieren von Anfängen evolutionistischer Naturbetrachtung ja erst seit der Allgemeinen Naturgeschichte und eorie des Himmels des frühen Kant (1755) die Rede sein konnte, dass die universal verallgemeiner- 32 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847. 33 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, S. 847 f. 2 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e te Dialektik noch in der Naturphilosophie der Romantiker rein spekulativen Charakter besaß und dass, was den Geschichtsprozess anbelangt, z. B. das Umschlagen quantitativer in qualitative Veränderung überhaupt erst durch die Französische Revolution als Phänomen der gesellschaftlichen Entwicklung fassbar geworden ist und erst von Hegel, 1806, übrigens unter Berufung auf vage Analogien aus der organischen Natur, auf den Begri gebracht wurde. Es genügt, sich diese Daten der Wissenschaftsgeschichte und dazu die Entferntheit und anscheinende Unverbundenheit der verschiedenen Punkte, an denen das dialektische Weltbegreifen da ansetzte, zu vergegenwärtigen, um einzusehen, wie schwer es den Philosophen fallen musste, der allgemeinen Zusammenhangs- und Entwicklungsgesetzlichkeit auf die Spur zu kommen, die den neu gesehenen bzw. neu geschehenden und nur dialektisch zu erfassenden Sachverhalten zu Grunde lag.«34 Entwicklungsstadien des Hühnchens nach der „ eoria generationis“ Und in Widerspruch und Widerstreit hatte er zeitlich parallel formuliert: »Das besagt – einmal mehr, so müssen wir in Anbetracht der noch früheren Allgemeinen Naturgeschichte und eorie des Himmels hinzufügen –, dass er durchaus schon dialektischen Gesetzmäßigkeiten im Sinn der marxistischen Ontologie und Naturau assungen, namentlich im Sinn ihrer Lehre vom ›Kampf der Gegensätze‹, auf der Spur gewesen ist. Gerade das wurde für ihn aber zum Anlass, das logisch Verbotene, den Widerspruch, trennscharf davon abzuheben und so darauf zu dringen, dass man ›Naturdialektik‹ (im späteren Sinn des Marxismus) und logische Gesetzlichkeit nebeneinander möge gelten 34 Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 285. 2 8 E i nl e i t u ng lassen. Und nebeneinander hätte man sie, hätte man im Besonderen die Realrepugnanz und den Widerspruchssatz bei aller Universalisierung des dialektischen Weltbegreifens, wie wir sie Herder, Goethe, Schelling, Hegel und Marx zu danken haben, in der Folgezeit getrost auch gelten lassen können, wären die Errungenschaften des ›vorkritischen‹ Kant, zu denen auch diese wichtige Distinktion gehört, nicht zu Unrecht ignoriert und missach tet – oder allenfalls sehr spät in philosophiehistorischen Spezialforschungen immer nur nach Gedankenkeimen des Kritizismus abgesucht – worden. Das indes geschah, und dem derart einseitig orientierten Interesse an Kant verstellten die Antinomien der Kritik der reinen Vernunft, mitsamt der ihnen eigenen Inanspruchnahme des Begri s ›Widerstreit‹ für die bekannte vierfache Antithetik der transzendentalen Ideen, die Sicht. Schon Reinhold, Maimon, Beck und Fichte galten die ›vorkritischen‹ Schriften Kants, falls sie sie überhaupt gelesen haben, als unerheblich, schon ihrer Generation kam daher der Begri ›Realrepugnanz‹ abhanden, und an seine Stelle trat eben doch der ›Widerspruch‹ – ein kapitales Missverständnis, das die dialektische Ontologie und Methodologie, bis in den Marxismus-Leninismus der Gegenwart hinein, mit einer logikfeindlichen objektiv-idealistischen Konzeption belastet hat.«35 Diese Hochschätzung der Allgemeinen Naturgeschichte war innerhalb der Diskussionen der marxistischen Intellektuellen der DDR Allgemeingut (der dogmatischen SED-Kritik am Idealismus zum Trotz). Bei Bloch war in diesem Sinn zu lesen: »Denn wäre nichts von Kant übrig geblieben als die Allgemeine Naturgeschichte (…), dann würde er als der erste, der eine mechanische Kosmogonie gab, allein schon unsterblich sein. Er würde triumphierend mit Demokrit, Epikur, Lukrez, mit den französischen Materialisten gefeiert werden als philosophischer Vollender der Bahn Kopernikus, Galilei, Kepler 35 Harich: Widerspruch und Widerstreit, S. 128 f. Titelblatt der »Allgemeinen Naturgeschichte« 2 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e und Newton.«36 In der kleinen Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlags, die Harich thematisch verantwortete und herausgab, hatte Georg Klaus den Text ediert und neu herausgegeben, seine Einleitung war zudem als Aufsatz in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschienen.37 Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten markieren dann, kehren wir zum ema zurück, Harich zu Folge, die dritte Stufe (nach Kant und der eoria generationis). Für seine Vorlesung hatte sich Harich folgende stichpunktartige Notizen angefertigt: »(1) Goethe, die dritte Station auf dem Weg der Einführung des Entwicklungsgedankens in die Naturwissenschaften. • eologie: Urgeschiedenheit des Menschen vom Tier. Der Mensch wurde von Gott nach seinem Ebenbild gescha en. • Anatomisches Stigma dieser Urgeschiedenheit: Der Zwischenkieferknochen, der beim Menschen fehlen soll. • Goethes Arbeit an dieser Frage. Anatomische Untersuchungen seit 1783. Im März 1784 entdeckt er das Knöchlein bei einem Embryo. (2) Konsequenzen, die Goethe selbst aus dieser Entdeckung gezogen hat. Universelle Anwendung des Entwicklungsgedankens in der Biologie. Konsequenter Bruch mit der Lehre von der Konstanz der Arten. (Freilich nur spekulativ, im Gegensatz zum Darwinismus, der die Entwicklungslehre in der Biologie wissenschaftlich begründet.) • Wirbeltheorie des Schädels. Der Schädel hat sich aus der Erweiterung des obersten Rückenwirbels entwickelt. • Metamorphose der P anzen und Tieren. • Die Varietäten müssen aus den Arten genetisch entstanden sein. Typus, der vererbt wird, und der sich entsprechend den Umweltbedingungen verändert. • Die Arten selbst sind miteinander verwandt, höhere stammen von niederen ab. Urp anze, Urtier, monophyletische Descendenzhypothese. • Goethes Stellungnahme im Streit zwischen Cuvier und Geo roy de Saint-Hi laire, der Schüler von Lamarck.«38 36 Bloch: Zweierlei Kant-Gedenkjahre, in: Ders.: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 455. 37 Klaus, Georg: Kants Allgemeine Naturgeschichte und eorie des Himmels und das moderne Weltbild, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1954, S. 18–42. 38 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, in: Band 6.2, S. 888 f. 3 0 E i nl e i t u ng In den Jahren der produktiven Zusammenarbeit mit Herder (vor dem Bruch der Freundschaft wegen der unterschiedlichen Bewertung der Französischen Revolution) habe Goethe wiederholt seine Überzeugung formuliert, dass der Mensch von den Tieren abstamme.39 Wegen der Rückständigkeit der deutschen bürgerlichen Gesellschaft, wegen des fehlenden Rückhalts der Intellektuellen in einem starken Bürgertum habe für Goethe aber die Notwendigkeit bestanden, seine Einsichten und Entdeckungen geheim zu halten. Ein Abwehrmechanismus, der beispielsweise auch in Herders Ausführungen zur Abstimmungsfrage in den Ideen zu erkennen sei.40 Der sicherlich wichtigste Schwerpunkt, gleichsam der Zugang, über den Harich zur Anthropologie fand, wurde bereits angesprochen: Es war die intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit Johann Gottfried Herder, über den Harich promovierte und um den er sich auch editorisch verdient machte. Seine entsprechenden Studien, Manuskripte und Aufsätze (hinzuzusetzen sind die zahlreichen Verweise in anderen Kontexten sowie in den verschiedenen Vorlesungen) können in dieser Edition nachgelesen werden. Von den zu Harichs Lebzeiten erschienenen Publikationen seien zeitlich-chronologisch aufzählend genannt (alle weiteren Manuskripte usw. nden sich in den Bänden 3, 4, 5, 6.1 und 6.2): • Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft, Diss. Berlin, 1951. • Herder und die nationale Frage, in: Aufbau, 1951, Heft 2, S. 103–117. • Herder, Johann Gottfried: Zur Philosophie der Geschichte, hrsg. und mit einer Einl. vers. von Wolfgang Harich, 2 Bde., Berlin, 1952. • Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft, in: Herder: Zur Philosophie der Geschichte, S. 7–82. 39 Siehe hierzu auch die verschiedenen Hinweise Harichs in: Harich: Ein Kant-Motiv im philosophischen Denken Herders, in: Band 3, S. 319–358. 40 Harich: Die deutsche Philosophie und die Französische Revolution, in: Band 6.2, S. 889. Urp anze, 1837, Pierre Jean François Turpin nach Vorstellungen Goethes 3 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e • Herder: Patriotismus und Humanität. Aus den Briefen zur Beförderung der Humanität, 1793–1797, hrsg. und ausgew. von Wolfgang Harich, Berlin, 1953. • Rudolf Haym. Seine politische und philosophische Entwicklung, in: Sinn und Form, 1954, Heft 4, S. 482–527. • Ein Kant-Motiv im philosophischen Denken Herders, in: DZfPhil, 1954, Heft 1, S. 43–68. • Haym, Rudolf: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken, 2 Bde., hrsg. v. Wolfgang Harich, Berlin, 1954. • Einleitung, in: Haym: Herder, Bd. 1, S. IX-CVII. • Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes, Berlin, 1955. Teilweise zuerst als: Harich: Einleitung, in: Haym: Herder, Bd. 1, S. IX-CVII. Im Zuge der Beschäftigung mit Herder schrieb Harich dann 1949 oder 195041 einen Brief an Arnold Gehlen. Zur Biographie Gehlens werden hier keine näheren Ausführungen gemacht, alle wichtigen Hinweise können den präsentierten Schriften Harichs entnommen werden. Gleichsam eine Art einleitende Funktion hat dabei dessen Vorwort zur italienischen Ausgabe von Der Mensch. Seit diesem epochalen Werk kann Gehlen sicherlich als der bedeutendste deutschsprachige philosophische Anthropologe jener hier relevanten Tage und Jahre gelten. Gleichzeitig war aber auch dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus mehr als nur bekannt, so dass Harich in wissenschaftlicher Absicht auf einen der größten ideologischen Gegner zuging. Denn es darf nicht vergessen werden, dass sich Harich als Kommunist und Marxist vollumfänglich zum Antifaschismus bekannte und diesen in allen seinen Facetten lebte und vorlebte. (Eine Einstellung, die ihm dann in der Nietzsche-Debatte der späten achtziger Jahre in der DDR zum Verhängnis wurde.)42 Erinnert sei exemplarisch nur an seine umfassende und tre ende Kritik an Ernst Jünger, die er in den späten vierziger Jahren entwickelte.43 41 Am 27. Februar 1974 schrieb Harich an Gehlen: »So wäre unsere Beziehung, die sonst nächsten Silberhochzeit feiern könnte – denn 1949 (oder 1950) schrieb ich Ihnen zum ersten Mal –, beinahe de nitiv in die Brüche gegangen (…).«. 42 Siehe die Texte des 12. Bandes. 43 Folgende Texte Harichs zu Ernst Jünger liegen vor: Ernst Jüngers Ansicht vom Frieden; Ernst Jünger und der Frieden; »Abendland« oder nationale Souveränität. Der Kosmopolitismus – eine tödliche Gefahr für das deutsche Volk (alle abgedr. in: Band 1.3, S. 1291–1330); Und noch einmal: Ernst Jünger (abgedr. in: Band 1.2, S. 1013–1018). Siehe auch: Heyer: Der erste Gegner wartet schon. Wolfgang Harich über Ernst Jünger, in: Band 1.3, S. 1261–1290. Dornuf, Stefan: Wolfgang Harich und Ernst Jünger, in: Feist, Peter (Hrsg.): Das Wolfgang Harich Gedenk-Kolloquium, November 2003, Berlin, 2005, S. 28–44. 3 2 E i nl e i t u ng Damit ist bereits etwas über den großen Respekt gesagt, den Harich vor Gehlens wissenschaftlicher Leistung hatte. Er war bereit, dessen faschistische Vergangenheit (und teilweise ja auch Gegenwart) auszublenden. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass Gehlen durchaus überrascht war, Post aus Ost-Berlin zu erhalten. Ähnlich ging es übrigens Nicolai Hartmann (auch mit Eduard Spranger korrespondierte Harich, bei Hartmann und Spranger hatte er ja studiert). Harich zitierte in Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung, der von ihm verfassten Biographie Hartmanns, folgende Aussage Hermann Weins: »In Göttingen erreichten Hartmann werbende Briefe eines Assistenten am Philosophischen Seminar der Ostberliner Humboldt-Universität. Hartmann ließ die Briefe einen langjährigen Schüler und jüngeren Kollegen lesen. Sie waren damals insofern ›geheim‹, als sich in ihnen ein sowjetisches Interesse auszudrücken schien, Hartmanns a-christliche und anti-idealistische Philosophie zu einer Art ›Staatsphilosophie‹ für die Deutschen zu promovieren – nach einer Schulung in Moskau. Hartmann sagte damals zu jenen Briefen sinngemäß: ›Wie kann ich beim Materialismus mitmachen, da in meiner Philosophie die Macht des Geistes vorkommt (…).‹«44 Diese Äußerungen kommentierte Harich wie folgt: »Wer jener Assistent gewesen ist und ob hinter seinem Werben wirklich ein sowjetisches Interesse der geschilderten Art gesteckt hat, lässt sich heute schwerlich eruieren.45 Die Deutsche Akademie der Wissenschaften, die 1949 die Auszeichnung ihres in Göttingen lehrenden prominenten Mitglieds betrieb, dürfte am selben Strang gezogen haben. Für einen Aufenthalt in Moskau wäre Hartmann im Übrigen schon durch seine Sprachkenntnis prädestiniert gewesen. Und natürlich hätte die Berliner Universität einen Gewinn darin gesehen, wäre ihr führender Philosoph in ihren Lehrkörper zurückgekehrt.«46 44 Wein, Hermann: Dokumentationen und Notationen zum späten Hartmann aus der Sicht von heute, in: Buch, Aloys Joh. (Hrsg.): Nicolai Hartmann, 1882–1982. Mit einer Einleitung von Josef Stallmach und einer Bibliographie der seit 1964 über Hartmann erschienenen Arbeiten, Bonn, 1982, S. 323. 45 Natürlich ist Harich gemeint. Seine Briefe an Hartmann sind leider nicht erhalten. Der 9. Band dieser Edition bildet aber zumindest ab, wie Harich die Philosophie Hartmanns an Lukács vermittelte, so dass in Ansätzen nachvollziehbar wird, wie er sich in jenen Jahren eine Synthese aus Marxismus, materialistischer Philosophie, Gehlens Anthropologie und Hartmanns Philosophie vorstellte. 46 Band 10, S. 163 f. 3 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e In den Hartmann-Dialogen, im Selbstgespräch, die Harich zeitlich nach der Biographie verfasste, kommentierte er die Passage Weins dann etwas anders: »PF: Wer könnte einen solchen Brief an ihn geschrieben haben? WH: Nur ein ehemaliger Assistent von ihm, denn philosophische Assistentenstellen sind nach dem Krieg an der Humboldt-Universität erst von 1951 an wieder besetzt worden. PF: Der Absender hat, wissentlich oder unwissentlich, mit der Berliner Akademie an einem Strang gezogen, die 1949 ja die Auszeichnung ihres in Göttingen lehrenden prominenten Mitglieds betrieb. Für einen Aufenthalt in Moskau wäre Hartmann im Übrigen schon durch seine Sprachkenntnis prädestiniert gewesen. Und gewiss hätte die Humboldt-Universität einen Gewinn darin gesehen, wäre ihr führender Philosoph in ihren Lehrkörper zurückgekehrt. WH: Hartmann war damals ein verbrauchter alter Mann. Ich vermag mir unter einer Schulung in Moskau, der er sich ein, zwei Jahre vor seinem Tod hätte unterziehen sollen, nichts Sinnvolles vorzustellen. Aber um all das geht es hier nicht. Worauf es ankommt, ist etwas anderes, und damit kehre ich zur Beantwortung Ihrer Ausgangsfrage zurück. Den Ausführungen Weins lässt sich entnehmen, dass Hartmann der Marxschen Lehre zuletzt mit großer Ratlosigkeit gegenüber gestanden hat, die sich auf einen ganz bestimmten Punkt bezog. Wie das Interview beweist, verteidigte er, nach der faschistischen Terrorherrschaft, den Erfahrungen zweier Weltkriege, dem Abwurf von Atombomben auf Japan und angesichts neuer weltweiter Spannungen und Kon ikte, gegen alle pessimistischen Zeitstimmungen unerschütterlich die Möglichkeit, dass es dem Menschengeist dereinst gelingen könne, die blinde Elementargewalt der geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklung ebenso zu bändigen wie die der Natur und sie dem vernünftigen Interesse menschlicher Gesamtziele dienstbar zu machen. Das verband ihn, immer noch, wie schon 1932, mit den Marxisten. Aber gleichzeitig ging er, wie von einem Axiom, ebenso unerschütterlich davon aus, dass für jedweden philosophischen Materialismus die Abhängigkeit des Geistes von der Materie gleichbedeutend sei mit dessen Ohnmacht, mit seiner Nichtigkeit, die eine solche Zukunftsperspektive gerade ausschlössen. Und das war der Grund, aus dem er glaubte, ›beim Materialismus mitzumachen‹ könne für ihn nicht in Frage kommen. PF: Ist dieses Missverständnis, das die Widersprüchlichkeit seiner Stellungnahmen zum Marxismus bedingt, bereits im Problem des geistigen Seins angelegt? Und ist es Ihnen in seinen Lehrveranstaltungen zwischen 1940 und 1942 jemals aufgefallen? 3 4 E i nl e i t u ng WH: Mir sind nur zwei mündliche Äußerungen von ihm zum Marxismus erinnerlich, von denen ich nicht einmal mehr sagen kann, ob ich sie selber mit angehört habe oder ob man sie mir aus dem engeren, vertrauteren Schülerkreis zugetragen hat.«47 Gehlen antwortete – anders als Hartmann – auf Harichs Brief und es entwickelte sich zwischen beiden ein freundschaftlicher und von gegenseitigem Respekt getragener Briefwechsel, der bis zum Tode Gehlens anhielt. Leider ist die Korrespondenz nur in Ansätzen erhalten, so dass in diesem Band jene Briefe Harichs an Gehlen präsentiert werden, die sich in Durchschlägen in dessen Nachlass fanden. Dieses Konvolut wurde mit den Beständen des Archivs in Marbach abgeglichen, dort fanden sich jedoch keine weiteren Briefe Harichs. Im Amsterdamer Archiv sind zudem einige Briefe Gehlens an Harich erhalten, die hier nicht abgedruckt werden können und auch nicht in Marbach einsehbar sind. Für die Zeit bis 1956, bis zur Verhaftung Harichs, sind nur einige wenige Briefe überliefert, was sicherlich damit zusammenhängt, dass die Staatssicherheit im Zuge der Verhaftung Harichs dessen Wohnung samt Arbeitszimmer durchsuchte und vieles mitnahm, beschlagnahmte. Aber die späteren Briefe bieten einige interessante Rückblicke und zudem kann das präsentierte Konvolut durch die Exzerpte Harichs (die im dritten Teil zum Abdruck kommen) ergänzt werden. Auf die Briefe hier im einzelnen chronologisch verfahrend einzugehen erübrigt sich, da sie bei der Darstellung der anthropologischen Überlegungen Harichs sowie dessen »werben« um Gehlen Berücksichtigung nden werden. * * * * * Ein Brief aber muss hier hervorgehoben werden. Am 26. April 1952 kündigte Harich seinen Besuch in Speyer für den Juni an. Der Brief zerfällt in zwei Teile, der zweite gibt eine lesenswerte Beschreibung des Personals der Berliner Humboldt-Universität, die sich so auch in anderen Texten Harichs ndet (beispielsweise bei der Schilderung Liselotte Richters und Klaus Schrickels), teilweise aber auch extrem schönfärbend ist (beispielsweise bei der Schilderung Kurt Hagers). Im ersten Teil, der hier von Interesse ist, stellte sich Harich als »Parlamentär des Aufbau-Verlages« vor: »Was kann getan werden, um Ihr Werk auch in der Deutschen Demokratischen Re pu blik zu verbreiten? Meine Freunde und ich sind der Ansicht, dass wir vom ›handelnden Wesen‹, von der ›Entlastung‹ und von Ihrer Sprach-Denktheorie sehr, sehr viel lernen können, und dass es nicht angeht, unseren Menschen diese Errungenschaften länger vorzuenthal- 47 Band 10, S. 659 f. 3 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e ten. Wir würden auch gerne unseren sowjetischen, polnischen und tschechoslowakischen Freunden, namentlich den Pawlow-Schülern und den von Stalin aus ihren Fesseln befreiten Sprachwissenschaftlern, diese Ihre Leistungen zugänglich machen. Andererseits gibt es auch in der vierten Au age Ihres Buches (die jetzt hier bei Parteitheoretikern etc. kursiert) gewisse Stellen, wo sich manches in uns sträubt: Novalis, Nietzsche und Pareto lieben wir nicht, am wenigsten Pareto. Wir sind uns zwar klar darüber, dass es auch bei diesen Denkern wertvolle Einsichten gibt, und sehen deutlich, dass Sie ausschließlich solche Einsichten im Menschen zitiert haben, ohne in irgendeiner Hinsicht dem romantischen Obskurantismus und der faschistischen Ideologie Vorschub zu leisten. Aber es gibt eben heute noch Wunden, die nicht vernarbt, Tränen, die nicht getrocknet sind, und erst in Jahren werden wir so weit sein, das partielle Gute uns auch aus Nietzsche und Pareto heraus zu picken und gebührend zu würdigen. Dass der Pragmatismus ›die einzige bisher erschienene Philosophie‹ sein soll, ›welche grundsätzlich den Menschen als handelndes Wesen ansieht‹ (Seite 329), will uns auch nicht munden. Alle diese Beanstandungen tre en zwar niemals das Wesentliche Ihrer eorie. Aber könnte man nicht dafür Sorge tragen, dass sich das Wesentliche bei uns recht bald und ohne Missverständnisse durchsetzt – ohne Missverständnisse, die unabsehbare Umwege, Verzögerungen und Anfeindungen seitens dogmatischer Flohknacker mit sich brächten? Mit anderen Worten: Ich will Sie zu einer überarbeiteten Lizenz-Ausgabe des Menschen für die DDR veranlassen. Wenn Sie dies ablehnen sollten, so würde ich nach meiner Rückkehr hier für Sie vorbereitend die Reklametrommel rühren: Einerseits durch kritische Würdigung Ihrer Leistung in Form von Essays, Artikeln, Vorträgen usw., andererseits durch interne Diskussionen mit führenden sowjetischen und deutschen Genossen. Ich glaube, dass ich es dann scha en würde, die Verbreitung Ihres Werkes in der DDR auch mit Nietzsche- und Pareto-Zitaten durchzusetzen; aber das würde natürlich länger dauern, und mir scheint, dass wir in einer Zeit leben, in der der ›Weltgeist‹ Eile hat, in der man es sich also eigentlich nicht leisten kann, mit solchen wichtigen Dingen zu säumen. Kurzum: Dies muss ich mit Ihnen besprechen.«48 Was ist von dieser Aussage zu halten? Eine Edition des Menschen von Gehlen in der DDR kam natürlich nicht zu Stande, Gehlen wird diese ebenso wenig gewünscht 48 Später hieß es noch: »Natürlich würden Ihre Publikationen hier kräftig kritisiert werden, aber die erste und wohl ziemlich erschöpfende Kritik würde von mir stammen, und Sie wissen, dass ich von dem Wertvollen Ihrer Leistung zutiefst überzeugt bin. Politische Bekenntnisse würde man von Ihnen nicht verlangen. Aber ein gründliches Studium des Marxismus würden Sie wahrscheinlich von sich selbst verlangen; denn Sie würden ja den Fragen und Meinungen Ihrer Studenten standhalten wollen.« 3 6 E i nl e i t u ng haben wie die SED. Die andere Frage ist natürlich, was Harich tatsächlich unternahm, um seinerseits Gehlen in der DDR bekannter zu machen. Die Spurensuche mag beginnen – und zwar in der Dissertation Harichs. Stefan Dornuf hat 1996 geschrieben: »Harichs Herder-Einleitung, eine Kurzfassung seiner Dissertation, darf als seine erste Gehlen Huldigung gelten; und zwar würdigt Harich Gehlen, indem er ihn verschweigt.«49 Dornufs Einschätzung ist richtig und falsch: Zutre end ist sie im Bezug auf die Herder-Einleitung Harichs. Aber diese ist eben keine Kurzfassung von dessen Dissertation, sondern ein eigenständiger Text. Vielmehr wird Gehlen in der Dissertation sehr wohl erwähnt. Dabei geht es um folgende Passage, die hier, da sie dezidiert sich mit der Anthropologie auseinandersetzt, etwas länger wiedergegeben werden kann: »Herder hat als erster die Phänomene, in denen sich die biologische Unspezialisiertheit des Menschen o enbart, gekennzeichnet, und die jüngsten Forschungsresultate der Embryologie geben ihm recht, indem sie zeigen, dass der menschliche Embryo in seiner Entwicklung nicht nur dem biogenetischen Grundgesetz unterliegt, nicht nur eine Abbre vi atur der Stammesgeschichte der Tiere durchläuft (vom Lanzett schchen bis zum höchsten Säugetier), sondern außerdem noch spezi sch menschlichen Retardationen der Entwicklung ausgesetzt ist, die nur als dialektische Rückwirkung der Unspezialisiertheit des Menschen begri en werden können. Dass Herder nicht im im Stande ist, diese Erscheinungen materialistisch-wissenschaftlich zu erklären, steht außer Frage. Aber die Erklärung ergibt sich von selbst, wenn man der Darwin-Haeckelschen Abstammungshypothese den historischen Materialismus hinzufügt, wenn man beispielsweise in Betracht zieht, dass die menschliche Gesellschaft nicht dem Gesetz der natürlichen Zuchtwahl unterliegt, und wenn man wissenschaftlich untersucht, warum sie ihm nicht unterliegt. Dann zeigt sich sogleich, dass die biologische Unspezialisiertheit des Menschen durch die allgemeinen Lebensbedingungen eines Organismus verursacht ist, der gesellschaftlich arbeitet, Werkzeuge herstellt, mit Werkzeugen seine materiellen Existenzgrundlagen, seine gesellschaftlich produzierte und reproduzierte Kulturumwelt scha t. Der zeitüberdauernde Gehalt an objektiver Wahrheit, der in der Herderschen Anthropologie enthalten ist, und deren zeitgebundene Begrenztheit lassen sich also klar unterscheiden, wenn man sich auf den Standpunkt der fortgeschrittensten Wissenschaft stellt, wenn man von der Grundlage der Darwinschen materialistischen Biologie und des historischen Materialismus aus an das Erbe der klassischen bürgerlichen Philosophie herantritt. Was beweist nun das Beispiel der Herderschen Anthropologie, das sich beliebig vermehren ließe, in Bezug auf den bürgerlichen Bildungsverfall? Es macht vor allem zwei Tatsachen deutlich: Erstens, 49 Dornuf, Stefan: Gehlen-Rezeption von Harich, S. 81. 3 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e dass die neukantianische ›Grenzziehung‹ zwischen Philosophie und positiver Wissenschaft, die unter anderem den Darwinismus aus dem Problemkreis der Philosophie von vornherein ausschließt, eine richtige Beurteilung und kritische Aneignung der wertvollen Errungenschaften der Geschichte der Philosophie verhindert. Und zweitens, dass die Naturwissenschaftler reaktionären Schlussfolgerungen, die aus ihren Entdeckungen gezogen werden und an denen die Bourgeoisie interessiert ist, völlig hil os gegenüberstehen müssen, solange sie an den dialektischen Einsichten der klassischen Denker des Bürgertums (vom Marxismus noch ganz zu schweigen) achtlos vorübergehen und auf diese Weise unweigerlich in den Kategorien des metaphysischen Denkens befangen bleiben. Die zweite Tatsache ist in diesem Fall besonders wichtig. Denn die falsche, metaphysische Verallgemeinerung einer der großartigen Entdeckungen der Biologie, des Gesetzes der natürlichen Zuchtwahl, führt zum ›sozialen Darwinismus‹, zu einer vollständig falschen, verzerrten Widerspiegelung der gesellschaftlichen Wirklichkeit und damit zur ideologischen Rechtfertigung der Unmenschlichkeiten der kapitalistischen Verhältnisse. Freilich konnte die Argumentation des ›sozialen Darwinismus‹ erst durch die marxistische Gesellschaftswissenschaft restlos zerschlagen werden. Aber eine Reihe wichtiger und unabweisbarer Gegenargumente, die sich aus der biologischen Unspezialisiertheit des Menschen ergeben, muss sich bereits jedem aufdrängen, der die Lehre Darwins kennt und nun – von dieser Grundlage ausgehend – jene spezi sch menschlichen Lebenserscheinungen durchdenkt, die in Herders Schrift Über den Ursprung der Sprache als Epiphänomene der ›Besonnenheit‹ beschrieben werden. Wer die von Herder angeführten Tatsachen in Betracht zieht, wird nicht umhin können, den Versuch, gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten mit biologischen Kategorien zu erfassen, als absurd zurückzuweisen. Tatsächlich hat aber keiner der führenden Biologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über eine genügend gründliche Kenntnis der Geschichte der Philosophie verfügt, um die Gesichtspunkte, die sich aus den philosophischen Schriften Herders oder aus der Hegelschen Dialektik ergeben, auch nur in Erwägung ziehen zu können. (Von einer Kenntnis des dialektischen und historischen Materialismus gar nicht zu reden.)«50 50 Band 1.2, S. 697 f. Johann Gottfried Herder 3 8 E i nl e i t u ng Gleich zu Beginn fand sich die Fußnote: »Die Phänomene der biologischen Unspezialisiertheit des Menschen wurden von Darwin und Haeckel noch nicht in Betracht gezogen. Erst die neuere bürgerliche Anthropologie (im 20. Jahrhundert) hat sich ihrer bemächtigt, sie aber sogleich in Argumente gegen den Darwinismus umgemünzt. Die entsprechenden eorien (Westenhöfer, Frechkop, Bolk, Arnold Gehlen u. a.) laufen allesamt darauf hinaus, dass ein biologisch so unspezialisiertes Wesen wie der Mensch unmöglich von den Tieren, die nur durch ihre Umweltangepasstheit der biologische Spezialisiertheit lebensfähig seien, abstammen könne. Weil die betre enden Anthropologen in den Kategorien des metaphysischen Denkens befangen sind, weil sie vor allem nicht den Dritten Grundzug der Dialektik auf ihr Problem anzuwenden wissen, fabrizieren sie eine idealistische Irrlehre, die die Kehrseite der metaphysischen Biologisierung des gesellschaftlichen Lebens ist. Sie kommen nicht auf den Gedanken, dass die spezi sch menschlichen Eigenarten, die sich in Folge des Übergangs zur Arbeit herausbilden, auf den Organismus zurückwirken.«51 An diese Fußnote schlossen sich der Hinweis an: »Ich habe die Absicht, in einer grö- ßeren speziellen Arbeit auf diesen Problemkomplex einzugehen.«52 Das weitergehende Interesse an der Anthropologie scheint damit bereits für diesen Zeitpunkt als verbürgt. Die Dissertation wollte Harich ursprünglich zur Habilitation erweitern.53 Auch weite- 51 Band 1.2, S. 854. Harich verwies anschließend auf folgende Literatur: »Westenhöfer, Das Problem der Menschwerdung, 1935; (Titel nicht lesbar, AH); Kollmann, Archiv für An thropo lo gie, 1936; Korrespondenz der deutschen Anthropologischen Gesellschaft, 1905; Klaatsch, Das Werden der Menschheit und die Anfänge der Kultur, 1936; Weerth, Zeitschrift für Säugetierkunde, 1937, Nr. 12; Adlo , Das Gebiss des Menschen und der Anthropoiden und das Abstammungsproblem, Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie, 1927, Nr. 26; Der Eckzahn des Menschen und das Abstammungsproblem, Zeitschrift für Anatomie und Entwicklungsgeschichte, 1931, 94; Westenhöfer, Die hintere Fußwurzel von Mensch und Gorilla, Zeitschrift für Säugetierkunde, 1929, Nr. 4; Frechkop, Bulletin du Musée royal d’histoire naturelle de Belgique, Bd. XIII, 1937; Bolk, Das Problem der Menschwerdung, 1926; Schindewolf, Das Problem der Menschwerdung, ein paläontologischer Lösungsversuch, im Jahrbuch der preußischen geologischen Landesanstalt, 1928, II, 49; Arnold Gehlen, Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt, 1940.« (Band 1.2, S. 854 f.) 52 Band 1.2, S. 855. 53 In der Vorbemerkung zur Dissertation heißt es: »Die vorliegende Arbeit ist ein Teil einer größeren Abhandlung über das ema Johann Gottfried Herders Geschichtsphilosophie, ihre Stellung in der Geschichte der Philosophie und ihre Verfälschung durch die gesamte bürgerliche Geisteswissenschaft Deutschlands im 20. Jahrhundert. Diese größere Abhandlung, die ich bis zum 1. Juli 1951 als Habilitationsarbeit vorlegen werde, gliedert sich in die folgenden Teile: 3 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e re Editionsprojekte zu Herder selbst waren vorgesehen (und teilweise bereits in Arbeit), mitsamt zu verfassenden Einleitungen und Essays.54 Und schließlich arbeitete Harich bereits zur Anthropologie, die Notizen und Exzerpte dieses Bandes können als Beleg dafür dienen. Das 2. Kapitel, Das Verhältnis der Bourgeoisie zum klassischen Erbe, des V. Abschnitts, Herder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Dissertation erö nete Harich mit dem Absatz: »Die Herder-Mode ist eines der wichtigsten geisteswissenschaftlichen Elemente dieser Entwicklung. Und ihre Funktion besteht vor allem darin, dass sie – durch Verfälschung des Herderschen Erbes – diese auch irrationalistische Mythisierung der bürgerlichen Philosophie mit nationalen Motiven auszustatten hat. Bei dem Bedarf der deutschen Imperialisten an nationalistischer Demagogie ist es klar, dass die ›Erneuerung‹ der Philosophie, die mit dem Beginn der imperialistischen Ära einsetzt, dringend einer zusammengelogenen ›Verwurzelung‹ in ehrwürdigen nationalen Kulturtraditionen bedarf. Das ist der Grund für die um 1900 beginnende wahre In ation an ›Neuentdeckungen‹ und sensationellen ›Neudeutungen‹ bislang vernachlässigter Traditionen des klassischen Erbes. ›Neu entdeckt‹ wird jetzt die objektiv-idealistische Richtung der deutschen Aufklärung und Klassik. ›Neu entdeckt‹ werden Leibniz, Hamann, Herder, Schelling und Hegel, die romantische Naturphilosophie und die Naturanschauungen Goethes. Dies ganze – bis dahin vernachlässigte – Erbe wird, um als Tradition des modernen Obskurantismus überhaupt in Frage zu kommen, durch Zerstörung seines rationellen Kerns, durch Eskamotierung seines Gehalts an objektiver Wahrheit, durch Aufbauschung seiner zeitgebundenen Irrtümer, also durch plumpe oder ra nierte Verfälschungen gebrauchsfertig gemacht. Es wird also eine großzügige Umstilisierung des klassischen objektiven Idealismus und (1) Einleitung: Der Marxismus-Leninismus über die kritische Aneignung des klassischen bürgerlichen Kulturerbes. (2) Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft. (3) Die wichtigsten Bestandteile der Herderschen Geschichtsphilosophie und deren Entwicklung, mit einer zusammenfassenden Stellungnahme vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus. (4) Fußnoten und Anmerkungen (vollständig). (5) Anhang: Bisherige Versuche von Marxisten, sich mit Herder auseinander zu setzen (Franz Mehring, Georg Lukács, Paul Reimann). (6) Literaturangaben.« (Band 1.2, S. 657) 54 Siehe die Manuskripte in Band 4. 4 0 E i nl e i t u ng der idealistischen Dialektik im Sinne des Irrationalismus vorgenommen.«55 Und zu Schelling gab er die Fußnote: »Der Versuch, eine Synthese zwischen Nietzsche und Schellings Philosophie der Mythologie herzustellen, in der Stefan-George-Schule (Kurt Hildebrandt); Hermann Schwarz’ Religionsphilosophie des ›Untergebenen‹ knüpft an Meister Eckhart, Böhme und Schelling an; vgl. ferner die Schelling-Apotheose in dem Philosophenspiegel des österreichischen Kleriko-Faschisten Othmar Spann, Arnold Gehlens Auftreten gegen die Traditionen des Rationalismus in seinem Vortrag Descartes im Urteil Schellings, 1937, und das Buch von Knittermeyer, Schelling und die romantische Schule, 1928.«56 Harich hat Gehlen also durchaus kritisiert, aber tatsächlich »versteckt« in dem Fußnotenapparat seiner Arbeit. Ein Unterfangen, welches sicherlich auch deswegen notwendig war, da ja die Dissertation ein insofern »o zielles Dokument« darstellte, als sie gelesen und begutachtet wurde, unter anderem von Walter Hollitscher, zu dessen Kritikern Harich gehörte. In der Einleitung zu dem Herder-Band, die teilweise (nicht vollständig) aus der Dissertation hervorgewachsen ist, hatte Harich die Gehlen-Kritik dann weggelassen. Gleichwohl aber war diese Kritik keine Anbiederung oder Opportunismus, da sie sich so auch in den in diesem Band vorgestellten Experten Harichs zu den Werken Gehlens ndet. Die wahrscheinlich bedeutendste Würdigung des wissenschaftlichen Werkes von Gehlen, die je in der DDR erschienen ist, verö entlichte Harich 1953 unter dem Titel Über die Emp ndung des Schönen in der Sinn und Form. Der Beitrag kommt diesem Band erneut zum Abdruck.57 Jetzt ließ Harich, vielleicht auch motiviert durch die neuen 55 Band 1.2, S. 711 f. 56 Band 1.2, S. 864. 57 Über die Emp ndung des Schönen, in: Sinn und Form, 1953, Heft 6, S. 122–166. Schelling, nach einem Gemälde von Christian Friedrich Tieck 4 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e intellektuellen Freiheiten, die sich nach den Ereignissen des Jahres 1953 ergeben hatten,58 jede Zurückhaltung fallen. Den Kern des Aufsatzes bildet eine um die zehn Seiten umfassende Kompilation von Zitaten aus Gehlen Menschen. Kritik, die geübt wird, ist nicht ideologisch oder politisch motiviert, sondern rein wissenschaftlich. Als Ziel des Aufsatzes kann der Versuch ausgemacht werden, an einzelnen Punkten zu zeigen, inwieweit die Überlegungen und theoretischen Versatzstücke bei Gehlen zum Marxismus kompatibel sind, d. h. letztlich, den Menschen als eine Art Bergwerk zu betrachten, aus dem sich die marxistische Philosophie wertvolle Erze herausbrechen könne. Gemeinsamkeiten würden sich beispielsweise darin zeigen, dass Gehlen eorien kritisiere, denen auch der Marxismus konträr gegenüberstehe: »Gehlen kämpft in seiner Anthropologie gegen drei Gegner: Erstens gegen die Rassentheorie, die den Hinweis auf di erenzierende äußere, körperliche Merkmale für einen Einwand gegen das Bestehen allgemeiner Wesenszüge des Menschen hält; zweitens gegen alle eorien, die den Menschen als Trieb- und Instinktwesen fassen (von Schopenhauer bis zur Psychoanalyse); drittens gegen die idealistische Geistmetaphysik, die die Bewusstseinsvorgänge verselbständigt und substanzialisiert und nur in ihnen das qualitative Novum der menschlichen Natur erblickt. Gleichfalls verfällt das ontologische Schichtungsschema der Ablehnung, das die beiden letzteren Anschauungen eklektisch verbindet und mit seinen Kategorien ›Organismus‹, ›Seele‹, ›Geist‹ das umgreifende, einheitlich ›durchlaufende‹ Strukturgesetz des Menschen unfassbar macht.« Weiter heißt es dann, dass Gehlen den Menschen »in seiner physisch-geistigen Totalität als das handelnde, praktische Wesen interpretiert«, das ja auch der Marxismus im Blick habe, nicht zuletzt seit Friedrich Engels’ Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en. »Der Mensch ist für Gehlen vermöge des Handelns – ›Gegenbegri zum Tier‹. Das Verhalten der Tiere zeigt, dass sie alle – ›vom Regenwurm bis zum Schimpansen‹ – in die Natur eingebunden und in ihren Aktionen durch Triebe bestimmt sind. Im Gegensatz dazu gewinnt der Mensch im Handeln Distanz zur Natur; sein Verhalten ist nicht festgelegt. Begründet liegt der Unterschied tierischen Verhaltens und menschlicher Handlung 58 Siehe exemplarisch die beiden Aufsätze in der Broschüre: Amberger, Alexander; Heyer, Andreas: Der konstruierte Dissident. Wolfgang Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, Berlin, 2011. 4 2 E i nl e i t u ng in einer unterschiedlichen Lebensausstattung. Gehlen weist dies in ausführlicher Untersuchung der morphologisch-konstitutionellen, sinnes-psychischen und triebmäßigen Erscheinungen nach und gelangt so zur Gegenüberstellung einer biologisch spezialisierten, umweltangepassten Organausstattung auf der einen und einer unspezialisierten, ›weltoffenen‹ Mängelausstattung auf der anderen Seite. Der Mensch ist, vom Tier her gesehen, ›Mängelwesen‹; als solches ndet er das Leben als Aufgabe vor und ist gezwungen, seine Mängel in Chancen seiner Lebensfristung umzuarbeiten – durch das Handeln, das Arbeit, Praxis, Voraussicht, Naturbeherrschung usw. einschließt.« Dies kann hier – im Rahmen der Spurensuche – genügen, weitere Hinweise folgen an anderen Stellen. Harich (links) bei der Trauerfeier für Paul Rilla (1954) 1954 erschien dann im Aufbau-Verlag in zwei Bänden die von Harich initiierte gegen zahlreichen Widerspruch seitens der Partei durchgesetzte (die wichtigen Gutachten schrieben Paul Rilla, Georg Lukács und Hans Mayer) Ausgabe der Biographie Herders von Rudolf Haym. Dem ersten Band war eine sehr lange Einleitung vorangestellt, die kurz darauf als eigenständiges Buch erneut erschien.59 Erneut waren es Herders Überlegungen zur Anthropologie, die dazu führten, dass Harich auf Gehlens Anthropologie und Philosophie einging. Die entsprechende Passage lautet: 59 Neu abgedr. in: Band 4, S. 311446. Dort auch eine ausführliche Einleitung (Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts) des Herausgebers, S. 291–310. 4 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Ähnlich steht es mit den tiefen Ahnungen Herders, auf die uns die neue anthropologische Forschung hat aufmerken lassen. Wir denken dabei an den genialen Beitrag zur Grundlegung der philosophischen Anthropologie, der in der Preisschrift Über den Ursprung der Sprache (1770) enthalten ist und der in unserer Zeit Arnold Gehlen dazu veranlasst hat, sich auf Herder als Vorgänger zu beziehen.60 Gehlen hebt, wo er die prinzipielle Verschiedenartigkeit des Umweltverhältnisses von Mensch und Tier bestimmt und auf die biologische Hil osigkeit als qualitatives Charakteristikum des Menschen zu sprechen kommt, ganz richtig hervor, dass Herder auf dem Weg zu einer eorie, die diesen Phänomenen endlich gerecht wird, schon wesentliche Schritte getan habe. Er übersieht dann aber, dass seine eigene Anthropologie, indem sie den Menschen als ›Mängelwesen‹ de niert und sich auf die Fötalisationshypothese von Bolk stützt, in ihrer Grundtendenz mit dem Herderschen Humanismus unvereinbar, ihm diametral entgegengesetzt ist. Herder hat die ›Besonnenheit‹, d. h. den Inbegri der Qualitäten, durch die der Mensch sich von der Tierwelt unterscheidet, eben keineswegs nur als Ausgleich jener ›Instinktreduktion‹ aufgefasst, in der wir heute das psychische Korrelat der organischen Mängel des homo sapiens erblicken. Er hat vielmehr in dem qualitativen Novum des Menschen, und zwar auch in der organisch-instinktmäßigen Seite desselben, ebenso eine Verfeinerung gesehen und sich entschieden dagegen gewehrt, dass die ›Kräfte der Menschheit‹ etwa für bloße ›Schadloshaltungen‹ gegen die ›ihr versagten größeren Tiervollkommenheiten‹ erklärt würden.61 Wer sich den Sinn dieser Abweichung klarmacht, wird gewahr, dass die eorie vom ›Mängelwesen‹ im Grunde nur die mit negativem Vorzeichen versehene, die pessimistisch di amierende Spielart jenes selben Biologismus ist, der sonst die qualitative Überlegenheit des Menschen als selektiven Vorzug zu missdeuten p egt. Das aber heißt: Auch auf anthropologischem Gebiet ist die bürgerliche Philosophie in einer falschen Alternative befangen, die es ihr unmöglich macht, der tiefen Dialektik Herders zu folgen.«62 Aus diesen Feststellungen zog Harich die Konklusion: »Und auch hier wieder kann nur der Marxismus die Problemlösung an die Hand geben, die dies zu tun gestattet. Indem der Marxismus grundsätzlich Höherentwicklung und Rückbildung als Momente eines einheitlichen, in sich widerspruchsvollen Prozesses au asst (man denke an Engels’ Analyse des Überganges von der Gentilgesellschaft zur Sklaverei) 60 In Klammern verwies Harich auf: Gehlen: Der Mensch, 4. Au ., Bonn, 1950, S. 77  . Im Folgenden werden Harichs Fußnoten zu Zitaten seiner Texte durch das Kürzel (WH) kenntlich gemacht. 61 (WH) Vgl. z. B. Zur Philosophie der Geschichte, Berlin, 1952, Bd. 1, S. 397 f. 62 Band 4, S. 435 f. 4 4 E i nl e i t u ng und im speziell Anthropologischen alle Besonderheiten des Menschen auf die Kategorie Arbeit rückbezieht, kann er an der humanistischen Tendenz, den Menschen als etwas ungleich Vollkommeneres als die Tierwelt aufzufassen, festhalten, ohne die biologischen ›Mängel‹ und ›Lücken‹ zu übersehen, und kann umgekehrt diese berücksichtigen, ohne die Menschwerdung als eine Summe von ›Retardationen‹ und ihr Resultat als einen Defekt der Natur, als ein stehengebliebenes Vorschimpansenembryo, das geschlechtsreif geworden ist (Bolk), zu interpretieren. Inhaltlich, in ihren konkreten Aussagen, fällt die marxistische Anthropologie selbstverständlich ganz anders aus als der Herdersche Lösungsversuch. Aber sie allein vermag dessen Großartigkeit zu ermessen, weil nur sie imstande ist, die Errungenschaften, die in ihm vorgeahnt sind, und die humanistischen Tendenzen, die ihn auszeichnen, auf die Höhe reeller Wissenschaft zu heben. Was die Herder-Biographie Rudolf Hayms betri t, so ist sie entstanden, lange bevor diese Problemsituation der modernen Anthropologie in die bürgerlichen Wissenschaften durchgedrungen war. Doch die Deutung der menschlichen Fähigkeiten als selektiver Vorzüge, wie sie sich aus den metaphysischen Schwächen der Darwin-Haeckelschen eorie ergibt, kann Haym nicht unbekannt gewesen sein, und die Schriften von Marx und Engels, in denen diese Deutung, sei es implizit, sei es explizit, widerlegt wird, waren für ihn immerhin Werke von Zeitgenossen. Wäre Haym mit marxistischer Dialektik ein wenig vertraut gewesen – und nur sein Klassenstandpunkt hinderte ihn daran, es zu sein –, er hätte an dem bleibenden Wahrheitsgehalt der Herderschen Anthropologie, an den Argumenten, die sich ihr für den Kampf gegen biologistische Fehldeutungen der menschlichen Natur entnehmen lassen, nicht so vollständig vorbeigehen können, wie er es in seiner Interpretation der Schrift Über den Ursprung der Sprache getan hat.«63 Eine weitere Würdigung Gehlens durch Harich, die hier wiedergegeben kann, ist privater Natur. Der 2. Band dieser Edition enthält die Auseinandersetzung Harichs mit den Fragen der Logik.64 Es erschienen von ihm in diesem Zusammenhang zwei Aufsätze, einer in der Sinn und Form, der andere im ersten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, der Harich als Chefredakteur vorstand, in denen dieser gegen die Anschauungen von Ernst Ho manns und damit gegen die Position der SED ankämpfte. Der Redaktionssekretär der Zeitschrift war Klaus Schrickel, mit dem Harich und die anderen Herausgeber, vor allem Ernst Bloch, zahlreiche Probleme hatten, so dass dieser 63 Band 4, S. 436 f. 64 Siehe hierzu: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. 4 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e von ihnen immer wieder als Dogmatiker und Sektierer bezeichnet wurde.65 An Harichs Logik-Aufsatz übte Schrickel eine umfassende Kritik, um dessen Abdruck in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu verhindern. Am 8. Februar 1953 schrieb ihm Harich: »Die bürgerlichen Autoren, von denen sich meine Ansichten ›in letzter Instanz‹ herleiten, möchtest Du kennen? Bitte, hier sind sie (es sind aber außer bürgerlichen auch noch sklavenhalterische dabei): Platon, Euthydemos, Menon, Parmenides, Sophistes, eaitetos, Aristoteles, Metaphysik, Organon; Porphyrios, Isagoge zum Organon; Hegel, Wissenschaft der Logik; Ueberweg, System der Logik; Prantl, Geschichte der Logik; Husserl, Logische Untersuchungen; Nicolai Hartmann, Platos Logik des Seins, Metaphysik der Erkenntnis, Zur Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit, Der Aufbau der realen Welt; über Sprache und Denken, Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Ein uss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts; über Sprache und Denken, Arnold Gehlen, Der Mensch; Paul F. Linke (zwei Zeilen nicht lesbar, AH); Heinrich Maier, Die Syllogistik des Aristoteles, Logik und Erkenntnistheorie.«66 Und er fügte anschließend hinzu: »Von modernen bürgerlichen Philosophen hat mich in puncto Logik am meisten Nicolai Hartmann beein usst. In entscheidendem Gegensatz zu Hartmann stehen sich in folgenden Punkten: Ich lehne erstens die Hartmannsche ›ideale Seinssphäre‹ als Ort der logischen Gesetze ab – zwar als schlechter verkappten Platonismus. Zweitens gehe ich – im Gegensatz zu Hartmann – von der Einheit von Sprache und Denken aus und behaupte daher die völlige logische Indi erenz der Denkformen, die in der grammatikalischen Struktur der Sprache fundiert sind. In diesem letzteren Punkt verstehe ich unter dem Ein uss von Herder, Wilhelm von Humboldt und Gehlen. In der Verteidigung der absoluten Gültigkeit der logischen 65 Harichs Kritik an Klaus Schrickel ist in den Bänden 9 und 1.3 nachzulesen, dort alle relevanten Äußerungen, Briefe usw. 66 Band 1.3, S. 1673. Harich mit Tochter Katharina (ca. 1953) 4 6 E i nl e i t u ng Gesetze stehe ich unter dem Ein uss der Kritik, die Ueberweg und – teilweise – Trendelenburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Schellings und Hegels Äußerungen zur Logik geübt haben. In der Betonung der zentralen Bedeutung der Syllogistik bin ich von Aristoteles sowie von dem gültigsten Interpreten des Aristotelischen Organon, Heinrich Maier, beein usst.«67 Gehlens Philosophie wurde von Harich in diesen Ausführungen in eine wissenschaftliche Tradition gestellt, die deswegen für Harich wichtig war, da sie eben streng wissenschaftlich verfuhr – und somit abseits ideologischer Schranken und Barrieren, Di erenzen genutzt werden könne und weiterentwickelt werden müsse. * * * * * Mehr als nur erwähnenswert ist sicherlich, dass Harich in den fünfziger Jahren, über den Artikel in der Sinn und Form hinausgehend, mehrfach plante, seine Überlegungen zur Anthropologie zu Papier zu bringen. (Eine Auswahl der entsprechenden erhaltenen Manuskripte bietet der vorliegende Band.) Zuerst dachte er daran, einen Aufsatz für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie zu schreiben, was den strategischen Vorteil gehabt hätte, dass er das Organ als Chefredakteur maßgeblich bestimmte und inhaltlich füllte68 und außerdem die Gutachter und Mitherausgeber gut kannte. Am 12. Januar 1953 schrieb er an Kurt Hager einen Brief, in dem er den von ihm und den anderen He rausge bern aufgestellten » emenplan zum Karl-Marx-Jahr 1953« mitteilte. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie sollte das Karl-Marx-Jahr neben der normalen Zeit schrif tentä tig keit intensiv begangen werden. (Wie in vielen anderen Periodika der DDR auch, so dass beispielsweise ein echter Kampf der verschiedenen Herausgeber um Aufsätze von Lukács oder Bloch entbrannte.)69 Für das dritte Heft 1953 schlug Harich folgenden Aufsatz vor – deklariert übrigens als »Beitrag mit indirekter Beziehung zum Marx- Jahr«: »Wolfgang Harich, Neue Anthropologie in Deutschland. Kritische Auseinandersetzung mit der Anthropologie von Arnold Gehlen und mit der darüber in westdeutschen philosophischen Zeitschriften statt nden Diskussion. Die Arbeit nimmt eine aktuelle westdeutsche philosophische Diskussion zum Anlass, zu zeigen, dass die Probleme der Anthropo- 67 Band 1.3, S. 1673 f. 68 Siehe hierzu beispielsweise seinen Brief an Ernst Bloch vom 19. April 1953, in: Band 1.3, S. 1675–1679. 69 Nachzulesen sind diese »Kämpfe« in jenen Briefen Harichs, die im 9. Band enthalten sind. 4 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e logie der Lehre von Marx und Engels – genauer: in den Feuerbach- esen, in der Deutschen Ideologie, in der Analyse des Arbeitsprozesses in Kapitel 5 des Kapital und in Stalins Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft ihre wissenschaftliche Lösung nden. Dabei wird ein Zweifrontenkampf geführt – einerseits gegen die religiösen und existenzialistischen westdeutschen Kritiker, die die progressiven Seiten der Gehlenschen An thropo lo gie (Betonung der Einheit von Sprache und Denken, der Praxis als des Zentrums aller spezi sch menschlichen Leistungen usw.) angreifen, und andererseits gegen reaktionäre Tendenzen, die die Gehlensche Anthropologie aufweist (Agnostizismus in der Abstammungsfrage, reaktionäre Tendenzen in der Behandlung gesellschaftlicher Probleme).«70 Doch der Aufsatz wurde nicht fertig, da Harich die Arbeit an ihm immer wieder unterbrach. 1955 stand dann die Zelebrierung der Geburtstage von Lukács und Bloch (beide erblickten 1885 das Licht der Welt) an.71 Zur Festschrift für Lukács, die Harich im Aufbau-Verlag organisierte und betreute, steuerte er einen Beitrag bei, in dem er sich vollumfänglich zu den eorien von Lukács bekannte.72 Zur Festschrift für Bloch wollte er nun einen Aufsatz zur Anthropologie schreiben. Allerdings geriet ihm das Manuskript zu lang. Es kommt, leider nur teilweise erhalten (wenn Harichs folgende Darstellung gegenüber Janka, was den Stand der bereits ausgeführten Arbeiten betri t, zutre end ist), im vorliegenden Band an erster Stelle unter dem Titel Der Gegenstand der Anthropologie zum Abdruck. An Walter Janka schrieb Harich am 19. April 1955: »Lieber Genosse Janka! Ich würde gerne mit dem Aufbau-Verlag über den folgenden Titel einen Vertrag abschließen: Wolfgang Harich: Zur Grundlegung der Anthropologie. Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die ursprünglich für die im Deutschen Verlag der Wissenschaften erscheinende Festschrift für Ernst Bloch gedacht war, für diesen Zweck aber viel zu lang geraten ist – über 200 Schreibmaschinenseiten – und aus sachlichen Gründen nicht sich kürzen lässt, dort also nicht abgedruckt werden kann. Sie umfasst die Kapitel: Vorwort; I. Terminologisches, Äquivokationen; II. Das Problem der Gegenstandsbestimmung; III. Das Problem der Klassi kation der Wissenschaften und die An- 70 Band 1.3, S. 1664 f. 71 Hierzu die Ausführungen in: Heyer: Ernst Bloch und Wolfgang Harich, in: Band 1.3, vor allem S. 1757–1760. 72 Harich: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, in: Georg Lukács zum Siebzigstem Geburtstag, Berlin, 1955, S. 79–86. (Neuabdr. in: Band 9, S. 327–333.) 4 8 E i nl e i t u ng thropologie; IV. Zur Geschichte der Anthropologie; V. Exkurs über das Verhältnis von Philosophie und positiver Wissenschaft; VI. Der Biologismus als exemplarischer Gegner; VII. Marxismus und Anthropologie; VIII. Anthropologische Abstraktion und historische Konkretheit; IX. Mensch und Arbeit; Literaturverzeichnis; Register. – Fertig sind die Kapitel I-VIII, die zusammen eine in sich geschlossene Arbeit ergeben, die aber zweckmäßigerweise noch durch das erst im Rohzustand be ndliche IX. Kapitel und ein Vorwort ergänzt wird. Ich würde mich verp ichten, das Ganze in endgültiger Fassung am 1. Juli dieses Jahres druckfertig zu liefern. Das Buch könnte in derselben Aufmachung wie Rudolf Haym und sein Herderbuch hergestellt werden und würde auch etwa denselben Umfang haben, vorausgesetzt, dass dieselbe Schrift gewählt wird. Als Au age würde ich 5 000 Exemplare empfehlen. Als Gutachter schlage ich im Hause Dr. Bassenge und Genossen Casper, außerhalb des Hauses Genossen Matthäus Klein vom Gesellschaftswissenschaftlichen Institut beim ZK der SED vor.«73 Janka vermerkte auf seinem Exemplar des Briefes (erhalten im Archiv des Aufbau-Verlages) handschriftlich »einverstanden«. Doch die Zeiten waren der Anthropologie nicht wohl gesonnen, schon gar nicht der Rezeption eines Autors wie Gehlen in der DDR. Und es wurde noch problematischer. Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie war von Anfang an von der Partei kritisch beäugt wurden. 1954/1955 spitzte sich die Kritik an der Zeitschrift nach der Babelsberger Konferenz zu, Alfred Kosing vertrat sie nach außen.74 An Lukács schrieb Harich am 19. Mai 1954: »Ende Mai ndet hier eine kleine Konferenz der Parteiphilosophen und derer, die es werden wollen, statt. Vier Tagesordnungspunkte: 1) Genosse Gropp über Entstellungen der marxistischen Philosophie in der DDR; 2) Genosse Harich über unser Verhältnis zur klassischen deutschen Philosophie; 3) Genossen Besenbruch und Heise über einige aktuelle Fragen der marxistischen Ästhetik; 4) Genosse Kosing: Kritik der bisher erschienenen Hefte der philosophischen Zeitschrift. In den Einladungen ndet sich die Bemerkung, dass die Referenten ihre persönliche Meinung wiedergäben. Da nun die anderen Referenten alle links neben sich selber stehen, werde ich sicher fürchterliche Prügel beziehen. Was Gropp für Entstellungen der marxistischen Philosophie hält, wissen Sie ja. Besenbruch und Heise nehmen mir einen Aufsatz in Sinn und Form über die Emp ndung des Schö- 73 Band 1.3, S. 1629. 74 Kosings Frontalangri auf die Zeitschrift wurde in der Einheit verö entlicht und spiegelte damit die o zielle Parteimeinung wider: Kosing, Alfred: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, in: Einheit, Heft 3, März 1955, S. 299–303. 4 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e nen übel (zum Teil übrigens nicht ganz mit Unrecht, aber unter maßloser Überspitzung dessen, was sich tatsächlich dagegen einwenden ließe). Kosing gar hat gegen die philosophische Zeitschrift die schlimmsten Ressentiments. Es geht ihm wie dem Mann, der beim Zahnarzt im Wartezimmer ein Buch liest, das ihm nichts als Kopfschütteln abnötigt, dann feststellt, dass es sich um die Hamburgische Dramaturgie von Lessing handelt, und es kopfschüttelnd weglegt mit den Worten: ›Die Sorgen von Herrn Lessing möchte ich auch mal haben.‹ In diesem Sinne ndet Kosing zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit Kierkegaard ›völlig abwegig‹, während er andererseits die logisch-mathematischen Formeln von Karl Schröter von wegen ihrer Exaktheit und als Symbole des Bündnisses mit fortgeschrittener bürgerlicher Wissenschaft durchgehen lässt. Na, ich werde tüchtig zurückprügeln.«75 Harich sah sich als Chefredakteur gezwungen, im ersten Heft des Jahres 1956 eine dieser so genannten »selbstkritischen« Stellungnahmen zu verö entlichen, die der Stalinismus so vielen abverlangt hat. Sein Textentwurf wurde mehrfach von Funktionären der Partei gegengelesen, bis er schließlich erscheinen konnte, musste.76 Im Folgenden wird die entsprechende Passage ausführlich wiedergegeben, damit nachvollzogen werden kann, in welche Linie die o zielle Kritik an Gehlen bzw. an dessen Würdigung in der DDR zu stellen ist: »Es muss in diesem Zusammenhang auch einmal o en darüber gesprochen werden, dass eine prinzipienfeste und dabei im einzelnen sorgfältig di erenzierende Auseinandersetzung mit bestimmten Erscheinungen im philosophischen Leben unserer Republik, mit unseren philosophischen Gegnern sowohl wie mit unseren Bundesgenossen, not tut. Das beginnt damit, dass wir die P icht haben, der zum Teil außerordentlich wirksamen religiösen 75 Band 9, S. 272 f. 76 Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1956, S. 5–34. Abdr. von Harichs Version »letzter Hand« in: Band 1.3, S. 1692–1730. Rudolf Haym um 1847 5 0 E i nl e i t u ng Propaganda entgegenzuwirken, die von den Kirchen ausgeht.77 [Ebenso wichtig wäre die] Kritik an bürgerlichen Philosophen, die an unseren Philosophen lehren. Wenn z. B. Günter Jacoby, auf Grund seiner Ablehnung des subjektiven Idealismus, mit dem Anspruch auftritt, [zur Weiterentwicklung des] dialektischen Materialismus beigetragen zu haben, und dabei die eologie zu einem unerlässlichen Bestandteil der Philosophie erklärt, ja den kosmologisches Gottesbeweis zu erneuern versucht, so bedarf es keiner weiteren Begründung [dafür], dass wir dem entgegentreten müssen; das kann aber nur auf dem Weg einer [eingehenden], sachlich begründeten Kritik der Jacobyschen Ideologie geschehen. Die in den vergangenen Jahren häu g geübte Praxis, den bürgerlichen Philosophen, der bei uns lebt und arbeitet und durch seine Lehrtätigkeit wie [in] Publikationen natürlich auch seine Ideen verbreitet, entweder durch Taktlosigkeiten zu verärgern oder aber durch sachliche Konzessionen zu ›beruhigen‹, ist falsch und schädlich. Wir können in diese Reihe unseren Freund Ernst Bloch, der sich seit Jahrzehnten als leidenschaftlicher Vorkämpfer der Interessen der deutschen Arbeiterklasse bewährt hat, selbstverständlich nicht stellen.78 Im Gegenteil: In [mehr als einer] Hinsicht verehren wir [in] Ernst Bloch [, diesem großen Sozialisten und wirklich schöpferischen Denker unserer Zeit,] unser Vorbild und sind uns dessen bewusst, dass wir aus seinen bedeutenden Werken viel lernen können. Das kann aber nicht [heißen], dass wir an o ensichtlich problematischen esen, die [Bloch] vertritt und mit denen er den dialektischen Materialismus zu [bereichern glaubt], kritiklos vorbeigehen dürften. [Das geschieht aber.] Die Auseinandersetzung mit Werken wie Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel und Das Prinzip Ho nung ist bei uns absolut ungenügend, es sind bisher weder die positiven, zum Teil bahnbrechend neuen Gedanken, die in diesen Büchern stehen, hinreichend gewürdigt, noch sind ihre fragwürdigen Seiten einer gründlichen, [sachgerechten] Kritik unterzogen worden. Dies ist um so weniger zu verstehen, als neuerdings bereits Bloch-Epigonen bei uns auftreten, die von dem kämpferisch-humanistischen Geist ihres Meisters zwar nicht mitbekommen, dafür 77 Die folgenden Ausführungen sind in den früheren Entwürfen des Artikels nicht enthalten. O ensichtlich wurden sie nach ersten Diskussionen gegen Harichs ursprünglichen Willen hinzugefügt. Siehe hierzu den Ein uss von Alfred Kosing und Matthäus Klein, der etwa bei dem Disput um Harichs Vademecum deutlich wird. Zudem fehlen auch in dieser abschließenden Version von Harichs Artikel die Passagen der Kritik an Paul F. Linke, die sich im späteren Leitartikel nden. Sie wurden noch später hinzugefügt. 78 Im gedruckten Leitartikel wurde Harichs Vorlage dann in ihr Gegenteil verkehrt. Zudem wurden die letzten Sätze der Passage zu Bloch weggelassen, in der die potentielle Kritik an Bloch auf dessen Schüler umgelenkt wird. Bloch war über die ihn betre enden Passagen des Leitartikels verärgert, allerdings versöhnte er sich nach einem Gespräch sofort mit Harich. Ein weiterer Indikator dafür, dass dieser nachweisen konnte, dass die kritischen Passagen nicht von ihm stammten. 5 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e aber ihm die Äußerlichkeiten seines Stils abgeguckt haben, die [sie] unbeholfen [genug] nachstümpern. Es versteht sich, dass diese Leute gerade an die problematischsten Gedanken Blochs, z. B. an seine [positive Wertung] des alten Schelling [u. dgl.] anknüpfen. Damit ist bereits gesagt, dass Kritik und Selbstkritik in unseren eigenen Reihen zu wünschen übrig lassen. Wir müssen uns freilich stets darüber klar sein, wo Feind und Freund [steht, müssen wissen], dass unser Kampf sehr falsch proportioniert wäre, wenn wir vor lauter – womöglich pedantisch kleinlicher – Kritik an neuen Büchern und Aufsätzen marxistischer Philosophen vergäßen, unausgesetzt die Ideologen des Imperialismus anzugreifen. Auch dürfen wir keineswegs dulden, dass Fehler, die einem mit neuen Fragestellungen ehrlich ringenden Genossen unterlaufen, als Versuche einer Einschmuggelung feindlicher Ideologie angeprangert werden. Durch solche Übertreibungen würde nur Charakterlosigkeit großgezüchtet und der Mut zu schöpferischer Arbeit beeinträchtigt werden, und gerade daran wäre dem Klassenfeind in erster Linie gelegen. Aber dies voraus ge schickt, muss doch bemerkt werden, dass es eine Reihe von Fällen gibt, [in denen] marxistische Philosophen bei uns mit o ensichtlich falschen, [objektiv] schädlichen Au assungen aufgetreten sind, ohne dass auch nur ein leises Wort der Kritik an ihnen laut geworden wäre. Das gilt für die objektivistische Stellungnahme von Robert Schulz zur Soziologie Alfred Webers, und es gilt ebenso für den Versuch Wolfgang Harichs, [Gedanken aus der] Anthropologie Arnold Gehlens [zu einer] eorie des ästhetischen Emp ndens zu verarbeiten, die deutlich biologistische Züge trägt. Von einer [ins Einzelne gehenden] Beurteilung der Beiträge zu den Diskussionen in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wollen wir hier absehen, [da uns nicht daran gelegen sein kann, als Redaktion in einen noch nicht zum Abschluss gediehenen Meinungskampf einzugreifen.] Auch hier aber ließe sich nachweisen, dass [gelegentlich] marxistische Philosophen unserer Republik in Fragen, die bereits geklärt sind, falsche Au assungen [verfochten] haben, denen von späteren Diskussionsteilnehmern gar nicht, oder in ganz ungenügender Weise, entgegengetreten wurde. Es ist also klar, dass [vor uns die dringende Aufgabe steht], dass [wir] viel häu ger und gründlicher als [es geschieht] zu unseren Verö entlichungen gegenseitig kritisch Stellung nehmen [müssten, wenn] damit jeder einzelne von uns instand gesetzt [werden soll], die Fehler und Schwächen seiner Arbeit zu erkennen und zu überwinden.«79 * * * * * Auch wenn Harich in den fünfziger Jahren den Versuch einer Bestimmung der Anthro po lo gie in marxistischer Perspektive in direkter und intensiver Anlehnung an die 79 Band 1.3, S. 1719–1721. 5 2 E i nl e i t u ng Arbeiten Gehlen unternahm, so führte das keineswegs dazu, dass er sich der bürgerlichen Philosophie vollständig anschloss. Gehlen blieb auf dem Feld der Anthropologie »die eine« Ausnahme. Andere Forscher wie Max Scheler oder Helmut Plessner rezipierte er stillschweigender und weitaus kritischer, die Wahrnehmung von »Größe und Grenzen« verschob sich im Gegensatz zu Gehlen ganz klar in Richtung Beschränktheiten des bürgerlichen Horizonts. Auch sonst waren grundlegende Paradigmen der, seiner marxistischen Weltsicht auch in seinen Versuchen zur Anthropologie präsent, so wenn beispielsweise an die Kritik an Martin Heidegger in dem Manuskript Der Gegenstand der Anthropologie (das im vorliegenden Band als erstes zum Abdruck kommt) gedacht wird. Konsequenz dieser Verortung der eigenen eorie war, dass Harich das für ihn fast schon charakteristischer Verfahren des Umgangs mit bürgerlichen eorien anwendete. Diese müssten ihm zu Folge vor dem Erbantritt des Marxismus und ihrer Weiterentwicklung im Marxismus erst einmal, es sei ganz banal benannt, »entrümpelt« werden. Vielleicht sogar zuerst auf terminologischer Ebene. In dem Manuskript Marxismus und Anthropologie is nachzulesen, dass gerade auf dem Gebiet der Anthropologie ein Begri swirrwarr herrsche, das vieles verstelle: »Ein paar wahllos herausgegri ene Beispiele mögen das verdeutlichen. Wenn etwa Kant in seiner Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) die subjektiven Bedingungen für die Ausführung der sittlichen Gesetze behandelt; wenn die Anthropologie des jüngeren Fichte (1856) im Untertitel Lehre von der menschlichen Seele zu sein verspricht und sich von gewöhnlicher Psychologie dann darin unterscheidet, dass das dritte Kapitel, über die ›Verleiblichung der Seele‹, eine Art Ausdruckskunde entwirft; wenn Feuerbach seine Religionskritik, welche die Götter zu Projektionen des menschlichen Wesens erklärt, als Au ösung der eologie in Anthropologie charakterisiert; wenn Tschernyschewski, schreibt, die Anthropologie sei ›eine Wissenschaft, die bei der Behandlung jedes Teiles des menschlichen Lebensprozesses stets daran denkt, dass dieser ganze Prozess und alle seine Teile sich im menschlichen Organismus abspielen‹ usw., so sind das nach Standpunkt und ematik sicher kaum noch vergleichbare Bestrebungen. Sie haben aber zweifellos dies gemeinsam, sich wirklich in der einen oder anderen Weise auf den Menschen zu beziehen. Und dasselbe gilt für die verschiedenen positiven Wissenschaften, die nacheinander, zum Teil auch nebeneinander, als Anthropologie aufgetreten sind: Es gilt für das vergleichende Studium menschlicher Schädel, das sich die anthropologischen Gesellschaften im 19. Jahrhundert angelegen sein ließen, es gilt ebenso für die anthropogenetischen Folge- 5 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e rungen aus dem Darwinismus, für die Fahndungen der Fossilienkunde nach dem ›missing link‹ zwischen Mensch und A e, für die Rassenkunde, die menschliche Vererbungslehre, die Ethnologie, die Prähistorie – um nur die wichtigsten dieser Disziplinen zu nennen. Der Grund dieses eigentümlichen Sachverhalts liegt darin, dass der Mensch ein in der ganzen Realität, soweit sie uns bekannt ist, unvergleichlich komplexes Phänomen darstellt und unter den verschiedensten Gesichtspunkten zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und philosophischer Re ektion werden kann. Aber eben weil das so ist, tri t man nicht bloß eine, der Sache gegenüber neutrale, terminologische Entscheidung, wenn man die eine oder andere der vielen divergierenden Bedeutungen von Anthropologie als für den eigenen Sprachgebrauch verbindlich auswählt, sondern optiert mit einer solchen Wahl, bewusst oder gedankenloserweise, zugleich auch für eine bestimmte theoretische Konzeption, etwa für die Au assung, dass gerade der anatomische Aspekt – oder der ethnologische, psychologische, moralische usw. – in Bezug auf die Wesenskenntnis des Menschen zentral und ausschlaggebend sei. Und dass das von allen diesen möglichen und denkbaren Aspekten gleichermaßen gelten kann, wird niemand behaupten wollen. Natürlich soll damit nicht gesagt werden, dass irgendeiner Wissenschaft das Recht verwehrt werden könnte, sich einen beliebigen, ihr als geeignet erscheinenden Namen zuzulegen; der Wert ihrer Resultate hängt davon in keiner Weise ab. Wohl aber müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der überaus anspruchsvolle Name ›Lehre vom Menschen‹ als Bezeichnung für Forschungen, die meist mit einseitiger Problemstellung von einer schmalen Phänomenbasis ausgehen, leicht die Beschränktheit des betre enden Sachgebiets vergessen macht und so unter Umständen ideologischen Verzerrungen der Wirklichkeit Vorschub leistet. In der Tat legt der geschichtliche Bedeutungswandel von ›Anthropologie‹ – den wir hier nicht im Einzelnen verfolgen können – davon Zeugnis ab, das nur zur oft das Menschenbild der gerade dominierenden Ideologie entscheidend beteiligt gewesen ist, wenn diese Stelle in der Nomenklatur der Wissenschaftssystematik von einer bestimmten Disziplin und keiner anderen besetzt war. Es genügt, an die Tatsache zu erinnern, dass im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anthropologie, mit der Abstammungsfrage im Mittelpunkt, allgemein als Zweig der Naturwissenschaften aufgefasst wurde, oder daran, dass in der faschistischen Ära Vererbungs- und Rassenforschung ihren Namen beanspruchten.« In Der Gegenstand der Anthropologie ist in diesem Sinne zu lesen: »Es ist o enbar unerlässlich, dass wir uns hier zunächst und vor allem weiteren eines sinnvollen und eindeutig zu umgrenzenden Begri s von Anthropologie versichern. Da 5 4 E i nl e i t u ng emp ehlt es sich dann, auf die schlichte Wortbedeutung ›Lehre vom Menschen‹ zurückzugreifen und diese möglichst neutral zu halten. Tun wir dies, so haben wir zwar noch nicht den Gegenstand der Anthropologie näher bestimmt, haben uns aber grundsätzlich bereits dafür entschieden, unter ihr eine Disziplin und nichts weiter zu verstehen, also keine Denkweise, keine Einstellung, keinen philosophischen Standpunkt, der bereits eine bestimmt geartete Anschauung vom Menschen – und womöglich gar eine anthropologische von der Welt – involvierte; wohlgemerkt: Auch den eigenen Standpunkt nicht, den wir überhaupt erst in dieser Disziplin, erst bei der Behandlung ihrer sachlichen Probleme geltend machen könnten.« Mit einer solchen reduzierten De nition, könne die »Hybris der weittragenden Ansprüche, mit denen Heidegger die Anthropologie belasten will«, überwunden, die »maßlose Überspannung des philosophischen Kompetenzbereichs der Anthropologie« zurückgewiesen werden. Sowohl Heidegger als auch Scheler würden der Philosophie und der Anthropologie einen Bärendienst erweisen, da sie die ese aufstellten, dass sich »alle zentralen Probleme der Philosophie auf die Frage zurückführen ließen, was der Mensch sei und welche Stellung und Lage er innerhalb des Ganzen des Seins einnehme«. Dem entgegnete Harich mit einem Einwand, der gerade auch vor dem Hintergrund der die junge DDR-Philosophie beherrschenden Debatten und Diskussionen zu lesen ist: »Die echt philosophischen und höchst zentralen Probleme, was Raum, Zeit, Kausalität, Naturgesetzlichkeit und Substanz sind, wie Notwendigkeit und Zufälligkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit sich zueinander verhalten, ob die organische Natur kausaler oder naler Determination unterliegt, ob aus unbelebter Materie Leben entstehen und eine Vererbung erworbener Eigenschaften statt nden kann usw., lassen sich durchaus nicht auf die Frage, was der Mensch sei, zurückführen. Das gerade hieße die Dinge auf den Kopf stellen. Vielmehr gilt umgekehrt, dass die Erarbeitung eines zutre enden Bildes vom Menschen bereits ein angemessenes Verständnis der Welt voraussetzt, weshalb die Anthro po lo gie, um nicht fehl zu gehen, sich dem Gesamtsystem des Wissens von der Welt, von Natur und Gesellschaft, sinnvoll einfügen muss.« Die in dieser Aufzählung genannten philosophischen Herausforderungen bezeichnen Gebiete, mit den sich Harich seit den fünfziger Jahren entweder intensiv selbst auseinandersetzte oder die er durch Arbeiten Georg Lukács’ kennen lernte. 5 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Es ist kaum überraschend, dass Harich zu einer De nition der Anthropologie kam, die methodisch denselben Vorgaben verp ichtet ist wie seine wissenschaftliche Umreißung des Gegenstandsgebiets der Logik (wie bereits angemerkt wurde): »Wir wiederholen, dass im Folgenden unter Anthropologie ausschließlich eine Disziplin verstanden werden soll. Und wir fügen hinzu: Auch innerhalb dieser Disziplin soll nicht etwa ein anthropologisches Denken – falls es das wirklich gibt – postuliert werden, sondern eines, das den allgemeinen Normen der Wissenschaft entspricht. Unter dieser Voraussetzung glauben wir sagen zu können, dass auch marxistische Anthropologie möglich ist, so nämlich, wie die grundlegenden Fragen der Psychologie oder der Rechtswissenschaft marxistisch behandelt werden können. Denn in ihr würde es sich nicht darum handeln, marxistische Prinzipien mit anders gearteten, ›anthropologischen‹ Gesichtspunkten eklektisch zu verbinden – sei es auch nur mit denen Feuerbachs oder Tschernyschewskis (um von dem, was Heidegger unter Anthropologie verstanden wissen will, ganz zu schweigen), sondern einfach darum, dass die Grundlagenprobleme eines bestimmten Sachgebiets wissenschaftlicher Forschung, wie die jedes anderen auch, vom Standpunkt des dialektischen und historischen Materialismus aus in Angri zu nehmen und einer Lösung entgegenzuführen wären.« Gleichzeitig müsse sich die Anthropologie darüber klar werden (und ebenso auch die eoretiker, die diese betreiben), dass es »den Menschen« nicht gebe, dass das Sprechen von diesem, eine – wenn auch wissenschaftlich legitime und notwendige – Abstraktion darstelle.80 Und »der Mensch« sei, um nur das Mindeste zu sagen, immer Teil einer Gesellschaft, die ihrerseits die Individuen (und ihre Sammlungen) determiniere und durch zahlreiche Faktoren (mit dem Primat der Produktionsverhältnisse) determiniert werde. Man müsse »vor allem über einen genügend klaren Begri des gesellschaftlichen Seins verfügen, d. h. man muss im eigenen Denken die falsche Grundvoraussetzung aller ›Robinsonaden‹ überwunden haben – die Vorstellung, dass von der Abstraktionen eines isoliert allgemein- 80 »Ohne Zweifel kann es als gesichert betrachtet werden, dass die Realität in den Bereichen Natur und menschliche Gesellschaft durchaus aufgeht, dass sie sich in ihnen sozusagen erschöpft und dass keineswegs außerdem, gleichsam ›daneben‹ dann auch noch ›der Mensch als solcher‹ existiert. ›Der‹ Mensch ist eine Abstraktion, die nur sinnvoll bleibt, solange damit nicht die Vorstellung eines Wesens verbunden wird, das außerhalb der Gesellschaft, unabhängig von der Gesamtheit der wirklichen, historischen Menschen ein Leben für sich führen kann.« 5 6 E i nl e i t u ng menschlichen Individuums her sich das Wesen historisch-sozialer Beziehungsgefüge bestimmen ließe. Man muss aber ebenso auch erkennen, dass dieser Fehler seine Kehrseite hat: Die Au ösung der menschlichen Wesenszüge in gesellschaftliche Kategorien, von denen sie realiter zwar fundiert sein mögen, mit denen sie aber keineswegs identisch sind. Und eben dieser Fehler liegt zumindest nahe, wenn man sich weigert, die Unterscheidung von Natur- und Gesellschaftswissenschaften als Klassi kationsprinzip einer kritischen Überprüfung auszusetzen. Man setzt nämlich voraus, dass eine jede Wissenschaft, die sich auf menschliche Dinge bezieht, eo ipso nur zu den Gesellschaftswissenschaften gehören kann.« In den Notizen, die sich Harich 1952 zu Gehlens Menschen anfertigte, ging es ihm auch um eine Selbstverständigung darüber, was Anthropologie sei, bedeute. Gehlen hatte, darauf ging Harich als nächstes ein, Anthropologie wie folgt de niert: »Wissenschaft vom Menschen in der Gesamtheit seiner hauptsächlichen Eigenschaften, Merkmale usw., im Hinblick auf die wirkliche Besonderheit des Menschlichen.« Harich kommentierte und interpretierte diese Feststellung wie folgt: »(Also vor der Gesellschaftswissenschaft, die die verschiedenen historischen Gesellschaftsformationen untersucht.) Ist eine solche Fragestellung möglich? Ja, es handelt sich um die Untersuchung von Phänomenen, die von den Besonderheiten der verschiedenen Gesellschaftsformationen unabhängig sind (Arbeit überhaupt, Sprache überhaupt, Denken überhaupt usw.). Nur ist es notwendig, zu beachten, dass es sich um eine – wenn auch mögliche und nötige – Abstraktion handelt. 1) Das spezi sch Menschliche ist nichts fertig Gegebenes. 2) Es entfaltet sich nicht beim isolierten Individuen, sondern nur in der Gesellschaft (Eigenschaften, die zwar am Individuum – und nicht ohne weiteres an der Gesellschaft – auftreten, aber nur dadurch, dass das Individuum in der Gesellschaft lebt, von ihr geformt wird). 3) Das spezi sch Menschliche existiert, wo es überhaupt existiert, immer nur in bestimmter Gesellschaftsformation. Ist wissenschaftliche Anthropologie möglich? 1) Sie ist keine Biologie, da sie nicht auf die Abstammung des Menschen re ektiert, nicht dessen biologische Entstehung zu erklären sucht, sondern das spezi sch Menschliche als solches behandelt, obwohl sie zugibt, dass es nicht ein für alle Mal fertig Gegebenes, sondern historisch entstanden und zu weiterem Ausbau und höherer Entwicklung fähig ist. 2) Sie ist keine Gesellschaftswissenschaft, denn sie bezieht sich auf Phänomene, die in jeder beliebigen Gesellschaftsformation, ohne durch deren Besonderheiten grundlegend berührt zu werden, auftreten (wie die Sprache). Ebenso wenig, wie man die Gesetzmäßigkeiten des gesellschaftlichen Lebens (zum Beispiel die Spontaneität der Ent- 5 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e wicklung der Produktivkräfte) dadurch erklären kann, dass man sich an Eigenschaften des menschlichen Individuums hält (zum Beispiel Zielbewusstheit und Absichtlichkeit des Handelns), ebenso wenig kann man die anthropologischen Phänomene, die nur am Individuum (wenn auch am vergesellschafteten Individuum) existieren, mit den Kategorien der Gesellschaftswissenschaft, mit Basis und Überbau und dergleichen erfassen! (Zum Beispiel Sprechen, Denken, Handeln usw.) Die Gesellschaft wird vielmehr erst im Kommunismus zum menschlichen Subjekt.« Dies waren Überlegungen, die für Harich prägend waren oder dies wurden, Akzentverschiebungen, Modi kationen usw. natürlich inklusive. Gut erkennbar werden seine Ansichten in dem Brief, den er am 17. März 1952 an Ernst Engelberg schickte. In diesem stellte er das Grundgerüst seiner Konzeption quasi vor, zur Diskussion. Dabei ging er von Überlegungen zur Moral aus (die noch die Hartmann-Manuskripte der achtziger Jahre determinierten). Es hieß 1952 – mit Blick auf die Anthropologie: »Es gibt ein allgemeinmenschliches anthropologisches Substrat der Moral, das mit dem Übergang unseres tierischen Vorfahren zur Arbeit, zur Herstellung und Benutzung von Werkzeugen, zur Produktion der eigenen materiellen Lebensbedingungen durch Arbeit gegeben ist. Zwischen Bedürfnis und Bedürfnisbefriedigung sind Werkzeugherstellung und Werkzeugbenutzung dazwischen geschaltet. Das bedeutet: Der Mensch ist fähig, auf ablenkende Reize nicht zu reagieren, auch wenn sie unmittelbare vitale Bedeutung haben. Er ist fähig, ein Bedürfnis dem anderen, höheren unterzuordnen. Er ist fähig, die Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse gleichsam aufzuschieben und zu vertagen. Er ist fähig, dem ideell antizipierten Resultat über die mühseligen Zwischenhandlungen seiner Verwirklichung hinweg ›treu‹ zu bleiben. Er ist fähig, Entbehrung, Hunger, Strapazen auszuhalten. Er ist fähig, eine einmal begonnene Leistung ›durchzuhalten‹, auch wenn es schwer fällt. Das setzt einen Organismus voraus, der auf qualitativ andere Weise funktioniert wie der der Tiere. Das setzt relative Unabhängigkeit von Trieben und Instinkten voraus, von denen das Tier (vom Regenwurm bis zum Schimpansen) absolut beherrscht wird, die dem Tier die instinkthafte Sicherheit seiner Lebensorientierung verleihen, die aber auch das Tier in der Unmittelbarkeit des Triebdrucks gefangen halten. Den qualitativ neuen Organismus mit seiner Instinktschwäche und seiner Fähigkeit zur vitalen Askese hat sich der Mensch dadurch selbst gescha en, dass er in der Arbeit durch Millionen von Generationen hindurch das Zuwiderhandeln gegen unmittelbare Bedürfnisse trainierte. Für das spezi sch menschliche Verhalten hat das sehr entscheidende Folgen: Wir sind Herr über unsere eigenen biologischen Triebe. Wir können mit hungrigem Magen 5 8 E i nl e i t u ng an den prächtigen Schaufenstern von Delikatessengeschäften vorbeigehen, ohne die Scheibe einschlagen zu müssen. Wir können schönen Frauen erst umständlich den Hof machen, ohne sie gleich vergewaltigen zu müssen. Wir können beim Coitus den Orgasmus willkürlich hinauszögern, was kein Tier kann, können also Liebesspiele à la van de Velde praktizieren. Wir können die schädlichen Überanstrengungen eines sechzehnstündigen Arbeitstages, aber auch die gesunden Strapazen von Sport und Abhärtung auf uns nehmen. Wir können uns um einer Idee willen foltern lassen, auch dann, wenn es uns freistünde, die Idee zu verleugnen, die Genossen zu verraten und dadurch der Folter zu entgehen. Vom einfachsten Arbeitsvorgang (siehe Marx, Kapital, Kapitel 5) bis zu den Phänomenen der Selbstaufopferung und des Heroismus ist die vitale Askese für menschliches Verhalten tief charakteristisch. Jedenfalls hat jeder die Möglichkeit dazu, wenn auch viele nur in geringem Maße davon Gebrauch machen. Diese Möglichkeit ist aber allgemein-menschlich, ist ein schlechthin anthropologisches Phänomen.« Die wichtigste Herausforderung für Harich bestand sicherlich darin, überhaupt die Notwendigkeit einer marxistischen Anthropologie zu begründen. (Der gegenüber Engelberg vertretene Ansatz, dies über die Bestimmung einer Moral des Sozialismus zu versuchen, er taucht in den Hartmann-Manuskripten modi ziert wieder auf, war eine potentielle Möglichkeit.) Deren Formulierung sei – so schrieb er in Der Gegenstand der Anthropologie – »nicht gar so abwegig ist, wie das manchem auf den ersten Blick hin erscheinen mag«. Ja, Harich ging sogar noch einen Schritt weiter: Der dialektische Materialismus verfüge bereits über verschiedene Aussagen, die zu einer Anthropologie zusammengefasst und erweitert werden könnten.81 Dies war so ziemlich das Gegenteil der »o ziellen« Position – und wie stark diese war, zeigte sich bereits in den Schwierigkeiten, die nur der Druck des Herder-Buches von Rudolf Haym, den Harich letztendlich doch gegen verschiedene Widerstände durchsetzen konnte, machte.82 Mit den 81 »Wir behaupten nicht weniger, als dass der dialektische Materialismus eine solche Anthro po logie bereits einschließt, dass Marx und Engels, Lenin und Stalin ihre Grundsätze klar und eindeutig dargelegt und sogar wichtige Teile von ihr sehr konkret ausgearbeitet haben und dass es nur darauf ankommt, die innere Systematik ihrer diesbezüglichen – freilich verstreuten – Untersuchungen und Hinweise zu erfassen, um sich ein deutliches Bild von ihren anthropologischen Anschauungen zu machen. Und wir behaupten weiter, dass überall dort, wo durch die Entwicklung der Humanwissenschaften neue Probleme spruchreif geworden sind, zu denen keine Äußerungen von ihnen vorliegen, die materialistische Dialektik doch eindeutig die Richtung vorzeichnet, in der die respektiven Lösungen und Antworten zu suchen sind.« 82 Siehe hierzu: Heyer: Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts, in: Band 4, S. 291–310. 5 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Klassikern« des Marxismus verband die Parteiphilosophie kein Ja, sondern ein Nein zur An thropo lo gie. Harich selbst war sich dieser Zusammenhänge bewusst und versuchte, gegen sie zu argumentieren: »Die Frage ist, was – wenn von alledem abstrahiert wird – dann noch übrig bleibt, mit anderen Worten: Ob Abstraktionen wie ›der Mensch‹, ›das Wesen des Menschen‹ und dergleichen überhaupt sinnvoll sind, und ob das, was sie in der angegebenen Allgemeinheit widerspiegeln, noch belangvoll genug ist, um als Gegenstand einer eigenen Wissenschaft in Betracht zu kommen. Und weiter fragt es sich, ob nicht gerade der Marxismus diese Allgemeinheit als illusorisch, als eine Fiktion erwiesen hat, so dass marxistische Anthropologie nur eine contradictio in adjecto sein kann. Lässt die Natur des Menschen sich vollständig in jenen historischen Besonderungen au ösen, von denen die Anthropologie um der schlechthinnigen Allgemeinheit ihres Gegenstands willen absehen muss, so hat dieser Gegenstand sich o enbar in nichts aufgelöst. Tatsache ist, dass die Klassiker des Marxismus das Abstrakt-Genus ›der Mensch‹ als Kategorie der Gesellschaftslehre für unzuständig erklärt und es in diesem Zusammenhang entschieden abgelehnt und bekämpft haben. Anstatt von ›der‹ Natur ›des‹ Menschen im Allgemeinen zu sprechen, sind Marx und Engels, Lenin und Stalin in ihren Analysen irgendwelcher gesellschaftlicher Erscheinungen jedes Mal von den wirklichen, historischen Menschen ausgegangen, von deren konkreten Beziehungen zur Natur und zu einander, von der geschichtlichen Bewegung ihres ökonomisch-gesellschaftlichen Seins und dessen Widerspiegelung im gesellschaftlichen Bewusstsein, von den in der Geschichte der Gesellschaft auftretenden Klassen und ihren Kämpfen, von den historischen Formen der Produktion, an die die Existenz dieser Klassen jeweils gebunden ist, von der Wechselbeziehung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in ihrer Entwicklung usw.« Gerade Marx habe dort, wo er sich gegen die Verallgemeinerung von angeblichen Allgemeinheiten »des Menschen« wendete, wichtige Beiträge dafür geleistet, dass marxistische Anthropologie überhaupt möglich sei. Harich berief sich zur Stützung dieser Rudolf Haym um 1890 6 0 E i nl e i t u ng Position zumeist auf drei Zitate, die auch in anderen Kontexten seines frühen Scha ens eine wichtige Rolle spielten. Sie werden im Folgenden in ihren jeweiligen Kontexten wiedergegeben: a) Das Biene-Baumeister-Beispiel aus dem Kapital: »Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Sto wechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. Er tritt dem Natursto selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Natursto in einer für sein eigenes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eigenen Botmäßigkeit. Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eigenen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seine Willen unterordnen muss. Und diese Unterordnung ist kein vereinzelter Akt. Außer der Anstrengung der Organe, die arbeiten, ist der zweckmäßige Wille, der sich als Aufmerksamkeit äußert, für die ganze Dauer der Arbeit erheischt, und um so mehr, je weniger sie durch den eignen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt, je weniger er sie daher als Spiel seiner eigenen körperlichen und geistigen Kräfte genießt. Die einfachen Momente des Arbeitsprozesses sind die zweckmäßige Tätigkeit oder die Arbeit selbst, ihr Gegenstand und ihr Mittel.«83 83 Marx, Karl: Das Kapital, Band 1, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 23, Berlin, 1968, S. 192 f. 6 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e b) Die 6. Feuerbach- ese:84 »Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse. Feuerbach, der auf die Kritik dieses wirklichen Wesens nicht eingeht, ist daher gezwungen: 1. Von dem geschichtlichen Verlauf zu abstrahieren und das religiöse Gemüt für sich zu xieren, und ein abstrakt – isoliert – menschliches Individuum vorauszusetzen; 2. Das Wesen kann daher nur als ›Gattung‹, als innere, stumme, die vielen Individuen natürlich verbindende Allgemeinheit gefasst werden.«85 Für Harich war diese Stelle einerseits exakte Kritik an Feuerbach und andererseits eine der Grundlagen einer möglichen und notwendigen marxistischen Anthropologie.86 Daneben gri Harich auch mehrfach auf die ersten drei Feuerbach- esen zurück: 84 Harich war ein guter Kenner der Philosophie Feuerbachs. Alle wichtigen Texte druckt der 5. Band (zu berücksichtigen sind auch die Bände 3, 4, 6.1 und 6.2). Dort auch sein Aufsatz: Über Ludwig Feuerbach. Zur 150. Wiederkehr seines Geburtstages, in: Band 5, S. 315–325. Nach seiner Haftentlassung betreute er dann die große Feuerbach-Ausgabe der DDR philologisch, freilich ohne Nennung seines Namens. 85 Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . 86 Harich schrieb: »Worin liegt der entscheidende Fehler Feuerbachs, den Marx hier kritisiert? Er liegt o enbar nicht darin, dass Feuerbach überhaupt das Abstrakt-Genus ›der Mensch‹ verwendet. Wenn es sich so verhielte, dann stünde fest, dass Marx denselben Fehler gelegentlich auch begeht, so zum Beispiel im Kapital, 5. Kapitel, wo es heißt: ›Wir unterstellen die Arbeit in der Form, in der sie dem Menschen (!) ausschließlich angehört.‹ Der Fehler Feuerbachs liegt vielmehr in der Art seiner Begründung der Religionskritik. Feuerbach lehrt, dass jede Gottheit Phantasieprodukt des Menschen sei, derart, dass der Mensch in ihr eine phantastische Projektion seiner eigenen, menschlichen Eigenschaften erzeuge, sie ins Unendliche steigere und als fremde Macht sich gegenüberstelle, um sie zu verehren. Er fasst also die Religion als phantastische ›Entäußerung‹ des ›menschlichen Wesens‹ auf und will das ›religiöse Wesen‹ in das ›menschliche Wesen‹ au ösen. Das alles bedeutet, dass er eine Erscheinung des Überbaus der Gesellschaft, eben die Religion, nicht aus ihrer wahren Basis, dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse mit seiner je historisch bestimmten Produktionsweise, ableitet, sondern aus dem Abstraktum ›der Mensch‹. Damit verfehlt Feuerbach die tatsächliche Grundlage der Religion, und Marx erkennt demgegenüber, dass es zur Erklärung der Religion der Analyse des gesellschaftlichen Seins der Menschen bedarf. Das religiöse Gemüt, sagt Marx, sei selbst ein gesellschaftliches Produkt, und das abstrakte Individuum, von dem Feuerbach ausgeht, gehöre in Wirklichkeit einer je bestimmten Gesellschaftsform an.« 6 2 E i nl e i t u ng »(1.) Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, dass der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefasst wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt – entwickelt. Feuerbach will sinnliche – von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedene Objekte: Aber er fasst die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im Wesen des Christenthums nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefasst und xiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der ›revolutionären‹, der ›praktisch-kritischen‹ Tätigkeit. (2.) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der eorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muss der Mensch die Wahrheit, i. e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage. (3.) Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergisst, dass die Umstände eben von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muss. Sie muss daher die Gesellschaft in zwei Teile – von denen der eine über ihr erhaben ist – sondieren. Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefasst und rationell verstanden werden.«87 c) Aus Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung: »Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. Die profane Existenz des Irrtums ist kompromittiert, nachdem seine himmlische oratio pro aris et focis widerlegt ist. Der Mensch, der in der phantastischen Wirklichkeit des Himmels, wo er einen Übermenschen suchte, nur den Widerschein seiner selbst gefunden hat, wird nicht mehr geneigt sein, nur den Schein seiner selbst, nur den Unmenschen zu nden, wo er seine Wirklichkeit sucht und suchen muss. Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder 87 Marx, Karl: esen über Feuerbach, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 3, Berlin, 1969, S. 5  . 6 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine eorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.«88 In den verschiedenen Manuskripten Harichs zur Anthropologie, in seinen Briefen und Exzerpten spielte er immer wieder auf diese Passagen an, zitierte sie ausschnittsweise oder vollständig bzw. setzte ihre Existenz implizit voraus. Aus den gerade wiedergegebenen Stellungnahmen von Marx leitete Harich die Konsequenz ab: »Es ist klar, dass man an unser Problem nur marxistisch herangehen kann, wenn man sich diesen Standpunkt ohne Einschränkung zu eigen macht. Die Frage ist nur, ob man deswegen auch die Berechtigung der Anthropologie als solcher bezweifeln muss. Wir glauben nicht nur, dass diese Konsequenz in keiner Weise zwingend ist; denn zweifellos hat Marx nicht behauptet, dass es den Menschen als ›dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum‹ gar nicht gäbe. Wir sind sogar der Meinung, dass es nicht so sehr darauf ankommen kann, die angeführten Marx-Sätze als mögliche Einwände gegen die Anthropologie in Betracht zu ziehen, gegen die man sich, wenn man diese philosophische Disziplin auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen will, gleichsam abzusichern hätte, 88 Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 1, Berlin, 1976, S. 378 f. 6 4 E i nl e i t u ng sondern vor allem darauf, zu erkennen, dass sie für den positiven Aufbau der marxistischen Anthropologie die denkbar größte Bedeutung haben.«89 Neben den bereits gebrachten Zitaten aus Werken von Marx, kam natürlich auch den Schriften von Engels enorme Bedeutung zu. Ein entsprechendes Zitat aus dem Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en wird gleich wiedergegeben. (Zu verweisen ist natürlich auch auf den Feuerbach, den Anti-Dühring und anderes mehr, alles Werke, die Harich gut kannte.) Marx und Engels hätten, so wiederholte Harich in Der Gegenstand der Anthropologie, nicht nur berechtigterweise gegen die Abstraktion »der Mensch« und die daran hängenden Konsequenzen (vor allem bei Feuerbach) gekämpft. Sondern es sei ihnen dadurch, von der marxistischen Wissenschaft bisher unentdeckt, gelungen, den Begri »der Mensch« zu präzisieren und damit verfügbar zu machen. Auf diese Weise hätten sie für den Marxismus den Gegenstandsbereich Anthropologie als Forschungsgebiet freigegeben. * * * * * Die Frage ist nun, wie soll das alles zusammengehen: Die »Klassiker« des Marxismus, die Kritik und Beerbung Feuerbachs, die Philosophie Gehlens, die bürgerliche An thropo lo gie und eine möglich, gar notwendige marxistische Anthropologie? Am 17. August 1965 schrieb Harich an Gehlen: »Sie selbst sagten mir vor 13 Jahren in Speyer mal, als wir da um den Dom herum spazierten, Sie freuten sich darüber, dass die ›Mängelausstattung‹ bei omas von Aquin vorkäme und in Marx gut hineinpasste; da müsse es wohl seine Richtigkeit damit haben, wenn solche Extreme nun auch noch mit Ihnen konform gingen.« Wenn zwei dasselbe sagen, muss nicht immer dasselbe gemeint sein. Zunächst natürlich, auch daran ließ Harich keinen Zweifel, sei eine Kritik der esen Gehlens notwendig, 89 Weiter heißt es: »Eine solche Haltung scheint uns deswegen die einzig richtige und der Sache angemessene zu sein, weil die zitierten Marx-Sätze gegen eine ganz bestimmte Philosophie gerichtet sind, die gesellschaftliche Erscheinungen aus der Perspektive des Menschen als abstrakt-isolierten und zugleich übergeschichtlich aufgefassten Individuums erklären zu können meinte und eben damit eine Verwirrung nicht nur der gesellschaftswissenschaftlichen, sondern auch der anthropologischen Problematik heraufbeschwor, während die Abwehr solcher anthropologischen Interventionen in Angelegenheiten der Gesellschaftswissenschaft, für die allein der historische Materialismus zuständig ist, zu einer Abgrenzung der Gegenstandsgebiete führt, die den legitimen Aufgabenbereich anthropologischer Forschung überhaupt erst einwandfrei hervortreten lässt.« 6 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e die immer vor dessen philosophische »Benutzung« zu stellen sei. In Über die Emp ndung des Schönen schrieb er: »Aber es ist eines, ein Phänomen zu sehen und zu beschreiben, und ein anderes, es ursächlich zu erklären. Erst Engels in seiner eorie vom Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en füllt hier die Lücke, die Platon und omas, La Mettrie, Herder und Kant gleichermaßen o en gelassen haben, indem er den qualitativen Sprung der Menschwerdung mit allen seinen historisch-sozialen und anthropologischen Konsequenzen aus dem Zentrum eines einzigen Moments her begreifbar macht. Das Phänomen der Zurückdrängung der Instinkte hat mit besonderer Gründlichkeit Arnold Gehlen in seinem anthropologischen Hauptwerk (Der Mensch etc.) behandelt. Von hier aus ist ihm die Bedeutung der Lorenzschen Forschungsergebnisse für die Grundlegung der psychologischen Seite der Ästhetik aufgegangen. Gehlen kennt die Arbeit von Engels nicht, wie er überhaupt vom Marxismus nicht Notiz nimmt. Das hat zur Folge, dass ihm in entscheidenden Fragen schwerwiegende Irrtümer unterlaufen. Da er sich zum Beispiel nicht erklären kann, wie es möglich ist, dass ein biologisch so unspezialisiertes Lebewesen wie der Mensch von einem so hochspezialisierten wie dem Anthropoiden abstammt, steht er den an thro po gene ti schen Problemen mit einem agnostizistischen Achselzucken gegenüber. Dabei polemisiert er mitunter geistreich und tre end gegen die Konstruktionen, zu denen die metaphysischen Anhänger Darwins gezwungen sind, wenn sie – ebenfalls in Unkenntnis der Engelsschen Schrift – die Besonderheiten des Menschen unmittelbar aus der Selektion abzuleiten versuchen. Diesen Konstruktionen weiß Gehlen aber selbst nur eine resignierte Skepsis entgegenzusetzen, wobei er sich vor allem auf die unhaltbare antidarwinistische Hypothese von Bolk beruft. Wo er gar die Grenzen seines Faches überschreitet und gesellschaftliche Zusammenhänge ins Auge fasst, für die der historische Materialismus zuständig ist, erliegt er meist völlig den obskuren Tendenzen der bürgerlichen Philosophie (so zum Beispiel in seiner eorie der ›obersten Führungssysteme‹).«90 90 Anschließend benannte er das Positive: »Das ändert aber alles nichts daran, dass die Deskriptionen Gehlens und seine konkreten Analysen überall dort von außerordentlichem Wert sind, wo sie sich auf die neue Qualität des Menschen rein als solche beziehen und deren Wesenszüge allgemeingültig herauszuarbeiten suchen. Gehlen ist der erste, der die Besonderheit der Organausstattung des Menschen, seines Instinktlebens, seiner Sprach- und Denkleistungen, seiner Erkenntnisfähigkeit usw. als ein Ganzes sich wechselseitig bedingender, aufeinander verweisender Momente untersucht hat. Die überraschenden Ergebnisse, zu denen er dabei gelangt ist, und die den ›getrennt marschierenden‹ Humanwissenschaften wie der Medizin, der biologisch orientierten Anthropologie, der Psychologie, Sprachwissenschaft usw. verborgen bleiben mussten, bestätigen die Engelssche eorie voll und ganz und stellen faktisch einen wichtigen Beitrag zu ihrer Konkretisierung dar.« 6 6 E i nl e i t u ng Doch zurück zur Frage: Gehlen und der Marxismus, wie soll das zusammenpassen oder zumindest, überhaupt erst einmal zusammenkommen? Am 22. März 1952 schrieb Harich an Gehlen: »A propos ›Unbefangenheit‹! Sie schreiben: ›Sehen Sie, das ist mein Geschäft: Ich weiß nicht sehr viel Metaphysisches, aber ab und zu gelingt ein Forschungsfund, etwas wirklich Neues, das ich deswegen (bilde ich mir ein) nden kann, weil ich gar keine eorie habe, völlig unbefangen bin und die wahrscheinlich sehr bürgerliche Eigenschaft habe, dass mir meine eigenen Gedanken am meisten interessant sind.‹ – Der sehr bürgerliche Goethe hatte diese sehr bürgerliche Eigenschaft nicht. Aber Goethe war sehr bürgerlich in einer Zeit, als die bürgerliche Klasse noch nicht so verkommen war, wie sie es heute ist. Kaspar Hauser ist also zum Leitstern bürgerlicher Geisteshaltung erst geworden. Bei Goethe können Sie lesen: ›Im Grunde sind wir alle kollektive Wesen, wir mögen uns stellen, wie wir wollen. (…) Selbst das größte Genie würde nicht weit kommen, wenn es alles seinem eigenen Innern verdanken wollte. (…) Ich habe Künstler gekannt, die sich rühmten, keinem Meister gefolgt zu sein, vielmehr alles ihrem eigenen Genie zu danken zu haben, die Narren! Als ob das überall anginge. Und als ob die Welt sich ihnen nicht bei jedem Schritt aufdrängte und aus ihnen trotz ihrer eigenen Dummheit etwas mache (…).‹ Dies zum Ersten. Zum Zweiten aber: Sie sind sehr im Irrtum, wenn Sie meinen, dass Ihnen Ihre eigenen Gedanken am meisten interessant sind. Darf ich Sie daran erinnern, wie interessant und aufschlussreich Ihnen Herder, Kant, Schiller, W. v. Humboldt, Novalis, Schopenhauer, Nietzsche, James, Dewey, Pareto, Uexküll, Köhler, Bolk, Schindewolf, Julian Huxley, K. Lorenz, Whitman, Heinroth, Storch, Portmann, Nicolai Hartmann, Plessner, Trilles, Mead, Malinowski, Heard, Toynbee und viele, viele andere sind? Ihre eigenen Gedanken sind etwas wirklich Interessantes, weil Schöpferisches, Neues, aber sie stellen eine Weiterentwicklung von Vorgefundenem dar, das andere vor Ihnen gescha en haben, und wenn Sie es sich genau überlegen, so sind auch Sie – um das berühmte Bekenntnis Goethes abzuwandeln – ein ›Kollektivwesen namens Gehlen‹. Was Sie groß und schöpferisch macht, ist gerade Ihre vielseitige Orientierung, Ihr vielseitiges Anknüpfen an philosophische und wissenschaftliche Leistungen anderer, Ihr – wie es scheint – sehr umfangreiches Studium medizinischer, anthropologischer und psychologischer Fachzeitschriften. Es ist also reine Koketterie, wenn Sie sich als Kaspar Hauser ausgeben. In Wirklichkeit sind Sie von solcher Narretei sehr weit entfernt, weiter als irgend ein bürgerlicher Philosoph im heutigen Deutschland.« 6 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Weimar Musenhain, Schiller (lesend), Goethe, Wieland und Herder Das »Kollektivwesen namens Gehlen« sei also Teil der bürgerlichen Welt, gehe aber dennoch, wenn nicht über diese hinaus, so doch hart an ihre Erkenntnisgrenzen heran. Gehlen erscheine »als im Grunde materialistischer Forscher, dem die ›metaphysischen‹ Flausen ein Gräuel sind«, wie Harich am 8. März 1952 schrieb. Diese Einstellung ist identisch mit jener, die Harich Zeit seines Lebens gegenüber Nicolai Hartmann geltend machte.91 Bewusst, vor allem aber unbewusst würde Gehlen durch sein Anknüpfen an für die bürgerliche Philosophie teilweise verlorene oder unbekannte eorien und esen der Vergangenheit nicht der modernen bürgerlichen Philosophie angehören, sondern gleichsam einer früheren Zeit, als die bürgerliche Philosophie noch »ehrlich« sein konnte und strikter Wissenschaftlichkeit huldigte, vor dem Eintritt der bürgerlichen Welt in die Epoche des Verfalls und der Dekadenz. Oder, etwas anders formuliert: Die Di erenzen des Marxismus zur bürgerlichen Philosophie der Gegenwart seien vielschichtig und allumfassend, aber wenn sich ein bürgerlicher Philosoph zu Hegel bekenne, sich mit Herder beschäftige usw., dann würden diese Di erenzen kleiner. Es tre e dergestalt erneut Marx auf Hegel – natürlich unter verschiedenen Vermittlungen 91 Siehe die entsprechenden Ausführungen des 10. Bandes. 6 8 E i nl e i t u ng und auf einem ganz anderen Erkenntnisstand.92 Und gegenüber solchen Vertretern der bürgerlichen Philosophie lohne es sich, dies war das Credo Harichs, den Marxismus zu ö nen, um es diesen zu ermöglichen, die letzten Schritte zu gehen. Wie es in dem gerade angesprochenen Brief heißt: »Sie schreiben, dass Ihre Interessen zunehmend positiv-wissenschaftlich und abnehmend philosophisch werden. Vortre ich! Das ist ein Bekenntnis, das Ihnen jeder Marxist zur allerhöchsten Ehre anrechnen wird. Mit dieser Orientierung sind Sie schon beinahe bei uns, und wenn Sie es nicht wären, würde ich ja auch nicht ein so beharrliches Liebeswerben um Sie veranstalten, das mir bei zehn Vorlesungsstunden in der Woche viel Mühe kostet.« Als Anthropologe (nicht als Wissenschaftler im Allgemeinen, nicht als politisch denkender Mensch, nicht bei Berücksichtigung seines ideologischen Fundaments – in diesen Punkten sei Selbstkritik notwendig, natürlich auch eine gewisse Großzügigkeit der Kommunisten) brächte Gehlen also vieles (längst nicht alles!) mit, was es ermöglichen würde, seine eorien in den Marxismus zu integrieren. Was genau Harich sich dabei dachte zeigen sehr gut die zweite und endgültige Version des Briefes, den er am 8. März 1952 an Gehlen schickte, und der darau olgende Brief vom 22. März, die im Folgenden etwas ausführlicher betrachtet werden können. Harich ging bei seinen Anmerkungen von den ersten drei Feuerbachthesen von Marx aus und schrieb dann. »Auch hierzu haben Sie mit Ihren Analysen des Menschen als eines primär handelnden Wesens Neues und Wichtiges beigetragen, ja, man kann sagen, dass Sie in bestimmten Kapiteln und Teilen Ihres Buches diese genialen Hinweise der Klassiker des Marxismus (wahrscheinlich ohne es zu wissen und zu wollen) konkretisiert haben.«93 92 Harich schrieb am 8. März 1952: »Sie haben noch eine lebendige Beziehung zu dieser großen Tradition deutschen Denkens, die im Marxismus ›aufgehoben‹ ist. Aber weil Sie den Marxismus nicht kennen – oder ausschließlich in Form der politischen Agitation der Kommunistischen Partei –, lassen Sie sich auf Schritt und Tritt von den pragmatistischen Missverständnissen des Wesens der Praxis verführen.« 93 Weiter heißt es: »Nur ist es eben so, dass die Arbeit das grundlegende Moment in dem ganzen Komplex von Handeln, Tätigkeit, Praxis, menschlicher Teleologie, Naturerkenntnis, Naturbeherrschung, Logik und biologischer Retardation und Rückbildung darstellt. Denn einerseits stellt die Arbeit das plausible Zwischenglied zwischen dem ›Lebensdienlichen‹ und den abgeleiteten, entfernteren Modi kationen der handelnden ›Natur‹ des Menschen dar, andererseits hat die Arbeit jene nicht mehr natürlichen Lebensbedingungen gescha en, unter denen die Wirksamkeit des Gesetzes der natürlichen Zuchtwahl 6 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Am 22. März wiederholte Harich diese Einschätzung von einem anderen Standpunkt aus: »Gegen Ihre falschen theoretischen und methodischen Voraussetzungen setzen sich bei Ihnen – weil das Prinzip des ›einheitlichen Strukturgesetzes‹ richtig ist – wesentliche Einsichten (teilweise Ahnungen) durch. Sie können sich dem Gefühl nicht entziehen, dass Sie es in Ihrer Anthropologie mit höchst widerspruchsvollen, dialektischen Erscheinungen zu tun haben. Sie schreiben (…): ›Überhaupt ist das Fragmentarische einer wissenschaftlichen Konzeption kein Gegenstand eines berechtigten Einwandes, nicht einmal Widersprüche würden einen solchen begründen. Sie könnten in der Sache liegen!‹ Sehr richtig: Die Widersprüche liegen in der Tat in der Sache. Es kommt jedoch darauf an, dass man sie methodisch bewusst als Widersprüche der Sache erfasst. Nur dann kann man sie in einer logisch widerspruchsfreien eorie aussprechen. Tut man dies nicht, so spricht man die Widersprüche der Sache aus, indem man sich selbst widerspricht. Und das kann dann allerdings ein Gegenstand sehr berechtigter Einwände werden.« Weitaus intensiver und stärker setzte sich Harich mit dem Problemfeld Gehlen und der Marxismus in den verschiedenen Exzerpten und Notizen auseinander, die er sich in den fünfziger Jahren anfertigte. Hier ging es um seine Selbstvergewisserung, so dass er weitaus stärker Gehlens Grenzen und Schranken betonte. In den Notizen zu Gehlens Sozialpsychologischen Problemen in der industriellen Gesellschaft führte er 1952 aus, was zu tun sei, um Gehlen den Marxismus näher zu bringen: »Man müsste Gehlen klarmachen, dass in der dialektisch-materialistischen Lehre vom Annäherungscharakter des Erkenntnisprozesses nicht nur rationalistischer Optimismus (ohne jede Anmaßung) liegt, sondern gleichzeitig auch Bescheidenheit, Ehrfurcht vor dem Problemen, Anerkennung der Unerschöp ichkeit des Gegenstandes (ohne Agnostizismus und Ignorabimus). Man müsste ihn auf die klassischen Worte Lenins hinweisen, in denen diese Bescheidenheit zum Ausdruck kommt (zum Beispiel auf die Unterscheidungen zwischen relativer und absoluter Wahrheit und den objektiven Wahrheitsgehalt beider in Materialismus und Empiriokritizismus). Man müsste ihm überhaupt von unserer Bescheidenheit in diesem Sinne eine klare Vorstellung verscha en.« aufgehoben wird, so dass ein organisches ›Mängelwesen‹ entstehen kann und entstehen muss und seine Mängel biologisch vererben kann.« 7 0 E i nl e i t u ng Eine Voraussetzung dafür sei beispielsweise (so Harich an anderer Stelle): »Es ist sehr vielversprechend, dass Gehlen Tschechow liebt. Wenn er ihn wirklich liebt, ist hier unbedingt eine Einbruchstelle für marxistische Beein ussung. Man müsste ihm zunächst einmal alle Bücher von Lukács zu lesen geben.« Die Konsequenz dieses Unterfanges wäre dann: »Wenn Gehlen den Marxismus studiert und sich ihm gegenüber so aufrichtig prüfend verhält wie gegenüber seinen anderen Quellen, wird er eines Tages die stillschweigenden Voraussetzungen der bürgerlichen Soziologie nicht nur bemerkenswert nden, sondern sie energisch bekämpfen, und zwar vom Klassenstandpunkt der Arbeiter, die die Bedingungen revolutionieren können. (›Wenn mein starker Arm es will, stehen alle Räder still!‹) Er wird sich unweigerlich der KP oder dem linken Flügel der Sozialdemokratie anschlie- ßen. (Was übrigens für die Arbeiterbewegung ein gewaltiger Gewinn wäre!!!)« Den Weg von a) nach b) hat Harich in diesem Exzerpt an einem Beispiel ebenfalls aufgezeigt (dabei die bisherige Unwissenheit Gehlens in Bezug auf den Marxismus ebenfalls konstatierend)94: 94 »Andererseits ist und bleibt es grotesk, wie wenig Gehlen, der Gelehrter von hohem Rang ist, den Marxismus kennt. Er kennt die Deutsche Ideologie, ein geniales, aber durchaus unausgereiftes Jugendwerk von Marx und Engels, das diese ›der nagenden Kritik der Mäuse umso williger überließen, als wir unseren Hauptzweck damit erreicht hatten – Selbstverständigung.‹ (Marx über die Deutsche Ideologie im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie) Er will ferner über ›Planung‹, Planwirtschaft usw. mitreden, nachdem er einerseits den platten ›common sense‹-Aufkläricht der Margaret Mead, dieses soziologischen College-Girls, genossen und sich andererseits durch die ›Managerial Revolution‹ des trotzkistischen Schweins James Burnhams hat ›belehren‹ lassen. Er kennt den Sozialismus also nur aus bürgerlichen Zerrbildern.« Und an anderer Stelle: »Es ist ein noch traurigeres, die verkehrte Welt des Westens noch besser bezeichnendes Merkmal, dass im Jahre 1952, also mehr als 100 Jahre nach dem Erscheinen des Kommunistischen Manifest und fast 35 Jahre nach der Oktoberrevolution, der sozialistische Humanismus noch von einem deutschen Gelehrten von Weltrang für etwas Phantastisches und Utopisches gehalten werden kann. Wenn Gehlen Wert darauf legt, den Anachronismus eines guten Teils seiner Produktion zu überwinden – und das muss er, wenn er bei den Menschen der Zukunft nicht als sonderbare Figur gelten will –, so wird es Zeit, dass er von der Realität der Sowjetunion Notiz nimmt. Die Zeit, in der jede Au ehnung gegen Bestehendes (Fichte, Hölderlin) utopisch, jede Versöhnung mit der Wirklichkeit Resignation war, und in der beide Haltungen unvereinbar waren, ist unwiderru ich vorbei.« 7 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Die Grundtendenz der Kritik, die Gehlen an der industriellen Gesellschaft übt, ist zutiefst humanistisch. Gehlen kommt so der marxistischen Gesellschaftskritik um Haaresbreite nahe, ja, mehr noch: Er bereichert und konkretisiert sie durch wesentliche neue Erkenntnisse. (…) Gehlen sieht nicht, dass seine Analyse nicht auf die technische Zivilisation schlechthin, sondern nur auf die kapitalistische technische Zivilisation zutri t. Er kennt weder den Sozialismus in der Sowjetunion, noch die humanen Errungenschaften in den Ländern der neuen Demokratie, in den Volksrepubliken. Aus diesem Grunde fehlt ihm eine Zukunftsperspektive. Aus diesem Grunde sind seine Arbeiten – gerade wegen ihrer rücksichtslosen Aufrichtigkeit – von Resignation und Pessimismus überschattet. Aber: Wenn er mit dieser rücksichtslosen Aufrichtigkeit nun auch noch die marxistische Literatur studiert (und nicht nur die Deutsche Ideologie), wenn er sich dann noch die Mühe nimmt, zu uns zu kommen, das Leben und die Arbeit unserer Partei zu beobachten usw. und damit die Plattheiten der Mead und die Lügen Burnhams zu vergleichen, dann endet er unweigerlich als Bolschewik!!!« In dem Interview, das er anlässlich des Todes von Gehlen der Frankfurter Rundschau gab, betonte Harich erneut die bürgerlichen Grenzen und Erkenntnisschranken Gehlens. Er ging aber auch auf jenen Punkt ein, der Gehlen mit dem Marxismus verbinde, diesen für den Marxismus interessant mache: »Ganz nahe kommt Gehlen dem Marxismus aber darin, dass er den Menschen durchweg aus der Eigenschaft, handelndes Wesen zu sein, interpretiert. Ich erinnere nur an die Unterscheidung der Aktivitäten von Biene und Baumeister bei Marx, im 5. Kapitel des Kapitals, sowie an Engels’ Schrift Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en. Die enge Berührung ist um so erstaunlicher, als Gehlen davon bei der Abfassung seines Hauptwerks, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940), nichts ahnte. Und übertro en hat er die bisherige marxistische Forschung durch die genialen Ein zelana lysen, die er aus seinem – und unserem – zentralen Ansatz herauszuholen wusste; so, wenn er etwa das Zusammenspiel von Auge und Hand im Erkenntnisprozess behandelt oder dem Wesen des Charakters auf den Grund geht.« * * * * * Wenn Harichs philosophisches Werk inspiziert wird, dann zeigt sich ein wesentlicher, ein charakteristischer Zug: Er war, auch in seinen Fehlern, ein eigenständiger Denker, der sich zwar an andere eoretiker anlehnte, die Bandbreite reicht von Nicolai Hartmann bis Georg Lukács, von Hegel und Marx und Engels bis zu Gehlen, sich aber nie 7 2 E i nl e i t u ng einem anderen völlig kritiklos hingab. Adeptentum war seine Sache nicht. (Es genügt an dieser Stelle, an seine Kritik bezüglich des von ihm sehr verehrten Lukács zu erinnern95 oder beispielsweise an die in der DDR einzig und solitär dastehende Auseinandersetzung mit Engels und Lenin in Widerspruch und Widerstreit96.) Es kann also nicht überraschen, wenn er auch an Gehlen Kritik übte: »Wenn Sie konsequent Nietzsches Gedanken einer biologischen Interpretation des Menschen durchführen wollen, müssen Sie zu kolossalen Missverständnissen spezi sch gesellschaftlicher Erscheinungen gelangen, zu Missverständnissen, die die Eselsbrücke zu einer philosophisch ›vertieften‹ Neubegründung der faschistischen Ideologie bilden. Ihre ›obersten Führungssysteme‹ liegen hart an der Grenze des Faschismus, und nicht zufällig berufen Sie sich in diesem Zusammenhang ja auch auf Alfred Rosenberg (jedenfalls in der mir vorliegenden Au age von 1940). (Ich nehme Ihnen das, nebenbei bemerkt, gar nicht übel, denn den Verführungen Nietzsches sind zeitweise auch solche konsequenten Demokraten wie Bernard Shaw und omas Mann erlegen, und wenn ihnen ein radikaler Denker von Ihrem Format erliegt, dann muss er in Konklusionen, die sich aus dieser falschen Prämisse ergeben, zwangsläu g noch sehr viel weiter gehen. Im Übrigen ist niemand, der den Marxismus nicht kennt und durchdacht hat, gegen Rückfälle in barbarische Ideologien ganz und gar immun. Heute kommt es nur darauf an, dass Sie um der Weiterentwicklung Ihrer eigenen genialen Leistung willen diese Irrtümer radikal überwinden. Möge der Humanismus unseres großen Herder in Ihnen den endgültigen Sieg über Nietzsches Verführungen erringen, dann werden Sie unweigerlich auch den Weg zu Marx, Engels, Lenin und Stalin nden und Ihre eigene Leistung tiefer und richtiger verstehen!)« Weiter heißt es, im Rahmen dieser Kritik wird der Marxismus so zu einer Option für einen Ausweg: 95 Die Bandbreite reicht dabei von der angesprochenen frühen Kritik in Sachen Goethe (hierzu: Heyer: Der gereimte Genosse) bis hin zu der partiellen wissenschaftlichen Kritik in den Texten des Alters. Siehe hierzu beispielsweise Harichs Kritik an Nietzsche, mit der er dem eigenen Anspruch nach über Lukács (und auch über Hans Günther und Franz Mehring) hinausging. 96 Abgedr. in mehreren Versionen: Band 3, S. 53–316. Zur Kant-Rezeption in der DDR siehe: om, Martina: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, in: Rauh, Hans-Christoph; Gerlach, Hans-Martin (Hrsg.): Ausgänge. Zur DDR-Philosophie in den 70er und 80er Jahren, Berlin, 2009, S. 86–120. 7 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Ich sagte: Wenn Sie konsequent den Gedanken einer biologischen Interpretation des Menschen durchführen, gelangen Sie zum Faschismus. Ich muss hier das Wort ›wenn‹ energisch unterstreichen. Denn was Sie mit ›biologisch‹ meinen, lässt durchaus auch die Entscheidung für eine ganz andere Lösung o en. Wenn Sie nämlich den Gedanken einer anthropologischen Interpretation des Menschen konsequent durchführen, wenn Sie die biologischen Kategorien, die Sie entwickeln, so spezi sch menschlich verstehen, wie Sie es tun, dann kann es gar nicht ausbleiben, dass Sie die gesellschaftliche Geprägtheit dieser Kategorien, deren spezi schen sozialen ›Einschlag‹ erkennen, und die soziologischen Anspielungen in Ihrem Rundfunkvortrag zeigen, dass Sie zur Zeit nach einer solchen Lösung tasten.« Auf dem Gebiet der Anthropologie mache sich, wie Harich am 22. März 1952 schrieb, Gehlens trotz aller Emanzipation immer noch vorhandene Verhaftung in der bürgerlichen Welt und damit in der bürgerlichen Denkart geltend: »Auch Sie tragen, wie alle bürgerlichen Intellektuellen, falsche Denkformen mit sich herum, von denen Sie beherrscht werden. Beispiel: Dass ein so unspezialisiertes Wesen wie der Mensch von einem so hochspezialisierten Wesen wie dem A en abstammen soll, nden Sie ungeheuerlich. Sind Sie sich darüber klar, dass Sie damit auf genau denselben philosophischen Voraussetzungen basieren wie der klassische Darwinismus in seiner bornierten Darwin-Haeckelschen Form? Für Darwin-Haeckel war der Mensch höchstes Produkt einer einfachen, linearen Höherentwicklung der Natur. Sie kannten die Kategorie des qualitativen Sprunges und die Kategorie der coincidentia oppositorum nicht, wandten sie nicht an, waren daher blind für die neue Qualität des Menschen und machten es sich leicht, indem sie die Organprimitivismen, die Retardationen usw. einfach übersahen. Ergebnis: Die Substantiierung des Geistes in der idealistischen Metaphysik blieb unangefochten bestehen, konnte durch den Darwinismus nicht aus der Welt gescha t werden, konnte vielmehr ihrerseits den Darwinismus als primitiv abtun. Bolk und andere entdeckten dann die Organprimitivismen und die Retardationen, kannten die Kategorien des qualitativen Sprunges und der coincidentia oppositorum aber ebenfalls nicht, wandten sie gleichfalls nicht an und gelangten daher – auf der Grundlage der gleichen philosophischen Voraussetzungen wie Darwin und Haeckel, nur anhand anderer Tatbestände – zur Leugnung der Abstammung des Menschen vom Tier.«97 97 Weiter heißt es: »Ferner: Abgesehen von der Übereinstimmung in den allgemeinen philosophischen Voraussetzungen kennen beide – Darwin-Haeckel und Bolk-Schindewolf – die fundamentale Bedeutung der Kategorie ›Arbeit‹ nicht. Beide sehen die Erscheinungen, 7 4 E i nl e i t u ng Harich ließ keinen Zweifel daran, dass er die Unkenntnis, die Nicht-Kenntnis der marxistischen Lehre durch Gehlen für dessen »Fehler und Verirrungen« maßgeblich verantwortlich machte. Die entsprechenden Passagen aus seinen Exzerpten wurden bereits wiedergegeben. An Gehlen schrieb er mit gleichlautender Grundtendenz: »Zunächst einmal handelt es sich dabei um die einfache Ausmerzung einer – verzeihen Sie! – sehr bemerkenswerten und aufschlussreichen Bildungslücke, einer Bildungslücke, die wieder einmal die marxistische ese von der Klassenbedingtheit der Ideologien beweist (praktisch beweist). Wenn Sie das Werk von Marx, Engels, Lenin und Stalin wirklich kennen würden, so würden Sie den folgenden Satz wahrscheinlich nicht zu Papier bringen – den Satz: ›Aber welches sind die tre enden soziologischen Kategorien? Denn diese sind uns nämlich erst zum kleinsten Teil bekannt und so konnte ich (!!!) bisher (!) erst zwei oder drei beitragen.‹ Sie konnten beitragen! Wissen Sie eigentlich wirklich nicht, dass die ›tre enden soziologischen Kategorien‹ zwischen pazi schem Ozean und Elbe, zwischen nördlichem Eismeer und Vietnam den ABC-Schützen beigebracht werden? Können Sie sich vorstellen, dass Kant, Fichte und Hegel nicht von der Französischen Revolution Notiz genommen hätten? Ich weiß nicht recht, wo ich die tre enden soziologischen Kategorien für die Kennzeichnung eines solchen exemplarischen Beispiels bürgerlich-intellektueller Weltfremdheit hernehmen soll! Wenn ich es marxistisch de nieren wollte, würde man mir glatt vulgäre Einseitigkeit vorwerfen. (›So einfach dürfen Sie es sich mit der bürgerlichen Intelligenz aber nicht machen, Genosse Harich!‹)« die sie untersuchen, isoliert von den Lebensbedingungen und Tätigkeiten des Menschen. Die einander ausschließenden eorien des Darwinismus und der Bolk-Richtung sind also im Grunde nur Kehrseiten ein- und derselben bornierten Denkweise. Und woran liegt das, dass alle diese Denker, die als Wissenschaftler so achtenswerte, unentbehrliche Leistungen zu Stande gebracht haben, gleichzeitig als Philosophen – die sie unbewusst sind – einer so ho nungslosen Borniertheit zum Opfer fallen? Es liegt daran, dass die Klassenverhältnisse des niedergehenden Kapitalismus a) die Wissenschaftler im platten Empirismus gefangen halten und ihr Denken den philosophischen Traditionen entfremden (weder Darwin-Haeckel, noch Bolk-Schindewolf kennen Herder, Hegel usw.), b) eine schier unübersteigbare Barriere zwischen den bürgerlichen Intellektuellen und dem Marxismus aufrichten und auf diese Weise c) die wissenschaftsfeindlichen Tendenzen der bürgerlichen Ideologie zusammen mit den entsprechenden methodischen Voraussetzungen in den Köpfen der Intellektuellen, diesen selber unbewusst, xieren. Daher sagt Lenin: ›Keinem einzigen dieser Professoren, die im Stande sind, auf Spezialgebieten – Chemie, Geschichte oder Physik – die wertvollsten Arbeiten abzuliefern, darf man auch nur ein einziges Wort glauben, sobald von der Philosophie die Rede ist.‹« 7 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Gehlen stecke in Widersprüchen, er diagnostiziere sehr gut, erkenne auch Fehler und Verfehlungen innerhalb der bürgerlichen eorie, sei aber nicht in der Lage, Auswege zu weisen, eben da er sich nicht o ensiv zum Marxismus und zur Dialektik bekenne: »Aus diesen vertrackten Zirkel kommen Sie nur heraus, wenn Sie sich von den Denkgewohnheiten der Metaphysik (Re exionsphilosophie) frei machen und Dialektik studieren. ›Unbefangen‹ werden Sie auf keinen Fall sein, weder als Metaphysiker, noch als Dialektiker. Aber als Metaphysiker wissen Sie nicht, wovon Sie befangen sind. Als Dialektiker wissen Sie es genau: Sie gehen mit den methodischen Prinzipien an die Realität heran, die der bewusstseinsunabhängigen Gesetzmäßigkeit der Sache angemessen sind. Damit bin ich nun an einem Punkt angelangt, wo ich die Methode des dialektischen Materialismus gegen Ihr Misstrauensvotum verteidigen muss. Sie schreiben: Diese Methode sei in dem Sinne metaphysisch, dass sie alles erkläre und nicht widerlegbar sei. Verzeihen Sie: Das ist ein Irrtum, es ist sogar eine Unterstellung. Die Methode des dialektischen Materialismus erklärt nämlich überhaupt nichts. Sie ist nichts, gar nichts ohne die konkrete Tatsachenforschung, ohne das Experiment, ohne die Praxis, ohne ein reiches empirisches Material, die allein zuverlässige Erkenntnis begründen können. Die materialistische Dialektik gibt nur die Anleitung, die Erscheinungen in ihren realen Zusammenhängen zu studieren, sie in ihrer Bewegung, Veränderung und Entwicklung zu sehen, sich bei allen Prozessen in der Realität auf qualitative Sprünge gefasst zu machen, die die harmonische Evolution an bestimmten Punkten durchbrechen, und die inneren Widersprüche in den Erscheinungen aufzudecken.«98 98 An anderer Stelle seines Briefes vom 22. März 1952: »Die materialistische Dialektik als Methode des Herangehens an die Erscheinungen der Realität, als Methode der Erforschung der Erscheinungen, schneidet keineswegs der Forschung den Weg ab (das bleibt den metaphysischen Denkgewohnheiten vorbehalten). Sie ist kein Hebel der Konstruktion à la Hegelianertum. Sie präsentiert nicht irgendwelche ›absoluten Wahrheiten‹. Sie verp ichtet den Forscher nicht, auf gewollte und von vornherein ›gewünschte‹ Resultate zuzusteuern, sie ist in jeder Hinsicht undogmatisch, ist der Todfeind jedes Dogmatismus. Sie weiß nicht alles schon vorher. Sie kann auch niemals die konkrete Forschung ersparen; denn wie gesagt: Ohne empirisches Tatsachenmaterial, ohne Experiment und Praxis ist und bleibt sie unfruchtbar. Sie zwingt auch nicht die Erscheinungen in ein festgelegtes Schema, sondern erfordert im Gegenteil, dass alle nur erdenklichen Möglichkeiten erwogen werden. Sie ist die schlechthin elastischste, der Realität am meisten sich anschmiegende Denkmethode. Wem sie in Fleisch und Blut übergegangen ist, der trägt in seinem Bewusstsein den inneren Appell, bei keiner Ober äche haften zu bleiben, keine Erscheinung ungeprüft so hinzunehmen, wie sie sich auf den ersten Blick gibt, keine Erscheinung – und sei sie von so achtbarer Konstanz wie unser Sonnensystem – als etwas ewig Gegebenes, Unveränderliches anzusehen, sondern nach den Bedingungen ihrer Entstehung 7 6 E i nl e i t u ng In den achtziger Jahren geriet dieses Argument dann bei Harich in den Vordergrund. Weitaus stärker als in den fünfziger Jahren betonte er nun, dass sich Gehlen dem Marxismus verweigert, diesen nicht zur Kenntnis genommen und damit auch seine marxistischen Vorläufer, vor allem Friedrich Engels, verschwiegen habe. Dennoch, trotz dieser Kritik, auch im Angesicht der kleinen und der eklatanten Fehler, stellte Harich fest, dass die Au assung des Menschen als eine Einheit ein »großes, bleibendes Verdienst« Gehlens darstelle. Gehlen habe diese seine Entdeckung überspitzt und damit überstrapaziert. (Das war ein Argument, welches Harich direkt von Nicolai Hartmann übernommen hatte, der es im Rahmen seiner Philosophie der Geschichte sowie seiner Geschichtsphilosophie als eines der grundlegenden Momente der Geschichte des Denkens geltend gemacht hatte: Jede neue »Entdeckung« nehme sich, verständlicher Weise, zuerst zu wichtig, um dann im Laufe der Zeit und durch wieder neue »Entdeckungen« auf das ihr »zustehende« Maß zurecht gestutzt zu werden. Dergestalt bleibe sie dann Teil des menschlichen Wissens und Teil des permanenten Erkenntnisfortschritts.) Als Marxist könne man solche Überspitzungen problemlos erkennen und richtig einordnen: »Sie sind nicht das Wesentliche, sie werden entweder von Ihnen selbst oder von späteren Schülern und Epigonen – ich möchte meinen: namentlich von den Marxisten, denen die Zukunft gehört – kritisch abgebaut und revidiert werden. Entscheidend ist die Entdeckung, und die bleibt (…).« Freilich könne bereits Gehlen aktiv werden und seine Rezeption im marxistischen Lager erleichtern. Eine neue Au age des Menschen sei erforderlich, die den Entwicklungs- und Erkenntnisstand der marxistischen eorie berücksichtige sowie sich gleichzeitig von verschiedenen bürgerlichen Denkrichtungen verabschiede. Gehlen müsse seinen Weg konsequent weitergehen, da er ja bereits andere bürgerliche Verirrungen hinter sich gelassen habe. Mit Harichs Worten: »Wovon sich die neue Fassung Ihres Buches indessen freimachen müsste, das sind alle Reste von Relativismus und subjektivem Idealismus, die mit Ihrer Orientierung auf den Pragmatismus zusammenhängen und das Resultat dieser Orientierung sind. Ich will nicht leugnen, dass Ihnen James und Dewey ›neue Phänomene der Wirklichkeit aufgeschlossen‹ haben. Empirisches Material ist immer und unter allen Umständen wertvoll, und Sie und den Bedingungen ihres möglichen Vergehens zu fragen. Wer dialektisch denkt, ist vor allem mit Ehrfurcht vor dem Speziellen und Speziellsten ausgerüstet und gefeit gegen falsche Verabsolutierungen partieller Erkenntnisse.« 7 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e haben Recht, wenn Sie es benutzen. (Auch Hitler hat prächtige Autobahnen bauen lassen, und es wäre reines Troglodytentum, sie aus antifaschistischem Purismus nicht zu befahren.) Sie müssen sich nur davor hüten, mit den wertvollen Aufschlüssen des amerikanischen Pragmatismus auch gleich die Prinzipien seiner Erkenntnistheorie zu übernehmen. Wenn man die Existenz einer objektiven, vom Bewusstsein unabhängigen, an sich gesetzmäßigen Realität leugnet, wenn man den Begri der Wahrheit ktionalistisch verdreht, bestreitet man die Grundlagen jeder Wissenschaft.« Eine irgendwann – nach Harich ho entlich bald und zügig und umfassend – einsetzende Gehlen-Rezeption hinter dem »eisernen Vorhang« würde den richtigen Umgang mit Gehlens eorien nden. Harich dachte an genau jenes Vorgehen, das man gegen- über Feuerbach, Hegel, Kant und Fichte, beispielsweise gegenüber Schellings Naturphilosophie usw. an den Tag lege: Benennung der Irrtümer und Fehler bei gleichzeitiger Beerbung, Aufbewahrung, aller positiven Resultate und Errungenschaften: »Es wäre jedoch gut und würde komplizierte Umwege und Verzögerungen ersparen, wenn Sie selbst, der Sie von allen lebenden Denkern diese Materie am relativ richtigsten und tiefsten erfasst haben, diese Weiterentwicklung leisten könnten. Die bürgerlichen Philosophen sind dazu ausnahmslos unfähig – vergleichen Sie doch nur die jämmerlichen Elaborate der Heidegger, Jaspers und wie sie alle heißen mögen mit den Dimensionen Ihres Werkes –, und im marxistischen Lager, das die richtigen Kategorien und die richtige Methode mitbringt, ist man noch lange nicht so weit, hier stehen zunächst noch ganz andere Probleme auf der Tagesordnung. Wenn Sie selbst diese Arbeit leisten wollten, müssten Sie sich allerdings – wie ich glaube – sehr gründlich mit dem Marxismus vertraut machen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich will Sie nicht etwa politisch ›werben‹, nicht nach dem ›Osten‹ locken, ja, nicht einmal politisch überzeugen – wie gern ich es auch täte. (Über Politik diskutiere ich mit Ihnen nur, wenn Sie ausdrücklich versichern, dass Ihnen das in keiner Hinsicht lästig ist.)« Weiter führte Harich dann aus: »Auch wenn Sie subjektiv dem Kommunismus noch so feindlich gegenüberstehen sollten – durch Ihre Leistung sind Sie sozusagen ein für alle Mal selbst zu einer unverlierbaren Entwicklungsstufe des objektiven Wissens geworden und werden es durch nichts mehr verhindern können, dass den kommunistischen Studenten von morgen und übermorgen die positiven Errungenschaften aus Ihrem Buch als obligatorischer Lehrsto abgefragt 7 8 E i nl e i t u ng werden. Nein, um Politisches geht es hier ganz und gar nicht, sondern darum, dass der ›Sokrates und Asklepios in einem‹, nach dem Sie rufen, bereits längst existiert: Er heißt Marx. Ohne Marxismus können Sie die Frage: Biologisch oder nicht und wie weit und in welchem Sinne biologisch? einfach nicht beantworten. Ohne Marxismus können Sie weder den Vulgärmaterialismus, noch die Vulgarismen der Psychoanalyse, noch die Ontologie, noch die metaphysisch-idealistischen Schrullen von Litt, noch den Biologismus erledigen. Ohne Marxismus können Sie sich auch nicht von den Irrtümern des soziologischen und historischen Relativismus und von denen Nietzsches und des Pragmatismus freimachen, von Irrtümern, die Ihnen selbst das richtige Verstehen der eigenen bahnbrechenden Entdeckung ganz ungemein erschweren.« Es wurde gerade Harichs Aussage vom 8. März 1952 zitiert: »Ich will Sie nicht etwa politisch ›werben‹, nicht nach dem ›Osten‹ locken, ja, nicht einmal politisch überzeugen – wie gern ich es auch täte.« Beendet hatte er den damaligen Brief mit den Sätzen: »Ich will damit schließen. Wenn es Ihnen recht ist: nur vorläu g! Verstehen Sie bitte meine Anpreisung des Marxismus nicht falsch. Es soll keine Proselytenmacherei von der billigen Sorte sein. Ich kann nicht anders, als Ihnen, den ich verehre, und von dessen Drang nach Wahrheit ich tief, tief überzeugt bin, etwas von dem mitzuteilen, was ich selbst als Wahrheit erkannt habe.« Gehlens Forschungen und Resultate seien wichtig für den sich entwickelnden Marxismus. Wenn dieser, teilweise eklatante, philosophische und philosophiehistorische Lücken aufweise, so sei das der historischen Situation geschuldet.99 Dieses Argument machte Harich in den späten vierziger und fünfziger Jahren immer wieder geltend. Da durch die Sowjetunion und die sozialistischen Staaten des Ostens nunmehr eine stabile Grundlage gescha en sei, müsse sich der Marxismus philosophisch weiter entwickeln und letztlich alle philosophischen Disziplinen mit eigenen eorien abdecken. Und er arbeitete zusammen mit Lukács und Bloch daran, den Marxismus zu einer umfassenden 99 »Verständlicherweise sind im Marxismus, der sich zunächst und vor allem die Dinge der Revolution angelegen sein lässt, sogar große, weite Gebiete sehr vernachlässigt, und es ist schon sehr viel, wenn Engels zu Ihrem Gebiet, sehr verehrter Herr Professor, wenigstens das Fragment einer Broschüre beigesteuert hat. Die Kritik am Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie und der Briefwechsel mit den russischen Narodniki waren nämlich dringender. Und für Stalin sind der Atlantikpakt und manches andere im Moment leider noch sehr viel dringender als die Frage der Sprachwissenschaft, und es ist schon viel, wenn er auch zu einer solchen Frage ein paar wegweisende Richtigstellungen liefert, die dem Vulgär- und Pseudomarxismus das Handwerk legen.« 7 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Philosophie zu entwickeln. (Siehe hierzu vor allem Harichs Vademecum und die Schriften aus diesem Umfeld.)100 Am 22. März 1952 hielt er gegenüber Gehlen fest, dass für die Anthropologie im Marxismus sehr wohl Platz sei: »Wie es vieles andere im Marxismus noch nicht gibt, so auch nicht die ›Entlastung‹ und die ›unbestimmte Verp ichtung‹. Aber was daran sachlich richtig ist, dafür ist im Marxismus Platz. Und wenn dadurch gewisse, noch recht naive Gedanken aus Engels’ Schrift Über den Anteil der Arbeit unhaltbar werden sollten, so müssten diese Gedanken ohne Rücksicht auf Engels’ Autorität unbedingt über Bord geworfen werden (vor allem der völlig missdeutete sprechende Papagei von Seite 9!). Aber Sie müssen Ihre pragmatistischen und biologistischen Reste, Ihren historischen Relativismus und Ihr agnostizistisches Achselzucken über die Abstammungsfrage auch über Bord werfen. So kommen wir zusammen: Auf dem Boden rücksichtsloser, konsequenter Wissenschaftlichkeit, auf dem Boden rücksichtsloser Kritik und Selbstkritik!« Und schließlich, diesen Gedankengang fortsetzend: »Zugegeben – man kann es vorerst bei einer deskriptiven Anthropologie bewenden lassen und wird dann auch immer sehr beachtliche und vorwärtsweisender Einsichten zu Stande bringen: Ihre Arbeiten beweisen das. Aber es kommt darauf an, dass man als Wissenschaftler in der Situation, in der man lebt, das Maximum an Wahrheit ausspricht, dessen man fähig ist. Und das kann man nur, wenn man sich mit der bloßen Beschreibung der vorgefundenen Phänomene nicht zufrieden gibt, sondern sie historisch-genetisch zu erklären versucht, und das wiederum erfordert eine Synthese ›Gehlen plus Darwinismus plus Marxismus‹! Nur dann kann man auch den Platz der Anthropologie im Gesamtzusammenhang der Wissenschaften bestimmen. Und nun noch etwas sehr Ernstes: Die Zeit ist nicht mehr fern, dass der Kommunismus endgültig siegen wird. Wenn Ihr Werk dann nur in den vorliegenden Fassungen vorliegt (mit Berufungen auf Nietzsche, Pareto usw. und ohne plausible Hypothese über die Menschwerdung), kann es möglicherweise lange Zeit missverstanden bleiben, bis endlich einer entdeckt, was an Wertvollem darin steckt. Vielleicht wird es uns beide dann nicht mehr geben? In der Zwischenzeit werden An thropo lo gie und Psychologie auf Pawlows ›bedingten Re exen‹ herumreiten, die nur ziemlich simple Teilwahrheiten sind. Können Sie das vor der Zukunft verantworten? Können Sie es verantworten vor den Millionen Studenten von 1970 und 1980? Na, und Ihr Weltruhm liegt Ihnen gar nicht am Herzen? Ein Weltruhm, den Sie im kapitalistischen Lager nicht 100 Abgedr. in: Band 1.3, S. 2109–2136. 8 0 E i nl e i t u ng haben, weil man dort wissenschaftliche Philosophie nicht brauchen kann, und den Sie sich in unserem Lager mit Nietzsche-Pareto-Überwucherungen und mangelnder Abstimmungshypothese unter Umständen auf lange Zeit ebenfalls verscherzen?« Änderungen seien also notwendig. Nicht nur, um Gehlen für den Marxismus »attraktiv« zu machen, sondern auch für dessen eorien selbst, für ihre künftige Wirkung innerhalb der bürgerlichen und der sozialistischen Gesellschaft. Ja, nicht zuletzt, gehe es um die Gehlens Stellenwert in der Geschichte der Philosophie: »Aber die Weiterentwicklung Ihrer Anthropologie ist nicht nur aus taktischen Rücksichten geboten, sondern vor allem um der Wahrheit willen, um des Maximums an Wahrheit willen, zu dem Sie verp ichtet sind. Bis jetzt sind Sie nur der Newton der Anthropologie. Das ist schon viel. Aber wenn Sie doch auch der Kant und Laplace der Anthropologie sein können, warum wollen Sie denn dann der Newton bleiben? Das Schlagwort ›Newtons metaphysische Beschränktheit‹ und die ehrfurchtsvolle Nennung von Kants Allgemeiner Naturgeschichte und eorie des Himmels101 gehören seit Engels zum guten Ton im marxistischen Lager. Können Sie sich wirklich damit ab nden, der Newton der Anthropologie zu bleiben?« An diese Ausführungen schloss sich der Hinweis an: »Lesen Sie Engels, Stalin, Plechanow, Mehring, Luxemburg und Lukács! Sie werden sich unweigerlich von der Stichhaltigkeit der dort ausgebreiteten Argumente überzeugen. Und da nun einmal Quantität in Qualität umzuschlagen p egt, wird Ihnen – bei gehörigen Quanten marxistischer Lektüre – die materialistische Dialektik sehr bald in Fleisch und Blut übergehen. Die Voraussetzungen bringen Sie mit dem ›einheitlichen Strukturgesetz‹ und der positiv-wissenschaftlichen Orientierung mit.« Es ging also doch um Werbung für den Marxismus, den Harich Gehlen schmackhaft machen wollte. Zeitlich parallel zu den gerade zitierten Briefen an Gehlen aus dem Frühjahr 1952 arbeitete Harich an seiner Hegel-Denkschrift, die er an Fred Oelßner schickte, um die Kritik an seiner auch heute noch bekannten Hegel-Vorlesung abzuwen- 101 Siehe hierzu neben den bisherigen Ausführungen: Harich: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, in: Band 5, S. 247–298. Außerdem: Bloch, Ernst: Zweierlei Kant-Gedenkjahre, in: Ders.: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 442–461. Grundlegend war die Einschätzung von: Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 315  . 8 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e den bzw. das dort von ihm Gesagte in die entsprechenden historischen und philosophiegeschichtlichen und philosophischen Kontexte einzuordnen. Die Notwendigkeit, den Marxismus weiter als philosophische Disziplin auszubauen und dabei die Philosophie durchaus sehr ernstzunehmen, begründete er wie folgt: »Dazu kommt aber noch eine weitere Überlegung: Die Tatsache, dass das Interesse für Philosophie, für das ›Wälzen von Problemen‹ – zugegeben: oft in abstrakter, weltfremder, ja mystischer Form – geradezu zu den psychischen Eigenarten der deutschen Nation gehört. Wenn unsere Partei dieser Tatsache nicht Rechnung trägt, wenn sie diesen möglichen Stützpunkt nicht ›besetzt‹ – und dazu gehört die Entwicklung einer wirklichen philosophischen Kultur –, dann beraubt sie sich selbst eines wichtigen Mittels der Beein ussung namentlich der Intelligenz, aber auch breiter Kreise interessierter, aufgeschlossener werktätiger Menschen, die man auf diesem Weg gewinnen kann – gewinnen durch Befriedigung ihrer speziellen geistigen Bedürfnisse. Schließlich handelt es sich dabei um eine gesamtdeutsche Aufgabe. Es gibt Teile der Intelligenz in Westdeutschland, die wir mit unserer Propaganda einfach nicht erreichen, weil wir uns um ihre speziellen Probleme nicht kümmern. Ich selbst stehe im Briefwechsel mit zwei westdeutschen Dozenten (Prof. Gehlen, Speyer, Dr. Anneliese Mahn, Tübingen), und ich kann sagen, dass ich auf dem besten Weg bin, diese Menschen anhand ihrer Fachproblematik von der Fruchtbarkeit des Marxismus-Leninismus zu überzeugen. Beide sind auf ihrem Gebiet vorzügliche (wenngleich bisher noch sehr enge, bornierte) Kenner, haben aber bislang den Eindruck gehabt, dass es bei uns Philosophie oder gar eine Auseinandersetzung mit Leibniz, Kant, Fichte, Hegel usw. überhaupt nicht gibt. Es ist gar nicht schwer, an diese Menschen heranzukommen und sie auf den Weg zur Wahrheit zu führen. Man muss nur die Probleme aufwerfen, mit denen sie ringen. «102 Doch diesem Weg sollte sich die SED immer verweigern, was sicherlich den Untergang verschiedener Teile der DDR-Wissenschaften beschleunigt hat und ein Stück weit auch 102 Band 5, S. 124–126. Fred Oelßner, 1951 (links) 8 2 E i nl e i t u ng legitimiert. Erinnert sei nur an die kaum quanti zierbaren Bände zur »Kritik der bürgerlichen Ideologie« und ähnliches mehr, die dieses »schmoren im eigenen Saft« und damit auch das Versagen der DDR-Philosophie exemplarisch illustrieren. * * * * * Im Kontext dieser Passage kann jener Brief gelesen werden, den Harich am 26. April 1952 an Gehlen schickte. Es ist ein einzigartiges Dokument, auf seine Art positiv-verrückt, dadurch zukunftso en, ho nungsvoll. Harich schlug darin zwei Dinge vor: Erstens eine DDR-Ausgabe des Menschen und zweitens die Übersiedlung Gehlens nach Ost-Berlin mit dem Ziel der Wahrnehmung einer Professur für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität: »Kurzum: Wie wäre es denn – unter uns gesagt! – mit einem Ordinariat in Berlin? Mit dem Lehrstuhl Fichtes und Hegels? Sie brauchen uns, und wir brauchen Sie! Sie brauchen uns, denn die Auseinandersetzung mit den Sowjetwissenschaftlern, sowie mit Leuten wie Fred Oelßner, Walter Ulbricht, Ernst Bloch, Paul Rilla, Bertolt Brecht, Erich Wendt, Alfred Meusel, Anna Seghers, Johannes R. Becher usw. würde dem Menschen entschieden zu Gute kommen. Und wir brauchen Sie, denn die Berliner Universität ist in Punkto Philosophie seit dem Fortgang von Spranger und Hartmann sehr auf den Hund gekommen.«103 Es steht außer Frage, dass beide Vorhaben natürlich undurchführbar waren. Gehlen hatte als bekennender Nazi die Entnazi zierung verweigert und war damit in der DDR vollständig untragbar. (Selbst im Westen dauerte es noch einige Jahre, bis ihm die Konrad-Adenauer-Stiftung endlich einen Preis verleihen konnte, da man es dort mit faschistischen Vergangenheiten nicht so genau nahm, bis heute nicht allzu genau nimmt.) Jedoch, und dies ist mit der positiv-verrückten Seite des Briefes gemeint: Er zeigt auch all die ganzen Ho nungen, die Harich in den Marxismus setzte. Dieser sollte ein offenes, ein welto enes System werden, es sollte Platz haben für jede Art von fortschritt- 103 An anderer Stelle dann: »Also, wie wär’s: Wollen Sie nicht herkommen? Natürlich wird Hollitscher, der vor Ihrer Anthropologie höllische Angst hat, weil sie ihm ›zu hoch‹ ist, mit wahrem Eifer den Rosenberg aus der ersten Au age des Menschen und manches andere noch hervorkramen, um sich seine fragwürdige Autorität zu sichern. Aber er wird Ihnen nichts anhaben können; unsere Partei hat Sinn für Qualität, und alles, was bei uns wirklichen Ein uss besitzt, dürstet danach, neuen Erkenntnissen den Weg zu bereiten, und so wird man dem Hollitscher rechtzeitig – und ohne dass er erst Schaden anrichten kann – das Maul stopfen.« 8 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e lichen Erkenntnissen. 1953, spätestens 1956 entpuppten sich diese Ideale als Illusionen. Aber es bleiben eben in Gestalt des nun kurz vorzustellenden Briefes auch die damaligen Chancen und Möglichkeiten präsent in der Geschichte, die nicht genutzt wurden. Harich teilte Gehlen mit, dass er ab dem 1. Juli 1952 eine längere Vortragsreise durch Westdeutschland absolvieren werde (er hielt Vorträge über Herder und Heine) und nach seinem Termin in Heidelberg nach Speyer kommen werde. In persönlichen Gesprächen gelte es dann die beiden oben angesprochenen Möglichkeiten auszuloten. (Die entsprechenden Ausführungen wurden bereits wiedergegeben.) Ein Stück weit die schlugen die damals existierenden Realitäten durch, wenn Harich geltend machte: »Andererseits gibt es auch in der vierten Au age Ihres Buches (die jetzt hier bei Par teitheo re tikern etc. kursiert) gewisse Stellen, wo sich manches in uns sträubt: Novalis, Nietzsche und Pareto lieben wir nicht, am wenigsten Pareto. Wir sind uns zwar klar darüber, dass es auch bei diesen Denkern wertvolle Einsichten gibt, und sehen deutlich, dass Sie ausschließlich solche Einsichten im Menschen zitiert haben, ohne in irgendeiner Hinsicht dem romantischen Obskurantismus und der faschistischen Ideologie Vorschub zu leisten. Aber es gibt eben heute noch Wunden, die nicht vernarbt, Tränen, die nicht getrocknet sind, und erst in Jahren werden wir so weit sein, das partielle Gute uns auch aus Nietzsche und Pareto heraus zu picken und gebührend zu würdigen. Dass der Pragmatismus ›die einzige bisher erschienene Philosophie‹ sein soll, ›welche grundsätzlich den Menschen als handelndes Wesen ansieht‹ (Seite 329), will uns auch nicht munden. Alle diese Beanstandungen tre en zwar niemals das Wesentliche Ihrer eorie. Aber könnte man nicht dafür Sorge tragen, dass sich das Wesentliche bei uns recht bald und ohne Missverständnisse durchsetzt – ohne Missverständnisse, die unabsehbare Umwege, Verzögerungen und Anfeindungen seitens dogmatischer Flohknacker mit sich brächten?«104 104 Weiter dann: »Mit anderen Worten: Ich will Sie zu einer überarbeiteten Lizenz-Ausgabe des Menschen für die DDR veranlassen. Wenn Sie dies ablehnen sollten, so würde ich nach meiner Rückkehr hier für Sie vorbereitend die Reklametrommel rühren: Einerseits durch kritische Würdigung Ihrer Leistung in Form von Essays, Artikeln, Vorträgen usw., andererseits durch interne Diskussionen mit führenden sowjetischen und deutschen Genossen. Ich glaube, dass ich es dann scha en würde, die Verbreitung Ihres Werkes in der DDR auch mit Nietzsche- und Pareto-Zitaten durchzusetzen; aber das würde natürlich länger dauern, und mir scheint, dass wir in einer Zeit leben, in der der 'Weltgeist' Eile hat, in der man es sich also eigentlich nicht leisten kann, mit solchen wichtigen Dingen zu säumen. Kurzum: Dies muss ich mit Ihnen besprechen.« 8 4 E i nl e i t u ng Doch nicht nur für den Marxismus und die DDR sei Gehlens eorie wichtig. Auch umgekehrt gelte, dass Gehlen sich in der DDR endlich wirklich entfalten werden können. Er würde auf ein System tre en, in dem die Philosophie eine vorrangige Rolle spiele und die ö entlichen Debatten und Diskurse bestimme. »Ein großer Vorteil des geistigen Lebens in der DDR liegt darin, dass die maßgebende Leute in Politik, Wirtschaft und Kultur fast ausnahmslos witzige, kluge und gebildete Menschen sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass hier philosophische Bücher wirklich gekauft und gelesen werden. Die Bücher von Lukács sind bei uns – und wir sind auf ein Drittel Deutschlands angewiesen – in Au agen von bis zu 50 000 Exemplaren erschienen und immer sehr bald vergri en gewesen. Ernst Blochs kompliziertes und anspruchsvolles Hegel-Buch erschien in 20 000 Exemplaren. Die Au agenzi ern von Spinoza, Kant, Herder, Goethe und Hegel gehen ins Phantastische, von den marxistischen Klassiker ganz zu schweigen.« Die von Harich an den Tag gelegte Euphorie verschwand schnell. In Speyer kamen die beiden einander auch persönlich näher und, wie bereits angesprochen, ihre freundschaftliche Korrespondenz hielt bis zu Gehlens Tod an. Allerdings muss Harich in Speyer oder den Monaten danach klar geworden sein, dass Gehlen am Marxismus kein Interesse habe und auch nicht in die DDR kommen werde, weder persönlich noch in gedruckter Form. Am 25. April 1953 antwortete er auf Gehlens Frage, womit dieser ihm eine Freude machen könne: »Wenn Sie einen Aufsatz über Herder (zum 150. Todestag im Dezember) für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie schreiben würden. Aber das werden Sie ja wohl doch nicht tun!« * * * * * Harich nahm den Kontakt zu Gehlen sehr wichtig. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der vorliegende Band dokumentiert, wie er verschiedene Briefe an ng und dann erneut ein zweites Mal verfasste, um bestimmte Dinge, die er sagen wollte, besser zu formulieren, Vergessenes hinzuzufügen usw. Zudem ist damit evident, dass sein »werben« um Gehlen und dessen eorien Ernst gemeint war. Eine ese, die sich auch dadurch belegen lässt, dass die Schilderung der DDR und der in dieser handelnden Personen, die Harich gegenüber Gehlen gab, mit dessen eigentlichen Überlegungen kaum zusammenkommen. Er vertrat also nach außen, gegenüber Gehlen ein »schöngefärbtes« Bild der DDR. Er verschwieg fast alles von dem, wogegen er ankämpfte, er 8 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e verschwieg seine eigenen Probleme – wenn man so will: Im Namen einer marxistischen Anthropologie. Ende 1956 wurde Harich in der DDR verhaftet und anschließend zu einer zehnjährigen Zuchthausstrafe verurteilt – wegen »Bildung einer konspirativen staatsfeindlichen Gruppe«. Der brie iche Kontakt zu Gehlen brach natürlich ab. Im Prozess gegen Harich selbst waren, dies sei nur kurz angemerkt, alle philosophischen und wissenschaftlichen Belange ausgeklammert, es ging ausschließlich um politische Fragen. Gleichzeitig unternahm die Staatssicherheit aber enorme Anstrengungen, um die Drucklegung weiterer Harich-Texte zu verhindern, es wurden sogar bereits ausgelieferte Bücher mit Texten von ihm aus dem Verkehr gezogen. Im Dezember 1964 wurde Harich etwas vorzeitig aus der Haft entlassen (Anlass war eine Amnestie zum 15. Jahrestag der Gründung der DDR). Mit dem Journalisten und eaterkritiker Friedrich Luft war Harich seit Mitte der vierziger Jahre, seit vielen gemeinsamen Tagen und Abenden im kulturellen Berlin,105 eng befreundet. Beider Kontakt hielt über Jahrzehnte. Friedrich Luft nun schrieb am 10. Juli 1965 an Gehlen, dass er in Ostberlin Harich getro en habe und es diesem, den Umständen entsprechend, soweit ganz gut gehe.106 Harich habe Luft gebeten, dass dieser seine Grüße an Gehlen übermittle. Es würde ihm nicht als opportun erscheinen, Gehlen zuerst zu schreiben, aber wenn dieser sich melden würde, dann könnte er antworten. Es ging Harich demnach auch darum, gegenüber den Behörden der DDR den Eindruck zu vermeiden, als ob er versuchen würde, alte, westliche Kontakte zu erneuern. Gehlen reagierte sehr schnell, bereits am 14. Juli 1965. Und Harich antwortete, den ersten Brief begann er am 22. Juli, schickte diesen dann aber nicht ab. Er schrieb am 23. erneut: »Aus dem an der Ostsee verbrachten Sommerurlaub zurückkehrend, fand ich zu Hause Ihren Brief vom 14. Juli vor, über den ich mich riesig gefreut habe und für den ich Ihnen vielmals danken möchte. Es ist sehr schön für mich, mit Ihnen nun wieder in Verbindung 105 Siehe die immer noch interessanten Schilderungen bei: Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948, Frankfurt am Main, 1997. 106 Den Brief von Friedrich Luft an Arnold Gehlen, 1 Blatt, maschinenschriftlich, mit handschriftlichem Vermerk von Harichs Adresse, stellte mir Karl-Siegbert Rehberg zur Verfügung, dem dafür recht herzlich auch an dieser Stelle gedankt sei. 8 6 E i nl e i t u ng zu stehen. Das Letzte, was ich vor der langen Pause von Ihnen bekam, war 1956 Ihr – ich glaube damals von mir sogar telegraphisch erbetenes – Buch Urmensch und Spätkultur. Es kam damals leider nicht mehr dazu, dass ich mich darüber zu Ihnen äußern konnte, aber in den Jahren 1957/1958 hatte ich das Buch, das mir großen Genuss bereitete und viele wichtige Erkenntnisse vermittelte, monatelang ständig bei mir (in den ersten Jahren seiner Haft durfte Harich nicht lesen, AH), mit dem Ergebnis, dass es jetzt, von oben bis unten mit Randnotizen beschrieben, neben mir liegt. Diese Notizen will ich nun in den nächsten Wochen noch einmal durchlesen und dann in einem späteren Brief an Sie wenigstens stichwortartig zu einigen Fragen, in denen ich mit Ihnen nicht ganz einverstanden bin, Stellung nehmen. Dass ich in Grundpositionen Ihr begeisterter Anhänger bin, versteht sich nach wie vor von selbst. Meine Einwände möchte ich vorläu g in dem Vorwurf ›Entökonomisierung der Soziologie‹ zusammenfassen. Was ich des Nähren darun ter verstehe, will ich Ihnen später in Ausführungen vor allem zu Seite 38 unten bis Seite 39 erstes Drittel Ihres Buches konkret auseinandersetzen. Heute nur soviel, dass ich es im Ganzen genommen wieder ein großartiges Werk nde.« Der Kontakt zwischen beiden war wiederhergestellt. Die für Harich interessanten emenschwerpunkte waren nach seiner Haftentlassung auf philosophischem Gebiet durchaus identisch mit seinen Arbeiten vor 1956. Er beschäftigte sich wieder mit der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus im Allgemeinen und mit Hegel und Kant im Speziellen, er arbeitete zur Logik und nahm auch frühere literaturwissenschaftliche Studien erneut auf. Die Anthropologie blieb dabei Teil des Fundaments seines Denkens, spielte aber nicht mehr die entscheidende Rolle, trat eher in den Hintergrund. Mit Blick auf Gehlens eorien wurden für Harich nun zwei andere Felder bedeutsam: a) Überlegungen zu Kunst, Kultur und Ästhetik und b) seine Arbeiten zur Anarchie. Der erste Punkt ist im Folgenden anzusprechen, den Überlegungen zur Kritik der 68er-Bewegung dann anschließend Platz einzuräumen. Die Ablehnung vieler Facetten der modernen bzw. modernistischen Kunst gehörte für Harich zum Kernbestand seines Denkens. Er war durchaus o en für Neues und Erneuerung, es genügt dafür bloß an seine Freundschaft Bertolt Brecht zu denken und wie er diesen in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren gegen zahlreiche Angri e, auch von Seiten der Partei, verteidigte.107 Aber, um es ganz banal zu sagen, 107 Harichs wichtige Schriften, Briefe, Artikel usw. zu, über Brecht nden sich in den Bänden 1.1, 1.2 und 1.3. Dort vor allem der Brief an Anton Ackermann vom 17. Januar 1949 8 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e ein Ölklecks war für ihn eben ein Ölklecks – und er weigerte sich, in solchen politische oder kulturelle Botschaften zu suchen. Nachzulesen ist seine Position in der Auseinandersetzung mit Heiner Müller, die seinerzeit hohe Wellen schlug.108 Am 20. August 1965 formulierte er dies in einem Brief an Gehlen wie folgt: »Ich kann mich eben nicht glaubwürdig dafür einsetzen, dass Leibniz im Studienplan breiter behandelt werden muss und dass uns eine vollständige Hegel-Ausgabe not tut und dass anerkannt werden sollte, dass es bei Nicolai Hartmann und bei Ihnen noch viel für uns zu lernen gibt, wenn ich gleichzeitig Agitation für den Bildungswert irgendwelcher verbogenen Drahtspiralen oder unde nierbarer Klecksereien mache. So stehen die Fragen hier. Und da soll ich nun auch noch darauf Rücksicht nehmen, dass ich potentiell linkssympathisierende Bohémiens in den Ateliers und Cafés von Düsseldorf nicht vor den Kopf stoße? Da bin ich einfach überfordert, das ist zu viel verlangt.« Eine längere Passage aus seinem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe, das als geplanter Anhang für Zur Kritik der revolutionären Ungeduld in den frühen siebziger Jahren entstand, kann Harichs Position exemplarisch verdeutlichen: »Während in der DDR junge Leute zu schreiben anfangen, die mit den spezi schen Sozialismusproblemen auf vertrauterem Fuß stehen als jene heimgekehrten Emigranten, dabei aber auch kritischer sehen und besser schreiben können als die, die sich vor ihnen, mit ebenso geruchlosem Kopf wie ihre westdeutschen liberalen Kollegen, um das Leben und Treiben in LPGs und volkseigenen Betrieben bemüht haben – ich nenne unter den konstruktiv-kritisch duftenden Neuen nur de Bruyn und Welk –, während sich dies, wie gesagt, unmerklich in der DDR vollzieht, kommt in Westdeutschland in den sechziger Jahren das Krisenbewusstsein wieder auf volle Touren, wirft die liberalen Illusionen über Bord, stinkt bald so impertinent, dass Bundeskanzler Erhard mit zugehaltener Nase ›Pinscher‹ röchelt, bis schließlich die ihm folgenden Regierer gar nichts mehr sagen, (abgedr. in: Band 1.3, S. 1481–1493). Zentral ist auch die Auseinandersetzung mit Fritz Erpenbeck, der Brechts Mutter Courage Formalismus, »volksfremde Dekadenz« und ähnliches vorgeworfen hatte. Harich reagierte in der Weltbühne (Nr. 6, 1949) mit dem Aufsatz Trotz fortschrittlichen Wollens (neu abgedr. in: Band 1.1, S. 265–270). 108 Harich hatte den Dingo-Aufsatz im Oktober 1972 geschrieben, er erschien unter dem Titel Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß zuerst 1973 in der Sinn und Form (Heft 1). Wir verweisen hier auf die im Juni 1973 überarbeitete und auf der Basis der laufenden Diskussion ergänzte Neuedition der Schrift, erschienen im Rowohlt Literaturmagazin, Nr. 1, 1973, S. 88–122. 8 8 E i nl e i t u ng sondern sich nur für alle Fälle still eine Gasmaske aufsetzen, bevor sie eine Neuerscheinung aufschlagen. Subversion und Zersetzung werden dernier cri. Das waren sie schon zweimal, in den Jahren der Weimarer Republik, erst unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg bis ungefähr 1923, dann wieder zwischen 1929 und 1933, beim zweiten Mal wesentlich schwächer, aber auch weniger verworren. Die neue westdeutsche Situation aber weist demgegenüber zwei bemerkenswerte Besonderheiten auf, die jedem Marxisten zu denken geben müssen. Einerseits fehlt, im Unterschied zur Weimarer Zeit, die reaktionär-faschistische Kritik am Bestehenden, der Gestank aus den Ärschen von rechts, fast ganz und ist so unbedeutend, dass man überhaupt nur dann von ihm spricht, wenn ein ihn verbreitender obskurer Winkelverlag aus der Ausstellungshalle der Frankfurter Buchmesse davongejagt wird – für einen Marxisten ein vielversprechendes Symptom dafür, dass, wenn jetzt noch einmal die geistige Subversion in eine praktische Umwälzung des Bestehenden hinüberwachsen sollte, größere Chancen als je zuvor existieren, ein Ausrutschen des Prozesses nach rechts, in Richtung Faschismus, zu vermeiden. Einander konfrontiert sind fast nur noch die linken Zersetzer und die letzten wankenden Gestalten liberaler Geruchslosigkeit aus der Ära Adenauer. Bemerkenswert ist ferner, dass die geistige Linke sich keineswegs nur aus den Erben analoger Erscheinungen der Spätzeit der Weimarer Republik rekrutiert, sondern sich ihr auch emotionaler getönte Typen zugesellt haben, die damals mit der gleichen Mentalität ganz sicher den Brodem einer Blut- und Bodenmystik ausgeströmt hätten, sich jetzt jedoch rational und aufklärerisch gebärden, um sich, wenn ihnen das nicht gelingen will, mit einem linken Modeslogan auf den Lippen ans Zerstören und Zerschlagen der noch übriggebliebenen Reste literarischer Formkultur zu begeben. Sie trauen sich nicht, so verquollen zu sein, wie es ihnen eigentlich läge. Also ist es ihnen lieber, dass das geschriebene Wort ganz kaputt gemacht wird, ehe die sich anbahnende Revolution merkt, wie wenig sie ihr zu sagen haben. Denn dass die kommt, spüren selbst sie in ihrer heimlichen Verquollenheit, und ein Plätzchen in dem Pantheon, worin die Revolution ihre Wegbereiter ehren wird, möchten sie sich auch gern ergattern. Andererseits – politisch noch erfreulicher, für den Literaturfreund freilich noch bedauerlicher: Die übelsten Zersetzer links, die von Schwefeldioxyd bestialisch qualmenden, sind dermaßen von Sehnsucht nach revolutionärer Praxis besessen, dass sie es gar nicht mehr auf ihren Schreibtischstühlen aushalten und so eigentlich gar nichts mehr zu Wege bringen. Ö net man die Fenster, lässt man die chemischen Wolken ihrer früheren Produktion abziehen, so stellt sich heraus: Sie stinken eigentlich nur noch nach Faulheit, genannt dokumentarische Literatur. Man kauft einen neuen Enzensberger, siehe da, es ist eine Kompilation aus Werken anderer. Man geht in die Au ührung eines Stücks von Peter Weiß, vorgespielt werden einem Prozessprotokolle, die er beim Durchlesen zusammen- 8 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e gestrichen und aus denen dann vermutlich seine Sekretärin mittels Schere und Tesa lm ein Drama fabriziert hat. Genossin Runge trägt ihr Tonbandgerät durch die Gegend, um das, was ihr Buch sein wird, von anderen ins Mikrophon sprechen zu lassen. Diese Faulheit der ganz Linken ist das deutlichste Symptom dafür, das nächstens die Gedanken der Revolution verstummen und ihre Wa en sprechen könnten. So hielt der subversive französische Geist den Atem an, nachdem Voltaire und Rousseau tot waren, um nur noch den kleinen Beaumarchais mit seinem Figaro hervorzubringen, ein Krümelchen, gemessen an den Giganten, die davor das Feld beherrscht hatten. So versickerten und verlepperten sich Junges Deutschland und Junghegelianertum gegen Ende des Vormärz, derweil Marx und Engels in Paris, Brüssel, London aus der Bewegung des westeuropäischen Proletariats ihre Schlüsse zogen. So bar aller Tschernyschewskijs und Dobroljubows war die russische Linke am Vorabend des russisch-japanischen Krieges. Außer Gorki, der sich zu der Zeit dem Drama zuwandte und das Nachtasyl verfasste, waren es links eigentlich nur noch Parteimarxisten, Bolschewiki, Menschewiki, Weltkind Trotzki in der Mitte, die emsig die Federn übers Papier gleiten ließen zwecks Verfertigung einer immer mehr praxisbezogenen, meist Organisationsfragen behandelnden Literatur, während der unter ihnen, der am unbeholfensten schrieb, der einen fast archaisch anmutenden Stil hatte, ein junger Mann im Kaukasus mit mehreren Decknamen – einer hieß Stalin – sich zu den Taten rüstete, die Lenin noch 1905 dazu bewegen sollten, seinem Organisationsgenie die Aufgabe anzuvertrauen, dem innerrussischen Gruppengemengsel der bolschewistischen Fraktion der SDAPR eine feste, funktionsfähige Struktur zu geben.«109 Über die Verbindung von Anthropologie und Ästhetik hatte Harich 1953 den in diesem Band zum Abdruck kommenden Aufsatz Über die Emp ndung des Schönen geschrieben. Darin heißt es: »Gehlen hat, wie wir sehen werden, durchaus die spezi sch menschlichen Erscheinungen in ihrer qualitativen Besonderheit im Auge und ist vor allem um deren Klärung bemüht. Wie in seinem anthropologischen Hauptwerk (Der Mensch – Seine Natur und seine Stellung in der Welt) geht es ihm auch auf ästhetischem Gebiet um das Verständnis des qualitativen Novums des Menschen. Freilich fehlen ihm, dem bürgerlichen Forscher, die Kategorien des dialektischen Materialismus, so dass er, bei aller Bedeutung seiner fachwissenschaftlichen Funde, nicht im Stande ist, die Kontinuität der Entwicklung und den qualitativen Sprung in ihrer gesetzmäßigen Einheit zu begreifen. Er lässt die Gegensätze unbewältigt nebeneinander stehen, beschränkt sich auf bloße Deskriptionen und redet in der Abstam- 109 Band 7, S. 282–284. 9 0 E i nl e i t u ng mungsfrage gar einer reaktionären Skepsis das Wort. Auch ist er weit davon entfernt, aus seiner eigenen Entdeckung sachlich sehr naheliegende Schlussfolgerungen zu ziehen, die die Ästhetik des Realismus von einer neuen Seite her rechtfertigen würden. Trotz alledem enthalten seine Ausführungen einen rationellen Kern, der sie derart bedeutend macht, dass die materialistische Ästhetik an ihnen nicht vorbeigehen kann.« Harichs Kunstverständnis zeigt sich auch sehr gut in jener Aufzählung, die er am 8. März 1952 Gehlen brie ich mitteilte. Dieser hatte von »gewissen Machwerken der abstrakten Kunst« gesprochen und Harich entwickelte dann seine Überlegungen zu einer marxistischen Ästhetik und darüber, wie diese den Verfall der bürgerlichen Kultur erkläre. Die von ihm angesprochenen 10 Punkte können hier (nach der zweiten und endgültigen Version des Briefes) vollständig wiedergegeben werden: »1) Der Kapitalismus unterwirft die Kunst den Gesetzen der Warenproduktion und des Absatzes. Daraus folgt: Massenproduktion von leicht absetzbarer Pseudokunst, die den schlechten Geschmack der Massen als ergiebigen Markt benutzt und gleichzeitig diesen ergiebigen Markt fortlaufend reproduziert. Was begehrt ist, wird geliefert, gleichzeitig sorgt das Gelieferte dafür, dass die Begehrnisse im Zustand der Minderwertigkeit erhalten bleiben. (Unter Pseudokunst verstehe ich hier: Kitsch jeder Art, Schlager, Kriminalromane, seichte Operetten, amoralische Filme, pornographische Magazine usw. usf.) 2) Der Kapitalismus, eine Ausbeuteordnung, hindert die Massen der Werktätigen daran, sich die Schätze wirklicher Kultur und Bildung anzueignen, hindert sie damit an der Entfaltung eines guten ästhetischen Geschmacks und liefert sie so der Pseudokunst aus. 3) Ein erheblicher Teil der ernsthaften Kunstproduzenten verliert angesichts des allgemeinen Banausentums, das den Ton angibt, die demokratische Orientierung, üchtet sich in Menschenverachtung, snobistische Esoterie, l’art pour l’art und ausgeklügelte Atelier›probleme‹. 4) Der untergehende Kapitalismus, der so schändlich ist, dass er nicht mehr als Kapitalismus gerechtfertigt werden kann, produziert Ideologien der ›indirekten Apologie‹, Ideologien, die den Intellektuellen die Möglichkeit der ›Rebellion‹ vortäuschen und sie gleichzeitig daran hindern, zum Kern der Sache vorzudringen. Diese ›Rebellionen‹ verleihen das ›erhabene‹ Gefühl, ›radikal‹ zu sein, und sind trotzdem sehr bequem, weil sie die Unbequemlichkeit des Kampfes für die wirklich radikale Sache, für die proletarische 9 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Bewegung, für den Kommunismus, sozusagen ersparen. Solche ›Rebellionen‹ sind: Nietzsches Schmähungen auf den liberalen ›Philister‹, jede Art von Propaganda für die ›Befreiung‹ wessen? des Penis (so bei Wedekind!), der Trotzkismus und neben vielem anderen auch die abstrakte ›Kunst‹, die sich ungeheuer umstürzlerisch vorkommt, aber den ›Umsturz‹ im Salon veranstaltet. Oftmals werden damit ehrlich rebellische Tendenzen, ehrlicher Abscheu gegen Spießerei usw. abgefangen und entweder ins absolut Harmlose abgelenkt oder sogar – siehe die ›nationale Revolution‹ der Faschisten – unmittelbar der nstersten Reaktion dienstbar gemacht. 5) Die abstrakte ›Kunst‹ trägt dazu bei, dass die Volksmassen dem Kitsch und Schund wehrlos ausgeliefert bleiben, weil sie die Schwerverständlichkeit der Kunst ins Extreme steigert. Sie erzeugt geradezu Ressentiments gegen die Kunst, leider nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen die große, wahre Kunst. 6) Die untergehende Bourgeoisie kann die Wahrheit in der Kunst nicht vertragen, deshalb begünstigen ihre Klasseninteressen sowohl süßliche Idealisierungen des Lebens (in dieser Hinsicht liegt der Märchenprinz aus der Operette mit den Gipsheroen des Herrn orack auf einer Stufe), als auch abstrakte Verzerrungen der Wirklichkeit, beides je nach Lage der Dinge abwechselnd. 7) Die untergehende Bourgeoisie hat keine Ideen mehr. Sie hat die alten Ideen ihrer eigenen revolutionären Epoche entweder über Bord geworfen und durch barbarische Ideologien ersetzt (Hitler) oder zu ausgehöhlten, heuchlerischen liberalen Phrasen werden lassen (›Freiheit‹ im Munde von McCloy!). Gleichzeitig muss sie sich mit Händen und Füßen dagegen zur Wehr setzen, dass die neuen Ideen des Kommunismus auf die Intelligenz Ein uss gewinnen. In ihrer völligen Ideenlosigkeit kann die untergehende Bourgeoisie der Kunst keine ideellen Impulse mehr geben. Die Kunst wird so selbst zu einem ideenlosen Plunder. 8) Da das Bedürfnis nach etwas Neuem – wenn auch unklar und verworren – bei den Intellektuellen lebendig ist (man be ndet sich in einer Umwälzungsepoche), da sich aber wirklich Neues, schöpferisch Neues mit den Interessen der Herrschenden nicht verträgt, werden Surrogate des Neuen (Moden, inhaltslose Originalität um jeden Preis) angebetet. 9) Die gesellschaftlichen Katastrophen des Zeitalters (Weltkriege, Weltkrisen, Revolutionen, Bürgerkriege) werden von denen, die ihnen nicht auf den Grund gehen (auf den 9 2 E i nl e i t u ng ökonomischen Grund), als eine einzige ausweglose Apokalypse missverstanden, und diese Mysti zierung der nicht begri enen gesellschaftlichen Realität, in der scheinbar ›alles drunter und drüber geht‹, spiegelt sich ebenfalls in der ästhetischen Formzertrümmerung der ›Abstrakten‹ wider. 10) Dies alles ist natürlich von niemandem beabsichtigt, sondern vollzieht sich – wie alle gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse im Kapitalismus – spontan, mit elementarer ›Naturgewalt‹, und je weniger sich die Beteiligten über die letzten Ursachen und Zusammenhänge im Klaren sind, desto ohnmächtiger stehen sie dem allen gegenüber.« Soweit Harichs Überlegungen, die dessen Denken in den fünfziger ebenso wie in den achtziger Jahren prägten. Auch für die marxistische Ästhetik gebe es bei Gehlen einiges zu entdecken – allen bürgerlichen Grenzen und Beschränkungen, der gerade wiedergegebenen Kritik zum Trotz. Vielleicht kann man sogar so weit gehen, diese Überlegungen dahingehend zuzuspitzen, dass das Gebiet der Ästhetik die große verbindende Klammer zwischen jenen drei eoretikern war, denen Harich großen Respekt entgegenbrachte: Nicolai Hartmann, Georg Lukács und eben Gehlen. Alle lehnten die verkrampfte Moderne ab und bekannten sich zu den klassischen Idealen – zu den Höhepunkten der antiken Kultur ebenso wie zu Goethe oder zu den Meisterwerken der realistischen Literatur. Bei Hartmann wird Harich früh jene Anregungen empfangen haben, die sein im Elternhaus vermitteltes Kunst- und Kulturverständnis auf eine neue, auf wissenschaftliche Ebene hoben. (Die Gegnerschaft zwischen Hartmann und Gehlen berührte nicht die Fragen der Kunst oder Ästhetik, sondern immer nur der Ontologie.)110 Bei Lukács und Gehlen fand Harich dieses Kunstverständnis dann erneut 110 An Frida Hartmann hatte Harich am 6. März 1986 geschrieben: »Zu Gehlen. Er nimmt ›durchlaufende‹ Kategorien des Menschseins an, die in jedem Individuum die Stufenschichtung durchbrechen. Diesen Gedanken hat er in polemischer Auseinandersetzung mit dem Schlichtungsgedanken, wie Scheler ihn fasst, herausgearbeitet, und das Ergebnis brachte er 1940 heraus, in dem Werk Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Und just im selben Jahr erschien der Aufbau der realen Welt, mit dem Schichtenkonzept Nicolai Hartmanns, von dem Gehlen bis dahin nichts gewusst hatte (sonst hätte er sich mit Nicolai Hartmann in Verbindung gesetzt und versucht, es ihm gesprächsweise noch auszureden). Nun ließ es Gehlen keine Ruhe, noch einmal zu den Schichten, erst recht zu ihnen in der gediegeneren Version Nicolai Hartmanns, ö entlich Stellung zu nehmen. In dem Sammelband Systematische Philosophie, von 1942, traute er sich das nicht. Die Gelegenheit ergab erst die Vorbereitung des Bandes Der Denker und sein Werk, zum 70. Geburtstag Nicolai Hartmanns. Hierzu steuerte Gehlen den Aufsatz Der Cartesianismus Nicolai Hartmanns bei. Dann starb Nicolai Hartmann, und Heimsoeth und Heiß wiesen aus Pietätsgründen den Beitrag Gehlen zurück. Er ist dann erst nach Gehlen 9 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e wieder und es überrascht in diesem Sinne nicht, dass Lukács sowohl Gehlen als auch Hartmann in seinen Alterswerken auf Vermittlung Harichs intensiv rezipierte. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau zum Tod von Arnold Gehlen sagte Harich in diesem Sinne: »Überprüfen Sie einmal, wie oft in Georg Lukács’ Eigenart des Ästhetischen Gehlen zitiert wird, und überzeugen Sie sich an den betre enden Stellen davon, dass dort über weite Strecken einen kritisch-produktive Aneignung Gehlenscher Anregungen statt ndet.« In einem Brief vom 26. Oktober 1965 teilte Harich Gehlen mit: »Heute kann ich Ihnen etwas sehr Erfreuliches vermelden, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Es ist Ihnen, und zwar in großem Stil, geglückt, nunmehr auch o ziell und namentlich genannt in den heutigen Marxismus einzudringen. Vor zehn Jahren setzte sich Georg Lukács an seine große Ästhetik, damals siebzig Jahre alt. 1955 und 1956 hatte ich viermal ausgiebig Gelegenheit, mit ihm darüber zu sprechen und ihn, als er mir in großen Zügen seine Konzeption auseinandersetzte, auf Ihre philosophische Anthropologie aufmerksam zu machen, die er, wie ich ihm sagte, vor der Niederschrift des geplanten Werks unbedingt gelesen haben müsse. (…) Auch daran, dass er häu g Nicolai Hartmann anführt, den er früher nicht kannte, bin ich übrigens nicht unschuldig. Dessen Ästhetik, ebenso wie Ihren Menschen, habe seinerzeit ich ihm per Post zugeschickt. Ob der nun achtzigjährige Altmeister der materialistischen Dialektik die Zeit-Bilder schon zu Gesicht bekommen hat, weiß ich freilich nicht, und ich möchte deswegen auch nicht bei ihm anfragen, weil wir beide ja seit 1956/1957 ähnlichen Dreck am Stecken haben und sicher gut da ran tun, uns noch ein Weilchen zu meiden. Aber wichtig und ein ›gefundenes Fressen‹ wären die Zeit-Bilder schon für ihn, und wenn Sie bereit wären, noch ein weiteres Ihrer Be leg- Tod, aus dessen Nachlass, erschienen. (Gehlen konnte sehr eindrucksvoll nach Nicolai Hartmanns Ableben verzweifelt ausrufen: ›Hätte ich ihm doch wenigstens noch die Frage stellen können, wie er in seinen Schichten die psychisch bedingten Magengeschwüre unterbringt!!‹ Als ich ihn daraufhin auf den ›Raubbau am Leben‹ (Das Problem des geistigen Seins, 1. Au ., S. 90 f.) verwies, rief Gehlen noch verzweifelter: ›Ja, aber es ist der Geist, der diesen Raubbau betreibt! Und wo bleibt da das seelische Sein?‹)« (Band 10, S. 915 f.) Walther Harich 9 4 E i nl e i t u ng exem pla re zu opfern, würde ich Ihnen die Budapester Adresse des Altmeisters zugehen lassen, vorausgesetzt, dass Sie in einem etwaigen Begleitschreiben mich ganz aus dem Spiel lassen und sich, am besten, nur auf Ihre Zitierung in der Eigenart des Ästhetischen (so heißt das Monsterwerk) beziehen.«111 Aber es gilt, in der Chronologie der Ereignisse einige Monate zurückzugehen. Am 5. August 1965 hatte Gehlen nach Harichs Haftentlassung zum zweiten Mal an diesen geschrieben und ihm seine Zeit-Bilder gesendet, jenes Werk, in dem er 1960 mit der modernen Kunst abrechnete. Harich nahm das Buch begeistert auf. Da er sich in seinem Antwortbrief vom 17. August aber zuerst mit Gehlens Urmenschen und Spätkultur auseinandersetzte, ließ er es bei der Mitteilung bewenden: »Ich bin jetzt auf Seite 42 und von allem schon sehr angetan, obwohl meine Kenntnisse auf diesem Gebiet ja nun nicht von weit her sind.« Drei Tage später schrieb er dann erneut. Einige Dinge sah er anders als Gehlen, aber die Zustimmung war prinzipieller Natur. Nicht zuletzt deshalb, da sich Gehlen überaus positiv zu den auch in der DDR hoch geschätzten realistischen Künstlern des 19. und 20. Jahrhunderts äußerte. Um ein Beispiel wiederzugeben: 111 Die Auslassung lautet: »Nun liegen die beiden ersten Bände – zusammen etwa 1 500 Seiten – gedruckt vor, Deutsch im Luchterhand-Verlag, Bundesrepublik, und wenn Sie sich das Namensregister ansehen, werden Sie feststellen, dass Sie oft und ausgiebig zitiert sind. Ich habe das Monsterwerk noch nicht zu lesen angefangen, es ist mir – und meinen westdeutschen Bekannten – auch zu teuer, und da warte ich erstmal die DDR-Ausgabe ab. Aber von meinem Freund Wolfgang Heise, der für die hiesige Deutsche Zeitschrift für Philosophie die Rezension darüber schreiben soll, weiß ich bereits, dass Lukács sich im Wesentlichen in positivem und anerkennendem Sinne auf Sie bezieht und in Ihnen vor allem einen Gewährsmann für hieb- und stichfeste empirisch-wissenschaftliche Fakten sieht.« An Frida Hartmann schrieb Harich, betre s des anderen gewichtigen Alterswerkes von Lukács, am 1. Mai 1987: »Inzwischen bin ich in den Besitz nun auch des II. Halbbandes von Lukács’ großer Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Bände 13 und 14 der Gesamtausgabe, Darmstadt und Neuwied (Verlag Luchterhand) 1984 bzw. 1986, gelangt. Das Register zu beiden Halbbänden verzeichnet im II. Halbband auf Seite 757 nur die Stellen, an denen Nicolai Hartmann namentlich erwähnt wird. Ich möchte Ihnen nun aber hier auch die Seitenzahlen aller Stellen übermitteln, an denen eine Bezugnahme auf Nicolai Hartmann, vielfach auch ohne Nennung seines Namens, zu nden ist; sei es, dass Lukács Gedanken Nicolai Hartmanns aufgreift und, oft in abgewandelter Form, übernimmt, sei es, dass er sie kritisiert. (Es folgt eine Aufzählung aller Seiten mit Verweisen, Übereinstimmungen usw., AH.) Wie Ihnen hieraus ersichtlich wird, führt der Weg zu einer di erenzierenden Beurteilung und vorurteilsfreien kritischen Rezeption der Nicolai Hartmannschen Ontologie im wissenschaftlichen Leben der sozialistischen Länder und in den Reihen der internationalen kommunistischen Bewegung notwendigerweise über eine Stärkung des Ansehens und der Autorität von Georg Lukács.« (Band 10, S. 948 f.) 9 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Ich blättere wieder in Ihrem Register und suche Käthe Kollwitz. Richtig, Sie haben Sie nicht vergessen, und zu meiner großen Freude rühmen Sie ›den gänzlich unverzerrten Ernst ihrer Leidensaussage‹ (S. 149). Mir fällt noch George Grosz ein: Der rangiert bei Ihnen unter ›expressionistischer Elendsmalerei‹ (die mit ihm und Dix abgelebt sei, S. 151). Ich würde ihn eher den eindringlichsten Entlarver des Gesichts der herrschenden Klasse nennen, den Mann, der die Proleten der zwanziger Jahre die Staatsanwälte, Richter, Generale und Großunternehmer der Weimarer Republik richtig sehen gelehrt hat und sie so in den Leserkreis der Roten Fahne hineinzog. Und wie sollte ich als Bewohner der Winsstraße in Berlin NO nicht an Heinrich Zille denken, dessen Gefährlichkeit für die Herrschenden von keinem Geringeren als Tucholsky gewürdigt wurde? (Bei alledem halte ich die Möglichkeit der bildenden Kunst, revolutionär aktivierend zu wirken, für außerordentlich begrenzt, und p ege in hiesigen Kunstdebatten dafür zu plädieren, die Maler und Zeichner in dieser Beziehung nicht mit Ansprüchen zu überfordern, die von der Literatur hergenommen sind. Aber so weit die bildende Kunst überhaupt im Stande ist, proletarisch-sozialistisches Klassenbewusstsein zu erwecken, kann sie das nur, wenn sie sich realistischer Mittel bedient.)« Ausführlicher äußerte sich Harich über die »Ächtung« der modernistischen, der abstrakten Malerei in der Sowjetunion, die auf die künstlerischen Kreise in Europa zurückgewirkt habe. Er machte dafür, anders als Gehlen, mehrere Gründe geltend: 1) Zunächst einmal wären alle diese Künstler Pseudorevolutionäre, die mit den Wünschen des Volkes nichts zu tun hätten bzw. sogar innerhalb des Kapitalismus Ablenkungsfunktionen erfüllen würden. 2) Bei der Sowjetunion handle es sich um eine neue Gesellschaft, die mit allen Geburtswehen und Fehlern behaftet sei, gerade da sie eine über Jahrhunderte existierende alte Gesellschaftsformationen bekämpfe. »Und Sie zeigen in den Zeit-Bildern meisterhaft, dass die abstrakte Malerei das Endprodukt einer, mit dem Impressionismus einsetzenden, in sich re ektierten Subjektivität ist. Der Kon ikt zwischen der Sowjetkunst und dem westlichen Modernismus war also unausbleiblich. Von diesem bemerken sie ganz richtig: Seine ›Opposition war insofern selbst noch bürgerlich, als sie an den noch stehenden Gegner gebunden blieb‹. Konnte auf gleicher Linie fortopponiert werden, als der Gegner seit 1917 in einem Teil der Welt nicht mehr ›stand‹? Natürlich nicht. Ich würde aber noch weiter gehen und sagen, dass die 9 6 E i nl e i t u ng Opposition der Abstrakten a) von ihrem noch stehenden Gegner selbst in ziert war (von seiner Fäulnis) und dass sie b) eine echte Opposition überhaupt nicht gewesen ist (siehe oben!).« 3) Die sozialistische Revolution habe natürlich auch zur Folge, dass die »vom Leben abgekapselte parasitäre Intelligenzschicht, die zur Bourgeoisie dazugehört und von ihr erzeugt wird«, über üssig werde. Sozialistische Kunst dagegen beschäftige sich nicht mit Atelierproblemen, sondern mit dem Leben der Menschen, mit den Herausforderungen der Zukunft, transportiere neue Ideen und soziale Gehalte. Diese Einstellung Harichs darf nicht mit dem platten und naiven »sozialistischen Realismus« verwechselt werden, gegen den er sein Leben lang ankämpfte und dessen scheußliche Folgen als Doktrin der Kulturpolitik er immer o enlegte und kritisierte.112 Sie waren vielmehr ein eindeutiges Bekenntnis zur bürgerlichen Tradition des Realismus und dessen Fortsetzung sowie Beerbung in der DDR. 4) Schließlich viertens: »Wo so viel verändert wird, wie in sozialistischen Ländern, da muss man aufpassen, dass nicht Kinder mit der Badewanne ausgeschüttet werden. Unter diesen Umständen wird für die Kultur zur Erzgefahr ein Revoluzzertum, das schlechthin alles umwälzen will, außer Schlechtem und Unnötigem auch Gediegenes, Wertvolles, Bewährtes – und zuweilen Gleichgültiges, das der Mühe nicht lohnt.« Dies seien »kindische und äußerliche Neuerungen« gewesen die nichts genutzt, aber auch – zumindest teilweise – nicht geschadet hätten. Einige dieser Neuerungen hätten jedoch den kulturellen Betrieb deutlich tangiert und determiniert. Harich sprach von sich selbst, von den Bemühungen seines Freundes Georg Lukács, auch von Ernst Bloch und so manchem anderen, mit dem er in den fünfziger Jahren verbunden war, wenn er aus diesen Überlegungen die Konklusion ableitete: »Das sind nun Erfahrungen, die gerade bei den besten, vernünftigsten und umsichtigsten Kommunisten einen Hang zur Verteidigung des Erbes, zur P ege der wertvollen Traditionen aus früheren Epochen, der Errungenschaften, die der feudalen wie der bürgerlichen Vergangenheit zu danken sind, des Erhaltenswerten schlechthin, erzeugt haben. Und 112 Verwiesen sei exemplarisch neben dem bereits erwähnten Eintreten für Brecht vor allem auf das Engagement dieser beiden im Zuge des Arbeiteraufstandes von 1953. Zahlreiche gedruckte und ungedruckte Texte Harichs liegen dazu vor und kommen in dem Band mit seinen politischen Schriften zum Abdruck. 9 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e diese Leute sind es, die – zum Segen ihrer Länder – aus den sozialistischen Staatskassen Millionengelder für die Erhaltung von Zarskoje Sselo oder Sanssouci abzweigen und dafür sorgen, dass wahrlich nicht-marxistische Philosophen wie Leibniz oder Kant in hervorragenden Editionen gedruckt werden. Und aus denselben Motiven wehren dieselben Leute sich dagegen, dass in der heutigen Kunstübung unter dem Ein uss der westlichen Moderne die Errungenschaften der Renaissance und des bürgerlichen Realismus abgebaut werden, dass – mit anderen Worten – das Schielen der Künstler nach den westlichen scheinradikalen Moden auch bei uns ein asylum ignorantiae, oder genauer: impotentiae, erzeugt, in dem die Trauben als sauer gelten, weil man sie nicht mehr malen kann.« Wichtig war Harich, dass er seine Ausführungen gegenüber Gehlen nicht als umfängliche Kritik an diesem verstanden wissen wollte, sondern als Ergänzungen aus einem anderen Blickwinkel, letztlich als Stellungnahme von einem, der dabei gewesen war: »Ich glaube nicht, dass ich mit diesen Ausführungen gegen Sie überhaupt noch polemisiere, ich glaube vielmehr, dass ich hier Ihre Ausführungen in diesem einem Punkt eher ergänze. Sagen aber will ich, dass, wenn es die von Ihnen konstatierte Entpolitisierung der modernen westlichen Kunst unter dem Eindruck des sowjetischen sozialistischen Realismus gibt, es mit der spontanen Linksorientierung der Künstler, bei denen sie sich ndet, nicht weit her sein kann: Es ist eine Linksorientierung ohne historischen Blick, ohne weiten Horizont, ohne Einfühlung in die Besonderheiten und Erfordernisse sozialistischer Kultur. Und bekennen möchte ich, dass ich es zwar begrüße, wenn in den sozialistischen Ländern jetzt, gegenüber der Epoche des Stalinschen Personenkults, den Künstlern viel mehr Bewegungsfreiheit für formale Eigenwilligkeiten gewährt wird – das kann à la longue der Entwicklung der Kultur nur zustatten kommen –, dass ich selbst aber innerhalb dieses erweiterten Toleranzraums nur desto energischer für einen gehaltvollen und technisch gemeistert Realismus eintrete und gegen den Morgenluft witternden Abstraktionismus Partei nehme. (Genau dasselbe tut ja auch Lukács!)« Wenn in der DDR die Freiheit in Forschung und Kunst nun größer geworden sei, so Harichs Aussage in dieser Passage, dann bedeute dies für ihn, dass er nach wie vor das Recht habe, seinen Hang zum großen und hochstehenden Realismus zu verteidigen. Am 9. September 1965 ergänzte Harich dann in einem kurzen Schreiben: 9 8 E i nl e i t u ng »Ich retiriere auf die heute beliebte ›Masche‹, die man den Zwischenbescheid nennt. Die Zeit-Bilder, dieses außerordentliche, mich von Seite zu Seite mehr fesselnde Buch, habe ich nun gelesen, mit immerfort wachsender Bewunderung und innigem Vergnügen, habe es partienweise anderen vorgelesen und, als ich selbst fertig war, sofort weiterverborgt. (…) Heute nur soviel, dass ich nicht wüsste, wann je ein so tief lotender Denker so viel blendenden Witz gezeigt hat; bei vielen Formulierungen blieb mir einfach der Atem weg, und auch den anderen, denen ich das zitierte. Na, und was denken Sie, wie es dem Berliner Ensemble wie Öl glatt heruntergegangen ist, dass Sie Brecht an der Spitze der Schriftsteller nennen, denen eine neue ›peinture conceptuelle‹ Gleiches zur Seite stellen sollte. Man stritt erst, ob das nicht etwa an der alphabetischen Reihenfolge der aufgeführten Namen läge. Aber da Be (Benn) dann vor Br stehen müsste und es doch nicht tut, ist man aufs Höchste befriedigt.« Die Zeit-Bilder blieben für Harich lange Zeit wichtig. In dem bereits erwähnten Interview mit der Frankfurter Rundschau hatte er anlässlich der Frage, ob Gehlens Gesellschaftslehre total abzulehnen sei, ganz im Sinne dieser Einschätzung ausgeführt: »Eine solche Ablehnung wäre auch wieder zu einfach, da Gehlen, ungeachtet der zutiefst falschen Grundlagen seines soziologischen Institutionalismus, als Gesellschaftsdenker doch sehr tre ende Beschreibungen des Kulturverfalls der kapitalistischen Länder geliefert hat. So gehörte er zum Beispiel zu den brillantesten Kritikern des Modernismus in der Kunst. Seinem Buch Zeit-Bilder (1960) kann der Sozialismus überaus wertvolle Argumente für die Begründung seiner Kulturpolitik entnehmen. Das Werk ist ein einziges Wa enarsenal gegen die modernistische Zersetzung, für die Verteidigung des Kulturerbes einer großen Vergangenheit. Als ich es las, war ich blass vor Neid, dass der Verfasser, ein Bertolt Brecht empfängt vom Präsident Wilhelm Pieck am Nationalfeiertag der DDR die Urkunde zum Nationalpreis I. Klasse. 9 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Konservativer, ein Klassenfeind, darin Dinge erkennt und ausspricht, die ich seit jeher so empfunden hatte, aber zu formulieren nie im Stande gewesen war.« Neben der Ästhetik wurde, wie bereits angedeutet, das, allgemein gesprochen, ema »Institution« eine Herausforderung für Harichs Denken. Am 26. Oktober 1965 nahm er zu Gehlens Urmensch und Spätkultur Stellung und schrieb in diesem Zusammenhang: »Zu Seite 119: Hier schrieb ich an den Rand: Hier wie schon auf Seite 74 kommt bei Gehlen der neokonservativistische Pferdefuß zum Vorschein. Sein richtiger und vernünftiger Lobgesang auf die Institutionen überhaupt schlägt an diesen Stellen in eine Rechtfertigung des Bestehenden, unbesehen, ob es gut oder schlecht ist, um. Das ist erstens politisch und weltanschaulich reaktionär, zweitens aber auch unlogisch bei einem Denker, der ansonst die Relativität aller konkreten, historisch gegebenen Institutionen so scharf betont, der so Tiefes und Wahres darüber gesagt hat, dass die De nition des generell Menschlichen sich nicht von den Vorlieben und Vorurteilen irgend eines einzelnen Zeitalters abhängig machen darf. – Natürlich bedarf der Mensch der institutionellen Eingefasstheit überhaupt, aber er bedarf keineswegs auf die Dauer der bestehenden bürgerlichen Institutionen, so wenig wie er der feudalen Institution bedurfte. – Auf der gleichen Seite verweist ein Pfeil auf Seite 118, zweiter Absatz, letzter Satz: ›Und das haben wir erlebt, was aus den Menschen wird, wenn sie usw.‹ An den Pfeil schrieb ich noch die Bemerkung: 1) Es kommt darauf an, in welcher Richtung die Menschen aus ihren Institutionen heraus gezwungen werden und in welche neuen man sie hinein zwingt. (Es kommt auch vor, dass einer sich von einem speckigen, alten Hut nicht trennen kann und sich dann schließlich doch wohler fühlt, wenn die Eheliebste ihn zum Kauf eines neuen gezwungen hat.) 2) Wurden im Faschismus – den Gehlen hier meint – die Menschen denn wirklich auf der ganzen Linie aus bestehenden Institutionen heraus gezwungen? War der Faschismus nicht vielmehr umgekehrt ein Weg, schlechte, überlebte Institutionen krampfhaft zu verteidigen und zu verewigen, in Spanien sogar mit den Mitteln militärischer Intervention von außen, gegen den erklärten Willen des Volks?« Mit dem Institutionenbegri Gehlens konnte und wollte sich Harich als Marxist nicht arrangieren. Die Welt, um es ganz banal zu formulieren, sei als Ganzes und in allen Einzelheiten in ewiger Veränderung begri en. Alles entstehe und alles vergehe. So auch die Institutionen – und zwar wirklich jede. Dass der Mensch Institutionen als solche brauchen würde, immer, dieser Gedanke war für Harich grundlegend und er wich dergestalt vom Marxismus ab. In Kommunismus ohne Wachstum hatte er 1975 gezeigt, 1 0 0 E i nl e i t u ng dass der Mensch wegen der zahlreichen Probleme und Herausforderungen nie auf Herrschaft (von Menschen über Menschen und nicht nur über Sachen) werde verzichten können. Schon in Die Baader-Meinhof-Gruppe hatte er einige Jahre zuvor geschrieben: »Ob sich dann unter den Bedingungen einer derart gemischten, teils marktwirtschaftlich, teils sozialistisch, teils gleichheitskommunistisch geregelten Weltwirtschaft auf der Basis des Gemeineigentums an den Produktionsmitteln jener bessere, sich in jeder Beziehung sozial verhaltende, sowohl an der Arbeit Spaß habende als auch die Natur ehrfürchtig und liebevoll respektierende Neue Mensch herausbilden wird, dem man noch mehr an Kommunismus und Freiheit wird zugestehen können, das wird sich zeigen, darüber jetzt nachzudenken, wäre in Anbetracht der entstandenen Lage völlig müßig. Selbst gesetzt jedoch, dieser Neue Mensch hätte so vernünftige, soziale und naturfreundliche Bedürfnisse, dass die Verwirklichung des Prinzips ›Jeder nach seinen Bedürfnissen‹ keine Gefahren mehr mit sich brächte, dann wären sie doch ganz gewiss nicht dem einzelnen Individuum angeboren wie ein tierischer Instinkt und auch nicht auf die nächste Generation auf dem Weg biologischer Vererbung übertragbar – das widerspräche allen Einsichten der Biologie, Anthropologie und Ethnologie. Sondern sie müssten Generation für Generation jedem einzelnen Individuum anerzogen werden. Womit gesagt ist, dass wir uns auf die Paradoxie einer kommunistischen Gesellschaft gefasst machen müssten, in der zwar die Erwachsenen nicht mehr unter autoritären Druck gesetzt werden brauchten, wohl aber, wenn auch noch so gelinde und behutsam, die Blumenbeete zerstörrenden, hässliche Kröten totschlagenden, die Antibabypillen ihrer Mutti heimlich als Leckerei vernaschenden und zu sonstigen Untaten aufgelegten Kinder (dass sie, wie wir einst, zu früh an ihren Geschlechtsorganen herumzuspielen geneigt sein werden, wollen wir ihnen nach unseren neuesten pädagogischen Einsichten durchgehen lassen). Das Kind käme also nicht mehr, wie heute manchmal, aus einem antiautoritären Kindergarten in eine repressive Leistungs- und Konsumgesellschaft der Erwachsenen hineinspaziert – was übrigens schon zu Kon ikten geführt haben soll –, sondern umgekehrt würden, mit Vernunftgründen, soweit es irgend geht, aber auch autoritär, wo sie nicht verfangen, notfalls auch mal mit einer Maulschelle, die Kinder zur Einhaltung der Verhaltensnormen einer nichtrepressiven kommunistischen Erwachsenengesellschaft erzogen und erzogen werden müssen, da diese ja auf dem Planeten Erde, von der azurblauen, leicht verletzbaren, sorgsam zu behütenden Biosphäre, ihrer Mutter und Nährerin, umhüllt, auf Keplers elliptischen Bahnen um die Großmutter und Urnährerin Sonne kreist. Und jetzt frage ich die Kinder von heute: ›Eine solche Gesellschaftsordnung würde die Unverschämtheit besitzen, sich herr- 1 0 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e schaftslos, sich archaisch zu nennen. Was sagt ihr dazu?‹ Ich bin sicher, ein Aufschrei der Empörung wird die Antwort der Kinder sein. Und wenn sie, gleich nach der Schul bel, Gehlen und Margaret Mead gelesen haben, werden die Kinder erklären: ›Wir protestieren gegen diese Ungerechtigkeit. Da auch bei den Erwachsenen des vollendeten Kommunismus höchster, allerhöchster, nicht mehr zu überbietender Stufe die so edlen, sozialen, sowohl arbeitsfreudigen als auch umweltfreundlichen Bedürfnisse nicht die Festigkeit, also auch nicht die unbedingte Zuverlässigkeit tierischer Instinkte haben, sondern ihnen erst vor wenigen Jahren im Kindergarten und in der Schule anerzogen worden sind, kann man nicht a priori wissen, ob nicht auch mal ein Erwachsener, sagen wir aus Eifersucht, einen anderen totschlägt, oder sich womöglich gar bei einem Spaziergang im Wald anti- ökologisch benimmt. Und da es seit der Bevölkerungsexplosion gar so viele Menschen auf Erden gibt, denen hier und da mal ein Bedürfnis davongaloppieren könnte, verlangen wir Kinder, dass, wenn schon diese vollendete kommunistische Gesellschaft sich in Gestalt unserer Kindergärtnerin nicht als absolut lupenreine Anarchie erweist, man sich dann auch gerechtigkeitshalber entschließen soll, die Formel ›Jeder nach seinen Bedürfnissen‹ aus der Kritik des Gothaer Programms jenes vollbärtigen Opas, dessen Bild in der Roten Ecke unseres Kindergartens hängt, geschmückt mit Blumen, die wir unter ökologischen Gesichtspunkten gep anzt und gep ückt haben, ganz zu streichen und außerdem wenigstens ein paar nette, hö iche Polizisten im Dienst zu belassen, die hier und da auch mal bei den Erwachsenen nach dem Rechten sehen.‹«113 Erbteil der marxistischen Philosophie blieb in Harichs Denken immer, dass jede In stitu tion vergänglich wäre, sich wandeln müsse, durch andere zu ersetzen sei. Und zwar in letzter politischer Konsequenz im Rahmen einer marxistischen Revolutionsstrategie und nicht im Sinne von anarchistischen Ad-Hoc-Aktionen. Dieser Gedanke trug sein 1971 erschienenes Buch Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus.114 (Als Nachtrag zu diesem Werk war das gerade angesprochene Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe geplant.) Da er in der Abrechnung auch auf Gehlen einging, »heftig polemisierend«, schrieb er diesem am 27. November 1969, um ihn auf die Publikation vorzubereiten. Er begann 113 Band 7, S. 313 f. 114 Das 1971 erschienene Werk liegt in dieser Edition neu gedruckt vor (Band 7, S. 81–220). Der Band enthält zudem den umfangreichen Nachtrag, den Harich 1972 verfasste: Die Baader-Meinhof-Gruppe. Ein Interview (ebd., S. 223–386). In Zur Kritik der revolutionären Ungeduld beschäftigt sich das Kapitel VI. Exkurs über die Ideengeschichte des Verunsichern von Institutionen mit Gehlen (ebd., S. 141–169). 1 0 2 E i nl e i t u ng mit einer Schilderung seiner Sichtweise auf die westdeutsche Studentenrevolte115 und fuhr dann fort: »Wahrscheinlich werden Sie nun erstaunt fragen, was denn Sie um Himmels willen damit zu tun hätten und was in einer solchen Arbeit eine Auseinandersetzung ausgerechnet mit Ihnen zu suchen habe. Sie haben recht, zu den Erzvätern der APO gehören Sie, weiß Gott, nicht. Aber: Ihre so konservativ gemeinten Warnungen vor dem ›Verunsichern von In stitu ti onen‹ (zum Beispiel in Urmensch und Spätkultur, Bonn, 1956, p. 27, 74, 99, 118 f., 284) sind nichtsdestoweniger von dem neoanarchistischen Flügel der viel ügeligen APO, nachdem die Frankfurter Soziologie-Studiosi anscheinend durch Adorno darüber belehrt worden, dass Institutionen dem Menschen abträglich seien, dass sie dessen ›autonome Subjektivität‹ ersticken würden usw., aufgegri en und in den Schlachtruf ›Auf, lasst uns die Institutionen verunsichern!‹ umgepolt worden, wobei übrigens – und ich vermute Ihren sprachschöpferischen Prioritätsanspruch – die von Ihnen einst geprägte Vokabel ›Verunsichern‹ gleich Duden-reif wurde, so verbreitet ist sie jetzt. Da konnte ich es mir nicht versagen, den ungebärdigen jungen Leuten klarzumachen, dass die Umkehrung des Wortakzents, die Auswechselung des bei Ihnen negativen gegen ein positives Vorzeichen sie (kleingeschrieben) nicht davor schützt, die – verzeihen Sie bitte! – pauschale Abstraktheit und Uferlosigkeit Ihres Institutionenbegri s unbewältigt in die neue linksextremistische Ideologie mit hinüber zu nehmen, mit dem Erfolg, dass im Zeichen dieser Ideologie nun nicht etwa gegen die gesellschaftlich präponderanten Institutionen, auf die es, nach Marx und Lenin, ankommt, aufbegehrt wird, sondern di us gegen Autoritäres überhaupt und in jeder Form, ganz so, wie es der klassische Anarchismus auch schon tat, wenn er amtliche Akten verbrannte, antiautoritäre Kindergärten gründete und sinnlose Bombenanschläge verübte. Schon damals – sage ich den Neoanarchisten –, schon im 115 »Ich darf Sie kurz über den Zusammenhang aufklären. Wie Sie sich leicht vorstellen können, bin ich stark interessiert an dem Phänomen ›unruhige Jugend‹ in der Bundesrepublik und in Westberlin. Interessiert soll heißen: Ich betrachte es mit sehr gemischten Gefühlen – einerseits erfreut über den au älligen Linksrutsch, andererseits aber auch besorgt über den vielen Blödsinn, der da mit hoch geschwemmt wird und der der Linken, wie ich glaube, so schadet (angefangen beim Kreieren bizarrer Haarmoden über die Promiskuität in so genannten ›Kommunen‹ bis zu einer sich apolitisch verzettelnden Gewalttätigkeit gegen untaugliche Objekte). Bei diesen – vom marxistischen Standpunkt aus negativen und desorientierenden – Erscheinungen handelt es sich o ensichtlich um ein Wiederau eben des lange Zeit, seit dem Fall Barcelonas Anfang 1939, totgeglaubten Anarchismus, um Absurditäten also, die nicht gar so neu und originell sind, wie sie zu sein glauben, die es vielmehr beim alten Bakunin und den Seinen auch schon gegeben hat.« 1 0 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Heroenzeitalter der Internationale von Saint-Imier ist bei alledem so gut wie nichts heraus ge kommen, und auch heute kann nichts dabei herauskommen, es sei denn, dass die Revolution kompromittiert wird.« Für sein Vorgehen bat er um Verzeihung – eine Bitte, die durchaus Ernst gemeint war: »Ich frage Sie, verehrter Meister, würden Sie an meiner Stelle es sich nehmen lassen, in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass Adornos APO-inspirierendes Nein zu den Institutionen mit Gehlens Bejahung und Verteidigung derselben jene pauschale Abstraktheit teilt, die den Primat der ökonomischen Basis der Gesellschaft, der Besitzverhältnisse, und die ausschließliche Relevanz politischer Fragen im Klassenkampf verstellt? Würden Sie es fertig bringen, diese Trumpfkarte nicht auszuspielen gegenüber einer Pseudorebellion, die von Ihrer Soziologie so weit entfernt zu sein glaubt wie von der Politik des weiland Dr. Adenauer? Darauf zu verzichten, brachte ich nicht übers Herz. Um so weniger, als ja obendrein auch noch der Begri ›Verunsichern‹, wie viele Gehlen-Begri e ›psycho-physisch neutral‹, d. h. diesesfalls: die Unterscheidung von aufklärerischer eorie und revolutionärer Praxis dahingestellt sein lassend, dem neoanarchistischen Tun und Treiben so überaus zupass kommt.« Gehlen antwortete nicht auf diesem Brief, so dass Harich einige Jahre später, am 27. Februar 1974, seine Bitte noch einmal wiederholte, diesmal mit dem Beispiel: »Stellen Sie sich vor, Georg Strasser hätte 1932 bei Hitler eine jüdische Großmutter entdeckt, und Sie werden, bei aller Gekränktheit, meine Triumphgefühle verstehen, als ich bei den APO-Anarchisten die Formel vom ›Verunsichern der Institutionen‹ wieder fand.« Da, wie gesagt, dass Anarchie-Buch Harichs in dieser Edition erneut gedruckt vorliegt, können im folgenden einige Hinweise und Beispiele genügen, um zu illustrieren, welche Ideen Harich vertrat. Harich ging von folgender Überlegung – betre end das Schlagwort vom »Verunsichern der Institutionen« – aus: »Es ist aufschlussreich, sich klarzumachen, woher diese Wortneuschöpfung stammt und was aus ihr durch ›Umfunktionierung‹ ihres Bedeutungsgehalts wurde. Sie stammt von einem der schärfsten geistigen Antipoden der Neuen Linken, dem führenden ›Formierungs‹ideologen Westdeutschlands, Arnold Gehlen, und ist, ungeachtet des diametral entgegengesetzten Wertakzents, den der neoanarchistische Sprachgebrauch ihr verliehen 1 0 4 E i nl e i t u ng hat, den antimarxistischen Tendenzen der Gehlenschen Soziologie so eng verhaftet geblieben, dass sie mit revolutionsbejahendem Vorzeichen kaum geringere Verwirrung stiftet als im ursprünglichen konservativen Kontext.«116 Worauf Harich hinauswollte, verdeutlicht sehr gut das erste Unterkapitel seiner entsprechenden Ausführungen, das im Folgenden hier vollständig wiedergegeben wird, da es auch die entsprechenden Textbezüge zu Gehlens Werken herstellt: »In dem philosophisch-anthropologischen Hauptwerk Arnold Gehlens117 wird der Mensch als ein Wesen gedeutet, dem, im Unterschied zum Tier, umweltangepasste Organausstattung und instinktgeleitetes Verhalten abgehen. Um als Art überleben zu können, muss der Mensch mit diesen biologischen Mängeln fertig werden. Durch Leistungen, die ihn über die organische Natur hinausheben, kompensiert er sie: Handelnd gestaltet er jede natürliche Umwelt ins für ihn Lebensdienliche um; handelnd erzeugt er, vermittels der von ihm gescha enen, auf seinen phylogenetischen Werdeprozess dann zurückwirkenden Kulturumwelt, zugleich auch die qualitativen Besonderheiten seiner eigenen Natur; und aus dem Handeln heraus, sofern es wechselseitige Beziehung der Individuen aufeinander ist, entwickeln alle Menschengemeinschaften gewisse überindividuelle Mächte, die für die Instinktarmut und dadurch bedingte Unsicherheit menschlicher Daseinsorientierung den lebensnotwendigen Ausgleich bieten, indem sie dem Verhalten feste Normen setzen. Um diese überindividuellen Mächte geht es. In den verschiedenen Au agen seines Hauptwerks hat Gehlen sie, unter Beibehaltung des philosophisch-anthropologischen Ausgangspunkts, unterschiedlich aufgefasst, aber immer autoritär und in den variierenden Bestimmungen jedesmal so, dass dem gerade zeitgemäßen Ideologiebedürfnis der in Deutschland herrschenden Klassen Genüge geleistet wurde – also in der ersten, 1940 erschienenen Fassung mit faschistischen Tönen, später, nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, mit Anleihen bei dem französischen konservativen Soziologen Maurice Haurion und bei amerikanischen Ethnologen und Sozialpsychologen. Aus der ersten Au age erfahren wir, dass jede Gemeinschaft ein ›oberstes Führungssystem‹ braucht, welches drei Grundfunktionen zu erfüllen hat: Es muss ›einen abschließenden Deutungszusammenhang der Welt liefern‹, muss die Antriebe des Handelns der Individuen normativ ›formieren‹ und, wo das Handeln sich als ohnmächtig erweist, den Menschen ›durch Praktiken der Schicksalslenkung wie Magie, Orakel usw. Trost und Ho nung gewähren‹. In älteren Kulturen ist 116 Band 7, S. 141. 117 (WH) Arnold Gehlen, »Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt«, 1. Au age, Berlin 1940. Nach 1945 mehrere umgearbeitete Au agen. 1 0 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e allen drei Aufgaben die Religion gerecht geworden. In der Neuzeit hat sie nur noch mit der dritten zu tun, nachdem sich der ersten Aufgabe die Wissenschaft angenommen hat, während die zweite, die ›Formierung der Antriebe‹, der ›immanenten, natürlichen (d. h. nicht-religiösen, WH) Ethik und Politik‹ zugefallen ist, und die setzt Gehlen 1940 bezeichnenderweise gleich mit der ›Weltanschauung in dem Sinne, den der Nationalsozialismus dem Wort gegeben hat und den Alfred Rosenberg in dem Begri ›Durchsetzung germanischer Charakterwerte‹ zusammenfasste‹. ›Weltanschauung im allgemeinen Sinne‹, schreibt Gehlen, ›sind die ›Zuchtbilder‹, in denen eine Gemeinschaft sich im Dasein erhält und ›feststellt‹.‹ ›Und‹, fügt er hinzu, ›es ist in Deutschland (1940, WH) durch Tatbeweis gesichert, dass ein immanentes Zuchtbild im Stande ist, tragende Grundsätze des Handelns aufzustellen und durchzusetzen, eine feste Organisation der Leistung eines Volkes aufzustellen sowie notwendige gemeinsame Aufgaben zuzuweisen und zu realisieren.‹118 ›Zuchtbild‹ wird dabei übrigens nicht im Sinne biologischen Züchtens verstanden – die vulgären Biologismen der Nazis, wie die Rassentheorie, hat Gehlen, zu seiner Ehre sei’s gesagt, nie akzeptiert –, sondern ist von Begri en wie ›Zucht und Ordnung‹, auch ›Züchtigen‹ (mit dem Rohrstock) hergenommen. In den Nachkriegsau agen fehlt die eorie der ›obersten Führungssysteme‹, sie ist der ›Entnazi zierung‹ des Textes zum Opfer gefallen. Das neue Schlusskapitel aber, das an ihre Stelle trat, versieht die konservativ-autoritäre Grundtendenz der gesellschaftlichen Aussagen des Buches lediglich mit einer anderen, weniger kompromittierenden Begründung: Es mündet ein in eine Soziologie der Institutionen, die besagt, dass in ›dauerhafte und stabile Institutionen‹ außer ›ideativen Akten‹ immer auch ›asketische der Selbstzucht und Hemmungssetzung‹ eingehen, und sieht darin einen Vorzug, eine durch die ›riskierte‹ Konstitution des Menschen geforderte Notwendigkeit. ›Jeder Fortschritt der Kultur‹, heißt es gegen Ende des Kapitels, sei ›auch daran erkennbar gewesen, dass er eine neue Form der Zucht (!) stabilisiert‹ habe.119 Diese Au assung führen die späteren Schriften Gehlens dann in einer Weise näher aus, die unverkennbar von dem Motiv bestimmt ist, revolutionäre Veränderungen der Gesellschaft abwehren zu helfen. Und in dem Zusammenhang taucht das Schlagwort von der ›Verunsicherung der Institutionen‹ auf. Während nämlich Gehlen in der Völkerkunde, der Geschichtsschreibung, den Sozialwissenschaften, der Sozialpsychologie unablässig nach Beweisen dafür fahndet, dass die Antriebe des instinktarmen Menschen ›formierungsbedürftig‹ seien, dass sie es nötig hätten, ›auf Gleise gelegt‹ zu werden, dass sie unberechenbar ausarten und auswuchern müssten, wenn sie nicht von überindividuellen Mächten in eine sie disziplinierende Ordnung gepresst würden, usw., schärft er seinen Lesern in immer neuen Wendungen 118 (WH) A. a. O., 1. Au age 1940, p. 447  ., besonders p. 465 f. 119 (WH) A. a. O., 8. Au age 1966, p. 381  ., besonders p. 404. 1 0 6 E i nl e i t u ng sinngemäß ein: Wehe euch, wenn ihr duldet, dass jemand eure Institutionen ›verunsichert‹! Wörtlich: Werden ›Institutionen gesprengt oder erschüttert‹, was ›jedesmal bei geschichtlichen Katastrophen, bei Revolutionen oder Zusammenbrüchen von Staatsgebilden oder Gesellschaftsordnungen oder ganzen Kulturen‹ geschieht, dann ›besteht der unmittelbare E ekt in einer Verunsicherung der betro enen Personen selbst, bis in die Tiefe hinein: Die Desorientierung ergreift die moralischen und geistigen Zentren, weil auch dort die Gewissheit der Selbstverständlichen gestrandet ist.‹120 In Gehlens zweitem großen Werk, Urmensch und Spätkultur (1956), lauten die wichtigsten diesbezüglichen Stellen wie folgt: ›Wenn die am opus operatum orientierte Disziplin der gelernten Arbeiter und der beruflichen Körperschaften zerfällt, der Juristen, Gelehrten, Beamten, der Regierungen und Kirchen, wenn das Ideologische und Humanitäre sich verselbständigt und diese Formen von außen her aufweicht, dann ist die Kultur am Ende.‹121 Oder, bei Gelegenheit einer Polemik gegen v. Jherings utilitarischer Deutung des Rechts: ›Die eorie Jherings ist gefährlich, sie war nur in seiner Zeit fragloser Rechtsgeltung ein erlaubter Luxus. Sind nämlich die Institutionen verunsichert, so könnte schon daraus die Überlegung folgen, ob man sich nicht besser andere Zwecke setzt. Allgemein sind utilitaristische eorien über Institutionen dann, wenn alles darauf ankommt, sie aus dem Chaos der Meinungen herauszuhalten, selbst destruktiv, schon weil sie die Frage zugleich aufwerfen und o en lassen, wer denn die Zwecke der Gesellschaft auszusprechen berechtigt ist.‹122 Oder auch, am unmissverständlichsten: ›Es sind sehr langsam, über Jahrhunderte und Jahrtausende herausexperimentierte feste und stets auch einschränkende, inhibitorische (d. h. hemmende, AH) Formen wie das Recht, das Eigentum, die monogame Familie, die bestimmt verteilte Arbeit, welche unsere Antriebe und Gesinnungen sehr mühsam heraufgedrückt, heraufgezüchtet (!) haben auf die hohen exklusiven und selektiven Ansprüche, welche Kultur heißen dürfen. Diese Institutionen sind so riskiert wie der Mensch selbst und sehr schnell zerstört. Die Kultur unserer Instinkte und Gesinnungen muss von jenen Institutionen von außen her versteift, hochgehalten und hochgetrieben werden, und wenn man diese Stützen wegschlägt, dann primitivisieren wir sehr schnell, dann vernatürlicht sich der Mensch und wird zurückgeworfen auf die konstitutionelle Unsicherheit und Ausartungsbereitschaft seines Antriebslebens.‹123 Es ist klar: Wir be nden uns hier am extremen Gegenpol zur Neuen Linken; ein beredteres Plädoyer für die Bewahrung autoritärer Strukturen gibt es in der zeitgenössischen Soziologie bis dato nicht, und die Warnungen 120 (WH) A. Gehlen, »Anthropologische Forschung«, rde 138, Reinbek-Hamburg 1961, p. 72. 121 (WH) A. Gehlen, »Urmensch und Spätkultur«, Bonn 1956, p. 27. 122 (WH) A. a. O., p. 74. 123 (WH) A. a. O., p. 118 f. 1 0 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e dieses Konservativismus umzukehren in den Kampfruf: ›Auf, lasst uns die Institutionen verunsichern!‹ musste einer Bewegung, die gegen den im Westen herrschenden Gesellschaftszustand aufbegehrt und in der linksradikale Soziologiestudenten große Aktivität entfalten, von vornherein naheliegen. Die Frage ist nur, ob die mit Gehlens Konzeption untrennbar verknüpften theoretischen Fehler dabei auf der Strecke geblieben sind, ob sie die Umkehrung nicht vielmehr wohlbehalten überstanden haben und nun Teile der Neuen Linken in stärkerem Maße desorientieren, als es mit dem ursprünglichen, konservativen Vorzeichen jemals möglich gewesen wäre. Um uns in dieser Beziehung Klarheit zu verscha en, müssen wir eruieren, worin die Fehler bestehen.«124 Der erste Einwand Harichs ist bereits bekannt: Die un-historische Betrachtung der Institutionen: »Gehlen erliegt zunächst dem Irrtum, vorauszusetzen, dass Institutionen, die an bestimmte historisch-transitorische Verhältnisse gebunden sind, sich überhaupt unter anthropologischen, d. h. vom Geschichtsprozess abstrahierenden Gesichtspunkten beurteilen ließen – sei es selbst unter Gesichtspunkten einer in den Grenzen ihres legitimen Gegenstandsbereichs zutre enden Anthropologie.«125 Harich hielt fest, dass alles entstehe und vergehe, sich also auch Zweck und Inhalt jeder Institution ändern würden. Institutionen an sich seien notwendig, aber nicht eine spezi sche, genau »diese« Institution aus einem bestimmten historischen Abschnitt. Und auch das zweite Argument machte Harich in den siebziger und achtziger Jahren immer wieder geltend: »Indes auch diese Überlegungen, so gravierend sie sind, tre en noch nicht den Punkt, auf den es hier ankommt. Gehlens ärgster, die Neue Linke am meisten desorientierender Fehler liegt darin, dass sein Institutionsbegri praktisch uferlos ist – sogar ein Briefwechsel zwischen Freunden fällt darunter126 – so dass die abstrakt-pauschale Apologetik der Institutionen dem Leser die Vorstellung einer Unzahl von Faktoren gleicher gesellschaftlicher Bedeutsamkeit suggeriert, die – vermeintlich – beziehungslos nebeneinander stehen. Das so entstehende Bild der Gesellschaft ist grundverkehrt: Die komplexen, historisch-konkreten Gesellschaftsordnungen, in welche die Institutionen stets integriert sind, kommen darin überhaupt nicht vor. Die Erkenntnis des Marxismus, dass es sich bei diesen Ord- 124 Band 7, S. 141–145. 125 Band 7, S. 145. 126 (WH) Arnold Gehlen, »Probleme einer soziologischen Handlungslehre«, in: »Studien zu Anthropologie und Soziologie«, (Soziologische Texte, Band 17), Neuwied und Berlin 1963, p. 196  . 1 0 8 E i nl e i t u ng nungen um Totalitäten einander wechselseitig bedingender Momente handelt, unter denen die jeweilige Produktionsweise für die Struktur des Ganzen ausschlaggebend ist, mithin auch den – historisch variablen – Funktions- und Stellenwert aller übrigen Momente, der ihr gegenüber sekundären und tertiären Institutionen, immer erst festlegt, diese durch materialistische Umstülpung der Hegelschen Lehre vom ›objektiven Geist‹ gewonnene Erkenntnis, scheint für Gehlen nie existiert zu haben. Es gibt bei ihm nicht Basis, nicht Überbau, es gibt nur Institutionen, und die reichen so etwa von den Spielregeln, die eine Skatrunde zu beachten hat, bis zum Weltsicherheitsrat der UNO.« Neu hinzugekommen war in dem Anarchie-Buch, dass Harich Gehlens Philosophie nun weitaus stärker als zuvor für den Nachkriegskonservatismus im Westen verantwortlich machte, diese also ganz klar auch aus ideologischer Perspektive bewertete: »Kein Zweifel: An ideologischer Irreführung genau dieses Typs war der deutschen Bourgeoisie in den Nachkriegsjahren – in der Zeit, als Gehlen die ›entnazi zierende‹ Überarbeitung seines Hauptwerks vornahm und sich den später in seinem zweiten großen Buch verarbeiteten soziologischen, prähistorischen und ethnologischen Studien zuwandte – sehr viel gelegen. Wenn wenigstens in dem Teil Deutschlands, der von den westlichen Alliierten besetzt worden ist, das kapitalistische System noch einmal den Konsequenzen entgehen sollte, die seine Nutznießer mit der Etablierung der faschistischen Diktatur und der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges heraufbeschworen hatten, dann musste für das Ungeheuerliche des Geschehenen, für Konzentrationslager, Kriegsverbrechen, Völker- und Rassenmord, eine Erklärung gefunden werden, mit der sich der kapitalistische Klassencharakter des Faschismus verschleiern ließ und die obendrein dem intensiver denn je fortzusetzenden Kampf gegen die proletarisch-sozialistische Umwälzung, gegen den Kommunismus, neue demagogische Parolen zu liefern vermochte, möglichst solche, in denen das eine mit dem anderen unmittelbar verquickt, die das System schonende Missdeutung des eben überstandenen Schreckens zugleich plausibel erscheinende Warnung vor Neuerungen war, die den Schrecken an der Wurzel zu packen drohten. Man erinnere sich: Damals gri en die Meinungsmacher der Reaktion auf die Formel ›Diktatur gleich Diktatur‹ zurück. Damals begannen sie, faschistische Reaktion und sozialistischen Fortschritt unter der einheitlichen, die Klassengegensätze eskamotierenden Kategorie ›Totalitarismus‹ in eins zusammenzuziehen. Damals auch wurde der kategorische Imperativ der Pro tchristen und Manipulierdemokraten von der CDU, der Ruf ›Keine Experimente!‹, geboren und in seinem Zeichen das im Atomzeitalter waghalsigste ›Experiment‹, die Spaltung Deutschlands, die Eingliederung seines remilitarisierten westlichen Teils in eine 1 0 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e antisowjetische Militärallianz, durchgeführt. Wo aber die primitiv verlogene, auf Blu und Dummenfang berechnete politische Agitation nicht ver ng, da halfen auf geistig höherer Ebene, vor intellektuell anspruchsvollerem Publikum, vulgäre Hetze gegen links vornehm verschmähende, andere, verfeinerte Ideologien aus. Und zu diesen gehörte nicht zuletzt auch die philosophisch-anthropologisch fundierte Soziologie Arnold Gehlens, die sich mit Eifer der von ›Verunsicherung‹ bedrohten Institutionen annahm, die glaubhaft zu machen suchte, dass deren Verteidigung und Bewahrung das sicherste Mittel sei, solch grässliche Ausartungen der Instinkte, wie ›wir sie erlebt‹ hätten, in Zukunft zu vermeiden, und von der die Vergangenheit bewältigt wurde mit der Losung: Der Mensch ist ein Exekutivbeamter; oder er ist kein Mensch!«127 Es wäre falsch, diese Kritik als große Abrechnung mit Gehlen zu lesen, ermöglicht eventuell gar durch eine gewisse Entfremdung durch die Zeiten. Denn schon früh hatte Harich Gehlen immer wieder auch brie ich-persönlich gesagt, was ihn an dessen Konzeptionen störe, verbunden mit Lob für diejenigen Teile, die ihm als anschlussfähig an den Marxismus erschienen. Noch deutlicher hatte er diese Kritik für sich selbst entwickelt, nachzulesen ist sie in seinen verschiedenen Exzerpte, die ebenfalls in diesem Band zum Abdruck kommen. Zu verweisen ist aber darauf, dass 1975 Harich in seinem wahrscheinlich am meisten diskutierten Buch, Kommunismus ohne Wachstum?, noch einmal auf Gehlen zu sprechen kam und dessen anthropologische Forschungen würdigte: »Den eben zitierten Ausführungen von Marx (Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, AH) arbeitet, sie sinnvoll ergänzend, die philosophische Anthropologie dann in die Hand, wenn sie von der ›Variabilität und Plastizität der menschlichen Antriebsstruktur‹ ausgeht und diese der starren Instinktgebundenheit tierischen Verhaltens entgegensetzt. Und eben eine solche Anthropologie gibt es seit über einem Menschenalter bereits. Wir verdanken sie, ob uns das politisch in den Kram passt oder nicht, dem erzkonservativen Arnold Gehlen. Ohne Gehlens Befunde hängen die Marxschen Erkenntnisse, die Erzeugung des Bedürfnisses durch die gesellschaftliche Produktion betre end, nach der biologischen und psychologischen Seite hin in der Luft, wären unerklärlich. Folglich müssen, bei all unserer sonstigen Aversion gegen Gehlen, dessen – kritisch zu rezipierende – Errungenschaften an diesem einen Punkt mit der marxistischen Politökonomie zur Synthese verschmolzen werden; um gar nicht davon zu reden, dass Gehlen gerade hier auch durch 127 Band 7, S. 154 f. 1 1 0 E i nl e i t u ng sämtliche empirische Ergebnisse der modernen Ethnologie, besonders durch die Forschungen der amerikanischen Schule von Malinowski, Boas, Benedict, M. Mead, gestützt wird.«128 * * * * * Es ist angesichts der bisherigen Ausführungen nun danach zu fragen, welche Aussagen Harich darüber machte, wie er sich seit seiner Entlassung aus dem Zuchthaus zu Gehlen und dessen Philosophie stellte. Es liegen verschiedene Selbsteinschätzungen zu dieser Frage vor (zu denen natürlich auch die Aussagen in seinen Arbeiten zur Anarchie-Problematik und in Kommunismus ohne Wachstum zu zählen sind), die im Folgenden zu betrachten sind. Nachdem der brie iche Kontakte zu Gehlen nach Harichs Haftentlassung wieder hergestellt war, bezeichnete sich dieser am 23. Juli 1965 als »wandelnde Volksausgabe Ihrer gesammelten Werke«. Ein Kompliment, das vor allem die Momente der gegenseitigen Identität betonen sollte. Es kam dann, wie geschildert, zu jener Kontaktpause wegen Harichs Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, die einige Jahre anhielt. Doch 1974 erhielt Harich dann die Einladung, an einer Veranstaltung zusammen mit Gehlen und Rudolf Augstein teilzunehmen. Er schrieb am 27. Februar 1974, noch einmal um Verständnis für sein Anarchie-Buch bittend, an Gehlen: »So wäre unsere Beziehung, die sonst nächsten Silberhochzeit feiern könnte – denn 1949 (oder 1950) schrieb ich Ihnen zum ersten Mal –, beinahe de nitiv in die Brüche gegangen, und darüber war ich, sobald mir das in der Großhirnrinde au ackerte, jedes Mal sehr deprimiert.« Anschließend gab er dann »folgende ›Grundsatzerklärung‹ über meine heutige Einstellung zu Ihnen« ab: »1) Sie sind für mich einer der geistvollsten Menschen, die heute unseren überbevölkerten Planeten bewohnen (und, ausnahmsweise, nicht übervölkern), und darunter wieder der brillanteste deutschsprachige Stilist, soweit jedenfalls die Prosa theoretischer Texte in Betracht kommt. (Ohne Formulierungsanleihen bei Ihnen käme ich gar nicht aus.) 2) Ich hege nach wie vor Bewunderung für all das an Ihrer Doktrin, was sich damit begnügt, philosophische Anthropologie zu sein, d. h. das qualitative Novum des Menschen auf den Begri zu bringen. Mit diesen Aspekten Ihrer Werke haben Sie sogar, nde ich, ungewollt einen unentbehrlichen Eckstein für das Weltbild des Marxismus geliefert, wofür wir Ihnen irgendwann einmal, im 21. Jahrhundert, ein Denkmal werden errichten 128 Harich: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der ›Club of Rome‹, Reinbek bei Hamburg, 1975, S. 177. 1 1 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e müssen. (Und darin, dass ich hierauf 1955 den – damals in Bezug auf Sie völlig ahnungslosen – Georg Lukács aufmerksam gemacht habe, der dann auch prompt partialer Gehlenianer wurde, besteht mein größtes, wahrscheinlich einziges Verdienst um die Weiterentwicklung der marxistischen eorie. Ich gleiche da so quasi jenen – an sich belanglosen – Ortschaften wie Bebra oder Hof, die im Kursbuch als Eisenbahnknotenpunkte wichtig sind.) 3) Meine unter Punkt 2 bezeugte Bewunderung für Sie ist leicht eingeschränkt, wie gesagt, seit Sie den Aggressionstrieb anerkennen. Meine Verabschiedung Freuds sträubt sich dagegen, und Schuster Lorenz, nde ich, sollte bei seinen Leisten, den Graugänsen nämlich, bleiben und Aussagen über Menschliches (auch Allzu-Menschliches) besser ganz sein lassen. Aber: Der anerkannte Aggressionstrieb steht so verquer in Ihrem Menschenbild, dass er sich von den linken Adepten, die Sie haben, leicht wieder daraus wird entfernen lassen – so wie das Obskure des späten Schelling aus dessen verdienstvoll-pantheistischer Naturphilosophie, ohne die Feuerbach nicht denkbar wäre. 4) Da, wo Sie über Geschichtlich-Gesellschaftliches sprechen und immerfort die Institutionen zu stabilisieren empfehlen, betrachte ich Sie als Erz-Klassenfeind. Hier bin ich mit allen Fraktionen der Linken, von Ulrike Meinhof bis, sagen wir, Augstein, rabiat gegen Sie; denn die Institution schlechthin ist im Westen (aber auch uns durch Fernwirkung, Aufzwingen von Abwehrmaßnahmen etc. viel Verdruss bereitend) nun einmal das kapitalistische Privateigentum, und das muss eben weg. 5) Was aber wiederum nicht ausschließt, dass ich andere Dinge, an denen Ihr preu- ßisch-konservatives Herz hängt (bzw. die von Ihnen betrauert werden, falls es Sie nicht mehr gibt), auch meinerseits erhalten zu sehen wünschen. Das reicht von den großgeschriebenen Substantiven in der deutschen Rechtschreibung, die ich mit Klauen und Zähnen verteidige, über alles in der Kunst Unübertro ene (Renaissance-Malerei, Verse Goethes etc.) bis zum guten Benehmen bei Jugendlichen (das Letztere eingedenk der Tatsache, dass Robespierre die Manieren eines Rokoko-Kavalier hatte und die Söhne von Justizrat Marx in Trier und Oberschulrat Uljanow in Simbirsk aus durchaus guter, strenger Kinderstube kamen). Ja, ich gestehe, sogar den preußischen Stechschritt zu goutieren, den es ja nur noch auf Paraden der DDR-Armee und beim Aufziehen der Wache vor dem Ehrenmal Unter den Linden gibt, während Scharnhorst und Gneisenau daneben freundlich und etwas verblü t von ihren Denkmalssockeln herab blicken. Nur eben: Dies Altbewährte kriegt oft ein historisch gutes Gewissen erst wieder dadurch, dass die Reichen 1 1 2 E i nl e i t u ng verschwinden und nur noch Leistung fürs Ganze, Vermögen aber gar nichts mehr gilt. Nein: Den Kapitalismus schenke ich Ihnen nicht für Ihre Institutionen-Sammlung. Den nicht.« Diese Argumentation lässt sich mit Harichs damaligem politischen und wissenschaftlichen Denken ebenso vereinbaren wie mit seiner in den fünfziger Jahren bezogenen Einstellung zu Gehlen. Es überwiegen weitaus die Momente der Kontinuität. Von daher ist es sehr bedauerlich, dass die vom WDR geplante Diskussionsrunde zwischen Gehlen, Augstein und Harich nicht zu Stande kam. In letzter Minute hatte der WDR mitgeteilt, dass er die Veranstaltung nun doch nicht aufzeichnen und stattdessen lieber Harich für ein Einzelinterview in Beschlag nehmen wolle. (Es wäre der erste Auftritt Harichs im Westen gewesen und dieser weigerte sich, aus seiner »Dissidentenrolle« Kapital zu schlagen.)129 Überraschend ist sicherlich auch, dass die DDR einer solchen Veranstaltung und dem dortigen Auftritt Harichs ursprünglich zugestimmt hatte. Am 7. April 1974 unterrichtete Harich Gehlen über die Ereignisse, die aus seiner Sicht zur Absage der Veranstaltung geführt hätten und nahm dabei auch noch einmal Stellung zu Gehlen: »Mir sind an dem Fall zwei Dinge geradezu widerlich: Einmal die Selbstverständlichkeit, mit der die WDR-Leute bei mir die Moral des ›Im-Stich-Lassens‹, d. h. die freudige Bereitschaft, Sie und Augstein ›abzuhängen‹, vorausgesetzt haben, zum anderen die Maßstablosigkeit, mir, nur wegen meiner Zuchthaus-Jährchen, vor einem Mann wie Ihnen den Vorrang zu geben. Ich leide nicht an Minderwertigkeitskomplexen, gewiss nicht, und ich emp nde Sie, Ihres Konservatismus wegen, als politischen und weltanschaulichen 129 Diese Positionierung war für Harich zentral, er wich nie von ihr ab. Um aus der Fülle der möglichen Beispiele nur etwas zu erwähnen: Nach seiner Übersiedlung von Österreich in die Bundesrepublik gab Harich dem Stern ein Interview, das aber nicht verö entlicht wurde. »Der Stern mochte o enbar nicht tolerieren, dass sich Harich mit der DDR verbunden fühlte. Auf die Frage, was ihn noch mit ›drüben‹ verbindet, antwortete Harich: ›Vor allem ein moralisches Motiv. Die DDR ist derjenige Staat auf deutschem Boden, der nach 1945 eine grundstürzende gesellschaftliche Umwälzung durchgeführt und zugleich unter ungeheuren materiellen Opfern Wiedergutmachung für die von ganz Deutschland in der Sowjetunion angerichteten Schäden geleistet hat.‹« (Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 149.) Ein »unheilbarer Bruch« sei daher für ihn nicht vorstellbar. An die Botschaft der BRD in Österreich schrieb er bezüglich seiner Invalidenrente: »Als loyaler Bürger der DDR kann ich mir unmöglich die Rechtsau assung der Bundesrepublik zu den Fragen der Nationalität und der Staatsbürgerschaft zu eigen machen.« (Zitiert bei Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 185.) 1 1 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Gegner. Aber daran, dass Sie, verglichen mit mir Pygmäe, ein Riese sind und ich geschmeichelt und stolz sein kann, von Ihnen einer gemeinsamen ö entlichen Disputation für würdig befunden zu werden, gibt es bei mir nicht den geringsten Zweifel. Und auch Augstein ist ja nicht der ›journalistische Moderator‹, den man in ihm, laut Süddeutscher Zeitung gesehen zu haben scheint. Immerhin verbindet sich in seinen Büchern eine von Karl Kraus herkommende große polemische Kultur in ziemlich einzig dastehender Weise mit recht fundierter Geschichtswissenschaft bzw. Anti- eologie. Aber sobald am Horizont ein östlicher ›Dissident‹ auftaucht, gelten im Westen Qualität und Leistung, selbst der eigenen, bürgerlichen Koryphäen, o enbar nichts mehr. Da heißt es dann: Gehlen und Augstein ›können wir immer haben‹. Es ist wirklich zum Speien. Und nun rechnen Sie sich aus, wie das auf die Eitelkeit und Publikationssüchtigkeit so manches Literaten bei uns wirkt. Es gibt Leute bei uns, die schreiben renitente Stellen in ihre Manuskripte, nur weil sie darauf spekulieren, damit leicht zu Westruhm zu gelangen, ohne im Osten noch etwas wirklich Ernstes riskieren zu müssen. Mit mir kann man aber so etwas nicht machen. Ich denke nicht daran, und nach dem jüngsten Vorfall weniger denn je, meine längst angestaubte Märtyrerkrone wieder neu aufzupolieren, nur weil das mit einem WDR-Interview honoriert wird.« Die wahrscheinlich größte Referenz erwies Harich Gehlen in jenem Interview, das er nach dessen Tod der Frankfurter Rundschau gab.130 Seine dort entwickelten esen prägten zudem zwei Jahre später das Vorwort, das er zu der italienischen Ausgabe des Menschen verfasste. Harich begann seine Ausführungen damit, dass sich die Linke nicht »in jedem Fall pauschal ablehnend« zu den bürgerlichen Wissenschaftlern positionieren dürfe. Dies war seine grundlegende Einstellung, die er Ende der vierziger Jahre entwickelt und die vor allem seine Tätigkeit im Aufbau-Verlag und bei der Deutschen Zeitschrift für Philosophie geprägt hatte.131 Was für Marx und Engels und deren Generation noch in starkem Maße gegolten habe, sei in der Gegenwart freilich schwächer geworden. Harich selbst hat ja, wie gesehen, vor allem zwei bürgerliche Gelehrte des 20. Jahrhunderts gewürdigt: Nicolai Hartmann und Gehlen. Mit dessen Tod freilich habe sich die Situation verändert. Nunmehr gebe es bei den »Konservativen nur noch wenig, wovon zu lernen sich lohnte«. 130 In: Frankfurter Rundschau, Nr. 44 vom 21. Februar 1976, S. 111. Neuabdr. im vorliegenden Band, alle Zitate nach dieser Ausgabe. 131 Siehe hierzu die entsprechenden Dokumente in Band 1.3. Außerdem: Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000, Bd. 1, S. 208–243. 1 1 4 E i nl e i t u ng Auf die Frage, welche gesicherten Wahrheiten ein Marxist bei Gehlen nden könnte, antwortete Harich, die Grundgedanken seiner anthropologischen Überlegungen rekapitulierend: »Gehlens größtes Verdienst war es wohl, das Bild des Menschen erstmals umfassend und vollständig dualistischer Missdeutung entzogen zu haben, die bis dahin die philosophische Anthropologie beherrscht hatte. Dieser Dualismus sucht das spezi sch Menschliche allein im Geist bzw. in der Seele. So geschah es, seit Sokrates, in der Antike. So verfuhr desgleichen die jüdisch-christliche Tradition. Und die Neuzeit brachte in dem Punkt keinen prinzipiellen Wandel. Im Gegenteil. Gerade Descartes trieb, mit seiner Zweisubstanzenlehre, den Dualismus auf die Spitze. An gelegentlicher Opposition dagegen hat es freilich nicht gefehlt. Ich denke an den Sophisten Protagoras, wie er uns aus zweiter Hand, durch Platon, überliefert ist, oder in der deutschen Aufklärung an Herder, den Gehlen übrigens seinem Vorgänger nannte, oder auch an gewisse Einfälle Feuerbachs, wie etwa den, dass der Mensch, mit dem Magen eines Tigers ausgestattet, einen tigerhaften Verstand haben müsste u. dgl. Doch solche Denkansätze blieben stets sporadisch, niemand arbeitete sie systematisch aus, philosophiehistorisch entbehren sie jeder Kontinuität. Noch bei Max Scheler und erst recht implizit in der Schichten-Ontologie Nicolai Hartmanns war die moderne philosophische Anthropologie durchaus dualistisch. Erst bei Gehlen hat die Leib-Seele-Geist-Einheit des Menschen aufgehört, für das theoretische Begreifen ein bloßes Postulat zu sein. Gehlen erst hat entdeckt, dass der Mensch durchgängig im ganzen ein der Natur gegenüber qualitatives Novum darstellt. Danach unterscheiden wir uns von der gesamten Tierwelt nicht nur als Vernunftwesen, sondern ebenso auch durch die Bescha enheit unserer Haut, den Bau unserer Zähne, den aufrechten Gang, die Eigentümlichkeiten unseres Antriebslebens usw., und in jeder Person hängen alle diese qualitativ neuen Momente untereinander zusammen und bedingen sich wechselseitig. Für die Grundlegung der Humanmedizin, der Psychologie, der Verhaltensforschung, der Charakterkunde usw. hatte das bahnbrechende Bedeutung.« Es ist ebenso Zusammenfassung seiner Einstellung zu Gehlen, wenn Harich zwischen dem Anthropologen, dem politischen Menschen und der politischen Philosophie Gehlens di erenzierte. Als Konservativen habe diesen eine »faszinierende Querköp gkeit« ausgezeichnet, die sich beispielsweise darin zeige, dass er »bewundernden Respekt und Sympathie für die Sowjetunion hegte«. Dennoch gehöre seine politische Philosophie »sicher zum problematischsten und im wesentlichen doch wohl reaktionären Teil seiner Lebensleistung«. Begründet wurde dies von Harich wie folgt: 1 1 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Gehlen hatte in seiner Jugend den Marxismus nicht kennen gelernt und setzte sich auch später nie ernsthaft mit ihm auseinander. Er kam von Denkern wie Scheler und Driesch her. So beging er zeitlebens den fundamentalen Fehler, gesellschaftliche Prozesse in anthro po logischen Kategorien nachzuvollziehen. Statt dass sein Bild des Menschen aus einem adäquaten Gesellschaftsverständnis erwachsen wäre, blieb umgekehrt die Soziologie bei ihm ein Anhängsel seiner Anthropologie. Nun entdeckte er, dass dem Menschen die Starrheit des instinktgeleiteten Verhaltens der Tiere abgeht. Darin sah er einen Vorzug – die Möglichkeit weltverändernden Handelns –, aber auch einen Nachteil – die konstitutive Unsicherheit und Ausartungsbereitschaft unserer plastischen, variablen Antriebsstruktur. Also müsse – so meinte er – der Mensch, um nicht nach allen Seiten zu zer ießen wie ein Brei, gleichsam auf Schienen gelegt bzw. es müssten ihm Korsettstangen eingezogen werden, und eben diese Außenstützung hätten die Institutionen ihm zu gewähren, die somit unter allen Umständen zu bejahen und zu verteidigen seien. Und die Wahllosigkeit, mit der Gehlen die Institutionen schlechthin bejaht, macht ihn reaktionär missbrauchbar, ja, lädt zum Missbrauch geradezu ein.« Für den Marxismus und die marxistischen Wissenschaften sei es wichtig, sich mit Gehlen zu beschäftigen. Dieser müsse überall dort kritisiert werden, wo er unhistorisch arbeite, errungene Erkenntnisse negiere, dem Konservatismus huldige usw. »Faule Kompromisse mit ihm sind nicht möglich, wohl aber Polemiken, die ihm zugleich sein Bestes zu entreißen wissen und nichts davon, keine Silbe, an seine rechten Adepten verschenken.« Aber es gebe eben bei Gehlen, dies war für Harich wichtig, auch rationelle, vorwärtsweisende esen und eorien: Mit diesen müsse der Marxismus sich auseinandersetzen und sie – so schwierig es auch sein möge – in sein eigenes Weltbild integrieren. Das auf den Mai 1978 datierte Vorwort zur italienischen Ausgabe von Gehlens Menschen beendete Harich mit dem Absatz: »Auf Grund seiner entökonomisierten Soziologie hat Gehlen einfach geschichtsfremd gedacht. Goethes ›Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage‹ sagte ihm nichts. ›Institution‹ war zuletzt das von ihm am meisten strapazierte Wort. Nie aber ist er mit dem – von Hegel und Marx auf den Begri gebrachten – Phänomen gedanklich fertig geworden, dass dieselbe Institution eine Zeit lang historisch notwendig und segensreich sein kann, um dann eines Tages, erstarrt und veraltet, zum Hemmschuh der Entwicklung zu werden. Das heute in grundstürzendem Umbruch begri ene Italien ist denn auch gut beraten, 1 1 6 E i nl e i t u ng sich mit Arnold Gehlen, dem philosophischen Anthropologen, vertraut zu machen. Die Kenntnisnahme des Gesellschaftsdenkers gleichen Namens mag es sich aufsparen für eine ruhigere Zeit.« Es ist noch, um historische Vollständigkeit zu wahren, hier zu ergänzen, das sich 1974, 1975 der Briefwechsel zwischen Harich und Gehlen noch einmal thematisch änderte – er wurde persönlicher als dies bis zu diesem Zeitpunkt der Fall gewesen war. Mitte 1974 war Gehlens Frau gestorben und Harich kondolierte: »Die Nachricht über den schrecklichen Verlust, der Sie und die Ihren traf, war lange unterwegs. Mir bleibt nur übrig, Ihnen und Caroline mit von Herzen kommendem Beileid in Gedanken fest die Hand zu drücken. Denn gekannt habe ich Ihre Frau ja nicht. Als ich vor über 20 Jahren in Speyer Ihr Gast war, befand sie sich gerade auf einer Reise. Lebhaft erinnere ich mich jedoch an das rührende Vater-Tochter-Idyll, das ich damals zwei Tage lang mit erleben durfte, und wenn ich daran zurückdenke, scheint es mir gewiss zu sein, dass Ihre Frau mit Ihnen beiden zur Seite ein glücklicher Mensch gewesen sein muss. Mögen nun Tochter und Enkel dem späten Gehlen an steter Fürsorge und warmer Menschennähe alles geben, was er braucht, um in den geistigen Kämpfen der Zeit ganz da zu sein.« Gehlen schickte in den folgenden Monaten mehrere traurige Postkarten nach Ost-Berlin, die seine ganze innere Zerrissenheit und Einsamkeit zeigen. In dem erwähnten Vorwort schrieb Harich. »1974 traf dann der Tod seiner krebserkrankten Frau ihn seelisch so schwer, dass er zum Krüppel amputiert zu sein glaubte. Im Winter 1975/1976 musste er sich selbst einem kleinen chirurgischen Eingri unterziehen. Er begab sich nach Hamburg, um in einer dortigen Klinik seines Vertrauens die Operation vornehmen zu lassen. Komplikationen und geschwächter Lebenswille führten am 30. Januar 1976, unmittelbar nach der Vollendung des 72. Lebensjahres, seinen Tod herbei, am selben Tage, an dem im selben Krankenhaus auch einer seiner besten Freunde, der von ihm am höchsten geschätzte zeitgenössische Psychiater Hans Bürger-Prinz, verstarb.« Der Familie, dies sei ergänzt, kondolierte er nunmehr (abgedruckt wird in diesem Band der Entwurf seiner Beileidskarte): 1 1 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e »Erschüttert verneige ich mich vor der Totenbahre Arnold Gehlens, des bewunderten Feindes und geliebten Menschen. Der Konservatismus hat seinen weltweit letzten bedeutenden Denker verloren, die deutsche Sprache einen ihrer glänzendsten Stilisten, das europäische Geistesleben der Gegenwart einen alten Querkopf von riesigem Format und verehrungswürdiger Lauterkeit. Allen Angehörigen drücke ich in tief empfundener Anteilnahme fest die Hand.« * * * * * Es musste viel passieren, sehr viel, dass Harich in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mit dieser seiner über Jahrzehnte gep egten, vertretenen und aufrichtigen Position überaus deutlich brach. Was war geschehen? Der Umbruch seiner Einstellung zu Gehlen kündigte sich an, in verschiedenen Briefen, Manuskripten usw. An Reinhard Pitsch, der ihm im Westen und in Österreich viele Hilfestellungen leistete, schrieb er am 16. Januar 1988 über Gehlen: »Begehe, um Himmels willen, nicht den Fehler, ihn als ›source‹ des ›dernier Lukács‹ neben Nicolai Hartmann zu stellen. Letzterer war wirklich eine solche Quelle (für die Ästhetik freilich in viel, viel geringerem Maße als Goethe). Gehlen nicht. Hinsichtlich Gehlens verhält es sich gerade umgekehrt: Die Entdeckung der Arbeit als des zentralen Anthropinon (von Marx’ Vergleich zwischen Biene und Baumeister über Engels’ Anteil der Arbeit bis hin zu Lukács’ Ontologie des gesellschaftlichen Seins, II. Teil, Kapitel 1: Die Arbeit) bildet für Marxisten, darunter auch für Lukács, die Voraussetzung dafür, die anthropobiologischen Befunde Portmanns, Bolks, Storchs, z. T. auch K. Lorenz’, aus der im Kern falschen philosophischen Systematisation, in die Gehlen sie bringt, in eine richtige, dialektisch-materialistische hinüber zu retten.« Gehlen, so Harich in Fortsetzung jener Kritik, die er seit den fünfziger Jahren entwickelt hatte, »sieht den Primat des Übergangs zur Arbeit nicht und fasst daher nicht die Arbeit als zentral, sondern betrachtet sie als eine beliebige Art des Handelns. Zweitens stellt er die Entwicklung auf den Kopf, indem er das ›Mängelwesen‹, das der Mensch sei, zu ihrem Ausgangspunkt erklärt, statt umgekehrt die Mängel (vom Tier her gesehen Mängel) aus der mit der Arbeit sich vollziehenden Selbstdomestikation der menschlichen Natur herzuleiten. Im Übrigen: Gehlen war Nazi, und dass er ein antirassistisch denkender Nazi 1 1 8 E i nl e i t u ng war (bedenke seiner A nität zu dem grundhumanen Herder), eben das macht ihn für den Neokonservatismus der ganzen Nachkriegszeit, bis heute, der diesen kompromittierenden Ballast über Bord geworfen hat, nur um so brauchbarer.« Um Gehlen mit Gewinn zu lesen, müsse eine Reihenfolge beachtet werden, d. h. man dürfe nicht sofort auf »dessen Werke los«, sondern erst nach einer Vorbereitung: »Lies aber möglichst vorher den im Prinzip viel rationelleren (wenn auch weniger talentvollen) Paul Alsberg (Das Menschheitsrätsel), dann, was Scheler (Stellung des Menschen im Kosmos) an Alsberg auszusetzen hatte, und danach Gehlens Der Mensch.« Im April 1989 sollte in Speyer eine mehrtägige Tagung zu Gehlen statt nden (zuerst geplant für den 5. bis 7. April, später dann vom 4. bis 7. April durchgeführt). Helmut Klages hatte Harich im Mai 1988 dazu eingeladen, doch Harich sagte brie ich am 1. Juli 1988 ab. Geltend machte er seinen schlechten Gesundheitszustand. Aber, weit wichtiger als dieser: Es sei ihm nicht mehr möglich, »an einer Veranstaltung zu Ehren Arnold Gehlens« teilzunehmen. Er begründete dies wie folgt: »Ihnen wird nicht entgangen sein, dass in der Deutschen Demokratischen Republik heftige Diskussionen um das kulturelle und historische Erbe entbrannt sind. In diesem Zusammenhang habe ich wenig einzuwenden gegen eine neue, großzügigere Einstellung zu Luther, dem Alten Fritz oder auch Bismarck. Aber eine Grenze ziehe ich unerbittlich: In der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern sollte Friedrich Nietzsche keinen Millimeter an Boden zurückgewinnen. (…) Noch ist dieser Kampf nicht entschieden. In diesem Kampf gäbe ich mir aber schreckliche Blößen, wenn ich zwar gegen Nietzsche eiferte, aber gleichzeitig einem Mann meine Referenz erwiese, der einen höchst aktiver Nazi gewesen ist und in der Nachkriegszeit politisch und ideologisch weit rechts gestanden hat. (Ich erinnere nur an das schreckliche Buch Moral und Hypermoral.) Natürlich traue ich mir zu, einem Fachkollegen in subtiler Beweisführung plausibel zu machen, dass Hass auf Nietzsche mit Respekt vor Gehlen zu vereinbaren sei. (Denn was hat Gehlen, um nur dies zu nennen, außer der Formel vom ›nicht festgestellten Tier‹ von Nietzsche sonst noch lernen können? Ich nde: nichts.) Aber Stephan Hermlin etwa, ein ein ussreicher Mann mit erheblichem Vertrauensvorschuss aus glorreichen Jungkommunistentagen, und ich ringen hier in Sachen für oder wider Nietzsche um die Seelen von Parteifunktionären aller ›Ebenen‹. Und vor denen stünde ich sofort unglaubwürdig da.« 1 1 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Harichs Auseinandersetzungen mit Nietzsche ist in dieser Edition der Band 12 gewidmet, dort nden sich alle weiterführenden Informationen. Die in der gerade wiedergegebenen Passage kurz angetippte Position zum philosophischen, kulturellen, literarischen Erbe war für Harichs Denken prägend und von diesem seit den fünfziger Jahren bezogen und permanent weiterentwickelt worden. Hier freilich geht es um seine Einstellung zu Gehlen. Ja, die dargelegte Argumentation sei auch ein Stück weit Taktik, so Harich weiter an Klages. Aber sie stehe auf einem nicht abzuleugnenden Fundament. »1974 bin ich durch ein Buch eines der vorgesehenen Referenten, durch Dieter Claessens’ Instinkt, Psyche, Geltung (2. Au age, Köln und Opladen, 1970), auf Paul Alsberg aufmerksam geworden. Ich werde es mir nie verzeihen, dass ich danach zwölf Jahre verstreichen ließ, ehe ich mir dessen Menschheitsrätsel (1922) dann auch besorgte und mich darein vertiefte.« 1986 habe er das Werk schließlich gelesen – und dabei entdeckt: »Wie konnte ein Mann wie Gehlen, dermaßen bedacht auf seine noble Attitüde, einen Vorgänger, dem er so ungeheuer viel zu verdanken hatte – aus Schelers Stellung des Menschen im Kosmos scheint er den Tip bezogen zu haben –, so leichten Herzens, so eiskalten Herzens unverdienter Vergessenheit anheimgegeben? Und wie genial nimmt Alsbergs philosophisch-anthropologischer Ansatz sich aus (…). Übrigens scheint Alsberg, wissentlich oder unwissentlich, jedenfalls aber durch Vermittlung der Wirtschaftsgeographen, auf die er sich bezieht, durch Friedrich Engels’ Schriftchen Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en inspiriert worden zu sein.« Harichs Anliegen war es immer gewesen, die anthropologischen eorien Gehlens für den Marxismus zu erschließen, den dafür zu bezahlenden Preis – die Inkaufnahme von dessen faschistischer Vergangenheit, konservativer Gegenwart und reaktionärer eoriebildung – war er bereit zu bezahlen: Im Namen des Marxismus. Derartige Vermittlungen seien aber wegen Alsberg gar nicht mehr notwendig. Nicht zuletzt, da Gehlen sich nie mit dem Marxismus auseinandergesetzt und diesen auch bei seinen eigenen Forschungen nie gewürdigt habe: »Gehlen ist durch mich schon Anfang der fünfziger Jahre auf die Verwandtschaft mancher Aspekte seines Menschen mit den bahnbrechenden Einsichten des alten Engels hingewiesen worden. Später soll Leo Ko er ihm ähnliche Winke haben zugehen lassen. Aber nie hat Gehlen die Größe besessen, den Engels von 1876 als Vorläufer der philosophischen 1 2 0 E i nl e i t u ng Anthropologie auch nur mit einer Silbe zu würdigen. Gehlen war halt auch darin unser Klassenfeind. Und als unaufrichtigem werde ich ihm fortan ehrendes Gedenken versagen. Lukács, den einst ich auf Gehlen gespannt machte, würde sich, glaube ich, bei Kenntnis der Alsberg-Geschichte nicht anders verhalten.« Zwei Tage nach dem Brief an Helmut Klages kontaktierte Harich telefonisch die Berliner Universitätsbibliothek, Abteilung Systematischer Katalog, mit der Bitte, dass man dort versuche herauszubekommen, wer Paul Alsberg gewesen sei. Die Harich dann erreichenden Erkenntnisse spitzten seine Kritik an Gehlen weiter zu. Die ganze Angelegenheit wurde ihm so wichtig, dass er (zuerst nachholend, später immer gegenwärtig) sich zu seinen einzelnen Schritten im Fall Alsberg-Gehlen verschiedene Aktennotizen anlegte, diese datierte und teilweise sogar unterschrieb. Er wollte o ensichtlich, belehrt durch den Fall Friedrich Nietzsche, jederzeit für sich eine lückenlose Erkenntniskette parat haben. Wer war Paul Alsberg? An Lothar Berthold schrieb Harich am 4. August 1988: »Mit Hilfe der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität Berlin habe ich, nachdem mir Gehlens Plagiats bewusst geworden war, zur Person Alsbergs folgendes herausbekommen: Am 17. Juli 1882 im Rheinland als Sohn eines Kaufmanns geboren, hat Alsberg in Köln sowie später in Berlin Gymnasien besucht, nach dem Abitur Medizin studiert und 1907 an der Universität Leipzig promoviert. In der Dissertation von 1907 bekennt er sich dazu, jüdischer Konfession zu sein. Erschienen sind, außer dem oben genannten Hauptwerk, von ihm einige kleinere Arbeiten, darunter im Goethe-Jahrbuch von 1918 ein Aufsatz über den Homunculus in Goethes Faust II. Nach seiner Niederlassung als Arzt (Gynäkologe und Chirurg) in Berlin befand seine Praxis sich lange Zeit in Berlin Charlottenburg, Kurfürstendamm 22. Dort wird sie im Adressbuch ab 1938/1939 aber nicht mehr geführt, was zweifellos mit der ›Reichskristallnacht‹ vom 9. November 1938 und mit der generellen Entziehung der Approbation für jüdische Ärzte, die, meines Wissens, am 1. Januar 1939 in Kraft trat, zusammenhängt. Von da an verlieren sich Alsbergs Spuren.« In den Wochen davor und danach machte Harich seine Erkenntnisse verschiedenen Personen zugänglich, Briefe gingen beispielsweise an Karl-Siegbert Rehberg, Helmut Klages, an die Jüdische Gemeinde Berlin und auch an den viel zu früh aus der SBZ/ 1 2 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e DDR vertriebenen Leo Ko er. (Siehe Harichs Schilderungen im Ahnenpass.) Diesem schrieb er: »Lieber Leo! Der Fall Gehlen ist noch schlimmer, als ich bisher annahm. Gehlen hat nicht nur ein Plagiat größten Kalibers begangen, sondern auch eines, das zugleich als ›Arisierungs‹verbrechen zu beurteilen ist. Die Kerngedanken seines Hauptwerks – die Dich, Lukács, Agnes Heller und auch mich (mich sogar zeitlich zuerst) Marxismusnähe wittern ließen – stammen, wie gesagt, von Paul Alsberg, aus dessen Das Menschheitsrätsel. Versuch einer prinzipiellen Lösung, Dresden, 1922, 2. verbesserte Au age, Wien, 1937 (auf die 1. Au age bezieht sich schon Max Scheler in Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1927; dort scheint Gehlen darauf aufmerksam geworden zu sein).« Später erfuhr Harich dann weitere biographische Details zu Alsberg. Peter Kirchner teilte er mit: »Alsberg, seit 1932 wohnhaft in Berlin W, Kurfürstendamm 247 (Praxis Kurfürstendamm 22), ist 1934 von Nazis verhaftet und ins KZ Sachsenhausen bei Oranienburg verbracht worden. Seiner Frau gelang es, mit amerikanischer Hilfe, ihn dort freizukämpfen. Beide emigrierten danach, gelangten aber nicht in die USA, sondern ließen sich in England nieder, wo Alsberg wieder als Arzt zu praktizieren an ng und wo er 1965 eines natürlichen Todes gestorben ist. Er konnte von England aus noch die zweite Au age seines Hauptwerks Das Menschheitsrätsel, die damals sogar auch in Deutschland Verbreitung fand, in Wien (Sensenverlag) 1937 herausbringen. Postum ist in Großbritannien selbst eine englische Übersetzung unter dem Titel In Quest of Man, mit einem Vorwort von C. H. Waddington aus Edinbourgh, Oxford (Peramon Press), 1970, erschienen. In der BRD ist Alsberg durch Dieter Claessens wiederentdeckt worden, der sein Hauptwerk aber in einer Weise gewürdigt hat (in Instinkt, Psyche, Geltung, 2. überarb. Au ., Opladen, 1970) und es unter dem schauerlichen und irreführenden Titel Der Ausbruch aus dem Gefängnis. Zu den Entstehungsbedingungen des Menschen, Gießen (Focus), 1975, so ediert hat, dass der damals noch lebende Plagiarius Arnold Gehlen vor Entlarvung verschont blieb. Diese ist erst auf meine Veranlassung hin durch Dr. Arnold Schölzel auf dem diesjährigen Internationalen Philosophenkongress im August in Brighton, über zwölf Jahre nach Gehlens Ableben, erfolgt.« Ist Harichs Rede von einem »Arisierungsverbrechen« zu hart? Von einem solchen hätte er schon in den fünfziger Jahren oder nach seiner Haftentlassung reden können, 1 2 2 E i nl e i t u ng da Gehlen ja bekanntermaßen unter anderem Helmut Plessner plagiiert hatte. Und auch Nicolai Hartmann, mit dessen Philosophie sich Harich zeitlich parallel intensiv auseinandersetzte, hatte ja während der Nazi-Jahre früher von ihm genannte jüdische Autoren namentlich nicht mehr erwähnt. Im Unterschied zu Gehlen eine »menschlich integre« Anpassung an den Zeitgeist, die wissenschaftlich Harich zu Folge nicht komplett zu verwerfen sei (obwohl er sie ebenfalls kritisierte). In den Hartmann-Dialogen schrieb er: »WH: Nun ja. Aber Circenses, die nichts als Schund gewesen wären, hätten einer erklecklichen Mehrheit missfallen, und bloße Unkultur, Antikultur hätte zur Fassade nicht getaugt. Ich gestehe, diesen Circenses und dieser Fassadenkultur einiges an echter Bildung zu verdanken. Ich war neun Jahre alt, als Hitler zur Macht kam, und einundzwanzig Jahre, als er zur Hölle fuhr. Hat es mir geschadet, dass ich mir sonntäglich die Bachkantaten mit den omanern unter Karl Straube und Günther Ramin per Radio angehört, dass ich mir im Kino Ver lmungen von Puschkins Postmeister und Fontanes E Briest angesehen habe? War ich dabei dem Ein uss von Naziideologie ausgesetzt? Nein, aber antifaschistischem eben auch nicht. Dasselbe ließe sich von den ö entlichen Proben Wilhelm Furtwänglers in der alten Philharmonie, in der Bernburger Straße, sagen, dasselbe von den hervorragenden Klassikerinszenierungen an den Berliner eatern. Ich bereue nicht, das erlebt zu haben, davon geprägt zu sein. Und ebenso wenig kann ich meine Teilnahme an Lehrveranstaltungen von Hartmann und Spranger bedauern. Hätte ich sie nicht besucht, wäre es um meine philosophische Bildung schlecht bestellt, meine Kenntnisse wären geringer. PF: Sie tun beinahe so, als hätten Sie da irgend welche klassenneutralen, ideologisch indi erenten Kenntnisse erworben, wie als Lehrling in einem Handwerksbetrieb. WH: Nach Frida Hartmanns Auskunft hat ihr Mann während des ›Dritten Reichs‹ gerade so seine Ontologie weiter zu Papier gebracht, wie damals die Bauern weiter ihre Äcker gep ügt, die Bäcker weiter Brot gebacken haben. Ich nde, sie hat da nicht ganz unrecht. PF: Wollen Sie im Ernst behaupten, Hartmanns zwischen 1933 und 1945 entstandene Werke … WH: Seine damals in letzter Fassung niedergeschriebenen Werke … PF: Wollen Sie behaupten, die wären vom faschistischen Ungeist gänzlich unberührt geblieben? WH: Das wäre auch wieder übertrieben. So weit gehe ich nicht. Erstens wird darin die Erwähnung jüdischer Autoren vermieden. An Stellen, wo etwa von den ›Brentanoschule‹ 1 2 3W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e die Rede ist, wäre vorher wahrscheinlich der Name Husserl genannt worden. Zweitens ist der zeitübliche Sprachgebrauch gar nicht zu verkennen; so wenn zum Beispiel im Aufbau der realen Welt mitunter Ausdrücke vorkommen wie ›fremdvölkische Geistesart‹. PF: Nur Ausdrücke? Nicht auch entsprechende Inhalte? WH: Das inhaltlich Gemeinte p egt sich bei näherer Prüfung meist als sehr harmlos zu erweisen. PF: Meist, aber nicht immer? WH: Nein, nicht immer.«132 In einem Brief an Jost Herbig formulierte Harich seine Empörung im Fall Alsberg-Gehlen am 15. Oktober 1988 wie folgt: »Wir haben es hier mit dem unerhörten Vorfall zu tun, dass ein Nazi einen Juden ausgeschrieben und verschwiegen hat, mit einem Plagiat also, das zugleich Arisierungsverbrechen ist.« Im Falle Alsberg müssen also noch weitere Sachen hinzugekommen sein, die die frühere Toleranz in Sachen Gehlenscher Verstrickungen in den Faschismus und den Nachkriegskonservatismus aufhoben. Da psychologische Spurensuche hier nicht ansteht, kann als wahrscheinlich entscheidender wissenschaftlicher Grund vermutet werden, dass Harichs Ansicht nach Gehlens Plagiat der marxistischen Anthropologie dadurch geschadet habe, dass es den Blick auf Alsberg verstellte, mit dem sich die Anthropologie als Teil des Marxismus sehr gut hätte etablieren lassen. Gegenüber Helmut Quaritsch ging er am 9. November 1988 noch einmal auf die Angelegenheit ein und schrieb: »Ich bin kein Jurist, geehrter Herr Professor. Sie sind es. Mich besonnener, reservierter verhaltend als in meinen von Ihnen beanstandeten früheren Briefen an Herrn Professor Klages und die Möglichkeit einräumend, vorschnell zu weit gegangen zu sein, überlasse ich es Ihnen und Ihren Fachkollegen, zu entscheiden, ob Gehlen als Plagiarius Plessners und vor allem Alsbergs einzuschätzen ist oder nicht. Ich glaube, ja, habe aber nichts dagegen, durch Sie eines Besseren belehrt zu werden.« An Quaritsch schrieb Harich außerdem: »Haben Sie bitte Geduld und Verständnis dafür, dass ich Sie nun auch noch mit der Entstehungsgeschichte der seelischen Disposition behellige, die erklären mag, warum ich zwei Monate später auf diese weitere Kunde dann so verletzend emotional reagiert habe. Formulierungen wie ›schändliches Plagiat‹, ›Qualität eines ›Arisierungs‹verbrechens‹, gegen 132 Band 10, S. 653 f. 1 2 4 E i nl e i t u ng die Sie sich, was Ihnen menschlich zur Ehre gereicht, aus Treue zu Ihrem einstigen Lehrer entschieden verwehren, diese Formulierungen mögen bei ruhiger, sachlicher Prüfung als berechtigt oder als stark übertrieben oder als gänzlich unhaltbar beurteilt werden – wenn sie in meinem Sprachschatz auftauchen, geschieht das nicht von ungefähr.«133 In dem bereits erwähnten Brief an Lothar Berthold formulierte er: »In dem völlig vergessenen, verschollenen bedeutenden Gelehrten Paul Alsberg habe ich den eigentlichen Schöpfer der modernen philosophischen Anthropologie entdeckt, die man zu Unrecht bisher immer nur an die Namen Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1927), Helmut Plessner (Die Stufen des Organischen und der Mensch, 1928) und Arnold Gehlen (Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt,1940) knüpft. Alsberg ist ihnen mit seinem bahnbrechenden Werk Das Menschheitsrätsel. Versuch einer prinzipiellen Lösung, Dresden (Sibyllenverlag), 1922, 2. verbesserte und vermehrte Au a- 133 Gemeint war das persönliche Erlebnis: »Es ist lange her, da besaßen meine zwei Jahre jüngere Schwester und ich einen väterlichen Freund, der Arzt jüdischer Konfession war: Dr. med. Arthur Jacoby in Neuruppin. Er war von 1932 an der Gefährte unserer Mutter. Er wäre ohne die Nürnberger Gesetze unser Stiefvater geworden. Er trug sich eine Zeit lang mit der Absicht, mit uns nach England zu emigrieren. Als beim Novemberpogrom 1938 seine – unmittelbar neben dem Fontane-Denkmal gelegene – Praxis demoliert wurde, seine Phiolen und Reagenzgläser zertrampelt, sein Röntgenapparat aus dem ersten Stock aufs Straßenp aster geworfen (seine kostbaren Mikroskope freilich, mutmaßlich unversehrt, gestohlen), da war er unterwegs mit einem operationsbedürftigen Patienten, den er, begleitender Krankenp eger und Chau eur in einer Person, im eigenen Wagen in die chirurgische Klinik der Berliner Charité brachte. Er hat Neuruppin nie wiedergesehen. Zuletzt Arzt bei der Jüdischen Gemeinde Berlin, ist er 1943 nach Osten deportiert und dort in einem Vernichtungslager umgebracht worden. An das Schicksal dieses Mannes musste ich sofort denken, als ich Ende Juli erfuhr, Paul Alsberg sei Jude gewesen und von 1939 an verlören sich seine Spuren; die Anschrift seiner Praxis am Kurfürstendamm verschwinde von da an im Berliner Adressbuch. Ich sah den Begründer der Philosophischen Anthropologie, mit dem gelben Stern auf der Kleidung, mit dem Namensschild ›Paul Israel Alsberg‹ an der Wohnungstür, jeglicher Willkür preisgegeben. Ich sah ihn, mit Schicksalsgefährten in einen Viehwaggon gepfercht, gen Osten rollen. Ich sah ihn auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau. Und ich wusste dabei um die Berufserfolge Arnold Gehlens zur selben Zeit. Worin die bestanden, bei Werner Rügemer, in Philosophische Anthropologie und Epochenkrise, Köln, 1979, S. 93  ., können Sie es nachlesen. Nun hat sich herausgestellt: Das Geschick seines Neuruppiner Kollegen hat Alsberg nicht erlitten. Nach kurzer KZ-Haft konnte er 1934 emigrieren und in England seinen Beruf ausüben. Hochbetagt ist er 1965 eines natürlichen Todes gestorben.« Zu Jacoby siehe außerdem Harichs Biblio-Biographie (abgedr. in: Band 1.2, S. 108–112) und den Text Meine Lehrer (abgedr. in: Band 1.2, S. 113–122). 1 2 5W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e ge, Wien (Sennenverlag), 1937, nicht nur zeitlich vorausgegangen, sondern insofern auch weltanschaulich überlegen, als seine eorie die – vermutlich unbewusste – Entfaltung des einschlägigen Denkansatzes bei Marx und Engels, angefangen von den Marxschen Feuerbach- esen über die anthropologischen Aussagen in Band I des Kapitals von Marx bis zu Engels’ Schrift Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des A en, darstellt.« Eine Äußerung die er gegenüber Josef Stallmach, den er wegen seiner Arbeiten zu Nicolai Hartmann kannte,134 machte, geht in eine ähnliche Richtung: »Für mich, als Anhänger des Marxismus-Leninismus, hat Alsberg vor späteren philosophischen Anthropologen, ganz abgesehen von seiner Pionierrolle, noch den doppelten Vorzug, dass er a) die energische Herausarbeitung des qualitativen Novums des menschlichen Wesens gegenüber allen Tieren mit ebenso energischem Festhalten an der darwinistischen Anthropogenese zu verbinden vermag – und das würde gewiss auch Hartmann imponiert haben – und b) das qualitative Novum, sehr ähnlich wie Marx und Engels, aus dem Übergang der vormenschlichen Primaten zu Arbeit und Sprache erklärt. Was Nicolai Hartmann angeht, so nde ich dessen Gehlen-Rezension, von 1941, wie wohl sie unbewusst einen Plagiarius rühmt, ganz vortre ich, dagegen seinen späteren Aufsatz Naturphilosophie und Anthropologie, von 1944 (Kl. Schr., I, S. 214 .), außerordentlich problematisch wegen geradezu nazihaft biologistischer Anwandlungen (S. 219, 235) und einer plötzlich positiven, meines Erachtens unangebrachten Würdigung Heideggers (S. 225 f.).« Aus seinen Entdeckungen zog Harich die Konsequenz, dass es der DDR sehr gut zu Gesicht stehen würde, sich der Lebensleistung Alsbergs anzunehmen und diese im Akademie-Verlag zu verö entlichen. Drei Gründe machte er gegenüber Lothar Berthold dafür geltend: 134 Im 10. Band verschiedene Hinweise zu Stallmach, dort auch Harichs Brief an diesen vom 27. September 1988 (S. 965–967). Harich, um 1942 1 2 6 E i nl e i t u ng »(1) Es wäre eine der antifaschistischen Tradition der DDR würdige verlegerische Leistung, die noch zum 50. Jahrestag der ›Reichskristallnacht‹ wenigstens angekündigt und danach so schnell wie nur irgend möglich realisiert werden sollte. (2) Es würde dem auf Arnold Gehlen eingeschworenen Neokonservatismus in der BRD einen schweren Schlag versetzen. (3) Es würde die Blockierung philosophisch-anthropologischer Forschung in der DDR durch einn in der Sache dilettantische, in ideologischer Beziehung sektiererisch-dogmatische Pseudoargumentation beenden helfen, die mit Hilfe von Schelers Religiosität und Gehlens Nazitum entsprechende Berührungsängste zu nähren p egt.« Zusammen mit verschiedenen anderen editorischen Vorschlägen, an denen Harich seit Mitte der siebziger Jahre gearbeitet hatte, wurde dieses Projekt abgelehnt. Der Verlag stützte sich dabei auf ein internes Gutachten, das bereits am 26. August, verfasst von Leon Beyer, vorgelegen hatte.135 Beyer machte gleich zu Beginn den »unsoliden Charakter« des Angebots von Harich geltend. Er stützte sich dabei auf drei zentrale Einwände. 1) »Mit einer Alsberg-Edition Arnold Gehlen als Plagiator entlarven zu wollen, dürfte vergeblich sein«, da Gehlen selber Alsberg neben beispielsweise Ortega y Gasset als Quelle seiner Überlegungen genannt habe (unter anderem in: Gehlen: Anthropologische Forschung. Zur Selbstbegegnung und Selbstentdeckung des Menschen, Hamburg, 1967, S. 93 f.). 2) Es könne nicht davon gesprochen werden, dass »Harich den Paul Alsberg wie derent deckt hätte«. Beyer verwies auf die Edition Der Ausbruch aus dem Gefängnis. Zu den Entstehungsbedingungen des Menschen, bearbeitete Neuau age von Das Menschheitsrätsel von Paul Alsberg, herausgegeben von Dieter Claessens (Gießen, 1975). 3) Die Ausführungen Harich »zum vermuteten Schicksal von Paul Alsberg sind peinliche E ekthascherei«. Zwar sei Alsberg Verfolgungen durch die Nationalsozialisten ausgesetzt gewesen, konnte aber 1934 mit amerikanischer Hilfe aus dem KZ Oranienburg befreit werden und nach England emigrieren. Dort sei er 1965 gestorben, zwei Jahre später wäre in London sogar eine bearbeitete Neuau age seines Buches unter dem Titel e Quest of Man erschienen. 135 3 Blatt, maschinenschriftlich. 1 2 7W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e Auf Grund dieser Sachlage sowie der »mangelhaften wissenschaftlichen Bonität der eingereichten Begründung der Edition« rate das Lektorat von dem Alsberg-Projekt ab. Beyer fügte seinem Brief eine »Persönliche Bemerkung« bei, in der er eine »fragwürdige Abgrenzungswut« Harichs ausmachte, die diesen »zu immer vorschnelleren Urteilen verleitete«. »Wenn er sich nach der Torpedierung zeitgemäßer Buchvorhaben des Verlages, nach bösartigen Beschimpfungen von Autoren, mit denen wir durch langjährige Zusammenarbeit verbunden sind, nun auch noch editorischen Windbeuteleien verschreibt – wäre es dann nicht an der Zeit, seinem störenden Ein uss auf die Geschäfte der LA 1 und auf die Reputation des gesamten Verlages einmal entschieden entgegenzutreten?« Durch die sich seit mehreren Jahren hinziehende Nietzsche-Diskussion, die Harich schwer belastete und ihm auch gesundheitlich zusetzte, war er, was den Antifaschismus der DDR und der marxistischen Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anging, überaus sensibel geworden. Durch den Fall Nietzsche war er zu der Überzeugung gelangt, dass der Antifaschismus als absolute und nicht hintergehbare Grundlage des deutschen sozialistischen Staates in Gefahr war, zerbröckelte, in den Hintergrund gedrängt wurde. Von daher erklärt sich sicherlich auch sein hartes Reagieren im Fall Alsberg – sein Sinn für historische Gerechtigkeit zwang ihn in die O ensive. Eben jener Gerechtigkeitssinn, mit dem er seit den fünfziger Jahren bei den Oberen der DDR immer wieder angeeckt war. Seine persönliche Situation und Motivationslage erklärte er in einem Brief an Helmut Quaritsch vom 9. November 1988, dem er freilich auch mit einer gewissen Ironie begegnete, da dieser zu den konservativen Verteidigern Gehlens im Westen gehörte. Dabei machte er geltend, dass er Gehlen, vielen Unwägbarkeiten zum Trotz, bis zu dessen Tod die »Treue gehalten« und diesen auch menschlich respektiert habe. Seine Ausführungen können etwas ausführlicher wiedergegeben werden, da sie die letzte große zusammenhängende Darstellung zu diesem Sachverhalt bilden (wenn man von den autobiographischen Schriften und Schilderungen absieht): »Ich habe Arnold Gehlen, über die Abgründe der politisch-ideologischen Gegnerschaft hinweg und unbeirrt durch alle Zuspitzungen des Kalten Krieges zwischen Ost und West, jahrzehntelang sehr verehrt. Auch heute noch, nach wie vor, halte ich ihn, ungeachtet der wissenschaftlichen Unredlichkeit, die ich mit schmerzlichem Bedauern an ihm entdeckt 1 2 8 E i nl e i t u ng habe, für den bedeutendsten Kopf und glänzendsten Stilisten des Konservatismus der Nachkriegszeit. In dieser Beziehung sind die Inhalte, die er zu bieten hat, meiner Gesinnung freilich stets so konträr gewesen, dass ich den Glanz der Formulierungen, in die er sie einzukleiden weiß, die witzsprühenden Einfälle, mit denen er sie anreichert, samt seiner unnachahmlichen Kunst, saloppen Kasinojargon in luzide Spiritualität hinüberzuleiten, eher zu beklagen nde. Was mich an ihm anzog, womit er mich in seinen Bann schlug, das waren die Untersuchungen, mit denen er, namentlich in seinem Hauptwerk, das qualitative Novum der menschlichen Natur herausarbeitet. Und von seinen Ergebnissen auf diesem Gebiet war ich überzeugt, sie seien unentbehrlich, um die knapp gefassten einschlägigen Erkenntnisse bei Marx und Engels auf neuesten Stand zu bringen, sie zu konkretisieren und systematisch auszubauen. Deshalb habe ich, in dem aufrichtigen Glauben, der kommunistischen Sache einen Dienst zu leisten, mich hartnäckig, gegen zähe Widerstände sowohl in der DDR als auch bei der Linken im Westen immer wieder dafür eingesetzt, Gehlen mit Respekt und Lernbereitschaft zu begegnen, seine anthropologischen Errungenschaften in die schöpferische Weiterentwicklung des dialektischen und historischen Materialismus mit einzubeziehen, zwischen seiner reaktionären politischen Ideologie und seinen Verdiensten um die Wissenschaft zu di erenzieren. Schon 1952/1953, damals noch Mitglied der SED und in ein ussreicher Position, versuchte ich den Aufbau-Verlag für eine Lizenzausgabe von Der Mensch zu gewinnen. Nachdem dies gescheitert war, würdigte ich einerseits in meinem ersten Buch – es ist Johann Gottfried Herder und Rudolf Haym gewidmet – Gehlen als denjenigen Denker der Gegenwart, der als einziger dem zutiefst humanen philosophischen Vermächtnis Herders wieder aktuelle wissenschaftliche Bedeutung beimisst, und machte ich andererseits in Gesprächen meinem Lehrer Georg Lukács klar, dass Auswertung Gehlens – er hatte den Namen bis dahin nie gehört – seiner damals in statu nascendi be ndlichen Ästhetik zu Statten kommen werde. Und so ging das weiter. Selbst als das Machwerk Moral und Hypermoral, von 1969, niveaulos, eingegeben von nsteren Ressentiments, längst vorlag, gab ich in meinem bislang letzten Buch, zum Problemkomplex ökologische Krise, unverdrossen den Kommunisten zu bedenken, dass ohne Gehlens Befunde zur ›Variabilität und Plastizität der menschlichen Antriebsstruktur‹ die Einsichten, welche in Karl Marx’ Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie die Erzeugung des Bedürfnisses durch die gesellschaftliche Produktion betre en, nach der biologischen und psychologischen Seite hin unerklärlich wären. Und nach Gehlens Tod habe ich der Frankfurter Rundschau ein Interview gewährt, das einem von hoher Achtung getragenen Nachruf gleichkommt. (Über der Lektüre sollen, wie Gehlens Tochter, Baronin v. Lieven, Augsburg, mich wissen ließ, ihr konservativ gesinnter Ehemann 1 2 9W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e und dessen politisch linksstehender Bruder, Berlin-West, nach langer Entfremdung menschlich wieder zueinander gefunden haben.)« Dieser ganze Prozess müsse berücksichtigt werden, um zu verstehen, so Harich weiter, warum er im Fall Alsberg-Gehlen so reagiert habe, wie es geschehen sei. Die 1986 erfolgte Lektüre von Alsberg Menschheitsrätsel begri er als Schlüsselmoment. Er habe sich einer »jener niederschmetternden Erfahrung ausgesetzt (gesehen), von der Gläubige sich getro en fühlen, falls sie gewahr werden, statt dem wahren Gott einem Götzen gehuldigt zu haben«. Gleichwohl sei ihm, so Harich weiter, die ganze Dimension, noch nicht bewusst gewesen, die wissenschaftliche Größe und Pionierrolle Alsbergs unbekannt. Wenn man Gehlens Menschen von allem entkleide, was auf Ergebnisse anderer Forscher zurückzuführen sei: »Was bleibt dann übrig? Nicht eben viel und nicht durchweg Gutes. Es bleibt, als das Wertvollste: Der Kerngedanke Alsbergs, nur leider depraviert durch eine unaufrichtige, gewundene Preisgabe des Darwinismus und durch Ver üchtigung der Produktionsarbeit, des Werkzeuggebrauchs in ein schwammiges, nebulöses Allerwelts-›Handeln‹, das teils die Fichtesche Tathandlung fortsetzt, teilt sich an den amerikanischen Pragmatismus heranschmarotzt, beides Rückfälle hinter Alsberg, ein philosophischen Idealismus unterschiedlicher Provenienz und Machart. Was aber das Ärgste ist: Der Mensch wird, weil instinktgeschwächt, von Gehlen 1940 ad majorem gloriam fascismi strammstehend an ›oberste Führungssysteme‹ ausgeliefert, die nach 1945 bei ihm mittels nunmehr opportuner Soziologie in ein wieder schwammiges, wieder nebulöses Überhaupt an institutioneller Einfriedigung umgetauscht werden, dergestalt geschichtsfremd, abstrakt, dass die Leerstelle von einem beliebigen Schrebergärtnerverein oder auch von Opa und Oma ebenso gut ausgefüllt werden kann wie von der Komintern, der UNO oder dem Vatikan. Alsberg hat demgegenüber das solidarische Zusammenwirken der Menschen in der Gesellschaft, von ihm ›Allmenschentum‹ genannt, mit ›Vollmenschentum‹, d. h. mit der freien Entfaltung der Einzelpersönlichkeit, durch den Staat ins Gleichgewicht zu bringen empfohlen.« Schließlich, die Angelegenheit komplettierend: »Ich referiere eine schmerzliche Um- und Neubesinnung, die sich bei mir seit 1986, ausgelöst durch einen Schock, vollzogen hat, eine Gedankenentwicklung, von der ich nicht erwarte, dass Sie, sehr geehrter Herr Professor, sie billigen, geschweige denn selber nachvollziehen, über die Sie aber Bescheid wissen müssen, um ermessen zu können, was 1 3 0 E i nl e i t u ng es bedeutet, dass ich bis Ende Mai dieses Jahres, mir einen Rest Anhänglichkeit an Gehlen immer noch bewahrend, mich an die Vorstellung geklammert habe, unterschlagen hätte dieser den Vorgänger Alsberg ja nicht, und ich dann, durch die aus Speyer eintreffende Einladung aufgestört, mir endlich die Register der 1. und 8. Au age von Der Mensch ansah, die mich belehrten: Er hat ihn unterschlagen! Durch eine üchtige Anspielung auf Sombart, Alsberg und Ortega y Gasset in einem Nebenwerk von 1957 habe ich mich düpieren lassen!« Soweit Harichs Selbstbeschreibung, die menschlich ergreifend ist, seine Betro enheit zeigt. Eine Erschütterung, die sich nur dann in ihrer ganzen Komplexität erschließt, wenn der Kontakt zu Gehlen bis zu dessen Tod wirklich als von wissenschaftlichem Respekt getragene Freundschaft begri en wird. Harich fühlte sich tatsächlich betrogen und hintergangen. Nur so erklären sich seine Wut und Enttäuschung auf menschlicher Ebene. Zwei Aussagen Harichs müssen im Folgenden noch erwähnt werden, um dessen Blick auf Alsberg und Gehlen zu komplettieren. Im Januar 1989 legte er eine Aktennotiz an (nachdem er sich ähnlich lautend bereits in einem Brief an Dieter Claessens vom 16. November 1988 geäußert hatte), die auf das Tre en zwischen Gehlen und Harich 1952 in Speyer sich bezieht. Dort habe ihn Gehlen mehrfach gefragt, ob er Jude sei. Harich habe ihm daraufhin von dem Lebensgefährten seiner Mutter, dem Arzt Arthur Jacoby, erzählt. Zeitlich danach habe Gehlen Alsberg dann das erste Mal erwähnt, in einem Vortrag vom 30. März 1953. Die zweite Erwähnung des jüdischen Anthropologen sei dann Ende 1956 erfolgt, nach Harichs Verhaftung. Auch dies könne eine »vorbeugende Maßnahme« gewesen sein, um potentiellen Plagiatsvorwürfen zu entgehen: »(1) Unter Berufung auf Friedrich Engels hatte ich ihm, Gehlen, immer wieder nahegelegt, doch in der Werkzeugherstellung und im Werkzeuggebrauch den Springpunkt und das Modell des menschlichen Handelns zu sehen, und hatte dabei – unbewusst – ganz im Sinne des (mir noch gänzlich unbekannten) Paul Alsberg argumentiert. (2) Nach unserem Gespräch dürfte Gehlen in mir einen Philosemiten gesehen haben, der empört – und möglicherweise für ihn gefährlich – reagieren würde, sobald ihm sein, Gehlens, ›arisierendes‹ Alsberg-Plagiat bewusst wird. (3) Gehlens Beziehung zum Rowohlt-Verlag war 1952/1953 durch mich vermittelt worden; ich hatte vor der Reise nach Speyer 1952 in Hamburg Ernst Rowohlt auf Gehlen aufmerksam gemacht. 1 3 1W o l f gang H ar i c h, Ar no l d G e hl e n u nd d i e I d e e e i ne r m ar x i s t i s c he n Ant hr o p o l o gi e (4) Schon der Name Gehlen machte, wegen Vetter Reinhard Gehlen in Pullach, es wahrscheinlich, dass nach meiner Verhaftung meine Vernehmer mich über meine Beziehung zu Arnold Gehlen befragen würden (was freilich nicht geschah; ihnen war dieser Punkt gleichgültig).« Zweitens, abschließend, kann hier jene Erklärung wiedergegeben werden, die Harich am 21. April 1989 niederschrieb und unter anderem Karl-Siegbert Rehberg zur Verfügung stellte.136 Es ist Harichs letzte Stellungnahme zum ema: »In den Jahren 1955 und 1956 hat Georg Lukács, bei Gelegenheit seiner damaligen Besuche in der Deutschen Demokratischen Republik, mich gesprächsweise in Grundgedanken seiner großen Ästhetik eingeweiht, die endgültig auszuarbeiten er kurz zuvor begonnen hatte. Nachdem er mir seine im Anschluss an I. P. Pawlow – und im Gegensatz zu ihm – entwickelte eorie vom ›Signalsystem I‹ auseinandergesetzt hatte, machte ich ihn auf das Hauptwerk Arnold Gehlens, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, von 1940, aufmerksam, von dem ich meinte, er müsse es unbedingt gelesen haben, um seinen Einfall in einen angemesseneren philosophisch-anthropologischen Rahmen einfügen zu können. Dies kann sich frühestens im Mai 1955 in Weimar oder Jena ereignet haben, spätestens im August 1956 in Berlin. Es ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht völlig auszuschließen, dass ich mich damals zu Lukács über Gehlens Nazivergangenheit ausgeschwiegen habe. Sicher ist, dass sie von mir, so weit ich um sie wusste, gegenüber Lukács in ihrer zeitgeschichtlichen und ideologischen Bedeutung heruntergespielt worden ist. Mein Motiv zu diesem Verhalten ist in der Überzeugung zu suchen, dass die Resultate, zu denen, wie ich glaubte, Gehlen bei seiner Herausarbeitung des qualitativen Unterschieds von Mensch und Tier gelangt war, für die systematische Ausgestaltung der entsprechenden Ansätze bei den Klassikern des Marxismus-Leninismus nicht zu entbehren seien. Arnold Gehlens faschistische Schuldverstrickung ist mir in ihrem vollem Umfang erst viel später bewusst geworden. Erst 1986 wurde mir Gehlens Plagiat an Paul Alsbergs Das Menschheitsrätsel, von 1922, bekannt und zur Gewissheit. 1988 führten sodann Recherchen, die ich über Alsbergs Person und Schicksal anstellen ließ, zu dem Ergebnis, dass Gehlen einen von den Hitlerfaschisten verfolgten jüdischen Mitbürger plagiiert hatte. Im selben Jahr erfuhr ich Näheres über Gehlens Naziaktivitäten aus dem einschlägigen Buch Werner Rügemers. Seit ich all dies weiß, erfüllt mich mit Beschämung, an Lukács’ o enbar ahnungsloser und unbekümmerter Gehlen-Rezeption schuld zu sein. Vermutungen 136 Rehberg hat das Schreiben bereits einmal verö entlicht – in seinem Aufsatz: Kommunistische und konservative Bejahung der Institutionen. Eine Brief-Freundschaft, S. 438–486. 1 3 2 E i nl e i t u ng darüber, ob überhaupt und in welcher Weise Lukács sich durch Gehlen hätte anregen lassen, wäre er ohne mein Zutun auf ihn gestoßen, sind heute müßig. Jedenfalls hätte der originäre Alsberg ihm mehr gelegen. Dies aus zwei Gründen: Alsberg hält ohne Wenn und Aber an der darwinistischen Au assung der Anthropogenese fest, und er leitet das Handeln aus dem Übergang vormenschlicher Primaten zum Werkzeuggebrauch, d. h. zur Arbeit, mitsamt ihrer nalen Struktur, ab. Wo Lukács Gedanken Gehlens übernimmt, transportiert er sie, gewissermaßen, ins Marxistische und nähert sie eben damit – unbewusst – den bahnbrechenden Erkenntnissen Alsbergs an. Um so sicherer erscheint mir, dass, wäre Gehlens Plagiat an Alsberg Lukács bekannt geworden, dieser moralisch entrüstet darauf reagiert haben würde. Und das hätte bei Lukács dann wahrscheinlich auch die tiefe Missbilligung meiner langjährigen Nonchalance gegenüber Gehlens nazistischer Vergangenheit nach sich gezogen.« Es darf und sollte sicherlich nicht unterschätzt werden, dass der ganze Fall Alsberg für Harich tatsächlich eine unglaubliche persönliche Enttäuschung war. Es klang auf den zurückliegenden Seiten ja immer wieder durch, wie sehr er sich bei Gehlen wegen dessen Verstrickungen in den Faschismus und Konservatismus zurückgenommen hatte, so dass seine Entdeckung Alsbergs ein schwerer Schlag war. In diesem Sinne ist es nicht überraschend, dass sich auch so etwas wie Nostalgie in die Rückblicke auf Gehlen mischte. Am 3. Februar 1989 beendete er einen Brief an Rudolf Augstein wie folgt: »Weißt Du noch Rudolf, wie wir uns im Sommer 1952 in Hannover kennen lernten? Damals erzählte ich Dir, dass ich mich auf einer Pilgerfahrt zu Gehlen nach Speyer befände, und Du hörtest den Namen des Mannes, sofort voll Interesse und Wissbegier, zum ersten Mal.« Dennoch, trotz dieser verschiedenen individuellen Dimensionen – der Fall Alsberg-Gehlen verweist auf eins: Den strikten und festen, klaren Antifaschismus Harichs. Eine Haltung, die man erst einmal beziehen muss, damit sie ein Leben lang durchgehalten werden kann, um schließlich das eigene Werk in allen Facetten zu prägen. In der Nietzsche-Debatte haben das seine zahlreichen Gegner nie verstanden. Bei den Anhängern Gehlens ist damit ebenfalls kein Hof zu halten. Es spricht Bände, dass der Abdruck eines Textes von Harich in der Zeitschrift Arbeit, Bewegung, Geschichte im Jahr 2019 daran scheiterte, dass ich mich weigerte, in der Einleitung diesen aufrichtigen, festen Antifaschismus Harichs, wie man Seitens der Redaktion verlangte, »zu relativieren«. Denn genau das ist nicht möglich: Er ist das Fundament, auf dem Harichs gesamtes Scha en steht.

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Zusammenfassung

Seit Ende der 40er Jahre setzte sich Wolfgang Harich intensiv mit naturwissenschaftlichen und anthropologischen Problemstellungen auseinander. Dabei ging er der Frage nach, ob der Marxismus eine eigenständige Lehre vom Menschen benötige. Um 1950 entstand dann der Kontakt zu Arnold Gehlen, die Brieffreundschaft der beiden hielt bis zum Tod Gehlens. Über alle weltanschaulichen Diskrepanzen hinweg korrespondierten die beiden über wissenschaftliche Fragen und in zunehmendem Maße auch über Privates. In den 80er Jahren entdeckte Harich dann, dass Gehlens Hauptgedanken mit denen von Paul Alsberg, der als Jude aus Hitlerdeutschland emigrieren musste, übereinstimmen und wendete sich von Gehlen ab.

Der Band enthält nach drei einleitenden Aufsätzen und Manuskripten Harichs dessen erhaltene Briefe an Arnold Gehlen. Außerdem werden seine weiteren Studien zur Anthropologie präsentiert. Abschließend wird dann sein Eintreten für Paul Alsberg vorgestellt.