Content

Teil XVII Politik, Gesellschaft, Universität in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 2023 - 2106

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-2023

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil XVII Politik, Gesellschaft, Universität 2024 Teil XVII Harichs Arbeitsplan 2025Politik, Gesellschaft, Universität Beitrag zur Periodisierung der Geschichte der deutschen Philosophie und zur Bestimmung der Fronten von Fortschritt und Reaktion in den verschiedenen Etappen ihrer Entwicklung596 (ca. 1950) Die vorliegende Untersuchung hat zum Ziel, die gegenwärtigen Bemühungen um Erarbeitung einer umfassenden marxistischen Darstellung der Geschichte der deutschen Philosophie zu unterstützen. Dabei ist gleich vorauszuschicken, dass es eine solche Darstellung heute noch nicht gibt. Aber es haben die Klassiker des Marxismus-Leninismus sich zu den grundlegenden Fragen, die damit in Zusammenhang stehen, richtunggebend geäußert und zu einzelnen Denkerpersönlichkeiten und ganzen Epoche der deutschen Philosophie teils in knappen, treffenden Bemerkungen, teils in tiefschürfenden Untersuchungen (von der Art der Schrift Friedrich Engels’ über Ludwig Feuerbach) Stellung genommen. Auch existieren bereits bedeutsame Arbeiten marxistischer Forscher (vor allem G. Plechanow, Franz Mehring und Georg Lukács), in denen zentrale Gestalten und Probleme dieses wichtigen Gegenstandsgebiets der Philosophiegeschichtsschreibung mehr oder weniger adäquat behandelt werden. Ein zusammenhängendes historisch-systematisches Werk jedoch, das die Entwicklung der gesamten deutschen Philosophie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart vom marxistischen Standpunkt aus darstellte, ist nach wie vor ein Desiderat. Es liegt nun in der Natur der Sache und ebenso im Wesen marxistischer Ideologieforschung begründet, dass ein solches Werk unmöglich das Resultat der Arbeit eines Einzelnen sein kann. Die bürgerliche Geisteswissenschaft, die grundsätzlich die Überbau-Erscheinungen isoliert betrachtet, also auch die Geschichte der Philosophie, losgelöst von ihren historisch-gesellschaftlichen Grundlagen, als einen »rein geistigen«, immanent ideengeschichtlichen Vorgang auffasst, kann es sich – von ihren weltanschaulichen und methodischen Vo raus set zungen aus folgerichtig – in dieser Frage verhältnismäßig leicht machen. Sie kann sich damit begnügen, eine Abbreviatur der historischen Abfolge der philosophischen Systeme zu geben, ergänzt durch biographische Angaben über die einzelnen Denker. Und wo sie systematische Gesichtspunkte (etwa einer problemge- 596 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. Erhalten ist das als Einleitung gedachte Kapitel Sinn und Aufgabe der vorliegenden Arbeit. 2026 Teil XVII schichtlichen Betrachtung) geltend macht oder sich gar zu Erklärungsversuchen aufschwingt (mit den Mitteln einer »verstehenden« Strukturpsychologie, mit typologischen Schemata, mit pseudo-historischen Ableitungen aus dem »Lebensgefühl« der Epoche u. dgl.), bleibt sie doch stets in solchen Kategorien befangen, die keinesfalls über die Immanenz des Ideologischen hinausführen. Von allen Verzerrungen und Entstellungen ganz abgesehen, die sich daraus automatisch, selbst bei subjektiver Ehrlichkeit ergeben müssen, vereinfacht diese Borniertheit der Gesichtspunkte die Aufgabe, die Geschichte der Philosophie darzustellen, ganz außerordentlich. Sie enthebt den einzelnen Forscher der Notwendigkeit, sich in wissenschaftlicher Weise von den großen Zusammenhängen Rechenschaft zu geben, die die Vorgänge seines speziellen Gegenstandsgebiets überhaupt erst begreiflich machen. Die marxistische Philosophiegeschichtsschreibung steht demgegenüber vor wesentlich komplizierteren Problem. Sie muss einmal die Überbauerscheinungen jeder Epoche aus ihren historisch-gesellschaftlichen Grundlagen – aus der jeweiligen ökonomischen Struktur der Gesellschaft, aus der Wechselbeziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, aus den daraus resultierenden Klassenkämpfen – erklären. Zum anderen muss sie aber auch bei der Untersuchung des Überbaus als solchem sehr viel konkreter, als dies bei rein ideologischer Behandlung der Fall ist, die Wechselbeziehung der verschiedenen Momente des geistigen Lebens in Betracht ziehen, wobei es in Bezug auf die verschiedenen historischen Klassenkampfkonstellationen jedes Mal eine andere Beziehung als die wesentliche, gesellschaftlich entscheidende herauszustellen gilt (man denke nur da ran, wie sich in der Geschichte der Philosophie die Relationen Philosophie-Religion, Philosophie-Naturwissenschaft, Philosophie-Literatur usw. je nach den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend anders gestaltet haben). Aber damit hat es noch lange nicht sein Bewenden. Ebenso wichtig wie die Aufdeckung der historisch-sozialen Gesetze einer Überbauerscheinung und die Bestimmung ihrer Wechselbeziehung zu den anderen Momenten des Überbaus ist die Erhellung ihrer geschichtlichen Funktion, d. h. des Anteils, den sie an der Aktivität des Überbaus, an seiner Rückwirkung auf die Basis hat. 2027Politik, Gesellschaft, Universität Von der gesellschaftlichen Wirkung eines philosophischen Systems kann die marxistische Forschung, die das Gegenteil von vulgärem Soziologismus ist, mindestens ebenso wenig abstrahieren wie von den Ursachen, aus denen es entstanden ist. Sie muss etwa – um ein konkretes Beispiel zu nennen – bei der Beurteilung Schopenhauers sowohl die Bedingungen von 1818, unter denen sein Hauptwerk entstanden ist, als auch die der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter denen es seine hauptsächliche Wirkung ausübte, in Betracht ziehen, um überhaupt etwas wissenschaftlich Belangvolles über Wesen und Funktion der Schopenhauerschen Philosophie aussagen zu können. Schließlich muss die marxistische Philosophiegeschichtsschreibung, um nicht einer relativistischen Abweichung zu verfallen, eindeutig die Elemente objektiver Wahrheit herausstellen, die in den verschiedenen philosophischen Lehren der Vergangenheit enthalten sind und mit deren unmittelbarer historischer Bedingtheit und Funktion nicht zusammenfallen. Ohne Berücksichtigung dieses Gesichtspunktes wäre sie nicht in der Lage, die Geschichte der Philosophie als fortschreitenden Prozess der Erkenntnis der Realität durch den Menschen aufzufassen. Sie hätte dementsprechend in Bezug auf die einzelnen Denker der Vergangenheit auch keine Möglichkeit, in deren Lehren das vorwärtsweisend Bedeutsame – die Antizipationen künftiger Resultate der Wissenschaft – von der Ideologie an Ort und Stelle, vom historisch Vergänglichen, sachlich Überlebten zu scheiden. Damit sind nur kurz und ohne nähere Begründung ein paar Hauptgesichtspunkte marxistischer Philosophiegeschichtsschreibung angedeutet. 2028 Teil XVII 2029Politik, Gesellschaft, Universität Kritik am gegenwärtigen Studienplan597 (12. Dezember 1951) 1) In dem gegenwärtigen Studienplan findet die Tatsache, dass es unter den Philosophiestudenten verschiedenartige Begabungsrichtungen gibt, keine Berücksichtigung. Die Absicht, den Studenten eine sowohl naturwissenschaftliche, als auch humanwissenschaftliche Bildungsgrundlage zu vermitteln, ist an und für sich zu bejahen. Wenn man aber nicht von einem bestimmten Zeitpunkt des Studiums an die Möglichkeit für eine gewisse Differenzierung offenhält, so erzieht man oberflächliche Bescheidwisser, Aristotelesse im Pilzlausformat, die auf allen Gebieten ein wenig herumgenascht haben, aber auf keinem einzigen ein wirklich gediegenes Wissen besitzen. Man vergewaltigt dann außerdem die besonderen Neigungen, Fähigkeiten und Interessen, indem man sie in ein abstraktes Schema presst. Ich empfehle daher, den Plan elastischer zu gestalten, und mache dafür die folgenden Vorschläge: 1) Gemeinsames Studium des Marxismus-Leninismus und gemeinsame philosophische Fachausbildung für alle Studenten der Philosophie in allen fünf Studienabschnitten. 2) Gemeinsames Anhören von Vorlesungen über die wesentlichen Probleme der Naturund Humanwissenschaften in den ersten drei Studienabschnitten zum Zweck einer allseitigen Orientierung. 3) Gliederung in einen naturwissenschaftlich-mathematischen und einen historisch-humanwissenschaftlich-sprachlichen Zweig im vierten und fünften Studienjahr. a) Bei Entscheidung für den naturwissenschaftlichen Zweig – Studium der Mathematik und eines naturwissenschaftlichen Wahlfachs und gleichzeitig Beendigung des Studiums der zweiten Fremdsprache. b) Bei der Entscheidung für den humanwissenschaftlichen Zweig – Studium der Geschichte und eines humanwissenschaftlichen Wahlfachs sowie Fortsetzung des Studiums der zweiten und Beginn des Studiums einer dritten Fremdsprache. 4) Gemeinsames Studium der russischen Sprache in allen fünf Studienabschnitten und einer wahlfreien Sprache im zweiten und dritten Studienabschnitt. 5) Eine höhere Stufe der Spezialisierung im wissenschaftlichen Nachwuchs. 6) Innerhalb des naturwissenschaftlichen Zweig, der vom vierten Studienabschnitt an eingeschlagen werden kann, sind die folgenden Fächer als Wahlfächer zu bevorzugen: a) Mathematik, Physik, Chemie 597 (AH) 10 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Dezember 1951, adressiert »An die Abteilung Propaganda beim ZK der SED, z. Hd. Genossen Kurt Hager«. Harich schrieb als »Lehrbeauftragter für Geschichte der Philosophie an der Humboldt-Universität«. 2030 Teil XVII b) Mathematik, Physik, Astronomie c) Mathematik, Biologie, Anthropologie d) Mathematik, Geologie, Biologie e) Mathematik, Allgemeine Wissenschaftsgeschichte, Geschichte der Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Wissenschaftsgeschichte 7) Innerhalb des humanwissenschaftlichen Zweig, der vom vierten Studienabschnitt an eingeschlagen werden kann, sind die folgenden Fächer als Wahlfächer zu bevorzugen: a) Geschichte, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Ästhetik b) Geschichte, Literaturgeschichte, Geschichte der Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte c) Geschichte, Rechts- und Staatswissenschaft, politische Ökonomie, Geschichte der sozialen Utopien und Theorien d) Geschichte, Völkerkunde, Religions- und Mythengeschichte, Geschichte der außereuropäischen Philosophie e) Geschichte, Philosophie des Altertums, klassische Philologie f ) Geschichte, Psychologie g) Geschichte, Sprachwissenschaft Die Vorteile einer solchen Verbindung von einheitlicher Ausbildung und begabungsund interessenmäßiger Differenzierung sind unbestreitbar. Wir erhalten dann Fachphilosophen, die eine gewisse universelle Orientierung, die ihnen in den ersten drei Studienjahren vermittelt wird, mit einem gründlicheren Wissen auf einem bestimmten wissenschaftlichen Gebiet vereinigen, und können dann das Philosophiestudium in der Zukunft in einer Weise qualifizieren, wie es das bisher in Deutschland noch nicht gegeben hat. 2) Der Studienplan weist in der vorliegenden Fassung den Fehler auf, dass er eine Reihe philosophischer Disziplinen nicht berücksichtigt (Erkenntnistheorie, Naturphilosophie, Philosophische Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Rechts- und Staatsphilosophie, Ethik und Ästhetik). Selbstverständlich ist es richtig, dass diese Disziplinen zum dialektischen und historischen Materialismus gehören. Ich sehe aber nicht, dass die Ausbildung im dialektischen und historischen Materialismus mit genügender Breite auf diese Probleme eingeht. Für die Überwindung dieses Fehlers gibt es zwei Möglichkeiten. 2031Politik, Gesellschaft, Universität Die erste Möglichkeit besteht da rin, dass die Vorlesung über dialektischen und historischen Materialismus derartig ausgedehnt wird, dass in ihrem Rahmen die einschlägigen Probleme behandelt werden können (zum Beispiel die Dialektik in der Natur, die Erkenntnistheorie, die Kritik der alten geschichtsphilosophischen Theoreme im Rahmen der Behandlung des historischen Materialismus, die Fragen der Ethik, Ästhetik usw., die Kritik der alten Rechts- und Staatstheorien vom Standpunkt der marxistischen Staatstheorie usw.). Abgesehen davon, dass eine Ausdehnung der Vorlesung über dialektischen und historischen Materialismus überhaupt wünschenswert wäre (ich glaube, dass diese Vorlesung durch drei Studienjahren laufen muss),598 ist diese Möglichkeit deswegen nicht real, weil die verfügbaren marxistischen Dozenten nicht genügend universell gebildet sind, um alle diese Fragen sachgemäß zu behandeln. Sie können im Wesentlich nur die grundlegend richtigen Gesichtspunkte geben, sind aber weder dazu im Stande, zu jedem Problem die dazugehörige Problemgeschichte zu entwickeln, noch die marxistische Problemlösung detailliert auseinander zu setzen. Auf der anderen Seite verfügen wir aber über Genossen mit Spezialkenntnissen auf den verschiedensten Gebieten der alten philosophischen Disziplinen (zum Beispiel könnten Matthäus Klein in Jena über Ethik, Zweiling und Hollitscher über Naturphilosophie (dialektischer Materialismus und Naturwissenschaft), Steiniger über Rechts- und Staatsphilosophie usw. lesen). Ich empfehle daher die zweite Möglichkeit: Einführung von Vorlesungen über die alten philosophischen Disziplinen, wobei dafür gesorgt werden müsste, dass wir diese Vorlesungen nach Möglichkeit von Genossen lesen lassen oder zumindest von solchen bürgerlichen Gelehrten, die den Studenten positives Wissen zu bieten haben (Schröter über mathematische Logik, der uns sehr nahestehende Bloch über Ästhetik, Genosse Baumgarten über Rechtsphilosophie usw.). Hierbei ergibt sich natürlich als erschwerender Faktor die Kaderfrage und die Frage der Überlastung der Studenten. Ich empfehle dafür die folgende Lösung: a) Aufstellung einer Liste von Genossen und wertvollen Bürgerlichen, die an den drei Universitäten Leipzig, Jena, Berlin Vorlesungen in den philosophischen Disziplinen 598 (AH) Harichs Vorlesungszyklus zum historischen und dialektischen Materialismus lief über vier Semester, er wurde dabei nie fertig, so dass er am Ende der einzelnen Semester oftmals den Stoff straffen oder einzelne Aspekte weglassen musste. Abdruck der entsprechenden Vorlesungsmanuskripte in den Bänden 1.1 und 6.2. 2032 Teil XVII halten können und Verpflichtung dieser Dozenten für die Beteiligung an der Ausbildung von Fachphilosophen. b) Ergänzung unseres Studienplanes durch einen elastischen Plan, der nach den vorhandenen Möglichkeiten an den drei Universitäten modifiziert wird, und dessen Vorlesungen von allen Studenten vom ersten Studienabschnitt an fakultativ und vom zweiten Studienabschnitt an obligatorisch gemeinsam gehört werden. c) An allen drei Universitäten wird Jahr für Jahr als einzige Disziplin eine feste Vorlesung über formale Logik gehalten, die von den Studenten des ersten Studienabschnitts gehört werden muss und für die Studenten zweiten bis fünften Studienabschnitts entfällt.599 (Starrer Studienplan.) d) An allen drei Universitäten wird in jedem Jahr eine Vorlesung über eine bestimmte andere philosophische Disziplin gehalten (Ethik oder Ästhetik oder Erkenntnistheorie), die für die Studenten des ersten Studienabschnitts fakultativ, für die des zweiten bis fünften Studienabschnitts obligatorisch ist. Das Thema dieser Vorlesung wird nicht nach einem starren Plan, sondern elastisch, unter Berücksichtigung der folgenden Gesichtspunkte festgelegt: a) Das Thema muss dem Kaderbestand der Universität entsprechen, so dass eine qualifizierte Vorlesung gewährleistet ist. b) Das Thema muss für die gerade studierenden Studenten des zweiten bis fünften Studienabschnitts etwas Neues bringen, so dass jeder Student innerhalb seines Studienplans fünf hochqualifizierte Vorlesungen über fünf verschiedene philosophische Disziplinen außer der formalen Logik mitbekommen kann. (Die Reihenfolge ist für seinen Bildungsgang prinzipiell gleichgültig. Es spielt keine Rolle, ob er im zweiten Studienabschnitt über Erkenntnistheorie und im fünften über Ethik oder umgekehrt belehrt wird.) c) Das Thema muss ein zentral bedeutsames Problem behandeln. (Beispiel: In Jena liest 1952/1953 Georg Klaus für den ersten Studienabschnitt über formale Logik und Matthäus Klein für den zweiten bis fünften Studienabschnitts über Ethik. 1953/1954 liest Georg Klaus für den ersten Studienabschnitt über formale Logik und für den zweiten bis fünften Studienabschnitt über dialektischen Materialismus und Naturwissenschaft.) 599 (AH) Die Logik-Debatte der jungen DDR-Philosophie, an der Harich federführend beteiligt war (die entsprechenden Manuskripte und Stellungnahmen druckt der 2. Band) wirft in dieser Anmerkung ihre Schatten voraus. Die Jenaer Logik-Konferenz hatte im November, also nur ein paar Wochen vor der Ausfertigung dieser Stellungnahme stattgefunden. 2033Politik, Gesellschaft, Universität Die Vorteile einer solchen Lösung sind unbestreitbar: Wir ermöglichen damit erstens eine maximale Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten, wir ermöglichen damit zweitens eine an Schwerpunkten vertiefte Behandlung bestimmter Teile des dialektischen und historischen Materialismus, die mit dieser Gründlichkeit nicht in der allgemeinen Vorlesung über dialektischen und historischen Materialismus behandelt werden können, wir treten damit drittens das Erbe der alten philosophischen Disziplinen an und erfüllen es mit einem neuen weltanschaulichen Inhalt, wir geben damit viertens den vorhandenen Dozenten einen größeren Anreiz für ihre Lehrtätigkeit, indem wir Raum schaffen für Vorlesungen über ihr spezielles Interessengebiet, und wir lösen fünftens einen erheblichen Teil des Problems des Kadermangels, indem wir gemeinsame Vorlesungen für Philosophiestudenten aller Studienabschnitte einrichten. Allerdings müssen wir uns, um diesen Weg zu beschreiten, freimachen von unserer ursprünglichen Absicht, den Studiengang jedes einzelnen Studenten bis ins Einzelne vorzuschreiben. Diese Absicht lässt sich aber – wie ich unten zeigen werde – angesichts unseres gegenwärtigen Kadermangels ohnehin nicht bewältigen. Dass eine solche Lösung ideal wäre und von uns unbedingt angestrebt werden muss, da rü ber besteht kein Zweifel. Wir müssen sie aber anstreben unter den Bedingungen, die wir vorfinden, sonst betreiben wir Luftbaumeisterei. So wie die Dinge personalmäßig liegen, können wir nichts anderes tun, als uns da rauf zu beschränken, in den Studienplänen Vorlesungen über verschiedene philosophische Disziplinen mit bestimmter Stundenzahl vorzuschreiben, aber den speziellen Inhalt dieser Vorlesungen und die Reihenfolge, in der sie von den einzelnen Studenten absolviert werden, elastisch zu halten (abgesehen von der eine Vorlesung in der Disziplin der formalen Logik). 3) In dem vorliegenden Studienplan ist die Frage der personellen Vo raus set zungen nicht genügend berücksichtigt. Dies hat zur Folge, dass einerseits wertvolle Potenzen brachliegen und andererseits eine nur formale, schematische Durchführung des Planes mit allen Gefahren ideologischer Fehler und mangelnder Qualität erfolgen kann. Dies zeigt sich besonders bei der Geschichte der Philosophie. Wir verfügen faktisch über keine einzige Kraft, die im Stande wäre, die ganze Geschichte der Philosophie einwandfrei vom marxistischen Standpunkt aus mit gebührender Gründlichkeit zu behandeln. Es ist daher unvermeidlich, dass die ideologischen Schwächen der Dozenten für Geschichte der Philosophie (sehr verschiedenartige Schwächen, nebenbei bemerkt) und ihr streckenweiser Mangel an Sachkenntnis (zum Beispiel völlig unzulängliche 2034 Teil XVII Kenntnis des Griechischen bei mir selbst) sich ernsthaft bei der Darstellung der Geschichte der Philosophie auswirken werden. Auf der anderen Seite verfügen die Dozenten für Geschichte der Philosophie aber auf bestimmten Gebieten über vorzügliche Spezialkenntnisse, die im Lehrbetrieb einfach ungenutzt bleiben, womit den Studenten keineswegs gedient ist. (Ich selbst bin in der Lage, qualifizierte Vorlesungen über die Geschichte der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie von Leibniz bis Feuerbach zu halten, bin aber gezwungen, über Gebiete zu lesen, die ich weder vollkommen beherrsche, noch besonders interessant finde.) Dazu kommt, dass die Absicht, jedes Jahr einen neuen, fünfjährigen Vorlesungszyklus über die ganze Geschichte der Philosophie zu beginnen, unter den obwaltenden Umständen (Kadermangel) nicht realisierbar ist. Denn wenn wir diese Vorlesungszyklen von den verfügbaren Dozenten für Geschichte der Philosophie halten lassen wollten, so würde dies bedeuten, dass nach zwei Jahren jeder dieser Dozenten drei Vorlesungszyklen nebeneinander lesen müsste, was völlig unmöglich ist. Bei der Schwierigkeit des Gegenstandes besteht aber auch keine Möglichkeit, für einen Teil dieser Vorlesungen Studenten heranzuziehen. Wenn wir uns für diese Lösung entscheiden würden, so würden die nachrückenden Jahrgänge sehr schlechte Vorlesungen über Geschichte der Philosophie geboten bekommen, und wir würden gleichzeitig gerade die begabtesten Studenten mit Aufgaben belasten, die eine ordnungsgemäße Durchführung ihres eigenen Studiums verhindern. Schließlich gilt für die Geschichte der Philosophie, dass man faktisch gar nichts gibt, wenn man da rauf ausgeht, alles zu geben. Aus dem Plan, den ich für das ZK ausgearbeitet habe, geht zweierlei hervor: 1) Wir belasten, wenn wir diesen Plan durchführen, die Studenten mit einem Lehrstoff, den sie in fünf Jahren nicht bewältigen können. 2) Keine einzige Entwicklungsphase der Geschichte der Philosophie kann innerhalb dieses Planes wirklich gründlich behandelt werden, so dass zusätzliche Spezialvorlesungen über einzelne Themen der Geschichte der Philosophie von zentraler Bedeutung einfach unerlässlich sind. Zur Bewältigung dieser Probleme schlage ich die folgende Lösung vor: a) Verzicht auf den Plan einer lückenlosen Darstellung der Geschichte der Philosophie innerhalb von fünf Jahren. 2035Politik, Gesellschaft, Universität b) An allen Universitäten wird Jahr für Jahr eine feste Überblicksvorlesung über die ganze Geschichte der Philosophie gehalten, die bei wöchentlich vier Stunden innerhalb eines Jahres das Thema in großen Zügen unter Herausarbeitung des Wesentlichen behandelt. Diese Vorlesung wird jedes Jahr wiederholt und ist jeweils obligatorisch für die Studenten des ersten Studienabschnitts. Der Vorlesung wird die sowjetische Geschichte der Philosophie zu Grunde gelegt, sobald sie vorliegt. Bis zum Erscheinen der sowjetischen Geschichte der Philosophie wird ein provisorischer Plan für diese Vorlesung kollektiv erarbeitet. c) An jeder Universität wird außerdem in jedem Studienjahr eine gründliche Spezialvorlesung über Themen aus der Geschichte der Philosophie in beliebiger Reihenfolge gehalten. Diese Spezialvorlesung ist mit dem dazugehörigen Seminar für Studenten des ersten Studienabschnitts fakultativ, für Studenten des zweiten bis fünften Studienabschnitts obligatorisch. Im Seminar werden jeweils die wichtigsten Schriften des in der Vorlesung behandelten Denkers durchgearbeitet. Das Thema dieser Vorlesung wird nicht nach einem starren Plan, sondern elastisch, unter Berücksichtigung der folgenden Gesichtspunkte festgelegt: 1) Das Thema muss dem Kaderbestand der Universität entsprechen, so dass eine qualifizierte Vorlesung gewährleistet ist. 2) Das Thema muss für die gerade studierenden Studenten des zweiten bis fünften Studienabschnitts etwas Neues bringen, so dass jeder Student innerhalb seines Studienplanes fünf hochqualifizierte Vorlesungen über fünf verschiedene Themen aus der Geschichte der Philosophie außer der allgemeinen Überblicksvorlesung mitbekommen kann. Es darf also innerhalb von fünf Jahren kein Thema wiederholt werden. 3) Das Thema muss sich auf eine zentral bedeutsame Epoche bzw. auf einen Denker von zentraler Bedeutung beziehen. Zu bevorzugen sind: a) Aristoteles (mit einem kurzen Überblick über die vorhergehende kritische Philosophie); b) Philosophie der Renaissance; c) Descartes, Spinoza und Leibniz; d) Bacon, Hobbes, Locke und die englische Aufklärung; e) Französischer Materialismus; f ) Kant; g) Hegel und Feuerbach; 2036 Teil XVII h) Entstehungsgeschichte des Marxismus; i) Russischer Materialismus im 19. Jahrhundert. 4) Grundsätzlicher Verzicht auf Analogie zwischen den gerade behandelten Themen aus der Geschichte der Philosophie und den in der Geschichtsvorlesung behandelten Epochen. (Diese Analogie ist ohnehin praktisch nicht durchführbar.) Beispiel: In Berlin hält 1952/1953 Harich die Überblicksvorlesung über Geschichte der Philosophie für den ersten Studienabschnitt, und eine Vorlesung über Kant für den zweiten bis fünften Studienabschnitt. 1953/1954 hält Harich die Überblicksvorlesung über Geschichte der Philosophie für den ersten Studienabschnitt, während Hollitscher für den zweiten bis fünften Studienabschnitt über die Naturphilosophie und Naturwissenschaften der Renaissance liest. In Jena hält 1952/1953 Professor Johannsen die Überblicksvorlesung über Geschichte der Philosophie, während Georg Klaus für den zweiten bis fünften Studienabschnitt über den französischen Materialismus liest. 1953/1954 hält Professor Johannsen die Überblicksvorlesung über Geschichte der Philosophie, während Matthäus Klein über die Entstehungsgeschichte des Marxismus liest usw. Es versteht sich, dass es unser Ziel sein muss, von dieser Methode des elastischen Plans wieder abzubekommen, sobald die personellen Vo raus set zungen dafür vorhanden sind. So lange das nicht der Fall ist, gibt es nach meiner Meinung keine andere Möglichkeit. Die Unregelmäßigkeit der Chronologie, die im zweiten Studienabschnitt einsetzt, ist zweifellos ein Mangel, der sich aber unter den obwaltenden Umständen nicht vermeiden lässt, und der überdies durch die Überblicksvorlesung im ersten Studienabschnitt einigermaßen wettgemacht wird. Davon abgesehen vereinigt mein Vorschlag die folgenden Vorzüge: Er ermöglicht erstens eine sachdienliche und elastische Ausnutzung der verfügbaren Kapazitäten, er ermöglicht zweitens ein gründliches Studium bestimmter wichtiger Epochen und Persönlichkeiten der Geschichte der Philosophie, er gibt drittens den Dozenten einen Anreiz der Betätigung ihrer speziellen Interessen, er erleichtert uns viertens durch Einrichtung gemeinsamer Vorlesungen für die Hörer des zweiten bis fünften Studienabschnitts die Kaderfrage, die sich auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie unmöglich von heute auf morgen lösen lässt, und er gibt uns schließlich die Möglichkeit, bestimmte hochqualifizierte Kräfte, die nicht vollständig im Universitätsleben aufgehen können, neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit für bestimmte Themen aus 2037Politik, Gesellschaft, Universität der Geschichte der Philosophie von Fall zu Fall heranzuziehen (ich denke in Berlin an Klaus Schrickel, Wolfgang Heise u. a.). 4) Was das Studium des Marxismus-Leninismus betrifft, so bin ich der Meinung, dass wir zum Philosophiestudium nur solche Kräfte zulassen, die den Stoff der Vorlesung über Grundlagen des Leninismus bereits beherrschen, dass wir die von der Grundlagen-Vorlesung befreien sollten, ihnen dafür aber – und zwar von vornherein – eine gründlichere Ausbildung im dialektischen und historischen Materialismus angedeihen lassen, die bereits im ersten Studienabschnitts einsetzen und drei Jahre umfassen müsste. Ebenso wichtig ist ein gründliches Studium der marxistischen politischen Ökonomie, das – spezifiziert für Philosophen – ein halbes Jahr Geschichte der ökonomischen Theorien, anderthalb Jahre Lektüre des Kapital, ein halbes Jahr Studium der Besonderheiten des Imperialismus und der allgemeinen Krise und ein halbes Jahr politische Ökonomie des Sozialismus umfassen muss. Schließlich ist es wichtig, dass die Fachphilosophen sich gründlich mit der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung beschäftigen, wozu a) gründliches Studium der Geschichte der KPdSU (B) und der dazugehörigen Schriften Lenins und Stalins und b) Auseinandersetzung mit antimarxistischen Strömungen in der Arbeiterbewegung vom Proudhonismus bis zum Revisionismus gehören müsste. Ich glaube, dass sich diese Aufgaben innerhalb von fünf Jahren gut bewältigen lassen, wenn wir die Grundlagen-Vorlesung für Philosophen fortlassen und dafür wöchentlich 6–8 Stunden für die oben genannten Themen ansetzen. Das bedeutet allerdings, dass wir an jeder Universität, an der Fachphilosophen ausgebildet werden, mehrere Genossen brauchen, die für deren marxistische Ausbildung verantwortlich wären. Dafür müsste unbedingt gesorgt werden. 5) Was die Sprachen betrifft, so bin ich der Auffassung, dass alle Fachphilosophen in jedem Studienabschnitt russischen Unterricht erhalten müssten, so dass sie in der Lage sind, nach dem Abschluss ihres Studiums die Publikationen der Sowjetphilosophen und Sowjetwissenschaftler ohne jede Schwierigkeit zu verfolgen. Ich würde empfehlen, eine weitere Fremdsprache vom zweiten Studienabschnitt an zur Pflicht zu machen, wobei ich die Wahl zwischen Griechisch, Latein, Englisch, Französisch und Italienisch grundsätzlich den Studenten überlassen würde. (Im Hinblick da rauf, dass wir differenzierte Kader brauchen.) Diejenigen, die sich für die naturwissenschaftlichen Zweig entscheiden, sollten das Studium dieser zweiten Fremdsprache mit Beginn des vierten 2038 Teil XVII Studienabschnitts einstellen und nur noch Russisch lernen; diejenigen dagegen, die sich für den humanwissenschaftlichen Zweig entscheiden, sollten im vierten Studienabschnitt noch eine dritte Sprache lernen, wobei die Wahl dadurch einzuengen wäre, das von ihnen die Kenntnis zumindest einer alten Sprache (Latein oder Griechisch) verlangt wird. 6) Das Zehnmonate-Studienjahr umfasst, soviel ich weiß, acht Monate Studium und zwei Monate Praktikum. Da für Philosophen das Praktikum entfällt, ist es durchaus sinnvoll, ihre Stundenzahl während des achtmonatigen Studiums reichlich zu bemessen (ich denke an 36–40 Stunden pro Woche) und ihnen für die Ferien, die bei ihnen ja vier Monate betragen, einen ebenso reichlich bemessenen Stoff für das Selbststudium aufzubürden. Die Zwischenprüfungen sollten dann in den letzten beiden Ferienwochen vor Beginn des neuen Studienjahres stattfinden. Ich bin der Meinung, dass nur derjenige, der bereit ist, sich einer überdurchschnittlichen Lernzucht zu unterziehen, Philosophie zu studieren braucht. Unter Berücksichtigung der oben auseinandergesetzten Erwägungen habe ich einen Entwurf zu einem neuen Studienplan ausgearbeitet, den ich in der Anlage übersende und den ich zur Diskussion stelle. Neuer Studienplan für Fachphilosophen600 (12. Dezember 1951) 1) Zum philosophischen Fachstudium werden zugelassen Mitglieder und Kandidaten der SED und aktive FDJler, die ihre Reifeprüfung (Abitur) mit gutem Erfolg bestanden haben. Sie müssen sich einer Aufnahmeprüfung unterziehen, die der Feststellung ihrer politischen Reife, ihrer gesellschaftswissenschaftlichen Kenntnisse und ihrer geistigen Interessen dient. Die Studenten werden während ihres Studiums von gesellschaftlicher Arbeit weitgehend befreit. 2) Das philosophische Fachstudium umfasst fünf Jahre. Es gliedert sich in fünf Studienabschnitte von je einem Jahr. Nach Absolvierung des fünften Studienabschnitts 600 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Dezember 1951, nicht adressiert, als Anlage zur gerade gedruckten Kritik am gegenwärtigen Studienplan. Der Entwurf ist nicht vollständig, erhalten blieb nur der Punkt A) Allgemeine Bestimmungen. Diese werden im Folgenden präsentiert. 2039Politik, Gesellschaft, Universität findet das Studium seinen Abschluss mit dem Staatsexamen. Wenn das Staatsexamen mit gutem Erfolg bestanden ist und der Wunsch, die Universitätslaufbahn einzuschlagen, besteht, kann die Aufnahme in den wissenschaftlichen Nachwuchs und die philosophische Spezialausbildung von weiteren 3 bis 5 Jahren (je nach Fachgebiet) bei gleichzeitiger Beschäftigung als Assistent erfolgen. 3) Jeder der fünf Studienabschnitte umfasst acht Monate Lehrbetrieb an der Universität (Besuch von Vorlesungen und Übungen) und vier Monate Ferien, die gleichzeitig dem Selbststudium dienen. Für die Ferienmonate wird von den Dozenten Lektüre sowie die Durcharbeitung der Vorlesungsnotizen aufgegeben. In der letzten Woche vor Abschluss der Ferien werden jeweils die Zwischenprüfungen vorgenommen, und zwar in allen Fächern, die im vorangegangenen Studienabschnitt gelehrt worden sind. 4) In den fünf Studienabschnitten wird ein ausgearbeiteter Studienplan abserviert. Der Studienplan besteht aus einem starren und einem elastischen Plan, die sich ergänzen und organisch ineinandergreifen. 5) Der starre Plan ist einheitlich an allen drei Universitäten (Jena, Leipzig, Berlin) und muss von allen Philosophiestudenten in der gleichen, vorgeschriebenen Reihenfolge durchlaufen werden. Er umfasst die Sachgebiete Marxismus-Leninismus, die allgemeine Überblicksvorlesung über Geschichte der Philosophie, die philosophische Disziplin formale Logik, die Psychologie, die mathematisch-naturwissenschaftlichen und humanwissenschaftlichen Fächer, die in den ersten drei Studienabschnitten studiert werden, und die russische Sprache. 6) Der elastische Plan weist Einheitlichkeit nur in der Stundenanzahl und in der allgemeinen Thematik auf. Der spezielle Inhalt des elastischen Plans variiert nach den besonderen Gegebenheiten an den Universitäten. Die im elastischen Plan vorgesehenen Vorlesungen und Übungen werden jeweils von Studenten aller Studienabschnitte (respektive von den Studenten des zweiten bis fünften Studienabschnitts) gemeinsam besucht, so dass hier – im Unterschied zum starren Plan – keine von vornherein geregelte Reihenfolge der Thematik besteht. Der elastische Plan umfasst die Übungen über philosophische Probleme der Gegenwart, die Spezialvorlesungen über Themen aus der Geschichte der Philosophie und die philosophischen Disziplinen (mit Ausnahme der formalen Logik). 2040 Teil XVII 7) Wahlfreie Fächer sind: Eine zweite Fremdsprache (außer Russisch) vom zweiten Studienabschnitt an, ein naturwissenschaftliches oder ein humanwissenschaftliches Spezialfach vom vierten Studienabschnitt an. Fakultativ ist der Besuch von Vorlesungen über philosophische Disziplinen und über Themen aus der Geschichte der Philosophie im ersten Studienabschnitt. 8) Im vierten Studienabschnitt erfolgte die Gabelung in einen mathematisch-naturwissenschaftlichen und einen historisch-humanwissenschaftlichen Zweig. Die im engeren Sinne philosophischen Vorlesungen und die Vorlesungen über Marxismus-Leninismus werden von Hörern beider Zweige wie vorher gemeinsam besucht. 9) Der mathematisch-naturwissenschaftliche Zweig umfasst: a) Studium der Mathematik; b) Studium der Physik (oder wahlweise der Biologie); c) Studium eines weiteren naturwissenschaftlichen Faches nach Neigung. 10) Der historisch-humanwissenschaftliche Zweig umfasst: a) Studium der Geschichte; b) Studium der Sprachwissenschaft und Pädagogik: c) Studium einer dritten Fremdsprache (mindestens eine der drei Pflichtsprachen muss eine alte Sprache sein); d) Studium eines weiteren humanwissenschaftlichen Faches nach Neigung. 11) Bei Übernahme in den wissenschaftlichen Nachwuchs muss das Spezialstudium, das im vierten Studienabschnitt begonnen wurde, fortgesetzt werden. 12) Das philosophische Fachstudium umfasst die folgenden Sachgebiete: 1) Marxismus-Leninismus a) Dialektischer und historischer Materialismus (starrer Plan) b) Geschichte der Arbeiterbewegung (starrer Plan) c) Politische Ökonomie (Geschichte der ökonomischen Theorien, politische Ökonomie des Kapitalismus, politische Ökonomie des Sozialismus) (starrer Plan) 2041Politik, Gesellschaft, Universität 2) Geschichte der Philosophie a) Allgemeiner Abriss der Geschichte der Philosophie (starrer Plan) b) Spezialthemen aus der Geschichte der Philosophie (elastischer Plan) 3) Philosophische Disziplinen a) Formale Logik (starrer Plan) b) Erkenntnistheorie (elastischer Plan) c) Naturphilosophie (elastischer Plan) d) Philosophische Anthropologie (elastischer Plan) e) Geschichtsphilosophie (elastischer Plan) f ) Rechts- und Staatsphilosophie (elastischer Plan) g) Ethik (elastischer Plan) h) Ästhetik (elastischer Plan) 4) Mathematik und Naturwissenschaften (Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geologie, Astronomie) (starrer Plan, teilweise wahlfrei) (Es handelt sich um Spezialvorlesungen eigens für Philosophen, um Vorlesungen, in denen die philosophisch relevanten Probleme zu behandeln sind.) 5) Humanwissenschaften (Psychologie, Geschichte, Religions- und Mythengeschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Musikgeschichte, Völkerkunde, Rechts- und Staatswissenschaft, Sprachwissenschaft, klassische Philologie) (starrer Plan, teilweise wahlfrei) 6) Sprachen (Russisch, Latein, Griechisch, Englisch, Französisch, Italienisch) (starrer Plan, teilweise wahlfrei) 7) Philosophische Probleme der Gegenwart (elastischer Plan) (Wird aufgestellt von dem Fachrichtungsleiter für Philosophie unter Berücksichtigung der an der Universität verfügbaren Kräfte. Zu behandeln sind a) die ideologischen Diskussionen in der Sow jet uni on und den Ländern der Volksdemokratie, b) Fragen, die sich aus dem Kampf gegen die imperialistische Ideologie ergeben.) 13) Die Verantwortung für die Durchführung der Studienpläne trägt der Fachrichtungsleiter für Philosophie. Ihm untersteht für die organisatorische Betreuung der sieben unter 12) aufgeführten Sachgebiete je ein Abteilungsleiter. (AH) Als Nächstes behandelte der Plan offensichtlich die »Aufteilung nach Stunden«, wie ein entsprechender Hinweis auf der letzten Seite des erhalten gebliebenen Manuskripts andeutet. 2042 Teil XVII Brief an Friedl Thaler601 (18. März 1952) Betrifft: Gnadengesuch Fritz Dettmann Werte Genossin Thaler! Der Chefredakteur der in Hamburg erscheinenden Frauenzeitschrift Constanze, Herr Hans Huffzky, hat mich gebeten, ihm zu bestätigen, dass er in Westdeutschland seit Jahren im Sinne des Friedenskampfes und der Nationalen Front des demokratischen Deutschland tätig ist. Ich soll auf diese Weise sein Gnadengesuch für den ehemaligen Kriegsberichterstatter Fritz Dettmann unterstützen. Ich tue dies gerne und habe im Einzelnen folgendes dazu zu bemerken: 1) Fritz Dettmann ist mir persönlich nicht bekannt. Ich weiß jedoch, dass Genosse Heinz Lüdecke (Akademie der Künste) mit ihm während der Nazizeit gute Erfahrungen gemacht hat, die als entlastendes Moment gewertet werden könnten. 2) Herrn Hans Huffzky lernte ich 1946 in Berlin als einen Menschen kennen, der der Sache unserer Partei, unseren politischen Zielen und unserer Weltanschauung aufgeschlossen und interessiert gegenüberstand und ernsthaft nach einem fortschrittlichen Weg suchte. Ich kann wohl sagen, dass ich seit dieser Zeit, zusammen mit anderen Genossen und Sympathisierenden, auf ihn einen erheblichen politischen und ideologischen Einfluss ausübe und sein Verhalten und seine Entwicklung gut beurteilen kann. Seit Jahren betrachte ich ihn als einen wirklichen Freund, der sich bewährt hat, der mein volles Vertrauen genießt, und mit dem ich in allen wesentlichen politischen, weltanschaulichen und menschlichen Fragen übereinstimme. Ich stehe mit ihm auf Du und Du. Im Jahre 1947 schlug ich, mit Einverständnis der sowjetischen Genossen Dymschitz, Kirsanow und Schemjakin, Herrn Huffzky vor, von Westdeutschland nach der sowjetischen Besatzungszone überzusiedeln und als Redakteur und Journalist bei der Täglichen Rundschau zu arbeiten. Er nahm dieses Angebot nicht an mit der Begründung, 601 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 18. März 1952, adressiert an »Frau Friedl Thaler, Hauptreferentin der Präsidialkanzlei des Präsidenten der DDR, Berlin-Niederschönhausen«. Harich schrieb mit den Funktionsbezeichnungen »Lektor beim Aufbau-Verlag, Dozent an der Humboldt-Universität«. 2043Politik, Gesellschaft, Universität dass er als Journalist Fachmann für einen ganz bestimmten Typ von Frauenzeitschriften sei, wie er bei uns nicht existiere. Er habe Aussicht, in Westdeutschland Leiter einer solchen Zeitschrift zu werden und wolle versuchen, diese zu einem fortschrittlichen, demokratischen Organ zu entwickeln. Nur wenn dieser Vorsatz auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen sollte, werde er auf unser Angebot zurückkommen. Kurz da rauf wurde Herr Huffzky Chefredakteur der neu gegründeten Frauenzeitschrift Constanze, die seit ca. vier Jahren erscheint. Herr Huffzky schickt diese Zeitschrift seit ihrer Gründung regelmäßig an Nationalpreisträger Paul Rilla und an mich, seit einiger Zeit auch an den Leiter des Amtes für Information, Genossen Gerhard Eisler. Ich habe jede Nummer dieser Zeitschrift gelesen und möchte mein Urteil da rü ber wie folgt präzisieren: a) Constanze ist eine vierzehntägig erscheinende Frauenzeitschrift vorwiegend unterhaltenen Charakters mit einem umfangreichen Mode-Teil, Ratschlägen für die Hausfrau, literarisch gepflegtem und dabei volkstümlichem Feuilleton und von technisch hervorragender Aufmachung. b) Constanze zeichnet sich dadurch aus, dass in ihr noch niemals eine Zeile antisowjetischer und kriegshetzerischer Propaganda erschienen ist. Die übliche Schlagwort-Terminologie, die man ansonst auch in friedwilligen und relativ fortschrittlichen bürgerlichen Zeitungen und Zeitschriften Westdeutschlands findet wird sorgfältig und kon se quent vermieden. Worte wie »eiserner Vorhang« usw. kommen nicht vor. c) In Constanze erschienen bis 1949/1950 regelmäßig sympathisch-objektive, pro pagan dis tisch überaus wirkungsvolle Bildberichte über das Leben in der DDR. Besonders eindrucksvoll war ein Bildbericht über die sowjetische Garnison in Potsdam, der sowjetische und deutsche Kinder, sowjetische Frauen beim Einkauf, sowjetische Offiziere im Park von Sanssouci usw. zeigte und durchaus geeignet war, Sympathien für die Sowjetmenschen zu erwecken und der westlichen Hetzpropaganda entgegenzuwirken. d) In fast jeder Nummer der Constanze erscheinen Beiträge, in denen anhand konkreter Fälle die sozialen und kulturellen Missstände in Westdeutschland aufgezeigt werden. Der Kampf der Constanze gilt vor allem den sozialen Erscheinungen, die mit der fehlenden Gleichberechtigung der Frau zusammenhängen, ferner der Rassenhetze, der ungerechten Behandlung der Umsiedler, der Not der Studenten, der Sittenverderbnis 2044 Teil XVII durch üble Filme und pornographische Magazine, den neuen, amerikanischen Formen der Prostitution usw. Die Art, wie diese Erscheinungen beleuchtet und erklärt werden, zeigt deutlich, dass in der Redaktion Marxisten am Werk sind, die es ausgezeichnet verstehen, ihre Prinzipienfestigkeit in der Sache mit großer Elastizität in der Form zu verbinden und sich zu tarnen. e) Constanze hat gelegentlich in wertvoller Weise den Friedenskampf unterstützt. Seit vorigem Jahr läuft ein Roman über die Pazifistin Bertha von Suttner, die Verfasserin des Buches Die Waffen nieder, in Fortsetzungen. Der Roman ist illustriert mit den Bildern aus einem Friedensfilm über Bertha von Suttner, der zur Zeit in Westdeutschland unter größten Schwierigkeiten und Anfeindungen von Harald Braun gedreht wird, und in dem unter anderem Nationalpreisträger Werner Hinz eine Hauptrolle spielt. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch ein großer Artikel gegen die Remilitarisierung, der im vorigen Jahr in der Constanze erschien und eine tatkräftige Unterstützung der Volksbefragung darstellte. f ) In der Zeitschrift fehlen jegliche Sensationsberichte über ehemalige Nazigrößen usw., wie sie für den größten Teil der westdeutschen Illustrierten charakteristisch sind. Die Grundhaltung der Zeitschrift ist antifaschistisch, demokratisch, gesellschaftskritisch, friedwillig und in moralischer und menschlicher Hinsicht absolut sauber. Diese Tendenzen sind allerdings in sehr viel Unterhaltungsstoff, Mode, Feuilleton usw. »eingepackt«, wie es dem Geschmack der Massen der meist kleinbürgerlichen Leserinnen entspricht. 3) Die folgenden Angaben bitte ich als eine parteiinterne Information zu betrachten und diskret zu behandeln: a) Herr Huffzky lässt sich gelegentlich in seiner publizistischen und redaktionellen Tätigkeit von Mitgliedern der KPD beraten. Einen gewissen Einfluss in diesem Sinne übt Genossin Erika Buchmann auf ihn aus. In der Redaktion beschäftigt er einen Genossen, der als seine »rechte Hand« fungiert. b) Herr Huffzky steht mit mir in Kontakt. Wir besprechen uns jedes Mal ausführlich, wenn er in Berlin ist. Meine Ratschläge in Bezug auf die Gestaltung der Constanze hat 2045Politik, Gesellschaft, Universität er bisher in den meisten Fällen befolgt. Ebenso hat der gewisse kritische Einwände von mir, die sich auf einzelne Artikel bezogen, jedes Mal sorgfältig beachtet. c) Auf Grund der fortschrittlichen Haltung der Constanze ist Herr Huffzky beständig in Prozesse verwickelt. Bekannt geworden ist sein Prozess mit der Berliner »Wahrsagerin« Frau Kardosch, die als die »Pythia« der Reuterclique bezeichnet wird, und die er als Schwindlerin entlarvte. Bekannt ist ferner der Beleidigungsprozess Huffzkys gegen den Bischof von Münster, der die Constanze öffentlich als »Sumpfblüte« bezeichnete (wegen einer vom Verlag der Zeitschrift herausgebrachten Broschüre über die Gleichberechtigung der Frau, in der Huffzky sehr geschickt die Grundsätze aus einer Arbeit von Genossin Elli Schmidt propagiert hatte). Zur Zeit ist Huffzky in Westdeutschland in sechs verschiedene Prozesse dieser Art verwickelt. d) Trotz der großen Auflage (über 400.000 Exem plare mit etwa 4½ Millionen Lesern) ist die Zeitschrift wegen des niedrigen Preises ohne Inserate nicht rentabel. Herr Huffzky muss daher sehr vorsichtig zu Werke gehen, da seitens der reaktionären Kreise der Industrie auf die Inserenten starker Druck ausgeübt wird. Er macht keine Konzessionen gegenüber der Forderung, auf eine antisowjetische und kriegshetzerische Linie einzuschwenken, und veranlasst den Verlag, den Abdruck von ganzseitigen Inseraten kriegshetzerischen Inhalts (die von halbfaschistischen Organisationen für 8000,– DM offeriert werden) abzulehnen. Er kann sich aber, wenn er die Existenz des Unternehmens nicht gefährden will, heute schon nicht mehr leisten, seine früheren Reportagen aus der DDR fortzusetzen. Er hat die Absicht, seinen fortschrittlichen Kampf mit den geringen Mitteln, die ihm unter diesen Umständen zur Verfügung stehen, so lange fortzusetzen, wie es möglich ist. Sollte es eines Tages nicht mehr möglich sein, so würde er in den letzten Nummern eine ganz offene und unverblümte Sprache reden und anschließend seine Stellung aufgeben. Dieser Zeitpunkt ist aber noch nicht gekommen. e) Die Verleger der Constanze sind Herr Axel Springer und Herr John Jahr, beide reine Geschäftsleute, die es aber nicht mit uns verderben wollen und daher die westliche Kriegshetze zu paralysieren versuchen. Herr Springer ist gleichzeitig Verleger der Rundfunkzeitschrift Hör zu, die mit einer Auflage von 1,5 Millionen die am meisten verbreitete Illustrierte Westdeutschlands ist, des Hamburger Abendblatts und der populärwissenschaftlichen Zeitschrift Kristall. Alle diese Objekte sind politisch ziemlich farblos, zeichnen sich aber zumindest dadurch aus, dass in ihnen keine Kriegshetze und an ti- 2046 Teil XVII sow je ti sche Hetze getrieben wird. Bei den Bonner Herren gelten sie als typische Organe der so genannten »Rückversicherer«. Das Hamburger Abendblatt ist eine Zeitung vom Typ der alten Generalanzeigerpresse und wirkt durch relativ objektive Berichterstattung zumindest neutralisierend. (Diese Objekte verfolge ich nur gelegentlich, nicht laufend, kann also über sie keinen absolut zuverlässig Auskunft geben wie über die Constanze; auf Grund gelegentlicher Eindrücke mache ich mir aber, glaube ich, ein ziemlich richtiges Bild.) Die bei weitem erfreulichere Erscheinung ist Herr John Jahr, der alte sozialdemokratische Traditionen in den Knochen hat, politisch mit Heinemann, Helene Wessel und Niemöller sympathisiert und überdies den Ehrgeiz hat, als bekannter oppositioneller Verleger und als Protektor und Mäzen linker Intellektueller zu gelten. Herr Jahr ist seit ca. einem Jahr mit 33,3 Prozent Teilhaber der in Hannover erscheinenden Zeitschrift Der Spiegel, die seitdem in scharfer Opposition gegen Bonn, gegen die Amerikaner und gegen die Remilitarisierung steht und in ihren glänzend informierten Korrespondentenberichten laufend die Kriegspolitik des USA-Imperialismus und die inneren Widersprüche des Atlantikpakt-Systems entlarvt. Ich verfolge diese Zeitschrift, die früher ein kriegshetzerisches Skandalblatt war (bis etwa 1950), laufend und bin der Ansicht, dass sie sich im vergangenen Jahr in einer recht positiven Richtung entwickelt hat und zumindest eine beachtliche Funktion ausübt: Den Glauben an die Macht der USA gründlich zu erschüttern. Leider ist es bisher Herrn Jahr noch nicht gelungen, die gelegentliche Veröffentlichung antisowjetischer Propaganda-Artikel, gehässiger »Berichte« über führende Persönlichkeiten der DDR ganz zu verhindern. Er ist, wie gesagt, nur Teilhaber des Unternehmens. In einer Unterredung, die ich gestern Abend in Westberlin mit Herrn Jahr hatte, und in der wir die ganze Entwicklung des Spiegel miteinander besprachen, erklärte er mir aber, dass er ernsthaft bemüht sei, dieser Zeitschrift eine noch klarere Linie zu geben. Im Übrigen würden die gelegentlichen Ausfälle des Spiegel gegen uns in Bonn nur als »Tarnung« angesehen, da die Haupttendenz des Blattes gegen die Bonner Kriegspolitik, gegen die Europa-Armee usw. gerichtet sei und gelegentlich auf starke Befürwortung gesamtdeutscher Gespräche hinauslaufe. Die Frau des Herrn Jahr ist eine Sympathisierende. Das Ehepaar steht in Hamburg ständig unter dem politischen Einfluss von Herrn Huffzky, der mit ihnen befreundet 2047Politik, Gesellschaft, Universität ist und seinerseits von Herrn Jahr gegenüber Anfeindungen der Redaktion gedeckt wird. Ehepaar Jahr und Huffzky stehen außerdem dem Hamburger Kulturbund nahe, der von dem bekannten Verleger Ernst Rowohlt als Vorsitzendem geleitet wird. 4) Mit meinem Freund, Herrn Paul Rilla, führte ich vor einigen Monaten ein längeres Gespräch über Huffzky. Ich kann bestätigen, dass Herr Rilla meine Auffassungen über Huffzky auf Grund einer längeren Bekanntschaft, die seit den Jahren der Weimarer Republik besteht, teilt. Im Übrigen können außer Rilla noch die Genossen Heinz Lüdecke (Akademie der Künste) und Erika Buchmann (KPD) sowie der Literarhistoriker Prof. Dr. Hans Mayer (Universität Leipzig) die fortschrittliche Einstellung Huffzkys bezeugen. Über die Constanze können außer mir noch Paul Rilla und Genosse Gerhard Eisler Auskunft geben, denen die Zeitschrift ebenfalls regelmäßig zugestellt wird. (Genosse Eisler hat allerdings nicht ihre ganze Entwicklung von den Anfängen an verfolgen können.) 5) Was die Gnadensache Dettmann betrifft, so scheint es mir wichtig zu sein, dass Dettmann im Falle einer Begnadigung von vornherein in die richtigen Hände kommt. Herr Huffzky und Herr Jahr haben mir gestern versprochen, dass sie sich Dettmanns im Falle einer Begnadigung sofort annehmen würden. Sie würden ihn abholen, seine Erholung finanzieren, ihn sozial und berufsmäßig sicherstellen und alles tun, um zu verhindern, dass er unter den Einfluss kriegshetzerischer Kreise gerät. Ich glaube sagen zu können, dass auf Herrn Huffzky in dieser Frage absoluter Verlass besteht. Was Herrn Jahr betrifft, so ist klar, dass er an einer solchen Beeinflussung Dettmanns interessiert sein muss, da es andernfalls in westdeutschen Verlegerkreisen herauskommen würde, dass er über Beziehungen zu den höchsten Stellen der DDR verfügt. Es wäre aber wichtig, dass Huffzky im Falle einer Begnadigung Dettmanns sogleich benachrichtigt wird, damit er nach Berlin kommen und seinen Freund gleich in Empfang nehmen kann. Mit sozialistischem Gruß! 2048 Teil XVII 2049Politik, Gesellschaft, Universität Brief an Georg Klaus602 (24. Januar 1954) Lieber Genosse Klaus! Zu meinem Bedauern muss ich Dich bitten, mein Fernbleiben von der am morgigen Montag, den 25. Januar 1954, stattfinden Versammlung der Parteigruppe Dozenten und der damit verbundenen Institutssitzung zu entschuldigen. Am Montagvormittag und -nachmittag muss ich mich Genossen Paul Rilla widmen, der an diesem Tage in Berlin ist und dringende Fragen seiner Herausgebertätigkeit mit der Verlagsleitung und dem Lektorat des Aufbau-Verlages zu besprechen wünscht. Es handelt sich darum, dass Genosse Rilla als Herausgeber einer zehnbändigen Lessing-Ausgabe zeichnet, die in diesem Jahr in unserem Verlag erscheinen soll – ein Projekt von großer Wichtigkeit, das aber auch editorisch die größten Schwierigkeiten bereitet. Da Genosse Rilla in Doberan wohnt und ich während der nächsten Monate keine Gelegenheit habe, ihn dort zu besuchen, ist es unerlässlich, seine kurze Anwesenheit in Berlin zur Klärung einer Fülle noch offener Fragen zu benutzen. Leider es ist nicht das erste Mal, dass ich mich genötigt sehe, einer Besprechung im Institut (respektive in der Parteiorganisation des Instituts) fern zu bleiben. Und es wird, wie die Dinge augenblicklich liegen, auch nicht das letzte Mal sein können. Die Ursache dieses Missstandes liegt da rin, dass meine Beanspruchung durch mehrere berufliche Tätigkeiten mich immer wieder in Situationen bringt, in denen ich die eine Verpflichtung um der anderen willen vernachlässigen muss. Auf die Dauer ist das eine unhaltbare Lage, die einer grundsätzlichen Überprüfung bedarf. Da nun gerade in der momentanen Situation (aus Gründen, auf die ich gleich noch zurückkommen werde) die Anforderungen, die der Aufbau-Verlag an mich stellt, au- ßerordentlich wachsen, während gleichzeitig die Anzahl der Versammlungen und Sitzungen in der Universität, auf denen meine Anwesenheit verlangt wird, Ausmaße annimmt, die sich auch mit der Belastung eines Menschen, der ausschließlich als Dozent tätig ist, nur schwerlich vereinbaren lassen, möchte ich bei Gelegenheit der Entschuldigung meines heutigen Fernbleibens auf diesem Wege die Grundorganisati- 602 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 24. Januar 1954, adressiert an »den Genossen Prof. Dr. Georg Klaus, Philosophisches Institut, Humboldt-Universität, Berlin«. Siehe ergänzend das eigenständige Unterkapitel mit Texten Harichs an und über Georg Klaus in diesem Band. 2050 Teil XVII on und Leitung des Instituts gleich darum bitten, meine folgenden Darlegungen zu beraten und mir aus einem Dilemma heraus zu helfen, mit dem ich alleine nicht fertig zu werden vermag. Ich wende mich in dieser Angelegenheit an Dich als Mitglied der Parteileitung und Direktor des Instituts und sende einen Durchschlag dieses Schreibens an unseren Sekretär, Genossen Hörz. Zunächst möchte ich hiermit erklären, dass ich mich außer Stande sehe, all die Veranstaltungen – sei es der Partei, sei es der Universität – zu besuchen, an denen ausnahmslos teilzunehmen ich von Rechts wegen verpflichtet wäre. Um ganz konkret zu sein, muss ich diese Veranstaltungen hier einmal aufzählen: 1) Funktionärskonferenz im Friedrichstadt-Palast am Donnerstag, den 14. Januar. (Ich konnte nicht erscheinen wegen einer gleichzeitigen Besprechung des Produktions-Perspektiv-Planes im Aufbau-Verlag.) 2) Sitzung des Partei-Aktivs der Parteiorganisation der Universität am 18. Januar. (Ich bin nicht erschienen, weil ich in der Nacht eine von Genossen Gropp in der Korrekturfahne vollständig umgeschriebene Arbeit für die philosophische Zeitschrift prüfen und für den Druck fertig machen musste; die Fahne musste am nächsten Morgen abgeliefert werden.) 3) Sitzung der Partei-Leitung der Grundorganisation der Philosophen am 20. Januar. Diese Sitzung fiel zwar aus, immerhin war ich zu ihr erschienenen und konnte auch gleich dableiben, weil gleichzeitig anberaumt war: 4) Eine Besprechung der Abteilung Geschichte der Philosophie des Instituts. 5) Parteiversammlung der Grundorganisation der Philosophen am 22. Januar. 6) Versammlung der Parteigruppe der Dozenten und Institutssitzung am 25. Januar. 7) Sitzung des Rates der Fakultät am 27. Januar. 8) Beratung der Genossen Professoren der Fakultät am 27. Januar. 9) Nachtdienst im Institut am 28. Januar. Mit Ausnahme der unter 3 und 5 genannten Parteiveranstaltungen konnte und kann ich beim besten Willen diesen Verpflichtungen nicht nachkommen; denn am 25. Januar findet besagte Besprechung mit Genossen Rilla im Aufbau-Verlag statt, am 27. Januar muss ich auf einer seit längerer Zeit festgesetzten Veranstaltung im EAW Treptow sprechen, und der Donnerstag gehört bis in die Nacht hinein der Vorbereitung der Vorlesungen für Freitag, so dass es mir also auch nicht möglich ist, den Nachtdienst 2051Politik, Gesellschaft, Universität an diesem Tage zu übernehmen. So viel nur zur unmittelbaren Situation. Doch nun zum Grundsätzlichen. Mir liegen laufen die folgenden beruflichen Verpflichtungen ob: 1) 6 Stunden Vorlesungen wöchentlich. Da es sich um ziemlich schwierige Themen handelt, bedürfen die Vorlesungen einer gründlichen und intensiven Vorbereitung, die wöchentlich ca. 20–24 Stunden erfordert, von den Vorarbeiten in den Semesterferien abgesehen. 2) Betreuung von zwei Aspiranten. 3) Mitglied des wissenschaftlichen Beirats für Philosophie. 4) Lektor beim Aufbau-Verlag. Verantwortlich für die Herausgabe von Klassiker-Ausgaben (zur Zeit in Vorbereitung: Heine-Ausgabe in 6 Bde., Lessing-Ausgabe in 10 Bde., Schiller-Ausgabe in 8 Bde., Kleist-Ausgabe in 4 Bde.) und von philosophischen und literaturtheoretischen Werken. Dabei Anleitung und Kontrolle von fünf festen und ca. zehn freien Mitarbeitern. Außerdem ständige – teils mündliche, teils briefliche – Auseinandersetzung mit Autoren des Verlages wie Ernst Bloch und Georg Lukács. 5) Mitherausgeber der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Zur Zeit bin ich, da Genosse Hertwig uns erst seit Anfang Januar zur Verfügung steht, mit sämtlichen redaktionellen Arbeiten für das 266 Seiten umfassende Heft 1/1954 beschäftigt. Aber auch nach Übernahme der Redaktion durch Genossen Hertwig werde ich auch in Zukunft noch viel mit der Zeitschrift zu tun haben, einmal deswegen, weil ich im Herausgeberkollektiv das einzige Mitglied der SED bin, zum anderen aus dem Grunde, weil Genosse Hertwig, der noch niemals Redaktionsarbeit geleistet hat, vorerst noch einer konkreten Anleitung bedarf. 6) Zu alledem kommen im laufenden Semester die folgenden zusätzlichen beruflichen Verpflichtungen: a) Vorbereitung des Vortrages über Kants Ästhetik für die im Februar stattfindende Leipziger Konferenz.603 603 (AH) Die von Ernst Bloch geplante Kant-Konferenz wurde im letzten Moment von der Partei verboten. Informationen hierzu bietet: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Die Geschichte der Kant-Rezeption in der DDR ist, als überaus spannendes Thema, noch zu schreiben (von Martina Thom stammen wichtige Ausführungen zu diesem Gegenstand). Siehe hierzu auch Harichs großes Manuskript Widerspruch und Widerstreit (abgedr. in Band 3, S. 53–316). 2052 Teil XVII b) Vorbereitung des Referats für die polnisch-deutsche philosophische Konferenz im Frühjahr.604 c) Fertigstellung der Habilitationsarbeit. d) Unerlässliche Verpflichtung, bestimmte Artikel und Rezensionen für die philosophische Zeitschrift zu übernehmen. Zu bemerken bleibt, dass ich gesundheitlich keineswegs auf der Höhe bin. Ich leide an einer chronischen Gastritis, die mir immer wieder zu schaffen macht und die ich nicht leicht nehmen darf, da sie bei unvorsichtiger Lebensführung, Ärger, Diätverstößen usw. leicht zur Grundlage der Bildung neuer Magengeschwüre werden kann. Der letzte Röntgenbefund würde jederzeit eine beschränkte Arbeitsbefreiung rechtfertigen. Du wirst zugeben, lieber Genosse Klaus, dass es so nicht weitergeht, und dass es höchste Zeit wird, die Partei und meine Arbeitsstellen (Universität und Aufbau-Verlag) um eine grundsätzliche Überprüfung und Klärung meiner Angelegenheit zu bitten. Ich selbst sehe nur zwei Auswege aus dieser Lage: Ich kann entweder meine Tätigkeit beim Aufbau-Verlag im vollen Umfange weiterführen, muss dann aber meine Tätigkeit an der Universität streng auf die Vorlesungen beschränken, oder ich kann mich dem Universitätsbetrieb mit allen dazugehörigen Verpflichtungen widmen, muss dann aber aus dem Aufbau-Verlag definitiv ausscheiden, für den ich dann nur noch einzelne Herausgeber-Projekte von Fall zu Fall übernehmen könnte. Im ersten Falle müsste ich von sämtlichen Besprechungen, Sitzungen, Veranstaltungen usw. in der Universität sowie von der Verpflichtung, mich innerhalb des nächsten halben Jahres zu habilitierten, befreit und eventuell in die Grundorganisation des Aufbau-Verlags überwiesen werden. Im zweiten Falle wäre es nötig, mich von der Leitung der Lektoratsgruppe Klassisches Erbe und Philosophie beim Aufbau-Verlag zu entbinden. Zu der Frage, welche Lösung mir selbst als die sachlich beste erschiene und welche mir persönlich am angenehmsten wäre, möchte ich Folgendes sagen: Es fällt mir natürlich schon schwer, auf die Möglichkeit einer »zünftigen« Universitätslaufbahn wenigstens für die nächste Zeit verzichten zu müssen. Die Größe der pädagogisch-ideologischen Aufgabe ist mir klar, und solche Dinge wie der Professorentitel, die phantastisch hohe Bezahlung eines Ordinarius und die ausgedehnten Ferien sind, offen gesagt, höchst verlockend. In kurzer Frist zu habilitierten und in der Universität voll und ganz »mei- 604 (AH) Der Vortrag kommt unter dem Titel Demokratischer Patriotismus in diesem Teil zum Abdruck. 2053Politik, Gesellschaft, Universität nen Mann zu stehen« würde mir nicht schwer fallen. Dennoch gibt es eine Reihe schwerwiegender Gründe, die – sachlich ebenso wie persönlich – nicht für diese, sondern für die andere Lösung sprechen: 1) Die pädagogisch-ideologische Aufgabe an der Universität, die ja die Hauptsache ist, könnte ich nach wie vor dadurch erfüllen, dass ich weiter bis zu sechs Stunden Vorlesungen halte. Das habe ich seit 1948 immer noch geschafft. Ob ich nun habilitiert oder nur promoviert, regulärer Professor oder nur Wahrnehmender bin, ist demgegenüber relativ gleichgültig. 2) Die Produktion des Aufbau-Verlages hat innerhalb der DDR wie im gesamtdeutschen Maßstab einer außerordentlich große Bedeutung. Die ideologische Breitenwirkung des Verlages, sein Beitrag zur Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Massen und seine Einnahmen für unsere Volkswirtschaft hängen von der Intensität und Qualität der Arbeit des Lektorats in so hohem Maße ab, dass deren Wichtigkeit in gar keinem Verhältnis steht zu der gesellschaftlichen Relevanz der Verpflichtungen, von denen ich in der Universität entbunden werden müsste. 3) Der Aufbau-Verlag befindet sich momentan in einer schwierigen Situation. Einerseits bedingt durch die Übernahme des Kulturministeriums durch die Genossen Becher und Abusch sowie das Ausscheiden des Genossen Wendt, der von der Partei mit der Bearbeitung der Lenin-Gesamtausgabe im MEL-Institut betraut wurde, so dass der Verlagsleitung und dem Lektorat die bisherige Anleitung durch die wahrscheinlich erfahrensten und qualifiziertesten Kulturpolitiker unserer Partei entzogen wurde. An dererseits sind die Anforderungen, die der Neue Kurs an den Verlag stellt, sehr hoch. Ich erwähne nur, dass wir jetzt im Rahmen unserer wissenschaftlichen Veröffentlichungen die besten Werke der liberalen Literaturhistoriker des 19. Jahrhunderts (Gervinus, Rudolf Haym, Hettner usw.)605 herausbringen werden, die selbstverständlich sorgfältig eingeleitet werden müssen, dass uns überdies das ZK und das Kulturministerium mit der Aufgabe betrauen werden, die vom Ministerrat beschlossenen Klassiker-Volksausgaben in Massenauflagen (Bände von je 1000 Seiten zu 3.50 DM) zu übernehmen, deren Auswahl, Einleitung und Kommentierung nicht leicht sein wird. Angesichts 605 (AH) Dieses Anliegen war Harich überaus wichtig, verschiedene Neuausgaben von Philosophie-Klassikern bürgerlicher Provenienz des 19. Jahrhunderts konnte er bis zu seiner Verhaftung verwirklichen. In den siebziger und achtziger Jahren wendete er sich, nun in Zusammenarbeit mit dem Akademie-Verlag, erneut dieser Aufgabe zu. (Siehe die Bände 6.2 und 9, dort verschiedene Pläne, Anmerkungen usw.) 2054 Teil XVII dieser Sachlage würde ich es nicht fertig bringen, ausgerechnet jetzt dem Verlag zu kündigen. Es wäre dies nicht weniger verantwortungslos, ja, im Grunde viel schlimmer, als wenn ich in der Universität von heute auf morgen meine Vorlesungen einstellen würde. 4) Was meine persönlichen Sympathien betrifft, so muss ich offen gestehen, dass die Arbeit im Kollektiv des Verlages sehr viel produktiver, geistig anregender und daher auch beglückender ist als das, was wir im Institut zu Stande zu bringen pflegen, dessen Besprechungen, Projekte usw. mir als ein ziemlicher Leerlauf vorgekommen sind. Ich will damit nichts gegen irgend einen Genossen des Instituts gesagt haben. Aber mir scheint, dass geistige Kollektivarbeit dort ersprießlicher ist, wo sie unter dem Druck von unmittelbaren praktischen Anforderungen steht – wie es in einer Zeitungsredaktion oder eben in einem Verlagslektorat der Fall ist. Dazu kommt, dass ich aus tiefster Überzeugung den Plan, nach dem wir unsere Studenten ausbilden, unter den bei uns bestehenden personellen Bedingungen für eine grundsätzliche Fehlkonstruktion halte, die über kurz oder lang unabsehbar schädliche Konsequenzen zeitigen wird. Dieses Faktum, gegen das ich im wissenschaftlichen Beirat und auch sonst hartnäckig angekämpft habe – leider vergeblich! –, beeinträchtigt meine Freude an der Universitätsarbeit aufs Stärkste – wenn ich einmal absehe von meiner unmittelbaren Lehrtätigkeit, die ich mit eigener Initiative füllen kann. Mit anderen Worten: Ich bejahe das Prinzip der Studienplanung. Aber es widerstrebt mir, meine hauptberufliche Tätigkeit diesem konkreten Studienplan eingefügt zu wissen, der nachweisbar keineswegs geeignet ist, die Ausbildung philosophisch gebildeter marxistischer Kader zu gewährleisten – es widerstrebt mir, wenn ich um dieser Tätigkeit willen aufhören muss, mich an einer Arbeit zu beteiligen, die als sozialistische Kulturleistung bestehen kann. Lieber Genosse Klaus! Ich bitte Dich, Dir dies alles einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen und es der Parteileitung sowie den anderen Genossen des Instituts zu unterbreiten. Ich bitte Dich, dafür zu sorgen, dass bald eine grundsätzliche Klärung in dieser Angelegenheit erfolgen kann. Bis diese Klärung erfolgt ist, möchte ich die Parteileitung und Dich als Institutsdirektor vorläufig darum ersuchen, mich ab sofort für die nächsten vier Wochen von allen Sitzungen usw. in der Universität zu entlasten, damit ich wenigstens neben den Vorlesungen und neben der laufenden Tätigkeit für den Verlag die dringendsten zusätzlichen Aufgaben, die momentan vor mir stehen, 2055Politik, Gesellschaft, Universität bewältigen kann: Die Abfassung der Einleitung zu Rudolf Hayms Herder-Biographie, einem Buch, das bereits zu zwei Dritteln in den Fahnen vorliegt und termingemäß fertig werden muss; die Vorbereitung des Leipziger Kant-Referats; und die noch ausstehenden redaktionellen Arbeiten an der philosophischen Zeitschrift. Wenn die Parteiorganisation in irgendeiner politischen Angelegenheit, die mit der augenblicklichen Situation (Außenministerkonferenz) zusammenhängt, mich dringend braucht, so stehe ich selbstverständlich auf Abruf zur Verfügung. Ich kann in nächster Zeit jedoch nicht an routinemäßigen Veranstaltungen (mit Ausnahme der Vorlesungen) teilnehmen – von Fakultätssitzungen angefangen bis zu Nachtwachen. Mit sozialistischem Gruß! Dein (AH) Nach verschiedenen Gesprächen mit Georg Klaus und anderen entschloss sich Harich 1954, aus dem Universitätsdienst auszuscheiden. Sein Brief an den Rektor der Berliner HU und den Staatssekretär für das Hochschulwesen bei der Regierung der DDR kann der Vollständigkeit halber hier wiedergegeben werden. Brief an den Staatssekretär für das Hochschulwesen606 (03. September 1954) Sehr verehrter Herr Staatssekretär! Ich möchte Sie hiermit bitten, meinem Wunsch, von meiner Stellung an der Berliner Humboldt-Universität zum nächstmöglichen Termin zurückzutreten, zu entsprechen und alles zu meiner Entlassung Nötige veranlassen zu wollen. Die Gründe, die mich dazu bewegen, dieses Ersuchen an Sie zu richten, sind die folgenden: Ich habe in den vergangenen Jahren neben meiner Lehrtätigkeit an der Universität auf der Grundlage eines freien Mitarbeitervertrages als Lektor für den Aufbau-Verlag gearbeitet, bei welchem mir die Leitung derjenigen Abteilung oblag, die die neuen Klassikerausgaben und die philosophischen Publikationen bearbeitet. Außerdem gehöre ich seit der Gründung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu deren Herausgeberkollegium, 606 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. September 1954. Es dauerte übrigens eine Weile, bis diesen Wunsch von Harich entsprochen wurde. So fragte er am 22. Oktober 1954 (1 Blatt, maschinenschriftlich) erneut im Staatssekretariat für Hochschulwesen nach, was aus seiner Bitte geworden sei, er hatte bis zu diesem Zeitpunkt keine Antwort erhalten: »Ich möchte Sie daher nochmals darum bitten, meinem Ersuchen zuzustimmen und meine Entlassung auszusprechen, damit ich auch formell meine Stellung als fest angestellter Chef-Lektor beim Aufbau-Verlag antreten kann.« 2056 Teil XVII eine Aufgabe, die bei Lage der Dinge für mich mit der ständiger Verpflichtung zu intensiver Redaktionsarbeit verbunden ist. Auf allen drei Tätigkeitsgebieten – Universität, Verlag, Zeitschrift – sind nun im letzten Jahr die Anforderungen derart gewachsen, dass ich nicht mehr im Stande bin, den gestellten Aufgaben gerecht zu werden, und mich daher gezwungen sehe, die eine oder andere Funktion aufzugeben. Diese Notwendigkeit ist für mich um so zwingender, als ich an einer chronischen Gastritis und einem floriden Magengeschwür leide und bei Fortsetzung meiner – mir ärztlich wiederholt streng untersagten – bisherigen Lebens- und Arbeitsweise nicht hoffen kann, wieder zu genesen, ja, schwerste Schädigungen meiner Gesundheit und Arbeitskraft befürchten muss. Wenn ich mich nun, trotz schwerer innerer Widerstände, nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen habe, meine Stellung an der Universität aufzugeben, so einmal, weil ich glaube, dass meine Fähigkeiten und Interessen besser als in der pädagogischen Arbeit auf Gebieten zur Geltung kommen, auf denen eine Kombination philosophisch-literarischer Kenntnisse mit journalistisch-redaktioneller Erfahrung gebraucht wird, und zum anderen deswegen, weil die Tätigkeit beim Verlag und bei der Zeitschrift mir aus verschiedenen Gründen gesundheitlich zuträglicher ist. Wenn ich Sie nun darum bitte, diesen meinen Beweggründen Verständnis entgegenzubringen und meinem Ersuchen um Entlassung zuzustimmen, so möchte ich Ihnen jedoch gleichzeitig versichern, dass ich mich in Zukunft nicht etwa Verpflichtungen entziehen will, die sich aus dem bis dato herrschenden Kräftemangel auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie für jeden ergeben, der im Stande ist, auf diesem Gebiet eine Lehrtätigkeit auszuüben, und dem die Herausbildung eines qualifizierten Nachwuchses an Philosophiehistorikern für unsere Republik am Herzen liegt. Ich bin also gerne bereit, auch in Zukunft auf der Grundlage begrenzter Lehraufträge, die von Fall zu Fall vereinbart werden müssten, Vorlesungen über Themen der Geschichte der Philosophie zu halten, wenn dies von der Universität gewünscht wird. Ich kann es jedoch nicht länger verantworten, ein Professorengehalt zu beanspruchen und dabei den vielseitigen Verpflichtungen, die eine Anstellung an der Universität mit sich bringt, in Folge anderweitiger Belastungen nur unregelmäßig und in ungenügendem Maße nachzukommen. Dies ist in der Vergangenheit, zumal im letzten Studienjahr, leider immer wieder der Fall gewesen, so dass der Institutsdirektor, Professor Dr. Georg Klaus, und der Fachrichtungsleiter, Dr. Klaus Schrickel, als ich vor kurzem meine Absicht, die Universität zu verlassen, mit ihnen besprach, mir mit Recht ihre Unzufriedenheit mit meiner Arbeit vorhielten. 2057Politik, Gesellschaft, Universität Wenn ich meine Bereitschaft bekunde, weiterhin gelegentlich als Lehrbeauftragter tätig zu sein, so möchte ich doch darum bitten, im Studienjahr 1954/1955, zumindest aber im jetzt beginnenden Herbstsemester 1954 von einem Lehrauftrag ganz abzusehen, da ich in den nächsten Monaten versuchen will, durch energische Einschränkung meines täglichen Arbeitspensums und strikte Einhaltung aller ärztlichen Vorschriften ohne neuerlichen Krankenhausaufenthalt und langwierige Kuren eine grundlegende Besserung meines augenblicklichen Gesundheitszustandes herbeizuführen. Ich habe die Bitte, der Einreichung eines Kündigungsgesuchs zuzustimmen, zunächst an Prof. Klaus und Dr. Schrickel gerichtet. Beide haben mir schriftlich ihr Einverständnis mit meinem Entschluss erklärt. Dr. Schrickel mit dem Bemerken, dass durch meinen Fortgang die Aufrechterhaltung des Lehrbetriebs der Fachrichtung Philosophie an der Humboldt-Universität nicht in Frage gestellt sei. Ich ergreife die Gelegenheit, Ihnen, hochverehrter Herr Staatssekretär, und den Mitarbeitern des Staatssekretariats für Hochschulwesen meinen tiefempfundenen Dank zu sagen für die große Hilfe bei meiner Arbeit und für die stete Förderung meiner wissenschaftlichen Entwicklung, deren ich mich in den vergangenen Jahren erfreuen durfte. Ich werde bemüht sein, die stärkere Konzentration meiner Arbeitskraft, die mir durch die Entlassung von der Universität ermöglicht wird, voll und ganz dazu auszunutzen, den Interessen der Deutschen Demokratischen Republik zu dienen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr stets ergebener Zur politischen Argumentation in der Denkschrift des Professor Dr. Günther Jacoby607 (1955) Die Denkschrift, die Prof. Dr. Günther Jacoby (Greifswald) an den Staatssekretär für Hochschulwesen und an den Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften gerichtet hat, enthält die bürgerlich üblichen verleumderischen Angriffe auf den Marxismus und auf das kulturelle und geistige Leben in der Deutschen Demokratischen Republik, mit der besonderen Nuance, dass Jacoby erstens mit unglaublich naiver 607 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, nicht adressiert, nicht datiert. Über den Kontext von Jacobys Denkschrift (unter Abdruck zahlreicher Dokumente und Materialien) berichtet ausführlich der Band von: Rauh, Hans-Christoph; Frank, Hartwig (Hrsg.): Günther Jacoby. Lehre, Werk und Wirkung, Lübeck, 2003. Eine Kopie der Jacoby-Denkschrift findet sich ebenfalls im Harich-Archiv. 2058 Teil XVII Dreistigkeit so genannte »Reform«-Vorschläge unterbreitet, die, wenn man sie beherzigte, auf eine einfache Restauration der bürgerlichen Hochschule in der DDR hi nausführ ten, und zweitens sich selbst – vermöge seiner »Ontologie« – dazu berufen glaubt, zur »Verbesserung« des dialektischen Materialismus beizutragen. Mit dieser letzteren Besonderheit der Denkschrift wird sich Genosse Ley auseinander zu setzen haben, während es Genossen Kosing obliegt, den reaktionären gesellschaftlichen Tendenzen auf den Grund zu gehen, die in dem Pamphlet zum Ausdruck kommen, und den Angriff auf die marxistische Philosophie zurückzuweisen. Meine Aufgabe beschränkt sich da rauf, zu Jacobys politischer Argumentation Stellung zu nehmen. 1) Jacoby fordert für die DDR eine weltanschaulich und politisch nicht gebundene Philosophie. Dazu ist Folgendes zu sagen: a) Die Forderung einer weltanschauungsfreien Philosophie ist unsinnig, ist eine einfache contradictio in adjecto, da Philosophie ihrem Wesen nach Weltanschauung ist. So haben denn auch hinter der Leugnung des Weltanschauungscharakters der Philosophie sich stets sehr bestimmte, und zwar idealistische, Weltanschauungen verborgen. (Es genügt, an die neukantianische Ausklammerung der Weltanschauungsfragen, an den Positivismus usw. zu erinnern.) Jacobys eigene Philosophie steckt voller weltanschaulicher Aussagen, was sich unter anderem schon daraus ergibt, dass er eine »theologische Ontologie« postuliert. b) Auch eine Philosophie ohne politische Bindungen ist schwerlich vorstellbar. Es sei noch ganz davon abgesehen, dass selbst in der abstraktesten philosophischen Stellungnahme stets ein bestimmter gesellschaftlicher Inhalt, eine bestimmte Klassenideologie zum Ausdruck kommt. Das ist eine spezifisch marxistische Erkenntnis, die Jacoby als bürgerlichem Ideologen natürlich nicht zugänglich ist. Was ihm aber sehr wohl bekannt sein dürfte und woran man ihn hier erinnern muss, ist die Tatsache, dass es überhaupt keinen nennenswerten Denker der Vergangenheit gegeben hat, der nicht in der einen oder anderen Weise politisch Partei ergriffen hätte. Professor Jacoby spielt sich als Gralshüter der nationalen Traditionen in der Philosophie auf. Hat er vergessen, dass Leibniz im Dienst der Reunionsbestrebungen stand, die die Vereinigung Deutschlands vorbereiten sollten? Hat er vergessen, dass Kant und Herder sich zur Französischen Revolution bekannten, dass Kant einen Entwurf zum ewigen Frieden verfasste, dass Fichte leidenschaftlich die Jakobiner verteidigt hat und die Reden an die deutsche Na- 2059Politik, Gesellschaft, Universität tion schrieb, dass der junge Hegel Anhänger der Rheinbundpolitik Napoleons war, von der er die Befreiung Deutschlands von feudalen Fesseln erhoffte, dass Fries für die liberale Bewegung kämpfte, die vom Wartburgfest ausging, dass Arnold Ruge, Friedrich Theodor Vischer und Rudolf Haym der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 angehörten? Es scheint, dass Jacoby den Philosophen der DDR verbieten will, dieser Tradition zu folgen. c) Jacobys Forderung ist um so grotesker, als seine eigene Denkschrift von A bis Z politischen Charakter trägt. Politisch ist die ignorante Verleumdung der Sowjetwissenschaft. Politisch ist die Unterstellung, dass in der DDR ein wahrhaft wissenschaftliches Studium der Philosophie verhindert werde. Politisch ist die Behauptung, dass die Sow jet uni on und die Volksdemokratien Länder ohne eigene philosophische Tradition seien. Hochpolitisch ist schließlich das Faktum, dass Jacoby im Jahre 1955 die Columbia-Universität (deren Präsident bis vor kurzem Eisenhower hieß) für zuständig in der Frage hält, welche Länder zur Weltzivilisation gehören. Aber diese Jacobysche Politik hat allerdings einen sehr anderen Inhalt, als ihn zu ihrer Zeit die Bekenntnisse Kants, Herders und Fichtes hatten. Sie ist gegen den Fortschritt gerichtet, wie einst die Speichelleckerei der meisten Neukantianer vor Bismarck und Wilhelm II., wie die Propaganda Max Schelers für den ersten imperialistischen Krieg, wie die Freiburger Rektoratsrede Heideggers von 1933. Zu diesen schlechten, reaktionären Traditionen will Jacoby offenbar zurück. Dass er als vorbildlich für die DDR einen kapitalistischen Staat – nämlich Finnland – anpreist, offenbart diesen restaurativen Sinn seiner Darlegungen ganz klar. 2) Jacoby behauptet, dass die Philosophie in der DDR von deren Regierung »an das marxistische Programm gebunden« werde. Das ist völlig falsch. Im Einzelnen ist dazu Folgendes zu sagen: a) Selbstverständlich wird im wissenschaftlichen Leben der DDR die marxistische Philosophie, entsprechend dem Charakter unseres Staates als Arbeiter- und Bauernmacht, gefördert. Das bedeutet aber keineswegs, dass nicht auch Philosophen, die andere Auffassungen vertreten, die verfassungsmäßig garantierte Freiheit genießen – in den selbstverständlichen Grenzen, die durch die Abwehr von Rassenhetze, Kriegs pro pa ganda, Völkerverhetzung usw. gezogen sind. Um nur einige Beispiele zu nennen: An der Universität Jena lehren Professor P. F. Linke, Professor Johannsen, Dr. Hartmann, die keine Marxisten sind. Professor Jacoby lehrt selbst an der Universität Greifswald. An 2060 Teil XVII der Universität Berlin lehrt Professor Liselotte Richter, die einen Existenzialismus religiöser Richtung vertritt. Im Institut für hellenistisch-römische Philosophie und in der Leibniz-Kommission der Deutschen Akademie der Wissenschaften ist kein einziger Marxist tätig. Das Institut für mathematische Logik an der Berliner Universität wird von dem Nichtmarxisten Professor Karl Schröter geleitet. Linke, Jacoby, Schröter, Bassenge und andere bürgerliche Philosophen haben in zahlreichen Fällen die Publikationsfreiheit in Verlagen der DDR, in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in den wissenschaftlichen Zeitschriften der Universitäten usw. ausgenützt, ohne dass irgend jemand von ihnen jemals eine marxistische Stellungnahme gefordert hätte. b) Dem steht die Tatsache gegenüber, dass es in ganz Westdeutschland keine Universität gibt, an der auch nur eine bescheidene Privatdozentur von einem Philosophen, der auf dem Standpunkt des Marxismus steht, bekleidet wird. Faktisch ist es für einen Marxisten in Westdeutschland unmöglich, sich zu habilitieren. Wenn Professor Jacoby also das dringende Bedürfnis verspürt, für die akademische Lehrfreiheit zu kämpfen, so möge er sich an den Bonner Staat wenden. Seine Beschwerden sind in der DDR ganz fehl am Platze. c) Professor Jacoby weiß genau – und er spielt in seiner Denkschrift da rauf auch an –, dass unser Staatssekretariat bereit war, die Berufung des von ihm vorgeschlagenen nichtmarxistischen Philosophen v. Freytag an eine Universität der DDR zuzustimmen, und dass diese Berufung – das verschweigt Jacoby – ausschließlich an den unsinnigen und maßlosen Forderungen des Herrn v. Freytag gescheitert ist, der sofort für sich ein Lehrstuhl beanspruchte und außerdem die Bezahlung des Unterhalts seiner Mutter in westdeutscher Währung verlangte. Angesichts aller dieser Tatsachen erweisen sich die Vorwürfe, die Professor Jacoby im Namen der »Nation«, der »internationalen Wissenschaft« usw. erheben zu müssen vorgibt, als reine Zweckdemagogie, die genau auf der Linie der imperialistischen Verdummungspropaganda liegt. 3) Das ganze Vorgehen Professor Jacobys ist undemokratisch. Er verlangt, dass das Staatssekretariat über den Kopf der Vertreter der marxistischen Philosophie in der DDR hinweg »Reformen« dekretieren soll, die unmittelbar auf eine Einschränkung der Lehrfreiheit der marxistischen Philosophen hinausführen würden. Diese Philosophen, die unter den für alle Bürger der DDR gleichermaßen verpflichtenden Bedingungen die Universitätslaufbahn eingeschlagen haben und in der Praxis von Lehre und Forschung ihren Mann stehen, sollen nach Jacobys Wunsch den Nachweis erbringen, politisch 2061Politik, Gesellschaft, Universität und weltanschaulich »nicht gebunden« zu sein, und ihre Aufstiegsmöglichkeiten sollen eingeengt werden durch die Berufung »westdeutscher Vertreter unseres Fachs«, die »auch von den Westmächten« (!) anerkannt werden. – Das ist ein Programm der Verdrängung der marxistischen Philosophie von den Hochschulen der DDR, ein Programm zur Herstellung Bonner Verhältnisse in unserem Staat. 4) Dass Jacoby sich mit derartigen Vorschlägen an die Regierung unserer Republik wendet, wäre eine an Irrsinn grenzende Naivität, wenn nicht vermutet werden müsste, dass es sich hier möglicherweise um die Vorbereitung eines von Westdeutschland aus gesteuerten »Kulturkampfes« handelt. Zumindest beabsichtigt Jacoby, durch demagogische Berufung auf die Verfassung der DDR unsere Regierung unter Ausnutzung ihrer gesamtdeutschen Rücksichtnahmen (wie er sie sich vorstellt) in die Enge zu treiben und ihr auf diese Weise Konzessionen abzunötigen, die der Stärkung der reaktionären Kräfte in der Philosophie der DDR zu Gute kommen. Brief an die SED der HU608 (21. Januar 1955) Werte Genossen! Es wurde mir heute von Genossen Wolfgang Heise mitgeteilt, dass gegen Genossen Schrickel seitens der zentralen Parteileitung der Universität ein Parteiverfahren eingeleitet sei. Auf mein Befragen bestätigte mir Genosse Heise eine Sache, die mir neulich bereits von Genossen Klaus angedeutet worden war, dass nämlich einer der Vorwürfe, die gegen Schrickel erhoben würden, da rin bestünde, dass die angeblichen Erkrankungen, deretwegen er mehrfach für kürzere oder längere Zeit seine Tätigkeit an der Universität unterbrochen hätte, vorgetäuscht gewesen seien, und dass er dies auch im Allgemein zugegeben hätte. Da ich selbst durch die »Erkrankungen« des Genossen Schrickel aufs Schwerste betroffen war, sehe ich mich veranlasst, Euch von den folgenden Tatsachen zu unterrichten und Euch nahe zu legen, diese Tatsachen bei der Durchführung des Verfahrens gebührend in Betracht zu ziehen. 608 (AH) 9 Blatt, maschinenschriftlich, 21. Januar 1955, adressiert »An die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Humboldt-Universität Berlin, Zentrale Parteileitung«. 2062 Teil XVII Genosse Schrickel nahm im Herbstsemester 1952 seine Vorlesungstätigkeit an der Berliner Universität auf. Er sollte zunächst eine Vorlesung über griechische und hellenistisch-römische Philosophie im Studienjahr 1952/1953 vor den Studenten des damaligen ersten Studienjahres halten. Ich hatte über dasselbe Thema im Studienjahr 1951/1952 gelesen, besaß ein umfangreiches Manuskript, war also mit der Materie ziemlich genau vertraut.609 Wenige Wochen, nachdem er seine Vorlesung aufgenommen hatte – in Folge einer ziemlich breiten Einführung in generelle Probleme des Studiums der Geschichte der Philosophie soll er das eigentliche Thema dabei noch kaum berührt haben –, meldete Genosse Schrickel sich, angeblich wegen Ischias, krank. Ich schöpfte damals bereits den Verdacht, dass diese Krankheit vorgetäuscht war. Aus folgenden Gründen: Erstens ist in Ischias notorisch in kaum einem Falle nachweisbar, der behandelnde Arzt also meist auf die Angaben des Patienten angewiesen. Zweitens ist Schrickel, als ehemaligem Mediziner, diese Tatsache bekannt. Drittens (Überschneidung beim Wechsel von Blatt 1 zu Blatt 2): Ich konnte mich erinnern, dass Schrickels Vorlesungstätigkeit an der Potsdamer Hochschule ebenfalls nach kurzer Zeit an Erkrankungen gescheitert war, damals zwar an solchen, deren Grundlage nachweisbar ist, deren Auswirkungen aber auf der unkontrollierbaren Grenze der Hysterie liegen (Schilddrüse). Viertens: Auf mein mehrfaches Angebot, ihm die Erfahrungen meiner dasselbe Thema behandelnden vorjährigen Vorlesungen mitzuteilen und ihm mein Vorlesungsmanuskript zur Verfügung zu stellen, war Schrickel zu meinem Erstaunen niemals eingegangen. Da er au- ßerdem in Gesprächen, in denen ich diese oder jene Frage des Themengebiets berührte, eine geradezu erschreckende Unkenntnis an den Tag gelegt hatte, war mir von vornherein schleierhaft gewesen, wie er diese Vorlesung zu Stande bringen werde. Noch im Mai 1953 war bei der Vorbereitung der Zwischenprüfung seine Unkenntnis Platons so groß, dass ich beim gemeinsamen Durchsprechen der Zwischenprüfungsfragen feststellen musste, dass er von den wichtigsten Dialogen Platons (wie z. B. Menon, Gorgias, Theaitetos usw.) keinen blassen Schimmer hatte. Da das alles noch keine Beweisgründe waren, konnte ich damals nicht gegen Genossen Schrickel vorgehen. Allerdings habe ich Genossen Hager in einer Aussprache im September 1953 meine diesbezüglichen Vermutungen und ihre Gründe auseinandergesetzt. 609 (AH) Abdr. der entsprechenden Manuskripte in Band 6.1, S. 53–423. In dem Band auch eine Einleitung des Herausgebers zur Thematik (Harichs Vermessung der Antike, S. 44–51). 2063Politik, Gesellschaft, Universität Die so genannte Erkrankung des Genossen Schrickel im Studienjahr 1952/1953, die bezeichnenderweise endete, just als die letzten Vorlesungen des Frühjahrssemesters gehalten wurden, brachte für mich große Schwierigkeiten und Belastungen mit sich. Erstens musste von Weihnachten 1952 bis Mai 1953 ich seine Vorlesung halten, wodurch sich die Anzahl meiner Vorlesungsstunden verdoppelte. Zweitens musste ich von Ende Oktober, Anfang November 1952 für Genossen Schrickel als Redakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie einspringen und alleine die Hefte 1, I, 1953 und 2, I, 1953 sowie das erste Beiheft mit dem Protokoll der Jenaer Logikkonferenz redigieren. Nebenher lief meine Arbeit im Aufbau-Verlag. All diese Belastungen haben mich gesundheitlich so schwer geschädigt, dass sich auf der Grundlage einer verschleppten Gastritis etwa im März 1953 floride Magengeschwüre einstellten, so dass ich im Mai nach der vorletzten Vorlesung, die ich planmäßig hielt, derartige Magenschmerzen bekam, dass ich nicht mehr weiter arbeiten konnte. Nach zehntägiger Bettlägerigkeit zuhause wurde ich dann noch im Mai 1953 für sechs Wochen – bis Anfang Juli – in die Charité eingeliefert. Bis auf den heutigen Tag habe ich seither unter Magengeschwüren zu leiden, muss strenge Diät halten und bin in meiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Von allen Ärzten wird die Krankheit in meinem Falle in erster Linie auf Überarbeitung zurückgeführt. Mein Ausscheiden aus der Universität im September 1954 war in erster Linie eine Konsequenz, die ich aus meiner, inzwischen chronisch gewordenen Krankheit ziehen musste. Ich muss betonen, dass ich bis zum Herbst 1952 zwar gelegentlich an leichten gastritischen Störungen gelitten, aber niemals Magengeschwüre gehabt hatte. Nachdem ich nun durch die gegen Genossen Schrickel hinsichtlich seiner »Erkrankungen« erhobenen und von ihm als grundsätzlich berechtigt anerkannt Vorwürfe die Gewissheit erhalten habe, dass mein damaliger Verdacht richtig war, muss ich ihn für die maßlose Überanstrengung verantwortlich machen, der ich im Studienjahr 1952/1953 ausgesetzt war und die meinen Gesundheitszustand nachhaltig so schwer beeinträchtigt hat. Sollten sich schlüssige Beweise für die Vortäuschung der Ischiaserkrankung des Genossen Schrickel in der angegebenen Zeit erbringen lassen, so würde ich, das Einverständnis der Partei vorausgesetzt, nicht zögern, gegen ihn juristisch vorzugehen. Erwähnt zu werden verdient in diesem Zusammenhang, wie sich Genosse Schrickel in der angegebenen Zeit (von Ende Oktober 1952 bis April 1953) der Deutschen Zeitschrift für Philosophie gegenüber verhalten hat. Er war von der Partei zum Redaktionssekretär bestimmt worden und hatte, als er sich krank meldete, redaktionell effektiv nichts für 2064 Teil XVII die Zeitschrift getan. In den Monaten November bis April fiel er gänzlich aus. Nichtsdestoweniger steckte er in der Zeit vom November bis Februar, während ich seine Arbeit tat, ohne Zögern das beträchtliche Redakteursfixum ein. Im Februar 1953 beschlossen die Herausgeber – Genosse Professor Baumgarten, Professor Bloch, Professor Schröter und ich – im Zuge von drastischen Sparsamkeitsmaßnahmen, die uns der Verlag nahe gelegt hatte, die eigenen Fixa von 400,– auf 100,– DM monatlich herabzusetzen, das Fixum des Redaktionssekretärs um 80,– DM zu kürzen und ab März inklusive das Fixum des Redaktionssekretär so lange nicht zu zahlen, sondern einzusparen, bis Genosse Schrickel seine Arbeit wieder aufnehmen würde. Der Erfolg war der, dass Genosse Schrickel sofort alle Hebel in Bewegung setzte, um diesen Beschluss der Herausgeber, soweit er ihn betraf, anzufechten, teils in unverschämten Briefen an den damaligen Verlagsleiter Genossen Teweleit, teils in flehenden Bittgesuchen an Genossen Baumgarten und Professoren Bloch und Schröter. Als er sah, dass ihm das nichts nutzte, erklärte er, für die Zeitschrift nicht mehr tätig sein zu wollen. Nur mit Mühe und mit einem gewissen Parteidruck gelang es, ihn dazu zu bewegen, erst zum 1. Januar 1954 aus der Redaktion auszuscheiden. In der restlichen Zeit des Jahres 1953 hat er dann aber die Redaktionsarbeit fortwährend sabotiert, wofür eine Fülle von Beweisen vorliegt. Der eklatanteste Beweis ist der, dass er die Arbeiten an den geplanten Heften 3 und 4 des Jahrgangs I, 1953, obwohl diese Hefte von mir bereits weitgehend vorbereitet worden waren, wochen- und monatelang derart verschleppte, dass ich mich schließlich Spätherbst, Winteranfang 1953 gezwungen sah, ihm die Arbeit wieder aus der Hand zu nehmen und ein Doppelheft zu machen, das dann erst im Januar 1954 erscheinen konnte – eine Maßnahme, die bei einer nur vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift ganz grotesk anmutet, nachweisbar viele Abonnenten verärgerte und zu Abbestellungen veranlasste und den Deutschen Verlag der Wissenschaften, der statt zwei Heften zum Preis von 5,– DM nur ein Heft für 7,– DM und dieses verspätet ausliefern konnte, finanziell erheblich schädigte. Als im Sommer 1954 auf einer Konferenz der Abt. Wissenschaft und Propaganda beim ZK mit den Genossen Philosophen in Babelsberg die Arbeit der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zur Debatte stand, erschien Genosse Schrickel nicht. So viel zunächst zu den Dingen, die – direkt oder indirekt – mit den »Erkrankungen« des Genossen Schrickel zusammenhängen. Eine weitere Tatsache, die sich in den ver- 2065Politik, Gesellschaft, Universität gangenen Wochen abgespielt hat und in die ich in meiner Eigenschaft als Cheflektor des Aufbau-Verlages hinein verwickelt bin, veranlasst mich, bei dieser Gelegenheit den Fall des Genossen Schrickel noch von einem anderen Punkte aus aufzurollen, nämlich seinen für mich seit längerer Zeit ganz offensichtlichen Antisemitismus zur Sprache zu bringen. Im Sommer 1954 hat der Aufbau-Verlag mit den Genossen Heinrich und Marie Simon Vertrag gemacht über ihre Doktorarbeiten, die wir, in erweiterter und verbesserter Fassung und unter dem Titel Die ältere Stoa und ihr Naturbegriff zu einem einheitlichen Ganzen zusammengefasst, als Buch herausbringen wollten. Es handelt sich um einen – zumindest in Deutschland – ersten Versuch einer marxistischen Interpretation eines derartigen Themas aus dem Forschungsbereich der hellenistischen Philosophie, der unbedingt zur Diskussion gestellt zu werden verdient. Genosse Schrickel waren die beiden Arbeiten in ihrer Dissertationsfassung lange bekannt, er selbst hatte seinerzeit angeregt, sie gekürzt in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie abzudrucken. Ich hatte das damals abgelehnt, da ich sachgerechte Kürzungen für undurchführbar hielt, und dafür empfohlen, die Autoren eine Umarbeitung vornehmen zu lassen und dann das Ganze als Buch zu veröffentlichen – entweder als gebundenes Beiheft zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie oder im Aufbau-Verlag. Die Genossen Simon sind diesem Ratschlag gefolgt, haben das Buch gründlich überarbeitet und um ein neues Kapitel vermehrt und es dem Aufbau-Verlag angeboten. Nach Überprüfung durch das Lektorat des Verlages nahmen sie nochmals eine Reihe kleinerer Verbesserungen vor. Der Verlag, der sich in einigen strittigen Fragen bei den Autoren nicht durchsetzen konnte, steht heute auf dem Standpunkt, dass die Arbeit sicher noch gewisse Schwächen aufweist, aber gewissermaßen als Pionierleistung unbedingt veröffentlicht werden sollte, und dass es Aufgabe der öffentlichen Kritik sein wird, diese Schwächen ans Licht zu ziehen. Wie dem auch sei: Nachdem im Sommer bereits das Manuskript mit den Verlagsgutachten eingereicht worden war, ist bis heute von Seiten des Amtes für Literatur und Verlagswesen keine Satz- und Druckgenehmigung für dieses ein wahrlich harmloses Thema behandelnde Buch erteilt worden. Nach mehrfachen drängenden Nachfragen wurde dem Verlag schließlich im Dezember von einer Mitarbeiterin des Amtes erklärt, dass der Druck nicht genehmigt werden würde, da »Professor« Schrickel die Arbeit abgelehnt hätte. Inzwischen hatten die Genossen Simon mir bereits mitgeteilt, dass Genosse Schrickel, 2066 Teil XVII in dessen Händen sich das Manuskript befinde, ihnen – ohne es in seiner endgültigen Fassung zu kennen – erklärt hatte, die Veröffentlichung käme ohne eine vorherige kollektive Diskussion im Institut nicht in Frage. Eine Beschwerde meinerseits – im Auftrage des Verlages – beim Institutsdirektor, Genossen Klaus, ergab, dass Genosse Schrickel ihm gegenüber eine Veröffentlichung vor einer Diskussion für unangebracht erklärt, sich selbst aber geweigert hatte, für das Amt für Literatur ein Gutachten zu schreiben. Zur Abfassung des Gutachtens musste Schrickel dann erst durch Genossen Klaus förmlich gezwungen werden. Es liegt hier ein Fall offensichtlicher Produktionsverhinderung vor: Derselbe Genosse Schrickel, der als Redakteur eine Arbeit in ihrer ersten, noch unzulänglichen Fassung zum Abdruck vorschlägt, lehnt als Gutachter des Amts für Literatur den Druck der zweiten, wesentlich verbesserten und erweiterten Fassung derselben Arbeit, ohne diese Fassung zu kennen, ab, weigert sich dabei aber, das in einem selbst zu verantwortenden Gutachten zu begründen und schiebt die Verantwortung auf eine »Diskussion« ab, die natürlich zumindest zu einer weiteren erheblichen Verzögerung der ganzen Angelegenheit führen muss, nachdem diese durch sein Verschulden bereits um Monate verzögert ist. Es handelt sich hier um einen eklatanten Fall von Sabotage. Ein ganz ähnlicher Fall ist die Angelegenheit des Buches Zu einigen Fragen der marxistischen Philosophie von Genossen Victor Stern (ebenfalls Aufbau-Verlag). Das Erscheinen dieses Buches wurde durch die Gutachtertätigkeit des Genossen Schrickel um – sage und schreibe – vier Jahre verzögert, wie der Autor, der Dietz-Verlag und der Aufbau-Verlag bezeugen können. Für jeden Genossen, der das 1954 erschienene Buch gelesen hat, ist die Ungeheuerlichkeit dieser Tatsache über jeden Zweifel erhaben. Die genannten Sabotageakte des Gutachters Schrickel erscheinen in besonderem Licht, wenn man sich vor Augen hält, dass in beiden Fällen die betroffenen Autoren Juden sind. Und in diesem Zusammenhang muss und will ich der Partei nun mitteilen, dass ich seit langem den Genossen Schrickel für einen ausgesprochenen Antisemiten halte. Seit 1952 war mir aufgefallen, dass er sich immer wieder, namentlich in unseren Gesprächen über die Deutsche Zeitschrift für Philosophie, in der gehässigsten und bösartigsten Weise über Genossen Georg Lukács und Professor Bloch, die beide Juden sind, äußerte. Da diese Äußerungen in ihrer armseligen Substanz auf der Linie des linken Sektierertums lagen, nahm ich zunächst an, dass bei Schrickel eine maßlos überspitzte 2067Politik, Gesellschaft, Universität Kritik an gewissen problematischen Zügen der Werke der beiden bedeuten Denker vorliege, bis ich dann feststellte, dass er sich über Genossen Victor Stern, dem die Eigenheiten von Lukács, gar von Bloch ganz fernliegen, dessen höchst zitatenfreudige Schriften den Sektierern in unseren Reihen niemals Ärgernis bereitet haben, der also Schrickel eigentlich hätte genehm sein müssen, mit derselben Verächtlichkeit zu äußern pflegt. Als Schrickel dann 1952 einige Male, von Genossen Victor Stern sprechend, die Gesten des so genannten »Mauschelns« nachgeahmt hatte, schöpfte ich zum ersten Mal Verdacht. Dieser verdichtete sich in einer Unterredung in meiner Wohnung im Mai 1953. Unser Gespräch drehte sich um die Zeitschrift für Philosophie, über deren gesamte Konzeption und Linie wir uns nicht einig waren. Schrickel wollte die Linie der Zeitschrift sehr eng halten und sie etwa auf die Lehrmaterialbedürfnisse von Dozenten des Grundlagenstudiums und Parteischülern orientieren. Ich strebte eine breite Front aller fortschrittlichen Philosophen unter Führung der besten philosophischen Kräfte unserer Partei an und erklärte es für notwendig, das Niveau so hoch zu schrauben und die Themen so auszuwählen, dass die Zeitschrift auf die philosophisch interessierte Intelligenz ganz Deutschlands zu wirken vermöchte. In diesem Zusammenhang äußerte Schrickel sich wieder sehr abfällig über Bloch und Lukács, deren Mitarbeit er auf ein Minimum zu reduzieren wünschte. Dabei sagte er: »Was willst Du nur immer mit Bloch und Lukács, ich mag diese mosaischen Intellektuellen nicht, die den Marxismus interessant machen wollen (…).« (Das Nichtunterstrichene sinngemäß, das Unterstrichene wörtlich.) Kurze Zeit später besuchte mich die Genossin Emmy Gessner, Frau des Rundfunkkommentators Herbert Gessner, im Krankenhaus, und ich klagte ihr gegenüber von den Schwierigkeiten, die ich mit dem (auch ihr bekannten) Schrickel in der philosophischen Zeitschrift hätte. In diesem Zusammenhang sagte ich auch, dass ich bei Schrickel auch den Eindruck eines gewissen Antisemitismus hätte. Sie erklärte da rauf sofort: »Dieser Eindruck ist völlig richtig. Schrickel ist ein Antisemit. Als Genosse Winternitz starb, hat Schrickel es fertig gebracht zu sagen: Gott sei Dank, dass die alte Judensau tot ist. Oder: Ist nur gut, dass die alte Judensau tot ist.« Nach der Affäre mit dem Buch der Simons habe ich nun vor wenigen Tagen Genossin Gessner nochmals angerufen – unser damaliges Gespräch ist immerhin anderthalb Jahre her – und sie gefragt, ob sie sich immer noch an die damalige Äußerung Schrickels erinnere und ob sie zu dem stehe, was sie mir im Krankenhaus im Juni 1953 erzählt hätte. Sie erinner- 2068 Teil XVII te sich genau und erklärte, zu ihrer Behauptung zu stehen, wenn ich der Parteien über die Angelegenheit Mitteilung machen würde. Ich habe im September 1953 dem Genossen Kurt Hager in einer Unterredung, die den Wechsel des Redakteurs der Deutschen Zeitschrift für Philosophie betraf, mitgeteilt, dass ich auf Grund bestimmter Eindrücke überzeugt wäre, dass bei Genossen Schrickel antisemitische Tendenzen vorlägen. Es war die gleiche Unterredung, in der ich Genossen Hager meinen Verdacht zum Ausdruck brachte, dass Schrickels Erkrankungen vorgetäuscht seien. Damals dachte ich aber immer noch nicht da ran, dass der Antisemitismus Schrickels bis zu schädigenden Taten gegen jüdische Genossen geht. Zu dieser Auffassung bin ich erst ganz vor kurzem durch die Angelegenheit des Buches der Genossen Simon gelangt, die dann mit einem Schlage auch die Angelegenheit des Buches des Genossen Victor Stern in neuem Lichte erscheinen ließ. Ein Ausbruch von getarntem Antisemitismus scheint mir nun auch die völlig unsachliche und widerlich gehässige Rezension zu sein, die Genosse Schrickel im Frühjahr 1952 über das Buch des Genossen Lukács: Existenzialismus oder Marxismus? für die Einheit geschrieben hat.610 Diese Diskussion wurde mir damals von der Partei zur Stellungnahme zugeleitet und ich habe ausführlich schriftlich nachgewiesen, dass sie von Fälschungen und Unterstellungen (beherrscht ist, AH). In einer da raufhin zusammengerufenen Besprechung der Genossen Erich Wendt, Walter Besenbruch, Wolfgang Heise, Hermann Scheler, Klaus Schrickel und Wolfgang Harich gelang es Genossen Schrickel nicht, diese meine genau begründeten Vorwürfe zu entkräften, so dass die anwesenden Genossen der Redaktion der Einheit empfahlen, die Rezension in der vorliegenden Form nicht zu veröffentlichen und Genossen Schrickel eine gründliche Überarbeitung vorschlugen. Die Rezension ist dann tatsächlich nicht erschienen, eine Umarbeitung hat Genosse Schrickel aber auch nicht vorgenommen. Die letzte Äußerung des Genossen Schrickel, die wenigstens einen leichten Anflug von Antisemitismus verrät, ist mir aus der Sitzung der Kommission für Philosophie bei der Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK erinnerlich, einer Sitzung, auf der der Bericht des Genossen Ley über den Stuttgarter Philosophenkongress zur Debatte stand. Es kam dabei die Sprache auf einen Westberliner Philosophen namens Michael Landmann, von dem ein Genosse irrtümlich erklärte, er gehöre auch zu den katholischen 610 (AH) Harichs Replik, datiert auf den 28. Juni 1952, liegt gedruckt vor in: Band 9, S. 133–145. 2069Politik, Gesellschaft, Universität Philosophen. Schrickel rief da raufhin aus: »Der Landmann katholisch – ach ne, der ist doch mosaisch bis dort hinaus. Wahrscheinlich sogar Zionist.« Ich erinnere mich an diesen Ausruf so gut, weil mir bei dem Wort »mosaisch« sofort die erwähnte Unterredung mit Schrickel vom Mai 1953 einfiel. Da ich aus Landmanns Referat in Stuttgart nichts Zionistisches hatte entnehmen können, fragte ich Schrickel, der neben mir saß, woher er das wisse. Ich kann mich aber nun nicht mehr ganz genau erinnern, ob er sagte: »Das weiß ich doch« oder: »Das merkt man doch«. Etwas Ähnliches sagte er jedenfalls zu mir. Wenn ich diese Dinge der Partei mitteile, so muss ich abschließend betonen, dass Schrickel mir seit langem sehr verhasst ist. Das bedeutet einerseits, dass ich ihm gegen- über natürlich voreingenommen bin, meine Angaben also sorgfältig dahingehend geprüft werden müssen, ob ich nicht doch, ohne es zu wollen, Zusammenhänge konstruiere, wo nur unverbundene, zufällige Einzeltatsachen vorliegen, die sich dann allerdings, davon bin ich überzeugt, in ganz erschreckender Häufigkeit nachweisen lassen. Andererseits kann ich, wenn das schwebende Verfahren zu recht besteht, für mich in Anspruch nehmen, dass meine Voreingenommenheit immerhin eines bedeutet: Ich bin nie auf Schrickel hereingefallen, habe nie unter seinem Einfluss gestanden, bin ihm stets mit äußerstem Misstrauen begegnet und habe mich zu wiederholten Malen gegen ihn gestellt. Die Frage ist nun: Woher rührt diese meine tiefe Aversion gegen Schrickel? Sie rührt, kurz gesagt, daher, dass Schrickel sich stets als ein »Hundertfünfzigprozentiger« gegeben hat, ohne es zu sein. Das linke Sektierertum, das bei anderen Genossen von jugendlichem Übereifer, Primitivität, Unbildung und dergleichen herkommt und dann ehrlich gemeint ist, ist bei Schrickel eine Sache der kalten, zynischen Berechnung. Das hat sich mir immer wieder offenbart, am Philosophischen Instituts sowohl wie in der Philosophischen Zeitschrift und auch in der Gutachtertätigkeit für das Amt für Literatur. Schrickel hat damit viel Produktivität in Lehre, Forschung und Publikation abgewürgt. Eine ganz ähnliche Tendenz lag bei Hollitscher vor, nur mit dem Unterschied, dass dieser eine – meist freilich fragwürdige – schriftstellerische Betriebsamkeit entfaltete, die bei Schrickel fehlt. Schließlich möchte ich bemerken, dass ich aus meiner Arbeit am Philosophischen Institut den Eindruck gewonnen habe, dass dort die »linken« Tendenzen ungewöhnlich stark sind, was verschiedene Ursachen hat, auf die ich hier nicht eingehen möchte, die 2070 Teil XVII ich aber gerne bereit bin, in einer mündlichen Aussprache näher auseinander zu setzen. Schrickel hat sich einerseits auf diese Tendenzen eingestellt, um nicht kritisiert zu werden, und hat sich damit eine starke, bisweilen unantastbar scheinende Stellung zu schaffen vermocht. Andererseits hat er sie stimuliert und gesteigert und damit eine offen unerträgliche Atmosphäre geschaffen. Wo es ihm gelang, auf andere Genossen einen Einfluss auszuüben, war dieser Einfluss absolut schädlich. Das gilt – nach meiner Auffassung – vor allen Dingen für den sehr starken und sich in den vergangenen Jahren seit 1952 immerfort steigernden Einfluss auf Genossen Heise. Ich halte auf Genossen Heise große Stücke, bin der Meinung, dass er zu unseren fähigsten Kräften auf dem Gebiet der Philosophie gehört, bin aber der Meinung, dass seine Fähigkeiten sich nur entfalten können, wenn der Schrickelsche Einfluss auf ihn gebrochen wird, der ihn in Unproduktivität und sektiererischen Tendenzen festbannt. Einer Aussprache über diese Fragen stehe ich jederzeit zur Verfügung. Mit sozialistischem Gruß! Reise deutscher Philosophen in die Volksrepublik Polen (1955) (AH) Über die Reise einer Delegation deutscher Philosophen nach Polen berichtet der folgende kleinere Artikel, der zuerst (unter dem hier verwendeten Titel) in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, im Heft 3/4 1955, S. 497–500, erschien. Der Text stammt von Harich, zwischen einem überlieferten ursprünglichen Manuskript und der Druckversion gibt es verschiedene kleinere Abweichungen, wobei nicht klar ist, ob diese von Harich stammen. Präsentiert wird die gedruckte Fassung. Über die Eindrücke der Reise berichtete Harich zudem unter anderem im Briefwechsel mit Gertrud und Georg Lukács (siehe Band 9, u. a. den Brief vom 1. Juli 1955). Einige der Kontakte die er in diesem Zusammenhang knüpfte oder intensivierte, hielten sein Leben lang, so beispielsweise die Freundschaft zu Adam Schaff. Vom 23. Mai bis zum 5. Juni 1955 weilte eine Delegation von Vertretern der Philosophie aus der Deutschen Demokratischen Republik auf Einladung der Polnischen Akademie der Wissenschaften zu Besuch in der Volksrepublik Polen und erwiderte damit den vorjährigen Freundschaftsbesuch polnischer Philosophen in Berlin, über den wir in Heft 3, 1954, dieser Zeitschrift berichteten. Die Delegation bestand aus Prof. Dr. Ernst Bloch (Leipzig), Direktor des Philosophischen Instituts der Karl-Marx-Universität und ord. Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften; Dr. Wolfgang Harich (Berlin), Cheflektor beim Aufbau-Verlag und Chefredakteur der Deutschen 2071Politik, Gesellschaft, Universität Zeitschrift für Philosophie; Dr. Wolfgang Heise (Berlin), Dozent für Ästhetik an der Humboldt-Universität; Rudolf Herold (Kleinmachnow), Dozent für Philosophie an der Parteihochschule »Karl Marx« der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands; Prof. Dr. Georg Klaus (Berlin), Direktor des Philosophischen Instituts der Humboldt-Universität; Matthäus Klein (Berlin), stellv. Direktor des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands; Alfred Kosing (Berlin), Dozent für Philosophie am Gesellschaftswissenschaftlichen Institut beim ZK der SED. Zu Ehren der Delegation wurde am Tage ihrer Ankunft in Warszawa von der Polnischen Akademie der Wissenschaften ein festlicher Empfang veranstaltet, auf dem Prof. Dr. Adam Schaff die deutschen Gäste herzlich begrüßte. An den folgenden drei Tagen fand in den Räumen der Akademie eine gemeinsame wissenschaftliche Konferenz polnischer und deutscher Philosophen statt, die den Fragen der Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins in den beiden befreundeten Ländern gewidmet war. Von deutscher Seite wurden zu diesem Thema drei größere Vorträge gehalten. Matthäus Klein sprach über Die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins in der Deutschen Demokratischen Republik. Rudolf Herold berichtete über die Ergebnisse der Erforschung des sozialistischen Bewusstseins im Leuna-Werk »Walter Ulbricht«. Dr. Wolfgang Harich behandelte Grundlagen und Per spek ti ven der Entwicklung des demokratischen Patriotismus in Deutschland.611 Von polnischer Seite hielt Prof. Dr. Julian Hochfeld ein längeres Referat über Das Programm der Erforschung des Arbeitermilieus der Großbauten des Sozialismus in der Volksrepublik Polen. In der lebhaften Diskussion, die sich an jeden der Vorträge unmittelbar anschloss, traten außerdem mehrere polnische Philosophen und Gesellschaftswissenschaftler mit kurzen, vorbereiteten Beiträgen auf, die über Analysen von Tagebüchern, über die Erforschung der Lebensverhältnisse in den Arbeiterhotels von Warszawa usw. berichteten oder methodischen Fragen dieses Forschungsgebiets auf den Grund gingen. Noch im Rahmen der Konferenz, jedoch außerhalb ihrer Diskussionen, hielt Dr. Wolfgang Heise einen ausführlichen Vortrag über Faschistische Strömungen in der westdeutschen Gegenwartsphilosophie. Bei der Vorbereitung der diesjährigen Begegnung polnischer und deutscher Philosophen waren die Veranstalter von der Überlegung ausgegangen, dass es besonders fruchtbar und anregend sein werde, ein Thema von zentraler aktueller Bedeutung zu behandeln, 611 (AH) Der Vortrag kommt als nächstes Dokument unter dem Titel Demokratischer Patriotismus zum Abdruck. 2072 Teil XVII dessen theoretische Bearbeitung noch in den ersten Anfängen steckt. Die Konferenz zeigte, dass die Philosophen aus der Deutschen Demokratischen Republik dazu neigen, die Probleme, die mit der Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins zusammenhängen, vorwiegend nur aus politischer Sicht zu behandeln, wobei sie nicht immer der Gefahr entgehen, in bekannten Deklarationen und allzu summarischer Allgemeinheit stecken zu bleiben. Die polnischen Philosophen haben demgegenüber mit einer Kritik der theoretischen und methodologischen Vo raus set zungen der so genannten Gebietsforschung, wie sie die bürgerliche Soziologie zu betreiben pflegt, begonnen und sind dann, sehr behutsam und ohne vorerst auf weittragende Verallgemeinerungen zu prätendieren, dazu übergegangen, gesichertes Faktenmaterial durch Einzeluntersuchungen soziologischer Art zusammenzutragen. Die Gefahr, der sie zu begegnen haben werden, besteht dabei namentlich in einer – quasi positivistischen – Fixierung isolierter Einzelphänomene. Die Mängel und Schwächen, die auf beiden Seiten vorhanden sind, weisen also zum Teil beträchtliche Unterschiede auf. Das Gemeinsame liegt jedoch da rin, dass die zentrale Aufgabe, den historischen Materialismus durch philosophische Verallgemeinerung der neuen Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus weiterzuentwickeln und in diesem Zusammenhang auch neue Gesetzmäßigkeiten der Bewusstseinsbildung heraus zu arbeiten, bisher weder in der Volksrepublik Polen noch in der Deutschen Demokratischen Republik bewältigt worden ist, dass vielmehr hier wie dort erst tastende, schwache Versuche in dieser Richtung unternommen werden, deren Ergebnisse noch keineswegs befriedigen können. Die Bedeutung der Aufgabe ist im Allgemeinen klar erkannt. Ihre Durchführung steckt aber noch ganz in den Anfängen. Um so mehr ist es im augenblicklichen Stadium der einschlägigen Arbeiten erforderlich, sich über das Grundsätzliche, über den einzuschlagenden Weg und die vordringlichsten Absichten, die man verfolgt, zu verständigen, und eben hierbei hat die theoretische Konferenz in Warszawa, die diese Selbstverständigung von vornherein auf internationales Niveau hob und ihr so den Charakter eines Erfahrungsaustausches zwischen den Wissenschaftlern verschiedener Länder des sozialistischen Lagers gab, vortreffliche Dienste geleistet. Am Tage nach der Konferenz waren die deutschen Delegierten in die Philosophische Fakultät der Universität eingeladen. Sie nahmen hier zunächst an einer Sitzung der Fakultät teil, auf der ein Meinungsaustausch über die neuen Studienpläne für Philosophie an den Universitäten der Volksrepublik Polen und der Deutschen Demokratischen 2073Politik, Gesellschaft, Universität Republik stattfand. Anschließend trafen sie, begeistert begrüßt, mit den Studenten der Philosophischen Fakultät zusammen, vor denen Professor Bloch und Matthäus Klein das Wort ergriffen. Dr. Harich, Dr. Heise und Alfred Kosing beantworteten Fragen, die sich auf das Leben der akademischen Jugend, auf den Stand der philosophischen Forschung und die philosophische Produktion der Verlage in der Deutschen Demokratischen Republik bezogen. Am nächsten Tage hatten die einzelnen Delegierten, je nach Arbeits- und Interessengebieten, noch Gelegenheit, das Gesellschaftswissenschaftliche Institut beim ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei, die Parteihochschule und die großen wissenschaftlichen Verlage in Warszawa zu besuchen. Die Polnische Akademie der Wissenschaften hatte den Delegierten einen geräumigen Reiseautobus zur Verfügung gestellt, mit dem diese dann, in Begleitung der Dozenten Emil Adler und Marian Dobrosielski und einer Mitarbeiterin der Akademie, eine etwa zehntägige Fahrt durch große Teile der Volksrepublik Polen unternahmen. Die Reise führte zunächst nach Krakow, wo sich die deutsche Delegation zweieinhalb Tage lang aufhielt und die Sehenswürdigkeiten der herrlichen alten Stadt, namentlich den Wawel, die Burg der polnischen Könige, und den Marienaltar des Meisters Vit Stwosz besichtigte. In der Jagellonen-Universität hielt Professor Bloch zum Schiller-Gedenkjahr 1955 einen Vortrag Schiller oder Weimar als seine Abbiegung und als seine Höhe, der mit starkem Beifall aufgenommen wurde.612 Anschließend wurden die deutschen Philosophen durch den Rektor und Vertreter des Lehrkörpers der Philosophischen Fakultät in dem wunderschönen Renaissancebau der Universität, in dem einst Kopernikus studiert hat, empfangen. Von Krakow aus statteten sie ferner dem Hochofenwerk »W. I. Lenin« in der ersten sozialistischen Stadt Polens, Nowa Huta, einen Besuch ab. Auf der Fahrt von Krakow nach Poznan erfolgte dann eine halbtägige Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Oswiecim (Auschwitz) und des ihm benachbarten Vernichtungslagers Birkenau, in dessen Gaskammern die deutschen faschistischen Okkupanten in den Jahren 1940 bis 1945 vier Millionen Menschen, meist Juden aus allen europäischen Ländern, systematisch ermordet haben. Der tief erschütternde Anblick dieser Stätten unvorstellbaren Grauens, nie zuvor dagewesener Verbrechen 612 (AH) Blochs Beiträge zum Schiller-Jahr liegen gedruckt vor. Siehe vor allem: Bloch: Schiller und Weimar als seine Abbiegung und seine Höhe, in: Sinn und Form, Heft 2, 1955, S. 157–175. Aufgearbeitet ist das Schiller-Gedenken von 1955 (unter Berücksichtigung der entsprechenden Äußerungen von Bloch, Harich, Lukács, Hans Mayer, Thomas Mann, Johannes R. Becher in: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017, S. 199–236. 2074 Teil XVII machte den Mitgliedern der Delegation so eindringlich wie wohl kein anderes Erlebnis die hohe Verantwortung bewusst, die sie als geistige Vorkämpfer eines anderen, demokratischen und menschlichen Deutschland bei der konsequenten und wirksamen Abwehr des in der Bonner Bundesrepublik wiedererwachenden Militarismus und Faschismus zu tragen haben. Die weitere Fahrt der Delegation führte von Oswiecim über Stalinogrod (ehemals Kattowice) und Wroslaw nach Poznan, wo wieder für zwei Tage Halt gemacht wurde. An der Universität von Poznan hielt Professor Klaus einen stark beachteten und beifällig aufgenommenen Vortrag über Fragen der formalen Logik, in dem er sich unter anderem den Ausführungen über den Satz der Identität und den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch in dem jüngst in deutscher Sprache erschienenen Logik-Buch des ungarischen Philosophen Bela Fogarasi kritisch auseinandersetzte.613 Auch hier schloss sich ein Empfang durch den Rektor und die Professoren der Philosophischen Fakultät an, der Gelegenheit zu zwangloser Aussprache über Probleme der Forschung und Lehre in beiden Ländern bot. Von Poznan ging es nach Sopot bei Gdansk. Den deutschen Gästen wurden hier, in dem luxuriösen Kurhotel am Meer, das in kapitalistischen Zeiten einst als Spielcasino diente, zwei Tage erholsamer Rast gewährt. Eine Fahrt im Motorboot durch den Gdansker Hafen, ein Rundgang durch die im Wiederaufbau begriffenen Altstadt mit der in alter Pracht neu erstandenen Langgasse, der Besuch der Kathedrale von Oliva, in der den Gästen zu Ehren ein Konzert auf der grandiosen Rokokoorgel gegeben wurde, vermittelten unvergessliche Eindrücke. 613 (AH) Gemeint ist: Fogarasi, Béla: Logik. Vom Verfasser autorisierte Übertragung von Samuel Szemere, Berlin, 1955. 2., erw. Aufl., Berlin, 1955. An Gertrud Lukács schrieb Harich am 1. Juli 1955, also einen knappen Monat nach der Polen-Reise, einen Brief, in dem er formulierte: »Unsere Reise durch die Volksrepublik Polen war recht ergiebig und erfreulich. Die Gespräche drehten sich, wenn nicht gerade um Tito, dann um die Logik von Fogarasi, die von den polnischen Genossen, die Fragen der Logik bearbeiten, meist aufs Schärfste abgelehnt wird. Auch hier in Berlin ist jetzt eine Fogarasi-Diskussion im Philosophischen Institut im Gange. Immerhin verfügt Genosse Fogarasi hier, anders als in Polen, über eine recht ansehnliche Fraktion, die auf ihn schwört. Aber sie besteht leider nicht aus den erfreulichsten und auch nicht aus den sachverständigsten Leuten.« Harich, Wolfgang: Brief an Gertrud Lukács vom 01. Juli 1955, 1 Blatt, maschinenschriftlich. Man diskutierte, das »man« bestand in diesem Fall aus Harich, Bloch, Adam Schaff und anderen, man diskutierte also entweder über Tito und das jugoslawische Problem (bzw. Vorbild, je nachdem) oder über Fragen der Logik. Die Philosophie hat schon schlechtere Tage gesehen. Vgl. hierzu: Heyer: Tertium non datur: Georg Lukács oder Nicolai Hartmann? Wolfgang Harich und die formale Logik, in: Rauh, Hans-Christoph u. a.: Anfang und Ende der ostdeutschen Philosophie, Berlin, 2017, S. 32–46. 2075Politik, Gesellschaft, Universität Ihren Abschluss fand die Reise am Sonntag, dem 5. Juli, in Warszawa. Wieder ein von Erlebnissen randvoll erfüllter Tag: Ein Chopinkonzert in Zelazowa-Wola, dem Geburtsort des weltberühmten polnischen Komponisten, ein Bankett, das noch einmal die Teilnehmer der wissenschaftlichen Konferenz zu geselligem Beisammensein vereinte, ein abendlicher Spaziergang durch die Warszawer Altstadt und endlich das Geleit zum Bahnhof und die große Herzlichkeit des Abschieds. Zwei Dinge waren es, die die deutsche Delegation vor allem tief beeindruckten: Eine Gastfreundschaft, die, in ihrer Großzügigkeit wohl einzigartig, wirklich von Herzen kam und die Solidarität der beiden für Frieden, Demokratie und Sozialismus kämpfenden Völker in rührenden Beweisen der Sympathie und des Vertrauens zur Geltung brachte. Und zweitens: Der hinreißende Schwung und das traditionsreiche Ethos des Aufbaus der polnischen Städte, die mit ihren Palästen und Kirchen, ihren breiten Avenuen und winkligen Gassen, ihren von schmalen Bürgerhäusern entstandenen Märkten, allenthalben so widerstehen, wie sie am Anfang des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren, bevor die Verschandelung durch kapitalistische Stillosigkeit einsetzte. Mit einem Volk zusammen zu gehen und in Freundschaft zu leben, das nach den unermesslichen Leiden und Opfern der Kriegsjahre, nach der tödlichen Bedrohung seiner Existenz durch den Hitlerfaschismus eine solche Kulturtat, ein solches Werk des Friedens vollbringt, muss für jeden deutschen Patrioten eine Sache der nationalen Ehre sein. Den Vorsatz, zur Verbreitung dieser Einsicht in Deutschland nach Kräften beizutragen, brachten die Mitglieder der Philosophen-Delegation aus der Deutschen Demokratischen Republik beim Abschied übereinstimmend zum Ausdruck. Demokratischer Patriotismus. Vortrag für die Warschauer Konferenz614 (Mai 1955) Liebe Genossen! Liebe Freunde! Meine Aufgabe ist es, die Frage des demokratischen Patriotismus in Deutschland im Zusammenhang mit den geschichtlichen Entscheidungen, die gegenwärtig für unser 614 (AH) Wie gerade geschildert war Harich Teilnehmer der deutschen Philosophen-Delegation in Polen. In diesem Rahmen hielt er den folgenden Vortrag. Der Titel stammt vom Herausgeber. Das Manuskript umfasst 13 Seiten, maschinenschriftlichen, mit zahlreichen Korrekturen per Hand und Schreibmaschine. 2076 Teil XVII Volk heranreifen, zu erörtern und sie insbesondere auf die sozialistische Umgestaltung zu beziehen, die in einem Teil unseres Landes vor sich geht. Gestatten Sie, dass ich dabei mit einer bestimmten Schwierigkeit beginne, die gerade dieses Thema heute und hier zu belasten scheint. Ich meine die Schwierigkeit, als Deutscher in Warschau über deutschen Patriotismus zu sprechen. Freundlicher Einladung folgend, sind wir in eine Stadt gekommen, die vor zehn Jahren noch radikal zerstört war, in ein Land, das aus Millionen Wunden blutete. Und wir sind uns dessen wohl bewusst, von wo dieses Vernichtungswerk ausging, wer diese Wunden geschlagen hatte. Und wir wissen auch, dass über hundert Jahre, bevor dies geschah, einer unserer großen Dichter, Heinrich Heine, schon einmal anklagend ausrufen musste: »Die Polen! Das Blut zittert mir in den Adern, wenn ich das Wort niederschreibe, wenn ich da ran denke, wie Preußen gegen diese edelsten Kinder des Unglücks gehandelt hat, wie feige, wie gemein, wie meuchlerisch.«615 Und nun, nach alledem, sollen wir in Warschau als Fürsprecher unseres Patriotismus auftreten. Man ist versucht zu meinen, dass das ein sehr heikles Unterfangen sei. Muss es uns nicht als Vermessenheit ausgelegt werden, wenn wir – Gäste eines Landes, einer Stadt, denen von deutschen Menschen und im Namen Deutschlands Zerstörung und Leid von unvorstellbarem Ausmaß zugefügt wurden – gleichwohl nicht zögern, unser Nationalbewusstsein hier und jetzt als einen positiven Wert herauszustreichen? Leicht, so will uns dünken, könnte das Wort »Vaterland«, in deutscher Zunge mit Wärme und Leidenschaft ausgesprochen, an diesem Ort als freche Herausforderung empfunden werden. »O heilig Herz der Völker, o Vaterland (…)«616, so hat einst unser unglücklicher Friedrich Hölderlin gedichtet, und wir müssen gestehen, dass diese Verse uns unsagbar nahe gehen. Aber wäre es möglich, dass Ihr, polnische Freunde, durch solche Verse, also Verse deutscher Dichtung, Euch nicht verletzt fühltet? Das sind Überlegungen, die unserer Begegnung auf dem Boden dieser Märtyrer- und Heldenstadt wohl angemessen scheinen; Überlegungen auch, die ganz nach jener Umkehr und Selbstbescheidung klingen, welche uns Deutschen so heilsam nottun. 615 (AH) Harich bezog sich auf: Heine, Heinrich: Französische Zustände, I: Das Bürgerkönigtum im Jahr 1832, in: Ders.: Sämtliche Werke. Neue Ausgabe in 12 Bänden, Hamburg, 1887, Bd. 9, S. 10. Harich war ein sehr guter Kenner des Schaffens von Heine, was sich in seiner Heine-Edition ebenso widerspiegelt wie in verschiedenen Aufsätzen (siehe Band 5). 616 (AH) So ja die bekannte erste Zeile von Hölderlins Gesang des Deutschen. 2077Politik, Gesellschaft, Universität Und doch führen diese Überlegungen, so weitergedacht, auf einen falschen Schluss hinaus. Und zwar darum, weil in ihnen bereits eine stillschweigende Pervertierung dessen, was Patriotismus überhaupt bedeuten kann, mitgedacht und anerkannt wird, nur eben mit negativen Vorzeichen der Bewertung. In der Tat: Wenn die Hybris nationalistischer Selbstüberhebung und Anmaßung, die so tödliche Gefahren – für das eigene Volk nicht minder als für fremde Nationen – in sich birgt, eine Entartung des Nationalbewusstseins ist, so kann diese Entartung dadurch, dass sie mit dem Patriotismus schlechthin identifiziert wird, eigentlich nur eine ihr erwünschte Bekräftigung finden, nicht aber von Grund auf verneint werden. Und eben dieser falschen Identifizierung hieße es das Wort reden, zöge man aus den blutigen Erfahrungen, welche die Völker der Welt, vorab das polnische Volk, die aber auch wir selbst mit dem deutschen Chauvinismus machen mussten, nun die Schlussfolgerung, dass fortan unser Nationalgefühl zu schweigen habe. Anders gesagt: Man lieferte dieses Gefühl, indem man es negierte, samt den Bindungen, die in ihm sich abspiegeln und ihrer selbst bewusst werden, den Mächten aus, die es noch jedesmal missbraucht haben und drauf und dran sind, es aufs Neue zu missbrauchen. Gerade dieser Missbrauch – das muss durchaus begriffen werden – ist am Zustandekommen jener Teutomanie, die schließlich den Zwingherren von der Krakauer Burg, den Mördern von Auschwitz, den Zerstörern Warschaus das gute Gewissen gab, eminent beteiligt gewesen, und nationaler Nihilismus hat diesem Missbrauch jederzeit in die Hände gespielt. Die Frage ist nicht, wie das Vaterlandsgefühl der Deutschen zu überwinden, sondern wie es mit menschenfreundlichem Inhalt zu erfüllen, der Sache des Fortschritts dienbar zu machen und mit dem Gedanken der Solidarität der Völker in eins zu setzen sei. Wenn wir den Ursachen nachgehen, die zu den Weltverbrechen des Hitlerfaschismus geführt haben und die bis zu den Wurzeln auszurotten nach wie vor unsere dringlichste Aufgabe ist, so sehen wir, dass es mit der Anamnese unseres Nationalgefühls in Bezug auf die letzten einhundertfünfzig Jahre nicht zum Besten bestellt ist. Wir sehen, dass die Annektierung ursprünglich echter nationaler Belange durch die Reaktion, die reaktionäre Erfüllung nationaler Ansprüche, eine scheinbare Erfüllung, die dann dann zwangsläufig zum Unheil der Nation ausschlägt, eine der verhängnisreichsten Komponenten unserer neueren Geschichte ist. 2078 Teil XVII Das war nicht immer so. Vom Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts bildeten Nationalinteresse und Fortschrittsanliegen in schwerlich misszuverstehender Weise auch in Deutschland eine Einheit. Die Kleinstaatenfürsten waren in Personalunion Hauptfeinde der bürgerlich-demokratischen Entwicklung und des nationalen Zusammenschlusses. In der Ära Napoleons setzte dann jedoch eine Komplizierung ein: Die erste nationale Befreiungsbewegung unseres Volkes wider fremde Tyrannei war nach dem Wort von Marx, Regeneration, mit Reaktion gepaart. Von vornherein durchsetzt mit dem Konservatismus einer hinterwäldlerischen Romantik, mit ekelhafter Deutschtümelei, mit exzessivem Fremdenhass, der sich am brutalsten wohl in der Hermannsschlacht des Heinrich von Kleist Luft machte, schlug diese Bewegung in Aktion zur Rettung der angestammten Herren um und bereitete, folgerichtig, der Einrichtung der Heiligen Allianz den Weg. Und was die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts anbetrifft, so sehen wir, dass die Einigung Deutschlands sich nach der Niederlage der Revolution von 1848 unter der Hegemonie der preußischen junkerlichen Militärkaste vollzog, welche dem neuen deutschen Reich von der Stunde seiner Entstehung an bis zum schmählichen Ende – sein Gepräge gab. Und auf dieser Linie liegt auch eine solche Tatsache wie die, dass in den Jahren der Weimarer Re pu blik die Hitlerleute es verstanden, den Kampf gegen den Versailler Vertrag in ihre Regie zu nehmen und im Dienst der Monopole für einen alles Maß überschreitenden durch und durch aggressiven, mordsüchtigen Chauvinismus auszubeuten; den Kampf gegen Versailles, der dennoch in seinen Ursprüngen einmal tief berechtigt gewesen war und mit den Forderungen der friedliebenden und fortschrittlichen Kräfte unseres Volkes in Einklang gestanden hatte, was durch die bekannten Äußerungen Lenins zu dieser Frage hinlänglich erhärtet ist. Ohne auf historische Einzelheiten einzugehen, muss ich das hier andeuten, um zu zeigen: Es sind diese Dinge, die unser Volk in der Vergangenheit an entscheidenden Wendepunkten seines Schicksals für die Einflüsterungen seiner Feinde im eigenen Land so besonders anfällig gemacht, die es wieder und wieder zum Werkzeug und Opfer seiner Verderber haben werden lassen. Und die Kehrseite der Sache – das ist nun die wichtigste Erfahrung, die es hier herauszustellen gilt – ist die, dass die progressiven, demokratischen Kräfte, denen wohl angestanden hätte, mit wahrhaft Fichteschem Pathos als einzig legitime Repräsentanten des Patriotismus aufzutreten, sich nur zu oft 2079Politik, Gesellschaft, Universität von der Reaktion, die sie hassten, einen vaterlandsfremden Standpunkt zudiktieren ließen.617 So hat – um nur einiges zu nennen – Wilhelm Liebknecht die Bismarcksche Lösung der Einigungsfrage vom Standpunkt eines bornierten süddeutschen Kantönli-Demokratismus aus abgelehnt, so war die revolutionäre Linke der deutschen Arbeiterbewegung, der Spartakusbund und in ihren Anfängen selbst noch die Kommunistische Partei in der nationalen Frage auf die falschen Auffassungen Rosa Luxemburgs eingeschworen, und gar die linksliberal und demokratisch eingestellte Intelligenz der Weimarer Zeit, wie sie sich etwa um die Weltbühne Carl von Ossietzkys gruppierte, gefiel sich in kosmopolitischer Attitüde.618 Wir sehen: Die Adoption des deutschen Nationalgefühls durch die herrschende Klasse und seine damit unlösbar verbundene chauvinistische Pervertierung gingen stets 617 (AH) Diesen Vorwurf machte Harich der »Linken« immer wieder. Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre versuchte er unter diesem Paradigma die Aufarbeitung der jüngeren deutschen Geschichte. Dabei warf er Sozialdemokraten und Kommunisten gleichermaßen vor, Probleme mit einem Bekenntnis zur Nation und zur nationalen Identität zu haben. (Siehe u. a. die Artikel in der Neuen Welt, die folgenden Fußnoten.) In der Wendezeit scheiterte er dann erneut mit seinen Versuchen, die Idee der deutschen Einheit als programmatische Forderung der alternativen und links-alternativen Gruppierungen und Bewegungen zu etablieren, exemplarisch nachzulesen in seinem Entwurf eines Parteiprogramms für die Grüne Partei der DDR. Siehe: Harich: Nochmals: Die Grünen der DDR zur deutschen Frage. Entwurf vom 26. Dezember 1989, in: Ders.: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Zur nationalkommunistischen Opposition 1956 in der DDR, Berlin, 1993, S. 161–168. Bärbel Bohley und den DDR-Oppositionellen hielt er vor, dass diese immer nur an eine »bessere« DDR gedacht hätten und dabei sich nie zu einer gesamtdeutschen Per spek ti ve durchringen konnten: »Die Bürgerbewegung, Bärbel Bohley, sprachen von der ›idiotischen Grenzöffnung‹. Sie nahmen ihm (Egon Krenz) das übel, nehmen ihm das heute noch übel. Sie träumten von einem Perestroika-Idyll, das sie errichten wollten im Schutz der Mauer.« Harich: Lebenselixier Solidarität. Kritische Anmerkungen zur Rolle der PDS. Ein Redetext aus dem Jahr 1993, in: Junge Welt, Nr. 59 vom 11. März 2010, S. 3. 618 (AH) Diese Kritik an Liebknecht und Luxemburg, an der frühen Kommunistischen Partei und dem Spartakusbund äußerte Harich auch in seinen Artikeln in der Neuen Welt. Dort finden sich weitere Beispiele, ausführliche Erörterung und verschiedene Kontexte der Illustrierung, die das hier Gesagte weiter vertiefen. Harich: Die »deutsche« Republik, in: Neue Welt, Heft 20, 1948, S. 39–45. Harich: Die deutsche Arbeiterklasse in der Novemberrevolution, in: Neue Welt, Heft 21, 1948, S. 66–79. Harich: Arbeiterklasse und Intelligenz, in: Neue Welt, Heft 7, 1949, S. 57–70. Siehe auch: Harich: Union der Festen Hand. Einsicht und Konsequenz, in: Aufbau, Heft 8, 1946, S. 808–827. (Neuabdr. in Band 6.2.) 2080 Teil XVII Hand in Hand mit einer Selbstisolierung der demokratischen Linken von dem, was im Herzen des Volkes, freilich unklar und wenig durchdacht, als Heimatseligkeit und vaterländisches Traditionsbewusstsein lebte. Und um noch das größte und vielleicht tragischste Beispiel hierfür, das am Anfang dieser Fehlentwicklung steht, zu erwähnen: Der Dichter, dessen ganzes Werk uns Heimat bedeutet, wie keine Landschaft es je zu bedeuten vermag, Goethe, stand den Befreiungskriegen gegen Napoleon, die trotz allem der vehementeste Aufschwung der Nation zu seinen Lebzeiten waren, dermaßen fremd und kalt gegenüber, dass er sich anstand, zur Feier des Sieges der Verbündeten, provozierend mit dem Orden der Ehrenlegion angetan, den Napoleon ihm verliehen hatte, zu erscheinen.619 Man muss sich die Vorgeschichte unseres Problems vor Augen halten, um den tiefen Sinn zu verstehen, der da rin liegt, dass die Partei der Arbeiterklasse, die heute den ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden führt und gestaltet, mit Energie alle Tendenzen des nationalen Nihilismus bekämpft. Unsere Partei setzt damit die Lehren, die sich eindeutig aus den Triumphen der chauvinistischen Reaktion in der Vergangenheit und den ihnen korrespondierenden Schwächen, Unzulänglichkeiten und Niederlagen der deutschen Demokratie ergeben, in die Praxis um, fest gewillt, solche Triumphe und solche Schwächen nie wieder zuzulassen. Diese Konsequenzen aber zieht die Partei nun nicht im luftleeren Raum, nicht in der behüteten Sonntagsschule einer abstrakten Umerziehung, das Gesicht der Vergangenheit zugewandt, sondern an der Front des aktuellen politischen Kampfes, unter sehr bestimmten neuen Bedingungen der Weltlage und der Lage in Deutschland selbst. Diese Weltlage ist dadurch gekennzeichnet, dass die imperialistischen Militärallianzen gegen das Lager des Friedens gegenwärtig im Zeichen heuchlerischer Verbrüderungsphrasen agieren, die mit Hilfe einer kosmopolitischen Ideologie zurechtgezimmert 619 (AH) Ende der vierziger Jahre hatte Harich Goethe noch gegen »linke« Kritik in Schutz genommen. Ein Ansatz, der vor allem der Erbepflege der SBZ/DDR geschuldet war. Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauungen, in: Verlag Tägliche Rundschau (Hrsg.): Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, Berlin, o. J. (1949), S. 179–232. (Neuabdr. in Band 6.1, S. 739–794.) Diese Passage ist nun ein wichtiger Indikator dafür, dass der Wandel seines Goethe-Bildes, der sich am deutlichsten in der Monographie über Jean Paul äußert, nicht erst in den Jahren während und nach seiner Haft sich abspielte, sondern bereits in den fünfziger Jahren. Und auch eine zentrale Motivationsquelle von Harichs Goethe-Kritik tritt hervor: Das Bekenntnis Harichs zur deutschen Einheit. Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974, z. Bsp. S. 317–326. Goethe ist in der Publikation aber durchgängig präsent. 2081Politik, Gesellschaft, Universität werden, welche die nationale Souveränität als angeblich überlebtes Relikt des 19. Jahrhunderts über Bord wirft. Und in der deutschen Situation von heute konzentriert sich diese verbrecherische Politik, findet sie ihren sinnfälligsten Ausdruck: Von der Gründung der Bizone über die Zerstörung der Währungseinheit unseres Landes, die Sprengung des alliierten Kontrollrats, die separate Gründung des Bonner Staates usw. bis zur Einbeziehung Westdeutschlands in den Atlantikpakt, bis zu seiner separaten Wiederaufrüstung unter der Führung der Hitlergeneralität sind all die Maßnahmen, die den gegenwärtigen Zustand heraufbeschworen haben, unmittelbar gegen das Nationalinteresse Deutschlands gerichtet und von einer Kette schlecht verschleierter Hochverratsakte der deutschen Großbourgeoisie begleitet gewesen. Unter diesen Umständen, das ist völlig klar, kann die Partei der Arbeiterklasse sich nur an die Spitze der Volksmassen stellen und den Sieg in ganz Deutschland nur dann erringen, wenn sie im Volksbewusstsein für ihre nationale Befreiungsmission kämpft und die nationale Frage als das Kernproblem, das Hauptkettenglied ihres Kampfes erkennt. Es ist aber auch ebenso klar, welche bedeutenden Sieges-Chancen für die deutsche Demokratie unter diesen Umständen heranreifen. Denn was bedeutet die Gründung einer reaktionären Armee, der von Anfang an das Schandmal des nationalen Verrats an der Stirn geschrieben steht, da man ihr zuliebe krampfhaft die Zerreißung von Land und Volk aufrechterhielt und noch vertiefte? Was bedeutet es, dass mit ganz unqualifiziertem Stimmenanteil eine Aufrüstung durchgepeitscht wird, der die Mehrheit der Bevölkerung von vornherein ablehnend gegenübersteht? Was bedeutet eine sogenannte Souveränitätserklärung, die in Wahrheit zwei Drittel der Nation620 in die Fesseln eines Besatzungsregimes schlägt und eben damit ihre Souveränitätsrechte auslöscht? Derlei Ungeheuerlichkeiten können, so wahr es Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung gibt, keinen Bestand haben im Leben eines Volkes, in dessen Geschichte die nationale Frage das Zentralproblem seiner bürgerlich-demokratischen Revolution gewesen ist. Aber freilich kommt alles da rauf an, dass von Anfang bis zum Ende wir Kommunisten es sind, die das von der Bourgeoisie in Schmutz getretene nationale Banner aufheben und unserem Volk vorantragen – im Frieden und erst recht, wenn es sein muss, in bewaffneter Verhinderung des Bruderkriegs, den man seit langem im Westen gegen uns vorbereitet und in dem man die Zerreißung Deutschlands durch 620 (AH) Offensichtlich in den neunziger Jahren ergänze Harich hier: »(…) für ein halbes Jahrhundert (…)«. 2082 Teil XVII seine Selbstzerfleischung vollenden will. Die Abwehr dieser Gefahr ist der geschichtliche Sinn der Erweckung eines neuen Patriotismus in Deutschland durch das Wort und die Tat unserer Partei. Es ist ein Patriotismus echt demokratischen Inhalts, der sich da herausbildet, integrierender Bestandteil des werdenden, wachsenden sozialistischen Bewusstseins der Massen, das in der Deutschen Demokratischen Republik, der Bastion des nationalen Kampfes, seine Grundlage hat. Und es sind die besten Traditionen, die er aufnimmt und fortführt. Denken wir da ran, dass im Kampf der Aufklärer gegen den Kleinstaatenabsolutismus des 18. Jahrhunderts sich einst ein deutsches Nationalbewusstsein herausbildete, das bei Lessing und Herder ganz auf die Humanitätsideen des aufstrebenden Bürgertums verpflichtet und das mit denselben Ideen erfüllt war, die die Französischen Revolution vorbereiteten. Oder erinnern wir uns, um das Höchste zu nennen, der Tatsache, dass die einige, unteilbare deutsche Republik in den Revolutionskämpfen von 1848 nirgends radikaler gefordert wurde als in der Neuen Rheinischen Zeitung von Marx und Engels.621 Das sind die Überlieferungen, an die wir anknüpfen, zu denen wir uns stolz bekennen und die fortzusetzen wir bestrebt sind. Und auch was die jüngste Vergangenheit angeht, muss eines gesagt werden: Wenn es wahr ist, dass vor Hitlers Usurpation der Macht die deutsche demokratische Linke über keine hinreichende Selbstbewusstheit der nationalen Bedeutung ihres Kampfes verfügte, so ist ebenso war, dass hierin nach 1933 ein Umschwung einsetzte, der in Deutschland selbst freilich nicht mehr zum Zuge kam, der aber z. B. die deutsche antifaschistische Literatur dieser Epoche, wie sie sich im Exil entwickelte, zu einer bewundernswerten Höhe des nationalen Selbstverständnisses emporriß. Diese Wandlung war vorbereitet durch die Aneignung des Leninismus, den das Zentralkomitee Ernst Thälmanns gerade auch in Bezug auf die nationale Frage in der KPD der Weimarer Zeit durchgesetzt hatte; sie wurde unmittelbar ausgelöst durch den Übergang zur Volksfrontpolitik nach dem VII. Weltkongress, der die breitesten antifaschistischen Kräfte mittelbar und unmittelbar an den Kampf der Partei heranführte; sie bewährte sich zuerst im spanischen Bürgerkrieg. 621 (AH) Siehe die entsprechenden Hinweise etc. bei: Harich: Ursprung des Kommunismus (Abdr. in Band 1.1, S. 289–406). Außerdem: Lukács, Georg (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, 1840–1844, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 2, 1954, S. 288–343. (Der Aufsatz wurde von Harich überarbeitet und deutlich erweitert bzw. ergänzt. Neuabdr. des von Harich stammenden Kapitels Die Deutsch-Französischen Jahrbücher in: Band 5, S. 414–428.) 2083Politik, Gesellschaft, Universität Es mag den deutschen antifaschistischen Schriftstellen bewusst sein oder nicht, Tatsache ist, dass sie es im Grunde diesen Dingen zu danken haben und dass sie der Gestaltung eben dieser neuen Tendenzen die Kraft ihrer Sprache liehen, wenn sie nun vom Exil aus den Chauvinismus des Abschaums, der in der Heimat herrschte, nicht ein verblasen-abstraktes, intellektualistisches Nein, sondern eine nationale Dichtung gro- ßen Stils und positiven Gehalts entgegensetzten, von der Kampflyrik Erich Weinerts, die zu dieser Zeit den klingenden Vers Herweghs und Freiligraths noch einmal prächtig aufblühen ließ, bis zum Goethe-Roman Thomas Manns. Ich wage zu behaupten, dass seit dem Ausgang der Klassik, also seit über hundert Jahren, unser Vaterland von seinen Dichtern niemals so hinreißend wahr und ausdrucksmächtig gestaltet, beschworen, angeklagt und zugleich verherrlicht worden ist wie in der antifaschistischen Literatur dieser Zeit. Das Heinesche: »Denk ich an Deutschland in der Nacht, so bin ich um den Schlaf gebracht«, hier findet es sich in vielstimmiger Abwandlung wieder. So mit der Sprache tiefer Scham, bei Brecht:622 »O Deutschland, bleiche Mutter! Wie sitzest du besudelt Unter den Völker. Unter den Befleckten Fällst du auf.« So mit der Stimme beschwörender Sehnsucht, bei Becher:623 »Heimat, meine Trauer, Land im Dämmerschein – Himmel, du mein blauer, Du, mein Fröhlichsein. Einmal wird es heißen: Als ich war verbannt, Hab ich, dich zu preisen, Dir ein Lied gesandt. 622 (AH) Brechts Gedicht Deutschland ist auch heute noch bekannt, Harich zitierte die zweite Strophe. 623 (AH) Johannes R. Bechers Gedicht ist unter dem Titel Heimat, meine Trauer ebenso bekannt wie unter Deutschland, meine Trauer. Es wurde von Hanns Eisler vertont. 2084 Teil XVII War, um dich zu einen, Dir ein Lied geweiht, Und mit dir zu weinen, In der Dunkelheit. Himmel schien, ein blauer, Friede kehrte ein – Deutschland, meine Trauer, Du, mein Fröhlichsein.« Oder, gleichfalls von Becher:624 »Nein, ich kann dir, Deutschland nicht entrinnen, Jeden Tag muss ich mit dir beginnen, Würd ich mir die Ohren auch verstopfen, Hört ich Nachts doch deinen Herzschlag klopfen.« Und diese vaterländische Dichtung, sie kann nicht nur anklagen, lobpreisen, vor Sehnsucht aufschreien oder ganz elegisch sein; sie kann nach 1945, nach der Befreiung, auch keck und übermütig den Chauvinisten ihr scheinbar Ureigenstes, das sie gleichsam gepachtet zu haben meinen, entreißen und mit gänzlich neuem Sinn erfüllen. So Brecht in seiner Kinderhymne, die genau den Tonfall des Deutschlandliedes kopiert, in der es nun aber nicht mehr »Deutschland, Deutschland über alles« heißt, sondern:625 »Anmut sparet nicht noch Mühe Leidenschaft nicht noch Verstand Dass ein gutes Deutschland blühe Wie ein andres gutes Land 624 (AH) Die zweite Strophe des Gedichts Deutschland. 625 (AH) Harich hat die Erinnerung an Brechts Kinderhymne von 1949 immer bewahrt. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Alternativen Enquête-Kommission Deutsche Zeitgeschichte sorgte Harich dann bei einer Veranstaltung am 29. Mai 1994 für die Aufführung der Hymne. Gleichzeitig hielt er auch die Erinnerung da ran aufrecht, dass Brecht die ursprüngliche Vertonung Hanns Eislers ersetzen lassen wollte. Durch Harichs Engagement geriet Brechts Dichtung für eine kurze Zeit wieder zurück in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Beispielsweise zitierte Stefan Heym die Kinderhymne in seiner Rede zur Eröffnung des 13. Bundestages im November 1994. 2085Politik, Gesellschaft, Universität Dass die Völker nicht erbleichen Wie vor einer Räuberin Sondern ihre Hände reichen Uns wie andern Völkern hin. Und nicht über und nicht unter Andern Völkern wolln wir sein Von der See bis zu den Alpen Von der Oder bis zum Rhein. Und weil wir dies Land verbessern Lieben und beschirmen wir’s Und das liebste mag’s uns scheinen So wie andern Völkern ihrs.« Ich würde die Aufgabe meines Vortrages gewiss verfehlen, wenn ich hier jetzt mit dieser Rezitation fortführe. Aber mir scheint, dass diese wenigen andeutenden Beispiele in dem hier zu erörternden Zusammenhang doch unentbehrlich sind. Die Literatur eines Volkes ist der untrüglichste Spiegel seiner geschichtlichen Entwicklung, und das große Thema, das uns aufgegeben ist – die Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins in der Deutschen Demokratischen Republik und mit ihm das Werden eines neuen, demokratischen Patriotismus, der ein unlösbarer Bestandteil dieses Bewusstseins ist –, kann man unmöglich sachgerecht behandeln, ohne wenigstens einen Blick in diesen Spiegel geworfen zu haben. Was lehrt uns dieser Blick? Ich glaube dreierlei: Erstens, wenn man bedenkt, wie völlig losgelöst und abgerissen vom Nationalen revolutionär gesinnte Dichter wie Becher und Brecht in ihrer frühen, formalistischen Schaff ensperiode gewesen sind, dann begreift man durch solche Gedichte wie die eben zitierten die ungeheure Wandlung, die sich im Bewusstsein der besten Vertreter des demokratischen Deutschlands unter dem Einfluss der Ergebnisse der Oktoberrevolution, des weltweiten Kampfes der Volksfront gegen den Hitlerfaschismus und nicht zuletzt in Folge der leninistischen Klärung der Fragen von Nation und Nationalbewusstsein in der Partei und durch die Partei der Arbeiterklasse, in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat. Zweitens erkennt man, dass das neue Nationalbewusstsein, das heute in der Deutschen Demokratischen Republik wächst, wie entscheidend es auch den Sieg der Antihitler- 2086 Teil XVII koalition im Zweiten Weltkrieg, vorab den Sieg und die Hilfe der Sow jet uni on zur Bedingung haben mag, gleichwohl im deutschen Geistes- und Sprachraum selbst mit vorbereitet und gestaltet worden ist, eben von den deutschen Dichtern des Exils, die die Verbindung mit ihrem Volk nur um so fester knüpften und sich dieser Verbindung um so bewusster worden, je ferner sie der Heimat leiden mussten. Und drittens: In dieser Dichtung sind alle wesentlichen Motive und Inhalte dieses neuen deutschen Patriotismus in völlig klarer Formulierung vorweggenommen. Zunächst das eine: Dieser Patriotismus hat mit einer selbstherrlichen, wahllosen Glorifizierung des Deutschen in jeder Gestalt nichts gemein. Im Gegenteil: Die Liebe zum Vaterland bezeugt sich am tiefsten, erschütterndsten und am befreiendsten gerade da rin, dass unmittelbare Verantwortung für die Schändlichkeiten, die in Deutschlands Namen geschehen sind und ihn beflecken, empfunden und das Schändliche leidenschaftlich angeprangert wird. Die nationale Selbstkritik, ja, unter Umständen auch die Nationalscham sind legitime Formen, in denen der demokratische Patriotismus sich ausspricht. Das hat schon der junge Marx erkannt, der in einem Brief an Ruge 1843, angesichts der Schandtaten des vormärzlichen Regimes in Deutschland, seine Nationalscham bekennt und dann sagt, die Scham sei der Anfang der Revolution, ein Volk, das sich schäme, gleiche dem Löwen, der sich zum Sprung in sich zurückzieht.626 In diesem Sinn können, ja, müssen wir 626 (AH) In dem Aufsatz Die Lehre von Marx und die philosophische Bildung der deutschen Intelligenz hatte Harich 1953 geschrieben: »Wenn wir uns dessen bewusst sind (der Bedeutung der Marxschen Lehre, AH), so werden wir mit all unseren Kräften danach streben, uns in Wort und Tat, Gedanke und Handeln dieses Vermächtnisses, das ein humanistisches ist, würdig zu erweisen. Dazu gehört, dass wir die Verfälschungen des deutschen philosophischen Erbes, die reaktionär-nationalistischen wie die sektiererisch-antinationalen, rücksichtslos zu widerlegen und zu entlarven und der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen haben. Wie in jeder anderen Hinsicht, so sei Marx auch als Patriot das Vorbild. Er sei es deswegen, weil er auch in diesem Punkt, wie allenthalben, ein Maximum an Illusionslosigkeit mit einem Maximum an Optimismus vereinigte. Marx sprach im Frühjahr 1843 in einem Brief an Ruge aus, dass er über die deutschen Zustände ›Nationalscham‹ empfinde, fügte aber hinzu: ›Die Scham ist schon eine Revolution (…), und wenn eine ganze Nation sich wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zurückzieht.‹ (MEGA I 1/1, S. 557, WH.) Als da raufhin Ruge die Unfähigkeit der Deutschen zur Revolution beklagte, erwiderte Marx: ›Ihr Brief, mein teurer Freund, ist eine gute Elegie, ein atemversetzender Grabgesang; aber politisch ist er ganz und gar nicht. Kein Volk verzweifelt, und sollt’ es auch lange Zeit nur aus Dummheit hoffen, so 2087Politik, Gesellschaft, Universität sagen: Es ist kein echter demokratischer Patriotismus bei einem Deutschen denkbar, der nicht eben diese Nationalscham empfunden hätte, die Scham über den deutschen Faschismus, über den Hitlerkrieg, über die Machenschaften der Bonner Revanchisten. Natürlich muss in diesem Zusammenhang auch die Forderung, dass das nationale Traditionsbewusstsein zu bereinigen sei, wenigstens angedeutet werden. Demokratischer Patriotismus verlangt eine grundlegende Revision vor allem des Geschichtsbildes, aus dem alle chauvinistischen Legenden der reaktionären Historiographie restlos ausgemerzt werden müssen. Aber das kann keineswegs heißen, dass es angängig sei, die Geschichte unseres Volkes nun in lauter schwarzen Farben zu malen. Unsere Partei kämpft entschieden gegen die sektiererische Tendenz an, die deutsche Geschichte zu einer einzigen, unterschiedslosen Misere zu erklären. Und sie tut das in der Erkenntnis, dass ein Volk, dem man jeden Stolz auf seine nationale Geschichte nimmt, sich auch nicht gerade als Löwe im Marxschen Sinn fühlen kann, sondern eher als getretener Hund. Die Geschichtsfälschung der reaktionären Historiker erschöpft sich ja nicht in der Erfindung chauvinistischer Legenden, sondern sie ist mindestens ebenso bestrebt, die demokratischen Bewegungen der Vergangenheit zu verkleinern, sie zu verdunkeln, nach Möglichkeit gänzlich zu unterschlagen. Diese Bewegungen und Kämpfe nun gilt es in ihrer ganzen Breite, Mannigfaltigkeit, Kompliziertheit und tragischen Größe unter dem Wust der Verfälschungen und aus dem Dunkel der Vergessenheit hervorzuheben und ins hellste Licht zu stellen.627 Denn demokratischer Patriotismus ist nicht möglich ohne das Bewusstsein, in den Kämpfen der Gegenwart ein aus der Vergangenheit der Nation übernommenes, noch unabgegoltenes, verpflichtendes Vermächtnis erfüllen zu müssen. Auch hier hat die deutsche antifaschistische Literatur des Exils durch eine in ihren besten Schöpfung hinreißende Gestaltung und Lobpreisung der großen fortschrittlichen Bewegungen, Volksführer, Dichter und Denker der Vergangenheit, hat namentlich Thomas Mann mit seinem Goethe-Roman Lotte in Weimar, den Weg gewiesen, auf dem, das muss gesagt werden, unsere Geschichtsschreibung bisher leider nur mühselig voranschleicht. erfüllt es sich doch nach vielen Jahren einmal aus plötzlicher Klugheit alle seine frommen Wünsche.‹ (A. a. O., S. 561, WH.)« (Band 5, S. 404.) 627 (AH) Das ist genau Harichs Positionierung zum philosophischen, literarischen, historischen und politischen Erbe, die er Zeit seines Lebens in unterschiedlichen Kontexten und Formulierung immer wieder bezogen hat. 2088 Teil XVII Und schließlich: Der neue, demokratische Patriotismus in Deutschland, steht im Einklang mit dem Bewusstsein der Solidarität mit den schaffenden, friedlichen Menschen aller Länder und schließt unbedingt die Achtung vor den Rechten, Interessen und Eigenarten anderer Nationen ein. Das klingt, in dieser Formulierung, sehr abstrakt und allgemein und trifft heute selbstverständlich für den demokratischen Patriotismus überhaupt und allenthalben zu. Aber es gibt in unserer Vergangenheit etwas, das diese Einheit von demokratischem Patriotismus und sozialistischem Internationalismus fundiert und sie organisch aus unserer Geschichte hervorwachsen lässt. Und wieder zeigt uns der Blick auf die antifaschistische Literatur des Exils, was damit gemeint ist. Das Nationalbewusstsein unserer progressiven Schriftsteller ist nicht zuletzt dadurch gereift, dass sie in der Emigration mit Völkern unmittelbar in Berührung kamen, deren Nationwerdung sich im Zeichen siegreicher demokratischer Revolutionen vollzogen hat oder die sogar, aktuell gegenwärtig, gerechte Kriege eines revolutionären sozialen Inhalts führten, welche zugleich und in einem vaterländische Befreiungskriege gegen ausländische Eroberer und Interventen waren. Das letztere gilt bereits in der Mitte der dreißiger Jahre vom spanischen Bürgerkrieg, dessen Bedeutung für die Entwicklung unserer Nationalliteratur und damit des Nationalbewusstseins unseres Volkes gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Nun, der Kampf der Völker gegen den Hitlerfaschismus im Zweiten Weltkrieg, der Kampf der Nationen von großer demokratischer Tradition, mit der sozialistischen Sow jet uni on an der Spitze, das Verschmelzen des Großen Vaterländischen Krieges der Sowjetmenschen mit der großen Befreiungstat, die diese für die Völker ganz Europas, ja, des ganzen Erdballs vollbrachten, die Befreiung auch des deutschen Volkes als Ergebnis dieses Kampfes, das war ja die größte Bewährungsprobe, auf die die Einheit von demokratischem Patriotismus und Internationalismus in der bisherigen Geschichte überhaupt je gestellt wurde und die sie siegreich bestanden hat. Diejenigen Deutschen, die als Antifaschisten an diesem Kampf teilnahmen, sind durch ihn geformt, erzogen, fortgebildet worden, haben aus ihm neue Elemente und Inhalte ihres Patriotismus empfangen, und am stärksten natürlich die, die am bewusstesten da ran teilnahmen, die Gestalter des Lebens ihres Volkes. Ich deute wieder nur zwei Beispiele an: Einerseits den Henri Quarte Heinrich Manns, die Gestaltung eines guten, humanistischen, fortschrittlichen Volksführers als Kon- 2089Politik, Gesellschaft, Universität trast bild zu dem Abschaum, der in Deutschland Führer hieß, wobei dieser Kontrast aus der französischen Geschichte bezogen wird und der Held typischer Führer einer nationalen Einigungsbewegung ist. Andererseits sei auch die Tatsache erwähnt, dass sich im Werk der Anna Seghers starke Ansätze zu einer Gestaltung der internationalen Arbeiterbewegung – von der ungarischen Räterepublik bis zur chinesischen Volksrevolution – finden. Schon rein literarisch ist dieses Sichöffnen eines weiten internationalen Horizonts für uns von außerordentlicher Bedeutung; man denke an den engen thematischen Provinzialismus, der nach Heine die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hindurch und bis in die Weimarer Zeit hinein für die deutsche Dichtung charakteristisch war. Für die Entwicklung des Nationalbewusstseins unseres Volkes aber zeigen diese Beispiele, was wir dem Sieg der Antihitlerkoalition, dem Sieg der Antifaschisten der ganzen Welt eigentlich zu danken haben: Wir haben ihnen nicht nur schlechthin die Befreiung von grausamer drückender Tyrannei, sondern damit zugleich auch die Befreiung von einer spezifischen Verstocktheit unseres Bewusstseins zu danken, das sehr weitgehend von der falschen Alternative – Deutschtümelei oder verblasener Kosmopolitismus – beherrscht war. Die machtvolle Bewährung und Kräftedemonstration, die die Einheit von Patriotismus und Internationalismus im Kampf gegen Hitler ins Bewusstsein der Menschheit hob, sie hat auch unser Volk erzogen, indem sie ihm eine unverlierbare Erfahrung zuteil werden ließ. Die deutschen Antifaschisten, die in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern, im spanischen Bürgerkrieg und in den Armeen der Vereinten Nationen an diesem Kampf teilnahmen und deren Strebungen und Ideen die deutsche Exilliteratur in große, weltbedeutende Dichtung umsetzte, sie haben sich die Erfahrung aktiv erworben, den anderen aber, die blindgläubig der Fahne Hitlers folgten, ist sie durch die größte Katastrophe unserer Geschichte buchstäblich eingebleut worden. Heute setzen die Feinde unseres Volkes, die Imperialisten, alles da ran, unserem Volk diese Erfahrung, die so kostbar ist und die es mit unsagbarer Schande und Strömen von Blut bezahlen musste, wieder zu rauben. Aber es gibt die Deutsche Demokratische Republik, die diesen Schatz wie ihren Augapfel hütet, die unser Volk zum Kampf für den Frieden mobilisiert, indem sie nicht aufhört, ihm die Erfahrungen seiner Geschichte wachzuhalten. 2090 Teil XVII Brief an die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie628 (18. November 1955) Sehr geehrter Herr Kollege! Ich bestätige Ihnen hiermit den Empfang Ihres Schreibens vom 29. Oktober 1955. Die Entscheidung des Vorstandes der »Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland«, die Sie mir da rin mitteilen, bedaure ich außerordentlich, um so mehr, als ich Ihrem Brief entnehmen muss, dass es sich dabei um eine kollektive Diskriminierung mehrerer Kollegen aus der Deutschen Demokratischen Republik handelt, die um Aufnahme in die Gesellschaft ersucht haben. Wenn ich es gleichwohl nicht in Erwägung ziehe, mich in Anbetracht dieser Tatsache definitiv beleidigt zurückzuziehen, sondern für den von Ihnen selbst als erwünscht bezeichneten Gedankenaustausch auch weiterhin jederzeit zur Verfügung stehe, so deswegen, weil mir die Sache der gesamtdeutschen Verständigung zu sehr am Herzen liegt, als dass ich es fertig brächte, mich ihrer Förderung aus irgendwelchen Gründen zu entziehen. Dies vorausgeschickt, halte ich es jedoch für erforderlich, Sie sehr freimütig auf die tiefe Fragwürdigkeit und das absolut Anfechtbare der Entscheidung, die der Vorstand der Gesellschaft getroffen hat, aufmerksam zu machen. Im Einzelnen verdienen die folgenden Punkte beachtet zu werden: 1) Die AGfPhiD ist ihrem Namen nach eine gesamtdeutsche Organisation. Im Hinblick auf die Existenz dieser Organisation ist von der Gründung einer philosophischen Gesellschaft in der DDR bisher stets abgesehen worden – unter der selbstverständlichen Vo raus set zung, dass Bürgern der DDR, die an der Philosophie interessiert sind, die Mitgliedschaft in der AGfPhiD freisteht. 2) Die Statuten der AGfPhiD geben dem Vorstand nicht das Recht, Bürger eines der beiden bestehenden deutschen Staaten, der Bundesrepublik oder der DDR, im Hinblick auf ihren Wohnort von der Mitgliedschaft einzeln oder kollektiv auszuschließen. 3) Der Präzedenzfall einer Mitgliedschaft von Bürgern der DDR in der AGfPhiD ist faktisch bereits mehrfach gegeben. Einige der betreffenden Kollegen gehören sogar dem 628 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 18. November 1955, adressiert »An die Allgemeine Gesellschaft für Philosophie in Deutschland e. V., z. Hd. des Herrn Dr. Asemissen, Göttingen« (genaue Adresse weggelassen, AH). 2091Politik, Gesellschaft, Universität engeren Kreis und, soviel ich weiß, auch dem Vorstand an. Man muss da doch wohl fragen, mit welchem Maß hier eigentlich gemessen wird? 4) Wenn einige Philosophen, die in der DDR ansässig sind, vor über einem Jahr um Aufnahme in die AGfPhiD gebeten haben, so ist das vor allem da rauf zurückzuführen, dass die Betreffenden, zu denen auch ich gehöre, zu dem Stuttgarter Philosophenkongress im September 1954 eingeladen wurden, dass ihnen auf dem Kongress vorgedruckte Aufnahmeformulare, zusammen mit den Statuten der Gesellschaft, ausgehändigt worden sind und dass sie unter anderem an einer Plenarveranstaltung teilgenommen haben, auf der Herr Prof. v. Rintelen diejenigen Teilnehmer des Kongresses, die der Gesellschaft noch nicht als Mitglieder angehörten, zum Eintritt aufforderte. Da Herr Prof. v. Rintelen wissen musste, dass sich mehrere Gäste aus der DDR unter den Kongressteilnehmern befanden – er selbst hatte diese Gäste am Vortage mit dankenswerter Herzlichkeit in seiner kurzen Eröffnungsansprache begrüßt –, und da den Betreffenden im Kongressbüro besagte Aufnahmeformulare, ohne ein diesbezügliches Ersuchen ihrerseits, ausgehändigt worden waren, nachdem sie ihren Namen, ihre Anschrift und, ich glaube, auch ihre Arbeitsstelle angegeben hatten, konnten sie nicht gut annehmen, dass hier ein Versehen passiert sei und sie eigentlich nicht gemeint wären. 5) Die Begründung, die der Vorstand für seine Entscheidung gibt, dass nämlich die Lage der philosophischen Forschung in der DDR für ihn »schwer durchschaubar« sei, hält einer ernsthaften Prüfung nicht stand und muss als unhaltbar zurückgewiesen werden. Es gibt in der DDR ein Ministerium für Volksbildung und ein Staatssekretariat für das Hochschulwesen, es gibt eine Deutsche Akademie der Wissenschaften und Philosophische Institute an unseren Universitäten, bei denen sich die nötigen Auskünfte, die hier Klarheit schaffen könnten, jederzeit einholen ließen. Im Übrigen erscheinen in der DDR die Akademie-Ausgaben von Kant und Leibniz, die Publikationen des Instituts für hellenistisch-römische Philosophie, philosophische Bücher in mehreren Verlagen (Max Niemeyer, Halle; Akademie-Verlag, Berlin; Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin; Aufbau-Verlag, Berlin; Dietz-Verlag, Berlin), mindestens drei Zeitschriften, die philosophische Beiträge enthalten (Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Sinn und Form, Zeitschrift für mathematische Logik) – um nur einiges zu nennen. Alle diese Dinge sind der deutschen und internationalen Öffentlichkeit zugänglich und legen vom Stand der philosophischen Forschung in der DDR eindeutig Zeugnis ab. 2092 Teil XVII 6) Was mich persönlich betrifft, so glaube ich, mir durch siebenjährige Vorlesungstätigkeit an der Berliner Universität, durch eine Reihe von Publikationen, da run ter ein Buch, durch die Begründung der Philosophischen Bücherei des Aufbau-Verlages und durch die Tatsache, dass ich seit nunmehr drei Jahren zusammen mit den Herren Professoren Dr. Arthur Baumgarten, Dr. Ernst Bloch und Dr. Karl Schröter die Deutsche Zeitschrift für Philosophie herausgebe, in der übrigens mehrfach Beiträge von Mitgliedern der Gesellschaft (Prof. Dr. Günther Jacoby, Prof. Dr. Paul F. Linke) erschienen sind, einen Anspruch auf Mitgliedschaft in der AGfPhiD erworben zu haben, eine Organisation, die ja nicht nur Leuten vom Fach, sondern auch interessierten Laien offensteht. Aus all diesen Gründen halte ich es für unumgänglich, gegen den Beschluss des Vorstandes, den Sie mir mitgeteilt haben, in aller Form zu protestieren und Sie zu bitten, den zuständigen Herren meine Einwände mitzuteilen. Mit dem Ausdruck vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr sehr ergebener Brief an die SED der HU629 (28. November 1955) Werte Genossen! Ich glaube Veranlassung zu haben, mich bei Euch da rü ber zu beschweren, dass ich von den Genossen des Philosophischen Instituts der Humboldt-Universität offensichtlich diskriminiert werde und dass insbesondere Genosse Klaus Schrickel gegen mich in einer Weise intrigiert, die ich mir nicht gefallen lassen kann. Die Tatsachen sind die Folgenden: Bei meinem Ausscheiden aus dem Lehrkörper der Universität im Herbst 1954 habe ich mich gegenüber der Partei und dem Staatssekretariat für Hochschulwesen im Hinblick auf den Kadermangel dazu verpflichtet, dass ich auch weiterhin, freilich auf der Grundlage begrenzter Lehraufträge, im Bedarfsfall für die Übernahme von Vorlesungen an der Universität zur Verfügung stehen würde. Als sich im Sommer 1955 Prof. Magon mit der Bitte an mich wandte, wieder die 629 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 28. November 1955, adressiert »An die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Parteileitung Humboldt-Universität Berlin«. 2093Politik, Gesellschaft, Universität wöchentlich vierstündige philosophiegeschichtliche Vorlesung für Germanisten im Studienjahr 1955/1956 zu halten, habe ich mich dazu bereit erklärt. Da ich nun wusste, dass der zu behandelnde Stoff in derselben Zeit für die Studenten eines bestimmten Studienjahres der Fachrichtung Philosophie an der Reihe sein werde – es handelt sich um die Entwicklung der klassischen deutschen Philosophie von Leibniz bis Feuerbach –, hielt ich es für richtig, den Genossen vom Philosophischen Institut anheimzustellen, ihre Studenten in meine Vorlesung zu schicken. Ich äußerte bei dieser Gelegenheit auch, dass ich es, falls sie von dieser Möglichkeit Gebrauch machen sollten, für nötig hielte, rechtzeitig in einer gemeinsamen Aussprache die Festlegung der Schwerpunkte, die Aufgliederung des Stoffs und eventuell umstrittene Fragen der Interpretation zu klären. Nachdem mir wochenlang kein Bescheid gegeben worden war, wurde mir dann zu Beginn des Herbstsemesters von Genossen Klaus und, unabhängig davon, von Genossen Heise mitgeteilt, dass das Institut es für richtiger halte, über das fällige Thema eine gesonderte Vorlesung für die Fachrichtung Philosophie anzusetzen, und dass es gelungen sei, hierfür den Genossen Erhard Albrecht (Greifswald) als Gast zu gewinnen. Die didaktischen Gründe, die die Genossen Klaus und Heise für die Vorzüge dieser Lösung geltend machten (ein kleinerer Hörerkreis, der eine intensivere Ausbildung ermögliche etc.), erschienen mir als durchaus plausibel, so dass sich vorerst keinen Grund hatte, mich durch die getroffene Entscheidung persönlich verletzt zu fühlen. Inzwischen haben sich nun jedoch Dinge ereignet, die mich nach und nach zu der Auffassung gelangen ließen, dass hier irgendwelche unsachlichen Motive im Spiel sein müssten. Ende Oktober wurde mir zunächst von Genossen Klaus telefonisch mitgeteilt, dass der Rektor aus Sparsamkeitsgründen den Lehrauftrag für Genossen Albrecht nicht bewilligt habe und dass in Folge dessen die davon betroffenen Philosophiestudenten, um überhaupt etwas über die Entwicklung der klassischen deutschen Philosophie zu erfahren, von nun an doch in meine Vorlesung geschickt werden würden. Ob ich etwas dagegen hätte? Als ich erklärte, ich hätte nichts dagegen, hielte es aber für nötig, dass zunächst einmal im Institut eine Aussprache mit mir über Sinn und Inhalt der Vorlesung stattfinde, bat mich Genosse Klaus, ich solle mich doch schleunigst deswegen mit Genossen Schrickel in Verbindung setzen. Ich habe das dann versucht, habe Genossen Schrickel jedoch zwei Tage lang nicht erreichen können, wobei ganz offensichtlich war, dass er sich im Institut nicht sprechen lassen wollte. Davon setzte ich Genossen Klaus telefonisch in Kenntnis, der nun auf einmal erklärte, es sei inzwischen eine andere Lage eingetreten, der Rektor hätte den Lehrauftrag für Genossen Albrecht, jedenfalls für das laufende Semester, doch bewilligt, ich solle mich aber für das nächste Semester da rauf 2094 Teil XVII einrichten, dass die Philosophiestudenten unter Umständen meine Vorlesung besuchen würden. Weitere zwei Tage später rief mich dann Genosse Scheler an, der mir wie de rum »offiziell, im Auftrage des Instituts« mitteilte, die Philosophiestudenten würden ab sofort an meiner Vorlesung teilnehmen. Ich machte da raufhin Genossen Scheler da rauf aufmerksam, dass mir dies bereits vier Tage zuvor von Genossen Klaus eröffnet worden sei, dass sich dann aber wieder den entgegengesetzten Bescheid erhalten hätte. Genosse Scheler war verdutzt, wollte sich erkundigen und rief mich wenig später nochmals an, um mir zu sagen, es bleibe doch bei dem Lehrauftrag für Genossen Albrecht, nur hinsichtlich des nächsten Semesters sei noch alles unklar. Es ist verständlich, dass ich nach diesem Hin und Her jedenfalls den Eindruck haben musste, dass die Genossen vom Philosophischen Institut in meiner Vorlesung nur einen fragwürdigen Notbehelf sehen. Als ich jetzt vom Gesellschaftswissenschaftlichen In stitut beim ZK der SED den Auftrag erhielt, dort in den Universitätssemesterferien Vorlesungen über Leibniz, Kant und Hegel zu halten, hielt ich es für richtig, den Genossen Kosing, der mir diesen Auftrag sehr dringlich nahelegte, von dem Vorgefallen zu unterrichten und seine Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass die Genossen im Philosophischen Institut meine wissenschaftliche Arbeit auf diesem Gebiet offenbar für minderwertig hielten. Genosse Kosing lachte da rauf, erklärte mir, dass diese Auffassungen für das Gesellschaftswissenschaftliche Institut nicht maßgebend seien und dass er, Kosing, genau da rü ber informiert sei, dass sich hier um eine Intrige von Genossen Schrickel und weiter gar nichts handle. Im einzelnen äußerte er Folgendes: 1) Die Erteilung eines Lehrauftrages an Genossen Albrecht (Greifswald) sei reiner Unsinn, es werde dadurch der Universität eine völlig überflüssige Mehrausgabe aufgebürdet, die dem Sparsamkeitsregime ins Gesicht schlage, wenn der Rektor dagegen Einwände erhebe, sei er völlig im Recht. 2) Die wenigen Gastvorlesungen, die Genosse Albrecht in diesem Semester in Berlin über die klassische deutsche Philosophie gehalten habe, seien für die Ausbildung der Philosophiestudenten in keiner Weise ausreichend und ließen auch inhaltlich sehr zu wünschen übrig. Genosse Schrickel habe sich zu ihm, Kosing, in der Weise geäußert, dass er sich da rü ber selber völlig im Klaren sei. 3) Genosse Albrecht käme nur sehr ungern und eigentlich nur gezwungenermaßen nach Berlin, er habe sich ihm, Kosing, gegenüber bitter über diese zusätzliche Belastung seiner Arbeitskraft sowie da rü ber beklagt, dass er auf Grund der Verweigerung des Lehrauftrags durch den Rektor lange Zeit nicht einmal seine Reisespesen erstattet bekommen habe. 4) Das Geheimnis dieser ganzen unsinnigen Regelung sei da rin zu 2095Politik, Gesellschaft, Universität suchen, dass Genosse Schrickel unter allen Umständen und um jeden Preis zu verhindern bestrebt sei, dass irgendein Philosophiestudent eine Vorlesung bei mir hört. Schrickel hätte sich zu ihm, Kosing, eindeutig in diesem Sinne ausgesprochen, und der Institutsdirektor, Genosse Klaus, sei wieder einmal zu schwach und nachgiebig, um Schrickels persönlich motivierten Intrigen gegen mich mit der gebührenden Energie entgegenzutreten. Nachdem mir dies von Genossen Kosing mitgeteilt worden war, habe ich nun heute Genossen Klaus angerufen und ihn gebeten, zu diesen Äußerungen des Genossen Kosing Stellung zu nehmen. Genosse Klaus bestätigte mir, dass er diese Äußerungen nur unterschreiben könne und mir anheimstelle, unter Nennung seines Namens davon Gebrauch zu machen. Es sei richtig, dass der Lehrauftrag für Genossen Albrecht eine nicht zu verantwortende Verschwendung von Etatmitteln darstelle, dass die Vorlesungen von Genossen Albrecht sich als in hohem Maße unqualifiziert erwiesen hätten und auch in quantitativer Beziehung nicht ausreichten, und es sei ebenfalls richtig, dass Genosse Albrecht sich im Grunde nur »unter Druck« dazu bereit gefunden habe, die zeitraubenden Reisen nach Berlin zu machen. Dass hinter alledem eine Intrige des Genossen Schrickel gegen mich stecke, sei zwar nicht zu beweisen, müsse aber als so gut wie sicher angesehen werden, denn jeder wisse, dass Genosse Schrickel zum Intrigieren neige und insbesondere mich nicht ausstehen könne. Er, Klaus, rate mir, mich in dieser Angelegenheit beschwerdeführend an die Partei und an ihn als Institutsdirektor zu wenden. Er werde dadurch zwar im Institut Scherereien haben, aber das sei der stillschweigenden Duldung des unhaltbaren Zustandes, zu dem das intrigante Verhalten Schrickels geführt hätte, immer noch vorzuziehen. Was mich betreffe, so sei es mir nicht zu verdenken, wenn ich mich dagegen zur Wehr setze, dass ich von Genossen, ohne dass ein sachlicher Grund dafür vorläge, in einer derart diskriminierenden Weise behandelt werde. Um nicht missverstanden zu werden, möchte ich zu alledem hinzufügen, dass ich durchaus nicht den Ehrgeiz habe, die Anzahl der Hörer meiner Vorlesung vergrößert zu sehen. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass die Fachrichtung Philosophie sich in Bezug auf die sachgerechte philosophiehistorische Ausbildung der Studenten eines ganzen Studienjahres in einer offenbar unhaltbaren Situation befindet, dass sehr wohl die Möglichkeit bestünde, dieser Situation ohne irgendwelche zusätzlichen Ausgaben schnell und gründlich abzuhelfen, dass von dieser Möglichkeit aber kein Gebrauch gemacht wird, weil es Genossen Schrickel einfällt, seiner persönlich motivierten Ani- 2096 Teil XVII mosität gegen mich den Vorrang vor den Erfordernissen der Sache zu geben. So liegen die Dinge. Dass ich persönlich in diesem Zusammenhang Grund habe, mich ungerecht behandelt zu fühlen, ist eigentlich von untergeordneter Bedeutung. Ich möchte die Universitätsparteileitung nunmehr um Folgendes ersuchen: 1) Ich bitte darum, dass die UPL sich entweder durch eine Umfrage bei den Genossen Studenten der Fachrichtung Germanistik oder durch besondere Beauftragung von ein, zwei ideologisch starken Genossen, die über ein hinreichend kritisches Urteilsvermögen verfügen, ein klares Bild von dem wissenschaftlichen und politischen Wert oder Unwert, von den Vorzügen und den Mängeln meiner laufenden Vorlesung (Mittwoch und Freitag, 08:00 bis 10:00 Uhr im Auditorium Maximum) verschafft. 2) Ich bitte darum, dass die UPL prüft, wie es um die philosophiehistorische Ausbildung derjenigen Studenten der Fachrichtung Philosophie bestellt ist, die in diesem Semester in die Entwicklung der klassischen deutschen Philosophie hätten eingeführt werden müssen. 3) Ich bitte darum, dass die UPL feststellt, wieso der Rektor den Lehrauftrag für Genossen Albrecht abgelehnt hat, und dass sie Genossen Albrecht befragt, wie er innerlich zu seiner augenblicklichen Berliner Vorlesungsverpflichtung steht. 4) Ich bitte schließlich darum, mir Gelegenheit zu einer Aussprache zu geben, in der ich der UPL die Gründe auseinandersetzen kann, die es mir zur Gewissheit machen, dass Genosse Schrickel sich in allen Fragen, die mich betreffen, von Gefühlen der persönlichen Missgunst und Rachsucht leiten lässt. Ich betone, wenn ich diese Bitten ausspreche, nachdrücklich, dass ich jederzeit bereit bin, in einer sachlichen kritischen Auseinandersetzung über Mängel und Schwächen meiner Vorlesungstätigkeit den Genossen vom Philosophischen Institut Rede und Antwort zu stehen. Wogegen ich mich aber entschieden wehren muss, ist, dass man mich von Seiten des Instituts, ohne sich mit mir sachlich auseinanderzusetzen, von vornherein als eine fragwürdige Figur behandelt, die von der Ausbildung der Philosophiestudenten auch dann tunlichst ferngehalten werden sollte, wenn andere Möglichkeiten, diese mit bestimmten Perioden der Geschichte der Philosophie vertraut zu machen, sich praktisch als illusorisch erweisen. Mit sozialistischem Gruß! 2097Politik, Gesellschaft, Universität 2098 Teil XVII Philosophie in der Sackgasse630 (01. April 1956) Seit einigen Monaten liegt das Protokoll des Stuttgarter Philosophenkongresses vom Herbst 1954 gedruckt vor.631 Der interessanteste der da rin enthaltenen Beiträge ist das Schlusswort, mit dem Geheimrat Prof. Eduard Spranger in seiner Eigenschaft als Ehrenpräsident den Kongress beendete. Der Nestor der Hochschulphilosophie in der Bundesrepublik entwirft hier ein Bild der geistigen Lage des Westens, das ein einziges Eingeständnis der Ohnmacht und Perspektivlosigkeit des gegenwärtigen bürgerlichen Denkens ist. Wir können seinen Ausführungen aber auch entnehmen, dass bei der Intelligenz in Westdeutschland, soweit sich in ihrer Bildung, ihrem Traditionsbewusstsein noch philosophische Kultur erhalten hat, ein wachsendes Verlangen nach rationeller Systematisation des gesamten zeitgenössischen Wissens, nach allseitiger theoretischer Durchdringung der sozialen und kulturellen Probleme unserer Zeit besteht; ein Verlangen, das die bürgerliche Philosophie der Nachkriegsepoche nicht einmal zum Schein mehr zu befriedigen vermag. Verzweiflung oder Restauration Als Bild der Situation wie als Ausdruck drängender Zeitmotive ist Sprangers Rede also gleichermaßen aufschlussreich. Nach Spranger dominieren im »abendländischen« Denken gegenwärtig zwei Tendenzen. Man finde – so sagt er – eine Philosophie entweder der Katastrophe und Verzweiflung oder der Restauration. Und beiden sei gemeinsam, dass sie letzten Endes den Sinn vernünftigen Philosophierens überhaupt aufhöben. Was die erste Richtung betrifft, so führt Spranger sie auf die Zusammenbrüche zurück, die wir erlebt haben. Das 20. Jahrhundert sei in der Tat ein Zeitalter der Katastrophen. Sein Beginn sei bereits mit dem Ruf »Kulturkrise« begrüßt worden, aber dieses harmlose Wort reiche für das, was geschehen, schon längst nicht mehr aus. Der Mensch unserer Zeit sei über sich selbst unsicher geworden, das Selbstvertrauen, das von der Aufklärung her das 19. Jahrhundert überstrahlt habe, sei gebrochen. Daher allenthalben die Symptome der Vergrämlichung und Entmutigung, die vielen Bücher mit Titeln wie Das Ende der humanistischen Illusion. Und daher auch ein Denken wie das der Existenzialisten, das mit Klagewörtern wie »Gebrochensein«, »Geworfenheit«, »Verzweiflung«, »Angst« beginne. Von einem promethischen Aufschwung des Menschen 630 (AH) Zuerst erschienen in: Sonntag vom 01. April 1956, S. 8. 631 (WH) Zeitschrift für philosophische Forschung, Band IX, 1955, S. 409 ff. 2099Politik, Gesellschaft, Universität sei nicht mehr die Rede, und wenn man heute noch – wie einst – von seiner »inneren Unendlichkeit« spräche, so gelte dies als Blasphemie. Mit dem anderen Typus, der »Restaurationsphilosophie«, meint Spranger jene massiven Tendenzen zur Theologisierung des modernen Weltbildes, wie sie insbesondere von der Neoscholastik ausgehen. Man habe es hier mit einer Erscheinung zu tun, die nicht neu sei: Mit einem Rückfall in die späte Romantik. Schon um 1815, als »Europa nach den langen Erschütterungen durch die große Revolution und die Napoleonischen Kriege rekonstruiert werden musste«, habe ein Teil der Gebildeten nach der Freigeisterei seine Zuflucht zur Rückkehr in den christlichen Glauben genommen. Die Problemkomplexe der Philosophie hätten sich damals denen der Theologie genähert, die Antworten des Denkens nicht wesentlich anders geklungen, als der in Dogmen auskristallisierte Glaube sie gebe. Ähnlich sei es heute. Wieder fehle es an einer Klärung der Grenzen zwischen Glauben und Wissen, wieder seien beide eine »trübe Mischung« eingegangen in einem Denken, das »mehr weiß, als man auf philosophisch methodisierbare Weise wissen kann«. Und so sei es wieder unerlässlich geworden, dass jeder sich prüfe, ob er sich wirklich auf dem Boden der überlieferten Religion ansiedeln oder ob er nicht vielmehr wagen wolle, menschlich kontrollierbare Methoden anzuwenden. Grenzen bürgerliche Selbstbestimmung Es ist klar ersichtlich, dass diese Kritik an der Gegenwartsphilosophie des Westens über den bürgerlichen Horizont durchaus nicht hinaus führt. Wir werden gleich sehen, dass Spranger selbst sich zur Restauration bekennt – freilich zu einer utopisch veredelten, der in der vorhandenen Wirklichkeit jede Grundlage fehlt. Aber schon an dieser Stelle lässt sich nachweisen, dass seine Absage an die herrschenden reaktionären Strömungen in keiner Weise einen Bruch mit den Vo raus set zungen des bürgerlichen Denken zum Inhalt hat. Denn einmal bleibt Spranger im wesentlichen bei bloßen Symptomen stehen, die er allenfalls in einer vagen, verschwommenen Weise, unter Benutzung schiefer historische Analogien (Zeit nach 1815) mit den Katastrophen unseres Jahrhunderts in Beziehung setzt; zum anderen nimmt er eine naive Identifizierung der bürgerlichen mit der Gegenwartsphilosophie überhaupt vor, so als ob der Marxismus kein möglicher Standpunkt für den europäischen Intellektuellen von heute wäre. Hinzu kommt, dass der Verfasser des Buches Die Magie der Seele natürlich weit davon 2100 Teil XVII entfernt ist, militanten Atheismus ins Treffen zu führen; dass er die theologisierende Metaphysik lediglich mit kantisch-agnostizistischen Argumenten in Frage stellt. Religiosität gilt ihm nach wie vor als »heilsam«, sie darf eben nur nicht Philosophie zu sein oder zu ersetzen beanspruchen. Trotz alledem wäre es ein sektiererischer Fehler, wenn wir Marxisten der Stuttgarter Rede Sprangers – die freilich die Stellungnahme eines weltanschaulichen Gegners bleibt – jede positive Bedeutung absprächen. Positiv ist vor allem, dass hier überhaupt ein bürgerlicher Denker gegen die zur Zeit führenden Richtungen der reaktionären Philosophie polemisiert und dabei energisch betont, es gelte, die Würde der menschlichen Vernunft zu verteidigen. Das eben ist für Spranger die Hauptsache. Und der Agnostizismus, mit dem er die Neoscholastik gut kantisch ins Unrecht setzen zu können glaubt, hindert ihn nicht, den Existenzialisten nachzuweisen, dass ihr Bestreben, subjektive Stimmungen an die Stelle begrifflicher Erkenntnis und Aussage zu setzen, die Gefahr einer Selbstzerstörung der Philosophie heraufbeschwöre. »Was man dem anderen aus der eigenen unvergleichlichen Innerlichkeit mitteilen kann, ist für diesen vielleicht ganz unverständlich und ebenso sehr unverbindlich. Vergessen wir doch nicht: Ein gemeinsamer Logos, besser wohl ein alle verbindender lebensgesättigter ›Geist‹ ist die unerlässliche Vo raus set zung für jedes Symphilosophein, also übrigens auch für einen Kongress. Bei jener Wendung der Katastrophenphilosophie droht unvermeidlich die Kontraktion in die intimste Subjektivität. Die Mächte, die jedes Menschen Leben und Denken bedingen, kommen quasi nur als Anhängsel hinterdrein. Die Folge ist der Substanzverlust der Philosophie, den wir weithin bemerken. Für die praktische Orientierung kommt bei solchem Denken ›von der Spitze der Subjektivität‹ her nicht mehr viel heraus.« Offenbar handelt es sich hier einmal nicht um eine Zeitkritik nach Art jener »indirekten Apologetik«, wie sie uns Lukács durchschauen gelehrt hat. Das perspektivische Missbehagen der Intelligenz wird hier keineswegs bestätigt (und stilisiert), um dann abgefangen und in radikalen Nihilismus zurückgelenkt zu werden. Im Gegenteil: Dieser Nihilismus selbst wird von Spranger aufs Schärfste verurteilt und mitsamt der irrationalistischen Methodologie, die er zu seiner Begründung nötig hat, als das Verfallssymptom charakterisiert, das er zweifellos ist. 2101Politik, Gesellschaft, Universität Das scheint sehr viel besagen zu wollen, wenn man an frühere Formen bürgerlichen Krisenbewusstseins denkt, und man fragt sich nun doch: Was bedeutet diese Stellungnahme? Was für soziale Grundlagen hat sie? Erst diese Fragen rühren an den Kern der Sprangerschen Rede, an das eigentlich Interessante und Aufschlussreiche, das sich ihr abgewinnen lässt. Ich will versuchen, sie zu beantworten. Die verlorene Systematik Vorweg sei bemerkt, dass es sich für uns nicht darum handeln kann, in notorisch konservativ gesinnten Denkern der Bourgeoisie mögliche Bundesgenossen des Marxismus zu entdecken. Was wir uns klarzumachen haben, ist etwas ganz anderes. Erstens müssen wir uns vergegenwärtigen, was es zur Folge hat bzw. haben kann, dass die Bourgeoisie nach dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges mit der Propagierung der »freien Marktwirtschaft«, der formalen Demokratie, des »Rechtsstaats« usw. zu den Methoden der direkten Apologetik des Kapitalismus zurückgekehrt ist. (Lukács hat gerade diese Wendung – im aktuellen Nachwort zur Zerstörung der Vernunft – eingehend beschrieben.) Unter den so entstandenen neuen Bedingungen ist es nämlich kein Zufall, dass bürgerliche Philosophen, die ohnehin in der direkten Apologetik wurzeln und in Folge dessen soliden Gelehrtentraditionen der Vergangenheit näher stehen als den modernen Nihilismen, angesichts der kapitalistisch-restaurativen »Konsolidierung« im Westen die Illusion hegen, jetzt müsse eigentlich wieder eine rationale philosophische Systematik zum Zuge kommen – wenn es nur mit rechten Dingen zuginge. Offensichtlich geht es aber nicht mit rechten Dingen zu. Und das ist nun das zweite, was wir zu bedenken haben. In der Vergangenheit der bürgerlichen Gesellschaft hat es immer neben den Mode-Ideologien auch Formen systematischer Philosophie gegeben, die sich bis zu einem gewissen Grade rationaler Denkmethoden bedienten und bedienen mussten, um die Weltanschauung der herrschenden Klasse verbindlich formulieren, logisch zusammenhängend auf den Begriff bringen und mit den Resultaten der positiven Wissenschaft in plausible Beziehung setzen zu können. So entstand zum Beispiel noch in der Weimarer Zeit, genährt von den Illusionen der relativen Stabilisierung, die Ontologie Nicolai Hartmanns, die gegenüber den angesprochenen Modeströmungen der Dekadenz – dem lebensphilosophischen Irrationalismus, der Existenzialphilosophie usw. – bis in die Zeit des Faschismus hinein ein erhebliches Maß an Selbstständigkeit 2102 Teil XVII wahren, ja, diese Richtungen – unter Umgehung der politischen Konsequenzprobleme – sogar bekämpfen konnte. Heideggers Sein und Zeit, Klages’ Geist als Widersacher der Seele waren damals zwar hochwillkommene Stimulantia, die »man«, um überhaupt mitreden zu können, selbstverständlich genossen haben musste (und denen die »tiefer Veranlagten« den Vorzug gaben). Aber so etwas wie eine philosophische Allgemeinbildung, selbst für faschistische Akademiker, ließ sich daraus eben doch nicht beziehen. Heute nun, nach den Exzessen der methodischen Irratio, in denen zahllose Nachwuchsbegabungen sich fruchtlos verbraucht haben, klafft dort, wo Männer wie Spranger eine solide Universitätsphilosophie zu finden gewohnt sind, auf einmal ein Vakuum. Die wenigen Philosophen, die noch an wissenschaftlichen Grundsätzen festhalten, haben sich in enge Spezialprobleme verbohrt und längst die universelle Orientierung verloren, ohne die an eine umfassende Systematik nicht zu denken ist. Die Problemzusammenhänge der Weltanschauung aber sind zur Beute eines hemmungslosen Obskurantismus geworden, mag dieser sie nun in subjektive Stimmungen verflüchtigen oder ihnen die konstruierten Lösungen eines scholastischen, in Theologie mündenden Pseudorationalismus aufzwingen. Hegel dringend gesucht Diese Lage macht Eduard Sprangers Sorgen verständlich. Es sind – notabene – die Sorgen eines Getreuen der westdeutschen Restauration, der sich von den unbekümmerten Apologeten aber dadurch unterscheidet, dass ihm der Abstand zwischen dem einstigen Bildungsideal des Bürgertums und den Tendenzen, die heutzutage den Ton angeben, schmerzlich bewusst geworden ist. Nun kultiviert die deutsche Bourgeoisie im Bonner Staat neuerdings eine sentimentalische Beziehung zur Heiligen Allianz und zu Metternich. Das tut Spranger auch, seine Berufung auf die Zeit nach 1815 hat hier ihre Wurzeln. Er wünscht sich jedoch den dazugehörigen Überbau nicht obskur und theologisch, und in diesem Sinne macht er da rauf aufmerksam, dass »eigentlich« noch andere Formen des Restaurationsgeistes, solche von wissenschaftlicher Dignität, vorstellbar wären. »Die Restaurationsphilosophie«, sagt er, »kann in zwei ganz verschiedenen Gestalten auftreten, unter denen ich der zweiten den Vorzug geben möchte.« Und er sagt: »Den 2103Politik, Gesellschaft, Universität anderen Typus der Restaurationsphilosophie möchte ich, der Unterscheidung und Verdeutlichung willen, Wiederaufbauphilosophie nennen. Bei ihr handelt es sich nicht um bloße Wiederherstellung des Alten, sondern um einen Neubau über den Trümmern.« Das ist nun nicht ganz klar formuliert, denn Wiederaufbau ist mit Wiederherstellung etwa gleichbedeutend, von wirklichem »Neubau« jedoch, bei dem das Alte nicht restauriert würde, kann in Westdeutschland, sieht man einmal vom Neonlicht ab, kaum gesprochen werden. Was Spranger indessen meint, wird im nächsten Satz deutlich, wo er das Traumbild einer Restauration beschwört, die noch einmal eine geistige Schöpfung von der Größe der Hegelschen Philosophie zu tragen vermöchte. Hegel, sagt er, habe zwar die Verbindung zum Christentum gleichfalls nicht aufgegeben, aber er habe es – anders als die katholisierende Romantik – in wesentlichen Zügen umgedacht. Auch in Hegel sei zwar ein historisch-quietistischer Zug – »nichts von dem revolutionären Tatwillen Fichtes«, und doch: »Indem er das Ganze der Geisteswelt noch einmal durchdenkt – immer mit dem Bewusstsein, dass fragmentarisches Denken ein inadäquates Denken ist –, gibt er der in drei Jahrzehnten zertrümmerten europäischen Geisteswelt vertieften Gehalt. In den großen Zusammenhang gestellt, ist nun auch alles neu gesehen.« Natürlich ist das eine schöngeistige Utopie, der jede Vermittlung mit der heutigen Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft, jede Grundlage in den tatsächlichen Bestrebungen der lebenden bürgerlichen Philosophen fehlt. Und wenn Spranger im nächsten Absatz seine allzu anspruchsvollen Forderungen beträchtlich herunterschraubt und die systematischen Bemühungen von Max Scheler und Nicolai Hartmann der strebenden Jugend als Vorbild empfiehlt, so denkt er immer noch utopisch. Denn dass die heutige »Konsolidierung« eine sehr relative ist, dürfte denkenden Menschen nicht zweifelhaft sein – daher ja die Unausrottbarkeit der Verzweiflungsphilosophie im Bürgertum. Anders gesagt: Wie sollte nach Faschismus und Zweitem Weltkrieg, mit dem wachsenden Weltsystem Sozialismus und dem Zerfall der Kolonialimperien vor Augen – wie sollte da ein Intellektueller, der jetzt am Anfang seines Weges steht, ein Lebenswerk wagen, das den ideologischen Bedürfnissen der Bourgeoisie zu entsprechen und dennoch, nach den Wünschen Sprangers, den Anschein zu erwecken hätte, dass es dem Wissensstand der Epoche gemäß sei? (Und was das Vorbild Scheler betrifft – ist das nicht auch schon theologisch »trübe gemischt« gewesen?) 2104 Teil XVII »Eine unserer Zeitlage gemäße umfassende Wiederaufbauphilosophie, die auf lange Zeit hinaus den Sockel für ein neues Zeitalter bilden könnte, das ist das, was wir uns eigentlich wünschen müssten.« Man verstehe recht: Es gibt diese Philosophie im Westen zwar nirgends, es sind gegenwärtig nicht einmal Ansätze dazu vorhanden, aber »eigentlich« müsste man sich wünschen, dass es sie gäbe. Aber müsste man nicht erst einmal fragen, wie es denn um das »neue Zeitalter« selbst bestellt ist, dass hier vorausgesetzt wird? Wann mag dieses Zeitalter anbrechen? Oder ist es angebrochen, nur eben woanders? Hegel, auf den Spranger sich beruft, hat sich stets der historischen Grundlagen seines systematischen Schaffens zu vergewissern versucht, gleichviel, ob er in der Phänomenologie und der Logik das neue Prinzip, das in der Französischen Revolution zum Durchbruch gelangt war, wissenschaftlich in die Fülle des Konkreten auszubreiten gedachte, oder ob er in der Rechtsphilosophie das Grau in Grau des erkennenden Gedankens der Abenddämmerung der Restaurationszeit gemäß nannte. Nicht so der heutige Restaurationsphilosoph, der ins Blaue hinein programmatisch wird: »Noch einmal müssten alle Faktoren des menschlichen Lebens zusammen gedacht werden: Welt und Überwelt, Natur und Kultur, Sittlichkeit und Kunst, Erziehung und Erlösung. (…) Eine solche Philosophie würde sich vielleicht nicht mehr, wie bei Hegel, zu einem geschlossenen System verdichten können. Aber alle wesentlichen Faktoren müssten doch wenigstens vorkommen, alle schweren Spannungen wenigstens diagnostisch festgestellt werden (…).« Die Aufgabe der deutschen Marxisten Ich wiederhole: Als Programm einer neuen Restaurationsideologie ist das rein utopisch. Aber dass gerade solche Utopien heute in Westdeutschland entstehen, dass sich da rin die Sehnsucht eines alten deutschen Gelehrten von Weltruf zusammenfasst, ist gleichwohl von höchstem Interesse. Es kann am wenigsten uns deutschen Marxisten gleichgültig sein. Eine Wiederaufbauphilosophie ist freilich unsere Sache nicht, da wir in der Deutschen Demokratischen Republik einen wirklichen Neubau von Grund auf begonnen haben. Aber ist uns nicht seit langem drängend bewusst, dass der dialektische Materialismus neu in Aktion gesetzt werden sollte, die vielseitigen Probleme des sozialistischen Aufbaus theoretisch umfassend zu klären? Und wäre es gar so abwegig, den Namen »sozialistische Aufbauphilosophie« für einen Marxismus, der sich zu diesen Problemen bewährte, in Anspruch zu nehmen? 2105Politik, Gesellschaft, Universität Verfolgt man diese Überlegung in all ihre Konsequenzen hinein, so kommt man zu dem Ergebnis, dass aus unserer nationalen Situation nicht eine schematische Zweiteilung unserer philosophischen Arbeit zu folgen braucht, derart, dass wir in der einen Richtung bloße Polemik und in der anderen eine bloße Soziologie der neuen Produktionsverhältnisse zu entwickeln hätten. Worauf es primär ankommt, ist ja, dass wir alle Gebiete des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens auf marxistische Weise analysieren müssen, um sie in unserer Republik mit unserer Weltanschauung durchdringen zu können. Tun wir dies aber, so können wir damit zugleich offensiv in das westdeutsche Vakuum der systematischen Philosophie hineinstoßen, das dort unsere potentiellen Verbündeten ebenso wie unsere Gegner deutlich spüren. Allerdings: Eine Aktivierung unserer Arbeit in dieser Richtung setzt voraus, dass wir der Kraft des philosophischen Gedankens im Marxismus der Gegenwart mehr und Größeres zutrauen als bisher. Wie es damit bei uns bestellt sein mag, ist indessen eine Frage für sich, von der in einem späteren Artikel die Rede sein soll. (Anspielung auf den eine Woche später publizierten Artikel Hemmnisse des schöpferischen Marxismus, Abdruck im folgenden Teil, AH.) 2106 Teil XVII

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.