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Teil XV Weggefährten in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1841 - 1946

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1841

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil XV Weggefährten 1843Weggefährten I: Victor Stern Hausmitteilung zu Victor Stern: Gegen den »physikalischen« Idealismus510 (1951) In den vorliegenden drei Aufsätzen von Victor Stern, die in einer Broschüre unter dem Titel Gegen den »physikalischen« Idealismus vereinigt erscheinen sollen, setzt sich der Verfasser, der Dozent für Philosophie an der Parteihochschule der SED in Kleinmachnow ist, kritisch mit idealistischen Schlussfolgerungen auseinander, die aus der Relativitätstheorie und der Physik der Elementarteilchen gezogen werden. Die Broschüre wird vom Verlag zur Diskussion gestellt und soll dem Zweck dienen, ein schöpferisch-kritisches Gespräch unter Physikern und philosophisch Interessierten über die idealistischen Irrtümer und Irrwege auszulösen, die durch ideologische Missdeutungen der Ergebnisse der modernen Physik virulent geworden sind. Die drei Abhandlungen sind sehr verschiedener Art. Bei der Analyse der erkenntnistheoretischen Elemente der Einsteinschen Relativitätstheorie handelt es sich um Fragen, die noch weitgehend ungeklärt und umstritten sind – auch im marxistischen Lager, auch in der Sowjetwissenschaft. Stern steht auf dem Standpunkt, dass man zwar die bedeutsame, wahrhaft revolutionierende Rolle der Relativitätstheorie in der modernen Physik nicht bestreiten könne, dass sie jedoch in ihren erkenntnistheoretischen Grundlagen idealistische Anschauungen enthalte, die man nicht kritiklos akzeptieren dürfe. In diesem Sinne beschäftigen sich die beiden ersten Abhandlungen mit den erkenntnistheoretischen Lehren der Relativitätstheorie von Raum, Zeit und Bewegung. (Eine der beiden Abhandlungen wurde von der sowjetischen Zeitschrift Fragen der Philosophie, Moskau, zur Veröffentlichung angenommen.) Bei der dritten Abhandlung liegen die Dinge einfacher: Bei den idealistischen Schlussfolgerungen, die man aus Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation zu ziehen sucht, handelt es sich unzweifelhaft um das Ergebnis sophistischer Methoden der Irreführung. Stern konkretisiert hier also lediglich Anschauungen, über deren Richtigkeit es unter fortschrittlich Denkenden keinen Streit mehr gibt. Der Verlag wird in einer Vorbemerkung da rauf hinweisen, dass die Veröffentlichung einen Beitrag zur Diskussion des Themas darstellt. 510 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert oder adressiert. 1844 Teil XV Hausmitteilung zu Victor Stern: Philosophische Probleme der modernen Physik511 (10. Februar 1952) Wenn ich erst jetzt nochmals zu der Arbeit von Dr. Stern Stellung nehme, so hat das zwei Gründe: Erstens hat Herr Schroeder vor einiger Zeit einen Durchschlag der Arbeit Herrn Dr. Singer mit der Bitte um Begutachtung übergeben, und ich wollte erst das Urteil von Dr. Singer abwarten, um es in meiner eigenen Stellungnahme berücksichtigen zu können. Zweitens habe ich selbst die Arbeit Herrn Alex Vogel zu lesen gegeben, der seinerseits ein Gutachten da rü ber anfertigte. Da dieses Gutachten in der Behandlung des Aufsatzes über den Einsteinschen Gleichzeitigkeitsbegriff Ausführungen enthielt, die mir unklar, teilweise unverständlich waren, bat ich Herrn Vogel um eine nochmalige Überarbeitung des betreffenden Abschnitts, deren Fertigstellung ich abwarten musste. Die Stellungnahme, die ich nun hiermit dem Verlag übergebe, lege ich nur deshalb vor, weil sie von der Verlagsleitung angefordert wird. Die Stellungnahme von Dr. Singer, die ich verwerten wollte, liegt zur Zeit noch nicht vor. Grundsätzlich bin ich nach wie vor der Meinung, die ich bereits Ende des vorigen Jahres geäußert habe: Dass die Verweigerung einer Veröffentlichung der Arbeiten von Dr. Stern nicht gerechtfertigt ist. Sie ist es erstens deswegen nicht, weil im Zeichen der Freiheit der Kritik und des Meinungskampfes einem fortschrittlich eingestellten Philosophen nicht verwehrt werden kann, sich kritisch zu philosophischen Schlussfolgerungen aus der Relativitätstheorie zu äußern, auch dann nicht, wenn Einwände von Fachphysikern dagegen geltend gemacht werden. Diese Fachphysiker stehen meistens – selbst dann, wenn sie sich zum Lager des Marxismus bekennen – unter dem Einfluss positivistischer Denkweise, verkennen, wenn man sie um ein Gutachten bittet, ihre Aufgabe, die Seriosität der physikalischen Kenntnisse des Verfassers festzustellen, und geben stattdessen – durch fachwissenschaftliche Terminologie und dergleichen getarnt – eine philosophische Kritik zum Besten, die gar nichts besagt, weil sie gerade auf den philosophischen Anschauungen basiert, die von Dr. Stern kritisiert werden. Dies trifft eindeutig zu auf die ablehnende Haltung von Prof. Havemann, der meines Erachtens in relativistischen und positivistischen Anschauungen befangen ist, und für dessen Unzuverlässigkeit in philosophischen Fragen wir ja ein beredtes Zeugnis besitzen (seine Hymnen auf die Naturphilosophie von Prof. Hollitscher). Herrn Dr. Singers grundsätzliche Einstellung zur Relativitätstheorie kenne ich nicht. Aber auch bei seiner 511 (AH) 9 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 10. Februar 1952. Adressiert an das »Lektorat des Aufbau-Verlags«, offensichtlich zur internen Verständigung. 1845Weggefährten Stellungnahme zu den Arbeiten Dr. Sterns sollte, falls es sich um eine Ablehnung handelt, auf diesen Punkt geachtet werden (auf die Gefahr einer gar nicht erbetenen philosophischen Kritik). Zweitens bin ich – soweit ich die philosophische Seite der Relativitätstheorie verstehe und selbst beurteilen kann – der festen Überzeugung, dass die Grundtendenz der Sternschen Aufsätze richtig ist, dass Dr. Stern eine dringend notwendige Kritik an verwirrenden und irreführenden philosophischen Thesen übt, die unter Berufung auf die Relativitätstheorie verfochten werden, in den ideologischen Debatten unserer Zeit eine große Rolle spielen und mit der marxistischen Weltanschauung absolut unvereinbar sind (obwohl sie häufig – und da rin liegt die Gefahr – als Konkretisierung des dialektischen Materialismus ausgegeben werden). Es handelt sich um die Leugnung des absoluten Raumes und der absoluten Zeit, um die Behauptung der Gleichwertigkeit aller Bezugssysteme bei der Feststellung von Bewegungen, um die positivistische Definition der Gleichzeitigkeit. Wichtig und notwendig ist auch die Abrechnung mit den idealistischen Schlussfolgerungen, die aus der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation gezogen werden, obwohl in dieser Frage im marxistischen Lager bereits größere Klarheit besteht als in der Einschätzung der philosophischen Schlussfolgerungen aus der Relativitätstheorie. Bei der Unterredung, die Ende vorigen Jahres im Lektorat des Verlages stattfand, hatte ich Dr. Stern diese meine Auffassung der Angelegenheit auseinandergesetzt und ihn dazu angeregt, seine verschiedenen einschlägigen Artikel zu einer geschlossenen Arbeit zu vereinigen. Ich hatte ihn dabei auch auf Fehler aufmerksam gemacht, die nach meiner Meinung der Veröffentlichung seiner Manuskripte in der damals vorliegenden Fassung im Wege standen. Die hauptsächlichen Einwände waren die folgenden: 1) Es handelte sich um verschiedene Artikel, die sich deswegen nicht in einer Broschüre vereinigen ließen, weil sie Überschneidungen, Wiederkehr gleicher Gedanken (bis zu ganzen wörtlich wiederkehrenden Partien) aufwiesen. 2) Es wurde zwar wiederholt betont, dass die Relativitätstheorie als physikalische Errungenschaft durch diese erkenntnistheoretische Kritik nicht berührt werde; es blieb aber offen, inwiefern die Relativitätstheorie eine wissenschaftliche Errungenschaft ist, in welcher Hinsicht sie einen wesentlichen Schritt über die Begrenztheit der klassischen Physik hinaus bedeutet, und an welchem Punkt die falschen philosophischen Verallgemeinerungen einsetzen, die man vernichten muss 1846 Teil XV und vernichten kann, ohne dass die physikalische Errungenschaft in Frage gestellt wird. 3) Es wurde nirgends zwischen Einstein und seinen reaktionären philosophierenden Epigonen ein Unterschied gemacht, was unbedingt nötig gewesen wäre, obwohl sich auch schon bei Einstein selbst positivistische und relativistische Gedankenelemente finden (zum Beispiel in seiner Gleichzeitigkeitsdefinition). 4) Die Aufsätze wiesen einige deplatzierte Bemerkungen auf (zum Beispiel Stellen, an denen sich Dr. Stern dagegen verwahrte, dass seine Kritik mit den antisemitischen Aversionen der Faschisten gegen Einstein etwa auf eine Stufe gestellt werden könnte). 5) Es wurde nur zu einigen wenigen, nicht zu allen problematischen Konsequenzen der Relativitätstheorie Stellung genommen. 6) Bei der Kritik der Einsteinschen Gleichzeitigkeitsdefinition hatte sich Dr. Stern nicht da rauf beschränkt, festzustellen, dass von absoluter Gleichzeitigkeit zu sprechen auch dann sinnvoll ist, wenn sie sich nicht feststellen lässt, sondern hatte es – worauf es nach meiner Meinung gar nicht ankommt – da rauf angelegt, seinerseits eine neue Gleichzeitigkeitsdefinition zu formulieren, die die Bedingungen enthält, unter denen von einer absoluten Gleichzeitigkeit zweier Ereignis gesprochen werden muss. 7) Gewisse Unklarheiten, die aus unpräzisen Formulierungen herrührten. 8) Schlechter Stil. – Dr. Stern wollte diese Einwände bei der Überarbeitung und Zusammenfassung seiner Artikel berücksichtigen. Von der jetzt vorliegenden Fassung muss nun leider gesagt werden, dass sie gegenüber den damals vorliegenden Aufsätzen wenig gewonnen hat. Dr. Stern hat es sich meines Erachtens mit der Überarbeitung zu leicht gemacht. Ich unterscheide im folgenden zwei Kategorien von Mängeln, die eine Veröffentlichung der Arbeit auch in der vorliegenden Form in Frage stellen: A. Fehler, die sich durch eine sorgfältigere Überarbeitung hätten vermeiden lassen, und die leicht auszumerzen sind, falls sich der Verfasser die Mühe macht, eine klar gegliederte, in sich geschlossene Arbeit zu liefern, die als Broschüre gedruckt werden kann. B. Prinzipielle Einwände gegen die Auffassungen des Verfassers. A-1) Es bestehen nach wie vor thematische Überschneidungen. In dem Aufsatz Zur Kritik der Erkenntnistheorie der Relativitätstheorie wird auf den Seiten 12 ff. dieselbe Kritik an der Einsteinschen Gleichzeitigkeitsdefinition entwickelt, die in dem zweiten Aufsatz, Kritische Bemerkungen zu Einsteins Definition der Gleichzeitigkeit nur noch einmal in ausführlicherer Form wiederholt wird, ohne dass ein einziger neuer Gedanke von Belang gebracht wird. Eine solche Dublette ist in einem Manuskript von 58 Schreibmaschinenseiten unmöglich. Dr. Stern hat nicht, wie es vereinbart war, eine 1847Weggefährten Überarbeitung seiner damaligen Manuskripte und deren Zusammenfassung zu einem geschlossenen Ganzen vorgenommen, sondern bietet uns im Grunde die alten Artikel mit gewissen Streichungen und geringfügigen Änderungen noch einmal an. A-2) Der vorliegenden Fassung ist ein neues Vorwort vorangestellt, dessen Veröffentlichung ausgeschlossen ist. Der Verfasser spricht da rin von »philosophischen Irrlehren, die den Zweck haben, den dunklen Kräften, die einen neuen Weltbrand entfachen wollen, ihr verbrecherisches Spiel zu erleichtern«. (Was sachlich dazu zu sagen ist, siehe unten.) A-3) Der Stil des ganzen Manuskripts ist schlecht. Eine Reihe von Formulierungen sind unpräzise, teilweise verschwommen und missverständlich. A-4) Die Arbeit ist nicht verständlich genug, um für die Popularisierung philosophischer und wissenschaftlicher Probleme in Frage zu kommen (es wird stillschweigend vorausgesetzt, dass bekannt sei, was der Michelsonversuch, der hypothetisch angenommene Äther, die Fliehkraft, Einsteins Stellungnahme zum Michelsonversuch usw. sind). Die Arbeit ist andererseits in ihrer Behandlung physikalischer Fragen nicht anspruchsvoll und wissenschaftlich genug, um für die ideologische Auseinandersetzung mit Fachwissenschaftlern geeignet zu sein. Die Art, in der der Verfasser seine Gedanken darstellt, schwankt zwischen Beispielen von kindlicher Primitivität einerseits und esoterischen Andeutungen andererseits. B-1) Es wird nach wie vor nicht klargemacht, warum die Relativitätstheorie ein unleugbarer wissenschaftlicher Fortschritt ist, worin dieser Fortschritt besteht, wie es möglich ist, dass physikalischer Fortschritt und philosophische Reaktion Hand in Hand gehen können, wo die Grenze zwischen diesen beiden Seiten der Relativitätstheorie liegt, warum die Kritik der philosophischen Schlussfolgerungen nicht die physikalische Errungenschaft berührt usw. Dass hier eine Scheidung notwendig ist, wird zwar gesagt. Der Leser erfährt aber nicht, worin sie zu bestehen hätte. B-2) Es wird ohne nähere Unterscheidung gegen Einstein und die Relativitätstheorie im Allgemeinen polemisiert. Es wird kein Unterschied gemacht zwischen a) der gewaltigen wissenschaftlichen Leistung Einsteins, b) den positivistischen und idealistischen Elementen von Einsteins Weltanschauung, c) den dazu im Widerspruch stehenden Bekenntnissen Einsteins, die seine Nähe zum Materialismus verraten, d) den idealisti- 1848 Teil XV schen und reaktionären Schlussfolgerungen, die aus der Relativitätstheorie gezogen werden. Der analoge Vorwurf muss gegen den Aufsatz über die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation erhoben werden. Auch hier wird weder klar und eindeutig zwischen der Entdeckung neuer Tatsachen, die eine Errungenschaft ist, und den falschen philosophischen Schlussfolgerungen, noch zwischen Heisenberg selbst einerseits und Weizsäcker, Pascual Jordan usw. andererseits unterschieden. Obwohl schon Heisenberg selbst aus seinen Forschungsresultaten handfeste idealistische Schlussfolgerungen gezogen hat, kann man ihn nicht mit Obskuranten wie Jordan, Weizsäcker usw. auf eine Stufe stellen, was man unweigerlich tut, wenn man wie Dr. Stern von der Heisenbergschen Unbestimmtheitsrelation schlechtweg als von dem »Paradestück des modernen physikalischen Idealismus« spricht.512 B-3) In den Aufsätzen, die der Relativitätstheorie gewidmet sind, wird überhaupt nicht auf Fragen eingegangen, die ebenso wichtig sind wie die philosophischen Thesen, mit denen sich Dr. Stern auseinandersetzt. Das spielt bei gesondert erscheinenden Aufsätzen, die nur diese oder jene Frage herausgreifen, keine Rolle. Von einer Broschüre über Philosophische Probleme der modernen Physik muss man aber eine Stellungnahme zu der These von der endlichen Welt, zu der Theorie vom so genannten »gekrümmten Raum«, zu dem vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum, zu der Verwischung des qualitativen Unterschiedes von Raum und Zeit usw. erwarten. Erstens spielen diese Fragen in den Debatten über die philosophische Seite der Relativitätstheorie ebenfalls eine große Rolle. Zweitens würde erst eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen die nötige Klarheit auch über die Probleme, die von Dr. Stern herausgegriffen werden, ermöglichen. Was ich vor allem vermisse, ist eine Beantwortung der Frage, ob es philosophisch überhaupt zulässig ist, Raum und Zeit zu Gunsten der Absolutheit der Lichtbewegung relativ zu setzen – der Lichtbewegung, die selbst sinnvollerweise nur eine Bewegung in Raum und Zeit sein kann? Mir scheint, dass es sich hier um eine Willkürlichkeit handelt, für die Einstein sich nur deswegen entschied, weil sie der mathematischen Formel am besten entspricht, eine Willkürlichkeit, die aber als gesicherte Prämisse für die daraus hergeleiteten Aussagen über die reale Welt nicht hingenommen werden kann. Von konstanter Geschwindigkeit zu sprechen, hat offenbar nur dann einen Sinn, wenn immerfort gleiche Raumstrecken in gleichen Zeitabschnitten durchlaufen werden. Aber gibt es gleiche Zeitabschnitte und gleiche Raumstrecken, wenn Raum und Zeit sich dehnen und einschrumpfen können? Und weiter: Wie kann man, wie es die Physiker 512 (AH) Diese Überlegungen hat Harich noch in den achtziger Jahren vertreten, in den Hartmann-Manuskripten (Band 10) sind sie präsent. 1849Weggefährten tun, die konstante Lichtgeschwindigkeit in Sekundenkilometern angeben, also in Maßeinheiten, die die Absolutheit von Raum und Zeit voraussetzen, wenn man gleichzeitig Raum und Zeit als die Vergleichsbasis, auf der von Konstanz und Inkonstanz, von gleichen Raum- und Zeitstrecken, von Sekunden und Kilometern usw. allein die Rede sein kann, relativiert? – Das sind Fragen, die sich jedem, der die Relativitätstheorie philosophisch durchdenkt, aufdrängen müssen, die aber in der Arbeit von Dr. Stern nicht dargestellt werden. B-4) Der entscheidende Einwand, der gegen die Einsteins Gleichzeitigkeitsdefinition vom marxistischen Standpunkt aus erhoben werden muss, wird in Dr. Sterns Arbeit nicht in genügender Klarheit herausgearbeitet. Worum geht es? Es geht doch darum, dass Einstein das Problem von der wirklichen, objektiv realen Zeit auf die Feststellbarkeit oder Nichtfeststellbarkeit bestimmter Verhältnisse in der Zeit verschiebt. Er steht damit zwar noch lange nicht auf einem subjektiv-idealistischen Standpunkt; denn indem er von der kinetischen Situation des Beobachters entfernter Ereignisse ausgeht, bezieht er sich in seinen Aussagen über die Grenzen der Feststellbarkeit der Gleichzeitigkeit auf ein objektives Verhältnis bewegter Körper zueinander. (Die Bewegungsverhältnisse des Standorts des Beobachters gehören derselben realen Welt an wie die von ihm beobachteten Ereignisse.) Aber aus den Grenzen der Konstatierbarkeit objektiver Gleichzeitigkeit die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es objektive Gleichzeitigkeit nicht gäbe, bzw. sinnlos sei, von ihr zu sprechen, ist falsch. Das Bestehen objektiver Gleichzeitigkeit unabhängig davon, ob überhaupt und in welchen Grenzen sie festgestellt werden kann, muss vielmehr stillschweigend vorausgesetzt werden, wenn von einer bestimmten Dauer des Lichtweges, von der Zunahme und Abnahme dieser Dauer je nach dem Bewegungszustand, in dem sich der Standort des Beobachters befindet, die Rede ist. (Olaf Römer ging von der Beschleunigung und Verlangsamung in der Aufeinanderfolge der Verfinsterung der Jupitertrabanten je nach der Bewegungsphase von Erde und Jupiter zueinander aus, als er die Lichtgeschwindigkeit bestimmte. Der Schluss von der Behauptung dieser Zeitdifferenzen auf die Lichtgeschwindigkeit hat sich bekanntlich bewährt, und er konnte sich nur bewähren unter der Vo raus set zung, dass sich die wirklichen, objektiv realen Verfinsterungszeiten in eine absolute Zeitordnung einfügen, also zusammenfallen mit einer Reihe von Zeitpunkten, die vom Bewegungszustand der Erde unabhängig sind, wobei diese absolute Zeitordnung durchaus auch nach »Erdzeit« fassbar ist.) Man muss also, wenn man Einsteins positivistische Definition der Gleichzeitigkeit angreift, die Verschiebung des Problems von der objektiven Gleichzeitigkeit auf die 1850 Teil XV Konstatierbarkeit objektiver Gleichzeitigkeit aufdecken. Man muss ferner, wenn man die Gleichzeitigkeit so definieren will, dass die Definition den Prinzipien des dialektischen Materialismus entspricht, sagen: Unabhängig von der Feststellbarkeit sind alle Ereignisse, die in einem bestimmten Zeitpunkt A in allen beliebigen Raumpunkten des Weltalls stattfinden, gleichzeitig. Was aber tut Dr. Stern? Er bemüht sich darum, eine Definition zu finden, die – anders als die Einsteinsche – die Kriterien absoluter Gleichzeitigkeit bei der Konstatierung des zeitlichen Verhältnisses entfernter Ereignisse einschließt. Er sagt, dass zwei Ereignisse gleichzeitig sind, wenn »keines von ihnen durch einen Vorgang, der von einem anderen dieser Ereignisse ausgeht, selbst bei beliebig großer Geschwindigkeit erreicht werden kann«. Das ist zweifellos richtig, aber jeder Physiker wurde hierauf antworten, dass mit dieser Definition nichts anzufangen sei, da ein Verhältnis zwischen zwei Ereignissen, das dieses Kriterium aufweist, sich im Weltraum nicht feststellen lässt. Dr. Stern wäre also gezwungen, auf diesen Einwand zu erwidern, dass es da rauf auch gar nicht ankomme. Er wäre gezwungen, den einzig entscheidenden Gesichtspunkt geltend zu machen, dass eine Definition der objektiven Gleichzeitigkeit auch dann sinnvoll, möglich und notwendig ist, wenn die Frage der Feststellbarkeit des zeitlichen Verhältnisses zweier Ereignisse überhaupt nicht berührt wird. Wa rum stellt er sich aber dann auf diesen Standpunkt nicht gleich? Wa rum lässt er sich von den Relativisten die Argumentationsbasis vorschreiben? Wa rum zeigt er nicht lieber, dass sie selbst immerfort die Tatsache der objektiven Gleichzeitigkeit voraussetzen, obwohl sie in der Definition der Gleichzeitigkeit das ganze Problem mit der gar nicht dazu gehörenden Aporetik der Konstatierbarkeit belasten, die sie dann zu positivistischen Sophismen verführt? Dr. Stern meint unbedingt das Richtige, ich stimme mit ihm grundsätzlich überein. Aber seine Begründung ist schief, seine neue Definition der Gleichzeitigkeit ist überflüssig, und beide Fehler beruhen da rauf, dass auch er die Probleme nicht säuberlich zu scheiden weiß. B-5) Es ist meines Erachtens falsch, dass durch das Uhrenexperiment die »für unerschütterlich gehaltenen Auffassungen von Raum und Zeit über den Haufen geworfen werden«, wie es auf S. 3 des ersten Aufsatzes von Dr. Stern heißt. Dr. Stern hat es nicht nötig, den Relativisten eine solche Konzession zu machen. Die Relativitätstheorie nimmt an, dass bewegte Uhren langsamer gehen als ruhende. Was heißt denn aber »schneller und langsamer« im zeitlichen Sinn? Es heißt, dass in gleicher Zeit verschiedene Vorgänge verschieden lange Zeitstrecken zurücklegen. Es muss also eine absolute Zeit geben, in der die variable Zeit langsamer oder schneller fließen kann, sonst wäre ihre 1851Weggefährten Variabilität keine zeitliche. Wenn ihre Variabilität eine zeitliche ist, muss es eine absolute Zeit geben, in der sie variabel ist. Wenn ihre Variabilität keine zeitliche ist, so ist die Zeit, die als angeblich variabel ausgegeben wird, in Wirklichkeit die absolute Zeit mit ihrem absoluten, unveränderlichen Gleichstrom, der das Substrat aller zeitlichen Messungen ist. Dann aber verändert sich bei dem Uhrenexperiment nicht die Zeit, sondern es verändert sich – unter bestimmten kinetischen Vo raus set zungen – die Dauer bestimmter Vorgänge in der Zeit. Entweder gerät man also bei der Annahme einer variablen Zeit zu einem regressus infinitus, hinter der relativierten Zeit taucht unweigerlich die »alte« absolute Zeit wieder auf. Oder man meint, wenn man von variabler Zeit spricht, gar nicht die Zeit, sondern Vorgänge, die in der Zeit variabel sind. In keinem Fall kann davon die Rede sein, dass wir unsere für unerschütterlich gehaltenen Auffassungen von der Zeit revidieren müssten. Die Auffassung, dass es eine von den drei Raumdimensionen qualitativ unterschiedene Zeitdimension gibt, deren Besonderheit in ihrem gleichförmig fließenden Charakter besteht, und die die absolute Grundlage aller Zeitmessungen ist, ist in der Tat und nicht nur vermeintlich unerschütterlich. B-6) In der Auseinandersetzung mit der Heisenbergschen Unschärferelation, in der Dr. Stern meines Erachtens grundsätzlich richtige Argumente geltend macht, fehlt die eigentliche philosophische Vertiefung und Verallgemeinerung. Nämlich der Hinweis auf die marxistische Lehre von Notwendigkeit und Zufälligkeit, die für die makrokosmischen Vorgänge ebenso gilt wie für die mikrokosmischen. Erst durch eine allgemeine Klärung dieser Frage würde die Bedeutung des ersten Grundzug der materialistischen Dialektik in diesem Zusammenhang klar hervortreten.513 Es wäre dann auch eine klare Scheidung 513 (AH) Stalins Über dialektischen und historischen Materialismus war in der SBZ/DDR weit verbreitet und innerhalb der Philosophie bis zur Abrechnung mit Stalin grundlegend. Harich kannte die Broschüre sehr gut durch seinen Vorlesungszyklus Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus, den er seit 1948 mehrere Jahre an der Berliner Humboldt-Universität gehalten hatte. Das Vorlesungsprogramm zerfiel in vier Teile, der erste brachte Die Entstehungsgeschichte der Philosophie des Marxismus, der zweite die Grundzüge der Dialektik, der dritte Den philosophischen Materialismus und der vierte Den historischen Materialismus. In der Version, die Harich ab April 1949 vortrug, kommt der Zyklus zum Abdruck. Band 1.1 (Frühe Schriften, Teilband 1: Neuaufbau im zerstörten Berlin), S. 407–498. Der zweite Teil ist, wie gesagt, den Grundzügen der Dialektik nach Stalin gewidmet. Zum Einstieg erklärte Harich: »Den Teilen 2 bis 4 dieser Vorlesung liegt diese Schrift Stalins zu Grunde. Wa rum? Nicht, weil wir im sowjetischen Sektor Berlins leben und weil Stalin das Oberhaupt der SU ist. (Obwohl ich es als bemerkenswerte Tatsache festzuhalten bitte, dass das Staatsoberhaupt der SU Lehrbücher der Philosophie schreibt. Winston Churchill malt Landschaften und der König von Schweden spielt 1852 Teil XV zwischen der wissenschaftlichen Leistung und den falschen philosophischen Schlussfolgerungen möglich. B-7) Dr. Stern versäumt es, zu zeigen, welche weltanschaulichen Schlussfolgerungen sich aus dem Relativismus einerseits und der Leugnung der Kausalität andererseits ergeben. Er zeigt nicht, warum die idealistischen Theorien, mit denen er sich aus ei nander setzt, der Reaktion dienen, welche Konsequenzen sie in den gesellschaftlichen Kämpfen unserer Zeit haben. Er setzt stillschweigend voraus, dass die Leser diesen Zusammenhang von selbst verstehen. Er spricht zwar im Vorwort von Irrlehren, »die den Zweck haben, den dunklen Kräften, die einen neuen Weltbrand entfachen wollen, ihr verbrecherische Spiel zu erleichtern«. Aber diese Bemerkung ist einmal deplatziert, ja, ich möchte sagen: schädlich, weil sie denen, die er überzeugen will, gleichsam mit dem Holzhammer über den Schädel schlägt, und sie es zum anderen völlig abstrakt, weil in den da rauf folgenden Aufsätzen zwar viel von Idealismus, Positivismus, Wissenschaftsfeindlichkeit usw. die Rede ist, aber an keinem einzigen Punkt konkret gezeigt wird, inwiefern gerade diese bestimmten, von ihm kritisierten Theorien zu bestimmten Schlussfolgerungen auch in Bezug auf das gesellschaftliche Leben führen, die objektiv – ob das den idealistischen Physikern bewusst ist oder nicht – der ideologischen Verwirrung der Massen und damit den Interessen der Reaktion Vorschub leisten. Weltanschaulich und politisch überzeugend wäre die Arbeit dann, wenn die theoretischen Ausführungen nicht mit allgemeinen Schlagworten verbrämt wären, sondern wenn konkret nachgewiesen würde, welcher Zusammenhang zwischen physikalischem Idealismus und politischer Reaktion besteht. Alle diese Einwände berühren wie gesagt nicht die grundsätzliche Tendenz und den grundsätzlichen Standpunkt des Verfassers, mit dem ich in den wesentlichen Fragen übereinstimme. Ich sehe aber keine Möglichkeit, die Arbeit in der vorliegenden Form zu veröffentlichen. Vertretbar und zu begrüßen wäre die Veröffentlichung der einzelnen Tennis.). Sondern aus einem sachlichen und einem didaktischen Grund. Sachlicher Grund: Die marxistische Theorie ist der Inhalt der Erfahrungen der Arbeiterbewegung aller Länder. Sie entwickelt sich in dem Maß weiter, in welchem die Weltgeschichte ihren Fortgang nimmt, sie nimmt neue Inhalte, neue Erfahrungen auf. Schon Marx’ und Engels’ Lehre hätte nicht entstehen können, ohne die realen geschichtlichen Erfahrungen der vormarxistischen Arbeiterbewegung. (Marx und Engels haben selbst ihre Lehre anhand von neuen Erfahrungen weiterentwickelt.) Deshalb ist es heute notwendig, von der modernsten Erscheinungsform, des Marxismus auszugehen, die gesättigt ist mit den Erfahrungen von einem Jahrhundert Marxismus und dem Aufbau des Sozialismus in der SU.« (Ebd., S. 427.) 1853Weggefährten Aufsätze als Zeitschriftenartikel. Möglich und zu begrüßen wäre ebenfalls eine nochmalige Überarbeitung des Manuskripts zu einer wirklich folgerichtigen, in sich geschlossenen Arbeit unter Berücksichtigung der obigen Einwände. Die Berücksichtigung der unter A aufgeführten Einwände ist die conditio sine qua non eines Broschürendrucks. Über die Einwände, die ich unter B aufgeführt habe, und über die Einwände, die Herr Vogel in dem beiliegenden Gutachten gibt, müsste mit dem Verfasser diskutiert werden. Hier sind Irrtümer und Missverständnisse auf Seiten der Gutachter, die selbst keine Fachleute sind, möglich. (Handschriftlicher Zusatz vom 27. März 1952, AH:) Ich habe inzwischen auch das Gutachten von Herrn Dr. Singer gelesen. Ich halte zumindest seine Äußerungen über den absoluten Raum, der nach seiner Ansicht »nicht ruhen« darf, für falsch! Hausmitteilung zu Victor Stern: Gegen den physikalischen Idealismus514 (14. Juli 1952) Ich möchte mit Ihnen die folgenden Fragen besprechen: Die Broschüre Gegen den physikalischen Idealismus von Victor Stern liegt im Satz vor. Sie hat durch die nochmalige Überarbeitung außerordentlich gewonnen. Stern schlägt nun vor, zwei Briefe, die er an Prof. Einstein richtete, in die Broschüre aufzunehmen, hat aber gleichzeitig Bedenken, den Antwortbrief Einsteins an ihn ebenfalls zu veröffentlichen, da dieser verständnislose Äußerungen über den dialektischen Materialismus enthält, deren Veröffentlichung sowohl Einstein blamieren, als auch uns schaden würde. Ich bin der Meinung, dass wir von einer Veröffentlichung der Briefe überhaupt absehen sollten, da es weder angeht, nur die Briefe von Stern zu bringen ohne das Schreiben von Einstein, auf das sich der zweite Brief ständig bezieht, noch ratsam zu sein scheint, auch den Einsteinschen Brief abzudrucken. In der Anlage übersende ich Ihnen jedenfalls das Material, das Stern uns übersandt hat. Nach meiner Meinung hat Stern recht und Einstein beweist in seinen Gegeneinwänden seine positivistische Auffassung. Frage: Soll das Lektorat Stern veranlassen, auf den Abdruck seiner Briefe in der Broschüre zu verzichten? Ich würde vorschlagen: Ja. 514 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 14. Juli 1952. Adressiert an Erich Wendt. Das erhaltene Dokument bricht nach einer Seite ab, nach der Abhandlung des 1. Punktes. 1854 Teil XV Eröffnung der Diskussion Über philosophische Fragen der modernen Physik515 (1953) Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik – so heißt ein Buch von Victor Stern, das Ende 1952 im Aufbau-Verlag erschienen ist. Es enthält die Aufsätze: Zur Kritik der Erkenntnistheorie der Relativitätstheorie, Kritische Bemerkungen zu Einsteinschen Definition der Gleichzeitigkeit und Die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation und der »physikalische« Idealismus. In der Absicht, den Meinungskampf über die weltanschaulich so überaus belangvollen Grundfragen der modernen Physik auch in Deutschland anzuregen, haben wir uns an eine Reihe von Physikern und Philosophen mit der Bitte gewandt, uns ihr Urteil über Sterns Ansichten und ihre Auffassung der von ihm behandelten Probleme mitzuteilen. Wir veröffentlichen hier nun einen Teil der bisher vorliegenden Beiträge in der Reihenfolge, in der sie bei der Redaktion eintrafen. In den nächsten Heften soll diese Debatte fortgesetzt werden. Auch in diesem Falle ist es unser Wunsch, dass das neue Diskussionsforum, das unsere Zeitschrift in ihren Spalten eröffnet hat, von allen an der Sache Interessierten ausgenutzt werden möge. Eine Ausdehnung des Meinungsstreits auch auf solche Grundlagenprobleme der modernen Physik, die von Stern nicht berührt werden, werden wir lebhaft begrüßen. Brief an Victor Stern516 (24. September 1953) Lieber Genosse Stern! Bevor ich Dein Manuskript Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie in Satz gebe, schicke ich Dir heute noch einmal den Aufsatz über den Existenzialismus zu. Ich möchte Dich bitten, im Hinblick da rauf, dass Sartre sich seit einiger Zeit zur Friedensbewegung bekennt, bestimmte Schärfen in der Auseinandersetzung mit ihm nochmals zu überprüfen. Außerdem enthalten vielleicht ein paar der Bemerkungen, die an den Rand des Manuskripts geschrieben wurden, Hinweise, die einer Verbesserung dieses Beitrags dienlich sein könnten. Ob die Bezugnahme auf den Kurier vom 14. Juni 1947 und auf den dort abgedruckten Artikel eines gewissen Christian D. Ernst wert ist, in 515 (AH) Mit dem folgenden kleinen Text eröffnete Harich im zweiten Heft des Jahres 1953 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie (S. 378) die Debatte zu den Thesen und Theorien von Victor Stern sowie, übergeordnet, zur Tragfähigkeit des philosophischen Marxismus. 516 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 24. September 1953. Adressiert an Sterns Privatadresse. 1855Weggefährten Buchform verewigt zu werden, ist eine Frage, die ich Dich ebenfalls nochmals zu überlegen bitte. Sobald Du den Aufsatz über den Existenzialismus zurückgeschickt haben wirst, werden wir das ganze Manuskripte in Satz geben. Bitte entschuldige, dass die ganze Angelegenheit sich durch meinen Krankenhausaufenthalt und anschließenden Urlaub derartig verzögert hat. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Hausmitteilung zu Victor Stern: Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie517 (06. November 1953) Ich bitte das Versehen zu entschuldigen, das mit dem Nachtrag zum Vorwort passiert ist. Dieser Nachtrag, der von Stern offenbar bei der nochmaligen Revision einiger von mir beanstandeter Stellen in Artikeln nachträglich eingefügt worden ist, ist mir jetzt erst bekannt geworden. Es ist klar, dass er zum Abdruck absolut nicht in Frage kommt. Ich schicke ihn heute an Stern mit der Bitte, ihn ganz fort zu lassen oder neu zu schreiben unter Fortlassung all der parteiinternen Dinge, die zu veröffentlichen gänzlich unangebracht ist. Ich schlage vor, das Manuskript des Buches nichts desto weniger in Satz zu geben. Falls Stern einen neuen Nachtrag zum Vorwort zu schreiben für nötig hält, kann dieser nachgeliefert werden, was keine großen Schwierigkeiten bereiten würde, da zunächst in Fahnen gesetzt wird. Brief an Victor Stern518 (06. November 1953) Lieber Genosse Stern! Wie ich Dir schon telefonisch mitteilte, ist das Manuskript Deines Buches Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie inzwischen in Satz gegangen. Unmöglich kann aber der Nachtrag zum Vorwort veröffentlicht werden, den ich Dir in der Anlage zu- 517 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 06. November 1953. Hausmitteilung, Lektorat Klassisches Erbe. Z. Hd. Max Schroeder. 518 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 06. November 1953. Adressiert an Sterns Privatadresse. 1856 Teil XV rückschicke. Der Nachtrag ist so geschrieben, als ob es sich um die Publikation eines Parteiverlages handelte, außerdem enthält er Interna (zum Teil reine Parteiinterna) über die Vorgeschichte der Ablehnungen und Begutachtungen, die in der Veröffentlichung völlig fehl am Platze wären. Ich schlage Dir nun vor, entweder den Nachtrag zum Vorwort gänzlich fort zu lassen oder ihn völlig neu zu formulieren, so dass er für die Veröffentlichung in Frage kommt. Auch das Vorwort halte ich noch zurück, da es vielleicht zweckmäßig sein wird, dass Du die nötigen einleitenden Bemerkungen zu dem Buch in einem einzigen, neu zu schreibenden Vorwort zusammenfasst. Das Manuskript des neuen Vorwortes werden wir, sobald es vorliegt, dann ebenfalls in Satz geben. Mit besten Grüßen Dein Zwei Entwürfe für Gutachten zu Victor Stern: Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie519 (1954) 1. Entwurf: Es handelt sich bei diesem Buch, dessen Veröffentlichung in der kleinen Serie des Aufbau-Verlages ich hiermit empfehle, um eine Zusammenstellung von Artikeln und kleinen Abhandlungen philosophischen Inhalts, die der Verfasser in den letzten Jahren in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hat. Die Arbeiten sind größtenteils interessant und haben noch heute aktuelles Interesse, wenn sie auch nicht von überragendem Niveau sind. Auf Anraten des Lektorat hat der Verfasser inzwischen einige Änderungen vorgenommen, so dass jetzt das Manuskript in Satz gehen kann. 2. Entwurf: Das Buch Zeit- und Streitfragen der marxistischen Philosophie soll in der kleinen Reihe des Aufbau-Verlages erscheinen, in der bisher die Schriften Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik von Victor Stern und die Kritik des physikalischen Idealismus von Bela Fogarasi erschienen sind. Bei dem Buch handelt es sich um eine Zusammenstellung von Aufsätzen und Artikel, die der Verfasser, Dr. Victor Stern, Dozent für Philosophie an der Parteihochschule Karl Marx, in den Jahren 1945 bis 1952 in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hat. Die Beiträge sind über den unmittelbaren Anlass ihrer Entstehung hinaus interessant genug, um nochmals dem Leser in dieser Form zugänglich gemacht zu werden. Zum Teil werden in ihnen wich- 519 (AH) 2 einzelne Blatt, maschinenschriftlich, um 1953/1954, beide nicht datiert oder adressiert. 1857Weggefährten tige Fragen des ideologischen Kampfes berührt, in denen sich der Verfasser vom marxistischen Standpunkt aus, polemisch abrechnend mit den Vertretern feindlicher Strömungen, auseinandersetzt. Die Sammlung der Beiträge lag vor Jahren bereits den marxistischen Theoretikern Ernst Hoffmann und Klaus Schrickel zur Begutachtung vor. Auf Grund dieser Gutachten hat der Verfasser eine nochmalige Überarbeitung vorgenommen. Gutachten zu: Victor Stern: Raum, Zeit, Bewegung im Lichte der modernen Naturwissenschaft520 (16. September 1955) Wir beabsichtigen, außerplanmäßig ein neues Buch über philosophische Probleme der modernen Physik, das uns Prof. Dr. Victor Stern, Kleinmachnow, im Frühjahr dieses Jahres vorlegte, herauszubringen. Das Buch trägt den Titel: Raum, Zeit, Bewegung im Lichte der modernen Naturwissenschaft. Es handelt sich dabei um eine Fortführung des 1952 bei uns erschienenen Buches Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik, das den Ausgangspunkt und die Grundlage der seit 1953 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie laufenden Physik-Diskussion bildet, die zur Zeit noch nicht abgeschlossen ist. Dem Verfasser wurden in dieser Diskussion, abgesehen von grundsätzlichen Ablehnungen von Seiten idealistisch eingestellter Physiker, auch einige Unklarheiten sachlich begründet vorgeworfen, die die Darlegung seines materialistischen Standpunktes beeinträchtigen. Stern hat nun in dem neuen Buch diese Einwände, freilich ohne explizit auf die Diskussion einzugehen, berücksichtigt, so dass sein philosophisches Anliegen nunmehr klar und widerspruchslos hervortritt. Es geht ihm hier wieder darum, den philosophischen Gehalt der Relativitätstheorie mit den Argumenten des dialektischen Materialismus als haltlos zu erweisen. Ob die Auffassungen, die Stern dabei entwickelt, grundsätzlich richtig sind, ist im gegenwärtigen Stadium der Diskussion noch außer ordent lich umstritten. Immerhin muss da rauf hingewiesen werden, dass die prinzipiellen Einwände, die bisher in der Diskussion gegen Stern geltend gemacht wurden, fast durchweg auf der Linie des Positivismus liegen. Schon aus diesem Grunde erscheint die Veröffentlichung der neuen Arbeit von Stern als gerechtfertigt. Um Druckgenehmigung wird gebeten. 520 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 16. September 1955. Adressiert an das »Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1858 Teil XV II: Georg Klaus Brief an Georg Klaus521 (01. April 1950) Lieber Genosse Georg Klaus! Hierdurch teile ich Dir mit, dass ich – neben meiner Arbeit als Redakteur der Zeitschrift Neue Welt – jetzt das Lektorat für Philosophie, Wissenschaft und Essayistik beim Aufbau-Verlag übernommen habe. In dieser Funktion habe ich den Auftrag erhalten, die Herausgabe einer Serie von Auswahlbänden mit den Werken der Klassiker der englischen, französischen, russischen und deutschen bürgerlichen Philosophie zu organisieren. Jede Publikation dieser Serie, die unter dem Sammeltitel Sammlung Klassisches Erbe erscheinen wird, soll nach den Gesichtspunkten ausgewählt und zusammengestellt werden, die der Aufgabenstellung unseres Kampfes an der ideologischen Front entspricht, und mit einer Einleitung versehen sein, die die historische Bedeutung des jeweiligen Klassikers der bürgerlichen Philosophie, seine Größe und seine Begrenztheit und den fortwirkenden Erkenntnisinhalt seiner Werke vom Standpunkt des Marxismus-Leninismus erklärt. Über die Wichtigkeit der geplanten Serie, für deren Erarbeitung der Aufbau-Verlag auch Deiner Hilfe und Mitwirkung dringend bedarf, braucht man, glaube ich, nicht viele Worte zu verlieren. Was die fortschrittliche Philosophie Englands und Frankreichs im 17. und 18. Jahrhundert und Russlands im 19. Jahrhundert betrifft, so liegt es auf der Hand, dass wir unbedingt die Aufgabe haben, die Werke der großen materialistischen und revolutionären Denker dieser Länder, die von der traditionellen bürgerlichen Philosophiegeschichtsschreibung in Deutschland völlig bagatellisiert, verdunkelt, ja, verleumdet wurden, allen geistig interessierten, fortschrittlich gesinnten Menschen unseres Volkes, vor allem der Jugend, nahe zu bringen. Im Hinblick auf unsere eigenen nationalen Traditionen sind wir verpflichtet, eine Reihe von Werken der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie, die völlig in Vergessenheit geraten und seit vielen Jahrzehnten, teilweise seit Jahrhunderten, im Bücherschrank unserer Gebildeten nicht mehr zu finden sind, auszugraben 521 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. April 1950. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1859Weggefährten und neu zu veröffentlichen (ich denke zum Beispiel an Georg Forster). Bei der He rausga be der deutschen Aufklärer und der klassischen deutschen Philosophen müssen wir überdies da rauf bedacht sein, dass deren Werke gleichsam von einer kompletten Pa läon to lo gie verfälschender Interpretationen schichtweise überlagert sind, die es jetzt, um endlich der Wahrheit die Ehre zu geben, zu zerstören und durch neue, wahrhaft wissenschaftliche Deutungen zu ersetzen gilt. Tatsächlich ist es zur Zeit nicht möglich, bei Vorlesungen über die klassische deutsche Philosophie den Studierenden irgendwelche Literaturangaben zu vermitteln, ohne auf die Fragwürdigkeit und den irreführenden Charakter der vorliegenden bürgerlichen Interpretationen hinzuweisen. Dieses Dilemma wird selbstverständlich erst völlig überwunden werden können, wenn eine marxistische Geschichte der klassischen deutschen Philosophie und Literatur erarbeitet sein wird. Ehe diese gewaltige und komplizierte Arbeit geleistet sein kann, wird indes noch geraume Zeit verstreichen. Ich glaube, dass jedoch jetzt schon die Möglichkeit besteht, durch neu kommentierte Klassiker-Ausgaben die ärgsten Missverständnisse zu beseitigen, die empfindlichsten Lücken zu füllen, und damit wertvolle Vorarbeit für eine spätere wissenschaftliche Geschichte der deutschen Philosophie und Literatur zu leisten. Die doppelte Aufgabe – Vermittlung der fortschrittlichen Philosophie Englands, Frankreichs und Russlands und Neuentdeckung unserer eigenen fortschrittlichen Traditionen – kann heute nur in der Deutschen Demokratischen Republik in Angriff genommen werden. Wir müssen uns, glaube ich, da rü ber klar sein, dass eine ganze Generation deutscher Intellektueller in Bezug auf das klassische Erbe halbgebildet und in reaktionären Missverständnissen und Irrtümern verstrickt bleiben wird, wenn wir uns nicht jetzt schon bereit finden, das große Vermächtnis an Erkenntnissen, das die Geschichte uns hinterlassen hat, in der Weise neu zu erobern und zu propagieren, wie das die Sowjetwissenschaft mit den Werken der Belinski, Herzen, Dobroljubow, Tschernyschewski usw. vorbildhaft getan hat. Ich habe da ran gedacht, dass Du die Herausgabe und Einleitung der (so genannten »vorkritischen«) Frühschriften von Kant übernehmen könntest. Diese Publikation könnte ein bis zwei Bände umfassen. Es käme da rauf an, in der Einleitung mit der traditionellen einseitigen Hervorhebung der drei Kritiken durch die bürgerliche Philosophiegeschichtsschreibung abzurechnen, die Situation in der deutschen Philosophie der Mitte des 18. Jahrhunderts (auf der Grundlage einer Analyse der deutschen Mise- 1860 Teil XV re) zu kennzeichnen, die Bedeutung der Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels herauszuarbeiten, und die Aufklärertendenzen Kants, zum Beispiel den kämpferischen Charakter der Träume eines Geistersehers, zu betonen. Ich glaube, dass eine solche Arbeit auf der Linie Deiner Habilitation liegt, die Du ja, wie mir kürzlich der Genosse Hollitscher sagte, mit Glanz bestanden haben sollst, wozu ich Dich herzlich beglückwünsche. Über alles Nähere müssten wir noch miteinander sprechen. Möglicherweise beurteile ich den jungen und mittleren Kant nicht ganz so richtig und angemessen, wie es Dir nach Deiner Erarbeitung dieses Themas möglich sein wird. Ich bitte Dich, erwägt zu wollen, ob Du prinzipiell gewillt bist, diesen Auftrag des Aufbau-Verlages anzunehmen. Bitte teile mir gleichzeitig mit, welche Werke von Kant Du einer Neuherausgabe für Wert befindest, welches Quellenmaterial ich Dir besorgen und zustellen soll, wann Du etwa die Einleitung geschrieben haben könntest, und ob Du uns irgendwelche Vorschläge in Bezug auf die Neuherausgabe anderer Klassiker der Philosophie zu machen hast. Es wäre schön, wenn wir damit rechnen könnten, dass Deine Arbeit in einem Vierteljahr bereits vorliegt. Jedoch sind wir gern bereit, auch ein halbes Jahr oder noch länger zu warten, sofern wir die Gewähr haben können, dass Du uns eines Tages eine Arbeit zur Verfügung stellen wirst, die in unseren Publikationsplan hineinpasst. Alle Arbeiten, die mit der Beschaffung des Quellenmaterials, mit Abschriften aus Büchern und Manuskripten usw. zusammenhängen, erledigt der Aufbau-Verlag. Die Honorierung wird in jedem Fall verhältnismäßig sehr anständig ausfallen können, da es sich in der überwiegenden Mehrzahl um die Herausgabe von Werken handelt, die verlagsrechtlich »frei« sind. Zu jeder Rücksprache stehe ich Dir zur Verfügung, und ich bin auch bereit, Dich persönlich aufzusuchen und alles Nähere mit Dir zu beraten. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein (AH) Georg Klaus antwortete bereits am 5. April 1950. Der Brief enthielt unter anderem eine ausführliche Aufstellung der frühen Schriften Kants, die zu edieren wären. Er beginnt mit den Worten (die hier wiedergegeben werden, da sie einen interessanten Einblick in die junge DDR-Philosophie geben): »Lieber Genosse Harich! Dein Brief vom 1. April kommt mir – sofern es sich nicht um einen Aprilscherz handelt – sehr gelegen. Ich habe schon einmal in einer Eingabe an den Parteivorstand meine prinzipielle Kritik am Felix-Meiner-Verlag, Leipzig, (gegen dessen idealistische Tendenzen Dein Plan offensichtlich eine materialistische Ge- 1861Weggefährten genoffensive wäre) zum Ausdruck gebracht. Was hat Meiner neu aufgelegt? Plato, Aristoteles, Nikolaus de Cues usw., fast nur Idealisten! Und das, obwohl ich auf eine Neuauflage von Bacon, d’Alembert (Einleitung zur Enzyklopädie) usw. gedrängt habe. Die Tendenz ist offensichtlich! Das betrifft aber nicht nur die Werke selbst. Noch schlimmer steht es mit Vorwörtern und Anmerkungen, die zum Teil eine völlige Verfälschung des wahren Charakters des betreffenden Philosophen darstellen. Ich begrüße deshalb Deine Absicht sehr!« Brief an Georg Klaus522 (13. April 1950) Lieber Genosse Klaus! Vielen Dank für Deinen Brief vom 5. April. Es ist kein Aprilscherz, sondern die blutige Wahrheit. Ich darf Dir hiermit im Auftrage des Aufbau-Verlages offiziell den Auftrag erteilen, im Rahmen der Sammlung Klassisches Erbe die Herausgabe eines Auswahlbandes der Frühschriften von Kant (bis 1770) zu besorgen und diese Ausgabe mit einer marxistisch-leninistischen Einleitung zu versehen, deren Länge Deinem Belieben überlassen bleibt. Ich bitte Dich, uns möglichst bald mitteilen zu wollen, a) welche Werke von Kant Du definitiv in diese Auswahl aufzunehmen wünscht, b) bis wann Du die Einleitung fertig gestellt haben könntest, c) welche Vorschläge Du uns für eine vertragliche Fixierung unserer Vereinbarung zu machen hast, oder ob wir Dir erst mitteilen sollen, wie hoch wir die Abfassung der Einleitung etwa zu honorieren im Stande sind. Bitte lass Dir mit der Einleitung, die eine gründliche, gediegene und wirklich hieb- und stichfeste Arbeit sein soll, genügend Zeit. Es würde völlig genügen, wenn Du sie bis zum 1. August 1950 fertig hast. Die Einhaltung dieses Termins, glaube ich, dürfte Dir nach Deiner Habilitationsarbeit über dieses Thema nicht allzu schwer fallen, jedoch wäre ich, wenn es nötig ist, bereit, auch noch länger zu warten. Mir scheint, dass die Einleitung ausgehen sollte von einer Auseinandersetzung mit den Verfälschungen Kants durch die Neukantianer usw. Es müsste dann wenigstens andeutungsweise von den Anfängen einer wenn auch nicht revolutionären, so doch emanzipatorischen Bewegung des deutschen Bürgertums im 18. Jahrhundert und von dem Verhältnis dieser Bewegung zum Kampf des englischen und französischen Bürgertums im 17. und 18. Jahrhundert die Rede sein. Dabei müssten die Schwächen Kants, seine Zaghaftigkeit im Vergleich 522 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 13. April 1950. Adressiert »Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1862 Teil XV zum Beispiel mit den französischen Materialisten, in ihrer historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit deutlich gemacht, zugleich aber auch seine eminenten Verdienste aufgezeigt werden. Es wäre ferner wichtig, d) etwas über den Entwicklungsstand derjenigen Naturwissenschaften zur Zeit Kants zu bringen, um deren Weiterentwicklung und Bereicherung Kant sich in den angeführten Schriften bemüht hat, ferner e) wären die Resultate, zu denen Kant gelangt, am Standpunkt des dialektischen Materialismus und an den neuesten Forschungsresultaten der Naturwissenschaften auf diesem Gebiet zu messen. (Zum Beispiel genügt nicht die Interpretation der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels in ihrer historischen Bedeutung, wenn nicht zugleich die Frage beantwortet wird, ob und wie weit die Kant-Laplacesche Theorie heute noch als gültig anzusprechen ist, durch welche Forschungsresultate sie nach dem jetzigen Stand der Naturwissenschaften ergänzt, korrigiert bzw. überwunden wurde.) Schließlich wäre es wichtig, f ) wenn jeder einzelnen Schrift Kants, die in dem Band enthalten sein wird, jeweils ein Abschnitt der Einleitung eigens gewidmet ist, der die Entstehungsgeschichte der Schrift kurz skizziert und die Kernpunkte ihres Inhalts gemeinverständlich dar legt. Ich glaube und ich hoffe, dass ich Dir damit lediglich Binsenwahrheiten mitteilte. Falls das Gegenteil der Fall sein sollte, falls Du empört sein solltest über eine »Bevormundung«, die aber gar nicht in meiner Absicht liegt, so wirst Du mich Deinen Gegenargumenten stets geneigt finden. Meiner Meinung nach sollte man diejenigen Schriften von Kant, die man überhaupt in diesen Band aufnimmt, dann auch ungekürzt abdrucken auf die Gefahr hin, dass die Einleitung auf Dinge hinweisen müsste, die heute völlig falsch und ungenießbar sind. Dein Vorschlag wegen Condillac ist sehr interessant. Ich muss aber noch mit der Verlagsleitung da rü ber sprechen und gebe Dir dann, eventuell schon in der nächsten Woche, definitiv Bescheid. Ebenso über die Vorsokratiker, die ich aber nicht mit diesem diffamierenden Namen zu belegen bitte. In Erwartung Deiner baldigen Antwort verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen, Dein sehr ergebener 1863Weggefährten Brief an Georg Klaus523 (20. April 1950) Lieber Genosse Klaus! Nach Rücksprache mit der Direktion des Aufbau-Verlages kann ich Dir zu meiner Freude mitteilen, dass wir auch La Logique und La Langue des calculs von Condillac, in einem Band vereint, in die Sammlung Klassisches Erbe aufzunehmen gedenken. Der Auftrag, den ich Dir durch mein Schreiben vom 13. dieses Monats erteilte habe, wird damit also in folgender Weise erweitert: 1) Du machst eine Aufstellung derjenigen Frühschriften von Kant, die nach Deiner Meinung in unserer Auswahl aufgenommen werden müssten, möglichst sofort, sagen wir: innerhalb von 14 Tagen. Der Verlag erledigt alle verlagsrechtlichen usw. Angelegenheiten. Das Maschinenmanuskript der Abschrift geht Dir zur eventuellen Durchsicht bis zum 1. Juni vom Verlag zu. 2) Du lieferst die Einleitung zu der Kant-Auswahl bis zum 1. August 1950. Eventuelle Änderungsvorschläge besprechen wir mit Dir im Kreis einiger fachkundiger Genossen gemeinsam. Du bist prinzipiell bereit, eine nochmalige Überarbeitung der Einleitung bis Oktober 1950 vorzunehmen, falls die Diskussion ergeben sollte, dass dies notwendig ist, und falls die Argumente der Genossen Dich überzeugt haben. 3) Du lieferst ein französisches Original der Schriften von Condillac und Deine Übersetzung bis zum 1. November 1950. Der Verlag lässt die Übersetzung prüfen und redigieren, falls sich dies als notwendig herausstellen sollte. Jede Korrektur muss aber vorher mit Dir besprochen werden. Für die Übersetzung erhältst Du das übliche Übersetzerhonorar. Die Tarif setzte hierfür betragen pro Druckseite 8–15 DM, differenziert je nach Schwierigkeit des Textes und Qualität der Übersetzung. Wenn die Übersetzung sachlich und im deutschen Stil einwandfrei ist, so kannst Du mit Bestimmtheit damit rechnen, dass Dir in Anbetracht der Pioniertat, die die erste deutsche Übersetzung Condillacs gemeinhin ist, das höchstmögliche Übersetzerhonorar zugestanden werden wird. 523 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. April 1950. Adressiert »Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1864 Teil XV 4) Du lieferst bis zum 1. Dezember 1950 einen Essay über Condillac als Einleitung zu dem unter 3) angeführten Band. Dabei wird genauso verfahren wie im Fall der Einleitung zu Kants Frühschriften. 5) Die Einleitungen zu den Auswahlbänden von Kant und Condillac werden Dir honoriert. Die Sätze für diese Honorare stehen noch nicht fest. Die Verlagsleitung ist gerade dabei, eine diesbezügliche Kalkulation aufzustellen. Sobald diese vorliegt, werde ich Dir mitteilen, wie hoch wir die Einleitungen ungefähr werden bezahlen können. Es wird das Beste sein, dass wir dann eine vertragliche Vereinbarung schließen Was Dein Buch über die Geschichte der »vorsokratischen« Philosophie betrifft, so bin ich gespannt, Dein Manuskript zu Gesicht zu bekommen. Selbstverständlich besteht prinzipiell die Möglichkeit, dass ein solches Buch bei uns – allerdings außerhalb der genannten Serie – herauskommt. Jedenfalls sind die oben präzisierten Aufträge dringlicher, und ich meine, dass wir erst nach ihrer Erledigung – also im nächsten Jahr – noch einmal über diesen dritten Deiner Vorschläge sprechen sollten. In Erwartung Deiner Antwort und in der Hoffnung, dass Du mit dem obigen Programm einverstanden bist, verbleibe ich, Dein ergebener Brief an Georg Klaus524 (04. Mai 1950) Lieber Genosse Klaus! Ich hoffe, dass Du gesund und munter von Deiner Agitationsreise nach dem Westen zurückgekehrt bist. Inzwischen liegt die finanzielle Kalkulation des Verlages vor, die es gestattet, Dir die ungefähre Höhe der Honorare mitzuteilen, auf die Du als Herausgeber der Frühschriften von Kant und der bisher unübersetzten Alterswerke von Condillac rechnen kannst: 1) Der Verlag zahlt für Übersetzungsarbeiten pro Schreibmaschinenseite 8–15 DM, differenziert je nach Schwierigkeit der Aufgabe und Qualität der Übersetzung. Die Übersetzungen werden vor der Drucklegung im Verlag von Sachverständigen überprüft, deren Stimme bei der Festsetzung des Honorars das entscheidende Gewicht hat. 2) Der Verlag zahlt für die Auswahl pro Druckbogen (16 Seiten des 524 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 04. Mai 1950. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1865Weggefährten fertig vorliegenden Bandes) 100–200 DM, je nach Schwierigkeit der Aufgabe, der philologischen Erfordernisse usw. 3) Der Verlag zahlt für die Einleitung pro Druckbogen mindestens 500 DM, höchstens 900 DM, differenziert je nach Schwierigkeit des Themas und Qualität des Beitrages. Die Einleitungen sollen höchstens 50 Druckseiten betragen. Ich hoffe, dass Du auf Grund dieser Aussagen bereit bist, mit uns eine vertragliche Abmachung zu schließen. Diese Abmachung sollte Deinerseits die folgenden Verpflichtungen enthalten: 1) Lieferung der Einleitung zu der Kant-Auswahl bis zum 15. September 1950, 2) Lieferung des französischen Originals der Schriften von Condillac und Deiner Übersetzung bis zum 1. November 1950, 3) Lieferung der Condillac-Einleitung bis zum 1. Dezember 1950. Es ist geplant, dass die Kant-Auswahl bis zum 1. November 1950 druckreif in die Herstellung gehen und noch bis Weihnachten an den Buchhandel ausgeliefert werden soll. Die Condillac-Auswahl soll bis zum 1. Januar 1951 druckreif in die Herstellung gehen. Bei der Condillac-Auswahl bitte ich Dich zu überlegen, ob es möglich und zweckmäßig ist, in dem Band auch eine Auswahl von bereits in deutscher Übersetzung vorliegender Schriften von Condillac aufzunehmen, oder ob wir uns auf die Herausgabe von La Logique und La Langue des calculs beschränken sollen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dich gleich fragen, ob es Dir möglich ist, die Kosten der Herstellung durch Besorgung derjenigen Bücher von Kant, die in Deine Auswahl aufgenommen werden sollen, senken zu helfen? Es handelt sich darum, dass diese Bücher hier schlecht aufzutreiben sind. Wenn wir Abschriften oder Fotokopien aus der in der Bibliothek des Kulturbundes vorhandenen Akademie-Ausgabe vornehmen wollten, würde uns das teuer zu stehen kommen. Es wäre billiger, wenn wir die Bücher käuflich erwerben, sie auseinandernehmen und die Druckbögen lose in die Setzerei geben würden. Die Bücher sind in hiesigen Antiquariaten allerdings nicht aufzutreiben. Vor allem fehlt völlig eine deutsche Übersetzung der Nova dilucidatio usw. von 1755. Vielleicht könntest Du uns wenigstens diese Arbeit von Kant schicken? Wenn es die Bücher nicht käuflich zu erwerben gibt, müssten wir in den sauren Apfel der Fotokopie beißen. Die Hauptsache ist, dass ich recht bald von Dir Bescheid bekomme, ob und wann du mit uns den Vertrag unterzeichnen kannst. Solltest Du nicht nach Berlin kommen, so 1866 Teil XV kann ich Dir den Vertrag schicken und Dich um Rücksendung der von Dir unterschriebenen Kopie bitten. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein stets getreuer Brief an Georg Klaus525 (26. Mai 1950) Lieber Genosse Klaus! In der Anlage übersende ich Dir den Vertrag über die Herausgabe der Werke von Kant und Condillac. Ich bitte Dich, den Durchschlag des Vertrages zu unterschreiben und an uns zurückzusenden. Solltest Du mit irgendwelchen Punkten des Vertrages nicht einverstanden sein, so bitte ich Dich die erforderlichen Änderungen mit Herrn Wendt direkt zu besprechen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Klaus526 (27. Juni 1950) Lieber Genosse Klaus! Ich danke Dir sehr für die Übersendung des Vertrages und für Deinen Brief vom 6. dieses Monats. Mit den Terminänderungen ist unser Verlag einverstanden. Wir erwarten jedoch mit Bestimmtheit, dass diese Termine eingehalten werden, damit wir das Projekt der Veröffentlichung der Sammlung Klassisches Erbe pünktlich und laufend verwirklichen können. Ich werde mich also wegen der Einleitung zu dem Kant-Buch Anfang Februar bei Dir wieder in Erinnerung bringen. Im Übrigen hoffe ich, dass wir uns in den Semesterferien einmal gründlich über verschiedene Fragen der Lehrtätigkeit, der wissenschaftlichen Publikation usw. aussprechen können, da ich vermute, dass ich mit bestimmten Fragen, 525 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 26. Mai 1950. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. Brief per Einschreiben. 526 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 27. Juni 1950. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1867Weggefährten die mir bei meiner eigenen Arbeit zu schaffen machen, nicht allein stehe. Man sollte überhaupt dafür Sorge tragen, dass wir philosophierenden Genossen öfter Gelegenheit hätten zu diskutieren, und ich würde es begrüßen, wenn auch Du Dich dafür einsetzen würdest, dass bald einmal von der Partei eine solche Zusammenkunft veranstaltet wird. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein stets getreuer Brief an Georg Klaus527 (20. September 1950) Lieber Genosse Klaus! In der Angelegenheit der Frau des Genossen Warnke kann ich Dir momentan noch nicht Bescheid geben, da der dafür zuständige Lektor, Genosse Max Schroeder, bis Ende des Monats auf Urlaub ist. Ich werde ihm die Angelegenheit vortragen, sobald er wieder hier arbeitet und Dir dann schreiben. Was Deine Kant-Arbeit betrifft, so kannst Du Dich da rauf verlassen, dass sie keineswegs nur von mir, sondern auch von naturwissenschaftlich und mathematisch versierten Fachleuten ernsthaft geprüft werden wird (ich beabsichtige, die Arbeit den Genossen Hollitscher, Zweiling und Zahn vorzulegen). Meine eigenen Einwände beziehen sich in erster Linie auf die Art der Disposition. Eine detaillierte Stellungnahme werde ich Dir bis spätestens Mitte Oktober zugehen lassen. Bis Anfang Oktober bin ich noch bestens mit der Arbeit an der Herder-Ausgabe und an der Fichte-Ausgabe, die der Genosse Streisand herausgibt, eingedeckt. Ich habe bisher lediglich Deine Einleitung einmal durchlesen und die Auswahl der Frühschriften Kants studieren können, die ich sehr gut fand. Die Einleitung wird jetzt gerade von dem Genossen Max Schroeder gelesen. Ich bitte Dich, uns, nun so bald wie möglich, Deine Übersetzung der beiden Werke von Condillac zuzusenden, die, wie Du schriebst, fertig ist. Die der französischen Sprache kundigen Herren unseres Verlages hätten gerade jetzt Zeit, sich damit zu befassen. Mit den besten Grüßen bin ich Dein stets getreuer 527 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. September 1950. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1868 Teil XV Brief an Georg Klaus528 (14. November 1950) Lieber Genosse Klaus! Nach eingehender Prüfung Deiner Kant-Arbeit und nach nochmaliger Lektüre der betreffenden Schriften Kants muss ich Dir heute, zu meinem großen Bedauern, mitteilen, dass Deine Arbeit in der jetzt vorliegenden Fassung den Anforderungen, die wir an die einleitenden Essays der einzelnen Bände unsrer Sammlung Klassisches Erbe stellen müssen, noch nicht entspricht. Der Verlag hält nichtsdestoweniger an der vertraglich fixierten Auftragserteilung fest, da wir in unserem Vertrag und in unseren brieflichen Vereinbarungen die Eventualität nochmaliger Umarbeitung der Einleitung von vornherein vorgesehen haben. Die von Dir besorgte Auswahl und Kürzung der Kantischen Frühschriften ist wertvoll, wir haben nur einige geringfügige Änderungsvorschläge, die wir noch miteinander besprechen müssten, und über die wir uns sicher bald einigen würden. Wir bitten Dich lediglich, die sachlichen Einwände, die gegen Deine Einleitung geltend gemacht werden müssen, auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen und eine entsprechende gründliche Umarbeitung in Angriff zu nehmen. Sollten sich die zwischen uns vereinbarten Termine dadurch auch um einige Wochen verschieben, so ist es doch zweifellos besser, eine solide und hieb- und stichfeste Arbeit herauszubringen, als um der Pünktlichkeit willen über Fehler und Mängel hinweg zu gehen. Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du möglichst bald zu meiner Kritik Stellung nehmen und mir gleichzeitig mitteilen würdest, ob und wann wir mit der Fertigstellung der zweiten, verbesserten Fassung rechnen können. Deine Condillac-Übersetzung erwarte ich ebenfalls mit großer Spannung. Ich möchte Dich nun vor allem bitten, über die Schärfe der sachlichen Einwände, die ich im Folgenden andeutungsweise darlegen werde, auf keinen Fall persönlich gekränkt zu sein. Die bisherigen Erfahrungen, die bei der Vorbereitung unserer Sammlung gemacht wurden, zeigen, dass es sich in jedem Fall um mehr oder minder »schwere Geburten« handelt. Der Genosse Streisand arbeitet seine Einleitung zu den politischen Schriften Fichtes bereits zum vierten Male um. Von meiner eigenen Arbeit über Herder liegen ebenfalls bereits eine Reihe von Fassungen vor, und auch die letzte Fassung wird 528 (AH) 39 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 14. November 1950. Adressiert »Herrn Prof. Dr. Georg Klaus, Jena, Friedrich Schiller-Universität«. 1869Weggefährten noch nicht allen Anforderungen gerecht und muss daher nochmals gründlich überarbeitet und verbessert werden. Ich werde bei der Darlegung meiner Bedenken noch Seite für Seite auf die Stellen Deiner Arbeit eingehen, die mir fraglich zu sein scheinen. Zunächst möchte ich die generellen Einwände präzisieren, die das Ganze der Einleitung betreffen. Sie beziehen sich auf die folgenden Punkte: 1) Der Versuch, die gesellschaftlichen Vo raus set zungen der Kantischen Frühschriften zu klären, ist meines Erachtens unzulänglich und zum großen Teil unrichtig. a) Die Ausführungen über die gesellschaftlichen Vo raus set zungen sind allzu schematisch von der systematischen Interpretation der Kantischen Frühschriften getrennt. b) Die Ausführungen über die gesellschaftlichen Vo raus set zungen nehmen einen überflüssig breiten Raum ein und verlieren sich in Details. Es würde vollständig genügen, wenn Du in ein paar klar und eindeutig formulierten Sätzen die folgenden grundlegend bedeutsamen Tatbestände andeuten würdest: Den vollzogenen Sieg der bürgerlichen Gesellschaftsordnung in England, das Heranreifen der objektiven Bedingungen der bürgerlichen Revolution in Frankreich und die wesentlichen Momente der deutschen Misere, nämlich ökonomische Rückständigkeit, nationale Zersplitterung (ein Punkt, den Du übergehst), Schwäche der bürgerlichen Klasse, Rolle des Feudalabsolutismus, Rolle der protestantischen Landeskirchen, ferner die Tatsache, dass die progressiven bürgerlichen Intellektuellen in Deutschland im 18. Jahrhundert im Unterschied zu den französischen Materialisten in Frankreich keinerlei Basis, Rückhalt und Resonanz in einer realen bürgerlich-revolutionären Bewegung gegen Feudalabsolutismus und Kirche haben. Die detaillierte Ausführung dieser Momente sollte man der marxistischen Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung überlassen. Vergleiche Deine Einleitung bitte einmal mit Engels’ Schrift über Ludwig Feuerbach: Findest Du dort breite, ausführliche Darlegungen über die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit der Restaurationsperiode und des Vormärz? Oder womöglich wirtschaftsgeschichtliche Details über die Städte (und die Dörfer), in denen sich Feuerbach aufgehalten hat? Nichts von alledem! Nur die wesentlichen Punkte werden sehr knapp, in sehr kurzen Andeutungen hervorgehoben, und trotzdem ist man sich bei der Lektüre keinen Augenblick über die ge- 1870 Teil XV sellschaftliche Bedingtheit Feuerbachs im Unklaren. (Ein anderes Beispiel bieten Lenins Aufsatz über Alexander Herzen und Plechanows Beiträge zur Geschichte des Materialismus.) c) Du überschätzt meines Erachtens den Einfluss, den die lokalen Königsberger Verhältnisse auf Kant ausüben, und machst den abwegigen Versuch, die entscheidenden Charakteristika des Schaffens Kants aus diesen lokalen Verhältnissen zu erklären. Dazu ist zu sagen: Kant ist einerseits Mitstreiter der internationalen Bewegung der Aufklärung, er ist also schon dadurch, dass er an die Ideen der westeuropäischen Aufklärung (Newton, englischer Empirismus, Rousseau) anknüpft, mit der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft in den fortgeschrittenen Ländern des 18. Jahrhunderts eng verbunden. Andererseits ist die besondere Richtung, in der sich die Weiterentwicklung dieser Ideen durch Kant bewegt, bedingt durch das Ganze der Klassenverhältnisse im feu dalab so lu tis ti schen Preußen, die in jedem Fall über die lokalen Königsberger Verhältnisse dominieren. Freilich ist es richtig, dass relativ entwickelte Städte Sammelpunkte progressiver Intelligenz sind. (Königsberg ist da kein Sonderfall, man denke an Leipzig!) Jede Vermutung irgendwelcher Zusammenhänge, die über diese simple Feststellung hinausgeht, ist aber von vornherein fragwürdig, weil sie zur Aufbauschung unwesentlicher Beziehungen und zu unbeweisbaren Konstruktionen führt. d) Es ist oberflächlich, wenn Du die materialistischen und idealistischen Tendenzen bei Kant mit dessen persönlichen Beziehungen zu großbürgerlichen, respektive aristokratischen Kreisen in Zusammenhang bringst. Erstens: Von den fortschrittlichen Ideen seiner Epoche hat Kant durch Lektüre von Büchern und nicht durch Bekanntschaft mit Kaufleuten Kenntnis genommen. Zweitens: Die Tatsache, dass die Ideen der Aufklärung die Ideen der aufstrebenden Bourgeoisie sind, besagt keineswegs, dass die einzelnen Bourgeois, mit denen Kant in Berührung kommt, unbedingt Verfechter dieser Ideen sein müssten. Das Königsberger Patriziat war vermutlich im Durchschnitt bieder orthodox-protestantisch, das Kleinbürgertum war durch und durch pietistisch verseucht (Kants Familie!). Drittens: Es existiert im 18. Jahrhundert eine aristokratisch-zynische Variante der Aufklärung, die unter Fürsten, Grafen etc. ihre Anhänger hatte, die sich in fröhlicher Freigeist gefielen. Die Aversion gegen Voltaire, die Herders Schaffen in seiner Bückeburger Periode (1771–1776) kennzeichnet, richtet sich zum Beispiel gegen das Voltaireianertum des Bückeburger Despoten, der Friedrich II. imitiert. Viertens: Kant widmet mit Vorbedacht gerade solche Schriften, die in ihrer Grundtendenz den herrschenden religiösen Vorurteilen ins Gesicht schlagen, dem 1871Weggefährten König Friedrich II. (die Allgemeine Naturgeschichte) und seinem Minister Zedlitz (die Kritik der reinen Vernunft), offenbar, weil er vergeblich da rauf spekuliert, dass die Anlehnung an die höfische Freigeist einen gewissen Schutz bieten könnte gegen die Diktatur der Pfaffen, die die Universität beherrscht. Umgekehrt ist Hamann nicht im Stande, das höfisch-perverse Zerrbild der Aufklärung, das er ablehnt, von seinen bürgerlich-revolutionären französischen Originalen zu unterscheiden. Fünftens: Die reaktionären Seiten der Kantischen Philosophie damit in Zusammenhang zu bringen, dass er bei der Gräfin Keyserling »die Kunst der feineren Unterhaltung gelernt« hat, ist grotesk, um so mehr, als Du im gleichen Atemzug erklärst, dies hätte »dazu beigetragen, ihn (Kant) nicht zu einem Revolutionär im Stile Diderots und Voltaires werden zu lassen«. Voltaire hat »die Kunst der feineren Unterhaltung« in Le Temple durch den Duc de Arenberg, den Marquis de La Fare und den Duc de Sully gelernt, hat an der Tafelrunde von Sanssouci gesessen und die Marquise du Châtelet zur Geliebten gehabt. Nichtsdestoweniger haben seine Ideen den Emanzipationskampf des aufstrebenden Bürgertums widergespiegelt und der geistigen Vorbereitung der Französischen Revolution gedient. (Holbach, der Verfasser des Systeme de la nature, war Baron und Gutsherr auf Grandval!) e) Durch die Behauptung, der Niedergang des Königsberger Handels etc. nach dem Siebenjährigen Krieg und nach der Teilung Polens sei »der Schlüssel für den in dieser Epoche erfolgten Umbruch des philosophischen Denkens Kants«, werden die Beziehungen zwischen Überbau und Basis mechanisch-automatisch versimpelt. Außerdem unterstellst Du, dass es sich bei dem Idealismus der Kritik der reinen Vernunft um einen eindeutigen Rückfall handelt. Das ist keineswegs der Fall. Immerhin handelt es sich um den Versuch einer radikalen Abrechnung mit der Wolffschen Schulmetaphysik, um den Versuch, die Philosophie von ihrer Rolle als ancilla theologiae (Philosophia ancilla theologiae, Die Philosophie ist die Magd der Theologie, AH) zu befreien. Gott, der »Oberherr der Welt«, schwimmt unbewiesen in seinem Blute, hat Heine über die Kritik der reinen Vernunft gesagt, »es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr, keine Vatergüte, keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit, die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen«. Wie kann man sich über ein derartiges Urteil (das übrigens nicht vereinzelt dasteht) einfach hinwegsetzen und die Kritik der reinen Vernunft einerseits als Resultat des Niedergangs der Königsberger Bourgeoisie, andererseits als Ausdruck der persönlichen Feigheit von Kant (vgl. Deine Andeutungen auf Seite 45 Deiner Arbeit!) interpretieren? 1872 Teil XV 2) Die Klärung der philosophiegeschichtlichen Vo raus set zungen Kants ist in Deiner Arbeit ungenügend. Es ist ein Fehler Deiner Arbeit, dass Du von der Skizzierung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland, speziell in Königsberg, direkt in den Komplex der Frühschriften hineinspringst, ohne die ideologischen Vo raus set zungen, die Kant vorfindet, und an die er anknüpft, behandelt zu haben. Ich erinnere Dich an Engels’ Brief an Conrad Schmidt vom 27. Oktober 1890: »Als bestimmtes Gebiet der Arbeitsteilung hat die Philosophie jeder Epoche ein bestimmtes Gedankenmaterial zur Vo raus set zung, das ihr von den Vorgängern überliefert worden ist, und wovon sie ausgeht. (…) Die schließliche Suprematie der ökonomischen Entwicklung auch über diese Gebiete steht mir fest, aber sie findet statt innerhalb der durch das einzelne Gebiet selbst vorgeschriebenen Bedingungen: In der Philosophie zum Beispiel durch Einwirkung ökonomische Einflüsse (die meist wieder in ihrer politischen usw. Verkleidung wirken) auf das vorhandene philosophische Material, das die Vorgänger geliefert haben.« In diesem Sinne habe ich folgende Einwände zu machen: a) Du gehst lediglich im systematischen Teil Deiner Arbeit (Abschnitt D) und auch dort nur ganz am Rande auf die wesentlichen Züge des mechanistischen Weltbildes der westeuropäischen Aufklärer (auf Newtons klassische Physik usw.) ein. Was Du dabei über die Begrenztheit dieses Weltbildes und deren Ursache – die Dominanz der Mechanik – sagst, ist meines Erachtens im Großen und Ganzen richtig. Es wäre aber, um der Übersicht und größeren Verständlichkeit willen, besser, die Erörterung des mechanistischen Weltbildes, seiner gesellschaftlichen Bedingtheit, seines fortschrittlichen Charakters und seiner Begrenztheit, der Auseinandersetzung mit den Kantischen Frühschriften voranzustellen und damit über die wissenschaftsgeschichtlichen Vo rausset zungen von vornherein Klarheit zu schaffen. Ich denke hier an eine kurze, zusammenfassende Charakterisierung, wie sie zum Beispiel Engels bei der Erörterung der Naturwissenschaften der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Naturdialektik gibt. Das Neue bei Kant würde dadurch viel deutlicher hervortreten. b) Ebenso müsstest Du meines Erachtens eine kurze, zusammenfassende Charakterisierung der Wolffschen Schulmetaphysik und ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit geben, und zwar schon am Anfang, vor der Interpretation der Frühschriften Kants. Die Wolffsche Schulmetaphysik taucht in Deiner Einleitung und teilweise auch in den Anmerkungen immer wieder sporadisch auf, ohne dass dem Uneingeweihten klar wird, worum es sich dabei denn eigentlich handelt. Es wird um so weniger klar, als Du an einer Stelle von Unterdrückungsmaßnahmen gegen den »Rationalismus« sprichst 1873Weggefährten (gemeint ist die Wolffsche Schulmetaphysik) und dadurch den Eindruck entstehen lässt, es handle sich hier um eine progressive, fortschrittliche Erscheinung. Eine schärfere, konkretere Kennzeichnung Wolffs und seiner Richtung scheint mir besonders wichtig, einmal deshalb, weil der Wolffsche Scholastizismus (das ist er nämlich) mit seiner Teleologie, mit seiner scholastischen Verhunzung des einst in Westeuropa so progressiven Deismus, mit seinen Gottes- und Unsterblichkeits«beweisen«, mit seiner einseitigen Hervorkehrung der reaktionären, halbscholastischen Seiten von Leibniz usw. wohl das eklatanteste philosophische Echtprodukt der deutschen Misere im 18. Jahrhundert ist, zum anderen aber, dies vor allem, weil Kant während seiner ganzen Entwicklung – von den Frühschriften bis zum Kritizismus inklusive – von dem Bestreben beherrscht ist, von Wolff loszukommen, sich von ihm zu befreien, wobei er nacheinander sehr verschiedene Wege einschlägt (zaghafte partielle Vorbehalte gegen einzelne Gottes«beweise«, Anknüpfung an Newton, Kampf gegen die Teleologie, Anknüpfung an Hume und schließlich die transzendental-idealistische Lösung, die keine Lösung ist!). c) Vom englischen Empirismus und von Hume nimmst Du mit kaum einer Zeile Notiz. Wenn wir die Arbeit über die Negativen Größen und die Träume eines Geistersehers abdrucken, so muss meines Erachtens in der Einleitung der bedeutende Einfluss, den die Erkenntnistheorie der englischen Aufklärung auf Kant ausübte, unbedingt behandelt werden. In diesem Zusammenhang müsste über die folgenden Punkte Klarheit geschaffen werden: • Über die progressive Rolle des englischen Empirismus in der englischen Aufklärung bis Locke. • Über die metaphysische Einseitigkeit der empiristischen Erkenntnistheorie (statisch-undialektische Auffassung des Bewusstseins, Isolierung der Erfahrung von der Praxis). • Über die Tatsache, dass nach der Konsolidierung der bürgerlichen Gesellschaft in England bei David Hume, dem Ideologen der zur Macht gelangten Bourgeoisie, aus der Einseitigkeit des Empirismus die reaktionären, agnostizistischen Konsequenzen, die ihm von vornherein implizit innewohnen, entwickelt werden. • Über die Tatsache, dass die ganze empiristische Richtung von Bacon bis Hume auf Kant bei der Loslösung von der scholastischen Schulmetaphysik eine überaus positive Wirkung ausübt (siehe die Kritik an Crusius in den Negativen Größen, siehe die Träume eines Geistersehers). 1874 Teil XV • Über die Tatsache, dass Kant beim Empirismus, nachdem dieser durch Hume agnostizistisch-wissenschaftsfeindlich kompromittiert ist, nicht stehen bleiben kann, sondern sich schließlich kritisch gegen ihn wenden muss, ohne ihn aber durch eine richtigere, nämliche wissenschaftlich-materialistische Lösung (sie ist erst im dialektischen Materialismus möglich und setzt die Einführung des Gesichtspunktes der Praxis in die Erkenntnistheorie voraus) überwinden zu können. Natürlich verlange ich nicht eine detaillierte Arbeit über das Thema Kant und die englische Aufklärung. Aber es geht nicht an, dass die Existenz des englischen Empirismus und die Problematik seines Einflusses auf Kant überhaupt ignoriert werden. Da wir Kant in seiner historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit darstellen wollen: Dies ist der Einfluss, den die entwickelte bürgerliche Gesellschaft, vermittelt durch die englische bürgerliche Philosophie, auf ihn ausübt, und mir scheint, dass dieser Sieg der bürgerlichen Philosophie Westeuropas über die scholastischen Wolffschen Restbestände in Kant für den gesellschaftlichen Inhalt seiner Lehre mindestens so wichtig ist, wie es die Königsberger Tuchfabriken, Mühlen, Brauereien, Ziegeleien usw. sind. d) Es müsste auch das Wirksamwerden des Einflusses von Rousseau wenigstens mit ein paar Sätzen erwähnt werden. Wenn es Kant (und der deutschen Misere) auch ewig zur Schande gereicht, so bleibt es doch immerhin bemerkenswert, dass ihn der ideologische Wegbereiter der Jakobiner so nachhaltig beeindruckte. In diesem Zusammenhang dürften wir auch, da wir die Beobachtungen über die Gefühle des Schönen und Erhabenen abdrucken wollen, das schöne Bekenntnis Kants – »Rousseau hat mich zurechtgebracht, dieser verblendete Vorzug verschwindet« usw. – nicht unerwähnt lassen. 3) Du behandelst die »vorkritischen« Schriften als ein geschlossenes Ganzes, als einen Komplex, aus dem Du (darauf läuft der ganze Abschnitt Deiner Einleitung hinaus) hier ein Stückchen Materialismus, dort ein Stückchen Dialektik, dort wiederum ein Stückchen Theologie und deutsche Rückständigkeit heraussuchst. Kant erscheint bei Dir in der Periode bis 1770 als einheitlich, bzw. seine Zwiespältigkeit, die Du mit Recht betont, erscheint als einheitliche Zwiespältigkeit. In Wirklichkeit verhält es sich viel komplizierter: Kant durchläuft bis 1770 eine ganze Reihe philosophischer Standpunkte, die sich in entscheidenden Fragen wesentlich von ei nan der unterscheiden. Kants Philosophie entwickelt sich. Ich erinnere nur da ran, wie sehr sich die Schärfe der Stellungnahme gegen den Wolffschen Scholastizismus in 1875Weggefährten den Träumen eines Geistersehers von den zahmen und lahmen Vermittlungsversuchen unterscheidet, die Kant gegenüber den »Gottesbeweisen« etwa in der Nova dilucidatio529 unternimmt. Wenn – wie es bei Dir der Fall ist – die »vorkritische« Periode über einen Kamm geschoren, als einheitlicher Komplex behandelt und nicht in ihre Entwicklungsphasen zerlegt wird, so gerät dieser Fortschritt, der ein Fortschritt der deutschen Aufklärungsphilosophie ist und in entsprechenden Tendenzen bei Lessing, beim jungen Herder etc. seine Parallelen hat, gänzlich außer Sicht. Gleichzeitig gerät aber auch eines der interessantesten Probleme der »vorkritischen« Periode außer Sicht, das in einer marxistischen Interpretation der betreffenden Schriften auf keinen Fall ignoriert werden darf: Nämlich die Tatsache, dass Kants Einstellung zum Kausalitätsproblem eine entscheidende Wandlung durchmacht. Das ist nämlich die negative Seite des Fortschritts, der sich in den sechziger Jahren vollzieht: Dass von Kant in dem Maße, in dem er sich vom Scholastizismus Wolffs zu befreien weiß, gleichzeitig auch die Existenz objektiver Naturgesetze (Kausalität) und die Möglichkeit zuverlässiger Erkenntnis in Frage gestellt werden, so dass in den Träumen eines Geistersehers offen agnostizistische Tendenzen zum Durchbruch kommen. Das ist die negative Seite des englischen Einflusses, das ist die Konsequenz der Tatsache, dass die empiristische Erkenntnistheorie in Deutschland erst zu einer Zeit wirksam wird (und in Folge der deutschen Verspätung erst wirksam werden kann), als sie im internationalen Maßstab, bei Hume, bereits reaktionär geworden ist. (Bei Hamann und Jacobi schlägt gleichzeitig, respektive wenig später, der gleiche reaktionär gewordene Empirismus in obskure Glaubensphilosophie um.) Ich will gar nicht davon reden, dass es sich hier um eine der wichtigsten Tatsachen handelt, die die Zwiespältigkeit der deutschen Aufklärung überhaupt kennzeichnen. Ich will nur da rauf hinweisen, dass die naturphilosophischen Erörterungen Deiner Einleitung unvollständig sind, solange Du dort nicht zu dem Thema »Der vorkritische Kant und das Problem der Kausalität« Stellung nimmst. Es handelt sich dabei um ein wichtiges Kapitel des Kampfes zwischen Materialismus und Idealismus, da der Materialismus – siehe Stalin – die Überzeugung von der Erkennbarkeit der Welt und ihrer Gesetzmäßigkeit impliziert. Du kannst auf dieses Thema aber nur dann eingehen und 529 (AH) Gemeint ist: Principiorum primorum cognitionis metaphysicae  nova dilucidatio  von 1755. Das Werk präsentiert eine metaphysische Prinzipienlehre, in deren Rahmen die Gottesbeweise behandelt werden. 1876 Teil XV es folgerichtig durchdacht behandeln, wenn Du die Entwicklung, die Kant von seinen Anfängen an bis 1770 durchmacht, als Entwicklung darstellst. Im Grunde handelt es sich hier um einen Fehler Deiner Disposition. In dem ganzen Abschnitt D Deiner Arbeit (Der philosophische Gehalt der Kantischen Frühschriften) bist Du, auf Grund Deiner Disposition, gezwungen, wahllos zwischen den verschiedenen Frühschriften, wann sie im einzelnen auch entstanden sein mögen, hin- und herzuspringen. Dadurch gelangst Du erstens zu einer Überbewertung einzelner, zusammenhanglos herausgerissener Zitate. Dadurch beraubst Du Dich zweitens der Möglichkeit, in den Inhalt und die Problemstellung der einzelnen Frühschriften informativ, erklärend und kritisierend einzuführen. Dadurch schaffst Du drittens Verwirrung über den gedanklichen Zusammenhang der Frühschriften, über die Reihenfolge ihrer Entstehung, über die Fortschritte, die Kants Denken macht, über die neuen Einflüsse, die sukzessive auf ihn wirksam werden, über seine Rückfälle und deren Ursachen, über die gesellschaftlichen Bedingungen, die seine Auseinandersetzung mit den Ideen, die ihn beeinflussen, bedingen usw. Dadurch wird es Dir schließlich und endlich unmöglich, auf ganz entscheidende Fragen, die in den Frühschriften zur Debatte stehen, überhaupt einzugehen, sie auch nur anzudeuten. 4) Die weiteren Einwände, die meiner Meinung nach gegen Deine Arbeit erhoben werden müssen, möchte ich nun Seite für Seite darlegen, um Dir möglichst konkrete Hinweise für die Überarbeitung und Verbesserung der Einleitung zu geben, respektive um Dir möglichst konkrete Anhaltspunkte für eine Entkräftung meiner Bedenken zu geben. Seite 1: Lenin bezeichnet nicht den »klassischen deutschen Idealismus« als Vo raus setzung der Entstehung des Marxismus, sondern die »Errungenschaften der deutschen klassischen Philosophie und im Besonderen des Hegelschen Systems, das seinerseits zum Materialismus Feuerbachs geführt hat«. Die Bezeichnung »deutsche klassische Philosophie« scheint mir viel besser und richtiger zu sein, da sie umfassender ist, da sie nicht nur die Entwicklung von der Kritik der reinen Vernunft Kants bis zu Hegel, sondern auch die materialistischen Tendenzen beim vorkritischen Kant, bei Goethe, Herder usw. einerseits und bei Feuerbach andererseits mit einbegreift. Gerade für Deine Arbeit ist die umfassendere Bezeichnung auch zweckmäßiger. 1877Weggefährten Seite 1–2: Die Kennzeichnung der Fehleinschätzung würde ich nicht nach a, b, c unterteilen. Für eine Dissertation mag das angehen, für einen einleitenden Essay, der in einem Buch einführt, ist es unschön. Im Interesse des besseren Stils wäre zu empfehlen, denselben Gedankengang in vollständigen Sätzen mitzuteilen. (…) Seite 2: »Sicherlich stellen die hier angegebenen Momente (…)« Hier fehlen zwei wichtige Dinge: Erstens – inwiefern stellen die hier angegebene Momente tatsächlich bestimmte Seiten des Früh-Kantischen Schaffens dar und inwiefern ist die Kennzeichnung durch diese drei Momente unzulänglich. Zweitens müsste hier schon da rauf hingewiesen werden, dass Kant bereits in seiner vorkritischen Periode den Kampf gegen die Wolffsche Schulmetaphysik aufnimmt, dass er hier einerseits (negative Seite) teilweise noch unterliegt, dass er aber andererseits (positive Seite) von seinen späteren subjektiv-idealistischen Irrtümern noch frei ist, dass er die Wirklichkeit und ihre Gesetzmäßigkeit als unabhängig vom Bewusstsein des erkennenden Subjekts auffasst. Unter dieser Vo raus set zung gelangt er (Satzteil nicht lesbar, AH) zu wertvollen materialistischen und dialektischen Einsichten usw. Seite 2: »Auch in seinen Frühschriften ist er im allgemeinen ein Vertreter des Idealismus (…)« Das »auch« bleibt Missverständnissen ausgesetzt, solange kein Aufschluss da rü ber gegeben wird, inwiefern sich der Idealismus der »vorkritischen« Periode von dem Idealismus nach 1770 unterscheidet. Selbstverständlich handelt es sich in beiden Fällen um Idealismus, so dass das »auch« eine gewisse Berechtigung hat. Aber es wird an dieser Stelle besonders deutlich, welch schwerwiegender Fehler es ist, dass Du von der Wolffschen Schulmetaphysik und ihrer Rolle keine zusammenfassende Kennzeichnung gegeben hast. Die idealistischen Tendenzen der »vorkritischen« Periode sind von denen der Kritik der reinen Vernunft unterschieden. Im ersten Fall handelt es sich um Wolffsche scholastische Restbestände, im zweiten Fall um ein Zwitterding von subjektivem Idealismus und verschämt-materialistischem Agnostizismus. Kant hat in der Kritik der reinen Vernunft den Teufel durch Beelzebub, den ersten Typus des Idealismus durch den zweiten Typus austreiben wollen. Es müsste, wenn das »auch« unmissverständlich konkretisiert werden soll, auf diese Frage näher eingegangen werden. Seite 2: Der Ausdruck »gesellschaftliche Zwiespältigkeit« ist als Kennzeichnung der deutschen Verhältnisse missverständlich. »Zwiespältig« – nämlich in Klassengegensätze gespalten – ist die Gesellschaft in den fortgeschrittenen westeuropäischen Ländern auch. Der »Zwiespalt« ist dort sogar viel schärfer ausgeprägt (zwischen Bürgertum und 1878 Teil XV Feudalabsolutismus in Frankreich). Worum es sich in Deutschland handelt, ist die Schwäche der Bourgeoisie, das Fehlen der objektiven Vo raus set zungen einer bürgerlichen Revolution auf Grund der ökonomischen Rückständigkeit und nationalen Zersplitterung des Landes. Seite 3: Du brauchst hier nicht gar so ausführlich zu erklären, warum Du den Auswahlband mit dem Jahre 1770 (exklusive) abschließt. Den ganzen Abschnitt über diese Frage kannst Du Dir sparen, wenn Du gleich zu Anfang Deiner Einleitung kurz und bündig erklärt, dass der vorliegende Band diejenigen Schriften Kants enthält, die dieser schrieb, als er noch nicht auf dem Standpunkt seiner »kritizistischen Periode« stand. Seite 3–6: Generelle Einwände, die sich auf den ganzen Abschnitt B (»Die gesellschaftliche Situation etc.«) beziehen: Es ist ein Fehler, dass Du hier nur auf die speziellen gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland – und dies viel zu breit und detailliert – eingehst. Zunächst einmal handelt es sich um den grundlegenden Charakter der ganzen Epoche: Es ist die Zeit, in der sich in England die kapitalistische Entwicklung bereits durchgesetzt hat, während auf dem europäischen Kontinent noch der Feudalismus herrscht. Es ist die Zeit, in der in Frankreich die bürgerliche Revolution bevorsteht, während in Deutschland die objektiven Vo raus set zungen der bürgerlichen Revolution noch nicht existieren. An die Ideen, die auf dieser epochalen gesellschaftlichen Grundlage in den führenden westeuropäischen Ländern entstanden sind, knüpft die deutsche Aufklärung an, aber unter Vo raus set zungen, die durch die besonderen gesellschaftlichen Verhältnisse in Deutschland bedingt sind. Die Rückständigkeit dieser Verhältnisse gibt der deutschen Aufklärung das Gepräge: Durchweg Festhalten an der Religion, kein Atheismus, kein entschiedener Materialismus usw. Für diese Rückständigkeit ist zunächst die Wolffsche Schulmetaphysik, die im internationalen Maßstab ein Unikum ersten Ranges darstellt, symptomatisch: Eine unter der falschen Flagge der Aufklärung segelnde, quasi »modernisierte« Spätform der Scholastik (mit Teleologie, Gottes«beweisen« und dem ganzen Plunder, der in Westeuropa längst passee ist!). Diejenigen Denker des deutschen Bürgertums, die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf die eine oder andere Weise und mit übrigens ganz verschiedenartigen Resultaten den Kampf gegen die Wolffsche Metaphysik auf- 1879Weggefährten nehmen, da run ter Kant, Lessing, Herder, Goethe usw., führen die deutsche bürgerliche Aufklärung auf eine höhere Stufe ihrer Entwicklung, sie erreichen aber, weil keine entwickelte bürgerliche Klasse hinter ihnen steht, weil die deutsche Misere ihren Bestrebungen unüberwindbare Grenzen aufzwingt, nicht das Niveau der progressivsten westeuropäischen Strömungen der bürgerlichen Philosophie (Zaghaftigkeit ihrer gesellschaftlichen Opposition, Zurückschrecken vor atheistischen und materialistischen Konsequenzen). Gleichzeitig gehen sie aber auch in entscheidenden Fragen über die Errungenschaften der westeuropäischen Aufklärung hinaus (Ansätze zur Dialektik usw.). Zu diesen Denkern gehört auch Kant. Das heißt: Kant muss als Zeitgenosse und Mitstreiter der gesamten internationalen Bewegung der bürgerlichen Aufklärung und als Repräsentant der deutschen Misere gesehen werden. Die Beschränkung auf den zweiten Punkt, wobei dann die positiven Seiten Kants auf Königsberger Lokalspezialitäten zurückgeführt werden, bedeutet ein Ignorieren der grundlegenden historisch-gesellschaftlichen Tendenzen der ganzen Epoche. Seite 3: Es handelt sich nicht nur um die gesellschaftlichen Verhältnisse der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, sondern auch um die der zweiten Hälfte, um die Verhältnisse des ganzen Jahrhunderts. Seite 3: Die Formulierung »deutscher Rationalismus« ist missverständlich. Der Sammelname »Rationalismus« für Descartes, Spinoza, Leibniz und Wolff ist ein Terminus der bürgerlichen Philosophiegeschichtsschreibung, der die sehr bedeutsamen Unterschiede zwischen diesen Denkern verdeckt. Was Du meinst, ist die Wolffsche Schulmetaphysik, die ein Rückfall hinter Descartes und Spinoza ist, da sie das teleologische Vorurteil konserviert, und die auch das Erbe von Leibniz verballhornt. Indem Du den Begriff »Rationalismus« für die Kennzeichnung Wolffs akzeptiert, erleichterst Du es den bürgerlichen Verfälschern unseres klassischen Erbes, alles, was in Deutschland gegen Wolff war, für den »Irrationalismus« in Anspruch zu nehmen (zum Beispiel Goethe und Herder).530 Der Rationalismus ist an und für sich eine Grundtendenz der 530 (AH) Diese These war für Harich und viele andere Intellektuelle um 1950 sehr bedeutsam. In ihrem Zeichen fand das Goethe-Jubiläum von 1949 statt, viele der veröffentlichten Reden, Beiträge und Bücher widmete sich genau diesem Unterfangen: Goethe von den bürgerlichen bis faschistischen Verfälschungen zu befreien. Georg Lukács, Ernst Bloch, Paul Rilla, Johannes R. Becher, Alexander Abusch, Wilhelm Girnus, Hans Mayer, Harich stellten ihre jeweilige Vermessung des Erbes von und an Goethe unter genau dieses Paradigma. Siehe hierzu neuerdings: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 1880 Teil XV Aufklärung überhaupt, von Descartes bis zu Holbach. Bei Wolff liegt ein Missbrauch der Ratio, eine Pseudoratio vor, die – wie Lessing sagt – den großen Irrtum der Orthodoxen durch den »verfeinerten« Irrtum ersetzt. Seite 3: Natürlich genügt »eine nur geistesgeschichtliche Analyse des Einflusses, den der englische Empirismus und der deutsche Rationalismus auf Kant ausgeübt haben«, nicht. Aber die historisch-materialistische Analyse dieses Einflusses kann nicht da rin bestehen, dass er überhaupt nicht behandelt wird. Die Aufgabe besteht vielmehr da rin, die gesellschaftlichen Wurzeln dieser beiden Richtungen der Geschichte der Philosophie aufzudecken und dann nachzuweisen, wie die Richtung, in der Kant seinerseits diese Einflüsse weiterentwickelt, respektive auf seine Art überwindet, selbst wiederum gesellschaftlich bedingt ist. Seite 3: Der Hinweis auf den Zustand der Städte trifft die Sache nicht in ihrem Kern. Erstens: Wenn Du schreibst, »in Frankreich, England, vor allem aber in Holland« wären die Städte zu entscheidenden Trägern usw. geworden, so ist dazu zu sagen, dass zwischen Frankreich, England und »vor allem Holland« dann doch beträchtliche Unterschiede bestehen. In Frankreich steht die bürgerliche Revolution bevor und der französische Materialismus dient ihrer ideologischen Vorbereitung. In England ist die Bourgeoisie seit dem 17. Jahrhundert an der Macht und die englische bürgerliche Philosophie weist teilweise bereits reaktionäre, konservative Tendenzen auf (Hume), ungeachtet der Tatsache, dass die Städte in England denen in Frankreich einiges voraus haben. Obwohl die ökonomischen Verhältnisse in England fortgeschrittener sind, spielt in der Philosophie die französische Aufklärung die erste Geige. In Holland ist die revolutionäre Epoche der Handelsbourgeoisie längst passee. Trotz blühender Städte, denen sich nichts in Deutschland auch nur annähernd vergleichen lässt (auch Königsberg kommt mit Amsterdam nicht mit), hat die holländische Bourgeoisie im 18. Jahrhundert auch nicht einen einzigen Denker hervorgebracht, der es an Format mit Kant, Lessing, Herder, Goethe etc. aufnehmen könnte. Zweitens: Die Lage der führenden bürgerlichen Intellektuellen in Deutschland ist dadurch gekennzeichnet, dass sie in einem Land, in dem die Vo raus set zungen der bürgerlichen Revolution noch fehlen, die revolutionären Ideen der westeuropäischen Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts auf ihre gänzlich unpraktische, kompromisslerische Art und Weise weiterentwickeln. Das entscheidende Charakteristikum der 1881Weggefährten deutschen Misere ist, dass einerseits die nationale Zersplitterung die ökonomische Entwicklung hemmt, andererseits die ökonomische Rückständigkeit die Überwindung der nationalen Zersplitterung, die durch die relative Zentralisation in Permanenz erhoben ist, verhindert. Die Lage der Städte gehört selbstverständlich in dieses Bild. Es ist aber falsch, sie als das entscheidende Moment aus dem Gesamtzusammenhang herauszuheben. Über die Tatsache der nationalen Zersplitterung sagst Du leider kein Wort. Seite 3–4: Die Unterwürfigkeit des preußischen Bürgers ist allerdings erschütternd. Aber es ist falsch, im 18. Jahrhundert von einem »revolutionären Elan der englischen und französischen Bourgeoisie« zu sprechen. Revolutionär ist in England freilich die kapitalistische Produktionsweise, aber für die englische Bourgeoisie des 18. Jahrhunderts ist die Kennzeichnung »revolutionärer Elan« doch wohl etwas schief. Für ihre Philosophie schon ganz und gar. Was ist an Bolingbroke, verglichen mit Voltaire und Diderot oder auch nur mit Lessing und oder dem jungen Schiller, »revolutionärer Elan«? Was an Hume? Seite 4: Wa rum Shdanow? Nicht Shdanow charakterisiert die deutschen Zustände, sondern Engels tut es und Shdanow zitiert ihn. Das Zitat stammt aus der Schrift Deutsche Zustände. Im Übrigen enthalten gerade die Shdanow-Reden und die Engelssche Schrift implizit die entscheidenden Argumente, die gegen Deine abstrakt-isolierte Bevorzugung der Städte geltend gemacht werden müssen. Seite 4–6: Die Bedeutung, die Du den Königsberger Lokalverhältnissen beimisst, ist ganz übertrieben. Der relative Wahrheitsgehalt Deiner Expektorationen über diesen Punkt reduziert sich etwa auf folgende Sätze: »Es ist kein Zufall, dass aus Königsberg, der halbwegs florierenden Hafen- und Handelsstadt an der Ostsee, dessen Bürgerschaft den Unterjochungsbestrebungen des brandenburgisch-preußischen Staates relativ lange Widerstand zu leisten vermochte, eine Reihe hervorragender Vertreter des bürgerlichen Geisteslebens in Deutschland hervorgegangen sind: Erst Kant, Hippel und Hamann, später E. T. A. Hoffmann. Wenn Kant, der niemals über seine engere Heimat hinaus kam, trotzdem kein borniert provinzieller Geist geblieben ist, so mag das unter anderem wohl auch da ran liegen, dass die Atmosphäre der Hafenstadt mit Schiffen aus fernen Ländern, ausländischen Kaufleuten usw. die Weltoffenheit seiner Orientierung begünstigte. Andererseits herrschte an seiner Wirkungsstätte, der Universität, eine Diktatur engstirniger Theologen, auf die er zeitlebens Rücksicht zu nehmen hatte, 1882 Teil XV zumal er in jeder Hinsicht auf die Anstellung und Besoldung als Professor angewiesen war. Punkt.« Jede weitere Darlegung über diesen Punkt ist meines Erachtens überflüssig. Seite 6: Keineswegs »gibt uns das den Schlüssel für den in dieser Epoche erfolgten Umbruch des philosophischen Denkens Kants«. Von einer wesentlichen Änderung der wirtschaftlichen, politischen und geistigen Situation Königsbergs kann keine Rede sein. Der Ruin des Handels ändert nichts da ran, dass die Klassenverhältnisse (gerade im Wesentlichen) wie in Preußen überhaupt, so auch in Königsberg dieselben bleiben. Eine Entwicklung zur bürgerlichen Revolution hat es auch vorher nicht gegeben. Die Annahme eines automatischen Reagierens der Philosophie auf unwesentliche Veränderungen im Wirtschaftsleben einer einzelnen Stadt ist absurd. Wenn von einer »wesentlichen und zwar negativen Änderung« der Königsberger Zustände gesprochen und daraus auf den negativen Charakter der Kritik der reinen Vernunft geschlossen wird, so ist schließlich zu erwidern, dass – bei allem Respekt für die Schriften der vorkritischen Periode – die damit angedeutete Beurteilung und Verurteilung der Kritik falsch ist. So reaktionär die Exkrementenfresser des Neukantianismus sind (nämlich nach Hegel, Feuerbach und vor allem Marx und Engels), so revolutionär war Kants Kritik zu ihrer Zeit und unter damaligen deutschen Verhältnissen. (Vergleiche das Urteil Heines und beachte den ersten Grundzug der Dialektik.) Seite 6: Wieso ist der Einfluss des Kleinbürgertums damals negativ? Bei Diderot ist es keineswegs. Er ist es nur unter den spezifischen Bedingungen des pietistisch verseuchten Kleinbürgertums in Preußen. Seite 6: Dass Franz Albert Schultz531 eine negative Erscheinung ist, steht außer Frage. Diese Feststellung steht aber in Widerspruch zu der relativ positiven Bedeutung, die Du an anderer Stelle dem so genannten »Rationalismus«, nämlich der Wolffschen Schulmetaphysik, zubilligst. Schultz war Anhänger der Wolffschen Schulmetaphysik, 531 (AH) Gemeint ist: Franz Albert Schultz, geb am  25. September  1692  in  Neustettin, gest. am  19. Mai 1763 in Königsberg, Theologe  und  Generalsuperintendent. Theologie-Studium bei Wolff und  August Hermann Francke in Halle, entwickelte sich zum Anhänger Franckes. Nach verschiedenen Stationen reformierte er die Ausbildungsseminare der theologischen Fakultät für Polen und  Litauen. 1733 wurde ihm das Friedrichskollegium (Collegium Fridericianum) in Königsberg unterstellt, während seines Rektorats Vorbild für andere höhere Schulen. Ein Schüler dieser Einrichtung war von 1732 bis 1740 Kant. Dessen Mutter besuchte seit 1731 die Bibelstunden von Schultz. 1883Weggefährten die er mit dem Pietismus eklektisch zu verquicken versuchte. Von einem bleibenden, dauernden Einfluss von Schultz auf Kants philosophische Entwicklung kann keine Rede sein. Seite 6–7 Das Zitat aus dem Nazi Götz von Selle ist überflüssig. Es genügt, wenn Du die Tatsachen, falls sie verbürgt sind, in Deiner (unserer) negativen Beurteilung gibst. Seite 7: Es ist nicht richtig, dass Kant »zunächst in erster Linie« Theologie studiert hätte. Es handelt sich um eine kurze und unwesentliche Episode. Später hat er gesagt, er hätte lediglich aus Wissbegierde auch theologische Vorlesungen gehört. Seite 8: Bei der Absolvierung von Hofmeisterjahren handelt es sich um ein allgemeines deutsches Intellektuellenschicksal im 18. Jahrhundert, das freilich zu den auffälligsten Symptomen der deutschen Misere gehört. Die Schlussfolgerungen, die Du ziehst, sind nichtsdestoweniger vulgär. Erstens war ausgerechnet Diderot in Frankreich selbst eine Zeit lang Hofmeister. Zweitens waren Fichte und Hölderlin, obwohl ebenfalls in jungen Jahren Hofmeister, nichtsdestoweniger Anhänger der Jakobiner. Die Äußerung Kants über die Gräfin Keyserling besagt – siehe oben – nicht das Geringste. Seite 8: Die Illustration der Fußfälle und Demütigungen durch einen solchen Brief ist überflüssig. Die Andeutung der Tatsache genügt. Seite 9: Die Feststellung über die ängstlichen Stellen in der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels ist richtig. Nur ist es keine spezifische Ängstlichkeit »dieser Zeit« (der Zeit des Siebenjährigen Krieges). Die Schrift stammt aus dem Jahre 1755. Bei der Ängstlichkeit handelt es sich um ein generelles Symptom. Seite 9: Die zunehmenden Existenzsorgen mit dem zunehmenden Abrücken von den materialistischen Tendenzen in Zusammenhang zu bringen, ist deshalb schief, weil den herrschenden reaktionären Kräften mit der Behandlung der Gottes- und Unsterblichkeits«beweise« in der Kritik der reinen Vernunft gewiss nicht gedient war. Du unterstellst hier wieder, dass die Kritik ein eindeutiger Rückfall ist, und Du führst diesen Rückfall auf persönlichen Opportunismus zurück. Seite 10: Persönliche Beziehungen einerseits zu Bürgern, andererseits zu Aristokraten besagen gar nichts. Wichtig sind lediglich das Interesse für die handwerkliche Seite der 1884 Teil XV Produktion und der politische Untertanengehorsam. Das technische Interesse finden wir aber keineswegs »sonst nur in den damals fortgeschrittenen Ländern«. Wir finden es bereits bei Leibniz. Wir finden es, zu Kants Lebzeiten, bei Lambert. Wir finden es in höchst ausgeprägter Weise bereits in der ersten Weimarer Periode Goethes. Seite 10–11: Das Zitat von Schubert. Diese Leute sind für uns keine Autoritäten, auch dann nicht, wenn wir ihrer Äußerungen mit negativem Vorzeichen versehen. Sage das Wesentliche über Kants Untertanengehorsam mit eigenen Worten. Seite 11: Die Form einer solchen schematischen Gegenüberstellung passt nicht für einen Essay. Der Satz, der auf diese Weise entsteht, ist ein Monstrum. Löse den Gedanken besser in einzelne Sätze auf. Seite 11: Zu der Gegenüberstellung selbst: a) »Dogmatischer Rationalismus« ist eine unglückliche Vokabel. Soll heißen: Wolffsche Schulmetaphysik. b) Der Humesche Skeptizismus, der auf der negativen Seite steht (mit Recht), hängt mit dem »englischen Empirismus« auf der positiven Seite untrennbar zusammen. c) Der Leser erfährt nicht, was englischer Empirismus und Humescher Agnostizismus eigentlich sind. Du führst völlig neue, völlig ungeklärte Begriffe ein. d) Umgang mit preußischem Adel und hohen Offizieren sowie mit großbürgerlichen Freunden – beide Feststellungen sind unwesentlich. Der »Umgang« besagt in diesem Falle gar nichts. e) Ein »von Natur revolutionärer Geist«? Diese Kennzeichnung ist fragwürdig. Kant zeichnete sich durch äußerste Scharfsinnigkeit, durch leidenschaftlichen Forscherdrang und tiefes Wahrheitsstreben aus und gelangt so zu gewissen revolutionären Resultaten in der Philosophie, weil er in eine revolutionärer Epoche der Philosophie hineinwächst. f ) Die Ansätze (nicht Ansatzpunkte) einer bürgerlichen Entwicklung existieren nicht nur in Königsberg. Andererseits ist auch in Königsberg die Bourgeoisie politisch ohnmächtig. Man kann, wenn es unbedingt sein muss, von der Atmosphäre der Handels- und Hafenstadt Königsberg sprechen, die ein Untergehen in provinzieller Borniertheit verhindert. g) Die fortschrittlichen Einzeleinflüsse aus dem Westen sind durchaus mit dem englischen Empirismus und mit Rousseau identisch. 1885Weggefährten Seite 12–45: Der ganze Abschnitt ist in deiner Disposition unglücklich. Die Disposition zwingt Dich, die Entwicklungsphasen Kants bis 1770 zu ignorieren, und macht es Dir unmöglich, in die Problemstellung der einzelnen Frühschriften einzuführen. Seite 12–17: Logik und Dialektik. Kein einziges der hier angedeuteten Probleme wird klar. Die Vo raus set zungen bleiben ungeklärt. Der Leser erfährt nicht, worum es sich in den Schriften, aus denen Du Zitate mitteilst, handelt. – Da der junge Kant zu Ansätzen dialektischen Denkens in erster Linie durch Behandlung naturphilosophischer und naturwissenschaftlicher Probleme gelangt ist (Schätzung der lebendigen Kräfte, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels, Lehrbegriff der Bewegung und Ruhe usw.) ist es völlig abstrakt, seine Ansätze zur Dialektik im Zusammenhang mit seiner Einstellung zur formalen Logik zu behandeln und diesen Punkt vorwegzunehmen, bevor über die Resultate seiner naturphilosophischen Erörterungen auch nur die geringste Klarheit besteht. Seite 12: Die Gegenüberstellung »Logik und Dialektik« ist falsch. Man kann von »formaler und dialektischer Logik« oder von »metaphysischer und dialektischer Methode« sprechen. Da bei Kant von der Herausarbeitung einer dialektischen Logik und von einer Überwindung der formalen Logik keine Rede sein kann, sie erfolgt erst bei Hegel, müssen die Resultate dieses Abschnittes notwendigerweise äußerst dürftig sein. Eine Arbeit über dialektische Ansätze beim jungen Kant brauchte an und für sich aber gar nicht dürftig zu sein. Nur müsste nicht die Logik zum Ausgangspunkt der Untersuchung gemacht werden, sondern das damalige naturwissenschaftliche Weltbild. Seite 12: Was ist das »bis dahin erreichte Logik-Niveau«? Wodurch ist es charakterisiert? Welche Vo raus set zungen hat es? Seite 12: »Die Schwäche aller logischen Bemühungen seit der Scholastik«? 1) Waren in der Scholastik selbst die logischen Bemühungen nicht schwach? 2) Welche logischen Bemühungen liegen seit der Scholastik vor? Hat die Logik dank dieser Bemühungen Fortschritte gemacht oder nicht? Wenn nein, warum nicht? 3) Wa rum spielen logische Untersuchungen im französischen Materialismus eine sehr geringe, warum spielen sie in der deutschen Schulmetaphysik des 18. Jahrhunderts eine so große Rolle? 1886 Teil XV Seite 12: Wie verhalten sich Scholastik und aristotelische Logik zueinander? Ist es richtig, dass die Logik der Scholastiker mit der des Aristoteles identisch ist? Worin bestehen die »verschiedenen Ansätze« bei Leibniz? Seite 12–13: Worum handelt es sich bei der Schrift über die Falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren? Die Schrift bezeichnet einen Fortschritt bei der Loslösung von der Wolffschen Schulmetaphysik und verrät den Einfluss des englischen Empirismus. Moses Mendelssohn schrieb anlässlich des Erscheinen der Schrift in den Berliner Literaturbriefen über »den verwegenen Mann, der die deutschen Akademien mit einer schrecklichen Revolution bedroht«. – Das herausgerissene Zitat ist nicht geeignet, den sachlichen Inhalt der Schrift, ihre Vo raus set zungen, ihre Bedeutung, ihre Fehler usw. zu klären. Seite 13: Wer ist Heinrich Scholz? Ist er für Dich ein Autorität? Oder nicht? Akzeptierst Du seinen Standpunkt oder nicht? Worin besteht sein »vernichtendes Urteil« über die Kantische Arbeit? Wird durch die sachliche Richtigkeit dieses Urteils, falls es richtig ist, die historische Bedeutung der Kantischen Schrift berührt oder nicht? Wenn das vernichtende Urteil berechtigt ist, sind deswegen die vier syllogistischen Figuren der traditionellen Logik, die Kant auf eine einzige reduzieren will, unanfechtbar? Gibt es bei Scholz eine Lösung, die sich sowohl von der traditionellen Logik, als auch von Kant unterscheidet? Beurteilst Du selbst die vier syllogistischen Figuren vernichtend? Ohne Beantwortung dieser Fragen bleibt Dein Hinweis auf Heinrich Scholz eine leere private Bildungsassoziation, die für den Leser nichtssagend ist. Seite 13: Wieso für die ganze erste Hälfte des 18. Jahrhunderts? Kants Arbeit über die vier syllogistischen Figuren stammt, wie alle seine Schriften – mit Ausnahme der Wahren Schätzung – gerade aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seite 13: Der »kühne Versuch einer Axiomatisierung der Logik«. 1) Wurde den Fundamentalsätzen der traditionellen Logik (Satz der Identität, des ausgeschlossenen Widerspruchs usw.) etwa nicht axiomatischer Charakter zugesprochen? Worin besteht also der kühne Versuch Girolamo Saccheris?532 Was bringt er Neues? 2) Der ganze 532 (AH) Gemeint ist: Giovanni Girolamo Saccheri, geb. am 5. September 1667 in Sanremo, gest. am 25. Oktober 1733 in Mailand. 1685 Eintritt in den Jesuitenorden. Ab 1690 studierte er Philosophie und Theologie in Mailand, 1694 bis 1697 lehrte er Philosophie in Turin, ab 1697 Philosophie und Theologie in Pavia, ab 1699 auch Mathematik. 1887Weggefährten Girolamo Saccheri ist wieder eine leere, private Bildungsassoziation, die für den Leser nichtssagend bleibt. Seite 13: Die »Goldkörner im Sandhaufen«. Bei einer Interpretation der Kantischen Frühschriften kann es sich nicht darum handeln, isolierte Sätze herauszupicken. Es geht darum, die Vo raus set zungen, die Kant vorfindet, zu klären, das Neue und Wertvolle, das er bringt, herauszuarbeiten, und zu zeigen, unter welchen Bedingungen seine neuen Einsichten möglich waren. Seite 13: Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen im Winterhalbjahr 1765/66 (Immanuel Kants Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen  in dem  Winterhalbenjahre  von 1765–1766, AH). Die geschichtlich bedeutsame Frage dieser Schrift behandelst Du nicht: Die Unterscheidung zwischen »Philosophie lernen« und »philosophieren lernen«, die ein vorsichtiger Angriff gegen den Dogmatismus der Wolffschen Schulmetaphysik ist, die Kant bei seinen Vorlesungen zu Grunde legen muss. Was Dein Zitat betrifft, so ist es reichlich kühn, wenn Du da ran die Behauptung knüpfst, Kant hätte hier von der geschichtlichen Bedingtheit der Logik »und ihrer jeweiligen besonderen Gestalt« gesprochen. Der Zusammenhang, aus dem das Zitat herausgerissen ist, zeigt, dass es sich bei Kant um die didaktische Überlegung handelt, ob die Logik vor dem gesamten System der Philosophie oder nach dessen Behandlung vorgetragen werden soll. »Der Lehrer muss freilich das Organon vorher inne haben«, schreibt Kant. Es ist unsinnig, aus dieser didaktischen Zweckmäßigkeitsüberlegung Ansätze zu einer Historisierung der Logik herauslesen zu wollen. Von »jeweiligen besonderen Gestalten der Logik« kann hier keine Rede sein. Die vollständige Logik soll nicht aus der Geschichte der menschlichen Meinungen historisch-genetisch hervorgehen, als deren Resultat, sondern die Geschichte der Meinungen soll zuerst vorgetragen werden und dann soll gezeigt werden, dass und warum die Irrtümer in logischen Verfehlungen ihren Ursprung haben. An dem Absolutheitsanspruch des Organon wird bei alledem nicht gerüttelt. Du reißt Zitate aus Ihrem Zusammenhang heraus und knüpfst da ran Schlussfolgerungen, die viel zu weit gehen. Seite 13–14: »Ein historisch arm Erkenntnis kann nur selten philosophisch reich seyn.« Sehr richtig! Aber dieser Satz aus dem Nachlass beweist gar nichts für die Tendenzen, die Du in die Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen hineininterpretierst. Es geht nicht an, wahllos herausgegriffene Einzelsätze, die unter ganz verschiedenen Voraus set zungen von Kant geprägt wurden, zusammenzukitten. 1888 Teil XV Seite 14: »Solche für unser am dialektischen Denken der marxistischen Klassiker orientiertes Begriffsvermögen selbstverständlichen Einsichten dürfen für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts als revolutionär bezeichnet werden.« 1) Das ist ein »Begriffsvermögen«? 2) Wa rum ist »unser« Denken an den marxistischen Klassikern orientiert? Vielleicht ist es Dein Denken, das Denken vieler Deiner Leser ist es zweifellos nicht. Es genügt nicht, zu sagen, das und das sei für »unser« Denken »selbstverständlich«. Deine Aufgabe ist es, Deine Leser von der Richtigkeit dessen zu überzeugen, was Dir – wie Du sagst – selbst verständlich ist. 3) Wa rum erste Hälfte des 18. Jahrhunderts? In beiden Fällen, sowohl bei der Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen, als auch bei dem Nachlass-Zitat, handelt es sich um die zweite Hälfte. 4) In der Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen findet man die »selbstverständlichen Einsichten«, auf die Du hinaus willst, keineswegs. 5) Der Satz aus dem Nachlass kann das, was Du in die Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen hineindeutest, nicht stützen, weil er in einem ganz anderen Zusammenhang geprägt ist. 6) Der Satz aus dem Nachlass ist ebenfalls nicht als Kritik an der formalen Logik gemeint. Die bloße Hochschätzung einer historisch reichen Erkenntnis besagt noch lange nicht, dass die Beschränktheit der formalen Logik erkannt werden müsste. Seite 14: Der einzig mögliche Beweisgrund usw. Die Schrift ist in zweierlei Hinsicht bedeutsam: 1) Kant entwickelt eine wenigstens partielle Kritik an den Gottesbeweisen, die ihn über die Schulmetaphysik bereits hinaushebt. 2) In der siebten Betrachtung der zweiten Abteilung wiederholte er wesentliche Gedanken der Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels, die bis dahin fast unbekannt geblieben waren. Auf beide Punkte gehst Du nicht ein. Stattdessen gibst Du wieder einen aus dem Zusammenhang herausgerissenen »Gedankengang« an, der nur im Zusammenhang der betreffenden Schrift, im Zusammenhang mit der partiellen Kritik an der Schulmetaphysik Sinn und Verstand hat. Ferner: Was ist die »oberste Formel aller Vernunftschlüsse«? Wer hat sie auf welche Weise zu beweisen versucht? Worin besteht der Gedankengang, der Kant zu dem Resultat führt, dass die »oberste Formel aller Vernunftschlüsse« unbeweisbar sei? Verwirft Kant diese mysteriöse Formel, weil sie unbeweisbar ist, oder akzeptiert er sie, obwohl sie unbeweisbar ist? Wer hat behauptet, dass »die Logik sich aus sich selbst heraus beweise«? Welche Rolle hat diese Behauptung in der Philosophie gespielt? Auf welche Argumente stützt sie sich? Wa rum ist die Erkenntnis, dass sie sich nicht aus sich selbst heraus beweisen kann, »für den dialektischen Materialismus selbstverständlich«? Wa rum 1889Weggefährten konnte sich »die formale bürgerliche Logik von der Mathematik erst im Jahre 1931« zu dieser Erkenntnis »durchdringen«? Was besagt die angeführte Schrift von K. Gödel, der Du ja offenbar epochale Bedeutung beimisst? In welcher Beziehung steht das Resultat dieser Schrift zu Kants Abhandlung über den Einzig möglichen Beweisgrund? Seite 14: Der Satz aus dem Nachlass »Die Logik ist nicht allein die Anordnung (…)« – wieder aus dem Zusammenhang herausgerissen. Deine Schlussfolgerung ist überdies absolut unverständlich: »Logik ist ihm (Kant) also mehr als nur ein Hilfsmittel zur Umformung an sich schon vorhandener Erkenntnisse und zu deren übersichtlicher Gliederung.« Was heißt das? Was heißt: »Umformung an sich schon vorhandener Erkenntnisse«? Wer hat die Ansicht vertreten, dass das die Funktion der Logik sei? Seite 15: Die Ansätze zum vierten Grundsatz der Dialektik resultieren nicht aus einer Auseinandersetzung mit der Beschränktheit der formalen Logik, sondern basieren auf den Resultaten, zu denen Kant in seiner Naturphilosophie, anhand naturwissenschaftlicher Probleme gelangt. Mit dem Augenblick, da Deine Darlegungen substantiell werden, sprengst Du daher den Rahmen, den Du Dir mit der Überschrift Logik und Dialektik gegeben hast. Seite 15: »Schon in seiner Allgemeine Naturgeschichte des Himmels baut er die Kosmogonie (…)« – Bis jetzt war von der Allgemeinen Naturgeschichte in Deiner Einleitung nicht die Rede, der Leser hat nicht erfahren, was der Inhalt dieser Schrift ist und worin ihre wesentliche Bedeutung besteht. Er kennt weder die Newtonsche Theorie des Sonnensystems, noch die Kantische Hypothese der Entstehung des Sonnensystems. Ohne dass ihm diese Dinge bekannt wären, werden ihm auf einmal, aus heiterem Himmel, Attraktion und Repulsion aufgetischt. Auf welchem Wege und von welchen Vo raus set zungen aus Kant zu dieser Einsicht gelangt ist, bleibt völlig ungeklärt. Hier rächt sich der falsche Ausgangspunkt Deiner systematischen Darlegungen. Anstatt abstrakt von Logik und Dialektik auszugehen, hättest Du mit einer Interpretation der naturphilosophischen und naturwissenschaftlichen Schriften des jungen Kant anfangen müssen, um zeigen zu können, dass die (teilweise erkannte) Dialektik der Sache ein Übergehen zu Ansätzen dialektischen Denkens erzwingt, und dass auf diesem Wege schließlich auch der Satz des Widerspruchs problematisch wird. Jetzt, wo Du – bei der Behandlung der Schrift über die Negativen Größen – zu dem Punkt kommst, an dem der dialektische Charakter der Wirklichkeit mit den Fundamentalsätzen der formalen Logik kollidiert, bist Du gezwungen, die Resultate der Allgemeinen Naturgeschichte, 1890 Teil XV ohne ihre Vo raus set zungen geklärt zu haben, in Form von unverständlichen, esoterischen Andeutungen in das Kapitel Logik und Dialektik hinein zu stopfen. Seite 15: Worum geht es in der Schrift über die Negativen Größen? Du bringst wieder zwei zusammenhanglos herausgerissen Zitate. Stattdessen müssten folgende Fragen beantwortet werden: Was sind die naturwissenschaftlichen Vo raus set zungen der Schrift? Welche Bedeutung hat die Kritik an Crusius? Was hat es mit der Unterscheidung von logischer und realer Opposition auf sich? Wa rum werden logischer Grund und Realgrund unterschieden? In welcher Beziehung steht die Schrift zum Empirismus? Wie zeigt sich das Wirksamwerden des Einflusses von Hume? Wa rum wird die Bestimmung des Realgrundes hier vertagt? Seite 15–16: Indem Du die ersten Sätze der Abhandlung über die Negativen Größen einfach zitierst, hast Du noch nichts über die wesentlichen Punkte ihres Inhaltes gesagt. Im Übrigen ist nicht alles, was Kant unter die »zweite Opposition« rubriziert, dialektischer Widerspruch. Deine These, dass hier der logische und der dialektische Widerspruch »definitorisch« gegenübergestellt werden, leistet also Missverständnissen Vorschub. Außerdem ist Deine Gegenüberstellung »logischer und dialektischer Widerspruch« schief. Es handelt sich um etwas ganz anderes: Es handelt sich darum, dass es in der Welt »reale Oppositionen« (einen Teil davon würden wir als dialektische Widersprüche bezeichnen) gibt, die nicht dadurch zu existieren aufhören, dass der formallogische Satz des Widerspruchs sie für unmöglich erklärt. Wenn Kant diesen Tatbestand durch die Gegenüberstellung von »logischer Opposition« und »realer Opposition« auszudrücken versucht, so bedeutet das nicht, dass wir diese Zweiteilung übernehmen müssten. – Deine Gegenüberstellung »logisch – dialektisch« impliziert die stillschweigende Voraus set zung: Logisch = formallogisch. Seite 16: Wo, an welcher »anderen Stelle« hatte Kant festgestellt, »dass der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch für die Betrachtung der wirklichen Welt nicht ausreichend ist«? Diese »andere Stelle« müsste ja doch wohl sehr eingehend interpretiert werden! Seite 16: Was ist das Buch k der Metaphysik des Aristoteles? Was sind die dort auftretenden logischen Fundamentalsätze? Woraus geht hervor, dass es Kant »klar« gewesen wäre, dass diese »Fundamentalsätze nur in einer formalen Logik auftreten können und ihren Platz in der Ontologie haben«? Was ist überhaupt »Ontologie«? 1891Weggefährten Seite 16–17: Die drei Wege sind sehr fragwürdig. Erstens: Es gibt nur eine Wahrheit. Das Nebeneinanderstellen gleichberechtigter Möglichkeiten ist objektivistisch, und dieser Objektivismus wird auch nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass Du erklärst: Dieser Weg (a) wäre erst von den Klassikern des Marxismus begangen worden, und jener Weg (c) wäre dem dialektischen Materialismus absolut fremd. Für viele Deiner Leser ist es nämlich gar nicht ausgemacht, dass Weg (a) der einzig richtige, der Weg der objektiven Wahrheit sein muss, zumal Du nichts unternimmt, sie davon zu überzeugen. (Dafür sind Deine Darlegungen über den Satz des ausgeschlossenen Widerspruch und die realen Widersprüche viel zu verschwommen.) Zweitens: Es handelt sich nicht darum, welche Wege »offen geblieben wären«, sondern darum, was Kant tatsächlich gemeint hat und inwiefern es falsch oder richtig ist. Bei dem Weg (b) erhebt sich die Frage: Wer hat in der Geschichte der Philosophie faktisch diesen Weg beschritten, handelt es sich um eine leere Möglichkeit oder um eine realiter existierende philosophische Richtung? Im Übrigen wird die »Kleinigkeit« vergessen, dass auch Hegel einen nicht ganz unwesentlichen Beitrag zur Überwindung des Absolutheitsanspruchs der formalen Logik geleistet hat. Seite 17: Weg (c). Was meinst Du damit? Die Kritik der reinen Vernunft? Dann ist Deine Vorstellung von der Kritik der reinen Vernunft vollständig schief. – Das abrupte Ende des Kapitels Logik und Dialektik überlässt den Leser einem Zustand völliger Ratlosigkeit. Es gibt nichts, was ihm hier auch nur annähernd klar geworden wäre oder ihm das Verständnis der Kantischen Frühschriften erleichtert und deren Wert und Unwert begreiflich gemacht hätte. Seite 17: »Im Bereich seiner Frühschriften betrachtet Kant die Mathematik noch keineswegs als eine a priori gegebene Menge von Sätzen.« – Abgesehen davon, dass die »Menge von Sätzen« eine reichlich unglückliche Formulierung ist, tut er dies durchaus. Oder findet man »im Bereich seiner Frühschriften« irgendeine Bemerkung da rü ber, dass die mathematischen Größen auf der Abstraktion der quantitativen Beziehungen in der realen Welt beruhen? Die Bedeutung der Untersuchungen über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral zum Beispiel besteht nicht da rin, dass Kant gegen die Apriorität der mathematischen Gebilde zu Felde zöge. (Die Lehre von der synthetischen Konstruktion der geometrischen Figuren, die er hier entwickelt, unterscheidet sich keineswegs prinzipiell von den entsprechenden Ausführungen in der Kritik der reinen Vernunft.) Die Bedeutung der Schrift besteht vielmehr da rin, dass die Nachahmung der mathematischen Methode in der Philosophie als falsch und unfrucht- 1892 Teil XV bar bekämpft wird. Damit ist aber noch nichts gegen die Apriorität der Mathematik selbst gesagt! Seite 18: Worum handelt es sich in der Schrift Über die wahre Schätzung der lebendigen Kräfte? Von welchen Vo raus set zungen aus gelangt Kant zu dieser angeblichen »impliziten Beherrschung des dritten Grundzuges der Dialektik«? Engels, der sich mit dem Problem der Kantischen Arbeit eingehend beschäftigt hat (Naturdialektik, Maß der Bewegung – Arbeit!), hat derlei bei Kant nicht entdeckt! Du bringst wiedermal einen einzigen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Satz (er stammt aus § 28!), an den Du dann Schlussfolgerungen knüpft, die viel zu weit gehen. Wo hat Kant gesagt, dass bei physikalischen Größen »das Überschreiten oder Unterschreiten bestimmter Funktionswerte zu neuen Qualitäten führt«? Wo hat er den Umschlag quantitativer in qualitative Veränderungen behandelt? Es wäre besser gewesen, wenn Du zu dem sachlichen Problem der Arbeit, zu dem Streitobjekt zwischen Cartesianern und Leibnizianern und zu Kants Vermittlungsversuch Stellung genommen hättest, statt höchst vage Vermutungen über den dritten Grundsatz anzustellen. Seite 18–19: Was Du hier über die Bedeutung der Untersuchungen über die Deutlichkeit der Grundsätze sagst, ist im Prinzip richtig. Nur müsste klar werden, aus welcher historischen Problemlage bei Kant die Ablehnung der mathematisierten Philosophie erwächst. Wenn Du Kants Argumentation auf dessen »sicheren philosophischen Instinkt« zurückführst, so ist es eine höchst missliche und fragwürdige Erklärung, die absolut nichtssagend bleibt. Es handelt sich um den Kampf gegen den Wolffschen Scholastizismus, der sich mit der Mathematisierung der Philosophie verschwistert hat. Seite 19: Diese spekulative Antizipation der Relativitätstheorie fällt nicht vom blauen Himmel herab. Du müsstest hier die Vo raus set zungen zeigen, an die Kant anknüpft: 1) Leibniz’ idealistische Theorie, dass die Körperlichkeit der Dinge und der Raum überhaupt Krafterscheinungen oder Produkte immaterieller Kräfte (der Monaden) sind. (Diese Theorie ist an und für sich reaktionär: Verteidigung der aristotelisch-scholastischen Entelechie, Kampf gegen mechanistisches Weltbild zur größeren Ehre der Teleologie, Kampf gegen Gassendis Atomismus mit Hilfe einer spiritualistischen Theorie der Materie. Aber das Geniale ist, dass Leibniz seine Kritik an den mechanistischen Schwächen der damals fortschrittlichsten philosophischen Systeme des Westens ansetzte, dass er – wie Lenin im Philosophischen Nachlass, S. 329, sagt – »über die Theorie zum 1893Weggefährten Prinzip des unzertrennlichen und universellen, absoluten Zusammenhangs zwischen Materie und Bewegung herangekommen« ist.) 2) Der junge Kant übernimmt den Leibnizschen Kraftbegriff, aber er gibt der Angelegenheit eine ganz neue, materialistische Wendung, weil er gleichzeitig die attraktiven Beziehungen zwischen den Substanzen nach den Newtonschen Gravitationsgesetzen, die Leibniz noch verneint hat, übernimmt. Seite 20: In den Ausführungen über die »Ablösung der mathesis universalis durch die machanice generalis« musst Du genauer sein. 1) Wie kann man in dieser apodiktischen Allgemeinheit von einem Vorgang der »Ablösung« besprechen, wenn das methodische Verfahren »more geometrico« bei Descartes und Spinoza mit der Herausarbeitung des mechanistischen Weltbildes Hand in Hand geht? 2) Das mechanistische Weltbild ist nicht erst ein Werk des 18., sondern bereits des 17. Jahrhunderts. (Descartes, Hobbes, Spinoza und nicht zuletzt Newton!) Positive Seite: Überwindung des teleologischen Vorurteils der Scholastik, das dann nur noch bei Wolff eine groteske deutsche Spätgeburt zeugt. Negative Seite: Dominanz der Mechanik über alle Wissenschaften. Beschränktheit des metaphysischen Materialismus. 3) Richtig an Deinen Ausführungen ist, dass die Abkehr von der Mathematik als Universalmethode 18. Jahrhundert ist. Seite 21: Die »Ironie der Philosophiegeschichte«! Diese Ironie bezieht sich nur auf die spätere Subjektivierung des Raumes. Mit dem »Wesen der Mathematik« steht es anders. 1) Da die Kritik der reinen Vernunft ebenfalls keiner »mathesis universalis« das Wort redet (auch keiner subjektivistisch gewendeten), bedeutet sie keine Verleugnung der Untersuchungen über die Deutlichkeit der Grundsätze. Die »reinen Verstandesbegriffe« (Kategorien) in der Kritik sind durchaus keine mathematischen Axiome. Die Lehre von der sinnlichen Evidenz der Mathematik und dem synthetischen Charakter der mathematischen Demonstration, die einer der zentralen Gedanken der transzendentalen Ästhetik in der Kritik der reinen Vernunft ist, wird bereits in den Untersuchungen über die Deutlichkeit der Grundsätze herausgearbeitet. 2) Die Apriorität der Mathematik wird auch in den Frühschriften nicht bezweifelt. Es wird lediglich die Anwendung mathematischer Methoden auf Gegenstände der Philosophie bekämpft. Seite 21: Elemente der Naturdialektik. Dieses Kapitel gehört natürlich an die Spitze der systematischen Erörterungen und muss dort so disponiert werden, dass die Entwicklungsgeschichte der Kantischen Naturphilosophie anhand der Reihenfolge seiner 1894 Teil XV naturphilosophischen Frühschriften verständlich gemacht werden kann. (Erneute Aufzählung, hier weggelassen, AH.) Und zwar nicht nur aus zeitlich-biographischen, sondern auch aus sachlichen Gründen. Seite 22: »Gesamtwertung«? Ein fragwürdiger Begriff. Wir haben es nicht mit einem sportlichen Wettkampf zu tun. Es ist einfach so, dass Kant am Anfang der klassischen deutschen Philosophie, Hegel an ihrem Ende steht und deshalb eo ipso überlegen ist. Was den falschen Ausgangspunkt angeht: 1) Hegel hatte die Naturwissenschaften keineswegs ignoriert. Vor Kant zeichnet ihn indess aus, dass er außerdem auch noch Philosoph der Geschichte – und dies in erster Linie ist. 2) Ob der extramundane liebe Gott der Kantischen Frühschriften dem objektiven Idealismus Hegels so unbedingt vorzuziehen ist, ist denn doch sehr die Frage. 3) Kants Vorzug vor Hegel: Sein extramundaner Gott gestattet es, der Materie ihre Materialität zu lassen. (Es ist ein spezifischer Vorzug des jungen Kant, der aber mit Wolffschen Restbeständen verbunden ist.) Seite 22: »Genialer philosophischer Instinkt«? O nein, in der Allgemeinen Naturgeschichte ist es ein echtes Aufklärer-Anliegen: Der Kampf gegen den Newtonschen ersten Anstoß, gegen »diese für einen Philosophen betrübte Entschließung«! »Instinkt« ist nichtssagend. Seite 23: Wenn Du Stalins Grundzüge der Dialektik zum Maßstab nimmt, so muss Du zweierlei sagen: 1) Wie es kommt, dass sich beim jungen Kant Ansätze der Grundzüge zeigen? 2) Worin sich die Stalinschen Grundzüge qualitativ von diesen Ansätzen unterscheiden? Besser wäre, Du würdest die Resultate, zu denen Kant gelangt, von vornherein im Zusammenhang mit ihren gesellschaftlichen Vo raus set zungen behandeln und zeigen, an welchen Punkten Kant Erkenntnisse erarbeitet, die zu seiner Zeit neu, fortschrittlich und eine Annäherung an die objektive Wahrheit waren. Dann erst hätte die Konfrontierung mit dem neuesten Wissensstand und mit dem dialektischen Materialismus einen Sinn. Die Art, in der Du hier die Stalinschen Grundzüge durchex er zierst, ist unhistorisch und völlig abstrakt. Sie zeugt im Übrigen von einer frappanten Verkennung des ersten Grundzuges. Seite 23: Die Ahnung des universellen Zusammenhanges aller Energie-Arten wäre, wenn Du recht hast, derartig wichtig, dass es bei dieser Andeutung nicht sein Bewenden haben dürfte. 1895Weggefährten Seite 24: Die Kennzeichnung des mechanistischen Weltbildes gehört an den Anfang der Untersuchungen und muss schärfer präzisiert werden. Seite 24: Der dynamische Atom-Begriff auf idealistisch-spiritualistischer Grundlage bereits bei Leibniz. Wo steht in den Kantischen Frühschriften etwas von Molekülen? Seite 24: Endlich eine Andeutung über den wesentlichen Inhalt der Allgemeinen Naturgeschichte! Müsste schon längst behandelt sein. Wa rum nennst Du in diesem Zusammenhang nicht den Titel der Schrift? Wa rum zeigst Du nicht den Ausgangspunkt: Die Kritik am »ersten Anstoß«? Seite 24: Beim dritten Grundzug bitte konkreter. Das Moment, auf das »wir bereits hingewiesen haben«, existiert meines Erachtens nicht. – Die Sache mit dem Bewegungsgesetz muss präziser sein. – Das gleiche gilt von der Polemik gegen den Stetigkeitssatz. Wo findet man sie? Wie kommt Kant dazu? Seite 25: Die »geniale Antizipation des modernen Welle-Partikel-Dualismus« erscheint mir als höchst fragwürdig, abgesehen davon, dass nicht dieser Dualismus, sondern seine Entdeckung modern ist. Mehr den spekulativen Charakter der Kantischen Feuer-Hypothese betonen! Seite 26: »Hier zeigen sich aber auch die Grenzen des Kantischen Entwicklungsgedankens.« Sie zeigen sich in der Tat, aber an ganz anderen Punkten. Zum Beispiel zeigen sie sich in der Tatsache, dass Kant den Entwicklungsgedanken nicht für die Biologie und Anthropologie fruchtbar macht. Was Du stattdessen hier vorbringt, erscheint mir jedoch als sehr fragwürdig. Über die Vermutungen, die Kant anstellt, und die Du – ganz überflüssigerweise – zitierst, mag man denken, wie man will. Natürlich sind sie rein spekulativ. Aber welche Art von »Höherentwicklung« erwartest Du eigentlich von unserem Sonnensystem? Möglich ist, soviel ich weiß, die Erkaltung der Sonne oder auch ihr Zerplatzen. Aber »Höherentwicklung«? »Synthese der widersprechenden Komponenten auf höherer Ebene«? Oder gar »Spirale«? Was stellst Du Dir da run ter – immer im Hinblick auf das Sonnensystem – vor? Lies bitte einmal nach, was Engels in der alten Vorrede zur Naturdialektik – gegen Ende – zu diesem Punkt zu sagen hat: »Es ist ein ewiger Kreislauf, in dem die Materie sich bewegt, ein Kreislauf, der seine Bahn wohl erst in Zeiträumen vollendet, für die 1896 Teil XV unser Erdenjahr kein ausreichender Maßstab mehr ist, ein Kreislauf, in dem die Zeit der höchsten Entwicklung, die Zeit des organischen Lebens und noch mehr die des Lebens selbst- und naturbewusster Wesen ebenso knapp bemessen ist wie der Raum, in dem Leben und Selbstbewusstsein zur Geltung kommen; ein Kreislauf, in dem jede endliche Daseinsweise der Materie, sei sie Sonne oder Dunstnebel, einzelnes Tier oder Tiergattung, chemische Verbindung oder Trennung, gleicherweise vergänglich, und worin nichts ewig ist als die ewig sich verändernde, ewig sich bewegende Materie und die Gesetze, nach denen sie sich bewegt und verändert. Aber wie oft und wie unbarmherzig auch in Zeit und Raum dieser Kreislauf sich vollzieht; wie viele Millionen Sonnen und Erden auch entstehen und vergehen mögen; wie lange es auch dauern mag, bis in einem Sonnensystem nur auf einem Planeten die Bedingungen des organischen Lebens sich herstellen; wie zahllose organische Wesen auch vorher gehen und vorher untergehen müssen, ehe aus ihrer Mitte sich Tiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden, um dann auch ohne Gnade ausgerottet zu werden – wir haben die Gewissheit, dass die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt, dass keins ihrer Attribute je verlorengehen kann, und dass sie daher auch mit derselben eisernen Notwendigkeit, womit sie auf der Erde ihre höchste Blüte, den denkenden Geist, wieder ausrotten wird, ihn anderswo und in anderer Zeit wieder erzeugen muss.«533 Dein Plädoyer zu Ehren der »Höherentwicklung« und der »Spirale« ist hier also deplatziert. Viel wichtiger wäre, auf die Fragen einzugehen, die die Kantische Theorie der Entstehung des Sonnensystems nicht beantwortet (zum Beispiel Drehmoment) und die vom Standpunkt des dialektischen Materialismus wahrscheinlichsten neueren Hypothesen anzudeuten. Seite 27: Die Kritik am Polaritätsbegriff müsste ausführlicher sein. Dagegen haben Klassenversöhnung usw. in diesem Zusammenhang überhaupt nichts zu suchen. Seite 27: Kontinuität und Diskontinuität. 1) Die Grundlagenkrise der griechischen Mathematik – eine esoterische private Bildungsassoziation. 2) Die Autorität von Leibniz wäre der Grund für den Sieg des Stetigkeitsgedankens gewesen? 3) Wa rum nimmst Du die Mathematik zum Ausgangspunkt und nicht die Auffassung von der Materie? 533 (AH) Harich zitierte leicht abweichend und unter Weglassung einzelner Teile. Wiedergabe nach: Engels, Friedrich: Dialektik der Natur, in: Marx, Karl; Engels, Friedrich: Werke, Band 20, Berlin, 1962, S. 327. 1897Weggefährten 4) Wa rum erwähnst Du nicht den Atomismus Gassendis? 5) Bereits bei Leibniz findet sich – auf idealistischer Grundlage – der Gedanke der Einheit von Kontinuität und Diskontinuität. Sieh Dir doch sein Stufenreich der Monaden an, das einerseits diskontinuierlich ist als unendliche Mannigfaltigkeit diskreter Kraftpunkte »ohne Fenster«, und in dem andererseits der Gradunterschied zwischen zwei »benachbarten« Monaden jeweils unendlich klein ist. Seite 27: Die Schrift über die Vereinigung von Metaphysik und Geometrie534 verdient eine ausführliche Behandlung, schon wegen der halbmaterialistischen Auffassung der Monaden. Seite 27: Der Satz aus dem Nachlass, Zusammenhang!? Seite 27–28 Was haben die Nachlass-Zitate, deren Zusammenhang völlig unklar bleibt, mit der Schrift Metaphysicae cum geometria iunctae zu tun? Du zitierst beides durcheinander, als ob es sich um einen einheitlichen Gedankengang handelte! Dann sprichst Du von den Darlegungen über die physische Monadenlehre von 1756, in denen Kant »in dieser Hinsicht« am weitesten geht, als ob es sich um eine andere Schrift handelte, dabei sind diese Darlegungen mit der Schrift Metaphysicae cum geometria iunctae identisch. Seite 28: »Also auch hier Zwiespältigkeit und innere Zerrissenheit der philosophischen Auffassung.« Ist das negativ oder positiv gemeint? Soeben wurde uns diese nämliche Zwiespältigkeit noch als wertvolles Herausarbeiten dialektischer Widersprüche der Realität präsentiert. Ist beides miteinander identisch? Die Zwiespältigkeit und Zerrissenheit besteht meines Erachtens in dem Nebeneinander und Durcheinander materialistischer Ansätze und wolffisch-metaphysischer Restbestände, findet aber nicht nur unmittelbar ihren Ausdruck in den Ansätzen zum vierten Grundzug. Seite 28: Freiheit und Notwendigkeit. 1) Was hat die Freiheit in dem Kapitel Elemente und Naturdialektik zu suchen? 2) Wa rum machst Du den abwegigen Versuch, den 534 (AH) Gemeint ist Kants: Über die Vereinigung von Metaphysik und Geometrie in ihrer Anwendung auf die Naturphilosophie usw., verfasst 1756. 1898 Teil XV Kant der Frühschriften für unsere Auffassung von Freiheit und Notwendigkeit zu retten?535 Seite 28: Wir lehnen den Determinismus der mechanischen Materialisten ab, weil er die objektive Rolle des Zufalls leugnet (vgl. Engels’ Naturdialektik, Notizen 1881–1882), aber nicht, weil er die »Willensfreiheit« leugnet und das Einbezogensein des Willens in den kausalen Determinationsnexus der realen Welt behauptet. Die Willensfreiheit in den Kantischen Frühschriften ist ein Wolffscher Restbestand, der keinesfalls als Vorzug interpretiert werden kann. Unsere Definition der Freiheit (Einsicht in die Notwendigkeit) findet sich auf idealistischer Grundlage bei Hegel. Beim jungen Kant Ansätze zu dieser Definition der Freiheit suchen zu wollen, ist abwegig. Erdbeben von Lissabon, zeitgenössischer Kupferstich Seite 29: Untersuchung über die Erdbeben und ihre Ursachen.536 Die Bedeutung des Zitats »Die Führung des menschlichen Geschlechts (…)« wird von Dir weit überschätzt. 535 (AH) Siehe zu diesem Thema die Ausführungen Harichs auf der großen Freiheitskonferenz von 1956, neu abgedruckt als Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit (Bd. 3, S. 359–376). 536 (AH) Das Erdbeben von Lissabon war 1755 eine der größten damaligen Naturkatastrophen. Kant bemühte sich in mehreren Aufsätzen um eine wissenschaftliche Erklärung des Erdbebens, das gerade aus religiösen Kreisen massiv und öffentlichkeitswirksam als »Strafe Gottes« dargestellt wurde. Siehe mit zahlreichen Informationen: Heyer: Das Erdbeben von 1899Weggefährten Es handelt sich um eine sehr vage Andeutung über die Möglichkeit, Vorbeugungsmaßnahmen gegen Erdbeben zu ergreifen. Aber es kann doch keine Rede davon sein, dass daraus eine philosophische Verallgemeinerung entwickelt wird, die die Freiheit als Beherrschung der Naturgesetze durch Einsicht in die Notwendigkeit begreiflich macht. Im Übrigen: Bist Du sicher, dass der mechanistische Materialismus einen derartigen Gedanken, wie ihn Kant hier fasst, prinzipiell ausschließt. Bist Du sicher, dass sich bei den französischen Zeitgenossen Kants nicht ebenfalls Erwägungen über die Möglichkeit von Vorbeugungsmaßnahmen gegen Erdbeben finden? Seite 29: Betrachtungen über den Optimismus (Versuch einiger Betrachtungen über den Optimismus, AH). Auch in dieser Schrift Kants deutest Du Dinge an, die dort gar nicht zu finden sind. 1) Du vergisst, dass es sich um das Theodizee-Problem handelt, um die Frage, ob Gott – wenn er gewollt hätte – auch eine andere Welt als die bestmögliche hätte schaffen können. 2) Die Notwendigkeit, von der dabei die Rede ist, ist nicht die Notwendigkeit der Naturgesetze, sondern der Zwang, »nicht umhin zu können, dasjenige zu wählen, was man deutlich und richtig vors Beste erkennt«. Unter diesem Zwang soll Gott gestanden haben, als er die Welt erschuf, und eben dieser Zwang ist – nach Kant – die »gütige Notwendigkeit, wobei man sich so wohl befindet, und woraus nichts als das Beste entspringen kann«. 3) Eine »Synthese von Freiheit und Notwendigkeit« in dem Sinne, dass Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit objektiver Naturgesetze und als Beherrschung dieser Naturgesetze durch den Menschen definiert wird, ist bei alledem auch beim besten Willen nicht zu entdecken. Statt Deiner vagen Schlussfolgerungen hättest Du besser getan, die Schrift als das zu behandeln, was sie ist: Als Dokument des Befangenseins in der traditionellen Metaphysik von Leibniz-Wolff. Deshalb hat Kant von dieser Schrift auch später nichts mehr wissen wollen. Seite 29: Der Freiheitsbegriff der Nova Dilucidatio (von 1755, AH). 1) Es ist schade, dass Du diese Schrift nicht behandelt. Sie ist wichtig als der unmögliche Versuch, die naturphilosophischen Resultate der Frühschriften mit der Wolffschen Schulmetaphysik in Einklang zu bringen. 2) Der Freiheitsbegriff der Nova Dilucidatio basiert auf der Unterscheidung äußerer und innerer Bestimmungsgründe des Handelns. Auch das menschliche Wollen und Handeln ist demnach determiniert, aber wenn es durch in- Lissabon im Jahre 1755. Die Idee der besten aller möglichen Welten und das Problem der Utopie, in: Rüdiger, A.; Seng, E.-M. (Hrsg.): Dimensionen der Politik: Aufklärung, Utopie, Demokratie, Berlin, 2006, S. 255–272. 1900 Teil XV nere Bestimmungsgründe determiniert ist, zum Beispiel durch die »Idee des Guten«, die über andere Determinanten dominiert, so ist es frei. Freiheit wird hier also als Determiniertheit des Willens durch moralische Motive definiert. Das ist eine Vorwegnahme grundlegender Gedanken aus der Kritik der reinen Vernunft und hat mit unserer Definition der Freiheit absolut nichts zu tun. Du knüpfst an die Erwähnung der Nova Dilucidatio die Bemerkung: »Wenn es so scheinen könnte, als würde sich unser Philosoph hier (!) weitgehend (!) den später vom Marxismus (!) vertretenen Auffassungen nähern, so bleibt uns doch auch in diesem Fall der idealistische Pferdefuß nicht erspart.« 1) Kant nähert sich in keinem Punkte der marxistischen Definition der Freiheit. 2) Es ist gar nicht nötig, den »idealistischen Pferdefuß« (eine unschöne Formulierung nebenbei) erst in der Schrift über den Einzig möglichen Beweisgrund zu suchen. Der Pferdefuß steckt bereits in der Nova Dilucidatio selbst. Siehe oben! 3) Der Einzig mögliche Beweisgrund stellt als Ganzes der Nova Dilucidatio gegenüber einen entscheidenden Fortschritt dar. Nach Deiner Darstellung scheint es sich so zu verhalten, als ob Kant in der Nova Dilucidatio beinahe Marxist gewesen wäre und im Einzig möglichen Beweisgrund »gegenüber dem bisher Gesagten wesentliche Einschränkungen gemacht« hätte. Seite 29: Natürlich ist dieses Zitat aus dem Einzig möglichen Beweisgrund erschreckend reaktionär. Aber indem Du dieses Zitat aus dem Zusammenhang gerissen hervorhebt, nachdem Du den Leser über die Bedeutung der ganzen Schrift im Unklaren gelassen hast, stiftest Du Verwirrung. Seite 30: Zusammenhang! Nach den überflüssigen Expektorationen über Freiheit springst Du jetzt wieder unvermutet zurück zu den Widersprüchen. Seite 30: Wieder einmal die besonderen sozialen Bedingungen Ostpreußens und Königsbergs. Diese apodiktische Behauptung ist doch absolut nichtssagend. Die Rückständigkeit Deutschlands kann erklären, wieso Kant in den Frühschriften hartnäckig an religiösen Vorstellungen festhält. Sie erklärte aber nicht, wieso er zur Theorie von Attraktion und Repulsion kommt. Weiter: Die Spaltung und Zerrissenheit des persönlichen Lebens, d. h. die Abhängigkeit von den reaktionären Mächten einerseits und das Anknüpfen an die fortschrittlichen Ideen der Epoche andererseits bedingt die Vermittlungsversuche zwischen den religiösen Vorurteilen und den im Kern materialistischen Überzeugungen, die das Resultat der naturwissenschaftlichen und naturphi- 1901Weggefährten losophischen Betrachtungen sind. Diese Zerrissenheit erklärt doch aber nicht »das Denken in Widersprüchen«. Seite 30: Hat sich Kant in seinen Frühschriften mit der Differenzialrechnung und mit »dem ihr entgegengesetzten hartnäckigen Widerstand« auseinandergesetzt? Wenn ja – welche Position hat er selbst eingenommen und inwiefern hängt diese seine Stellungnahme mit den dialektischen Ansätzen in den Frühschriften zusammen? Seite 30: Die gleiche Frage ergibt sich in Bezug auf den Streit zwischen Bernoulli und d’Alembert und in Bezug auf die Auseinandersetzung zwischen Newton und Huyghens. Ohne Beantwortung dieser Frage sind Deine Andeutungen nichtssagend. Seite 30: Wolffsche Schulmetaphysik statt »Rationalismus«! Seite 30–31: Das Zitat stammt nicht aus der »Abhandlung über das Verhältnis von Metaphysik und Geometrie, die wir bereits mehrfach erwähnten«, sondern aus der Wahren Schätzung der lebendigen Kräfte. Außerdem handelt es sich nicht um ein »Gefühl der Grenzsituation« (was ist das eigentlich?), sondern um den Versuch einer konkreten Stellungnahme zu dem konkreten Streit zwischen Leibnizianern und Cartesianern über die Bestimmung des Kraftmaßes. Seite 31: »Bei aller Neigung Kants zum Kompromiss wäre es verfehlt (…)« Das kann man wohl behaupten. Denn mit den Kompromissen, die Kant (zum Beispiel in Fragen der Religion) mit der Reaktion eingegangen ist, hat die vermittelnde Stellungnahme zum Streit zwischen Leibnizianern und Cartesianern weiß der Himmel nichts zu tun. Seite 31: Das Zitat aus der Metaphysicae cum geometria iunctae. Welche bestimmten Gegensätze sind denn »diese Gegensätze«? Worum geht es konkret? Wieder ein aus dem Zusammenhang herausgerissenes, nichtssagendes Zitat. Seite 31: Kant spricht von »Ausgleichung dieser Gegensätze«. Unter den »anderen, deren Kräfte weiter reichten«, verstehst Du, wie es scheint, Marx und Engels. 1) Inwiefern haben Marx und Engels Gegensätze »ausgeglichen«? 2) Was sind das konkret für Gegensätze, von denen Kant spricht? Haben sie etwas zu tun mit den Gegensätzen und Widersprüchen, die der dialektische Materialismus in der Realität aufdeckt? Was haben sie damit zu tun? 3) Haben die Gegensätze, von denen in Metaphysicae cum 1902 Teil XV geometria iunctae die Rede ist, etwas zu tun mit Attraktion und Repulsion? Ohne Beantwortung dieser Fragen bleibt der ganze Abschnitt unklar. Seite 32: Was haben Attraktion und Repulsion mit der Scheidung von Sinnenwelt und intelligibler Welt zu tun, sind Sinnenwelt und intelligible Welt Gegensätze, wie es Attraktion und Repulsion sind? Seite 32: Der ganze Schluss des Kapitels 3 ist unklar. Die gesellschaftliche Situation in Preußen, d. h. die Ohnmacht und Schwäche der bürgerlichen Klasse, die die Zaghaftigkeit der deutschen Aufklärung in ihrer Auseinandersetzung mit der Religion bedingt, kommt da rin zum Ausdruck, dass Kant in der Kritik der reinen Vernunft vor atheistischen Konsequenzen zurückschreckt und es dabei bewenden lässt, einen Trennungsstrich zwischen »Wissen« und »Glauben« zu ziehen. Wenn Du ihm vorwirft, er hätte keine »echten dialektischen Synthesen« zu Stande gebracht – worin hätten die denn bestehen sollen? Und was hat das alles mit Attraktion und Repulsion zu tun? Etwas ganz anderes ist das unvermittelte Gegenüberstellen der Antinomien in der Kritik.537 Hier hat Hegel »echte dialektische Synthesen« entwickelt, aber nicht deshalb, weil er den »revolutionären Geist und Mut« gehabt hätte, den Du an Kant vermisst. Seite 33: »Wie Lenin steht er dabei auf dem Standpunkt (…)« 1) Verwischung des qualitativen Unterschiedes zwischen bürgerlicher Philosophie und den Klassikern des Marxismus. 2) Gerade in den Träumen eines Geistersehers, aus denen Du Dein Zitat entnimmst, treten – unter dem Einfluss Humes – agnostizistische Tendenzen in Bezug auf das Kausalitätsproblem auf, die unseren Auffassungen diametral entgegengesetzt sind. Mit diesen Tendenzen (siehe meine einleitenden generellen Einwände) müsstest Du Dich auseinandersetzen. Das tust Du nicht. Die wirkliche Bedeutung der Schrift – einerseits der entschiedenste Bruch mit der Schulmetaphysik, andererseits Humescher Agnostizismus – bleibt unklar. 537 (AH) Mit den Antinomien Kants hat sich Harich sowohl in den fünfziger Jahren als auch nach seiner Haftentlassung intensiv auseinandergesetzt. Nachzulesen ist seine Position – in direkter Auseinandersetzung mit Engels, Lenin und verschiedenen Wissenschaftlern der DDR (vor allem Gottfried Stiehler) – in Widerspruch und Widerstreit (abgedr. in mehreren Versionen in Band 3, S. 51–315). Dort ist das ganze dritte Kapitel überschrieben Die Antinomien Kants als Ausgangspunkt der dialektischen Widerspruchslogik (Ebd., 1. Version von 1966/1967, S. 101–231), direkt zu den einzelnen Antinomie (Ebd., S. 137– 151). 1903Weggefährten Seite 34: Allgemeine Naturgeschichte. So konsequent ist die Abweisung aller teleologischen Gedankengänge in dieser Schrift gar nicht. Hast Du nicht bemerkt, dass Kant vom »Plan« der Schöpfung, von ihrer »Weisheit« usw. spricht? Seite 34: Das Zitat aus dem Einzig möglichen Beweisgrund ist völlig unklar. Seite 35: Wieder der Nachlass! Von wann stammt das Zitat? In welchem Zusammenhang wurde es geprägt? Die entscheidenden Gedanken Kants über die Unterschiede zwischen anorganischer und organischer Materie findet man in der Kritik der Urteilskraft! Seite 35: Kant und der Atheismus. Der ganze Komplex, der hier behandelt wird, gehört an die Spitze der Untersuchung, als Illustrationsmaterial zu den Darlegungen, die Kants Abhängigkeit von den deutschen Zuständen erklären. Seite 36: Was Du hier über die Verfolgungen des »Rationalismus« sagst, ist schief. 1) Es handelt sich nicht um den Rationalismus schlechthin, sondern um die Wolffsche Schulmetaphysik. 2) Sich in Preußen zur Wolffschen Schulmetaphysik zu bekennen, war keineswegs gefährlich. Der von Dir erwähnte Franz Alberts Schultz war selbst Anhänger des so genannten »Rationalismus«. 3) Die Vertreibung Wolffs aus Halle war gar keine Unterdrückungsmaßnahme gegen seine Philosophie. Das Nötige da rü ber findest Du in der Lessing-Legende von Mehring. Kurz nach der Vertreibung Wolffs hat Friedrich Wilhelm I., der bei seiner Entscheidung einer Pietisten-Intrige und seiner eigenen maßlosen Unbildung zum Opfer gefallen war, das Studium der Wolffschen Philosophie zum Beispiel den Studenten der Theologie an den preußischen Universitäten zur Pflicht gemacht, nachdem er von seinen Ratgebern über den wahren Charakter der Lehre Wolffs belehrt worden war. 4) Eines der wichtigsten fortschrittlichen Elemente bei Kant ist sein Kampf gegen die Wolffsche Schulmetaphysik. 5) Dass Schultz da rauf geachtet hätte, »dass kein Rationalist in Königsberg zu einem Ordinariat kam«, ist unrichtig. Seite 37: Götz von Selle muss verschwinden. Gibt den Tatbestand mit eigenen Worten wieder. Seite 37: Menschen von der Seelengröße Giordano Brunos – eine Phrase. Es hat in Deutschland Materialisten gegeben, aber für die Verbreitung ihrer Ideen bestanden 1904 Teil XV keine Vo raus set zungen. Sie wurden entweder verfolgt (Edelmann) oder schrieben lediglich für den Schreibtisch (Herders Freund August von Einsiedel)!538 Seite 38: Die Textstelle des Philosophen, »die wir der Vorländerschen Biographie entnehmen«, ist eine Äußerung, die Kant gemacht hat, um seine opportunistische Nachgiebigkeit im Falle seiner Maßregelung durch Wöllner und Friedrich Wilhelm II. zu erklären. Seite 39–40: Alle diese Einzelheiten kannst Du Dir ersparen. Die Tatsache, dass Kant sich niemals zum Atheismus durchzudringen vermochte, und dass alle seine Versuche, über die Wolffsche Schulmetaphysik hinaus zu kommen, in neuen Kompromissen mit der Religion stecken blieben, kannst Du auf einer Seite abmachen. Die Behandlung dieser Tatsache und ihrer gesellschaftlichen Gründe gehört an die Spitze Deiner Einleitung. Seite 40: Fragen der Gesellschaftswissenschaft. Es sind aber keine spezifisch gesellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, die er »gelten lassen will«. Er ist da rin ein Kind seiner Zeit, über deren Entwicklungsschranken er nicht hinaus kann. Entweder bleibt er bei einem Dualismus von Naturgesetzlichkeit und individueller Willensfreiheit stehen, oder er macht den Versuch, die gesellschaftlichen Erscheinungen durch Anwendung naturwissenschaftlicher Kategorien zu begreifen. Seite 41: Die »von uns bereits gebrachte Textstelle« – siehe oben! – ist viel zu dürftig. Seite 41: Geographischer Materialismus, Klima-Theorie usw. stammen von Montesquieu und haben im 18. Jahrhundert fortschrittliche Bedeutung. An dergleichen wie 538 (AH) Harich Sichtweise des deutschen Materialismus vor Feuerbach und Marx und Engels wird in verschiedenen seiner frühen Schriften deutlich. Er wich dabei von der offiziellen Meinung der SED ab, da er die Bedeutung des deutschen Materialismus ziemlich niedrig ansetzte. Siehe hierzu vor allem seine Arbeiten zur Aufklärung, ebenso die entsprechenden Vorlesungen, dort vor allem verschiedene Äußerungen zu Einsiedel. In den Studien zu Feuerbach und Marx und Engels verschiedene Rückblicke etc. Camilla Warnke hat in ihren einschlägigen Publikationen Harichs Position gut herausgearbeitet. Siehe: Warnke, Camilla: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, in: Heyer: Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 159– 166. Warnke, Camilla: Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Wolfgang Harichs Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, 1951–1954, Berlin, 1999. 1905Weggefährten »Geopolitik« und »Lebensraumtheorie« hat die preußische Regierung gewiss nicht gedacht, als sie Kant gestattete, ohne Kompendium über physische Geographie zu lesen. Seite 41: »Gesellschaftliche Verhältnisse waren es auch, die Kant hinderten (…)« – Es waren keine spezifisch preußischen Gesellschaftsverhältnisse. Der geographische Materialismus mit allen seinen Konsequenzen kann überhaupt erst grundsätzlich überwunden werden durch den historischen Materialismus. Seite 41–43: Ökonomische Interessen und produktive Tätigkeit der Menschen werden in ihrer grundlegenden Bedeutung für die Geschichte noch viel präziser in Helvétius’ De l’esprit erfasst (vgl. Plechanow). Die Einbeziehung von Handel und Gewerbe in die Darstellung der Geschichte findet man in viel breiterem Umfang bereits in Voltaires Essai sur les moeurs et l’esprit des nations, ohne dass diese Überlegungen ein Weg zum historischen Materialismus »hätten sein können«. Auch unter französischen Verhältnissen, ohne die »katastrophalen Auswirkungen der allgemeinen deutschen Misere«, konnten sie im 18. Jahrhundert nicht zum historischen Materialismus führen. Der historische Materialismus setzt zu seiner Entstehung die entfalteten Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft voraus. Abgesehen von dieser gesellschaftlichen Vo rausset zung liegen zwischen Marx und Engels und den Geschichtsdenkern des 18. Jahrhunderts die Entdeckung des Klassenkampfes durch die französischen Historiker der Restauration, die Hegelsche Dialektik, der utopische Sozialismus und die Entwicklung der klassischen englischen Nationalökonomie von Smith und Ricardo. Im Übrigen ist die Geschichtsphilosophie eine der schwächsten Seiten bei Kant. Einerseits ist er gegenüber Montesquieu, Voltaire usw. ein schwächerer Epigone, andererseits reicht er an Herder bei weitem nicht heran. Seite 44–45: Der Übergang zur kritischen Periode. Das alles ist unmöglich. 1) Es ist falsch, dass die Periode nach 1770 ein eindeutiger Rückfall ist. 2) Es ist falsch, dass bis 1770 ein »allmählicher Abbau der fortschrittlichen Elemente seiner vorkritischen Schriften« stattfände. Was ist an der Entwicklung von der Nova dilucidatio bis zu den Träumen eines Geistersehers »allmählicher Abbau fortschrittlicher Elemente«? 3) Es ist falsch, dass die »sich ständig verschlechternden Bedingungen in seiner Heimatstadt« (!) zu diesem »Abbau« führen und den qualitativen Umschlag nach 1770 »erzeugen«. 1906 Teil XV Seite 44: »Das Merkwürdige an der Schrift (…)« Dies ist gar nicht so merkwürdig. Man braucht nur die Leibnizsche Raumtheorie (siehe oben!) in Betracht zu ziehen und der Gedankengang Kants ist absolut verständlich. Seite 45: Es ist unmöglich, diesen Brief an das Ende der Einleitung zu stellen. Du erweckst damit den falschen und schiefen Eindruck, als ob die kritische Periode das Resultat persönlicher Liebdienerei gewesen wäre. Erstens lassen sich derartige Briefe auch in der vorkritischen Periode nachweisen. Zweitens schätzt Du auch hier wieder die Kritik der reinen Vernunft falsch und einseitig ein. Drittens geht aus der Tatsache, dass Kant ein unterwürfiger Untertan war, noch lange nicht hervor, dass Kant in der Kritik der reinen Vernunft sachlich unrecht hätte. Und da rauf kommt es an. Seite 45: Die ganze Art, in der Du den Übergang zur kritischen Periode behandelst, kompromittiert unsere Bemühungen um die kritische Aneignung des nationalen klassischen Kulturerbes. Damit möchte ich meine Ausführungen zunächst abschließen. Du siehst: Ich habe nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Detail, Seite für Seite eine ganze Menge an Deiner Arbeit auszusetzen. Meine Stellungnahme ist etwas reichlich lang geraten und sie ist noch nicht beendet. In aller Kürze werde ich noch einen weiteren Brief folgen lassen, in welchem ich mich mit Deinen Anmerkungen auseinandersetzen und Dir positive Vorschläge für eine neue Disposition Deiner Einleitung unterbreiten werde. Ich hoffe, dass Du mir meine Offenheit nicht verübeln wirst, und erwarte mit Spannung Deine Antwort. Das Manuskript schicke ich Dir nicht mit, da ich annehme, dass Du einen Durchschlag behalten hast. Solltest Du es doch benötigen, so gib uns bitte Bescheid. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Harichs ausführliche Stellungnahme war schon einige Tage vor der Absendung an Klaus fertig, er besprach diese jedoch zuerst mit dem Verlag. An Erich Wendt, den Leiter des Verlages, hatte er bereits am 1. November 1950 geschrieben: »Sehr verehrter, lieber Genosse Wendt! Ich schicke Ihnen hier die Beurteilung der Kant-Arbeit von Prof. Dr. Georg Klaus. Sie ist leider etwas lang geraten, aber ich hielt es für richtig, die Einwände im Detail zu begründen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich dero unterthäniger Knecht.«539 Im Archiv des Auf- 539 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. November 1950. Adressiert »Erich Wendt«. In der Anlage der gerade wiedergegebene Brief an Klaus. 1907Weggefährten bau-Verlages findet sich ein Exem plar dieses Schreibens, auf dem Wendt neben verschiedenen eigenen Gedanken Harich zustimmte: »Ihre Kritik an Inhalt und Form ist im Großen und Ganzen richtig.«540 Brief an Georg Klaus541 (01. März 1951) Lieber Genosse Klaus! Entschuldige bitte, dass ich mich bei Dir seit Wochen nicht gemeldet habe. Zu Deinen beiden letzten Brief möchte ich Dir folgendes mitteilen: 1) Eine Vorschusszahlung ist auf Grund der von Dir bereits geleisteten Arbeiten leider nicht möglich, da die Kant-Einleitung nicht brauchbar war und da die Condillac-Übersetzung noch einer gewissen Überarbeitung bedarf. Wir werden die Honorare zahlen, wenn die betreffenden Bände fertig vorliegen. Vorschusszahlungen sind möglich, sobald zumindest eine der beiden Publikationen (entweder Kant oder Condillac) – sowohl Einleitung als auch Druckvorlage – in druckreifem Zustand bei uns vorliegen. 2) Die Änderungen, die bei den Fußnoten zu der Kant-Ausgabe erforderlich sind, sind derart geringfügig, dass es genügt, wenn wir sie gemeinsam miteinander besprechen, sobald die neue Einleitung vorliegt. 3) Zu der Kant-Auswahl müsste, da die gelieferte Einleitung vollständig unbrauchbar ist, eine ganz neue Einleitung geschrieben werden. Wir hoffen, dass Du sie in absehbarer Zeit lieferst. 4) Die Übersetzung der Schriften von Condillac ist im Großen und Ganzen brauchbar. Die Überprüfung durch unsere Sachverständigen hat jedoch ergeben, dass eine gewisse stilistische Überarbeitung unter Ausmerzung von geringfügigen Übersetzungsfehler noch notwendig ist. Wir müssen noch kalkulieren, wie viel diese Arbeit kostet, und können Dir dann auf Grund eines Gutachtens mitteilen, wie hoch die Übersetzung pro Druckseite bezahlt werden kann. Ein Vorschuss auf die Übersetzung können wir 540 (AH) Handschriftliche Notiz auf Harichs Brief an Wendt vom 01. November 1950, Signatur: SBB-IIIA-Dep38–1895–0111-r.tif. 541 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. März 1951. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1908 Teil XV zahlen, sobald die Bearbeitung fertig, von Dir genehmigt ist und die Einleitung zu Condillac druckfertig vorliegt. 5) Wir wären dankbar, wenn Du uns die Einleitungen zu Kant und zu Condillac bald übersenden könntest. 6) Im Übrigen bleibt unser Vertrag vom 1. Juli 1950 gültig, abgesehen davon, dass sich sowohl durch Terminverzögerungen Deinerseits als auch durch Überschreitung der Zeit der Lektoratsarbeiten durch uns erhebliche Terminüberschreitungen ergeben haben. Wir haben keine Vorschläge bezüglich neuer fester Termine, da wir da rauf Wert legen, dass es gut fundierte Arbeiten werden, sind aber der Meinung, dass wir beide Bände noch im Laufe des Jahres 1951 unbedingt herausbringen sollten. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein getreuer Brief an Georg Klaus542 (20. November 1952) Lieber Genosse Klaus! Deine Einleitung zu Condillac habe ich erhalten. Angesichts der Erkrankung des Genossen Schrickel und der unvorhergesehenen zusätzlichen Redaktionsarbeiten für die Zeitschrift, bin ich noch nicht dazugekommen, einen Blick hinein zu werfen. Ich verspreche Dir aber, dass ich in der nächsten Woche das Manuskript gelesen und es an den Genossen Gropp abgeschickt haben werde. Endlich ist es mir gelungen, einen ausgezeichneten Kenner des Französischen aufzutreiben, der dabei nicht selber die Ambition hat, dass eigentlich alle Übersetzungen von ihm gemacht werden müssten, und den ich nun nochmal um begründete Begutachtung der Condillac-Übersetzung bitten konnte, nachdem Genosse Schroeder, der die Arbeit seinerzeit ablehnte, beim besten Willen keine Zeit zur Begutachtung fand. Also auch über die Condillac-Übersetzung werde ich Dir in kurzer Zeit Bescheid geben können. Mit bestem Gruß Dein 542 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. November 1952. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1909Weggefährten Brief an Georg Klaus543 (01. Dezember 1952) Lieber Genosse Klaus! Gestatte bitte, dass ich Dir in diesem Brief sowohl wegen Angelegenheiten der Zeitschrift, als auch wegen unserer Verlagsgeschäfte schreibe. 1) Redaktionsschluss für das zweite Heft der philosophischen Zeitschrift ist der 1. Februar 1953. Deine mit schwerem Geschütz geschriebene Arbeit über Gauß ist eingeplant. Bitte um sehr schweres Geschütz. Mathematische Formeln schaden nichts. Wir wollen recht seriös und anspruchsvoll mit unserer Zeitschrift wirken. Bloch und Lukács sind ständige Mitarbeiter, und es macht sich gut, wenn dann außerdem noch recht faustdicke und tiefgründige Mathematik dazu geliefert wird. 2) In der ersten Nummer der Zeitschrift erscheint ein Artikel von Schröter, in welchem in der Frage des Aufbaus des Zahlensystems wider den Stachel der Dialektik geblöckt wird. Es wäre schön, wenn wir Dir die Fahne dieses Beitrages zuschicken könnten, damit Du im zweiten Heft in der Sparte Diskussion dazu Stellung nehmen kannst. Ist Dir das recht? 3) Dein Kant-Manuskript habe ich gelesen. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten, bin ich jetzt damit einverstanden. Die Kleinigkeiten habe ich in das Manuskript hinein korrigiert. Es handelt sich vorwiegend um Stilverschönerungen. Ich würde empfehlen, dass ich das Manuskript zusammen mit meiner Korrektur noch einmal abschreiben lasse und dann an Dich abschicke, damit Du von den Änderungen Kenntnis nehmen und Unerwünschtes wieder streichen kannst. Inzwischen will ich aber ein anderes Manuskript Deiner Arbeit nicht an Gropp (der keine Zeit hat), sondern an Schrickel ins Krankenhaus schicken, zwecks Einholung des erforderlichen zweiten Gutachtens. Die Angelegenheit würde eine Beschleunigung erfahren, wenn Du noch ein zweites Exem plar Deiner letzten Fassung in Händen hättest, das Du dem Verlag überlassen könntest. Dann könnten Schrickels Lektüre und die Abschreibearbeit im Verlag gleichzeitig laufen. 4) Wie steht es mit der Bearbeitung der Kant-Texte? Ich habe hier die von Dir durchgesehenen Bände 5 bis 8 der Kant-Ausgabe der Philosophischen Bibliothek von 1898. 543 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. Dezember 1952. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1910 Teil XV Soll ich Dir diese Bände noch einmal schicken? Wahrscheinlich wirst Du die seinerzeit gemachten Anmerkungen inzwischen selbst als korrekturbedürftig empfinden. Von Seiten des Verlages sollen die Anmerkungen möglichst knapp gehalten und auf das Allernötigste reduziert werden. Das Beste wäre, wenn Du die nochmalige Auswahl und Bearbeitung der Kant-Texte gleich in der selben Zeit, in der gleichzeitig Schrickel Deine Einleitung liest, vornimmst. 5) In der Anlage übersende ich Dir das gewünschte Gutachten der anscheinend wirklich sehr schlechten Condillac-Übersetzung, die also damit abgelehnt ist. Das wäre zunächst einmal alles, mit den besten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Klaus544 (02. Februar 1953) Lieber Genosse Klaus! In der Anlage schicke ich Dir den zweiten Durchschlag Deiner Kant-Arbeit zurück. Das Urteil des Genossen Schrickel war recht negativ. Um zu einer wirklich gerechten und gründlichen Beurteilung zu gelangen, habe ich die Arbeit dann noch einem weiteren Gutachter, einem Mitarbeiter der Kant-Kommission bei der Akademie der Wissenschaften, zu lesen gegeben. Auch er hat eine Menge zu beanstanden. Unter diesen Umständen sehe ich mich genötigt, Dir eine nochmalige Überarbeitung der Einleitung unter Berücksichtigung der beiden vorliegenden Gutachten, die ich Dir abschriftlich zugehen lasse, zu empfehlen. An der stilistischen Überarbeitung Deiner Einleitung sitze ich noch. Die Abschrift des Manuskripts, die die stilistischen Änderungen enthalten wird, werde ich Dir ebenfalls zu schicken. Nach unserem Plan für 1953 soll das gesamte Kant-Manuskript, Einleitung und Auswahl, zum 1. August 1953 in Satz gegeben werden. Wir müssten also die endgültige Fassung Deiner Einleitung und die endgültige Auswahl bis zum 1. Juni 1953 in Händen haben, um diesen Termin einhalten zu können. Mit den besten Grüßen bin ich Dein 544 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 02. Februar 1953. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1911Weggefährten Brief an Georg Klaus545 (16. Februar 1953) Lieber Genosse Klaus! Unsere Briefe müssen sich gekreuzt haben. Ich hatte Dir bereits am 2. Februar 1953 geschrieben, dass Genosse Schrickel und ein weiterer Gutachter, Mitarbeiter der Kant-Kommission bei der Akademie der Wissenschaften, mit Deiner Einleitung in entscheidenden Punkten nicht einverstanden sind, und Dir Abschriften der entsprechenden Gutachten, zusammen mit einem Exem plar Deines Manuskripts, zugeschickt. Unser Verlag hält eine Berücksichtigung der Einwände der Gutachter bei der endgültigen Bearbeitung der Einleitung, so weit Du die vorgebrachten Einwürfe akzeptieren kannst, so weit sie Dir als Hinweise zur Verbesserung wertvoll sind, für notwendig. Was den Fußnotenapparat und die Anmerkungen betrifft, so sollte im Großen und Ganzen meine Herder-Ausgabe maßgebend sein; Du brauchst Dich jedoch nicht sklavisch da ran zu halten, sondern kannst die Angelegenheit, so weit es die Sache erfordert, in Einzelheiten natürlich auch anders behandeln. Ich bin der Meinung, dass wir die Auswahl der Frühschriften, mit den Fußnoten und Anmerkungen zusammen, bereits bald in Satz geben sollten und die Einleitung nachliefern, sobald sie in endgültiger Fassung vorliegt. Unter diesen Umständen könnten wir nämlich das Buch auch dann, wenn wir die Einleitung erst in einigen Monaten in Satz geben sollten, jedenfalls noch in diesem Produktionsjahr auf den Markt bringen. Mit dem Wunsch für gute Besserung und den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Klaus546 (23. Februar 1953) Lieber Genosse Klaus! Ich habe inzwischen Deine Stellungnahme zu den Kritiken an Deiner Kant-Einleitung gelesen. Du hast nach meiner Meinung in einer großen Reihe von Punkten unbedingt Recht. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Kritiken trotz alledem nützlich sind. Einerseits enthalten Sie eine Reihe von Punkten, die Dich auf Schwächen aufmerksam 545 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 16. Februar 1952. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 546 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 23. Februar 1953. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1912 Teil XV machen, die besser rechtzeitig korrigiert werden sollten, statt später kritisiert zu werden. Auf der anderen Seite sollten Dich aber auch diejenigen Punkte der Kritik, mit denen Du auf keinen Fall einverstanden bist und die Du mit guten Gründen ablehnst, dazu veranlassen, die betreffenden Stellen Deines Manuskript so zu formulieren, dass mögliche und naheliegende Einwände, die erhoben werden könnten, von vornherein von Dir berücksichtigt und entkräftet werden. Ich bitte Dich also doch, Dir Dein Manuskript noch einmal sorgfältig anzusehen und überall dort Änderungen vorzunehmen, wo Du selbst davon überzeugt bist, dass sie Deine Arbeit verbessern. Davon, dass ich Dir irgend einen der Punkte, die in den kritischen Gutachten zu finden sind, oktroyieren wollte, kann selbstverständlich keine Rede sein. Auch ist es nicht nötig, dass Du das ganze Manuskript noch einmal schreibst. Es gibt auch Schere und Leim, die es ermöglichen, Einfügungen zu machen, ganze Teile hinaus zu werfen usw., ohne dass es eine allzu große Arbeit kostet. Noch eine Mitteilung in puncto Zeitschrift: Deine Arbeit über das Gödelsche Theorem werden wir unbedingt bringen, möglicherweise schon in Heft 2, spätestens im 3. Heft. Im Übrigen hoffe ich stark auf einen Beitrag zur Logik-Diskussion.547 Mit den besten Grüßen Dein Brief an Georg Klaus548 (18. März 1953) Lieber Genosse Klaus! Ich habe mir noch einmal die kritischen Bemerkungen zu Deiner Kant-Einleitung und die verschiedenen Punkte Deiner diesbezüglichen Erwiderung durchgelesen. Dabei sind mir noch folgende Dinge eingefallen, von denen ich glaube, dass sie einige Punk- 547 (AH) Georg Klaus bezog in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie mehrmals Stellung in der Logik-Debatte (nach seinem Beitrag auf der Jenaer Konferenz Der dialektische Materialismus und die mathematische Logik): Über Fragen der Logik, in: DZfPhil, 1953, Heft 2, S. 363–377. – Über Fragen der Logik. Teil I, in: DZfPhil, 1954, Heft 4, S. 903–927. – Über Fragen der Logik. Teil II, in: DZfPhil, 1955, Heft 1, S. 82–106. – Zur Diskussion über formale Logik, in: DZfPhil, Heft 6, 1957, S. 711–733. – Zur Diskussion über formale Logik. Schluss, in: DZfPhil, Heft 5, 1958, S. 805–820. 1958 erschien dann sein Buch Einführung in die formale Logik, Berlin. 548 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 18. März 1953. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1913Weggefährten te Deiner Erwiderung in Frage stellen. Ich erlaube mir, sie Dir hiermit zur Kenntnis zu geben und bitte Dich, sie Dir durch den Kopf gehen zu lassen, notabene: selbstverständlich ohne Verpflichtung, sie unter allen Umständen zu berücksichtigen. 1) Zu Leibniz: Kant hat, außer dem Briefwechsel zwischen Leibniz und Clarke sicher die Aufsätze von Leibniz in den Acta Eruditorum, zum Beispiel den sehr wichtigen Aufsatz von 1694, De primae philosophiae emendatione, gekannt. Er stand außerdem in der Leibniz-Tradition, die ihm vieles vermittelte. 2) So weit ich unterrichtet bin, ist das Energie-Prinzip erst 1840 von J. R. Mayer entdeckt worden. Es scheint also, dass man den Streit um das Kräftemaß und die Äthertheorie nicht gut unter dem Energiebegriff subsumieren kann. 3) Kants Erklärung über die angebliche Wertlosigkeit seiner so genannten vorkritischen Schriften ist historisch, in der geistesgeschichtlichen Wirkung, jedenfalls für die Entwicklung der bürgerlichen Philosophie insofern von einer gewissen Bedeutung gewesen, als der ganze Neukantianismus da ran angeknüpft hat und sich da rauf berufen konnte. 4) Was das Problem der Parallelität der Interessen betrifft, so darf man meines Erachtens Folgendes nicht vergessen: Die Kritik der reinen Vernunft enthält den Versuch der aprioristischen Begründung der Newtonschen Physik; die Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft (veröffentlicht 1786, ein Jahr vor der zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft, AH) die Grundlegung der Naturphilosophie Kants; die Kritik der Urteilskraft hat, von dem ästhetischen Teil abgesehen, die Grundlegung der Kantischen Philosophie des Organischen zum Gegenstand, wobei die Kritik der Teleologie außerordentlich wichtig ist; das Opus postumum ist mindestens zu drei Vierteln naturwissenschaftlichen Inhalts. Dazu kommen die Rasse-Aufsätze, die Schrift über den Mond usw. Es ist also angesichts alles dessen nicht richtig zu sagen, dass die naturwissenschaftlichen Interessen Kants von 1760 an derart in den Hintergrund getreten waren, das Kant fast nicht mehr da rü ber gearbeitet hätte, wie Du es im 8. Punkt Deiner Anti-Kritik behauptest. 5) Die Kenntnis des »Glaubensexamens« stammt meines Erachtens aus der Biographie von Borowski, die von Kant durchgesehen wurde. Es wäre also richtig, diese Quelle genau anzugeben. 1914 Teil XV 6) Kenner, die ich befragte, haben mir erklärt, dass die Tarnungsthese von der heutigen Kant-Forschung aus guten Gründen aufgegeben worden sei. Sie sagen, dass der von dem »Kant-Kommisionär« angegebene Literaturhinweise die bisher gründlichste Analyse des religiösen Gehalts der Jugendschriften Kants enthalte und das Du Dir die Lektüre dieses Materials nicht entgehen lassen solltest. 7) Bei Hume gehört die Kausalität zu den Assoziationsprinzipien. Nach meiner Meinung müsstest Du das deutlicher hervorheben, um Dir nicht den Vorwurf zuzuziehen, dass Du es Dir mit der Widerlegung Humes allzu leicht gemacht hättest. In diesem Sinne wäre es gut, wenn Du die Kritik an Hume aus Engels’ Naturdialektik, eine Kritik, die von der Einführung des Gesichtspunktes der Praxis in die Erkenntnistheorie ausgeht, in dieser Hinsicht noch konkretisieren würdest. 8) Natürlich ist die Beurteilung der Wolff-Affaire durch Mehring grundsätzlich richtig. Aber die marxistische, d. h. richtige, Darstellung der Angelegenheit wird nichtsdestoweniger sachlich stärker und überzeugender sein, wenn Du zugibst, dass Wolff, von den noch weit schlimmeren Pietisten als »Atheist« (was er natürlich in keinem Falle war) denunziert, »bei Strafe des Stranges« aus Halle vertrieben worden ist. 9) Die Einleitung müsste meines Erachtens so gefasst sein, dass man auf jeder Seite weiß, von welcher Schrift Kants eigentlich die Rede ist. In einigen Fällen muss man in der Tat erst herumraten. 10) Über Atheismus und Materialismus im 18. Jahrhundert finden sich brauchbare Materialangaben bei Mauthner: Geschichte des Atheismus. Wie ich hörte, bist Du inzwischen sehr krank gewesen. Ich hoffe, dass das vorbei ist, dass Deine Arbeitskraft voll wiederhergestellt ist und dass wir uns am 27. und 28. März in Berlin sehen werden. Weiß Du eigentlich, dass inzwischen Hollitscher von der österreichischen Partei urplötzlich nach Wien abberufen wurde und seine Koffer packt? Ich habe sehr aufgeatmet deswegen, denn er lag wie ein Alb (und zwar ein fetter) auf meiner, wie Du weißt, schmalen Brust. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein 1915Weggefährten Brief an Georg Klaus549 (22. April 1953) Lieber Genosse Klaus! Ich bitte Dich, mir möglichst bald mitzuteilen, wann etwa wir mit der endgültigen Fassung Deiner Kant-Arbeit, respektive mit der Zusammenstellung der Texte für die Auswahl rechnen können. Ich will Dich nicht drängen, aber wissen muss ich einen Termin, um disponieren zu können. Wie steht es mit Deiner Übersiedlung nach Berlin? Du wirst im Philosophischen Insti tut dringend gebraucht. Schreibe mir, was für eine Art von Wohnung Du haben willst, ob Häuschen im Grünen weit vor der Stadt, was aber aus Gründen des Verkehrs nicht zu empfehlen ist, oder eine solide Stadtwohnung. Natürlich wäre für Deine Wohnungssuche die Hilfe der Behörden, da ja ein ZK-Beschluss dahinter steht, sicher, aber Du weißt, dass unsere Behörden in diesen Fragen bisweilen schwerfällig sind, so dass es sich empfiehlt, schon jetzt aktiv zu werden. Meine Frau und ich wären Dir gern dabei behilflich, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass eine Belastung mit Wohnungs- und Umzieh-Scherereien nicht erst im Monat September einsetzt, worunter der Neubeginn unserer Arbeit am Berliner Institut und die Ausbildung der Studenten erheblich leiden müssten. Wenn Du auch zu der Kategorie der Exakten gehörst, die Musensöhne hinter Schloss und Riegel setzen und mit mathematischer Logik füttern möchten, und mir aus diesem Grunde etwas fremd bist, so hoffe ich doch, in Dir, unter uns gesagt, einen Bundesgenossen gegen gewisse Sektierereien zu finden, die mir das Leben am Institut doch recht verdrießlich machen (siehe das Vorlesungsprogramm für Geschichte der Philosophie!). Jener Gegensatz und diese Gemeinsamkeit werden, eine gute Mischung, sicher eine ersprießliche Zusammenarbeit zwischen uns gewährleisten. Schreib auch mal, mit wem aus Jena man noch rechnen könnte, und wie Du da rü ber denkst, den Hermann Ley aus Dresden für unser Berliner Institut zu gewinnen. Ich würde dies für sehr gut halten. Die Fahnen zum Gödel-Aufsatz, der in Heft 2 der 549 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 22. April 1953. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Jenaer Privatadresse. 1916 Teil XV philosophischen Zeitschrift erscheinen soll, wirst Du inzwischen erhalten haben. Ich bitte Dich, sie möglichst bald zurückzuschicken. Natürlich ist es ein Beitrag zur Logik-Diskussion im weiten Sinne. Aber schön wäre es doch, wenn Du noch einmal einen, vielleicht kleineren Diskussionsbeitrag zu den Gegensätzen zwischen Hoffmann und mir schreiben könntest. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Gutachten zu: Kant: Frühe Schriften, herausgegeben von Georg Klaus550 (09. März 1954) Sehr geehrte Herren! In seiner Serie Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte will der Aufbau-Verlag jetzt die frühen philosophischen Schriften von Immanuel Kant herausgeben, die für die Entwicklung der fortschrittlichen Philosophie in Deutschland besondere Bedeutung besitzen, von der bürgerlichen philosophischen Geschichtsschreibung gegenüber den späteren, subjektiv-idealistischen Werk Kants weitgehend vernachlässigt wurden und von den Klassikern des Marxismus, insbesondere von Friedrich Engels, sehr hoch geschätzt werden. Die von Professor Dr. Georg Klaus, dem Direktor des Philosophischen Instituts der Berliner Humboldt-Universität, besorgte Ausgabe enthält alles, was von den frühen Schriften Kants eine vorwärtsweisende Bedeutung besitzt und als Erbe des Materialismus bezeichnet werden kann. In einer ausführlichen Einleitung, die sich auch mit den reaktionären Verfälschungen auseinandersetzt, gibt Professor Klaus vom marxistischen Standpunkt aus einer Einführung in die Frühen Schriften Kants. Hochachtungsvoll 550 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 09. März 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1917Weggefährten Brief an Georg Klaus551 (02. November 1955) Lieber Genosse Klaus! Ich habe mit Interesse Deinen Aufsatz über Lukrez in der letzten Nummer des Aufbau gelesen. Wir haben die Absicht, als einen der nächsten Bände unserer Philosophischen Bücherei Lukrez’ De rerum natura in der deutschen Nachdichtung von Diels herauszubringen. Dafür suchen wir ein Vorwort. Mir scheint nun, dass Dein im Aufbau erschienener Aufsatz dafür ohne Weiteres in Frage kommt. Aus diesem Grunde möchte ich heute bei Dir anfragen, ob Du ihn uns hierfür gegen entsprechendes Honorar zur Verfügung stellen und dann auch gleich als Herausgeber des Lukrez-Bandes zeichnen willst. Falls Du selbst das Bedürfnis zu einer nochmaligen Überarbeitung Deines Aufsatzes empfinden solltest, so würden wir Dir gern eine deutsche Übersetzung einer Arbeit von dem sowjetischen Altphilologen Lurja über Epikur und Lukrez zur Verfügung stellen, falls Du sie nicht ohnehin schon kennst. Wir haben im Übrigen die Absicht, den Band Lukrez Ende Januar 1956 in Satz zu geben. Bitte lass uns wissen, ob Du mit meinen Vorschlägen einverstanden bist. Du wendest Dich am besten direkt an Dr. Bassenge, der in unserem Lektorat die Philosophische Bücherei betreut. Mit besten Grüßen bin ich Dein 551 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 02. November 1955. Adressiert »Prof. Dr. Georg Klaus«, Berliner Privatadresse. Durchschlag des Briefes an das »Büro des Lektorats«. 1918 Teil XV Brief an Werner Mußler über Georg Klaus’ Beiträge zur Geschichte der Philosophie552 (31. März 1973) Betrifft: Georg Klaus, Beiträge zur Geschichte der Philosophie und der Einzelwissenschaften, Erster Band Sehr geehrter Herr Dr. Mußler! Ich überreiche gleichzeitig das Manuskript des o. g. Bandes an die Redaktion Philosophie des Akademie-Verlages, zu Händen Frau Häfner. Eine frühere Ablieferung des Manuskripts war wegen meiner laufenden Beanspruchung durch die Feuerbach-Ausgabe, die stets den Vorrang behalten sollte, nicht möglich. (In meiner Freizeit konnte ich mich, angesichts eigener Arbeiten – zum Beispiel des großen Buches über Jean Paul –, dem Projekt Klaus in den vergangenen Jahren nicht widmen. Den zweiten Band Klaus werde ich voraussichtlich erst Anfang 1974 in Angriff nehmen können, da jetzt bei der Feuerbach-Ausgabe die folgenden Aufgaben anstehen: a) Die Durchsicht der Bogen zu Band 5 (Das Wesen des Christentums), b) die Herstellung des Manuskripts für die Bände 12 und 13 (J. P. A. Ritter von Feuerbachs biographischer Nachlass, bearbeitet, herausgegeben und eingeleitet von seinem Sohn Ludwig Feuerbach) und c) die – zum Teil recht komplizierte – Korrektur der Fahnen zu Band 1 (Frühschriften), letzteres laut Plan ab 12. September 1973. Daneben werden in meiner Freizeit die Korrekturen an dem Jean-Paul-Buch laufen. Bis Ende 1974 hoffe ich, auch das Manuskript von Klaus Band 2 vorlegen zu können. Georg Klaus hat mich ermächtigt, an den Einzelveröffentlichungen seiner kleineren Schriften zur Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte alle Veränderungen, die ich für notwendig erachten würde, vorzunehmen. Tatsächlich habe ich folgende Veränderungen durchgeführt: a) Einschränkung der Anzahl der neuen Absätze (die in den Einzelveröffentlichungen viel zu häufig vorkommen und auch oft willkürlich und sinnwidrig vorgenommen sind). 552 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 31. März 1973. Adressiert »Herrn Dr. Werner Mußler, Leiter des Akademie-Verlages GmbH«, Verlagsadresse. 1919Weggefährten b) Stilistische Verbesserungen, besonders in den Fällen, in denen Klaus dieselben Ausdrücke zu oft und zu kurz hintereinander wiederholt, und mehrfach in Bezug auf die Satzstellungen. c) Ausmerzung von Passagen, die nur im Zusammenhang mit dem unmittelbaren Veröffentlichungszweck der Erstdrucke sinnvoll sind (zum Beispiel Bemerkungen zur Edition bei den Einleitungen zu klassischen philosophischen bzw. wissenschaftsgeschichtlichen Texten). d) Ausscheiden von Beiträgen, deren Inhalt in umfangreicheren Publikationen zum gleichen Thema wiederholt wird; in diesen Fällen Beschränkung auf diese umfangreicheren Versionen. e) Ausmerzung von Spuren der Kultperiode. f ) Ausmerzung von zustimmenden Bezugnahmen auf Theoretiker, die inzwischen Renegaten geworden sind (wie Garaudy oder Lefebvre). Alle diese Veränderungen habe ich auf das nötige Maß beschränkt, um ein Maximum an Authentizität zu wahren. Abgesehen habe ich von jeglicher Veränderung, die den philosophischen Standpunkt von Klaus berührt hätte – auch in Fällen, in denen ich seine Ansichten für verfehlt halte. Die folgenden Arbeiten von Klaus, die in den ersten Band hätten aufgenommen werden sollen, waren bis jetzt nicht auffindbar – weder für mich noch für das Institut für Philosophie an der Akademie der Wissenschaften (Frau Kuchenbäcker): Arbeit und Arbeitskraft bei Platon (angeblich für die Neue Volkshochschule 1950 verfasst); Das Principium coincidentiae oppositorum und seine Beziehungen zum logischen und zum dialektischen Widerspruch (angeblich Rede auf dem Akademie-Plenum am 5. November 1964). Ich werde die Fahndung nach diesen beiden Arbeiten noch fortsetzen und die entsprechenden Manuskriptteile im Erfolgsfall noch nachliefern. Besonders bei dem Vortrag Das Principium coincidentiae scheint dies aber völlig hoffnungslos zu sein, da hiervon keine Akademie-Abhandlung gedruckt worden und dem Verfasser das Manuskript verloren gegangen ist. Zu dem ganzen Projekt erlaube ich mir jetzt die Bemerkung, dass ich es – offen gesagt – nicht für glücklich halte. Georg Klaus hat mich im Frühjahr 1969, unter Berufung auf unsere alte Freundschaft und mit dem Hinweis auf sein nahes Sterben, den seine bejammernswerte miserable physische Verfassung für mich so glaubwürdig machte wie für ihn selbst, darum gebeten, den Akademie-Verlag für die Herausgabe seiner gesam- 1920 Teil XV melten kleineren Schriften zu gewinnen und, im Zustimmungsfall, die Beschaffung, Bearbeitung, Einleitung und Edition dieser Schriften zu übernehmen. Ich brachte es weder damals noch in den folgenden Jahren fertig, ihm diese Bitte abzuschlagen bzw. meine Zusage später zurückzunehmen. Das Sammeln und Sichten des verstreuten Materials, aus dem sich unser Projekt einer zweibändigen Sammlung der philosophie- und wissenschaftsgeschichtlichen Beiträge herausschälte, hatte viel Zeit beansprucht. Und je mehr ich mich in die zu Tage geförderten Einzelveröffentlichungen vertiefte, desto deutlicher wurde mir bewusst, dass sie schlecht geschrieben und auch inhaltlich von sehr ungleichem, zum Teil niedrigem Niveau sind. So hätte ich dem Verlag längst von dem Vorhaben abgeraten, wenn ich nicht immer wieder durch die schonende Rücksichtnahme auf die Gefühle eines vermeintlich im Sterben liegenden Menschen davon abgehalten worden wäre. Undurchführbar ist Klaus’ Wunsch, dass ich die Sammlung mit einer Einleitung versehen soll, denn Klaus vertritt über weite Strecken philosophische Ansichten, die meinen völlig konträr sind (ich meine vor allem seine vulgärmaterialistischen Anflüge, seine an allen Ecken und Enden zu Vorschein kommende Neigung zum – verbal abgelehnten – Positivismus, seine Verehrung für Einstein, seine kritiklose Bejahung nicht-euklidischer Geometrien usw.). Unsere persönlichen Beziehungen waren durch die philosophischen Divergenzen nur deswegen nie belastet, weil die von Klaus und mir bearbeiteten Sachgebiete weit von ei nan der entfernt lagen, weil jeder die Spezialkenntnisse des anderen zu respektieren wusste, ohne sich über dessen »Steckenpferde« ein Urteil anzumaßen und weil wir im Übrigen zwischen dem Kennenlernen auf der Parteihochschule in Kleinmachnow (1948) und dem Kollegenkontakt an der Humboldt-Universität (bis 1956) häufig durch gemeinsamen Widerstand gegen Sturheit, Zitatensucht, Sektierertum und Dogmatismus (oder das, was wir damals dafür hielten) verbündet waren. Mit sachlicher Übereinstimmung hat die daraus resultierende Wertschätzung wenig zu tun. Sollte ich daher zu den Arbeiten von Klaus eine Einleitung schreiben, so müsste ich gegen eine Reihe seiner Lieblingstheorien polemisieren. Ich könnte das in fundierter Weise aber auch nur unter der Vo raus set zung tun, dass ich mir ad hoc, in ziemlich fortgeschrittenem Lebensalter, noch die hierfür erforderlichen mathematischen und naturwissenschaftlichen Spezialkenntnisse aneigne, und dann bliebe die doppelte Misslichkeit bestehen, dass einerseits die Polemiken sich besser gegen die geistigen Urheber jener Theorien (Einstein, Gauß, Riemann), statt gegen einen ihrer Epigonen, 1921Weggefährten richten müsste und dass andererseits eine Einleitung ein denkbar ungeeigneter Ort für Polemik ist. Selbst wenn ich jedoch mit Klaus philosophisch in allem einig wäre, müsste ich immer noch mit Bedauern feststellen, dass vieles von ihm in der gedanklichen Ausführung dilettantisch und oberflächlich hingesudelt ist (dies ist die negative Kehrseite seiner so außerordentlich schätztenswerten Produktivität und seiner rücksichtslosen Kühnheit im Aufwerfen neuer, dem Marxismus ungewohnter Probleme usw.). Klaus lediglich als Persönlichkeit zu würdigen – falls dies in der Einleitung zu einer Sammlung philosophischer Texte überhaupt in Betracht kommen kann (was ich nicht glaube) –, würde aber wieder eine ans Belletristische grenzende Fähigkeit psychologischen Charakterisierens voraussetzen, über die ich auch nicht verfüge. Kurz, als Klaus-Herausgeber bin ich denkbar ungeeignet. Ich konnte nichts weiter tun, als die mir vorliegen Texte nach bestem Wissen und Gewissen so zu redigieren, dass ihre Neuveröffentlichung heute weder für den Autor noch für den Verlag zu einer ausgesprochenen Blamage wird. Unerlässlich scheint mir zu sein, dass sich ein fachlich versiertes Parteimitglied das vorliegende Konvolut noch einmal mit kritischem Blick durchliest. Es gibt eine Reihe von Fragen, die ich von mir aus nicht zu entscheiden wage. Zum Beispiel: Ich finde Shdanows Ausführungen über die Erforschung der Philosophiegeschichte (aus der Alexandrow-Diskussion der vierziger Jahre) zum erheblichen Teil gar nicht übel und habe sie daher nicht gestrichen. Aber wie steht heute die Partei dazu, dass Shdanow als Autorität zitiert wird? Oder: In der Kon tro verse über die Einschätzung d’Alembert hatte nach meiner Meinung Georg Klaus im Prinzip recht und Hermann Ley unrecht. Aber liegt es heute im Interesse der Partei, die Klaussche Polemik gegen Ley aus der Mitte der fünfziger Jahre neu herauszubringen? (Wobei zu beachten ist, dass die beiden Anti-Ley-Polemiken von Klaus Gedanken bringen, die in dessen Einleitung zu d’Alemberts Abhandlung über die Enzyklopädie nicht enthalten sind, weshalb es schade wäre, die Polemiken fortzulassen.) Ich übergebe eine Kopie dieses Briefes – mit der Bitte um Diskretion – zusammen mit dem Manuskript an Frau Häfner. Herrn Professor Klaus dagegen werde ich über diesen Brief nicht informieren – wieder, wie so häufig in den letzten Jahren, aus Rücksicht auf seinen physischen und seelischen Zustand. Mit freundlichen Grüßen 1922 Teil XV III: Georg Mende Brief an Georg Mende553 (05. April 1951) Lieber Genosse Mende! Hab vielen Dank für Deinen Brief. Deine Heidegger-Arbeit habe ich mit großem Interesse gelesen. Ich finde sie im Großen und Ganzen gut und interessant, nur müssten, um sie zu einem lesbaren Buch zu machen, einige Veränderungen da ran vorgenommen werden. Es müssten a) einige akademische Steifheiten verschwinden, b) die polemischen Stellen noch stärker und zugespitzter formuliert werden, und c) die gesellschaftlichen Funktionen des Existenzialismus noch konkreter behandelt werden. Wir können dies einmal miteinander an Hand Deines Manuskripts besprechen. In den nächsten Monaten kommt eine Veröffentlichung in unserem Verlag nicht in Frage aus dem einfachen Grunde, weil wir gerade jetzt ein Buch von Georg Lukács über den Existenzialismus herausgeben, das dieser Tage in die Produktion geht. Das Buch ist ganz ausgezeichnet und füllt zunächst einmal eine wesentliche Lücke. Deine Arbeit wäre in punkto Heidegger eine wertvolle Ergänzung. Ich glaube jedoch, dass man nicht so kurz hintereinander zwei Publikationen über derartig verwandte Themen herausbringen sollte – zumal der Existenzialismus im wesentlichen Verbreitungsgebiet unserer Bücher, in der Deutschen Demokratischen Republik, ja kaum noch eine Rolle spielt. Eine Anhäufung von Büchern über ihn würde ihn unter diesen Umständen meiner Meinung nach interessanter machen, als er ist. Ich bin aber dafür, dass wir Dein Buch für das nächste Jahr vorsehen sollten. Wir müssten uns dann in den nächsten Wochen oder Monaten einmal zusammensetzen und ausführlich da rü ber sprechen. Ich habe eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen. Vielleicht ergeben sich auch für Dich neue Gesichtspunkte, wenn Du das Buch von Lukács in Händen hast – wobei ich unter »neuen Gesichtspunkten« sowohl Hinzufügungen als auch Fortlassungen von unwesentlichen Details, die nur für eine akademische Arbeit wichtig sind, verstehe. Wenn es Dir recht ist, behalte ich Dein Manuskript noch bei mir und mache für den Verlag ein Gutachten im Sinne dieses Briefes. Wenn wir uns dann treffen, habe ich es mit konkreten Notizen usw. an der Hand. 553 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 05. April 1951. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1923Weggefährten Zu den anderen Plänen möchte ich Dir mitteilen, dass mir sehr da ran gelegen ist, im Rahmen meiner philosophischen Serie auch Dietzgen herauszugeben, und zwar etwa Anfang 1952. Es kommt aber alles auf die Einleitung an. Wir können eine konkrete Vereinbarung treffen, soweit Du mir eine etwas detailliertere Disposition der Einleitung zu Dietzgen geschickt hast. Ich habe dann die nötigen Unterlagen für eine weitere Besprechung mit Erich Wendt und Max Schroeder und kann Dir dann genauen Bescheid geben. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Mende554 (20. Juli 1951) Lieber Genosse Mende! In Beantwortung Deines Briefes möchte ich Dir mitteilen, dass unser Verlag der Ver- öffentlichung von Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit in der von Dir vorgeschlagenen Form positiv gegenübersteht. Ich würde vorschlagen, dass wir das Werk ungekürzt mit Deiner Einleitung und Deinen Anmerkungen veröffentlichen. Wir zahlen für die Einleitung DM 500,– pro Druckbogen (16 Druckseiten). Dazu käme eine zusätzliche Honorierung für alle Arbeiten, die mit der Bearbeitung zusammenhängen. Hierüber müssten wir uns noch einigen. Wir pflegen, wo es sich um Auswahlbände handelt – wo also die Zusammenstellung besondere Mühe verursacht – DM 100,– pro Druckbogen des gesamten Bandes zu zahlen. Dies würde ja, da es sich bei dem Projekt Dietzgen um eine ungekürzte Ausgabe handelt, fortfallen, aber die Honorierung der Anmerkungen usw. sollte meiner Meinung nach entsprechend veranschlagt werden. Ich bitte Dich, hierzu Vorschläge zu machen. Wir könnten dann recht bald eine endgültige vertragliche Vereinbarung mit festen Terminen treffen. Auch über den spätesten Termin der Einsendung der fertigen Druckvorlage bitte ich Dich, endgültige Vorschläge zu machen. Nach unserer Produktionsplanung wäre es möglich, das Buch im I. oder II. Quartal 1952 herauszubringen. 554 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. Juli 1951. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1924 Teil XV Etwas gram bin ich Dir wegen Deines Kant-Artikels im Aufbau. 1) Du beziehst Dich auf eine Äußerung Stalins, deren Existenz sich schwerlich nachweisen lässt; 2) kann Kants Idealismus kein Rückschlag gegen die Französische Revolution sein, da er zwei Jahrzehnte vor dieser Revolution, nämlich 1770, entsteht; 3) kann von einem aristokratischen Rückschlag bei Kant schon gar keine Rede sein; und 4) ist die eingeklammerte Briefstelle mit dem »allergehorsamsten Knecht« eine glatte Potrowski-Pointe. So einfach darf man sich die Sache nicht machen, meiner Meinung nach. Aber nichts für ungut, und lass es Dich auch nicht verdrießen, wenn ich in einem der nächsten Aufbau-Hefte – wie ich es vorhabe – in dieser Angelegenheit ein wenig gegen Dich schie- ßen werde. In der Hoffnung, bald von Dir zuhören, bin ich Dein stets getreuer Brief an Georg Mende555 (11. Februar 1952) Lieber Genosse Mende! Ich möchte Dir dankend den Empfang Deiner Arbeit über Dietzgen bestätigen. Ich bin der Meinung, dass die Arbeit in vielem gut ist, glaube aber, dass sie durch nochmalige Durchsicht und Überarbeitung gewinnen könnte, woran Dir zweifellos gelegen sein muss. Gestatte bitte, dass ich auf diesem Wege zunächst ein paar allgemeine Hinweise gebe, deren Beachtung nach meiner Meinung zu einer wesentlichen Verbesserung der Arbeit führen kann, und dann auf einzelne Stellen eingehe, die mir fragwürdig und korrekturbedürftig zu sein scheinen. I: Allgemeines Ich will davon ausgehen, dass der historische Hintergrund Deiner Arbeit etwas blass und kärglich geraten ist. Natürlich sollst Du nicht einen Abriss der Klassenkämpfe zur Zeit von Dietzgens Leben geben. Auch ist es statthaft und richtig, dass Du bei historischen Ereignissen, auf die Du Dich beziehst, deren Kenntnis beim Leser weitgehend voraussetzt. Was ich meine, ist etwas anderes: Der heutige philosophisch orientierte, interessierte oder gar gebildete Leser, sei er nun Marxist und durch die glänzenden 555 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 11. Februar 1952. Auf dem Brief nicht adressiert. 1925Weggefährten Werke der Klassiker verwöhnt, sei er in bürgerlicher Philosophie befangen, wird auf jeden Fall den wackeren Dietzgen reichlich primitiv finden. Das geht Dir wahrscheinlich so, der Du ihn an Marx und Lenin misst, das geht aber auch Herrn Dr. X so, der Cassirer oder Nicolai Hartmann u. dgl. liest. Wenn es uns nun da rauf ankommt, dem Dietzgen die gerechte Würdigung zuteil werden zu lassen, die ihm zukommt, so müssen wir zunächst einmal zeigen, mit wem wir ihn als historische Erscheinung zu vergleichen haben. Aus dieser Notwendigkeit der historischen Würdigung ergeben sich aber, wie mir scheint, folgende Aufgaben, die Du vernachlässigt hast: 1. Die Aufgabe, zu zeigen, dass Dietzgen den bürgerlichen Erscheinungen seiner Epoche in allem Grundsätzlichen entschieden überlegen ist, dass er, der Autodidakt und Dilettant, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gemessen an der Schopenhauer-Mode, am Vulgärmaterialismus und am Neukantianismus, als ein wahrer Titane an Wahrheitsdrang, geistiger Redlichkeit und wissenschaftlicher Orientierung erscheint. 2. Die Aufgabe, ihn vor dem Hintergrund des ideologischen Zustandes der deutschen Arbeiterbewegung zu sehen (der damaligen, versteht sich), also sein Vermächtnis mit der philosophischen Spintisiererei Lassalles und mit der Verworrenheit derer zu vergleichen, die es fertig brachten, auf Dühring hereinzufallen usw. Erst auf diese Weise gewinnst Du den historischen Hintergrund, der Dietzgens Verdienste klar hervortreten lässt. Der Hintergrund lässt sich, mit einem Wort, glaube ich so charakterisieren: Einerseits sind die bürgerlichen Ideologen schon tief im Sumpf, andererseits ist das Proletariat noch lange nicht beim Marxismus. In dieser Zeit ist Dietzgen eine eminent positive Erscheinung, und als solche muss er – mit allen seinen Schwächen – gewertet werden: Ein deutscher Handwerker, dem der theoretische Sinn der deutschen philosophischen Tradition in den Knochen steckt, der in einer Epoche ideologischer Versumpfung die Fahne des Materialismus und der Wissenschaft hochhält und in bestimmter Hinsicht sogar dem Marxismus nahe kommt. Darauf kommt es wohl an, und das scheint mir in Deiner Arbeit zu kurz zu kommen. Du könntest Dir gut und gerne den einleitenden Abschnitt über die Entstehung des Marxismus ersparen (ein Abschnitt, der in dieser Kürze ohnehin oberflächlich sein kann) und dafür ein kräftigeres Bild der ideologischen Situation der zweiten Jahrhunderthälfte entwerfen, der Zeit, in der sich die Bourgeoisie ihren Katzenjammer durch Lektüre Schopenhauers »metaphysisch« bestätigt, der Zeit, in der die Neukantianer aufkommen, der Zeit, in der Lassalle »phi- 1926 Teil XV losophiert«, der Zeit, in der aber auch der alte Feuerbach steril wird, weil er bei der anthropologischen Religionskritik der vierziger Jahre stehen bleibt usw. Ein solches Verfahren hätte, glaube ich, auch noch den weiteren Vorteil, dass Du von hier aus sehr viel besser und klarer die Beschränktheit Dietzgens aufzeigen könntest, nämlich im Vergleich mit Marx und Engels, an die er zwar als Philosoph, vornehmlich als Erkenntnistheoretiker, von allen damals lebenden Deutschen am nächsten herankommt (mit Ausnahme des jüngeren und späteren Mehring), zu denen er sich aber immer noch wie ein Zwerg zu Riesen verhält. Es ist meines Erachtens grundsätzlich falsch, dass Du – auf Grund einzelner Zitate von Lenin und Engels (S. 30 und 39 Deines Manuskripts) – über Dietzgen ohne Weiteres die Feststellung triffst, er finde seinen Platz in der durch Marx, Engels, Lenin, Stalin repräsentierten Neuerrichtung des dialektischen und historischen Materialismus. Die Zitate aus den Klassikern in Ehren. Aber überlege Dir einmal, dass die sowjetischen Genossen weit davon entfernt sind, etwa Tschernyschewski und Dobroljubow wegen ihrer materialistischen uns dialektischen Tendenzen hier ihren Platz finden zu lassen; und um wie viel näher stehen und beispielsweise die literaturkritischen Essays Dobroljubows als die erkenntnistheoretischen Gemeinplätze von Dietzgen!!! (Ungeachtet der Tatsache, dass diese Gemeinplätze wahre Offenbarungen sind, verglichen mit dem subjektiven Idealismus der Neukantianer!) Gewiss: Die Klassiker des Marxismus haben kein Buch über das Wesen der menschlichen Kopfarbeit geschrieben, aber wie viel tiefer und dialektischer sind die hingehauenen genialen Äußerungen von Marx über Erkenntnis und Praxis in den Feuerbach-Thesen, oder Marx’ Analyse des Wesens der menschlichen Arbeit im Unterschied zur tierischen in Kapitel 5 des Kapital, oder Lenins Theorie von absoluter und relativer Wahrheit im Empiriokritizismus im Vergleich mit allem, was bei Dietzgen steht! Hier heißt es, wie mir scheint, den Abstand zeigen. Nichts spricht dagegen, dass Du die Zitate der Klassiker, in denen Dietzgen als dialektischer Materialist bezeichnet wird, bringst. Aber in Deiner eigenen Darstellung musst Du unbedingt zeigen, was Dietzgen von Marx und Engels trennt. Vor allem aber musst Du zeigen – und das ist die systematische Seite der Angelegenheit –, was ihn von der heutigen Stufe des dialektischen Materialismus trennt, nämlich von einer dialektisch-materialistischen Erkenntnistheorie, die einerseits auf bestimmten Ergebnissen der Pawlow schen Reflexologie fußt und andererseits die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Denken und Sprache einschließt. 1927Weggefährten II. Kritische Bemerkungen zu Einzelheiten Seite 1–2: Das Zitat des Genossen Pieck und der Sermon über Deine Selbstverpflichtung vom 2. Juni 1951 (!), die am 31. Oktober eigentlich schon erfüllt sein sollte (!), sind überflüssig. Wenn Du Genossen Pieck erwähnst, dann besser so, dass er es gewesen sei, der nach dem Kriege als erster auf die Aufgabe hingewiesen habe, Weitling und Dietzgen zu würdigen, und dass Dich dies zu der vorliegenden Arbeit angeregt habe. Alles andere gehört nicht hierher, da einerseits der Bauernkrieg, Bebel, die beiden Liebknechts, Rosa Luxemburg und Thälmann in einen ganz anderen Zusammenhang gehören als in unsere Serie, die nur für Dietzgen und Weitling zuständig ist, und andererseits der Besuch des Staatspräsidenten in Halle (!!) den den Leser, der Dietzgen kennen lernen will, überhaupt nicht interessiert, ebenso wenig wie die Selbstverpflichtung als Entstehungsursache des Buches. Deine Vorbemerkung ist teilweise etwas arschkriecherisch, findest Du nicht? Seite 3: »Eugen Dietzgen und andere Ignoranten und Spalter der Arbeiterbewegung«. Derartige Formulierungen sind, ohne in der Sache irgend etwas abzuschwächen, in Publikationen des Aufbau-Verlages tunlichst zu vermeiden. Seite 3: Eugen Dietzgen wollte nicht »die philosophischen Absichten Dietzgens umfälschen, um sie damit aus dem lebendigen Strom dialektisch-materialistischen Philosophierens (Formulierung könnte von Jaspers stammen!) herauszulösen«, sondern er wollte den Marxismus durch einen »Dietzgenianismus« ersetzen und »ergänzen«, den er sich aus Fehlern der Philosophie seines Vaters zurecht gemacht hatte. Seite 3: Was Du mit der Unterscheidung zwischen Josef und Eugen Dietzgen meinst, ist richtig, Du drückst es nur nicht präzise genug aus. Auch Eugen Dietzgen stand der Arbeiterbewegung, deren Mitglied er war, »zur Verfügung«. Darauf kommt es aber nicht an. Entscheidend ist: Josef Dietzgen war kein Marxist. Aber seine Philosophie war mit ihren starken und selbstständig erarbeiteten dialektisch-materialistischen Tendenzen, ungeachtet ihrer Fehler und Schwächen, eine bedeutende Leistung, während es Eugen Dietzgen, der nichts dergleichen aufzuweisen hat, gerade da rauf ankam, die Fehler Josef Dietzgens zu konservieren und gegen den Marxismus auszuspielen, wobei das Letztere – die Aufbauschung eines »Dietzgenianismus« – dem alten Dietzgen selbst völlig ferngelegen hätte. 1928 Teil XV Seite 5–13: Der ganze Absatz über die Entstehungsgeschichte des Marxismus ist meines Erachtens hier überflüssig. Solltest Du ihn für unerlässlich halten, so habe ich nichts dagegen, ihn zu bringen, möchte Dich dann aber da rauf hinweisen, dass Du im Zusammenhang mit Dietzgen unbedingt auf Feuerbach, von dem er herkommt, eingehen musst. Wichtiger wäre, wie gesagt, eine knappe Darstellung der ideologischen Situation Deutschlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (siehe die obigen allgemeinen Bemerkungen). Seite 5: Mich stören die deutschen »Gemüter«. Wäre Geister nicht besser? Denn mit dem »Gemüt« haben Kant, Fichte und Hegel nicht philosophiert. Seite 5: Hätte »man« in Deutschland »die Anregungen, die die Geburt der bürgerlichen Gesellschaft in Frankreich enthielt (schlechte Formulierung), konsequent (!) aufgreifen und weiterführen (!)« können? In der Praxis konnte man es nicht, aus objektiven Gründen, in der Theorie hat man es von Kant bis Feuerbach, von Lessing bis Heine getan! Seite 6: Der objektive Idealismus in Verbindung mit absolutem Stillstand? Besser: Der objektive Idealismus, der dazu führte, dass sich die revolutionäre dialektische Methode mit einem ihr widersprechenden abgeschlossenen System verband, das der Rechtfertigung des Bestehenden diente. Seite 6: Diese Philosophie lenkte in der Vormärz-Zeit von den politischen Aufgaben ab? Teils, teils. Bei den linken Hegelianern wurde diese Philosophie – von den Deutsch-Französischen Jahrbüchern an – zu einer Waffe der politischen Opposition, mit dem Erfolg, dass sie von den deutschen Obrigkeiten verfolgt werden musste. Seite 7: Die Vision Heines ging in Erfüllung usw. Wenn Du von den gesellschaftlichen Grundlagen ausgeht, so war allerdings die Praxis – nämlich die Entfaltung der Klassenkämpfe der dreißiger und vierziger Jahre – das Primäre. Wenn man aber von der Entwicklung von Marx ausgeht, so führte der Weg von der Theorie (Hegelianismus der Berliner Jahre) zur Praxis (Rheinische Zeitung, Entdeckung des kämpfenden Proletariat in Frankreich) und wieder zur Theorie (Entstehung des Marxismus). 1929Weggefährten Seite 7–8: Wa rum berufst Du Dich auf Oiserman, dessen Artikel von Dämlichkeiten (wie ich Dir nachweisen kann) strotzt? Falls Oiserman auch sonst so schlau ist, wie in diesem Artikel, so ist er in Esel, der es nicht verdient, in dem Buch verewigt zu werden. Seite 7–8: 1. Der Idealismus hat nicht immer und nicht unter allen Umständen den Gegenstand der Philosophie dem Gegenstand der positiven Wissenschaften gegenübergestellt. (Die ganze idealistische Naturphilosophie von Schelling bis Steffens war auf philosophische Verallgemeinerung naturwissenschaftlicher Resultate orientiert, wobei sie in entscheidenden Punkten sogar über die Naturwissenschaft antizipierend hinausging.) 2. Das »also« in der ersten Zeile von Seite 8 ist ebenso wenig schlüssig wie das da rauf folgende »und in der Tat«. 3. Was ist damit gemeint, dass die Geburt der neuen Philosophie »vom Gegenstand her« erfolgte? a) Das Bild einer Geburt, die von einem Gegenstand »her« erfolgt, ist schief, wie Du als Vater bemerkt haben wirst. b) Der Kampf gegen den Idealismus und die Orientierung der Philosophie auf die Wirklichkeit wurde in Deutschland von Feuerbach begonnen, er erfolgte aber nicht von Feuerbachs Gegenstand »her« (er hätte dann nämlich von der Natur und von dem Feuerbachschen Menschen ausgehen müssen). c) Falls Du meinst, dass der Entstehung des Marxismus und der marxistischen Revolution in der Geschichte der Philosophie die Entfaltung des proletarischen Klassenkampfes vorausging und vorausgehen musste, so musst Du das sagen. Fazit: Schmeißt den elenden Oiserman über Bord!! Seite 8: »Damit war die Philosophie auf ihren Gegenstand, die objektive Realität, gewiesen, den sie mit den positiven Wissenschaften gemein hat.« 1. Damit? Womit? Mit dem Jugendbrief von Marx vom 10. November 1837? Sieh Dir diesen durch und durch hegelianischen Brief mal etwas genauer an. Wer »die Idee im Wirklichen selbst sucht«, ist meiner Meinung nach objektiver Idealist, und das war Marx 1837 auch. 2. Auf die objektive Realität wurde die deutsche Philosophie zuerst durch Feuerbach gewiesen, den Du nicht vergessen darfst, wenn von Dietzgen die Rede ist. Seite 9: Die Klassenverhältnisse in der bürgerlichen Gesellschaft waren nicht »schuld«, sondern waren die Ursache. Schuld sein oder Schuld haben kann nur eine Person. Seite 9: Höhepunkt der klassischen deutschen Philosophie waren die Hegelsche Dialektik und der Materialismus Feuerbachs! 1930 Teil XV Seite 14: Es wäre wichtig, über Dietzgens Stellung zur 1848er Revolution Näheres auszuführen, und zwar eingedenk der von Dir am Anfang zitierten Forderung des Genossen Pieck. Seite 16: Hier wäre die Erwähnung der Stellungnahme von Marx zum amerikanischen Bürgerkrieg wichtig, um die fundamentale Richtigkeit des Urteils von Dietzgen zu unterstreichen. Seite 17: Lässt sich Dietzgens Stellung zur zaristischen Reaktion näher kennzeichnen? Stand er in irgendwelchen Beziehungen zu progressiven Kreisen in Russland? Hat er von Dobroljubow und Tschernyschewski gewusst? Seite 26: Den Schnitzer Dietzgens über die angebliche Doppelaufgabe des amerikanischen Kapitalismus würde ich an Deiner Stelle gar nicht erst zitierten, da dies von den Eisschrank-Apologeten der Amis aufgegriffen und als »prophetische« Bestätigung ihrer Propaganda missbraucht werden könnte. Im Übrigen wären natürlich Äußerungen Dietzgens gegen den amerikanischen Kapitalismus, falls vorhanden, aktuell und wichtig!! Seite 27: »Am Ende dieser Entwicklung« erst? Zeigt nicht Dietzgens Verhältnis zur I. Internationale, dass er bereits viel früher auch praktisch auf dem Boden des Proletariats stand? Seite 31: »Die Geschichte der Philosophie seit Hegels Methode weist eine echte Weiterentwicklung der Philosophie auf (welch ein Stil!), die mit den Namen Marx, Engels, Lenin und Stalin verbunden ist; diese neue Richtung trägt die Bezeichnung dialektischer und historischer Materialismus, und hier findet Josef Dietzgen seinem Platz.« Tut er das so eindeutig wirklich? Seite 34: »… weil mit einer solchen Terminologie der Unterschied usw.« Mir scheint richtiger zu sein: Weil mit einer solchen Terminologie dem mechanischen Materialismus Vorschub geleistet wird. Seite 35: Erkennt Dietzgen, dass das Denken durch Widerspiegelung des Allgemeinen angenähert exakte Voraussagen über das Besondere machen kann? Arbeitet er den rationellen Kern dessen heraus, was die Idealisten als »A priori« mystifizieren? 1931Weggefährten Seite 36: Unfruchtbare Vergleicherei. Es kommt nicht da rauf an, Dietzgen anhand der vier Grundzüge »durchzugehen«, um zu sehen, ob und wie weit er Dialektiker war, sondern da rauf, konkret zu zeigen, welche realen Widersprüche er aufgedeckt hat, bei welchen scheinbar statischen Verhältnissen er gezeigt hat, dass sie sich in Bewegung und Entwicklung befinden usw., oder wie weit er wirklich über ein dialektisches Methodenbewusstsein verfügte. Seite 36: »Man« muss »unwillkürlich« an die Lyssenko-Debatte denken? 1. Vo raus setzung ist, dass »man« den Inhalt der Lyssenko-Debatte wirklich kennt. 2. Die Ansätze zum ersten Grundzug bei Dietzgen kann »unwillkürlich« nur derjenige mit der Lyssenko-Debatte in Zusammenhang bringen, der eine gehörige Menge vom dialektischen Materialismus begriffen hat. – Bei dieser Gelegenheit: Deine Arbeit ist streckenweise so geschrieben, als ob es ausgemacht sei, dass Deine Leser Marxisten sind und es sich nur noch darum handelte, Ihnen zu zeigen, dass Du auch einer bist. Bist Du so von Hallenser Sektierern umgeben, dass Du vergessen hast, dass wir kämpfen müssen, und zwar dadurch, dass wir andere überzeugen. Denk bei der Überarbeitung Deiner Einleitung doch da ran, dass das Buch jederzeit vor einer gesamtdeutschen Leserschaft überzeugend wirken muss!! Seite 37: »Gegenspieler« konnten bestenfalls die Neukantianer sein. Kant »spielte« zu Dietzgens Lebzeiten nicht mehr. Seite 38: »… verleumdet« Dietzgen? 1. Tatsache ist, dass Vorländer ihn, wenn er ihn zum Anhänger Kants macht, verfälscht. Dass diese Verfälschung eine Verleumdung ist, meinen wir, nicht Vorländer, wobei wir freilich im Recht sind. Von einer Absicht der Verleumdung kann bei Vorländer wohl nicht die Rede sein. 2. Es fragt sich, wie Dietzgen die historische Rolle Kants eingeschätzt hat. Darauf scheint sich die zitierte Äußerung Vorländers zu beziehen, so dass die Verfälschung eventuell nur partiell ist. Seite 38: »… dass das Wesen, das Ding an sich im Unterschied zu den Erscheinungen nur ein Gedankending ist«, ist nach marxistischer Auffassung von Erscheinung und Wesen ein Irrtum. Das muss an Dietzgen kritisiert werden. Wesen und Erscheinung sind in zahllosen Fällen sehr wohl unterschieden; sonst wäre weder das kopernikanische Weltbild, noch die Erkenntnis der Mehrwertproduktion durch Marx eine Entdeckung. Nur sind wir der Meinung, dass das Wesen nicht unerkennbar, sondern erkennbar ist. 1932 Teil XV Seite 39: Wenn Dietzgen das unerkennbare Ding an sich beseitigt hat, so hat er damit in der Tat die Wendung von Kant weg zum Materialismus hin vollzogen. Eben dies geht aber aus dem eben zitierten Satz nicht hervor. Nach dem eben zitierten Satz war er nicht genügend Dialektiker, um den Unterschied von (erkennbarem) Wesen und Erscheinung zu begreifen. Dies wäre alles. Deine Anmerkungen will ich mir noch in den nächsten Tagen näher ansehen, um Dir – falls nötig – auch hierzu kritische Bemerkungen und Ergänzungsvorschläge schicken zu können. Ich möchte Dich bitten, mir den offenen und unverschämten Ton meiner Kritik nicht zu verübeln. Schreib mir ebenso offen über die Punkte, in denen Du mich im Unrecht glaubst, und akzeptiere das, worin Du mit mir übereinstimmst. Dem Verlag werde ich mitteilen, dass wir über Deine Einleitung noch korrespondieren, dass ich aber schon jetzt die ganze Arbeit prinzipiell zur Annahme empfehle. Dein Manuskript schicke ich Dir nicht wieder zurück, in der Annahme, dass Du einen Durchschlag behalten hast. Sollte dies ein Irrtum sein, so lass es mich wissen. Mit den besten Grüßen und in der Hoffnung, Dich bald wieder zu sehen bin ich Dein Internes Verlagsgutachten Dietzgen-Ausgabe556 (01. Juni 1952) Betrifft: Mende, Dietzgen-Ausgabe Prof. Dr. Georg Mende, Dozent für dialektischen und historischen Materialismus an der Universität Halle, hat auf Grund einer Selbstverpflichtung, die er dem Präsidenten Pieck anlässlich eines Staatsbesuchs in Halle abgab, eine Auswahl der philosophischen Schriften Josef Dietzgens vorgenommen und mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen. Auf Grund einer noch unverbindlichen, vertraglich noch nicht fixierten Vereinbarung hat Mende diese Arbeit vor einem Vierteljahr dem Aufbau-Verlag zur Veröffentlichung in der philosophischen Erbe-Sammlung zur Verfügung gestellt. Die Einleitung wurde von mir in einigen Punkten beanstandet. In zwei längeren Zusammenkünften haben Mende und ich diese Kritik gründlich durchgesprochen. Mende hat nun vor einiger Zeit eine zweite Fassung der Einleitung geliefert, die sich von 556 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 01. Juni 1952. Adressiert an Max Schroeder, Aufbau-Verlag. 1933Weggefährten der ersten vorteilhaft unterscheidet. Mende behandelt in großen Zügen die philosophische Situation, die in Deutschland für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts charakteristisch war, kennzeichnet dabei in knappen, aber grundsätzlich richtigen Ausführungen die historische Bedeutung der Auflösung der klassischen deutschen Philosophie und der Entstehung des Marxismus und geht dann auf die wichtigsten philosophischen Strömungen der zweiten Jahrhunderthälfte (im Bürgertum bis zum Neukantianismus, im Proletariat von Lassalle bis zum Marxismus der II. Internationale) ein. Auf diese Weise verdeutlicht er den gesellschaftlichen und geistigen Hintergrund, der die Rolle Dietzgens verständlich macht. Er gibt dann einen kurzen Abriss von Dietzgens Leben und setzt sich schließlich ausführlicher mit seiner Philosophie auseinander, wobei er die lobenden und kritischen Äußerungen von Marx, Engels, Lenin und Mehring über Dietzgen sorgfältig ausgewertet und konkretisiert. Die Arbeit ist kein Geniestück und auch nicht sehr tief und originell, aber sauber und aufschlussreich und erfüllt durchaus ihren Zweck. Die Auswahl ist meiner Meinung nach ganz vorzüglich. Richtig und wertvoll sind auch die Anmerkungen. Ich empfehle: a) Die Einleitung einem weiteren Gutachter zu lesen zu geben, b) mit Mende über das ganze Projekt ein Vertrag zu machen, c) den Auswahl-Band Dietzgen unmittelbar nach der Lukrez-Ausgabe von Dr. Luschnat in der Erbe-Sammlung zu veröffentlichen. Zu erwähnen bleibt, dass das Niveau der Mendeschen Dietzgen-Arbeit hoch über dem von Girnus gelieferten Elaborat steht, ohne derartig prätentiös zu sein. Die Mendesche Arbeit lässt sich im Niveau etwa der kleinen Heine-Monographie von Vontin vergleichen. In der Anlage der Entwurf eines Briefes an Prof. Dr. Rugard Gropp, Leipzig, den ich als zweiten Gutachter empfehle. Brief an Georg Mende557 (02. Februar 1953) Lieber Genosse Mende! Deine Arbeit über Dietzgen ist von einem Lektor unseres Verlages sorgfältig geprüft und ziemlich negativ beurteilt worden. Ich selbst habe den Eindruck, dass Du Dir mit der Umarbeitung nicht allzu große Mühe gemacht hast. Ich habe die Arbeit kurz vor den Weihnachtsferien noch dem Genossen Kirchner vom philosophischen Institut zu 557 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 02. Februar 1953. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1934 Teil XV lesen gegeben, der sie jetzt – ebenfalls mit einer Reihe von Beanstandungen, die mir zum Teil beachtlich zu sein scheinen – zurückgab. Um zu einem ganz fundierten Urteils zu gelangen, habe ich sie jetzt noch einem dritten Dietzgen-Experten in Leipzig geschickt. Sobald ich dessen Gutachten in Händen habe, werde ich Dir eine zusammenfassende Beurteilung mit Abschriften der drei vorliegenden Gutachten zugehen lassen. Dieser Brief ist gewissermaßen nur ein Zwischenbericht, der Dich informieren soll. Ich glaube, dass wir nicht um eine nochmalige, diesmal wirklich gründliche und endgültige Überarbeitung der Einleitung herumkommen werden. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Mende558 (03. März 1953) Lieber Genosse Mende! Ich danke Dir herzlichst für Deinen Brief vom 26. Februar 1953, den ich soeben erhalten habe. Deinen Mitteilungen bin ich nachgegangen. Die Angelegenheit stellt sich als zum Glück recht harmlos heraus. Herr Krohn ist ein ehemaliger Kommilitone eines Herrn Kraft, der hier im Lektorat bei uns arbeitet und der mit der Überarbeitung des Manuskripts von Blochs Hoffnung beauftragt ist. Herr Krohn war zwei Mal in Berlin und hat Herrn Kraft hier vom Verlag abgeholt. Dabei hat er wohl dies und das aus unserem Lektorat, so auch etwas über die Hoffnung aufgeschnappt. Das Manuskript hatte er niemals in Händen. Ich habe von ihm durch oberflächliches Kennenlernen den Eindruck eines armen Hascherl, dem es wohl tut, so zu tun, als ob es sich bisweilen in »höheren geistigen Kreisen« lümmeln dürfe. So zu tun, als ob man in Blochs Werke noch vor Drucklegung Einblick zu tun pflege, putzt natürlich ganz ungemein, um mit Herrn Grünlich aus den Buddenbrooks zu reden. Dazu kommt dann noch Examensnot, das Bedürfnis, den prüfenden Dozenten wenigstens mit irgendwas zu imponieren, na, Du weißt; ich jedenfalls halte die Sache für absolut harmlos, danke Dir aber für Deine Wachsamkeit sehr. Nun zu Deinem Brief vom 19. Februar 1953. Man kann, glaube ich, dem Aufbau-Verlag nicht den Vorwurf einer Leisetreterei gegenüber philosophischen Antworten, eines 558 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. März 1953. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1935Weggefährten ständigen Hin- und Herdrehens aus Angst, eine Position zu beziehen, machen, wie Du es in Deinem Brief tust. Vergiss nicht: Wir sind der Verlag, in dem die Bücher von Lukács erscheinen, die den Sektierern ein Dorn im Auge sind, wir bringen, ohne mit der Wimper zu zucken Bloch, den Dunklen von Ephesos, heraus, und wir veröffentlichen Broschüren über theoretische Physik von Victor Stern, über die die sämtlichen Physiker der DDR in Harnisch geraten. Die Sache ist nun die: 1. Eine Publikation über Dietzgen muss ganz besonders sorgfältig geprüft werden, wie Du verstehen wirst. 2. Mit der jetzt vorliegenden Fassung Deiner Einleitung hast Du Dir wirklich keine allzu große Mühe gegeben, was schon am Stil klar zu erkennen ist. Die Sache ist, offen gestanden, sehr unbeholfen geschrieben, und eine starke Veränderung gegenüber den vorhergehenden Fassungen ist nicht zu bemerken. Wir müssen nun jede Arbeit, bevor sie in Satz geht, von mindestens zwei Leute lesen lassen. Ich begnügte mich zuerst damit, Deine neue Fassung einem unserer festen Mitarbeiter zu lesen zu geben. Erst als dieser noch eine Menge Haare in der Suppe fand, gab ich die Arbeit über Weihnachten besagtem Genossen Kirchner, der – Schnösel hin und Schnösel her (ich kann ihn aus denselben Gründen auch nicht ausstehen) – immerhin über Dietzgen speziell gearbeitet und dabei beachtliche neue Funde gemacht hat, an denen man doch als Herausgeber einer neuen Dietzgen-Auswahl nicht vorbeigehen sollte. Nun hat auch Kirchner Deine Arbeit teilweise negativ beurteilt (wobei zu sagen ist, dass in seinem Gutachten auch viel Blödsinn steht, was ich an den betreffenden Stellen mit Fragezeichen angemerkt habe). Ich hätte Dir natürlich nach diesen beiden Urteilen des Manuskripts gleich mit einem ablehnenden Bescheid zurückschicken können, habe das aber nicht für richtig gehalten, sondern die Arbeit noch einem dritten, einem Bloch-Schüler in Leipzig, zu lesen gegeben, den ich bat, ein weiteres Gutachten anzufertigen. Auch dieser Gutachter, der übrigens seinen Meister ziemlich komisch nachzuahmen scheint, schreibt eine Menge Unsinn, gibt aber trotzdem ebenfalls ein paar Hinweise, die meines Erachtens der Beachtung wert sind. Ich schicke Dir nun Dein Manuskript, mit diesen drei Gutachten zurück. Selbstverständlich brauchst Du nicht jeden der da rin befindlichen Hinweise zu berücksichtigen. Du solltest sie Dir aber alle durch den Kopf gehen lassen und Dir dann überlegen, ob nicht doch die Möglichkeit besteht, eine, sowohl inhaltlich als auch stilistisch sehr viel bessere Einleitung als die bisher vorliegende zu schreiben, eine Einleitung, mit der Du 1936 Teil XV selbst voll und ganz zufrieden sein kannst, und der Du Dich nicht ein paar Jahre später zu schämen brauchst. Ein Buch ist schließlich etwas anderes als ein Artikel in einer Zeitung oder Zeitschrift. Es bekommt einen festen Umschlag und kann unter Umständen Jahrhunderte überdauern. Im Hinblick da rauf sollte man, wenn man so etwas zeugt, da rauf bedacht sein, es so gut wie nur irgend möglich zu machen. Ich glaube: Du wärst in der Lage, es sehr, sehr viel besser zu machen. Unser Auftrag bleibt natürlich aufrechterhalten. Der Vertrag bleibt in Kraft. Wir wären auch gerne bereit, Dir, falls erwünscht, einem Vorschuss zu zahlen. Es ist auch so, dass der Dietzgen mit Deiner Einleitung in unser Verlagsprogramm für 1953, welches ein regelrechter Produktionsplan ist, aufgenommen wurde. Ich möchte Dich nun herzlichst bitten, Deine Arbeit noch einmal mit einer rücksichtslosen Selbstkritik durchzulesen und dann all das zu verbessern, was Dir selbst als schwach, als fragwürdig, als schlecht geschrieben usw. erscheint. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Mende559 (17. März 1953) Werter Genosse Mende! Ich danke Dir für Deinen Brief vom 12. März 1953. Wenn der Dietzgen-Band mit der endgültigen Fassung Deiner Einleitung im Dezember 1953 noch ausgeliefert werden soll, so müssten wir bis spätestens 1. Juli 1953 das druckreife Manuskript in Händen haben. Es müsste dann aber in einer Form vorliegen, die es gestattet, es sofort in Satz zu geben. Solltest Du auch an der neuen Fassung der Einleitung selbst noch irgendwelche Zweifel haben, die besprochen werden müssten, so müsste das Manuskript mindestens am 1. Juni beim Lektorat des Verlages vorliegen. Hoffentlich sehen wir uns am 27. und 28. in Berlin! Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein 559 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 17. März 1953. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1937Weggefährten Brief an Georg Mende560 (06. November 1953) Lieber Genosse Mende! Entschuldige bitte, dass ich in der Angelegenheit der Dietzgen-Ausgabe so lange nichts von mir habe hören lassen. Ich war inzwischen jedoch mit der stilistischen Überarbeitung neuer Publikationen von Genossen Lukács und der schon länger »anstehenden« Einleitung zu den Frühschriften Kants von Genossen Klaus so überlastet, dass ich mich jetzt erst aufs Neue mit der Dietzgen-Ausgabe beschäftigen kann. Vorgesehen ist Seitens des Verlages sie spätestens (Einleitung und Auswahl zusammen) im I. Quartal 1954, nach Möglichkeit schon im Januar, in die Herstellung zu geben. Sollten Dir noch Einfälle, eine mögliche Verbesserung betreffend, gekommen sein, so bitte ich Dich, sie spätestens im Laufe des Monats Dezember mitzuteilen. Bei den Korrekturen, die in Deiner Einleitung jetzt noch vorgenommen werden müssten, handelt es sich, soweit ich das nach einer oberflächlichen Durchsicht beurteilen kann, nur noch um kleine stilistische Feilungen, gegen die Du ja nichts einzuwenden haben wirst. Selbstverständlich steht es Dir frei, die Einleitung inzwischen in einer wissenschaftlichen Universitätszeitschrift (die ja nur als Manuskript gedruckt erscheint) zu veröffentlichen. Indem ich Dich nochmals bitte, die eingetretene Verzögerung zu entschuldigen, bin ich mit den herzlichsten Grüßen Dein Brief an den Dietz-Verlag561 (14. Januar 1954) Werte Genossen! Wie wir der Tagespresse entnahmen, hat Euer Verlag die Absicht, die philosophischen Schriften von Josef Dietzgen herauszugeben. Wir bereiten bei uns schon seit längerer Zeit eine Auswahl der philosophischen Schriften von Dietzgen vor, die von Genossen Georg Mende (Jena) besorgt und eingeleitet wird. Die Einleitung von Genossen Mende liegt jetzt vor, und wir hatten eigentlich die Absicht, das gesamte Manuskript in 560 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 06. November 1953. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 561 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 14. Januar 1954. Adressiert an das Lektorat des Dietz-Verlages, Berlin. 1938 Teil XV nächster Zeit in Satz zu geben. Ich möchte Euch nun bitten, uns möglichst bald mitzuteilen, ob Ihr unter diesen Umständen Euer diesbezügliches Projekt fallen lassen wollt, oder ob Ihr meint, dass wir auf unseren Plan verzichten sollen. Im letzteren Fall bestünde dann vielleicht die Möglichkeit für Euch, die Arbeit vom Genossen Mende zu übernehmen. In der Hoffnung auf baldigen Bescheid bin ich mit den herzlichsten Grüßen Brief an den Dietz-Verlag562 (20. Januar 1954) Werter Genosse Schmidt! Ich danke Dir für den Brief vom 16. Januar 1954. Bei der Aufnahme der Dietzgen-Auswahl in unseren Plan waren wir davon ausgegangen, dass Dietzgen nicht als marxistischer Philosoph gelten kann, also auch nicht zur Parteiliteratur im engeren Sinne gehört. Selbstverständlich wäre es richtig gewesen, wenn wir uns vorher mit Euch wegen dieser Frage in Verbindung gesetzt hätten, dass wir es nicht taten, war sicher ein Fehler. Ein zweiter Fehler wurde dann offenbar vom Amt für Literatur und Verlagswesen begangen, dem unser Plan vorgelegen hat, das uns aber nicht auf die geplante Veröffentlichung der philosophischen Werke Dietzgens in Eurem Verlag aufmerksam machte. Wie die Dinge nunmehr liegen, lässt sich nichts mehr ändern, und wir werden die Dietzgen-Ausgabe von unseren Plan absetzen müssen. Eine Verwendungsmöglichkeit der Einleitung des Genossen Mende besteht trotzdem. In Gemeinschaftsarbeit mit den Verlagen Deutscher Verlag der Wissenschaften und Akademie-Verlag wollen wir jetzt die Meinersche Philosophische Bibliothek in neuer Form herausgeben. Als einen der Bände, die unser Verlag in diesem Rahmen bearbeiten soll, könnten wir Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit ansetzen. Das würde sich, glaube ich, mit Eurer Ausgabe nicht überschneiden, da einmal die Philosophische Bibliothek einen ganz andersartigen Charakter hat und es sich zum anderen um ein Einzelwerk Dietzgens handeln würde. Solltet Ihr anderer Meinung sein, so würde ich darum bitten, uns das wissen zu lassen. Falls Ihr einverstanden seid, könnten wir dann die Arbeit von Mende als Einleitung zu dem genannten Band benutzen. Mit freundlichem Gruß 562 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. Januar 1954. Adressiert an das Lektorat des Dietz-Verlages, z. Hd. Herr Schmidt, Berlin. 1939Weggefährten Brief an Georg Mende563 (20. Januar 1954) Lieber Genosse Mende! Zu meinem großen Bedauern muss ich Dir mitteilen, dass aus der geplanten Dietzgen-Ausgabe in unserem Verlag nun doch nichts werden kann. Unvorhergesehen hat das Zentralkomitee vor einiger Zeit dem Dietz-Verlag den Auftrag erteilt, eine neue Dietzgen-Ausgabe herauszubringen. Als wir unseren älteren und vom Amt für Literatur bereits genehmigten Plan geltend machten, wurde uns von Seiten des Dietz-Verlages erklärt, dass diese Aufgabe eindeutig in den Aufgabenbereich des Parteiverlages falle. Wir hatten bei derselben Gelegenheit dem Dietz-Verlag anheimgestellt, ihm, falls eine Realisierung des Projekts bei uns wirklich nicht mehr in Frage kommt, Deine Einleitung abzutreten. Auch das erwies sich als nicht möglich, weil bereits seit längerer Zeit Genosse Heinrich Saar, Direktor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften an der Humboldt-Universität vom Dietz-Verlag mit der Aufgabe der Abfassung einer Einleitung betraut worden war. Trotzdem soll Deine Arbeit nicht umsonst gewesen sein. Unser Verlag wird nämlich jetzt zusammen mit dem Deutschen Verlag der Wissenschaften und dem Akademie-Verlag die Meinersche Philosophische Bibliothek in neuer Form wieder herausbringen. Als einen der Titel, die wir in diesem Rahmen übernehmen, werden wir Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit ansetzen. Wenn es Dir Recht ist, könnten wir Deine Arbeit dann als Einleitung zu diesem Einzelwerk (dessen Herausgabe sich mit dem Projekt des Dietz-Verlages nicht überschneiden würde, da die Meinersche Bibliothek einen ganz anderen Charakter hat) verwenden. Für uns war die Intervention des Dietz-Verlages natürlich ein schwerer Schlag. Das Manuskript sollte gerade in diesen Tagen in Satz gehen. Auch um Deiner willen ist die Sache sehr schade. Ich glaube jedoch, dass der neue Vorschlag für alle Teile ein einigermaßen akzeptabler Ausweg ist. Mit herzlichen Grüßen bin ich Dein 563 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. Januar 1954. Adressiert an Mendes Privatadresse in Halle. 1940 Teil XV Brief an Georg Mende564 (29. Januar 1954) Lieber Genosse Mende! Ich danke Dir für Deinen Brief vom 27. Januar 1954 und beeile mich, ihn zu beantworten. Wenn aus unserem ursprünglichen Projekt nichts werden kann, so liegt das nicht an den Verzögerungen, die eingetreten sind, sondern da ran, dass der Dietz-Verlag das philosophische Werk Josef Dietzgens als Parteiliteratur für sich beansprucht. Es kann keine Rede davon sein, dass Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit mit Deiner Einleitung vom Akademie-Verlag übernommen werden soll. Es handelt sich nur darum, dass drei Verlage, nämlich der Akademie-Verlag, der Deutsche Verlag der Wissenschaften und der Aufbau-Verlag, in Gemeinschaftsarbeit die Philosophische Bibliothek in neuer Form wieder herausgeben werden. In diesem Rahmen werden eine ganze Reihe von Titeln vom Aufbau-Verlag übernommen werden und als Verlagsobjekte des Aufbau-Verlages erscheinen, wenn auch in gleicher Ausstattung wie die von den anderen Verlagen besorgten Bände der Philosophischen Bibliothek. Zu den Objekten, die der Aufbau-Verlag übernimmt, gehört auch Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit. Dein Vertrag mit dem Aufbau-Verlag bleibt also in Kraft, es findet kein Übergang des Vertrages von einem Verlag zum anderen statt. Die einzige Einschränkung besteht da rin, dass wir keine Auswahl von den Schriften Dietzgens, sondern nunmehr nur Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit bringen. Die Bestimmungen des Vertrages bezüglich Deiner Einleitung bleiben selbstverständlich dieselben. Mit den besten Grüßen bin ich Dein 564 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 29. Januar 1954. Adressiert an Mendes Universitätsadresse in Jena. 1941Weggefährten Brief an Georg Mende565 (05. März 1954) Lieber Genosse Mende! Ich teile Dir hierdurch mit, dass wir in diesen Tagen das Manuskript Deiner Arbeit über Dietzgen in der Fassung der Wissenschaftlichen Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität und den Text von Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit in Satz gegeben haben. Die Fahnen werden Dir zu gehen, sobald sie beim Lektorat des Verlages vorliegen. Das Buch soll in unserer neuen Reihe Philosophische Bücherei als zweite Publikation (nach Kants Träumen eines Geistersehers) erscheinen. Als dritte Publikation dieser Reihe wird die Schrift Rousseaus Über die Künste und Wissenschaften folgen.566 Eine frühere Lösung der Frage war nach der Intervention des Dietz-Verlages, die unser ursprüngliches Dietzgen-Projekts vereitelte, nicht möglich, da wir nun erst das Anlaufen der neuen, kleineren philosophischen Serie in unserer Verlagsproduktion abwarten mussten. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Gutachten zu: Josef Dietzgen: Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit567 (09. April 1954) Als zweiten Band seiner Philosophischen Bücherei will der Aufbau-Verlag das Hauptwerk des deutschen Arbeiterphilosophen Josef Dietzgen, Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit, herausbringen. Die Bedeutung dieses Buches wurde mehrfach von Marx, Engels und Lenin gewürdigt. Die Klassiker des Marxismus-Leninismus erblickten darin, trotz verschiedener Fehler und Schwächen, eine selbständige Herausarbeitung der erkenntnistheoretischen Grundsätze des dialektischen Materialismus. 565 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 05. März 1954. Adressiert an Mendes Universitätsadresse in Jena. 566 (AH) Siehe die entsprechenden Dokumente dieses Bandes. 567 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 09. April 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1942 Teil XV Unsere Ausgabe bringt den vollständigen Text des Buches, aber ohne die verfälschenden Zusätze von Eugen Dietzgen, die bekanntlich den Wert der 1911 herausgegebenen Sämtlichen Schriften Josef Dietzgens stark beeinträchtigen. Die Herausgabe besorgte Professor Dr. Georg Mende, Dozent für dialektischen Materialismus an der Universität Jena, der auch die kritische Einleitung über Dietzgens Leben und Werk verfasste. Das Erscheinen des Wesens der menschlichen Kopfarbeit mit der Einleitung von Mende in unserem Verlag wurde vor Wochen bereits mit dem Lektorat des Dietz-Verlages abgesprochen und von diesem genehmigt. Eine Beeinträchtigung der Dietzgen-Gesamtausgabe, die zur Zeit im Dietz-Verlag vorbereitet wird, wird nach Meinung beider Verlage durch diesen Einzelband nicht erfolgen. Brief an Georg Mende568 (18. August 1954) Lieber Genosse Mende! Ich schreibe Dir, weil soeben – endlich – die Fahnen von Dietzgens Wesen der menschlichen Kopfarbeit bei uns eintreffen, die Dir nun auch zur Durchsicht zugehen werden. Wie Du Dich erinnern wirst, mussten wir unser ursprüngliches Projekt einer umfassenden Dietzgen-Auswahl fallen lassen, weil es der Dietz-Verlag für sich beanspruchte. Wir einigten uns dann da rauf, unter Beibehaltung der alten Vertragsbedingungen das Wesen der menschlichen Kopfarbeit mit Deiner Einleitung einzeln herauszugeben und in unsere kleine Philosophische Bücherei als deren zweiten Band aufzunehmen. Diese Umdisposition machte es nun erforderlich, dass sämtliche Fußnoten zum Text von Dietzgen, die Du seinerzeit verfasst hattest, in Fortfall kommen. Die kleine Philosophische Bücherei bringt nämlich solche kritischen Kommentierungen der Texte, die in ihr erscheinen, grundsätzlich nicht. Ich bitte Dich, in diesem Sinne auch keine anderen Fußnoten in den Dietzgenschen Text, wie er Dir in den Fahnen zugeht, einzufügen, sondern Dich auf Überprüfung der Korrektheit des Satzes zu beschränken. Deine Einleitung liegt ebenfalls bereits im Satz vor, jedoch ist der Druckerei damit ein Versehen passiert: Sie hat sie in einer falschen Satztype abgesetzt, muss also die Einlei- 568 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 18. August 1954. Adressiert an Mendes Universitätsadresse in Jena. 1943Weggefährten tung noch einmal im richtigen Satz nachliefern. Die entsprechenden Fahnen wirst Du dann auch sogleich zugeschickt bekommen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein Brief an Georg Mende569 (20. August 1954) Lieber Genosse Mende! Genosse Janka leitet mir soeben Deinen Brief vom 17. d. M. zu, mit der Bitte, ihn zu beantworten. Inzwischen wird Du meinen Brief vom 18. d. M. und die erste Fahnensendung des Dietzgen erhalten haben. Die letzten Verzögerungen erklären sich dadurch, dass wegen der Papierschwierigkeiten im II. Quartal 1954 die Herstellung einiger Bände in den Druckereien aufgeschoben werden musste. Inzwischen ist der Satz des Bandes, wie gesagt, angelaufen; jedoch wurde durch Verschulden der Druckerei Deine Einleitung in einer falschen Type gesetzt, so dass wir reklamieren mussten und zunächst nur den Dietzgenschen Text selbst schicken konnten. Das Übrige geht Dir dann demnächst zu. Mit besten Grüßen Dein Brief an Georg Mende570 (25. August 1954) Lieber Genosse Mende! Vielen Dank für Deinem Brief vom 21. August 1954. Unsere kleine Philosophische Bücherei soll sich insofern mit der geplanten Publikationsserie des Akademie-Verlages ergänzen, als die Verteilung der verschiedenen Titel auf beide Verlage koordiniert wurde und weiterhin abgesprochen werden wird. Eine Absprache über die Art der Textbearbeitung erfolgt aber nicht. Was die Ausstattung, die Kommentierung, die Gesichtspunkte der Textgestaltung usw. betrifft, so ist unsere Serie etwas ganz Selbstän- 569 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 20. August 1954. Adressiert an Mendes Universitätsadresse in Jena. 570 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 25. August 1954. Adressiert an Mendes Universitätsadresse in Jena. 1944 Teil XV diges deswegen, weil der Akademie-Verlag sich auf eine gemeinsame Herausgabe der alten Meinerschen Bibliothek nicht eingelassen hatte. Was die Frage der Fußnoten betrifft, so nehmen wir bei der kleinen Serie (nicht bei der großen, Klassisches Erbe aus Philosophie und Geschichte) grundsätzlich von einer Fußnotenkommentierung der Texte Abstand, um ein zügiges Erscheinen der Bände zu gewährleisten, das bei dem Kadermangel auf dem Gebiet der Philosophie bei eingehender Kommentierung aller Texte nicht möglich wäre. Wir wollen grundsätzlich auch die Einführungen in die betreffenden Werke möglichst ganz kurz halten (zwei bis höchstens zehn Druckseiten). Hinsichtlich des letzteren Punktes machen wir nur wenige Ausnahmen, und zu diesen Ausnahmen gehört auch Deine Dietzgen-Einleitung, weil es sich um eine seit längerer Zeit bestellte Arbeit handelt. Wenn Du Deiner Einleitung nun noch einen kritischen Abschnitt über Das Wesen der menschlichen Kopfarbeit einfügen willst, in dem die Fußnoten mit verwertet werden, so steht Dir das selbstverständlich frei. Wir wären Dir jedoch sehr dankbar, wenn Du unter diesen Umständen einige Kürzungen im sonstigen Text der Einleitung vornehmen könntest. Du brauchst das natürlich nicht zu tun, wir können es nicht verlangen; aber es wäre sehr schön, wenn Du es tätest. Am Besten wäre es, wenn diese Kürzungen bei der Lebensschilderung Dietzgens vorgenommen würden. In der kleinen Serie werden nämlich im Allgemeinen kurze Angaben der Lebensdaten der Autoren (höchstens zwei Seiten) an den Schluss des jeweiligen Bandes gestellt. Wir würden das natürlich gern auch bei diesem Band tun. Zur Ansicht schicke ich Dir einen Abzug der Lebensdaten Kants, die wir an den Schluss der Träume eines Geisterseher und der Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels stellen werden. Nochmals zum Problem der Fußnotenkommentierung: Wir sind allmählich zu der Meinung gekommen, dass Erklärungen (zum Beispiel von fremdsprachigen Zitaten, Anspielungen auf Zeitereignisse usw.) in den Fußnoten sehr gut, kritische Bemerkungen zum Inhalt aber meist problematisch sind, auch wenn sie etwas Zutreffendes sagen. Man kann philosophische Werke der nichtmarxistischen Philosophie im Grunde nur im Ganzen, in der großen Linie kritisieren, nicht aber in Form eines Kommentars zu einzelnen Punkten; da weiß man dann nämlich nicht, wo man anfangen und wo man aufhören soll und verliert sich ins Uferlose. Außerdem fühlt sich der Leser dadurch 1945Weggefährten gouvernantenhaft behandelt, bevormundet usw. Aus diesen Erwägungen pflegen sich unsere Fußnoten zu reduzieren auf Angaben wie: Diana = griechische Göttin, nicht aber derartige Hinweise zu enthalten wie: hier denkt Kant typisch metaphysisch usw. Unser ganzes Dietzgen-Projekt ist ja durch die Intervention des Dietz-Verlages leider eine Schmerzenskind geworden. Wir sind sehr verärgert da rü ber und verstehen auch Deine Verärgerung voll und ganz. Nur wollen wir jetzt versuchen, noch das Beste daraus zu machen, was sich daraus machen lässt. Unter diesen Umständen müssen wir es Dir natürlich freistellen, in den Fahnen Deiner Einleitung noch so viel herumzuoperieren, wie es Dir notwendig zu sein scheint, obwohl wir an und für sich den korrekturfreudigen Autoren das Sparsamkeitsregime vorzuhalten pflegen. Mit der Arbeit an den Korrekturen kannst Du Dir selbstverständlich so lange Zeit lassen, bis Du sämtliche Fahnen in Händen hast. Was die Angabe von Seitenzahlen betrifft, die sich auf den vorliegenden Text selbst beziehen, so bitte ich Dich, an den betreffenden Stellen einen leeren Platz zu lassen und diesen auszuschraffieren. Diese Stellen werden dann im Blei zunächst blockiert, und die endgültigen Zahlen kannst Du dann einfügen, wenn Dir der Umbruch vorliegt und die endgültige Paginierung feststeht. Mit herzlichen Grüßen bin ich Dein

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Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.