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Teil XIV Ernst Bloch in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1731 - 1840

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1731

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil XIV Ernst Bloch 1732 Teil XIV 6. November 1954,  Ernst Bloch auf Begegnung der Geistesschaffenden 1733Ernst Bloch Andreas Heyer Ernst Bloch und Wolfgang Harich Die Beziehung zwischen Ernst Bloch und Wolfgang Harich gehört sicherlich zu jener Art komplizierter Bündnisse, in denen sich intellektuell ebenbürtige Personen begegnen, aufeinander zugehen und dennoch eine Restskepsis behalten. Details, die an sich vernachlässigbar sind, treten abrupt in den Vordergrund. Zusammengehalten werden solche Konstellationen oft auch durch gemeinsame Anliegen, besser noch Gegner. Anne Harich umschrieb die Beziehung ihres Mannes zu Ernst Bloch wie folgt. »Du hattest ja bekannterweise, und das brachte Dir keine Lorbeeren ein, Bloch zu Deinem philosophischen Gegner erklärt, das änderte für Dich nichts da ran, dem alten Genossen und großen Gelehrten gegenüber Anstand und Achtung zu wahren.«327 Es ist eine durchaus vertrackte Geschichte, die hier zu erzählen ist – das Verhältnis zwischen Harich und Bloch. Eine enge Freundschaft war es definitiv nicht. Vielleicht eine Art gegenseitige Achtung, von Philosoph zu Philosoph? Die Rekonstruktion sollte am Anfang beginnen. Bloch gehörte zu den ersten intensiveren Begegnungen (auf geistiger und persönlicher Ebene) Harichs zu Intellektuellen höheren Kalibers. Zeitlich davor standen bereits die Bekanntschaft mit Bertolt Brecht und die kurze Studienzeit bei Nicolai Hartmann. (Und zumindest zu erwähnen sind auch die Kontakte zu den russischen Kulturoffizieren im Rahmen von Harichs journalistischer Tätigkeit.) Siegfried Prokop schrieb: »Ernst Bloch und Wolfgang Harich lernten sich 1949 in der Redaktion der Täglichen Rundschau kennen. Ernst Bloch hatte gerade seine Professur in Leipzig angetreten und wurde freier Mitarbeiter der Neuen Welt. Harich wirkte als erster Theaterkritiker an der Täglichen Rundschau. Nachdem beider Verhältnis anfänglich auf Grund philosophischer Meinungsverschieden- 327 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 306. 1734 Teil XIV heiten etwas kühl war, schlossen sie im Jahre 1950 eine Freundschaft, die mit den Jahren immer enger und herzlicher wurde. (…) Seit 1951 pflegte Bloch – und das war mehrmals im Jahr der Fall – fast jedes Mal bei Harich zu logieren, wenn er vorübergehend in Berlin weilte. Beider Freundschaft basierte auf der gemeinsamen Abneigung gegen die Tendenzen des Dogmatismus, des Sektierertums und der Unbildung, die sie bei einem Teil der Philosophen der DDR feststellten. Beide standen fest zum Staat und bejahten die Politik der SED. Der XX. Parteitag der KPdSU löste 1956 bei beiden eine tiefe Krise der ideologischen und politischen Überzeugungen aus.«328 Es waren gemeinsame Interessen und ein intellektueller Gleichklang, der Harich und Bloch einander annähern ließ. Wenn man sieht, wie beide ihre Zeit wahrnahmen und philosophisch-fragend begleiteten, überrascht es nicht, dass sie zu ähnlichen Pro blemauf ris sen gelangte. Auf philosophischen Gebiet – davon zeugen ihre jeweiligen Lehrveranstaltungen an der Berliner bzw. Leipziger Universität (zumindest, zuvorderst, was die philosophiehistorische Rekonstruktion anbetrifft). Und ebenso mit Blick auf die Bewertung der tagesaktuellen Politik. Zu konstatieren ist allerdings schon zum jetzigen Zeitpunkt, dass Bloch um einiges opportunistischer agierte als Harich. Letzterer war bereit, Konsequenzen für sein Handeln zu tragen und er war auch bereit, die offene Auseinandersetzung mit der SED zu suchen, vor allem auf philosophischen Gebiet. Bloch hingegen hielt sich zurück, nur selten blitzte für kurze Zeit jener unabhängige marxistische Geist auf, der sich Reglementierungen eigentlich verweigern müsste, um »echt« zu sein. Im Prinzip lässt sich durchaus sagen, dass Bloch zu sehr auf sich selbst bedacht war. Man muss nicht so weit gehen und wie Gerhard Zwerenz von Feigheit sprechen (mit Blick auf Blochs Verhalten 1957).329 An anderen Stellen verwendete Zwerenz argumentativ den Topos der Sklavensprache, die als Tarnung gedient habe.330 Aber auch dies wäre zu hinterfragen, da so wieder das Bild des Oppositionellen Bloch zu stark beschworen wird. Arno Münster hat in seiner Biographie Blochs immer wieder da rauf insistiert, wie wichtig Bloch das eigene Werk gewesen sein und dass er zum Schutz seiner schriftstellerischen Produktion schwieg, auf Proteste verzichtete, sich verbog, Unterwerfungsgesten unternahm.331 All dies ist, wenn es den Teilaspekt meint, richtig, 328 Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121–124. 329 Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte, z. Bsp. 272. 330 Zwerenz/Zwerenz: Sklavensprache und Revolte, z. Bsp. 75. 331 Siehe: Münster: Ernst Bloch. 1735Ernst Bloch es wird falsch, wenn es als Erklärung des Ganzen dienen soll. Zu konstatieren sind vor allem die Fakten: 1953 blieb Bloch stumm, es gab aber von ihm auch keine Beschimpfungen der revoltierenden Arbeiter, was ihn überaus positiv von Personen wie Robert Havemann, Stephan Hermlin oder Stefan Heym unterscheidet. Aber er nutzte eben auch nicht, wie Harich und Bertolt Brecht, die Energie des Aufstands, um Änderungen herbeizuführen. Ende 1956 blieb Bloch dann Angesichts der Verhaftung Harichs und anderer erneut stumm. Wie beispielsweise zuvor schon mit Blick auf die Ereignisse in Ungarn – von kleineren Ausnahmen abgesehen (zu nennen sind etwa der bekannte Vortrag Hegel und die Gewalt des Systems, den er am 14. November 1956 an der Berliner HU anlässlich des 125. Todestages von Hegel gehalten hatte, und der Aufsatz Problem der Engelsschen Trennung von »Methode« und »System« bei Hegel, für dessen Unterdrückung Bloch ja nichts konnte). Die Forschungsliteratur bemüht oftmals seitenweise Papier, um aufzuzeigen, wie sehr Bloch im privaten Raum wetterte, opponierte. Doch Offizielles, einen Brief, Artikel etc. gab es nicht. Schließlich vielleicht noch eine letzte Differenz im Gemeinsamen: Beide übernahmen publizistische Aufgaben für die Partei. Bei Harich betrifft dies zuvorderst seine journalistische Tätigkeit bei der Täglichen Rundschau und der Neuen Welt, wo er zuletzt sogar die Abteilung Propaganda mit aufbaute. Allerdings legte er diese Tätigkeit Anfang der fünfziger Jahre nieder und widmete sich anderen Projekten, die ihn schnell in eine oppositionelle Stellung zur SED brachte. Bloch hingegen blieb bis 1956 hinein für die SED aktiv, beteiligte sich an staatlichen Initiativen, beispielsweise noch 1956 mit einer geforderten Stellungnahme zum westdeutschen Verbot der KPD, Aufträge, die Harich da bereits verweigerte.332 * * * * * In der Täglichen Rundschau trafen Harich und Bloch zuerst zusammen. Der Grund war das Goethe-Jubiläum333, das in der SBZ/DDR ausgiebig begangen wurde. Harich, der auch für die Neue Welt als Redakteur mitverantwortlich war, oblag die Organisation der deutschen Beiträge zum Jubiläum. Nach verschiedenen Vorabdrucken erschien 332 Bloch: An der Schwelle zu einem anderen 1933, S. 754. 333 Siehe hierzu: Heyer: Der gereimte Genosse. Außerdem die Dissertation von: Fronzek: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945–1965. Beide Bücher mit zahlreichen Querverweisen und einer intensiven Aufarbeitung der entsprechenden Diskurse. Überaus tendenziös und daher über weite Strecken unwissenschaftlich die Sammelbände von: Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht. Ehrlich/Mai: Weimarer Klassik in der Ära Honecker. 1736 Teil XIV Ende 1949 der Sammelband Zu neuen Ufern. Essays über Goethe. 334 Enthalten war auch der Beitrag Blochs: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes.335 Durch diese Nähe zu den Publikationsorganen verfügten beide über gute Kontakte zur sowjetischen Administration. Harich hatte allerdings die besseren Beziehungen.336 Zudem hatte beide in der Frühphase der DDR Kontakte zu den politischen Entscheidungsträgern. Blochs Berufung nach Leipzig wurde ja auf ministerieller Ebene gegen die Universität durchgesetzt, Kurt Hager gehörte lange zu seinen Förderern. Harich seinerseits hatte mit Hager gemeinsam das Studium zur Dozentenausbildung absolviert, kannte so manche der in Berlin lebenden Politiker durch seine journalistische Tätigkeit. Beide nutzten in den ersten Jahren ihre Einflussmöglichkeiten auf die deutsche Politik – auch über den Umweg der SMAD. Harich tat dies im Zuge der Kritik der SED an seinen Vorlesungen der Berliner Humboldt-Universität, wo er sich in den parteiinternen Auseinandersetzungen und »Diskussionen« quasi einen russischen »Freibrief« verschaffte, an den die SED zwar nicht vollständig, aber doch in grundlegender Perspek ti ve gebunden war.337 Bloch musste gegenüber Erich Wendt (Leiter des Aufbau-Verlags) nur mit der Intervenierung (als offizielle Beschwerde bzw. Darlegung seiner Sichtweise) mit den Sowjets »drohen«, um den Druck seines Hegel-Buches Subjekt-Objekt, der wegen ideologischer Querellen (das Stalin-Shdanowsche Hegel-Verdikt) verzögert wurde, dann schließlich doch zu erreichen. »Es scheint, dass Wendt seinem Autor bei Gelegenheit eines Besuchs in Leipzig die Absicht ausgeredet hat, die Sowjets um Vermittlung anzugehen; zweifellos hat er aber das Büro Hager über den Plan informiert.«338 334 Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Essays über Goethe. 335 Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, S. 161–178. Von Harich stammte der Aufsatz: Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauungen (Neuabdr. in: Band 6.1, S. 739–794). Analyse und Interpretation der Blochschen und Harichschen Ausführungen bei: Heyer: Der gereimte Genosse, S. 101–124, 125–142. 336 Über die vierziger Jahre siehe: Schivelbusch: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945– 1948. 337 Siehe: Eckholdt: Begegnungen mit Wolfgang Harich. 338 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 181. Bloch hatte an Wendt geschrieben: »Was nun den Aufbau, also in meinem Fall den Hegel angeht, so will ich nichts ohne Deinen Rat tun. Nämlich: Wakopow, Kulturkopf bei der hiesigen SKK, ein Freund von mir, dem ich die Hegel-Verzögerung erzählte, schlug mir gestern vor, ihm einen sachlichen Brief zu schreiben, mit Darlegung des Falls, woraufhin er sich einschalten möchte. Auch er findet, diese Verzögerung sei nicht in Ordnung, in ihrer Wirkung auf den Westen schädlich, auf unsere DDR mindestens nicht nützlich. Er sagt, das Mindeste wäre doch, 1737Ernst Bloch Das Unterfangen hatte Erfolg, die Druckfreigabe wurde erteilt. Diese Anfangskonstellation blieb die ganzen fünfziger Jahre hindurch prägend. Harich war zwar ein eigenständiger Wissenschaftler und Denker. Durch die berufliche Arbeitsteilung bedingt fungierte er in der Konstellation Bloch-Harich als Blochs Lektor, einer der ad mi nis trati ven Zuarbeiter. (Und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie als Chefredakteur, dazu später.) Zudem agierte Harich immer in einer Dreier-Gruppierung, denn die Person Lukács ist den beiden hinzuzustellen. Harich hatte sich intellektuell eher an Lukács angenähert, so dass er bei den Reibereien zwischen dem Budapester Philosophen und Bloch auf Seiten des Ersteren stand. Bevor sich diese »ménage à trois« herausbildete, kam es jedoch im Zeichen Goethes zur Kritik. Im Zuge der Goethe-Feiern hatte auch Georg Lukács einen Vortrag in Berlin gehalten, den Harich seinerseits in der Täglichen Rundschau mehr als deutlich kritisiert hatte.339 Die führenden Intellektuellen der SBZ/DDR vermuteten hinter Harichs Attacke einen Parteiauftrag und kritisierten diesen daher scharf, etwa Hanns Eisler.340 Und Ernst Bloch schrieb am 4. November 1949 an Lukács: »Mit Ekel las ich die Frechheiten des playboy W. Harich gegen Dich. Dem Lausejungen muss das Handwerk gelegt werden.«341 Über Bloch und Lukács soll hier nicht ausführlich gesprochen werden. Es wird das Wissen darum als bekannt vorausgesetzt, dass die beiden einmal eng befreundet gewesen waren, sich jedoch einander entfremdet hatte. Bloch nutzte die Affaire, um wieder Kontakt zu Lukács aufzunehmen. Doch dieser reagierte nicht auf den Brief. Kurze Zeit später räumte er dann seine Differenzen mit Harich aus und dieser wurde nicht nur sein Lektor im Aufbau-Verlag, sondern auch – bis 1956 – sein wichtigster Ansprechpartner in der DDR.342 Harich erklärte später rückblickend: »In dem Zusammenhang scheint Bloch ähnlich gedacht zu haben wie Eisler und sich in diesem Sinne geäußert dass ich von Hager und einem Gremium zur Besprechung der kritischen Punkte eingeladen werde.« (Ebd., S. 181.) 339 Harich: Georg Lukács sprach über Goethe, in: Band 9, S. 121–127. Siehe, allerdings verzerrend: Florath: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten, S. 61. Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 340 Siehe: Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 341 Bloch: Brief an Lukács vom 4. November 1949, S. 196. 342 Die entsprechenden Dokumente druckt der 9. Band: Harich: Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft. Dort eine Einleitung (Wolfgang Harich und Georg Lukács) des Herausgebers, S. 13–114. 1738 Teil XIV zu haben in einem Brief an Lukács, den ich damals noch nicht persönlich kannte.«343 Mit seinem Artikel gegen Lukács hatte sich Harich zu weit aus dem Fenster gelehnt. Aber die Situation sollte sich bald ändern. Der nächste größere Rahmen, in dem Harich und Bloch Kontakt hatten und der für einige Jahre ihre gemeinsamen Interessen mit bestimmte, war der Berliner Aufbau-Verlag. Bloch war dort 1947 mit Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozial-Utopien Autor geworden. Ein Jahr später wurde ihm der Lehrstuhl für Philosophie an der Leipziger Universität angeboten und er übersiedelte 1949 in die SBZ/DDR. 1950 wechselte dann, unter der Leitung Erich Wendts, auch Harich als freier Mitarbeiter in den Aufbau-Verlag (gegenüber Wendt unterschrieb er scherzhaft mit »dero unterthäniger Knecht«344) und übernahm dort zügig verschiedene Aufgaben.345 Zudem wurde er verantwortlich für die philosophische Klassik. Zentral für Harichs Wirken im Verlag war aber sein Engagement für Georg Lukács, den er eindeutig und von Anfang an vor Bloch setzte. Das ist wichtig, da so Harichs Bloch-Kritik nicht auf persönliche Eitelkeiten zurückgeführt werden kann. Sie war vielmehr wissenschaftlich orientiert – auch in ihren späteren Aussagen der siebziger und achtziger Jahre. Bei Bloch wirkte in den ersten gemeinsamen Jahren mit Harich im Aufbau-Verlag dessen Lukács-Attacke nach. Harich hatte sich offensichtlich ohne Rücksprache mit Bloch oder dem Verlagsleiter die Korrekturfahnen des Hegel-Buches (Subjekt-Objekt) von Bloch geholt. Bloch war skeptisch, da der Druck des Buches seit einigen Monaten verzögert wurde. Vielleicht vermutete er in Harich einen offiziellen bzw. heimlichen Zensor. (Was insofern nahelag, als Harich ja aus der sowjetisch lizensierten Täglichen Rundschau kam.) Der Kritiker war jedoch Klaus Schrickel gewesen, der hinter Blochs Rücken gegen das Hegel-Buch interveniert hatte. Nur kurze Zeit später wurde Schrickel dann Redaktionssekretär bei der Deutschen Zeitschrift für Philosophie – als Aufpasser der Partei. (Wir kommen da rauf zurück.) Erich Wendt schrieb am 3. November 1949 an Bloch: »Die Geschichte mit Harich geschah ohne mein Wissen. Er holte sich die Abzüge von unserer Presse-Abteilung persönlich ab. Wenn Sie sich die Situation und Verhältnisse richtig vorstellen, werden 343 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 58. 344 Harich: Brief an Erich Wendt vom den 01. November 1950, 1 Blatt, maschinenschriftlich. Siehe die entsprechenden Hinweise in diesem Band. 345 Siehe: Mittenzwei: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, S. 212 f. 1739Ernst Bloch Sie verstehen, dass solch eine Presse-Abteilung keine Bedenken haben konnte, die Fahnen einem solchen Mann, wie Harich, zu geben.«346 Harich war zu jener Zeit allerdings bereits mit seinen Studien zur klassischen deutschen Philosophie des Idealismus beschäftigt. Er nutzte Blochs Subjekt-Objekt zur Vorbereitung seiner Vorlesungen und im Zuge der Arbeiten an seiner Dissertation. Ab 1952 gerieten seine Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie im Allgemeinen und zu Hegel im Speziellen, gehalten an der Berliner HU, dann in die Kritik der Partei.347 Spätestens zu diesem Zeitpunkt erkannte Bloch, dass er in Harich einen Verbündeten hatte. 1951 überwog freilich noch der kritische Blick. Bloch hatte erfahren, dass Philosophie als universitärer Schwerpunkt nur noch in Berlin und Jena angeboten werden sollte, Leipzig wäre damit außen vor gewesen. Er bat Erich Wendt um ein Vermittlungsgespräch mit Walter Ulbricht, das allerdings nicht stattfand.348 Außerdem schrieb er: »Meine Vorlesungen sind voll, jeder Kluge spürt Forschung und Horizonte, keiner beklagt sich da rü ber, dass unbezeichnete idealistische Eierschalen vorliegen oder gar Ketzerei. Leben ist statt dessen in der Bude, kein auswendig gelerntes, geistig wie propagandistisch gleich schädliches Schema-Grau. Und in dieses vorhandene Leben soll mutwillig hinein ge schnitten werden. Dabei kennen mich weder Hager noch Hoffmann; und Harich, der seiner Aufgabe ohnehin nicht gewachsen zu sein scheint, tut offenbar passiv mit. So müsste also der Star gestochen werden.«349 Genau die gleiche Klage trug (fast schon paradoxerweise) Harich in seiner Hegel-Denkschrift ein Jahr später (am 29. März 1952) ebenfalls vor. Zu diesem Zeitpunkt stand, wie erwähnt, seine Vorlesung zur Geschichte der Philosophie in der Kritik der Partei. (Eine Kritik, die nicht nur Harich, sondern auch Georg Lukács treffen sollte, auf dessen Der junge Hegel sich Harich bei der Behandlung der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus stützte.) Obwohl Hager und Hoffmann seine Vorlesungen 346 Wendt: Brief an Bloch vom 3. November 1949, S. 23. Dort weiter: »Selbstverständlich kann Harich über das fertige Buch schreiben, wird es wahrscheinlich tun und sollte es auch tun. Schließlich muss ja irgend jemand die Buchkritik besorgen. Doch die Fahnen werden von ihm zurückgefordert. Abgesehen davon, dass das Buch nicht die endgültige Fassung ist, sollte nicht gerade Harich der ausgewählte Kritiker sein.« (S. 23 f.) 347 Diese Vorgänge sind relativ gut erforscht. Camilla Warnke hat da rü ber mehrere Aufsätze geschrieben, die interessante Einblicke in die damaligen Diskussionen ermöglichen. Siehe: Warnke: Das Problem Hegel ist längst gelöst, S. 194–221. Warnke: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, S. 159–166. 348 Siehe die Anmerkungen von Jürgen Jahn, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 155. 349 Bloch: Brief an Erich Wendt vom 13. Juli 1951, S. 38. 1740 Teil XIV nie besucht hätten, so Harich, würden sie sich über diese ein Urteil anmaßen.350 Dass Bloch in der gerade wiedergegebenen Passage Harich und Ernst Hoffmann zusammen nannte, lässt sich ebenfalls auf Goethe zurückführen. Hinzu trat ein weiteres Ereignis: * * * * * Im Zuge der gemeinsamen Arbeiten am Goethe-Band der Neuen Welt hatte sich Harich mit Bloch über die Vorlesungstätigkeiten ausgetauscht. Bloch argumentierte dabei gegen Harichs Methoden. Harich erzählte Ernst Hoffmann von diesem Gespräch. »Über ein halbes Jahr später, im Sommer 1950, veröffentlichte Genosse Hoffmann in der Zeitschrift Einheit einen Artikel, in dem er sich mit ideologischen Schwächen der Universitätsarbeit auseinandersetzte. Dabei behauptete er ohne jede Spur einer sachlichen Begründung, dass Prof. Bloch aus dem Marxismus einen Hegelianismus mache und im übrigen auf dem Standpunkt stünde, dass die Philosophie die Sache von kleinen, ausgewählten Kreisen sei. Erst im November 1951 lernte Prof. Bloch den Genossen Hoffmann kennen.«351 Als Bloch dann mit Hoffmann über den Artikel sprach, habe dieser Harich als seinen »Informanten« angegeben. Harich hatte, um diese Angelegenheit zu klären, mehrere Briefe geschrieben. Gegenüber Fred Oelßner teilte er die eben zitierte Klage mit und stellte die Sache dann wie folgt richtig: »Als ich im Sommer 1949 mit Prof. Bloch bekannt wurde, hatte ich ihm bestimmte Popularisierungsmethoden (Benutzung graphischer Schemata usw.) aus ei nander ge setzt, die ich damals in meinen Vorlesungen über Geschichte der Philosophie 350 Harich: Hegel-Denkschrift (Bd. 5). Harich schrieb: »Diese Leistung (die Vorlesungstätigkeit, AH) wurde mit 10,– DM pro Stunde honoriert, niemals von irgendeiner Stelle der Partei beachtet, geschweige denn anerkannt, ja, nicht ein einziges Mal kontrolliert. Es war offensichtlich, dass die Themen und die Art ihrer Behandlung den verantwortlichen Genossen der Abteilung Propaganda völlig gleichgültig waren. Obwohl ich auf diese Vorlesung und die Wichtigkeit der da rin behandelten Themen mehrfach aufmerksam machte, wurde mir niemals auch nur die geringste Anleitung gegeben. Ich wurde niemals gefragt, wie ich zu den einzelnen behandelten Denkern stehe, welche ihrer Werke ich für wesentlich halte, wie ich die Vorlesung aufbaue usw. Weder Kritik noch Förderung wurde mir zuteil, und es blieb dem Belieben der Studenten überlassen, ob sie die Vorlesung hören wollten oder nicht.« (Ebd., S. 129.) Und dann weiter: »Die Diskussion in der Humboldt-Universität ist aber gar nicht ›diesbezüglich‹. Sie dreht sich nicht um den Artikel des Genossen Hoffmann, schon gar nicht um den ungerechten und unsauberen Angriff des Genossen Hoffmann auf Lukács, sondern um etwas ganz anderes: um meine Vorlesung über die Jugendentwicklung Hegels, die weder dem Genossen Hager, noch dem Genossen Hoffmann bekannt ist – da sie sich ja, wie gesagt, darum nie kümmern.« (Ebd., S. 141.) 351 Harich: Hegel-Denkschrift, in: Bd. 5, S. 218. 1741Ernst Bloch ausprobierte. Prof. Bloch hatte in seiner vehementen Art ausgerufen: ›Das ist Pädagogik, das ist die Pest! Damit züchten Sie Oberflächlichkeit! Damit erziehen Sie zu Readers-Digest-Halbbildung, aber nicht zu marxistischer Philosophie! Man muss den Studenten einen ordentlichen Brocken von Problemen vorsetzen usw.‹ Dieses Gespräch hatte ich damals, ohne mir irgend etwas besonderes dabei zu denken, als eine Art Anekdo te Genossen Hoffmann mitgeteilt, als zufällig in einer Unterhaltung die Rede auf Bloch kam, den er nicht kannte, und den ich ihm auf Grund des ersten Eindrucks charakterisieren wollte. Ich habe dabei auch bemerkt: ›Nach dem, was Bloch äußerte, scheint es in seinem Seminar etwas esoterisch zuzugehen.‹ Diese harmlose und harmlos gemeinte, rein private Äußerung von mir hat Genosse Hoffmann für einen Angriff auf Bloch im theoretischen Organ unserer Partei benutzt, ohne sich über die tatsächliche Lehrtätigkeit Blochs ernsthaft zu informieren und ohne auch nur ein einziges der größeren Werke Blochs (Geist der Utopie, Thomas Münzer usw.) zu kennen. Als ich selbst 1950 seinen diesbezüglichen Artikel las, kam ich nicht auf die Idee, dass er meine Äußerung als ›Information‹ (und zwar als einzige!) benutzt haben könnte. Erst jetzt ist mir das durch die Vorwürfe, die mir Prof. Bloch machte, bewusst geworden. Wenn Prof. Bloch nicht ein Mensch wäre, der seit Jahren und Jahrzehnten unserer Partei eng verbunden ist, hätte der Artikel des Genossen Hoffmann großen Schaden anrichten können.«352 Den Brief sendete Harich am 3. Februar 1952 ab. Am selben Tag schrieb er auch Ernst Hoffmann: »Ich habe mich sehr geärgert über Dich, als Professor Bloch mir kurz vor Weihnachten die bittersten Vorwürfe machte. Wie kannst Du eine zufällige, private Äußerung, die rein anekdotenhaften Charakter hat, zur Begründung eines Angriffs im theoretischen Organ unserer Partei machen, ohne die Angelegenheit überprüft zu haben, ohne Bloch zu kennen, ohne seine wesentlichen Werke gelesen zu haben, ohne mich davon in Kenntnis zu setzen? Ich muss auch sagen, dass das ein skandalöses, schmieriges, widerliches Verfahren ist. Mit den Begriffen, die ich von einer Arbeiterpartei habe, lässt es sich schlechterdings nicht vereinbaren!« Außerdem: »Es geht nicht, dass ein Mitarbeiter des ZK sich solche unglaublichen Dinge erlaubt, ohne einen Nasenstüber zu bekommen und über seine Schwächen nachdenken zu müssen.« Verbunden war dies mit dem Hinweis: »Schäm Dich!«353 352 Harich: Brief an Fred Oelßner vom 03. Februar 1952, in: Band 9, S. 157 f. 353 Harich: Brief an Ernst Hoffmann vom 03. Februar 1952, in: Band 9, S. 159 f. 1742 Teil XIV Anfang der fünfziger Jahre wurde der Kontakt zwischen Harich und Bloch dann enger und freundschaftlicher. Auch wegen der Hoffmann-Geschichte hatten die beiden sich ausgesprochen und so besser kennen gelernt. Einigkeit bestand mit Blick auf den gemeinsamen Gegner: Die theoretisch-philosophischen (und philosophiehistorischen) Vorgaben der SED und ihrer dogmatisch-philosophischen Zuträger. Die beiden wurden auch privat miteinander bekannt und begannen, sich gegenseitig zu schätzen und zu respektieren. Im Aufbau-Verlag übernahm Harich verschiedene Redaktions- und Lektoratsarbeiten für Bloch und war diesem zudem ein wichtiger Ansprechpartner in allen organisatorischen Fragen. Dies intensivierte sich 1952 bis 1954 noch einmal, da Harich ab diesem Zeitpunkt dem Lektorat Klassisches Erbe und Philosophie im Aufbau-Verlag vorstand (und zeitgleich Chefredakteur der Deutschen Zeitschrift für Philosophie war, siehe unten).354 * * * * * Im Zusammenhang mit dieser Tätigkeit verfasste Harich dann auch einige der offiziellen Gutachten zu Blochs Büchern, d. h. die Anträge für Druckgenehmigungen, die allesamt überaus positiv waren. Harichs Engagement wurde zu einem wichtigen Eckpfeiler der Blochschen Außendarstellung. Anders formuliert: Gegenüber den offiziellen Stellen strich Harich immer das Positive und Vorwärtsweisend-Marxistische an Blochs Denkweise heraus. Diese Dokumente fehlen in den bisherigen Quellensammlungen zu Bloch (auch in der von Jahn), es bietet sich an, einige Beispiele hier zu nennen. Im Sommer 1952 setzte sich Harich mit Blick auf die Programmplanung des Aufbau-Verlages dafür ein, dass vor dem Werk Geschichte des Begriffs Materie die mehrbändige Hoffnung gedruckt und damit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde. Erich Wendt hatte vorgeschlagen, zuerst die Geschichte des Begriffs Materie zu veröffentlichen. Man hoffte so, die Diskussion um die Stellung des Marxismus zu den modernen naturwissenschaftlichen Problemen zu befördern. Harich machte nach der Lektüre jedoch geltend, dass diese Ansicht nicht zutreffe, da Blochs Buch kaum auf diesen Themenkomplex eingehe. »Bei den Büchern von Ernst Bloch, die nach 1945 in Deutschland erschienen sind, handelt es sich um Interpretationen von Leistungen großer Denker der Vergangenheit (der Utopisten und Hegels). Bevor Prof. Bloch nun ein drittes Mal als Interpret hervortritt, diesmal als Verfasser eines philosophiegeschichtlichen Abrisses, sollte man zunächst einmal seiner eigenen philosophischen Leistung Gehör verschaffen, um zu vermeiden, dass sich ein durchaus unvollkommener und einseitiger Eindruck 354 Siehe: Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 183. 1743Ernst Bloch von seinem Lebenswerk festsetzt. Wer den Geist der Utopie nicht kennt, lernt das eigentliche philosophische Anliegen Blochs erst aus der Hoffnung kennen und verstehen. Eine bevorzugte Veröffentlichung der Hoffnung liegt aus diesem Grunde Interesse sowohl des Verfassers, als auch der Öffentlichkeit.«355 Welche Argumente machte Harich für die Hoffnung geltend? Thematisch habe das Buch weitaus mehr zu bieten als Die Geschichte des Begriffs Materie. »In der Hoffnung geht es um die Erhellung gesellschaftlicher Fragen, denen gerade in der gegenwärtigen deutschen Situation höchste aktuelle Bedeutung zukommt (…). Um es zugespitzt zu sagen: In der Hoffnung wird zum Beispiel – um nur einiges anzudeuten – mit den diversen Spielarten des modernen bürgerlichen Nihilismus, mit den verschiedenen Formen des an illusorische Hoffnungen anknüpfenden ideologischen Betrugs usw. abgerechnet, wird der Pazifismus einer tiefen und einleuchtenden Kritik unterzogen, wird ein unmissverständliches Bekenntnis zur Sow jet uni on abgelegt (…).« Schließlich sei die Hoffnung in sich stimmig und einheitlich. Die Eigenart des Blochschen Denkstils« passe dort zu der behandelten Materie, gehöre »gewissermaßen zur Sache«.356 Am 09. Februar 1953 reichte Harich dann das offizielle Gutachten zum Prinzip Hoffnung beim Amt für Literatur und Verlagswesen ein.357 Es bezog sich auf alle drei geplanten Teile, betraf zuvorderst speziell den ersten Band. »Es handelt sich bei diesem Werk, das sich sehr schwer mit wenigen Worten charakterisieren lässt, um eine Weltgeschichte des menschlichen Hoffens auf ein besseres Leben, dessen Zeugnisse in den Religionen, in der Geschichte der Philosophie, in Kunst, Literatur, Musik und Archi- 355 Harich: Brief an das Lektorat des Aufbau-Verlages, z. Hd. Gen. Max Schroeder, vom 26. August 1952, Abdr. in diesem Teil. Alle weiteren Zitate ebenfalls nach diesem Text. 356 »Blochs Denken bewegt sich an der Grenze zwischen Philosophie und poetischer Schau, steckt voller Weisheit, die sich in – oft genialen – Bildern, in dunkel orakelnder Aphoristik, dann wieder in aufblitzenden geistreichen Aperçus äußert. Das alles macht die Geschichte des Begriffs Materie auf weite Strecken zerfahren und verworren, gibt aber den tiefen psychologischen, moralischen und ästhetischen Einsichten der Hoffnung eine völlig legitime Prägung, die man sich zuweilen besser gar nicht vorstellen kann. Derselbe Denkstil, der etwa bei der Darlegung des Weltbildes des mechanischen Materialismus verschroben und unangemessen wirkt, bewährt sich glänzend, wenn es – wie in der Hoffnung – etwa darum geht, Abgründe in der Seele des Spießers bloßzulegen, die gesellschaftliche Funktion des Happy End im Hollywood-Film zu entlarven, in die utopischen Gehalte des deutschen Volksmärchens (Hänsel und Gretel, Tischlein deck dich) hinein zu leuchten oder den kahlen Funktionalismus in der modernen Architektur (Bauhausstil, Taut usw.) zu kritisieren.« 357 Harich: Gutachten über Ernst Bloch: Hoffnung vom 09. Februar 1953, Abdr. in diesem Teil. 1744 Teil XIV tektur, in den sozialistischen Utopien und in den Träumen von Technikern und Ärzten nachgewiesen werden. Das alles gipfelt in der Darstellung des Marxismus-Leninismus, der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Prinzip Hoffnung konkret realisierbar macht, indem er es mit der wissenschaftlichen Einsicht in die Entwicklungsgesetze von Natur und Gesellschaft verbindet und diese Einsicht zur entscheidenden Waffe des Proletariats macht.« Stichpunktartig kann zusammengefasst werden, welche positiven und progressiven Seiten des Werkes Harich betonte: • »Eines der bedeutendsten Werke des neuen, sozialistischen Humanismus und Optimismus.« • »Von sehr eigentümlichen, neuen, selten gesehenen Prämissen her, nämlich vom utopischen Gehalt der Religionen, philosophischen Systemen, technischen Träumen usw. ausgehend, dies alles vor einem weiten weltgeschichtlichen Rahmen, gelangt Bloch zu den Schlussfolgerungen des Marxismus-Leninismus, stellt er die sozialistische Sow jet uni on als die konkrete Erfüllung des Prinzips Hoffnung dar.« • Bloch arbeite sein Anliegen heraus im »Kampf einerseits gegen den Existenzialismus, vor allen Dingen Heidegger, andererseits gegen die Psychoanalyse«. • »Gleichzeitig wird das Prinzip Hoffnung dem der existenzialistischen Angst und Sorge gegenübergestellt und damit ein sozialistisch-optimistischer Anti-Existenzialismus entwickelt.« • Das Buch sei »speziell für die Überzeugung intellektueller Menschen geschrieben« und so »nicht jedermann zugänglich«. • Aber »als Waffe im Kampf um das Bewusstsein einer breiten, sozialistisch und politisch nicht unwichtigen Intellektuellenschicht ist es von großem Wert«. Im Lektorat des Aufbau-Verlages überprüfte Harich zudem auch die Inhalte von Blochs Büchern. Es ist beispielsweise ein interner Brief des Verlages von ihm überliefert, in dem er verschiedene Unklarheiten im Prinzip Hoffnung benannte.358 1954 stellte Harich die Druckgenehmigungen für Band zwei und drei des Prinzip Hoffnung. Am 28. Juni 358 Harich: Bemerkungen zu Blochs Prinzip Hoffnung, Abdr. in diesem Teil. Um zwei Beispiele zu erwähnen: 1) »Bloch beruft sich auf Engels und meint, dass dieser gesagt hat, ›Kunst sei Darstellung typischer Charaktere in typischen Situationen‹. Bei Engels heißt es aber nicht Kunst, sondern Realismus, dazu speziell im Hinblick auf die Literatur, nicht schlechthin der Kunst.« 2) »Das Kapitel Das Nicht im Ursprung, das Noch-Nicht in der Geschichte, das Nichts oder Alles am Ende beinhaltete die wohl gewagtes der philosophische Spekulation des ersten Bandes. Es ist mir unverständlich, was für einen Sinn und Zweck eine solche Erklärung von Nicht, Nichts, Nicht-Da, Nicht-Haben usw. haben soll.« 1745Ernst Bloch 1954 schrieb er dann an Karola Bloch und Gertrud Lukács zwei fast gleichlautende Briefe.359 Es ging darum, dass für beide im Aufbau-Verlag eine Festschrift erscheinen sollte, mit deren Vorbereitungen man im Verlag rechtzeitig beginnen müsse. Während die Lukács-Festschrift dann tatsächlich im Aufbau-Verlag erschien, wurde Blochs Jubiläumsgabe, herausgegeben von seinem großen Gegner und Feind Rugard Otto Gropp, im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, gedruckt. Der Aufbau-Verlag veröffentlichte statt dessen ein Auswahlbändchen mit Arbeiten Blochs. Das kleine Buch erschien unter dem Titel: Ernst Bloch: Wissen und Hoffen. Auszüge aus seinen Werken (1918–1955). Festgabe zum 70. Geburtstag von Ernst Bloch am 8. Juli 1955. Das entsprechende Druckgutachten Harichs datiert auf den 24. März 1955. »Der Aufbau-Verlag bereitet als Festgabe zum bevorstehenden 70. Geburtstag seines Autors Prof. Dr. Ernst Bloch, Direktor des philosophischen Instituts der Karl-Marx-Universität Leipzig, einen etwa 3 bis 4 Druckbogen umfassenden Band mit ausgewählten Stücken aus den Büchern Blochs vor, dem ein Glückwunsch des Verlages an den Jubilar vorangestellt werden soll. Der Band enthält besonders wertvolle und für das Schaffen des Verfassers bezeichnende Stellen aus den Büchern: Spuren, Geist der Utopie, Thomas Münzer als Theologe der Revolution, Erbschaft dieser Zeit, Subjekt-Objekt, Avicenna und die Aristotelische Linke und Das Prinzip Hoffnung sowie die Rede Blochs auf dem II. Nationalkongress der Nationalen Front des demokratischen Deutschland.«360 Um hier ein letzten Beispiel anzuführen: Am 28. Juni 1955 verfasste Harich das Gutachten für die von ihm zusammen mit Bloch geplante Aufsatzsammlung Politik und Bedeutung.361 Angedacht war eine Sammlung in drei Bänden, mit Aufsätzen und Artikeln aus dem zurückliegenden halben Jahrhundert. »Der erste Band soll die politischen Aufsätze, Artikel und Reden, der zweite Band Arbeiten über Literatur und Kunst sowie geographische Aufsätze, der dritte Band schließlich die gesammelten philosophischen Aufsätze, Vorworte, Artikel usw. des Verfassers enthalten.« 1956 sollte als Buch erscheinen der ersten Band: Politik und Bedeutung. Untertitel: Politische Aufsätze (1911–1955). 359 Harich: Brief an Karola Bloch vom 28. Juni 1954, Abdr. in diesem Teil. Harich: Brief an Gertrud Lukács vom 28. Juni 1954, Abdr. in Band 9, S. 276–279. 360 Harich: Gutachten über Bloch: Auszüge, vom 24. März 1955, Abdr. in diesem Teil. Die folgenden Zitate ebenfalls da. 361 Harich: Gutachten über Bloch: Politik und Bedeutung vom 28. Juni 1955, Abdr. in diesem Teil. 1746 Teil XIV Die Sammlung sei aus zwei Gründen von Bedeutung. Erstens gebe sie einen Überblick über die deutsche Geschichte »in der Beleuchtung eines militanten Humanisten und Demokraten, der seit 1918 ein leidenschaftlicher Bekenner des Sozialismus ist und konsequent für die Sache der Sow jet uni on und der Kommunistischen Partei Deutschlands eintritt«. Und zweitens zeige sie den Lesern in der DDR, dass Bloch nicht nur ein Philosoph sei, sondern auch ein »politischer Publizist von hohem Rang«. Es sollte also der ganze Bloch vorgestellt und präsentiert werden. Auch dies war, gerade 1955, ein ungemeiner »Wertzuwachs« für Bloch, der in diesem Jahr ja auf dem Höhepunkt seiner Anerkennung durch den Staat stand. Weiter heißt es bei Harich dann: »Der Band beginnt mit Anklagen gegen das wilhelminische Regime und das ihm dienstbare nationalistische Spießertum in Deutschland. Er bringt sodann großartige Entlarvungen der deutschen Militärkaste und ihrer Politik und Kriegsführung aus der Zeit des ersten imperialistischen Weltkrieges. Da ran schlie- ßen sich die Aufsätze an, in denen Bloch die deutsche Reaktion zur Zeit der Weimarer Republik bekämpfte. Den größten Anteil des Bandes machen diejenigen Artikel aus, die, in der Emigration entstanden, dem Kampf gegen Hitlerdeutschland gewidmet sind. Aus derselben Zeit stammen die hoch interessanten und für die Erziehung namentlich der Intelligenz äußerst bedeutsamen Aufsätze, in denen Bloch die Moskauer Prozesse der dreißiger Jahre gegen die Verleumdungen und Unterstellungen, mit denen dieser Vorgang in der liberalen und sozialdemokratischen Presse des Westens kommentiert wurde, verteidigt. Den Abschluss des Bandes bilden schließlich Artikel und politische Vorträge, in denen Bloch, nach seiner Heimkehr aus dem Exil im Jahre 1949, sein Bekenntnis zur Politik der Regierung der DDR begründet. Von besonderer aktueller Bedeutung ist hier vor allem der Aufsatz Deutsche Armee des Friedens, der sich polemisch mit den pazifistischen Strömungen in unserer Republik und mit der Verleumdung der Volkspolizei durch westliche Propagandisten auseinandersetzt.« Interessant ist sicherlich, dass in der DDR-Ausgabe jene Artikel zu Stalin und den Moskauer Prozessen, die in der West-Ausgabe dann fehlten, enthalten sein sollten – nach Absprache mit Bloch. * * * * * Mit Blick auf Harichs radikale Parteikritik zum Umgang der SED mit Hegel und der dabei geleisteten Verteidigung Blochs schrieb Jürgen Jahn: »Harichs Mut vor den Königsthronen ist um so bemerkenswerter, als er nie ein Hehl daraus gemacht hat, dass 1747Ernst Bloch er häufig im Widerstreit mit philosophischen Positionen Blochs stand und die persönliche Auseinandersetzung mit ihm nicht scheute. Aber solche gegensätzlichen Positionen führten damals nie zu Illoyalitäten oder billiger Gegnerschaft: Harich besaß eine hohe Meinung von der Denkleistung Blochs und dazu Fairness genug, dessen philosophische Anschauungen zu tolerieren. Diese Haltung praktizierte er auch in seiner Eigenschaft als Mitarbeiter des Aufbau-Verlags, für den er (…) als Außenlektor, Gutachter und Herausgeber tätig war.«362 Als Harich Anfang der siebziger Jahre an seiner Autobiographie arbeitete, nahm er zu Bloch kurz Stellung. Er gab zu Protokoll: »Ich bin auch kein Anhänger der Philosophie Blochs, die meisten ihrer Eigenwilligkeiten lehne ich als unmarxistisch ab, ihre Berührungspunkte mit meinen eigenen philosophischen Auffassungen sind sehr partieller Natur und eng begrenzt. Trotzdem habe ich mich mit Bloch verbündet (…). Wa rum? Weil Bloch großes Niveau hat, weil er herrlich schreiben kann, weil seine Problemstellungen aufregend interessant sind (wie fragwürdig seine Problemlösungen mitunter auch sein mögen), weil er ein Stück großer philosophischer Kultur verkörpert und die DDR in der Beziehung sonst nichts Ebenbürtiges aufzuweisen hatte.«363 Der wahrscheinliche Höhepunkt der Beziehung Harich-Bloch lässt sich zeitlich 1955 ansiedeln. Am 12. August des Jahres schrieb Bloch an Walter Janka: »Große Freude hat mir der Vorschlag einer 20bändigen Gesamtausgabe bereitet, den mir Harich übermittelte.«364 Die Idee zu diesem Projekt, das später der Suhrkamp-Verlag dann verwirklichte, hatten Bloch und Harich in enger Absprache entwickelt. Im Ahnenpass schrieb Harich rückblickend, dass er »als Lektor beim Aufbau-Verlag eine Gesamtausgabe (von Blochs) Werken angeregt und in Angriff genommen« habe.365 Im Nachlass Harichs finden sich verschiedene detaillierte Darstellungen und Auflistungen, die mit der späteren Suhrkamp-Ausgabe in Teilen identisch sind. (Wir kommen da rauf zurück.) Zuvor ist doch zumindest da ran zu erinnern, dass der Weg zur Bloch-Gesamtausgabe einige Nuancen hatte, die nicht unterschlagen werden sollten. 362 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 183. 363 Harich: Ahnenpass, S. 217 f. Jahn zitiert teile dieser Passage ebenfalls: Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 183. 364 Bloch: Brief an Walter Janka vom 12. August 1955, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 60. 365 Harich: Ahnenpass, S. 217. In Die Ereignisse aus meiner Sicht schrieb Harich 1993, dass Janka in das Vorhaben einbezogen war: »Bloch und Lukács durfte ich Gesamtausgaben ihrer Werke zusagen.« Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, S. 31. 1748 Teil XIV Denn ein gutes Stückweit ging die Idee auf Bloch selber zurück. Dieser hatte erfahren, dass Harich eine Gesamtausgabe für Georg Lukács konzipiert hatte. Als Bloch dies bekannt wurde, intervenierte er sofort bei Kurt Hager: Auch ihm stehe eine Gesamtausgabe zu. Und so erhielt Harich den Auftrag, tätig zu werden, von »oben«. In den Jahren in der DDR hatte Bloch immer überaus eifrig überwacht, welchen Stellenwert, quantitativer und qualitativer Art, der ungarische Philosoph im geistigen Leben der DDR hatte. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, von der noch die Rede sein wird, wurden beispielsweise durchaus die Seiten gezählt – also die Frage beantwortet, wer wie viel Druckplatz bekam. Seine aberwitzigste Blüte trieb diese Beäugungspolitik dann im Rahmen der Festschriften, die Bloch und Lukács 1955 zu ihrem jeweiligen Siebzigsten Geburtstag erhielten. Bloch hatte gegenüber Harich zuerst vermerkt, dass er keinen Beitrag für Lukács schreiben werde. Als er dann aber erfuhr, dass Lukács zu seinem Band einen Aufsatz beisteuern werde, sendete er immerhin dann doch einen kleinen Gruß. Der Beitrag kann hier zur Charakterisierung des Bloch-Typischen wiedergegeben werden: »Georg Lukács herzliche Wünsche zur weiteren glücklichen Heimbringung der Ernte. Es ist hier nicht der Ort, auf das mannigfach Trennende in den Anschauungen (Unbewegtheit oder konkrete Bewegtheit des Urteils, Theorie der Klassik und des Klassizismus, Horizont im Totum, Definition des Realismus und so fort) einzugehen. Wohl aber ist jetzt und hier der Ort, das Wort Bewunderung auszusprechen und Freude über eine so große und so oft erhellende literaturhistorische und ästhetische Leistung auszudrücken, mittels derer Generationen, im Aufbau der Vernunft, lernen und weiterforschen werden.«366 Lukács ließ sich übrigens auch nicht lumpen, um es salopp zu formulieren. Sein Beitrag für Bloch war das Mittelstück einer größeren Arbeit, deren erster und dritter Teil in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien.367 Für etwas anderes habe er keine Zeit. Am 9. Februar 1955368 schrieb Lukács Harich wegen der Bloch-Festschrift. Er habe dem Herausgeber des Bandes den ästhetisch-historischen Teil aus dem Aufsatz über das Besondere zugesagt, da er sonst nichts anderes liefern können und so »in der größten Verlegenheit Bloch gegenüber« wäre. Er bat daher Harich, das entsprechende 366 Bloch: Beitrag zur Festschrift zum Siebzigsten Geburtstag von Lukács, S. 10. 367 Lukács: Das ästhetische Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe, S. 201– 228. 368 Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich vom 09. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich. (Lukács-Archiv, Budapest.) 1749Ernst Bloch Manuskript an Herrn Koven vom Deutschen Verlag der Wissenschaften, wo die Festschrift erschien, zu übergeben. Harich hatte dieses Ansinnen zuvor offensichtlich gegenüber Koven mit der Begründung abgelehnt, dass auch dieser Teil in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erscheinen solle. Harich schrieb da raufhin Lukács: »Dass Sie da rauf bestehen, den ästhetisch-historischen Teil aus dem Aufsatz über das Besondere in der Festschrift für Ernst Bloch zu bringen, ist für die von ihm und mir herausgegebene Zeitschrift ziemlich bitter, aber Ihr Wunsch wird selbstverständlich respektiert werden.«369 Doch zurück zur Gesamtausgabe. Bereits am 16. März 1954 hatte Harich Bloch vorgeschlagen, dass der Verlag demnächst auch beginnen sollte, ältere Bücher Blochs nachzudrucken. Seit diesem Zeitpunkt diskutieren Bloch und Harich das Projekt. Harich hatte das Motto formuliert: »Bis zu Deinem 75. Geburtstag spätestens musst Du Dich als ein vielbändiger Klassiker entpuppt haben.«370 Die Marschrichtung war in diesem Sinn ausgegeben. »Tatsächlich bringt Harich im Folgejahr in Absprache mit Bloch das Projekt einer 20bändigen Ausgabe Gesammelte Werke zu Papier, deren Bände nicht nur nach Nummernfolge, sondern auch nach Ablieferungs- und Produktionsterminen aufgelistet werden. Er greift damit Editionspläne auf, die Bloch schon im Prager Exil, dann in den USA entworfen hatte. Nach den Vorstellungen Harichs sollte diese Ausgabe bis Ende 1961 erscheinen. Den Vorschlag, die Unabwägbarkeiten der Arbeit an unfertigen oder gar noch zu schreibenden Skripten gänzlich vernachlässigt und außerdem auf jede sachliche Begründung verzichtet, reicht Harich am 3. Oktober 1955 bei der Verlagsleitung ein.«371 Der Verlag wurde von diesem Vorschlag ein ganzes Stück weit überrollt. Zumindest erweckt Jankas folgender Brief den Eindruck, dass er nicht eingeweiht war.372 Am 369 Harich: Brief an Lukács vom 17. Februar 1955, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 370 Das Zitat nach dem Anmerkungsapparat bei: Jahn: Ich möchte etc., S. 160 f. Dort gibt es leider keine Quellennachweise oder Belege. 371 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 189 f. 372 Das widerspricht der bereits zitierten Erinnerung Harichs, bei dem Vorhaben Rückendeckung Jankas gehabt zu haben. Harich: Die Ereignisse aus meiner Sicht, S. 31. Für Harichs Sichtweise der Dinge bürgt jedoch ein Bericht des »GI Kurt«, der am 25. Januar 1957 an die Hauptabteilung V/1/II über ein Gespräch mit Bloch nach Harichs und Jankas Verhaftung mitteilte: »Prof. Bloch wird am 25. 1. zu Verhandlungen über eine Herausgabe seiner gesammelten Werke – ca. 20 Bände – in den Aufbau-Verlag kommen. Diese Ver- öffentlichung war ihm von Janka und Harich versprochen worden.« Gütling: Treff mit GI Kurt vom 25. Januar 1957, S. 113. 1750 Teil XIV 12. Oktober 1955 schrieb Walter Janka an Erich Wendt: »Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du uns Deine Meinung zu Harichs Vorschlag, eine Gesamt-Ausgabe der Arbeiten von Bloch zu veranstalten, mitteilen würdest. Der gute Wolfgang gibt sich mit einer ungewöhnlichen Leidenschaft dieser Sache hin. Ich selbst bin noch zu keinem Entschluss gekommen, weil ich glaube, dass es vorerst völlig genügt, weitere Einzelbände – so wie wir das auch bei Lukács gemacht haben – herauszubringen. Ich weiß auch nicht, ob man alles drucken muss, was Bloch geschrieben hat.«373 Erich Wendt antwortete fünf Tage später. Zuerst gab er zu bedenken, dass Harichs Gründe für das Projekt nicht ausreichend seien. Man müsse genau überlegen, ob das Werk tatsächlich passe – also zum Aufbau-Verlag, zum Marxismus und zur DDR. Harich jedoch gebe nur äußerliche Anlässe an, »wie Nationalpreis, Verdienstorden«.374 Nach den bisherigen Querelen um Blochs Texte (vor allem war damit natürlich das Hegel-Buch gemeint) sei der Verlag verpflichtet, jedes einzelne Werk genauestens zu begutachten und zu prüfen. Hinzu trete ein weiteres Problem: »Mit 20 großen Bänden hätte Bloch beim Verlag die größte Gesamtausgabe (Gorki übertrifft nur die Bandzahl). Ihr würdet Euch als Bloch-Verlag deklarieren. Die Bloch-Ausgabe wäre zugleich die größte philosophische Ausgabe der DDR. Das hieße: Ernst Bloch = Haupt- und Staatsphi lo soph.«375 Es ging also auch um die Frage, wie viel Bloch die DDR vertrage. Und da war die Entscheidung der SED eindeutig. Ein bis zwei Bände pro Jahr sollten es sein – so wie im Falle Blochs bisher gehandhabt und so wie auch im Falle Lukács’ praktiziert. Die DDR weigerte sich, einem einzelnen (und noch dazu von der offiziellen Linie abweichenden) Genossen Philosophen ein Denkmal zu setzen in Form einer umfassenden Gesamtausgabe. Der Brief war einzig für Janka bestimmt, d. h. im Prinzip handelte es sich bereits um die Entscheidung in dieser Angelegenheit.376 Diese 373 Janka: Brief an Erich Wendt vom 12. Oktober 1955, S. 101. 374 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 101. Dort weiter: »Die Sache muss vom Werk her entschieden werden. Harich aber gibt nur Orden und Titel (Büchertitel) zur Begründung. Er kennt das ganze Werk nicht, aber entscheidet sich. Der Verlag müsste aber in jedem einzelnen Fall wissen, was er herausgibt, das ist das Mindeste.« (Ebd., S. 101.) 375 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 102. Wendt war sich nicht zu schade, für diese politische Entscheidung auch praktische Gründe anzugeben. So würde etwa die Arbeitszeit von Harich durch ein solches Projekt über Gebühr gebunden. Andere »wichtige Dinge, die dem Verlag (und der Literatur der DDR) Reichtum und Vielfalt geben« blieben auf der Strecke. (Ebd., S. 101.) 376 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 102. Dem entsprach dann der handschriftliche Zusatz Wendts: »Ein wenig in Eile. Deshalb ist vielleicht der Ton etwas 1751Ernst Bloch hatte Wendt mit der SED koordiniert: »Ich habe mit einem Genossen gesprochen, dessen Meinung in diesen Dingen von Bedeutung ist. Er sprach sich sofort für den bisherigen Modus aus.«377 Ob es sich dabei um Kurt Hager handelte, lässt sich nicht genau sagen. Aber die zentrale Aussage des Briefes war klar: Nein zu einer Gesamtausgabe der Werke Blochs. Für Hager wäre damit ein durchaus typisches Verhaltensmuster ausgemacht und an diesem Beispiel konkret aufgezeigt: Gegenüber Bloch, den er durchaus schätzte und achtete, sagte er Sachen zu, die er dann für die SED, versteckt hinter dem Schreibtisch, wieder zurücknahm. (Ähnlich verhielt er sich dann in den achtziger Jahren in der Nietzsche-Debatte gegenüber Harich erneut.) Gleichzeitig sprach sich Wendt dafür aus, Bloch auf die Linie des Verlages (die ja eigentlich eine Entscheidung der SED war) zu verpflichten. Schließlich habe der Aufbau-Verlag Bloch auch gegen die Partei den Rücken gestärkt. »Ich habe es stets als Parteipflicht betrachtet, solche Fragen mit dem Autor möglichst ohne Berufung auf Partei oder Staat auszutragen, nur mit ›Verlagsargumenten‹. Auch jetzt würde ich das tun. Einige Verleger mit weniger Erfahrung haben sich manchmal hinter Partei und Staat versteckt, um die Ablehnung eines Buches zu begründen. Einige überaus eifrige Kritiker (Magritz und z. T. Girnus) haben bei partiellen Meinungsverschiedenheiten die prinzipielle Unvereinbarkeit des Standpunkts des betr. Künstlers mit Partei und Staat deklariert.«378 Die Folge dieses Vorgehens seien zumeist unvermeidbare Konflikte zwischen Künstler und Staat gewesen. Dies solle im Fall Bloch unbedingt vermieden werden. Die derart getätigte letzte Aufforderung an Janka verband Wendt mit einer Kritik an Harich: »Das verlangt aber auch im Verlag (von Schroeder und Harich) volle Solidarität, keine voreiligen ›persönlichen‹ Meinungsäußerungen etc. Darüber solltest Du mit beiden sprechen.«379 Harich, so die zentrale Aussage, schade der Partei, wenn er Bloch Versprechungen mache, die die SED nicht einlösen könne. Das sei in Zukunft zu unterbinden. (Eine abwegige Position, wenn man Hagers frühere Rolle, d. h. sein ursprüngliches »ok«, bedenkt.) Walter Jankas Antwort zeigt, dass er Wendt verstanden hatte. Die Kritik an Harich und Max lapidar und kategorisch. Natürlich ist das nicht wörtlich gemeint.« 377 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 102. 378 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 102. 379 Wendt: Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, S. 102. 1752 Teil XIV Schroeder »teile ich uneingeschränkt«.380 Zudem unterwarf er sich vollständig den Bestimmungen der Partei: »Du hast präzise formuliert, was ich selber dazu zu sagen hätte, allerdings mit dem Unterschied, dass Du gleich zu klaren Entschlüssen gekommen bist, ich hingegen noch Zweifel hatte.«381 Vor dieser Entscheidung planten Bloch und Harich im Sommer die Gesamtausgabe sowohl in persönlichen Gesprächen als auch im brieflichen Austausch. Bloch hatte offensichtlich am 15. Juli verschiedene Änderungen des bisherigen Plans vorgeschlagen. Einiges akzeptierte Harich, machte aber vor allem grundsätzliche Bedenken geltend. »Den wesentlichen Mangel Deiner Vorschläge sehe ich da rin, dass in ihnen die Frage der Reihenfolge des Erscheinens, die in meinem ursprünglichen Plan eingehend berücksichtigt worden war, nicht sachgerecht und den bestehenden Möglichkeiten entsprechend ins Auge gefasst wird. So enthält Deine Liste bei neuen Bänden (!) die Jahreszahl 1957 und bei je zwei Bänden die Jahreszahlen 1956, 1958 und 1959. Durch eine solche Terminierung würde, wenn Du ernstlich da ran festhalten wolltest, das ganze Projekt für uns undurchführbar werden.«382 In der Tat war dies, nicht zuletzt wegen der Blochschen Arbeitsweise (vor allem permanente Änderungen noch in den Andrucken usw.), ein fast schon aberwitziger Vorschlag. Ganz abgesehen von den Möglichkeiten und Kapazitäten des Verlages, auf die Harich hinwies. Daneben machte Harich weitere Einwände geltend und präzisierte schließlich am 1. Juli 1955 den Plan für die Gesamtausgabe (mit Blick auf die Reihenfolge des Erscheinens, auf die Termine für Lieferung der druckfertigen Manuskripte). Die entsprechenden Pläne kommen in diesem Teil zum Abdruck. * * * * * Neben den Kontakten über den Aufbau-Verlag arbeiteten Harich und Bloch auch an einem weiteren, überaus prominenten Projekt einige Jahre zusammen. Gemeinsam mit Arthur Baumgarten und Karl Schröter gaben sie seit 1953 die Deutsche Zeitschrift für Philosophie heraus. Eindeutig bestimmen lässt sich, dass Harich den Hauptteil der Arbeit erledigte und Bloch die Zeitschrift vor allem als philosophische Plattform nutzte. Beide sahen aber die gewaltige Chance, die sich ihnen bot. Die Seiten der Zeitschrift 380 Janka: Brief an Erich Wendt vom 20. Oktober 1955, S. 103. 381 Janka: Brief an Erich Wendt vom 20. Oktober 1955, S. 103. 382 Harich: Brief an Bloch vom 18. Juli 1955, Abdr. in diesem Teil. 1753Ernst Bloch wollten und konnten sie nutzen, um die aktuellen philosophischen Debatten der DDR zu steuern. Das ergab sich bereits dadurch, dass der Beschluss zur Gründung der Zeitschrift eng mit der Logik-Debatte verbunden war. Nachdem 1951 die Logik-Konferenz in Jena stattgefunden hatte und dort äußerst kontrovers diskutiert worden war, empfahl Kurt Hager die Fortsetzung der Diskussion. Das geschah zuerst in der Einheit, dem offiziellen theoretischen Organ der SED. Später wurde die Debatte dann in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie geführt. Noch vor dem ersten regulären Heft erschien als Sonderheft der Tagungsband der Jenaer Konferenz.383 Während Harich in der Logik-Debatte einer der führenden Köpfe der fortschrittlichen Intelligenz war, hielt sich Bloch zurück. Auf der Konferenz hatte er nach dem Vortrag von Georg Klaus ein kurzes Statement abgegeben, das allerdings in sich völlig inkonsistent war, und zudem noch einige Anmerkungen zur Ehrung von Hegels 120. Todestag gemacht – Harich hatte dies über Kurt Hager eingefädelt.384 Ansonsten bezog Bloch aber keine Position. Harich hingegen stellte sich, zusammen mit Georg Klaus, gegen die parteioffizielle Meinung, die Ernst Hoffmann vertrat.385 Zusammen mit anderen Wissenschaftlern gelang es ihnen, ihre Meinung durchzusetzen. Es war einer der wenigen Fälle, in denen sich die Intellektuellen der DDR gegen die SED behaupten konnten.386 Für Harich war seine explizit gegen Ernst Hoffmann gerichtete Stellungnahme in der Logik-Debatte die Eintrittskarte in das Gründungsgremium der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Kurt Hager sah ein Herausgeberkollegium vor, dass neben Harich und Bloch zwei weitere Personen umfassen sollte: Arthur Baumgarten und Walter Hollitscher. Harich schrieb dazu: »Hollitschers Aufnahme in das Herausgeberkollegium wird von Bloch und mir mit der Begründung abgelehnt, dass Hollitscher (…) ein Dilettant sei, 383 Bloch und Harich (der die meiste Arbeit leistete) waren die verantwortlichen Redakteure. Bloch/Harich: Protokoll der philosophischen Konferenz über Fragen der Logik am 17. und 18. November 1951 in Jena. 384 Siehe: Harich: Hegel-Denkschrift, S. 199. Von Bloch der Beitrag: Bloch: Diskussionsbeitrag, S. 71–72. Kurt Hager dankte in seinem Schlusswort auf der Konferenz Bloch für dessen Hegel-Erinnerung. Hager: Schlusswort, S. 127–129. 385 Von Harich stammen die Beiträge: Harich: Über einige Probleme der Logik, in: Band 2, S. 91–128. Harich: Beitrag zur Logik-Debatte, in: Band 2, S. 129–168. 386 Aufgearbeitet bei: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951– 1958, S. 577–592. 1754 Teil XIV mit dem gemeinsam eine Zeitschrift herauszugeben uns nicht zugemutet werden könne.«387 Hollitscher wurde dann durch Karl Schröter ersetzt – auf Initiative von Baumgarten, Bloch und Harich. An Kurt Hager schrieb Harich am 30. Oktober 1952: »Schröter erklärte, dass er vollständig damit einverstanden sei, dass die Zeitschrift einen im Wesentlichen marxistischen Charakter habe. Mit den von Ernst Hoffmann aufgestellten programmatischen Punkten für die Arbeit der Redaktion war er ebenfalls einverstanden.«388 Am 11. November war der Entschluss dann gefallen, Harich schrieb an Horst Eckert, Abt. Propaganda beim ZK der SED, Hochschulreferat: »Nach unserem Gespräch habe ich Herrn Prof. Dr. Karl Schröter mitgeteilt, dass Herausgeber und Redaktion seine Mitarbeit als vierter Herausgeber der Zeitschrift begrüßen würden, und dass seiner Aufnahme ins Herausgeber-Kollegium nun nichts mehr im Wege stünde. Gleichzeitig habe ich ihn gebeten, den Fragebogen des Verlages auszufüllen und seine wissenschaftliche Biographie einzureichen. Prof. Schröter hat diese Nachricht mit außerordentlicher Freude begrüßt. Als Herausgeber der Zeitschrift zeichnen nunmehr: Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Karl Schröter. Redaktionssekretär: Klaus Schrickel.«389 Außerdem schrieb Harich, dass die Herausgeber eine Änderung des Zeitschriftentitels wünschen würden: »Prof. Baumgarten, Prof. Bloch und ich waren übereingekommen, den Titel der Zeitschrift zu ändern. Der Titel Deutsche Zeitschrift für philosophische Wissenschaft ist uns zu schwerfällig, zu prätentiös und – wie die Entwürfe des Umschlags und des Titelblatts zeigten – typografisch kaum zu bewältigen, abgesehen davon, dass das Wort ›philosophische Wissenschaft‹ unsinnig ist. Unser neuer Vorschlag lautete: 387 Harich: Ahnenpass, S. 193. Hollitscher war der Direktor des Philosophie-Instituts an der HU und ein Mann der Partei im wahrsten Sinne des Wortes. Harich und Bloch gingen mit ihrer Verneinung seiner Aufnahme ein hohes Risiko ein, nicht zuletzt, da Hollitscher von Hager sicherlich als »Aufpasser« eingeplant war. 388 Harich: Brief an Kurt Hager vom 30. Oktober 1952, 2 Blatt, maschinenschriftlich. (Abdr. in diesem Teil.) Dort weiter: »Wenn Schröters Name unter den Herausgebern zu finden ist, so wird das ohne Zweifel dem Renommee der Zeitschrift der nützlich sein. Bloch, Schrickel und ich sind uns da rin einig, dass Schröters Beteiligung an der Herausgeberschaft für die Zeitschrift ein großer Gewinn wäre. Nachdem wir die Angelegenheit kollektiv gesprochen hatten, fassten wir den Beschluss, Dir dies als Vorschlag zu unterbreiten.« 389 Harich: Brief an Horst Eckert vom 11. November 1952, 2 Blatt, maschinenschriftlich. (Abdr. in diesem Teil.) Am selben Tag informierte Harich auch noch einmal Kurt Hager, Ernst Bloch und Arthur Baumgarten. 1755Ernst Bloch Zeitschrift für Philosophie. Wahlweise wurde von Prof. Bloch auch noch Deutsche Zeitschrift für Philosophie vorgeschlagen. Genosse Schrickel und ich sind nun in einer Unterredung überein gekommen, dass der Titel Deutsche Zeitschrift für Philosophie am besten wäre. Prof. Baumgarten und Prof. Schröter sind mit diesem Titel ebenfalls einverstanden, das Einverständnis von Prof. Bloch kann vorausgesetzt werden, da eben dies sein eigener Alternativvorschlag war. Ich darf Dir also den entschiedenen Wunsch der Herausgeber und des Redaktionssekretärs mitteilen, die Zeitschrift von der ersten Nummer an in Deutsche Zeitschrift für Philosophie umzubenennen.«390 Das Herausgebergremium entschied sich dann für Harich als Chefredakteur.391 »Hager akzeptiert die Wahl und muss sie akzeptieren, weil ich der einzige SED-Mann in dem vierköpfigen Gremium bin (Bloch und Schröter sind parteilos, Baumgarten gehört der Schweizer Partei an) und weil ihm das Argument meiner Redakteurserfahrung einleuchtet. Um aber mich in Schach halten zu können, besteht er da rauf, dass es unter mir noch einen Redaktiossekretär geben soll, und diesen Posten besetzt er mit Klaus Schrickel, einen Intimus Ernst Hoffmanns.«392 Für einige Jahre gelang es Harich und mit ihm Bloch und Lukács, die Zeitschrift in ihrem Sinne zu führen. Die Querelen mit der SED waren vorprogrammiert. Und tatsächlich kam es schnell zu ersten kritischen Äußerungen, die Umstrukturierungen der Zeitschrift nach sich zogen. Doch diese Geschichte ist an anderer Stelle zu erzählen. Hier reicht die Konstatierung der Tatsache, dass sich Harich und Bloch in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre miteinander arrangiert hatten. Im Ahnenpass äußerte sich Harich zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie und zur Zusammenarbeit mit Bloch 390 Harich: Brief an Horst Eckert vom 11. November 1952. (Abdr. in diesem Teil.) 391 »Auf der konstituierenden Sitzung des Kollegiums wählen dann Baumgarten, Bloch und Schröter mich zum Chefredakteur, mit der Begründung, ihnen liege die Redaktionsarbeit nicht, in der ich mir bei der Täglichen Rundschau und der Neuen Welt bereits Meriten erworben habe.« Harich: Ahnenpass, S. 193 f. 392 Harich: Ahnenpass, S. 194. Dort weiter: »Wegen der Subalternität dieser Funktion können die Herausgeber gegen Schrickel – einen reinen Karrieristen, der dem Parteiapparat jeden Wunsch von den Lippen abliest, ein moralisch übles Subjekt überdies, das später, aus Furcht vor der Aufdeckung ausgesprochen krimineller Delikte in den Westen fliehen wird – das Dilettantismus-Argument nicht geltend machen.« Schrickel gehörte neben Hoffmann und Hollitscher zu den Gegnern Harichs. Harich und Bloch gelang es später, ihn aus der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zu entfernen. Harich sprach davon, »drei einflussreiche Feinde« gehabt zu haben: Hollitscher, Schrickel und Ernst Hoffmann. Sie »rotten sich gegen mich zusammen«. Harich: Ahnenpass, S. 194. Siehe die entsprechenden Texte und Verweise dieses Bandes. 1756 Teil XIV wie folgt: »Jetzt verband uns aber zweierlei. Erstens waren wir in der Hegel-Frage einig, zweitens waren wir beide der Meinung, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie darf nicht so subaltern werden, sondern muss eine für die philosophisch interessierte Intelligenz im ganzen deutschen Sprachraum lesbare Zeitschrift sein.393 Er war ja ungeheuer produktiv, in jedem Heft war ein Beitrag von ihm. Ich sage: Ja, aber dann auch in jedem Heft ein Beitrag von Lukács. Das wollte er wieder nicht. Er meinte, Lukács vertrete die Meinung solcher Idioten wie Hager, nur auf intellektuell glanzvolle Weise, weil er aus dem anständigen Bürgertum käme.«394 Mit seiner Charakterisierung Lukács’ hatte Bloch, gerade wenn man die ganzen Parteischriften des ungarischen Philosophen berücksichtigt, die zwischen 1945 und 1956 erschienen waren, wahrscheinlich gar nicht mal so unrecht. Harich freilich ging einen anderen Weg. An Lukács schrieb er am 5. September 1952: »Im Namen der Herausgeber (also auch in meinem eigenen) möchte ich Sie herzlichst dazu auffordern, uns regelmäßig Beiträge zu schicken. Ein echter Lukács pro Nummer wäre uns hochwillkommen.«395 Der Wunsch ging in Erfüllung, bis Ende 1956 war Lukács in fast jedem Heft vertreten. Weiter hatte Harich geschrieben (wir geben die Passage hier wieder, da sie für das Thema von Interesse ist: »Beachten Sie bitte, dass a) angesichts des ständigen Hinsterbens philosophischer Zeitschriften in Westdeutschland mit Interesse und Aufnahmebereitschaft auch bei der bürgerlichen Intelligenz zu rechnen ist, und dass b) bei uns in der DDR auf dem Gebiet der Philosophie außer dem dunkel aphoristischen Bloch fast nur noch märkischer Sand existiert, der entweder von sektiererischen Genossen à la Schrickel oder von halbwegs loyal gestimmten bürgerlichen Professoren minderer Güte produziert wird. Ihre Mitarbeit ist also dringend von Nöten. Erwünscht ist alles, was nicht ausschließlich literarhistorischen Charakter hat.«396 393 Analog hatte sich Harich in seinen Briefen an Georg Lukács geäußert. »Die Linie: In der Grundtendenz und der Mehrzahl der Beiträge marxistisch, aber unter Mitarbeit bürgerlicher Philosophen, sofern ihr Schaffen humanistisch-progressive und rationale Tendenzen aufweist resp. naturwissenschaftlich-materialistisch orientiert ist. Verbreitungsgebiet: Gesamtdeutschland.« Harich: Brief an Lukács vom 05. September 1952, in: Band 9, S. 176. Und am 19. Mai 1954 fragte er: »Wie finden Sie denn die philosophischen Zeitschrift? Ich finde: Es lässt sich sicher viel dagegen sagen, aber sie hat einen Vorzug: Dass sie für eine einigermaßen anspruchsvolle philosophisch interessierte Intelligenz genießbar und interessant ist, und das ist doch schon etwas.« Harich: Brief an Lukács vom 19. Mai 1954, in: Band 9, S. 273. 394 Harich: Ahnenpass, S. 323. 395 Harich: Brief an Georg Lukács vom 05. September 1952, in: Band 9, S. 176. 396 Harich: Brief an Georg Lukács vom 05. September 1952, in: Band 9, S. 176. 1757Ernst Bloch * * * * * Es wurde bereits erwähnt, dass Bloch 1955 den Höhepunkt seines Wirkens in der DDR erreicht hatte. Auf die Festschrift zu seinen Ehren und anderes Anerkennendes (da runter der Nationalpreis) wurde bereits verwiesen. Harich veröffentlichte in der Zeitung Sonntag am 10. Juli den Geburtstags-Aufsatz Optimismus ohne Illusion. Er schrieb, dass das Schaffen Blochs seinen Zeitgenossen bisher erst in Ansätzen zugänglich sei. Das Exil, die Notwendigkeit, als linker Denker in einer kapitalistischen Welt agieren zu müssen, hätten die Publikation der Blochschen Werke behindert. Nicht zuletzt, da dieser echte, »harte«, komplizierte Philosophie liefere. Hinzu komme, dass Bloch immer wieder seine Werke überarbeite, ändere, nie stillstehen, gar abschließen könne.397 Aber das, was die sozialistische Gesellschaft bereits von ihm kenne und besitze, zeige deutlich den Kern seines Denkens: »Im Zentrum seines Schaffens steht, unter immer neuen Aspekten sichtbar gemacht, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Zukunft.« Sein »Hauptverdienst« sei da rin zu sehen da rin, dass er seinen Lesern das Faszinierende, die Reichtümer und die Tiefen der guten Zuversicht bewusst gemacht hat«. Bloch habe Optimismus, Hoffnung, Zuversicht in einer Zeit gelehrt und philosophisch umrissen, als politisch und wissenschaftlich die Zeichen auf Untergang standen – von Hitler bis Heidegger. Blochs Werk »will zeigen, dass die moderne Inflation düsterer Aussichten, dass die Exzesse zuchtloser Selbstquälerei und pseudoheroisch maskierter Verzweiflung lauter falsches Bewusstsein sind, dem mit kräftiger Antithese zu begegnen ist. (…) Und dieser Optimismus ohne Illusion – es ist der der Kommunisten – erweist gerade die Verzweiflungsphilosophien als seicht und, was viel schwerer wiegt, als Konservierungsmittel des Zustandes, dem die Verzweiflung gilt.«398 Vieles von dem, was Bloch formuliere, klinge nicht gerade wissenschaftlich, erscheine innerhalb des dialektischen Materialismus »fast wie ein poetischer Fremdkörper«. Aber seine Verteidigung des Optimismus und der Hoffnung sei marxistisch, könne »auf 397 Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. Dort weiter: »Noch etlicher Jahre also wird es bedürfen, ehe alle drei Bände des Prinzip Hoffnung, ehe Hauptwerke wie Prozessfront und Materie, Naturrecht und Sozialismus, Geschichte des Begriffs Materie, ehe die vierbändige Sammlung der Aufsätze zur Politik, Literatur, Philosophie und Geographie, gar dass Blochsche System der Philosophie, seine Leipziger philosophiehistorischen Vorlesungen und manches andere mehr in Buchform vorliegen werden, ganz zu schweigen von den längst fälligen Neuausgaben der bei aller Problematik hochbedeutenden älteren Werkes die – vom Geist der Utopie (1918) bis zur Erbschaft dieser Zeit (Schweiz, 1935) nur in kleinen Auflagen erschienen – heute kaum noch aufzutreiben sind.« 398 Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. 1758 Teil XIV exakt marxistische Weise wiedergegeben werden«. Im Prinzip sei sein Aufruf zur Bejahung der Phantasie eine Art Ausschmückung der Konsequenzen, die sich aus dem Marxismus ziehen ließen.399 Er deute also nach vorn, beschreibe die Zukunft als sozialistisches Ziel. Dennoch würden Bloch Vorbehalte entgegengebracht. Es gäbe Theoretiker, die zwar den humanistischen Gehalt seines Denkens nicht bestreiten, aber dennoch dessen direkte Zugehörigkeit zum Marxismus verneinen würden. Die Frage sei also, ob Blochs Schriften zur Weiterentwicklung des Marxismus einen Beitrag leisten oder nicht. 1955 bejahte Harich diese Frage und machte zwei Punkte geltend. 1) Bloch versuche, seine Hoffnungsphilosophie philosophisch zu fundieren – »und zwar mit seiner Theorie des antizipierenden Bewusstseins«.400 2) Zudem machte Harich Blochs Arbeit am kulturellen und philosophischen Erbe als marxistische Leistung geltend: »Denn wenn die Antizipation – und mit ihr das Wünschen und Hoffen – ein allgemeinmenschliches Charakteristikum ist, dann muss sie auch zu jeder Zeit – wenn auch inhaltlich jeweils anders geartete – Projekte hervorgetrieben haben, die die gegebene Wirklichkeit überholen, und es entsteht nun die Frage, ob denn die mannigfaltigen Wunschbilder, die dabei im Spiel gewesen sind und die sich an der ganzen Breite der Kulturleistung aller 399 »Sein eigentliches Anliegen ist die Pointierung, auch die Ausfabelung derjenigen Schlussfolgerungen der marxistischen Gesellschaftsanalyse, die den alten Traum vom besseren Leben wieder aufleben lassen und so den Menschen, die in Hoffnungslosigkeit zu versinken drohen, in die Phantasie greifen müssen. Das aber ist ein Hauptkettenglied des Kampfes gegen die ganze philosophische Reaktion unserer Zeit und gegen die nihilistischen Stimmungen, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Und es wäre eine gründliche Verkennung der Situation, zu behaupten, dass Bloch nicht an der vordersten Front dieses Kampfes stünde, dass sein Philosophieren abwegig sei.« Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. 400 »Er weist hier in einer Reihe tiefschürfende Untersuchungen nach, dass ein Vorbewusstsein des Kommenden, das mit dämmernden Ahnungen einsetzt, äußerst betrügbar und irrtumsfähig ist, aber sich prinzipiell bis zur Höhe exakter wissenschaftlicher Voraussage und praktisch eingriffsmächtiger Erkenntnis des Geschichts- und Naturprozesses erheben kann, zum Wesen des Menschen gehört, und er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer neuen Anthropologie. Das ist ein echter Ansatz zur Konkretisierung des dialektischen Materialismus auf einem noch wenig beachteten Gebiet. Und um zu sehen, dass die Klärung der hier entstehenden Probleme hoch an der Zeit ist, braucht man nur da ran zu denken, dass von einer Grundlegung der Ethik, der Psychologie, der Theorie des ästhetischen Empfindens usw. ohne solche anthropologischen Überlegungen gar keine Rede sein kann.« Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. 1759Ernst Bloch Völker und Zeiten ablesen lassen, immer nichts weiter als falsch gewesen sein müssen. Bloch verneint das sehr entschieden.«401 Diese Bejahung des Erbes, vor allem aber die »Erweiterung und Bereicherung des Erbe-Begriffs als solchem« sei ein großer Gewinn, eine Weiterentwicklung des Marxismus gegen die engstirnigen Dogmatiker und Sektierer. Dies war den Lesern des Artikel klar, es musste nicht deutlich benannt werden: »Weite des historischen Horizonts, Reichtum der kritisch angeeigneten Bildungswerte, großzügiges Verhalten zu allen progressiven Leistungen von nationalem und internationalem Rang, Aufgeschlossenheit für die echten Problemgehalte, die in fern zurückliegenden und scheinbar fremden Gedankensystemen verborgen sein mögen, das ist es, was den jungen Kadern der marxistischen Philosophie in unserer Republik not tut und worin sie sich Ernst Bloch zum Vorbild nehmen sollten.«402 Harich betonte und positivierte eben jene grundlegenden Elemente des Blochschen Schaffens, die er später, in den siebziger und achtziger Jahren, selber kritisierte: »Jeder, der eines der Bücher dieses Mannes gelesen hat, wird bei allen kritischen Vorbehalten, die er anmerken zu müssen glaubt, nicht umhin können, die erregende Lebendigkeit des Blochschen Denkens zu bewundern und sich an der Vielseitigkeit eines geistigen Interesses zu erfreuen, dem Jahrmarkt und Kolportage, Tanz und Film, Hebels Schatzkästlein, Karl May und was auch immer so wenig fremd geblieben sind wie Francis Bacon oder Meister Eckhart.«403 1955, als diese Zeilen geschrieben wurden, waren sie wichtige und notwendige Außendarstellung. Sie zeigten, all die philosophischen Debatten im Hintergrund reflektierend, dass die Intellektuellen der DDR sich nach wie vor die Kraft zutrauten, ihre Positionen und Theorien auch gegen die Partei geltend zu machen, den Marxismus in ihrem Sinne weiter zu entwickeln, ihn als Philosophie zu begreifen und als solche gleichzeitig zu einem vollständigen, umfassenden System auszubauen. Zudem begannen Harich und Bloch in dieser Zeit die Arbeit an der Gesamtausgabe insofern zu forcieren, als sie mit der Herausgabe älterer Bücher Blochs begannen. Am 401 Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. »Diese Stellungnahme entspricht vollständig der Leninschen Lehre, wonach die Relativität eines historisch vergänglichen Erkenntnisstadiums nicht dessen Näherungswerte aufhebt, also auch nicht die Frage nach seinem objektiven Wahrheitsgehalt erübrigt.« 402 Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. 403 Harich: Optimismus ohne Illusion, Abdr. in diesem Teil. 1760 Teil XIV 03. Oktober sendete Harich das Gutachten über Thomas Münzer als Theologe der Revolution an das Amt für Literatur und Verlagswesen. »Das Buch, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum revolutionären Erbe des großen Führers des deutschen Bauernkrieges darstellt und eine sehr tiefe Analyse seiner Ideenwelt gibt, verdient es unbedingt, den Lesern in unserer Republik zugänglich gemacht zu werden.«404 Aber die Angelegenheit verzögerte sich. Hanna Köditz hatte in ihrem Gutachten vom 30. November 1955 zwar grundsätzlich den Neudruck befürwortet, aber verschiedene Einwände geltend gemacht. Harich schrieb in einer Hausmitteilung des Aufbau-Verlages am 15. Juni 1956: »Prof. Bloch hat das Gutachten inzwischen zur Kenntnis genommen und sich damit in den wesentlichen Punkten nicht einverstanden erklären können. Abgesehen von einigen ganz geringfügigen Änderungen im Text, die er selbst vorgenommen hat, besteht er auf unverändertem Neudruck, ist jedoch bereit, während des Herstellungsprozesses ein neues Nachwort bzw. Vorwort zu liefern, mit dem wir aber erst werden rechnen können, wenn die Fahnen vollständig vorliegen. In diesem Nachwort bzw. Vorwort wird er unter anderem der Aufnahme, die das Buch bei der Gutachterin Köditz gefunden hat, in geeigneter Weise Rechnung tragen.«405 Trotz aller Preise und Auszeichnungen – Blochs Probleme hatten sich nicht verändert. Noch immer gab es Kritik, die Partei wollte entscheiden, was den Lesern in der DDR von Bloch präsentiert werden dürfe und was nicht. * * * * * 1956 trafen Bloch und Harich mehrmals zusammen.406 Neben privaten Treffen in Leipzig und Berlin gab es auch verschiedene »offizielle« philosophische Termine. Auf Initiative von Bloch, Harich und Georg Klaus fand vom 8. bis 10. März an der Akademie der Wissenschaften die Konferenz Das Problem der Freiheit im Lichte des wissen- 404 Harich: Gutachten über Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution,vom 03. Oktober 1955, Abdr. in diesem Teil. Dort weiter: »Der Verfasser hat die Absicht, während des Herstellungsprozesses noch ein neues Nachwort zu schreiben, in dem er unter anderem auch eine Würdigung der inzwischen neu erschienenen Literatur über Münzer, insbesondere des Buches von dem sowjetischen Historiker Smirin, geben will. Um Druckgenehmigung wird gebeten.« 405 Harich: Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution vom 15. Juni 1956, Abdr. in diesem Teil. 406 Hierzu die Hinweise bei: Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121– 124. 1761Ernst Bloch schaftlichen Sozialismus statt.407 Sie war der erste Versuch einer philosophischen Standortbestimmung des Marxismus nach Stalins Tod. Die Geschichte der Freiheitskonferenz kann hier nicht vollständig rekonstruiert werden, es genügt der Hinweis, dass Bloch das erste Hauptreferat hielt.408 Mit seinem Vortrag stellte sich Bloch wieder einmal auf die Seite der SED. Deren Vorstellungen bildeten die Grundlage seiner Ausführungen. Guntolf Herzberg schrieb: »Solange er als Philosoph spricht, achtet er auf Niveau: Er argumentiert auf der Ebene seiner Ontologie des Noch-nicht, erwähnt weder Lenin noch Stalin, geht nicht auf politische Realitäten ein, um so mehr auf das ›Reich der Freiheit‹, auf seinen Schlüsselbegriff der Heimat – man kann annehmen, dass es ihm mehr um das Ferne als um die Nähe ging: Doch genau deswegen gerät sein Vortrag politisch durchaus mit seiner Verachtung der bürgerlichen Freiheiten in die fatale Nähe der undemokratischen Position der SED.«409 Es dauerte noch einige Wochen und Monate, bis Bloch bereit war, auch philosophisch die Konsequenzen aus dem XX. Parteitag zu ziehen. Er schrieb im Laufe des Jahres den Aufsatz Über die Bedeutung des XX. Parteitags, den er allerdings erst in der Werkausgabe veröffentlichte (als es längst zu spät war).410 Hinzu trat, als vielleicht wichtigstes eigenständig-oppositionelles Ereignis in seinen Jahren in der DDR, der Vortrag zum 125. Todestag von Hegel, gehalten am 14. November 1956 in der Berliner HU (Hegel und die Gewalt des System) – mit dem bekannten Ausruf: »Genug davon, jetzt muss statt Mühle endlich Schach gespielt werden.«411 Allerdings begriff Bloch den XX. Parteitag auch 407 Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Hrsg.): Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Band erschien im Akademie-Verlag. Wegen Harichs Verhaftung wurden die kurz zuvor ausgelieferten Bücher in einer groß angelegten Aktion zurückgeholt, was jedoch nicht vollständig gelang. Von daher haben einige wenige Exemplare die Säuberung überstanden. Siehe: Wessel: Ein Denker zwischen Dichternamen, S. 300. Rauh: Günther Jacoby und die Anfänge der DDR-Philosophie, S. 266. Von Harich stammte der Beitrag: Harich: Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit, in: Band 3, S. 359–373. 408 Bloch: Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur Wahrheit, S. 16–33. Siehe die positiven Besprechungen in der Einheit und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie: Vorholzer: Eine bedeutsame philosophische Konferenz, S. 379 f. Hertwig: Die Berliner philosophische Konferenz zum Problem der Freiheit, S. 353 f. 409 Herzberg: Anpassung und Aufbegehren, S. 417. 410 Bloch: Über die Bedeutung des XX. Parteitags, S. 357–365. 411 Bloch: Hegel und die Gewalt des Systems, S. 483. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie sollten außerdem im 5. Heft die Hegel-Aufsätze von Harich (Über das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie Hegels) und Bloch (Problem der Engelsschen Trennung von 1762 Teil XIV als sozialistischen Selbstreinigungsprozess – als Teil des weiter und immer besser werdenden Guten: »Der XX. Parteitag fand, wie immer wieder entscheidend, in Moskau statt, nicht in London; und er wird, bei Iljitsch und Rosa zugleich, nicht der letzte dieser Art sein. Wobei das Ziel sich dem Weg ständig mitteilen muss, damit dieser einer bleibt, als zum Haus.«412 Wie wichtig die Freiheitskonferenz war, erhellt nicht zuletzt auch daraus, dass ihr knapp anderthalb/zwei Jahre vorher ein Verbot vorangegangen war. Am 21. und 22. Mai 1954 (ursprünglich sogar bereits im Februar des Jahres) wollte Bloch eine große Konferenz über Kants Philosophie durchführen, die Planungen waren weit fortgeschritten. Harich beispielsweise berichtete in einem Brief an Georg Klaus davon, dass er sich auf seinen Vortrag (über Kants Ästhetik) vorbereiten müsse.413 Doch das Staatssekretariat für Hochschulwesen verbot die Tagung in »letzter Minute«, am 10. Mai. Die Verbindung von Bloch und Kant schien der SED offensichtlich zu riskant zu sein.414 Harich gehörte zu den Kritikern von Blochs Vortrag auf der Freiheitskonferenz. Er war einer der wenigen, die von dem offiziellen Veranstaltungsplan abwichen. Dadurch konnte er auf Blochs Thesen und auch auf andere Grundlagen der Konferenz reagieren. Harich argumentierte gegen die verallgemeinernde Verwendung des Begriffs Freiheit.415 Innerhalb des marxistischen Lagers sah er Blochs Vortrag auf dieser Linie. Bloch habe, so Harichs zentrale Aussage, seine Begrifflichkeiten nicht tiefgründig genug durchdacht. Parallel zur Freiheitskonferenz war das Erste Heft des Jahres 1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschienen. Zu diesem Zeitpunkt war die Zeitschrift bereits unter starken Druck geraten, Kurt Hager hatte eigens eine Konferenz nur zur Kritik der Zeitschrift anberaumt, deren Ergebnisse Alfred Kosing in der Einheit parteigehorsam der Öffentlichkeit vorstellte.416 Dadurch wurde auch ein so genannter selbstkritischer Artikel der Redaktion notwendig, für den neben Harich die Parteikader Alfred Kosing »Methode« und »System« bei Hegel) erscheinen. Aber nach Harichs Verhaftung vernichtete die Stasi das Heft und es wurde Anfang 1957 durch die neue Doppelnummer 5/6 ersetzt. 412 Bloch: Friede den Hütten, S. 373. 413 Harich: Brief an Georg Klaus vom 24. Januar 1954, Abdr. in diesem Band. 414 Siehe: Feige: Willkommen und Abschied, S. 173. 415 Siehe: Harich: Das Rationelle in Kants Konzeption der Freiheit, S. 65. Neben Harich hatten auch Kurt Hager und Rudolf Schottlaender Bloch kritisiert. Siehe: Vorholzer: Eine bedeutsame philosophische Konferenz, S. 380. Hager: Zur Diskussion, S. 301–310. Zu Schottlaenders Kritik: Herzberg: Anpassung und Aufbegehren, S. 417 f. 416 Kosing: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, S. 299–303. 1763Ernst Bloch und Matthäus Klein verantwortlich waren.417 Über Bloch war zu lesen: »Es bleibt das große Verdienst unseres Freundes und Mitstreiters Ernst Bloch, dass er in seiner Behandlung des Utopieproblems gerade solche Fragen (gemeint sind die Themenbereiche Pflicht, Moral, Heimat, Streben nach Glück etc. A. H.) zum ersten Mal vom sozialistischen Standpunkt aus aufgeworfen und im Sinne eines kämpferischen Optimismus zu beantworten versucht hat. Aber zweifellos weist die Blochsche Hoffnungs-Philosophie, zumal was ihre wissenschaftliche Begründung betrifft, Züge auf, die dem dialektischen und historischen Materialismus fremd sind, so dass es sich als notwendig erweist, die in ihr angeschnittenen Probleme gründlich zu diskutieren.«418 Diese Passage stammt von Harich. Und diskutieren meinte in diesem Zusammenhang dann eben auch, dass das Buch als solches, als wichtiger Beitrag zum Marxismus, zuerst einmal anzuerkennen ist. An anderer Stelle wurde der Leitartikel der Redaktion allerdings deutlicher: »Die Auseinandersetzung mit Werken wie Subjekt-Objekt und Das Prinzip Hoffnung ist bei uns absolut ungenügend: es sind bisher weder die positiven, zum Teil bahnbrechend neuen Gedanken, die in diesen Büchern stehen, hinreichend gewürdigt, noch sind ihre fragwürdigen Seiten einer gründlichen, sachgerechten Kritik unterzogen worden.«419 Bloch nahm Harich sowohl den Leitartikel der Redaktion als auch die Kritik auf der Berliner Konferenz übel. »Harich und Bloch wechseln im März 1956 einige böse Briefe bis Bloch einlenkt.«420 Diese »bösen Briefe«, von denen Prokop spricht, konnten bislang nicht aufgefunden werden. Es steht aber fest, dass Bloch und Harich bereits im Frühsommer des Jahres sich wieder vertragen hatten. Neben zahlreichen Telefonaten und Briefen – privater ebenso wie, bedingt durch die Deutsche Zeitschrift für Philosophie und den Aufbau-Verlag, geschäftlicher Art – trafen Harich und Bloch 1956 mehrfach in Berlin zusammen.421 417 Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR, Abdr. in diesem Band. Siehe hierzu: Rauh: Jacoby und die Anfänge der DDR-Philosophie bis 1958/61, S. 344 f. Außerdem mit Blick auf den Kontext: Eckholdt: Begegnung mit Harich, S. 56. Warnke: Das Problem Hegel ist längst gelöst, S. 211. 418 Redaktion der DZfPhil: Über die Lage etc., Abdr. in diesem Teil. 419 Redaktion der DZfPhil: Über die Lage etc., Abdr. in diesem Teil. 420 Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121. 421 Die folgenden Angaben teilweise nach: Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121–123. 1764 Teil XIV 1) Zwischen dem 24. und 30. März war Bloch Ehrengast der 3. Parteikonferenz der SED.422 2) Am 3. Mai war Bloch in Berlin, um an der Akademie der Wissenschaften den Vortrag Karl Marx und die Menschlichkeit zu halten. »Ein Mitarbeiter der Abteilung Wissenschaft beim ZK der SED bittet Wolfgang Harich am Tage davor, auf Bloch einzuwirken, dass er sich bei dem Vortrag, der vor sämtlichen bürgerlichen Akademie-Mitgliedern stattfinde, Zurückhaltung in seinem Urteil über führende Parteimitglieder auferlegen möge. Um sich dieses Auftrages zu entledigen, trifft sich Harich mit Bloch im Presse-Club in der Friedrichstrasse. Bloch verspricht, dass er in seinem Vortrag keine politisch schädlichen Bemerkungen machen werde.«423 3) Im Juli fanden weitere Zusammenkünfte statt. Dabei kam es auch zu Gesprächen über den Petöfï-Klub. 4) Bei der Staatsfeier zum Tod Bertolt Brechts am 18. April sitzen Bloch und Harich nebeneinander. »Bloch empfindet es als Schande, dass Walter Ulbricht es wagt, bei dieser Gelegenheit öffentlich aufzutreten. Brecht würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass dieser ›Piefke‹ ihm die Trauerrede hielte. Nach der Feier essen Bloch, Gerhart Eisler, Hermann Budzislawski, Horst Eckert, Jacob Walcher und Harich im Hotel Adlon zu Mittag.«424 5) Im September ist Bloch dann erneut bei Harich. 6) Am 16. November kommt Bloch wegen der Hegel-Feierlichkeit nach Berlin. 7) Zudem war Harich wegen der Philosophie-Zeitschrift auch zwei Mal zu Gesprächen in Leipzig. 422 »Bei seinen Schilderungen über den Verlauf der Konferenz vertritt Bloch die Ansicht, dass von dem 1. Sekretär des ZK der SED, Walter Ulbricht, die wichtigsten Probleme und Fragen übergangen wurden, da keine Stellungnahme zu den Fehlern der Stalinschen Periode in der DDR erfolgte. Ulbricht sei kein Repräsentant der deutschen Arbeiterklasse. Bei einem Vergleich mit August Bebel oder gar Rosa Luxemburg erkenne man, wie sehr die deutsche Arbeiterbewegung in den letzten Jahrzehnten mit solchen Bürokraten und Befehlsempfängern wie Ulbricht ›auf den Hund gekommen‹ sei. Es sei im übrigen undenkbar, dass die Partei jemals im gesamtdeutschen Maßstab einen breiten Einfluss erlange, solange ein Mann wie Walter Ulbricht an ihrer Spitze stehe. Im Interesse der Partei sei es das dringendste Gebot der Stunde, dass dieser Mann abtrete und die Genossen der SED müssten sich mit aller Energie dafür einsetzen, wenn sie aus der Isolierung herauskommen wollten.« Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121 f. 423 Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 122. 424 Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 123. 1765Ernst Bloch Im 5. Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie des Jahres 1956 sollten die Hegel-Aufsätze von Harich und Bloch zum Abdruck kommen. Die beiden hatten das Hegel-Jubiläum abgewartet, um zu den hart umstrittenen Fragen der Hegel-Kritik der SED Stellung zu beziehen. Zum ersten Mal wollten die zwei Philosophen zusammen losschlagen, um ihre eigentlich unterschiedlichen Konzeptionen durchzusetzen. Bloch wollte aus seiner Defensive heraustreten und gemeinsam mit Harich für Reformen eintreten. (In der Tradition des Engagements von Harich und Brecht von 1953.) Nach Harichs Verhaftung am 29. November 1956 wurde das Heft jedoch durch die Stasi eingezogen und vernichtet (Anfang 1957 wurde dann als Ersatz das Doppelheft 5/6 ausgeliefert – mit den neuen Autoren Ulbricht und Hager).425 Gleichzeitig markierte dieses Ereignis das Ende des persönlichen und offenen Kontaktes zwischen Harich und Bloch. * * * * * Am 29. März 1957 wurde Harich wegen der Gründung einer »konterrevolutionären Gruppe« zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR hatte gegen die beteiligten Redakteure und Mitarbeiter des Aufbau-Verlages und des Sonntag zwei Prozesse angesetzt. Für die zweite Gerichtsverhandlung gegen Walter Janka und andere wurden dann auch die Vernehmungsprotokolle und Zeugenaussagen von Harich herangezogen. Mit dem Datum 29. März 1957 hatte dieser in einer grundlegenden Aussage Bertolt Brecht, Georg Lukács und Ernst Bloch als intellektuelle Ini ti a to ren seiner »abweichlerischen« Überlegungen namentlich benannt. Über Bloch sagte Harich: »Ernst Bloch hat von der 3. Parteikonferenz der SED an, also seit März 1956, auf mich ununterbrochen in einem Sinne eingewirkt, dass ich heute sagen muss: Ich bin von ihm systematisch gegen die Führung der Partei, insbesondere gegen Walter Ulbricht, aufgehetzt worden.«426 Die Details dieser ganzen Angelegenheit sind an anderer Stelle ausführlicher zu untersuchen. Wa rum Harich Bloch derart ins Licht der Anklage stellte, lässt sich heute nicht mehr exakt sagen. Es werden, so kann vermutet werden, Forderungen der Staatssicherheit gewesen sein, denen Harich nachkam, da ihm ja auch die Todesstrafe drohte. Fatal war es auf jeden Fall, da Bloch seinerseits einer Verhaftung nur knapp entgangen 425 Siehe hierzu: Redaktion der DZfPhil: Erklärung der Redaktion, Abdr. in diesem Teil. Hager: Der Kampf gegen bürgerliche Ideologien und Revisionismus, S. 533–538. Ulbricht: Zum Kampf zwischen dem Marxismus-Leninismus und den Ideologien der Bourgeoisie, S. 518–532. 426 Harich: Aus der schriftlichen Zeugenaussage Wolfgang Harichs vom 27. März 1957, S. 57. 1766 Teil XIV war.427 Es begann eine Schmutzkampagne gegen Bloch, aber er blieb, kurze Zeit später emeritiert, in Freiheit und behielt einige seiner Privilegien. Walter Janka, der nach Harich ebenfalls verurteilt wurde, erklärte in seinem Buch Schwierigkeiten mit der Wahrheit über die letzten Tage des November: »Die Sekretärin hatte Ernst Bloch aus Leipzig am Apparat. Der Philosoph schien die Nerven zu verlieren. Er schimpfte und forderte, dass sein Protest gegen die Verhaftung Harichs im Sonntag abgedruckt wird. Janka beruhigte ihn halbwegs und vereinbarte, dass sie sich am nächsten Tag in Berlin treffen, um alles zu besprechen.«428 Diese Passage enthält einen der vielen kleinen »Irrtümer« von Jankas Memoiren.429 Jürgen Jahn führt zutreffend aus, dass Bloch keine Stellungnahme zu Harichs Verhaftung verfasste, sondern nur zu Lukács. Aber Bloch hatte offensichtlich Briefe wegen Harich an Max Masius (dessen erster Verteidiger), Kurt Hager und Johannes R. Becher geschrieben. Ein Gespräch am 5. Dezember 1956 mit Mitgliedern der Leipziger SED-Bezirksleitung führte aber dazu, dass er diese nicht abschickte.430 Der Artikel Blochs zu Lukács liegt als Neudruck vor:431 Bloch ging von der Frage aus, warum man eigentlich in der DDR während und nach den Ungarn-Ereignissen nichts von Lukács gehört habe: »Fast etwas wie Intelligenzhass war tätig, unvermieden, ungehindert, gleich als wäre Talent, wie Lukács einmal sagte, selber eine Abweichung. Personenkult derer, die nicht besondere Personen waren, hatte man in allen unseren sozialistischen Ländern die Fülle. Ein Glanz und Ruhm marxistischer Literaturwissenschaft, ja Kultur wurde, als hätte man soviel dergleichen, sozusagen nicht vermisst. (…) Und auch unsere Berichterstatter könnten im deutschen Aufbau-Verlag, wo mehr als 10 Bände von Lukács erschienen sind, erfahren, dass dieser, Kraft einer kleinen Nebenbeschäftigung, nicht nur ein Mitglied des Petöfï-Klubs war. Eine Zerstörung der Vernunft haben sie dabei nicht zu befürchten, ganz im Gegenteil.«432 In den ersten Tagen und im privaten Kreis hatte Bloch eine Pro-Harich-Position bezogen. Dadurch verschärfte sich auch die Haltung der SED zu ihm. Noch einmal kann 427 Siehe: Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, Bd. 2, S. 289 f. Aktiv ging die SED gegen Blochs Schüler vor. 428 Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit, S. 55. 429 Siehe: Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 194. 430 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 193. 431 Bloch: Erstaunen über so geringes Interesse, S. 112. 432 Bloch: Erstaunen über so geringes Interesse, S. 112. 1767Ernst Bloch Jürgen Jahn zu Wort kommen: »Bloch, von den Verhaftungen schockiert und aufs Äußerste besorgt, gerät durch die Ehrenerklärung für Harich und die Kritik an der öffentlichen Vorverurteilung durch die Generalstaatsanwaltschaft der DDR selbst in den Sog der Affäre – seine Fairness wird zu einem Beweis angeblicher Komplizenschaft umgedeutet und dem Kanon der politischen Anklagen gegen ihn hinzugefügt werden.«433 Bloch erkannte dies allerdings und ging daher sehr schnell davon ab, Harich irgendwie zu helfen, ihn zu unterstützen. Letztlich gibt es, trotz der hehren ursprünglichen Ziele, der glaubhaften Wut im Privaten, keine Zeile von ihm (die tatsächlich einem Adressaten zugestellt wurde), in der er irgendwie offiziell Partei ergriff für seinen Weggefährten. Siegfried Prokop hat da rauf verwiesen, dass auch Bloch, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, zu Harich auf Abstand ging. Im Präsidialrat des Kulturbundes berichtete Bloch im Februar 1957 über seine Begegnungen mit Wolfgang Harich im Jahre 1956: »Ich habe ihn einmal in einem Vortrag gesehen, kurz nur, eine Dreiviertelstunde, (…) also den Grund habe ich nicht verstanden, warum er nichts gesagt hat. Ich glaube, ein Grund ist, (…) er wollte den sozusagen statutengemäßen Weg gehen, oder er traute mir nicht so ganz – ich weiß nicht. Ich konnte also über die Absicht Harichs nicht sagen, was ich nicht wusste. Nicht etwa, dass ich sie gehört und missverstanden hätte. Ich hätte die Tragweite erkannt; ich hätte vielleicht erkannt, wenn ich sie gehört hätte; aber nicht ein Wort!«434 Es kann der Blick auf Blochs Verhalten in diesen Tagen weiter vertieft werden, wenn auch Hans Mayer Berücksichtigung findet, mit dem Bloch in Leipzig eng befreundet war (auch in den späteren Jahren im Westen hielt die Freundschaft). Harich und Mayer hatten sich nach verschiedenen Querelen und Streitereien in den fünfziger Jahren nichts mehr zu sagen.435 Von daher überrascht es nicht, dass der »GI Lorenz« der Staatssicherheit am 4. Dezember 1956 mitteilen konnte, dass sich Mayer noch nicht zur Verhaftung Harichs geäußert habe: »Jedoch weiß der GI, dass Mayer eine Kontra-Stellung zu H. bezieht, obwohl er andererseits eng befreundet ist mit Professor 433 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 193. Dort weiter: »Seine erste Sorge in diesen turbulenten Wochen, in denen die von der SED-Bezirksleitung Leipzig von langer Hand vorbereitete und von Walter Ulbricht als erstem Sekretär der SED direkt unterstützte Anti-Bloch-Kampagne losbricht, gilt der Absicherung der Buchveröffentlichungen.« (S. 193.) 434 Prokop: Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 124. 435 Hierzu: Heyer: Der gereimte Genosse, vor allem S. 295–315. 1768 Teil XIV Bloch, der sehr gute Verbindung zu Harich hat.«436 Mark Lehmstedt hat nicht nur die Briefe aus Mayers Leipziger Zeit ediert, sondern 2007 einen weiteren Band vorgelegt, der zahlreiche Dokumente zur Beobachtung und Observierung von Hans Mayer abgedruckt und dabei den Zeitraum von 1956 bis 1963 erfasst. Die ersten Seiten dieses Werkes beschäftigen sich mit eben dem im hiesigen Zusammenhang wichtigen historischen Abschnitt und bieten zudem interessante Seitenblicke auf Bloch. Es bietet sich daher an, in einer Aufzählung die wichtigsten Feststellungen der Staatssicherheit über die Haltung Mayers kurz wiederzugeben:437 • Nach der Verhaftung von Janka am 6. Dezember teilte Karola Bloch dies am nächsten Tag Mayer mit: »Janka ist dem Professor Mayer ebenfalls bekannt. Mayer äußerte, dass die vollkommen wahnsinnig wären, was auch die Bloch bestätigte.« (S. 15: 07. 12. 1956) • »Mayer meinte, wahrscheinlich würde alles mit Lukács zusammenhängen, und man wahrscheinlich zu sehr für Lukács eingetreten wäre.« (S. 16: 07. 12. 1956) • »Zur Verhaftung des Harich und Janka sagte er in einem Gespräch mit der Frau Bloch, dass dies wahnsinnig sei, da es sich bei beiden um anständige Menschen handeln würde.« (S. 21: 15. 12. 1956) • »Mayer brachte zum Ausdruck, dass gewisse Leute wieder gegen den Ernst – gemeint ist Bloch – vorgehen würden.« (S. 27: 24. 01. 1957) • Ernst und Karola Bloch und Mayer gingen davon aus, dass das Vorgehen der DDR gegen Janka auch gegen die Familie Thomas Manns gerichtet sei. Mayer sagte: »Das wäre also die Frage und gleichzeitig die Erklärung für Harichs Bestrebungen die Konterrevolution auszurufen mit der Basis des Aufbau-Verlags und einer Wochenzeitung des Kulturbundes. Ihm sei nur nicht klar, wie man auf diese Weise die volkseigenen Betriebe und die MTS außer Gefecht setzt. Herr Bloch erwiderte da rauf: ›Unter uns gesagt, bei Harich ist das möglich.‹« (S. 34: 06. 02. 1957) • »Professor Mayer (…) frage sich nur immer wieder, für wie dumm und infam man die Leser hält, indem man ihnen allen Ernstes sagt, mit der Wochenzeitung des Kulturbundes und einem belletristischen Roman kommt eben der Kapitalismus in die DDR.« (S. 34: 06. 02. 1957) • »Er sei der Meinung, der ganze Kampf gegen Bloch sei im Grunde genommen ein Kampf gegen Lukács, und es wäre bei einigen Leuten ein Missverständnis der Zu- 436 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 13. 437 Aufzählung nach: Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente. Seitenzahlen und Datumsangabe in Klammern im laufenden Text. 1769Ernst Bloch sammenhänge, war allem bei Ulbricht. Dieser sehe in Lukács den geistigen Wegbereiter des Petöfi-Clubs die Anhängerschaft zu Lukács erzeuge eine gewisse Anti-Lukács-Stimmung.« (S. 39: 06. 02. 1957) • Karola Bloch berichtete über die Maßnahmen der Partei gegen ihren Mann: »Professor Mayer entgegnet ihr da rauf, dass er so etwas jetzt nicht mehr hören mag, es wäre zu ekelhaft. Sie würden nur noch nach Mördermethoden arbeiten.« (S. 41: 06. 02. 1957) Durch die Berichte der Staatssicherheit können wir hören, was im Wohnzimmer von Hans Mayer besprochen wurde. Dies ist einerseits mehr als nur perfide, dass es das überhaupt gab, andererseits eröffnet es uns interessante Einblicke, die freilich unter zahlreichen Vorbehalten stehen: Wem sagte man was, wusste man von der Anwesenheit der Stasi etc. Über den 6. Dezember 1956 vermerkte die Stasi: »So wurde dem GI ›Jak‹ durch den Parteisekretär Dr. Horn bekannt, (…) dass Professor Bloch gemeinsam mit Professor Hans Mayer eine Unterschriftensammlung unter den Wissenschaftlern durchführen wollte mit der Forderung der schnellsten Durchführung des Prozesses gegen Harich und dessen Freilassung.«438 Dieses Unterfangen kam aber nicht zu Stande. Knapp drei Monate später konnte die Stasi dann feststellen, dass Mayer »einen durchaus ausgeglichenen Eindruck« mache und kein Grund zu eruieren sei, »dass er nach Westdeutschland gehen könnte«.439 Wir können die Betrachtung der Rolle Mayers hier abschließen mit einem kurzen Blick auf den Bericht des GI »Wild« vom 14. März 1957 über einen Besuch Mayers bei den Blochs. Mayer erzählte zuerst von seiner Reise in den Westen. Dann sagte er: »Was der Harich gemacht habe, sei von einem Dilettantismus, der überhaupt nicht zu beschreiben sei.«440 Anschließend rekapitulierten die Anwesenden die verschiedenen Gerüchte um die Prozesse: »Mayer sagte auch, Harich hätte offensichtlich die Taktik gehabt, möglichst viele, sehr prominente Leute mit in dem Prozess hineinzuziehen, um zu erreichen, dass er eine solche Tragweite bekommt, dass es den Leuten mulmig wird. Er habe sicher gedacht: ›Du kommst um das Todesurteil herum, wenn Du schon aussagt.‹ Frau Bloch bestätigte diese Auffassung.«441 Gemeint war damit unter anderem die Aussage Harichs gegen Bloch, dass dieser in seine Pläne eingeweiht gewesen sei. Bloch 438 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 14. Treffbericht mit GI »Jak« vom 7. Dezember 1956. 439 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 54. Bericht des GI »Lorenz« vom 27. Februar 1957. 440 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 57. 441 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 58. 1770 Teil XIV seinerseits stritt dies an jenem 14. März gegenüber Mayer ab. »Auf die Frage der Frau Bloch, ob Mayer glaube, dass alle Dinge, die Harich vorgeworfen werden, auf Wahrheit beruhen, meinte Mayer, dass er das schon glaube.«442 Es lässt sich nicht sagen, auch nicht vermuten, unter welchen inneren Kämpfen sich Mayer zu dieser (nur resignierten oder doch zuvorderst opportunistischen?) Position durchgerungen hatte. Fakt ist – er bezog sie und blieb für die nächsten Jahre ein zuverlässiger Zuträger der DDR. Trotz oder vielleicht sogar wegen der auch an ihm ge- übten Kritik, die freilich nie die Intensität oder gar Gefährlichkeit erreichte wie im Falle Harichs (oder etwa mit dem Engagement von Lukács vergleichbar wäre). Fragwürdig ist sicherlich, dass Mayer und auch Bloch alle Informationen, die sie zum Umdenken in Sachen Harich hätten veranlassen können, ja ausschließlich von offizieller Seite bezogen, also von der Partei, von den Verlautbarungen, durch die Staatsanwaltschaft etc. (Beziehungsweise allenfalls, was aber kaum ergiebig war, von gerüchteweisen Verlautbarungen aus der West-Presse.) Also von eben jenen Personenkreisen, denen sie kurz vorher noch Mördermethoden vorgeworfen hatten. Das ist stalinistische Tradition, das ist das (erneute) Versagen der Intellektuellen vor jenen stalinschen Schauprozessen, die Ernst Bloch in den dreißiger Jahren so beredt verteidigt hatte. * * * * * Harich musste fast seine gesamte Haftstrafe absitzen. Erst im Dezember 1964 wurde er, etwas vorzeitig entlassen. Es begann der zweite Abschnitt seines Lebens – ohne seine früheren Freunde, ohne Bloch und Lukács. Beide sah er nie wieder, Lukács war in Budapest und Bloch nach dem Mauerbau im Westen geblieben. 1975 sendete Harich dem 90jährigen Bloch ein Telegramm zum Geburtstag: »Lieber Ernst, in der Hölle, Abteilung Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten, möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Müntzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über Dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müssten.«443 In diesen Sätzen steckt der ganze intellektuelle Charme Harichs. Aber sie sind auch eine Anklage gegen Bloch: Dieser habe die DDR (und damit den Sozialismus und die 442 Lehmstedt: Der Fall Hans Mayer. Dokumente, S. 58. 443 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 306, Abdr. in diesem Teil. 1771Ernst Bloch marxistische Philosophie) verraten, indem er genau zu dem Zeitpunkt, als es schwierig wurde, gegangen sei. Harich selbst war geblieben, auch nach seiner langen Haft. Das war der Maßstab, sein Maßstab, an dem er Bloch nunmehr beurteilte. Es gab außerdem noch einmal persönlichen Kontakt zu Karola Bloch. Als Harich 1980 im Westen für die neu entstandene grüne Bewegung wirkte, traf er mit der Witwe des Philosophen zusammen. Am 14. April des Jahres beschwerte sich dann Karola Bloch brieflich bei Harich da rü ber, dass dieser sie in seine Probleme hineingezogen habe. Harich antwortete zwei Tage später und stellte die strittige Angelegenheit wie folgt dar:444 Im Januar 1980 war Harich vom »Sozialistischen Büro Hamburg« zu einer Diskussionsveranstaltung (25. und 26. April) eingeladen worden. Im März erfuhr er dann, dass auch Wolf Biermann, der zu dem Kreis um Robert Havemann gehörte, teilnehmen sollte. »Ich schwankte eine Weile, ob ich, von Biermann aufs schwerste beleidigt und mit übler Nachrede verfolgt, nun nicht doch absagen sollte (…).« Daraufhin habe er, wie er Karola Bloch mitteilte, dem »Sozialistischen Büro folgendes geschrieben: »Ich erwarte, dass Herr Biermann diese Gelegenheit wahrnehmen wird, sich bei mir für die schwere Beleidigung zu entschuldigen, die er mir im Januar 1978 in einem in der Hamburger Zeit abgedruckten Beitrag zugefügt hat. Sollte Herr Biermann auch jetzt noch im Zweifel da rü ber sein, dass er verleumderischen Behauptungen über mich aufgesessen war, die jeglicher Wahrheit entbehren, so kann er sich über das, was 1956/1957 tatsächlich geschehen ist, außer bei den im Westen wohnhaften Mitgliedern der so genannten ›Harich-Gruppe‹, den Herren Manfred Hertwig, Richard Wolf und Heinz Zöger, auch noch bei der in Tübingen lebenden Witwe Ernst Blochs, Frau Karola Bloch, und bei Herrn Professor Dr. Dr. Michail Voslensky vom Starnberger Max-Planck-Institut für die Erforschung der Lebensbedingungen in der technisch-industriellen Welt erkundigen. Ohne Entschuldigung Biermanns wäre mir eine Teilnahme nicht zuzumuten.« Harich ging es darum, klarzustellen, dass er sich gegen die Verleumdungen aus den Kreisen um Havemann und Janka in Bezug auf die Ereignisse von 1956 zur Wehr setzen müsse. Und so endete der Brief an Karola Bloch mit versöhnlichen Tönen: »In der Hoffnung, gute Beziehung mit Ihnen und Ihrer Familie aufrechterhalten bzw. 444 Harich: Brief an Karola Bloch vom 16. April 1980, Abdr. in diesem Teil. Die folgenden Zitate ebd. 1772 Teil XIV wiederherstellen zu können, und voll aufrichtigem Bedauern da rü ber, ungewollt und indirekt halt doch zu Ihrer großen Verärgerung beigetragen zu haben, die aus Ihrer bisherigen Sicht der Dinge keineswegs jeder Berechtigung entbehrt, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen (…).« Zwischen dem Geburtstagstelegramm und dem Treffen mit Karola Bloch war im September 1977 in der Konkret Harichs Nachruf auf Ernst Bloch erschienen. Das Positive an Blochs Philosophie macht Harich wie folgt dingfest: »Er hat, ohne passiv abwartende Zuversicht zu predigen, der Hoffnung als aktiv lebenserhaltender Macht höchsten Rang dadurch verliehen, dass er sie nicht bloß in den Utopien von Morus bis Weitling, sondern in der Vielfalt jeglicher Kulturschöpfung aufzufinden wusste: In allen Weltreligionen, in den Systemen der Philosophie, im Naturrecht, in Kunst und Dichtung, Technik und Medizin. Was wiederum nach sich zog, dass er in seinen produktivsten Jahrzehnten der Arbeiterbewegung neue, reiche Welten des ihr zufallenden, ihr zustehenden Erbes erschließen half – methodisch mit, meine ich, fragwürdigeren Mitteln als Georg Lukács, desgleichen eklektisch, im Gegensatz zu ihm, in der Üppigkeit seiner Ergebnisse, doch auch versatiler und mit viel weiter gespanntem Interessenkreis, weder mittelalterliche Scholastik verschmähend noch Hebels Schatzkästlein, den Opern Richard Wagners gleichermaßen zugetan wie den Songs von Brecht/Weill, ja, gern kokettierend mit seiner Begeisterung für Karl May. Nie ist ein Linker weniger borniert gewesen.«445 Aber auch im Nachruf erhebt Harich noch einmal die Klage über das »Weggehen« Blochs aus der DDR: »Bloch hat sein Bestes, er hat fast alles in der Zeit verfasst, in der er, inspiriert durch die Russische Revolution, als Freund, Bundesgenosse, Mitstreiter an der Seite der Kommunisten stand – im Kampf gegen heraufziehenden Faschismus, in der Volksfront des Exils, schließlich als Miterbauer des Sozialismus auf deutschem Boden. So wäre er berufen gewesen, bis an sein Lebensende hier auszuharren: Als inkarniertes Kulturerbe, als unbedenkliche Bastion gegen Banausentum, Banalität und Provinzialismus, die das geistige Leben jedes Landes zu verarmen drohen, in dem, sei es aus noch so triftigen Gründen, das Bildungsbürgertum sozial entwurzelt wird. Nichts, kein Konflikt mit Ulbricht, keine Zwangsemeritierung, kein Mauerbau kann entschuldigen, dass Bloch 1961, kurzsichtig resignierend, der DDR fernblieb. Es war schlecht für diesen Staat, der nun unnötig lange brauchen wird, seinen bedeutendsten Denker dereinst wieder zu entdecken. Es war schlecht für Bloch selbst, weil es seine Kreativität 445 Harich: Nachruf auf Ernst Bloch, Abdr. in diesem Teil. 1773Ernst Bloch auf die Aufarbeitung alter Manuskript zurückwarf, die er im Wesentlichen nur noch mit den im Westen obligaten sowjetfeindlichen Einschüben versah. Schlecht war es auch für die bundesdeutsche Linke, gegen die der große alte Mann, gewollt oder nicht, mitunter missbrauchbar wurde. Und es hat einen bis heute unheilvoll fortwirkenden Präzedenzfall geschaffen.«446 Besonders fatal, so Harich abschließend, wirke sich Blochs Weggang aus der DDR auch in der damals aktuellen Gegenwart aus: »Auf beiden Seiten wird da dem Ringen um Überzeugungen ausgewichen und so der bundesdeutschen Reaktion Vorschub geleistet, die den sozialistischen Teil des deutschen Sprachraums kulturell gern ausdörren möchten. An beide Seiten die Bitte zu richten, mit solcher Leichtfertigkeit endlich aufzuhören, das glaube ich einigen großen Toten auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof schuldig zu sein: Den Brecht und Becher, den Eisler und Zweig. Wenn ihr Freund Ernst Bloch den Anspruch preisgegeben hat, an ihrer Seite, wo er eigentlich hingehörte, bestattet zu werden, dann ist das traurig und schlimm genug.«447 * * * * * In den achtziger Jahren arbeitete Harich dann intensiv an seinen Manuskripten über Nicolai Hartmann, die seine höchste philosophische Leistung darstellen.448 Bei Hartmann hatte er während des Zweiten Weltkrieges für kurze Zeit studiert und dann in den ersten Nachkriegsjahren immer wieder an diesen erinnert. Zu erwähnen ist hier sicherlich, dass er Lukács’ die Ontologie Hartmanns nahe brachte, die dann das Alterswerk des ungarischen Philosophen seit dessen Ästhetik prägte. Insofern ein wichtiger Prozess, als Bloch immer zu den Gegnern Hartmanns gehört hatte, so dass Harich in den Texten auch zu Bloch erneut Stellung bezog. In den Hartmann-Manuskripten findet sich die Aussage, dass er (Harich) es »bereue«, einmal mit Bloch »eng verbündet« gewesen zu sein. In diesem Kontext war es ihm dann auch möglich, seine Kritik an Bloch zu entwickeln – vermittelt über eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Marxismus und der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Dabei ging es Harich vor allem um drei Punkte. 1) Bloch sei kein Marxist, sondern ein Idealist und Metaphysiker. 2) Lukács sei Bloch vorzuziehen. 3) Blochs Kritik an Hart- 446 Harich: Nachruf auf Ernst Bloch, Abdr. in diesem Teil. 447 Harich: Nachruf auf Ernst Bloch, Abdr. in diesem Teil. 448 Harichs Arbeiten zu Hartmann erscheinen parallel zu diesem Band als 10. Band der Edition. Dort alle weiteren Verweise, auf genaue Seitenangaben wird im Folgenden verzichtet. 1774 Teil XIV mann sei falsch, weshalb Lukács Hartmann gegen Bloch verteidigt habe. Zudem lief, neben der sachlichen Auseinandersetzung, Harich auch zu polemischer »Höchstform« auf. Es hieß: • Bloch verfasse »horrenden Blödsinn«. • Zu lesen seien »Blochsche Hirngespinste« oder »Blochsche Schnörkel«. • Bloch habe einen »ziemlich abstrusen Ungleichzeitigkeitsbegriff«. • Es sei kein Marxist. • Seine Philosophie sei idealistisch (»erzidealistisch«) bzw. sogar religiös-eschatologisch. Es handle sich um einen »Idealismus der ärgsten Art«. • Bloch sei »der eigentliche Philosoph des Expressionismus«. Seine Philosophie sei »kontaminiert mit den Verworrenheiten des Expressionismus«. • »Ich halte Bloch heute für einen – freilich, in mancher Hinsicht anregenden – Wirrkopf mit überdies schwer erträglicher Schreibweise.« • Seine theoretischen Widersprüche kaschiere Bloch mit »feuilletonistischem Geschwafel«. • »Scharlatanerie.« • »Angebetet habe ich Bloch nie, und verfluchen will ich ihn wahrlich nicht; nicht pauschal.« Wichtig für eine Einordnung der Philosophie Blochs sei, so Harich in den achtziger Jahren, dass dieser nie ein Anhänger der Oktoberrevolution gewesen wäre: »Seine Begeisterung galt der Februarrevolution. Lenin und die Bolschewiki sind von ihm wüst geschmäht worden, als vermeintliche Helfershelfer des deutschen Imperialismus. Erst die Nachkriegsereignisse in Deutschland haben Bloch zum Sympathisanten des Kommunismus reifen lassen.« Gesagt war damit, dass Blochs politischer Standpunkt eigentlich ein sozialdemokratischer, seine Bekehrung zum Kommunismus und Marxismus also nicht innerlich, sondern äußerlich angelegt war. Daraus resultiere, dass er nie ein in sich geschlossenes und logisches marxistisches Denken habe vertreten können. Die Abweichungen Blochs vom Marxismus würden sich etwa bei der Rezeption der modernen Naturwissenschaften zeigen. Dort stehe dieser mit seiner Tübinger Einleitung in die Philosophie im »strikten Gegensatz« zu Friedrich Engels’ Anti-Dühring. Diesen versuche er zu vertuschen, indem er seine Ausführungen mit einem »polemischen Ausfall gegen den ihm bis zur Raserei verhassten Hartmann« verbinde. Lukács habe dies jedoch erkannt und dagegen interveniert. Ihre besondere Schärfe bekommt diese 1775Ernst Bloch These dadurch, dass Harich immer die Meinung vertrat, dass Hartmann seinerseits dem Materialismus sehr nahe komme, sich also seine Philosophie in den Marxismus integrieren lasse. Eben deshalb, so die Konklusion, habe sich Lukács gegenüber Hartmann öffnen können (was dessen Schüler, vor allem Agnés Heller und Ferenc Fehér ihrerseits zurückzunehmen versucht hätten – zu Gunsten Heideggers). Letztlich sagte Harich, dass Bloch meine, er sei Marxist, weil er bürgerliche Philosophen wie Hartmann kritisiere. Doch gerade Lenins Beispiel (und auch Marx’ und Engels’ Umgang mit der bürgerlichen Philosophie ihrer Epoche) zeige das Gegenteil: Das man über die Rezeption der bürgerlichen Gedankenwelt zur Ausformulierung und Weiterentwicklung des Marxismus kommen könne. Diesen Weg würden Lukács und Harich gehen. In diesem Sinne schrieb Harich über Blochs Thesen in Erbschaft dieser Zeit: »Eine Anleihe bei Spengler, mit Blochschen Schnörkeln versehen. Nichts als originalitätssüchtiges ›Umfunktionieren‹ irrationalistischer Modephilosophien.« Das waren auch in den achtziger Jahren noch harte Vorwürfe, gerade aus Sicht der Harichschen Lukács-Rezeption. Blochs Philosophie erscheint in dem Zitat als »auf links gedrehte« irrationalistische Philosophie. Sein Hartmann-Buch hatte Harich als Dialog verfasst, in dem er mit sich selbst diskutierte, d. h. sowohl die Fragen stellte als auch die Antworten gab. Dadurch war es ihm möglich, sich bei bestimmten Punkten nicht endgültig festlegen zu müssen oder verschiedene Positionen zu beziehen. Und er konnte die eine oder andere These überspitzen, pointieren und dann in der Debatte mit sich selbst ein Stück weit relativieren. Das ist auch in seinem Umgang mit Bloch zu spüren. Als Interviewer fragte er sich, wie Bloch philosophiegeschichtlich zu verorten sei, ob dieser vor oder nach Nicolai Hartmann komme. Er formulierte die mögliche Kritik an seinen überspitzten Thesen gleich mit: »Ich habe, bei aller Reserve gegen Bloch, ein ungutes Gefühl, wenn ich sehe, dass Lukács und, ihm folgend, auch Sie diesem großen Mann der Linken, der, wie sie selbst gesagt haben, durch Jahrzehnte Freund und Weggefährte der Kommunisten gewesen ist,449 dessen Hauptwerke während dieser langen Periode seines Lebens entstanden sind und deren Geist atmen, dass Sie unserem Ernst Bloch einen – wie er zu sagen pflegte – ›liberalen Spießer‹ wie N. Hartmann, den übrigens unangefochtenen, unbehelligten 449 An anderer Stelle hieß es: »Erinnern Sie sich doch an Ernst Bloch! Sein starkes soziales Engagement, das jahrzehntelang so weit ging, dass er sich mit der kommunistischen Bewegung identifizierte, hinderte ihn nicht da ran, philosophisch im Wesentlichen auf idealistischen Positionen zu verharren.« 1776 Teil XIV Berliner Ordinarius für Philosophie in der Nazizeit, eindeutig vorziehen. Da stimmt doch etwas nicht.« Bereits auf der Berliner Freiheitskonferenz hatte Harich Blochs Begrifflichkeiten kritisiert. Eine Auseinandersetzung, die er auf fundierter wissenschaftlicher Ebene leistete. In den achtziger Jahren intensivierte er diese analytischen Durchleuchtungen des Blochschen Werkes dann weiter. »Bloch vertritt eine erzidealistische, durch und durch teleologische Metaphysik, die er (…) dann sein Lebtag lang weiter ausgebaut hat. Nehmen Sie das Kapitel 18, über die Schichten der Kategorie Möglichkeit, aus Blochs Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung! Da haben Sie den alten Aristotelischen Möglichkeitsbegriff mitsamt dem ganzen dranhängenden Teleologismus, irreführend deklariert als zentrales Bestandstück des Diamat.« Ähnliches treffe auch auf Blochs Utopiebegriff zu – »ein für seine Philosophie, weiß der Himmel, zentraler Begriff«. Dieser zeuge davon, dass Bloch einfach Kategorien aus der Kunsttheorie in seine Theorien übertragen habe, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Harich spielte dabei – seinerseits ebenfalls ein Kenner des utopischen Denkens – auf jene wissenschaftliche Unhaltbarkeit des Blochschen Utopiebegriffs an, die auch von der neueren Forschung fokussiert wird. Er sei als Ordnungsinstrument schlichtweg ungeeignet, da er keinerlei Eingrenzung vorzunehmen vermag, kenne nur das Alles oder Nichts.450 Die Gründe für diese methodischen und strukturell-formalen Verwerfungen der Philosophie Blochs machte Harich in dessen Gedankengebäude aus. Da Bloch nie Marxist war, würden die unterschiedlichsten Einflussfaktoren unreflektiert und teilweise mit gegensätzlichen Intentionen nebeneinander stehen. »Bloch hat versucht, (den) religi- ösen Teleologismus, der seiner messianistischen Eschatologie in den Kram passte, mit einem expressionistischen Denk- und Ausdrucksstil und mit marxistischen Grundelementen in eins zu verschmelzen. Eine tolle Mischung: sehr interessant, oft recht anregend, aber philosophisch von äußerster Fragwürdigkeit, über weite Strecken sogar unseriös, Scharlatanerie und stilistisch von kaum zu überbietender Maniertheit.«451 Die Begrifflichkeiten Blochs sind Harich zu Folge dergestalt ebenfalls zusammengewürfelt. 450 Diese mangelnde wissenschaftliche Ordnungs- und Selektionsfähigkeit hatte Harich der neueren anarchistischen Bewegung bei ihrer allumfassenden und nicht differenzierenden In sti tu ti onenkritik vorgeworfen. Siehe die entsprechenden Texte des 7. Bandes, dort alle weiteren Informationen, Verweise etc. Zur Utopie bei Bloch und in der DDR-Philosophie siehe: Heyer: Freiheit im Nirgendwo, S. 158–180. 451 Dort weiter: »Bloch konnte, im Scherz, sich selbst als eine Kathedrale bezeichnen, in der der Marxismus ›nur‹ das Allerheiligste sei. Und manchmal degradierte er den Marxismus, 1777Ernst Bloch Sie stammen aus dem Idealismus und der Metaphysik, dazu gebe es aristotelische Einflüsse. Ihre »Einheit« ergebe sich allein durch den Feuilletonismus Blochs. Der Wissenschaftlichkeit der Blochschen Philosophie hatte Harich damit ziemlich jeden Wert abgesprochen. Alle diese unterschiedlichen Systeme und Thesen habe Bloch dann dem Marxismus schmackhaft zu machen versucht: »Bloch war ein Modefan. Er hing sich ans Gängige, machte sich dessen Sensationswirkung zu Nutze und versah es mit neuen Vorzeichen, die es der Arbeiterbewegung, vorzugsweise den Kommunisten als annehmbar erscheinen lassen sollten. Ihn hat der Ruhm weder von Spengler noch von Freud noch von Heidegger ruhen lassen, auch nicht der von Einstein.« Und weiter: »Vergleichen Sie die von Bloch behauptete ›Ungleichzeitigkeit‹ der Mittelschichten im modernen Kapitalismus mit dem, was in den Kulturzyklen Spenglers ›gleichzeitig‹ sein soll, oder Blochs ›Vorbewusstes‹ mit Freuds ›Unbewusstem‹ oder Blochs ›Hoffnung‹ mit Heideggers ›Angst‹, schließlich die Blochsche Relativierung der historischen Zeit mit derjenigen der kosmischen bei Einstein! Sie werden feststellen: Der Trick des sogenannten ›Umfunktionierens‹ ist immer derselbe. Und in Erbschaft dieser Zeit will ihn Bloch dem marxistischen Erbe-Verständnis, dem er sich anbiedert, eingängig und nachvollziehbar machen.« Damit können wir die Besprechung der Hartmann-Manuskripte beenden. (Einige Zitate folgen noch.) In Harichs Ahnenpass sind auch die Protokolle jener Gespräche abgedruckt, die er Ende 1989 mit Thomas Grimm führte. Grimm hob dabei vor allem den zeithistorischen Hintergrund hervor, d. h. er ordnete die Gespräche als »Quelle und emotionales Zeugnis jener kurzen Phase des Umbruchs zwischen Herbst 1989 und Frühjahr 1990« ein.452 Es ist der unmittelbare, ungebrochene Harich, der zu Wort kommt. Endlich konnte er sich wieder frei äußern, nicht mehr an alte Verpflichtungen oder selbst auferlege Schweigeversprechen gebunden. Und zugleich stand er schon wieder mit dem Rücken zur Wand. Er musste sich gegen die Angriffe Walter Jankas verteidigen. Ein Streit, der schließlich vor Gericht mit Harichs Sieg endete. Im hier zu besprechenden Kontext sind Harichs Äußerungen von Interesse, da er an einer Stelle auch überaus deutlich auf Bloch zu sprechen kam. Dabei fokussierte er aus irgendeiner Verärgerung über das, was er ›Schmalspur‹ nannte, auch zum bloßen Seitenschiff der Bloch-Kathedrale.« 452 Harich: Ahnenpass, S. 116. 1778 Teil XIV nicht nur den Widerspruch zwischen Lukács und Bloch mit Blick auf Hegel453 (ursprünglich waren die beiden, allerdings in unterschiedlichen Graden, Opfer der Auswüchse der Parteiphilosophie auf diesem Gebiet gewesen). Doch nun sah Harich die Lage anders: »Bloch war bei Hager und der Partei beliebt. Wenn Bloch den Mund aufmachte, kam krauses Zeug heraus, das war ihnen lieber als der Marxismus von Lukács. Die Manuskripte von Bloch – idealistischer, mystischer, ekelhafter Dreck, damit kann ich nichts anfangen (…).«454 Es sei Erich Wendt gewesen, so Harich weiter, der da rauf bestanden habe, dass Bloch »pfleglich« behandelt werden müsse.455 Immerhin habe dieser zur Zeit der Moskauer Schauprozesse und während des Hitler-Stalin-Pakts zur Partei gestanden. Für Bloch spreche also, dass dieser in den finstersten Zeiten des Kommunismus die Verbrechen dieser Phase verteidigte. Außerdem habe Wendt da rauf insistiert, dass Bloch »ein Mann von ganz großem Format (ist), das merken Sie ja selbst. Ja, sage ich, Format hat er und als Persönlichkeit ist er hinreißend, nur was er schreibt, ist kein materialistischer Marxismus mehr, es ist Quatsch. Ja, mag sein, aber jetzt hängen an dem als Freund unser Cheflektor Max Schroeder, Hanns Eisler, Bertolt Brecht, alles Bloch-Freunde. (…) Sie müssen mit dem auskommen. Wir müssen den rausbringen, und wenn es Quatsch ist, ist das ja auch nicht so schlimm. Es ist Quatsch, den keiner versteht.«456 Jürgen Jahn hat diese Passagen als »niveaulos« und »unflätig« bezeichnet.457 Das unterscheidet sich von der Wortwahl Harichs allerdings kaum. Harich hatte, es ist nicht als Entschuldigung gedacht, aber doch zu erinnern, erstmals die Gelegenheit, sich so zu Bloch zu äußern, wie er es für richtig hielt. Ob »Quatsch« eine Kategorie ist, die die Blochsche Philosophie zutreffend bezeichnet, muss hier nicht entschieden werden. Verwendet werden darf der Terminus in der Diskussion aber allemal. * * * * * 453 »Beim Aufbau-Verlag kriegte ich ja auch Bloch-Manuskripte zur Begutachtung. Ich war der Meinung, das sei ein furchtbare Quatsch, was der schreibt. Ich war ganz eingeschworen auf Lukács. Das Blochsche Hegel-Buch ist ja in der Hegel-Diskussion 1951 erschienen, das Lukácssche konnte erst nach Stalins Tod erscheinen, 1954. Das Hegel-Buch von Bloch ist so ein Tiefsinnsgebrodel, das störte nicht, aber die richtige Darstellung von Lukács, die störte.« Harich: Ahnenpass, S. 322. 454 Harich: Ahnenpass, S. 322. 455 Harich: Ahnenpass, S. 322. 456 Harich: Ahnenpass, S. 322 f. 457 Jahn: Über den Umgang mit einem Philosophen, S. 190. 1779Ernst Bloch Ein Stück weit ist die Beziehung zwischen Harich und Bloch durchaus symptomatisch für beider Leben und Denken. Sie startete unter unter einigen Schwierigkeiten und führte letztlich doch zu einer Zusammenarbeit, die durch gemeinsame Ziele generiert wurde. Der Intellekt führte beide zusammen. Allerdings sind solche Verbindungen nicht nur in der DDR sehr anfällig und beide wollten sich vom anderen absetzen. Dass Georg Lukács dieser Gruppe hinzutrat, machte die Situation nicht einfacher. Bloch und Lukács hatten sich zwar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts kennengelernt. Doch, so Harich, ihre Entwicklung verlief äußerst unterschiedlich. Zwar durchlebten beide eine Phase der Nähe zur idealistischen Philosophie, Lukács jedoch konnte sich von diesen Einflüssen freimachen und stieß zum dialektischen und historischen Materialismus vor. Die Hartmann-Manuskripte (Band 10) formulieren. »Den ›Messianismus‹ mit einer regelrechten Eschatologie anzureichern, aus Thomas Müntzers revolutionärem Vermächtnis gerade das theologische Element als geistiges Erbe für die kommunistische Bewegung der Gegenwart in Anspruch zu nehmen, das blieb einzig Bloch vorbehalten, dem in der expressionistischen Atmosphäre wildgewordenen Külpeschüler. Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) und Blochs Thomas Müntzer als Theologe der Revolution (1921) sind ungefähr gleichzeitig entstanden; beide spiegeln jene Krise wieder. Aber das eine ist, bei all seinen Fehlern und Mängeln, ein marxistisches Buch, bei dem anderen kann davon keine Rede sein.« Lukács habe in Moskau seine früheren Verwirrungen überwunden, davon zeuge vor allem sein Hegel-Buch. Bloch sei jedoch andere philosophische Wege gegangen:458 »Erkenntnistheoretisch neigte Bloch, ähnlich wie die Frankfurter Schule, zu jener oszillierenden, im Grunde idealistischen Subjekt-Objekt-Dialektik, die vom neukantianisch eingefärbten Hegel-Verständnis des frühen Lukács herkommt.« Letztlich führte Blochs Weg von »Pseudo-Avantgardismen in Kunst und Literatur« zum Pseudo-Marxismus im Stil der Frankfurter Schule.459 Harich benannte die philosophische Differenz zwischen 458 Lukács habe mit den idealistischen Momenten seiner Erkenntnistheorie – nachzulesen in Geschichte und Klassenbewusstsein – »vollständig und endgültig gebrochen. In der Entwicklung Blochs hat es einen solchen Bruch nie gegeben. Aber Bloch bereitete es (…) keine allzu großen Schwierigkeiten, jene Subjekt-Objekt-Dialektik dem erkenntnistheoretischen Realismus des Diamat schlecht und recht anzupassen, nachdem ihm klargeworden war, welch großen Wert seine kommunistischen Freunde auf Lenins Materialismus und Empiriokritizismus legten. Widersprüche und Eklektizismen, die Bloch dabei unterliefen, kaschierte er mit dem feuilletonistischen Geschwafel, in dem er Virtuose war und das ihm immer über jede philosophische Verlegenheit hinweghalf.« 459 »Bloch war der philosophische Exponent des Expressionismus und der ihm verwandten sonstigen ›linken‹ Pseudoavantgardismen in Kunst und Literatur und ist dies im Grunde 1780 Teil XIV ihm und Bloch deutlich: Blochs Philosophie zehre von der spätbürgerlichen Kulturzersetzung. Diese Basis des Blochschen Denkens bilde auch dessen Horizont: »Das ›untergehende Bürgertum, eben als untergehendes‹ soll ›Elemente zum Aufbau der neuen Welt beitragen‹. Ich vertrete den entgegengesetzten Standpunk, und dementsprechend fahnde ich nicht unter den Modegrößen spätbürgerlicher Kultur, sondern unter deren Außenseitern, ihren Unbekannten, ihren Verschollenen, Vergessenen nach Verbündeten im Kampf gegen die Zersetzung.« Bloch, so die Konklusion dieser Aussage, hänge seine Fahne in den Wind, Harich laufe gegen diesen an. Eine Zuspitzung Harichs, die in den Biographien und Schriften beider durchaus einen Ankergrund finden kann. Die frühen dreißiger Jahre beschrieb Harich 1986 in dem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! wie folgt: »Als Lukács 1931 aus Moskau in Berlin eintraf, mit der Sickingendebatte im Kopf (respektive im Koffer), zu konsequentem Materialismus bekehrt durch noch unveröffentlichte Marxsche Frühschriften, da hießen die wirklichen, die ihm vergleichbaren Gegenspieler, die er hier im linken Umfeld vorfand, Korsch, Bloch und Benjamin. Brecht, mit seinem Hang zu theoretischem Dilettieren (wobei es ihm zustieß, dass er Theodor Lipps für Aristoteles hielt), stand unter ihrem Einfluss, weshalb Lukács sich vergebens um ihn bemühte. Bloch saß damals an Erbschaft dieser Zeit. Er hatte Brecht den Floh ins Ohr gesetzt, gerade Fäulnisprodukte spätbürgerlichen Kulturverfalls ließen sich revolutionär ›umfunktionieren‹. Daher Brechts Forderung, nicht ans gute Alte, sondern ans schlechte Neue anzuknüpfen. Benjamin, zu ähnlichen Schmonzetten aufgelegt, belehrte ihn über vermeintliche Hinfälligkeit der Kunstgattungen, über das Auseinanderklaffen kritischer und genießender Haltung, die das Publikum erst beim Ansehen von Filmen wieder verbinden lerne, und dergleichen, wobei er sich ihm gleichzeitig durch sein Loben des ›epischen Theaters‹ als verständnisinniger Parteigänger empfahl.«460 Die siebziger und achtziger Jahre brachten dann von Seiten Harichs die Generalabrechnung mit Bloch. An manchen Stellen philosophisch zutreffend, an anderen polemisch überzogen. Vor allem aber in konträrer Stellung zu seinem früheren Engagement für Bloch und gegensätzlich zu der eigentlich funktionierenden Zusammenarbeit der fünfziger Jahre. Welche Gründe auch immer der eine gegen den anderen geltend zu machen glaubte – es ist überaus bedauerlich, dass Animositäten die Konstellation immer geblieben.« 460 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Band 9, S. 445 f. 1781Ernst Bloch Harich, Bloch und Lukács aufsprengten. Es ist auch müßig, sich – wie viele Zeitzeugen – damit zu beschäftigen, wer woran Schuld habe. Hier genügt es, die Fakten zu konstatieren: Drei der bedeutendsten Marxisten des 20. Jahrhunderts standen auch gegeneinander. Ein Stück weit ein Grund für das Scheitern des Marxismus als theoretische und praktische Philosophie. Pointierterweise ging es bei diesen Auseinandersetzungen auch um die alles entscheidende Frage – wer ist der »größere« Philosoph? Lukács und Bloch beäugten sich misstrauisch, Bloch habe dem Ungarn den Erfolg nicht gegönnt.461 Harich seinerseits hatte sich seit Anfang der fünfziger Jahre deutlich zu Lukács positioniert, seine Bloch-Kritik aus der Zeit vom Ende der DDR ist insofern auch konsequente Fortsetzung der frühen philosophischen Unbehaglichkeiten. Am herausragendsten, so Harich, sei im 20. Jahrhundert Lenins Wirken zu bewerten: In den Hartmann-Manuskripten formulierte Harich: »Der bedeutendste Marxist-Leninist unter den Denkern, die danach auftraten, war Georg Lukács; auch nach seinem Tod ist er, während der letzten drei Dezennien des Jahrhunderts, von niemand anderem mehr erreicht, geschweige denn übertroffen worden. Unter den nichtmarxistischen Philosophen, die Lukács’ Zeitgenossen gewesen sind, steht nun Bloch durch sein politisches und soziales Engagement uns verhältnismäßig am nächsten; jedoch nicht methodologisch und schon gar nicht hinsichtlich der allgemeinen Grundsätze seiner Philosophie, die einen durchaus idealistischen, ja einen religiös-eschatologischen Charakter hat.« Für die achtziger Jahre sah Harich in der DDR die Tendenz, alles zu tun, um den Einfluss von Lukács auf die Kultur und Wissenschaften zurück zu drängen. Dabei würde man so weit gehen, dass sogar Walter Benjamin, Bloch, gar Theodor W. Adorno und die Frankfurter Schule vor Lukács gesetzt würden: »Der Gefahr einer Lukács-Wiederkehr bei uns zu begegnen und ihr gleichsam gegenzusteuern, sucht Lehmann, Verfasser besagten Nachworts zur Eigenart des Ästhetischen, dadurch, dass er Bloch mindestens als gleichrangig, möglichst als höherwertig zu behandeln empfiehlt. Dies allein müsste die marxistische Philosophie an Ort und Stelle hellhörig machen.«462 Schließlich: »Wa rum schweigen unsere Philosophen dazu? Bislang haben sie sogar zu Folgendem geschwiegen. Lehmann dekretiert: ›Mit seiner weiteren Erbeauffassung steht uns heute Bloch näher als Lukács.‹ Wie eng Lukács das Erbe fasst, muss Lehmann von 461 Harich: Ahnenpass, S. 322. 462 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Band 9, S. 453 f. 1782 Teil XIV der Eigenart des Ästhetischen her wissen. In dem zweibändigen Riesentorso ist die Menschheitskultur präsent, von den Höhlenbildern aus der Altsteinzeit bis hin zum Bauhaus, zum Film, zu Aufführungen des Berliner Ensembles. Als Blochschüler muss Lehmann aber ebenfalls wissen, dass sein Lehrer diese atembeklemmende, ›uns‹ einschnürende Enge keineswegs nur zu Gunsten freieren Genusses von Avicenna oder Thomasius, von Richard Wagner, Karl May oder Johann Peter Hebel zu lockern verstanden hat. Blochs Schatzkästlein ist dermaßen geräumig, dass da rin Nietzsche Platz findet. In Band III seines Hauptwerkes, Das Prinzip Hoffnung, kann man es nachlesen.«463 Aus diesen Überlegungen leitete Harich dann seine Schlussfolgerung ab: »Dass Bloch und Benjamin und die Matadore der Frankfurter Schule alles andere als Marxisten waren – welche Anregungen in Einzelfragen bei ihnen hie und da auch zu holen sein mögen –, dass es den Neopositivismus auf der ganzen Linie zu bekämpfen gilt, dass vollends Nietzsche für Sozialisten absolut indiskutabel ist und es zu bleiben hat, das sind Wahrheiten von nahezu axiomatischem Rang (…). An diesen Wahrheiten ist nicht zu rütteln. Wird ihre Selbstverständlichkeit in Frage gestellt unter dem Vorwand, kritische Distanz zu Lukács zu demonstrieren, dann muss halt Lukács energisch verteidigt, gegebenenfalls wiederentdeckt und, vor aller Kritik, aufs Neue als unser Lehrer und Meister in Anspruch genommen werden. Nächst den Klassikern haben wir keinen besseren.«464 Sein eigenes Wirken sah Harich gerade durch die Übernahme der Methodologie Lukács’ geprägt. Das äußerte er in seinem Beitrag zur Festschrift zu Lukács 70. Geburtstag.465 Und das diese Feststellung zutreffend ist, davon zeugt bis heute der gemeinsam von Lukács und Harich verfasste Aufsatz Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, der 1954 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien.466 Auf den permanenten Kampf, den er in der DDR, vor allem in den achtziger Jahren, für Lukács führte, wurde bereits verwiesen. Seit Kurzem können die entsprechenden Dokumente gesammelt nachgelesen und studiert werden (als Band 9 dieser Edition). 463 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Band 9, S. 454. 464 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Band 9, S. 458. 465 Harich: Lukács zum Siebzigstem Geburtstag, in: Band 9, S. 327–333. 466 Lukács (und Harich): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, S. 288–343. Harich hatte Lukács’ ursprünglichen Text vollständig umgearbeitet und maßgeblich ergänzt sowie erweitert. 1783Ernst Bloch Bloch war in diesem Sinne aus der Per spek ti ve von Lukács und Harich ein Freund, Bundesgenosse usw., aber eben kein Marxist, kein Kommunist. Bloch und Lukács beschrieben in einem Rundfunkgespräch von 1967 mit Iring Fetscher die gemeinsamen Heidelberger Jahre wie folgt: Zuerst Bloch: »Das alles kam zusammen auf seltsame Weise, aber Zentrum war sofort die wirkliche Symbiose mit Lukács, die drei oder vier Jahre gedauert hat. Wir waren so verwandt geworden, dass wir wie kommunizierende Röhren funktionierten. (…) Unsere Einheit, ja wie soll ich die ausdrücken: Die war von Eckhart bis Hegel; Lukács schoss Literaturwissenschaft zu, Kunstwissenschaft, Kierkegaard und Dostojewski, die mir fremd waren. Ich pflegte damals zu sagen: ›Ich kenne nur Karl May und Hegel; alles, was es sonst gibt, ist aus beiden eine unreinliche Mischung; wozu soll ich das lesen?‹ Ein hübsch jugendhafter Satz, jedenfalls entschieden. Hier war mir Lukács unermesslich überlegen.«467 Lukács stellte das ganze von seiner Seite aus so dar: »Nur dann kam natürlich die Differenz heraus. Ich glaube, man muss heute nur den Geist der Utopie oder den Thomas Münzer von Bloch neben mein Geschichte und Klassenbewusstsein stellen, um zu sehen, dass damals schon eine vollkommene Scheidung der Wege da war, obwohl wir beide links und auf der Seite des Kommunismus waren. Ich meine, diese Scheidung hat sich für mich vertieft, mit jedem Schritt, mit dem ich ein echterer Marxist geworden bin.«468 Soll dies nun also bedeuten, den getrennten Weg vorausgesetzt, dass Lukács immer marxistischer wurde und Bloch sich demnach anders entwickelte? Nein! »Ich möchte dabei nur betonen, dass – im Gegensatz zu sehr vielen Leuten, die radikal und sogar kommunistisch in den zwanziger Jahren waren und dann zu, wie ich zu sagen pflege, nonkonformistischen Konformisten geworden sind – Bloch seine linken Überzeugungen nie verraten hat. Er ist immer links geblieben, immer Sozialist geblieben, und ich glaube, das ist die eine Seite der Faszination. Die andere Seite ist, dass ich Bloch für einen der geistvollsten Schriftsteller halte, die ich überhaupt kenne.«469 * * * * * Nach 1956/1957 gingen Bloch, Harich (und Lukács) völlig getrennte Wege. Durch die Wirren der damaligen Zeit waren sie noch einmal in die Öffentlichkeit gerückt. Bloch verließ die DDR schließlich 1961, er kehrte nach dem Mauerbau von einer Urlaubsreise nicht zurück. Zu dieser Zeit saß Harich noch im Gefängnis. 1968 erreich- 467 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 372 f. 468 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 374. 469 Bloch: Geladener Hohlraum, S. 374. 1784 Teil XIV te Blochs Ruhm dann seinen vorläufigen Höhepunkt – als Teil der 68er-Bewegung. Harich seinerseits hatte zu diesem Zeitpunkt zwar das Gefängnis verlassen, aber die DDR tat alles um ihn weiterhin zu isolieren. Nur eines konnten Partei und Stasi nicht verhindern: Er verteidigt nach wie vor den Marxismus. Und dabei war für ihn klar, dass dies bedeutete, sich gegen die 68er-Bewegung zu wenden. Es entstanden seine Schriften zur Anarchie – ein deutliches Bekenntnis zum »harten Kern« des Marxismus. Dort begann letztlich sein philosophischer Weg erneut – weg von Bloch, hin zu Marx und Engels. Ein Weg, den er mit Lukács’ Schriften und Theorien gehen konnte und wollte. Literatur470 Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Hrsg.): Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus. Konferenz der Sektion Philosophie der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 8. bis 10. März, Berlin, 1956. Bloch, Ernst: Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, Frankfurt am Main, 1985. – Briefe, 1903–1975, 2 Bde., hrsg. von Karola Bloch u. a., Frankfurt am Main, 1985. – An der Schwelle zu einem anderen 1933, in: Aufbau, Heft 9, 1956, S. 754. – Beitrag zur Festschrift zum Siebzigsten Geburtstag von Lukács, in: Georg Lukács zum Siebzigsten Geburtstag, Berlin, 1955, S. 10. – Brief an Erich Wendt vom 13. Juli 1951, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 38. – Brief an Walter Janka vom 12. August 1955, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 60. – Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, in: Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern, S. 161–178. – Diskussionsbeitrag, in: Bloch/Harich: Protokoll der philosophischen Konferenz, S. 71–72. – Erstaunen über so geringes Interesse, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 112. – Freiheit, ihre Schichtung und ihr Verhältnis zur Wahrheit, in: Akademie der Wissenschaften: Das Problem der Freiheit im Lichte des wissenschaftlichen Sozialismus, S. 16–33. – Friede den Hütten, in: Bloch: Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, S. 371–373. – Geladener Hohlraum. Ein Rundfunk-Gespräch mit Iring Fetscher und Georg Lukács, 1967, in: Bloch: Tendenz, Latenz, Utopie, Frankfurt am Main, 1978, S. 368–380. – Brief an Georg Lukács vom 4. November 1949, in: Bloch: Briefe, 1903–1975, Bd. 1, S. 196. – Hegel und die Gewalt des Systems, in: Bloch: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 481– 500. – Über die Bedeutung des XX. Parteitags, in: Bloch: Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz, S. 357–365. Bloch, Ernst; Harich, Wolfgang: Protokoll der philosophischen Konferenz über Fragen der Logik am 17. und 18. November 1951 in Jena. Brodersen, Ingke (Hrsg.): Der Prozess gegen Walter Janka und andere, Reinbek bei Hamburg, 1990. 470 Harichs Texte, die in dieser Edition präsentiert werden, sind im Literaturverzeichnis nicht erfasst, hier werden in den Fußnoten immer die entsprechenden Bände genannt. 1785Ernst Bloch Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis. Eine Gedenkschrift in zwei Bänden, München, 2000. Eckholdt, Matthias: Begegnungen mit Wolfgang Harich, Schwedt/Oder, 1996. Ehrlich, Lothar; Mai, Gunther (Hrsg.): Weimarer Klassik in der Ära Ulbricht, Köln u. a., 2000. – Weimarer Klassik in der Ära Honecker, Köln u. a., 2001. Feige, Hans-Uwe: Willkommen und Abschied. Ernst Bloch in Leipzig, in: Bloch-Almanach, hrsg. vom Ernst-Bloch-Archiv, Nr. 11, Baden-Baden, 1991, S. 159–190. Florath, Bernd: Rückantworten der Hauptverwaltung Ewige Wahrheiten. Wolfgang Harich ohne Schwierigkeiten mit der Wahrheit, in: Utopie kreativ, Heft 47/48, September/Oktober 1994, S. 58–73. Fronzek, Henrik: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945–1965. Zur Konstruktion eines pädagogischen Deutungskanons, Würzburg, 2012. Gropp, Rugard Otto (Hrsg.): Ernst Bloch zum 70. Geburtstag, Berlin, 1955. Gütling: Treff mit GI Kurt vom 25. Januar 1957, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 113. Hager, Kurt: Der Kampf gegen bürgerliche Ideologien und Revisionismus, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 5/6, 1956, S. 533–538. – Schlusswort, in: Bloch/Harich: Protokoll der philosophischen Konferenz, S. 127–129. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. Harich, Wolfgang: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, hrsg. von Thomas Grimm, Berlin, 1999. – Aus der schriftlichen Zeugenaussage Wolfgang Harichs vom 27. März 1957, in: Brodersen: Der Prozess gegen Walter Janka und andere, S. 54–81. – Die Extreme berühren sich. Gespräch zum Tod von Arnold Gehlen, in: Frankfurter Rundschau vom 21. Februar 1976, S. 111. Herzberg, Guntolf: Anpassung und Aufbegehren. Die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/58, Berlin, 2006. Heyer, Andreas: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ-DDR, Baden-Baden, 2017. – Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. – Freiheit im Nirgendwo. Das linke Ding der Utopie, Norderstedt, 2015. Jahn, Jürgen (Hrsg.): Ich möchte das meine unter Dach und Fach bringen. Ernst Blochs Geschäftskorrespondenz mit dem Aufbau-Verlag Berlin, 1946–1961. Eine Dokumentation, Wiesbaden, 2006. – Über den Umgang mit einem Philosophen, Nachwort. Janka, Walter: Brief an Erich Wendt vom 12. Oktober 1955, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 101. – Brief an Erich Wendt vom 20. Oktober 1955, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 103. – Schwierigkeiten mit der Wahrheit, Reinbek bei Hamburg, 1989. Kosing, Alfred: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, in: Einheit, Heft 3, März 1955, S. 299–303. Lehmstedt, Mark (Hrsg.): Der Fall Hans Mayer. Dokumente, 1956–1963, Leipzig, 2007. 1786 Teil XIV Lukács, Georg: Brief an Wolfgang Harich vom 09. Februar 1955, 2 Blatt, maschinenschriftlich. – Das ästhetische Problem des Besonderen in der Aufklärung und bei Goethe, in: Gropp: Ernst Bloch zum 70. Geburtstag, S. 201–228. Lukács, Georg (und Harich, Wolfgang): Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx, 1840–1844, in: DZfPhil, Heft 2, 1954, S. Mayer, Hans: Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen, Band 2, Frankfurt am Main, 1988. Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf/ Pitsch: Harich zum Gedächtnis, Bd. 1, S. 208–243. Münster, Arno: Ernst Bloch. Eine politische Biographie, Berlin, Wien, 2004. Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997. – Ernst Bloch und Wolfgang Harich im Jahre 1956, S. 121–124. Rauh, Hans-Christoph: Günther Jacoby und die Anfänge der DDR-Philosophie, in: Rauh, Hans-Christoph; Frank, Hartwig (Hrsg): Günther Jacoby. Lehre, Werk und Wirkung, Lübeck, 2013, S. 204–370. Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik, in: DZfPhil, Heft 1, 1956, S. 5–34. – Erklärung der Redaktion, in: DZfPhil, Heft 5/6, 1956, S. 507. Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948, Frankfurt am Main, 1997. Ulbricht, Walter: Zum Kampf zwischen dem Marxismus-Leninismus und den Ideologien der Bourgeoisie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 5/6, 1956, S. 518–532. Verlag Tägliche Rundschau (Hrsg.): Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949). Warnke, Camilla: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, in: Heyer, Andreas (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR, Norderstedt, 2015, S. 159–166. – Das Problem Hegel ist längst gelöst. Eine Debatte in der DDR-Philosophie der 50er Jahre, in: Gerhardt, Volker; Rauh, Hans-Christoph (Hrsg.): Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, 1945–1958, Berlin, 2001, S. 194–221. Wendt, Erich: Brief an Bloch vom 3. November 1949, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 23 f. – Brief an Walter Janka vom 17. Oktober 1955, in: Jahn: Ich möchte etc., S. 101. Wessel, Harald: Ein Denker zwischen Dichternamen. Erinnerungen an den Philosophen Wolfgang Harich, in: Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 299–305. Zwerenz, Ingrid; Zwerenz, Gerhard: Sklavensprache und Revolte. Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West, Hamburg, 2004. 1787Ernst Bloch Notizen zu Ernst Bloch471 (1989) Ich war mit Bloch seit 1949 befreundet, seit er für das Sonderheft der Neuen Welt über Goethe geschrieben hatte: Über das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes.472 Beim Aufbau-Verlag kriegte ich ja auch Bloch-Manuskripte zur Begutachtung. Ich war der Meinung, das sei ein furchtbarer Quatsch, was der schreibt. Ich war ganz eingeschworen auf Lukács. Das Blochsche Hegel-Buch ist ja in der Hegel-Diskussion 1951 erschienen, das Lukácssche konnte erst nach Stalins Tod erscheinen, 1954. Das Hegel-Buch von Bloch ist so ein Tiefsinnsgebrodel, das nicht störte, aber die richtige Darstellung von Lukács, die störte. Bloch war bei Hager und der Partei beliebt. Wenn Bloch den Mund aufmachte, kam krauses Zeug heraus, das war ihnen lieber als der Marxismus von Lukács. Die Manuskripte von Bloch – idealistischer, mystischer, ekelhafter Dreck, damit kann ich nichts anfangen, was der über Materie schreibt, das ist teleologisch gedacht, ein Versuch, die schlechtesten Seiten von Aristoteles als marxistisch auszugeben. Erich Wendt hat dann aber gesagt: Hören Sie mal Genosse Harich, so geht es nicht, das ist ein Mann, der in Treue zur Partei gestanden hat als Parteiloser in ganz kritischen Fragen. Da gab es kein Schwanken bei dem während der Moskauer Prozesse, während des Pakts von 1939, den müssen wir als Partei pfleglich behandeln, wenn er hier ist. Außerdem ist ein Mann von ganz großem Format, das merken Sie ja selbst. Ja, sage ich, Format hat er und als Persönlichkeit ist er hinreißend, nur was er schreibt, ist kein materialistischer Marxismus mehr, es ist Quatsch. Ja, mag sein, aber jetzt hängen an dem als Freunde unser Chef-Lektor Max Schroeder, Hanns Eisler, Bertolt Brecht, alles Bloch-Freunde. Wir können die nicht vor den Kopf stoßen. Sie müssen mit dem auskommen. Wir müssen den rausbringen, und wenn es Quatsch ist, ist das ja auch nicht so schlimm. Es ist Quatsch, den keiner versteht. 471 (AH) Auszug aus dem Ahnenpaß. Versuch einer Autobiographie, Berlin, 1999, S. 322–325. Der kleine Abschnitt wird im Folgenden als eine Art eigene Einleitung durch Harich selbst präsentiert. 472 (AH) Gemeint ist der Aufsatz: Bloch: Das Faustmotiv in der Phänomenologie des Geistes, in: Verlag Tägliche Rundschau: Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949), S. 161–178. Harich war in der Neuen Welt (die ergänzende Zweiwochenschrift zur Täglichen Rundschau) für die Ausgestaltung des Goethe-Jubiläums mit verantwortlich gewesen. Die entsprechenden Aufsätze erschienen dann in der Zeitschrift und dem Sammelband. Ausführlich dargestellt in: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort alle weiteren Informationen. 1788 Teil XIV Das ist ein hartes Urteil, aber ich bin ein Nicolai-Hartmann-Schüler, der zum Marxismus gekommen ist und dort als das große Genie den Lukács fand. Aber im Gespräch mit Bloch – wir haben zusammengesessen – hat er mir erzählen wollen, dass seine Seele unsterblich sei, dass, wenn er tot sein werde und der Vorhang raschele abends, er das sei. Er hat gesagt, Lenin steht zur Religion wie ein Bankdirektor zu seinem Sohn, der Lyrik schreibt. Diesen ganzen religiösen Quatsch, Thomas Münzer als Theologe der Revolution, wollte der mir eintrichtern. Ich sage: Alle Gottesbeweise sind widerlegt, schon von Holbach, bei Kant. Ja, die Unsterblichkeit der Seele ist eine reine Annahme. Wenn es sich nicht beweisen lässt, ist es Agnostizismus. Ich sage: Agnostizismus ist mir lieber als Dein Gnostizismus. Das hat Bloch dann wieder gefallen, weil es geistreich und witzig war. Aber er hasste an mir meine Anhänglichkeit an Nicolai Hartmann: Das ist Verrat! Dieser Bourgeois-Ideologe! Dieser Oberlehrer! Jetzt verband uns aber zweierlei: Erstens waren wir in der Hegel Frage einig, zweitens waren wir beide der Meinung, die Deutsche Zeitschrift für Philosophie darf nicht so subaltern werden, sondern muss eine für die philosophisch interessierte Intelligenz im ganzen deutschen Sprachraum lesbare Zeitschrift sein. Er war ja nun ungeheuer produktiv, in jedem Heft war ein Beitrag von ihm. Ich sage: Ja, aber dann auch in jedem Heft ein Beitrag von Lukács.473 Das wollte er wieder nicht. Er meinte, Lukács vertrete die Meinung solcher Idioten wie Hager, nur auf intellektuell glanzvolle Weise, weil er aus dem anständigen Bürgertum käme. (…) 473 (AH) An Lukács hatte Harich geschrieben (als er diesen über den Start der Deutschen Zeitschrift für Philosophie informierte): »Im Namen der Herausgeber (also auch in meinem eigenen) möchte ich Sie herzlichst dazu auffordern, uns regelmäßig Beiträge zu schicken. Ein echter Lukács pro Nummer wäre uns hochwillkommen. Beachten Sie bitte, dass a) angesichts des ständigen Hinsterbens philosophischer Zeitschriften in Westdeutschland mit Interesse und Aufnahmebereitschaft auch bei der bürgerlichen Intelligenz zu rechnen ist, und dass b) bei uns in der DDR auf dem Gebiet der Philosophie außer dem dunkel aphoristischen Bloch fast nur noch märkischer Sand existiert, der entweder von sektiererischen Genossen à la Schrickel oder von halbwegs loyal gestimmten bürgerlichen Professoren minderer Güte produziert wird. Ihre Mitarbeit ist also dringend von Nöten. Erwünscht ist alles, was nicht ausschließlich literarhistorischen Charakter hat. Genosse Wendt berichtete, dass Sie zur Zeit über Ästhetik und Ethik arbeiten. Könnten Sie hiervon etwas schon jetzt der Öffentlichkeit zugänglich machen? Schön wäre es, wenn wir bereits für die erste Nummer mit einem Beitrag von Ihnen rechnen könnten. Redaktionsschluss: Ende Oktober. Am besten wäre es, wenn Sie den Beitrag an meine obige Adresse abschickten.« Harich: Brief an Georg Lukács vom 05. September 1952, abgedr. in: Band 9, S. 176 f. 1789Ernst Bloch Es gab eine ganz starke Tendenz, die klassische deutsche Philosophie als etwas Reaktionäres schlecht zu machen. Diese Divergenzen spielten schon damals eine Rolle und ich glaube auch, dass man die heute nicht gerne objektiv darstellen will und vor allem nicht die Rolle von Lukács und Harich in den damaligen Auseinandersetzungen. Hager hat in der philosophischen Entwicklung der DDR eine katastrophale Rolle gespielt, eine unheilvolle Rolle. Wir waren beide vorbereitet worden auf die damals noch fakultativen Vorlesungen über dialektischen und historischen Materialismus, die Ende 1948 begannen. Das machte Hager bei den Philosophen und ich bei den Pädagogen. Hoffentlich halten Sie mich nicht für zu eitel, wenn ich sage, Hagers Vorlesungen waren schlecht besucht, meine waren sehr gut besucht. Man brauchte sie ja auch gar nicht zu besuchen, wenn man nicht wollte. Und Hager hat philosophische Potenzen herausgegrault aus dem Land aus den nichtigsten Anlässen. Leo Kofler wagte es, ich war selber dabei, das war auf der Parteihochschule 1950, zu sagen: Zur Dialektik gehört die Kategorie der Totalität. Hager war der Auffassung, Kofler vertrete die Totalitarismustheorie, die Faschismus und Kommunismus gleichsetzt. Nein, sagte Kofler, das ist was anderes, Totalität ist eine Kategorie der Dialektik. Dann hat Hager ihn mit Mühe und Not dazu bekehrt, einsehen zu wollen, dass das ja bei Lukács vorkommt und zwar beim frühen Lukács in Geschichte und Klassenbewusstsein. Nein Kurt, bei Marx, hier steht es! Und da wurde Kofler in Halle so schikaniert, das ihm gar nichts anderes übrig blieb, als nach dem Westen zu gehen und in Bochum eine Professur anzunehmen. Aber wie hat der Mann dort die Rote Fahne hochgehalten, der Kofler. Aber der hätte hier eine ganz wichtige und fruchtbare Rolle spielen könnte. Ich habe mich jetzt erst vor kurzem mit ihm in Wien getroffen. Oder nehmen Sie Klaus Zweiling, ein Problemdenker. Da ging es um eine Diskussion, ob Raum und Zeit Materie sind oder Eigenschaft der Materie. Es ist die Meinung also, es gibt nur Materie und Bewusstsein und nichts drittes. Nun sagt Klaus Zweiling: Raum und Zeit sind nicht Materie. Da hat er völlig recht, sind sie auch nicht. Sie sind die dimensionalen Subtrate möglicher extensiver Ausdehnung. Zweiling wurde seines Amtes als Direktor des philosophischen Instituts in Berlin enthoben und hat dann in Leipzig in völliger Vereinsamung nach dem Tod seiner Frau Selbstmord begangen. Das war Hagers Politik. Und war es nötig, dass Wolfgang Abendroth die DDR verlassen musste. Hätte der uns nicht vieles zu sagen gehabt? Und wie hat Abendroth im Westen gewirkt, bei der Aus- 1790 Teil XIV bildung junger Marxisten in Marburg. Der hat doch eine ganz hervorragende Rolle gespielt. Wa rum war er für die DDR unerträglich? War es unbedingt nötig, dass Bloch, nun gut, er war der entschiedenste Gegner von Walter Ulbricht, war es unbedingt nötig, dass man dem jegliche Lehrtätigkeit nimmt? War es nicht möglich, dass er wenigstens, nachdem er emeritiert war, in einem Zirkel von Interessenten zu Schülern seine Meinung sagen könnte? Ich bin kein Anhänger von Bloch, aber das war eine ganz wichtige Stimme, ein interessanter Mann, ein alter Freund der Kommunisten. In Tübingen hat er bis zu seinem Tode noch gelehrt. Man hat ihn auf einem Stuhl in sein Seminar hineingetragen, als er nicht mehr gehen konnte. Als Neunzigjähriger hat er noch interessante Sachen dort gesagt. Über Ernst Bloch: Die Hoffnung474 (26. August 1952) 1) Nach der Lektüre der Werke Geschichte des Begriffs Materie und Die Hoffnung von Prof. Ernst Bloch bin ich zu der Meinung gelangt, dass der Aufbau-Verlag zuerst das letztere Buch herausbringen sollte. Für eine solche Entscheidung sprechen die folgenden Gesichtspunkte. a) Der Gedanke, zuerst die Geschichte des Begriffs Materie zu veröffentlichen, ging von Genossen Erich Wendt aus, der das Buch nicht kennt, aber auf Grund des Titels der Meinung war, dass es geeignet sei, die Diskussion aktueller naturwissenschaftlich-philosophischer Fragen (Materie und Energie usw.) anzuregen und zu befruchten. Nach Lektüre des Manuskripts hat sich nun diese Meinung als nahezu irrig erwiesen. Mit Ausnahme eines einzigen Kapitels, dessen Inhalt aber auch keineswegs klar und befriedigend ist, geht das Buch an der aktuellen naturwissenschaftlichen Problemsituationen vorbei. b) Bei den Büchern von Ernst Bloch, die nach 1945 in Deutschland erschienen sind, handelt es sich um Interpretationen von Leistungen großer Denker der Vergangenheit (der Utopisten und Hegels). Bevor Prof. Bloch nun ein drittes Mal als Interpret hervortritt, diesmal als Verfasser eines philosophiegeschichtlichen Abrisses, sollte man zunächst einmal seiner eigenen philosophischen Leistung Gehör verschaffen, um zu 474 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 26. August 1952. Adressiert »An das Lektorat des Aufbau-Verlages, z. Hd. Gen. Max Schroeder«. 1791Ernst Bloch vermeiden, dass sich ein durchaus unvollkommener und einseitiger Eindruck von seinem Lebenswerk festsetzt. Wer den Geist der Utopie nicht kennt, lernt das eigentliche philosophische Anliegen Blochs erst aus der Hoffnung kennen und verstehen. Eine bevorzugte Veröffentlichung der Hoffnung liegt aus diesem Grunde Interesse sowohl des Verfassers, als auch der Öffentlichkeit. c) Thematisch hat die Hoffnung dem Leser sehr viel mehr zu sagen und zu bieten als Die Geschichte des Begriffs Materie. In der Hoffnung geht es um die Erhellung gesellschaftlicher Fragen, denen gerade in der gegenwärtigen deutschen Situation höchste aktuelle Bedeutung zukommt, während in dem anderen Werk abstrakt-theoretische Probleme behandelt werden, die zu den ideologischen Kämpfen der Gegenwart eine nur sehr indirekte, für Laien kaum sichtbare Beziehung haben, die noch dazu von Prof. Bloch nicht sehr klar herausgearbeitet wird. Um es zugespitzt zu sagen: In der Hoffnung wird zum Beispiel – um nur einiges anzudeuten – mit den diversen Spielarten des modernen bürgerlichen Nihilismus, mit den verschiedenen Formen des an illusorische Hoffnungen anknüpfenden ideologischen Betrugs usw. abgerechnet, wird der Pazifismus einer tiefen und einleuchtenden Kritik unterzogen, wird ein unmissverständliches Bekenntnis zur Sow jet uni on abgelegt, während man aus der Geschichte des Begriffs Materie etwa erfährt, was Ed. v. Hartmann und Julius Bahnsen sich über das Verhältnis von Allgemeinem und Einzelnem gedacht haben, und was für »krypto-materialistische« Tendenzen (via Objektivität) in Hegels Idealismus stecken. d) Die Eigenart des Blochschen Denkstils ist dem Thema der Geschichte des Begriffs Materie, das eine nüchterne, streng wissenschaftliche Darlegung verlangt, nach meiner Meinung im höchsten Grade abträglich, während sie in der Hoffnung gewissermaßen zur Sache gehört. Blochs Denken bewegt sich an der Grenze zwischen Philosophie und poetischer Schau, steckt voller Weisheit, die sich in – oft genialen – Bilder, in dunkel orakelnder Aphoristik, dann wieder in aufblitzenden geistreichen Aperçus äußert. Das alles macht die Geschichte des Begriffs Materie auf weite Strecken zerfahren und verworren, gibt aber den tiefen psychologischen, moralischen und ästhetischen Einsichten der Hoffnung eine völlig legitime Prägung, die man sich zuweilen besser gar nicht vorstellen kann. Derselbe Denkstil, der etwa bei der Darlegung des Weltbildes des mechanischen Materialismus verschroben und unangemessen wirkt, bewährt sich glänzend, wenn es – wie in der Hoffnung – etwa darum geht, Abgründe in der Seele des Spießers bloßzulegen, die gesellschaftliche Funktion des Happy End im Hollywood-Film zu entlarven, in die utopischen Gehalte des deutschen Volksmärchens (Hänsel und Gretel, 1792 Teil XIV Tischlein deck dich) hinein zu leuchten oder den kahlen Funktionalismus in der modernen Architektur (Bauhausstil, Taut usw.) zu kritisieren. e) Die Geschichte des Begriffs Materie ist ein unfertiges Werk. Das zentrale Kapitel, das die beiden Hauptteile (Problem des Einzelnen-Allgemeinen und Begriff Materie) in Beziehung zu bringen hätte, fehlt noch. Viele historische Details sind falsch, zumindest ungenau, viele Zusammenhänge konstruiert, so dass das Manuskript noch gründlicher Überarbeitung bedürfte. Die Hoffnung ist ein fertiges, lückenloses Werk, das – abgesehen von ganz unwesentlichen Einzelheiten – keiner Korrektur mehr bedarf und unverzüglich in die Herstellung gegeben werden könnte. 2) Vom Inhalt des Buches Die Hoffnung auch nur annähernd einen Begriff zu geben, ist natürlich sehr schwer, wenn man vermeiden will, ins Uferlose zu geraten. Nur der Grundgedanke kann hier angedeutet werden. Er ergibt sich aus der Gegnerschaft zur mechanisch-fatalistischen Geschichtsauffassung. (AH) An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, es folgt im Original noch ein Bloch-Zitat, zudem begann Harich mit seiner Darstellung der Vermessung des »subjektiven Faktors« durch Bloch. Siehe hierzu das Gutachten vom 09. Februar 1953. Im Archiv des Aufbau-Verlages ist das Manuskript auch nicht vollständig erhalten. Gutachten über Ernst Bloch: Hoffnung475 (09. Februar 1953) Der Aufbau-Verlag will im Produktionsjahr 1953 das dreibändige Werk von Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, herausbringen und jetzt zuerst den ersten Teil in die Herstellung geben. Es handelt sich bei diesem Werk, das sich sehr schwer mit wenigen Worten charakterisieren lässt, um eine Weltgeschichte des menschlichen Hoffens auf ein besseres Leben, dessen Zeugnisse in den Religionen, in der Geschichte der Philosophie, in Kunst, Literatur, Musik und Architektur, in den sozialistischen Utopien und in den Träumen von Technikern und Ärzten nachgewiesen werden. Das alles gipfelt in der Darstellung des Marxismus-Leninismus, der zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit das Prinzip Hoffnung konkret realisierbar macht, indem er es mit der wissenschaftlichen Einsicht in die Entwicklungsgesetze von Natur und Gesellschaft verbindet und diese Einsicht zur entscheidenden Waffe des Proletariats macht. 475 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 09. Februar 1953. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1793Ernst Bloch Blochs Werk, die Fortsetzung seines berühmten Buches Geist der Utopie, ist eines der bedeutendsten Werke des neuen, sozialistischen Humanismus und Optimismus. Von sehr eigentümlichen, neuen, selten gesehenen Prämissen her, nämlich vom utopischen Gehalt der Religionen, philosophischen Systeme, technischen Träume usw. ausgehend, dies alles vor einem weiten weltgeschichtlichen Rahmen, gelangt Bloch zu den Schlussfolgerungen des Marxismus-Leninismus, stellt er die sozialistische Sow jet uni on als die konkrete Erfüllung des Prinzips Hoffnung dar. Das Prinzip Hoffnung als die so genannte »Tiefendimension des subjektiven Faktors in der Veränderung der Welt« wird von ihm herausgearbeitet im Kampf einerseits gegen den Existenzialismus, vor allen Dingen Heidegger, andererseits gegen die Psychoanalyse. Dem Unbewussten der Psychoanalyse stellt Bloch die Kategorie des Noch-Nicht-Bewussten, d. h. der in die Zukunft gerichteten Hoffnung, die das Kommende halbbewusst vorwegnimmt, entgegen. Gleichzeitig wird das Prinzip Hoffnung dem der existenzialistischen Angst und Sorge gegenübergestellt und damit ein sozialistisch-optimistischer Anti-Existenzialismus entwickelt. Sicher ist, dass das Buch, speziell für die Überzeugung intellektueller Menschen geschrieben, nicht jedermann zugänglich ist, aber als Waffe im Kampf um das Bewusstsein einer breiten, sozialistisch und politisch nicht unwichtigen Intellektuellenschicht ist es von großem Wert. Entwurf eines Gutachtens: Das Prinzip Hoffnung, 1. Band476 (1953) Ausgehend von der Feststellung, dass »von Leibnizsens Entdeckung des Unterbewussten über die romantische Psychologie der Nacht und Urvergangenheit bis zur Psychoanalyse Freuds bisher nur wesentlich die ›Dämmerung nach rückwärts‹ bezeichnet und untersucht worden ist« und in der bisherigen Philosophie überhaupt das ganze, wie der Autor es nennt, »blühende Fragengebiet«, die Dämmerung des »Vor-uns« im Gegensatz zur »Dämmerung nach rückwärts« »fast sprachlos daliegt«, also das »Noch-Nicht-Gewordene«, »Noch-Nicht-Bewusste«, obwohl es »den Sinn aller Menschen und den Horizont alles Seins erfüllt, nicht einmal als Wort, geschweige als Begriff durchgedrungen ist, ›Utopisches‹ (im Sinne des Autors) nicht reflektiert wurde, nur mehr sporadisch 476 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. Höchstwahrscheinlich zum internen Gebrauch im Aufbau-Verlag. Nicht zu übersehen ist, dass Harich stellenweise Blochs Schreibstil ironisch imitierte. 1794 Teil XIV gestreift« und deshalb »nicht zu dem ihm angemessenen Begriff kam«, versucht Bloch mit der Entdeckung des eben »Noch-Nicht-Bewussten«, des »relativ Unbewussten nach seiner anderen, vorwärts, nicht rückwärts gelegenen Seite«, da, wie er sehr richtig erkennt, diese »Dämmerung des Vor-uns« »ihren spezifischen Begriff verlangt, die Phänomene, worin Ungewordenes steckt und sich artikulieren will, Sehnsucht, Erwartung, Hoffnung also ihre Hermeneutik brauchen und (überhaupt) das Novum seinen Frontbegriff verlangt«, an eine (die) Stelle, die »bewohnt ist wie das beste Kulturland und noch unerforscht wie die Antarktis, Philosophie zu bringen«, und zwar dahingehend und »im Dienste des Zwecks, dass durch das vermittelte Reich der Möglichkeiten endlich die Heerstraße zum notwendig Gemeinten kritisch gelegt werde, unabgebrochen orientiert bleibe«. Also handelt vorliegendes Buch, wie Bloch selbst erwähnt, »von nichts anderem als vom Hoffen über den gewordenen Tag hinaus« und »das Thema dieses Werks sind die Träume vom besseren Leben«. In diesem Sinne setzt sich der Autor kritisch mit den Ansichten der bisherigen Philosophie über dieses Thema auseinander, besonders und umfangreich aber mit der Freudschen Anschauung, nach welcher zum Beispiel der Traum kurz gesagt sich nur auf Gewesenes bezieht, nicht aber ein Vorschein von »Noch-Nicht-Bewusstem«, »Noch-Nicht-Wirklichem«, also »Utopischem« ist, welches aber doch nach Meinung des Autors besonders in den bewusst lenk- und bestimmbaren Tagträumen gewissermaßen gedanklich antizipiert werden kann, ja, antizipiert wird. Auch Freuds Erklärung der Grundtriebe des Menschen, der Ursache bzw. Ursachen zu diesen Trieben greift Bloch analysierend an und setzt dem Freudschen Lustprinzip, der Libido als alles erregendem Trieb, besonders aber der Verabsolutierung dieses Freudschen Triebinspirators durch die so genannte Freudsche Schule, namentlich durch den »psychoanalytischen Faschisten« C. G Jung, der »die Libido und ihre unbewussten Inhalte gänzlich auf Urzeitliches reduzierte«, einen Trieb gegenüber, der erstens stärker als der sexuelle Trieb, zweitens der »solideste unter den mehreren Grundtrieben und bei allen zeitlichen, klassenmäßigen Abwandlungen, denen auch er unterliegt, sicher der allgemeinst verständliche ist«, den Hunger, den Selbsterhaltungstrieb, der erst, nach Bloch, die »Geschichte, und zwar die ganze, vom steinzeitlichen Beginn der Arbeitsteilung bis zur letzten abgeworfenen Bombe zu einer Geschichte von Klassenkämpfen macht. (…) Es gibt eben keine erotische Geschichtsauffassung an Stelle der ökonomischen, keine 1795Ernst Bloch Welterklärung aus Libido und ihren Entstellungen statt aus Wirtschaft und Überbauten.« Damit hat Bloch zweifellos nicht unrecht. Prinzipiell allerdings möchte ich bemerken, dass Blochs Schlussfolgerungen und Erklärungen vielfach ungenügend marxistisch fundiert sind. Ich erwähne das deshalb, weil der Autor letztenhin immer einen durchaus marxistischen Standpunkt vertritt, sich aber meines Erachtens nur auf Marxsche Äußerungen beschränkt, dabei die Erkenntnisse anderer bedeutender Marxisten, zum Beispiel Lenins, oft unberücksichtigt lässt, zumindest nicht genügend auswertet. So zum Beispiel in dem Kapitel über den Kälte- und Wärmestrom im Marxismus, wo Bloch einen zwar Marxschen Standpunkt vertritt, dabei aber den besonders seit Lenin hinzukommenden revolutionären Optimismus außer acht lässt. Prinzipiell ist weiterhin festzustellen, dass der Autor fast konsequent marxistische Termini zu vermeiden versucht. Die dabei eventuell entstehende Gefahr, dass des Autors Ansichten durch die Verwendung doch relativ unbekannter Termini im einzelnen missverstanden werden können, sofern man von einem marxistischen Standpunkt an die Dinge herangeht, wird aber fast ausnahmslos durch die sehr in die Breite und bis ins Kleinste gehende Darlegung dieser seiner Ansichten meist wieder aufgehoben. Doch auch da, wo keine uns unbekannten, von ihm selbst gewählten Termini stehen, sind des Autors Erläuterungen verschiedentlich nur einseitig dargestellt bzw. nicht notwendig genug begründet wurden. So ist zum Beispiel der Satz »Auch die vollständigen technischen Bedingungen zum sozialistischen Aufbau konnten in diesem Land (gemeint ist die Sow jet uni on) selbst nachgeholt werden, nachdem sie in anderen Ländern bereits entwickelt und von dort übernehmbar waren (…)« sachlich in dieser Formulierung unzulänglich; denn das Moment der eigenen schöpferischen technischen Entwicklung in der Sow jet uni on ist dabei völlig unberücksichtigt geblieben. Einseitig ist Bloch auch in der Darstellung der so genannten nichtbürgerlichen Träume, wenn er sagt, dass diese bedeutend undeutlicher sind als die Träume der Bürgerlichen, »die nur in die vorhandene Auslage zu greifen haben«. Hier sieht Bloch nur die Träume der Armen, der Arbeiter, die das, was sie nicht haben, zum Beispiel Geld, Reichtum, Luxus usw., in ihren Träumen antizipieren, dabei einen solchen Traum schon als einen revolutionären bezeichnend; aber sicher hatten Träume bei klassenbewussten Arbeitern bereits einen konkret-utopischen Inhalt, der keineswegs »undeutlich« war. Auch mit 1796 Teil XIV Blochs Meinung, dass Reue ein Gefühl ist, »das heutzutage fast nur noch im Geschäftsleben vorkommt« und »der von ihr erfüllte Traum meistens um verlorenes Geld« spielt, kann ich nicht übereinstimmen; auch hier ist Bloch meines Erachtens einseitig, der Begriff der Reue zu eng gefasst. Weiteres eben nur einseitig Gesehenes bzw. überhaupt falsch Dargestelltes, wie auch mir teilweise oder gänzlich Unklares möchte ich mir hier auszuführen ersparen, ich habe in diesen und ähnlichen Fällen meine Bemerkungen an den Rand geschrieben. Über Blochs Arbeit als Ganzes ist zu sagen, dass absolut Neues dem auch nur einigermaßen mit dem Marxismus bekannten Leser allerdings nicht geboten wird, da, wenn auch von einer anderen Basis ausgehend, bereits durch den Marxismus bzw. mit den marxistischen Lehren die von Bloch aufgeworfenen Probleme geklärt werden können, teilweise schon direkt geklärt worden sind. So ist zum Beispiel die Sperre zwischen Vergangenheit und Zukunft von Marx längst gesprengt worden, da im historischen Entwicklungsprozess Vergangenheit und Zukunft eine untrennbare Einheit bilden müssen, um denselben in seiner Gesetzmäßigkeit zu erkennen. Insofern aber, da zu diesen erwähnten Problemen sich bisher keiner derart umfassend direkt mit den bisherigen philosophischen Ansichten, besonders zum Beispiel mit Freud, Heidegger, Bergson, aber auch mit Hegel usw. in erwähnter Beziehung kritisch auseinandersetzte, und da der Autor gewissermaßen auf dem direkten Wege der philosophischen Spekulation zu seinen Ansichten und Schlussfolgerungen über das Noch-Nicht-Seiennde, speziell der Hoffnung im positiven (Wunsch) und negativen (Furcht) Sinne, wenn auch unter Hinzuziehung marxistischer Tendenzen, letzthin zu einer durchaus mit dem Marxismus übereinstimmenden Ansicht kommt, ist Blochs Werk (das insgesamt drei Bände umfassen soll) begrüßenswert. Weitere Bemerkungen zu Blochs Hoffnung, 1. Band477 (1953) 1) Der Satz »Das Sein, das das Bewusstsein bedingt, wie das Bewusstsein, das das Sein bearbeitet, versteht sich letzthin nur aus dem und in dem, wonach es tendiert (…)« ist 477 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. Höchstwahrscheinlich zum internen Gebrauch im Aufbau-Verlag. 1797Ernst Bloch prinzipiell nicht falsch, aber ich zweifle, ob man denselben in dieser absolut klingenden Formulierung stehen lassen kann. (Seite 22) 2) Den Pöbel bezeichnete das Tückisch-Brutale, Ekelhafte usw., er ist käuflich und sinnlos gefährlich, folglich kann er von denen, die die Mittel haben, jederzeit bezahlt, verblendet, missbraucht werden; und es ist ein Glück, dass der Pöbel ebenso treulos ist usw. Soweit Bloch. Erstens kann man meines Erachtens eine solche Meinung nicht verabsolutieren, denn das wäre eine völlige Negierung des revolutionären Elements der untersten Klasse von Menschen, zweitens fehlt eine Begründung bzw. Erklärung, warum der Pöbel so ist und nicht anders. (Seite 37) 3) »Das Begehren ist gewiss viel älter als das Vorstellen des Etwas, das begehrt wird.« Es ist mir unverständlich, dass ein Begehren ohne die Vorstellung dessen, was begehrt wird, vorhanden sein kann. Ebenso unverständlich ist mir auch das Folgende: »Doch eben indem das Begehren zum Wünschen übergeht, legt es sich die mehr oder minder bestimmte Vorstellung eines Etwas zu, und zwar als eines besseren Etwas.« Nach meinem Empfinden ist Begehren stärker als Wünschen, kann also nicht zum Wunsch übergehen, aber der Wunsch zum Begehren. (Seite 54, vgl. auch Seite 94.) 4) »Klassenkämpfe werden gegenwärtig zwischen Massen und jenen Ichs geführt, die als Unternehmer ganz besonders selfish oder egoistisch genannt werden.« Unzureichende Erklärung für Klassenkämpfe schlechthin. Nicht einverstanden bin ich auch mit Blochs Begriffen wie »Massen« und »Ichs« in diesem Zusammenhang. 5) Folgendes über Selbsterhaltung und Ichbildung ist mir teilweise unklar: (Seite 85) »Selbsterhaltung wird Selbsterweiterung. Und diese wirft um, was der aufsteigenden Klasse, dem klassenlosen Menschen im Wege steht.« Erstens ist nicht die Selbsterhaltung oder Selbsterweiterung der alleinige Trieb der aufsteigenden Klasse zu revolutionärem Tun und zweitens kann man die aufsteigende Klasse nicht mit klassenlosen Menschen identifizieren. (Seite 101) 6) Über Brentanos Vaduz und Mörikes Orplid. Am Schluss der Betrachtung sind Orplid und Vaduz betreffs ihrer Zugehörigkeit zu Brentano bzw. Mörike vertauscht worden. Dieser Tausch kann durchaus absichtlich geschehen sein, ist aber unwahrscheinlich. (Seite 129/130) 1798 Teil XIV 7) Bloch beruft sich auf Engels und meint, dass dieser gesagt hat, »Kunst sei Darstellung typischer Charaktere in typischen Situationen«. Bei Engels heißt es aber nicht Kunst, sondern Realismus, dazu speziell im Hinblick auf die Literatur, nicht schlechthin der Kunst. (Seite 293) 8) Bloch ist der Meinung, dass die »Täter der Klassengesellschaft«, d. h. »der undurchschaubaren Geschichte«, den Augenblick, in dem sie taten, nicht nach seinem geschichtlichen Inhalt erfasst haben. Als einzige Ausnahme führt er Goethe an, begründet durch dessen Ausspruch am Tag der Kanonade von Valmy: »Von hier ab und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.« Erstens ist die Begriffsbildung »Täter der Klassengesellschaft« (nach Bloch zum Beispiel Caesar, aber auch Goethe) unmöglich, zweitens gibt es gerade in neuerer Zeit eine Menge historischer Persönlichkeiten, die durchaus den Augenblick ihres geschichtlichen Tuns erfassten. (Seite 316) Auch die damit im Zusammenhang stehende Erklärung Blochs auf Seite 318, dass »die aktuelle Gegenwart von der Betrachtung her überhaupt nicht wissenschaftlich verstanden werden kann«, ist zumindest nur bedingt richtig, denn es kommt immer da rauf an, wie weit man den Begriff der Gegenwart fasst. Absolut falsch und unmarxistisch ist aber die Behauptung (Seite 319), die Unmittelbarkeit sei dunkel. 9) Das Kapitel Das Nicht im Ursprung, das Noch-Nicht in der Geschichte, das Nichts oder Alles am Ende beinhaltet die wohl gewagteste philosophische Spekulation des ersten Bandes. Es ist mir unverständlich, was für einen Sinn und Zweck eine solche Erklärung von Nicht, Nichts, Nicht-Da, Nicht-Haben usw. haben soll. (Seite 332 ff.) 10) Der Satz »Und ein Abklang des Barock war noch die Empfindsamkeit« ist meines Erachtens falsch; denn die Empfindsamkeit als solche, gewissermaßen als Ausdruck des erwachenden bürgerlichen Selbstbewusstseins schon während der Aufklärung, hat ganz andere Wurzeln und ist deshalb nicht als Abklang des Barock zu bezeichnen, das noch ganz im Dienste des höfischen Adels stand. Allerdings kann man dem Barock, besonders dem Hoch-Barock und hier wieder speziell den bildenden dieser Zeit, eine gewisse Empfindsamkeit nicht absprechen. Aber das waren bereits, wie wir am Beispiel eines Christian Günther in der Literatur sehen können, anti-barocke Züge. (Seite 436) 11) Bloch bezeichnet den Film als eine Halbkunst. Veralteter Standpunkt. 1799Ernst Bloch Entwurf eines Gutachtens: Das Prinzip Hoffnung, 2. Band478 (1954) Bei dem vorliegenden Manuskript handelt es sich um den zweiten Band des Werkes Das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch. Eine ausführliche Begutachtung, die sich auf alle drei Bände des Werkes bezog, ist seinerzeit bereits erfolgt. Aus diesem Grunde wird hier von einer nochmaligen besonderen Begutachtung des zweiten Bandes abgesehen. Bemerkt sei nur, dass der zweite Band die verschiedenen technischen, medizinischen, sozialen usw. Utopien behandelt, ein Thema, bei dessen Erörterung der Verfasser der marxistischen Theorie am nächsten kommt und das den politischen Angelpunkt des ganzen Werkes darstellt. Auch der zweite Band, genau wie der erste, ist vom Verfasser mit Streichungen, Änderungen und neuen Zusätzen versehen worden, nachdem er im Lektorat kritisch durchgesprochen wurde. Bemerkt sei schließlich noch, dass ein Kapitel des vorliegenden zweiten Bandes, nämlich das mit dem Titel Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien, bereits vor Jahren im Aufbau-Verlag gesondert als kleines Buch erschienen ist. Gutachten über Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Band 3479 (24. Mai 1954) Wir setzen Sie davon in Kenntnis, dass der Aufbau-Verlag jetzt auch den dritten Band des Werkes Das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch in Satz gibt, nachdem der erste Band in Druck gegangen ist und der zweite Band in Korrekturfahnen vorliegt. Der dritte Band enthält den fünften Teil des Werkes mit dem Untertitel Wunschbilder des erfüllten Augenblicks. Der Verfasser versucht hier vor allem, den utopischen Gehalt in großen Gestalten der Weltliteratur, wie Faust, Don Quijote usw., sowie in großen Werken der Musik, in den Religionen, in den Idealen der verschiedenen historischen Erscheinungsformen der Moral usw. herauszuarbeiten und in einem humanistischen Sinne zu deuten. 478 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 479 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 24. Mai 1954. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1800 Teil XIV Brief an Karola Bloch480 (28. Juni 1954) (AH) Am selben Tag hatte Harich an Gertrud Lukács einen fast identischen Brief (mit ähnlichen Bitten, einem analogen Vorschlag für den Buchaufbau etc.) geschrieben481 – betreffs der Festschrift für Georg Lukács. (Abdruck in Band 9.) Während die Lukács-Festschrift dann tatsächlich im Aufbau-Verlag erschien, wurde Blochs Jubiläumsgabe, herausgegeben von seinem großen Gegner und Feind Rugard Otto Gropp, im VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, publiziert. Der Aufbau-Verlag veröffentlichte stattdessen ein kleines Auswahlbändchen mit Arbeiten Blochs, siehe das Gutachten über Bloch: Auszüge (24. März 1955). Liebe Frau Karola! Der Aufbau-Verlag hat die Absicht, im Jahre 1955, anlässlich des 70. Geburtstages Ihres Gatten, eine Art Festschrift mit fundierten Glückwunschschreiben herauszugeben. Wir bitten Sie, uns in dieser Angelegenheit, die schon jetzt in Angriff genommen werden muss, behilflich zu sein. Was wir von Ihnen benötigen, ist Folgendes: Eine Liste mit Namen und Adressen von Persönlichkeiten, an die wir uns nach Ihrer Meinung wenden sollten, um sie um Überlassung ihrer Glückwunschschreiben zu bitten. In Frage kommen: Führer und Theoretiker der Arbeiterbewegung, Persönlichkeiten der Weltfriedensbewegung, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Philosophen, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler (aus allen Teilen Deutschlands und auch international), Freunde beiderlei Geschlechts, Schüler, Verleger, Studenten usw. Ferner wollen wir in den Band eine Lebensbeschreibung Ihres Mannes aufnehmen, die der dringend nötigen Information seiner Leser dienen soll. Diese Lebensbeschreibung soll nach Möglichkeit (im Gegensatz zu den Glückwunschschreiben) nüchternd informierend gehalten sein und nicht gezeichnet werden. Es wäre am besten, wenn Sie uns die nötigen Unterlagen dafür zusammenstellen bzw. einen fertigen Entwurf schicken würden. Schließlich wollen wir an den Schluss des Bandes eine ausführliche Bibliographie der Werke Ihres Mannes stellen. Auch hierbei bitten wir um Ihre Hilfe bzw. um einen Rat, an wen wir uns am besten in dieser Frage wenden sollen. In Erwartung einer baldigen Antwort bin ich mit den herzlichsten Grüßen Ihr 480 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 28. Juni 1954. Adressiert an Blochs Privatadresse in Leipzig. 481 (AH) Brief an Gertrud Lukács, 28. Juni 1954, 2 Blatt, maschinenschriftlich, 28. Juni 1954. Janka hatte den Brief ebenfalls unterschrieben. 1801Ernst Bloch 8. November 1954,  Ernst Bloch auf Begegnung der Geistesschaffenden Gutachten über Bloch: Auszüge482 (24. März 1955) (AH) Das kleine Buch erschien unter dem Titel: Ernst Bloch: Wissen und Hoffen. Auszüge aus seinen Werken (1918–1955). Festgabe zum 70. Geburtstag von Ernst Bloch am 8. Juli 1955, Berlin: Aufbau-Verlag, 1955. Umfang 90 Seiten. Der Aufbau-Verlag bereitet als Festgabe zum bevorstehenden 70. Geburtstag seines Autors Prof. Dr. Ernst Bloch, Direktor des philosophischen Instituts der Karl-Marx-Universität Leipzig, einen etwa 3 bis 4 Druckbogen umfassenden Band mit ausgewählten Stücken aus den Büchern Blochs vor, dem ein Glückwunsch des Verlages an den Jubilar vorangestellt werden soll. Der Band enthält besonders wertvolle und für das Schaffen des Verfassers bezeichnende Stellen aus den Büchern: Spuren, Geist der Utopie, Thomas Münzer als Theologe der Revolution, Erbschaft dieser Zeit, Subjekt-Objekt, Avicenna und die Aristotelische Linke und Das Prinzip Hoffnung sowie die Rede Blochs auf dem II. Nationalkongress der Nationalen Front des demokratischen Deutschland. 482 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 24. März 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1802 Teil XIV Da der Band pünktlich bis Anfang Juli fertig gestellt sein muss, wird um sofortige Erteilung von Satz- und Druckgenehmigung gebeten. Der Titel steht noch nicht endgültig fest. Das Buch läuft unter dem Arbeitstitel: Bloch – Auszüge. Auch das Manuskript des kurzen Glückwunsches kann erst nachgereicht werden. Gutachten über Ernst Bloch: Politik und Bedeutung483 (28. Juni 1955) Unser Verlag beabsichtigt, gemäß einer vertraglichen Vereinbarung mit dem Verfasser, die in den letzten 45 Jahren entstandenen Aufsätze und Artikel von Akademiemitglied Prof. Dr. Ernst Bloch in mehreren Bänden herauszugeben. Vorgesehen ist eine Ausgabe in drei Bänden unter dem Gesamttitel Politik und Bedeutung. Der erste Band soll die politischen Aufsätze, Artikel und Reden, der zweite Band Arbeiten über Literatur und Kunst sowie geographische Aufsätze, der dritte Band schließlich die gesammelten philosophischen Aufsätze, Vorworte, Artikel usw. des Verfassers enthalten. Soviel über den gesamten Plan. Zur Zeit liegt uns das vollständige Manuskript des ersten Bandes vor, das wir schon jetzt in die Herstellung geben und im Jahre 1956 als Buch erscheinen lassen wollen. Titel: Politik und Bedeutung. Erster Band. Untertitel: Politische Aufsätze (1911–1955). Das Manuskript wurde aus Abschriften von Aufsätzen und Artikeln aus den verschiedensten deutschen und ausländischen deutschsprachigen Zeitschriften und Zeitungen zusammengestellt, zum Beispiel: Frankfurter Zeitung, Das Tagebuch, Die Weltbühne, Die Neue Weltbühne, Das Wort, Die Sammlung (Amsterdam), Freies Deutschland (Mexiko), Aufbau, Tägliche Rundschau, Sonntag usw. Die so entstandene Sammlung ist vor allem aus zwei Gründen von außerordentlicher Bedeutung: Sie gibt erstens einen Überblick über die wichtigsten politischen Ereignisse der letzten 45 Jahre in der Beleuchtung eines militanten Humanisten und Demokraten, der seit 1918 ein leidenschaftlicher Bekenner des Sozialismus ist und konsequent für die Sache der Sow jet uni on und der Kommunistischen Partei Deutschlands eintritt. Zweitens macht diese Sammlung von Aufsätzen und Artikeln in eindrucksvoller Weise deutlich, dass wir in Ernst Bloch, der bisher in der DDR den Lesern vorwiegend nur als Autor schwieriger und anspruchsvoller philosophischer Bücher bekannt ist, seit 483 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 28. Juni 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. Durchschläge an: Caspar (Büro des Lektorats) und Liebscher (Presseabteilung). 1803Ernst Bloch Jahrzehnten einen politischen Publizisten von hohem Rang besitzen, dem alle Waffen des Witzes, der Ironie und einer geistvollen und zugleich echt volkstümlichen Sprache zu Gebote stehen. Der Band beginnt mit Anklagen gegen das wilhelminische Regime und das ihm dienstbare nationalistische Spießertum in Deutschland. Er bringt sodann großartige Entlarvungen der deutschen Militärkaste und ihrer Politik und Kriegsführung aus der Zeit des ersten imperialistischen Weltkrieges. Da ran schließen sich die Aufsätze an, in denen Bloch die deutsche Reaktion zur Zeit der Weimarer Republik bekämpfte. Den größten Anteil des Bandes machen diejenigen Artikel aus, die, in der Emigration entstanden, dem Kampf gegen Hitlerdeutschland gewidmet sind. Aus derselben Zeit stammen die hoch interessanten und für die Erziehung namentlich der Intelligenz äußerst bedeutsamen Aufsätze, in denen Bloch die Moskauer Prozesse der dreißiger Jahre gegen die Verleumdungen und Unterstellungen, mit denen dieser Vorgang in der liberalen und sozialdemokratischen Presse des Westens kommentiert wurde, verteidigt. Den Abschluss des Bandes bilden schließlich Artikel und politische Vorträge, in denen Bloch, nach seiner Heimkehr aus dem Exil im Jahre 1949, sein Bekenntnis zur Politik der Regierung der DDR begründet. Von besonderer aktueller Bedeutung ist hier vor allem der Aufsatz Deutsche Armee des Friedens, der sich polemisch mit den pazifistischen Strömungen in unserer Republik und mit der Verleumdung der Volkspolizei durch westliche Pro pagan dis ten auseinandersetzt. Mit dem vorliegenden Bande eine absolute Vollständigkeit zu erreichen, lag nicht in der Absicht des Autors oder auch des Verlages. Es wurden zwar alle wesentlichen politischen Aufsätze Blochs aufgenommen, aber andere, teils notgedrungen, teils bewusst und absichtlich, ausgeschieden. Zunächst, was das »notgedrungen« betrifft, war es trotz zweijähriger Bemühungen nicht möglich, sämtliche politische Artikel, die Bloch in den vergangenen Jahrzehnten verfasst hat, noch aufzutreiben. Sodann wurden sorgfältig alle Arbeiten ausgeschieden, von denen der Verfasser und der Verlag die Überzeugung gewonnen haben, dass sie falsche oder zumindest missverständliche Auffassungen enthalten. Zum Beispiel hat Bloch in der Zeit des Ersten Weltkrieges, und zwar vor der Oktoberrevolution, in der Schweiz Artikel gegen den deutschen Imperialismus geschrieben, die eine gewisse Beschönigung der Entente insofern enthalten, als sie dieser, in Anbetracht der alten demokratischen Traditionen der betreffenden Staaten (Frankreich, England), zuweilen attestieren, dass sie ein kleineres Übel im Vergleich zum Deutschland Wilhelms und Ludendorffs sei. Mit dieser Stellungnahme stand 1804 Teil XIV Bloch damals im Gegensatz zu der Plattform von Zimmerwald und Kiental, also auch zu Lenin, der es ablehnte, derartige Nuancen zwischen den verschiedenen kriegsführenden Gruppen des Imperialismus als in Betracht kommend gelten zu lassen. Diejenigen Artikel, die die besagte Tendenz aufweisen, wurden fortgelassen. Ebenso erschien es als ratsam, aus einem Artikel von 1938, der die österreichischen Antifaschisten zum Kampf gegen Hitler aufruft und der im ganzen die richtige Linie der Wiederherstellung Österreichs als selbständiger Staat vertritt, den Schlussabschnitt zu streichen, da dieser Spekulationen über die Möglichkeit einer zukünftigen Vereinigung einer sozialistischen Volksrepublik Österreich mit einem sozialistischen Deutschland enthält, Spekulationen, die gegenwärtig nur schädlich wirken würden. Fortgelassen wurden schließlich kürzere Artikel, sofern ihr Sinn nur durch ausführliche Kommen tare heute noch verständlich gemacht werden könnte. Bei allen diesen Änderungen handelt es sich durchweg um Fortlassungen ganzer Arbeiten und in einzelnen wenigen Fällen um Streichungen bestimmter Abschnitte und Sätze. Eine Veränderung der Texte durch nachträgliche Korrekturen wurde in keinem Falle vorgenommen, so dass alles, was in dem Buch enthalten ist, auch als historisch echt bezeichnet werden muss. Um Genehmigung wird gebeten. Editionsplan zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung484 (1955) Band I 1911–1912 1) Zu dumpf (1911) 2) Der blühende Spießer (1911) 3) Der Panthersprung (1912) 4) Zweierlei Leben (1912) 1914–1930 5) Die Leere (1914) 6) Der Aufmarsch (1914) 7) Der undiskutierbare Krieg (1914/1915) 484 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert oder adressiert. Höchstwahrscheinlich interner Gebrauch im Verlag. 1805Ernst Bloch 8) Deutschland und ein neues Russland (April 1917) 9) Schuldfrage und mögliche Regeneration (Juli 1917) 10) Aber: Jugend, Hindenburg und Republik (1919) 11) Hitlers Gewalt (April 1924) 12) Zum Dritten Reich (22. 11. 1930) 13) Die italienische Deutschenliebe (1925) 14) Verband sächsischer Germanen (1930) 15) 10 Jahre Zuchthaus, 7 Meter Courschleppe (1930) 16) Der vorsichtige Träumer (1930) 1932–1938 17) Straße frei (1932) 18) Tag und Dunkel (1932) 19) Jean Pauls Neujahrsgruß 20) Gedenket, schenkt, wachet, betet (1932) 21) Blutfahne und Geburtshaus (1933) 22) Ein altes Lied 23) Inventar des revolutionären Scheins (1933) 24) Rassentheorie vor hundert Jahren (1934) 25) Zur Extravaganz des Unwirklichen (1934) 26) Hexenprozesse in Deutschland (1934) 27) Musik der Bedrohung (1935) 28) Nazi-Filme oder der Zauber der Persönlichkeit (1934) 29) Die Frau im Dritten Reich (1937) 30) Neuer Adel (1937) 31) Forscher und Betrüger (1936) 32) Der letzten Hirtenbrief (1936) 33) Der Bischof und die Reunionen (1938) 34) Lutherzorn der Bestialität (1937) 35) Wettkampf der Irrationalen (1936) 36) Merkwürdige Reste des Gefühls (1936) 37) Himmelszeichen in Wien (1937) 38) Herodes und das Licht (1936) 39) Der Intellektuelle und die Politik (1938) 40) Das große englische Zeitwort »Prüfen« (1936) 41) Billige Bundesgenossen (1938) 42) Fabius Cunctator und Franco (1937) 1806 Teil XIV 43) Emir Franco als Nationalist (1936) 44) Thomas Manns Manifest (1937) 45) Demokratie als Ausnahme (1938) 46) Demokratie und Begabung (1936) 47) Die Fabel des Menenius Agrippa oder eine der ältesten Soziallügen (1936) 48) Nutzen der Sensation (1937) 49) Zur Methodenlehre der Nazis (1936) 50) Der Nazi und das Unsägliche (1938) 51) Sokrates und die Propaganda (1936) 52) Zeichen, Urbilder in der Propaganda (1937) 53) Wiederkehr der Ideale (1937) 54) Kritik einer Prozesskritik (1937) 55) Wieder Moskauer Prozesse: Bucharins Schlusswort (1938) 56) Feuchtwangers Moskau 1937 (1937) 57) Ironie des Schicksals (1937) 58) Hexenprozesse in Moskau. Antwort an Ignazio Silone (1937) 59) Der große Oktober (1937) 60) Jubiläum der Renegaten (1937) 61) Begegnung Hitler-Mussolini (1937) 62) Entzauberte Medusa (1937) 63) Vom Hazard zur Katastrophe (1937) 64) Permanente Explosion (1937) 65) Die österreichische Frage (1938) 66) Das Unrecht des Pessimismus (1938) 67) Merkwürdige Gespenstergeschichte (1938) 68) Hitlers Frömmigkeit 1938–1944 69) Ansprache auf dem Congress of American Writers (1939) 70) Erinnerungen an Prag (1938) 71) Betrug mit Frieden (1938) 72) Antisemitismus bis zum bitteren Ende (1939) 73) Wurzeln des Nazismus (1939) 74) Verrat und Verräter (Januar 1942) 75) Der Nazi kocht im eignen Saft (April 1942) 76) Italien und deutsche Verantwortung (Oktober 1942) 77) Bewährung in Krieg und Frieden (November/Dezember 1942) 1807Ernst Bloch 78) Nachkriegsgericht (März 1943) 79) Halbheit, Ganzheit und die Folgen (Dezember 1943) 80) Der Nazi und die tragische Maske (Mai 1943) 81) Die Nazis im Untergrund (Juli 1944) 1950–1955 82) Brief über den Frieden (1950) 83) Die Todesschleife (1952) 84) Deutsche Armee des Friedens (1952) 85) Eine Frage und eine Antwort (1951) 86) Marx und die bürgerlichen Menschenrechte (1953) 87) Zum Gremium der Humanisten (1954) 88) Goya in Wallstreet (1954) 89) Hoffnung und Vernunft I (1954) 90) Hoffnung und Vernunft II (November 1954) 91) Deutsche Kulturgespräche (1955) 92) Stellungnahme zur Volkswahl (Oktober 1954) 93) Diskussionsbeitrag zum Dritten Bundestag des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands (1954)485 Band II Literarische Aufsätze 96) Rauch (?) 97) Eine Bücherschau (1929) 98) Lessingjubel (1929) 99) Lehar – Mozart (19289 100) Der Vollbart als Harfe (1929) 101) Der geraubte Schubert (1937) 102) Wanderfabeln im Kino (1932) 103) Wildwest an Weihnacht (1932) 104) Indianerroman und Faschismus (1931) 105) Die Silberbüchse Winnetous (1926) 106) Über Karl Mays sämtliche Werke (1929) 107) Wirtshaus im Spessart (1930) 485 (AH) Im Manuskript fehlen die Nummern 94 und 95, diese Lücke wird hier bei der Aufzählung übersprungen. 1808 Teil XIV 108) Bittere Heimatkunst (1929) 109) Einige Kritiker (1923) 110) Kulturbolschewismus, unverpackt (1932) 111) Über den deutschen Schulaufsatz (1933) 112) Neue Sklavenmoral der Zeitung (1934) 113) Steiners Ura-linda-Chronik (1934) 114) Lenards »Deutsche Physik« (1936) 115) Dürers revolutionäre Gesellen (1928) 116) Trikot und Staatsrock (1929) 117) Lied der Seeräuberjenny (1929) 118) Ein Leninist der Schaubühne (1938) 119) Nobelpreis und Ausbürgerung (1936) 120) Der Nobelpreis (1923) 121) Hoffmanns Erzählungen (1929) 122) Mancherlei Glück (1933) 123) Die Bürgschaft (1932) 124) Mangel an Opernstoff (1930) 125) Zauberrassel und Menschenharfe (1932) 126) Die Zauberflöte und Symbole von heute (1930) 127) Musik des Augenblicks (1927) 128) Die Kunst, Schiller zu sprechen (1934) 129) Henrik Pontoppidan (1937) 130) Der Ruhm Hamsuns (1930) 131) Zwei Inschriften 132) Gauklerfest unterm Galgen (1937) 133) Der Expressionismus (1937) 134) Diskussion über Expressionismus (1938) 135) Das Problem des Expressionismus nochmals (?) 136) Deutsches Verbot der Kunstkritik (1937) 137) Spengler und Russland (1936) 138) Seeschlange und Dacqués Urweltsage (1934) 139) Die Felstaube und der wirkliche Mensch (1929) 140) Bewusstsein als Verhängnis (1938) 141) Vom Anbruch gemeinsamer Meinungen (1920) 142) Originalgeschichte des Dritten Reichs (1937) 143) Bild bedeutender Menschen (1924) 1809Ernst Bloch 144) Imago an Menschen (1927) 145) Marxismus und Dichtung (1935) 146) Das Märchen geht mit unserer Zeit (1939) 147) Märchen und Sage (1933) 148) Das Hohe Paar, ein altes Ehesymbol (1955) 149) Steinzeit und Architektur (1955) 150) Technik und Geistererscheinungen (1936) 151) Raffer und Lupe (1929) 152) Die Angst des Ingenieurs (1928) 153) Von der Folter bis zum Spezialverhör (1932) 154) Zerstörte Sprache, zerstörte Kultur (1939) 155) Poesie im Hohlraum (1930) 156) Melodie im Kino oder immanente und transzendentale Musik (1913) 157) Kaufmannslatein (1928) 158) Braunbuch in Musik (1934) 159) Unbekannte Bemerkungen Jean Pauls (1930) 160) Kisch und die Wandgemälde (1954) 161) Weimar als Schillers Abbiegung und Höhe (1955) 162) Naturstimme und Klarheit (1956) Geographische Aufsätze 163) Grenzen (1931) 164) Erfahrung der Grenze (1930) 165) Abend des 10. Februar 1932 (1932) 166) Salons im Sand (1933) 167) Große Kurhotels (1934) 168) Über die Frühlingswiese (1934 169) Aprile italiano (1932) 170) Gang durch eine nicht mehr schöne Kleinstadt 171) Melancholie der Kleinstadt (1931) 172) Es gibt noch Golems in Prag (1936) 173) St. Paulskirche in Worms (1934) 174) Die Stadt, aus freundlicher Erinnerung gesehen (1931) 175) Erstaunen am Rheinfall (1933) 176) Venedig und die italienische Nacht (1935) 177) Italien und die Porosität (1926) 178) Maloja-Chiavenna oder die Umkehr der Jahreszeiten (1934) 1810 Teil XIV 179) Römisch-Polen (1928) 180) Reich des Syagrius (1932) 181) Um den Brocken (1928) 182) Herbst, Heide und Sezession (1932) 183) Berlin aus der Landschaft gesehen (1932) 184) Alpen ohne Photographie (1933) 185) Goethe, Ideallandschaft (1931) 186) Die Landschaft um Silvester und Neujahr (1932) 187) Straßburger Münster (Barock und Klassik, eine zweistimmige Betrachtung) (1928) 188) Die Bodenständigkeit als Blasphemie (1920) Optimismus ohne Illusion486 (10. Juli 1955) Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste. Hölderlin über Sokrates Das Schaffen Ernst Blochs ist den Zeitgenossen bisher nur fragmentarisch zugänglich. Dem Denker, der am 8. Juli sein 70. Lebensjahr vollendet hat, ist es noch nicht vergönnt gewesen, seine imponierende Lebensleistung vollständig vor dem Publikum auszubreiten. Woran liegt das? Ganz abgesehen von fünfzehn Jahren Exil in Ländern fremder Sprache liegt es vor allem wohl da ran, dass die Bücher, die Bloch verfasst hat, das kapitalistische Verleger-Interesse geradezu abschrecken müssen. Nicht deswegen bloß, weil es die Bücher eines Bekenners zum Sozialismus sind, den die Oktoberrevolution den Sinn der Weltgeschichte begreifen ließ. Das ginge noch an, falls sie fesselnde Belletristik enthielten, an der sich immerhin verdienen lässt. Sie enthalten aber Philosophie, und zwar größtenteils sehr komplizierte, und diese Mischung eben, revolutionäres Ideengut, dargeboten in Form einer schwer an den Mann zu bringenden Ware, diese vertrackte Kombination von politisch und kommerziell gleichermaßen Riskantem, kann soliden Firmen, wie man zugeben wird, nicht recht zugemutet werden. Erst in unserer Republik, wo das Kommerzielle sich geistigen Gesichtspunkten unterzuordnen hat, sind die Vo raus set zungen dafür gegeben, die Schätze Blochs nach und nach aus schier unerschöpflichen Schubladen zu Tage zu fördern. Ich unterstreiche: 486 (AH) Erstdruck in: Sonntag vom 10. Juli 1955, S. 13 und 14. 1811Ernst Bloch Nach und nach; denn von heute auf morgen ist das kapitalistisch so lange Verhinderte auch unter günstigsten Bedingungen nicht aufzuholen. Dies um so weniger, als wir es hier mit einem Autor zu tun haben, der jedes Mal die letzte Manuskriptfassung – wie den Abschiedskuss der Marienbader Elegie – durch die »letzteste« einer ausgiebigen Fahnenkorrektur zu übertreffen pflegt. Noch etlicher Jahre also wird es bedürfen, ehe alle drei Bände des Prinzip Hoffnung, ehe Hauptwerke wie Prozessfront und Materie, Naturrecht und Sozialismus, Geschichte des Begriffs Materie, ehe die vierbändige Sammlung der Aufsätze zur Politik, Literatur, Philosophie und Geographie, gar das Blochsche System der Philosophie, seine Leipziger philosophiehistorischen Vorlesungen und manches andere mehr in Buchform vorliegen werden, ganz zu schweigen von den längst fälligen Neuausgaben der bei aller Problematik hochbedeuten älteren Werkes die – vom Geist der Utopie (1918) bis zur Erbschaft dieser Zeit (Schweiz, 1935) nur in kleinen Auflagen erschienen – heute kaum noch aufzutreiben sind. Aber es ist jetzt doch wenigstens abzusehen, dass eines nicht mehr allzu fernen Tages die Kenntnis aller dieser Bücher für jeden, der auf philosophische Bildung Anspruch erhebt, möglich und unumgänglich sein wird. Das wird auch eine Errungenschaft unseres sozialistischen Aufbaus sein, und Deutschland wird dann einem Denker zu huldigen haben, der seit Jahrzehnten in großem Stil und enzyklopädischem Ausmaß darum ringt, ein unerhört Neues auf den Begriff zu bringen. Schon die gegenwärtig verfügbaren Teile des Lebenswerkes von Ernst Bloch lassen freilich deutlich genug erkennen, worum es ihm zu tun ist. Im Zentrum seines Schaffens steht, unter immer neuen Aspekten sichtbar gemacht, das Verhältnis der Menschen zu ihrer Zukunft, und sein Hauptverdienst lässt sich wohl da rin zusammenfassen, dass er seinen Lesern das Faszinierende, die Reichtümer und die Tiefen der guten Zuversicht bewusst gemacht hat. Was das für die Gegenwart bedeutet, ist unschwer zu ersehen, hält man sich den großen, gefährlichen Einfluss vor Augen, den heute der Nihilismus aller Schattierungen ausübt. Im bürgerlichen Denken von Schopenhauer bis Heidegger sind Lebensverneinung, Verzweiflung, Angst die Ultima Ratio eines jeden Philosophierens, das auf so genannte »Tiefe« prätendiert und den Durchbruch zum »Eigentlichen« des Daseins zu vollziehen behauptet, während der Optimismus allgemein als oberflächlich und un in teres sant gilt und es in den bekannten Erscheinungsformen apologetischer Wirk lichkeits ver schlei e rung auch tatsächlich ist: Angefangen von den mannigfachen liberalis- 1812 Teil XIV tischen und sozialdemokratischen Zweckillusionen bis zum seichten Happy-End des Kitschromans, der Operette, des Hollywood-Films. Oberflächlich betrachtet, d. h. so, wie unsere Zeit sich im Bewusstsein der untergangsreifen Großbourgeoisie und der desperaten Kleinbürgermasse widerspiegelt, scheint das nicht anders sein zu können. Die Spenglersche Untergangsprophetie, die das Abendland in Cäsarismus und Fellachentum erstarren sieht, die Klages-Klage über den Geist als angeblichen Erzfeind des Seelenhaften und Lebendigen, Jaspers’ »Existenzerhellung«, die in »Grenzsituationen« den Ansatz zur Besinnung auf das Eigentliche und Echte sucht, Heideggers »vorlaufende Entschlossenheit zum Tode« usw. – all das scheint den Krisen und Katastrophen und dem millionenfachen abgründigen Menschenleid unseres Jahrhunderts gemäßer zu sein als der Glaube ans gute Ende. Aber ist dem wirklich so? Das Werk Ernst Blochs steht dafür ein, dass das Gegenteil richtig sei. Es will zeigen, dass die moderne Inflation düsterer Aussichten, dass die Exzesse zuchtloser Selbstquälerei und pseudoheroisch maskierter Verzweiflung lauter falsches Bewusstsein sind, dem mit kräftiger Antithese zu begegnen ist. Es gibt, so lehrt Bloch, einen Optimismus, der – im Gegensatz zur Apologetik – die Tatsachen nicht zu scheuen braucht, der aber dadurch, dass er ihnen mit den Mitteln rationeller Analyse auf den Grund geht, sie als untrügliche Symptome einer krisenhaft widerspruchsvollen Wendung zum Guten kenntlich macht. Und dieser Optimismus ohne Illusion – es ist der der Kommunisten – erweist gerade die Verzweiflungsphilosophien als seicht und, was viel schwerer wiegt, als Konservierungsmittel des Zustandes, dem die Verzweiflung gilt. Bloch nennt das eine Ehrenrettung des Happy-End, das durchschaut werden müsse, soweit es illusorisch ist, und trotzdem verteidigt, da es wenigstens nicht »das Geschleppe des kleinen Lebens verewigt« oder »der Menschheit das Gesicht eines chloroformierten Grabsteins gibt«. Das klingt, wie vieles bei Bloch, nicht gerade wissenschaftlich und mutet in dem, was man sich unter dialektischem Materialismus so vorstellt, fast wie ein poetischer Fremdkörper an. Aber der sachliche Begründungszusammenhang, aus dem diese Verteidigung des Optimismus ohne Illusion hervorgewachsen ist, kann auf exakt marxistische Weise wiedergegeben werden. So steckt, was unsere Zeit betrifft, da rin namentlich die Erkenntnis, dass die Epoche des Imperialismus zugleich die der siegreichen proletarisch-sozialistischen Revolution 1813Ernst Bloch ist, die die Bedingungen für den Aufbau einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Krise herstellt. Und Bloch rekapituliert derlei marxistische Einsichten, wo immer es Not tut. Nur eben: Sein eigentliches Anliegen ist die Pointierung, auch die Ausfabelung derjenigen Schlussfolgerungen der marxistischen Gesellschaftsanalyse, die den alten Traum vom besseren Leben wieder aufleben lassen und so den Menschen, die in Hoffnungslosigkeit zu versinken drohen, in die Phantasie greifen müssen. Das aber ist ein Hauptkettenglied des Kampfes gegen die ganze philosophische Reaktion unserer Zeit und gegen die nihilistischen Stimmungen, deren theoretischer Ausdruck sie ist. Und es wäre eine gründliche Verkennung der Situation, zu behaupten, dass Bloch nicht an der vordersten Front dieses Kampfes stünde, dass sein Philosophieren abwegig sei. Es gibt unter den Gleichgesinnten und Mitstreitern welche, die das tatsächlich behaupten. Und es gibt andere, die etwa der Meinung sind: Der humanistische Gehalt der Bücher Blochs sei nicht zu bestreiten, und um Abseitsstehende, namentlich aus der Intelligenz, an den Marxismus erst einmal heranzuführen, könnten sie nützlich sein. Aber selber marxistisch seien sie doch wohl nicht. Ich möchte mich hier vor allem mit dieser letzteren Auffassung auseinandersetzen, die auch mir lange Zeit zu schaffen gemacht hat. Zunächst: Die Lehre Blochs wäre zeitgemäß auch dann, wenn ihre Bedeutung sich nur durch Konfrontation mit den Heidegger, Klages und Konsorten klar herausstellen ließe. Sie wäre aber nichts desto weniger zeitgebunden im schlechten Sinne, wenn sie zur schöpferischen Weiterentwicklung der marxistischen Philosophie so wenig beitrüge, dass der Versuch, sie auch an den Anforderungen des Neuen, Werdenden zu messen, als unangebracht zurückgewiesen werden müsste. Ich glaube nun, dass es zwei entscheidende Argumente sind, die zeigen, dass dem nicht so ist. Da ist zuerst und vor allem die Tatsache, dass Bloch seine Verteidigung des Optimismus keineswegs nur mit einer Analyse der Verhältnisse unserer Epoche begründet, sondern ihr eine allgemeine philosophische Fundierung zu geben sucht, und zwar mit seiner Theorie des antizipierenden Bewusstseins. Er weist hier in einer Reihe tiefschürfender Untersuchungen nach, dass ein Vorbewusstsein des Kommenden, das mit dämmernden Ahnungen einsetzt, äußerst betrügbar und irrtumsfähig ist, aber sich prinzipiell bis zur Höhe exakter wissenschaftlicher Voraussage und praktisch eingriffsmächtiger Erkenntnis des Geschichts- und Naturprozesses erheben kann, zum Wesen des Menschen gehört, und er leistet damit einen wichtigen Beitrag zu einer neuen Anthropologie. Das ist ein 1814 Teil XIV echter Ansatz zur Konkretisierung des dialektischen Materialismus auf einem noch wenig beachteten Gebiet. Und um zu sehen, dass die Klärung der hier entstehenden Probleme hoch an der Zeit ist, braucht man nur da ran zu denken, dass von einer Grundlegung der Ethik, der Psychologie, der Theorie des ästhetischen Empfindens usw. ohne solche anthropologischen Überlegungen gar keine Rede sein kann. Im Einzelnen freilich werden manche Thesen Blochs noch diskutiert werden müssen. Ob es beispielsweise angeht, der Psychoanalyse mit einer anders strukturierten Hierarchie von Trieben beikommen zu wollen, in der nunmehr der Hunger als »verlässlichster Grundtrieb« figuriert, womit ja wieder nichts spezifisch Menschliches getroffen ist – und an dieser Vo raus set zung hängt die Konstruktion: Hunger – nicht gesättigte Wünsche – Tagträume – Utopie –, das ist die Frage. Mir scheint, dass das antizipierende Bewusstsein nur auf die Teleologie des Arbeitsprozesses bezogen werden kann und das seine dämmernden, ahnungshaften Stadien sich allein aus der notwendigen Variationsbreite möglicher Mittelfindung, bei einem unübersehbaren Reichtum möglicher Kombinationen des Erfahrenen, erklären lassen. Aber wie dem auch sei: Dass Verdienst Blochs, die Antizipation überhaupt als Konstituens der Natur des Menschen durchdacht zu haben, ist so bedeutend, dass demgegenüber jeder Einwand, der Einzelheiten der konkreten Ausführung dieser Konzeption betrifft, als geringfügig erscheint. Der zweite entscheidende Gesichtspunkt, den ich hier geltend machen möchte, ist der des Erbes. Er hängt mit dem eben Genannten eng zusammen. Denn wenn die Antizipation – und mit ihr das Wünschen und Hoffen – ein allgemeinmenschliches Charakteristikum ist, dann muss sie auch zu jeder Zeit – wenn auch inhaltlich jeweils anders geartete – Projekte hervorgetrieben haben, die die gegebene Wirklichkeit überholen, und es entsteht nun die Frage, ob denn die mannigfaltigen Wunschbilder, die dabei im Spiel gewesen sind und die sich an der ganzen Breite der Kulturleistung aller Völker und Zeiten ablesen lassen, immer nichts weiter als falsch gewesen sein müssen. Bloch verneint das sehr entschieden, das heißt: Er lehnt einen historisch-soziologischen Relativismus ab, der den Geistesschöpfungen der Vergangenheit jede bleibende Bedeutung dadurch abspricht, dass er sie restlos in das an Ort und Stelle jeweils fällige falsche Bewusstsein auflöst. Diese Stellungnahme entspricht vollständig der Leninschen Lehre, wonach die Relativität eines historisch vergänglichen Erkenntnisstadiums nicht dessen Näherungswerte aufhebt, also auch nicht die Frage nach seinem objektiven Wahrheitsgehalt erübrigt. 1815Ernst Bloch Das Spezifische der Problemstellung Blochs liegt aber da rin, dass es ihm in erster Linie da rauf ankommt, aus diesem Wahren und deshalb bleibend Wertvollen dasjenige heraus zu präparieren, was entweder Momente einer zutreffenden Vorwegnahme von Zukünftigem enthalten mag (wie die sozialen, technischen, medizinischen, geographischen usw. Utopien) oder aber erste Annäherungen an eine bewusstermaßen zukunftsbezogene Theorie und die ihr gemäßen Begriffe (Kategorie Möglichkeit, Kategorie des Neuen, Prozess, Veränderung usw.) aufweist. Unter diesem Gesichtspunkt wird von ihm nun die ganze Geschichte der Philosophie und der sozialen Anschauungen, werden alle erdenklichen Spielarten der Utopie, werden die Religionen, die Rechtsnormen, moralische Ideale, Literatur, Kunst und manches andere zum Zwecke kritische Aneignung durchgemustert. Und der leitende Gedanke ist dabei der, dass alles, was aus diesen Überlieferungen Bestand hat, und sei es die Sehnsucht nach Erlösung vom Übel, die sich im religiösen Bewusstsein geltend macht, oder auch die phantastischste Konstruktion utopischer Weltraumschiffe, nach Abzug der illusionären Umhüllungen zum Erbe der kommunistischen Gesellschaft gehört, für den Aufbau dieser Gesellschaft aktivierbar ist und gegen ihre Feinde ins Treffen geführt werden muss. Auch hier ist im Einzelnen zweifellos wieder vieles zu bedenken – im doppelten Sinn des Bedenklichen und des Bedenkenswerten (um eine Blochsche Formulierung zu gebrauchen). Es ist zu fragen, ob der Utopiebegriff nicht zuweilen stark überspannt wird, so, wenn etwa Spinozas Pantheismus als ein Wunsch-Weltbild interpretiert oder wenn der Vor-Schein einer vollkommeneren Wirklichkeit zur zentralen Kategorie der Ästhetik erklärt wird. Auch die Blochsche Verquickung des teleologischen Dynamis-Energeia-Schemas aus der Metaphysik des Aristoteles mit dem marxistischen Möglichkeitsbegriff wird sich meines Erachtens kaum aufrechterhalten lassen. Aber fest steht, dass es gegenwärtig in Deutschland keinen marxistischen Philosophiehistoriker gibt, der von Bloch nicht das grundsätzlich Richtige lernen könnte, die Betrachtung der Vergangenheit in den Dienst des Lebens zu stellen, sie für das heute Zeitgemäße fruchtbar zu machen und organisch mit dem Kampf für den Fortschritt in der Gegenwart zu verbinden. Blochs Forderung, in der Vergangenheit das Zukünftige zu entdecken, ist ein ausgezeichneter Leitsatz für jede Kulturgeschichtsforschung, die sich nicht vom Leben abschließen will. Bei alledem ist die Erweiterung und Bereicherung des Erbe-Begriffs als solche schon ein großer Gewinn, aus dem die Fortentwicklung des dialektischen Materialismus prinzipiell nur Nutzen ziehen kann, auch wenn im Einzelnen bei näherer Prüfung noch 1816 Teil XIV so viel von dem, was Bloch zu »retten« bestrebt ist, auf der Strecke bleiben sollte. Weite des historischen Horizonts, Reichtum der kritisch angeeigneten Bildungswerte, großzügiges Verhalten zu allen progressiven Leistungen von nationalem und internationalem Rang, Aufgeschlossenheit für die echten Problemgehalte, die in fern zurückliegenden und scheinbar fremden Gedankensystemen verborgen sein mögen, das ist es, was den jungen Kadern der marxistischen Philosophie in unserer Republik not tut und worin sie sich Ernst Bloch zum Vorbild nehmen sollten, wenn sie wirksam und überzeugend auf das Bewusstsein des werdenden Sozialismus in Deutschland Einfluss nehmen und in Forschung und Lehre Resultate erzielen wollen, die einer großen Tradition würdig sind. Und es ist noch eines, das wichtigste, was es bei Ernst Bloch zu lernen gilt: Dass die Verbundenheit mit dem Leben des Volkes und die aktive Beteiligung am politischen Kampf die sichersten Mittel sind, vor sektiererischer Enge und bornierter Zunftgelehrsamkeit bewahrt zu bleiben. Jeder, der eines der Bücher dieses Mannes gelesen hat, wird bei allen kritischen Vorbehalten, die er anmerken zu müssen glaubt, nicht umhin können, die erregende Lebendigkeit des Blochschen Denkens zu bewundern und sich an der Vielseitigkeit eines geistigen Interesses zu erfreuen, dem Jahrmarkt und Kolportage, Tanz und Film, Hebels Schatzkästlein, Karl May und was auch immer so wenig fremd geblieben sind wie Francis Bacon oder Meister Eckhart. Das macht: Der schwierige Philosoph ist eben zugleich auch ein ganzer Mensch und ist ein rechter Mann des Volkes, der sich im Lebenskreis von Arbeitern und Bauern, von Hausfrauen und kleinen Angestellten, auch in hochfliegenden Knabenplänen und in den Träumen junger Mädchen, auch in Volkslied und Märchen so trefflich auskennt, wie in den kniffligen Fragen der Theorie. Und was ihn so hellwach, so lebendig, elastisch, so neunzehnjährig gehalten hat, das ist der ewige Jungbrunnen des politischen Kämpfertums, das sich niemals schont, wenn es gilt, den Feind zu stellen und für die gerechte Sache der Arbeiterklasse Partei zu nehmen. Seit den Tagen des Ersten Weltkriegs, in denen er zuerst die Bestie des deutschen Imperialismus und Militarismus anprangerte und die Russische Revolution als das Frührot einer erneuerten Menschheit begrüßte, ist dieser deutsche Denker zugleich einer der kühnsten und leidenschaftlichsten politischen Publizisten unseres Vaterlandes. Das wilhelminische Regime, die reaktionären Kräfte der Weimarer Republik, der Hitlerfaschismus vor allem und dann die Kriegstreiber in Amerika und die Herren von Bonn, das waren und sind die Feinde, die er fast unausgesetzt entlarvte, die er Jahr um Jahr die Geißel seiner glänzenden, höhnischen 1817Ernst Bloch Polemik spüren ließ. Und es ist der Atem dieses Kampfes, der sein ganzes Werk durchweht. Es gibt naive und sentimentalische Geburtstagsglückwünsche. Die sentimentalischen sprechen von Gesundheit, langem Leben und ungeschmälerter Arbeitskraft und scheinen bei Siebzigjährigen also einzig am Platze zu sein. Dem siebzigjährigen Ernst Bloch aber können wir einfach zurufen: »Weiter so!« In der Logik seines Lebens sind die Würde und Weisheit des Alters und das brennende Herz des Jünglings kein Widerspruch. Brief an Ernst Bloch487 (18. Juli 1955) Lieber Ernst! Vielen Dank für Deinen Brief vom 15. Juli. Nachdem ich mich mit Deinen Vorschlägen, die die geplante Gesamtausgabe Deiner Werke betreffen, vertraut gemacht habe, möchte ich Dir gleich da rauf antworten. Ich habe dann noch einige Wünsche bezüglich unserer Zeitschrift. Doch zuerst zu dem, was Dir sicher am meisten am Herzen liegt. Mit den vorgeschlagenen Umstellungen (Prozessfront und Materie in zwei Bänden, unter Einschluss der einzuarbeiten Geschichte des Begriffs Materie; System der Philosophie unter anderem Titel als Band 20) bin ich selbstverständlich einverstanden. Leider weisen Deine Vorschläge ansonst aber einige Mängel auf, zu denen ich Dir gleich meine Bedenken mitteilen will. Zunächst sind Dir in der Nummerierung der Bände zwei Versehen unterlaufen. Du hast erstens übersehen, dass Geist der Utopie, wenn wir beide Fassungen bringen wollen – was ich für richtig halte – zwei Bände (also Band 2 und 3) beanspruchen würde. Die Bände von Thomas Münzer (in Deiner Liste 3) bis Hegel (in Deiner Liste 12) müssen also je eins aufrücken (4 bis 13). Zweitens gibt es in Deiner Liste eine Lücke: Du gibst den Hegel den Band 12 und schließt dann Philosophiehistorische Vorlesungen, Bände 14 bis 15, an, so dass kein Band 13 vorgesehen zu sein scheint. Durch die Korrektur des ersten Versehens wird dieses zweite Versehen allerdings gleich mit aufgehoben. Ich schicke Dir in der Anlage 1 (nicht eindeutig zuzuordnen, AH) nun noch eine 487 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 18. Juli 1955. 1818 Teil XIV Liste, in der alles seine Richtigkeit hat und gleichzeitig die von Dir vorgenommenen Umstellungen in der Gliederung berücksichtigt sind. Den wesentlichen Mangel Deiner Vorschläge sehe ich da rin, dass in ihnen die Frage der Reihenfolge des Erscheinens, die in meinem ursprünglichen Plan eingehend berücksichtigt worden war, nicht sachgerecht und den bestehenden Möglichkeiten entsprechend ins Auge gefasst wird. So enthält Deine Liste bei neun Bänden (!) die Jahreszahl 1957 und bei je zwei Bänden die Jahreszahlen 1956, 1958 und 1959. Durch eine solche Terminierung würde, wenn Du ernstlich da ran festhalten wolltest, das ganze Projekt für uns undurchführbar werden. Für eine zwanzigbändige Ausgabe der Werke eines lebenden Philosophen braucht man bei äußerster Ausnutzung der Möglichkeiten der Redaktion und der Kapazität der Herstellungsabteilung sowie unter Berücksichtigung der Marktbedingungen mindestens fünf Jahre, wobei innerhalb dieses Zeitraums eine regelmäßige und streng geplante Aufteilung der einzelnen Bände auf die einzelnen Jahre erfolgen muss. Es wird auch schwerlich Dein Wunsch erfüllt werden können, die Bände möglichst in der Reihenfolge, die der Gliederung der Ausgabe entspricht, herauszugeben und dabei gleichzeitig ein jahrelanges Stehenbleiben bei der Neuauflage Deiner früheren Werke zu vermeiden. Diese beiden Wünsche schließen sich gegenseitig praktisch aus. Wenn wir jährlich vier Titel herausgeben wollen, und das ist sehr viel, dann müssen wir uns für eine Reihenfolge des Erscheinens entschließen, die sich von der Gliederung der Ausgabe ganz unabhängig hält. Dabei aber dürften dann die folgenden Gesichtspunkte maßgebend sein: Von den älteren Werken (Geist der Utopie bis Erbschaft) kann Jahr für Jahr jeweils nur eines herausgegeben werden, wobei – wie Du selbst vorschlägst – Geist der Utopie an den Schluss gestellt werden müsste. Was nicht heißen soll, dass dieses Buch ausgeklammert werden könnte, bis die ganze übrige Ausgabe vorliegt; denn das kann man sich bei einem fertigen Werk, wenn die Arbeit an den neuen Titeln gleichmäßig über die nächsten Jahre verteilt werden soll, auch wieder nicht leisten. Geist der Utopie sollte also als letztes der früheren Werke, nicht als letztes der Ausgabe überhaupt, erscheinen. Ferner: Von den Büchern, die im Manuskript »fertig« vorliegen bzw. überhaupt erst geschrieben werden müssen, können wir nach den Erfahrungen, die wir mit Prinzip Hoffnung gesammelt haben, ebenfalls pro Jahr nur eines ansetzen, damit Du nicht ins Gedränge gerätst. Ferner: Die mehrbändigen Werke (Prinzip Hoffnung, Politik und 1819Ernst Bloch Bedeutung, Philosophiehistorische Vorlesungen, Prozessfront und Materie) können nach allen Erfahrungen unseres Vertriebs nicht jeweils auf einmal herausgebracht werden, sondern müssen sukzessive, Band für Band in gewissen zeitlichen Abständen und unterbrochen durch andere Titel, erscheinen. Und schließlich: Dein Vorschlag, die Einzelausgaben, soweit sie noch nicht verkauft sind, mit den neuen »Vordrucken« versehen in die Gesamtausgabe aufzunehmen, sind weder bei dem Hegel noch bei Prinzip Hoffnung realisierbar, da erstens in Satztype, Papier und Satzspiegel zwischen diesen Einzel aus ga ben Differenzen bestehen, die der Gesamtausgabe ihrer Einheitlichkeit nehmen würden, zweitens Bücher, die bereits gebunden vorliegen, nicht auseinandergenommen und mit neuen Einbänden versehen werden können und drittens die Gesamtausgabe dann keine einheitliche Auflagenhöhe haben könnte. Wir sind also gezwungen, innerhalb der Gesamtausgabe Neudrucke der bisher im Aufbau-Verlag erschienenen Titel vorzunehmen; diese Neudrucke müssen wir aber terminlich nach Möglichkeit so ansetzen, dass damit gerechnet werden kann, dass bei Ihrem Erscheinen die Einzelausgaben bereits weitgehend verkauft sind. Alle diese Gesichtspunkte lassen es als unumgänglich erscheinen, dass die Reihenfolge, in der die Bände erscheinen, von derjenigen, die der Gliederung der Ausgabe entspricht, sehr wesentlich abweicht. Das ist ein Mangel, den man in Kauf nehmen muss. Man kann ihn aber dadurch ausgleichen, dass man jeden einzelnen Band mit einem Schutzum schlag versieht, der ihn als Einzeltitel verkäuflich macht, und nur den Einbänden den Charakter nummerierter Bände einer nach systematischen Gesichtspunkten gegliederten Ausgabe Gesammelter Werke gibt. Gar nicht einverstanden bin ich damit, dass die drei Bände Politik und Bedeutung noch gesondert erscheinen sollen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass der Verlag sich da rauf einlassen würde, wenn er sich dazu entschließt, in den nächsten Jahren eine Gesamtausgabe zu machen. Erstens wäre nämlich nicht abzusehen, wann die Ein zelaus ga ben von Politik und Bedeutung abgesetzt sein würden; die Fertigstellung der Gesamtausgabe würde also unter Umständen durch Absatzschwierigkeiten, die mit dieser Einzelausgabe entstehen könnten, unabsehbar hinausgezögert werden. Zweitens können gesammelte Aufsätze – verglichen mit Hauptwerken – doch wohl relativ am wenigsten beanspruchen, gesondert herausgegeben zu werden, wenn man sich schon zu einer gleichzeitig in Angriff zu nehmen Gesamtausgabe entschlossen hat. Drittens ist Dein Einwand, dass die Ausgabe mit den letzten Bänden zu erscheinen beginnen würde, 1820 Teil XIV nicht stichhaltig; denn nach meinem Plan (siehe Anlage 2)488 sollen ja die früher erschienenen Werkes sukzessive dazwischen gestreut werden, und zwar so, dass durchaus mit den Bänden I (Spuren) und IV (Thomas Münzer) begonnen wird. Der beiliegende Plan, die Reihenfolge des Erscheinens der Bände betreffend, lässt Deinen Vorschlag, Politik und Bedeutung gesondert herauszugeben, unberücksichtigt und geht von den obigen Erwägungen aus. Natürlich ist dieser Plan in Einzelheiten, Deinen eventuellen Wünschen entsprechend, abänderbar, aber er ist es nicht im Prinzip (was etwa die regelmäßige Verteilung auf fünf Jahre, die richtige Mischung von Altem und Neuem, die richtige Terminierung von Neudrucken nach 1945 erschienener Werke angeht). Ich bitte Dich nun, nach Möglichkeit auf der Grundlage dieses Planes zu projektieren und mir möglichst bald mitzuteilen, ob Du mit den vorgeschlagenen Terminen einverstanden bist und welche Abänderungen Du in Einzelfragen wünscht. Sobald ich Deine Antwort in Händen habe, werde ich mit Janka unsere diesbezüglichen Vorbesprechungen abschließen und dazu einen entsprechenden Vertrag für Dich vorbereiten. Nun zur Zeitschrift. In einer heutigen Besprechung über die Vorausplanung haben Matthäus Klein, Hertwig und ich heute beschlossen, Dich um drei Artikel zu bitten. Erstens um den kleinen, fünf bis höchstens zehn Seiten langen Artikel über Engels für Heft sechs. Wir müssen diese Arbeit bis spätestens 15. September in Händen haben. Zweitens schlagen wir Dir vor, im nächsten Jahr einen Aufsatz über ein Thema der systematischen Philosophie (zum Beispiel Kategorie Fortschritt) und eine Polemik gegen westliche reaktionäre Philosophie (wie wäre es mit dem Pragmatismus) für die Zeitschrift zu schreiben. Wir hätten eine dieser Arbeiten gern für Heft zwei, 1956, also bis Anfang Januar, und die zweite für Heft vier, 1956, also bis Anfang März. Bitte mach uns doch bald nähere – oder anderweitige – Vorschläge, damit wir den Plan für das nächste Jahr rechtzeitig unter Dach und Fach bringen können. Zum Schluss möchte ich Dir noch die erfreuliche Nachricht geben, dass das Irenchen seit Freitag wieder auf freiem Fuße ist, nachdem seine Affaire sich als äußerst harmlos entpuppt hat.489 Beruhigender Weise reduziert der Fehler, den sie begangen hat, sich 488 (AH) Siehe den folgenden Plan für die Gesammelten Werke in 20 Bänden von Ernst Bloch (Juli 1955). 489 (AH) Über die Verhaftung seiner damaligen Freundin Irene Giersch äußerte sich Harich auch gegenüber Gertrud Lukács, siehe den Brief vom 18. September 1955, abgedr. in: Band 9, S. 336–339. 1821Ernst Bloch auf grenzenlose Naivität. Sie wusste nämlich nachweisbar weder, womit sie es zu tun hatte, noch hat sie mich betrogen. Sie hat es fertig gebracht, ein Jahr lang alle Ernstes einen Agenten des Nato-Geheimdienstes im Zeichen der Parole »Deutsche an einen Tisch« mit Fleiß zu agitieren, so dass der sich ihr niemals zu erkennen gab. Nur der Umgang mit ihm musste natürlich Verdacht erregen, nachdem man ihm auf die Schliche gekommen war. Das Irenchen ist denn auch so ziemlich rehabilitiert, darf weiter studieren, bekommt weiter sein Stipendium, wird nicht aus der FDJ ausgeschlossen und muss sich lediglich gefallen lassen, von Magnifizenz ein wenig wegen Dummheit und Unreife ausgescholten zu werden. Gesundheitlich geht es ihr ausgezeichnet. Braungebrannt, gut genährt, mit teuren Dauerwellen und lackierten Fingernägel versehen hat sie das Kittchen verlassen. Du wirst Dir vorstellen können, wie froh ich da rü ber bin. Ich fahre nun – mitsamt Irenchen – am 3. August für vier Wochen nach Ah renshoop. Meine Adresse: (…) In der Hoffnung, bald von Dir zu hören, und mit herzlichen Grüßen, auch an Karola und Jan, bin ich Dein Plan für die Gesammelten Werke in 20 Bänden von Ernst Bloch490 (Plan 1, Juli 1955) Reihenfolge des Erscheinens, Termine für Lieferung der druckfertigen Manuskripte. A) 1956 • Das Prinzip Hoffnung, III. (Einzelausgabe) Lieferung der letzten korrigierten Fahnen: September 1955. • Geleitwort zur gesamten Ausgabe. Spuren. (Werke Band I) Lieferung des Geleitwortes und des durchgesehenen Druckmanuskripts: November 1955. • Thomas Münzer. Nachwort 1955. (Werke Band IV) Lieferung des Nachworts und des durchgesehenen Druckmanuskripts: Januar 1956. • Politik und Bedeutung, I. (Werke Band XVII) Manuskript liegt bereits seit Juni 1955 vor. • Ende 1956 liegen die Bände I, IV und XVII der Werke vor. 490 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, Anlage zu dem Brief Harichs an Bloch vom 18. Juli 1955. Nicht datiert, nicht adressiert. 1822 Teil XIV B) 1957 • Erbschaft dieser Zeit. Nachwort 1956. (Werke Band V) Lieferung des Nachworts und des durchgesehenen Druckmanuskripts: Juli 1956. • Politik und Bedeutung, II. (Werke Band XVIII) Lieferung des Manuskripts: August 1956. • Philosophiehistorische Vorlesungen, I. (Werke Band XIV) Lieferung des Manuskripts: November 1956. • Ende 1957 liegen die Bände I, IV, V, XIII, XIV, XVII und XVIII vor. C) 1958 • Vorwort zu beiden Fassungen des Geist der Utopie. Geist der Utopie, erste Fassung. (Werke Band II) Lieferung des Vorworts und des durchgesehenen Druckmanuskripts: Januar 1957. • Politik und Bedeutung, III. (Werke Band XIX) Lieferung des Manuskripts: April 1957. • Naturrecht und Sozialismus. (Werke Band XI) Lieferung des Manuskripts: August 1957. • Philosophiehistorische Vorlesungen, II. (Werke Band XV) Lieferung des Manuskripts: November 1957. • Ende 1958 liegen die Bände I, II, IV, V, XI, XIII, XIV, L, XVII, XVIII, und XIX vor. D) 1959 • Geist der Utopie, zweite Fassung. (Werke Band III) Lieferung des durchgesehenen Druckmanuskripts: Januar 1958. • Religion und Sozialismus. (Werke Band XII) Lieferung des Manuskripts: August 1958. • Das Prinzip Hoffnung, I. (Werke Band VI) Lieferung des durchgesehenen Druckmanuskripts: November 1958. • Ende 1959 liegen die Bände I, II, III, IV, V, VI, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII, und XIX vor. E) 1960 • Prozessfront und Materie, I. (Werke Band IX) Lieferung des Manuskripts: Januar 1959. • Das Prinzip Hoffnung, II. (Werke Band VII) Lieferung des durchgesehenen Druckmanuskripts: April 1959. • Das Prinzip Hoffnung, III. (Werke Band VIII) Lieferung des durchgesehenen Druckmanuskripts: August 1959. 1823Ernst Bloch • Prozessfront und Materie, II. (Werke Band X) Lieferung des Manuskripts: Januar 1960. • Ende 1960 liegen die Bände I–XIX lückenlos vor. F) 1962/1963 • System der Philosophie. (Werke Band XX) Lieferungstermin noch unbestimmt. Plan der Gesammelten Werke von Ernst Bloch491 (Plan 2, 30. September 1955) Band 1: Spuren (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 2: Geist der Utopie, erste Fassung (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 3: Geist der Utopie, zweite Fassung (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 4: Thomas Münzer als Theologe der Revolution (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 5: Erbschaft dieser Zeit (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 6: Das Prinzip Hoffnung, I (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 7: Das Prinzip Hoffnung, II (Druckvorlage liegt fertig vor) Band 8: Das Prinzip Hoffnung, III (Fahnen zur ersten, gesonderten Ausgabe in Korrektur) Band 9: Naturrecht und Sozialismus (liegt im Manuskript vor) Band 10: Religion und Sozialismus (liegt im Manuskript vor) Band 11: Prozessfront und Materie, I (Manuskript liegt vor, wird aber noch vollständig umgearbeitet) Band 12: Prozessfront und Materie, II (Manuskript liegt vor, wird aber noch vollständig umgearbeitet) Band 13: Hegel. Erläuterungen zu seinen Werken (Druckvorlage liegt vor, bisheriger Titel: Subjekt-Objekt) Band 14: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, I (Bandaufnahmen liegen vor) Band 15: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, II (Bandaufnahmen liegen teilweise vor) Band 16: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, III (Bandaufnahmen können Ende 1956 vorliegen) Band 17: Politik und Bedeutung, I (Manuskript liegt vor, zur Zeit in Herstellung) Band 18: Politik und Bedeutung, II (Manuskript wird im Dezember 1955 geliefert) Band 19: Politik und Bedeutung, III (Manuskript kann Ende 1956 geliefert werden) 491 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 1824 Teil XIV Band 20: System der Philosophie (Manuskript wird voraussichtlich in etwa fünf Jahren vorliegen) Plan für die Herstellung der Bloch-Ausgabe492 (Plan 3, 30. September 1955) 1955, Band 4: Thomas Münzer als Theologe der Revolution 1955, Band 17: Politik und Bedeutung, I 1956, Band 1: Spuren 1956, Band 5: Erbschaft dieser Zeit 1956, Band 18: Politik und Bedeutung, II 1957, Band 2: Geist der Utopie, erste Fassung 1957, Band 9: Naturrecht und Sozialismus 1957, Band 14: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, I 1958, Band 3: Geist der Utopie, zweite Fassung 1958, Band 10: Religion und Sozialismus 1958, Band 19: Politik und Bedeutung, III 1959, Band 6: Prinzip Hoffnung, I 1959, Band 11: Prozessfront und Materie, I 1959, Band 15: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, II 1960, Band 7: Prinzip Hoffnung, II 1960, Band 11: Prozessfront und Materie, II 1960, Band 16: Leipziger Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, III 1961, Band 8: Prinzip Hoffnung, III 1961, Band 13: Hegel. Erläuterungen zu seinen Werken 1961, Band 20: System der Philosophie Gutachten über Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution493 (03. Oktober 1955) Wir beabsichtigen, als erstes der älteren Werke unseres Verlagsautors Prof. Dr. Ernst Bloch sein im Jahre 1921 erschienenes Buch Thomas Münzer als Theologe der Revoluti- 492 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, 30. September 1955, nicht adressiert. 493 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. Oktober 1955. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1825Ernst Bloch on, das seit langem vollständig vergriffen und auch im Antiquariatsbuchhandel nicht mehr erhältlich ist, in einer unveränderten Ausgabe neu herauszugeben. Das Buch, das ein leidenschaftliches Bekenntnis zum revolutionären Erbe des großen Führers des deutschen Bauernkrieges darstellt und eine sehr tiefe Analyse seiner Ideenwelt gibt, verdient es unbedingt, den Lesern in unserer Republik zugänglich gemacht zu werden. Der Verfasser hat die Absicht, während des Herstellungsprozesses noch ein neues Nachwort zu schreiben, in dem er unter anderem auch eine Würdigung der inzwischen neu erschienenen Literatur über Münzer, insbesondere des Buches von dem sowjetischen Historiker Smirin, geben will. Um Druckgenehmigung wird gebeten. Hausmitteilung des Lektorat Klassisches Erbe494 (03. Oktober 1955) Professor Dr. Ernst Bloch legt großen Wert da rauf, dass von nun an seine Werke, und zwar sowohl die bereits vorliegen als auch die im Manuskriptzustand befindlichen oder projektierten, zügig und systematisch im Rahmen einer innerhalb der nächsten Jahre zu veranstaltenden Gesamtausgabe erscheinen. Ich bin der Überzeugung, dass wir uns in Anbetracht der Bedeutung, die dem Werk Ernst Blochs beizumessen ist, und auch nach der Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Silber und der unmittelbar bevorstehenden Verleihung des Nationalpreises diesem Wunsch nicht verschließen können. Kollege Schroeder, mit dem ich da rü ber eingehend sprach, ist derselben Meinung, ebenso deutete Kollege Janka in einem Gespräch sein grundsätzliches Einverständnis an. Aus der beiliegenden Liste495, die ich in mehreren Besprechungen zusammen mit dem Autor aufgestellt habe, geht hervor, dass der Plan durchaus real ist und dass die Ausgabe innerhalb der nächsten 6 bis 7 Jahre fertig gestellt sein könnte, wenn wir jährlich drei Titel in Satz geben. Für das Jahr 1955 würde ich zunächst die Bände 4 und 17, für das Jahr 1956 die Bände 1 (sehr schmal), 5 und 18 vorschlagen. Der Autor hält es für das beste, jeweils auf dem Schutzumschlag nur den Titel des betreffenden Werkes erscheinen zu lassen. Die Bücher würden einzeln verkauft werden. Kollege Schroeder schlug vor, neben dem Einzelverkauf auch eine Subskription mit erheblich niedrigerem 494 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 03. Oktober 1955. An Janka und Schroeder. 495 (AH) Es ließ sich nicht eruieren, welche Liste Harich meinte. Im Nachlass befinden sich verschiedene, teilweise sich überschneidende, Entwürfe, von denen einige hier zum Abdruck kommen. 1826 Teil XIV Preis pro Band zu veranstalten und diesen Preis für die geschlossene Ausgabe auch dann beizubehalten, wenn diese vollständig vorliegt, die Einzelbände dann aber ebenfalls weiter zu dem alten, höheren Preis abzugeben. Vorbehaltlich einer Aussprache, in der die ganze Angelegenheit entschieden werden müsste, werde ich in den nächsten Tagen die mir jetzt fertig vorliegende Druckvorlage des Bandes 4 (Thomas Münzer als Theologe der Revolution) in die Herstellung geben. Der bereits vor kurzem gelieferte Band Politik und Bedeutung, I müsste, wenn wir uns für die Veranstaltung der Gesamtausgabe entschließen, noch eine Abänderung der ersten Titelblätter im Manuskript erfahren. Brief an Ernst Bloch496 (05. Oktober 1955) Lieber Ernst! In der Anlage schicke ich Dir den Plan für die Herausgabe Deiner Gesammelten Werke. Ich bitte Dich, Dich insbesondere zu den vorgeschlagenen Lieferungsterminen der Manuskripte zu äußern. Wie Du aus dem Plan ersehen wirst, können wir jährlich drei Bände herausgeben, und zwar, wie besprochen, in einer Reihenfolge, die nicht der Einteilung der Ausgabe entspricht. Anders lassen sich die Gesichtspunkte des Papierkontingents, der Beanspruchung unseres Lektorats und unserer Herstellungsabteilung, des Abwechselns von Neuerscheinungen und Neuauflagen älterer Werke und des Absatzes der Einzelausgaben von Subjekt-Objekt und Prinzip Hoffnung nicht vereinigen. Nach dem Plan ist vorgesehen, bis Ende 1956 außer der Einzelausgabe von Prinzip Hoffnung, III noch die Bände vier (Thomas Münzer), 17 (Politik und Bedeutung, I) und 1 (Spuren) herauszubringen. Dies bedeutet, dass wir zunächst bis Mitte November 1955 neu aufgefundene ergänzende Artikel zu Politik und Bedeutung, I, bis Mitte Dezember 1955 das Manuskript des neuen Nachworts zu Thomas Münzer und die durch neue Stücke ergänzte, durchgesehene Druckvorlage von Spuren in Händen haben müssten. Für zweckmäßig würde ich es halten, wenn Du dem ersten Band der Gesammelten Werke ein Bild von Dir und eine kurze, auf die gesamte Ausgabe bezügliche Vorrede voranstellen würdest. Bild und Manuskript müssten uns bis Mitte Januar 1956 vorliegen. Mit den herzlichsten Grüßen bin ich Dein 496 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 05. Oktober 1955. 1827Ernst Bloch Plan der Gesammelten Werke von Ernst Bloch, Reihenfolge497 (Plan 4, Ende 1955) Blochs Gesammelte Werke: Reihenfolge des Erscheinens der Bände 01) Band 4: Thomas Münzer (1956) 02) Band 17: Politik und Bedeutung, I (1956) 03) Band 1: Spuren (1956) 04) Band 5: Erbschaft dieser Zeit (1957) 05) Band 14: Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, I (1957) 06) Band 18: Politik und Bedeutung, II (1957) 07) Band 2: Geist der Utopie, erste Fassung (1958) 08) Band 9: Naturrecht und Sozialismus (1958) 09) Band 19: Politik und Bedeutung, III (1958) 10) Band 3: Geist der Utopie, zweite Fassung (1959) 11) Band 10: Religion und Sozialismus (1959) 12) Band 15: Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, II (1959) 13) Band 6: Prinzip Hoffnung, I (1960) 14) Band 7: Prinzip Hoffnung, II (1960) 15) Band 16: Vorlesungen über Geschichte der Philosophie, III (1960) 16) Band 8: Prinzip Hoffnung, III (1961) 17) Band 11: Prozessfront und Materie, I (1961) 18) Band 13: Hegel (1961) 19) Band 12: Prozessfront und Materie, II (1962) 20) Band 20: System der Philosophie (1962) Reihenfolge der Werke Ernst Blochs im Aufbau-Verlag498 (Plan 5, Ende 1955) 1947, Freiheit und Ordnung. Abriss der Sozialutopien, neu 1951, Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel, neu 1953, Christian Thomasius. Ein deutscher Gelehrter ohne Misere, neu 1954, Das Prinzip Hoffnung, I, neu 1955, Wissen und Hoffen. Auswahl aus dem Werk, alt 1955, Das Prinzip Hoffnung, II, neu 497 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 498 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 1828 Teil XIV 1956, Das Prinzip Hoffnung, III, neu 1956, Thomas Münzer als Theologe der Revolution, alt 1956, Politik und Bedeutung, I, alt 1957, Durch die Wüste/Erbschaft dieser Zeit, alt 1957, Philosophiehistorische Vorlesungen, I, neu 1957, Politik und Bedeutung, II, alt 1958, Spuren, alt 1958, Philosophiehistorische Vorlesungen, II, neu 1958, Politik und Bedeutung, III, alt 1959, Geist der Utopie, erste Fassung, 1918, alt 1959, Naturrecht und Sozialismus, neu 1959, Philosophiehistorische Vorlesungen, III, neu 1960, Geist der Utopie, zweite Fassung, 1923, alt 1960, Prozessfront, Materie, neu 1961, Religion und Sozialismus, neu 1961, Geschichte des Begriffs Materie, neu 1962, Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel, alt 1962, System der Philosophie, neu 1963, Das Prinzip Hoffnung, I, alt 1963, Das Prinzip Hoffnung, II, alt 1964, Das Prinzip Hoffnung, III, alt 1829Ernst Bloch 13. Januar 1956, Ernst Bloch auf dem Schriftstellerkongress Gutachten über Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II499 (06. April 1956) Unter Hinweis auf das ausführliche Gutachten vom 28. Juni 1955 geben wir jetzt den zweiten Band der Aufsatz-Sammlung Politik und Bedeutung von Ernst Bloch in Satz. Er umfasst die literarischen Aufsätze und Artikel des Verfassers von den zwanziger Jahren bis heute und in einem gesonderten Teil seine so genannten geographischen Aufsätze (Betrachtungen über Landschaften, Städte usw.). Zu den Arbeiten, die der Band vereinigt, ist nach aufmerksamer Lektüre ein Hinweis auf eventuell problematische Punkte nicht zu geben. Die Veröffentlichung der positiven Bewertungen Karl 499 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 06. April 1956. Adressiert »An das Amt für Literatur und Verlagswesen«. 1830 Teil XIV Mays kann meiner Meinung nach nicht in Frage gestellt werden, da sonst die interessante und fruchtbare Stellungnahme Blochs zur Kolportage, die für seine Literaturauffassung zentral ist, nicht richtig zur Geltung kommen würde. Um Druckgenehmigung wird gebeten. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II500 (25. April 1956) Ich halte eine zweite Begutachtung in diesem Falle für entbehrlich. Das Manuskript ist gründlich von mir gelesen worden und enthält nur eine einzige Klippe: Zwei Artikel, in denen der Verfasser das Werk von Karl May verteidigt. Jeder, der überhaupt die literarischen Aufsätze von Bloch veröffentlicht will, muss dies in Kauf nehmen, da da ran das Herzblut des Verfassers am meisten hängt. Im Übrigen sind die literarischen und geographischen Aufsätze ausnahmslos früher in Zeitungen, Zeitschriften usw. bereits erschienen, ein Teil nach 1945 in Zeitschriften unserer Republik. Sollte von der Leitung des Lektorat eine weitere Begutachtung für nötig gehalten werden, so würde ich darum bitten, sie von dort aus zu veranlassen. Ich halte sie für überflüssig.501 Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Politik und Bedeutung, Band II502 (06. Juni 1956) Das Gutachten des Kollegen Just gibt keinen Anlass, Veränderungen vorzunehmen. Prof. Bloch ist auf Befragen damit einverstanden, dass wir die drei Bände mit gesonderten Titeln einzeln herausbringen. Er schlägt die Titel Politische Aufsätze, Literarische Aufsätze, Philosophische Aufsätze vor. Auf diesen Vorschlag werden wir aber nicht ein- 500 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 25. April 1956. Hausmitteilung, Lektorat Klassisches Erbe. 501 (AH) Höchstwahrscheinlich von der Leitung des Verlages war ein zweites Gutachten zum zweiten Band von Blochs Aufsätzen angefordert worden, da das kurze Gutachten Harichs vom 06. April 1956 nicht für ausreichend gehalten wurde. Ein weiteres Gutachten wurde, im Auftrag von Günter Caspar, von Gustav Just angefordert. Caspar berichtete in einer Hausmitteilung an Janka vom 15. Juni 1956, dass das Gutachten »dann allerdings tatsächlich keinen Anlass gab, irgendwelche Veränderungen vorzunehmen«. (Archiv des Aufbau Verlags, Staatsbibliothek Berlin.) 502 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 06. Juni 1956. Hausmitteilung, Lektorat Klassisches Erbe. 1831Ernst Bloch gehen, sondern ihn bitten, attraktivere Titel für die einzelnen Bände zu finden. Das braucht jedoch nicht von heute auf morgen zu geschehen, da die Titelfrage für Band I in unserem Sinne ja geklärt ist, Band II erst jetzt den Satz gegeben wird (mit dem vorläufigen Arbeitstitel Literarische Aufsätze) und Band III noch nicht einmal als Manuskript vorliegt. Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Aufsätze503 (13. Juni 1956) Für seine Aufsatzbände schlägt Ernst Bloch die folgenden Titel vor: 1) Rot und Gold, Untertitel: Politische Aufsätze 2) Die hundert Tore Thebens, Untertitel: Literarische Aufsätze 3) Aussicht und Bedeutung, Untertitel: Philosophische Aufsätze Hausmitteilung zu Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution504 (15. Juni 1956) Ich gebe hiermit nochmals als erstes der alten Werke unseres Verlagsautors Ernst Bloch den Titel Thomas Münzer als Theologe der Revolution in Satz und Verweise auf das für das Amt für Literatur bestimmte Gutachten vom 3. Oktober 1955. Der Titel war uns seinerzeit zusammen mit einem Gutachten von Hanna Köditz vom 30. November 1955, in dem trotz verschiedener Einwände die Drucklegung des Werkes befürwortet wird, von Seiten der Lektoratsleitung zurückgegeben worden. Prof. Bloch hat das Gutachten inzwischen zur Kenntnis genommen und sich damit in den wesentlichen Punkten nicht einverstanden erklären können. Abgesehen von einigen ganz geringfügigen Änderungen im Text, die er selbst vorgenommen hat, besteht er auf unverändertem Neudruck, ist jedoch bereit, während des Herstellungsprozesses ein neues Nachwort bzw. Vorwort zu liefern, mit dem wir aber erst werden rechnen können, wenn die Fahnen vollständig vorliegen. In diesem Nachwort bzw. Vorwort wird er unter anderem der Aufnahme, die das Buch bei der Gutachterin Köditz gefunden hat, in geeigneter 503 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 13. Juni 1956. Hausmitteilung, Lektorat Klassisches Erbe. 504 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 15. Juni 1956. Hausmitteilung des Lektorats Klassisches Erbe an das Büro des Lektorats. Handschriftlicher Zusatz: »Janka hat Kenntnis.« 1832 Teil XIV Weise Rechnung tragen. Das Buch soll unbedingt in derselben Ausstattung erscheinen wie die Bände Prinzip Hoffnung und die Aufsatzbände. Geburtstagstelegramm zum Neunzigsten Geburtstag505 (08. Juli 1975) Lieber Ernst. In der Hölle, Abteilung für Kommunisten, warten Brecht, Eisler und Lukács vorwurfsvoll auf Dich. Ihnen unter die Augen zu treten möge Gott, milder gestimmt dank Thomas Müntzers Fürsprache, Dir noch lange ersparen. Für mich bleibt die Trennung von Dir ein chronisches Leiden, verschlimmert durch häufiges Lesen Deiner Bücher, gemildert durch den Zorn über Dein Weggehen aus Gegenden, die ohne Dich ärmer sind, als sie sein müssten. Es wird schwer sein, dies bis zu Deinem 150. Geburtstag wieder einzurenken. Trotz Bitterkeit da rü ber grüße ich Dich zu Deinem 90. in Verehrung und Liebe. Dein Wolfgang Harich Nachruf auf Ernst Bloch506 (September 1977) Von Ernst Bloch stammt der Appell, Zukunft in der Vergangenheit zu entdecken. Jetzt fordert Bloch selbst, nachdem in biblischem Alter sein Leben sich vollendet hat, Anhänger wie Gegner zu der Frage heraus, was denn in diesem nun Vergangenen noch an Zukunft mag aufzuspüren sein. »Nicht eben viel«, müsste die Antwort lauten, wenn die Vorstellung exzessiven Optimismus’ zuträfe, die subalternes Missverstehen mit dem Prinzip Hoffnung zu verbinden pflegt. Wohlbegründete Untergangsprophetien, von den Warnungen des Club of Rome bis zu Gruhls Buch vom geplünderten Planeten,507 hätten dann nämlich die Blochschen 505 (AH) 1 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. Das Faksimile-Original des zugestellten Telegramms druckt beispielsweise: Markun, Silvia: Ernst Bloch, Reinbek bei Hamburg, 1977, S. 120. 506 (AH) Zuerst in: Konkret, Heft 9, 1977. 507 (AH) In der Mitte der siebziger Jahre beschäftigte Harich sich intensiv mit der ökologischen Frage. Neben seinem Buch Kommunismus ohne Wachstum entstanden zahlreiche Aufsätze, 1833Ernst Bloch Denkresultate schneller, umfassender, als es anderen Philosophien je widerfahren ist, widerlegt und definitiv auf der Strecke gelassen. Für die lawinenartig anwachsende Menschheit, die dem Dreck- und Schreckenstod der Rohstofferschöpfung und Umweltzerstörung entgegen rast, ja, die solchem Ende durch Selbstvernichtung mittels atomarer Schläge und Gegenschläge womöglich zuvorzukommen droht, gäbe es gar keine Zukunft mehr, geschweige eine, in der ihre uralten Sehnsüchte nach einem Utopia der Vernunft und Harmonie, nach Geborgenheit, ewigen Frieden sich erfüllen könnten. So einfach indes steht es mit dem Gegensatz von Optimismus und Pessimismus keineswegs. Jene Kassandras unserer Tage sagen ja nichts Unaufhaltsames voraus. Vielmehr gleichen sie dem Arzt, der einen Patienten vom Kettenrauchen abzubringen sucht, indem er ihm seine Bronchialkrebs- und Infarktgefährdung vor Augen führt. Wie die Propheten des hebräischen und des klassischen Altertums reden sie in der Sprache der Alternativen. Und damit mobilisieren sie gegen todverheißende Laster unseren Lebenswillen. So wenig dieser Wille durch Illusionen eingelullt werden darf, so sehr braucht er die Hoffnung, weil Hoffnungslosigkeit ihn bis zur Selbstzerstörung lähmen müsste. Genau dies hatte Erich Fromm im Sinn, als er, offensichtlich unter Blochs Einfluss, schrieb: »Der Hoffnungslose will für sein ungelebtes Leben Rache nehmen, indem er sich totaler Zerstörungssucht hingibt.« Fromm fügte dem hinzu, dass Amerika, falls es weiter in unbewusster Hoffnungslosigkeit verharre, der Versuchung des großen Knalls mit Atomwaffen nicht werde widerstehen können. So gesehen, stellt eine Philosophie der Hoffnung die unentbehrliche Ergänzung zu den heutigen Warnsignalen ökologisch fundierter Zukunftsforschung dar. Und da rin liegt das Verdienst Ernst Blochs: Er hat, ohne passiv abwartende Zuversicht zu predigen, der Hoffnung als aktiv lebenserhaltender Macht höchsten Rang dadurch verliehen, dass er sie nicht bloß in den Utopien von Morus bis Weitling, sondern in der Vielfalt jeglicher Kulturschöpfung aufzufinden wusste: In allen Weltreligionen, in den Systemen der Philosophie, im Naturrecht, in Kunst und Dichtung, Technik und Medizin. Was wiederum nach sich zog, dass er in seinen produktivsten Jahrzehnten der Arbeiterbewegung neue, reiche Welten des ihr zufallenden, ihr zustehenden Erbes er- Briefe etc., die der 8. Band präsentiert. Mit Herbert Gruhl war Harich befreundet, beide standen in Kontakt und tauschten sich aus. Gruhls Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik war 1975 erschienen. 1834 Teil XIV schließen half – methodisch mit, meine ich, fragwürdigeren Mitteln als Georg Lukács, desgleichen eklektisch, im Gegensatz zu ihm, in der Üppigkeit seiner Ergebnisse, doch auch versatiler und mit viel weiter gespanntem Interessenkreis, weder mittelalterliche Scholastik verschmähend noch Hebels Schatzkästlein, den Opern Richard Wagners gleichermaßen zugetan wie den Songs von Brecht/Weill, ja, gern kokettierend mit seiner Begeisterung für Karl May. Nie ist ein Linker weniger borniert gewesen. Allein, zitiert zu werden verdient auch, was Bloch anlässlich zweier Kant-Jubiläen ge- äußert hat. 1924 schrieb er in der Weltbühne: »Wo einem nichts ernst ist, lässt sich viel feiern.« Und in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wandelte er das 1954 dann ab: »Wo einem vieles ernst ist, lässt sich nicht alles feiern.«508 Mit seiner Einwilligung folglich sei die Pietätsregel »De mortuis nil nisi bene« einmal außer Kraft gesetzt. Will sagen: Bloch hat sein Bestes, er hat fast alles in der Zeit verfasst, in der er, inspiriert durch die Russische Revolution, als Freund, Bundesgenosse, Mitstreiter an der Seite der Kommunisten stand – im Kampf gegen heraufziehenden Faschismus, in der Volksfront des Exils, schließlich als Miterbauer des Sozialismus auf deutschem Boden. So wäre er berufen gewesen, bis an sein Lebensende hier auszuharren: Als inkarniertes Kulturerbe, als unbedenkliche Bastion gegen Banausentum, Banalität und Provinzialismus, die das geistige Leben jedes Landes zu verarmen drohen, in dem, sei es aus noch so triftigen Gründen, das Bildungsbürgertum sozial entwurzelt wird. Nichts, kein Konflikt mit Ulbricht, keine Zwangsemeritierung, kein Mauerbau kann entschuldigen, dass Bloch 1961, kurzsichtig resignierend, der DDR fernblieb. Es war schlecht für diesen Staat, der nun unnötig lange brauchen wird, seinen bedeutendsten Denker dereinst wieder zu entdecken. Es war schlecht für Bloch selbst, weil es seine Kreativität auf die Aufarbeitung alter Manuskripte zurückwarf, die er im Wesentlichen nur noch mit den im Westen obligaten sowjetfeindlichen Einschüben versah. Schlecht war es auch für die bundesdeutsche Linke, gegen die der große alte Mann, gewollt oder nicht, mitunter missbrauchbar wurde. Und es hat einen bis heute unheilvoll fortwirkenden Präzedenzfall geschaffen. 508 (AH) Gemeint ist der Aufsatz Zweierlei Kant-Gedenkjahre, der Beitrag von 1924 wurde das erste, der von 1954 durch das zweite Zitat eröffnet. (In: Bloch: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 442–460.) 1835Ernst Bloch Bis heute, sage ich. Denn abermals ist kurzsichtige Resignation im Spiel, wenn wieder Intellektuelle der DDR, obendrein aus weit weniger gravierenden Motiven, westlichen Gefilden zu streben. Resignation übrigens nicht nur bei den Antragstellern, sondern erst recht dort, wo man mit einem Federstrich ihren Gesuchen stattgibt. Auf beiden Seiten wird da dem Ringen um Überzeugungen ausgewichen und so der bundesdeutschen Reaktion Vorschub geleistet, die den sozialistischen Teil des deutschen Sprachraums kulturell gern ausdörren möchten. An beide Seiten die Bitte zu richten, mit solcher Leichtfertigkeit endlich aufzuhören, das glaube ich einigen großen Toten auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof schuldig zu sein: Den Brecht und Becher, den Eisler und Zweig. Wenn ihr Freund Ernst Bloch den Anspruch preisgegeben hat, an ihrer Seite, wo er eigentlich hingehörte, bestattet zu werden, dann ist das traurig und schlimm genug. Brief an Karola Bloch509 (16. April 1980) Liebe Karola Bloch! Es tut mir äußerst leid, dass unserem neulich nach so langer Zeit erfolgten Wiedersehen so schnell auf Ihrer Seite eine derart tiefgehende Verärgerung erfolgt ist, wie ich sie Ihrem an mich gerichteten Brief vom 14. April entnehme. Lassen Sie mich, bitte, folgendes richtig stellen: 1) Es trifft nicht zu, dass ich Sie in irgend einem Zusammenhang in die Hamburger Presse gebracht hätte. Das können nur andere hinter meinem Rücken und ohne meine Zustimmung getan haben, und ich selbst bin da rü ber mehr als verstimmt. Ich weiß bis zum Moment auch überhaupt nicht, um welche Presse es sich da konkret handelt. Ihre diesbezügliche Mitteilung war für mich absolut überraschend und ich bitte Sie, mir mitzuteilen, wann wo was erschienen ist, damit ich gegebenenfalls von Ihnen – und auch von mir selbst – gewünschte Schritte dagegen unternehmen kann. 2) Tatsächlich bin ich im Januar 1980 vom »Sozialistischen Büro Hamburg« (Adresse etc. weggelassen, AH) zu einem Diskussionsforum eingeladen worden, das am 25. und 26. April in der Hamburger Markthalle stattfinden soll. Nachdem ich meine Teilnah- 509 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 16. April 1980, adressiert an Karola Blochs Pri vatadres se in Tübingen. Harich schrieb aus Osnabrück. 1836 Teil XIV me zugesagt hatte, bekam ich von den Einladern einen vom 1. März 1980 datierten Brief, worin sie mein Einverständnis begrüßten. Beigefügt war dem ein gedruckter Prospekt, dem ich – nunmehr zum ersten Mal – entnahm, dass außer mir unter anderem auch Wolf Biermann teilnehmen würde. Ich schwankte eine Weile, ob ich, von Biermann aufs Schwerste beleidigt und mit übler Nachrede verfolgt, nun nicht doch absagen sollte, schrieb dann aber am 7. April an die Veranstalter einen Brief, worin es unter anderem heißt: »Ich erwarte, dass Herr Biermann diese Gelegenheit wahrnehmen wird, sich bei mir für die schwere Beleidigung zu entschuldigen, die er mir im Januar 1978 in einem in der Hamburger Zeit abgedruckten Beitrag zugefügt hat. Sollte Herr Biermann auch jetzt noch im Zweifel da rü ber sein, dass er verleumderischen Behauptungen über mich aufgesessen war, die jeglicher Wahrheit entbehren, so kann er sich über das, was 1956/1957 tatsächlich geschehen ist, außer bei den im Westen wohnhaften Mitgliedern der so genannten ›Harich-Gruppe‹, den Herren Manfred Hertwig, Richard Wolf und Heinz Zöger, auch noch bei der in Tübingen lebenden Witwe Ernst Blochs, Frau Karola Bloch, und bei Herrn Professor Dr. Dr. Michail Voslensky vom Starnberger Max-Planck-Institut für die Erforschung der Lebensbedingungen in der technisch-industriellen Welt erkundigen. Ohne Entschuldigung Biermanns wäre mir eine Teilnahme nicht zuzumuten.« Dieser Brief von mir an das Hamburger Sozialistische Büro ermächtigte dasselbe in keiner Weise, von meiner internen Mitteilung irgendeinen öffentlichen Gebrauch zu machen. Erreichen wollte ich lediglich, dass Biermann gegebenenfalls durch das Sozialistische Büro an Personen verwiesen wird, die, im Westen für ihn zugänglich, ihn über die Vorgänge von 1956/1957 aufklären können, die er selber, aus eigener Kenntnis der Sachlage, zu beurteilen gar nicht im Stande ist. Die Antwort des Sozialistischen Büros an mich, handschriftlich, undatiert und unterzeichnet von einem Günther Kuhrig, lautete dann: »Da wir von dem Konflikt zwischen Ihnen und Wolf Biermann mittlerweile auch Nachricht erhalten hatten und auch Wolf Biermann seine Teilnahme schon in Frage gestellt hatte, haben wir uns entschieden, die Einladung an Sie aufrechtzuerhalten.« Von einer Weitergabe meiner Mitteilung vom 7. April an die Hamburger Presse war in diesem Brief Kuhrigs keine Rede. Andernfalls hätte ich sofort dagegen protestiert und notfalls entsprechende Schritte unternommen, da run ter natürlich auch eine Benachrichtigung an Sie. 1837Ernst Bloch 3) Biermanns Beleidigung in der Zeit vom Januar 1978 hätte von mir damals lediglich als Beleidigung und üble Nachrede zum Gegenstand einer Klage gemacht werden können, und eins wie das andere sind bloße Kavaliersdelikte. Verleumdet worden bin ich nicht von Biermann – der hat bloß zitiert, sondern von Janka und Havemann. Wie aber könnte ich diese beiden DDR-Bürger bei den DDR-Behörden, etwa der Staatsanwaltschaft der DDR, anzeigen!! Wer weiß, was das für die Betreffenden für Folgen hätte!! Also blieb mir nichts übrig, als die Sache auf sich beruhen zu lassen, nachdem Janka auf einen einschlägigen Brief von mir, in dem ich von ihm eine Stellungnahme erbeten, mit keiner Zeile reagiert und seine Frau Lotte Janka bei mehreren Anrufen, bei denen ich ihn selbst nie erreichte, mir immer nur erklärt hatte: »Lassen Sie meinen Mann zufrieden mit Sachen, die ihn nichts angehen!« Tatsächlich gingen diese Sachen ihn sehr wohl etwas an, denn von ihm stammende Verleumdungen meines Verhaltens 1956/1957 waren die Quelle der Biermannschen Beleidigungen gegen mich in der Zeit vom Januar 1978! Aber Janka hat eben eine Aussprache mit mir zu fürchten, weil er dann in Anbetracht der leichten Widerlegbarkeit seiner Anschuldigungen gegen mich als Lügner und Verleumder dastünde und zugleich die unhaltbare Konstruktion seiner Selbstverteidigung, die im übrigen von allen seinen Mitangeklagten und überdies von vierzehn Zeugen widerlegt worden ist, vollends in sich zusammenbräche. Und auf diese Konstruktion stützte er, wie ich hörte, in der DDR seinen absolut phantastischen Anspruch auf Anerkennung einer bei ihm nie unterbrochen gewesenen Parteimitgliedschaft in der SED. 4) Was hat nun Biermann im Januar 1978, gestützt auf Äußerungen Jankas zu Havemann – und vermutlich auch zu ihm – in der Hamburger Zeit behauptet? Janka habe zweimal in Bautzen einsetzen müssen, einmal während der Nazizeit und das zweite Mal unter Ulbricht, auf Grund einer Denunziation durch mich. Abgesehen davon, dass Janka während der Nazizeit im französischen Konzentrationslager Le Vernet gesessen hat, von wo aus er nach Mexiko emigrieren konnte, und nicht in Bautzen, ist er unter Ulbricht wahrlich nicht durch meine Schuld nach Bautzen gekommen. Denn erstens sind die programmatischen Konzeptionen und personellen Vorschläge der oppositionellen Gruppe, die sich 1956 im Aufbau-Verlag und in der Redaktion des Sonntag herausgebildet hatte, auf Jankas Wunsch durch mich dem damaligen Sowjetbotschafter Puschkin auseinandergesetzt worden, mit Einschluss des Wunsches, dass Ulbricht gestürzt werde. Zeugen für diesen Auftrag Jankas an mich sind Gustav Just 1838 Teil XIV (wohnhaft in der DDR) und Heinz Zöger (wohnhaft in der BRD), und Zeuge meines Gesprächs mit Puschkin ist dessen damaliger Sekretär, der jetzt – seit 1977 mit österreichischer Staatsangehörigkeit – im Westen lebende Voslensky. Zweitens hat Janka zwischen meiner Verhaftung und seiner eigenen 1956 Dinge getan, die, aller Wahrscheinlichkeit nach, zu seiner Verhaftung geführt haben, und eben diese Dinge sind Ihnen, liebe Karola Bloch, auch bekannt. Und drittens wurde Janka vor dem Obersten Gericht der DDR im Sommer 1957 durch seine sämtlichen Mitangeklagten (Just, Zöger, Richard Wolf ) und außerdem durch vierzehn Zeugen belastet, da run ter freilich auch durch mich, aber eben nicht nur, sondern auch durch die beiden anderen Angeklagten des ersten Prozesses, vom März 1957, nämlich durch Hertwig (jetzt BRD) und Steinberger (jetzt DDR), vor allem aber durch seinen alten Freund Paul Merker, den er in die Rolle eines deutschen Gomulka hatte drängen wollen. Von keinem der Mitangeklagten und Zeugen aber hätte Janka damals gedeckt werden können, da nach meinen Gesprächen mit Puschkin (am 25. Oktober 1956) und Ulbricht (am 7. November 1956) – und für das erste Gespräch hatte Janka selbst mir, wie gesagt, in Gegenwart von Just und Zöger die Direktive erteilt – den DDR-Behörden ohnehin schon alles bekannt war. Im Übrigen standen die vierzehn Zeugen ja unter Strafandrohung für den Fall einer Falschaussage, sich mit Falschaussagen zu verteidigen und uns als Lügner zu bezichtigen, das stand juristisch nur Janka frei, der vor Gericht noch den Status eines Angeklagten hatte. Und an eben diesen Falschaussagen hält Janka nun immer noch fest, um den Preis meiner Verleumdung. 5) Um noch etwas in Ihrem Brief richtig zu stellen. Ich bin nicht immer in Isolierhaft gewesen. Während meiner Untersuchungshaft (25. November 1956 bis 6. März 1957) teilte ich die Zelle mit einem anderen, der Kurt Witzel hieß (oder sich so nannte), und am 29. November 1961 wurde ich in Bautzen mit einem älteren, zu lebenslanger Haft verurteilten Strafgefangenen namens Otto Georgi (englischer Spion) zusammengelegt; nach acht Monaten aber trennte man uns wieder auf unseren beiderseitigen Wunsch, worauf ich von Ende Juli 1962 bis zu meiner Entlassung am 18. Dezember 1964 dann abermals streng isolierter Einzelhäftling blieb. Ich beteuere nochmals, dass ich während der ganzen acht Jahre und drei Wochen Haft keinerlei menschliche Unanständigkeit gegen irgend jemanden begangen habe. Und 1839Ernst Bloch ich bestätige Ihnen, liebe Karola Bloch, dass Sie mir dies nur glauben (oder nicht glauben), es aber keinesfalls bezeugen können. Bezeugen können Sie nur einiges von dem, was meiner Verhaftung vorausgegangen ist, und die eine oder andere Einzelheit des Verhaltens von Janka zwischen meiner Verhaftung und der seinigen. Dem Sozialistischen Büro Hamburg, und durch dessen Vermittlung dem Wolf Biermann, habe ich Ihren Namen in dem Glauben genannt, dass Sie dagegen nichts einzuwenden haben würden und es Ihnen auch in keiner Hinsicht irgend einen Schaden zufügen würde. Wenn ich mich da geirrt habe, möchte ich hiermit bei Ihnen Verzeihung erbitten. In die Presse habe ich nichts gebracht; da ran, wie gesagt, bin ich unschuldig. Vielmehr habe ich vorausgesetzt, dass sowohl das Sozialistische Büro Hamburg als auch Biermann meinen Brief vom 7. April 1980 der Öffentlichkeit gegenüber diskret behandeln würden. Dass das offenbar nicht geschehen ist, tut mir nicht weniger Leid als Ihnen. In der Hoffnung, gute Beziehung mit Ihnen und Ihrer Familie aufrechterhalten bzw. wiederherstellen zu können, und voll aufrichtigem Bedauern da rü ber, ungewollt und indirekt halt doch zu Ihrer großen Verärgerung beigetragen zu haben, die aus Ihrer bisherigen Sicht der Dinge keineswegs jeder Berechtigung entbehrt, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr

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Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.