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Teil XIII Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1649 - 1730

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1649

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil XIII Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1650 Teil XIII 1651Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Brief an Kurt Hager273 (30. Oktober 1952) Werter Genosse Hager! Ich bitte Dich, der Aufnahme von Professor Schröter in den Kreis der Herausgeber der Zeitschrift zuzustimmen. Aus folgenden Gründen: 1) Das Erscheinen der Zeitschrift würde dadurch nicht verzögert werden und es würde auch durch Schröters Mitarbeit keine Erschwerung der Redaktionsarbeit eintreten. 2) Es muss mit Bestimmtheit damit gerechnet werden, dass Schröter, dessen Mitarbeit in allen Fragen der Logik für die Zeitschrift außerordentlich wichtig und nützlich ist, uns diese Mitarbeit verweigert, wenn wir ihn nicht in das Herausgeber-Kollegium aufnehmen, nachdem er – nach dem Ausscheiden Linkes – zu Bloch, Schrickel und mir sehr entschieden dem Wunsch geäußert hat, als Vertreter der Logik an der He rausge ber schaft beteiligt zu sein. Einen abschlägigen Bescheid würde er zweifellos als schwere Kränkung empfinden. 3) Schröter erklärte, dass er vollständig damit einverstanden sei, dass die Zeitschrift einen im Wesentlichen marxistischen Charakter habe. Mit den von Ernst Hoffmann aufgestellten programmatischen Punkten für die Arbeit der Redaktion war er ebenfalls einverstanden. Er erklärte, dass er die Planung, Auswahl und Bearbeitung der eigentlich philosophischen Aufsätze, die erscheinen sollen, ganz und gar Bloch, Schrickel und mir überlassen werde und in keinem Falle ein Einspruchsrecht beanspruchen wolle. Es gehe ihm nur darum, für gutes Niveau bei der Behandlung logischer und mathematischer Themen zu sorgen, aber auch auf diesem Gebiet beanspruche er gegenüber Auffassungen, die von den seinen abweichen, kein Vetorecht. 4) Wenn Schröters Name unter den Herausgebern zu finden ist, so wird das ohne Zweifel dem Renommee der Zeitschrift sehr nützlich sein. 5) Bloch, Schrickel und ich sind uns da rin einig, dass Schröters Beteiligung an der Herausgeberschaft für die Zeitschrift ein großer Gewinn wäre. Nachdem wir die An- 273 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 30. Oktober 1952, adressiert an »den Genossen Kurt Hager, Abt. für Propaganda beim ZK der SED«. 1652 Teil XIII gelegenheit kollektiv gesprochen hatten, fassten wir den Beschluss, Dir dies als Vorschlag zu unterbreiten. Ich wollte diesen Brief auch von Schrickel unterzeichnen lassen. Schrickel liegt aber schwerkrank im Bett und ist nicht zu sprechen. Ich glaube aber dafür einstehen zu können, dass er mit diesem Brief voll inhaltlich einverstanden ist. Mit bestem Gruß! Brief an Horst Eckert274 (11. November 1952) Werter Genosse Eckert! Bezüglich der philosophischen Zeitschrift möchte ich Dir auf diesem Wege Folgendes zur Kenntnis geben: 1) Nach unserem Gespräch habe ich Herrn Prof. Dr. Karl Schröter mitgeteilt, dass Herausgeber und Redaktion seine Mitarbeit als vierter Herausgeber der Zeitschrift begrüßen würden, und dass seiner Aufnahme ins Herausgeber-Kollegium nun nichts mehr im Wege stünde. Gleichzeitig habe ich ihn gebeten, den Fragebogen des Verlages auszufüllen und seine wissenschaftliche Biographie einzureichen. Prof. Schröter hat diese Nachricht mit außerordentlicher Freude begrüßt. Als Herausgeber der Zeitschrift zeichnen nunmehr: Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Wolfgang Harich, Karl Schröter. Redaktionssekretär: Klaus Schrickel. 2) Prof. Baumgarten, Prof. Bloch und ich waren übereingekommen, den Titel der Zeitschrift zu ändern. Der Titel Deutsche Zeitschrift für philosophische Wissenschaft ist uns zu schwerfällig, zu prätentiös und – wie die Entwürfe des Umschlags und des Titelblatts zeigten – typografisch kaum zu bewältigen, abgesehen davon, dass das Wort »philosophische Wissenschaft« unsinnig ist. Unser neuer Vorschlag lautete: Zeitschrift für Philosophie. Wahlweise wurde von Prof. Bloch auch noch Deutsche Zeitschrift für Philosophie vorgeschlagen. Genosse Schrickel und ich sind nun in einer Unterredung 274 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 11. November 1952, adressiert an »den Genossen Horst Eckert, Abt. Propaganda beim ZK der SED, Hochschulreferat, Betrifft: Philosophische Zeitschrift«. 1653Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie überein gekommen, dass der Titel Deutsche Zeitschrift für Philosophie am besten wäre. Prof. Baumgarten und Prof. Schröter sind mit diesem Titel ebenfalls einverstanden, das Einverständnis von Prof. Bloch kann vorausgesetzt werden, da eben dies sein eigener Alternativvorschlag war. Ich darf Dir also den entschiedenen Wunsch der Herausgeber und des Redaktionssekretärs mitteilen, die Zeitschrift von der ersten Nummer an in Deutsche Zeitschrift für Philosophie umzubenennen. 3) Als Termin für den Redaktionsschluss der ersten Nummer habe ich den 17. November 1952 festgesetzt. Am 17. November werde ich zunächst das gesamte Manuskript des ersten Beiheftes der Zeitschrift in die Herstellung geben.275 In der Woche zwischen dem 17. und 24. November werden die fertig redigierten Manuskripte zur ersten Nummer der Zeitschrift sämtlich in die Herstellung gegeben werden. Redaktionsschluss der zweiten Nummer wäre dann der 15. Februar 1953. 4) Mit Genossen Schrickel bin ich übereingekommen, dass ich weiter bis zu seiner Genesung die Aufgaben des Redaktionssekretärs wahrnehmen werde. Trotz seiner Erkrankung ist er aber bereit, einige wichtige Artikel zu lesen und – wenigstens mündlich – zu begutachten (vor allem die von Lukács, Schröter und mir selbst). Ich bitte dich nun, a) Genossen Hager in diesem Sinne zu unterrichten, b) dabei behilflich zu sein, dass Satz und Druck der ersten Nummer beschleunigt von Statten gehen können. Mit sozialistischem Gruß! 275 (AH) Gemeint ist das erste Beiheft zur Zeitschrift: Bloch, Ernst; Harich, Wolfgang (Redakt.): Protokoll der philosophischen Konferenz über Fragen der Logik am 17. und 18. November 1951 in Jena. Erstes Beiheft zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Berlin, 1953. Auch wenn Bloch als Redakteur genannt wurde, hatte Harich fast die gesamte Arbeit erledigt. Zu Harichs Beiträgen zur Logik-Debatte der jungen DDR-Philosophie (an der Jenaer Konferenz hatte er krankheitsbedingt nicht teilgenommen) siehe den 2. Band. Alle weiteren Informationen bietet der Aufsatz: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. 1654 Teil XIII Brief an Kurt Hager276 (11. November 1952) Werter Genosse Hager! Bezüglich der philosophischen Zeitschrift möchte ich Dir auf diesem Wege Folgendes zur Kenntnis geben: 1) Nachdem ich Genossen Horst Eckert nochmals auf die Dringlichkeit einer Entscheidung in der Angelegenheit Schröter hingewiesen hatte, hat er mir nunmehr telefonisch erklärt, dass wir Schröter in das Herausgeber-Kollegium aufnehmen sollten. (Die weiteren Ausführungen analog zu Punkt 1) des Briefes an Eckert, AH.) 2) (Die Ausführungen analog zu Punkt 2) des Briefes an Eckert, AH.) 3) (Die Ausführungen analog zu Punkt 4) des Briefes an Eckert, AH.) 4) (Die Ausführungen analog zu Punkt 3) des Briefes an Eckert, AH.) 5) Der Verlag erklärte mir, dass bei Einhaltung der unter Punkt 4 angegebenen Termine die erste Nummer und das Beiheft im Januar 1953 erscheinen würden. Ich muss sagen, dass ich das für kein Unglück halten würde, da es ohnehin misslich ist, eine neue periodische Publikation zum ersten Mal am Ende eines Jahres erscheinen zu lassen. Indessen lässt sich, wenn die Partei es unbedingt wünscht, der Vorgang von Satz, Korrektur, Umbruch und Druck so beschleunigen, dass das erste Heft noch im Dezember erscheinen kann. Dann aber müsste wohl die Abteilung Propaganda selbst eingreifen und den Verlag »treten«. Zum Schluss darf ich Dich persönlich noch einmal an Dein Versprechen erinnern, uns für die erste Nummer einen Aufsatz über den philosophischen Gehalt der neuen Arbeit Stalins zu liefern. Wir wollen diese Arbeit, wie Du weißt, an die Spitze der ersten Nummer stellen. Redaktionsschluss: 17. November. Da ich – zu Deiner Ehre sei es gesagt – nicht erwarte, dass es an Deinem Aufsatz viel zu ändern geben wird, da ich Deine Zeitnot kenne und außerdem etwas wirklich Fundiertes und Ausgewogenes von Dir in der Zeitschrift haben möchte, würde ich sagen: Es genügt, wenn ich die Arbeit bis zum 22. November (also Sonnabend in acht Tagen) in den Händen habe. Das wäre 276 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 11. November 1952, adressiert an »den Genossen Kurt Hager, Abt. für Propaganda beim ZK der SED«. 1655Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie aber der allerletzte Termin, und wenn Du denn nicht einhieltest, wären wir mit unserer Planung »aufgeschmissen«. In der Anlage sende ich Dir den Plan der ersten Nummer. Mit sozialistischem Gruß! Brief an Klaus Schrickel277 (11. November 1952) Lieber Genosse Schrickel! Wie besprochen, schicke ich Dir in der Anlage den neuen Entwurf zum Vorwort. Die Gesichtspunkte, die meines Erachtens für diesen Entwurf sprechen, sind die folgenden: 1) In der Kürze liegt die Würze. Die ganze Entstehungsgeschichte der Zeitschrift, deren Begründung in Jena »aufs Wärmste begrüßt« wurde,278 nebst vier Seiten Programmatik und sehr allgemeinplätziger Erklärung der Bedeutung des Marxismus als Philosophie der Arbeiterklasse, interessieren niemanden. 2) Die Hoffmannschen Punkte – auch in abgeänderter Form – sind im Vorwort ganz fehl am Platze. Die Punkte sind gut als Richtlinien unserer Arbeit, sind auch gut für den Zirkularbrief, der an die möglichen Mitarbeiter geschickt wird, können aber im Vorwort nichts nützen, sondern ganz im Gegenteil. Was ist eigentlich zu befürchten, wenn wir nicht als Punkt 1 die Verbreitung des dialektischen und historischen Materialismus ankündigen? Dass Heidegger uns aus Versehen Beiträge einsendet? Soll er doch. Wir sind ja nicht verpflichtet, sie zu bringen! Oder dass Frau Schulze denkt, wir wären das evangelische Sonntagsblatt? Soll sie doch! Viel schlimmer wäre es, wenn 277 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 11. November 1952, adressiert an Klaus Schrickels Berliner Privatadresse. 278 (AH) Gemeint ist die bereits erwähnte Jenaer Logik-Konferenz (November 1951). In seinem Schlusswort hatte Kurt Hager ausgeführt, dass ein Ausschuss gebildet werden solle, u. a. mit den Aufgaben: »Sich mit der Herausgabe des Protokolls dieser Tagung zu befassen«. »Ich meine, dass dieser Ausschuss die Frage der Herausgabe einer philosophischen Zeitschrift prüfen sollte.« Das Protokoll verzeichnete anschließend »Beifall«. Hager: Schlusswort, in: Bloch, Ernst; Harich, Wolfgang (Redakt.): Protokoll der philosophischen Konferenz über Fragen der Logik am 17. und 18. November 1951 in Jena. Erstes Beiheft zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie, Berlin, 1953, S. 128. 1656 Teil XIII jemand auf den Gedanken käme, dass der Beitrag von Linke eine Erfüllung des Programmpunktes 1 darstellte. – Ich bin der Meinung: Wir wollen unter allen Umständen eine auf hohem Niveau stehende, im Wesentlichen marxistische Zeitschrift machen. Das schaffen wir nicht durch Ankündigungen, sondern durch die Art unserer Arbeit. 3) Das Vorwort muss meines Erachtens einen gewissen literarischen Schliff haben. Wir werden von Intellektuellen gelesen werden, in aller erster Linie, und es ist eine durchaus legitime Aufgabe, diese Leute mit ganz spezifischen Mitteln für uns zu interessieren und zu überzeugen. Dazu gehören auch die Mittel des sprachlichen Ausdrucks. Das ungehobelte biedermännische, schwunglose Deutsch von Hoffmann lockt keinen Hund hinterm Ofen vor. Hand aufs Herz! Wenn Dir in Deinem bürgerlichen »Vorleben« die Marxisten immer nur so gekommen wären und nicht auch mal wie Ehrenburg oder der Marx des Achtzehnten Brumaire, wärst Du doch auch ein gutes Stück weniger neugierig auf das gewesen, was sie zu sagen haben. Aus diesen Gründen – nur aus diesen – ist auf das »mondäne Tiefsinnsgeschwätz« und die Klopffechterei und den verstockten Kult des Irrationalen kein Wert zu legen. Die reaktionäre Ideologie des amerikanischen Imperialismus usw. bekämpft man viel wirksamer mit den Artikeln selbst, die es gegen Dewey oder Chase zu schreiben gilt. Mit der Ankündigung, dass man sie bekämpfen werde, bekämpft man sie nicht. 4) Für unentbehrlich halte ich indessen die Erwähnung des Sektierertums und der Buchstabengelehrsamkeit, die, jedenfalls auf dem Gebiet der DDR, in allen kulturpolitischen Dingen zu den schlimmsten Feinden (objektiv!) unserer Sache gehören. Also: Ließ es Dir durch und lass von Dir hören. Wenn wir uns verständigt haben, schicken wir es an die anderen Herausgeber und dann an Kurt Hager. Er wird sicher nichts gegen dieses Vorwort haben; denn er gehört zu denen, die elastisch und »volksnah« genug sind, sich Argumenten wie den oben angeführten nicht zu verschließen – wenn man sie ihm klarmacht. Herzlichst 1657Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Brief an Kurt Hager279 (11. Dezember 1952) Werter Genosse Hager! In der Anlage übersende ich Dir das Vorwort zur Deutschen Zeitschrift für Philosophie in der Fassung, auf die sich die Herausgeber geeinigt haben. Bei der Beurteilung des Vorwortes bitte ich Folgendes zu beachten: 1) Der Entwurf des Genossen Hoffmann wurde von uns als ungeeignet empfunden, weil er zu weitschweifig, nicht prägnant genug und stilistisch schlecht war. 2) In einer Unterredung zwischen Genossen Shkurinow von der SKK und mir wurde da rü ber volles Einverständnis erzielt, dass es kein glücklicher Gedanke sei, die bei Hoffmann nach Punkten gegliederten konkreten Aufgaben der Zeitschrift im Vorwort zu publizieren. Herausgeber und Redaktion sollten sich in einer schriftlich fixierten, quasi vertraglichen Übereinkunft verpflichten, die Hoffmannschen Punkte – vermehrt um Ergänzungen, die von Bloch, Schrickel mir vorgeschlagen wurden – zu bindenden Arbeitsrichtlinien zu machen. Das publizierte Vorwort dagegen sollte aus propagandistischen Gründen allgemeiner gehalten werden, damit auf der einen Seite bei Anhängern und Freunden nicht falsche Vorstellungen erweckt werden (etwa die Vorstellung, dass ein Artikel wie der von Linke ein Beitrag zur Verwirklichung des Programmschwerpunktes »Verbreitung des dialektischen Materialismus« sei), und damit andererseits die Zeitschrift bei skeptischen Lesern, die es erst zu gewinnen gilt, nicht von vornherein als »abgestempelt« erscheint. 3) Die Hoffmannschen Punkte wurden, zusammen mit den Ergänzungen von Bloch, Schrickel und mir, von allen Herausgebern als verbindliche Arbeitsrichtlinien anerkannt. Genosse Schrickel wird in den Weihnachtsfeiertagen die schriftliche Übereinkunft der Herausgeber und der Redaktion auf der Grundlage der Hoffmannschen Punkte, der zusätzlichen Vorschläge und gewisser technischer-redaktioneller Verpflichtungen, die die einzelnen übernehmen müssen, endgültig formulieren. Die Übereinkunft wird Dir dann vorgelegt und nach Billigung von den Herausgebern und dem Redakteur unterzeichnet werden. 279 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 11. Dezember 1952, adressiert an »den Genossen Kurt Hager, Abt. für Propaganda beim ZK der SED«. 1658 Teil XIII Ich bitte Dich, unter Berücksichtigung dieser Tatsachen Deine Zustimmung zu dem beiliegenden Vorwort zu geben. Gleichzeitig übersende ich Dir in der Anlage eine Aufstellung der Beiträge, die für die zweite Nummer der Zeitschrift vorliegen bzw. in Auftrag gegeben wurden. Mit sozialistischem Gruß! Kritische Bemerkungen zum Aufruf des ZK der SED zum Marx-Jahr280 (01. Januar 1953) 1) »Zusammen mit seinem Freunde Friedrich Engels formulierte er (Marx) am Vorabend der bürgerlichen Revolution in Deutschland 1847 die historische Mission der Arbeiterklasse.« Das ist nicht ganz korrekt. Richtig ist, dass von den frühen Formulierungen der historischen Mission der Arbeiterklasse die des Kommunistischen Manifests die reifste ist, und dass diese Formulierung tatsächlich von Marx und Engels gemeinsam geschaffen wurde. Aber Marx hat die historische Mission des Proletariats schon viel früher, zuerst um die Jahreswende 1843/1844 in der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie (Einleitung), mit großer Deutlichkeit ausgesprochen, wenn auch noch ohne die politökonomische Begründung, während Engels im Herbst 1843 in England, wie seine Artikel für The new moral World beweisen, noch an die Möglichkeit der Verwirklichung des Kommunismus durch die Bourgeoisie und die Intelligenz glaubte. In der Frage des Appells an die Massen gebührt Marx die Priorität. Es ist nicht einzusehen, warum das in einem Aufruf zum Marx-Jahr vermischt wird. 2) »Marx und Engels wiesen der Arbeiterklasse die Aufgabe zu, die alte, auf der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen begründete Gesellschaft umzustürzen usw.« Das ist eine laxe Formulierung. Dass die Arbeiterklasse diese Aufgabe hat, ist eine objektive, gesetzmäßige Tatsache. Die Aufgabe konnte ihr nicht »zugewiesen« werden, wohl aber konnte sie in das Bewusstsein der Arbeiterklasse gehoben werden, und eben das haben Marx und Engels getan. 3) »Auf die zu seiner Zeit größten Errungenschaften (…) kritisch aufbauend entdeckte Karl Marx (…).« Das ist falsches Deutsch. Es müsste heißen: Auf den zu seiner Zeit 280 (AH) 4 Blatt, maschinenschriftlich, 01. Januar 1953 1659Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie größten Errungenschaften kritisch aufbauend. Oder aber: An die zu seiner Zeit größten Errungenschaften kritisch anknüpfend. 4) »(…) entdeckte Karl Marx mit Unterstützung seines Freundes Friedrich Engels das Entwicklungsgesetz in Natur und Gesellschaft, den dialektischen Materialismus.« Das ist unsinnig. Es hört sich so an, als ob der dialektische Materialismus (der eine Weltanschauung ist) das Entwicklungsgesetz in Natur und Gesellschaft wäre. Richtig müsste es heißen: Entdeckte Karl Marx die Entwicklungsgesetze in Natur und Gesellschaft und schuf so den dialektischen Materialismus. 5) Nachdem im zweiten, dritten und vierten Absatz davon die Rede war, welche Bedeutung die Lehren von Marx für den Klassenkampf des Proletariats haben, nachdem im vierten Abschnitt sogar die Lehre von der Diktatur des Proletariats erwähnt wurde, mit der ausgerüstet die arbeitenden Klassen die Herrschaft der letzten Ausbeuterklasse, der Bourgeoisie, stürzen und die klassenlose sozialistische Gesellschaft errichten können, wird unsinnigerweise im fünften Absatz fortgefahren: »Aber für Marx, der für die Entwicklung der Wissenschaft mehr als ein anderer zu seiner Zeit geleistet hat, war die Wissenschaft nicht Selbstzweck, sondern eine ›geschichtlich bewegende, revolutionäre Kraft‹ (Engels).« Was heißt hier »aber«? Es kann keine Rede davon sein, dass der Absatz vier etwa so verstanden werden könnte, als ob auch für Marx die Wissenschaft Selbstzweck gewesen wäre. Offenbar hat der Verfasser des Aufrufs das »aber«, das hier ganz unsinnig ist, aus der Engelsschen Grabrede für Marx übernommen. Engels spricht dort nämlich von der Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Leistungen Marx’, er erwähnt, dass Marx auf den allerverschiedensten Gebieten, sogar auf dem Gebiet der Mathematik selbständige Entdeckungen gemacht habe, und er fährt dann fort: »So war der Mann der Wissenschaft. Aber das war noch lange nicht der halbe Mann. Die Wissenschaft war für Marx eine geschichtlich bewegende, eine revolutionäre Kraft.« Das »aber«, das in der Grabrede von Engels sinnvoll ist (nämlich im Zusammenhang mit mathematischen und anderen wissenschaftlichen Leistungen), wird im Zusammenhang mit der Lehre von der Diktatur des Proletariats sinnlos. Die Benutzung der Engelsschen Rede durch den Verfasser des Aufrufs ist gedankenlos und schematisch. 6) Im fünften Absatz werden die politischen Kämpfe, an denen Marx teilnahm, aufgezählt. Dabei werden nicht erwähnt: a) Die Redakteurstätigkeit an der Rheinischen 1660 Teil XIII Zeitung, b) die Beziehung von Marx zur Pariser Kommune, c) das Eingreifen in die Formierung der deutschen Arbeiterbewegung mit der Kritik des Gothaer Programms. Das Fehlen von a) ist deswegen bedauerlich, weil der Hinweis da rauf, dass Marx im Vormärz zeitweise als entschiedener bürgerlicher Demokraten gegen die Reaktion gekämpft hat, für eine möglichst breite Basis unserer Marx-Feiern sehr wichtig wäre – namentlich im Hinblick auf das, was Stalin auf dem XIX. Parteitag der KPdSU über die von der Bourgeoisie verratenen bürgerlich-freiheitlichen Traditionen gesagt hat. Das Fehlen von b) ist völlig unverständlich: Wie konnte der Verfasser des Aufrufs, dem es in Absatz fünf darum zu tun war, ein Bild von der praktisch-revolutionären Tätigkeit Marx’ zu geben, das wichtigste revolutionäre Ereignis des 19. Jahrhunderts vergessen? Das Fehlen von c) zeigt schließlich, dass der Verfasser des Aufbruchs den Diskussionsbeitrag des Genossen Herrnstadt auf dem letzten Plenum des ZK, wo von der Kritik des Gothaer Programms ausdrücklich die Rede war, nicht beachtet hat. 7) In Absatz fünf heißt es weiter, dass Marx gegen alle Erscheinungen des Opportunismus und gegen alle Entstellungen und Verfälschungen des wissenschaftlichen Sozialismus gekämpft hat. Das ist in dieser Formulierung nicht ganz genau: Entstellungen und Verfälschungen des wissenschaftlichen Sozialismus sind im Wesentlichen erst nach dem Tod von Marx, nämlich in Form von »Revisionen« des Marxismus (Bernstein usw.), in der Arbeiterbewegung aufgetreten und wirksam geworden. Der ideologische Kampf, den Marx innerhalb der Arbeiterbewegung führte, richtete sich zu seinen Lebzeiten vor allem gegen vormarxistische, kleinbürgerliche Strömungen im Proletariat (z. Bsp. gegen den Anarchismus). Freilich wuchsen diese Strömungen später in Entstellungen des wissenschaftlichen Sozialismus hinüber (man denke an den Lassalleanismus als geistige Vorbereitung des Revisionismus und Reformismus). Der Fehler, der hier unterlaufen ist, ist also nicht gar so schlimm. Trotzdem hätten die entsprechenden Formulierungen präziser sein müssen, etwa so: »Mit unerbittlicher Schärfe und Unnachgiebigkeit kämpfte Marx gegen alle Erscheinungen des Opportunismus, wie sie sich aus den kleinbürgerlichen ideologischen Strömungen in der damaligen Arbeiterbewegung ergaben, gegen alle Entstellungen und Verfälschungen der sozialistischen Lehre, gegen Anarchismus und Lassalleanertum, gegen die Schrullen Proudhons und die Fehler des Gothaer Programms.« 8) Dem Aufruf fehlt es an einzelnen Stellen an historischer Konkretheit. Zum Beispiel hätte mindestens in einem Absatz kurz klargemacht werden müssen, warum der wissenschaftliche Sozialismus gerade von einem deutschen Denker geschaffen wurde. Die 1661Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie nötigen Hinweise finden sich in Stalins Schrift Über die Grundlagen des Leninismus (Abschnitt über die historischen Wurzeln des Leninismus). Ohne einen wenigstens andeutenden Hinweis auf die historischen Grundlagen schwebt das über die Marxsche Lehre Gesagte in der Luft. 9) Der Verfasser des Aufrufs hat sich keine sehr große Mühe damit geben, den Aufruf so zu formulieren, dass er speziell auf Marx zugeschnitten ist. Wa rum wird von Stalin nur die Definition des Marxismus zitiert? Wa rum nicht die wunderbare Würdigung der Überwindung des Utopischen Sozialismus durch »den genialen Marx«, wie sie sich in Stalins Die SP Russlands und ihrer nächsten Aufgaben (Werke, Band 1, S. 10/11) findet? Wa rum fehlen wichtige und eindrucksvolle Äußerungen von Engels und Lenin über Marx? Wa rum fehlt die Fußnote aus dem Ludwig Feuerbach, in der Engels in grandioser Bescheidenheit klarmacht, warum die Lehre mit Recht nach Marx benannt ist? Der Aufruf trägt mehr den Charakter einer allgemeinen Aufforderung zum Studium der Werke von Marx und Engels, als dass er speziell auf das Marx-Jahr abgestimmt wäre. 10) Stilistisch ist der Aufruf teilweise äußerst mangelhaft. Die Sprache ist fast durchweg trocken und ledern. Wa rum war es nicht möglich, den Aufruf gemeinsam von führenden Genossen Theoretikern und Schriftstellern formulieren und dann dem Politbüro zur endgültigen Redaktion vorlegen zu lassen? In der vorliegenden Form ist der Aufruf nicht dazu angetan, in Herzen und Hirnen etwas zum Zünden zu bringen. Briefmarkenblock zum Karl-Marx-Jahr 1953 1662 Teil XIII Brief an Kurt Hager281 (12. Januar 1953) Betrifft: Themenplan zum Karl-Marx-Jahr 1953 Werter Genosse Hager! Eine verbindliche und endgültige Antwort auf Deine Anfrage bezüglich eines Themenplans zum Karl-Marx-Jahr282 kann ich jetzt aus den folgenden Gründen noch nicht geben: a) Von den Herausgebern sind Prof. Baumgarten und Prof. Schröter bis zum Beginn des neuen Semesters nicht erreichbar; es handelt sich im Folgenden also vorerst nur um Planungen von Prof. Bloch, Genossen Dr. Schrickel und mir, die der Zustimmung der anderen Herausgeber noch bedürfen. b) Wir haben eine Reihe von Autoren angeschrieben und um Beiträge zum Marx-Jahr gebeten; einige haben noch nicht geantwortet, andere haben sich thematisch noch nicht festgelegt, sondern es zunächst bei einer allgemein gehaltenen Zusage bewenden lassen. Diese Einschränkung vorausgesetzt, kann ich aber heute schon Folgendes bezüglich unserer Planung zum Karl-Marx-Jahr mitteilen: 281 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 12. Januar 1953, adressiert an »den Genossen Kurt Hager, Abt. für Propaganda beim ZK der SED«. 282 (AH) Der 9. Band enthält verschiedene Briefe Harichs an Lukács, in denen deutlich wird, wie sich die Redakteure der verschiedenen DDR-Zeitschriften um Beiträge zum Marx-Jahr »stritten«, da alle möglichst zugkräftige und »prominente« Namen, Autoren präsentieren wollten. Sogar das ZK schaltete sich ein und vermittelte Aufsätze »von oben« bzw. gab bindende Anweisungen über Druckorte etc. 1985, Kurt Hager (l), daneben Hermann Kant, Stephan Hermlin (r) 1663Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1) Heft 1, 1953. a) Beiträge, die direkt mit dem Marx-Jahr in Beziehung stehen: An die Spitze des Heftes wird eine Montage Zum Karl-Marx-Jahr 1953 gestellt, enthaltend Äußerungen von Engels, Lenin und Stalin über Marx (da run ter eine wenig bekannte Äußerung des jungen Stalin aus dem Jahre 1901 über Marx und den Utopischen Sozialismus), sowie größere Auszüge aus dem Aufruf des ZK der SED zum Marx- Jahr. b) Beiträge mit indirekter Beziehung zum Marx-Jahr: Keine! 2) Heft 2, 1953. a) Beiträge, die direkt mit dem Marx-Jahr in Beziehung stehen: • Ernst Bloch, Essay über die Feuerbach-Thesen von Marx, aktuell durch eine bei dieser Gelegenheit erfolgende Polemik gegen den Pragmatismus. • Wolfgang Harich, Essay über Marx’ Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, unter besonderer Berücksichtigung folgender Gesichtspunkte: a) Marx und das Problem der Religionskritik, b) Marx’ Beurteilung der deutschen Geschichte, c) Marx als Erbe und Überwinder der klassischen deutschen Philosophie, d) die Entdeckung der historischen Mission des Proletariats durch Marx, e) der erste Keim der Lehre von der Hegemonie des Proletariats der bürgerlich-demokratischen Revolution. • M. M. Rosenthal, Aufsatz über die Ausarbeitung der Lehre vom Kampf der Gegensätze in Marx’ Kapital. b) Beiträge mit indirekter Beziehung zum Marx-Jahr: • Rugard Gropp, Aufsatz über Arnold Ruges Rolle in der Auflösung des Hegelianismus unter besonderer Berücksichtigung der Kritik von Marx an den Junghegelianern im Allgemeinen und an Ruge im Besonderen. • Georg Lukács, Essay über Kierkegaard. Der Aufsatz hat große aktuelle Bedeutung, da Kierkegaard zu den wichtigsten Modegrößen der bürgerlich-dekadenten Intellektuellen im Westen gehört. Kierkegaards Philosophie wird von Lukács als die reaktionäre Alternative zum Marxismus in der Situation der Auflösung der klassischen deutschen Philosophie interpretiert und einer vernichtenden Kritik unterzogen. Gleichzeitig wird abgerechnet mit dem in Westdeutschland erschienenen Buch von Karl Löwith: Von Hegel zu Nietzsche. Untertitel: Marx und Kierkegaard. 1664 Teil XIII • Arthur Baumgarten, über die drei Hauptrichtungen der neueren Rechtswissenschaft. In dem Aufsatz wird die Revolutionierung der Rechtswissenschaft durch die Lehren von Marx behandelt. 3) Heft 3, 1953. a) Beiträge, die direkt mit dem Marx-Jahr in Beziehung stehen: • Georg Lukács, Karl Marx’ Kritik an der Ästhetik Friedrich Theodor Vischers. Ein umfangreicher Aufsatz, in dem die von der sowjetischen Wissenschaft ausgegrabenen Vischer-Exerpte von Marx ausführlich interpretiert werden. Dabei wird der Gegensatz der marxistischen Ästhetik zur subjektiv-idealistischen Ästhetik der Bourgeoisie in sehr eindringlicher und überzeugender Weise auseinandergesetzt. • Fred Oelßner, Aufsatz über die philosophische Leistung von Marx. (Bereits vor Wochen in Auftrag gegeben, thematisch noch nicht genau festgelegt. Genosse Oelßner wird dieser Tage nochmals um genaue thematische Präzisierung gebeten.) • Auguste Cornu, Aufsatz über Marx. Cornu wird, zusammen mit Genossen Wolfgang Schubardt, aus den Materialien seiner Marx-Engels-Biographie – in der zweiten, verbesserten Fassung – einen Aufsatz zusammenstellen. Thematisch noch nicht genau festgelegt. Präzise Vorschläge werden nach der Rückkehr Professor Cornus aus Frankreich von ihm und Genossen Schubardt unterbreitet werden. • Trofimow, Über Probleme der materialistischen Dialektik und Erkenntnistheorie im Kapital von Marx. b) Beiträge mit indirekter Beziehung zum Marx-Jahr: • Wolfgang Harich, Neue Anthropologie in Deutschland. Kritische Auseinandersetzung mit der Anthropologie von Arnold Gehlen und mit der da rüber in westdeutschen philosophischen Zeitschriften stattfinden Diskussion. Die Arbeit nimmt eine aktuelle westdeutsche philosophische Diskussion zum Anlass, zu zeigen, dass die Probleme der Anthropologie der Lehre von Marx und Engels – genauer: in den Feuerbach-Thesen, in der Deutschen Ideologie, in der Analyse des Arbeitsprozesses in Kapitel fünf des Kapital und in Stalins Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft ihre wissenschaftliche Lösung finden. Dabei wird ein Zweifrontenkampf geführt – einerseits gegen die religiösen und existenzialistischen westdeutschen Kritiker, die die progressiven Seiten der Gehlenschen Anthropologie (Betonung 1665Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie der Einheit von Sprache und Denken, der Praxis als des Zentrums aller spezifisch menschlichen Leistungen usw.) angreifen, und andererseits gegen reaktionäre Tendenzen, die die Gehlensche Anthropologie aufweist (Agnostizismus in der Abstammungsfrage, reaktionäre Tendenzen in der Behandlung gesellschaftlicher Probleme). c) (Mit dem Aufsatz von Fred Oelßner kann eventuell erst für Heft vier gerechnet werden.) 4) Heft 4, 1953. a) Beiträge, die direkt mit dem Marx-Jahr in Beziehung stehen: • Otto Winzer, Generalabrechnung mit der Theorie und Praxis des Sozialdemokratismus von Bernstein und Kautsky ausgehend bis zur unmittelbaren Gegenwart. Kerngedanke: Der Abfall der Führer der deutschen Arbeiterbewegung von der Lehre Marx’ als Hauptursache der tragischen Entwicklung Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (eventuell wird Winzer bis zum Gothaer Programm zurückgehen). • Eventuell: Der Marx-Aufsatz von Oelßner, der unter Umständen für Heft drei noch nicht vorliegen wird. • Georg Lukács, Marx’ Kritik der Phänomenologie des Geistes von Hegel unter besonderer Berücksichtigung der philosophischen und ökonomischen Bedeutung der Kategorien »Entäußerung« und »Entfremdung«. (Dabei gleichzeitig Behandlung der Marxschen Kritik an Feuerbach. Berücksichtigt werden hierbei mehrere Schriften von Marx, die früheste sind die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von 1844, die späteste ist die Kritik der politischen Ökonomie.) b) Beiträge mit indirekter Beziehung zum Marx-Jahr: • Walter Markov, Abrechnung mit der modernen reaktionären Geschichtsphilosophie, vor allem mit der Geschichtsphilosophie von Toynbee, bei gleichzeitiger Herausarbeitung des Standpunktes des historischen Materialismus. Der einleitende Abschnitt soll den Gedanken ausführen, dass der Niedergang der bürgerlichen Geschichtsphilosophie von Ranke bis Toynbee in der Hauptsache aus dem Kampf der Bourgeoisie gegen die Lehre von Marx zu erklären ist. (Der Auftrag an Markov kann erst erteilt werden, wenn die Partei sich mit Markovs Mitarbeit an der philosophischen Zeitschrift grundsätzlich einverstanden erklärt hat.) 1666 Teil XIII • Franz Krahl (?, eventuell ein anderer) Marx’ Kritik an Malthus und an den Anfängen des sozialen Darwinismus und ihre aktuelle Bedeutung für den Kampf gegen den Neomalthusianismus. c) (Im Übrigen sollen in Heft 4 zwei größere Beiträge über die philosophische Leistung Herders erscheinen, dessen 150. Todestag am 18. Dezember begangen wird. Ein Aufsatz von Gerhard Scholz (Herder und die nationale Frage) und einer von Wolfgang Harich (entweder über Herder als Kritiker der Ästhetik Kants oder über die philosophische Bedeutung der Lehre Herders von der Sprache.) 5) Heft 1, 1954. Geplant ist ein abschließender Artikel zum Marx-Jahr, dessen Verfasser noch nicht feststeht, und ein kritischer Überblick über die Marx-Publikationen des Jahres 1953. Die folgenden Genossen wurden angeschrieben und aufgefordert, Vorschläge für Marx-Publikationen in den Heften 2, 3 und 4 der Zeitschrift zu machen. Sobald die Antworten vorliegen, wird eine thematisch präzisierte Auftragserteilung erfolgen. Es muss jedoch damit gerechnet werden, a) dass ein Teil der angeschriebenen Genossen sich zum Marx-Jahr bereits anderweitig verpflichtet hat, b) dass nur ein Teil der einlaufenden Beiträge befriedigendes Niveau zeigen und für den Abdruck in Frage kommen wird: Walther Hollitscher, Victor Stern, Klaus Zweiling, Ernst Hoffmann, Krüger (Staatssekretariat), Krüger (Jena), Rösch (Funktionärsschule der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft), Ehepaar Simon, Wolfgang Heise, Wolfgang Schubardt, Matthäus Klein, Redlow, Eichhorn, Dr. Schele, Hermann Scheler, Alfons Steiniger, Georg Mende, Urbansky, Georg Klaus, Kelm, Herlizius, Robert Schulz, Schleifstein, Gropp, Engelberg, Hermann Ley, August Senff283, Werner Krauss, Klaus Gysi, Kurt Hager, Horst Eckert. Es liegt vor ein – leider außerordentlich schwacher – Aufsatz über die Frühschriften von Marx und Engels von Erhard Albrecht. Diesen Aufsatz wird Genosse Schrickel gemeinsam mit dem Verfasser durcharbeiten, mit dem Ziel, auf diese Weise eine druckreife Sache zu Stande zu bringen. Ferner ist zu erwarten ein Beitrag von Genossen Schrickel über die Deutsche Ideologie. 283 (AH) Die folgenden Namen mit dem Verweis: »Es werden weiterhin die folgenden Genossen angeschrieben werden.« 1667Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Brief an Klaus Schrickel284 (08. Februar 1953) Werter Genosse Schrickel! Zu Deinem Brief vom 3. Februar 1953 möchte ich Dir Folgendes sagen: 1) Die Kritik an Ernst Hoffmanns Logik-Referat wurde auf Beschluss der Herausgeber und des Redaktionssekretärs von mir verfasst,285 nachdem Genosse Gropp es abgelehnt hatte, uns den entsprechenden eigenen Beitrag zur Verfügung zu stellen. Allen Beteiligten – einschließlich Deiner Person – war es bei dieser Beschlussfassung von vornherein bekannt, dass die von Hoffmann in Jena geäußerte Auffassung zu den Problemen der Logik-Debatte sowohl von Genossen Gropp, als auch von mir aufs Schärfste abgelehnt wird. In dem Aufsatz von Genossen Gropp, der nun – gekürzt – in der Einheit erscheinen wird, der von uns ungekürzt veröffentlicht worden wäre, wird mit Hoffmann durchaus nicht glimpflicher verfahren, als es in meinem Beitrag zur Logik-Debatte der Fall ist. Wir alle – nicht nur ich, sondern auch Du – haben uns nichtsdestoweniger außerordentlich darum bemüht, den Aufsatz von Gropp für unsere Zeitschrift zu sichern. 2) Mein Logik-Aufsatz wurde in erster Fassung von Dir gelesen und beurteilt. Deine in Form von Randnotizen vorliegenden Beanstandungen wurden von mir nachweisbar berücksichtigt, soweit sich das mit meinem Standpunkt zu den strittigen Problemen nur im Mindesten vereinbaren ließ. Dabei wurden auch Streichungen vorgenommen. Andererseits musste ich aber an Stellen, wo Deine Randnotizen mir zu zeigen schienen, dass meine Darlegungen in diesem oder jenem Punkte missverstanden werden könnten, Erläuterungen meines Standpunktes einschieben, die die vorgenommenen Kürzungen quantitativ zu zwei Dritteln wieder aufwogen. 284 (AH) 7 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Februar 1953, adressiert an Klaus Schrickels Berliner Privatadresse. Der Text ist in einem schlechten Zustand überliefert, es fehlen bei einzelnen Seiten teilweise die Ränder oder obere und untere Zeilen. Soweit wie möglich, wurde die Rekonstruktion versucht. 285 (AH) Das ist nicht ganz zutreffend, da Harichs Logik-Beitrag zu diesem Zeitpunkt bereits fertig verfasst vorlag. Im 2. Band (Logik, Dialektik, Erkenntnistheorie) sind beide Versionen des Aufsatzes nachzulesen, sowohl die ursprüngliche Fassung Bemerkungen zum Problem der Logik (S. 169–196), als auch die dann im ersten Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von 1953 unter dem Standardtitel Beitrag zur Logik-Debatte (S. 175–208) erschienene Fassung (S. 129–168). Im 2. Band alle weiteren Hinweise. 1668 Teil XIII Die zweite Fassung wurde von mir den folgenden Genossen und Freunden zur Beurteilung vorgelegt: a) Genossen Shkurinow von der SKK, b) Genossen Hager, c) Genossen Heise, d) Professor Schröter, e) Genossen Baumgarten, f ) Professor Bloch, g) Genossen Gropp, h) Genossen Erich Dahm, Parteisekretär des philosophischen Instituts. Die Genossen Shkurinow, Hager, Heise und Dahm haben sich nicht dazu geäußert, obwohl sie von mir auf den Charakter der Arbeit, auf die da rin enthaltene Polemik gegen Hoffmann usw. aufmerksam gemacht worden waren. Wenn sie der Ansicht gewesen wären, dass der Abdruck der Arbeit nicht zu verantworten sei, hätten sie Zeit genug gehabt, diese Ansicht zum Ausdruck zu bringen, was sie nicht getan haben. Die Genossen Hager, Heise und Shkurinow und Professor Schröter als das für Fragen der Logik zuständige Mitglied des Herausgeberkollegiums erhielten die zweite Fassung ca. zwei Wochen, bevor ich sie in Satz gab. Genosse Shkurinow hatte außerdem die erste Fassung erhalten und war durch mich davon in Kenntnis gesetzt worden, dass meine Ansichten von denen einiger Teilnehmer der sowjetischen Logik-Diskussion erheblich abweichen und mit den Ansichten von Bakradse, sowie teilweise mit denen von Popow in wichtigen Punkten übereinstimmen.286 Ausdrücklich gebilligt wurde der Abdruck von Genossen Baumgarten und von Professor Bloch und Professor Schröter. Genosse Gropp erklärte, dass er die Arbeit ganz ausgezeichnet finde und ihre Veröffentlichung für dringend wichtig halte – vor allem im Interesse der Partei, die durch die dilettantischen, jeder Wissenschaftlichkeit Hohn sprechenden Jenaer Ausführungen von Genossen Ernst Hoffmann geschädigt worden sei. Angesichts dieser Tatsachen muss ich den Vorwurf des »intellektuellen Anarchismus« zurückweisen. 286 (AH) In seinen verschiedenen Beiträgen und Manuskripten zur Logik-Debatte setzte sich Harich mehrfach auch mit den differenten Positionen der sowjetischen Logik-Diskussion auseinander. Seine entsprechenden Wortmeldungen präsentiert der 2. Band, dort auch alle weiterführenden Hinweise und Erklärungen. Bekannt waren die sowjetischen Texte durch die Publikation: Kuczynski, Jürgen; Steinitz, Wolfgang (Hrsg.): Über formale Logik und Dialektik. Diskussionsbeiträge. 29. Beiheft zur Sowjetwissenschaft, 2. überarb. und erg. Aufl., Berlin, 1954. (Zuerst Berlin, 1952.) Darin: Bakradse, K. S.: Über das Verhältnis von Logik und Dialektik, S. 7–26. Popow, P. S.: Der Gegenstand der formalen Logik und der Dialektik, S. 118–130. Siehe einführend: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. 1669Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 3) Deinem Wunsche entsprechend, habe ich Deinen Brief vom 3. Februar 1953 Professor Bloch vorgelegt. Über den Inhalt Deiner vorhergehenden beiden schriftlichen Äußerungen zu dieser Frage, die ich vor meiner Abfahrt nach Leipzig in der Eile nicht mehr auffinden konnte, habe ich Professor Bloch wenigstens mündlich informiert. Professor Bloch erklärte, dass er Ton und Inhalt Deines Briefes unverschämt finde und keinen Grund sehe, meinen Beitrag nicht in der vorliegenden Fassung zu veröffentlichen. Meine Arbeit erscheint also mit ausdrücklicher Billigung sämtlicher Herausgeber, mit heftiger Zustimmung des Genossen Gropp (der die Sache fachlich beurteilen kann) und mit Wissen der Genossen Shkurinow, Hager, Heise und Dahm, die es nicht für nötig hielten, Bedenken gegen den Abdruck geltend zu machen, obwohl sie meinen Auffassungen nicht zustimmen. 4) Zu den Argumenten, mit denen Du Deinen Wunsch, dass mein Beitrag nicht ver- öffentlicht werde, begründest, habe ich Folgendes zu sagen: a) Die Überschneidungen mit dem Artikel in Sinn und Form sind geringfügig. Von einem »zweiten Aufguss« kann im Großen und Ganzen nicht die Rede sein, obwohl ich selbstverständlich hier wie dort dieselben Auffassungen vertrete. b) Die Bezugnahme auf den Aufsatz in der Sinn und Form, die von Dir vermisst wird, habe ich noch eingefügt. c) Ich bin gezwungen, Ernst Hoffmann nach der Einheit zu zitieren, da das Jenaer Protokoll erst drei Wochen nach dem ersten Heft erscheinen wird und sich noch nicht absehen lässt, auf welchen Seiten das Hoffmannsche Referat stehen wird. d) Beschämende Invektiven hat sich bisher vor allem Hoffmann zuschulden kommen lassen. So mit dem unqualifizierten Angriff auf Bloch in der Einheit vom Sommer 1950. (Weitere Beispiele im Anschluss, nicht lesbar, AH.) Meine Polemik gegen Hoffmann ist von Invektiven frei. Dass die Zitate, die ich bringe, ihren Verfasser blamieren, liegt nicht an mir, sondern an ihm. Dafür, dass Hoffmanns Jenaer Ausführungen von mir entstellt würden, müsstest Du den Beweis antreten, was Dir sehr schwer fallen dürfte. Oder verwechselt Hoffmann etwa nicht die Wissenschaft der Logik mit ihrem Objekt, der Logik des Denkens? Oder behauptete er etwa nicht, dass die so genannte formale Logik die vier Denkgesetze auf die vier Denkgesetze anwende? Oder diffamiert er etwa nicht die notwendige Unterscheidung zwischen Wahrheit und logischer Richtigkeit als 1670 Teil XIII »idealistisch«? Oder charakterisiert er etwa nicht die »Stufe« des formal logischen Denkens als metaphysisch? Oder setzt er sich etwa nicht in entscheidenden Punkten in krassen Gegensatz zu Kedrow, dem in Inhalt und Resultat zu folgen er vorgibt? Oder setzt er sich in der Frage der »ein für alle Mal fixierten Wahrheiten« etwa nicht in Gegensatz zu Lenin, obwohl das betreffende Lenin-Zitat sich ausgerechnet in dem Aufsatz Kedrows befindet? Ich sehe absolut keinen Grund, über alle diese ungeheuerlichen Vulgarisierungen, Dilettantismen und geistigen Schludereien den Mantel einer falsch verstandenen Nächstenliebe zu decken, und zwar um so weniger, wenn dies alles auch noch als angeblicher Marxismus serviert wird. Ich sehe aber in Deinem Versuch, den Abdruck meiner Arbeit zu verhindern, eine Tendenz zur Unterdrückung des Meinungskampfes, zur Vertuschung und Verharmlosung offenkundiger theoretischer Fehler, die – wenn sie von einem Genossen im Namen des Marxismus begangen werden und unwidersprochen bleiben – das Ansehen der Partei schädigen. Hoffmann ist bekanntlich nicht die Partei, kann aber leicht mit ihr – zum Schaden der Partei – verwechselt werden, wenn das erste Beiheft erscheint, ohne dass sein Referat von einem anderen Genossen mit gebührender Schärfe kritisiert wird. Auch dieser andere Genosse ist natürlich nicht die Partei (ebenso wenig wie Hoffmann), er demonstriert aber öffentlich, dass in der Partei in rücksichtslosem Meinungskampf um die noch ungelösten Probleme gerungen wird. Darauf kommt es an, und aus diesem Grunde wurde beschlossen, die Sparte Diskussion im ersten Heft der Zeitschrift mit einer Kritik an Hoffmann (entweder von Gropp oder von mir, also jedenfalls von einem Gegner der Auffassungen Hoffmanns) zu eröffnen. Im Übrigen: Sieh Dir doch bitte einmal die Beiträge zur Logik-Debatte in der Einheit an, zum Beispiel gleich den ersten, nämlich den von Eildermann.287 Wenn das keine Invektiven sind, möchte ich wissen, was Du unter Invektiven verstehst. Der Unterschied zu meinen »Invektiven« liegt nur da rin, dass Eildermann an Hoffmann vom genau 287 (AH) Gemeint ist: Arnold Heinrich Eildermann, geb. am 10. Dezember 1879 in Bremen, gest. am 08. März 1955 in Dresden, Lehrer und Gesellschaftswissenschaftler. 1907 schrieb er als fortschrittlicher Lehrer den Text des Liedes Dem Morgenrot entgegen. Aktiv beteiligt an der Bremer Räterepublik, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges politisch aktiv und mehrfach inhaftiert. Mitglied der SED, tätig an der Universität Dresden. Eildermann, Heinrich: Zur Frage der formalen Logik, in: Einheit, Heft 4, April 1952, S. 400–403. 1671Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie entgegengesetzten Standpunkt aus Kritik übt, dass er nämlich Hoffmann vorwirft, formale Logik und Metaphysik nicht entschieden genug gleichzusetzen, also in der Verfechtung des alten vulgärmarxistischen Fehlers nicht weit genug zu gehen. Diesen Fehler zu überwinden ist aber gerade der Sinn der sowjetischen Logik-Diskussion. (AH: Nun hat sich ausgerechnet die Einheit, dass theoretische Organ unserer Partei, entschlossen, die) Invektiven gegen Hoffmann zu veröffentlichen, die von einem Genossen stammen, der die in der sowjetischen Diskussion endgültig überwundenen falschen, vulgärmarxistischen Auffassungen vertritt. Du aber willst verhindern, dass Hoffmann in der neuen philosophischen Zeitschrift vom entgegengesetzten Standpunkt aus kritisiert wird. Wie reimt sich das? Man kann da doch nur auf den Gedanken kommen: Entweder, dass Du verhindern willst, dass die Gleichsetzung von Logik und Metaphysik radikal zerschlagen wird, oder aber, dass Du nicht im Stande bist, bei der Organisierung des Meinungskampfes von Deinen persönlichen Sympathien für Hoffmann abzusehen. Du wirst verstehen, dass ich auf beides keine Rücksicht zu nehmen gedenke. e) Die Leugnung der Berechtigung der Begriffe formale Logik und dialektische Logik (es sind meines Erachtens keine Begriffe, sondern Wörter) ist nicht der Kern meines Beitrages, sondern ist nur der Versuch einer – ganz am Rande vorgenommen – terminologischen Klärung, wobei die beiden einzigen Äußerungen von Engels und Lenin, in denen das Wort dialektische Logik vorkommt, durchaus genannt und untersucht werden. Der Kern meines Beitrages ist a) der Kampf gegen die Definition »Wissenschaft von den Gesetzen und Formen des Denkens«, die dem Idealismus Tür und Tor öffnet und von den Neukantianern stammt, b) der Kampf gegen jegliche Gleichsetzung von formallogisch richtigem Denken und metaphysischen Erkenntnisschranken. f ) Thema meines Aufsatzes ist nicht die Auseinandersetzung mit sämtlichen Äußerungen von Engels und Lenin zur Logik. Thema meines Aufsatzes ist auch nicht eine umfassende Stellungnahme zu sämtlichen sowjetischen Diskussionsbeiträgen und zu den Beiträgen der deutschen Genossen in der Einheit-Diskussion. Wenn ich dies leisten wollte, müsste ich ein Buch schreiben, keinen Aufsatz, am wenigsten aber eine spezielle Kritik an Ernst Hoffmann, die meine einzige und ausschließliche Aufgabe war. Nichts desto weniger habe ich keinen einzigen der vorliegenden Diskussionsbeiträge ignoriert, sondern allesamt sehr sorgfältig studiert und geprüft und in der Auseinandersetzung mit ihnen meine eigene Meinung gebildet, die den Aufsätzen von Bakradse und Popow, von gewissen Divergenzen abgesehen, am relativ nächsten kommt. 1672 Teil XIII g) Wer sagt, dass der Aufsatz im Bolschewik abschließend sei? Mir ist das nicht bekannt. Dieser Aufsatz enthält eine Reihe positiver Gedanken – zum Beispiel den, dass sich in der Theorie der Logik seit alters her der Kampf zwischen Materialismus und Idealismus abspielt. In einer Reihe anderer Fragen werden aber Auffassungen vertreten, denen ich nicht zuzustimmen vermag. Die explizite Auseinandersetzung mit diesen Auffassungen gehört jedoch im Zusammenhang der Kritik an Hoffmann einfach nicht zum Thema. Abschließend kann der Aufsatz im Bolschewik schon deswegen nicht sein, weil entscheidende Fragen da rin überhaupt nicht berührt werden. Die Redaktion der Einheit betrachtet (AH: ihn offensichtlich) nicht als abschließend; es wäre sonst nicht zu verstehen, wieso sie, nachdem sie ihn in Übersetzung nachgedruckt hat, Genossen Gropp zusichert, seine Kritik an Hoffmann im Februar-Heft zu veröffentlichen. h) Bakradses Standpunkt, so behauptest Du, werde von der Mehrheit der Teilnehmer der sowjetischen Logik-Diskussion abgelehnt. Hierzu möchte ich bemerken: Erstens wird die philosophische Wahrheit nicht in jedem Fall von numerischen Mehrheiten verfochten. Zweitens sind M. S. Strogowitsch, Spassow, Alexejew, Alexandrow und Ostrouch nicht die Mehrheit der Teilnehmer der sowjetischen Logik-Diskussion. Drittens habe ich die Einwände dieser Philosophen gegen Bakradse sorgfältig geprüft, wobei ich zu der Überzeugung gelangte, dass sie entweder falsch sind oder auf bloße Ergänzungen hinauslaufen, die das Wesen der Sache nicht berühren. Viertens ist vor kurzer Zeit in der Sow jet uni on in großer Auflage ein neues Buch von Bakradse über Logik erschienen. Dies wäre kaum möglich, wenn diejenigen, die Bakradse angriffen, abschließend (um Deine metaphysischen Vokabeln zu gebrauchen) Recht behalten hätten. Fünftens ist mein Aufsatz nicht von A bis Z eine Darlegung der Ansichten Bakradses, sondern eine Kritik an Hoffmann, und von Hoffmanns Arbeit lässt sich zeigen, dass sie tief unter dem Niveau der Beiträge sowohl von Bakradse als auch von Bakradses Gegnern steht, und dass die gegen Bakradse bestehende so genannte Mehrheit es sich wahrscheinlich schönstens verbitten würde, wenn unter Berufung auf sie Ernst Hoffmann vor Kritik in Schutz genommen wird. i) Wieso verfügt Genosse Hollitscher »zweifellos« als Lehrstuhlinhaber über gründlichere Kenntnisse auf dem Gebiet der Logik als ich? So weit ich über seine Vorlesungen unterrichtet bin, ist das durchaus nicht der Fall. Im Übrigen muss ich es ablehnen, irgendwelche Arbeiten von mir mit Hollitscher durchzusprechen, der mir lediglich als 1673Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie wüst herumdilettierender Tausendsassa sowie als Verfasser einer positivistischen so genannten Naturdialektik bekannt ist. j) Die bürgerlichen Autoren, von denen sich meine Ansichten »in letzter Instanz« herleiten, möchtest Du kennen? Bitte, hier sind sie (es sind aber außer bürgerlichen auch noch sklavenhalterische dabei): Platon, Euthydemos, Menon, Parmenides, Sophistes, Theaitetos, Aristoteles, Metaphysik, Organon; Porphyrios, Isagoge zum Organon; Hegel, Wissenschaft der Logik; Ueberweg, System der Logik; Prantl, Geschichte der Logik; Husserl, Logische Untersuchungen; Nicolai Hartmann, Platos Logik des Seins, Metaphysik der Erkenntnis, Zur Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit, Der Aufbau der realen Welt; über Sprache und Denken, Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts; über Sprache und Denken, Arnold Gehlen, Der Mensch; Paul F. Linke (zwei Zeilen nicht lesbar, AH); Heinrich Maier, Die Syllogistik des Aristoteles, Logik und Erkenntnistheorie. Mit keinem dieser Logiker stimme ich völlig über ein, aber es sind diejenigen Nichtmarxisten, von denen ich in puncto Logik am meisten gelernt habe. Das kritische Bewusstsein, mit dem ich sie las und auswertete, verdanke ich den marxistischen Klassikern. Meinen jetzigen Standpunkt habe ich im Prozess des Studiums der sowjetischen Logik-Diskussion gewonnen. Dieser Standpunkt berührt sich am meisten mit dem von Bakradse und Popow und bis zu einem gewissen Grade auch mit der zusammenfassenden Stellungnahme der Redaktion der Fragen der Philosophie. Am schärfsten lehne ich ab die Logiken, die der Neukantianismus herausgebracht hat, sowie diejenigen logischen Theorien, in denen Logik mit Psychologischem (Wundt) und mit Grammatischem (Becker) vermengt wird. Von den Äußerungen, die Marxisten zur Logik taten, lehne ich am schärfsten ab die von Plechanow, Kedrow, teilweise die von Strogowitsch und Tscherkessow, von den deutschen Teilnehmern die Äußerungen von Ernst Hoffmann und Eildermann. Von modernen bürgerlichen Philosophen hat mich in puncto Logik am meisten Nicolai Hartmann beeinflusst. In entscheidendem Gegensatz zu Hartmann stehe ich in folgenden Punkten: Ich lehne erstens die Hartmannsche »ideale Seinssphäre« als Ort der logischen Gesetze ab – und zwar als schlecht verkappten Platonismus. Zweitens gehe ich – im Gegensatz zu Hartmann – von der Einheit von Sprache und Denken aus 1674 Teil XIII und behaupte daher die völlige logische Indifferenz der Denkformen, die in der grammatikalischen Struktur der Sprache fundiert sind. In diesem letzteren Punkt stehe ich unter dem Einfluss von Herder, Wilhelm von Humboldt und Gehlen. In der Verteidigung der absoluten Gültigkeit der logischen Gesetze stehe ich unter dem Einfluss der Kritik, die Ueberweg und – teilweise – Trendelenburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Schellings und Hegels Äußerungen zur Logik geübt haben. In der Betonung der zentralen Bedeutung der Syllogistik bin ich von Aristoteles sowie von dem Interpreten des Aristotelischen Organon, Heinrich Maier, beeinflusst. Über alle diese Einflüsse Rechenschaft zu geben, die teilweise Zustimmung und teilweise Ablehnung zu allen diesen Denkern auseinander zu setzen, ist wiederum eine Sache für sich, ist Thema einer besonderen Arbeit und gehört weder in den Aufsatz in der Sinn und Form, noch in die kritische Auseinandersetzung mit Hoffmann. Im Übrigens habe ich Platon, Aristoteles, Nicolai Hartmanns Platon-Buch, Ueberwegs System der Logik und die Humboldt-Gehlensche Theorie der »Sprachphantasie« in Sinn und Form angeführt. Zum Schluss möchte ich betonen: Mein Aufsatz erscheint in der Sparte Diskussion, wo ohnehin Beiträge veröffentlicht werden, mit denen sich die Redaktion nicht identifiziert. Hoffmann steht es frei, schon in der nächsten Nummer zu antworten. Alle anderen sind herzlichst eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Die Kritik an meinem (AH: Standpunkt kann und wird ebenfalls publiziert) werden, ohne dass ich deswegen pikiert sein werde. »Beschämende Invektiven« gegen mich und »rechthaberischer Stil« meiner sachlichen Gegner werden mich als Mitherausgeber auf keinen Fall bewegen können, den Abdruck irgendwelcher Diskussionsbeiträge zurückzuweisen. Nur so kommen wir weiter. Mit den besten Grüßen bin ich Dein 1675Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Brief an Ernst Bloch288 (19. April 1953) Lieber, verehrter Professor Bloch! Ich habe heute Ihren Brief vom 18. April erhalten. Ich bitte Sie sehr, Ihr Veto gegen das Referat von H. Simon unter Berücksichtigung der folgenden Erwägungen zurückzuziehen: 1) Bei dem Artikel handelt es sich um eine Auftragsarbeit. Die Beauftragung Simons seitens der Redaktion war insofern völlig richtig, als Simon in der DDR der einzige ist, der Arabist und Philosoph ist (er hat mit einer Arbeit über die Stoa promoviert) und der außerdem – als Genosse – politisch zuverlässig ist. Der Auftrag lautete, ein zusammenfassendes orientierendes Referat über die 1952 in der DDR erschienenen Avicenna-Publikationen zu schreiben. Genau dieser Auftrag, der mit Ihrem Wissen erteilt wurde (ich hatte Sie bei meinem Besuch in Leipzig davon in Kenntnis gesetzt), ist von Simon mit dem vorliegenden Artikel erfüllt worden. Es ist unmöglich, diesen Auftrag jetzt rückgängig zu machen, respektive den Artikel nicht oder nur in einer Form, die der Meinung des Verfassers nicht entspricht, erscheinen zu lassen. 2) Dass die hervorragende philosophische Bedeutung Ihrer Arbeit in dem Artikel nicht voll gewürdigt, sondern nur angedeutet wird – das aber wird sie – ist richtig, kann aber in einem Überblick über die Avicenna-Publikationen von 1952 kaum anders sein. Einen solchen Überblick zu geben, nachdem das Avicenna-Jahr vorbei ist, gehört zu den legitimen Aufgaben unserer Zeitschrift. Eine eingehende Würdigung Ihrer Avicenna-Arbeit ist ein ganz anderes Thema. Selbstverständlich werden wir auch das in einer würdigen und der Sache entsprechenden Weise nachholen müssen; ich selbst bin jedoch der Meinung, dass wir zu allererst eine Würdigung von Subjekt-Objekt veröffentlichen müssen, die schon viel länger fällig ist. 3) Soviel ich sehe, wird Ihre Avicenna-Arbeit von H. Simon wenigstens loyal und freundlich beurteilt, was bisher bei Rezensionen über Ihre Arbeiten leider nicht der Fall war. Wenn Sie Simons Ausführungen mit den völlig verständnislosen Äußerungen 288 (AH) 5 Blatt, maschinenschriftlich, 19. April 1953, nicht adressiert. Siehe das eigene Unterkapitel mit Schriften und Manuskripten Harich zu und an Ernst Bloch in diesem Band. Dieser Brief wird hier abgedruckt, da er sich vorwiegend mit Fragen beschäftigt, die in den Kontext der Deutschen Zeitschrift für Philosophie gehören. 1676 Teil XIII etwa von Schubardt und Mende über Subjekt-Objekt vergleichen (von der kritiklosen Anbiederei des Herrn Holz, an der Ihnen natürlich auch nicht gelegen sein kann, will ich hier absehen), so werden Sie das, bei aller Aversion gegen die in der Tat höchst sonderbare Zusammenstellung mit Ley und Hollitscher, bestätigen müssen. 4) Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass Simon an Ley, vor allem aber an Hollitscher eine sachlich scharfe Kritik übt – wenn auch nicht mit scharf pointierten Worten. In der Beurteilung, die Leys Arbeit findet, steht immerhin zu lesen, dass Leys Basis-Analyse vergleichsweise so aussieht, als ob zur Erklärung Thomas von Aquins die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Europas von England bis zur Wolga, von Sizilien bis Skandinavien vom 5. Jahrhundert an herangezogen würden – ein für meinen Geschmack vernichtendes Urteil. Dass Ley »das Beste gegeben hat, was er zu geben vermochte, ja, was man heute zu geben in der Lage ist«, bezieht sich auf den Fleiß, mit dem verfügbare ökonomisch-historische Forschungsresultate verarbeitet wurden, auf nichts anderes. Simons Urteil über Hollitscher ist geradezu eine Entlarvung: Erstens wird festgestellt, dass Hollitscher nichts anderes getan hat, als Bogutdinow zu plagiieren, und zweitens wird ihm in Bezug auf die einzige These, die von ihm selbst stammt, völlige Ignoranz in Geschichte der Philosophie vorgeworfen (nämlich eine geradezu irrsinnige Einschätzung des Pantheismus). Angesichts dieser Tatsachen kann ich nicht finden, dass Sie mit Ley und Hollitscher in einen Topf geworfen werden. H. Simons Urteil über Ihrer Arbeit ist bis auf Kleinigkeiten (Vermissung von Quellennachweisen) wenn auch nicht zureichend, so doch im Wesentlichen positiv. In dem für weitere Avicenna-Forschung programmatisch gemeinten Schlussabsatz seines Artikels knüpft Simon sogar an Ihre These von der Unabgegoltenheit des philosophischen Erbes auch der Scholastik an. 5) Fortlassen können wir den Simonschen Artikel schon aus dem Grunde nicht mehr, weil andere Rezensionen als Ersatz zur Zeit nicht verfügbar sind. Der Abdruck von nur zwei Rezensionen in Heft 2 wäre aber zu dürftig; außerdem bedarf die Zusammenstellung des Kosingschen Referats über das sowjetische Buch und meines Nicolai-Hartmann-Artikels einen Übergang, ganz abgesehen davon, dass in jeder Nummer doch mindestens ein Artikel über neuere DDR-Publikationen erscheinen sollte, dass es nicht angeht, in einer Nummer ausschließlich über westdeutsche und dann wieder sowjetische Publikationen zu berichten. 1677Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 6) Ihr »Veto« ist ein zu kostbares Ding, als dass Sie es vorzeitig verschleudern sollten. Wir werden es noch dringend benötigen, wenn uns sektiererisches Stroh ins Haus geliefert und gleichzeitig von den Lieferanten die Pistole ihrer vermeintlichen Orthodoxie auf die Brust gesetzt wird. Der Genosse Simon ist noch der Besten einer, mit dem wir es nicht verderben wollen. 7) Wenn schon das erste Blochsche Veto, dann doch nicht in einer Angelegenheit, in der auch nur der geringste Verdacht entstehen könnte, dass persönliche Empfindlichkeit im Spiel ist. Es wäre unvermeidlich, dass so zum Beispiel Hager den Eindruck gewinnen müsste, es bestünde die Tendenz, die Zeitschrift in ein Organ ad majorem Blochi gloriam zu verwandeln. Nein, umgekehrt. Um Ihre Autorität als Herausgeber zu stärken, müssten Sie geradezu Artikel, die gegen Sie gerichtet sind, in Auftrag geben. Leute wie Hager haben aus Arbeitsüberlastung wenig Zeit, sich mit den Dingen unserer Zeitschrift im Einzelnen, dass Für und Wider genau abwägend, zu beschäftigen, sie registrieren aber – das ist menschlich und unvermeidlich – Zugetragenes aus zweiter Hand. Ein wegen ungenügender Bloch-Würdigung abgewiesener, daher verärgerter Autor, der Genosse ist, wäre unter diesen Umständen so etwa das Schlimmste, was uns passieren könnte. Was die Herausgeber unter Beweis stellen müssen, ist: Erstens Tolerierung von Kritik, die an ihnen in den Spalten der Zeitschrift geübt wird, also selbstverständlich auch Tolerierung einer als ungenügend und unangemessen empfundenen Würdigung, und zweitens kritische Reserve gegeneinander derart, dass ein Veto auch des Würdigsten und Wichtigsten unter ihnen von den anderen nicht einfach hingenommen wird, vor allem dann nicht, wenn es – obwohl berechtigt – in eigener Sache erfolgt. Unter diesem Gesichtspunkt würde ich – falls es bei Ihrem Veto in diesem Falle bleibt –, auf die Gefahr, es mit Ihnen »rein menschlich« zu verderben, mit aller Beredsamkeit und Schläue eine Koalition Baumgarten-Schröter-Schrickel-Harich (die es schon wegen ihrer Buntheit in sich hätte!) gegen Ihr Veto mobilisieren – und zwar im Interesse der Stärkung des Vertrauens, das das Herausgeber-Redaktions-Kollektiv bei Partei und Staat erwerben muss, also im Interesse der Zeitschrift, also auch im Interesse späterer kluger und differenzierter, der Sache angemessener Bloch-Würdigungen – bis hin zur kritischen Aneignung des rationellen Kerns im »Wirtshaus der Irren«. Kurzum: Ich hoffe sehr, dass Sie sich allen diesen Argumenten und der damit verbundenen sanften Erpressung nicht verschließen werden. Sie geschieht im Dienste der 1678 Teil XIII Zeitschrift und nicht zuletzt auch in Ihrem Dienste; denn wir haben ja schließlich mehr vor, als den Verdacht, Sie könnten mit Hollitscher und Ley auf eine Stufe gestellt werden, abzuwehren; wir wollen ja schließlich dem märkischen Sand noch die Chiffren, Symbole, Archetypen, die Dogmatik ohne Aberglauben und andere schwer verdauliche, weil philosophisch-korinthische Säulen aufnötigen. Wenn ich in Bezug auf den Simon-Artikel nachgeben wollte, so hieße das nur, dass ich dazu beitragen würde, Sie den Schleifsteins ans Messer zu liefern und damit zugleich die Nicht-Schleifsteins zu schädigen. Wollen Sie das? Oder wollen Sie nicht lieber, dass Ihr Reich, das nicht von dieser Welt, aber auch nicht von jener ist, mit zentristischer Taktik (zentristisch zwischen Schrickel und Bloch) durch die Schleifstein-Ära lanciert wird? Also: Der Simon-Artikel bleibt, nicht wahr? Nun zu den anderen Fragen! Was Ihr »Ceterum censeo« betrifft, so ist das erste Heft gestern endlich erschienen. Die 5000 Exem plare liegen zur Auslieferung vor. Die Belegexemplare an die Herausgeber und die Autoren, die Sonderdrucke der einzelnen Beiträge und die Honorare werden dieser Tage abgeschickt werden. Gleichzeitig hat mir der Leiter des Deutschen Verlages der Wissenschaften mitgeteilt, dass er selbst, sowie der Staatssekretär für Hochschulwesen, die Abteilung Wissenschaft und Hochschulen beim ZK der SED und der Leiter des Verlages Volk und Wissen (dem der Verlag administrativ angeschlossen ist), Genosse Hagemann, auf Grund der neuen Kalkulation einen Ladenpreis von 5,– DM pro Nummer der Deutschen Zeitschrift für Philosophie festgesetzt hätten.289 Meine Versuche, dagegen zu protestieren, blieben leider erfolglos, obwohl ich den Zuständigen, wie es meine von Ihnen gerühmte Art ist, das, was man hinter dem Rücken sagt, ins Gesicht sagte. Der persönliche Referent von Harig (Gerhard Harig mit g) erklärte mir, dass eine andere Regelung nicht möglich sei. Die Garantie des Absatzes, um den wir uns als Herausgeber ja nicht zu kümmern brauchten, werde vom Staatssekretariat und vom Verlag übernommen werden; 20,– DM pro Jahrgang müssten die Interessenten der Zeitschrift eben schon aufbringen, das sei im Übrigen bei wissenschaftlichen Zeitschriften auch durchaus üblich. So skeptisch ich der Absetzbarkeit der Zeitschrift angesichts dieser Preisfestsetzung gegenüberstehe, so konnte ich doch nichts anderes tun, als meine Bedenken dem Staatssekretariat gegenüber in aller Schärfe zum Ausdruck zu bringen, mich ansonst 289 (AH) Siehe hierzu auch die verschiedenen Hinweise, die Harich brieflich Lukács mitteilte (in Band 9). 1679Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie aber dieser Maßnahme zu fügen und sie den anderen Herausgebern – wie auch Schrickel – mitzuteilen. Es wurde mir allerdings von Harigs Referenten versichert – und er will uns das auch noch schriftlich geben –, dass die Regierung, falls sich diese Preisfestsetzung als undurchführbar erweisen sollte, auf keinen Fall das Eingehen der Zeitschrift zulassen, sondern gegebenenfalls alles Erforderliche zu ihrer Rettung unternehmen werde. Erst aber müsse der Versuch einer solchen Preisfestsetzung gewagt werden. Und dies gelte nicht nur für unsere Zeitschrift, sondern für alle anderen auch, die sich ebenfalls verteuern würden. Inzwischen hat Schrickel, halbwegs genesen, seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Wir beide haben in der vergangenen Woche die laufende Arbeit so eingeteilt, dass ich selbst noch Heft 2 redigieren werde, und dass gleichzeitig er die Arbeit an Heft 3 – entsprechend den auf der letzten Herausgeberbesprechung festgelegten Direktiven – in Angriff nehmen wird, wobei für ihn die Verpflichtung besteht, sämtliche Manuskripte für Heft 3 spätestens zwischen dem 15. Juni und dem 1. Juli 1953 in die Herstellung zu geben. Sobald das Imprematur für Heft 2/1953 erteilt sein wird, werde ich die seit November 1952 stellvertretend ausgeübte Redakteurstätigkeit wieder aufgeben. Indessen kann ich Schrickel bis zum 1. Juli für jedwede redaktionelle Hilfsarbeit zur Verfügung stehen. Ich bitte Sie – und die anderen Herausgeber – nun, mich dann zwei Monate lang – vom 1. Juli bis zum 1. September – ganz von der redaktionellen Tätigkeit zurückziehen zu dürfen, da mein Gesundheitszustand in diesem Jahr eine Kur und einen anschließenden längeren Erholungsaufenthalt dringend erforderlich macht. Erst ab 1. September stehe ich wieder zur Mitarbeit an der Fertigstellung von Heft 4 zur Verfügung, dessen Manuskripte ja bis spätestens 1. Oktober in die Herstellung gegeben werden müssen. Alle Amtsgeschäfte der Redaktion (Briefwechsel, Verbindung mit dem Verlag usw.) hat ab sofort wieder Schrickel übernommen, soweit es sich nicht Dinge handelt, die speziell mit Heft 2 oder mit dem ersten Beiheft in Beziehung stehen. Die Revision von Heft 2 würde ich gern wieder dann benutzen, für zwei Tage nach Leipzig zu kommen. Es dürfte dies Anfang Mai der Fall sein. Für Rudolph kann ich im Moment leider nichts tun. Sobald ein Manuskript, für das er zuständig ist, vorliegt, werde ich es ihm schicken. Er kann sich aber nicht da rauf verlassen, von den gelegentlichen Aufträgen des Aufbau-Verlages etwa zu leben. Mit den herzlichsten Grüßen, auch an Ihre Frau bin ich Ihr ergebener 1680 Teil XIII Über die Zukunft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie290 (07. Juli 1953) Teil I: Grundsätzliche Fragen der zukünftigen Gestaltung unserer Zeitschrift Nach meiner Auffassung brauchen wir an der bisherigen Linie, die wir in unserer Tätigkeit an der Deutschen Zeitschrift für Philosophie verfolgten, unter den Gesichtspunkten des neuen Kurses nichts Wesentliches zu ändern. Wir haben ein abgekapseltes »marxistisches« Sektierertum in den ersten beiden Heften unserer Zeitschrift tunlichst vermieden, haben sowohl in den Hauptbeiträgen, als insbesondere auch in der Diskussion, Philosophen zu Wort kommen lassen, die nicht auf dem Standpunkt des dialektischen Materialismus stehen, mit dem Ziel, mit ihnen in eine sachliche geistige Auseinandersetzung zu treten, und haben die Zeitschrift auf ein recht beachtliches Niveau zu bringen gewusst, so dass sich ihre ersten beiden Hefte in ganz Deutschland und in der Welt »sehen lassen können«, sind also nicht Tendenzen eines DDR-Provinzialismus erlegen, die sich in den vergangenen Monaten ziemlich verschärften. Was unsere zukünftigen Aufgaben angeht, so glaube ich, dass wir im großen und ganzen unsere bisherige Linie fortsetzen sollten. Die philosophisch interessierte Intelligenz in ganz Deutschland wäre auf eine in der DDR erscheinende Zeitschrift für Philosophie, die sich von analogen westdeutschen Zeitschriften nicht wesentlich unterscheiden würde, keineswegs neugierig. Es ist vielmehr sicher, dass sie von uns zu erfahren wünscht, wie die marxistische Philosophie die Probleme stellt und beantwortet. Wir würden dieses Verlangen sehr enttäuschen, wenn wir jetzt unsere Zeitschrift in ein Sammelsurium aller beliebigen Philosophie-Richtungen verwandeln wollten. Es wäre dies, glaube ich, nicht im Sinne des neuen Kurses. Es ist also unsere Aufgabe, nach wie vor eine im wesentlichen marxistische Zeitschrift zu machen, die freilich auf keinen Fall eine bloße Wiederholung dessen bieten darf, was 290 (AH) Der Titel stammt vom Herausgeber. Der Text ist Teil einer von Harich erarbeiteten Diskussionsgrundlage, um die Folgen der Politik des Neuen Kurses für die Zeitschrift zu erörtern. Der Entwurf datiert vom 07. Juli 1953. Diskutanten waren Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Karl Schröter, Klaus Schrickel und Harich. Anlass waren offensichtlich mehrere Briefe Schrickels an das Herausgebergremium, in dem dieser eine stärkere Einflussnahme der SED und thematische Änderungen einforderte. Erstmaliger Abdruck: Über die Zukunft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 555–559. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Heyer: Zur inhaltlichen Ausrichtung der Deutschen Zeitschrift für Philosophie im Zeichen des Neuen Kurses der SED, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 551–554. 1681Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie in den ausgesprochenen Partei-Organen steht, von denen sie sich vielmehr sehr deutlich unterscheiden muss. Mit all dem soll nun aber nicht gesagt sein, dass der neue Kurs uns nicht ganz bestimmte neue Aufgaben auferlegte, bzw. es uns zur Pflicht machte, Ziele, die uns bisher am Harzen lagen, in Zukunft noch ernster zu nehmen. Vier Dinge scheinen mit vor allem wichtig zu sein: 1) Wir dürfen jetzt noch weniger als vorher irgendwelches sektiererisches Stroh, irgendwelches fruchtloses Wiederkäuen altbekannter Zitate, irgendwelche Niveaulosigkeit dulden, sondern müssen einen strengen Maßstab in Bezug auf Gediegenheit in jeder Beziehung verlangen. 2) Wir müssen uns in einem viel stärkeren Maße als bisher mit den philosophischen Strömungen in Westdeutschland und im kapitalistischen Ausland kritisch und sorgfältig differenzierend auseinandersetzen, was namentlich für unseren Diskussionsteil große Bedeutung hat. 3) Wir sollten nach wie vor vor allem da rauf Wert legen, Beiträge solcher marxistischen Philosophen zu bringen, die einen internationalen Rang haben und fähig sind, auf die philosophisch interessierte Intelligenz eine Wirkung auszuüben. (Ich denke hier insbesondere an unseren großen ungarischen Kollegen Georg Lukács und an Ernst Bloch.) 4) Unsere Bereitschaft, Beiträge von Autoren zu veröffentlichen, die nicht marxistisch sind, aber auf Grund ihrer Gegnerschaft gegen ausgesprochen reaktionäre obskurantistische Strömungen als Bundesgenossen in Frage kommen und etwas Fruchtbares zu sagen haben, sollten wir noch ernster nehmen als bisher und dabei kleinliche Bedenken noch stärker zurückstellen. Ich glaube, dass, wenn wir so verfahren, wir bald mit unserer Zeitschrift einen gesamtdeutschen Einfluss ausüben und die Möglichkeit gewinnen werden, mit aufgeschlossenen westdeutschen Kollegen, die an der Sache der Erhaltung des Friedens und der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands interessiert sind, in einen fruchtbaren Meinungsstreit zu treten. Der neue Kurs hat selbstverständlich, wie ich meine, auch eine finanzielle Seite. Bei der allgemeinen Revision der Überspitzungen des Sparsamkeitsregimes wird es sicher möglich sein, unserer Zeitschrift ein wenig mehr Großzü- 1682 Teil XIII gigkeit angedeihen zu lassen; ich denke, dass wir in dieser Hinsicht schon jetzt folgende Forderungen geltend machen sollten: 1) Der Umfang unserer Zeitschrift kann nach den bisherigen Erfahrungen und in Anbetracht des bloß viermal jährlichen Erscheinens nicht weniger als 12 Druckbogen betragen. Es geht nicht an, dass wir in dem Augenblick, da eine allgemeine Verbesserung der Verhältnisse eintritt, mit Heften herauskommen, die schäbiger ausfallen als Heft 1 und 2. 2) Das Gehalt unseres Redakteurs, Herr Dr. Schrickel, sollte wieder auf 500,– DM erhöht werden entsprechend dem ursprünglichen Etat, wie er vor den einschneidenden Maßnahmen des Sparsamkeitsregimes vorgesehen war. 3) Der Preis unserer Zeitschrift sollte auf DM 4,– herabgesetzt werden, möglichst ab Heft 2 inklusive. 4) Angesichts des rapiden Absatzes, den Heft 1 trotz des hohen Preises gefunden hat, sollte die Auflage unserer Zeitschrift erhöht werden, ebenfalls nach Möglichkeit ab Heft 2 inklusive. Ich bin der Ansicht, dass der deutsche Verlag der Wissenschaften à conto zu erwartender Verbesserungen der Lage schon jetzt diese Forderungen ohne Skrupel erfüllen kann. Was die Honorierung der Herausgeber betrifft, so bin ich mit der monatlichen Zahlung der kleinen Anstandssumme von DM 100,– einverstanden und erhebe in dieser Hinsicht keine Forderungen. Allerdings halte ich es für möglich, dass eine künftige erneute Subventionierung den Verlag möglicherweise in die Lage versetzen wird, auch in diesem Punkt eine Neuregelung zu treffen, die aber nicht das ursprünglich vorgesehene außerordentlich hohe Herausgeber-Honorar zu restaurieren braucht. Teil II: Zu dem neuen Vertragsentwurf des Deutschen Verlages der Wissenschaften (In insgesamt 9 Punkten setzt sich Harich in diesem Teil mit dem neu vorliegenden Vertragsangebot des genannten Verlages auseinander, in dessen Trägerschaft die Zeitschrift erschien, hier weggelassen, AH.) 1683Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Teil III: Zu Heft 3 des Jahres 1953 (In insgesamt 15 Punkten setzt sich Harich mit dem anstehenden 3. Heft der Zeitschrift des Jahres 1953 und den zukünftigen Beiträgen etc. auseinander. Da die meisten Punkte tagespolitische Hintergründe haben, wird hier nur der Text von einigen Anmerkungen wiedergegeben, die philosophiehistorisch bedeutsam sind, AH.) 3) Schwere Bedenken habe ich wegen des Aufsatzes von Rugard Gropp.291 Ich kenne diesen Aufsatz in seiner endgültigen Fassung noch nicht. Nach allem, was Dr. Schrickel da rü ber äußert, handelt es sich aber um eine heftige polemische Auseinandersetzung mit der Hegel-Auffassung von Georg Lukács und Ernst Bloch, wobei das Überwundensein Hegels und die reaktionären Seiten seiner Philosophie sehr stark betont sein sollen. Ich bin der Ansicht, dass wir diesen Aufsatz zunächst einmal sorgfältig unter dem Gesichtspunkt ansehen sollten, ob er nicht unseren unentbehrlichen Mitarbeiter und Kollegen Lukács verärgern und unserer Zeitschrift abtrünnig machen könnte.292 291 (AH) Mit seinem Erscheinen in den Heften 1 und 2 des Jahres 1954 löste der Aufsatz von Gropp die »heiße Phase« der Hegel-Debatte in der DDR aus. Harichs Bedenken, die dieser etwa auch gegenüber Lukács geäußert hatte, bestätigten sich. Am 14. August 1953 schrieb Harich an Lukács: »Und nun zu einem ziemlich heiklen Problem. Bei der Redaktion (…) ist vor kurzem ein Aufsatz des Genossen Rugard Gropp über den Gegensatz der materialistischen und der Hegelschen idealistischen Dialektik eingetroffen. Neben einigen guten und richtigen Gedanken enthält dieser Aufsatz auch höchst problematische Dinge, die auf der Linie des hiesigen philosophischen Sektierertums liegen. Die ganze klassische deutsche Philosophie und insbesondere Hegel werden da rin als völlig reaktionär gebrandmarkt; es wird bestritten, dass der Idealismus der klassischen deutschen Philosophie irgendwelche fruchtbaren, zu seiner Zeit vorwärtsweisenden Gedanken hätte aufkommen lassen usw.« Harich: Brief an Lukács vom 14. August 1953, in: Band 9, S. 240 f. Gropp entwickelte in seinem Aufsatz nicht nur ein ziemlich plumpes und naives Verständnis der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, sondern reaktivierte damit zugleich die überwunden geglaubten Fehlurteile Stalins und Shdanows. Zudem ging er, was ebenfalls auf Kritik stieß, massiv gegen die Hegel-Interpretationen vor, die sich nicht im Rahmen der SED-Argumentation bewegten. Namentlich wendete er sich gegen Lukács, Bloch, Fritz Behrens, Auguste Cornu und auch Harich. Kurt Hager, der die Schwächen und Probleme des Groppschen Ansatzes durchaus erkannte, wollte den Text einfach unkommentiert der Vergessenheit anheim geben, doch Harich stellte ihn, gegen Hagers Wunsch, in der Zeitschrift zur Diskussion. 1954–1956 wurde dort dann eine intensive Debatte um Hegel geführt. Siehe: Gropp, Rugard Otto: Die marxistische dialektische Methode und ihr Gegensatz zur idealistischen Dialektik Hegels. Teil 1: in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1954, S. 69–112, Teil 2: in: Heft 2, 1954, S. 344–383. 292 (AH) Siehe den bereits erwähnten Brief: Harich: Brief an Lukács vom 14. August 1953, in: Band 9, S. 2438–243. In dem Band weitere Verweise auf diese ganze Angelegenheit. 1684 Teil XIII Ferner sollten wir uns bei der Lektüre dieses Aufsatzes überlegen, ob er nicht schädliche Tendenzen einer Verunglimpfung des deutschen philosophischen Erbes enthält. Natürlich ist gegen eine scharfe Betonung des Gegensatzes von Marx und Engels (zu Hegel, AH) absolut nichts einzuwenden, aber sowohl aus sachlichen Gründen als auch im Hinblick auf unsere gesamtdeutsche Verantwortung für das klassische Erbe muss dem Vermächtnis Hegels gegenüber ein respektvoller Ton gewahrt werden, der im ersten Entwurf der Arbeit von Gropp an manchen Stellen fehlte. Wir müssen also damit rechnen, dass es unter Berücksichtigung dieser Erwägungen nötig sein könnte, den Abdruck des Aufsatzes von Gropp zunächst zurückzustellen, um den Verfasser zu einer Abmilderung von Schärfen zu veranlassen, die unsere Zeitschrift schädigen könnten.293 (Selbstverständlich darf das, was Gropp sachlich zu sagen hat und was marxistisch vertretbar ist, dadurch nicht beeinträchtigt werden.) 4) Es scheint mir unerlässlich zu sein, dass wir auch in Heft 3 wieder einen Beitrag von Ernst Bloch bringen, gerade in Hinblick auf den neuen Kurs, der seine Arbeiten in einem noch viel höheren Maße als bisher für unsere Zeitschrift, ihrem ganzen Charakter entsprechend, unentbehrlich macht. Ich schlage vor, den Kollegen Bloch dringend zu bitten, uns einen Vorabdruck aus seinem in Vorbereitung befindlichen Werk Das Prinzip Hoffnung für Heft 3 zur Verfügung zu stellen, wobei Kollege Bloch einen Abschnitt dieses Werkes wählen sollte, der in das Heft 3 frische und eigentümliche Farben bringt. Nach meiner Kenntnis der Druckfahne und des Manuskriptes wird es Kollege Bloch ohne Schwierigkeit möglich sein, uns schnell einen solchen Abschnitt zum Vorabdruck zu schicken. 5) Ich schlage vor, in Heft 3 nun doch den Aufsatz von Kollegen Linke Wa rum philosophische Wissenschaft? zu bringen. Es ist zwar richtig, dass dieser Aufsatz kein Geniestreich ist. Aber die Grundtendenz ist verhältnismäßig anständig, und die Ausfälle gegen den Irrationalismus passen durchaus in unsere Zeitschrift. Wir hatten den Aufsatz seinerzeit aus Heft 1 herausgenommen mit der Begründung, dass er von Linke bereits in der Jenaer Universitäts-Zeitschrift veröffentlicht worden sei. Inzwischen hat uns das Staatssekretariat für Hochschulwesen wissen lassen, dass diese Begründung unzulässig wäre, da Beiträge in Universitäts-Zeitschriften nur »als Manuskript gedruckt« erscheinen. 293 (AH) Harich hatte dann tatsächlich den Versuch unternommen, Gropp dazu zu bringen, dass dieser seinen Aufsatz entschärfe. Doch Gropp setzte sich durch, der Text erschien in der von ihm gewünschten und gewollten Form – freilich durchaus noch einmal überarbeitet und modifiziert (aber ohne Abschwächung der Kritik). 1685Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Ferner hat Kollege Linke seine weitere Mitarbeit davon abhängig gemacht, dass wir diesen seinen Aufsatz doch noch veröffentlichen, wie es bei der Gründung der Zeitschrift vorgesehen gewesen sei. Die Themen, die Kollege Linke unter der Vo raus set zung, dass wir auf seine Forderung eingehen, in unserer Zeitschrift behandeln will, scheinen mir von erheblicher Bedeutung zu sein; auch glaube ich, dass Linke über diese Themen – es handelt sich vor allem um Fragen der Logik – etwas Rationelles zu sagen weiß. Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass Linke Mitherausgeber der westdeutschen Zeitschrift für Philosophie-Forschung ist, in gutem Kontakt mit zahlreichen westdeutschen Philosophen steht, die zum Teil einer sachlichen Auseinandersetzung mit uns nicht abgeneigt wären – Eigenschaften, die es als sehr unratsam erscheinen lassen, ihn zu verärgern. 6) Ich selbst bin aus gesundheitlichen Gründen nicht im Stande, den für Heft 3 ursprünglich zugesagten Aufsatz Über den Gegenstand der philosophischen Anthropologie, der als Hauptbeitrag gedacht war, zu liefern. Ich muss dieses Vorhaben leider vertagen. Jedoch wäre ich bereit, noch mit einer kleinen polemischen Bemerkung gegen die philosophischen Aspekte der Goethe-Arbeit von Wilhelm Girnus, ebenfalls für die Sparte der Rezensionen, einzuspringen. 7) (…) Heft 4 muss ein ganz ausgezeichnetes Niveau aufweisen, außerordentlich interessant sein, sehr sorgfältig redigiert werden, und bereits ganz und gar den Anforderungen des neuen Kurses entsprechen. Das wird nur möglich sein, wenn wir dieses Heft gründlich vorbereiten, neue Einfälle bezüglich des Inhalts haben, und den Autoren, an die wir dann herantreten werden, Zeit lassen. Das ist vor allem in Hinblick auf die Beiträge nötig, die wir über Herder veröffentlichen werden. Das Herder-Jubiläum muss im Zeichen des neuen Kurses in unserer Zeitschrift auf einer breiten Basis begangen werden und alle humanistisch gesinnten Intellektuellen in ganz Deutschland erreichen. Es schadet meiner Meinung nach nichts, wenn wir mit dem 4. Heft etwas verspätet, womöglich erst Anfang 1954, herauskommen. Bei einer philosophischen Zeitschrift kann man eine solche Verzögerung durchaus verantworten, und im In teres se des Niveaus brauchen wir sie. Der Verlag und die Druckerei sollten dafür das nötige Verständnis aufbringen. Was den Inhalt des 4. Heftes betrifft, so bin ich der Meinung, dass seine Vorbereitung zunächst und vor allem eine Aussprache der He rausge ber und der Redaktion nötig macht. Diese Aussprache sollte möglichst bald stattfinden. Wenn es in den Sommermonaten angesichts der Ferienreisen nicht anders möglich sein sollte, so müssten wir sie durch einen brieflichen Gedankenaustausch der Herausgeber und der Redaktion ersetzen. Ich schlage vor, dass wir Herausgeber uns schon jetzt 1686 Teil XIII über den Inhalt des 4. Heftes in Hinblick auf die Erfordernisse des neuen Kurses Gedanken machen, und dem Kollegen Schrickel entsprechende Einfälle und Vorschläge zukommen lassen. Kollege Schrickel und ich würden dann gemeinsam in Berlin diese Vorschläge miteinander kombinieren und den anderen Herausgebern ein Exposé über Heft 4 schicken, über das wir uns geeinigt haben. Brief an Klaus Schrickel294 (29. Juli 1953) Werter Genosse Schrickel! In der Anlage übersende ich Dir Fahnen, Manuskripte und Briefe, die die Deutsche Zeitschrift für Philosophie betreffen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich Dir Folgendes zur Kenntnis geben: I. Grundsätzliche Fragen 1) Dem Vorschlag, eine Konferenz der Herausgeber und des Redaktionssekretärs Anfang August in Berlin zu veranstalten, stimme ich zu. Was den Termin betrifft, so bin ich bereit, mich ganz nach den Wünschen der anderen Herausgeber zu richten. Sollte die Besprechung allerdings erst nach dem 5. August stattfinden können, so müsste ich dies entweder bis spätestens Montag, den 3. August, wissen, um meinen geplanten Ahrenshoop-Urlaub, den ich am 5. August antreten wollte, noch um ein paar Tage zu verschieben, oder aber telegraphisch nach Berlin zurückgerufen werden. Ich bitte Dich, das eine oder das andere gegebenenfalls zu veranlassen. 2) Angesichts der Tatsache, dass die vier Herausgeber zu verschiedenen, sich überschneidenden Zeiten und an verschiedenen Orten ihren Urlaub verleben, sehe ich mit dem Zu-Stande-Kommen unserer Besprechung, offen gesagt, schwarz. Aus diesem Grunde habe ich in meinem Brief vom 7. Juli rechtzeitig Maßnahmen vorgeschlagen, die gewährleisten, dass das 3. Heft bis Anfang August mit einem angemessenen Inhalt in Satz gegeben werden kann. Dieser Brief wurde von den Herausgebern in einem weitgehend zustimmenden Sinne beantwortet, wie Du aus den beiliegenden Briefen ersiehst. 294 (AH) 6 Blatt, maschinenschriftlich, 29. Juli 1953, adressiert an »Klaus Schrickel, Berlin, Institut für Philosophie, Deutsche Zeitschrift für Philosophie«. 1687Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Von Dir habe ich leider keine Antwort erhalten. Wohl aber hast Du Dich geweigert, Dich mit mir zu treffen, um, meinem Wunsch entsprechend, anhand der Briefe der Herausgeber und meiner Vorschläge vom 7. Juli die zum Teil noch völlig offenen Fragen des 3. Heftes in einer operativen Weise zu klären. Dadurch ist wertvolle Zeit verloren gegangen und über das 3. Heft immer noch keine Klarheit erzielt, ganz abgesehen von dem unerhörten Verhalten, das Du auch jetzt wieder – wie in der Vergangenheit so oft – mir gegenüber an den Tag legst. Ich muss Dich nun bitten, unter allen Umständen die Wünsche der Herausgeber bezüglich des 3. Heftes, die ich in diesem Brief zusammen zu fassen versuche, strikt zu befolgen und dafür zu sorgen, dass das 3. Heft sobald wie möglich mit dem von uns gewünschten Inhalt fertig gestellt wird, unabhängig davon, ob und wann die nächste Herausgeberkonferenz zu Stande kommt. Gleichzeitig muss ich Dich bitten, jedem Herausgeber sukzessive die Revisionsbögen zuzuschicken und eventuelle Beanstandungen zu berücksichtigen. 3) Zu Deiner Kündigung möchte folgendes erklären: a) Die von Dir angeführten Gründe halte ich für nicht stichhaltig. Einerseits finde ich es lächerlich, dass Du Dir offenbar zu fein bist, technisch-redaktionelle Arbeiten zu erledigen; ich war mir dafür nicht zu fein, obwohl ich wahrscheinlich einiges mehr an publizistischen und Vorlesungs-Leistungen vorzuweisen habe als Du. Andererseits ist der Umfang Deiner laufenden Arbeit für die Universität nicht so erheblich, als das Du keine Zeit fändest, Dich nebenberuflichen Verpflichtungen zu unterziehen, die für das Zu-Stande-Kommen einer nur viermal jährlich erscheinende Zeitschrift erforderlich sind. Deine Ansicht schließlich, dass es genüge, wenn eine bloße technische Kraft als Redakteur eingestellt würde, halte ich deswegen für grundfalsch, weil eine philosophische Zeitschrift von der ersten bis zur letzten Zeile nur von einem Sachkenner redigiert werden kann. (Dasselbe gilt für die Erledigung des Briefwechsels.) b) Ich habe, nachdem ich Dein Kündigungsschreiben in Händen hatte, sowohl Genossen Hager, als auch den Leiter des Verlages der Wissenschaften, Genossen Koven, gebeten, Dir Deine Kündigungsabsicht auszureden und dabei notfalls an Dein Parteibewusstsein zu appellieren. Ich habe dies in der Bereitschaft getan, die erfahrungsgemäßen Schwierigkeiten der Zusammenarbeit mit Dir auch weiterhin um der Sache willen auf mich zu nehmen. Dabei handelte ich immer noch in der Vorstellung, dass die zwischen uns bestehenden Gegensätze, die in diesen Schwierigkeiten der Zusammenarbeit zum Ausdruck kommen, der Zeitschrift insofern zustatten kommen würden, 1688 Teil XIII als dadurch möglichen einseitigen Entscheidungen ein Riegel vorgeschoben würde. Diese Haltung nehme ich inzwischen nicht mehr ein, nachdem Du durch die kategorische Weigerung, Dich mit mir zwecks Besprechung der Angelegenheiten des 3. Heftes zu treffen, die Vo raus set zungen einer sachlichen Zusammenarbeit zwischen uns zerstört hast. Ich stimme heute Deinem Vorsatz, zu kündigen, nicht nur zu, sondern bekenne mich meinerseits zu der Auffassung, dass Dein Verbleiben in der Position des Redakteurs auf die Dauer untragbar ist. c) Dessen ungeachtet erwarte ich von Dir, dass Du Disziplin genug aufbringt, den übernommenen Verpflichtungen bis zum Ende dieses Jahres oder wenigstens so lange nachzukommen, bis ein anderer Redakteur nicht nur gefunden, sondern eingearbeitet ist. d) Deinen Vorschlag, den Posten des Redakteurs unserer Zeitschrift mit einer so genannten technischen Kraft zu besetzen, lehne ich ab. Ich werde vielmehr nur einer solchen Persönlichkeit zustimmen, die a) Mitglied unserer Partei ist, b) die erforderlichen philosophischen Kenntnisse mitbringt, c) in redaktioneller Arbeit nicht unerfahren ist, d) die Orientierung auf eine wirksame marxistische Beeinflussung der philosophisch interessierten Intelligenz in Deutschland als Grundkonzeption unserer Zeitschrift bejaht. e) Deinen Vorschlag, die Verantwortung für den Inhalt und die redaktionelle Bearbeitung der Zeitschrift in Fachressorts aufzuteilen, lehne ich gleichfalls ab. Nach meiner Auffassung müssen Herausgeber und Redaktion kollektiv die Verantwortung für die ganze Zeitschrift tragen, wobei es selbstverständlich ist, dass für die Beurteilung von Beiträgen von Fall zu Fall entsprechende Experten herangezogen werden, die Mitglied des Herausgeberkollegiums sein können, es aber nicht zu sein brauchen. II. Zu Heft 3 1) Grundsätzlich bitte ich Dich, den Inhalt von Heft 3 so zu gestalten, dass er den Wünschen der Herausgeber entspricht. Diese Wünsche kommen zum Ausdruck in den Briefen der Kollegen Baumgarten, Bloch und Schröter, in meinem Brief vom 7. Juli 1953 und in der Zusendung einer Reihe neuer Manuskripte durch Kollegen Bloch (Manuskripte von Bloch, Holz und Werner Krauss). 1689Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie 2) Umfang von Heft 3: 12 Bogen (entsprechend dem Wunsche sämtlicher Herausgeber). 3) Der Aufsatz von Genossen Gropp muss meines Erachtens aus den folgenden Gründen zurückgestellt werden: a) Der Aufsatz liegt bis jetzt noch nicht fertig vor, kann also als Ganzes noch gar nicht beurteilt werden. Eine definitive Entscheidung über Annahme oder Ablehnung kann erst erfolgen, wenn Herausgeber und Redaktion die ganze Arbeit gelesen haben. b) Was den vorliegenden Teil des Aufsatzes angeht, so wird er von Kollegen Bloch rundweg abgelehnt mit der Begründung, dass Gropp »Klischees dresche« und Lukács »aus der Froschperspektive angreife« (Brief an mich vom 22. Juli 1953). Genosse Baumgarten beanstandet in einem an mich gerichteten Brief die Form der Kritik an Lukács. Was mich betrifft, so halte ich Gropps Auffassung der klassischen deutschen Philosophie für falsch, zumindest einseitig (doch das ist Ansichtssache) und die Form seiner Polemik gegen Lukács für völlig untragbar. Ich schlage also vor: Genossen Gropp zu einer sachlichen Form der Kritik an Lukács zu veranlassen und die Entscheidung über den Abdruck (der in Heft 3 absolut nicht in Frage kommt) von der Beurteilung der vollständigen Arbeit durch sämtliche Heraus ge ber abhängig zu machen. Gleichzeitig schlage ich vor, die Arbeit, sobald sie vollständig vorliegt und der anmaßende Ton gegen Lukács ausgemerzt ist, an Genossen Lukács zu schicken mit der Bitte, für eine Veröffentlichung Verständnis zu haben und für die Sparte »Diskussion« in einem der folgenden Hefte eine Entgegnung zu schreiben.295 (Bei der Gelegenheit möchte ich mein Befremden da rü ber äußern, dass der Aufsatz von Gropp, obwohl er ein Torso ist, und obwohl ihn die Herausgeber nicht gelesen hatten, von Dir in Satz gegeben wurde. Eine solche Eigenmächtigkeit ist bei einem derartig heiklen Aufsatz nicht zu dulden.) 4) Mit der Veröffentlichung des Aufsatzes von Prof. Kockel im Rahmen unserer Physik-Diskussion bin ich voll und ganz einverstanden. Ich möchte nur darum bitten, dass die Beiträge zur Physik-Diskussion, die sich nicht auf die Schrift von Genossen Stern beziehen, nämlich die von Kockel und Fogarasi, an den Schluss gestellt und durch Fußnoten, die über den Anlass ihrer Entstehung Auskunft geben, gekennzeichnet werden. 295 (AH) So verfuhr Harich dann auch, der entsprechende Brief an Lukács liegt mittlerweile gedruckt vor. Die Anfertigung einer Entgegnung lehnte Lukács ab. Siehe die entsprechenden Briefe des 9. Bandes. Dort auch weitere Hinweise und Bezüge zu der Auseinandersetzung von Harich, Bloch und Lukács mit Gropp. 1690 Teil XIII 5) Den beiliegenden, von Kollegen Bloch zugesandten Beitrag von Genossen Werner Krauss, Marx im Vormärz, halte ich für außerordentlich interessant und niveauvoll. Mit seinem Abdruck in Heft 3 unserer Zeitschrift bin ich einverstanden, falls dafür – nach dem Fortfall des Hauptbeitrages von Kollegen Schröter und des Aufsatzes von Genossen Gropp – Platz vorhanden ist, was ich annehmen möchte. 6) Für interessant und niveauvoll, wenn auch etwas problematisch, halte ich den Aufsatz von Genossen Holz über die Dialektik bei Leibniz, den ebenfalls Kollege Bloch übersandt hat. Ich würde vorschlagen, ihn für Heft 4 vorzusehen. (Genosse Holz hat mittlerweile eine Zusage unserer Behörden erhalten, in absehbarer Zeit in die DDR übersiedeln und hier eine Lehrtätigkeit ausüben zu dürfen.) 7) Die Aufsätze von Genossen Eildermann sind meines Erachtens zu niveaulos, als dass sie für einen Abdruck in unserer Zeitschrift in Betracht kämen. 8) Von einem Abdruck der in der Greifswalder Universitätszeitschrift erschienenen Beiträge des Genossen Albrecht rate ich zumindest für Heft 3 ab. Einen Abdruck der Albrechtschen Polemik gegen Jacoby kommt meines Erachtens vorerst nicht in Frage. Es wäre jedoch gut, wenn sich Genosse Albrecht an unserer Physik-Diskussion beteiligte; in diesem Zusammenhang könnte er dann auch kritisch zu dem in Heft 2 erschienenen Diskussionsbeitrag von Prof. Jacoby Stellung nehmen und dabei dann die wesentlichen Gedanken seiner Polemik in loyalerer Tonart wiederholen. 9) Hauptbeiträge für Heft 3: a) Erster Beitrag, eventuell: Werner Krauss, Marx im Vormärz. (Aber erst telegraphisch bei Krauss anfragen, ob dieser Aufsatz uns wirklich zur Verfügung steht.) b) Zweiter Beitrag: Victor Stern, Marx und der französische Materialismus. (Es ist aber unbedingt nötig, dass an diesem Beitrag noch einige Korrekturen vorgenommen werden, um sprachliche Unmöglichkeiten und sachliche Fehler zu beseitigen. Siehe den beiliegenden Fahnenabzug!) c) Dritter Beitrag: Georg Lukács, Karl Marx und Friedrich Theodor Vischer. (Ungekürzt!) d) Vierter Beitrag: Ernst Bloch, Vorabdruck des 15. Kapitels aus Das Prinzip Hoffnung. (Die Fahnen werden vom Aufbau-Verlag zugeschickt.) e) Fünfter Beitrag: Paul F. Linke, Wa rum philosophische Wissenschaft? 1691Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie f ) Sechster Beitrag: Otto Singer, Über Probleme der neuen Kosmogonie. 10) Übersetzungen für Heft 3: a) Sowjetischer Beitrag b) Französischer Beitrag: Poperen, Geschichtsphilosophie Toynbees 11) Für die Sparte Diskussion: a) Beitrag von Prof. Jacoby. b) Beitrag von Prof. Schröter (von ihm in seinem beiliegenden Brief für den 1. August fest zugesagt)! c) Eventuell: Abdruck des beiliegenden Briefes von Prof. Dr. Maria Kokoszynska-Lutman, Wroclaw. (Anfrage: Sind weitere Beiträge zur Logik-Debatte nicht eingetroffen? Wenn doch – welche?) d) Beitrag von Brigitte Eckstein zur Physik-Diskussion. e) Beitrag von Gen. Prof. Mendel zur Physik-Diskussion. f ) Beitrag von Kockel. g) Auszüge aus Fogarasis Kritik des physikalischen Idealismus (siehe die beiliegenden, von mir für den Abdruck in unserer Zeitschrift vorbereiteten Fahnen)! (Anfrage: Ist der Beitrag von Janossy eingetroffen? Ist mit diesem Beitrag noch für Heft 3 zu rechnen? Wenn ja, dann soll er unbedingt gebracht werden.) 12) Sparte Referate/Besprechungen für Heft 3. Ich mache nochmals da rauf aufmerksam, dass diese Sparte diesmal völlig unzulänglich ausgefallen ist. Ist etwas geschehen, um diesen Zustand zu ändern? An meiner Rezension über Lukács’ Jungen Hegel sitze ich noch, sie wird Anfang August fertig sein. Aber auch das genügt auf keinen Fall. Ich bitte Dich also dringend, Dich auf die Lösung dieser Frage zu konzentrieren. III. Zu Heft 4 1) Ich schlage vor, den ganzen Inhalt von Heft 4, 1953, erst auf der nächsten Herausgeberkonferenz festzulegen. 2) Ich schlage vor, als Termin, zu dem das letzte Manuskript für Heft 4 in Satz gegeben sein muss, den 1. November 1953 festzusetzen. 1692 Teil XIII 3) Ich bitte Dich, unbeschadet der Ergebnisse der Herausgeberkonferenz, schon jetzt bestimmte Artikel für Heft 4 in Auftrag zu geben. Ich denke dabei vor allem an die folgenden Beträge: a) Krahl, Marx und Malthus. b) Schröter, Über den Idealismus in der mathematischen Logik. c) Bloch, Rede über den Materialismus – an die Gebildeten unter seinen Verächtern d) Beiträge zur Physik-Diskussion von Janossy, Georg Klaus, Rompe, Hermann Ley, Klaus Zweiling. e) Beiträge zur Logik-Diskussion von Ernst Hoffmann, Kurt Hager, Asser. f ) Den vollständigen und auf einen anständigen Ton zu stimmenden Beitrag von Gropp. g) Rezensionen, Rezensionen, Rezensionen; da run ter die von Lehmann versprochene Anti-Aebi-Polemik. 4) Für Heft vier liegen bereits vor: Lukács, Zur philosophischen Entwicklung des jungen Marx (die Fertigstellung des Fußnotenapparats übernehme ich); der Leibniz-Aufsatz von Holz; fest gerechnet werden kann mit einem Herder-Aufsatz und mit einer Rezension von mir. Mit Gruß! Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik (Ende 1955, Anfang 1956) (AH) Eine überarbeitete Version dieses Aufsatzes erschien als Leitartikel der Redaktion im 1. Heft der Deutschen Zeitschrift für Philosophie von 1956. Bis zum Druck wurde Harichs Diskussionsgrundlage teilweise verändert, mutmaßlich durch die Parteiphilosophen Matthäus Klein und Alfred Kosing, die auch den Druck des Vademecums verhinderten. (Siehe die entsprechenden Texte dieses Bandes.) Es existieren weitere Vorstufen des Aufsatzes im Nachlass von Harich. Abgedruckt wird diese Version, da sie den geschlossensten Eindruck vermittelt. Allerdings scheint auch sie schon Ergebnis von Diskussionen und Rücksprachen zu sein, da rauf deuten die unterschiedlichen Änderungsvorschläge – teilweise mit Schreibmaschine, teilweise handschriftlich – hin. Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1956, S. 5–34. Auf die Abweichungen zwischen Harichs Diskussionsvorschlag letzter Hand und dem dann gedruckten Leitartikel wird nur in Ausnahmefällen verwiesen – dann, wenn Harichs Positionierung innerhalb der Philosophie der DDR berührt wird. 1693Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Teil I: In keiner früheren Geschichtsepoche haben sich so tiefgreifende ökonomische und politische Veränderungen im Zusammenleben der Menschen vollzogen wie in unserer Zeit. Seit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erfolgt in einem Prozess ungeheurer sozialer Konflikte und Kämpfe die Ablösung und Überwindung der Jahrtausende alten Klassengesellschaft durch die neue, sozialistische Gesellschaft, die der Ausbeutung und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen für immer ein Ende setzt. Das Ringen der Menschheit um ihre Befreiung vom Kapitalismus, der letzten Ausbeuterordnung der Weltgeschichte, [und]296 um den Aufbau des Sozialismus, dessen Schöpfer die moderne Arbeiterklasse im Bunde mit allen Werktätigen ist, gibt unserer ganzen Epoche das Gepräge. Auch die Deutsche Demokratische Republik hat an dieser weltweiten Umwälzung aktiven Anteil. Auf dem Territorium der ersten Arbeiter- und Bauernmacht der deutschen Geschichte, des ersten deutschen Staates, der unwiderruflich mit den reaktionären Verhältnissen der Vergangenheit gebrochen hat, haben sich, seit der Befreiung vom Faschismus im Jahre 1945, tiefgreifende, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassende Veränderungen vollzogen; Veränderungen, die zunächst die bürgerlich-demokratische Revolution vollendeten und danach in die proletarisch-sozialistische Revolution hinübergewachsen sind. Im Zuge dieser Entwicklung werden seit einigen Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik die Grundlagen des Sozialismus errichtet. Damit gehört unser Republik zu dem großen Lager der Demokratie und des Sozialismus, das von der Sow jet uni on und der Volksrepublik China geführt wird, und die Lebensfragen der Millionen und Abermillionen von Menschen, die sich in diesem Lager zusammengeschlossen haben, sind auch die unseren. Freilich weist die Lage bei uns in Folge der unterschiedlichen historischen und nationalen Bedingungen, unter denen wir den Kampf für das Neue zu führen haben, ihre Besonderheiten auf. Namentlich deswegen, weil wir die Einheit und Unabhängigkeit eines friedliebenden demokratischen Gesamtdeutschland noch nicht herzustellen vermochten. Aber da die Stärke und Bewusstheit der Arbeiterklasse, als der einzig zuverlässigen [Kraft] des nationalen Kampfes, auch im Westen unseres Vaterlandes in sehr hohem Maße von den Erfolgen abhängt, die wir bei der Schaffung der Grundlagen des 296 (AH) Die handschriftlichen Einschübe Harichs werden in eckigen Klammern gesetzt. Ebenso später gestrichene Passagen. Bei den anderen Beiträgen des vorliegenden Bandes wurde da rauf verzichtet, hier ist es, um die Genese des späteren Leitartikels zu ermöglichen, ein sinnvolles Unterfangen. 1694 Teil XIII Sozialismus in der DDR erringen, kann uns nur die weitere Festigung und Entwicklung der [neuen] Verhältnisse in unserer Republik jener fortschrittlichen Lösung der nationalen Frage in Deutschland näher bringen, die von allen deutschen Patrioten mehr oder weniger bewusst herbeigesehnt wird. [Und das] bedeutet [jedoch], dass wir in der DDR in allen wesentlichen Fragen unseres Aufbaus [im Innern] vor den gleichen Aufgaben stehen wie die anderen Völker, die den sozialistischen Weg beschritten haben, dass wir aktiv an der gleichen ökonomischen, sozialen, politischen und geistigen Umgestaltung der Welt teilnehmen wie sie, dass wir an ihrer Seite und mit ihnen für die gleichen Ziele kämpfen. Teil II: Die Ablösung der alten Welt durch den Sozialismus stellt nicht nur eine grundlegende Umwälzung der ökonomischen und politischen Verhältnisse der Gesellschaft dar, sie gestaltet [zugleich] auch das geistige Leben der Menschen, ihr Denken, ihre rechtlichen und sozialen Anschauungen, die moralischen Normen ihres Verhaltens zueinander, vollständig um, gibt ihrer Naturanschauung, ihrer Auffassung des gesellschaftlichen Seins, [ihrem ästhetischen Empfinden,] ihrer Beurteilung des eigenen Verhaltens [und des Verhaltens ihrer Mitmenschen] einen [ganz] neuen Inhalt. In all den Ländern, die sich dem Lager der Demokratie und des Sozialismus angeschlossen haben, ist [die sozialistische Revolution] gleichbedeutend mit dem Sieg des Marxismus-Leninismus über die bürgerliche Ideologie und die uralten Lügen und Vorurteile, die die Bourgeoisie sich in dem Maße assimiliert hat, wie sie zum entscheidenden Hemmnis des gesellschaftlichen Fortschritts wurde. Es ist klar, dass zwischen den sozialen und den geistigen Veränderungen, die den Übergang zum Sozialismus ausmachen, ein notwendiger Zusammenhang besteht, dass sie sich wechselseitig bedingen und sich nicht von ei nan der trennen lassen. [Dabei] ist die ökonomische Umwälzung [zwar] das grundlegende Moment dieser Wechselbeziehung, aber das heißt nicht, dass die entsprechende Veränderung des Bewusstseins der Menschen nur ihr passiver Helfer wäre und als zweitrangig behandelt [angesehen] werden dürfte. So können nur Anhänger eines vulgären Ökonomismus denken, die von marxistischer Einsicht weit entfernt sind und denen der falsch verstandene Primat der ökonomischen und sozialen Faktoren nur als Ausrede für ihre Passivität im ideologischen Kampf dient. Die [Wahrheit ist, dass die] praktischen Notwendigkeiten, Bedürfnisse und Aufgaben der sich bildenden sozialistischen Gesellschaft nicht mit den Bewusstseinsformen und -inhalten erfasst und begriffen werden [können], die in den Jahrtausenden der Klassengesellschaft von den jeweils Herrschenden geformt und den 1695Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Volksmassen anerzogen worden sind, [sondern] ein neues, höheres Bewusstsein [erfordern], das den neuen Bedingungen und Zielen der gesellschaftlichen Entwicklung gemäß ist und das allein die werktätigen Massen, die Arbeiter, Bauern und Intellektuellen befähigen kann, die große Wende unserer Zeit zu verstehen und die Aufgaben, die diese Zeitenwende ihnen stellt, zu bewältigen. Und dieses neue Bewusstsein entsteht nicht von selbst, es muss in die Massen der Werktätigen hineingetragen, [es] muss selber bewusst entwickelt und gestaltet werden. Das gilt für alle Länder des sozialistischen Lagers, und es gilt auch für die Deutsche Demokratische Republik. Unsere Werktätigen können nicht von sich aus und allein auf Grund ihrer unmittelbaren praktischen Erfahrungen die objektiven Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung erkennen und so ihre tägliche Arbeit, ihren täglichen Kampf [bewusstermaßen] mit den geschichtlichen Zielen ihrer Klasse [der Arbeiterklasse] in Beziehung setzen. Sie können nicht von sich aus zu einem Weltbild gelangen, das in seinen großen Zügen den Ergebnissen der modernen fortgeschrittenen Wissenschaft entspricht. Sie können sich selbst überlassen [nicht] die Vorurteile der Religion, den Egoismus und Individualismus der bürgerlichen Moral, die Illusionen der formalen Demokratie abstreifen und allen plumpen und raffinierten Lügen der Feinde des Sozialismus mit den richtigen Argumenten kämpferisch begegnen. Ob sie [nun] Arbeiter und Bauern sind und von der Bourgeoisie in Unwissenheit gehalten werden, oder ob sie, zur Intelligenz [gehörend], unter dem Einfluss der dekadenten, nihilistischen Modeideologien des Imperialismus aufwuchsen, sie alle bedürfen, um sich auf die Höhe des sozialistischen Bewusstseins zu erheben, der Hilfe derer, die [fest auf dem Boden der materialistischen Weltanschauung stehen und] vor ihnen die theoretische Einsicht in die Bedingungen, in den Gang und die allgemeinen Resultate der zum Sozialismus treibenden [modernen] Geschichte unserer Zeit voraushaben. Das heißt, sie bedürfen der Hilfe der marxistischen Wissenschaftler, da run ter auch [und in erster Linie] der marxistischen Philosophen. Die marxistische Philosophie, der dialektische und historische Materialismus, ist das weltanschaulich-theoretische Fundament der ganzen Lehrgebäude des Marxismus-Leninismus; sie ist da rü ber hinaus die wissenschaftliche Grundlage des sozialistischen Bewusstseins überhaupt, dessen sämtliche Seiten und Elemente sie durchdringt. Ohne von den Erkenntnissen der marxistischen Philosophie geleitet zu werden und durchdrungen zu sein, ohne die unausgesetzte [Aktivität] dieser Philosophie an der ideologischen Front des allgemeinen Klassenkampfes, kann das sozialistische Bewusstsein nicht zum herrschenden Bewusstsein der sozialistischen Gesellschaft [werden], kann 1696 Teil XIII der Überbau dieser Gesellschaft nicht seine Funktion, die neuen Produktionsverhältnisse zu festigen, erfüllen. Aus dieser zentralen gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Wissenschaft ergibt sich die hohe Verantwortung der marxistischen Philosophen in unserer Republik, eine Verantwortung, die um so größer ist, als ihnen aus dem Nebeneinanderstehen zweier deutscher Staaten [noch] die [besondere] Pflicht zuwächst, das massive Eindringen der feindlichen Ideologie aus dem kapitalistischen Westen abzuwehren und die Wahrheit des Marxismus in [breiter Offensive in] den kapitalistischen Teil Deutschlands hineinzutragen. Es liegt nicht zuletzt an ihnen, ob die Lehre von [Karl Marx und Friedrich Engels] in dem Geburtsland ihrer Begründer so gründlich siegt, wie sie in großen Teilen der Welt heute schon gesiegt hat. Die allgemeine wissenschaftliche, kulturpolitische, propagandistische und erzieherische Aufgabe der marxistischen Philosophen in der Deutschen Demokratischen Republik besteht heute da rin, das Bewusstsein der sich entwickelnden [neuen] Gesellschaft in den Köpfen ihrer Erbauer sozialistisch zu gestalten, es als sozialistisches Bewusstsein zu festigen und zu vertiefen, es allseitig auf den verschiedensten Gebieten, mit dem Ziel der fortschreitenden Überwindung der bürgerlichen Ideologie, zu begründen, zu konkretisieren und auszuarbeiten und auf diese Weise durchzusetzen, dass es mehr und mehr zum einheitlichen, allgemein herrschenden Bewusstsein wird. Natürlich kann dies nicht von den Philosophen allein geleistet werden, vielmehr müssen sämtliche Wissenschaften, jede auf ihrem Gebiet, müssen die schönen Künste, die Literatur, das Erziehungswesen, die gesellschaftlichen Organisationen und alle Mittel der Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit, [müssen] Presse, Rundfunk, Film, gemeinsam auf dieses Ziel hinarbeiten. Aber den marxistischen Philosophen ist, im Rahmen dieser Gesamtaufgabe, [von der Arbeiterklasse] eine besondere Pflicht aufgetragen, die ihnen die anderen Sphären des Überbaus, die ihnen auch die Einzelwissenschaften zusammengenommen, nicht abnehmen können: Sie müssen den Prozess der Entfaltung des sozialistischen Bewusstseins in unserer Republik auf dem Niveau der höchsten theoretischen Verallgemeinerung, durch Klärung der weltanschaulichen Fragen, durch die Erarbeitung wissenschaftlicher methodischer Grundlagen, vorantreiben. Zu diesem Zweck müssen sie alle Teilgebiete, alle Probleme, Kategorien, Begriffe der marxistischen Philosophie einer gründlichen, allseitigen und systematischen Bearbeitung unterziehen. Und das setzt voraus, dass sie gründlich die neuen Ergebnisse der Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie die praktischen Erfahrungen [unseres sozialistischen Aufbaus] des internationalen und des gesamtdeutschen Kampfes der Arbeiterklasse [sowie 1697Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie die Erfahrungen unseres sozialistischen Aufbaus] verallgemeinern, [dass sie] das gesamte philosophische Denken der Menschheit kritisch verarbeiten, alle positiven Erkenntnisse der früheren Philosophie auswerten und deren unwissenschaftliche, negative Seiten, die heute besonders in der reaktionären bürgerlichen Philosophie des Westens weiterleben, vernichtend kritisieren. [Es liegt im kritisch-revolutionären Wesen, in der Parteilichkeit der marxistischen Philosophie selbst begründet, dass die Bearbeitung ihrer Probleme nur in konkreter Auseinandersetzung mit der bürgerlichen reaktionären Philosophie der Gegenwart erfolgen kann.] Die Erfüllung dieser, hier vorerst noch sehr allgemein gestellten, Aufgabe ist vor allem deshalb notwendig, weil allein die marxistische Weltanschauung, der dialektische und historische Materialismus, es gestattet, die objektive Wirklichkeit und ihre Gesetzmä- ßigkeiten nicht bloß fragmentarisch, sondern im ganzen wissenschaftlich zu erkennen und aus dieser [umfassenden] Erkenntnis die entsprechenden richtungsweisenden Schlussfolgerungen für alle Wissensgebiete und insbesondere für die Politik, für den Kampf der Massen zu ziehen, weil weiter nur auf der Grundlage dieser geschlossenen, harmonischen, durch und durch wissenschaftlichen Weltanschauung und nur mit ihrer Hilfe die aus der Vergangenheit überlieferten religiösen und idealistischen Ideologien radikal überwunden werden können. Erst mit der Lösung dieser Aufgabe wird also die grundlegende theoretische Vo raus set zung für die Entwicklung aller Formen des sozialistischen Bewusstseins geschaffen. Und von deren Entwicklung hängt in hohem Maße der Erfolg des Kampfes der Werktätigen für die Durchsetzung ihrer geschichtlichen Ziele ab. Teil III: Welchen Stand hat die Arbeit der marxistischen Philosophen in der Deutschen Demokratischen Republik heute erreicht? Was ist von ihnen zu Stande gebracht worden, wo liegen ihre hauptsächlichen Fehler und Schwächen und welche vordringlichen Aufgaben müssen in der nächsten Zeit von ihnen gelöst werden? Nach der zwölfjährigen blutigen Unterdrückung der deutschen Arbeiterbewegung durch den Hitlerfaschismus gab es in Deutschland zu [Beginn] der neuen Entwicklung auf dem Gebiet der marxistischen Philosophie nur sehr wenige wissenschaftlich ausgebildete Kräfte, so dass die philosophische Arbeit, insbesondere die Ausbildung neuer philosophischer Kader, zunächst nur in relativ geringem Umfang aufgenommen werden 1698 Teil XIII konnte.297 Es bleibt vor allem das Verdienst dieser anfangs nur wenigen marxistischen Philosophen, die oft persönliche wissenschaftliche Neigungen zurückgestellt haben und zu denen sowohl ehrwürdige Veteranen der deutschen Arbeiterbewegung als auch eine Reihe junger Genossen gehörten, dass inzwischen, meist freilich unter Vernachlässigung anderer Aufgaben, eine größere Anzahl von Nachwuchskräften herangebildet worden ist, so dass nun die Vo raus set zungen bestehen [gegeben sind] und mehr und mehr bestehen werden [gegeben sind], zu einer organisierten und systematischen Bearbeitung unserer dringenden Gegenwartsaufgaben überzugehen. Erklärlicher Weise musste die marxistische Philosophie, musste ihre Weiterentwicklung durch neue wissenschaftliche Forschungen, ihre Anwendung auf die vielfältigen Probleme der Gegenwart, bei zunächst bestehendem Mangel an ausgebildeten Kräften hinter den Aufgaben [Anforderungen] unserer Zeit zurückbleiben, dies um so mehr, als die philosophische Arbeit nur sehr unzureichend organisiert, koordiniert und angeleitet wurde. Trotz aller Mängel und Schwächen konnten im Verlauf der letzten Jahre jedoch schon einige nicht unbedeutende Erfolge erzielt werden, die man sich unbedingt vor Augen halten muss, will man bei der unerlässlichen und berechtigten Kritik des bisher Geleisteten [nicht] einer ganz und gar unangebrachten Resignation anheim fallen. Hier ist zunächst und vor allem die umfangreiche propagandistische Arbeit zu nennen, die zum Zweck der Verbreitung der marxistischen Philosophie und Gesellschaftswissenschaft geleistet worden ist. An den Universitäten und Hochschulen wurden im Herbst 1948 Vorlesungen und Seminare über dialektischen und historischen Materialismus, marxistische politische Ökonomie und Geschichte der Arbeiterbewegung, später über Grundfragen des Marxismus-Leninismus überhaupt, eingerichtet. An den Schulen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Massenorganisationen, in den Kreisabendschulen und Abenduniversitäten des Parteilehrjahrs, in den Volks- 297 (AH) In der Forschungsliteratur wurde die Entstehung der ostdeutschen Universitätslandschaft in teilweise guten Arbeiten untersucht. Um die von Harich geschilderte Situation schnell zu beseitigen, wurden u. a. für das Gebiet der marxistischen Philosophie mehrere Schnellstudienkurse durchgeführt, an denen auch Harich 1948 teilgenommen hatte. Seine Dozenten waren unter anderem Anton Ackermann, Hermann Duncker, Klaus Zweiling, Fred Oelßner, Rudolf Lindau und Wolfgang Leonhard. Mit ihm die Schul- bzw. Universitätsbank drückten: Kurt Hager, Klaus Schrickel, Georg Klaus, Georg Mende oder Ernst Hoffmann. Die Genannten prägten, da ran kann Zweifel bestehen, die frühe Phase der Herausbildung und Etablierung der Philosophie in der SBZ/DDR. 1699Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie hochschulen, in zahlreichen Vorträgen, öffentlichen Diskussionsrunden, [in Zirkeln der schaffenden Intelligenz] usw. sind hunderttausende Werktätiger mit der marxistischen Weltanschauung bekannt gemacht worden. Bei allen Mängeln, die dieser breiten propagandistischen Arbeit noch anhaften, ist dadurch doch sehr vielen Menschen unserer Republik zu einem tieferen Verständnis der sie umgebenden gesellschaftlichen Erscheinungen verholfen und in Umrissen das Weltbild der modernen Wissenschaft vermittelt worden. Wenn diese Menschen dadurch befähigt wurden, ihr kritisches Urteilsvermögen zu entwickeln, den Dingen auf den Grund zu gehen, Vorurteile zu überwinden und so auch ihre beruflichen und politischen Aufgaben besser zu erfüllen, so sind es nicht zuletzt gerade die jungen, vielleicht noch in der Ausbildung begriffenen, noch selbst mit den Problemen ringenden, als Lehrer zuweilen noch unbeholfenen marxistischen Philosophen und Wissenschaftler, die dazu beigetragen haben. Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der philosophischen Arbeit war die Einführung des fünfjährigen Philosophiestudiums an den Philosophischen Instituten der Universitäten Berlin, Leipzig und Jena im Jahr 1951. Seither wird erstmals in der Geschichte der deutschen Universitäten einem größeren Kreis von Studenten, die zum erheblichen Teil aus der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft kommen, eine in der Hauptsache marxistisch fundierte systematische philosophische Bildung, ergänzt durch einzelwissenschaftliche Vorlesungen und Unterricht [in Fremdsprachen], vermittelt, was große Bedeutung sowohl für die künftige Durchdringung aller Lebensbereich der Gesellschaft mit marxistischem Denken als auch für die weitere Konkretisierung der marxistischen Philosophie selbst hat. Hier entsteht ein Reservoir von fachlich gebildeten Kräften, die berufen sind, [in der Zukunft] Lehre und Forschung zu intensivieren und die propagandistische Arbeit unter den Massen auf ein höheres Niveau zu heben. Die Aufnahme der systematischen Ausbildungs- und Erziehungsarbeit an den drei erwähnten Instituten hat übrigens noch zu einer stärkeren Konzentration der marxistischen Philosophen, zu einer besseren Zusammenarbeit, zu fruchtbaren Diskussionen, kurz: zur Belebung der gesamten philosophischen Arbeit geführt. Daraus, dass die Ausbildung zum Teil in den [Händen] bürgerlicher Philosophen [Professoren] liegt, die [im Sinne der] Verfassung unserer Republik volle Lehrfreiheit genießen und deren fachliches Wissen [auch] nicht entbehrt werden kann, erwuchs den marxistischen Dozenten der Philosophie die oft nicht leichte Aufgabe, gleichzeitig eine echte kollegiale Zusammenarbeit mit den betreffenden Professoren zu organisieren und falschen philosophischen Ansichten, die von ihnen vertreten werden, im wissenschaftlichen Meinungskampf sachlich und entschieden entgegenzuwirken. 1700 Teil XIII [Im Zuge] der Entwicklung der philosophischen Arbeit erwies es sich als notwendig, auch ein entsprechendes Organ der philosophischen Forschung, Lehre und Diskussion in unserer Republik zu schaffen. So entstand um die Jahreswende 1952/53 die Deutsche Zeitschrift für Philosophie [, die seither von Arthur Baumgarten, Ernst Bloch, Wolfgang Harich und Karl Schröter herausgegeben wird.] Wenn es in der Arbeit der Zeitschrift, zu deren Mitarbeitern neben marxistischen auch fortschrittlich eingestellte bürgerliche Philosophen und Wissenschaftler gehören, auch noch manche Mängel [gibt], so hat sie im Ganzen doch für die Entwicklung der Philosophie in der Deutschen Demokratischen Republik wertvolle Arbeit geleistet und zweifellos zur Stärkung des gesamtdeutschen und internationalen Ansehens [der Wissenschaft] unserer Republik beigetragen. Ihr Erscheinen bedeutet darum einen großen Fortschritt. Die im Jahre 1955 geschaffene erweiterte Redaktion bemüht sich, die Schwächen, die der Zeitschrift gegenwärtig noch anhaften (und von denen weiter unten noch zu sprechen sein wird), zu überwinden.298 Auch auf dem Gebiet der Buchproduktion sind in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden. Abgesehen von der, zum Teil mustergültigen, Herausgabe der philosophischen Schriften der Klassiker des Marxismus-Leninismus und [abgesehen von] Übersetzungen marxistischer philosophischer Werke aus fremden Sprachen (wir nennen nur die Bücher von Rosenthal, Chaßchatschich, Schaff, Cornforth u. a.), sind unter den Neuerscheinungen der letzten Jahre vor allem die folgenden zu nennen, von denen einige allerdings von marxistischen Denkern des Auslands stammen, die ihre Bücher in deutscher Sprache [zu] schreiben pflegen und zuerst in Verlagen unserer Republik [zu] veröffentlichen [pflegen]:299 298 (AH) Die Umbildung der Redaktion war ein direktes Ergebnis der Kritik der SED an der Zeitschrift auf der Babelsberger Konferenz. So sollte der Einfluss von Harich, Bloch und Lukács gebrochen werden. Harich bekam ein »Redaktionskollegium« an die Seite gestellt, dem beispielsweise Alfred Kosing und Matthäus Klein angehörten, die die Zeitschrift und deren Arbeit im Auftrag der SED überwachen sollten. Nach Harichs Verhaftung sowie den Hetz- und Ausgrenzungskampagnen gegen Bloch und Lukács wurden beide mit Posten belohnt. 299 (AH) Die von Harich hier positiv erwähnten Bücher waren größtenteils Werke, die der Kritik durch die SED ausgesetzt waren. Das betrifft die Publikationen von Lukács und Bloch, die Harich als Lektor des Aufbau-Verlags begleitete. Dabei musste er auch so manche administrative Kämpfe ausstehen. Auguste Cornu gehörte zu den Autoren, die Rugard Otto Gropp in der Hegel-Debatte angegriffen hatte. 1701Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie • Ernst Bloch: [Freiheit und Ordnung]; Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel; Avicenna; Thomasius; Das Prinzip Hoffnung, Bd. I und II; • Georg Lukács: Marxismus oder Existenzialismus; Die Zerstörung der Vernunft; Der junge Hegel; Beiträge zur Geschichte der Ästhetik; • Victor Stern: Über dialektischen und historischen Materialismus; Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik; Zu einigen Fragen der marxistischen Philosophie; Raum, Zeit, Bewegung im Lichte der modernen Naturwissenschaften; • Wolfgang Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch; • Béla Fogarasi: Kritik des physikalischen Idealismus; • Georg Mende: Karl Marx’ Entwicklung vom revolutionären Demokraten zum Kommunisten; • Auguste Cornu: Karl Marx und die Entwicklung des modernen Denkens; Karl Marx und Friedrich Engels. Leben und Werk, Bd. 1; u. a. Obwohl einige dieser Werke [zum Teil] in jeweils ganz verschiedener Hinsicht [proble ma tische Seiten aufweisen], handelt es sich im Ganzen doch um wertvolle Leistungen, die zusammengenommen bereits ein beträchtliches Niveau der Verlagsproduktion der DDR auf philosophischem Gebiet erkennen lassen. Die meisten der genannten Bücher sind im Aufbau-Verlag erschienen, der neben dem Dietz-Verlag auf dem Gebiet der [marxistischen] Philosophie führend ist und dem wir auch wertvolle Editionen von Werken der klassischen bürgerlichen Philosophie, mit marxistischen Einleitungen versehen, zu danken haben (Herder, Tschernyschewski und eine [neue] Ausgabe der Hegelschen Ästhetik von [hervorragender] Qualität). Besondere Erwähnung verdient auch die seit Ende 1954 im Aufbau-Verlag erscheinende Philosophische Bücherei, [in der] bisher Texte von Kant, Dietzgen, Herder, Feuerbach, Rousseau, [Tschernyschewski] jeweils mit neuen Einleitungen, und die Schopenhauer-Kritiken von R. Haym, Kautsky, Mehring und Lukács vorgelegt worden.300 Auch im Akademie-Verlag befindet sich eine ähnliche Reihe in Vorbereitung. Es wäre sicher zweckmäßig, wenn beide Verlage, gegebenenfalls noch unter Beteiligung des Deutschen Verlags der Wissenschaften [und] des Dietz-Verlages, der [auch hier] die Klassiker des Marxismus zu übernehmen hätte, u. a., gemeinsam nach einem einheitlichen Themenplan, wie es auf dem Gebiet der Belletristik mit den Romanen der Weltliteratur [bereits] seit langem geschieht, eine Philosophische Bücherei herausgeben würden. Besondere Bedeutung kommt hier 300 (AH) Für die Philosophische Bücherei des Aufbau-Verlages war Harich maßgeblich verantwortlich. Mehrere Bände edierte er selbst, die anderen begleitete er als Lektor und Gutachter. 1702 Teil XIII den Einleitungen zu, die, wenn sie wirklich solide sind, kleine Bausteine einer künftigen marxistischen Gesamtdarstellung der Geschichte der Philosophie sein können, was etwa [von] der Einleitung von Georg Klaus zu Kants Allgemeiner Naturgeschichte und Theorie des Himmels, von Peter Goldammers [Einleitung in] Rousseaus Abhandlung über die Ungleichheit der Menschen [gesagt werden darf ]. Alle diese Veröffentlichungen zeugen von einer Belebung der philosophischen Arbeit in unserer Republik, wenn auch gleichzeitig festgestellt werden muss, dass sie sowohl der Thematik als auch der Anzahl nach bei weitem noch nicht den Anforderungen unserer Zeit entsprechen und zum Teil [gewisse] Unklarheiten enthalten. Teil IV: Wenn wir das Fazit der bisherigen Arbeit auf dem Gebiet der [marxistischen] Philosophie ziehen, so können wir sagen, dass zwar schon manches Wertvolle geleistet worden ist, dass der gegenwärtige Stand des Erreichten aber in keiner Weise den vor uns stehenden Aufgaben entspricht. Wir sind noch weit davon entfernt, den dialektischen Materialismus zur theoretisch-methodischen Grundlage aller Wissenschaften und zur Weltanschauung der meisten [Intellektuellen sowie] der breiten Massen in unserer Republik gemacht zu haben.301 Die Weltanschauung des Marxismus-Leninismus hat noch längst nicht alle Lebensbereiche durchdrungen, ja, es gibt noch manche Gebiete, die bisher völlig der idealistisch-religiösen Weltanschauung überlassen wurden, auf denen die Fragen, die unsere Menschen stellen, nicht von uns, sondern von unseren Gegnern und also falsch und verzerrend beantwortet werden. Unsere Arbeit strahlt auch noch nicht in genügendem Maße auf den kapitalistischen Teil Deutschlands aus, [sie] hat noch nicht die gesamtdeutsche Bedeutung erlangt, die sie unbedingt haben muss, wenn [die geistige Situation im] Geburtsland von Marx und Engels nicht beschämend [weit] hinter [der] in Ländern wie Frankreich und Italien zurückbleiben soll. Wir müssen unumwunden feststellen, dass die marxistische Philosophie in unserer Republik den Anforderungen des sich stürmisch entwickelnden Lebens nicht [voll] gerecht geworden ist und dass es daher der größten Anstrengungen aller marxistischen Philosophen bedarf, um die bestehende Kluft zwischen [ihren Leistungen und] der neuen gesellschaftlichen Wirklichkeit zu überwinden und so dazu beizutragen, dass der Bewusstseinsstand der werktätigen Massen auf ein Niveau gehoben wird, das den neuen ökonomischen und sozialen Verhältnissen gemäß ist. 301 (AH) Diese Überlegungen kehren nur kurze Zeit später dann im Vademecum wieder, siehe die entsprechenden Texte dieses Bandes. 1703Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Wollen wir dies erreichen, so bedarf es nicht nur einer rein quantitativen Vergrößerung unserer Anstrengungen, sondern es muss [vor allem] in der philosophischen Arbeit selbst eine qualitative Verschiebung eintreten, ein wirklicher Umschwung erzielt werden. Welches sind die hauptsächlichen Versäumnisse, die wir dabei in den nächsten Jahren systematisch und zielstrebig aufholen müssen? 1. Was bei uns fast vollständig fehlt, sind neue Arbeiten, in denen versucht wird, den vollen Gehalt der marxistischen Philosophie wirklich auszuschöpfen und diese überall dort systematisch weiterzuentwickeln, wo bisher nur über die allgemeine Richtung [Klarheit] besteht, in der die Lösung ihrer Probleme zu suchen ist. Was fehlt, sind Arbeiten, in denen die Kategorien der marxistischen Philosophie anhand der neuen Ergebnisse der positiven Wissenschaften, anhand der neuen geschichtlichen Erfahrungen unserer Epoche und unter kritischer Auswertung der rationellen Elemente der früheren Philosophie detailliert untersucht, ausgearbeitet und konkretisiert werden; Arbeiten, in denen vor allem [auch] die ungeheuer reichen, vielseitigen Problemstellungen, Erkenntnisse, Analysen und richtungsgebenden Hinweise der Klassiker des Marxismus-Leninismus ungeschmälert zur Geltung kommen, statt auf eine Handvoll trivialer Allgemeinheiten reduziert zu werden.302 Soll diesem Mangel abgeholfen werden – und das ist unabweisbar notwendig –, so müssen auf dem Gebiet des dialektischen Materialismus gründliche Untersuchungen in Angriff genommen werden, um z. B. die folgenden Probleme konkret und umfassend zu klären: • Die Materialität der Welt; • Einheit und Mannigfaltigkeit der Welt; • Raum und Zeit; • Verhältnis von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem; 302 (AH) Diese Anmerkung war, ebenso wie viele andere Stellen des Textes, zwar unausgesprochen, aber sehr wohl direkt und für alle Involvierten deutlich erkennbar gegen die SED und deren philosophische Erfüllungsgehilfen gerichtet. So lautete ja – um nur ein Beispiel zu nennen – der Vorwurf an Rugard Otto Gropp, der als Vertreter der offiziellen SED-Positionen mit seinem Aufsatz die Hegel-Debatte ausgelöst hatte, dass er den Marxismus-Leninismus auf Schlagworte reduziere und in seiner Vielseitigkeit gar nicht verstehe. So wird, was auf den ersten Blick als eine Art Selbstkritik erscheint, unter der Hand zur Anklage gegen die politischen Führungseliten der DDR und mündet in ein »Jetzt erst recht!« bzw. »Weiter so!« der immer wieder von »oben« kritisierten Intellektuellen der DDR. 1704 Teil XIII • Zusammenhang und Wechselwirkung; • [Determination], Kausalität und Gesetzmäßigkeit; • Bewegung, Veränderung und Entwicklung; • Quantität und Qualität; • Unterschied, Widerspruch und Gegensatz; • Notwendigkeit und Zufälligkeit, Möglichkeit und Wirklichkeit; • Form und Inhalt; • Wesen und Erscheinung; • Vermittlung und Unmittelbarkeit; u. a. m. Dabei gilt es, stets das qualitativ Neue in der Auffassung und Lösung dieser Probleme durch den dialektischen Materialismus überzeugend sichtbar zu machen und [nicht verbal zu behaupten] und [zugleich die Beziehung zu den heute umstrittenen, von der reaktionären Philosophie verzerrten Grundlagenfragen der modernen Naturwissenschaften herzustellen]. Auf dem Gebiet des historischen Materialismus geht es darum, auch denjenigen Gesellschaftswissenschaften, die bis jetzt noch nicht – wie etwa die politische Ökonomie des Kapitalismus – bis ins letzte marxistisch durchgearbeitet sind, die richtige philosophische Fundierung zu geben und dabei die spezifische Bedeutung [einer Reihe] grundlegender Begriffe neu zu durchdenken. Man braucht nur solche Begriffe [Termini] wie gesellschaftliches Sein und gesellschaftliches Bewusstsein, ökonomische Gesellschaftsformation, sozialistisches Bewusstsein, Ideologie, Kultur, materielles und geistiges Leben der Gesellschaft u. a. m. zu nennen, um zu sehen, dass wir oft mit Begriffen arbeiten, deren Inhalt bisher nicht genügend definiert ist. Ja, selbst über den Gegenstand des historischen Materialismus, im Unterschied zu dem der speziellen Gesellschaftswissenschaften, gibt es bei uns noch Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten auf Grund der Tatsache, dass keine einheitliche Auffassung da rü ber herrscht, was unter allgemeinen Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung zu verstehen ist. In den Werken der Klassiker des Marxismus-Leninismus finden sich freilich die allgemeinen Bestimmungen der Grundbegriffe und Kategorien des [historischen] Materialismus, aber da sie keineswegs alle so eindeutig gefasst sind wie z. B. der Begriff der Klasse bei Lenin, kann es nicht genügen, die betreffenden Hinweise nur zu zitieren und sich ihre selbständige, ausführliche Ausarbeitung und wissenschaftliche Begründung zu ersparen. 1705Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Es ist ferner erforderlich, auch solche Bereiche des sozialen Lebens in die historisch-materialistische Untersuchung einzubeziehen, die wir bisher fast ganz der Religion und dem philosophischen Idealismus überlassen haben, wie die moralischen Fragen, wie das sozial bedingte Gefühlsleben der Menschen, wie die Probleme der Pflicht und Verantwortung, der Freiheit des Willens und der Persönlichkeit, des Strebens nach Glück [, des Bewusstseins, sterben zu müssen]. [Es bleibt das große Verdienst] unseres Freundes und Mitstreiters Ernst Bloch, dass er in seiner allseitigen Behandlung des Utopieproblems genau diese Fragen zum ersten Mal vom sozialistischen Standpunkt aufgeworfen und im Sinn eines kämpferischen Optimismus zu [lösen] versucht hat. Aber zweifellos weist die Blochsche Hoffnungs-Philosophie, zumal was ihre wissenschaftliche Begründung betrifft, Züge auf, die dem dialektischen und historischen Materialismus fremd sind, so dass es sich als notwendig erweist, die in ihr aufgeworfenen Fragen kritisch zu diskutieren. Einer Bearbeitung durch den historischen Materialismus bedürfen auch die zutiefst gesellschaftlichen, und nicht in erster Linie biologischen, Probleme der Sexualmoral, der Liebe und Ehe, die dem zersetzenden Einfluss der popularisierten Psychoanalyse, der pseudowissenschaftlichen Propagierung einer angeblich naturgegebenen Enthemmung und Zuchtlosigkeit entrissen werden müssen. Schließlich müssen die marxistischen Philosophen, die auf dem Gebiet des historischen Materialismus arbeiten, mehr von den Philosophie-, Literatur- und Kunsthistorikern lernen und umgekehrt diesen mehr bei der Bewältigung ihrer Aufgaben helfen. 2. Eine entscheidende Schwäche unserer ganzen Arbeit liegt da rin, dass wir es bisher noch nicht verstanden haben, die neuen Erfahrungen des Klassenkampfs in unserer Epoche, und vor allem die Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus in der Deutschen Demokratischen Republik theoretisch zu verallgemeinern und auf diese Weise [zur Begründung der politischen Praxis von] Partei und Staat den Beitrag zu leisten, der von der marxistischen Philosophie mit recht erwartet wird.303 Gerade hier ist am deutlichsten zu spüren, wie weit wir hinter den Anforderungen der Zeit zurückgeblieben 303 (AH) Die gerade genannte und die direkt folgenden Thesen gehen direkt auf die von Kurt Hager parteipolitisch geleistete und von Alfred Kosing in einem Aufsatz in der Einheit nach außen präsentierte Kritik an der Zeitschrift zurück. Nach Harichs Verhaftung schlug die Zeitschrift diesen Weg ein, was, wie von Harich vorausgesehen, mit dem Wegfall der wissenschaftlichen Reputation einherging. Siehe: Kosing, Alfred: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren Aufgaben gerecht?, in: Einheit, Heft 3, März 1955, S. 299–303. Wichtig ist, dass Harich Hagers Kritik seinerseits kritisierte, etwa durch die folgenden Verweise auf die spezielle DDR-Per spek ti ve (im gesamtdeutschen Kontext) oder die Aufwertung ideengeschichtlichen Arbeitens zur Gewinnung wichtiger sozialistischer und fortschrittlich-deutscher Traditionslinien. Im Prinzip war auch hier die Aussage, dass 1706 Teil XIII sind. Wollen wir diesen Mangel liquidieren, so müssen wir uns in Zukunft intensiv mit den Problemen befassen, die für das theoretische Verständnis der Übergangsepoche vom Kapitalismus zum Sozialismus wesentlich sind. Der bestimmende Gesichtspunkt muss dabei die Untersuchung der allgemeinen und der besonderen Gesetzmäßigkeiten und Formen des Übergangs zum Sozialismus unter unseren nationalen Bedingungen sein. Unter diesem Aspekt müssen alle Veränderungen und Entwicklungen in den Produktivkräften, in der Technik, in den Produktionsverhältnissen, in der Klas senstruk tur und den Klassenbeziehngen, in Basis und Überbau, im Bewusstsein der Menschen, im staatlichen und kulturellen Leben, in der nationalen Lage und in den internationalen Beziehungen unserer Republik [analysiert] werden. Insbesondere ist auch die Rolle der Volksmassen, der Klassen, vor allem der Arbeiterklasse und ihrer Partei, beim Aufbau der neuen Gesellschaft zu untersuchen. Auch ein solches Problem wie die friedliche Koexistenz von Staaten mit verschiedener sozialer und politischer Ordnung bedarf der theoretischen Beleuchtung [, namentlich im Hinblick auf die Stellung unserer Republik zur westdeutschen Bundesrepublik]. Das gesellschaftliche Leben in unserer Republik hat zahlreiche neue Erscheinungen auf den verschiedensten Gebieten hervorgebracht, zu deren Verständnis wissenschaftliche Untersuchungen und philosophische Verallgemeinerungen unbedingt vonnöten sind. Wenn es, wie Eingangs betont, ganz allgemein [die] Aufgabe der marxistischen Philosophen ist, dass Bewusstsein unserer neuen Epoche entscheidend mitzuformen und die großen Aufgaben unserer Zeit den Werktätigen ins Bewusstsein zu heben, so dürfen [wir] am wenigsten der nächstliegenden, unmittelbaren Aufgabe [, die sich daraus ergibt], ausweichen, [der Aufgabe], die gesellschaftlichen Prozesse und Entwicklungen der Gegenwart, die sich in [unserem] eigenen Land, [unserem] eigenen Volk vollziehen, zu erforschen und den Menschen bewusst zu machen. Zwar sind es unsere Menschen selbst, welche die neue gesellschaftliche Entwicklung in der DDR durch ihre eigene praktische Tat vorantreiben, doch sie tun dies weithin noch spontan, d. h. ohne sich ihrer gewaltigen schöpferischen Kräfte und Möglichkeiten und der geschichtlichen Bedeutung ihrer Arbeit voll bewusst zu sein. Und wenn sich im Prozess der praktischen Tätigkeit der Menschen ihr Bewusstsein noch weiterentwickelt, so kann es – und dass ist selbst wieder eine Gesetzmäßigkeit, die es konkret auf den Begriff zu bringen gilt – doch mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Praxis nicht Schritt halten, sondern muss, im Durchschnitt, als herrschende Tendenz genommen, dahinter zurückbleiben. Lukács, Bloch und auch Harich selbst natürlich genau so weiter machen würden wie bisher. 1707Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Hieraus erwächst gerade den marxistischen Philosophen und Gesellschaftswissenschaftlern die Aufgabe, den Werktätigen das geschichtliche Werk, das sie vollbracht haben und vollbringen, zu erklären, ihnen die Größe und Bedeutung dieses Werks bewusst zu machen, sie eben dadurch zum Bewusstsein ihrer historischen Rolle, zum sozialistischen Bewusstsein, zu erziehen und so zu noch größeren, weil bewussten Leistungen zu befähigen. Aber auch die Führerin der Massen, die Partei der Arbeiterklasse, bedarf der Hilfe der marxistischen Philosophen, wenn sie in jeder ihrer Entscheidungen die genaue Kenntnis der je gegebenen Umstände sachgerecht und konkret mit ihrer großen strategischen Per spek ti ve verknüpfen, wenn sie weiter ihre Propaganda und Agitation, ihr ganzes Erziehungswerk [unter den Massen], gestützt auf wissenschaftliche Analysen, mit den objektiven Gesetzmäßigkeiten der sozialistischen Gesellschaftsentwicklung und Bewusstseinsbildung in steter Übereinstimmung halten will. Im Übrigen werden sich aus der tiefschürfenden theoretischen Untersuchung aller dieser Fragen wertvolle Hinweise und Erkenntnisse nicht nur für die Lösung der praktischen Aufgaben unseres Aufbaus, sondern auch für die konkretere Bearbeitung grundlegender Fragen der marxistischen Philosophie, insbesonderheit des historischen Materialismus, ergeben. 3. Wir müssen unumwunden zugeben, dass unser Kampf gegen feindliche Ideologien, die in der Gegenwart wirksam sind, zurückgeblieben ist. Zwar ist seit 1954 bei uns das hervorragende umfangreiche Werk von Georg Lukács, Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler,304 erschienen, das einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung der reaktionären philosophischen Anschauungen, die die Intelligenz beeinflussen, darstellt. Aber dass es dabei nicht sein Bewenden haben darf, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die [neuen] unmittelbar aktuellen reaktionären Strömungen [der Nachkriegszeit] in dem Buch von Lukács nur summarisch behandelt werden, wobei z. B. auf die gegenwärtig sehr aktive katholische Philosophie mit keinem Wort eingegangen wird. Davon abgesehen, haben wir [hier] in erster Linie zur Tätigkeit 304 (AH) Gemeint war: Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, Berlin, 1954, 2. Aufl., 1955. Harich war als Lektor für das Werk verantwortlich. In der Deutschen Zeitschrift für Philosophie erschien zudem eine Rezension Harichs. Harich: Rezension zu: Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler, in: DZfPhil, 1955, Heft 1, S. 133–145. (Neuabdr. in: Band 9, S. 289–310, dort alle weiteren Hinweise.) Ursprünglich hatte Harich angeregt, dass Hermann Klenner die Rezension übernimmt, da dieser als Jurist befähigter sei, die entsprechenden Passagen Lukács’ zur bürgerlichen Philosophie der Gegenwart (etwa Carl Schmitt) zu bewerten und einzuschätzen. Klenner hatte die Arbeit zugesagt, konnte sie jedoch auch zeitlichen Gründen nicht wahrnehmen. Danach verfasste Harich die Rezension selbst. Alle weiteren Hinweise enthält der 9. Band dieser Edition. 1708 Teil XIII der marxistischen Philosophen, die es in unserer Republik gibt, Stellung zu nehmen, und da muss gesagt werden, dass von ihnen keine [nennenswerten] Arbeiten über einflussreiche Richtungen der reaktionären Gegenwartsphilosophie, keine Polemiken gegen wichtige Vertreter der zeitgenössischen philosophischen Reaktion vorliegen. Das ist ein Mangel, der gründlich überwunden werden muss.305 [Es liegt im kritisch-revolutionären Wesen, in der Parteilichkeit der marxistischen Philosophie begründet, dass die Bearbeitung ihrer Probleme nur in konkreter Aus einan der set zung mit der reaktionären Philosophie der Gegenwart erfolgen kann. Schon im Hinblick auf die oben erwähnten Fragen des dialektischen und historischen Materialismus, die dringend der Klärung bedürfen, ist die Kritik der bürgerlichen Philosophie also eine ständige allgemeine Aufgabe aller marxistischen Philosophen.] Diese Aufgabe hat bei uns um so größere Bedeutung, als wir in der Deutschen Demokratischen Republik die Verantwortung dafür tragen, dass die Menschen in ganz Deutschland dem Einfluss [jener] gefährlichen, hirnvernebelnden Ideologien entrissen werden, die der Festigung der Restauration im Westen und letzten Endes der Vorbereitung eines neuen Weltkrieges dienen. An uns liegt es, ob diese Ideologien, von den primitiven religiösen Vorurteilen bis zu den raffiniertesten Formen des [modernen] Nihilismus, [weiter eine] breite Resonanz behalten [finden] oder nicht. Wir haben dafür zu sorgen, dass mehr und mehr Menschen sich davon befreien und sich der großen Wahrheit unserer Zeit, dem Marxismus-Leninismus zuwenden. Die marxistischen Philosophen in unserer Republik müssen sich auch da rü ber im Klaren sein, dass von Seiten der reaktionären Ideologen der Bourgeoisie Westdeutschlands ein organisierter wütender Kampf gegen den wissenschaftlichen Sozialismus, und 305 (AH) Im gedruckten Text folgte noch der Hinweis auf Georg Mendes Studien über die Existenzphilosophie, die gerade erschienen waren. Mendes Buch markiere eine weitere Ausnahme der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Philosophie. Mende, Georg: Studien über die Existenzphilosophie, Berlin, 1956. Der von Harich hier konstatierte und so auch tatsächlich zutreffende Mangel weist Norbert Kapferers These, dass sich die DDR-Philosophie in ihrer frühen Phase vor allem über die Feindbestimmung und Feindkritik definierte und inhaltlich füllte, ein Stück weit zurück. Allerdings, und das hatte Kapferer sicherlich im Blick, gab es vor allem in der Einheit (und auch in anderen Zeitschriften) eine rege, freilich gerade nicht von den herausragenden Vertretern der DDR-Philosophie, sondern »SED-Bevollmächtigten« geführte polemische Artikelliteratur. Diese beiden Diskurse dürfen aber nicht vermischt werden. Siehe: Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. 1709Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie insbesondere gegen seine Weltanschauung, geführt wird, ein Kampf, dessen politischer Inhalt und dessen Zielsetzung auf der Hand liegen. Die großen Erfolge des Sozialismus in der Sow jet uni on, in der Volksrepublik China, in den osteuropäischen Volks re pu bliken, in der Deutschen Demokratischen Republik, [auch] in den kapitalistischen Ländern selbst – man denke an Frankreich und an Italien – rufen den erbitterten Widerstand der reaktionären Kräfte hervor. Mit allen Mitteln versuchen sie, den weiteren Vormarsch der Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus aufzuhalten, den Einfluss dieser Ideen zu beseitigen. Daher sehen die Ideologen der Bourgeoisie im Kampf gegen den Kommunismus, gegen die marxistische Weltanschauung ihre Hauptaufgabe. Unter dem Banner des Antikommunismus vereinigen sich die Vertreter der verschiedensten Richtungen der zeitgenössischen bürgerlichen Philosophie und Soziologie, von den reaktionärsten katholischen Philosophen und Theologen bis zu den Marx-»Überwindern« der rechten Sozialdemokratie, zum gemeinsamen Kreuzzug gegen den dialektischen Materialismus. So sind in den letzten Jahren [im Westen] eine große Anzahl von Büchern, Broschüren und Artikeln erschienen, die sich in allen Tonarten, von offen hasserfüllter Schimpferei bis zu [raffinierter] demagogischer Scheinobjektivität, gegen den dialektischen und historischen Materialismus wenden. Die größte Aktivität entfaltet hierbei die Philosophie der katholischen Kirche, wie überhaupt der Katholizismus in Westdeutschland, im Zuge der Adenauerschen Restauration, in immer größerem Maße zum Zentrum der Reaktion wird. Angesichts dieser konzentrierten ideologischen Offensive gewinnt der systematische Kampf gegen die feindlichen Theorien eine unerhört große und aktuelle politische Bedeutung. Es ist unbedingt erforderlich, dass die deutschen marxistischen Philosophen diesen Angriff auf der ganzen Linie zurückschlagen, dass sie, da rü ber hinaus, durch systematische und fundierte Kritik der reaktionären Strömungen in der westdeutschen Philosophie und Soziologie endlich selbst zur Gegenoffensive übergehen. Dabei kommt es vor allem da rauf an, zunächst die wichtigsten dieser reaktionären Strömungen zu zerschlagen, die den größten Einfluss haben. Dazu gehören die verschiedenen Schulen der christlichen, speziell der katholischen, Philosophie und Sozialtheorie, der Existenzialismus, die diversen Richtungen der irrationalistischen Lebensphilosophie, die offen faschistischen Konzeptionen solcher Leute wie [Ernst] Jünger, auf dem Gebiet der Geschichtstheorie und Soziologie der Biologismus und Rassismus, die Geopolitik, die neomalthusianistischen Bevölkerungstheorien, die Zyklentheorie Toynbees, die gesamte »Abendland«konzeption, die sozialdemokratischen Auffassungen 1710 Teil XIII von der Entwicklung der Gesellschaft, in denen auch immer noch neukantianische Tendenzen wirksam sind, die Betriebssoziologie usw., nicht zuletzt alle Formen demagogischer Diffamierung des Staats- und Gesellschaftsaufbaus in den Ländern des sozialistischen Lagers. Es ist wichtig, dabei [durch sorgfältige Differenzierung] auch ein festes Bündnis mit allen fortschrittlich Denkenden außerhalb des marxistischen Lagers herzustellen, mit Naturwissenschaftlern, die sich gegen die idealistische Interpretation ihrer Forschungsergebnisse wehren, mit Philosophen, die Gegner der Religion und des objektiven Idealismus in der Erkenntnistheorie sind, mit Philosophiehistorikern, die gegen die Verfälschung der progressiven und humanistischen Traditionen der Vergangenheit ankämpfen, mit allen, die zu den Hauptströmungen der reaktionären Philosophie und Gesellschaftslehre der Gegenwart in Gegensatz stehen und nicht den Kreuzzugsparolen der Imperialisten folgen. Ein solches Bündnis hat freilich nur dann Sinn, wenn es nicht um den Preis weltanschaulicher Kompromisse eingegangen wird und [nirgends] zu einer Verwischung der prinzipiellen Positionen der marxistischen Philosophie führt. Nur wenn wir die Schwächen und Halbheiten, die massiven Überreste des Idealismus im Denken unserer Bundesgenossen schonungslos kritisieren, können wir hoffen, [diese samt ihren Anhängern] an den Marxismus-Leninismus [näher] heranzuführen, ihnen weiterzuhelfen, ihren bisher schwachen und unzulänglichen Kampf gegen die reaktionären Hauptströmungen zu verstärken. 4. Wenn wir uns dem umfangreichen Gebiet der Geschichte der Philosophie zuwenden, so müssen wir zunächst als positiv hervorheben, dass die marxistischen Philosophiehistoriker sich [bei uns] ernsthaft bemühen, diesen Gegenstand in ihren Vorlesungen auf neue, marxistische Weise zu interpretieren. Anzuerkennen ist auch, dass sie in größeren und kleineren Publikationen über einzelne Zeitabschnitte bzw. einzelne Denkerpersönlichkeiten der Vergangenheit zu einem neuen Verständnis der Geschichte der Philosophie beigetragen haben. Aber die Arbeit an einer umfassenden marxistischen Darstellung der Geschichte der deutschen Philosophie ist noch nicht in Angriff genommen worden, und ebenso fehlt es an Publikationen über die Geschichte des sozialen und politischen Denkens [und] über die philosophischen Anschauungen der großen Naturwissenschaftler der Vergangenheit, Themen, die bei der Behandlung der Geschichte der Philosophie nicht vergessen werden dürfen. Festzustellen ist auch die Tatsache, dass es auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie [mitunter] große Meinungsverschiedenheiten und die widersprüchlichsten Auffassungen gibt. Das zeigt 1711Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie allein schon die Diskussion über Hegel306 in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, in der die Ansichten offenbar weit auseinandergehen, obwohl [man meinen sollte, dass] gerade über diese Fragen, im Gegensatz zu vielen anderen Problemen, die die Geschichte der Philosophie uns aufgibt, Unklarheiten [unter Marxisten] so gut wie ausgeschlossen sind. Wie muss es da erst um die Einschätzung von Denkern der Vergangenheit bestellt sein, über die die Klassiker des Marxismus-Leninismus sich so ausführlich [wie über Hegel] nicht geäußert haben! Uneinigkeit herrscht weiter über die Frage, wie die Bedeutung der materialistischen Traditionen in der Geschichte der deutschen Philosophie einzuschätzen [sei]. Ein Teil unserer marxistischen Philosophiehistoriker erklärt, dass von einem nennenswerten Materialismus erst bei Feuerbach gesprochen werden können, während andere in dieser Auffassung eine schädliche Ignorierung progressiver nationaler Überlieferung erblicken, die sogar die bürgerliche philosophische Historiographie [(z. B. F. A. Lange)]307 noch überbiete. Solche und ähnliche Divergenzen bedürfen dringend der [kollektiven] Klärung, wenn [erfolgreich] der Weg zu einer umfassenden marxistischen Bearbeitung der Philosophiegeschichte beschritten werden soll. Teil V: Welche Ursachen [hat] das Zurückbleiben der marxistischen Philosophie in unserer Republik? Was muss sich grundsätzlich ändern, damit die genannten Versäumnisse überwunden werden können? 1.308 Als äußerst hemmend und schädlich hat sich in den vergangenen Jahren vor allem die [noch immer verbreitete] Meinung erwiesen, dass das Lehrgebäude des Marxismus-Leninismus schon fertig sei, dass es ungeklärte Fragen auf dem Gebiet der Philosophie eigentlich nicht mehr gebe, dass es überflüssig, ja, im Grunde eine Vermessenheit sei, dem, was Marx und Engels, Lenin und Stalin geschaffen hätten, auf dem 306 (AH) Die Hegel-Debatte wurde nach dem Erscheinen des zweiteiligen Aufsatzes von Rugard Otto Gropp in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie intensiv geführt. Ende 1956 sollte dann das fünfte Heft erscheinen – unter anderem mit den Hegel-Aufsätzen von Harich und Ernst Bloch. Doch nach Harichs Verhaftung vernichtete die Staatssicherheit das Heft vollständig, es wurde im Frühjahr 1957 durch das Doppelheft 5/6 1956 ersetzt. Harichs Beiträge und Stellungnahmen zur Hegel-Debatte finden sich in Band 5. Dort alle weiteren Informationen, Hinweise usw. 307 (AH) Gemeint war Friedrich Albert Lange, dessen Geschichte des Materialismus mehrere Auflagen hatte. Harich nutzte das Werk Zeit seines Lebens intensiv als Quelle, Momente der entwickelten Kritik an Lange finden sich noch in den achtziger Jahren in den Hartmann-Manuskripten (Band 10). 308 (AH) Die folgende Nummerierung fügte Harich nachträglich handschriftlich ein. 1712 Teil XIII Gebiet der Philosophie noch etwas neues hinzufügen zu wollen. Viele haben sich, auf Grund dieser Auffassung, damit zufrieden gegeben, nur noch die Schriften und Äußerungen der Klassiker [des Marxismus-Leninismus] zu kommentieren, wobei in ex tremen Fällen die Kommentare, die dabei zu Stande kamen, eher den Charakter von Zitatenkompilationen mit verbindendem Text hatten.309 Nun ist freilich nicht zu bestreiten, dass die Werke der marxistischen Klassiker in der Tat unser wertvollster Schatz sind, dass [ihrer] Erläuterung und Propagierung die denkbar größte Bedeutung zukommt, dass ohne Wiederholung der sogenannten »alten Wahrheiten«, die in ihnen stehen, eine Herausbildung junger Kräfte gar nicht möglich wäre, und es ließe sich viel da rüber sagen, dass wir auch in dieser Hinsicht noch längst nicht genug getan haben. Weiter kann kein Zweifel da rü ber bestehen, dass ein marxistischer Philosoph nicht ins Blaue hinein neue Probleme stellen und zur Lösung bringen kann, [sondern von] den schlechthin richtungsgebenden Erkenntnissen und Hinweisen der Klassiker ausgehen und auf sie immer wieder wird zurückgreifen müssen, wenn er nicht grundsätzlich fehlgehen will. Aber erstens ist ein wirkliches Fruchtbarmachen dieser Erkenntnisse und Hinweise etwas ganz anderes als gedankenloses Zitieren; so käme es z. B. da rauf an, den vollen Erkenntnisgehalt des Kapitals von Marx oder die Leninschen Randbemerkungen zu Hegel für alle Gebiete der Philosophie, auch für solche, die dort unmittelbar nicht berührt zu werden scheinen, erst einmal auszuschöpfen, wovon wir in Wahrheit noch weit entfernt sind. Und zweitens gibt es gar keinen Grund zu meinen, dass, seit der Marxismus-Lenin als Grundlage jeder weiteren progressiven Fortarbeit auf dem Gebiet der Philosophie existiert, der [Erkenntnisfortschritt] aufgehört hätte, ein unendlicher Prozess der Annäherung an die absolute Wahrheit zu sein. [Die] von Grund auf [falsche] Theorie von der Abgeschlossenheit des marxistischen Lehrgebäudes [läuft auf die Verneinung eines weiteren Fortschritts der Erkenntnis] hinaus.310 Und wenn diese Theorie zu den Lehren der marxistischen Klassiker [auch allzu offensichtlich in Widerspruch] steht, als dass es möglich wäre, sie als Marxist expressis verbis zu vertreten, so ist [doch] nicht zu [bestreiten], dass sie [tatsächlich] überall dort praktiziert 309 (AH) Diese Kritik äußerte Harich in den fünfziger Jahren mehrfach. Auch nach dem Ende seiner Haftzeit verwendete er sie argumentativ. Gemeint waren damit die Vertreter der offiziellen SED-Positionen, z. Bsp. Ernst Hoffmann, Walter Hollitscher oder Rugard Otto Gropp. 310 (AH) Aus diesen Überlegungen leitete Harich seine Forderung ab, dass der Marxismus eine allumfassende Philosophie generieren müsse, die jeden Lebens- und Seinsbereich abdecke. Zudem forderte er immer wieder die permanente Überprüfung der »Klassiker« des Marxismus-Leninismus sowie deren Weiterentwicklung in aktualisierender und modifizierender Per spek ti ve. In den fünfziger Jahren am Deutlichsten sicherlich im Vademecum (siehe Teil XVIII). 1713Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie wird, wo jemand meint, dass jede beliebige Frage sich durch ein Zitat [aus den marxistischen Klassikern] beantworten lasse, und [Probleme], bei denen das offensichtlich nicht zu machen ist, grundsätzlich als gegenstandslos abweist. 2. Ein weiteres Hemmnis der Entwicklung der marxistischen Philosophie in unserer Republik besteht da rin, dass einige Genossen sich scheuen, neue Probleme in Angriff zu nehmen, weil sie fürchten, wegen Fehlern, die ihnen unterlaufen mögen, kritisiert zu werden. Aber was ist da eigentlich zu befürchten? Kritik und Selbstkritik gehören [bei uns] zu den unerlässlichen Bedingungen des Fortschritts auf jedem Gebiet, auch auf dem der Philosophie, und jedes neue Ergebnis, das ein marxistischer Philosoph vorlegt, wird selbstverständlich – und das ist gut und notwendig so – über kurz oder lang zum Gegenstand des wissenschaftlichen Meinungsstreits werden, besonders dann, wenn es [sich um] ein bedeutendes, in wesentlichen Punkten vorwärtsweisendes Ergebnis [handelt]. Dabei muss uns allen und dem Autor am meisten, [natürlich] da ran gelegen sein, dass Fehler, die sein Versuch enthalten mag, aufgedeckt und richtiggestellt werden. Das ist der Sinn des [wissenschaftlichen] Meinungskampfes, und so und nicht anders gebieten es der Fortschritt der Philosophie sowohl wie das Interesse der Arbeiterklasse. Aber ein theoretischer Fehler muss schon sehr massiv sein, er muss schon in offen feindliche Tendenzen umschlagen, um den Fehler der geistigen Bequemlichkeit, des ängstlichen Ausweichens vor neuen Fragen, dem [spießerhaften Bestreben], unter allen Umständen sicher gehen zu wollen, all dem also, was eine Stagnation des marxistischen Denkens, eine Kapitulation vor unseren dringenden und nächsten Aufgaben [zur Folge hätte], auch nur entfernt gleichzukommen. Wo Furcht vor Kritik als Hemmnis schöpferischer Arbeit auftritt, sind immer auch kleinbürgerliche Tendenzen im Spiel, Mangel an Verantwortungsfreude und Mut, die mit sozialistischem Bewusstsein nichts zu tun haben. [Möge daher jeder, der von solchen Tendenzen angekränkelt ist, sich] das Wort Friedrich Engels’ vor Augen halten: »Und nur bei der Arbeiterklasse besteht der deutsche theoretische Sinn unverkümmert fort. Hier ist er nicht auszurotten; hier finden keine Rücksichten statt auf Karriere, auf Profitmacherei, auf gnädige Protektion von oben; im Gegenteil, je rücksichtsloser und unbefangener die Wissenschaft vorgeht, desto mehr befindet sie sich im Einklang mit den Interessen und Strebungen der Arbeiter.«311 311 (AH) Harich zitiert aus: Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx; Friedrich Engels: Werke, Band 21, 1962, Berlin, S. 307. Weiter heißt es dann: »Die neue Richtung, die in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft, wandte sich von vornherein vorzugsweise an die Arbeiterklasse und fand hier die Emp- 1714 Teil XIII 3. Auf dem Gebiet des dialektischen Materialismus besteht eine der größten Schwächen da rin, dass einige marxistische Philosophen dazu neigen, sich allzu starr an den von Stalin formulierten Grundzügen der materialistischen Dialektik [festzuhalten]. Sie übersehen, dass Stalin mit seiner Schrift Über dialektischen und historischen Materialismus, über deren große Bedeutung wir hier kein Wort verlieren brauchen, nichts anderes geben wollte als eine Zusammenfassung der Grundzüge der marxistischen Weltanschauung [und Methode] zu didaktischem Zweck, eine Zusammenfassung, die er nicht zufällig eigens für den Kurzen Lehrgang der Parteigeschichte geschrieben hat.312 Es lag niemals in der Absicht des Verfassers, in dieser Schrift alle Probleme der marxistischen Philosophie oder etwa den ganzen Reichtum der materialistischen Dialektik endgültig und abschließend ausschöpfen zu wollen. Es lag am wenigsten in seiner Absicht, Philosophen vom Fach das Studium und die Auswertung des philosophischen Gehalts des Kapitals, des Elends der Philosophie, des Anti-Dühring, der Dialektik der Natur, des Materialismus und Empiriokritizismus, des Philosophischen Nachlasses und anderer Werke von Marx, Engels und Lenin ersparen zu wollen. So aber scheinen manche unserer Philosophen das aufgefasst zu haben. Wie anders ließe es sich erklären, dass sie [in Lehre und Forschung] durch ewiges Wiederholen der Stalinschen Grundzüge eine Tendenz zum Schematismus und Dogmatismus, zur Verzerrung und Verflachung des dialektischen Materialismus haben aufkommen lassen! Es muss entschieden damit Schluss gemacht werden, dass der dialektische Materialismus, entgegen seiner ureigensten Bestimmung, vom konkreten, wissenschaftlichen und praktischen Leben losgerissen, dass die Wirklichkeit, das Leben selbst nur in Form von ausgesuchten Beispielen zur Illustration der Thesen des dialektischen Materialismus herangezogen und diese für marxistische Philosophie ausgegeben werden. Die marxistische Philosophie ist das Ergebnis der Verallgemeinerung [sowohl] der praktischen Erfahrungen der Menschheit, insbesondere der Arbeiterklasse, sowie der wesentlichen Resultate aller Wissenschaften. Dies bedeutet, dass die Probleme des dialektischen Materialismus nur dann wirklich wissenschaftlich, schöpferisch und überzeugend behandelt und auch weiterentwickelt werden können, wenn [seine Leitsätze] an den Ergebnissen der modernen Wissenschaft und den [historischen] Erfahrungen der werktätigen Massen [stets aufs Neue] überprüft und in Übereinstimmung fänglichkeit, die sie bei der offiziellen Wissenschaft weder suchte noch erwartete. Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen Philosophie.« (Ebd.) 312 (AH) Die folgenden Passagen Harichs zu Stalin entstanden, das ist explizit hervorzuheben, vor der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU (14. bis 25. Februar 1956) und damit vor Beginn der offiziellen Stalin-Kritik. 1715Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie damit begründet [und konkretisiert] werden. Der dialektische Materialismus wird nur dann seiner Aufgabe voll gerecht werden, wenn er die weltanschaulichen und allgemein-methodischen Fragen, die die moderne Wissenschaft stellt, ebenso beantwortet wie die Probleme des sozialen Lebens. Nur dann kann er für alle Wissenschaften und für das sozialistische Bewusstsein insgesamt das feste weltanschauliche Fundament abgeben. Das setzt aber voraus, dass der schöpferische Charakter, der ganze Gedankenreichtum, der kämpferische, kritisch-revolutionäre Geist des dialektischen Materialismus im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Leben selbst voll zur Geltung gebracht werden. Die Wirklichkeit ist kein Arsenal von Beispielen zur Illustration der [materialistischen Dialektik], sondern umgekehrt: [Die materialistische Dialektik] ist das schärfste Erkenntnisinstrument zur gedanklichen Bewältigung und praktischen Revolutionierung der Wirklichkeit. 4. Die Kehrseite der starr-dogmatischen Abstraktheit, mit der bei uns vielfach über Dialektik gesprochen wird, ist [dann wieder] eine allzu enge Auffassung der Einheit von Theorie und Praxis,313 die bei einigen unserer Philosophen dazu geführt hat, dass sie sich den Sinn für die Berechtigung und Notwendigkeit abstrakter Fragestellungen haben verleiden lassen. Man muss demgegenüber entschieden betonen, dass, wenn die philosophischen Kategorien und Begriffe, die die allgemeinsten Züge der Realität widerspiegeln, auch nicht so unmittelbar mit den praktischen Aufgaben verbunden sind wie etwa manche Naturwissenschaften oder auch die Wirtschaftswissenschaften, ihre Ausarbeitung letzten Endes doch große Bedeutung für Wissenschaft und Praxis hat. Die Philosophie liefert in ihren Kategorien und mit diesen das Begriffsinstrumentarium, das notwendig ist, um die objektive Realität in ihren allgemeinsten Wesenszügen richtig zu erfassen, um den Charakter der Veränderungen und der Entwicklung richtig zu begreifen und die mannigfaltigen Erscheinungen der Natur und der Gesellschaft richtig verallgemeinern und deuten zu können. Gerade wegen dieser allgemeinen Bedeutung der Philosophie muss die vulgäre Ansicht, dass solche abstrakten Probleme, 313 (AH) Über das Verhältnis von Theorie und Praxis wurde viel diskutiert. Bereits in den fünfziger Jahren begannen jene Debatten, die dann die »heiße« Phase der Theorie-Praxis-Diskussion auslösten, in deren Mittelpunkt der heute noch bekannte Artikel von Helmut Seidel stand. Siehe: Seidel, Helmut: Vom praktischen und theoretischen Verhältnis der Menschen zur Wirklichkeit. Zur Neuherausgabe des Kapitels 1 des I. Bandes der Deutschen Ideologie von Karl Marx und Friedrich Engels, Neuabdruck in: Utopie kreativ, Heft 204, Oktober 2007, S. 908–922. Zuerst erschienen in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 10, 1966, S. 1177–1191. In der Forschungsliteratur ist Seidels Aufsatz mehrfach thematisiert worden, eine kritische, ideologieneutrale und würdigende ideengeschichtliche Einordnung und Wertung steht jedoch noch aus. 1716 Teil XIII da [sie sich] nicht unmittelbar auf die Praxis beziehen, unwichtig seien, energisch bekämpft werden, denn diese Ansicht schadet nicht nur der Philosophie, sie schadet auch der Wissenschaft wie der Praxis überhaupt. Ein Beispiel mag das verdeutlichen: Bekanntlich verläuft die Bewegung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft nach objektiven Gesetzen. Die wichtigste Aufgabe aller Wissenschaften besteht da rin, die je bestimmten Gesetzmäßigkeiten der verschiedenen Bewegungsformen der Materie zu erforschen, [sie] auf den Begriff zu bringen und so praktisch beherrschbar zu machen. Derart bauen wir die Grundlagen des Sozialismus entsprechend den objektiven Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung, unter bewusster Ausnutzung und Anwendung dieser Gesetze auf, die – als die bestimmten, ökonomischen Gesetze – in ihren konkreten Formen, in ihrer Wirksamkeit usw. von der marxistischen politischen Ökonomie erforscht werden. Was aber sind Gesetzmä- ßigkeiten und Gesetze überhaupt und im allgemeinen? Worin besteht ihr Wesen? Wie werden sie generell erkannt? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede gibt es zwischen den Naturgesetzen und sozialen Gesetzen? Wie können die Gesetze überhaupt ausgenutzt werden? Das sind Probleme ganz allgemeiner Natur, die nur die Philosophie, und nur sie, wenn auch gestützt auf die Erkenntnisse aller Wissenschaften, beantworten, ja, [überhaupt] erst [stellen kann], allgemeine [abstrakte] Probleme, deren – mittelbare – Bedeutung für die Wissenschaft, für die Praxis sich [aber] schon daraus erhellt, dass ohne ihre Beantwortung die Wissenschaften über keinen hinreichend geklärten Gegenstandsbegriff verfügen, sich also von sich aus [auch] nicht gegen falsche, idealistische Interpretationen ihrer Gesetzesbegriffe zur Wehr setzen können. Es lässt sich also durchaus zeigen, dass die Beschäftigung der marxistischen Philosophie mit sehr allgemeinen, sehr abstrakten Fragen für die Praxis des sozialistischen Aufbaus ihren guten Sinn hat. Weltanschaulich würde der Verzicht der Philosophie auf allgemeine, abstrakte Fragestellungen, ihr Versinken in laufenden Tagesaufgaben, ihre Auslieferung an einen engen Praktizismus314 auf die wohlbekannte idealistische Theorie hinausführen, dass es keine Einheit der Welt, sondern nur lauter Einzeldinge gebe, dass [also] nicht der Marxismus, sondern der Positivismus und – was die Praxis betrifft – der amerikanische Pragmatismus recht hätten. 314 (AH) Was Harich hier kritisierte, waren genau die Punkte, die Kurt Hager und die SED von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie einforderten und die Harich dort umsetzen sollte. 1717Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie Die richtig verstandene Einheit von Theorie und Praxis kann nicht der Bearbeitung der allgemeinen Probleme durch den dialektischen Materialismus, kann nicht der Ausarbeitung seiner allgemeinen Kategorien und Begriffe entgegenstehen, sondern fordert diese gerade. Das gilt auch im Hinblick auf die Erforschung der Besonderheiten der Entwicklung in unserer Republik. Denn wenn man bedenkt, dass sich in der DDR der Aufbau des Sozialismus, wie auch in anderen Ländern, entsprechend den allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus vollzieht, dass aber jedes Land, und so auch unsere Republik, seine besonderen Bedingungen aufweist, die diese allgemeinen Gesetze in dieser oder jener Weise modifizieren, dass nun bei uns, in Folge der Spaltung Deutschlands, noch zusätzliche neue Besonderheiten auftreten, die in ihren Auswirkungen auf diese Gesetze gründlich untersucht werden müssen, so wird klar, welche eminente Bedeutung die erschöpfende Behandlung [eines] scheinbar so lebensfernen, abstrakten Problems, wie Allgemeines, Besonderes und Einzelnes sich zueinander verhalten, für die philosophische Grundlegung [all der] speziellen gesellschaftswissenschaftlichen Arbeiten hat, in denen die Wirtschaftswissenschaftler, Staats- und Rechtstheoretiker usw., und nicht zuletzt auch wir Philosophen selbst, den Weg unserer Republik zum Sozialismus beleuchten müssen. Genau dasselbe ließe sich von anderen Problemen des dialektischen Materialismus, etwa von Kategorien wie Unterschied und Widerspruch, Gegensatz und Konflikt, zeigen. Auf der anderen Seite ist sicher, dass die Analyse der neuen Erscheinungen in unserer Republik, die wir fordern, der philosophischen Verallgemeinerung reiches Material liefern und sich so für die Ausarbeitung auch der allgemeinen Kategorien des dialektischen Materialismus als fruchtbar erweisen wird. Dass die Entwicklung der Naturwissenschaften zahlreiche Probleme entstehen lässt, deren richtige Erfassung die philosophischen Verallgemeinerungen des dialektischen Materialismus voraussetzt, versteht sich am Rande. Die Ergebnisse der Mikrophysik, die Problematik der Relativitätstheorie, die Fortschritte der Biologie usw. lassen es als unbedingt notwendig erscheinen, die Probleme der Kausalität, des Determinismus und der Gesetzmäßigkeit, der Wechselwirkung und der Übergänge, der Formen und Eigenschaften der Materie, des Raumes und der Zeit, des [qualitativen] Unterschieds von anorganischer und organischer Materie usw. neu zu untersuchen. 5. Der Notwendigkeit, den historischen Materialismus und [auf seiner Grundlage] die [marxistischen] Gesellschaftswissenschaften durch Verallgemeinerung der neuen Erfahrungen des Aufbaus in unserer Republik weiterzuentwickeln, steht hinderlich im 1718 Teil XIII Wege, dass unsere Philosophen den wirklich aktuellen Problemen oft ausweichen und, wenn sie zu ihnen [überhaupt] Stellung nehmen, [häufig] bei [leeren Allgemeinheiten oder bei bloßen] politisch-propagandistischen Deklarationen steckenbleiben, statt von einer konkreten Analyse der wirklichen Verhältnisse auszugehen. Auch für unsere Arbeit gilt in dieser Hinsicht, was unsere polnischen Genossen und Freunde selbstkritisch festgestellt haben:315 Dass [bei uns] Schlussfolgerungen, die aus Erwägungen über bekannte Regelmäßigkeiten deduziert sind, als Kriterien für die Auswahl der Tatsachen und Angaben angewandt werden, die dann unter dem Gesichtspunkt jener bekannten Gesetzmäßigkeiten analysiert werden, was [zwangsläufig] zur Folge hat, dass das Resultat sich nur formell vom Ausgangspunkt unterscheidet. Neues Wissen, das der Partei und der Regierung helfen könnte, viele Elemente blinder Spontaneität in bewusste, zielgerichtete Praxis überzuführen, lässt sich auf diesem Wege zuverlässig nicht gewinnen. 6. Unser Kampf gegen feindliche Ideologien wird durch verschiedene falsche Auffassungen und Praktiken behindert. Einige meinen, es lohne sich nicht, sich mit der reaktionären Gegenwartsphilosophie auseinanderzusetzen, da deren sachlicher Ertrag zu bedeutungslos sei, um ernst genommen zu werden; sie vergessen, dass gerade die inhaltlich unbedeutende, wissenschaftlich am wenigsten ernstzunehmende Ideologie unserer Jahrhunderts, die des Hitlerfaschismus, auch die gefährlichste gewesen ist. Andere erklären, Polemiken gegen Heidegger, Jünger, Toynbee oder die Neoscholastik fabrizierenden Jesuiten [usw.], würden deren reaktionäre Ideen in der DDR überhaupt erst bekanntmachen, es sei besser, gar nicht da rü ber zu reden und so zu tun, als ob [es] das alles nicht gebe. Auch dieser Einwand ist grundverkehrt, da er ignoriert, dass unsere Feinde es verstehen, ihre verwirrenden Lügen auf tausend Wegen in unsere Republik einzuschmuggeln; [er geht] überdies von der Fiktion aus, dass die verschiedenen Gesellschaftsklassen innerhalb unserer Republik [von ei nan der] durch »chinesische Mauern« getrennt wären. Wo solche irrigen Auffassungen nicht mehr bestehen, bleibt der Kampf gegen feindliche Ideologien trotzdem oft wirkungslos, weil diejenigen, die ihn führen, noch allzu sehr dazu neigen, die zeitgenössische bürgerliche Philosophie mit möglichst starken Worten in Bausch und Bogen als reaktionär zu brandmarken, statt sich auf der Basis gründlicher Sachkenntnis, durch kritische Analysen der Grundgedanken und Hauptargumente ihrer verschiedenen Richtungen und einzelnen Vertreter konkret mit ihr 315 (AH) Siehe die entsprechenden Texte aus dem Umfeld der Polen-Reise, in Teil XVII. 1719Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie auseinanderzusetzen und auf diese, einzig überzeugende Weise sowohl die Unwissenschaftlichkeit ihrer Theorien aufzuzeigen als auch die [fortschrittsfeindliche] politische und ideologische Rolle, die sie in den Klassenkämpfen unserer Epoche spielt, zu entlarven. Hinzu kommt, dass viele vergessen, dass der Imperialismus für jede Schicht der bürgerlichen Gesellschaft, ja, [sogar] für jede [geistige] Interessenausrichtung spezielle Ideologien parat hat, die [zugleich] spontan aus der besonderen Lebenslage der betreffenden Schicht hervorwachsen; [sie vergessen], dass wir uns [in Anbetracht dieser Tatsache] bei der Abfassung unserer Polemiken immer konkret da rü ber klar sein müssen, für wen wir eigentlich schreiben, auf welchen Leserkreis wir speziell einwirken wollen. Es kommt vor, dass bei uns Auseinandersetzungen mit den Theorien der rechten Sozialdemokratie erscheinen, die so mit Fremdwörtern überladen sind, dass sie marxistisch nicht geschulten Arbeitern – und gerade diese versucht der Rechtssozialismus hinters Licht zu führen – völlig unverständlich sein müssen. Andererseits werden gegen [Richtungen, die] vor allem die Intelligenz beeinflussen, Polemiken im Stil [simpler] populärwissenschaftlicher Broschüren geschrieben. Von manchen Polemiken [gar] hat man den Eindruck, als sei es dem Verfasser [lediglich] darum gegangen, überzeugte Marxisten [nochmals] von der Richtigkeit des Marxismus zu überzeugen. Nur wenn die marxistischen Philosophen in unserer Republik alle diese falschen Tendenzen überwinden, nur wenn sie die westdeutsche philosophische Literatur, und die der kapitalistischen Welt überhaupt, gründlich studieren und laufend verfolgen, nur wenn sie [die feindlichen Argumente schlagend widerlegen, ihren Klassencharakter konkret aufdecken, sich dabei] in den Leser, dessen Bewusstsein sie den reaktionären Einflüssen entreißen wollen, hineinversetzen lernen, werden sie im Stande sein, den Kampf an der ideologischen Front, der ein notwendiger Bestandteil unseres allgemeinen Kampfes um den Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft und um die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands auf friedlicher demokratischer Grundlage ist, systematisch, beharrlich und mit maximaler [Wirksamkeit] zu führen, wird es ihnen gelingen, die alte bürgerliche Ideologie, die Vorurteile der Religion, die Lebenslügen des Imperialismus, die Illusionen der formalen Demokratie, den Nihilismus der Dekadenz [, die idealistische Verfälschung der Resultate der Naturwissenschaft usw.], immer mehr aus dem Denken der Menschen zu verdrängen und den Sieg der einzig wissenschaftlichen Weltanschauung, des dialektischen Materialismus, herbeizuführen. 7. Es muss in diesem Zusammenhang auch einmal offen da rü ber gesprochen werden, dass eine prinzipienfeste und dabei im einzelnen sorgfältig differenzierende Auseinan- 1720 Teil XIII dersetzung mit bestimmten Erscheinungen im philosophischen Leben unserer Republik, mit unseren philosophischen Gegnern sowohl wie mit unseren Bundesgenossen, not tut. Das beginnt damit, dass wir die Pflicht haben, der zum Teil außerordentlich wirksamen religiösen Propaganda entgegenzuwirken, die von den Kirchen ausgeht.316 [Ebenso wichtig wäre die] Kritik an bürgerlichen Philosophen, die an unseren Universitäten lehren. Wenn z. B. Günther Jacoby, auf Grund seiner Ablehnung des subjektiven Idealismus, mit dem Anspruch auftritt, [zur Weiterentwicklung des] dialektischen Materialismus beigetragen zu haben, und dabei die Theologie zu einem unerlässlichen Bestandteil der Philosophie erklärt, ja, den kosmologisches Gottesbeweis zu erneuern versucht, so bedarf es keiner weiteren Begründung [dafür], dass wir dem entgegentreten müssen; das kann aber nur auf dem Weg einer [eingehenden], sachlich begründeten Kritik der Jacobyschen Ideologie geschehen. Die in den vergangenen Jahren häufig geübte Praxis, den bürgerlichen Philosophen, der bei uns lebt und arbeitet und durch seine Lehrtätigkeit wie [in] Publikationen natürlich auch seine Ideen verbreitet, entweder durch Taktlosigkeiten zu verärgern oder aber durch sachliche Konzessionen zu »beruhigen«, ist falsch und schädlich. Wir können in diese Reihe unseren Freund Ernst Bloch, der sich seit Jahrzehnten als leidenschaftlicher Vorkämpfer der Interessen der deutschen Arbeiterklasse bewährt hat, selbstverständlich nicht stellen.317 Im Gegenteil: In [mehr als einer] Hinsicht verehren wir [in] Ernst Bloch [, diesem großen Sozialisten und wirklich schöpferischen Denker unserer Zeit,] unser Vorbild und sind uns dessen bewusst, dass wir aus seinen bedeutenden Werken viel lernen können. Das kann aber nicht [heißen], dass wir an offensichtlich problematischen Thesen, die [Bloch] vertritt und mit denen er den dialektischen Materialismus zu [bereichern glaubt], kritiklos vorbeigehen dürften. [Das geschieht 316 (AH) Die folgenden Ausführungen sind in den früheren Entwürfen des Artikels nicht enthalten. Offensichtlich wurden sie nach ersten Diskussionen gegen Harichs ursprünglichen Willen hinzugefügt. Siehe hierzu den Einfluss von Alfred Kosing und Matthäus Klein, der etwa bei dem Disput um Harichs Vademecum (Neuabdruck im vorliegenden Band) deutlich wird. Zudem fehlen auch in dieser abschließenden Version von Harichs Artikel die Passagen der Kritik an Paul F. Linke, die sich im späteren Leitartikel finden. Sie wurden noch später hinzugefügt. (Siehe: Leitartikel etc., S. 26.) 317 (AH) Im Leitartikel wurde Harichs Vorlage dann in ihr Gegenteil verkehrt. (Siehe: Leitartikel etc., S. 26 f.) Zudem wurden die letzten Sätze der Passage zu Bloch weggelassen, in der die potentielle Kritik an Bloch auf dessen Schüler umgelenkt wird. Bloch war über die ihn betreffenden Passagen des Leitartikels verärgert, allerdings versöhnte er sich nach einem Gespräch sofort mit Harich. Ein weiterer Indikator dafür, dass dieser nachweisen konnte, dass die kritischen Passagen nicht von ihm stammten. 1721Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie aber.] Die Auseinandersetzung mit Werken wie Subjekt-Objekt. Erläuterungen zu Hegel und Das Prinzip Hoffnung ist bei uns absolut ungenügend, es sind bisher weder die positiven, zum Teil bahnbrechend neuen Gedanken, die in diesen Büchern stehen, hinreichend gewürdigt, noch sind ihre fragwürdigen Seiten einer gründlichen, [sachgerechten] Kritik unterzogen worden. Dies ist um so weniger zu verstehen, als neuerdings bereits Bloch-Epigonen bei uns auftreten, die von dem kämpferisch-humanistischen Geist ihres Meisters zwar nichts mitbekommen, dafür aber ihm die Äußerlichkeiten seines Stils abgeguckt haben, die [sie] unbeholfen [genug] nachstümpern. Es versteht sich, dass diese Leute gerade an die problematischsten Gedanken Blochs, z. B. an seine [positive Wertung] des alten Schelling [u. dgl.] anknüpfen. Damit ist bereits gesagt, dass Kritik und Selbstkritik in unseren eigenen Reihen zu wünschen übrig lassen. Wir müssen uns freilich stets da rü ber klar sein, wo Feind und Freund [stehen, müssen wissen], dass unser Kampf sehr falsch proportioniert wäre, wenn wir vor lauter – womöglich pedantisch kleinlicher – Kritik an neuen Büchern und Aufsätzen marxistischer Philosophen vergäßen, unausgesetzt die Ideologen des Imperialismus anzugreifen. Auch dürfen wir keineswegs dulden, dass Fehler, die einem mit neuen Fragestellungen ehrlich ringenden Genossen unterlaufen, als Versuche einer Einschmuggelung feindlicher Ideologie angeprangert werden. Durch solche Übertreibungen würde nur Charakterlosigkeit großgezüchtet und der Mut zu schöpferischer Arbeit beeinträchtigt werden, und gerade da ran wäre dem Klassenfeind in erster Linie gelegen. Aber dies vorausgeschickt, muss doch bemerkt werden, dass es eine Reihe von Fällen gibt, [in denen] marxistische Philosophen bei uns mit offensichtlich falschen, [objektiv] schädlichen Auffassungen aufgetreten sind, ohne dass auch nur ein leises Wort der Kritik an ihnen laut geworden wäre. Das gilt für die objektivistische Stellungnahme von Robert Schulz zur Soziologie Alfred Webers, und es gilt ebenso für den Versuch Wolfgang Harichs, [Gedanken aus der] Anthropologie Arnold Gehlens [zu einer] Theorie des ästhetischen Empfindens zu verarbeiten, die deutlich biologistische Züge trägt.318 Von einer [ins Einzelne gehenden] Beurteilung der Beiträge zu den Diskussionen in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie wollen wir hier absehen, [da uns nicht da ran gelegen sein kann, als Redaktion in einen noch nicht zum Abschluss gediehenen Meinungskampf einzugreifen.] Auch hier aber ließe sich nachweisen, dass [gelegentlich] 318 (AH) Gemeint ist der Aufsatz: Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, 1953, Heft 6, S. 122–166. 1722 Teil XIII marxistische Philosophen unserer Republik in Fragen, die bereits geklärt sind, falsche Auffassungen [verfochten] haben, denen von späteren Diskussionsteilnehmern gar nicht, oder in ganz ungenügender Weise, entgegengetreten wurde. Es ist also klar, dass [vor uns die dringende Aufgabe steht], dass [wir] viel häufiger und gründlicher als [es geschieht], zu unseren Veröffentlichungen gegenseitig kritisch Stellung nehmen [müssten, wenn] damit jeder einzelne von uns in Stande gesetzt [werden soll], die Fehler und Schwächen seiner Arbeit zu erkennen und zu überwinden. 8. Auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie krankt unsere Arbeit vor allem daran, dass von dem richtigen Prinzip, bei der Darstellung vergangener Epochen der Geschichte des philosophischen Denkens vor allem die Fronten des Kampfes zwischen Materialismus und Idealismus aufzuzeigen, in oft schematischer Weise Gebrauch gemacht wird. Dabei [werden entweder] philosophische Systeme, [nur weil sie] rationelle Momente aufweisen und zu ihrer Zeit eine progressive Rolle gespielt haben, ohne weiteres als materialistisch bezeichnet, was [häufig] auf eine Verwischung der grundlegenden [Kriterien] des philosophischen Materialismus hinausläuft, oder es wird [versäumt], zwischen – zu ihrer Zeit – fortschrittlichen und reaktionären Strömungen [innerhalb] der idealistischen Philosophie vor [Marx] zu unterscheiden, was dann dazu führt, dass bedeutende idealistische [Denker] der Vergangenheit einer ultraradikalen Beurteilung unterzogen werden, die weder der geschichtlichen Wahrheit entspricht noch der Bedeutung der sachlichen Leistung [dieser Denker] gerecht wird. Ebenso kommt es vor, dass der richtige Grundsatz, die philosophischen Systeme früherer Zeiten vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu untersuchen, schematische Verzerrungen erleidet, etwa in der Weise, dass etwa die Leistungen, mit denen [z. B.] Aristoteles oder Leibniz zur Entwicklung des dialektischen Denkens beigetragen haben, an den vier Stalinschen Grundzügen der materialistischen Dialektik gemessen werden usw. Es liegt auf der Hand, dass die genannten Fehler [durchweg] auf der Linie einer unhistorischen Betrachtungsweise liegen, die dem Marxismus fremd ist. Die marxistischen Prinzipien der Erforschung und Darstellung der Philosophiegeschichte fordern, dass die verschiedenen philosophischen Strömungen, die einzelnen Denker und ihre Anstrengungen aus ihrer Zeit heraus, im [Zusammenhang] mit den Klassenkämpfen ihrer Zeit sowie unter konkreter Berücksichtigung der Ergebnisse des jeweils vorausgegangenen philosophischen und wissenschaftlichen Denkens verstanden und gewertet werden. Nur so lässt sich die Rolle, die sie gespielt [, der Fortschritt, den sie erzielt] 1723Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie haben, historisch und philosophisch richtig bestimmen. Nur so kann, soweit es sich um reaktionäre Strömungen und Denker handelt, erkannt und gezeigt werden, worin das Rückschrittliche ihrer Lehren liegt, gegen welche bereits errungenen Erkenntnisse sie ankämpften und im Interesse welcher Klassen sie das taten. Das richtige Kriterium für die Beurteilung früherer philosophischer Leistungen besteht also [in der Feststellung,] inwieweit die einzelnen Philosophen angesichts der in ihrer Zeit gegebenen Möglichkeiten und historischen Notwendigkeiten im Rahmen des allgemeinen Kampfes zwischen Materialismus und Idealismus zur Herausarbeitung und Begründung der Elemente und Grundsätze der fortschrittlichen wissenschaftlichen Philosophie beigetragen haben. Ein solches Verfahren ermöglicht allein eine objektive Würdigung der Geschichte der Philosophie im Ganzen und auch der einzelnen Philosophen nach ihrer positiven wie auch nach ihrer negativen Seite hin. In unseren Diskussionen um neue Bücher marxistischer Philosophiehistoriker ist mit Recht der Frage große Bedeutung beigemessen worden, ob die betreffenden Autoren es verstanden haben, den qualitativen Unterschied zwischen dem Marxismus und aller vorangegangenen Philosophie richtig herauszuarbeiten. Diese Frage ist allerdings von erheblicher Wichtigkeit, da Fehler, die in dieser Beziehung gemacht werden [und gemacht worden sind], in der Konsequenz immer auf eine Verwischung des Wesens der marxistischen Philosophie hinausführen [müssen]. Es darf aber nicht vergessen werden, dass es auch andere [Probleme] gibt, an denen man nicht vorbeigehen darf, dass es sich z. B. bei der Beurteilung eines Buches über Hegel nicht nur darum handeln kann, [festzustellen], wie von dem Verfasser das Verhältnis von Marx und [zu] Hegel dargestellt wird, sondern dass auch gefragt werden muss, ob die verschiedenen Etappen von Hegels Entwicklung, seine Stellung zu den geschichtlichen Ereignissen seiner Zeit, sein Bild der Antike, sein Verhältnis zu Leibniz, Kant, Schelling, zur Romantik usw., seine Beschäftigung mit Fragen der Naturwissenschaft – um nur einiges zu nennen –, adäquat wiedergegeben werden. Liest man unter diesem Gesichtspunkt die Rezensionen, die bei uns über die [bedeutenden] Hegelbücher von Ernst Bloch und Georg Lukács erschienen sind, so [gewinnt man den Eindruck], dass [den] Kritikern, weil sie wie gebannt [nur] auf das eine Problem der marxistischen Revolution in der Geschichte der Philosophie starren, sehr viel Wertvolles, das sie hätten [hervorheben], aber auch manches Fragwürdige, [der Diskussion Bedürftiges], [auf ] das sie hätten [hinweisen] müssen, entgangen ist. Unter diesen Umständen nimmt es nicht wunder, dass [solche] Arbeiten [wie die] von Ernst 1724 Teil XIII Bloch über die großen Utopisten, über Avicenna und [über] Thomasius, von Wolfgang Harich über Herder und Rudolf Haym, [wie] die Einleitungen von Friedrich Bassenge zu Kant und Herder, von Georg Mende zu Dietzgen, von Peter Goldammer zu Rousseau usw., aber auch z. B. die philosophiehistorisch [durchaus] belangvollen Arbeiten über Goethe von Georg Lukács, Wilhelm Girnus u. a. [bei uns] bisher überhaupt nicht oder [nur] in ganz unzulänglicher Weise kritisch gewürdigt worden sind. Wir können nicht hoffen, dass [sich] in den [vorhin] erwähnten Meinungsstreitigkeiten zwischen den marxistischen Philosophiehistorikern in unserer Republik bald ein gemeinsamer Standpunkt herauskristallisiert, solange wir uns nicht dazu entschließen, uns konkret [und gründlich] mit den [bereits] vorliegenden, also in erster Linie zur Debatte stehenden [marxistischen] Arbeiten über Themen der Geschichte der Philosophie auseinanderzusetzen, d. h. das Vorbildhafte ihrer Vorzüge herauszustellen und die Kritik zu den Fehlern, die sie enthalten, zum Anlass grundsätzlicher klärender Diskussionen zu machen. 9. Es würde zu weit führen, wenn wir auch noch auf die organisatorischen Schwächen eingingen, die es uns gegenwärtig noch erschweren, unsere dringenden Aufgaben zu erfüllen. Wir können an dieser Stelle nur der Hoffnung Ausdruck geben, dass es der neugegründeten Sektion für Philosophie bei der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Kürze gelingen wird, die hauptsächlichen organisatorischen Mängel zu beseitigen und zu einer [besseren] Koordination der philosophischen Arbeit in der DDR zu gelangen. Nur auf einen grundsätzlichen Fehler, der mit der bisher fehlenden organisatorischen Anleitung, Koordinierung und Organisation der philosophischen Arbeit eng zusammenhängt, sei hier noch hingewiesen: Woran es [bei uns] vor allem mangelt, ist eine den Umständen entsprechende, sorgfältig durchdachte Verteilung der zentral bedeutsamen Aufgaben auf die verfügbaren Kader, die diese zugleich davor bewahrt, in unmittelbaren Tagespflichten zu versinken und in Lehre und Forschung immer wieder zu Improvisationen genötigt zu sein. Die Aufgaben, die wir formuliert haben, können nur erfüllt, die Fehler, die wir aufzeigten, nur überwunden werden, wenn die marxistischen Philosophen unserer Republik [sich nicht mehr im Wesentlichen auf ihre Lehrtätigkeit und die gelegentliche Abfassung kleinerer Artikel beschränken, sondern] dazu übergehen, mehr Bücher, Abhandlungen, Essays, größere Aufsätze usw. zu schreiben, in denen die bisher vernachlässigten Themen behandelt werden, wenn sie ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit weitgesteckte Ziele setzen und Tag für Tag, Woche für Woche beharrlich da ran arbeiten, 1725Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie diese [Ziele] zum Nutzen unserer Sache [auch] zu [erreichen]. Das setzt ein unausgesetztes Studium, ein unablässiges Ringen mit den Problemen, es setzt die operative Organisierung wirklich fruchtbarer wissenschaftlicher Diskussionen und die Erledigung eines nicht zu karg bemessenen schriftstellerischen Tagespensums durch jeden einzelnen voraus. Da da run ter aber die Lehrtätigkeit [selbstverständlich] nicht leiden darf, ist es unerlässlich, dass die marxistischen Philosophen in unserer Republik [gemeinsam und mit Unterstützung der zentralen Stellen von Partei und Staat] beharrlich dagegen kämpfen, durch ein Übermaß organisatorischer und administrativer Verpflichtungen, durch überflüssige Sitzungen, durch gesellschaftspolitische Kleinarbeit und alle möglichen Veranstaltungen, die mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in keinem Zusammenhang stehen, an der Erfüllung ihrer Hauptaufgaben gehindert zu werden. Richtungsgebend hierfür muss die heute noch vielfach fehlende Einsicht sein, dass die politische Aktivität der auf dem Gebiet der Philosophie arbeitenden Kader in unserer Republik [und die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Arbeit] zu allererst an den Erfolgen zu messen [sind], die sie in ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit und insbesondere durch ihre Publikationen vorzuweisen haben, und dass [ihnen folglich] alles, was sie da ran hindert, solche Erfolge zu erlangen, aus dem Weg geräumt werden muss. Teil VI: Es ist selbstverständlich, dass die beträchtlichen Mängel und Schwächen, die die Arbeit der marxistischen Philosophen in der DDR aufweist, sich auch auf die Deutsche Zeitschrift für Philosophie auswirken. Bei einer ernsten Überprüfung der vorliegenden drei Jahrgänge der Zeitschrift müssen wir feststellen, dass diese in der Vergangenheit bei weitem nicht genug [getan] hat, um die Propagierung und schöpferische Weiterentwicklung des dialektischen und historischen Materialismus [sowie] die Auseinandersetzung mit den aktuellen Strömungen der bürgerlichen Philosophie zu fördern, und dass bislang keine einzige Arbeit in ihr erschienen ist, die zur Verallgemeinerung der neuen Erfahrungen beim Aufbau der Grundlagen des Sozialismus in unserer Republik beigetragen hätte.319 Nur auf dem Gebiet der Geschichte der Philosophie kann man der Zeitschrift bedeutende Erfolge nicht absprechen, von denen aber gesagt werden muss, dass sie ihr, auf Grund des Missverhältnisses zu anderen, weitgehend 319 (AH) Die letzte Forderung stammte von Kurt Hager. Harich verband sie allerdings mit der weiter zu intensivierenden Auseinandersetzung mit dem Marxismus und der bürgerlichen Philosophie. Dafür aber waren neben ihm selbst vor allem Bloch und Lukács zuständig, teilweise noch Bassenge, Mende und einige andere. Harich forderte also eine Förderung derjenigen Philosophen, die den Richtlinien der SED nicht vollumfänglich folgten. Dem korrespondiert, dass Harich in dem Artikel gerade die philosophiegeschichtlichen Schriften der Genannten positiv hervorhob. 1726 Teil XIII vernachlässigten Aufgaben, oft das Gepräge einer einseitigen Orientierung auf die Erhellung der Vergangenheit gegeben haben. Die Kritik der bürgerlichen Philosophie der Gegenwart hat in der Zeitschrift insofern gewisse Fortschritte gemacht, als in den Jahrgängen II (1954) und III (1955) eine Fülle [von] Neuerscheinungen aus Westdeutschland und den kapitalistischen Ländern des Auslands [besprochen wurden],320 was aber keinesfalls genügen kann, solange größere Aufsätze fehlen, in denen die wichtigsten Strömungen des zeitgenössischen reaktionären Denkens zusammenfassend dargestellt und kritisiert werden. Zu den allgemeinen Schwächen unserer Arbeit, die sich in der Zeitschrift widerspiegeln, [gesellen sich] noch [einige] besondere Mängel. Der Chefredakteur321 ist [aus dem] – an sich richtigen – Bestreben heraus, ein repräsentatives Organ von gesamtdeutscher Bedeutung zu schaffen und auf die philosophisch interessierten Teile der Intelligenz einzuwirken, in den Fehler verfallen, den geistigen Bedürfnissen der neuen Kräfte, die in unserer Republik um Verständnis und Aneignung der marxistischen Philosophie ringen, [nicht immer] die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Dadurch hat sich die Zeitschrift zeitweilig – namentlich in den Jahren 1953 und 1954 – allzu sehr von der philosophischen Arbeit, die an den Instituten der Universitäten, auf den [Hochschulen] der Partei und der Massenorganisationen usw. geleistet wird, isoliert. Hinzu kommt, dass in einzelnen Beiträgen der Zeitschrift, [für die ja] – was ebenfalls prinzipiell zu begrüßen ist – außer marxistischen auch fortschrittlich eingestellte bürgerliche Philosophen und Wissenschaftler schreiben, Unklarheiten und direkt falsche Theorien enthalten sind, die in den da rauffolgenden Heften unwidersprochen blieben. Das gilt namentlich für die Diskussionen über Probleme der Logik und über philosophische Fragen der modernen Physik. Selbstverständlich ist richtig, dass derartige Diskussionen ihren Sinn verloren hätten, wenn in ihnen kein wirklicher Meinungskampf stattfände und [etwa] Vertretern abwegiger Theorien die Möglichkeit genommen wäre, in Fragen, 320 (AH) Harich selbst hatte, neben der sehr ausführlichen Besprechung von Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft (Neuabdr. in: Band 9, S. 289–310), zwei Rezensionen beigesteuert: Harich: Rezension zu: Nicolai Hartmann: Teleologisches Denken, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1953, Heft 2, S. 416–425 (Neuabdr. in: Band 2, S. 652–666). Harich: Rezension zu: Ziegenfuß, Werner; Jung, Gerhard (Hrsg.): Handwörterbuch der Philosophie nach Personen, 2 Bde., in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 1955, Heft 2, S. 515–522 (Neuabdr. im vorliegenden Band). 321 (AH) Chefredakteur war Harich, der die Kritik damit auf sich zog. Was er im Folgenden als Kritik der SED an der Zeitschrift wiederholt, waren genau die Momente, die er in jenen Jahren, aber auch später (siehe die entsprechenden Passagen im Ahnenpass) als überaus positiv hervorhob. 1727Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie die [zweifellos] nicht die fundamentalen Interessen unserer neuen gesellschaftlichen Ordnung berühren, mit rückhaltloser Offenheit ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber es kann nicht der Sinn einer solchen Diskussion sein, einem einzelnen Teilnehmer [– Friedrich Bassenge –] in drei nacheinander erscheinenden Heften [, also praktisch für ein halbes Jahr, allein] das Wort zu erteilen, um ihm Gelegenheit zu geben, auf insgesamt 74 Druckseiten eine Theorie zu entwickeln, die eine aprioristische Deutung der logischen und mathematischen Gesetzlichkeit gibt, ohne dass [sein] Redestrom durch einen einzigen Einwand unterbrochen würde. Noch bedenklicher aber stimmt es, dass in der Physikdiskussion dem Verfechter eines ex tremen Positivismus, Martin Strauß, zweimal zu Ausführungen das Wort gegeben wurde, die großenteils [gar nicht] zur Sache gehören, und in Folge deklarativer Berufungen auf den dialektischen Materialismus nur Verwirrung stiften können und [überdies] in fachwissenschaftlichen Kreisen als unseriös gelten. Der Verlauf der Logik- und der Physikdiskussion gibt überhaupt zu schweren Bedenken Anlass. Für beide Debatten, insbesondere aber für die über philosophische Fragen der modernen Physik, ist charakteristisch, dass die Mehrzahl der Teilnehmer keine Neigung zeigt, sich auf die zur Erörterung stehenden zentralen Probleme zu kon zentrie ren, dass viele die Gelegenheit ergreifen, über irgendwelche [Fragen], die ihnen am Herzen liegen, [mit der Sache aber oft wenig zu tun haben, sich] in langen Monologen sich auszulassen, ohne von den Thesen ihrer Gesprächspartner Kenntnis zu nehmen, und dass auf diese Weise eine thematische Zerfahrenheit entsteht, die es zu keiner wirklichen Klärung kommen lässt. Diese Gefahr hat in Bezug auf die Physikdiskussion die Redaktion selbst Vorschub geleistet, indem [sie seinerzeit] zur Grundlage der Debatte ein Buch von Victor Stern, Erkenntnistheoretische Probleme der modernen Physik, erklärte, in dem nicht nur die Raum-Zeit-Konzeption der Relativitätstheorie, sondern außerdem auch die Frage der Kausalität in Zusammenhang mit der Quantenphysik behandelt wird. Für eine konzentrierte Diskussion ist das selbstverständlich ein viel zu weites Feld.322 Es wird notwendig sein, noch im Laufe des Jahrgangs IV (1956) diese zerfahrene Debatte durch einen letzten Beitrag von Victor Stern abzuschließen und 322 (AH) An dieser Stelle platzierte der Leitartikel später einen Einschub über die zukünftigen Hauptausgaben der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, der hier abgedruckte Absatz wurde dafür unterbrochen. Wa rum die Passage dort eingefügt wurde, kann nicht erklärt werden. Hauptsächlich muss sie von Alfred Kosing oder Matthäus Klein stammen, zudem gibt es verschiedene Überschneidungen (allerdings eher der Sache, denn dem Inhalt oder der Zielrichtung nach). Die Aufzählung entspricht in weiten Teilen der Kritik Kurt Hagers, die Kosing publiziert hatte (Kosing: Wird die Deutsche Zeitschrift für Philosophie ihren 1728 Teil XIII gleichzeitig dafür zu sorgen, dass der philosophisch [belangvolle] Teil der vielen Fragen, die in ihr angeschnitten, aber nicht ausdiskutiert wurden, also vor allem Raum, Zeit und Bewegung, Kausalität und Gesetzmäßigkeit, später jede für sich, in gesonderten Publikationen, gründlich untersucht [wird]. Dabei wird die Zeitschrift sich dann nicht mehr da rauf einlassen können, ihre Spalten Vertretern des Positivismus, mögen [sie] sich in Worten [auch] zur marxistischen Philosophie bekennen, zur Verfügung zu stellen. Was die Logikdiskussion betrifft, die seit der Jenaer Konferenz vom November 1951 andauert, so ist es ebenfalls an der Zeit, mit ihr zu einem vorläufigen Ende zu gelangen.323 Die bisher gedruckt vorliegenden und die in den nächsten Heften zur Veröf- Aufgaben gerecht?, a. a. O., S. 299–303.) und steht damit den Forderungen Harichs teilweise antagonistisch gegenüber. Zu lesen war folgende Aufzählung: „1. Systematische Ausarbeitung und Konkretisierung der Probleme und Kategorien des dialektischen und historischen Materialismus: im Zusammenhang damit: Klärung der philosophischen Grundlagenfragen der Natur- und Gesellschaftswissenschaften vom Standpunkt der marxistischen Philosophie. 2. Konkretisierung und Weiterentwicklung des historischen Materialismus durch philosophische Verallgemeinerung der neuen geschichtlichen Erfahrungen, welche die deutsche Arbeiterklasse in ihrem nationalen Befreiungskampf und insbesondere beim Aufbau des Sozialismus in der Deutschen Demokratischen Republik erringt. 3. Kritische Auseinandersetzung mit den wichtigsten zeitgenössischen philosophischen Strömungen der kapitalistischen Welt, die in Westdeutschland wirksam sind. 4. Marxistische Bearbeitung noch ungenügend erforschter Themen aus der Geschichte der Philosophie unter besonderer Berücksichtigung der fortschrittlichen Traditionen des deutschen Volkes. 5. Aktive Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit, die auf dem Gebiet der Philosophie, bei der Ausbildung neuer Kader, an den zuständigen Instituten der Universitäten Berlin, Leipzig und Jena und an den Schulen der Partei und der Massenorganisationen geleistet wird. 6. Intensivierung von Kritik und Selbstkritik durch ausführliche Besprechung und Diskussion philosophischer Neuerscheinungen, die von Verlagen der Deutschen Demokratischen Republik herausgebracht wurden. 7. Informative Beiträge über das philosophische Leben des In- und Auslandes unter Bevorzugung der Länder des Sozialismus und des ideologischen Kampfes der kommunistischen und Arbeiterparteien in den kapitalistischen Ländern. 8. Straffung der Diskussionen, die in der Zeitschrift stattfinden, durch Konzentration auf ihre wirklich zentralen Themen.« Quelle: Redaktion der DZfPhil: Über die Lage und die Aufgaben der marxistischen Philosophie in der DDR, a. a. O., S. 32 f. 323 (AH) Das Ende der Logik-Diskussion hatte Harich bereits geplant, Georg Klaus sollte ein vorläufiges Fazit verfassen. Dieser teilte der Deutschen Zeitschrift für Philosophie aber mit, dass sein Arbeitspensum die Erledigung dieser Aufgabe im Moment nicht erlaube. 1729Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie fentlichung gelangenden Beiträge reichen jetzt vollständig aus, um die noch offenen Fragen, über die bisher keine Einigung erzielt wurde, zu präzisieren und sie zum Gegenstand größerer monographischer Untersuchungen zu machen, mit dem Ziel, auf diese Weise zu einer neuen, geschlossenen [dialektischen] Theorie der Logik zu gelangen und neue marxistische Logik-Bücher zu erarbeiten.324 Gerade auf dem Gebiet der Logik müssen wir aus dem Stadium der ewigen Diskussionsbeiträge herauskommen und uns Größeres vornehmen, wenn wir mit den Anforderungen der Gegenwart Schritt halten wollen. Die weiteren Mängel der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die [hier] nur kurz angedeutet werden sollen, bestehen [hauptsächlich] da rin, dass sie ihre thematische Planung dem jeweils gegebenen Stand der Forschung anpasst, statt von sich aus der marxistischen Philosophie neue Aufgaben zu stellen, dass sie ferner in ganz ungenügendem Maße über das philosophische Leben des In- und Auslandes informiert und es bisher auch noch nicht fertiggebracht hat, zur Arbeit der philosophischen Institute in unserer Republik, zu den Studienplänen wie überhaupt zur Ausbildung des Nachwuchses kritisch Stellung zu nehmen; sie ist – mit einem Wort – bei weitem noch nicht der kollektive Organisator [unserer] Forschungs- und Lehrpraxis, der sie sein müsste.325 1954 und 1955 war in zwei Teilen aber ein Aufsatz von ihm erschienen, der durchaus eine Art Zwischenfazit zieht, da Klaus auf die meisten der erschienenen Stellungnahmen und Aufsätze direkt einging. Klaus, Georg: Über Fragen der Logik. Teil I, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 1954, S. 903–927. Über Fragen der Logik. Teil II, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 1, 1955, S. 82–106. Nach der Verhaftung Harichs im November 1956 publizierte Klaus dann ein bzw. zwei Jahre später den abschließenden Artikel der Logik-Debatte. Klaus, Georg: Zur Diskussion über formale Logik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 6, 1957, S. 711–733. Zur Diskussion über formale Logik. Schluss, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 5, 1958, S. 805–820. 324 (AH) Das zu diesem Zeitpunkt bereits vorliegende Logik-Buch von Béla Fogarasi lehnten Harich und die anderen Vertreter einer fortschrittlichen Logik-Konzeption ab. Fogarasi, Béla: Logik, Berlin, 1955. Drei Jahre später erschien dann das Buch von Georg Klaus, das als neues Standardwerk genutzt wurde (allerdings geriet auch Klaus einige Jahre später erneut in Diskussionen). Klaus, Georg: Einführung in die formale Logik, Berlin, 1958. 325 (AH) Harich gab damit die Kritik der SED an der Deutschen Zeitschrift für Philosophie direkt an diese zurück bzw. an die philosophischen Institute der DDR-Universitäten weiter. Wenn die Zeitschrift schlecht sei, dann deshalb, weil die Philosophie der DDR schlecht sei. Die Lösung der Krise sei da rin zu suchen, der Zeitschrift mehr Freiheit, mehr Funktionen und Kompetenzen, auch inhaltlicher Art, mehr Einfluss zu geben. Also gerade das, was die SED verhindern wollte. Zudem forderte er die Diskussion der Pläne und Maßnahmen der SED durch die bzw. über die Zeitschrift ein. In dem gedruckten Leitartikel waren diese Passagen nicht zu lesen. 1730 Teil XIII Alle diese Fehler aber kann die Deutsche Zeitschrift für Philosophie nur überwinden, wenn sie in Zukunft von den marxistischen Philosophen in unserer Republik besser als bisher unterstützt wird. Die Gerechtigkeit [gebietet], festzustellen, dass die aufgezeigten Mängel in erheblichem Maße, und zum Teil sogar ausschließlich, da rauf zurückzuführen sind, dass [zahlreiche] Genossen – unter ihnen vor allem Klaus Schrickel, Walter Besenbruch, Wolfgang Heise, Robert Schulz, Wolfgang Schubardt, Ernst Hoffmann, Götz Redlow u. a.326 – interessante Vorschläge, die von der Redaktion an sie herangetragen wurden, wiederholt abgelehnt, Aufforderungen zur Mitarbeit unbeantwortet gelassen oder gegebene Zusagen nicht erfüllt [haben], so dass die Herausgeber und die Redaktion [immer wieder] gezwungen waren, die Verwirklichung gut durchdachter Pläne zu vertagen und zu Notbehelfen zu greifen, die zu den dringenden Gegenwartsaufgaben in keinem angebbaren Verhältnis stehen. Mit diesem Zustand muss definitiv Schluss gemacht werden. Die aktive Mitarbeit an der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, das Bemühen, sie zu verbessern, ihren Inhalt vielseitiger zu gestalten und auf ein höheres wissenschaftliches Niveau zu heben, in ihr die brennenden Fragen unserer Zeit zu behandeln, gehört zu den ersten Pflichten eines jeden marxistischen Philosophen in unserer Republik, und es kann niemand, der sich diese Pflicht entzieht, von sich sagen, dass er den Aufgaben, die der Kampf an der ideologischen Front uns stellt, voll gerecht würde. 326 (AH) Die meisten der Genannten sind dem »philosophischen Lager« der SED zuzurechnen und gehörten überdies zu den Kritikern und Gegnern Harichs. In Harichs Manuskript fand sich nach der Nennung Klaus Schrickels der Name Kurt Hager, allerdings hatte Harich diesen bereits mit der Schreibmaschine getilgt und unkenntlich gemacht (also offensichtlich direkt im Schreibprozess sich gezügelt und zurückgenommen). Auch dieser Absatz wurde umgeschrieben und in seinen Aussagen entschärft.

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References

Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.