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Teil XI Drei Schriftstellerkongresse in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1519 - 1578

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1519

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1519 Teil XI Drei Schriftstellerkongresse 1520 Teil XI Kongresspause vor den Berliner Kammerspielen, 6. Oktober 1947 1521Drei Schriftstellerkongresse Andreas Heyer Die ersten Schriftstellerkongresse der DDR, 1947–1952117 1. Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 8. Oktober 1947 in Berlin an verschiedenen Veranstaltungsorten stattfand, war eines der zentralen kulturpolitischen Ereignisse der Nachkriegszeit. In der aufgeteilten Stadt trafen Autoren aus ganz Deutschland und ausländische Vertreter zusammen. Nicht eingeladen waren Künstler, die mit dem Nationalsozialismus zusammengearbeitet hatten.118 Ging es doch um die Bündelung aller humanistischen Kräfte, die dem Nationalsozialismus und seinen Verlockungen (Macht, Geld, Ideologie etc.) widerstanden hatten. »Nicht unmittelbar nach der Zerschlagung des Hitler-Regimes griffen die aus dem Exil heimgekehrten Künstler zu diesem Instrument kollektiver Arbeit. Das unvorstellbare Ausmaß an materieller und geistiger Zerstörung ließ einen Schriftstellerkongress nicht sofort zu. Erst 1947 war ein 117 Die in diesem Teil abgedruckten Beiträge Harichs werden im Folgenden nicht gesondert zitiert und mit Quellenangaben versehen. In Klammern finden sich die entsprechenden Kürzel: Erste Rede auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress – 1SK, 1R; Zweite Rede auf dem Ersten deutschen Schriftstellerkongress – 1SK, 2R; Rede auf dem Zweiten Schriftstellerkongress – 2SK; Rede auf dem Dritten Schriftstellerkongress – 3SK; der Weltbühne-Artikel Im Gespräch bleiben! – IGb. 118 Siehe: Gansel, Carsten: Zur Vorgeschichte, Durchführung und den Folgen des II. und III. Schriftstellerkongresses 1950 und 1952 in der DDR, in: Gansel, Carsten; Walenski, Tanja (Hrsg.): Erinnerung als Aufgabe? Dokumentation des II. und III. Schriftstellerkongresses in der DDR 1950 und 1952, Göttingen, 2008, S. 9 f. 1522 Teil XI solches Treffen möglich, zugleich aber auch zu einem dringenden Gebot der Stunde geworden.«119 Der Aufruf zu dem Kongress stieß auf vielfältige Zustimmung. Insgesamt waren knapp 280 Schriftsteller, Verleger und Wissenschaftler an der Konferenz beteiligt. »Es trafen sich zum ersten Mal Autoren aus allen vier Besatzungszonen: Schriftsteller der inneren und äußeren Emigration, Menschen unterschiedlicher geistiger und politischer Herkunft, mit ungleichen Gegenwarts- und Zukunftserwartungen und sehr verschiedener Literaturauffassung. Auch durch die Anwesenheit von Autoren anderer Völker, die unter deutscher Okkupation gelitten hatten, erhielt die Tagung einen für diese Jahre ungewöhnlichen Charakter. Die Militärregierungen der Alliierten hatten das Treffen toleriert und zum Teil sogar gefördert.«120 Doch es gilt, weiter zu differenzieren. Hans Mayer, der bis 1963 in Leipzig wirkte,121 schrieb in seinen Erinnerungen, es habe sich schnell gezeigt, »dass die Tagung zwar von vier Besatzungsmächten gebilligt schien, dass es jedoch höchst verschiedene Wärmegrade der Zustimmung gab.«122 Vor allem die Sowjets förderten und unterstützten das Vorhaben und mischten sich dabei nicht in die Vorbereitung und Planung ein. Die westlichen Besatzungszonen standen dem Projekt allenfalls tolerierend gegenüber. Die Amerikaner nutzten den Kongress allerdings, um ihre antikommunistische Politik in Deutschland zu stärken. Sie provozierten so die Spaltung der versammelten Autoren und trugen damit die Politik des Kalten Krieges in das Feld der Literatur. Das wog auch deshalb schwer, da »unter den zahlreichen Kongressteilnehmern (…) Einigkeit und Einmütigkeit (bestand): Die drohende politische Spaltung Deutschlands müsse mit Vehemenz verhindert werden.«123 119 Bock, Sigrid: Literarische Programmbildung im Umbruch. Vorbereitung und Durchführung des I. Deutschen Schriftstellerkongresses 1947 in Berlin, in: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 22. Band, 1979, S. 121. 120 Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter: Vorgeschichte, Umfeld, Nachgeschichte des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, in: Reinhold, Ursula; Schlenstedt, Dieter; Tanneberger, Horst (Hrsg.): Erster Deutscher Schriftstellerkongress. 4.–8. Oktober 1947, Berlin, 1997, S. 13 f. Die vorhergehenden Daten ebenfalls dort. 121 Zu Mayers Leipziger Jahren siehe: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Dort alle Verweise auf die vorhandene Forschungsliteratur. 122 Mayer, Hans: Ein Deutscher auf Widerruf. Erinnerungen Band 1, Frankfurt am Main, 1982, S. 387. 123 Wende-Hohenberger, Waltraud: Vorwort, in: Dies. (Hrsg.): Der erste gesamtdeutsche Schriftstellerkongress nach dem Zweiten Weltkrieg, Frankfurt am Main u. a., 1988, S. V. 1523Drei Schriftstellerkongresse Das war in der Tat eines der zentralen Anliegen der Tagung.124 In diesem Sinn machte Sigrid Bock zwei zentrale Momente des Kongresses aus. Als erstes sei der Versuch zu nennen, Einfluss auf die deutschen Verhältnisse zu gewinnen: »Die Stellung der Literatur innerhalb der sich verändernden Klassenauseinandersetzungen musste geklärt werden. Faschistische Kräfte und neu sich etablierende imperialistische Stimmen waren zurückzudrängen und die Kongressdebatten zur Sammlung und zum Zusammenschluss aller antifaschistisch-demokratischen Schriftsteller gegen eine Politik des Kalten Krieges und der Spaltung Deutschlands zu nutzen.«125 Zweitens ging es auch um die Rückkehr der deutschen Literatur auf die Weltbühne. Man wollte die »erneute und gleichberechtigte Teilhabe«126 an den Diskussionen der Gegenwart. Nicht zuletzt, um die Bereitschaft für Frieden, Sozialismus und Antifaschismus zu zeigen und diese sowohl in die Diskussionen, als auch in die Politik einzubringen. Diesen Zielsetzungen trug das auf der Veranstaltung verabschiedete Manifest127 Rechnung. »Es war Bekenntnis zu einer Literatur, die das Bewusstsein moralischer Verantwortung für die von Hitlerdeutschland der Welt zugefügten Leiden wachhalten, die humanistischen Traditionen der deutschen Kultur bewahren und fortführen, die gegen die drohende Spaltung Deutschlands und für den Frieden in der Welt wirken sollte.«128 2. Harichs Beiträge auf dem Ersten Kongress Harich ergriff auf dem Schriftstellerkongress zwei Mal das Wort – am 5. und am 7. Oktober. Er war der jüngste Redner – sicherlich ein Indiz für die einflussreiche Rolle, die er sich im Berlin der Nachkriegszeit in nur wenigen Monaten erarbeitet hatte. So war er u. a. an dem Neugründungsprojekt der Weltbühne beteiligt und arbeitete seit seinem Weggang vom Kurier (siehe die Artikel in diesem Band) an der Täglichen Rundschau (Abdruck einer Artikel-Auswahl in Band 1.2) mit – sowie der dazugehörigen Neuen Welt. Er war Teilnehmer des ersten Lehrgangs zur Ausbildung von Philosophen für den universitären Betrieb – neben Kurt Hager, Klaus Schrickel, Georg Klaus, Georg Mende oder Ernst Hoffmann. Eine eklatante Lücke sollte so geschlossen werden.129 124 Siehe: Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. S. 10 f. 125 Bock: Literarische Programmbildung im Umbruch, S. 123. 126 Bock: Literarische Programmbildung im Umbruch, S. 123. 127 Manifest des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 496 f. 128 Reinhold/Schlenstedt: Vorgeschichte, Umfeld etc., S. 14. 129 Siehe: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Harich: Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie (Band 2, S. 13–19). Markov, Walter: 1524 Teil XI Und nicht zuletzt verfügte Harich über gute Kontakte zu den sowjetrussischen Kul turoffi zieren. Davon zeugt beispielsweise auch, dass er einer der Delegierten der Reise deutscher Kulturschaffender in die Sow jet uni on war, die 1948 veranstaltet wurde (gemeinsam mit Ellen und Bernhard Kellermann, Anna Seghers, Stephan Hermlin, Wolfgang Langhoff, Michael Tschesno-Hell, Eduard Claudius, Heinrich Ehmsen und Günther Weisenborn). Das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Harich in Berlin erlebt – als Mitglied des antifaschistischen Widerstand.130 Nach dem Einmarsch der Roten Armee fand er schnell Kontakt zur russischen Militärverwaltung sowie zu den mit dem Neuaufbau der DDR betrauten Kommunisten. In einem Fragment gebliebenen autobiographischen Text schrieb er: »Am 2. Mai 1945 traf Walter Ulbricht mit der Gruppe seiner Begleiter in Berlin ein und suchte hier Antifaschisten, die bereit wären, beim Wiederaufbau zuzupacken. Ich weiß nicht, ob er in den da rauffolgenden Wochen durch irgendwelche anderen Mitglieder der Gruppe Vogel/Schmidt oder durch den sowjetischen Stab in der Sundgauerstraße auf mich aufmerksam gemacht worden ist. Jedenfalls schickte er seinen damaligen Mitarbeiter Wolfgang Leonhard zu mir, der mich in der Wohnung meiner Freundin Nong Yau in der Miquelstraße in Dahlem aufsuchte. Leonhard erläuterte mir die politische Linie und das Wiederaufbauprogramm der aus Moskau heimgekehrten deutschen Antifaschisten und überzeugte mich davon, dass es das Beste wäre, mich der Aufbau-Arbeit zunächst bei einem Stadtbezirksbürgermeister zur Verfügung zu stellen. Alles, was er sagte, schien mir sehr vernünftig und konstruktiv zu sein, so dass ich mit Freuden auf seine Vorschläge einging.«131 Der gerade angesprochene Wolfgang Leonhard hat der Erzählung seines Gesprächs mit Harich in seinem bekannten Werk Die Revolution entlässt ihre Kinder einige Seiten gewidmet.132 Harich selbst stand einer administrativen Laufbahn eher skeptisch gegen- über, was er auch Leonhard mitteilte, der über den Ausgang seiner ersten Begegnung Zwiesprache mit dem Jahrhundert. Dokumentiert von Th. Grimm, Berlin und Weimar, 1989, S. 180. Eckholdt, Matthias: Begegnung mit Wolfgang Harich, Schwedt, 1996, S. 44. 130 Siehe hierzu die Darstellung (mit Interviews) bei Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 15 ff. Siehe ebenfalls die autobiographischen Schilderungen Harichs in Band 1.1. 131 Ein autobiographisches Fragment, in: Utopie kreativ, 1996, Heft 65, S. 75. Neuabdr. unter dem Titel Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin in Band 1.1, S. 122–142. 132 Leonhard, Wolfgang: Die Revolution entlässt ihre Kinder, Jubiläumsausgabe, Köln, 2005, S. 434–437. 1525Drei Schriftstellerkongresse mit Harich notierte: »Wir verabschiedeten uns und am gleichen Abend befand sich auf unseren Listen der Hinweis: ›Wolfgang Harich, antifaschistischer Student, gebildet, interes siert an Mitarbeit bei Kul turor ga nisationen, Presse oder Stu den tenbewegung.‹ Sein Wunsch ging übrigens genau in Erfüllung: Auf der Gründungsversammlung des Kulturbundes, Anfang Juli 1945, sprach Harich als Vertreter der studentischen Jugend. (Abdr. der Rede in diesem Band.) Er kam später in die Kulturredaktion der Täglichen Rundschau, besuchte 1948 den ersten Dozentenlehrgang der Parteihochschule und war bis zu seiner Inhaftierung (November 1956) Dozent an der Ostberliner Humboldt-Universität.«133 Charakteristisch für Harichs zwei Beiträge auf dem Schriftstellerkongress ist, dass die Literatur als Teil der Sphäre der Politik erscheint. Literatur war für Harich Politik mit den Mitteln der Sprache. Wertungen über die Literatur und Kunst wurden zu diesem Zeitpunkt von ihm von einem politischen bzw. sogar von einem ideologischen Standpunkt aus vorgenommen. Ja, die Politik absorbierte sogar teilweise die Kunst. Schon seine Weltbühne-Artikel zeigen beispielsweise, dass er in der frühen Phase seines Denkens und Schreibens bereit war, unterschiedliche Themenbereiche dem Primat der Politik unterzuordnen. Zwar stehe gerade der Nationalsozialismus für den Versuch, das Gebiet der Kunst politischen Zwecken zugänglich zu machen. Gleichzeitig sei es aber genau die Literatur gewesen, mit deren Hilfe das einzelne Individuum innere Widerstandskräfte bilden konnte. Das wäre auch deshalb zentral, da der Nationalsozialismus nicht nur an die irrationalen Wesenszüge des Menschen anknüpfte, sondern auch rationale 133 Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder, S. 437. Bundeskonferenz des Kulturbundes, Bürgermeister Ferdinand Friedensburg, rechts Johannes R. Becher und Paul Wandel, 20. Mai 1947 1526 Teil XI und nachvollziehbare Angebote machte.134 Harich nannte als Vertreter der gegen den Nationalsozialismus imunisierenden Literatur die Schriftsteller Heinrich Mann, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Erich Weinert, Ludwig Renn und (den Katholiken) Theodor Haecker. (1SK, 1R) Die gemeinten Bücher und Schriften dieser Autoren sind vor 1933 erschienen. In seinen Erinnerungen (Ahnenpass) schrieb Harich dann rückblickend: »Ich bin stark davon beeindruckt, dass die meisten bedeutenden Vertreter der deutschen antinazistischen Exilliteratur nach 1945 entweder in die Ostzone übersiedeln (Becher, Arnold Zweig, Brecht, Anna Seghers, Ludwig Renn, Ernst Bloch, dem Wunsch nach 1949/1950 sogar Heinrich Mann) oder sich aufs Deutlichste zu ihr bekennen (Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank) oder zumindest für sie in vorbehaltvoll sympathisierender Weise aufgeschlossen sind und mit ihr Freundschaft zu pflegen wünschen (Thomas Mann, Erich Kästner). Genau die aber sind die Schriftsteller, deren Bücher mich in meiner Jungvolkzeit davor bewahrt haben, Nazi zu werden.«135 Gerade dies habe ihm, so Harich weiter, die Entscheidung erleichtert, in die KPD einzutreten. Zudem wäre so seine intellektuelle Entwicklung hin zum Marxismus forciert worden.136 Auf dem Schriftstellerkongress nannte Harich auch das Gegenbeispiel: »Von den Büchern der Ina Seidel – Unser Freund Peregrin –, Ernst Wiecherts Einfaches Leben, der Philosophie von Karl Jaspers, den Büchern von Carossa137 – von denen kann ich nur sagen: Wenn ich auf diese Literatur allein angewiesen gewesen wäre, hätte ich ganz gut 134 „(…) und der Faschismus hatte seine großen Lockungen. Der Faschismus hat nicht nur an die üblen Instinkte im Menschen appelliert, sondern er hat auch an die besten Instinkte appelliert, die er dann missbrauchte für seine schändlichen Zwecke, und viele, viele sind besten Willens da rauf hereingefallen und haben mitgemacht, besonders junge Menschen.« (1SK, 1R) 135 Harich: Ahnenpass. Versuch einer Autobiographie, Berlin, 1999, S. 170 f. 136 Ebd., vor allem S. 168–176. Siehe hierzu: Heyer, Andreas: Wolfgang Harichs Staatsbegriff und seine Demokratiekonzeption, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 7–32. Immer noch grundlegend die entsprechenden Passagen in: Schivelbusch, Wolfgang: Vor dem Vorhang. Das geistige Berlin, 1945–1948, München, Wien, 1995. Zahlreiche wichtige Hinweise und Erklärungen, Dokumente etc. finden sich in den Erinnerungen von: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. 137 Im Vorfeld des Kongresses wurde über die Teilnahme der Schriftsteller Ina Seidel, Hans Carossa, Hans Blunck, Paul Fechter und Hans Reimann, die alle in den Nationalsozialismus verstrickt waren, intensiv diskutiert. Ihre Teilnahme wurde mit einem breiten Konsens abgelehnt. Hierzu: Gansel, Carsten: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 9 f. 1527Drei Schriftstellerkongresse ein strammer SS-Mann werden können.« (1SK, 1R) Zwischen diesen beiden – wenn man so will – Extremen lagen verschiedene Mittelwege, die Harich unter Berücksichtigung der besonderen Umstände des Nationalsozialismus anerkannte. So beispielsweise die »innere Emigration«. Die »Flucht nach innen« sei angesichts des »Gesinnungsterrors« der NSDAP verständlich, da man nicht in »offener Form gegen das Regime opponieren« konnte. (1SK, 1R) Allerdings kritisierte Harich das Schweigen der Kunst in den Zeiten vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten: »Man konnte im Dritten Reich kein Buch veröffentlichen gegen die Judenverfolgungen, aber man konnte sehr wohl im Jahre 1919 protestieren gegen die schändlichen Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.« (1SK, 1R) In diesem Sinn war Harich in der Mitte des Jahres 1946 schon gegen Ernst Jünger vorgegangen. Eine Debatte, mit deren Interpretation und Darstellung sich der VIII. Teil (Ernst Jünger. Ein exemplarischer Fall) dieses Bandes beschäftigt. Das ist ein charakteristisches marxistisches Argument, wird doch eine geschichtliche Kausalität konstruiert, die vom Ersten Weltkrieg über Weimar in den Zweiten Weltkrieg führt. Gleichzeitig wird damit auch gesagt, gerade an die Adresse der SPD gerichtet, dass man 1918/19 und in der Weimarer Republik den Nationalsozialismus hätte verhindern können bzw. zumindest die Ausprägung und Verallgemeinerung jener Strömungen, Tendenzen und Vorurteile, die später seinen Aufstieg begünstigten. Auch in anderen Kontexten begegnen wir diesem Argument – zum Beispiel in Harichs Plattform. Allerdings nahm er (abweichend von der offiziellen SED-Position) 1956 auch die KPD in die Verantwortung. 138 Dies kann da ran liegen, dass das gerade angetippte Verständnis der Weimarer Zeit ein wichtiger und wesentlicher Baustein seines geschichtsphilosophischen Konzeptes war, wie es sich kurz nach dem Ersten Schriftstellerkongress herauskristallisierte und in verschiedenen Aufsätzen niederschlug.139 Und genau diese Konstellation blieb Grund- 138 Harich: Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus, in: Ders.: Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Zur nationalkommunistischen Opposition 1956 in der DDR, Berlin, 1993, S. 129–137. 139 Mehrere frühe Aufsätze sind für die Herausbildung von Harichs geschichtsphilosophischer Konzeption, die er bis hin zu den Hartmann-Manuskripten der achtziger Jahre immer weiter ausbaute, relevant: Arbeiterklasse und Intelligenz, in: Neue Welt, 1949, Heft 7, S. 57–70. Bemerkungen zu Goethes Naturanschauungen, in: Verlag Tägliche Rundschau (Hrsg.): Zu neuen Ufern. Essays über Goethe, o. O. (Berlin), o. J. (1949), S. 179–231. Die 1528 Teil XI lage von Harichs Philosophie, wie beispielsweise jener große Brief zeigt, den er am 28. März 1980 an Willy Brandt sendete.140 In diesem Sinne sei die innere Emigration kein Spezialfall der Zeit des Nationalsozialismus. »Ich glaube, man muss hier zu sprechen kommen auf das Verhängnis der deutschen Innerlichkeit, auf das Problem der deutschen Innerlichkeit, das irgendwie auch immer vermengt ist mit dem Problem der inneren Emigration. Die deutsche Innerlichkeit hat sehr köstliche literarische Früchte gezeitigt. Aber sie ist auch eine sehr gefährliche Tradition, die meiner Meinung nach beginnt mit dem Verhängnis der Trennung von subjektiver und objektiver Moral in der Reformation.« (1SK, 1R) Seinen Ausdruck finde dieses Denken in der Philosophie Karl Jaspers, der den Nationalsozialismus bagatellisiere, indem dieser von einer »allgemeinen Schuld der menschlichen Existenz« spreche. (1SK, 1R) Doch eben diese schuldhafte Verantwortung könne ausgemacht und zugeschrieben werden – von individueller Teilhabe reiche sie bis hin zum Versagen der Kultur in der Zeit vor 1933.141 Die Nennung von Jaspers in diesem Kontext ist übrigens kein Zufall, ganz im Gegenteil: Zeit seines Lebens gehörte Harich zu den Kritikern des Existenzialismus. Jaspers und Heidegger kamen dabei immer wieder zur Sprache, vermittelt sicherlich maßgeblich durch Georg Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft, das Harich als dessen Lektor ja gut kannte und auch rezensiert hatte. Aber die Existenzialismus-Kritik Harichs setzte sich von den »offiziellen« Parteibotschaften ebenso ab wie von der umfassenden, allzu schematisierenden Radikalität Lukács’. Denn Harich war bereit, anhand »deutsche« Republik, in: Neue Welt, 1948, Heft 20, S. 39–45. Die deutsche Arbeiterklasse in der Novemberrevolution, in: Neue Welt, 1948, Heft 21, S. 66–79. Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, Heft 6, 1953, S. 122–166. Über einige Probleme der Logik, in: Sinn und Form, 1952, Heft 6, S. 78–114. Union der festen Hand. Einsicht und Konsequenz, in: Aufbau, 1946, Heft 8, S. 808–827. Die Beiträge werden im Rahmen dieser Edition neu präsentiert. 140 Abdruck in: Harich: Ökologie, Frieden, Wachstumskritik, Band 8, S. 191–216. 141 »Es steckt viel Schuld auch sowohl in jedem einzelnen des deutschen Volkes, aber es steckt auch viel Schuld und mehr Schuld bei der Intelligenz, die den Menschen des deutschen Volkes nicht die Waffen in die Hand gab, sich gegen den Faschismus energisch genug zu verteidigen. Und in diesem Sinne muss uns heute jede Verächtlichmachung der Masse, jedes Snobistentum muss uns heute von vornherein suspekt sein. Denn Verachtung der Masse ist immer Verachtung jedes einzelnen Menschen, der in der Masse drinsteckt, also mithin Menschenverachtung.« (1SK, 1R) 1529Drei Schriftstellerkongresse der Inhalte zu differenzieren, und kam so beispielsweise zu einer teilweise positiven Bewertung von Simone de Beauvoir (die er freilich seinerseits auch Lukács zugestand).142 Anne Hartmann und Wolfram Eggeling schrieben über die Grundtendenzen des Kongresses: »Das so vorausgesetzte und offen formulierte operative, gegen die Trennung von Kunst und ›tatsächlichem Leben‹ gerichtete Verständnis von Literatur stand dem in der Hitlerzeit als Ausweg gesehenen Rückzug aus der Öffentlichkeit in die angeblich autonome Sphäre des Privaten entgegen, die nunmehr als politisch rückschrittlich betrachtet wurde. Bei grundsätzlicher Duldung der sogenannten ›inneren Emigration‹, deren scharfe Trennung vom ›äußeren Exil‹ man aufgehoben wissen wollte, ergab sich eine klare Abgrenzung gegenüber allen Positionen der ›Innerlichkeit‹.«143 Harichs Äußerungen werden von beiden Autoren ebenfalls in den so beschriebenen Kontext eingeordnet, der auch Änderungen für das Verhältnis von Freiheit und Literatur bzw., weitergehend noch, für die Freiheit des Schriftstellers zur Folge hatte: »Freiheit, so formulierte es Anna Seghers144, dürfe nicht als anarchische verstanden werden, sondern (mit Kant) als ›Einsicht in die Notwendigkeit‹. Die Hervorhebung des ›Dienstes am Volk‹ als höchste Verwirklichung schriftstellerischer Freiheit war, ebenso wie die polemische Abgrenzung von den westlichen ›bürgerlichen‹ Vorstellungen zu diesem Thema, ein konstitutives Merkmal sozialistischer Literaturpolitik. Und in Seghers’ Appell, ein Schriftsteller müsse seinen Mitmenschen die Wirklichkeit unter Berücksichtigung der Bewegung auf die Zukunft bewusst machen, sind deutlich Elemente der Definition des sozialistischen Realismus, wie sie seit 1934 in der Sow jet uni- 142 Die entsprechenden Hinweise bieten die Dokumente und Briefe des 9. Bandes (Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft), dort vor allem von Harich: Stellungnahme zu der Kritik des Genossen Dr. Klaus Schrickel an dem Buch Existenzialismus oder Marxismus? von Georg Lukács, S. 133–147. Siehe ebenfalls die Hinwendung Harichs zum ökologischen und feministischen Denken seit Mitte der siebziger Jahre. Der gerade erwähnte Band Ökologie, Frieden, Wachstumskritik druckt verschiedene Texte, in denen sich Harich den Quellen dieser Diskurse öffnete. 143 Hartmann, Anne; Eggeling, Wolfram: Sowjetische Präsenz im kulturellen Leben der SBZ und der frühen DDR, 1945–1953, Berlin, 1998, S. 50. 144 Seghers, Anna: Der Schriftsteller und die geistige Freiheit, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 202–208. Ricarda Huch vertrat (wie weitere Teilnehmer) eine ähnliche Position. Huch: Ruf an die Schriftsteller, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 101–103. Huch war die Ehrenpräsidentin des Kongresses und »hob einmal mehr die Bedeutung von Literatur für die Gegenwart heraus«. Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 13. Außerdem: Wende-Hohenberger: Vorwort, S. VIf. 1530 Teil XI on gültig war (Darstellung der Wirklichkeit in ihrer revolutionären Entwicklung), zu erkennen.«145 Durch diese historische Gemengelage bedingt, ergebe sich, wie Harich betont, auch das Anforderungsprofil der Literatur der Zukunft, d. h. der sozialistischen Literatur. Harich mahnte die Einheit von Volk und Intelligenz an, die sich herausbilden müsse. Die Literatur habe dem Volk zu zeigen, dass seine Wünsche und Probleme Ernst genommen und künstlerisch umgesetzt werden. Die Sehnsucht nach Freiheit, Demokratie, Frieden und Humanität seien die Hoffnungen des Volkes, die der Literatur ihren Rahmen vorgeben würden. Die Intelligenz habe hinter dem Volk zu stehen und dessen Aufgaben zu teilen. »Das heißt selbstverständlich, dass die Literatur, das Schrifttum, die Publizistik und vor allem die politische Publizistik sich auch für den kleinen Mann einsetzen muss, wenn ihm Unrecht geschieht und wenn er verfolgt wird.«146 (1SK, 2R) Das ist, mit etwas abweichender Prämissensetzung, durchaus der tragende Gedanke des Prinzips Hoffnung von Ernst Bloch. (Harich gehörte später im Aufbau-Verlag zu den »Betreuern«, Lektoren, Gutachtern usw. dieses Werkes und weiterer Schriften, Bände von Bloch. Siehe den entsprechenden Teil XIV: Ernst Bloch.) Das hier von Harich kurz angerissene Programm darf nicht mit den brachialen Aspekten des sozialistischen Realismus verwechselt werden. Dieser brachte, zur Parteidoktrin erhoben, kaum Nutzen. Ganz im Gegenteil mutierte er zügig zu einem Instrument der Unterdrückung künstlerischer Freiheiten nach ideologischen Vorgaben. Harichs Vision eines Bündnisses von Intellektuellen und Arbeitern scheiterte schon einige Jahre später. 1953 ließen die Intellektuellen die Demonstranten des Juni-Aufstandes im Stich.147 Nur einige wenige versuchten mit dem Volk gemeinsam Änderungen herbeizuführen – Harich war, gemeinsam mit Bertolt Brecht, einer von ihnen. Bekannt ist aus diesen Tagen sein Zeitungsartikel Es geht um den Realismus, in dem er die Staatliche Kunstkommission massiv angriff.148 Darüber hinaus verfasste er zahlreiche weitere 145 Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 50. 146 Eben dies in der Nachkriegszeit nicht zu tun, warf Harich ja zum Beispiel Erich Kästner vor. Harich: Erich Kästner wird fünfzig, Neuabdr. in diesem Band. 147 Gut aufgearbeitet ist Harichs Verhalten 1953 in: Eckholdt: Begegnung mit Wolfgang Harich, S. 5–17. Das entscheidende Treffen zwischen Brecht und Harich (der damals im Krankenhaus lag und von Brecht besucht wurde) schildert: Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 124. 148 Harich: Es geht um den Realismus, in: Berliner Zeitung vom 14. Juli 1953. 1531Drei Schriftstellerkongresse Aufsätze, Beiträge, Denkschriften und Eingaben, die teilweise bis heute unbekannt sind und in seinem Nachlass lagern. Auch der Zweite Diskussionsbeitrag Harichs ist eher politisch denn literarisch-künstlerisch motiviert. Um den Frieden zu verwirklichen, so Harich programmatisch, dürfe man vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschrecken. »Panzerwagen ist (nicht) gleich Panzerwagen«, oder anders formuliert: »Es ist nicht dasselbe, wenn im Jahre 1933 die Bücher von Thomas Mann und im Jahre 1945 die Bücher von Alfred Rosenberg verbrannt wurden. Ein gewaltiger Unterschied.« (1SK, 2R) Siegfried Prokop hat diese Ausführungen in den historischen Kontext eingeordnet: »Harich war, wie diese Passagen zeigen, voll erfüllt von den Idealen des ostdeutschen Zeitgeistes. Für ihn war klar, dass sich der für bürgerliche Gesellschaftsverhältnisse typische Widerspruch zwischen Geist und Macht im Sozialismus auflösen würde. Sozialismus war für Harich gleichbedeutend mit dem Beginn eines ›Reiches der Freiheit‹. So war es für ihn nur logisch, dass der Schriftsteller einer Gesellschaft gegenübertreten könne, die über eine politische Kultur des Widerspruchs verfügt.«149 Harich zu Folge seien historische Konstellationen vorstellbar, in denen Gewalt angewendet werden müsse, um das »Gute«, das »Richtige«, das »Beste« zu verwirklichen. Beispiele waren für ihn die Französische Revolution, die Russische Revolution und die gegenwärtige Situation am Ende des Zweiten Weltkrieges. Es komme einem »lächerlich vor, was gegen Gewaltanwendung in der Vergangenheit gesagt wurde, wenn die Gewalt nach vorn ging, wenn sie revolutionär war, wenn sie einen fortschrittlichen Zweck erfüllte und wenn sie Hinderungen, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Wege stehen, beiseite räumte.« (1SK, 2R) Die Intelligenz müsse diese »notwendige« Gewalt propagieren und verteidigen, sonst entstünden Situationen wie etwa in der Reformation, als Martin Luther den Krieg gegen die Bauern theoretisch rechtfertigte und praktisch mitinitiierte. Zwar sei die vorrangige Aufgabe der deutschen Intelligenz da rin zu sehen, die Demokratie so zu stärken, »dass die Besatzungsmächte keine Gewalt mehr anwenden müssen«. (1SK, 2R) Doch gerade die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sowie die Aufarbeitung seiner Ursachen und Nachwirkungen verändere diese Aufgabe: »Der Kampf gegen den Faschismus ist ein Kampf, der verschiedenartige Mittel erfordert, 149 Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 52. 1532 Teil XI geistige Mittel, Mittel der Überzeugung, der Überredung, der Diskussion, der Belehrung, der Pädagogik, aber unter anderem auch Mittel der Gewalt.« (1SK, 2R) Harich hat auch die Kehrseite dieser Auseinandersetzung benannt: Während der Kampf für den sozialistischen Fortschritt auch den Einsatz von Gewalt möglich mache, so dürfe doch nicht davon gesprochen werden, dass der Schriftsteller nur in der Opposition zu seinen Thesen und Ausdrucksmöglichkeiten finden könne.150 Am Aufbau der sozialistischen Zukunft habe er sich aktiv zu beteiligen. »Aber dort, wo das Konstruktive, Gute, Aufbauende, Fortschrittliche im Wachsen und Werden ist, da muss der Schriftsteller auch konstruktiv bejahend und – unter der Vo raus set zung, dass der Staat der Staat des Volkes ist – auch staatserhaltend sein, wenn Sie dieses Wort gestatten.« (1SK, 2R) 3. Der Skandal um Lasky Wenn heute über den Kongress gesprochen oder geschrieben wird, dann finden sich immer auch Aussagen zu dem Skandal, den der amerikanische Journalist Melvin Lasky auslöste. Er referierte zu dem Thema Freiheit und Demokratie. Dabei attackierte er, wie gleich zu zeigen ist, auch die Sow jet uni on deutlich. Werner Mittenzwei schrieb rückblickend, dass mit Laskys Rede jene »Diktion« zu Wort kam, »die in den folgenden Jahrzehnten, fast ein halbes Jahrhundert lang, die literarische Auseinandersetzung zwischen Ost und West bestimmte. Dabei griff er in seiner Rede noch nicht einmal auf die schlimmsten Äußerungen des sowjetischen Kulturpolitikers Shdanow zurück. Aber Lasky ging auch nicht auf die Verhältnisse in Amerika ein, was nicht weniger schlimm und beschämend war.151 In seinem Land mussten sich Brecht und elf seiner amerikanischen Kollegen vor dem House UN-American Activities Committee verantworten. Weil sich Brecht auf dieses Verhör vorbereitete, konnte er nicht am Kongress teilnehmen.«152 Im Sinne dieser Vorwürfe gegen Lasky hatte sich 1947 schon Harich in der Weltbühne geäußert. Er fragte, welche Entscheidungen der amerikanischen Politik Lasky eigentlich kritisiere, wofür bzw. wogegen er Partei ergreife: »Gegen die rechtlose Einkerkerung Gerhart Eislers? Gegen die schikanöse Behandlung seines Bruders, des Komponisten Hanns Eisler? Gegen die widerwärtigen Gesinnungsschnüffeleien des Faschisten Ran- 150 Siehe hierzu: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 50. 151 Der Vorwurf ist so nur teilweise zutreffend. Wir werden da rauf zurückkommen. Siehe: Lasky: Redebeitrag, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 298 f. 152 Mittenzwei, Werner: Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945 bis 2000, Berlin, 2003, S. 55 f. 1533Drei Schriftstellerkongresse kin? Gegen die Intrigen, denen Charlie Chaplin ausgesetzt ist? Gegen die Metternichmethoden, mit denen man den Anna Seghers-Film Das siebte Kreuz und den neuesten Roman von Sinclair Lewis von Deutschland fernhält? Gegen die Ausbootung Carlebachs aus der Frankfurter Rundschau? Oder wogegen sonst? Nein und abermals nein! Mr. Lasky schwimmt im Opportunitätsstrom der amerikanischen Rechten und beträgt sich dabei päpstlicher als der Papst (…).« (IGb) In letzter Konsequenz war Lasky Mittenzwei zu Folge nicht mehr und nicht weniger als ein staatlich bestellter Agitator Amerikas. »Was Laskys Rede jedoch für die einen zum Ereignis, für die anderen zum Skandal machte, war nicht seine einseitige Kritik, sondern jener Radschlag eines Pfaus, zu dem Intellektuelle aller Seiten von ihren Regierenden immer wieder veranlasst werden, um politischen Wendungen Überzeugungskraft zu verschaffen. Bisher war es nicht üblich gewesen, dass Vertreter einer Besatzungsmacht die andere vor einem deutschen Publikum beschimpften. Aber eben dieses Prinzip kündigten die Alliierten 1947 auf.«153 Laskys Ausführungen besaßen auch deshalb das Potential, die Epoche des kulturellen Kalten Krieges erstmals (und äußerst symbolträchtig) auszudrücken, weil sie in einer historischen Situation getätigt wurden, die vor eben dieser Differenzierung stand. Carsten Gansel hat ausgeführt, dass die versammelten Autoren bewusst versuchten, »dem Auseinanderleben der Deutschen in den verschiedenen Besatzungszonen entgegenzuwirken. Dies hielten die Teilnehmer für entscheidend, da bereits im Vorfeld des Kongresses die ideologische Polarisierung zwischen den Großmächten zugenommen und sich auf den Bereich der Literatur und Kunst ausgewirkt hatte. Es handelte sich bei den beginnenden Kon tro versen im kulturpolitischen Bereich um einen Prozess, der Folge der beginnenden politischen und kulturellen Ausdifferenzierung unterschiedlicher Systeme war.«154 Die Schriftstellerkonferenz fand eindeutig in einer Umbruchzeit statt: »Am Ende der ersten, noch offenen Phase der Nachkriegsentwicklung und am Beginn der zweiten, der der Konfrontation des Kalten Krieges, die für viele Jahre bestimmend werden sollte. Leicht ist es heute, von Illusionen zu reden, wenn man das Bemühen von Schriftstellern beobachtet, den Riss zu überspannen, der damals gezogen wurde.«155 153 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 56. 154 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 10. 155 Reinhold/Schlenstedt: Vorgeschichte, Umfeld, Nachgeschichte des Ersten Deutschen Schriftstellerkongressses, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 14. 1534 Teil XI Laskys Redebeitrag markierte nicht nur eben diesen »Riss«. Quasi über Nacht wurde Lasky eine Berühmtheit. »Nach dem Kongress war er ein Held der westlichen Welt. Eine glänzende Karriere stand ihm bevor. Ein Jahr später wurde er Chefredakteur der Zeitschrift Der Monat, die vom amerikanischen Geheimdienst mitfinanziert wurde.«156 Harich schrieb – über die Monate vor der Rede: »Mr. Lasky ist der Berliner Korrespondent zweier belangloser Journale jener ›heimatlosen Linken‹, deren ›Heimatlosigkeit‹ da rin besteht, dass sie am prächtigsten unter der Protektion der finsteren Reaktionäre zu gedeihen pflegt. (…) Die Partisan Review, die amerikanische Trotzkistenzeitschrift, die Mr. Lasky in Berlin vertritt, schwamm im Kriege in der Tat gegen den Strom, gegen den Strom nämlich des antifaschistischen Freiheitskrieges der Vereinten Nationen, also mit dem Strom der Hitlerschen Aggression, und ihre ›Unabhängigkeit‹ bestand da rin, dass sie von den isolationistischen Reaktionären der Wall Street ausgehalten wurde.« (IGb) Lasky hatte am 7. Oktober 1947 geredet, am 8. Oktober, dem letzten Tag der Konferenz, verbot die amerikanische Militärverwaltung in ihrem Sektor den Kulturbund.157 Es wurde zurecht da rauf hingewiesen, dass Laskys Beitrag nicht isoliert betrachtet werden dürfe. Die sowjetischen Delegierten hatten die Konferenz von Anfang an als Chance politischer Selbstdarstellung und der Auseinandersetzung mit den westlichen 156 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 56 f. Nicht nur Der Monat, auch weitere Zeitschriften (Preuves, Paris, Encounter, London, Forum, Wien, Cuadernos, Madrid) wurden mit CIA-Mitteln finanziert, wie 1961 aufgedeckt wurde. Dies ist ein wichtiges Indiz dafür, dass Lasky 1947 tatsächlich die neue amerikanische Position vertrat, also nicht als privates Individuum, sondern gleichsam als »offizieller« Sprecher handelte. Siehe hierzu: Anmerkung 299, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 477 f. 157 »Mit dem Kulturbundverbot, das wohlüberlegt am letzten Tag des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses erfolgte, wurde den deutschen Intellektuellen zu verstehen gegeben, dass sie sich für die östliche oder westliche Seite entscheiden müssten.« Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 35. Schon vorher hatte es in den westlichen Besatzungszonen zahlreiche Verbote unterschiedlichster Art gegenüber »linken« Künstlern und Schriftstellern gegeben. Alexander Dymschitz (r) und Sergei Tjulpanow im Mai 1946 1535Drei Schriftstellerkongresse Systemen betrachtet. Schon in seiner Begrüßungsrede hatte Alexander Dymschitz158 eine ideologiegeprägte Sprache benutzt, die derart aufgeladen war, dass sogar im Neuen Deutschland bei der offiziellen Berichterstattung Korrekturen vorgenommen wurden. Noch nicht einmal den Lesern des Parteiorgans der SBZ wollte man die sowjetische »Kampfansage« zumuten.159 So gesehen ist Lasky zu attestieren, dass er ein Stück weit reagierte und nicht nur agierte. Weit weniger glaubhaft ist dagegen die Aussage Laskys, dass er von Günther Birkenfeld erst am Abend des 6. Oktober, also einen Tag vor seinem Auftritt, zum Vortragen eines Referats überredet wurde.160 Hier handelt es sich maximal um den Versuch einer Aufhübschung der eigenen Biographie. Ist doch durchaus vorstellbar, dass Lasky von seiner damaligen Rolle mit einigem Abstand selbst peinlich berührt war. Was hatte Lasky gesagt? Zuerst begrüßte er die Anwesenden als »unabhängiger amerikanischer Schriftsteller« (der er nicht war, weder unabhängig noch Schriftsteller), um die »neu gewonnenen Freiheiten« zu diskutieren.161 Seine These war, dass sich kulturelle Freiheit und Totalitarismus antagonistisch gegenüberstehen. »Das Übel zu hassen, ist eine gute Sache; aber wir müssen wissen, worin das Übel besteht und wie man es am besten bekämpft. Das heißt, dass wir die Prinzipien des Totalitarismus und die Prinzipien der kulturellen Freiheit verstehen und aus diesem Verständnis handeln müssen.«162 Die Amerikaner könnten auf eine lange Tradition permanent wachsender Freiheit zurückblicken, die Geschichte des Landes zeige die kontinuierliche Zunahme von Freiheiten, bürgerlichen Errungenschaften, individuellen Rechten und Debatten. Nicht zuletzt garantiere die Meinungsfreiheit immerwährende Diskussionen und damit die Erkenntnis des allgemeinen Besten als Ergebnis von Auseinandersetzungen. Ja, sie fungiere gleichsam als Basis der Zivilisation.163 Dies äußere sich auch als Kontrast zwischen der offiziellen Politik des Landes und dem Denken der Künstler. Oder anders formuliert: Der Staat garantiere jenen Rahmen, in dem die Künstler ihre Kritik am Staat vortragen können. 158 Dymschitz, Alexander: Begrüßungsrede, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 87 f. 159 Siehe hierzu: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 51. 160 So: Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 52. 161 Lasky: Redebeitrag, S. 295. 162 Lasky: Redebeitrag, S. 296. 163 »Für die meisten Amerikaner ist ein politisches und kulturelles Leben ohne das Aufeinanderprallen und Miteinanderringen der Ideen, ohne Kritik, ohne Opposition, ohne Meinungsverschiedenheiten und ohne das Recht auf uneingeschränkte Meinungsfreiheit undenkbar. (…) Es ist die Vo raus set zung für eine ausgeglichene und zivilisierte Regierung.« Lasky: Redebeitrag, S. 296 f. 1536 Teil XI Der Zweite Weltkrieg, so Lasky weiter, habe allerdings eine gewisse Zäsur erbracht: »In den vergangenen Jahren war diese politische Freiheit für die Schriftsteller und Verleger jedoch einer harten Probe unterworfen. Während des Krieges wurden ihr viele vorübergehende Beschränkungen auferlegt. Ehrgeizige Bürokraten in Washington hatten die Möglichkeit, die amerikanische Publizistik zu beeinflussen. Es war oft schwer, offen zu schreiben. Dennoch blieb der Amerikaner ein Rebell. Er kritisierte, wenn er es für richtig hielt, die Kriegsführung Präsident Roosevelts. Er gab seiner Meinung über Indien und Palästina freien Ausdruck, obwohl England ein Verbündeter war. Er verteidigte deutsche Antinazis und weigerte sich, dem blinden Hass gegen einen militärischen Gegner freien Weg zu lassen, der das verbrecherische Naziregime mit ganz Deutschland identifizierte. Er begrüßte den heroischen Kampf des russischen Volkes gegen den Hitlerismus und konnte gleichzeitig sagen, dass das gegenwärtige Regime in Russland unglücklicherweise eine wenig anziehende Diktatur sei.«164 An dieser Stelle zeigt sich Laskys Argumentationsstrategie. Auf den ersten Blick scheint er Amerika zu kritisieren. Doch mit jenen Büchern, die nicht erscheinen durften, sind nicht die Werke der verbotenen kommunistischen Literatur (und auch nicht die damit einhergehende äußerst rigide Politik gegen alle Intellektuellen, die unter Kommunismus-Verdacht standen) gemeint. Vielmehr sprach Lasky von den Büchern, in denen der Kommunismus negativ betrachtet wurde.165 Es kann daher Werner Mittenzweis Beobachtung zugestimmt werden, dass Lasky die eigentlich drängenden und dringlichen Vorwürfe gegen Amerika nicht erhob.166 Ein weiterer Punkt ist, dass Lasky oft von Totalitarismus sprach und nur selten vom Faschismus. Mit dem Oberbegriff des Totalitarismus glaubte er, beide Regime erfassen zu können: Den Nationalsozialismus und die Sow jet uni on. »Für einen Menschen, der 164 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 165 »Er (der Amerikaner, AH) durfte zum Beispiel Trotzkis Biographie über Stalin nicht herausbringen, obwohl schon einige Exem plare zur Besprechung an die Presse gegangen waren. Die Beamten in Washington glaubten, dass es die Beziehungen zu Moskau trüben könnte. In dieser Zeit wurden viele ehrliche und unabhängige Bücher zurückgehalten, die Kritik an der sowjetischen Diktatur, an dem kommunistischen Einparteiensystem, an dem russischen Apparat der politischen Konzentrationslager und der Zwangsarbeit übten. Aber ich bin froh, sagen zu können, dass sie nur zurückgehalten wurden. Sie sind inzwischen sämtlich veröffentlicht.« Lasky: Redebeitrag, S. 298. Die einzige Einschränkung der Freiheit war Lasky zu Folge also die zeitweise Unterdrückung antikommunistischer Schriften, um die Sow jet uni on nicht zu verärgern. Weitere Probleme gab es nicht. 166 Mittenzwei: Die Intellektuellen, S. 55 f. 1537Drei Schriftstellerkongresse an Demokratie glaubt und die menschlichen Rechte, kennt die Sorge um die Freiheit und die menschlichen Rechte keine nationalen Grenzen.«167 Teilweise erhielt Lasky für diese Ausführungen auf dem Kongress Beifall, sahen doch auch einige der Westemigranten eine ähnliche Konstellation. Auf der Basis seiner Ausführungen setzte er dann zu seiner zentralen These an: Auch in der Sow jet uni on werde die Kultur unterdrückt. Gerade die deutschen Intellektuellen seien angesichts dieser Situation besonders gefordert.168 Lasky formulierte, seine Solidarität gelte den »Schriftstellern und Künstlern Sowjetrusslands. Auch sie kennen den Druck und die Zensur. Auch sie stehen im Kampf um die kulturelle Freiheit, und ich glaube, wir alle müssen ihnen unsere offenherzige Sympathie entgegenbringen. Wir wissen, wie deprimierend es ist, mit dem Bewusstsein zu arbeiten, dass hinter einem der politische Zensor steht und hinter diesem die Polizei. Denken Sie da ran, was es für die russischen Schriftsteller bedeuten muss, dauernd in Sorge zu sein, ob die neue Parteidoktrin, ob die revidierte Staatsform des sozialen Realismus oder Formalismus oder Objektivismus oder was auch immer es sei, nicht bereits überholt ist und sie vielleicht über Nacht schon als ›dekadente konterrevolutionäre Werkzeuge der Reaktion‹ abgestempelt hat. Denken Sie da ran, wie demütigend es für einen bedeutenden Künstler wie Sergej Eisenstein, dessen Panzerkreuzer Potemkin und Zehn Tage, die die Welt erschütterten in der westlichen Welt noch immer als Meisterwerke der Filmkunst angesehen werden, sein muss, alle paar Jahre vor einem argwöhnischen Politbüro zu erscheinen, um gestehen zu müssen, dass er bis dahin einfach nicht richtig verstanden habe, welches die wahren ästhetischen Prinzipien seien, die der sowjetischen Kunst zu Grunde liegen müssten.«169 Lasky thematisierte die Unterdrückung der Kultur in totalitären Regimen und am Schluss seines Vortrages schlug er dann den Bogen, dass, so gesehen, auch die Sow jetuni on eine totalitäre Diktatur sei. Während seiner Rede wurde Lasky mehrfach von Beifall, Zwischenrufen und kritischen Anmerkungen unterbrochen. Das Protokoll verzeichnet auch »starke Unruhe« und »Entrüstung bei einem Teil der Kongressteil- 167 Lasky: Redebeitrag, S. 299. 168 »Die deutsche Intelligenz, die den Nationalsozialismus überlebt hat, weiß wie wenige Intellektuelle in der Welt um die furchtbare Bedeutung einer versklavten, totalitären Kultur. Der deutsche Schriftsteller weiß, was es bedeutet, der Gnade einer diktatorischen Partei und fanatischer politischer Funktionäre ausgeliefert zu sein.« Lasky: Redebeitrag, S. 296. 169 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 1538 Teil XI nehmer, Zustimmung bei einem anderen Teil«.170 Nachdem er die Sow jet uni on direkt benannte, lauteten die Zwischenrufe: »Weniger Lügen! Hanns Eisler! Bruch des Gastrechts! So kann doch ein ausländischer Gast nicht sprechen!«171 Allerdings reagierte nur ein Diskutant auf der Konferenz direkt auf Laskys Ausführungen. Valentin Katajew bezeichnete Lasky (es sei erlaubt festzustellen: durchaus berechtigt) »als lebendigen Kriegsbrandstifter«172. Dieser sei »nicht eine Persönlichkeit, sondern eine Erscheinung«, d. h. Lasky repräsentiere einen bestimmten Typus – den des amerikanischen antikommunistischen Kriegstreibers.173 In diesem Sinne sei alles, was er über die Sowjet uni on sage, kaum mehr als ideologisch motivierte Propaganda: »Das, was der unbekannte Lasky über die Sow jet uni on sprach, ist natürlich von Anfang bis zu Ende eine Lüge. Eine solche Lüge ist keine Neuheit für uns. Noch der verstorbene Dr. Goebbels hat sich derselben Mittel bedient in der Hetzerei gegen die Sow jet uni on. Womit das endete, dürfte allen bekannt sein.«174 4. Harichs Abrechnung mit Lasky Nach der Konferenz wurde Laskys Beitrag wie schon erwähnt zum Skandal.175 Viele Zeitschriften und Zeitungen thematisierten die Rede. Verwiesen sei aber auch auf Hans Mayer, der in den Frankfurter Heften einen Bericht über den Kongress veröffentlichte, ohne den Fall anzusprechen: »Die Episode Lasky kam nicht vor; immer noch hoffte ich, mit vielen anderen, dass trotz allem eine Kontinuität denkbar sein könnte.«176 170 Lasky: Redebeitrag, S. 300. 171 Lasky: Redebeitrag, S. 301. 172 Katajew, Valentin: Redebeitrag, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 336. 173 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 174 Katajew: Redebeitrag, S. 336. Auch, allerdings antisozialistisch verzerrend: Rüther, Günther: Greif zur Feder, Kumpel. Schriftsteller, Literatur und Politik in der DDR, 1949–1990, Düsseldorf, 1991, S. 34. 175 Eine Liste aller Zeitgenössischen Berichte, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, S. 500 f. 176 Mayer: Ein Deutscher auf Widerruf, S. 395. Auch: Mayer: Macht und Ohnmacht des Wortes, in: Frankfurter Hefte, 1947, Heft 12, S. 1179–1181. Valentin Katajew in den 20er Jahren 1539Drei Schriftstellerkongresse Mayer schrieb nicht über Lasky, um die Möglichkeit weiterer Treffen aller Schriftsteller zu erhalten, jenseits aller Zonen- und Ländergrenzen. (Mit Hans Mayer arbeitete Harich in den ersten Jahren der DDR mehrfach zusammen, verbunden u. a. durch den gemeinsamen Freund Paul Rilla, zu dessen Tod beide die Trauerreden hielten.177 In der Täglichen Rundschau war Harich für Mayers Beiträge verantwortlich. Mayer ermöglichte, zusammen mit Georg Lukács und Rilla den Druck von Harichs Neuedition des Herder-Buches von Rudolf Haym – durch die entsprechenden positiven Gutachten.178 Später zerstritten die beiden sich völlig – Anlass war Harichs Kritik am Thomas-Mann- Buch von Mayer.179) Anders als Mayer hat sich Harich in dem Weltbühne-Artikel Im Gespräch bleiben! zu diesem Thema geäußert und dabei auf die von Katajew geprägte Struktur zurückgegriffen. Er betonte die starken ideologischen Gegensätze der unterschiedlichen politischen Lager in Deutschland. Eine These, die ihre Rechtfertigung für ihn dadurch gewann, dass eben in den westlichen Besatzungszonen faschistische Autoren wie Hjalmar Schacht180, die Brüder Jünger (siehe den entsprechenden Teil VIII in diesem Band) oder Ernst von Salomon politisch weitestgehend unbehelligt blieben, wohingegen kommunistische Autoren vor allem im amerikanischen Sektor verboten wurden, nicht publizieren konnten, sich nicht organisieren durften und teilweise verhaftet wurden. In der SBZ hingegen sah er den kulturellen und von »oben« organisierten Aufschwung,181 an dem er sich ja intensiv beteiligte und der die große Mehrzahl der antifaschistischen Schriftsteller, Künstler und Gelehrten umfasste. Und die Teilnehmerliste des bereits angesprochenen Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses liest sich wie ein Who’s-Who der deutschen Intelligenz – wohnhaft zum größten Teil in der sowjetischen Zone. Harich ging davon aus, dass der Kampf gegen den Faschismus die eigentlich »im Ster- 177 Harich: In Memoriam Paul Rilla. Trauerrede, in: Sinn und Form, 1955, Heft 1, S. 114–119. (Neuabdr. in: Band 4: Herder und das Ende der Aufklärung, S. 57–63.) Mayer, Hans: Gedenkrede, in: Sinn und Form, 1955, Heft 1, S. 120–134. 178 Harichs Einleitung (Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes) neu abgedr. in: Band 4, S. 311–446. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts, S. 291–310. 179 Siehe hierzu: Heyer: Der gereimte Genosse. 180 Siehe: Harich: Offener Brief an Ernst Rowohlt, in: Die Weltbühne, Nr. 40, 1948, S. 1253– 1258. Harich: Nochmals: Schacht und Rowohlt, in: Die Weltbühne, Nr. 7, 1949, S. 255–257. (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 250–258, 271–276.) 181 Exem plarisch: Harich: Das Fettpaket und die Musen, in: Die Weltbühne, Nr. 14, 1949, S. 465–468. (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 276–281.) 1540 Teil XI ben liegende« bürgerliche Lebensart (und Kultur) und den fortschrittlichen Sozialismus zumindest auf kulturellem Gebiet ein letztes Mal vereinigt habe.182 Mit dem Ende des Gegners Faschismus würden nun die Differenzen noch deutlicher hervortreten. Eine Position, die sich in dieser Denkrichtung etwa auch bei Alfred Kantorowicz findet.183 Harich schrieb: »Die heftige Differenzierung innerhalb des Lagers der antifaschistischen Intelligenz, die nur einig sein konnte, solange der gemeinsame Feind Deutschland beherrschte, und die sich mehr oder minder schnell wieder entzweien musste, sobald die Klammer des Terrors zerbrach – diese Differenzierung hat ihre Ursache in dem fundamentalen Gegensatz zwischen bürgerlicher und sozialistischer Ideologie. Der Faschismus war ein letzter und schlimmster Auswuchs der bürgerlichen Sozialordnung, ein Auswuchs aber, der nicht nur das Proletariat, sondern breite Schichten des Bürgertums selbst in Mitleidenschaft zog.« (IGb) Das bürgerliche Lager, so Harich weiter, könne den Nationalsozialismus bekämpfen. Allerdings nur die Erscheinungen bzw. die ausgeprägte historische Gestalt. Die Ursachen des Faschismus würden den Bürgerlichen verborgen bleiben. Sie zu benennen bedeute, den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen. »Der bürgerliche Schriftsteller, welcher speziellen Richtung auch immer, konnte daher sehr wohl aus ehrlicher Überzeugung Gegner des National›sozialismus‹ sein, konnte ›Ausrichtung‹ und Bevormundung, Sprachschändung und Nivellierung der Persönlichkeitswerte usw. als Qual empfinden und vor Entsetzen über die Gräueltaten und Schändlichkeiten der braunen Tyrannen erstarren. Was er, seiner bürgerlichen Per spek ti ve wegen, aber nicht konnte, war dies: Die sekundären, abgeleiteten Phänomene auf ihren sozialen Ursprung zurückführen, hinter den Konsequenzen, unter denen er Unsägliches litt, die Ursachen aufzuspüren, kurzum: In den Unerträglichkeiten, die zwölf Jahre lang in seinen bürgerlichen Gesichts- und Erlebniskreis hineinragten, den Klassencharakter und die reaktionäre Funktion des Faschismus entziffern.« (IGb) 182 Ein Befund, der durch die Beiträge zum Ersten Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, der 1935 in Paris stattfand, nicht vollständig bestätigt wird. Schon damals war absehbar, dass bürgerliche und sozialistische Schriftsteller aneinander vorbei redeten. Das ist insofern wichtig, als einige der Teilnehmer der Berliner Konferenz schon in Paris gesprochen hatten. Siehe die Edition: Paris. 1935. Erster Internationaler Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur. Reden und Dokumente, hrsg. von Wolfgang Klein, Berlin, 1982. 183 Kantorowicz, Alfred: Schriftsteller in der Emigration, in: Erster Deutscher Schriftstellerkongress, a. a. O., S. 142–147. 1541Drei Schriftstellerkongresse Es sind dies eben jene Argumente, die Harich schon im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit Erich Kästner vortrug. Ja, über das Bisherige hinausgehend, formulierte Harich noch deutlicher: Es sei nicht von zentraler Bedeutung, den Faschismus abzulehnen, vielmehr müsse sein Wesen durchschaut werden.184 Eine Bemerkung, die eine der Konstanten seines frühen Denkens bildet. Das bevorstehende Ende des bürgerlichen Lagers, markiert durch die Oktoberrevolution, führe die sozialistischen Schriftsteller zur Einsicht in den Klassencharakter der Kunst. Nicht zwischen Ost und West, zwischen bürgerlicher und sozialistischer Demokratie verlaufen die Grenzen. Diese seien einzig sozialer Natur, d. h. Ergebnis der gesellschaftlichen und staatlichen Situation. Wir haben bereits gesehen, dass Harich die endgültige Überwindung des Nationalsozialismus an die gesellschaftliche Umformierung in Richtung Sozialismus koppelte. »Die Grenzlinie, an der die geistigen Auseinandersetzungen entbrannt sind, ist sozialen, nicht geographischen Charakters, sie schneidet horizontal durch unsere Gesellschaft, nicht als Demarkationslinie durch unser Land.«185 Von zentraler Bedeutung sei, diesen »Klassenantagonismus« anzuerkennen, damit über ihn diskutiert werden könne. Doch es ist nicht das bürgerliche Diskussionsprinzip, das Harich an dieser Stelle einfordert, sondern eine Art sozialistische Variante (in der Idealvorstellung, nicht in der Realität). Im Mittelpunkt steht nämlich nicht der potentiell zu erzielende Kompromiss, sondern der Austausch als solcher – über Differenzen, Gemeinsamkeiten, Probleme oder Hoffnungen. Damit wird die zu treffende Wahl an das Individuum übergeben, das sich positionieren muss. Es war der rätesozialistische bzw. der genossenschaftliche Gedanke, der hier Pate stand. »Entscheidend bleibt, dass auf jeder Seite Loyalität, Diskussionsbereitschaft und menschliche Respektierung des 184 »Während der Nazizeit mochte es zur Bewahrung der inneren Anständigkeit genügen, den Faschismus abzulehnen. Heute kommt es da rauf an, das Wesen des Faschismus zu erkennen und zu durchschauen, um den Anfängen einer gleichen oder ähnlichen Schmach rechtzeitig begegnen zu können.« (IGb) 185 Harich: »Die Gegensätze im Geistigen sind heute notwendige Modifikationen der sozialen Schichtung. Viel heftiger, als es geschah, hätten sie auf dem ersten Schriftstellerkongress ausgetragen werden müssen. Wenn sie verschwiegen oder mit höflichen Floskeln überspielt werden, so müssen sie sich unweigerlich zu unersprießlicher Feindseligkeit verhärten. Nur dann, wenn sie überall in Deutschland offen konfrontiert werden, gibt es eine Hoffnung, über alle ideologischen Differenzierungen hinweg doch noch zu einer Gemeinsamkeit gegenüber den wichtigsten Schicksalsfragen unserer nationalen Existenz zu gelangen.« (IGb) 1542 Teil XI Gesprächspartners, auch wenn er anderer Meinung ist, gewahrt werden, damit die Grenzlinie, die unantastbar da ist und auf Grund der gegenwärtigen Konstellation da sein muss, sich auf keinen Fall zu einem unüberbrückbaren klaffenden Abgrund vertiefe. Wenn Überzeugung gegen Überzeugung steht, so ist nicht der matte Kompromiss, der immer nur eine trübe Atmosphäre der Lüge und des Misstrauens erzeugen kann, wohl aber das ehrliche, offene Streitgespräch der beste Brückenschlag, der sich denken lässt.« (IGb) Nicht zuletzt klingt an dieser Stelle Harichs vielleicht wichtigstes Anliegen bereits durch: Die deutsche Einheit dürfe nicht gefährdet, vorhandene Gräben und Differenzen nicht vertieft oder gar auf Dauer gestellt werden. In seinem Artikel in der Weltbühne hatte sich Harich auch mit Lasky auseinandergesetzt. Nachdem er diesem wie schon Valentin Katajew die Bezeichnung Schriftsteller absprach,186 interpretierte er Laskys Rede als Teil der amerikanischen Politik gegenüber der Kultur der SBZ. Laskys Verhalten wäre »dreist«, es sei »eine Unverschämtheit, uns Mr. Lasky als amerikanischen Vertreter auf unserem Schriftstellerkongress zuzumuten«. Die Amerikaner hätten mit Laskys Entsendung ihre »tiefe Missachtung« gegenüber dem Kongress zum Ausdruck gebracht. Laskys Anschuldigungen gegenüber der Sowjet uni on seien falsch und unhaltbar. Er habe »von den sehr lebhaften und keineswegs monotonen kulturpolitischen Auseinandersetzungen in der Sow jet uni on keinen blassen Schimmer«. (IGb) Die zentrale Übereinstimmung der Ausführungen von Harich und Katajew bezieht sich auf den Vorwurf, dass Lasky einen bestimmten Typus bzw. die amerikanische SBZ-Politik repräsentiere. »Die deutschen Schriftsteller haben in Mr. Lasky die mustergültige Personifikation all der plumpen und behutsamen, raffinierten und naiven, brutalen und sanften, offenen und versteckten Spaltungstendenzen zu Gesicht bekommen, die seit Jahr und Tag jeden Versuch, durch offenherzige Diskussion und tolerante Respektierung anderer Meinungen zu einer freiheitlichen Gemeinsamkeit zu gelangen, vereiteln.« (IGb) Sah Katajew noch den »Kriegsbrandstifter«187 Lasky, so fo kussier te Harich über diesen Vorwurf hinausgehend dessen Wirken vor allem als Versuch, die Einheit Deutschlands zu verhindern – wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich motiviert. »Die Laskys sind täglich und stündlich am Werk. Sie wollen uns mit allen Mitteln der De ma gogie und Camouflage in eine ›Unabhängigkeit‹ hineinzwingen, die mit Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Nation und mit sklavischer Abhängig- 186 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 187 Katajew: Redebeitrag, S. 336. 1543Drei Schriftstellerkongresse keit von der Willkür anonymer Wirtschaftsmächte identisch wäre. Untereinander werden wir uns nicht scheuen, unsere Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten mit radikalem Bekennermut auszutragen. Aber gegen die Laskys müssen wir zusammenhalten. Wie gegen den Antisemitismus, gegen die Kriegshetze, gegen die Zerreißung unseres nationalen Zusammenhalts.« (IGb) Der Schriftstellerkongress zeigt heute ein doppeltes Gesicht. Einerseits stellte er den Versuch dar, die deutsche Intelligenz zu versammeln und für den Wiederaufbau Deutschlands sowie den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu gewinnen. Andererseits markierte er das Scheitern eben dieses Ansatzes – maßgeblich wegen des Verhaltens der USA. »Der Verlauf des Ersten Deutschen Schriftstellerkongresses (…) und die Streitigkeiten in seinem Umfeld hatten bloßgelegt, dass die Bündnisstrategie unter antifaschistisch-demokratischem Vorzeichen von der realpolitischen Entwicklung de facto bereits überholt war. Die Programmatik des Zusammenwirkens aller aufbauwilligen Kräfte wurde im Zuge der Zwei-Lager-Theorie Shdanows durch die Forderung abgelöst, Position zu beziehen und sich zum sozialistischen Lager zu bekennen.«188 Günther Rüther schrieb ähnlich: »Die Aufspaltung der Schriftsteller in ein freiheitlich-westlich und ein kommunistisch-sowjetisch orientiertes Lager nahm ihren unglückseligen, der gemeinsamen deutschen Sache schädlichen Verlauf. Der Erste Deutsche Schriftstellerkongress wollte Brücken schlagen, aber er verfehlte sein Ziel, weil der begonnene ›Kalte Krieg‹ einen Verständigungsversuch der Autoren erschwerte, eine Politisierung dort herbeiführte, wo sie ursprünglich bemäntelt werden sollte.«189 Harich ist mit seinen Ausführungen genau in diesem Spannungsfeld zu verankern. Auch bei ihm steht auf der einen Seite der Versuch, alle potentiellen Verbündeten gegen den Nationalsozialismus zu vereinen und gleichzeitig die nationale Identität der Deutschen über Sektorengrenzen hinweg mit den Mitteln und Möglichkeiten der Kultur zu wahren. Doch sollte dieses Vorhaben scheitern, hatte er die Alternativstrategie ebenfalls bereits durchdacht: Gegen die bürgerlichen Länder mit ihrer Neigung zum Nationalsozialismus (wie der Marxismus klar aufzeige) müsse sich der Einzelne deutlich positionieren und ausdrücken, auf welcher Seite er stehe und wirken wolle. In den folgenden Jahren revidierte Harich diese Position jedoch sukzessive. In der Mitte der fünfziger Jahre vertrat er dann die Auffassung, dass gerade das weite Feld der Kultur 188 Hartmann/Eggeling: Sowjetische Präsenz etc., S. 63. 189 Rüther: Greif zur Feder, Kumpel, S. 34. Rüther schreibt die Schuld an der Spaltung einseitig und damit, wie gesehen, historisch falsch, der sowjetischen Seite zu. 1544 Teil XI eine Klammer bilden könne, mit deren Hilfe die Spaltung Deutschlands überwindbar werde. Die gemeinsame kulturelle Tradition bildete nun jene Basis, auf der sich die unterschiedlichen Positionen annähern könnten. Doch davon ist hier nicht zu reden. Übrigens endete die Kon tro verse zwischen Harich und Lasky durchaus versöhnlich. Die Geschichte machte weitere Diskussionen überflüssig. Am 17. Mai 1991 berichtete Michael Naumann in der Zeit über ein Treffen von Lasky und Harich: »Unter dem üppigen Bronze-Torso eines nackten Mädchens sitzt der 71-jährige Gründer der Zeitschrift Monat, Melvin J. Lasky. Vor ihm, im angedeuteten Kniefall – die Wiedervereinigung vereinigt das Unvereinbare –, hat sich der Philosoph, Konspirateur und fellow traveler seiner selbst, der ostdeutsche Autor Wolfgang Harich, acht Jahre Bautzen, fünfzig Jahre Marxismus-Leninismus, positioniert. Beide sind Gäste des feinsinnigen Berliner Gastgebers Nicolas Sombart, und Harich sagt: ›Lasky, der Krieg ist aus, du hast gewonnen.‹«190 Es ist sicherlich übertrieben, wenn Michael Naumann meint, dass erst diese Aktion den Kalten Krieg wirklich beendete. »Gysi mag die PDS zu Godesberger Ufern führen (…), aber die eigentliche Debatte des 20. Jahrhunderts, das wollte Harich wohl sagen, nämlich die um Freiheit versus Gleichheit, Selbstbestimmung versus Kollektivismus, Gerechtigkeit versus Parteilichkeit, Planwirtschaft versus Marktwirtschaft, Kommunismus versus Kapitalismus – diese Ideenschlacht des Kalten Krieges ist vorüber, gottlob, und der Berliner Amerikaner aus New York, Lasky, hatte jahrelang im Monat und später in der Zeitschrift Encounter die siegreichen Diskutanten angeführt.«191 Auch wenn es banal ist, so ist dennoch da rauf hinzuweisen, dass der ehemalige Kulturstaatsminister fulminant irrte. Es gibt, rückblickend auf das 20. Jahrhundert, keine »siegreichen Diskutanten«, vielmehr unter den Intellektuellen nur Verlierer. Gewonnen – wenn diese Bezeichnung ansatzweise legitim ist – hat nur das Individuum, der einzelne Mensch. Und auch dieser erhielt bzw. errang nicht vorgefertigte Kategorien wie Freiheit oder ähnliches, sondern nur das, was er selbst daraus machen möchte, aus der neuen Geschichte (und natürlich nur soweit die Umstände ihn lassen). Ein Letztes noch: Sicherlich meinte Harich nicht das, was ihm Naumann in den Mund legte bzw. in den Kopf hineinschob. Denn damit können wir sein spätes Denken und 190 Naumann, Michael: Melvin, du hast gewonnen. Mit dem Ende des Kalten Krieges kam das Aus für den Encounter, in: Die Zeit, Nr. 21 vom 17. Mai 1991, S. 74. 191 Naumann: Melvin, du hast gewonnen, S. 74. 1545Drei Schriftstellerkongresse Handeln nicht erklären. Wurde er doch nach der Wende zum Vorsitzenden der Alternativen Enquetekommission Deutsche Zeitgeschichte, die sich nicht mit der offiziellen Aufarbeitung der DDR-Geschichte durch den Bundestag abfinden wollte.192 Nachdem er vierzig Jahre dafür gestritten hatte, die von Naumann betonten Gegensätze (sofern es sie in dieser naiven Dichotomie überhaupt gegeben hat) in einer Synthese aufzuheben. Am 9. September 1993 trafen Harich und Lasky erneut aufeinander. Auf der Veranstaltung Siegen in der Geschichte: Die Ostdeutschen – befreit oder besiegt? Und Manfred Demmer, der über die Diskussion einen (ideologisch tendenziösen) Bericht verfasste, ließ ihn mit den Worten enden: »Nach diesem Abend – nach dem Auftreten eines so exponierten ›Siegers‹ wie Melvin Lasky und eines streitbaren Vertreters einer anderen, einer alternativen Sichtweise, wird für manchen Betrachter und Zuhörer klar gewesen sein: Sieger, Mister Lasky, Sieger sind sie noch lange nicht!«193 Die Dummheit ist eben ein Bigamist und legt sich, freundlich lächelnd, in alle Betten jedes ideologischen Lagers. 5. Der Zweite und der Dritte Schriftstellerkongress Während sich Harichs Position liberalisierte und entideologisierte, er steuerte auf eine undogmatische und sich an den originären Quellen orientierende Interpretation des Marxismus zu,194 ging die Politik der SBZ bzw. DDR den gegenteiligen Weg. Die ersten Debatten um die Zukunft der Kunst, ihre politischen und gesellschaftlichen Funktionen, ihre Aufgaben etc. wurden angestoßen. Die Begriffe Realismus und Formalismus künden noch heute von der beginnenden Engstarrigkeit (verbunden mit sich permanent ausweitenden repressiven Maßnahmen aller Art) der Kunstpolitik der SED. Es lassen sich mehrere Konferenzen und Tagungen benennen, die das literarische und künstlerische Geschehen der DDR zu regeln trachteten.195 192 Hierzu mit guter bibliographisch orientierten Chronologie: Prokop, Siegfried: Wolfgang Harich und die Alternative Enquetekommission, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 70–82. 193 Demmer, Manfred: Sieger sind sie nicht, Herr Lasky!, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland, Berlin, 1996, S. 218. 194 Hierzu die beiden Beiträge von: Amberger, Alexander; Heyer, Andreas: Der konstruierte Dissident. Wolfgang Harichs Weg zu einem undogmatischen Marxismus, Berlin, 2011. 195 Aufzählung nach: Rüther: Greif zur Feder, Kumpel, S. 37 (dort teilweise fehlerhafte Angaben); Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc. Grundlegend: Herzberg, Guntolf: Anpassung und Aufbegehren. Die Intelligenz der DDR in den Krisenjahren 1956/58, Berlin, 2006. 1546 Teil XI • Tagung Parteigenössischer Schriftsteller der Ostzone, Dezember 1947, April 1948 • Zentrale Kulturtagung der SED, 8. Mai 1948 • Arbeitstagung der sozialistischen Künstler und Schriftsteller, September 1948 • Gründung des Deutschen Schriftsteller-Verbandes (DSV) im Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, 1. April 1950 • Zweiter Schriftstellerkongress, 4.–7. Juli 1950 • Dritter Parteitag der SED, 20.–24. Juli 1950 • Fünfte Tagung des Zentralkomitees der SED, 15.–17. März 1951 • Dritter Schriftstellerkongress, 22.–25. Mai 1952 Mit diesen Daten ist ein Prozess umrissen, an dessen Ende eine allenfalls belanglose offizielle Literatur ebenso stand wie eine wirksame und künstlerisch überzeugende Opposition.196 Und, gleichsam als letzte Option, die Übersiedlung in den Westen. Erhart Neubert setzt den Prozess der Erzeugung bzw. Ausprägung einer »stalinistischen Enge«197 mit dem Ersten Schriftstellerkongress an. »Der Kulturtag der SED am 8. Mai 1948 polemisierte schon gegen Formalismus und Modernismus. Parteimitglieder wurden aufgefordert, Kunst als sozialistisches Erziehungsmittel bewusst einzusetzen. Seit 1949 waren daher Ausfälle gegenüber Vertretern aller SED-unabhängigen Kunstrichtungen an der Tagesordnung. Noch aber wehrten sich viele betroffene Künstler, ignorierten die Angriffe und versuchten, sich zu behaupten. (…) In diesen frühen Vorgängen erschien schon das bis zum Sturz der SED bestimmende Muster im Verhältnis von Macht und Geist: entweder Unterwerfung im Namen des Antifaschismus oder Flucht in den oft gar nicht geliebten Liberalismus des Westens.«198 Ob diese Betrachtung so zutrifft – Zweifel bleiben, genährt durch die Stellungnahmen herausragender Intellektueller, von Hans Mayer bis Werner Mittenzwei. Die SED billigte dem DSV zwar eine herausgehobene Stellung innerhalb der kulturpolitischen Landschaft zu – eben mit dem Zweck, dieses wichtige Feld zu kontrollieren. 196 Die Anwendung des Begriffs »Oppositionelle« auf diejenigen DDR-Theoretiker, die dem »offiziellen« Marxismus kritisch gegenüberstanden, ist mit verschiedenen Fragezeichen zu versehen, aber als analytisches Hilfsinstrumentarium dennoch geeignet. Alexander Amberger hat kürzlich die entsprechenden Fallstricke und Einwände formuliert: Amberger: Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn, 2014. 197 Neubert, Erhart: Geschichte der Opposition in der DDR, 1949–1989, 2. erw. Aufl., Bonn, 2000, S. 51. 198 Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR, S. 51. 1547Drei Schriftstellerkongresse Doch als vom 4. bis 7. Juli 1950 der Zweite Schriftstellerkongress stattfand, verzichte Johannes R. Becher in seinem Einleitungsreferat bewusst auf tagespolitische Anspielungen und konzentrierte sich ausschließlich auf allgemeine literarische Ausführungen. Otto Grotewohl verdeutlichte in seinem Beitrag das offizielle Programm: »Grotewohls Rede machte bereits die Spielregeln deutlich: Die SED sah in der Literatur ein Organ, das der Bestätigung des Offizialdiskurses dienen sollte.«199 Bodo Uhse schlug vor, dass die Literatur beim Kampf gegen den Faschismus anknüpfen sollte. So könne eine fortschrittliche Literatur entstehen, die den Gedanken des fortschrittlichen Humanismus, entstanden als Gegenpol zum Dritten Reich, in die Gegenwart und Zukunft transportiere. Und ausgerechnet Kuba (Kurt Bartel), einer der ideologischen Einpeitscher der DDR-Literatur, kritisierte zumindest indirekt die Reduzierung künstlerischer Freiheiten durch das Konzept des Realismus. Auch der SED-Funktionär Stefan Heymann relativierte den brachialen Tonfall seiner im Vorfeld des Kongresses geäußerten Kritik an der ungenügenden Berücksichtigung des Formalismus-Problems durch die Künstler ein Stück weit. Carsten Gansel ist zuzustimmen, wenn er schreibt, »dass die Zurückhaltung auf dem Kongress verwundern (muss). Aber allem Anschein nach wollte die SED-Führung in Verbindung mit der Gründung eines Schriftstellerverbandes jede Zuspitzung vermeiden. Dies um so mehr, da der Kongress der politischen Manifestation diente, und auch international unterstreichen sollte, in welcher Weise in der DDR ›Geist und Macht‹ ein ›Bündnis‹ eingegangen waren.«200 Nach dem Zweiten Schriftstellerkongress intensivierte die Politbürokratie ihre Bemühungen um die Kontrolle der künstlerischen Gebiete. Im Sekretariat der SED um Walter Ulbricht wurde regelmäßig über den DSV diskutiert, ebenso über die weiteren künstlerischen Vereinigungen und Organisationen. Es ging um die Festlegung von Plänen, Personalentscheidungen, inhaltliche Ausrichtungen und ähnliches. Parallel zeichnete sich ab, dass der Schriftstellerverband nur wenig Resonanz bei den Autoren fand, die Diskussionen über ihn waren intensiver als in ihm. Immerhin aber zeigt das auch, dass noch – in gewissen Grenzen – frei debattiert werden konnte, die Kontrolle noch nicht allumfassend war. Etwa dann, wenn der DSV als Fehlgründung bezeichnet und ihm die notwendige Kompetenz abgesprochen wurde. Um diese Problemfelder aufzuheben, wurde eine Loslösung des DSV vom Kulturbund erörtert und später auch durchgeführt. 199 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 23. 200 Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 26. 1548 Teil XI Vom 22. bis 25. Mai 1952 fand dann der Dritte Schriftstellerkongress statt. Durch die internationale Lage und verschiedene, teilweise antikommunistisch motivierte Vorgänge in der Bundesrepublik (z. Bsp. Essener Blutsonntag) gaben die Schriftsteller die noch zwei Jahre zuvor geübte politische Zurückhaltung auf. Häufig kam es in den einzelnen Beiträgen zu Stellungnahmen zur Tagespolitik, aus denen die jeweiligen Diskutanten dann Funktionen der Literatur ableiteten. Von Bedeutung ist, dass die Kritik innerhalb des Kongresses aktiv blieb. Es kam noch nicht zu den später prägenden Einheitsversammlungen nach Vorschrift und Plan. In die Kritik geriet vor allem Johannes R. Becher. Neben Irma Loos und Martin Pohl attackierte ihn auch Kuba – er warf dem Minister Becher vor, das Leben nicht mehr richtig zu kennen. Ein weiteres Indiz für die noch möglichen Räume für Diskussionen ist die Wahl des erweiterten Vorstandes. Hier wurden wegen eines Zurufs aus dem Saal die Stimmzahlen der Wahl offen angesagt. Becher erzielte das drittschlechteste Ergebnis. Doch direkt nach dem Ende des Kongresses setzte die Bevormundung und Zensur wieder ein. Das Protokoll des Kongresses wurde nicht veröffentlicht. Auch wenn der Vorstand des DSV auf seiner Sitzung keine Gründe nannte, so mutmaßt Carsten Gansel sicherlich richtig, dass es darum ging, die Angriffe auf Becher zu verschweigen und sie nicht noch öffentlich zu machen.201 6. Harichs Beiträge auf dem Zweiten und Dritten Schriftstellerkongress Auf dem Zweiten Schriftstellerkongress verpflichtete Harich in seinem Diskussionsbeitrag die Künstler der DDR auf die Teilnahme an der Realität. Es war ein Bekenntnis zur Theorie des sozialistischen Realismus, wenn er die große Bedeutung einer »Berufstätigkeit für angehende und auch für arrivierte Schriftsteller« betonte. (2SK) Durch den Aufbau des Sozialismus sei eine neue Wirklichkeit entstanden. Über diesen Prozess müssten die Schriftsteller berichten. Die geforderte Einheit von Arbeiterklasse und Intelligenz war nicht nur ein wesentlicher Bestandteil der offiziellen Kulturpolitik, sie prägte auch Harichs Thesen. Der Literat müsse sich an der neuen Wirklichkeit beteiligen und sie mit künstlerischen Mitteln abbilden: »Ich bin aber der Meinung (…), dass die HO ein derartig interessantes Stück Wirklichkeit ist, dass ein Mensch, der dort arbeitet, soviel Buntes, Interessantes, Neues, Werdendes, Falsches und Gutes erleben kann, wenn er Phantasie hat – Phantasie zu haben heißt, die Wirklichkeit tiefer zu sehen als andere Menschen –, dass er auch aus einer solchen Stellung unbedingt 201 Angaben nach: Gansel: Zur Vorgeschichte, Durchführung etc., S. 27–54. 1549Drei Schriftstellerkongresse großen Nutzen und, ich glaube, größeren Nutzen ziehen muss als durch Reisen durch das Land.« (2SK) Harich passte in der soeben zitierten Stelle sogar die Definition der Phantasie an die Forderungen des Realismus an – sie bedeute nicht abzuschweifen oder gar die Grenzen der Realität zu durchbrechen (das wäre unzulässige Abstraktion oder gar Formalismus), sondern sei lediglich ein Mittel zur Schärfung der Wahrnehmung der Realität. Als Beispiel für die literarisch fruchtbringende Verbindung von Arbeitsleben und Schriftstellerei nannte Harich Theodor Fontane. »Man kann nicht behaupten, dass der Beruf des Apothekers z. B. viel mit Literatur zu tun hätte; aber was wäre Fontane, wenn er nicht Apotheker gewesen wäre? Was wäre Effi Briest ohne den Apotheker Theodor Fontane?« (2SK) Einen Schriftsteller aus der DDR erwähnte er nicht. Rudolf Leonhard hat in seinem Beitrag direkt nach Harich auf dessen Ausführungen reagiert. Er wolle »eine Lanze für den Berufsschriftsteller einlegen«202. Literatur sei kein Nebenerwerb, der zusätzlich zu einer normalen Arbeit betrieben werden könne. Ja, so Leonhard programmatisch, der Schriftsteller müsse eine enge Beziehung zum Leben haben, aber er könne sie nicht dadurch vertiefen, dass er einen weiteren Beruf ausübe. »Ich möchte diesen Einwand machen, weil ich wünsche, dass man nicht vergisst, dass Schriftstellerei eine Arbeit ist, eine ernste, schwierige, zeitraubende Arbeit und eine Arbeit, die ein Handwerk erfordert.«203 Die gegenteiligen Positionen von Harich und Leonhard wurden in der Presse wiedergegeben.204 Den zweiten Teil seines Beitrags widmete Harich den Fragen der Hebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung und der Vermittlung des klassischen literarischen Erbes. Zu beiden Themenkreisen hatte er sich entweder schon an anderer Stelle geäußert oder er griff sie später wieder auf. Die Hebung des allgemeinen Bildungsniveaus müsse forciert werden, gerade da das Interesse der arbeitenden Massen an Literatur, Kultur und Bildung deutlich zu erkennen sei und zum Programm des Sozialismus elementar hinzugezählt werden müsse. Um die entstehenden Energien und Bedürfnisse weiter zu stärken und sofort zu stillen sowie in geordnete Bahnen zu lenken, seien organisierte Maßnahmen notwendig: 202 Leonhard, Rudolf: Diskussionsbeitrag auf dem Zweiten Kongress, in: Gansel/Walenski: Erinnerung als Aufgabe?, S. 149. 203 Leonhard: Diskussionsbeitrag auf dem Zweiten Kongress, S. 149. 204 Gansel, Carsten; Walenski, Tanja: Zum Presseecho auf die Schriftstellerkongresse, in: Dies.: Erinnerung als Aufgabe?, S. 69. 1550 Teil XI »Es kommt nun da rauf an, dass dieser erwachenden geistigen Aufmerksamkeit und geistigen Aufgeschlossenheit etwas Richtiges und Neues geboten wird, und so möchte ich die dringende Forderung an den Schriftstellerverband richten, einige Maßnahmen zu treffen, die wirklich zur Heranführung breiter Publikumsmassen an die Literatur und zur Diskussion der Literatur in breiten Publikumsmassen führen könnten. Ich denke z. B. in erster Linie an die absolute Notwendigkeit der Einrichtung von Leserkonferenzen, die ich zu einer Forderung an den Schriftstellerverband machen möchte.« (2SK) In der Sow jet uni on habe sich diese Einrichtung bewährt. Diese Position vertrat Harich zeitgleich auch in verschiedenen anderen Publikationen, vor allem in seinen Artikeln in der Weltbühne. Parallel hierzu müsse auch die »Vermittlung des klassischen Erbes mit richtiger wissenschaftlicher marxistischer Interpretation« gestärkt werden. (2SK) An der Berliner Universität sei es zum Beispiel nicht möglich, sich zu diesem Gebiet zu bilden, da keine entsprechenden Lehrveranstaltungen angeboten werden.205 In der Hegel-Denkschrift schrieb Harich dann am 29. März 1952: »An der Universität Berlin ist seit 1945 noch keine einzige obligatorische Vorlesung oder Seminarübung über ein Thema aus der klassischen deutschen Philosophie gehalten worden. Die Geschichte der Philosophie lag bis 1950 in Händen von Prof. Richter206, einer mystisch verschwommenen und verquollenen, religiös und existenzialistisch orientierten alten Jungfer. Um diesem Missstand abzuhelfen, habe ich im Herbst 1949 begonnen, neben meinen Lektionen über dialektischen und historischen Materialismus wöchentlich zweistündig fakultative Vorlesungen über Geschichte der deutschen Aufklärung und der klassischen deutschen Philosophie zu halten.«207 205 Harich: »Sie haben ein paar ganz fragwürdige, auf schlechtem Niveau stehende bürgerliche Philologen, die auch als bürgerliche Philologen keineswegs Kapazitäten sind, die also irgendwelche ganz gleichgültigen Dinge vortragen. Aber die deutsche Literatur von Lessing bis Heine, die in die Köpfe hinein muss, und zwar mit der richtigen marxistischen Interpretation, kann an der Berliner Universität nicht gehört werden.« (2SK) 206 Gemeint war Liselotte Richter, seit 1948 als Professorin für Philosophie an der HU. 1951 wechselte sie auf Druck der SED an die Theologische Fakultät der HU (Professur für Religionsphilosophie). 207 Harich: Hegel-Denkschrift, gerichtet an Politbüromitglied Fred Oelßner (Band 5, S. 129). Die Vorlesungen Harichs liegen mittlerweile gedruckt vor: Harich: Philosophiegeschichte und Geschichtsphilosophie, Vorlesungen, Band 6, 2 Teilbände. 1551Drei Schriftstellerkongresse Auch in anderen Kontexten setzte sich Harich für die Bewahrung und Pflege des philosophischen Erbes ein – erinnert sei nur an die von ihm initiierten und vorgeschlagenen Editionen im Aufbau-Verlag: Von der Zusammenarbeit mit sowie der Betreuung der Werke Georg Lukács’ und Ernst Blochs bis zur Erinnerung an Rudolf Haym oder der Sammlung der Kritiken an Arthur Schopenhauer.208 Auf der zwei Jahre später stattfindenden Dritten Schriftstellerkonferenz gehörte Harich erneut zu den Rednern. Und nun übte er Kritik am Formalismusvorwurf und am Konzept des Realismus. Nach wie vor ging Harich davon aus, dass Literatur politisch ist bzw. sein muss: »Es heißt, dass die Literatur mit den anderen Künsten und den andern Äußerungen der Ideologie, der Weltanschauung, das gemeinsam hat, dass sie der Gesellschaft dient und dass sie im Klassenkampf dieser oder jener Klasse dient oder auch diesem oder jenen Überbau oder dieser oder jener Basis dient.« (3SK) Die Geschichte der deutschen Aufklärung und der fortschrittlichen Kräfte des 19. Jahrhunderts zeige deutlich auf, dass zuerst der Inhalt, die Kritik und die Auseinandersetzung stehen. Harich brachte das Beispiel »Herder, der an den Goetheschen Balladen die fehlende Moral bemängelte, worauf Goethe ihm antwortete, es wird aus einem guten Kunstwerk auch immer eine gute Moral zu entnehmen sein, aber wenn man die Kunst der Moral unterordnen wollte, dann sollte man ihr lieber gleich einen Mühlstein um den Hals hängen und sie ersäufen.« (3SK) Es sei wichtig, überhaupt etwas zu tun – was, wie, in welcher Form etc. sind zweitrangige Fragen. Zuerst komme die Kunst, die sich frei entfalten müsse. Dann, in einem zweiten Schritt, könne man da rü ber nachdenken, was diese eigentlich wolle, welche Botschaften sie aussende und wie sie ideologisch zu bewerten sei. Heinrich Heine diente zur Illustrierung als Beispiel. Heine, »der in der Lyrik (…) die größten revolutionären lyrischen Werke deutscher Sprache geschaffen hat, der einen Kampf führte gegen die gesellschaftlich belanglose, sich vor den Problemen des Tages drückende Kunst, der gleiche Heinrich Heine hat einen erbitterten Kampf geführt gegen die flache, im abstrakten Freiheitspathos steckenbleibende, unkünstlerische Tendenzpoesie des Jungen Deutschland (…).« (3SK) Er bekämpfte also die ideologische 208 Hierzu (neben zahlreichen anderen relevanten Publikationen): Mittenzwei, Werner: Im Aufbau-Verlag oder Harich dürstet nach großen Taten, in: Dornuf, Stefan; Pitsch, Reinhard (Hrsg.): Wolfgang Harich zum Gedächtnis, München, 2000, Bd. 1, S. 208–243. Siehe die entsprechenden Dokumente dieses Bandes. Dort alle weiteren Informationen, Hinweise usw. 1552 Teil XI Literatur seiner Zeit: Jene Werke, die mit einem bestimmten Auftrag entstanden, ein bestimmtes Thema darstellten und variierten, bei denen der Inhalt wichtiger war als ästhetische Fragen. Der Bezug auf Heine war kein Zufall, da Harich in den fünfziger Jahren als einer der besten Heine-Kenner galt. Seine sechsbändige Ausgabe war die erste Edition, die bewusst den »politischen Heine« präsentierte.209 Harichs Verweis auf Heine war mehr als eine Kritik am Realismus und am Formalismus-Vorwurf. Es war die Forderung nach einer zumindest partiellen Freiheit der Kunst, die freilich ein staatssozialistisches System – so unsere bisherigen Erfahrungen – nicht ermöglichen kann. Wenn es mit einem speziellen Kunstwerk Probleme gäbe, so müssten diese individuell besprochen werden. Mit einer vorgefertigten Kritik oder plakativen Vorwürfen komme man nicht weiter.210 Zu viele Umstände wären zu berücksichtigen – die Bandbreite reiche von der Art des Kunstwerkes über die Erfahrung des Künstlers bis hin zum eigentlichen Problem und dem verarbeiteten Stoff. »Entschuldigen Sie, aber in unserer Literatur gibt es diese Situation, dass wir das Zeitnahe wollen und wünschen und eine solche Tendenz, die Fragen der Gestaltung des Realismus und der Form verbal, in verbalen Zugeständnissen an den Rand zu schreiben, dass wir einfach übersehen, wie sehr die beste Idee kompliziert wird durch eine schlechte Gestaltung und einfach nicht ankommt.« (3SK) * * * * * Die Reden Harichs auf den ersten drei Schriftstellerkongressen zeigen eine bemerkenswerte Entwicklung und sie zeigen einen echten Denkprozess. Vom »Ja« zu politischer Literatur und der stark polemischen Kritik an Melvin Lasky211 kam er zu einer Kritik an den bürokratischen Auswüchsen des Formalismus-Vorwurfs. Nur ein Jahr nach seiner Rede auf dem Dritten Deutschen Schriftstellerkongress gipfelte diese Entwicklung 209 Heine: Gesammelte Werke in sechs Bänden, hrsg. und eingel. von W. Harich, Berlin, 1951. Auch: 2., verm. u. verb. Aufl., Berlin, 1954–1956. Kritisch zur Bevorzugung des politischen Heine äußerte sich seinerzeit Hans Kaufmann, der Harich nach dessen Verhaftung als »Heine-Experte der DDR« ablöste. Der Preis, den er dafür entrichten musste, war die Beteiligung an der Schmähung Lukács’. Kaufmann: Rezension zu: Heine: Gesammelte Werke etc., in: Aufbau, 1952, Heft 3, S. 282–285. Siehe die entsprechenden Hinweise bei: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 210 Harich: »Ich glaube, dass die problematischen Werke jeweils individuell zu behandeln sind. Es gibt in unserer jungen Literatur Werke, die inhaltlich und in der Form so schön sind und so groß und so wichtig und richtig, auch von jungen Schriftstellern, dass man zum Beispiel sagen kann, schon das ist große deutsche Lyrik.« (3SK) 211 Hierzu: Harich: Ahnenpass, S. 157 ff., S. 188 ff. 1553Drei Schriftstellerkongresse vorläufig in der gemeinsam mit Bertolt Brecht unternommenen Auseinandersetzung mit der Staatlichen Kunstkommission – im Zuge des Arbeiter-Aufstands von 1953. Auch der Streit um Hegel, in den er an vorderster Linie involviert war, zeigt in aller Deutlichkeit an, dass er sich zu einem eigenständigen Denker und Theoretiker entwickelt hatte.212 Auf der Basis des Marxismus, als überzeugter Kommunist, verteidigte er in der Folge vor allem eins – das Recht auf freies Denken und freie Meinungsbildung. Aber die Kritik am Nationalsozialismus, die er auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, in zahlreichen Weltbühne-Artikeln und in weiteren Texten ausgeführt hatte, blieb die feste Grenze der intellektuellen Freiheit – gleichsam als Wegscheide von Verantwortung und Verantwortungslosigkeit. Außerdem blieb auch sein Konzept einer politischen Kunst, freilich abgewandelt, Bestandteil seines Denkens. Das zeigen seine Arbeiten zu Jean Paul ebenso wie die späten Schriften zu Friedrich Nietzsche. Kunst hatte für Harich immer politische Dimensionen, die in die politischen und gesellschaftlichen Sphären hineinragen. Schon Anfang der fünfziger Jahre, in der Hegel-Debatte, zeigte ihm der Parteiapparat allerdings die Bedingung des eigenen Sozialismusverständnisses auf – gegen Stalin dürfe man nichts sagen. Das war die Mauer (eine der ersten), die die Partei damals errichtete. 212 Siehe: Amberger/Heyer: Der konstruierte Dissident. Von Harich alle einschlägigen Texte und Manuskripte in dem Band: Harich: An der ideologischen Front, Band 5. 1554 Teil XI Reden auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1. Rede, 05. Oktober 1947 Ich bin nicht befugt, aus der Per spek ti ve des Schriftstellers über das Thema der inneren Emigration zu sprechen, weil ich erst nach dem Kriege angefangen habe zu schreiben. Aber ich bin vielleicht befugt zu sprechen über die Literatur der äußeren und inneren Emigration aus der Per spek ti ve eines, der in den zwölf Jahren in Deutschland groß geworden ist. Ich frage mich jetzt manchmal: Woran liegt es eigentlich, dass ich nicht auch ein Nazi geworden bin? Und es liegt mir fern, das meinem Verdienst zuzuschreiben. Denn ich weiß sehr gut, dass die persönliche Entwicklung des Menschen nicht so sehr abhängig ist von ursprünglichen Qualitäten schlechter oder guter Art, die ihm von vornherein anhängen, sondern durch die Umwelt, in die er hineingeboren wird – und der Faschismus hatte seine großen Lockungen. Der Faschismus hat nicht nur an die üblen Instink te im Menschen appelliert, sondern er hat auch an die besten Instinkte appelliert, die er dann missbrauchte für seine schändlichen Zwecke, und viele, viele sind besten Willens da rauf hereingefallen und haben mitgemacht, besonders junge Menschen. Die Einflüsse im Elternhaus, die guten antifaschistischen Einflüsse im Elternhaus wiegen auch nicht sehr schwer, denn man braucht nur eine oppositionelle Konstitution zu haben, dann wird man, gerade weil man gute Einflüsse von zu Hause mitbekommt, gegen diese opponieren und dadurch in das falsche Fahrwasser kommen. Eine ganz besonders große Wirkung aber schreibe ich dem literarischen Einfluss zu, und hier möchte ich nun sprechen als einer, der die segensreichen Wirkungen der Literatur der inneren Emigration hätte spüren müssen, wenn sie da gewesen wären. Wenn ich mich recht erinnere, welche Bücher mich in meiner geistigen und politischen Entwicklung am stärksten beeinflusst haben, dann waren es die Bücher, die hinten, in der zweiten Reihe des Bücherschrank standen, weil es gefährlich war, diese verbotenen Bücher, Bücher von Emigranten, noch zu besitzen. Es waren die Bücher insbesondere von Heinrich Mann, es waren die politisch-satirischen Feuilletons von Kurt Tucholsky, die pazifistischen Gedichte von Kästner, die flammenden Appelle Erich Weinerts, der Roman Krieg von Ludwig Renn und auch die Schriften eines katholischen Schriftstellers, der mich sehr beeindruckt hat, eines katholischen Antifaschisten namens Theodor 1555Drei Schriftstellerkongresse Haecker – Bücher, die vor 1933 erschienen waren. Von den Büchern der Ina Seidel213, Unser Freund Peregrin, Ernst Wiecherts Einfaches Leben, der Philosophie von Karl Jaspers, den Büchern von Carossa – von denen kann ich nur sagen: Wenn ich auf diese Literatur allein angewiesen gewesen wäre, hätte ich ganz gut ein strammer SS- Mann werden können. Ich mache den Schriftstellern, die unter der Nazizeit hier gewesen sind und hier geschrieben haben, aus der Wirkungslosigkeit und Wehrlosigkeit ihrer Literatur, die sie unter diesen Verhältnissen hier schreiben mussten, keinen Vorwurf. Denn was sollte ein Schriftsteller, der damals in Deutschland lebte, schon tun? Konnte er in einer offenen Form gegen das Regime opponieren? Er konnte es nicht. Und wenn er es in einer versteckten Form tat, so bestand immer die Gefahr, dass es nicht gemerkt wurde – und es wurde nicht gemerkt. Und wenn es gemerkt wurde, dann konnte man wieder sagen: Ja, damit diente er ja der Toleranzfassade des Dritten Reiches. Also, der Schriftsteller im Dritten Reich stand unter einem ungeheuren Druck. Und es war nur zu verständlich, dass er die Flucht nach innen antrat. Es sind in dieser Zeit zum Teil wunderbare Bücher erschienen – jenseits des Tages, jenseits der Realität. Ich erinnere noch einmal an die Novelle von Ina Seidel Unser Freund Peregrin. Das ist ein Juwel deutscher Literatur, die aber überhaupt nicht irgendein Gegengift gegen den Faschismus in uns erzeugen konnte und uns immun machen konnte gegen diese Zeit. Wenn ich nun sage, ich mache den Schriftstellern aus ihrem Verhalten, sofern sie nicht Kompromisse gemacht haben und vor den Tyrannen zu Kreuze gekrochen sind, aus ihrer Flucht nach innen während der Nazizeit keinen Vorwurf, ich respektiere, dass die deutschen Dichter unter dem Druck des Gesinnungsterrors in die Innerlichkeit emigrieren mussten, so muss ich doch andererseits auch sagen: Ich respektiere nicht, dass ein Teil der deutschen Dichter schon vor 1933 in die Innerlichkeit geflohen war. Und ein Teil der deutschen Literatur war vor 1933 in die Innerlichkeit geflüchtet, und auf diese Weise war der Gesinnungsterror nach 1933 auch von einem Teil redlich verdient. Und hatte sich nicht ein großer Teil unserer Dichter durch Innerlichkeit bereits wehrlos gemacht, bevor es nötig gewesen wäre? Flucht nach innen kann bestenfalls heißen: Aus der Not einer despotischen Zensur eine Tugend machen. Aber diese Tugend ist so 213 (AH) Der Band 1.1 druckt die Briefe ab, die Harich 1941/1942 an Ina Seidel geschrieben hat. 1556 Teil XI lange ein schändliches Laster, so lange die Not, die als Entschuldigung geltend gemacht werden kann, nicht existiert. Man konnte im Dritten Reich kein Buch veröffentlichen gegen die Judenverfolgungen, aber man konnte sehr wohl im Jahre 1919 protestieren gegen die schändlichen Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Wenn nicht die ganze deutsche Literatur damals geschlossen gegen diese Schändlichkeiten 1919 und in den Jahren der Weimarer Zeit protestiert hat, so liegt es da ran, dass sich ein Teil bereits in der deutschen Innerlichkeit befand. Ganz zu schweigen davon, dass der größere Teil der deutschen Literatur 1914 auch nicht gegen den schändlichen imperialistischen Krieg Wilhelms II. energisch genug protestierte. Wa rum haben viele deutsche Schriftsteller, so frage ich, an der deutschen Misere nur gelitten und ihr Leiden genüsslich sublimiert, als noch Zeit war, gegen die deutsche Misere zu kämpfen? Thomas Mann hat 1933 oder 1934 einen Generalstreik der deutschen Intelligenz gefordert. Wa rum setzten nicht früher derartige Forderungen ein, als auch schon vorher Schändlichkeiten geschahen? Ich glaube, man muss hier zu sprechen kommen auf das Verhängnis der deutschen Innerlichkeit, auf das Problem der deutschen Innerlichkeit, das irgendwie auch immer vermengt ist mit dem Problem der inneren Emigration. Die deutsche Innerlichkeit hat sehr köstliche literarische Früchte gezeitigt. Aber sie ist auch eine sehr gefährliche Tradition, die meiner Meinung nach beginnt mit dem Verhängnis der Trennung von subjektiver und objektiver Moral in der Reformation.214 Ich möchte ihnen hier eine ganz kleine Stelle aus einem Buch vorlesen, dass im Jahre 1930 erschienen ist. Das Buch heißt Die geistige Situation der Zeit und ist erschienen als tausendster Band der Sammlung Göschen. Der Verfasser heißt Karl Jaspers und schrieb damals: »Es ist wie am Anfang seines Weges dem Menschen noch einmal etwas geschehen, das da rin zum Ausdruck kommt, dass er vor das Nichts geraten ist, nicht nur faktisch, sondern für sein Wissen.« Er beschreibt dann dieses Nichts als den Aufstand das existenziellen Plebejertums, in dem jedem von uns gegen das Selbstsein, das die Gottheit in ihrer Verborgenheit fordert, Gefahr droht. Er gebrauchte damals die Vokabeln Massendasein, Massenordnung, Massenorganisation, Herrschaft des Apparats – 214 (AH) Zur »inneren Emigration« siehe neben weiteren tagesaktuellen Stellungnahmen Harichs aus jenen Jahren auch seine spätere Position, formuliert in den achtziger Jahren in den Hartmann-Manuskripten (Band 10). Dort auch zur im Folgenden noch thematisierten Philosophie von Jaspers. 1557Drei Schriftstellerkongresse und er sagte: »Da der Weltlauf undurchsichtig ist, ist das Beste, was heute geschenkt werden kann, die Nähe selbst seiender Menschen. Sie sind die Garantie, dass es ein Sein ist. Dem einzelnen, ganz auf sich in seiner Nacktheit zurückgeworfen, bleibt heute zunächst nur der Beginn mit dem anderen einzelnen, dem er sich treu verbindet.« Praktisch erläutert er das dahin, dass der Riesenapparat der so genannten Vermassung so viele Lücken haben würde, dass es für Menschen, die es wagen, in einer anderen Gestalt als der erwarteten aufzutreten, möglich ist, ihre Geschichtlichkeit aus eigenem Ursprung zu verwirklichen. Das ist eine Haltung, bei der man alles äußere Geschehen oppositionslos als nun einmal gegeben und unabänderlich hinnimmt, um sich zurückzuziehen auf die Nähe »selbst seiender Menschen«. Das schrieb Herr Jaspers im Jahre 1930, als die SA schon die Straßen beherrschte, als man aber noch ein offenes Wort gegen die SA wagen konnte. Und wenn dieser Herr Jaspers jetzt nach dem Kriege eine Broschüre über die Schuldfrage geschrieben hat, in der er das sehr richtige moralische Problem der allgemeinen Verantwortung für den Faschismus dahin gehend zu verschieben versucht, indem er von einer allgemeinen Schuld der menschlichen Existenz schlechthin spricht, so möchte ich im Namen der jungen antifaschistischen Intelligenz Deutschlands, die sich trotz der Einflüsse des Faschismus von dem Gift freigehalten hat, nur antworten: Wir verzichten auf eine Philosophie, die 1933 den Rückzug auf das Private durch die Maschen des Apparats predigte und heute mit einer Tartufferie die Schuldfrage abtun will. Dieses Wort Vermassung wird oft von den Innerlichkeits-Apologeten gebraucht, und sie bringen damit zum Ausdruck, man müsse sich auf sich selbst zurückziehen, weil von der Masse die Gefahr drohe. Tatsächlich ist es so, dass der Faschismus durch eine raffinierte De ma gogie sich eine Massenbasis schaffte, unter der der geistige Mensch sehr wohl leiden konnte und leiden musste, so dass der Faschismus das Gepräge eines Egalitarismus, eines Plebejertums hatte. Ich sage, er hatte das Gepräge. Er war natürlich kein echtes Plebejertum, und wenn dieses Pseudo-Plebejertum des Faschismus für den geistigen Menschen so unerträglich war, so deshalb, weil der geistige Mensch eben zu wenig dafür getan hatte, dass das Volk, die Masse, energisch genug für seinen Ideale, für die Ideale der Humanität und der Freiheit und des Friedens kämpfte. Das ist ein gegenseitiges Bedingungsverhältnis. Es steckt viel Schuld auch sowohl in jedem Einzelnen des deutschen Volkes, aber es steckt auch viel Schuld und mehr Schuld bei der Intelligenz, die den Menschen des deutschen Volkes nicht die Waffen in die 1558 Teil XI Hand gab, sich gegen den Faschismus energisch genug zu verteidigen. Und in diesem Sinne muss uns heute jede Verächtlichmachung der Masse, jedes Snobistentum von vornherein suspekt sein. Denn Verachtung der Masse ist immer Verachtung jedes einzelnen Menschen, der in der Masse drin steckt, also mithin Menschenverachtung. Und wenn ich mir eine Literatur beschreiben will, wie ich sie mir für die Zukunft wünsche, so muss es so sein, dass der kleine Mann aus der Masse deshalb für Frieden, Demokratie, Freiheit und Humanität kämpft, weil er weiß, er, der kleine Mann, das hinter seinen Forderungen nach Recht und Freiheit die ganze Elite der Intelligenz steht. 2. Rede, 07. Oktober 1947 Vor zwei Tagen, als ich hier schon einmal oben stand, habe ich meinen ersten Diskussionsbeitrag mit den Worten beendet: Ich wünsche mir eine Literatur, die dem kleinen Mann, dem einfachen Menschen aus der Masse des Volkes deutlich werden lässt, das hinter seinen Forderungen nach Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit, Demokratie und Humanität die Elite der deutschen Intelligenz steht. Das heißt selbstverständlich, dass die Literatur das Schrifttum, die Publizistik und vor allem die politische Publizistik sich auch für den kleinen Mann einsetzen muss, wenn ihm Unrecht geschieht und wenn er verfolgt wird. Es ist nun hier gestern an uns ein Problem herangetragen worden, von dem ich glaube, dass wir uns ganz ernsthaft und prinzipiell mit ihm auseinandersetzen müssen, und zwar das Problem, dass selbstverständlich in dieser Situation auch Menschen verfolgt werden. Und es ist sozusagen mit dem Ansinnen an uns Schriftsteller herangetragen worden, dass wir für diese Menschen heute das gleiche leisten müssten, was Zola mit seinem »J’accuse« für den ungerecht verfolgten Franzosen Dreyfus geleistet hat. Vielleicht erscheint Ihnen das als eine Abschweifung vom Thema. Meiner Meinung nach fließen in diesem Kernproblem alle Themen, die in den letzten beiden Tagen behandelt worden sind, zusammen. Nämlich die Themen: Ist der Nazismus noch vi rulent?, Der Schriftsteller und die Gesellschaft, Der Schriftsteller und die geistige Freiheit, Die Forderung der Zeitnähe und Wie kämpft der Schriftsteller für den Frieden? Ich möchte dies alles in einem ganz aktuellen Thema zusammenfassen, mit dem wir uns unbedingt sachlich auseinandersetzen müssen, dem Thema: Literatur und Gewalt. In welcher Wechselbeziehung stehen sie? Inwiefern muss Literatur gegen Gewalt kämpfen und inwiefern wirkt Literatur schädlich, wenn sie gegen bestimmte Gewalt auch kämpft? 1559Drei Schriftstellerkongresse Es kam hier in der heutigen Vormittagsdiskussion eine Kollegin, die sagte, ihr fordert, unsere Literatur müsse kämpferisch sein, ja, Kinder, das hat ja Hitler auch schon immer gesagt. Da haben Sie einen typischen Fall, dass man einen Begriff formal auffasst, ohne da rauf zu achten, was er in der konkreten Situation und benutzt von einem konkreten Menschen oder in einer bestimmten konkreten Richtung zu bedeuten hat. Es wird der Begriff kämpferisch genommen. Es wird abstrahiert von der Funktion, die dieser Begriff im gesellschaftlichen Ganzen hat. Und es wird gesagt – kämpferisch gleich kämpferisch. Wir müssen prinzipiell diesen Formalismus abtun, weil er falsch und weil er gefährlich ist. Sie können mir glauben, ich bin von Herzen ein friedliebender, eigentlich pazifistischer Mensch. Aber ich würde niemals sagen – Panzerwagen gleich Panzerwagen. Denn ein Panzerwagen, der im Zweiten Weltkrieg für Roosevelt oder für Stalin kämpft, ist nicht derselbe wie ein Panzerwagen, der für Hitler kämpft. Bücherverbrennung und Bücherverbrennung ist auch nicht dasselbe. Es ist nicht dasselbe, wenn im Jahre 1933 die Bücher von Thomas Mann und im Jahre 1945 die Bücher von Alfred Rosenberg verbrannt wurden. Ein gewaltiger Unterschied. Wir müssen also, wenn wir hiermit prinzipiell festgestellt haben, dass jeder Begriff verschiedene Bedeutungen, verschiedenen Sinn im gesellschaftlichen Ganzen haben kann, wir müssen also jetzt die Beziehung zwischen Literatur und Gewalt untersuchen. Es muss gesagt werden, dass Gewalt, Gewaltanwendung nicht unter allen Umständen zu verwerfen ist. Meiner Meinung nach ist Gewalt nicht unter allen Umständen zu verwerfen. Es fragt sich eben nur, diese Frage gilt nur dem Kriterium, ob jemand Gewalt mit Recht ergreift oder nicht. Danach frage ich. Und hier erlauben Sie mir bitte, um das zu beantworten, eine ganz kleine historische Abschweifung. Im Zeitalter der Reformation hat der deutsche Reformator Luther, der für die deutsche Geschichte große, große Verdienste hat, gegen die Gewalttaten der aufrührerischen Bauern in den Bauernkriegen zu seiner Zeit gepoltert, geflucht, getobt. Er hat die Gewalt, die die Bauern gegen ihre Fürsten und ihre Herren gebrauchen mussten in Grund und Boden verdammt, und machte sich mit dieser Verdammung objektiv zu einem Instrument der Gewalt der Fürsten. Ich frage Sie: Wo ist hier das Kriterium in den Bauernkriegen, welche Gewalt im Recht war und welche im Unrecht? Die der Fürsten, die der Ritter? Die der Feudalherren oder die der Bauern, die um ihre Freiheit kämpften? Ich möchte diese Frage hier nicht beantworten, sondern ich möchte nur auf das Buch unserer verehrten großen Ricarda Huch, Das Zeitalter der Glaubensspaltung, hinweisen, wo sich Ricarda Huch mit diesem 1560 Teil XI Problem in wunderbarer Weise auseinandergesetzt hat, und ich möchte hinweisen auf die Antwort, die Thomas Mann in seiner Rede Deutschland und die Deutschen gegeben hat, wo er sagt: Bei diesem Verrat Luthers an dem kämpfenden revolutionären Bauerntum beginnt die deutsche Misere. Ein weiteres Beispiel: Man hat die Gewalt, die in der Französischen Revolution angewandt wurde, auch verdammt. Aber die größten deutschen Geister jener Zeit, Kant, Goethe und Schiller, haben sich zur Französischen Revolution bekannt, aber dann haben sich Goethe in dem Gedicht Hermann und Dorothea und Schiller in seiner Glocke von der Französischen Revolution distanziert. Wenn wir diese Gedichte heute lesen, dann beschleicht uns ein Gefühl der Beschämung, dass Goethe und Schiller, die sich zur Französischen Revolution bekannten, dann doch nicht verstanden, dass diese Revolution bis zum Ende hätte durchgeführt werden müssen, dass also ihre Distanzierung von der Französischen Revolution in ihren Konsequenzen objektiv rückschrittlich war. Bei der Oktoberrevolution ging in der ganzen Welt ein Riesengeschrei los über die Gewaltanwendung, die die Bolschewisten gegen den Zarismus und gegen die Gutsbesitzer und die Kapitalistenklasse praktizierten. Das einzige, was ich auf der Schule über die Sow jet uni on gelernt habe, sind Gräuelgeschichten über die Ermordung des armen Zarewitsch. Ich frage Sie heute: Das große Befreiungswerk in der Sow jet uni on, das, um nur ein Beispiel zu nennen, den Hass der Nationalitäten untereinander aufgehoben hat, so dass also heute nicht mehr Tatar gegen Usbeke, Russe gegen Jude, Ukrainer gegen Russe steht, wiegt dieses Befreiungswerk nicht vielleicht mehr als die Leute, die in der Oktoberrevolution mit Gewalt bei Seite geräumt werden mussten, damit dieses Werk gelang? Wenn wir heute diese Literatur lesen, so kommt sie uns einfach lächerlich vor. Und uns kommt alles das lächerlich vor, was gegen Gewaltanwendung in der Vergangenheit gesagt wurde, wenn die Gewalt nach vorn ging, wenn sie revolutionär war, wenn sie einen fortschrittlichen Zweck erfüllte und wenn sie Hindernisse, die der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft im Wege standen, bei Seite räumte. Wie müssen wir uns zu der Gewaltanwendung, die heute in Deutschland stattfindet, stellen? Es ist bedauert worden in einem gestrigen Referat, dass auf Deutschland Bomben gefallen sind, die hier große Verheerungen angerichtet haben. Und wir respektieren selbstverständlich das menschliche Mitleid, das wir mit jedem haben, der in diesem Kriege Schaden erlitten hat. Aber wer in diesem Kriege Antifaschist war in Deutschland, 1561Drei Schriftstellerkongresse musste jede Bombe, die fiel, und wenn sie sein eigenes Haus zertrümmerte, begrüßen als einen Schritt zur Befreiung vom Faschismus. Es ist traurig, es ist bitter, dass wir nicht selbst genug Gewalt anwenden konnten in unserem Lande, um diese Bande zu verjagen. Aber wenn es so war, wenn wir das nicht selbst zu tun vermochten, so müssen wir unbedingt die Gewalt bejahen, die nun einmal nötig war, das große Zuchthaus aufzusprengen, in das wir uns selbst eingesperrt hatten. Wenn es heute in Deutschland leider notwendig ist, dass auch junge Menschen, die bekanntlich besonders der Verhetzung durch den Faschismus ausgesetzt waren, eine Tätigkeit ausüben, die es notwendig macht, dass man die Gesellschaft vor ihnen schützt, so legt uns das nur die Verpflichtung auf, von früh bis spät da ran zu denken, die ganze deutsche Jugend zur Demokratie und zur Freiheit und zum Frieden und zum Antifaschismus umzuerziehen. Und hier ist eine der größten Aufgaben des Schriftstellers. Die Aufgabe kann nicht da rin bestehen, sich da rü ber aufzuhalten, dass die eine Besatzung dies und die andere das tut, sondern unsere Aufgabe besteht da rin, die Vo rausset zungen dafür zu schaffen, dass die Besatzungsmächte keine Gewalt mehr anwenden müssen, sondern dass wir selbst die Demokratie in unserem Lande sichern können, auch mit der Literatur. Ich möchte jetzt noch eine Frage ganz kurz streifen: Der Kampf gegen den Faschismus ist ein Kampf, der verschiedenartige Mittel erfordert – geistige Mittel, Mittel der Überzeugung, der Überredung, der Diskussion, der Belehrung, der Pädagogik, aber unter anderem auch der Gewalt. Cromwell hat gesagt: Wenn man das Schwert gegen die Obrigkeit erhebt, so muss man die Scheide wegwerfen. Das heißt: Wenn man gegen ein schlechtes System, gegen ein verbrecherische System kämpft, dann muss man so lange kämpfen, bis es auch vollkommen vernichtet ist. Nur noch eine ganz kleine Frage. Es ist heute Vormittag gesagt worden, dass der Schriftsteller die Opposition brauche, die Opposition unbedingt, die Opposition um jeden Preis. Ohne Opposition ginge es eben nicht. Ich bin anderer Ansicht. Ich bin der Meinung, dass der Schriftsteller überall gegen das Schlechte, Rückständige, Reaktionäre opponieren muss. Aber dort, wo das Konstruktive, Gute, Aufbauende, Fortschrittliche im Wachsen und Werden ist, da muss der Schriftsteller auch konstruktiv bejahend und, unter der Vo raus set zung, dass der Staat der Staat des Volkes ist, auch staatserhaltend sein, wenn Sie dieses Wort gestatten. Wenn wir uns aber auf die Frage der Gewalt einlassen und wenn wir dann sagen, es müsste unbedingt Opposition um 1562 Teil XI jeden Preis sein, so möchte ich denjenigen, der dieser Opposition hier forderte, auf etwas aufmerksam machen, wo er seine Opposition sehr gut geltend machen könnte, wenn er wollte. Er könnte zum Beispiel dagegen opponieren, dass der Film von Anna Seghers in Deutschland nicht gezeigt werden kann, dass das jüngste Buch von Sinclair Lewis nicht in Deutschland gedruckt werden kann, weil es über die Negerfrage geht und das hier nicht angebracht erscheint in der betreffenden Zone, dass das Buch von Elliot Roosevelt über seinem Vater, das Tagebuch, hier nicht erscheinen kann, dass, um ein letztes zu sagen, einer unserer anständigsten Publizisten, der jahrelang im KZ gesessen hat, ohne Begründung, ja, ohne den Versuch einer Ausrede seiner Lizenz beraubt wurde. Ich meine Carlebach.215 Es ist zum Heulen, dass man heute versucht, mit den Zensurmethoden der metternichschen De ma gogenverfolgung bei uns Demokratie einzuführen. So wird man es nicht schaffen. Das war alles, was ich sagen wollte. Im Gespräch bleiben!216 Über den Verlauf des Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, der vom 4. bis 8. Oktober in Berlin stattfand, ist in den Tageszeitungen jeglicher Himmels- und politischen Richtung des Langen und Breiten berichtet worden. Für uns kann es sich nicht darum handeln, den zahlreichen Reportagen, den veröffentlichten Protokollausschnitten, den Stimmungsberichten, den beifälligen und kritischen Bewertungen einzelner Referate und Diskussionsbeiträge hier eine neue Variante hinzuzufügen. Wenn diese Zeilen erscheinen werden, wird der Schriftstellerkongress längst nicht mehr aktuell sein. Eine getreue Repetition dessen, was sich dort am ersten, am zweiten und dritten Tage zutrug, und in welcher Reihenfolge es sich zutrug, dürfte dann das Wesentliche eher verschleiern als verdeutlichen. 215 (AH) Gemeint ist: Emil Carlebach, geb. am 10. Juli 1914 in Frankfurt am Main, gest. ebd. am 9. April 2001. Bereits 1934 wurde Carlebach wegen dem Verbreiten illegaler Flugblätter verhaftet, nach drei Jahren normaler Haft kam er ins KZ Dachau, später dann nach Buchenwald. Nach der Befreiung arbeitete er zuerst in verschiedenen Funktionen in Hessen und war zudem Lizenzträger und Mitbegründern der Frankfurter Rundschau. Die US-Militärbehörde ließ ihn 1947 aus dieser Position entfernen, da rauf spielte Harich an. Nach dem Verbot der KPD in der Bundesrepublik, 1956, zuerst in der Illegalität tätig, gelang ihm schließlich die Flucht in die DDR. Erst 1969 konnte er in seine Heimat zurückkehren. 216 (AH) Zuerst in: Die Weltbühne, Nr. 20, 1947, S. 886–892. 1563Drei Schriftstellerkongresse Auf das Wesentliche aber, auf das für unsere geistige Situation Relevante und Entscheidende kommt es an. Unsere Frage hat also zu lauten: Was war an dem Schriftstellerkongress charakteristisch für die spezifische historische Konstellation, die die geistigen Menschen Deutschlands gegenwärtig umfangen hält? Und weiter: Ist unsere Lage, wie sie sich auf dem Kongress darstellte, ausweglos, oder ist eine rettende Lösung noch denkbar? Es ist nur selbstverständlich, dass zwischen den zeitgenössischen deutschen Dichtern und Publizisten starke Gegensätze bestehen – Gegensätze der politischen Konfession, der ideologischen Orientierung und der persönlich-privaten Eigenart und Auffassung. Diese Gegensätze können durch keinen faulen Kompromiss behoben werden. Sollen es auch gar nicht, denn wenn sie es könnten, so wäre dies nur ein beängstigendes Symptom dafür, dass die diversen Meinungen nicht scharf genug durchdacht sind und nicht leidenschaftlich genug vertreten werden. Der Kompromiss, im Alltäglichen möglich und notwendig, wäre zwischen Schriftstellern nur ein Armutszeugnis für alle Beteiligten. Die Frage ist nur: Worauf beruhen die vorhandenen Gegensätze? Sind sie das notwendige Resultat der Sprachverwirrung, die der Faschismus anrichtete? Oder geben sie jenem großen, weltpolitischen Spannungsverhältnis Ausdruck, dessen Pole fragwürdig und vage mit den geographischen Vokabeln »Ost« und »West« umschrieben zu werden pflegen? Die zweite Erklärung ist eine bequeme und oberflächliche Simplifikation. Das in jeder Zone andere Tendenzen vorherrschen, ist eine Tatsache. Aber dass sich deshalb die Geister flink nach Bezirken und – wenn man so will: Machtsphären – geschieden hätten, ist ein grundlegender Irrtum. Die Themen, die auf dem Schriftstellerkongress behandelt wurden, das Problem des Zueinanderfindens der »äußeren« und »inneren« Emigration etwa, oder die Frage der geistigen Freiheit, oder der Kampf gegen die Sprachverwilderung, stehen in allen Zonen zur Diskussion, überall entzünden sich da ran die gleichen Meinungsverschiedenheiten, und zwar primär nicht etwa deswegen, weil die Zonen einander propagandistische Vorhuten zusenden, sondern deshalb, weil das gemeinsame Erlebnis von Faschismus und Krieg sehr verschiedenartige Reaktionen ausgelöst hat. Die heftige Differenzierung innerhalb des Lagers der antifaschistischen Intelligenz, die nur einig sein konnte, so lange der gemeinsame Feind Deutschland beherrschte, und die sich mehr oder minder schnell wieder entzweien musste, sobald die Klammer des 1564 Teil XI Terrors zerbrach – diese Differenzierung hat ihre Ursache in dem fundamentalen Gegensatz zwischen bürgerlicher und sozialistischer Ideologie. Der Faschismus war ein letzter und schlimmster Auswuchs der bürgerlichen Sozialordnung, ein Auswuchs aber, der nicht nur das Proletariat, sondern breite Schichten des Bürgertums selbst in Mitleidenschaft zog. Der bürgerliche Schriftsteller, welcher speziellen Richtung auch immer, konnte daher sehr wohl aus ehrlicher Überzeugung Gegner des National-„sozialismus« sein, konnte »Ausrichtung« und Bevormundung, Sprachschändung und Nivellierung der Persönlichkeitswerte usw. als Qual empfinden und vor Entsetzen über die Gräueltaten und Schändlichkeiten der braunen Tyrannen erstarren. Was er, seiner bürgerlichen Per spek ti ve wegen, aber nicht konnte, war dies: Die sekundären, abgeleiteten Phänomene auf ihren sozialen Ursprung zurückführen, hinter den Konsequenzen, unter denen er Unsägliches litt, die Ursachen aufzuspüren, kurzum – in den Unerträglichkeiten, die zwölf Jahre lang in seinen bürgerlichen Gesichts- und Erlebniskreis hineinragten, den Klassencharakter und die reaktionäre Funktion des Faschismus zu entziffern. (Wobei wir gar nicht erst reden wollen von den zahllosen bürgerlichen Literaten, die anfangs »gutgläubig« Konzessionen machten und ihr Damaskus dann erst sehr spät und nur »innerlich« erlebten!) Während der Nazizeit mochte es als Bewahrung der inneren Anständigkeit genügen, den Faschismus abzulehnen. Heute kommt es da rauf an, das Wesen des Faschismus zu erkennen und zu durchschauen, um den Anfängen einer gleichen oder ähnlichen Schmach rechtzeitig begegnen zu können. Angesichts dieser Aufgabe ist der bürgerliche Schriftsteller, nachdem das zutiefst beunruhigende, aber irgendwie unbegreifliche und im Grunde unverarbeitete Erlebnis des Faschismus hinter ihm liegt, in höchster Gefahr, aus Missverständnis falsche und schädliche Konsequenzen zu ziehen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der bürgerliche Schriftsteller, der den Faschismus mit der Vokabeln »Vermassung« abtun zu können meint (eben deshalb, weil sein geistiger Individualismus unter dieser »Vermassung« zu leiden hatte), wird heute gleich dazu neigen, eine ex treme Esoterie zu kultivieren und diese geistesaristokratische Massenverachtung, diese intellektuelle Elitenüberheblichkeit für Antifaschismus par excellence zu halten. Erst wenn er begriffen hat, dass die Vokabel »Vermassung« eine inhaltsleere Phrase ist, dass der Faschismus Massenversklavung bedeutete, und dass deshalb konsequent antifaschistisch nur sein kann, wer für die Befreiung der Massen kämpft – erst dann wird der bürgerliche 1565Drei Schriftstellerkongresse Schriftsteller über die mysteriösen Unerträglichkeiten der zwölf Jahre hinweg zu einem realistischen Verständnis der sozialen Zusammenhänge gelangt sein. (Aber eben dann ist er auch kein bürgerlicher Schriftsteller mehr.) Die Grenzlinie, an der die geistigen Auseinandersetzungen entbrannt sind, ist sozialen, nicht geographischen Charakters, sie schneidet horizontal durch unsere Gesellschaft, nicht als Demarkationslinie durch unser Land. Sie ist, vorausgesetzt, dass jeder es ehrlich meint, auch alles andere als ein Einteilungsprinzip für menschliche Wert- und Qualitätsunterschiede; denn weder verbürgt einerseits die selbst gewählte individualistische Isolation und vermeintliche politische Unabhängigkeit einen höheren Originalitätsgrad der Persönlichkeit und des Urteils, noch braucht andererseits derjenige, der über eine realistische Vorstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse verfügt, auch nur um ein Deut ehrlicher zu sein als der in bürgerlichen Vorurteilen und Täuschungen Befangene. Entscheidend bleibt, dass auf jeder Seite Loyalität, Diskussionsbereitschaft und menschliche Respektierung des Gesprächspartners, auch wenn er anderer Meinung ist, gewahrt werden, damit die Grenzlinie, die unbestreitbar da ist und auf Grund der gegenwärtigen Konstellation da sein muss, sich auf keinen Fall zu einem unüberbrückbaren klaffenden Abgrund vertiefe. Wenn Überzeugung gegen Überzeugung steht, so ist nicht der matte Kompromiss, der immer nur eine trübe Atmosphäre der Lüge und des Misstrauens erzeugen kann, wohl aber das ehrliche, offene Streitgespräche der beste Brückenschlag, der sich denken lässt. Es ist tief bedauerlich, dass das bürgerliche Lager es auf dem Kongress meist an Offenheit fehlen ließ, dass es zwar immer wieder eifrig zum anonymen Applaus die Hände rührte, wenn es durch Camouflagebegriffe wie »Totalitarismus« das ersehnte Stichwort erhielt, aber scheu zurückhielt, sobald es einmal galt, mit Argumenten eine Meinung zu präsentieren. Vereinzelte Redner, wie beispielsweise der Lyriker Rudolf Hagelstange, verschanzten sich sogar hinter verschwommenen Andeutungen und zweideutigen Metaphern, als ob es heute tatsächlich noch nötig wäre, durch die Blume zu reden oder zwischen den Zeilen Opposition zu spielen. Unvergleichlich sympathischer als die im Vagen und Unbestimmten verrinnenden Äußerungen dieses Dichters der jungen Generation, der in seinen Versen anscheinend nicht ganz ohne Grund die verführerische Glätte des Grafen Platen anstrebt, war da doch der leidenschaftliche Protestruf, zu dem etwa Frau Birkenfeld sich veranlasst sah, als Ernst Niekisch – übrigens mit vollem 1566 Teil XI Recht – zwischen der Philosophie Ortega y Gassets und dem Faschismus Parallelen zog. Dass sich an diesen Zwischenfall nicht unmittelbar eine klärende Diskussion anschloss, gehörte zu den offenkundigen Mängeln des Kongresses. In der Bürgerpanik vor dem »Aufstand der Massen«, dem man heute ein überhebliches Abendländertum entgegen zu setzen pflegt, liegt tatsächlich ebenso wie in der absonderlichen Tatsache, dass der Individualist und Geistesaristokrat Ortega sich zum Hofmetaphysiker des Despoten Franco erniedrigt hat, ein Problem, das zwischen deutschen antifaschistischen Schriftstellern bürgerlicher und sozialistischer Richtung sehr wohl der eingehenden Erörterung wert wäre. Der Vorwurf, dass dem – heftig applaudierten – Zwischenruf kein einziges Argument folgte, trifft diejenigen, die sich aus wer weiß welchen Gründen während des ganzen Kongresses vom offenen, mutigen Streitgespräch fernhielten. Wa rum taten sie das wohl? Weil es ein hoffnungsloses Unterfangen ist, sich mit geistigen Menschen anderer Richtung auseinanderzusetzen? Welche erbärmliche Borniertheit! Welch – Verzeihung! – zutiefst »totalitaristischer« Gesinnungsdünkel! Wenn man bei einer Meinung verharrt, wenn man sich mit Händen und Füßen dagegen sträubt, auch nur im mindesten von ihr zu lassen, und dabei die höfliche Einladung der Gegenseite, sie zur Diskussion zu stellen, ausschlägt oder mit Stillschweigen und diskreter Besserwisserei beantwortet, so liegt die Vermutung nahe, dass es mit der Begründung dieser Meinung herzlich schlecht bestellt ist. Oder ist selbst diese eine und dringlichste Forderung, unbedingt und unter allen Umständen im Gespräch bleiben zu müssen, schon eine Falle? Nun, wenn sie es ist, so doch wohl einzig deshalb, weil die Thesen der einen Seite zu schwach sind, als dass sie der Auseinandersetzung standhalten könnten. Die Gegensätze im Geistigen sind heute notwendige Modifikationen der sozialen Schichtung. Viel heftiger, als es geschah, hätten sie auf dem ersten Schriftstellerkongress ausgetragen werden müssen. Wenn sie verschwiegen oder mit höflichen, nichtssagenden Floskeln überspielt werden, so müssen sie sich unweigerlich zu unersprießlicher Feindseligkeit verhärten. Nur dann, wenn sie überall in Deutschland offen konfrontiert werden, gibt es eine Hoffnung, über alle ideologischen Differenzierungen hinweg doch noch zu einer Gemeinsamkeit gegenüber den wichtigsten Schicksalsfragen unserer nationalen Existenz zu gelangen. 1567Drei Schriftstellerkongresse Aber gibt es überhaupt noch Ansatzpunkte zu solcher Gemeinsamkeit? Es gibt sie. Der Schriftstellerkongress hat das deutlich bewiesen. Als Hermann Duncker, der aus Amerika heimgekehrte greise Lehrmeister einer ganzen Generation deutscher Marxisten, die Resolution gegen den Antisemitismus einbrachte, als Johannes R. Becher das Bekenntnis der Schriftsteller zum Frieden und zur Völkerversöhnung formulierte, als Arnold Bauer die Forderung des »Miteinanderredens« aufstellte, da wurde klar, dass es bestimmte fundamentale Prinzipien gibt, in denen wir um jeden Preis einig sein müssen, wenn wir uns nicht selbst verlieren wollen. Alle übrigen Differenzen werden wir so loyal wie streitbar miteinander auszufechten haben. Aber in der Ächtung von Rassenhass und Kriegshetze, in dem unbedingten Vorsatz, überhaupt miteinander im Gespräch zu bleiben (was letzten Endes nur möglich sein wird in einem einigen Deutschland) – in allen diesen Grundfragen unseres Daseins müssen wir zusammenstehen. Die Tatsache, dass der Kongress auf die Resolution Hermann Dunckers und die Rede Bechers einmütig reagierte, zeigt zur Genüge, dass irgendwo eine Gemeinsamkeit auch der geschiedensten Geister existiert. Diese Gemeinsamkeit wäre belanglos, wenn sie sich auf Selbstverständliches erstreckte. Aber solange Friedfertigkeit und Rassentoleranz keineswegs selbstverständlich sind (und man muss schon mit Blindheit geschlagen sein, um das behaupten zu können), kann gar nicht oft und nachdrücklich genug das Gemeinsame betont werden. Gleichschaltung und Uniformität sind hassens- und verabscheuungswerte Erscheinungen, aber Gemeinsamkeit in den elementaren Grundsätzen der Humanität ist, bei aller Ersprießlichkeit klarer und distinkter weltanschaulicher Differenzen, eine absolute, gebieterischer Notwendigkeit. Der Schriftstellerkongress zeigte nicht nur, dass das Gespräch möglich und die Übereinstimmung in bestimmten Prinzipien vorhanden ist. Er zeigte leider auch, dass Einflüsse wirksam sind, die uns das Gespräch verleiden, zu unversöhnlichem Hader gegeneinander aufstacheln und unsere Gegensätze zu einer unüberbrückbaren Kluft aufreißen können, falls wir einmal aufhören sollten, wachsam zu sein. Wenn auf der ersten gesamtdeutschen Begegnung der deutschen Schriftsteller nach dem Kriege jemand das Podium usurpierte, der es offensichtlich da rauf abgesehen hatte, aus der geistigen Debatte eine Saalschlacht zu machen, und wenn dieser »Jemand« sich als »unabhängiger amerikanischer Schriftsteller« ausgab, so dürften wir hinreichend belehrt sein, aus welcher Himmelsrichtungen uns hier Gefahr droht. Wer war dieser »unabhängige amerikanische Schriftsteller«? Und was hatte er uns zu sagen? 1568 Teil XI Es fängt damit an, dass die Berufsbezeichnung, die Mr. Lasky sich zugelegt hat, auf glatter Hochstapelei beruht. Ein Schriftsteller? Weit gefehlt! Mr. Lasky ist der Berliner Korrespondent zweier belangloser Journale jener »heimatlosen Linken«, deren »Heimatlosigkeit« da rin besteht, dass sie am prächtigsten unter der Protektion der finstersten Reaktionäre zu gedeihen pflegt. So Herr Albrecht, der sich mit seinem Verratenen Sozialismus in den Dienst des Propagandaministeriums stellte, so Herr Koestler, der als rosarotes enfant terrible in den Salons englischer Konservativer und amerikanischer Finanzmagnaten herumgereicht wird, so Mr. Lasky, der von den Pressekonferenzen General Clays enttäuscht ist, weil sie nicht genug antisowjetisches Material hergeben. (Seinerzeit musste Lasky sich, als Antwort auf einen seiner stereotypen provokatorischen Fragen, von General Clay sagen lassen, dass die angeblichen »politischen Flüchtlinge« aus der Ostzone arbeitsscheue Elemente und Schieber sind!) Dieser Lasky erdreistete sich also, im Namen der »unabhängigen amerikanischen Schriftsteller« zu sprechen. Man bedenke, was das bedeutet! Man überlege sich, was etwa geschehen würde, wenn auf einem Schriftstellerkongress in London oder Paris irgendein beliebiger ausländischer Reporter das Wort zu einer weitschweifigen Rede ergriffe, anstatt bescheiden in der Ecke zu sitzen und sich Stichworte für seinen Zeitungsbericht zu notieren! Es würde zweifellos als ein ungeheuerliche Taktlosigkeit und Anmaßung empfunden werden. Nicht minder ungeheuerlich ist die tiefe Missachtung, die die Amerikaner unserem Kongress gegenüber bekundeten, als sie ihren Lasky zu seiner »unabhängigen« Attacke ermächtigten. Man kann sich im Ausland auf den Standpunkt stellen, dass es noch verfrüht sei, mit uns geistigen Kontakt aufzunehmen und wir werden das beschämt und schuldbewusst respektieren. Man kann sich auch, wie die Tschechoslowakei, da rauf beschränken, Beobachter zu entsenden, und wir werden die Gründe dieser Distanzierung verstehen. Aber wenn einerseits aus Russland bedeutende Dichter wie Gorbatow, Katajew und Wischnjewski, aus England Hermon Ould, der Generalsekretär des PEN- Clubs, und H. N. Brailsford, aus Jugoslawien Jovan Popovič usw. zu uns kommen, wenn andererseits Leute wie ausgerechnet Schumacher in Flugzeugen über den Ozean nach USA flitzen dürfen, weil das Ausland solange keine deutschen Chauvinisten mehr genossen hat – dann ist es eine Unverschämtheit, uns Mr. Lasky als amerikanischen Vertreter auf unserem Schriftstellerkongress zuzumuten. Mr. Lasky benutze die Gelegenheit, mit einer Lektion über den geistigen »Totalitarismus« in der Sow jet uni on seinem kecken Trotzkistenbärtchen Ehre zu machen. Er 1569Drei Schriftstellerkongresse plädierte für den »unterdrückten« Soschtschenko, der nach wie vor in Russland pu bliziert und gelesen wird und demnächst einen neuen Roman herausbringt. Er erhob sein J’accuse für den »unterdrückten« Eisenstein, der in Russland heute wie je zuvor zu den beliebtesten und erfolgreichsten Filmregisseuren gehört. Er wetterte gegen die sowjetische »Ächtung« von Picasso und Matisse, die vor kurzem in der Prawda angegriffen und gleich da rauf von Ilja Ehrenburg in einem langen Artikel leidenschaftlich verteidigt wurden. Er sprach – das ist das Schönste! – dem armen Professor Alexandrow, dessen philosophiegeschichtliches Werk von der Kommunistischen Partei »verworfen« worden sei, sein kollegiales Mitgefühl aus, vergaß dabei aber zu erwähnen, dass Professor Alexandrow der Propaganda-Chef eben dieser nämlichen Kommunistischen Partei ist. (Wenn der sowjetische Philosophenkongress sich neulich nicht mit dem Buch Professor Alexandrows kritisch befasst hätte, dann hätte Lasky sicher da rü ber gezetert, dass den armen russischen Philosophen die sakrosankte Auffassung des offiziellen Parteipropagandisten aufgezwungen werde! Was die russischen Wissenschaftler, Künstler und Kritiker auch tun mögen, es wird sich immer ein Lasky finden, der sich daraus einen »totalitären« Kinderschreck zurecht macht!) Kurzum: Lasky bewies, dass er von den sehr lebhaften und keineswegs monotonen kulturpolitischen Auseinandersetzungen in der Sow jet uni on keinen blassen Schimmer hat. Im übrigen hatte das Thema, das er da anschnitt, und das – etwa im Rahmen der »Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur« – allerdings einer sehr ernsthaften Prüfung und Diskussion wert wäre, nicht das Geringste mit den spezifischen Problemen der deutschen Schriftsteller zu tun. Was hatte er nun diesen an weisen Ratschlägen zu bieten? Eigentlich nichts außer der Phrase, dass der Schriftsteller »gegen den Strom schwimmen« müsse und zwar immer und in jedem Fall. Der »unabhängige amerikanische Schriftsteller« (damit meinte er vornehmlich sich selbst) sei sogar im Kriege gegen den Strom geschwommen und habe den engstirnigen »Bürokraten am grünen Tisch in Washington« mit munterster Opposition das Leben schwer gemacht. Und hier log Mr. Lasky nun ausnahmsweise einmal nicht: Die Partisan Review, die amerikanische Trotzkistenzeitschrift, die Mr. Lasky in Berlin vertritt, schwamm im Kriege in der Tat gegen den Strom, gegen den Strom nämlich des antifaschistischen Freiheitskrieges der Vereinten Nationen, also mit dem Strom der Hitlerschen Aggression, und ihre »Unabhängigkeit« bestand da rin, dass sie von den isolationistischen Reaktionären der Wall Street ausgehalten wurde. Und 1570 Teil XI die »Bürokraten am grünen Tisch in Washington«, das waren Roosevelt und die »New Dealer«. Denen machten Lasky und Konsorten, »heimatlos« und »links«, wie sie waren, das Leben schwer – wie McCormick, wie Hearst, wie die Brüder Dulles, wie Henry Ford und der Oberst Lindbergh. Die also sollen die deutschen Schriftsteller sich zum Vorbild nehmen. Nur ja nicht etwa konstruktiv werden! »Gegen den Strom schwimmen« ist ja so viele amüsanter! (Wobei allerdings die Frage entsteht, gegen welchen Strom Mr. Lasky jetzt eigentlich schwimmt: Gegen die rechtlose Einkerkerung Gerhart Eislers? Gegen die schikanöse Behandlung seines Bruders, des Komponisten Hanns Eisler? Gegen die widerwärtigen Gesinnungsschnüffeleien des Faschisten Rankin? Gegen die Intrigen, denen Charlie Chaplin ausgesetzt ist? Gegen die Metternichmethoden, mit denen man den Anna-Seghers-Film Das siebte Kreuz und den neuesten Roman von Sinclair Lewis von Deutschland fernhält? Gegen die Ausbootung Carlebachs aus der Frankfurter Rundschau? Oder wogegen sonst? Nein und abermals nein! Mr. Lasky schwimmt im Opportunitätsstrom der amerikanischen Rechten und beträgt sich dabei päpstlicher als der Papst, indem er auf allen möglichen Pressekonferenzen mit seinen aggressiv-provokatorischen Fragen sogar dem gewiss nicht kommunistenfreundlichen General Clay auf die Nerven fällt!) Die deutschen Schriftsteller haben in Mr. Lasky die mustergültige Personifikation all der plumpen und behutsamen, raffinierten und naiven, brutalen und sanften, offenen und versteckten Spaltungstendenzen zu Gesicht bekommen, die seit Jahr und Tag jeden Versuch, durch offenherzige Diskussion und tolerante Respektierung anderer Meinungen zu einer freiheitlichen Gemeinsamkeit zu gelangen, vereiteln. Die von dieser Seite her beabsichtigte Zerstörung des Schriftstellerkongresses gelang diesmal nicht. Lasky machte seine Sache viel zu plump. Aber täuschen wir uns nicht: Die Laskys sind täglich und stündlich am Werk. Sie wollen uns mit allen Mitteln der De ma gogie und Camouflage in eine »Unabhängigkeit« hineinzwingen, die mit Verantwortungslosigkeit gegenüber unserer Nation und mit sklavischer Abhängigkeit von der Willkür anonymer Wirtschaftsmächte identisch wäre. Untereinander werden wir uns nicht scheuen, unsere Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten mit radikalem Bekennermut auszutragen. Aber gegen die Laskys müssen wir zusammenhalten. Wie gegen den Antisemitismus, gegen die Kriegshetze, gegen die Zerreißung unseres nationalen Zusammenhalts. 1571Drei Schriftstellerkongresse Rede auf dem Zweiten Schriftstellerkongress Liebe Freunde! Ich glaube, es ist notwendig, zu dem Referat von Kuba eine korrigierende Ergänzung in einem Punkt zu geben, der mir wichtig zu sein scheint. Ich weiß nicht, ob ich Kuba missverstanden habe in dem, was er über die Einengung der Entwicklung junger Schriftsteller durch Berufstätigkeit gesagt hat. Ich möchte deshalb, weil ich glaube, dass es möglich ist, diese Ausführungen misszuverstehen, ganz eindringlich da rauf hinweisen, dass Berufstätigkeit für angehende und auch für arrivierte Schriftsteller von ganz großer Bedeutung ist. Ilja Ehrenburg hat bei der Diskussion mit uns vor einigen Wochen mit großem Recht da rauf hingewiesen, dass Anton Tschechow zum Beispiel eine Fülle von dem, was er aus dem Leben geschöpft und in seinen Werken wiedergegeben hat, nicht in dieser Tiefe hätte erfassen können, wenn er nicht den Beruf eines Arztes ausgeübt hätte; und Ehrenburg knüpfte da ran Bemerkung, dass es für einen jungen Schriftsteller, der eine Novelle oder ein Buch geschrieben habe, von größtem Schaden sei, wenn er sich nun als Berufsschriftsteller etabliere. Natürlich soll sich ein junger Schriftsteller nicht in ein Büro einsperren lassen. Ich bin aber der Meinung, wenn Kuba hier von den Pressereferenten bei der HO sprach, dass die HO ein derartig interessantes Stück Wirklichkeit ist, dass ein Mensch, der dort arbeitet, so viel Buntes, Interessantes, Neues, Werdendes, Falsches und Gutes erleben kann, wenn er Phantasie hat – Phantasie zu haben heißt, die Wirklichkeit tiefer zu sehen als andere Menschen –, dass er auch aus einer solchen Stellung unbedingt großen Nutzen und, ich glaube, größeren Nutzen ziehen muss als aus Reisen durch das Land. Selbstverständlich sind Reisen durchs Land notwendig, aber wenn man sich nur kurze Zeit an einem Ort aufhält und nur kurze Zeit in einem Betrieb tätig ist, dann empfängt man doch immer nur einen relativ oberflächlichen Eindruck von der dortigen Wirklichkeit, während ein Verwurzeltsein in einem Beruf einem den ganz spezifischen Charakter eines bestimmten Stücks Leben offenbart. Ich weiß nicht, ob ich einmal fähig sein werde, etwas Erzählendes zu schreiben. Wenn ich aber dazu in der Zukunft einmal fähig sein werde, dann nur deshalb, weil ich als Journalist, als Universitätslehrer berufstätig gewesen bin, und das ist, glaube ich, eine ganz wesentliche Grundlage überhaupt, um das Leben kennen zu lernen. Man kann nicht behaupten, dass der Beruf des Apothekers zum Beispiel viel mit Literatur zu tun 1572 Teil XI hätte. Aber was wäre Fontane, wenn er nicht Apotheker gewesen wäre? Was wäre Effi Briest ohne den Apotheker Theodor Fontane? Ich möchte da noch zu einem zweiten Punkt ein paar Bemerkungen machen, nämlich zu der von Kuba angeschnittenen Frage des Leserpublikums von heute, aus dem die Schriftsteller von morgen entstehen werden. Ich denke da an zwei Begebenheiten, die sich in jüngster Zeit ereignet haben. So an den Brief, den ein Arbeiter an die Redaktion des Neuen Deutschland schrieb, in dem er sich bitter über die Romane von Theodor Fontane beschwerte, die teils in adliger Gesellschaft spielten und nichts mit den Problemen unserer Zeit zu tun hätten. Er fragte, warum dieser Theodor Fontane immer noch in seiner Ecke sitze und über diesen alten Kram nachdenke und Bücher schreibe. Ein ähnlicher Brief erreichte neulich den Aufbau-Verlag. Er kam von einem Junglehrer und Pionierleiter, der ähnliche Einwände gegen Mark Twains Tom Sawyer hatte. Dieses Buch habe er seinen Pionieren vorlesen wollen und er hätte dabei festgestellt, dass da doch ein recht übler junger Mensch, der aus dem Elternhaus ausbricht, alle möglichen fragwürdigen Abenteuer beginnt und die Schule schwänzt, sympathisch dargestellt würde, und das wäre doch nicht die richtige Literatur für junge Pioniere. Dem Kritiker an Fontane hat Heinz Lüdecke im Neuen Deutschland in einem sehr guten Artikel geantwortet. Er bekam auf diesen Artikel zig Briefe für und gegen Fontane, für und gegen Lüdecke. Was zeigt das? Das ist doch in der deutschen Gesellschaft etwas Neues und Erfreuliches, gleichgültig, was in diesen Briefen stehen mag, dass sich einfache Menschen aus dem Volk hinsetzen und über ein Buch an eine Zeitungsredaktion einen empörten oder lobenden, jedenfalls beeindruckten Brief schreiben. Es kommt nur da rauf an, dass dieser erwachenden geistigen Aufmerksamkeit und geistigen Aufgeschlossenheit etwas Richtiges und Neues geboten wird, und so möchte ich die dringende Forderung an den Schriftstellerverband richten, einige Maßnahmen zu treffen, die wirklich zur Heranführung breiter Publikumsmassen an die Literatur und zur Diskussion der Literatur in breiten Publikumsmassen führen könnten. Ich denke zum Beispiel in erster Linie an die absolute Notwendigkeit der Einrichtung von Leserkonferenzen, die ich zu einer Forderung an den Schriftstellerverband machen möchte. Ich denke an Leserkonferenzen zwischen Schriftstellern, Kritikern und dem 1573Drei Schriftstellerkongresse Leserpublikum aus den Massen, wie sie sich in der Sow jet uni on sehr bewährt haben und wie sie sich, wie ich höre, auch in den Volksdemokratien zu bewähren anfangen.217 Das zweite Entscheidende ist, dass etwas zur Vermittlung des klassischen Erbes zusammen mit richtiger wissenschaftlicher marxistischer Interpretationen getan wird. Meine Damen und Herren, es ist schlimm, wenn man folgendes bedenkt: An einem Bildungsinstitut wie der Berliner Universität, an dem die Lehrer, Wissenschaftler, Ärzte usw. von morgen ausgebildet werden, gibt es keine einzige Möglichkeit, sich wissenschaftlich über die ganze klassische deutsche Literatur informieren zu lassen. Bis auf den heutigen Tag haben sie keine Möglichkeit dazu. Sie haben ein paar ganz fragwürdige, auf schlechtem Niveau stehende bürgerliche Philologen, die auch als bürgerliche Philologen keineswegs Kapazitäten sind, die also irgendwelche ganz gleichgültigen Dinge vortragen. Aber die deutsche Literatur von Lessing bis Heine, die in die Köpfe hinein muss, und zwar mit der richtigen marxistischen Interpretation, kann an der Berliner Universität nicht gehört werden. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass unsere Lehrer von morgen Halbgebildete sind. Wenn es an der Berliner Universität schon so ist, wie soll es dann an den Volkshochschulen, in den Betrieben usw. sein? Das ist ein ernstes Problem, das der Schriftstellerverband sich zum Thema machen muss. Rede auf dem Dritten Schriftstellerkongress Meine Damen und Herren! Während nunmehr vor zwei Jahren der Zweite Deutsche Schriftstellerkongress in Berlin tagte, fand in der Sow jet uni on jene große Diskussion über Fragen der Sprachwissenschaft statt, die gekrönt wurde durch die Arbeiten Stalins über die Fragen der 217 (AH) Das sowjetische System von organisierten Leserkonferenzen, dem Zusammentreffen von Schriftstellern, Regisseuren, Schauspielern und dem Publikum, die Einrichtung von Jugendtheatern, speziellen kulturellen Veranstaltungen für Werktätige und ganze Betriebe usw. hatte Harich in verschiedenen Artikeln umrissen, vor allem in seinen entsprechenden Beiträgen nach der Reise in die Sow jet uni on, die er 1949 mit Anna Seghers, Jürgen Kuczynski, Stephan Hermlin, dem Ehepaar Kellermann und anderen absolviert hatte. Siehe exemplarisch seine entsprechenden Artikel in der Weltbühne (Band 1.1, S. 230–249) und der Täglichen Rundschau (Band 1.2, S. 1147–1168). Dort auch ausführlich zu seiner Reise in die Sow jet uni on. 1574 Teil XI Sprachwissenschaft, von denen ich glaube, dass sie für das Problem der Literaturkritik eine eminente Bedeutung haben.218 Ich glaube, dass zumindest einige Punkte, die in 218 (AH) Gemeint ist: Stalin: Der Marxismus und die Fragen der Sprachwissenschaft, Berlin, 1951. Die Broschüre war in der DDR weit verbreitet und Anlass von zahlreichen Konferenzen, Selbstkritiken, Selbstüberprüfungen usw. In der Logik-Debatte konnte mit Hilfe der Argumentation Stalins ein modernes Konzept der Logik vertreten werden, das der SED-Position (präsentiert von Ernst Hoffmann) konträr gegenüberstand. Siehe: Hagedorn, Udo: Der Marxismus und Fragen der Sprachwissenschaft. Die Diskussion der Stalinschen Linguistik-Briefe in der DDR, Münster, 2005. Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. Alle relevanten Texte Harichs enthält der 2. Band (Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie). In dem § 7: Basis und Überbau (Freitag, den 12. 01. 1951, abgedr. in Band 1.1, S. 592–608) der Vorlesung Einführung in den dialektischen und historischen Materialismus (abgedr. in Band 1.1, S. 558–610), Teil Der Materialismus, äußerte sich Harich ausführlich vor den Studenten zu Stalins Schrift. Es heißt: »Bei fortschreitender Entwicklung der Produktivkräfte und fortschreitender Teilung der Arbeit entstehen produktive Funktionen der Menschen, die Arbeit sind, ohne der unmittelbaren Herstellung materieller Güter zu dienen. Es handelt sich dabei um abgeleitete Erscheinungsformen der Arbeit, die den Strukturtypus der Arbeit in differenzierter, abgewandelter Form weiterentwickeln, und deren Technik eine eigene Gesetzmäßigkeit der Entwicklung aufweist. (Beispielsweise alle ›rein geistigen‹ Tätigkeiten, Philologie, Kunst, Klavierspiel.) Das Gleiche gilt laut Stalin auch für die Sprache. Die Sprache ist ein Mittel der Verständigung. Als solche kann sie verschiedenen Klassen dienen, d. h. sie ist für alle Gesellschaftsklassen dieselbe. Sie wird nicht durch jede neue Basis völlig neu geschaffen, gehört also nicht zum Überbau. Zweitens spiegelt sich aber in der Sprache die objektive Realität wider. (Zum Beispiel die Zeit als Daseinsform der Materie in den verschiedenen Tempora und Verben.) An dem Verhältnis von Plusquamperfekt und Imperfekt ändert sich im Sozialismus nichts. Freilich auch hier nicht unabhängig von den Gesellschaftsformationen, die den Sprachschatz verändern, die Sprache allmählich abstreifen. Aber die Sprache ist nichtsdestoweniger Entwicklungsprodukt der verschiedenen Basen und der verschiedenen Überbauformationen. Das Denken. Der Denkinhalt – ›Wenn es regnet, ist es nass.‹ – ist mit der Kausalbeziehung ›Wenn, dann***‹ durch die Entwicklung der Basen des Überbaus nicht verändert worden. Es handelt sich um Widerspiegelung der objektiven Realität. Einwirkung von Basis und Überbau: Teleologische Kategorien, Gottesvorstellungen, wurzelnd in bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und der jeweils zu Grunde liegenden Basis. Mechanische Kausalitäts-Kategorie ebenfalls. Zusammenhang von Mehrwert und Krise als Kategorie des Denkens. Nur möglich im Marxismus. Dieser wiederum ist nur möglich auf der Grundlage des proletarischen Klassenkampfs. Aber die Entwicklungsgeschichte des Denkens vollzieht sich eben durch die verschiedenen Kategorienbildungen hindurch. Schlussfolgerung: Die Entwicklung der Arbeit und der verschiedenen aus ihr abgeleiteten Tätigkeitsformen, sowie die Entwicklung der Sprache und des Denkens vollziehen sich keineswegs unabhängig vom gesellschaftlichen Sein und Bewusstsein, sie haben aber, ungeachtet dieser Bedingtheit, eine in sich selbst zusammenhängende, relativ unabhängige, relativ selbständige Gesetzmäßigkeit der Entwicklung, die bei jeder dieser 1575Drei Schriftstellerkongresse diesem Zusammenhang bedeutsam sind, hier erwähnt zu werden verdienen. Ich kann selbstverständlich auch nicht an nähernd die Anregungen, die für die Literaturkritik da rin stecken, ausschöpfen, sondern möchte mich da rauf beschränken, eine Frage hervorzuheben, die meiner Meinung nach vielleicht in einem Diskussionsbeitrag nicht ganz klargestellt wurde und auf die man hier noch einmal zu bekommen sollte, auf die Frage des so genannten »Inhaltismus« und der richtigen Einschätzung der Bedeutung der künstlerischen Form. Stalin schreibt nämlich, dass sich das Gemeinsame der Sprache und der anderen gesellschaftlichen Erscheinungen da rin erschöpfe, dass sie der Gesellschaft dient. Und danach, schreibt er, beginnen sehr wesentliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Erscheinungen. Die Sache ist die, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen außer diesem Gemeinsamen ihre spezifischen Besonderheiten haben, die sie von ei nander unterscheiden und die für die Wissenschaft das wichtigste sind. Was heißt das, wenn man das anwendet auf die Literatur? Es heißt, dass die Literatur mit den anderen Künsten und den anderen Äußerungen der Ideologie, der Weltanschauung, das gemeinsam hat, dass sie der Gesellschaft dient und dass sie im Klassenkampf dieser oder jener Klasse oder auch diesem oder jenem Überbau oder dieser oder jener Basis dient. Das ist aber auch das, worin sich diese Gemeinsamkeit erschöpft, und dann beginnen die Unterschiede, und die Unterschiede sind das wichtigste. Und das Spezifische der Literatur muss für die Literaturkritik Funktionen als solche erforscht werden muss und nicht schematisch aus Veränderungen der Basis und des Überbaus hergeleitet werden kann, und zwar deshalb nicht, weil es sich hier um Produkte von Entwicklungsprozessen handelt, die das Resultat der gesamten Entwicklung verschiedener Basen und ihres jeweiligen Überbaus, das Resultat der Entwicklung von hunderten und tausenden von Generation sind. Praktische Schlussfolgerung: Der historische Materialismus ist eine Anleitung zum wissenschaftlichen Studium, seine Leitsätze können aber nicht das Studium, können nicht die konkrete Detailforschung auf jedem Gebiet ersetzen.« (Ebd., S. 594 f.) Veranstaltung in Leipzig, 1950 1576 Teil XI auch das wichtigste sein, vor allen Dingen dann, wenn die Literatur sich in einer Gesellschaft entwickelt, in der über das fortschrittliche Wollen und die fortschrittlichen Bestrebungen der Schriftsteller Einigkeit bestehen dürfte. Dann braucht man sich nicht zu beteuern, dass es da rauf ankomme, im Inhalt den fortschrittlichen Ideen zu dienen, sondern dann muss man die Frage stellen, wie diesen Ideen gedient ist. Wenn wir nun dieses Problem und diese Aufgabe unter dem Aspekt der Entwicklung der deutschen Literaturgeschichte in der Vergangenheit betrachten, dann stellen wir fest, dass es eine starke Tradition gibt, und zwar eine den Gegenpol der Innerlichkeit darstellende Tradition, die dieses Spezifische der Literatur und der Kunst überhaupt vergessen macht. Sie trat zum ersten Mal auf in der von mir ansonsten sehr geliebten Aufklärung und wurde vertreten von dem ansonsten so überaus liebenswerten Herder, der an den Goetheschen Balladen die fehlende Moral bemängelte, worauf Goethe ihm antwortete – es wird aus einem guten Kunstwerk auch immer eine gute Moral zu entnehmen sein, aber wenn man die Kunst der Moral unterordnen wolle, dann solle man ihr lieber gleich einen Mühlstein um den Hals hängen und sie ersäufen. Der Kampf der deutschen Klassik, der Kampf um die Ästhetik, von Kant bis Hegel, der Kampf Goethes und Schillers für die Emanzipation der Mittel der Kunst, von der Unterstellung unter religiöse oder moralische Tendenzen, hat die Kunst überhaupt erst, die fortschrittliche Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt erst befähigt, die Wirklichkeit als Wirklichkeit in ihren wesentlichen Zügen rücksichtslos darzustellen. Das ist also ein entscheidender Schritt, ein entscheidender Schritt zum Realismus. Das ist eine Errungenschaft – und nur eine Errungenschaft bleibt eine Errungenschaft. Goethe hat in dieser Frage recht. Der große Heinrich Heine, der in der Lyrik – ich hoffe, dass ich keinen der Anwesenden verletze, wenn ich sage – die größten revolutionären lyrischen Werke deutscher Sprache geschaffen hat, der einen Kampf führte gegen die gesellschaftlich belanglose, sich vor den Problemen des Tages drückende Kunst, der gleiche Heinrich Heine hat einen erbitterten Kampf geführt gegen die flache, im abstrakten Freiheitspathos stecken bleibende, unkünstlerische Tendenzpoesie des Jungen Deutschlands, die vor allen Dingen protegiert wurde von Ludwig Börne. Heine hat im Kampf gegen diese flache Literatur, die im Grunde die Idee, die sie vertrat, kompromittierte und unvolkstümlich machte, seinen großen Atta Troll geschrieben, dieses Werk, das sich richtet gegen jene, die die demokratischen Ideen dazu missbraucht haben, in jener Zeit ihre Talentlosigkeit 1577Drei Schriftstellerkongresse und Mittelmäßigkeit in Szene zu setzen. Ich glaube, dass diese Tradition in der deutschen Literatur doch derartig schädliche Konsequenzen gezeitigt hat, dass auch die Tradition des Atta Troll, die Tradition des großen Heine in dieser Beziehung eine weiter zu entwickelnde, berechtigt notwendige und unentbehrliche Tradition unseres Erbes darstellt. Wir müssen um die Kritik einen Kampf führen und für die künstlerisch legitime Gestaltung der demokratischen Idee, für eine Kunst, die der Ideen, die sie vertritt, würdig ist. Nun, unsere Kritik vergisst das manchmal, und der Fehler beginnt dabei, dass sie die spezifischen Eigenarten der verschiedenen Künste bagatellisiert. Man hat manchmal den Eindruck, als ob über Musikwerke, Werke der bildenden Kunst, lyrische Gedichte und Romane in genau den gleichen Kategorien geschrieben wird, in genau den gleichen Kategorien auch literaturhistorisch, als ob nicht spezifische Gesetze der Musik, der Kunst, der Literatur, der Lyrik und des Romans existieren, obwohl sie das alle gemeinsam haben, dass sie der Gesellschaft, dieser und jener Klasse dienen. Es gibt da eine solche Verwischung der Genre und einen solchen primitiven Soziologismus, der nicht aufrechterhalten werden kann, wenn man aus der Stalinschen Arbeit über die Sprachwissenschaft die Schlussfolgerungen auf die Literatur durch Literaturkritik zieht. Manchmal geht es mir so, dass ich eine Kritik in der Zeitung lese und denke, sie handelt über einen Vortrag über wissenschaftliche und politische Fragen, und stelle dann nachher im letzten Absatz fest, ach, da werden ja Schauspielernamen erwähnt, also wird es sich wohl um eine Theateraufführung handeln. Ich glaube, dass das ein ernstes Problem ist. Nun noch eine Frage zur Kritik als Hilfe des Sich-Entwickelns. Ich glaube, dass die problematischen Werke jeweils individuell zu behandeln sind. Es gibt in unserer jungen Literatur Werke, die inhaltlich und in der Form so schön sind und so groß und so wichtig und so richtig, auch von jungen Schriftsteller, dass man zum Beispiel sagen kann, das ist große deutsche Lyrik. Heute habe ich zufällig etwas gelesen in der neuen Nummer des Aufbau von unserem Freunde Fühmann, diese Gedichte über Belojannis, deren erste zwei wirklich große, schöne deutsche Lyrik sind. Zweitens, es gibt Schriftsteller wie diese Christa Reinig, die eine ungeheure Begabung verraten und anscheinend – wie Anna Seghers das hier sagte – mit den inhaltlichen Fragen nicht sicher sind, schwankend sind, nicht die wesentlichen Probleme der Zeit erfasst haben usw. Wie ist unsere Einstellung dazu? Ich glaube, wir müssen das so sehen, 1578 Teil XI dass eine Begabung wie diese Christa Reinig, die hervor sticht aus diesem Bund junger deutscher Erzähler, so ungeheuer wertvoll für uns ist und von uns entwickelt und individuell oder kollektiv herangeführt werden muss zu den wichtigsten Problemen unserer Zeit, dass wir da sehr behutsam vorgehen müssen und dass es nicht angeht, dass sie sofort von der Kritik herunter gemacht wird, da sie ja sehr begabt ist, aber als inhaltlich völlig mystisch kritisiert wurde. Das ist falsch. Drittens gibt es aber auch Schriftsteller, junge und solche, die alt sind wie der Westerwald, die in den ideellen Fragen absolut klar sind und wegen ihrer Klarheit in den ideellen und auch inhaltlichen Fragen auch schon einen Knuff vertragen sollten, denn wenn sie ihn nicht vertrügen, dann wären sie gar nicht so klar, die aber einfach schludern und wo Anfangs zum Teil Werke herauskommen, dass man sagen kann, nun also, wenn schon die jüngere Generation begonnen hat, die ältere zu kritisieren, so möchte ich hier ganz offenherzig sagen, dass ich bei manchen unserer Freunde, so zum Beispiel bei Gustav von Wangenheim, und nicht erst bei der letzten Revue, sagen könnte, obwohl ich das gesehen habe, stehe ich nach wie vor felsenfest auf dem Boden der Ideen, die er vertritt. Entschuldigen Sie, aber in unserer Literatur gibt es diese Situation, dass wir das Zeitnahe wollen und wünschen und eine solche Tendenz, die Fragen der Gestaltung des Realismus und der Form verbal, in verbalen Zugeständnissen an den Rand zu schreiben, dass wir einfach übersehen, wie sehr die beste Idee kompliziert wird durch einen schlechte Gestaltung und einfach nicht ankommt. Es klatscht derjenige, der sich, weil er das sowieso weiß, verpflichtet fühlt, die Idee gut zu finden, und die scharfe Kritik wird von dem Betreffenden, der so etwas schreibt, wenn er wirklich auf der Höhe der Ideen ist, die er vertritt, sehr akzeptiert werden müssen. Der wird sich dadurch keineswegs vernichtet fühlen. Sie wird aber manches Schädliche, das das minderwertige, mittelmäßige Kunstwerk angerichtet hat, in der Öffentlichkeit durch ihre Schärfe wieder gutmachen, und das Publikum wird sagen: Da ist einer, der auf die Kunst Wert legt und der die Wahrheit sagt. Also, ich glaube, wir müssen gerade in der Situation, wenn wir die Waffen des Kampfes für unsere Ideen, für den Frieden, für die Demokratie schärfen wollen, in der Kritik rücksichtsloser, mutiger und konsequenter sein.

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References

Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.