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Teil X Wortmeldungen in der SBZ in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1437 - 1518

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1437

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil X Wortmeldungen in der SBZ 1439Wortmeldungen in der SBZ Über den Rassenwahn (Juni 1945) (AH) Im Juni 1945 erarbeitete Harich für den Berliner Rundfunk den folgenden Beitrag. Ingrid Pietrzynski hat 1995 über die Entstehungsgeschichte berichtet (in Rundfunk und Geschichte, 1995, 21). Der Text von Harich wurde nicht in der hier präsentierten Form vorgetragen, sondern erst nach einer Überarbeitung durch Rudolf Mießner (damals Leiter der Redaktion Tagesfragen beim Berliner Rundfunk). Angesichts dieser Überarbeitung von Zensur zu sprechen, wie dies beispielsweise Ingrid Pietrzynski verklausuliert tat, ist deutlich überzogen. Die von Harich bezogenen Positionen blieben für diesen teilweise weiterhin prägend, bestimmte Überlegungen überwand er aber auch im Laufe der folgenden Jahre, eine Feststellung, die so auch für die als nächstes abgedruckte Kulturbundrede vom 4. Juli 1945 zu machen ist. Ich schreibe diese Zeilen am 22. Juni 1945 nieder92, an dem Tage, an dem vor vier Jahren Nazideutschland seinen verräterischen Anschlag auf das friedliche Sowjetvolk verübte. All das Schändliche, das seit diesem verhängnisvollen Tage im Namen Deutschlands und der deutschen Kultur von unserem irregeführten, von neuem fanatisierten und verblendeten Volk in der Sow jet uni on begangen wurde, ist schlechthin unbeschreiblich. Die Ziele, denen das waghalsige und unverzeihliche Abenteuer dieses Überfalls diente, bedürfen heute keiner Erläuterung mehr: Das scheele, imperialistische Verlangen nach Russlands schwarzer Erde ward getarnt durch einen zu einer Art Pseudo-Wissenschaft aufgeblähten National-Enthusiasmus. Wo blinde Beutegier den wahren Antrieb des Handelns bildete, wurde offiziell so getan als sei die geschichtliche Spezialmission des deutschen Volkes, der deutschen Rasse, Europa vor dem stumpfen ostischen »Untermenschentum« zu retten. Auf eine seltsame Art verbanden sich Pflicht und Neigung. Dass die Sow jet uni on besiegt werden würde, stand außerhalb jeden Zweifels. Denn hier stand ja der deutsche Mensch mit seiner Kühnheit und Tüchtigkeit, mit seiner adligen Gesinnung und seinen hohen Idealen gegen eine stumpfe Masse tierischer Ostvölker, die zu zerschmettern nur das Werk weniger Monate sein konnte. Die Tatsache allein, dass Deutsche diesen Krieg gegen Nichtdeutsche führten, galt bereits als eine hinreichende Bürgschaft des Sieges. Mit dieser Auffassung aber hatten sich die rassenpolitisch benebelten Meisterstrategen getäuscht. Das Sowjetvolk zeigte ihnen die Zähne. Es verfügte über Panzer von durch- 92 (AH) Siehe auch den Artikel Habt ein besseres Gedächtnis!, Abdr. in diesem Teil. 1440 Teil X dachter Konstruktion, über Infanteristen und Flieger von unglaublicher Zähigkeit und eminentem Schneid, die sich auf die Dauer den Unseren nicht nur gewachsen, sondern überlegen zeigten. Die Alleinherrlichkeit der deutschen Rasse erwies sich als ein schwerwiegender Irrtum, der mit dem Blut der deutschen Jugend, mit der Zerstörung der deutschen Städteherrlichkeit, mit der Lahmlegung unseres kulturellen Lebens und der Zerrüttung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse bezahlt wurde. Die Unterschätzung des anderen Volkes führte zu katastrophalen Konsequenzen, und Hochmut kam auch diesmal vor dem Fall. Ich verdamme aber die Überschätzung der eigenen Rasse nicht deshalb, weil sie sich politisch unrentabel auswirkt. Ich würde sie auch dann verdammen, wenn sich mit ihr Erfolge erringen lassen würden, vielleicht auf Grund des aufgeblähten nationalen Selbstbewusstseins, das sich mit dieser Überheblichkeit erzielen lässt. Ich verdamme sie als schlecht, weil sie den Errungenschaften des menschlichen Geistes gegenüber rückständig ist. Alle großen Ideen der Geistesgeschichte, die die Menschheit tatsächlich vorwärts trieben auf dem mühseligen Weg ihres Kampfes, ihrer Arbeit und ihres Leides, betonen insgesamt das Gemeinsammenschliche, das die Völker und Rassen trotz aller anthropologischen Unterschiede vereint und Verständigung und Frieden allererst ermöglicht. Denken wir an den totalen Geltungsanspruch der antiken Philosophie, der den Logos, die Vernunft, den Geist als Kern jedes menschlichen Daseins enthüllte. Denken wir an die Gleichheit aller Menschen vor Gott, wie sie das Christentum proklamierte. Denken wir schließlich an das wissenschaftliche Fundament und das daraus resultierende Aktionsprogramm der kommunistischen Internationale. Allen diesen Ideen gegenüber mutet uns der Versuch, den Wert des Menschen nach seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse festzulegen, als ein wahnwitziges ideologisches Abenteuer an, als Rückfall in eine kindische Barbarei. Trotz seines häufig betonten gesunden Realismus war der Nationalsozialismus in der Verfechtung seiner pseudowissenschaftlichen Theorien den schlichten Realitäten gegenüber blind. Seine Weltanschauungsapostel übersahen die Tatsache, dass die negativen und positiven menschlichen Eigenschaften ein gemeinsames Besitztum der ganzen Menschheit sind, vergaßen, dass Unterschiede in Bezug auf Intelligenz, Charakterstärke, Fleiß und Gemüt stets nur den einzelnen Fall betreffen, keineswegs aber die Völker gegeneinander abgrenzen, vergaßen, dass es in jedem Volke Edle, Fleißige, Kühne und Kluge und ebenso in jedem Volke Gemeine, Faule, Feige und Törichte gibt. 1441Wortmeldungen in der SBZ Sie stempelten die nordische Rasse und ihren Hauptrepräsentanten, das deutsche Volk, zum alleinigen Wertträger der Geschichte und diffamierten alle übrigen Völker und Rassen als mehr oder weniger minderwertig. Dass die zwingende Einsicht in die logische Notwendigkeit und Verpflichtung als inneres Gesetz – dieser Hauptattribute menschlichen Geistes – von strenger Allgemeingültigkeit für jeden Menschen sind, übersahen sie. Stattdessen vermählten sie muskelprotzige SS-Männer mit breithüftigen BDM-Walküren und bauten die Zukunft des deutschen Staates auf die pflichtgemäß in die Welt gesetzten Produkte dieser nationalistisch verbrämten Edelzuchtkuppelei. Stattdessen maßen sie die Kopfform und die Gliedmaßen der Schulkinder mit dem Zentimetermaß aus, verdarben die Blonden, Blauäugigen, Langschädligen, indem sie deren Überheblichkeit nährten, und die Kleinen, Dunkelen, Kugelköpfigen, indem sie in diesen Minderwertigkeitskomplexe und Ressentiments erzeugten. In diesen Albernheiten gipfelte der nationalsozialistische Schulunterricht.93 Die Erziehung zum moralischen Pflichtgefühl, die Ehrfurcht vor dem Bildungsideal einer freien Humanität und die Zielstrebigkeit ernsten wissenschaftlichen Studiums wurden von einer falsch interpretierten Biologie überwuchert, die als der Weisheit letzter Schluss, ja, als eine Art höherer Religiosität verherrlicht wurde. Leider handelte es sich bei diesen Erscheinungen nicht um einen lächerlichen Unfug, der sich mit ein wenig Hohn geringschätzig abtun ließe. Leider handelte es sich dabei um die systematische Vergiftung der deutschen Seele, um die ideologische Grundlegung zu jener sittlichen Verrohung, deren Früchte sich erst in diesem massenmörderischen Kriege zeigten. Anstatt die Jugend zu Ehrfurcht vor der menschlichen Kreatur zu erziehen, machte man sie zum Zeugen blutiger Pogrome. Anstatt ihr bei der Ausprägung des Verantwortungsgefühls behilflich zu sein, schrie man: »Die Juden sind an allem schuld!«, um ihr frühzeitig beizubringen, wie man sich von einer Schuld loslöst, indem man sie auf einen Sündenbock abschiebt. Anstatt ihr beizubringen, dass der Mensch sich erst in der Leistung bewährt, pflanzte man in ihre Herzen den Hochmut, indem man sie dazu verführte, sich auf Grund der bloßen Zugehörigkeit zum deutschen Volk als etwas ganz 93 (AH) Die im folgenden geäußerten Gedanken zum Thema Jugend und Erziehung im Nationalsozialismus sind kompatibel zu den frühesten, uns überlieferten schriftlichen Äußerungen Harichs. Hinzu zu ziehen ist für ihre Beurteilung und ideengeschichtlichen Einordnung vor allem das Manuskript Erlebnis und Bildung. Prinzipielle Diskussion einer brennenden pädagogischen Gegenwartsfrage, das Harich noch während des Zweiten Weltkrieges, unter dem Einfluss der Philosophie Nicolai Hartmanns, niederschrieb. (Abdr. in: Band 2, S. 551–651.) 1442 Teil X Famoses vorzukommen. Das eben war die gemeingefährliche Kehrseite des läppischen Hokuspokus, den man mit dem Rassegedanken trieb. Kein Wunder, dass eine in diesem Geiste erzogene Jugend in den zahlreichen moralischen Bewährungsproben unseres umwälzungsreichen Zeitalters versagte. Aber was lag den Nazis im Grunde an der sittlichen Vervollkommnung der deutschen Jugend? Sie wollten der Jugend blinden Hass einimpfen, um sie zum gefügigen Werkzeug ihrer imperialistischen Pläne zu machen. Sie wollten den Geist auf die Bedienung von Maschinengewehren abrichten und die keimenden, labilen Charaktere durch chauvinistische Ressentiments fanatisieren. Dieselbe Jugend, die schaudernd den Pogrom he roismus und die revolutionär verkrampfte Spießbürgerlichkeit bewundert hatte, mit der ihre Eltern die Schaufenster jüdischer Geschäfte zertrümmerten, betrachtete den Massenmord an Juden, Polen und Russen als höchste Pflicht und zeigte sich bereit, voller hirnverbrannter Begeisterung in einem sinnlosen Kriege auf den Schlachtfeldern ganz Europas ihr Leben für den mythischen Rassenhelden Adolf Hitler und seinen biologischen Sadismus zu opfern. Vergessen war die Achtung vor fremdem Eigentum und fremder Arbeit, vergessen waren Nächstenliebe und Demut, Vernunft und Einsicht. Vergessen war die unumstößliche Tatsache, dass hier in einem tragischen Missverständnis von katastrophalen geschichtlichen Ausmaßen Mensch gegen Mensch stand, und dass, gleichgültig wie das Schlachtenschicksal auch immer sich wenden mochte, auf jeden Fall die Anständigkeit des einzelnen siegen musste, wenn es überhaupt einen kleinen, ephemeren Sinn im Chaos dieser allgemeinen Sinnlosigkeit geben sollte. Der Feind war ja nicht nur gehasster Gegner im Kampfe, sondern eine minderwertige Kreatur, die man auszurotten die Pflicht hatte, wenn man einen politischen Flurschaden verhindern wollte. Diese anderen Völker und Rassen setzten sich ja nicht aus Menschen zusammen, sondern aus schädlichem Ungeziefer, und nichts war selbstverständlicher, sinnvoller, leichter, ja, spaßhafter, als dieses Ungeziefer zum Heile der Menschheit alias der deutschen Herrenrasse mit deutscher Tüchtigkeit, Energie und Kaltblütigkeit zu zertreten. Als dann die Rückschläge und Niederlagen sich mehrten, wurde durch geschickte Propagandamanöver dieses Ungeziefer zwar nicht zu Menschen, aber – oh Wunder! – zu Ungeheuern, die die deutsche Edelrasse, dieses feingeistige, komplizierte und kultivierte Volk der Dichter und Denker, mit blinder Brutalität zu vernichten drohten. Immerhin blieb es ein gewichtiger Trost, dass diese plumpen Ungeheuer geistlos und 1443Wortmeldungen in der SBZ roh waren, dass sie dumpfen Rasseninstinkten folgten und ungeschickt in eine Mausefalle hineintappten, die ihnen der scharfe, geschliffene Verstand der deutschen Edelrasse bereitete. Wo man anfangs Ungeziefer glaubte zertrampeln zu können, führte man jetzt mit viel Anmut den Kampf des schlauen, feingliedrigen David gegen den tölpelhaften Riesen Goliath. Und die Schleuder mit dem tötenden Stein, derer man sich zur Erringung des unzweifelhaften Endsieges bedienen wollte, hieß Vergeltung, Geheimwaffe, ausgeheckt vom unvorstellbar potenten deutschen Erfindungsgeist, der auf Grund seiner rassisch bedingten Befähigungen das zu zaubern verstand, für dessen Erringung sich die minderwertigen Geister anderer Völker viel mehr schinden mussten. Die unüberwindliche deutsche Tapferkeit hatte vor dem Ungeziefer versagt, jetzt würden es bestimmt die deutsche Tüchtigkeit, der deutsche Fleiß schaffen. Der Name »deutsch« hat durch diese gemeingefährlichen biologischen Überheblichkeiten auch für uns Deutsche einen üblen Beigeschmack erhalten. Unsere nationale Überheblichkeit ist einer schmerzlichen, aber gesunden und notwendigen Ernüchterung gewichen. Wir fühlen uns zutiefst beschämt, heute feststellen zu müssen, dass diese Unholde und Raubtiere, gegen die wir unseren Kreuzzug zur Ausrottung minderwertiger Rassen führten, uns viel menschlicher, sachlicher und objektiver behandeln, als wir sie in der praktischen Anwendung unserer Rassenherrlichkeit behandelten. Zudem sind wir verblüfft: Diese Bestien, die uns jetzt, da wir besiegt am Boden liegen, mit Stumpf und Stiel ausrotten könnten, ohne dass wir uns auch nur zu entziehen vermöchten, lassen uns arbeiten und leben, sind gespannt auf unser Theaterleben und sitzen in unseren Konzerten und ernähren uns sogar! Diese Bestien sind in Wirklichkeit schmucke Offiziere und biedere Soldaten, die sich für die Eigentümlichkeiten unserer Kultur interessieren und denen sich beim Anschauen alles Neuen und Unvertrauten eine durchaus menschliche Regung wie beispielsweise das Heimweh ins Herz schleicht. Die Normalität und Geradheit ihre Anschauungsweise und die Gesundheit und Menschlichkeit ihres Empfindens beschämt uns derart, dass wir dem entgegengesetzten Extrem zum Rassenfanatismus zu verfallen drohen: Einer kriecherischen Servilität, die unseren schlechten politischen Ruf nur vertieft. Und indem wir dies, uns selbst erkennend in einer neuen, mehr kritischen Form des Selbstbewusstseins feststellen müssen, kommen wir uns selbst auf die Schliche: War nicht unsere völkische Rigorosität, unsere ganze biologische Selbstaufblähung nur die überkompensierende Modifikation eines tiefen Minderwertigkeitsgefühls? Leben wir 1444 Teil X nicht seit Jahrzehnten, seit der Bismarckzeit, seit dem Aufblühen deutscher Spießbürgerlichkeit unter dem Druck unserer eigenen Mentalität? Sind wir Deutsche nicht die Parvenus der Weltgeschichte, die ihren Aufstieg aus Ohnmacht und Zersplitterung krampfhaft forcierten, weil sie sich schämten, langsam und stetig zu wachsen und zu reifen? Dem Wurm gleichen wir, der, vom Erkenntnisekel eigener Minderwertigkeit getreten, sich aufreckt aus dem Staube seiner chaotischen Vergangenheit und in der Gebärde dieses Aufreckens die anderen übertrumpfen möchte an majestätischer Haltung! Wann wird uns die Gesundheit einer klaren Lebenslinie zuteil werden? An unserem Eigendünkel musste unser Stolz zuschanden werden! Das ist ein schmerzhafter, aber notwendiger Reinigungsprozess. Werfen wir Rassendünkel und völkische Borniertheit von uns. Hüten wir uns aber auch davor, uns masochistisch in irgendeinen Selbstekel zu stürzen, der zum Nährboden eines neuen Krampf-Chauvinismus werden könnte! Wir wollen uns nicht mehr da rauf versteifen, dass die Welt gefälligst am deutschen Wesen zu genesen hat, wir wollen uns aber auch nicht als Deutsche schämen. Wir wollen mit dem Wort »deutsch« sparsamer werden, um den üblen Beigeschmack loszuwerden, den es an sich hat, und wir wollen lernen, als Menschen menschlich zu sein. Deshalb ist es so sinnwidrig, heute die mühsam verbogene jüdische Urgroßmutter auszugraben, um sich in ihrem Glanze zu sonnen. Begreifen wir doch endlich, dass die jüdische Urgroßmutter weder eine Belastung, noch eine Entlastung darstellen kann, dass sie als Wertmaßstab unserer menschlichen Qualitäten gänzlich ungeeignet ist. Erst wenn wir diesen Primat der menschlichen Qualität des Individuums und die Vordringlichkeit des Menschheitsgedankens vor der scheuklappenumhegten nationalistischen Selbstaufstachelung aus innerster Überzeugung bejahen können, haben wir den lange verlorenen Anschluss an den moralischen und politischen Lebensstandard der anderen Nationen gefunden. Es hilft uns nichts, gegen den Faschismus zu schreien, wenn wir dabei versäumen, dessen geheimste Grundlagen, die in uns selbst immer noch verborgen sind, zu durchschauen und aus den Fundamenten unseres geistigen Seins herauszureißen. 1445Wortmeldungen in der SBZ Die Forderungen der deutschen Jugend an den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands Rede auf der Kundgebung am Dienstag, den 3. Juli 1945 im Großen Sendesaal des Berliner Rundfunkhauses (AH) Wie Wolfgang Harich in den Kulturbund kam, hat er in seinen autobiographischen Notizen geschildert (siehe den ersten Teilband). Bei der hier abgedruckten Rede handelt es sich um seinen ersten großen öffentlichen Auftritt nach dem Weltkrieg. Das Manuskript umfasst fünf Schreibmaschinenseiten mit verschiedenen handschriftlichen und maschinenschriftlichen Korrekturen, die als Änderungen letzter Hand übernommen wurden. Die Ausführungen Harichs stehen durchaus in einer gewissen Kontinuität zu seinen Notizen aus der Kriegszeit, wo er ja ebenfalls bereits um 1942/1943, etwa in dem Manuskript Erlebnis und Bildung,94 vor allem den Wert von Erziehung und Kultur für die humanistische Hebung der gesamten Menschheit betont hatte. Interessant und mehr als nur ein Zufall ist sicherlich, dass beispielsweise auch Ernst Bloch in den letzten Jahren des Krieges und in der Nachkriegszeit die Notwendigkeit von Erziehung und Pädagogik zur Verhinderung des Faschismus und zur Herbeiführung und Vollendung des Aufbaus des Sozialismus betonte. (Diese Texte, von den letzten Exiljahren bis zur Leipziger Antrittsvorlesung, liegen gedruckt vor und wurden von Bloch bewusst in dieser Art und Weise zusammengestellt.)95 Fritz J. Raddatz, der Harich wahrscheinlich nie verziehen hat, dass dieser seine Marx-Biographie als verfälschendes, niveauloses Machwerk im Spiegel anprangerte,96 schrieb in seinen Erinnerungen: »Schon acht Wochen später, im Sommer 1945, stand Harich neben Paul Wegener, dessen Sekretär damals war, und Johannes R. Becher im großen Sendesaal des Berliner Rundfunks (…) und nahm an der Gründung des Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands teil. Harichs dritte Konversion, die zum Marxismus, war vollzogen.«97 Siegfried Prokop, der dieses Zitat »überliefert« hat, konnte erst kürzlich zeigen, dass sich Raddatz hier irrte. Prokop, der sich um die Aufarbeitung der Geschichte des Kulturbundes verdient gemacht 94 (AH) Abdruck in: Band 2, S. 551–651. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers: Erkenntnistheorie im Sinne Nicolai Hartmanns, S. 363–386. 95 (AH) Bloch, Ernst: Fragendes Kind (S. 224); Erziehen und Erzieher (S. 225–229); Edle Bereitung, Humaniora, Sozialerziehung (S. 229–243); Breite und Niveau in Forschung und Lehre (S. 244–254); Marxistische Propädeutik und nochmals das Studium (S. 255–270); Universität, Marxismus, Philosophie (S. 270–291), alle in: Ders.: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985. Dass Bloch diesen Bogen spannte ist bemerkenswert, da in seiner Gesamtausgabe so mancher Text aus der DDR fehlt. Siehe mit weiteren Hinweisen: Amberger, Alexander; Heyer: Theorie und Praxis. Blochs Verständnis des Marxismus, 1949–1961, in: Schiller, Hans-Ernst (Hrsg.): Staat und Politik bei Ernst Bloch, Baden-Baden, 2016, S. 107–126. 96 (AH) Harich: Marx mit Mixed Pickles. Wolfgang Harich über Fritz J. Raddatz: Karl Marx. Eine politische Biographie, in: Der Spiegel, Nr. 17 vom 21. April 1975, S. 152–155. 97 (AH) Raddatz, Fritz J.: Unruhestifter. Erinnerungen, München, 2003, S. 96. 1446 Teil X hat,98 weist da rauf hin, dass von einer Adaption des Marxismus in Harichs Rede nicht gesprochen werden könne: »Denn in der Rede kommen zwar Marx und Engels und auch der Begriff des Marxismus schon vor, jedoch sind sie hier in der Aufzählung lediglich mit angeführt, kaum etwas deutet auf einen marxistischen Standort Harichs hin. Er hätte sonst auch nicht die Jugend in einer so überdimensionalen Schuldverstrickung gesehen, wie er es in der Rede tat, während er auf die sozialen Wurzeln von Faschismus und Krieg mit keinem Wort einging. Dies ist wohl auch ein Grund dafür gewesen, dass seine Rede bei anwesenden Zeitgenossen nicht besonders ankam.«99 Prokop lag aus den Beständen der Akten des Kulturbundes ebenfalls eine Kopie des Manuskriptes von Harich vor, die dieser höchstwahrscheinlich für eine Drucklegung eingereicht hatte. »Auf der Rückseite des letzten Blattes des Redemanuskript steht mit Bleistift der Vermerk: ›Alles Scheiße!‹, der vermutlich von Johannes R. Becher stammt. Mit Kugelschreiber ist ein zweiter Vermerk aus jüngerer Vergangenheit da run ter: ›Diese Rede wurde meines Wissens nicht veröffentlicht. Aber auf der Gründungsversammlung gehalten! Gez. Schulmeister.‹«100 Prokop mutmaßt, dass dieses Urteil Bechers dazu führte, dass Harichs Rede nicht in die offizielle Publikation der Veranstaltung aufgenommen wurde.101 * * * * * Meine Damen und Herren! In dem Augenblick, da der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands ins Leben gerufen wird, tritt auch die junge Generation Deutschlands in Ihren Gesichtskreis, die der Hilfe des Kulturbundes am dringendsten bedarf. Indem ich als Sprecher dieser deutschen Jugend auftrete, unterziehe ich mich einer dreifachen Aufgabe: Ein Schuldbekenntnis der deutschen Jugend abzulegen, mich um ihre Rechtfertigung zu bemühen und Forderungen zu erheben, deren Erfüllung die 98 (AH) Siehe: Schulmeister, Karl-Heinz: Siegfried Prokop – unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs, in: Heyer, Andreas (Hrsg.): Diskutieren über die DDR. Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Prokop, Band 1, Norderstedt, 2015, S. 14–25. 99 (AH) Prokop, Siegfried: Einführung, in: Ders., Zänker, Dieter (Hrsg.): Einheit im Geistigen? Protokolle des Präsidialrates der Kulturbundes, 1945–1948, Berlin, 2015, S. 10. 100 (AH) Ebd. Von Karl-Heinz Schulmeister stammt die erste Geschichte der Gründungszeit des Kulturbundes: Auf dem Wege zu einer neuen Kultur. Der Kulturbund in den Jahren 1945–1949, Berlin, 1977. In dem gerade genannten Aufsatz (Siegfried Prokop – unermüdlich auf den Spuren der Kulturbundgeschichte unterwegs) hat er über die Entstehung seiner Monographie berichtet. 101 (AH)) Prokop: Einführung, S. 9 f. Siehe: Manifest des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, Berlin, 1945. 1447Wortmeldungen in der SBZ Vo raus set zung zu jeglichem Neubeginn und zur Wiedergutmachung des Versäumten und Gefehlten bilden. Die Schuld der deutschen Jugend ist unsagbar groß. Von der Denunziation der eigenen Eltern bis zu den abscheulichen Pogromen, mit denen wir die Juden, diesen Sündenbock des schlecht funktionierenden deutschen Gewissens, peinigten, von der Schändung der Kirchen bis zur Verhöhnung des Elternhauses, der Wissenschaft und der Kunst, gibt es kaum eine Scheußlichkeit dieses unseligen »Dritten Reiches«, an der sich nicht junge Menschen beteiligten. Die so genannte nationale Erhebung, mit der wir uns auf Kundgebungen, monströsen Parteitagen unter Glockengeläut und Fanfarengetöse marktschreierisch brüsteten, war die Fassade, hinter der sich Unreife und Würdelosigkeit, burschikoser Zynismus und nationalistisch verbrämte Eigendünkel verbargen. Trunken von suggestiven Schlagworten, berauscht vom falschen Glanze einer so genannten großen Zeit, zogen wir schließlich in den Krieg und wurden zur Exekutive des nationalsozialistischen Machtfanatismus. Schuld sind wir an Europas zerstörten Städten, an seinen sinnlos niedergebrannten Dörfern, an den Schändungen fremder Kulturgüter und den systematisch ausgeklügelten und bewerkstelligten Massenmorden an den Kindern, Frauen und Männern anderer Nationen. Schuld sind wir nicht zuletzt auch an der Ausblutung und Verelendung des deutschen Volkes, an der Zerrüttung der deutschen Wirtschaft, an der schmerzlichen Zerreißung der deutschen Familien und an der Zertrümmerung der deutschen Städteherrlichkeit. All dies ließen wir ja zu, indem wir, verbissen weiterkämpfend, einer längst bankrotten Regierung einen längst verlorenen Krieg verlängern halfen. So wurde durch unseren Einsatz dieser Krieg schließlich zu einem grauenhaften Exzess jahrelanger nationaler Selbstzerfleischung. Ernüchtert durch das uns plötzlich selbst offenbare Unheil, das wir anrichteten, können wir uns deshalb heute nichts Anderes und nichts Besseres wünschen, als eine gute und starke Erziehung, die uns hinführt zu Menschenwürde und Geistigkeit, zu Liebe und Freiheit, Ehre und Gesittung. Trotz allem nämlich glauben wir, im Kern unseres Wesens einer solchen Erziehung wert zu sein, glauben, dass sich die schwere Aufgabe verlohnt, unsere Seelen umzugestalten und unserem Willen neue Ziele zu weisen. Beeinflussbar wie alles Wachsende und Reifende, boten wir den geringsten Widerstand gegenüber der nazistischen Pro- 1448 Teil X paganda. Zwar wurde auch unseren schlechten Instinkten die größte Freiheit gewährt. Darüber hinaus aber wurde der edle und ideale Drang unseres Herzens, uns selbst unbewusst, satanischen Zwecken nutzbar gemacht. Nachdem man unsere Gutgläubigkeit irregeführt und missbraucht hatte, war es nicht mehr allzu schwer, unser Denken und Fühlen zu vergiften und uns zu bewussten Schändlichkeiten zu veranlassen. Die Lehren der Nazis schmeckten für die meisten von uns nach Wahrheit, und als wir von ihnen gekostet hatten, waren wir bereits vergiftet. Aber es gab doch einige unter uns, die den ganzen Schwindel von vornherein oder doch sehr bald durchschauten und sich gegen die Vergewaltigung ihrer Gesinnung und ihres Willens aufbäumten. Wir anderen waren verfemt unter den Gleichaltrigen, hatten zu leiden unter den Schikanen der Lehrer und Jugendführer und später der militärischen Vorgesetzten, wurden verfolgt von den Behörden, hatten uns zu verantworten vor den Gerichten, mussten schmachten in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, und viele von uns haben den Kampf für Wahrheit und Recht mit dem Leben bezahlt. In der Stille, jenseits einer vom Nazigeist geschwängerten Alltagsatmosphäre, rangen auch junge Menschen um wirkliche geistige Werte, die der staatlich konzessionierten Ideologie tief zuwider waren. Und als die Sinnlosigkeit des Krieges offenbar wurde, organisierten wir die illegalen antifaschistischen Widerstandsgruppen, die den konspirativen Kleinkrieg gegen Wehrmacht und Partei, gegen SS und Gestapo führten. Trotz aller dieser Bemühungen aber gelang es uns nicht, das große Unglück in letzter Sekunde zu verhüten. So haben auch wir anderen keinen Anspruch da rauf, uns irgendwie herauszuheben aus der Gemeinschaft unseres schuldbeladenen und besiegten Volkes. Trotzdem waren unsere Gesinnungstreue und unser Einsatz nicht wertlos. In der Abseitigkeit und Illegalität wuchsen wir zu einer Gemeinschaft heran, die geeignet ist, der Kern der neuen Jugend Deutschlands zu sein. Und wenn jetzt ein Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands sich bildet, so fordern wir für die deutsche Jugend leidenschaftlich ein einziges Recht: Das Recht, erzogen zu werden! Das hinter uns liegende Zeitalter der Verantwortungslosigkeit hat uns gezeigt, dass der Mangel an Verantwortungsgefühl und Selbstkritik ein Kardinalfehler unseres Volkes ist. Der Deutsche kann es schwer ertragen, schuldig zu sein. Nach dem Verlust des Ersten Weltkrieges faselte man davon, im Felde unbesiegt und nur durch den Dolchstoß 1449Wortmeldungen in der SBZ von hinten zusammengebrochen zu sein. Anstatt die Fehler bei sich selbst zu suchen, schob man alle Schuld auf die Juden ab. So musste der bittere Kelch dieses Krieges von unserem Volk bis zur Neige ausgekostet werden, damit wir nicht wieder einen Vorwand ausfindig machen konnten, uns selbst als die eigentlichen Sieger zu wähnen und einen neuen Sündenbock für unsere Fehler ausfindig zu machen. So mussten wir so restlos und unwiderruflich besiegt werden, um endlich zu einer gesunden Selbstbesinnung gelangen zu können. Es ist dringend notwendig, dass wir lernen, für eine begangene Schuld einzustehen, uns selbst zu erkennen und uns die Vorurteile, mit denen wir unsere Überheblichkeit nährten, verdächtig werden zu lassen. Wir werden dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands unser Vertrauen schenken, wenn er unsere Forderung erfüllt, Deutschlands Jugend zur Verantwortung, zur Selbstkritik und zum Einstehen für die Schuld zu erziehen. Hinter uns liegt das Zeitalter des Führerprinzips, das unser Volk zu einer willenlosen Herde werden ließ, den Machtwahnsinn einzelner schürte und den meisten den Kadavergehorsam einpeitschte. Nur durch die unumschränkte Anwendung des Führerprinzips war es möglich, dass wir einer Verbrecherbande in die Hände fielen und deren Befehle stumm und träge befolgten. Noch ist unser Denken und Fühlen eingepresst in die leblosen Schemata einer satanischen Propaganda. Es ist dringend notwendig, dass wir das selbständige, vorurteilslose Denken lernen, dass wir zum Wohle des Ganzen Kritik üben am Schlechten, dass wir frei unserer Meinung äußern und gleicherma- ßen abschwören der Herrschsucht auf der einen, der Servilität und Devotion auf der anderen Seite. So fordern wir die Erziehung zur Demokratie, die Erziehung zur Freiheit. Zwölf Jahre lang schwammen wir in dem trüben Begriffschaos des Relativismus und des Irrationalismus. Wir verhöhnten die Vernunft und tappten vernunftlos ins Unglück. Die Wahrheit, das Fundament jeden Wertes, löste sich in eine reizvoll schillernde Vielfalt historischer Teilaspekte und Vorurteile auf. Allgemeingültigkeit und Objektivität wurden als Truggebilde verworfen. Wir huldigten einem völkisch aufgeblasenen Subjektivismus. Das Nützliche galt uns als wahr, und wenn es die schlimmste Propaganda-Zwecklüge war, und das Recht des Stärkeren galt uns als Recht schlechthin. Es ist notwendig, dass wir neu begreifen, worin Recht und Wahrheit unveränderlich bestehen, dass wir objektive Werte anerkennen und unseren Willen durch die Vernunft kontrollieren lernen. Wir müssen uns selbst zurückreißen vom triebhaften Unverstand, 1450 Teil X von der zweckdienlichen Lüge, vom Abgrund des Relativismus. So fordern wir eine Erziehung zu exakter Allgemeingültigkeit des Denkens und zu objektiver Rechtlichkeit des Handelns, eine Erziehung zur Ehrfurcht vor dem ewigen Gesetz. Zwölf Jahre lang spreizten wir uns in völkischer Borniertheit, huldigten dem Rassenwahn und diffamierten den Wert der anderen Völker. Wir bildeten uns ein, dass wir Deutschen eigentlich eine bessere Sorte Mensch seien, dass die Welt an unserem Wesen genesen müsse, und rissen, alles gemeinsam Menschliche missachtend, künstliche Abgründe zwischen den Völkern und Rassen auf. Wir müssen uns heute dazu bekennen, dass alle Strömungen der Geistesgeschichte, die die Menschheit vorwärts brachten auf ihrem schweren und mühseligen Weg, das gemeinsam Menschliche, den umfassenden Menschheitsgedanken betonten: Die antike Philosophie mit ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit für alle, das Christentum, das die Gleichheit aller Menschen vor Gott lehrte, und der Marxismus. Diesen geistigen Errungenschaften gegenüber bildete der nationalsozialistische Rassenwahn einen Rückfall in die Barbarei vorsintflutlicher Atavismen. Wir wollen den Rassendünkel von uns werfen und lernen, den Wert anderer Rassen und Nationen zu respektieren. Wir haben heute keine Ursache, da rauf stolz zu sein, dass wir Deutsche sind. Und weil wir uns als Menschen vor der Menschheit rehabilitieren wollen, fordern wir die Erziehung zur Achtung vor den fremden Rassen und Völker, die Erziehung zum weltbürgerlichen Denken und Fühlen, das zum alleinigen Fundament unseres nationalen Selbstbewusstseins werden muss. Aufs Neue wollen wir hineinstoßen mit all unserem Begreifen und mit unserer ganzen Aufnahmefähigkeit in das Reich des Geistes. Wir fordern die Hilfeleistung des Kulturbundes für dieses Beginnen. Allzu lange blieb die geistige Welt den meisten von uns verschlossen, denn anstatt uns zu bilden, erzog man uns mit Propaganda-Phrasen zum geistigen Banausentum. Wir fordern für uns eine neue Erziehung zum Reichtum der Religion, der Philosophie und der Kunst. Wir wollen reifen an Shakes peares geistiger Fülle, an Goethes Weltweisheit, an Jean Pauls barockem Tiefsinn, an Kants harter Moral und an Hegels Dialektik. Wir wollen hineinwachsen in die Gestaltenwelt Balzacs und Dickens’, Dostojewskis und Tolstois. Wir wollen die blaue Blume der Romantik wieder finden. Wir wollen die Gesetze der geschichtlichen Entwicklung, wie Marx und Engels sie entdeckten, begreifen. So fordern wir die Erziehung zu wissenschaftlichem 1451Wortmeldungen in der SBZ Fleiß und ernstem Bemühen um Wissen und Bildung, zur Ehrfurcht vor den Meistern und ihrem Werk. Beschämt über unsere eigene Unfertigkeit, die wir so lange burschikos und zynisch zur Schau stellten, mit der wir in aller Welt Deutschland verunglimpften, fordern wir all dies. Wir fordern es, weil wir wachsen und reifen wollen, und wir fordern es für Deutschland, für unsere schuldbeladenes, zerstörtes und doch so geliebtes deutsches Vaterland, das wir durch unserer Hände und durch unseres Geistes Arbeit aus der Not herausreißen wollen, dessen leidendes Antlitz wir reinwaschen wollen von Schande und Schmutz, die es vor den Augen der Welt entstellen. Wir fordern es um unserer Genossen und Kameraden willen, die als unbekannte Repräsentanten jener anderer deutschen Jugend für Freiheit und Recht, für Wahrheit und Sittlichkeit dem Fallbeil und dem Strick zum Opfer fielen, die in den Zuchthäusern und Konzentrationslagern schmachteten, und deren Opfer nicht vergeblich sein darf. Wir fordern es, um uns rechtfertigen zu können vor den deutschen Denkern und Dichtern, die als Verbannte und Geächtete in der Emigration leben mussten, die vielleicht die ganzen Jahre hindurch den Eindruck hatten, dass ihre mahnenden Rufe ungehört verklangen. Ich nenne nur einen Namen von vielen, nenne den größten: Thomas Mann! Seit Jahr und Tag brennen uns seine ernsten Mahnungen im Herzen. Wir können nur hoffen, dass er den Glauben an uns nicht verloren hat. Und wenn dies doch der Fall sein sollte, so können wir nur zu gut verstehen, wie sehr er an uns verzweifeln und wie tief er sich für uns schämen musste. Wir rufen ihm zu, dass es unser heißester Wunsch ist, ihm, der uns in der Ferne zwölf Jahre hindurch die Treue hielt, und der nicht müde ward, unser Gewissen zu erwecken, zu beweisen, dass wir uns zu reinigen und zu erneuern vermögen, dass wir nach schwerer Krankheit die Kraft finden, zu genesen durch den Geist. Schließlich fordern wir die Entfernung all der Lehrer und Erzieher, Jugendführer, Künstler und Wissenschaftler, die sich bewusst in den Dienst der Vergiftung der deutschen Jugend stellten. Wir fordern dies nicht aus Rache, sondern deshalb, weil wir den nach uns Kommenden das Leid ersparen wollen, in das uns Schuld und Irrtum hi neinris sen. Denn nicht die Rache ist unser, sondern die Liebe zur Menschheit und zu unserem Volk, die Liebe zum Frieden und zur Gerechtigkeit. Freiheit, Weisheit, Liebe 1452 Teil X mögen auferstehen aus den Gräbern dieser furchtbaren Zeit, aus den Trümmern Europas und leuchten über der Neugeburt unserer Nation. Habt ein besseres Gedächtnis!102 (Juni 1946) Am Sonntag, dem 22. Juni 1941, weckte uns ein neues Signal aus dem Schlaf. Es erklang aus allen Lautsprechern, nah und fern, aus geöffneten Fenstern, von allen Straßen und Plätzen. Trommeln wirbelten dumpf, Fanfaren schmetterten, Liszts Les Préludes prankten in sieghaften Variationen und leiteten über in einen Marschgesang, der uns noch nicht bekannt war. Die Nazis pflegten immer so sinnig und einfallsreich die großen Wendepunkte ihrer Geschichte mit einem eigenen Leitmotiv zu garnieren, das sich dann für Sondermeldungen verwerten ließ, wir wussten es wohl. Was aber war geschehen? »Von Finnland bis zum Schwarzen Meer (…)« – hieß es in dem Lied, das da aus rauhen Kriegerkehlen dröhnte. Und dann verlas Goebbels mit emphatisch gedehnter Stimme eine Proklamation, nach der zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder das »Weltjudentum« in seinen beiden Modifikationen – Kapitalismus und Bolschewismus – Deutschland bedrohte. In letzter Minute habe der Weitblick des »Führers« die Gefahr erkannt, so hieß es. Dass in dieser letzten Minute noch Zeit gewesen war, ein für diesen Zweck passendes Kampfgebiet mit Fanfarenzubehör in Auftrag zu geben und komponieren zu lassen – wem fiel das schon auf? Krieg mit Russland! Es war soweit. Die folgenschwerste Wahnsinnstat unserer Geschichte wurde uns als jähe Überraschung zum Frühstück serviert. Für die Überfälle auf die Tschechoslowakei und Polen waren zur Vorbereitung wenigstens noch monatelange politische Spannungen inszeniert worden, die den Vorwand »unhaltbarer Zustände« vortäuschten. Diesmal aber spielte sich die »nationale Notwehr« als blitzartiges Überraschungsmanöver ab, so abrupt und schnell, dass uns kaum Zeit blieb, es zu glauben. Die Ursache war schnell erklärt: Man war einem russischen Angriff zuvorgekommen, man rettete Europa vor dem Bolschewismus, und es traf sich gut, dass man bei diesem edlen Tun gleich die fruchtbare Ukraine und die Ölfelder des Kaukasus würde einheimsen können. Man schlug ja immer viele Fliegen mit einer Klappe und 102 (AH) Zuerst in: Die Weltbühne, Nr. 2, 1946, S. 49–52. 1453Wortmeldungen in der SBZ fuhr gut dabei und nannte es Kolonisationswillen und dynamischen Drang in östliche Weiten. So hatte man weit Gründe genug, ein friedliches Land, dem man durch Verträge verpflichtet war, zu überfallen, mit Panzerkeilen in seine fruchttragenden Felder vorzupreschen, seine Städte mit Bomben in Schutt und Trümmer zu legen, seine Heere Tausende von Kilometern vor sich herzutreiben, bis die sich endlich auffangen und widersetzen konnten. (Denn dass sie ursprünglich völlig überrascht waren von dem präzisen Funktionieren des Planes »Barbarossa«, der schon so lange in den Schubladen des deutschen Generalstabs konserviert war, wurde erst deutlich, als sie ihre tatsächliche Kraft zu entfalten begannen!) Mit dem Überfall auf die Sow jet uni on hatte die politische Verantwortungslosigkeit in Deutschland den Höhepunkt erreicht. Nun aber geschah überall dort, wo Deutschland erst siegreich war und sich dann wieder zurückzog (»auf vorbereitete Stellungen« und »zur Verkürzung der Front«) Schändliches an Werten, Leibern und Seelen. Zehntausende von Fabriken wurden sinnlos zerstört, hunderttausend große Kollektiv-Wirtschaften auf dem platten Lande verwüstet. Neunzigtausend Schulen und fünfzigtausend Theater und Museen wurden in öde Ruinen verwandelt, Tausende von Kirchen gesprengt und zerbombt, sieben Millionen Menschen – Soldaten und Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder – ermordet, fünfundzwanzig Millionen ihrer Habe beraubt, aus ihren Heimen vertrieben, verschleppt und gedemütigt, gepeitscht und zur Fronarbeit gezwungen, von den Angehörigen getrennt und zu Scharen getrieben. Wisst Ihr wohl, was das bedeutet? Wisst Ihr, dass es – so lange ist das gar nicht her – im Namen Deutschlands geschah an einem Volke, das Euch nie behelligt und immer nur ein Ziel verfolgt hatte: den Frieden? Vergesst es nie; denn ein schlechtes Gedächtnis wäre hier durch nichts zu entschuldigen. Vergesst nie, dass in Eurem Namen und mit Eurer Duldung die systematische biologische und wirtschaftliche Vernichtung von unabsehbaren Millionen Menschen betrieben wurde! Man erntet heute wenig Beifall mit einer solchen Mahnung. Wer ist da, dem tatsächlich das Datum und die Erinnerung des 22. Juni die Schamröte ins Gesicht treibt? Sie hörten die Sondermeldungen mit der Russland-Fanfare voller Genugtuung. Sie durchmaßen als Soldaten den Raum zwischen Karelien und Kaukasus. Sie blickten hundertfältig in die vergrämten und leidenden Gesichter russischer Menschen. Sie erlebten die 1454 Teil X furchtbare Not des Krieges in der Hölle von Stalingrad, in den Schneewüsten vor Moskau und Witebsk. Sie strömten in irrer Flucht nach Westen. Sie standen in verrotteten, feuchten Schützengräben, kämpften als Posten mit der lähmenden Gewalt des Schlafes, lagen im Trommelfeuer der Artillerie. Sie haben den Krieg oft verflucht in den vier Jahren des Schreckens. Aber erinnern Sie sich eigentlich noch da ran, wie er zu Stande kam? Am 22. Juni 1946 wurde in Berlin ein neues Kabarett eröffnet, das die politische Satire pflegt. Es ist nicht wenig amüsant, ja, es soll, wie es in der Ankündigung hieß, das beste unter seinesgleichen sein. Aber einmal gab es da eine Pointe, die ausgerechnet an diesem Tage bedenkliche Wirkungen erzeugte. Da wird Deutschland durch ein blondes Dornröschen symbolisiert, das gleich vier Märchenprinzen aus seinem tausendjährigen Schlummer küssen: Die vier Alliierten – Amerika, England, Frankreich und die Sowjet uni on. Und nun setzt Dornröschen sich mit jedem der vier Prinzen auseinander: Dem Franzosen will es das Ruhrgebiet nicht lassen; mit dem Engländer will es zwar eine Cocktail-Party, aber keine Labour-Party machen; vor dem Amerikaner verteidigt es sich gegen den Vorwurf, in der Frauenschaft gewesen zu sein; und zu dem Russen sagt es frank und frei: »Mein Herr, Sie gehen entschieden zu weit!« Zu weit gehen – was heißt das hier? Oder, Spree, Havel und Elbe – das sei »entschieden zu weit«. Mit frecher Stirn wird es gesagt, und das Publikum quittiert es mit minutenlangem demonstrativen Applaus. In der ersten Reihe des Parketts saßen russische Offiziere, Männer, die zweitausend Kilometer ihrer zerstörten und verwüsteten Heimat durchmessen haben. Am 22. Juni 1946 saßen sie in Berlin und mussten sich sagen lassen, dass nun und nach allem Geschehenen ihre Gegenwart an der Spree zu weit gehe. Sie lächelten und waren nicht so humorlos, dagegen zu protestieren. Sie können den Spott vertragen. Aber das schlechte Gedächtnis, dem da eine so taktlose nationalistische Ovation passierte, musste sie erstaunen. Denn wer hatte ihre Gegenwart heraufbeschworen? Doch offensichtlich nur die, die sich fünf blutige Jahre zuvor in ihrer oppositionslosen Untertänigkeit, wenn nicht in ihrer Raubgier zu dem größten Irrtum der deutschen Geschichte hatten verleiten lassen! Und die nun – auf einmal gar nicht mehr oppositionslos und untertänig – den schwärzesten Tag ihrer unmittelbaren politischen Vergangenheit mit der Eröffnung eines Kabaretts feiern und dabei an Konsequenzen herummäkeln, deren Ursachen sie anscheinend längst vergessen hatten. Was war in Euch gefahren, Ihr frenetischen Beifalls- 1455Wortmeldungen in der SBZ spender dieser schlimmen Entgleisung? Klang Euch nicht noch der Tag der voreiligen Siegesfanfaren im Ohr? Ihr waret schon wieder in froher Stimmung und sehr aufgeräumt. Ihr genosset lüstern eine geistige Freiheit, um sie gleichzeitig gegen die zu missbrauchen, die sie Euch überhaupt erst wieder geschenkt haben. Ihr hättet lieber Euch überlegen sollen, was zu tun wäre, die Gegenwart der Alliierten bald überflüssig zu machen, wenn sie Euch tatsächlich so stört. Durch Euren Applaus habt Ihr bewiesen, dass die Alliierten leider durchaus nicht ohne Grund hier sind, ja, dass sie noch gar nicht weit genug gehen. Denn hättet Ihr den bewussten Scherz mit einem spontanen Pfeifkonzert beantwortet, so wäre die Stunde ihres Scheidens nicht mehr ganz so fern gewesen. Faltet Eure von rührigem Beifall beschämend bewegten Hände, an diesem Tage wenigstens, der eingeglüht sein sollte in Eure Erinnerung. Tretet heraus aus Eurem Kabarett, seht die tragischen Ruinen Eurer Häuser, seht die verbitterten, harten Gesichter um Euch her, die zerborstenen Städte, denkt an die sieben Millionen Toten und an die fünfundzwanzig Millionen Obdachlosen Russland. Vergesst nie, was durch Euer Mittun möglich wurde. Habt ein besseres Gedächtnis! Brief an Otto Meier103 (08. Juli 1947) Ich bitte Sie, die beiliegende Denkschrift (Abdruck als nächster Text, AH) aufmerksam zu prüfen, da ich glaube, dass sie einige wesentliche Vorschläge zur Intensivierung unserer Presse- und Propaganda-Arbeit in den Westzonen enthält. Bekanntlich hat der Koordinierungsausschuss des Kontrollrats in den letzten Tagen beschlossen, eine Direktive über den freien Verkehr von Nachrichten, Zeitungen, Zeitschriften, Büchern zwischen allen Zonen Deutschlands auszuarbeiten. Den Zeitungsmeldungen zu Folge ist in allernächster Zukunft ein Ukas des Kontrollrats zu erwarten. Damit eröffnen sich für uns neue Möglichkeiten im Westen. Wir müssen uns meines Erachtens sofort da rü ber klar werden, wie die allgemeine Bewusstseinslage im Westen beschaffen ist, welche Ansatzpunkte sie für uns bietet, wie wir Tendenz, Thematik und Stil derjenigen Publikationen zu gestalten haben, die unter Ausnutzung aller Möglichkeiten des freien internationalen Nachrichtenverkehrs im Westen verbrei- 103 (AH) 3 Blatt, maschinenschriftlich, 08. Juli 1947, adressiert »An den Genossen Otto Meier, Zentralsekretariat der SED«. Harich schrieb als »Theaterkritiker der Redaktion der Täglichen Rundschau«. Die Denkschrift im Anhang dieses Briefes, Abdruck folgt. 1456 Teil X tet werden müssen (und dann natürlich eine möglichst große Wirkung erzielen sollen), und welche konkreten Maßnahmen in dieser Richtung seitens der Partei umgehend zu ergreifen sind. Es trifft sich gut, dass in den letzten Wochen mehrere Genossen und Sympathisierende aus den Westzonen bei mir zu Besuch waren. In ausführlichen nächtelangen Gesprächen, die die Problematik der deutschen Gegenwartssituation von allen Seiten her behandelten, haben sie mir ein ziemlich genaues Bild der Lage (vor allem der durchschnittlichen Bewusstseinslage) von dort vermittelt und mir wertvolle Tipps gegeben, was unsererseits zu tun sei. Ich habe da raufhin eine knappe Analyse der im Westen gegebenen Vo raus set zungen ausgearbeitet und versucht, daraus konkret realisierbare Konsequenzen für unsere Pressearbeit herzuleiten. Die Resultate, zu denen ich gelangt bin, übersende ich in der Anlage. Je einen Durchschlag meiner Denkschrift übersende ich gleichzeitig der Presseabteilung der SMA in Karlshorst und der Chefredaktion der Täglichen Rundschau. Ich bin mir völlig da rü ber im Klaren, dass meine Ausführungen im Einzelnen Fehler enthalten werden, und dass meine Vorschläge nur zum Teil verwirklicht werden können. Ich glaube jedoch, dass ich im Großen und Ganzen die Situation und die sich aus ihr für uns ergebenden Notwendigkeiten richtig einschätze. Meine Denkschrift ist selbstverständlich kein fertiges Rezept, das von der Parteileitung kritik- und diskussionslos und ohne erhebliche Veränderungen angenommen und realisiert werden könnte. Sie ist aber meines Erachtens durchaus geeignet, als Diskussionsgrundlage zu dienen oder zumindest den Anlass zu einer dringend erforderlichen Beratung über unsere Presseund Propaganda-Probleme zu sein. Ich schlage Ihnen deshalb vor: 1) Meine Denkschrift gründlich zu prüfen und Ihren Erfahrungen und Einsichten entsprechend zu verbessern; 2) Meine Denkschrift den Mitgliedern des Parteivorstandes und des Zentralsekretariats zugänglich zu machen und sie mit diesen eingehend durchzudiskutieren; 3) Sich dann seitens der Partei mit den zuständigen Stellen der SMA in Verbindung zu setzen, diesen die erforderlichen Maßnahmen auf dem Gebiete der Presse nahe zu legen, sowie mit ihnen zu beraten, wie die vorhandenen Bedingungen (Papiervorräte, Druckmöglichkeiten, Transportmöglichkeiten, Verwendung von Mitarbeitern, Ent- 1457Wortmeldungen in der SBZ sendung von Korrespondenten usw.) so effektvoll wie möglich ausgenutzt werden könnten; 4) Eine Konferenz der mit Presseangelegenheiten befassten Referenten der Partei einerseits und der Chefredakteure und führenden Mitarbeiter der Zeitungen Neues Deutschland, Tribüne, Vorwärts, Nachtexpress, Berliner Zeitung, Berlin am Mittag, Der Sonntag, Start usw. andererseits einzuberufen und auf dieser Konferenz unter Zugrundelegung meiner Denkschrift (die inzwischen durch das Zentralsekretariat abgeändert und verbessert und auf Grund der Verhandlungen mit der SMA den Gegebenheiten angepasst sein müsste) die notwendigen Schritte zu beraten und in die Tat umzusetzen. Ich selbst halte mich für weitere aktive Mitarbeit bei der Verwirklichung des Programms zur Verfügung und bitte darum, mich gelegentlich informieren zu wollen. Mit sozialistischem Gruß! Denkschrift über die Notwendigkeit einer sofortigen Intensivierung unserer Presse- und Propaganda-Arbeit in den Westzonen104 (08. Juli 1948) An das Zentralsekretariat der SED Berlin, den 08. Juli 1947 Werte Genossen! I. Die marxistische Bewegung und die deutsche Nachkriegssituation Wir alle sind uns da rü ber klar, was der deutsche Faschismus war, der in Deutschland zwölf Jahre lang unter dem demagogischen Tarnnamen »Nationalsozialismus« seine unumschränkte Herrschaft errichtet hatte: Er war die terroristische Diktatur des reaktionärsten, machtgierigsten und aggressivsten Teils der deutschen Großbourgeoisie und des preußisch-deutschen Junkertums. Wir wissen, dass die deutschen Trustherren, die 104 (AH) 31 Blatt, maschinenschriftlich. Harich schrieb als »Mitglied der Kulturabteilung der Täglichen Rundschau«. Dieser Plan gehört sicherlich in den Kontext seiner Versuche, die Weltbühne mit zu begründen und dort eine führende Rolle zu übernehmen. Vorher hatte er selbst den Kurier verlassen und war zur Täglichen Rundschau gewechselt. 1458 Teil X Großgrundbesitzer, die Militaristen des Generalstabs, diese den breiten Massen des werktätigen Volkes tief verdächtigen und durch den Ersten Weltkrieg hinlänglich kompromittierten Reaktionäre, um ihre Ziele durchsetzen zu können, das Volk einerseits unter ihre autoritäre Gewalt zwingen, sich andererseits aber auch im Volk eine Massenbasis schaffen mussten. Das Material zu dieser Massenbasis fanden sie in den desorientierten Massen des Kleinbürgertums, die sie gegen die klassenbewusste Arbeiterschaft mobilisierten, und deren Vorurteile und Illusionen, deren antisemitische und nationalistische Ressentiments, deren romantischen und nebulösen Antikapitalismus sie propagandistisch ausnutzten, um sich so auf eine gewisse Popularität stützen zu können. Systematisierter Terror und pseudosoziale, das Spießbürgertum umschmeichelnde De ma gogie waren die beiden Säulen der faschistischen Tyrannis. Ich möchte diese Thesen, die uns allen selbstverständlich sind, nicht näher begründen. Ich möchte daraus nur einige Folgerungen ziehen, die wir uns unbedingt vergegenwärtigen müssen, wenn es sich darum handelt, die Situation des Marxismus im nachfaschistischen Deutschland zu kennzeichnen und die taktischen und strategischen Aufgaben unserer marxistischen Bewegung den Faktoren dieser Situation realistisch anzupassen. Meine Folgerungen lauten: 1) Der Faschismus war ein letzter, schlimmster Auswuchs des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschafts»ordnung«, er war das höchste Stadium des Imperialismus, der seinerseits das höchste Stadium des Kapitalismus ist. 2) Der Faschismus war daher eine durch und durch bürgerliche Angelegenheit. Seine Initiatoren waren Großkapitalisten und Junker, seine Mitläufer waren Spießbürger. Sofern sich Arbeiter in der faschistischen Bewegung befanden oder diese vor 1933 wählten, handelte es sich um irregeführte Elemente, die entweder überhaupt kein Klassenbewusstsein besaßen oder denen ihr Klassenbewusstsein durch die faschistische De ma gogie deformiert worden war.105 3) Der Faschismus war die schlimmste historische Blamage, der fürchterlichste, das ganze Volk mit sich in den Abgrund reißende Bankrott des Bürgertums. 105 (AH) Siehe zu diesen Ausführungen Harichs Artikel in der Neuen Welt (abgedr. in Band 6.2), vor allem aber die entsprechenden Passagen in seinen Briefen an Georg Lukács (abgedr. in Band 9). Dort die philosophiehistorische Anwendung dieser Überlegungen, gerade bei der Debatte über Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft. 1459Wortmeldungen in der SBZ 4) In Folge dessen kann der Faschismus in der Gesetzmäßigkeit seines gesellschaftlichen Ursprungs, seines Wesens, seiner Entwicklung und seiner katastrophalen Konsequenzen nur vom Klassenstandpunkt des Proletariats aus beurteilt werden. 5) Weil der Faschismus der schlimmste Auswuchs der Herrschaft des Bürgertums war, musste er von vornherein den Marxismus, die ideologische Waffe des klassenlosen Proletariats, mit allen Mitteln bekämpfen und verächtlich zu machen versuchen. Und weil der Faschismus vom marxistisch geschulten klassenbewussten Proletariat den schärfsten und radikalsten Widerstand erwarten musste, musste er vom Tage seiner Machtergreifung im Jahre 1933 an den Marxismus mit allen Mitteln der Gewalt unterdrücken und ihn mit Terror und – nationalistischer, antisemitischer, pseudosozialistischer usw. – Propaganda aus dem Bewusstsein der werktätigen Massen auszurotten versuchen. Auch gewisse bürgerliche Ideologien humanitären, pazifistischen, liberalen Gepräges wurden vom Faschismus bekämpft. Aber der Hauptteil seiner Vernichtungsabsichten richtete sich gegen den Marxismus, während er die meisten Ideologien des Bürgertums noch einigermaßen tolerieren konnte. 6) In Folge dessen ist heute der Marxismus – diejenige Weltanschauung nämlich, die Hitler zunächst einmal ausrotten musste, um Länder rauben, ganze Völker versklaven, die Juden verbrennen und vergasen und »bis fünf Minuten nach zwölf« einen wahnsinnigen »totalen Krieg« führen zu können – die legitimste Ideologie, die es gegenwärtig in Deutschland überhaupt gibt. In der nachfaschistischen Ära hat der Marxismus allen bürgerlichen Ideologien gegenüber einen Vorrang, der ihm nur von profa schistischen oder von solchen Elementen streitig gemacht werden kann, die – in Folge ihres bürgerlichen Blickpunkts – die gesetzmäßigen Zusammenhänge des Faschismus nicht durchschauen können, respektive auf Grund ihrer Interessen und ihrer Klassenapologie auch gar nicht zutreffend erkennen wollen. 7) Der Anspruch des klassenbewussten deutschen Proletariats, nach dem faschistischen Fiasko der Herrschaft des Bürgertums die Macht zu ergreifen und den deutschen Wiederaufstieg zu organisieren, und der Vorrang des Marxismus als der legitimsten Ideologie schlechthin – das sind nur zwei Aspekte ein- und derselben Sache. Nur vom marxistischen Standpunkt aus ist der Faschismus, das Wesen des Faschismus überhaupt begreifbar. Nur von der marxistischen Arbeiterbewegung kann der Faschismus radikal überwunden werden. Und nur die marxistische Arbeiterbewegung hat den legitimen geschichtlichen Anspruch und die Fähigkeit, die Probleme der nachfaschistischen Si- 1460 Teil X tuation in Deutschland zu meistern und das deutsche Volk auf dem Weg der nationalen Besinnung und des Aufbaus zu führen. Schließlich kann auch nur die marxistische Arbeiterbewegung ein einiges, friedliches, demokratisches Deutschland garantieren, wie es den Interessen der anderen Völker der Erde entspricht. Das sind nun fundamentale Einsichten, auf die sich das Bewusstsein der Gerechtigkeit und Notwendigkeit unserer Sache gründet, und die ich Euch gegenüber eigentlich gar nicht erst zu betonen brauchte. Aber es ist hier notwendig, sich dieser Dinge noch einmal prinzipiell zu vergewissern; denn wie unabdingbar sie auch für uns sind, es ist doch eine Tatsache, dass von einer Herrschaft der Arbeiterklasse in Deutschland ebenso wenig die Rede sein kann wie von einem Vorrang der marxistischen Lehre vor den bürgerlichen Ideologien. Es ist eine Tatsache, dass die marxistische Bewegung sich in der Ostzone gegen tausend Widerstände, gegen das kompakte Misstrauen eines großen Teiles der Bevölkerung durchsetzen muss, während sie in den Westzonen vollends in eine, zur Zeit mehr oder weniger wirkungslose Oppositionsrolle gedrängt ist. Es ist verständlich, dass mancher Genosse dadurch bisweilen entmutigt ist. Wir alle haben eigentlich erwartet, dass es nach dem Zusammenbruch der Hitlertyrannei in Deutschland doch sehr anders werden würde als es sich augenblicklich verhält. Es wäre nun völlig unmarxistisch, wollten wir dieser – menschlich verständlichen – Enttäuschung nachgeben, wollten wir die Ungerechtigkeit der Welt beklagen und nun deshalb die Flinte ins Korn werfen, weil der Abgang des Herrn Hitler nicht mit dem Anbruch des sozialistischen Zeitalters identisch war. Worauf es für uns ankommt, ist dies: Die vorhandenen realen Bedingungen zu untersuchen und auf Grund der Einsicht in diese Bedingungen das Beste zu tun, was wir für unsere Sache tun können. Die Frage ist: Mit welchen Widerständen müssen wir in Deutschland rechnen? Und wie können wir mit diesen Widerständen fertig werden und unsere Sache durchsetzen? Damit wird nun ein sehr komplizierter, sehr vielschichtiger Problemkomplex aufgerollt, dessen Behandlung identisch wäre mit einer umfassenden Theorie der Strategie und Taktik unserer Bewegung in der deutschen Nachkriegssituation. Man könnte dicke Bücher da rü ber schreiben. Aber ich möchte hier nur das herausgreifen, was wir bedenken müssen, wenn unsere Presse- und Propaganda-Arbeit zur Debatte steht. Genau so wie unser politischer Kampf auf eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse abzielt, zielt unsere Presse- und Propaganda-Arbeit auf eine Umwälzung 1461Wortmeldungen in der SBZ des Bewusstseins der Massen ab. Beide sind nur zwei Modifikationen ein- und derselben politischen Aktivität, und es liefe auf eine Abstraktion hinaus, das eine ohne das andere sehen zu wollen. Die Bewusstseinsinhalte, die ein Produkt letzten Endes des gesellschaftlichen Zustandes sind, dürfen nicht isoliert betrachtet werden. Dennoch ist ja in unserer Presse- und Propaganda-Arbeit stets die notwendige Bezugnahme auf die konkrete Totalität der gesellschaftlichen Erscheinungen insofern enthalten, als die realen aktuellen Ereignisse die Thematik unserer Presse- und Propaganda-Arbeit bestimmen, als unsere Presse- und Propaganda-Arbeit eigentlich in einer, der geschichtlichen Entwicklung auf den Fersen bleibenden, unentwegten dialektisch-materialistischen Interpretation der Geschichte besteht, die zugleich in jeder gegebenen Situation den werktätigen Massen den Weg und die Richtung des Handelns weist. Weder passive Betrachtung, noch Aufruf zur Aktivität ohne wissenschaftliche Berücksichtigung der realen Vo raus set zungen, sondern ständige Aufklärung der Massen durch eine Methodologie des Handelns auf der Basis des Wissens und eine Methodologie des Wissens auf der Basis des Handelns. Nochmals also: Mit welchen Widerständen müssen wir in Deutschland rechnen? Welche Bedingungen und Vo raus set zungen müssen wir berücksichtigen, wenn wir unsere Presse- und Propaganda-Arbeit so wirksam wie nur irgend möglich ansetzen wollen? Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn wir uns der Bewusstseinslage des deutschen Volkes nach dem Zusammenbruch des Faschismus vergewissert haben. Ein deutscher Trotzkist, der jetzt in Kuba lebt, August Thalheimer, hat es sich in seinen hektographierten Broschüren, die er von jenseits des Ozeans in regelmäßigen Abständen unter dem Decknamen »Aldebaran« an die SAP in Offenbach schickt, mit der Analyse der Bewusstseinslage des deutschen Volkes sehr, sehr leicht gemacht. Thalheimer-Aldebaran meint, die Massen des deutschen Volkes, insbesondere die deutsche Arbeiterklasse, seien unter dem Faschismus einem furchtbaren Druck ausgesetzt gewesen – in Folge dessen sei jetzt die deutsche Arbeiterklasse die revolutionärste Arbeiterklasse der Welt und auch die ursprünglich nichtproletarischen, durch den Faschismus und den Krieg aber proletarisierten Schichten des Kleinbürgertums wären radikal geworden und ließen sich leicht durch die Arbeiterklasse zur Revolution mobilisieren. Thalheimer folgert, echt trotzkistisch, dass deshalb die Weltrevolution von der deutschen Arbeiterklasse ausgelöst werden müsse, und da die Besatzungsmächte nur deshalb in Deutschland wären, um den Sozialismus nieder zu halten, müsse die Weltrevolution 1462 Teil X mit einer nationalistischen Empörung des deutschen Volkes gegen diese Besatzungsmächte eingeleitet werden. Diese nationalistische Empörung zunächst einmal zu entfachen – da rin bestehe die Aufgabe der sozialistischen Bewegung in Deutschland. Der Genosse Prof. Werner Krauss (Marburg) hat in der Einheit sehr richtig da rauf hingewiesen, dass dieses angeblich marxistische Programm des Trotzkisten Thalheimer-Aldebaran von den Zielsetzungen des Werwolfs eigentlich gar nicht allzu weit entfernt ist. Ich will hier nicht näher da rauf eingehen, dass es sich hier um das blödsinnige Hirngespinst eines unverbesserlichen Utopisten handelt, auch nicht da rauf, dass die Aufgabe der marxistischen Bewegung gegenwärtig weiß Gott nicht in der Entfesselung der Weltrevolution, sondern in der Errichtung eines einheitlichen demokratisch-parlamentarischen Deutschland mit bestimmten fortschrittlichen Reformen und starken Sicherungen gegen Reaktion und Faschismus besteht. Was mir aber als bemerkenswert erscheint, ist die These, dass durch den Druck des Faschismus in Deutschland so etwas wie ein revolutionärer Bewusstseinsinhalt in den werktätigen Massen des deutschen Volkes entstanden sein müsse. Druck erzeugt Gegendruck, gewiss, aber so primitiv darf man die Dialektik dann doch wiederum nicht handhaben, auch dann nicht, wenn man in Kuba sitzt und nichts davon ahnt, dass die überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes, von jedem revolutionären Bewusst seinsin halt meilenweit entfernt, noch im vierten Kriegsjahr auf die göttliche Sendung des »Führers« und die Wunderwaffen vertraute, die Herr Goebbels zu propagieren nicht müde wurde. Hier scheint mir das entscheidende Problem zu liegen, das von allen jenen Genossen prinzipiell verfehlt wird, die fassungslos erstaunt sind, dass in Deutschland heute noch, trotz der wahrlich vernehmbar genug mahnenden Sprache der zertrümmerten Städte, ein kompakter Nazismus möglich ist. Wie kommt es dann, dass trotz des Drucks der faschistischen Tyrannei, trotz der unanfechtbaren Legitimität der politischen Ansprüche des klassenbewussten Proletariats, trotz der unanfechtbaren Legitimität der marxistischen Lehre, trotz des tausendfach erwiesenen Bankrotts der bürgerlichen Gesellschaftsordnung, trotz der zertrümmerten Städte, die doch ein einziges unentwegtes Wachrütteln des Gedächtnisses der Massen sein sollten – dass trotz alledem das deutsche Volk bis tief in die Arbeiterschaft hinein nicht nur nicht revolutionär gestimmt, sondern mit bürgerlichen Vorurteilen und Illusionen vollgestopft und zu einem guten Teil sogar 1463Wortmeldungen in der SBZ ausgesprochen faschistisch verseucht ist? Meiner Meinung nach hat das folgende Gründe: 1) Da es sich beim Faschismus – wie gesagt – um einen letzten, schlimmsten Auswuchs des Kapitalismus und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung handelt, ist ein radikales Durchschauen seines Ursprungs und Wesens und eine Aufzeigung der Möglichkeiten seiner radikalen Überwindung nur vom Klassenstandpunkt des Proletariats aus denkbar. Jede andere – bürgerliche – Betrachtungsweise muss von vornherein die Zusammenhänge verfehlen und sich in hoffnungslosen Täuschungen festlaufen. 2) Wenngleich der Faschismus in erster Linie eine antiproletarische Erscheinung (die schärfste der gesamten Epoche des Kapitalismus) war, so haben gewisse frühe oder späte Entwicklungstendenzen des Faschismus doch gerade auch große Teile des Großbürgertums und fast das gesamte Kleinbürgertum in zunehmendem Maße in Mitleidenschaft gezogen und diese zahllosen Opfer zu einer – subjektiv vielleicht mehr oder minder ehrlichen – Abkehr gezwungen, die sich jedoch, weil vom unerschütterten bürgerlichen Klassenstandpunkt abhängig, die Einsicht in das Wesen des Faschismus mit allen möglichen Geschichtsverfälschungen verstellt und eine allzu gründliche Überwindung des Faschismus nun auch wiederum abwehren möchte. Der Faschismus ist eben eines jener Probleme, die beunruhigend und zerstörerisch innerhalb des Herrschaftsbereichs der Bourgeoisie auftauchen, und die von der Bourgeoisie zwar »abgelehnt«, aber weder verstanden noch gelöst werden können, weil die Lösung bereits über den Kapitalismus hinausweist. Der Bremer Großkaufmann, der Hitler hasste, weil er den Überseehandel ruinierte, der durch eine »Stilllegungsaktion« des totalen Krieges betroffene Fabrikant von Konsumtionsmitteln, der den Nazis und ihrer ausschließlichen Kriegsproduktion von einem gewissen Zeitpunkt an feind war, der Bekenntnisgeistliche, dessen Antifaschismus sich in einem Lamentieren über die Kirchenverfolgungen des »Dritten Reiches« erschöpfte, und der jetzt in den ganz anders motivierten Bestrebungen der Linken, Kirche und Staat zu trennen, eine Wiederholung des gleichen gottlosen Frevels vermutet, der bürgerliche Jurist, den die faschistischen Rechtsbrüche alarmierten, ohne ihn zum Nachdenken über deren klassenmäßige Motivierung zu veranlassen, der Konservative, dem die SA-Rowdies nicht fein genug waren und der Hitler beharrlich »den Anstreicher« nannte, der Militarist, der sich an der Revolte des 20. Juli beteiligte, in der bewussten oder unbewussten Hoffnung, den Militarismus durch einen »ehrenvollen« Kompro- 1464 Teil X missfrieden mit den Alliierten retten zu können, der Spießbürger, der den Blitzsiegen der ersten Kriegsjahre noch begeistert applaudierte und es heute Hitler nur übelnimmt, dass er den Krieg verlor, der individualistische bürgerliche Intellektuelle, der sich vom Faschismus nur deshalb distanzierte, weil ihn die Massenbewegung als solche und die autoritäre geistige Ausrichtung erschreckten – sie alle sahen und sehen nur irgend einen isolierten, einen bestimmten sie selbst in ihrem bürgerlichen Sein beunruhigenden Aspekt des Faschismus und sind – obwohl »schon immer dagegen« – eben deshalb unfähig, ihn inklusive aller seiner gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen und Folgeerscheinungen als ein in sich notwendiges Ganzes zu begreifen. Sie sind vielleicht ehrliche Antifaschisten, und sofern sie es sind, hat der Faschismus ihnen einen Schock, eine ideologische Erschütterung verursacht, die sich bei vielen von ihnen unter bestimmten, noch hinzukommenden Bedingungen zur Aufgabe des bürgerlichen Klassenstandpunkt und der damit notwendig verbundenen Täuschungen ausweiten ließe. Aber solange ihnen die gesellschaftlichen Verhältnisse noch irgend eine Gelegenheit lassen, an ihrem Klassenstandpunkt festzuhalten – und diese Gelegenheit haben sie in Deutschland gegenwärtig in reichlichem Maße –, solange werden sie sich auch mit Hilfe irgendwelcher sachlich falscher, aber klassenapologettisch nützlicher Dressate um die dialektisch-materialistische Einsicht in das Wesen und die konkrete Totalität des Faschismus herum zu drücken wissen. Wer den Faschismus – aus moralischen, religiösen oder sonstwelchen Motiven – ablehnt, dabei den kapitalistisch-imperialistischen Charakter des Faschismus bestreitet oder bagatellisiert und diesen als »Diktatur«, »Totalitarismus«, »Vermassung« etc. abzutun meint, gibt eine bürgerliche Deutung, die die Sache verfehlt und angefüllt ist mit dem »schlechten Gewissen und den bösen Absichten« der kapitalistischen Apologie. Die deutsche Bourgeoisie, die nur zu gerne den kapitalistischen Charakter des Faschismus ignorieren möchte, hat ihr lächerliches Sinnbild in jenem Pg, der es vor der Entnazifizierungskommission als antifaschistische Aktivität gewertet wissen möchte, dass er im vierten Kriegsjahr den Londoner Sender abhörte oder zu einem Juden mitleidig war. Und wir müssen wissen, dass die momentane Situation in Deutschland, die unter anderem durch die wirksame Gegenwart der Armeen der kapitalistischen Staaten gekennzeichnet ist, der deutschen Bourgeoisie reichlich Gelegenheit bietet, in ihren apologetischen Verfälschungen des Faschismus diesen ungeschmälert aufzubewahren 1465Wortmeldungen in der SBZ und ihn in neue, den Opportunismen der Situation entsprechende Modifikationen hinüber zu retten. 3) Breite Schichten des Bürgertums sind durch den Faschismus einer völligen Proletarisierung anheimgefallen. Sie halten dabei an bürgerlichen Vorstellungen fest, bleiben bürgerlichen »Idealen« »treu«, obwohl die längst nicht mehr zu ihrer realen gesellschaftlichen Lage passen. Dieses »falsche« Bewusstsein, dieses anachronistische Überhängen der traditionellen Ideologie über das reale Vorhandensein einer entsprechenden gesellschaftlichen Lage hinaus leistet, typische Erscheinung bei jeder »Lum pen bourgeoi sie«, der Anstauung sozialer Ressentiments erheblichen Vorschub. Diese Elemente können nur schwer Anschluss zu der proletarischen Klasse, zu der sie an sich schon gehören, gewinnen, um so leichter reagieren sie ihre Gefühle in einem Chauvinismus ab, besonders dann, wenn ihre Verelendung – an sich das notwendige Resultat der gewissenlosen Kriegspolitik der imperialistischen Bourgeoisie – mit einem verlorenen Krieg identisch ist, den sie in seinem aussichtsreichen Blitzsieg-Stadium erst einmal bejubelten. 4) Ein besonders verschärftes Ressentiment ist vor allem bei denjenigen Teilen der proletarisierten Bourgeoisie erklärlich, die – schuldlos oder schuldig – unter den Folgen des Krieges besonders schwer zu leiden haben (wie die Millionen Heimatlosen aus den früheren Provinzen des deutschen Ostens) oder, als Anhänger des Faschismus in höherem Maße als andere politisch und moralisch kompromittiert, durch die notwendige Säuberung der öffentlichen Positionen gesellschaftliche Zurücksetzungen aller Art erdulden müssen. Diesen Menschen (es sind Hunderttausende und Millionen) wird es besonders schwer fallen, einzusehen, dass letzten Endes auch ihre Lebensinteressen die konsequente Demokratisierung Deutschlands erfordern, und ebenso werden sie nur schwer der wahrheitsgemäßen, der marxistischen Deutung des Faschismus zustimmen können, deren Akzeptierung für sie ja gleichbedeutend wäre mit rigorosen Peinlichkeiten, nämlich für die Pgs mit dem Eingeständnis ihrer politischen und moralischen Schuld und für die Heimatlosen gleichbedeutend mit der Konsequenz, ein für alle Mal der Illusion einer Wiedergewinnung der verlorenen deutschen Ostprovinzen ab zuschwö ren. 5) Abgesehen von seiner Zersetzung und Überfremdung durch massierte Kräfte des verelendeten Bürgertums ist das Proletariat die einzige Klasse, der zunächst und vor allem der Faschismus als Ganzes begreifbar werden kann, ebenso wie einzig und allein das Proletariat nach dem katastrophalen Resultat der Politik des deutschen Bürgertums 1466 Teil X fähig wäre, durch konsequente Durchsetzung seiner Klasseninteressen die Situation des Zusammenbruchs zu meistern, ein friedliches und freiheitliches demokratisches Deutschland aufzubauen und einen Aufstieg des deutschen Volkes zu garantieren. Nichtsdestoweniger ist das deutsche Proletariat keineswegs etwa revolutionär gestimmt. Druck erzeugt zwar Gegendruck, aber der faschistische Druck pflegte sich mittels einer die Massen umschmeichelnden pseudosozialen De ma gogie abzudämpfen. Man darf sich keinen Illusionen da rü ber hingeben, dass das zwölfjährige konzentrierte Bemühen des Faschismus, das Klassenbewusstsein des Proletariats mit Gewalt und Propaganda zu zerstören, nicht ohne verheerende Folgen geblieben ist. Die Verhaftung, Hinmordung oder Verbannung der wichtigsten und aktivsten Gewerkschaftler und sozialistischen und kommunistischen Funktionäre, das strikte Verbot des Marxismus, gewisse anfängliche täuschende Scheinerfolge der Faschisten wie die von ihnen de ma go gisch gehörig ausgeschlachtete »Beseitigung der Arbeitslosigkeit«, die pseudosoziale De ma gogie, die das Klassenbewusstsein in den Sumpf des kleinbürgerlichen Utopismus abdrängte, das systematische Abfangen der sozialistischen Impulse der Werktätigen mittels Chauvinismus und Rassenhass, die psychologischen Wirkungen des jahrelangen Dienstes bei einer Armee, die in fast ganz Europa den Herrn und Unterdrücker spielte, die Erhöhung deutscher Arbeiter zu Sklavenaufsehern über zwangsverschleppte ausländische Klassengenossen – alle diese Dinge haben das Bewusstsein breiter Massen auch des deutschen Proletariats vergiftet, mit Vorurteilen infiziert und bürgerlich zersetzt, so dass auch hier eine nihilistische Standpunktlosigkeit und gewisse Rudimente von nationalsozialistischem Ressentiment geltend geworden sind. Die Sozialdemokratie, die noch nie so weit vom Marxismus entfernt war wie sie es unter Herrn Schumacher ist, bringt diese Tendenzen deutlich zum Ausdruck. Es ist eine Partei, in der sich proletarisierte Bürger (mit bürgerlichem Bewusstsein) und verspießerte Proletarier (ohne proletarisches Bewusstsein) unter nationalistischen Parolen, alle noch marxistischen Elemente rigoros bei Seite drückend, gegen den Sozialismus zusammenrotten. 6) Der Faschismus trat in Deutschland primär nicht als antinationaler Unterdrücker (wie in den von Deutschland okkupierten europäischen Ländern), sondern als nationalistische Bewegung auf. In den besetzten europäischen Ländern konnte es während des Krieges durch die bloße Tatsache der deutschen Okkupation zu einer problemlosen Kongruenz von Antifaschismus und Nationalbewusstsein kommen. Es waren – vor 1467Wortmeldungen in der SBZ allem in Frankreich – die herrschenden Klassen der unterdrückten Völker, die sich durch Kollaboration mit den faschistischen Eroberern im Sinne eines nationalen Verrats kompromittierten. In Deutschland konnten umgekehrt die herrschenden Klassen ihre imperialistische Expansion mit nationalen Prätentionen zieren. Aus diesem Grunde bedarf die Herstellung von Nationalbewusstsein und Antifaschismus in Deutschland einer Vorurteilslosigkeit, die man bei breiten Bevölkerungsschichten nicht voraussetzen kann. Dieser tragische Umstand verhindert weitgehend, dass der Faschismus von den Deutschen als antinationale, volksfeindliche Kraft begriffen werden kann, zumal er ja die hungrigen Mäuler eine lange Zeit hindurch mit Geraubtem aus den eroberten Ländern zu stopften im Stande war. 7) Als natürliche Konsequenz des faschistischen Krieges herrscht in Deutschland ein furchtbarer Notzustand, dessen lastende Gegenwärtigkeit der bürgerlichen, d. h. kurzsichtigen Betrachtungsweise täglich und stündlich die eigentlichen historischen Ursachen mehr und mehr entrückt, den Sieg der Alliierten nicht mehr als das, was er war, als Befreiung erkennen lässt, wiederum die sozialistischen Gefühle ins Nationalistische abdrängt und so jeglicher Verfälschung der Zusammenhänge Vorschub leistet. Um die gegenwärtige Not in ihrem Ursprung zu begreifen, müssen die Deutschen die innere Kraft zu einer notwendigerweise unpopulären Blickrichtung auf ihre blamable Vergangenheit finden. Der Marxismus, der allein die Ursachen in der Vergangenheit aufzuzeigen kann, muss also unpopulär sein. 8) Alle diese Schwierigkeiten könnten von unserer Partei nur dann überwunden werden, wenn erstens durch konsequente Demokratisierung der deutschen Wirtschaft und des deutschen Verwaltungsapparats eine politische Aktivierung der Massen für den Fortschritt erreicht werden würde, die eine fundamentale Veränderung des Bewusstseinszustandes bewirken und mehr und mehr stabilisieren müsste, und wenn zweitens der Marxismus auf allen Gebieten der Bildung und Erziehung, der Aufklärung der Massen durch Presse und Rundfunk usw. die Vorherrschaft über die bürgerlichen Ideologien erringen könnte. Durch die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse und die Umwälzung des durchschnittlichen Bewusstseinsinhalts werden die Widerstände, mit denen unsere Bewegung in Deutschland zu ringen hat, fallen. Diese Feststellung hat aber nur rein hypothetischen Wert; denn tatsächlich verhält es sich so, dass unsere Bewegung unter den angeführten Schwierigkeiten und gegen die starken Widerstände zunächst einmal für die Demokratisierung der Wirtschaft und 1468 Teil X den Primat des Marxismus kämpfen muss. Restlose Demokratisierung der Wirtschaft in ganz Deutschland wäre zwar nach dem Zusammenbruch des Faschismus das einzig Vernünftige, aber deswegen kann noch lange nicht davon die Rede sein, dass dieses Vernunftgebot schon erfüllt wäre. Ebenso wäre nach dem Zusammenbruch des Faschismus der Marxismus die einzige Ideologie mit legitimen Geltungsansprüchen, aber deswegen ist sie trotzdem doch noch weit davon entfernt, die in Deutschland herrschende Ideologie zu sein. In den westlichen Besatzungszonen ist, protegiert und gefördert durch die Armeen der bürgerlich-kapitalistischen Demokratien, eine Restauration des deutschen Kapitalismus und der bürgerlichen Klassenherrschaft im Gange, wobei sich eine immer stärker werdende Tendenz bemerkbar macht, den deutschen Kapitalismus hinter den mannigfaltigen Schutzwällen föderaler Lokalkompetenzen zu verschanzen, ihn in den amerikanisch bemutterten Westblock einzufügen, ihn womöglich gar an amerikanische Monopolkapitalisten zu verschachern und bei alledem die deutsche Bourgeoisie mitsamt ihrer nunmehr sozialdemokratischen Massenbasis zum Lakaien, Juniorpartner und Polizeibüttel des Dollarimperialismus zu machen. Die bürgerlichen Ideologien haben dementsprechend in den westlichen Besatzungszonen auch das eindeutige Primat; denn selbst wenn die westlichen Alliierten so tolerant wären (sie sind es weiß Gott nicht!), dem Marxismus in ihren Zonen völlige Gleichberechtigung neben den bürgerlichen Ideologien einzuräumen, so wäre selbst das noch in Anbetracht des eben charakterisierten Bewusstseinszustandes des deutschen Volkes eine ganz erhebliche Benachteiligung des Marxismus. In der sowjetischen Besatzungszone ist es fundamental anders. Die Demokratisierung der Wirtschaft ist hier erheblich fortgeschrittener, aber auch hier ist die fortschrittliche Entwicklung gehemmt durch die Rücksichtnahme der Linken auf die Notwendigkeit einer einigermaßen einheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur in ganz Deutschland. Der Marxismus hat in der sowjetischen Zone erhebliche Entfaltungschancen, aber es ist doch den bürgerlichen Einflüssen in der Presse und im Bildungswesen ein derartiges breites Betätigungs- und Wirkungsfeld überlassen, dass es nur sehr allmählich und nur in ständigem Kampf gegen stärkste psychologische Widerstände und ideologische Vorurteile zur Veränderung des Bewusstseinszustandes und zur Überwindung der in Punkt 1 bis 7 angeführten Hemmnisse in der Ostzone kommen kann. 1469Wortmeldungen in der SBZ 9) Indessen ist Deutschland durch die Viermächtebesatzung zu einem Feld internationaler Spannungen geworden, die nicht nur auf den machtpolitischen, sondern auf den fundamentalen ökonomischen, gesellschaftsstruktursmäßigen und ideologischen Gegensätzen zwischen amerikanischem Monopolkapitalismus und sowjetischem Sozialismus beruhen. Die Verkennungen und Missdeutungen des Faschismus, wie sie sich die bürgerliche Klassenapologie vorzaubert, werden dadurch enorm gekräftigt und bestätigt, dass sie im Westen opportun geworden sind und, obwohl sie ihrer Absurdheit wegen an sich zum Fallen überreif wären, durch ein schleunigst umorientiertes, den neuen Tendenzen angepasstes bürgerliches Klasseninteresse prall geschwellt, aufs Neue in Aktion treten. Man kann heute in Deutschland sagen, man sei Antifaschist gewesen, weil der Faschismus »totalitär« gewesen sei, und deshalb müsse man nun konsequenterweise antisowjetisch sein, man kann diesen absonderlichen »Antifaschismus« mit den gleichen blödsinnigen Argumentationen vortragen, die man vorher für den Faschismus geltend machte – und die gesamte deutsche Bourgeoisie wird das mitsamt ihren englischen und amerikanischen Gouvernanten durchaus in Ordnung finden. Man kann sich heute ebenso als Förderalist aufspielen, und man kann das damit begründen, dass der Zentralismus zur faschistischen Diktatur gehört habe – und auch diesen heillosen Unsinn wird jeder für ein Argument halten. Auf diese Weise wird der Faschismus im Westen mit den typischen formalistischen und abstrakten Kategorien des bürgerlichen Denkens (»Totalitarismus«, »Diktatur«, »Zentralismus«) abgetan, und indem diese Kategorien zur Diskreditierung der marxistischen Arbeiterbewegung benutzt werden können, erhalten sie wiederum eine zumindest faschistoide Funktion im Klassenkampf. Irrtümer können so blödsinnig sein wie sie wollen, tausendmal widerlegt, doch werden sie durch kein noch so gewichtiges Gegenargument aus der Welt geschafft werden, so lange sie nur als ideologische Waffe, als Narkotikum zur Einschläferung der Massen oder als apologetische Rechtfertigung der um ihre Macht kämpfenden Bourgeoisie eine gesellschaftliche Funktion haben. In Deutschland – da rü ber wollen wir uns nichts vormachen – haben die Irrtümer eine solche Funktion. Es sind Hirngespinste, gewiss, aber der Faschismus dürfte bewiesen haben, dass man die potentielle Gefährlichkeit von Hirngespinsten gar nicht ernst genug nehmen kann. 10) Wenn man von den antimarxistischen Strömungen in Deutschland spricht, darf man die antisowjetischen Strömungen nicht vergessen. Breite Bevölkerungsschichten haben in Deutschland seit eh und je vor Russland eine panische Furcht. Sie fühlen sich seit vielen Generationen mehr nach dem Westen hingezogen, empfinden den Westen 1470 Teil X als eine verwandte und vertraute Welt, den Osten hingegen als unheimlich und fremd. Dieses Gefühl hat sich schon längst vor 1933, eigentlich seit dem Ausbruch der Russischen Revolution, mit dem Kommunistenschreck des deutschen Spießers zu einer schier unüberwindbaren Aversion verdichtet. Dazu kam nun die systematische antibolschewistische Hetze der Nazis, dazu kommt ferner das schlechte Gewissen all derer, die bei Hitlers plündernder und verwüstender Armee in Russland waren. Eine weitere Verstärkung des Antisowjetismus ist dadurch bedingt, dass Deutschland in Folge des Krieges gerade im Osten die empfindlichsten territorialen Einbußen zu erleiden hatte, und dass die sowjetische Okkupation auf Grund der Kriegsverwüstungen in Russland zu Demontagen deutscher Industriewerke gezwungen ist. Viele Ereignisse, die sich während der Kämpfe auf deutschem Gebiet zutrugen, sind ein weiteres psychologisches Moment, das nicht unterschätzt werden darf. Das alles verschärft das Misstrauen und den Hass gegen die marxistische Arbeiterbewegung, die als »Agent« der Sow jet uni on diskreditiert wird. Die Hetze gegen die Sowjet uni on und die Verbreitung von Gräuelmärchen über die sowjetische Besatzungszone sind dann auch die beliebtesten und wirksamsten Mittel der bürgerlichen an timar xistischen De ma gogie, die die westlichen Alliierten in ihren Zonen nach Kräften fördern. Der Erfolg ist verblüffend: Es gibt bereits wieder zahlreiche Elemente, die einen Krieg herbeisehnen und lieber heute als morgen an einem neuen antibolschewistischen Kreuzzug teilnehmen würden. Die antibolschewistischen Hetzereien der Schuhmacher-SPD tragen zur Verbreitung dieser Stimmung in hohem Maße bei. Mit diesen Punkten glaube ich die Widerstände, mit denen unsere Partei bei ihrer Presse- und Propaganda-Arbeit zu rechnen hat, einigermaßen zutreffend charakterisiert zu haben. Unsere Partei hat diesem Wust an Hemmnissen eigentlich nur eines entgegenzusetzen: Die Kraft der Wahrheit des Marxismus. Sie wird der bürgerlichen De magogie daher strategisch immer überlegen sein; denn sie kann ihre Thesen unwiderlegbar beweisen, braucht um kein Wahrheitskriterium verlegen zu sein und kann sich da rauf stützen, dass ihre Prognosen eintreffen und ihre Forderungen und Zielsetzungen den elementaren Interessen der weit überwiegenden Mehrheit des Volkes entsprechen. Wir müssen uns aber auch da rü ber klar sein, dass in der Taktik das Bürgertum überlegen zu sein pflegt. Das Bürgertum hat auf weite Sicht überhaupt keine Zielsetzung, so lange es existiert wird es, ganz kurzsichtig und immer nur auf die Vorteile des nächsten Augenblicks bedacht, Eintagsfliegenpolitik betreiben. Aber die taktischen 1471Wortmeldungen in der SBZ Schliche und Kniffe dieser Politik beherrscht das Bürgertum blendend. Demgegenüber ist unsere Taktik meistens primitiv und plump. Wer von uns hätte beispielsweise gedacht, dass es dem Bürgertum so leicht fallen würde, Faschismus und Kommunismus unter den Sammelbegriff »Totalitarismus« zu subsumieren und auf diese Weise eine überaus wirksame, zugkräftige De ma gogie zu entfalten, die die von Hitler niedergeknebelten Freiheitsbedürfnisse der Massen ausgerechnet gegen die Befreier mobilisiert? Das ist nur ein Beispiel von vielen. Die Geschichte der bürgerlichen Klassentaktik ist die Geschichte der Verlogenheiten, der Pervertierungen, der Verdrehungen, der Verfälschung und der Umwertung aller Werte. Unsere marxistische Taktik kann das gar nicht sein, sie wird immer da rin bestehen, die Wahrheit zur Geltung zu bringen, die Massen von der Wahrheit, mit der allein sie sich befreien können, zu überzeugen – freilich in einer propagandistischen Form, die den vorhandenen Bedingungen der jeweiligen taktischen Situation angepasst ist. Ich habe die bewusstseinsmäßigen Vo raus set zungen unserer gegenwärtigen Kampfsituation zu beschreiben versucht, und diese Vo raus setzungen muss man beachten, wenn man eine wirksame Presse- und Propaganda-Arbeit in Deutschland entfalten will. Ich will mich nun da rauf spezialisieren, zu zeigen, wie das Problem unserer Presse- und Propaganda-Arbeit im Westen angepackt werden muss. II. Vo raus set zungen für unsere Presse- und Propaganda-Arbeit im Westen Um die Vo raus set zungen, wie wir sie bei der Entfaltung unserer Presse- und Pro pa ganda-Arbeit in den Westzonen zu berücksichtigen haben werden, richtig kennzeichnen zu können, möchte ich diese mit der Lage in der Ostzone vergleichen. Auch in der Ostzone existieren die von mir soeben beschriebenen mannigfaltigen Hemmnisse, die bürgerliche Klassenapologie, die ein Begreifen des Faschismus und eine Weckung der Energien zu seiner Überwindung in den Massen beeinträchtigt, die psychologische Verfassung der Deklassierten, die Ressentiments der Pgs und der Heimatlosen, die Deformierung des proletarischen Klassenbewusstseins, der Nationalismus, die Tendenz, die gegenwärtige Not der Besatzungsmacht und den demokratischen Behörden in die Schuhe zu schieben, das Sympathisieren mit dem Westen, der Hass auf die Russen usw. Aber unsere Partei hatte doch Gelegenheit, an Boden zu gewinnen. Die Bevölkerung der Ostzone kann sich zunächst einmal täglich und stündlich davon überzeugen, dass die Russen die Interessen des deutschen Volkes im Auge haben. Die Bevölkerung in den Westzonen kann das nicht. Was sie aus den Zeitungen über die Ostzone erfährt, 1472 Teil X sind meist übelste tendenziöse Entstellungen, aufreizende Verleumdungen und Hetzereien. Entscheidend ist ferner, dass der kleinbürgerliche Opportunismus viele zur SED treibt oder doch zu einer loyalen Haltung gegenüber der SED veranlasst. Dadurch hat die SED in der Ostzone die Möglichkeit, Kreise, die er sonst gänzlich fern und ablehnend gegenüber stünden, marxistisch zu beeinflussen und deren kleinbürgerlichen Opportunismus durch ständige überzeugende Argumentation allmählich in echte sozialistische Überzeugung zu verwandeln. Eine solche Möglichkeit hat unserer Partei in den Westzonen, wo es für die Spießer gerade opportun ist, antimarxistisch zu sein, nicht. Im Übrigen übt die Arbeiterbewegung im Osten, wo sie eine geschlossene Kraft und auch im Bauerntum verankert ist, eine stärkere Faszination aus als im Westen, wo sie gespalten ist. Durch die Bodenreform war in der Ostzone einer Ansiedlung vieler Umsiedlermassen möglich, dadurch wurde den Heimatlosen ein neuer Lebensinhalt gegeben, der es verhindern wird, dass ihre Erbitterung faschistisch-chauvinistische Formen annimmt. Das ist in den Westzonen ebenfalls nicht der Fall. Schließlich hat unserer Partei in der Ostzone erhebliche Publikationsmöglichkeiten, erhebliche Möglichkeiten der marxistischen Beeinflussung der Massen. In der amerikanischen Zone hat unserer Partei überhaupt keine Zeitungen, in der britischen Zone nur ein paar lächerliche Käseblättchen mit ganz geringfügigen Auflagen, die außerdem noch alle möglichen Rücksichten auf die Wünsche der Besatzungsmacht nehmen müssen, wenn sie nicht für einige Wochen überhaupt verboten werden wollen. Eine größere Menschenmassen erfassende Kaderbildung und Funktionärsschulung, wie sie in der Ostzone seit zwei Jahren an der Tagesordnung ist, ist den Genossen im Westen ebenfalls versagt, zumal die Mehrheit der Arbeiter der SPD nachläuft, in der von marxistischer Schulung nun überhaupt keine Rede sein kann. Eine Wiederherstellung des proletarischen Klassenbewusstseins konnte bislang also in größerem Umfang nur in der Ostzone stattfinden. Kurzum: Entsprechend den gänzlich andersartigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen in der Ostzone, konnten wir hier bereits einen Teil der Hemmnisse, die uns bei Kriegsende als Restbestände faschistischer Ideologie entgegenstanden, allmählich und stetig überwinden. In den Westzonen haben sich diese Hemmnisse sämtlich bis auf den heutigen Tag erhalten. Mehr noch: Sie haben sich seit Kriegsende noch verschärft und gesteigert, weil dort durch die Behandlung unserer Partei seitens der Besatzungsmächte, durch die Handhabung der Presselizenzierung, durch die Vereitlung fortschrittlicher Reformen, durch die völlige Unfähigkeit, mit den akuten wirtschaft- 1473Wortmeldungen in der SBZ lichen und politischen Problemen fertig zu werden, durch eine prinzipiell verfehlte Entnazifizierungspolitik versäumt wurde, den Hass auf Hitler, den die Massen gegen Ende des Krieges ohne Zweifel in sich aufgestaut hatten, im Sinne einer fundamentalen Umwälzung des Bewusstseinsinhalts auszunutzen. Der Faschismus hat momentan eine weitaus stärkere Resonanz in den Massen als im Mai 1945 – das bestätigt jede Verlautbarung des amerikanischen Gallupinstituts. In der Ostzone ist ein Fortschritt (den wir allerdings nicht überschätzen dürfen) und gute Möglichkeiten, diesen Fortschritt zu steigern, in den Westzonen Rückfall. Durch die bevorstehende Direktive des Kontrollrats über die Zulassung des freien Nachrichten-, Zeitungen-, Zeitschriften- und Bücherverkehrs zwischen allen Zonen haben wir nun zum ersten Mal die Chance, in größerem Umfang in den Westen hinein zu wirken. Die Reden unserer führenden Parteifunktionäre, die dort gelegentlich auftreten durften, konnten gar nicht eine so große Wirkung erzielen, wie sie von einer ständigen Überflutung der Westzonen mit unseren Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Büchern unbedingt zu erwarten ist, vorausgesetzt, dass wir diese Chance in zweckdienlicher Weise wahrzunehmen verstehen. Zunächst erhebt sich die Frage, ob nicht der Vorteil, den wir mit der erwähnten Direktive des Kontrollrats erringen werden, wieder wettgemacht wird durch den Nachteil, dass dann auch die westlich lizenzierte Presse reaktionären Charakters (und welche westlich lizenzierten Zeitungen haben eigentlich keinen reaktionären Charakter?) in unsere Zone hineingepumpt werden wird. Ich glaube, diese Frage in einem für uns positivem Sinn beantworten zu können, und zwar deshalb, weil die westlich lizenzierte Presse schon längst in die Ostzone hineingepumpt wird. Das lässt sich auch, allen Verboten zum Trotz, gar nicht vermeiden. Berlin liegt inmitten der Ostzone, der Verkehr zwischen der Ostzone und Berlin flutet hin und her, Tagesspiegel, Telegraf, Kurier und Sozialdemokrat kursieren dort bei der Bevölkerung und haben sogar den Reiz des Verbotenen. In den größeren Städten werden diese Zeitungen sogar offen in der Straßenbahn gelesen, in Halle zählte ich einmal in einem einzigen Straßenbahnwagen fünf Tagesspiegel-, vier Telegraf- und zwei Kurier-Leser, die sich aber auch durch nichts in ihrer Lektüre stören ließen. Die Zeitungen waren dort zwar verboten, das Verbot hatte aber nur den praktischen Sinn einer Reklame. Die Besatzungsmacht war mit dem Odium der Intoleranz behaftet, während vor ihrer Nase die Zeitungen von Hand zu Hand gingen, in denen sie aufs Übelste verleumdet wurde, ohne dass sie praktisch etwas dagegen tun konnte. 1474 Teil X Anders in den Westzonen. Dorthin gelangten unsere Zeitungen fast gar nicht. Mit vereinzelten Exem plaren, die gelegentlich über die grüne Grenze sickerten, wurde sogar schwarzgehandelt, und zwar auch wiederum nicht deshalb, weil die Bevölkerung dort ganz besonders auf eine fortschrittliche Orientierung gebrannt hätte, sondern einmal wegen des ausgesprochenen Lesehungers und zum anderen aus Neugierde. Wir können also feststellen: Durch die zu erwartende Direktive des Kontrollrats wird an den Verhältnissen in der Ostzone eigentlich kaum etwas geändert. Das Kursieren der reaktionären Zeitungen wird dann dort lediglich legalisiert und verliert damit den Reiz des Verbotenen. Dass die reaktionären Zeitungen dann dort in größeren Massen erscheinen werden, macht nur einen im Ganzen unwesentlichen graduellen Unterschied aus. Der eventuelle Nachteil, den wir damit in Kauf nehmen müssen, wird vielfach durch den Vorteil aufgewogen, dass unsere Zeitungen in den Westen gelangen können, und der Lesehunger und die Neugierde der Bevölkerung der Westzonen sind sehr entscheidende Faktoren, die unsere Bestrebungen fördern. Die Zeitungen der Westzonen erscheinen selten, mit geringer Auflage und sind größtenteils völlig reizlose, journalistisch schlecht gemachte bürgerliche Provinzblättchen mit reaktionärer Tendenz. Insofern diese Zeitungen, vom Radio abgesehen, mit ihrer einseitig bürgerlichen Politik die einzige Nachrichtenquelle bilden, die der Bevölkerung zur Verfügung steht, tragen sie natürlich zu einer Stärkung der unter I. geschilderten Hemmnisse bei. Das kann sich aber in dem Augenblick ändern, da unsere Presse dort in Massen auf den Markt geworfen wird. Der zweite positive Ansatzpunkt für unsere Presse- und Propaganda-Arbeit ist die Tatsache, dass in den Westzonen fast durchweg Unzufriedenheit herrscht, Unzufriedenheit, die dadurch charakterisiert ist, dass sie noch blind ist gegenüber den Mitteln, die ergriffen werden müssen, damit es fundamental besser werden kann. Eine solche Unzufriedenheit kann – wie ich oben darlegte – unter gewissen Vo raus set zungen in eine faschistische Richtung gedrängt werden. Sie kann aber auch von uns für die Durchset zung fortschrittlicher Bestrebungen mobilisiert werden, auch dies nur unter bestimm ten Vo raus set zungen, aber eine dieser Vo raus set zungen ist eine unablässige Beein flus sung der Massen durch eine gute marxistische Presse. Die allgemeine Unzufriedenheit im Westen nährt sich selbstverständlich an den verschiedensten, immer wieder auftauchenden Unzulänglichkeiten des dortigen Systems, an diesen und jenen Nöten und Sorgen, die aus der dortigen Konstellation der gesell- 1475Wortmeldungen in der SBZ schaftlichen und politischen Verhältnisse entspringen. Es kommt nur da rauf an, dass wir diese einzelnen aktuellen Probleme aufspüren, sie den Massen verdeutlichen, ihnen zeigen, warum sie unzufrieden sind, und immer wieder den Einzelfall zur Erhärtung unserer allgemeinen kritischen Beurteilung der Situation der Westzonen auswerten. Das aber ist unmöglich, solange wir uns da rauf beschränken, nur eine allgemeine, auf das Große und Ganze zwar zutreffende, aber den subtilen Einzelfall außer acht lassende Kritik zu üben. Es ist unbedingt erforderlich, dass wir die Forderungen Einheit der Arbeiterbewegung, Bodenreform, Überführung der Schlüsselindustrien in die Hände des Volkes immer wieder geltend machen – aber damit ist es nicht getan. Wir müssen diese Forderungen immer wieder begründen mit der Kritik an ganz konkreten Schwierigkeiten, unter denen die Einwohner der Westzonen zu leiden haben. Diese Schwierigkeiten dürfen wir nicht summarisch behandeln, auch dann nicht, wenn diese summarische Behandlung auf das Ganze noch so sicher zutreffen würde, sondern wir müssen sie an Einzelfällen exemplifizieren. Bei dem Aufspüren dieser Einzelfälle dürfen wir uns nicht auf die Nachrichten von DENA und DPD verlassen, sondern müssen die besten, spürnasigsten Vertreter von ADN in den Westen schicken, und die müssen dort wiederum in engen Kontakt zu unseren kommunistischen Genossen treten, die ihnen Material liefern müssen, das von DPD und DENA aus guten Gründen verschwiegen wird. Desgleichen müssen unsere Zeitungen feste, ständige Korrespondenten in die Westzonen entsenden. Wir müssen beachten, dass Dinge, die in unserer Zone geschehen, für die Bevölkerung der Westzonen nicht immer so relevant sind wie die Dinge, die sie selbst erleben. Wir müssen in erster Linie für die Bevölkerung der Westzonen aktuell sein. Es ist ferner notwendig zu wissen, dass es in den Westzonen nur verhältnismäßig wenig klassenbewusste Arbeiter gibt, verhältnismäßig wenig Menschen, die marxistisch denken können. Es ist wichtig, dass wir deshalb vor allem die Tägliche Rundschau, das Neue Deutschland und den Vorwärts nach dem Westen schicken, damit wir die dort kaum vorhandene Arbeiterpresse durch unsere Publikationen ergänzen können. Es kann kein Zweifel da rü ber bestehen, dass die Zeitungen der SED dort reißenden Absatz finden werden. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, dass im Westen andererseits ein sehr starkes Misstrauen gegen unsere Partei und überhaupt gegen die Ostzone herrscht. Die überwiegende Mehrheit der Menschen ist dort einer marxistischen Argumentation noch kaum zugänglich und hegt prinzipielles Misstrauen gegen alles, wohinter sie eine Reklame für die Ostzone wittert. 1476 Teil X So notwendig es also ist, den Arbeitern in den Westzonen massenweise marxistische Literatur und marxistische Zeitungen zugehen zu lassen, um sie mit einer marxistischen Betrachtungsweise überhaupt erst wieder vertraut zu machen und ihr Klassenbewusstsein zu stärken, so notwendig ist es auch, die Bewusstseinslage der Millionen richtig einzuschätzen, die uns aus den Gründen, die ich unter I. angeführt habe, feindlich und verschlossen gegenüberstehen. Wir müssen uns – vermutlich noch für eine geraume Weile – da rauf einrichten, dass die klassenbewussten Arbeiter in der Minderheit und die desperaten, uns feindlich gesinnten, entweder noch nazistischen oder inzwischen westblockorientierten Spießbürger in der Mehrheit sind. Und wir können es uns nicht leisten, da rauf zu verzichten, auch diese Elemente wach zu rütteln und zu überzeugen, d. h. von ihren ureigensten Lebensinteressen zu überzeugen. Für diese Elemente müssen wir uns besonderer Methoden der propagandistischen Taktik befleißigen. Wir müssen ihnen eine Zeitung vorsetzen, die zwar unsere Überzeugungen, unsere Sicht der Dinge zur Geltung bringt, aber weder in marxistischer Terminologie geschrieben ist, noch jene Art von Artikeln bringt, die für eine unsachliche Lobpreisung der Ostzone gehalten werden könnten. Vor allem dürfen wir uns hier nicht in die Verteidigung drängen lassen, über Anwürfe und Verleumdungen empört sein usw., sondern wir müssen selbst angreifen. Wir müssen eine Zeitung haben, die dem Spießer in den Westzonen weder sagt, dass er kommunistisch wählen soll, noch, dass die Sow jet uni on das fortschrittlichste Staatswesen der Erde ist, noch, dass in der Ostzone alles glänzend von statten geht (das alles sagt ihm dann unsere Parteipresse, und er wird es doch nicht glauben), sondern die ihm, dem Spießer in der Westzone, klipp und klar zeigt, auf Grund welcher Mängel in der Westzone er unzufrieden ist. Die Mehrzahl dieser Leute ist nämlich so desperat, dass sie Positives überhaupt nicht gelten lässt – nun, dann muss man diesen Leuten eben Negatives vorsetzen, so viel Negatives, dass es ihren Nihilismus freut, der sich dann aber, wenn man das reichlich vorhandene Negative nur richtig verarbeitet und interpretiert, unversehens zu bestimmten fortschrittlichen Einsichten emporschwingen kann. Immerhin ist es besser, dass die Unzufriedenheit der Spießbürger der Westzonen sich gegen den Westen richtet, als dass sie vom Westen gegen uns mobilisiert wird. Wir brauchen also für die Westzonen eine von unseren Genossen redigierte bürgerliche Zeitung, die da rauf spezialisiert ist, aus dem Blickwinkel des kleinbürgerlichen, unzu- 1477Wortmeldungen in der SBZ friedenen, durchschnittlichen Westzonenbewohners in bürgerlicher Terminologie an den Zuständen im Westen Kritik zu üben. Wir müssen allerdings auch hier bedenken, dass unter Umständen in nicht allzu ferner Zeit in den Westzonen eine Scheinprosperität durch Dollarinvestierungen usw. entstehen kann, die einen großen Teil der Unzufriedenheit abfangen würde. Wir müssen uns deshalb schon jetzt, gerade in unseren Publikationen für den Westen, da rauf konzentrieren, die Möglichkeit einer solchen Scheinprosperität zuzugeben, von vornherein aber nachzuweisen, dass damit keine Lösung der Probleme gegeben ist, die bei der nächsten Krise noch viel verheerender in Erscheinung treten müssen. Wir müssen ferner nachweisen, dass diese Scheinprosperität nur die Versklavung Deutschlands durch das amerikanische Monopolkapital verdecken würde. Um diese Thesen anhand konkreter, für die Westbevölkerung unmittelbar spürbarer Fälle, die doch wahrlich nicht rar sein dürften, exemplifizieren zu können, bedürfen wir wiederum eigener ständiger Korrespondenten im Westen. Im Übrigen dürfte uns eine Propagierung bestimmter Zielsetzungen in bürgerlicher Terminologie schon deshalb nicht schwer fallen, weil die Notwendigkeit der Einheit Deutschlands, der Bodenreform, der Planwirtschaft, der Unabhängigkeit unserer Wirtschaft vom ausländischen Kapital, der Enteignung der Schlüsselindustrien usw. auch mit bürgerlichen Argumenten vertreten werden können. Damit komme ich zu meinen konkreten Vorschlägen! III. Vorschläge zur Intensivierung unserer Pressearbeit für den Westen (im Falle der angekündigten Zulassung des freien Nachrichtenverkehrs zwischen den Zonen) 1) Sofortige Einberufung einer Konferenz der Pressereferenten der SED und der Chefredakteure und wichtigsten politischen Mitarbeiter der Parteizeitungen und derjenigen Zeitungen, die unserer Partei nahestehen. Auf dieser Konferenz müsste die Durchführung der folgenden Punkte beraten werden. Auf Grund des Papiermangels, der beschränkten Druckmöglichkeiten und der Rarität wirklich erstklassiger Mitarbeiter wäre eventuell eine Reorganisation des Pressewesens der Partei in Hinblick auf die akuten Erfordernisse der Pressearbeit für die Westzonen notwendig. 2) Neuauflagen der wichtigsten Publikationen des Dietz-Verlages, die in Massen in den Westzonen verbreitet werden müssen. 1478 Teil X 3) Neuauflagen möglichst sämtlicher bisher erschienenen Hefte der Einheit, die nach und nach in den Westzonen verbreitet werden müssen. Diese ausgezeichnete Zeitschrift ist dort von größter Wichtigkeit. Gerade die bisher erschienenen Hefte, die im Westen nicht erscheinen durften und nur in wenigen Exem plaren bei den kommunistischen Genossen zirkulierten, enthalten Beiträge, die wir den Lesern im Westen nicht deshalb vorenthalten dürfen, weil sie schon vor Monaten erschienen sind, Beiträge nämlich, die über den Tag hinaus richtungsweisende Gültigkeit haben. 4) Ständige Belieferung der Westzonen mit einer reichlichen Auflage der Zeitschriften Einheit und Neuer Weg. 5) Ständiger Vertrieb große Auflagen der Zeitungen Neues Deutschland, Vorwärts, Berliner Zeitung, Tägliche Rundschau im Westen. Diese Zeitungen müssen nach Möglichkeit in ständigen Sonderausgaben für die Westzonen erscheinen. In diesen Sonderausgaben brauchen lokale Themen Berlins und der Länder und Kreise der Ostzone nicht behandelt werden, Polemiken mit dem Tagesspiegel usw. können fortfallen. Worauf es ankommt, ist eine konzentrierte Bezugnahme auf die speziellen Probleme und laufenden aktuellen Ereignisse in den Westzonen. 6) Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, erstklassige Korrespondenten in sämtliche Landeshauptstädte der Westzonen zu entsenden, diese mit allen Möglichkeiten der Informationsforschung auszustatten. Auch ADN muss ständige Vertreter in die Westzonen schicken. 7) In Folge der Rarität an Mitarbeitern muss durch ein interredaktionelles Abkommen unserer Zeitungen dafür Sorge getragen werden, dass die besten Publikationen der Zeitungen, die nur in Berlin erscheinen (zum Beispiel die Glossen von Berlin am Mittag), in die Westzonenausgaben der anderen Zeitungen laufend übernommen werden können. 8) Die Kulturseiten der Westzonenausgaben müssen erstklassig gestaltet werden. Es ist notwendig, hier die besten feuilletonistischen Mitarbeiter des Sonntag, des Aufbau, von Theater der Zeit, Ulenspiegel, Start, für dich, Die Frau von heute, Die Weltbühne usw. heranzuziehen. 1479Wortmeldungen in der SBZ 9) Neugründung einer von der SED zu kontrollierenden Tageszeitung, die eigens für die Westzonen bestimmt ist. a) Format: Tägliche Rundschau, Neues Deutschland, Die neue Zeitung. Gutes Papier, sechs Seiten. Große Auflage. Im Impressum kein Hinweis, dass die Zeitung sow je tisch lizenziert ist. »Unabhängig und unzensuriert« würde nicht schaden. Einen Titelkopf, dessen graphisches Bild einen bürgerlichen Eindruck macht (eventuell da run ter irgendein Emblem, Weltkugel, oder etwas derartiges, vielleicht sogar ein lateinischer Spruch). Ruhiges, klares Satzbild, übersichtlicher Umbruch, nicht so unruhig wie beim Neuen Deutschland und der Täglichen Rundschau. Nach westlichem Muster: Strenge Trennung von Nachricht und Kommentar, nicht einmal fett gedruckte Nachrichten auf der ersten Seite, wie sie Der Tagesspiegel hat, relativ kleine Überschriften. b) Erste Seite: Nachrichten. Zweite Seite: Leitartikel und Nachrichten. Dritte Seite: Nur Angelegenheiten der Westzonen, politische Glossen. Vierte Seite: Kultur und Unterhaltung. Fünfte Seite: Kultur und Unterhaltung, Wirtschaftsteil. Sechste Seite: Wirtschaftsteil. c) Politische Kommentare. Hier muss der marxistische Gesichtspunkt in eine pointierte bürgerliche Terminologie übertragen werden. Äußerste Vorsicht bei lobender Erwähnung der Ostzone und der SED! Gelegentlich sogar Kritik an der Ostzone und an der SED üben. Wenn man die Ostzone lobt, dann etwa in dem Ton: »Man muss es der SED schon lassen, dass sie das und das geschafft hat.« Hauptthemen müssen sein: Marxistische Interpretation der internationalen Lage mit bürgerlicher Terminologie, wie wir sie beispielsweise in New Statesman and Nation, in Henry Wallaces New Re public und in der Weltbühne finden. Ferner: Genaues Eingehen auf die Zustände in den Westzonen. In Bezug auf beide Themen schärfste kritische Argumentation. Die besten Leitartikler unserer Zeitungen müssen hier angesetzt werden, sofern ihre Namen als SED-Journalisten bekannt sind, müssen sie unter Pseudonym schreiben. Eventuell müssen einige erstklassige Leitartikler aus anderen Redaktionen herangezogen werden. Ferner: Ständige Veröffentlichung groß aufgemachter Korrespondentenberichte aus dem Westen unter Verwendung von sensationellem Tatsachenmaterial und mit starken kritischen Seitenhieben. Argumentation und Kritik müssen äußerst scharf, aber streng sachlich, ohne einen Ton der Entrüstung, ohne Beschimpfungen des politischen Gegners und in einem eiskalten, geschliffenen Stil gehalten sein. Jedes Wochenende eine Zusammenfassung der wichtigsten politischen Ereignisse der Woche, nach Ländern 1480 Teil X geordnet und in marxistischer Interpretation, aber mit bürgerlichen Formulierungen. Als politische Leitartikler würde ich vorschlagen: Lex Ende, Dr. K von der Berliner Zeitung, Dr. Paul Rilla, Rudolf Herrnstadt, Herbert Gessner, Wolfgang Harich, Alexan der Abusch, Dr. Günther Brandt. d) Wirtschaftsteil. Ständige wirtschaftspolitische Kommentare unverhüllten marxistischen Charakters. Im Wirtschaftsteil müssen viele Erfolgsmeldungen aus der Ostzone gehäuft werden. Hier muss auch die Bedrohlichkeit der Entwicklung in den Westzonen klar und präzise aufgezeigt werden. Der Wirtschaftsteil muss einen breiten Raum ausfüllen. Hier packen wir den kleinen Unternehmer der Westzonen und zeigen ihm, wie die Dinge stehen. Hier müssen auch die besten Parteitheoretiker und marxistischen Nationalökonomenen der Universität Berlin, allerdings unter Pseudonym, schreiben. e) Kulturteil. Ganz im westlichen Stil. Amerikanische und englische Kurzgeschichten, gelegentlich ganz geschliffene und brillante Sachen aus der russischen Literatur. Anekdo ten. Feuilletons der geistreichsten linksbürgerlichen Journalisten. Erstklassige Buchbesprechungen, Theater-, Film- und Kunstkritiken. Heranziehung der besten Feuilletonisten und Kritiker, auch solcher, die politisch mit uns sympathisieren, aber noch bei der bürgerlichen Presse arbeiten, weil ihnen unsere Zeitungen zu akademisch und nicht amüsant genug sind, zum Beispiel Friedrich Luft von der Neuen Zeitung und Carl Linfert vom Kurier. Gelegentlich größere prinzipielle Artikel, die das bürgerliche Geschichtsbild marxistisch korrigieren, ohne in die marxistische Terminologie zu verfallen (zum Beispiel Prof. Meusel). Ständige Rezensionen über die wichtigsten kulturellen Ereignisse und Aufführungen in den Westzonen. Geschickt dazwischen zu streuen sind kleine, gut ausgewählte und besonders wirkungsvolle Erfolgsmeldungen über die kulturelle Aufbauarbeit in der Ostzone. In jeder Nummer der Zeitung auf der Kulturseite eine graphische Reproduktion. Fortsetzungsabdrucke von sensationellen, spannenden Romanen. f-h) Scharfe Glossen, in Tendenz und Richtung wie die Glossen in Berlin am Mittag, aber in der Diktion geistreicher und geschliffener. Preisausschreiben: Die beste Novelle, das beste Gedicht, die beste Kurzgeschichte usw. Kreuzwort- und Silbenrätsel. 10) Wenn diese Zeitung im Westen einen größeren Anhängerkreis gewonnen hat, dann muss man langsam, Schritt für Schritt, mit sehr fundierten und interessanten Artikel über die Sow jet uni on, mit Propaganda für die Ostzone, mit gelegentlichen offen mar- 1481Wortmeldungen in der SBZ xistischen Leitartikeln usw. beginnen. Dann kann man auch anfangen, im Kul tur teil, in Theaterkritiken usw. die Dinge unter dem Aspekt des historischen Materialismus zu betrachten usw. Das aber ist erst in einem allmählichen Entwicklungsprozess, den die Zeitung durchmachen muss, möglich. 11) Die Zeitung muss in Berlin redigiert und gedruckt werden, der größte Teil der Auflage in den Westzonen vertrieben werden. 12) Die Zeitung muss in den Westzonen mehrere politische Korrespondenten haben, die der Partei angehören müssen. Außerdem muss die Zeitung mehrere in den Westzonen ansässige bekannte und beliebte linksbürgerliche Journalisten als ständige Mitarbeiter anwerben (Axel Eggebrecht in Hamburg usw.). 13) Wichtig ist vor allem die ständige Fühlungnahme unserer Journalisten mit den Genossen im Westen, die uns über die Schwierigkeiten in der Lage der Massen, über aktuelle Themen, über Vorgänge hinter den Kulissen, über die Vergangenheit und die Qualitäten der politischen Persönlichkeiten der Westzonen Berichte und Tatsachenmaterial zugehen lassen, uns Tips für besonders dringliche Artikel geben müssen. Brief an Anton Ackermann106 (17. Januar 1949) Lieber Genosse Ackermann! Gestatte bitte, dass ich Dir in Form dieses Briefes ein quasi Memorandum über den Fragenkomplex Brecht-Schiffbauerdammtheater-Volksbühne etc. überreiche. Ich glaube, Dir Rechenschaft da rü ber geben zu müssen, warum und mit welcher Absicht ich es für nötig erachte, mich in diese Angelegenheit einzumischen. Auch halte ich es für möglich, dass Dich meine Ansicht über diese Angelegenheit interessiert. Zunächst zur historischen Genesis der Sache: Am Abend der Premiere von Mutter Courage und ihre Kinder107 wandte sich Genosse Bork von der Volksbildungsabteilung 106 (AH) 10 Blatt, maschinenschriftlich, adressiert »An den Genossen Anton Ackermann, Zentralsekretariat der SED«. 107 (AH) In der Täglichen Rundschau hatte Harich am 14. Januar 1949 über die Premiere berichtet. Unter dem Titel: Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht im Deutschen Theater. (Neuabdr. in: Band 1.2, S. 1178–1181.) 1482 Teil X des Berliner Magistrats an mich und unterrichtete mich von der Besprechung mit Brecht und Genossen Langhoff, die vor kurzem beim Genossen Oberbürgermeister Ebert stattgefunden hat. Er erklärte, dass er mir diese – vertraulich zu behandelnden – Interna des Magistrats deshalb nicht vorenthalten zu können glaube, weil er ernstlich befürchte, dass Brecht dem Berliner Theater, einerseits durch eigene Starrköpfigkeit, andererseits und vor allem aber durch mangelndes Verständnis seitens des Magistrats, verloren gehen könnte. Er, Bork, wünsche dringend, dies zu verhindern, könne aber selbst, als Magistratsangestellter zu einer gewissen Zurückhaltung verpflichtet, nichts Förderliches in der Angelegenheit unternehmen. Er würde es begrüßen, wenn ich mich der Sache annähme und auf irgendeine Weise versuchte, ein Gespräch wieder in Gang zu bringen, das in gegenseitiger Verstimmung zu vereisen drohe – immer mit dem Ziel, dem Berliner Theater nach Kräften zu helfen. Tags da rauf wurde ich in der gleichen Angelegenheit von Herrn Erich Engel108 angesprochen, der mir erklärte, dass es außerordentlich bedauerlich wäre, wenn Brecht in Es schloss sich dann seine Kon tro verse mit Fritz Erpenbeck an. Harich: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag, in: Die Weltbühne, Nr. 6, 1949, S. 215–219. Harich bezog sich dabei auf den Artikel: Erpenbeck, Fritz: Einige Bemerkungen zu Brechts Mutter Courage, in: Die Weltbühne, Nr. 3, 1949, S. 101–103. Siehe hierzu: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR. Fritz Erpenbeck gegen Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 55–69. 108 (AH) Gemeint ist: Erich Gustav Otto Engel, geb. am 14. Februar 1891 in Hamburg, gest. am 10. Mai 1966 in Berlin, Film- und Theaterregisseur. Sein Durchbruch war die Inszenierung von Brechts Dreigroschenoper, Premiere am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm. Engel war einer der wichtigsten Brecht-Interpreten seiner Zeit, nach dessen Tod inszenierte Engel am Berliner Ensemble weitere von dessen Stücken: 1957: Leben des Galilei, 1960: Die Dreigroschenoper, 1963: Schweyk im Zweiten Weltkrieg. 1949 war er maßgeblich da ran beteiligt, Brechts Rückkehr nach Berlin zu einem Triumphzug zu gestalten. Gemeinsam leisteten die beiden die Inszenierung der Mutter Courage und ihre Kinder am Deutschen Theater. Harich berichtete, wie bereits erwähnt, über die Premiere in der Täglichen Rundschau. Harich: Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht im Deutschen Theater. In den Hartmann-Ma- Anton Ackermann am 1. Mai 1950 in Leipzig 1483Wortmeldungen in der SBZ Kürze missgestimmt und resigniert Berlin wieder den Rücken drehen würde, was leider sehr wahrscheinlich sei. Er, Engel, hatte den Eindruck, Brecht habe die Schwierigkeiten, die in den Verhandlungen mit Magistrat usw. aufgetaucht seien, satt und stünde auf dem Standpunkt: »Na, dann eben nicht, meine Herren!« Man müsse hier unbedingt etwas unternehmen. Er hatte bereits mit Rudi Engel von der Deutschen Verwaltung für Volksbildung gesprochen, der ganz seiner Meinung sei, und mit ihm gemeinsam werde er einen kleinen Kreis von Fachleuten zusammenbringen, der über Wege und Möglichkeiten breitschlagen solle. Er würde es begrüßen, wenn auch ich mich da ran beteiligen würde. Ich sagte zu. Zunächst wandte ich mich dann an meinen Kritikerkollegen Genossen Paul Rilla von der Berliner Zeitung, den ich – nebenbei bemerkt – für unseren schlechthin bedeutendsten literatur- und theaterkritischen Publizisten halte. Rilla war vollkommen meiner Ansicht – der Ansicht nämlich, dass eine gründliche Auffrischung durch Brecht unserem Theater so not tut wie die Kalorien unseren werten Mägen. Er schlug vor, gemeinsam mit Genosse Rudi Engel und mit Herrn Erich Engel einen kleinen Kreis von Schriftstellern, Presse- und Theaterleuten, die Brechts Bedeutung zu würdigen wüssten, zusammenzubringen, Brecht aufzufordern, vor diesem Kreis über seine Einschätzung der Berliner Theatersituation und über seine Pläne zu sprechen, und dann mit den maßgebenden Stellen der SMA, der Partei und des Magistrats zu verhandeln. Wir kamen überein, die Schriftsteller Anna Seghers, Prof. Hans Mayer und Peter Huchel, die Kritiker Rilla, Lennig, Max Schroeder, Jhering und Harich und die Theaterleute Langhoff, Legal, Felsenstein, Erich Engel, Ernst Busch, Slatan Dudow, Hanns Eisler und Paul Dessau für die Sache zu gewinnen. Zu den entscheidenden Besprechungen dieses Kreises sollten als Vertreter der Partei Genosse Stefan Heymann, als Vertreter der Deutschen Verwaltung für Volksbildung Genosse Rudi Engel und als Vertreter der Volksbildungsabteilung des Magistrats Genosse Bork dazu geladen werden. Ich sollte vorher mit Dir, lieber Genosse Ackermann, und mit Oberstlt. Dymschitz da rü ber sprechen und die sachlichen Gesichtspunkte in Erfahrung zu bringen suchen, die von Eurer Seite allem Anschein nach gegen die Verwirklichung der Brechtschen Pläne geltend gemacht werden. nuskripten (Band 10) kam Harich erneut auf Engel zu sprechen, siehe die dortigen Hinweise. 1484 Teil X Da Du gerade mit Grippe darniederlagst und auch telefonisch nicht zu erreichen was, sprach ich mit dem Genossen Heymann, der mir in groben Umrissen Deinen Standpunkt erläuterte: Man habe – seitens Partei und Magistrat – Brecht jede Möglichkeit geben wollen, Brecht habe aber Forderungen erhoben, die a) finanziell für die Stadt nicht tragbar wären und b) dem Schiffbauerdammtheater und seinem Intendanten, Genossen Fritz Wisten, nicht zugemutet werden könnten. Es bestehe die Absicht, das derzeitige Haus der Volksbühne in der Kastanienallee in ein Uraufführungstheater der Defa zu verwandeln, das Ensemble der Volksbühne eventuell mit dem des Schiffbauerdammtheaters zu verschmelzen, das Schiffbauerdammtheater zum Haus der Volksbühne und Genossen Wisten zu ihrem Intendanten zu machen. Das Schiffbauer dammthe a ter falle für Brechts Pläne also aus, und da Brecht sich auf das Angebot, die Kam merspiele als sein Betätigungsfeld betrachten zu können, unverständlicherweise nicht eingelassen habe, könne man leider Gottes nichts machen. Am Vormittag des Freitag (14. Januar 1949) hatte ich eine Unterredung mit Genossen Oberstlt. Dymschitz. Genosse Dymschitz (übrigens ein vorzüglicher Kenner und Verehrer Brechts!) erklärte, es sei seiner Meinung nach, von den Budgetschwierigkeiten des Magistrats einmal ganz abgesehen, aus ethischen Gründen schlechthin unmöglich, den Genossen Wisten, der sich als rassisch Verfolgter in der Naziära künstlerisch nicht habe entfalten können, von dem Intendantenposten des Theaters zu verdrängen, das er unter größten Mühen buchstäblich aus dem Nichts aufgebaut hätte. Er, Dymschitz, sei der Ansicht, dass Brecht an Chancen gegeben werden müsse, was nur denkbar und möglich sei. Aber Brecht müsse auch die Schwierigkeiten der Berliner Situation realistisch beurteilen lernen, müsse sich – wenn überhaupt er in Berlin zu bleiben gedenke – in die Situation, so wie sie nun einmal sei, einfügen und gemeinsam mit den anderen zu arbeiten beginnen. Wenn er das nicht wolle, sei es zwar sehr, sehr schade, aber dann könne man nichts machen. Genosse Dymschitz betonte, dass dies seine persönliche Meinung und keineswegs der offizielle Standpunkt der SMA sei. Die SMA (und er als ihr Vertreter) betrachteten den ganzen Fragenkomplex als eine zutiefst deutsche Angelegenheit, in die sie sich nicht einzumischen gedächten. Die Entscheidung liege bei der Partei und beim Magistrat. Als ich Genossen Dymschitz berichtete, dass in Sachen Brecht ein kleines Komplott geschmiedet werde, an dem auch ich nicht ganz unbeteiligt wäre, meinte er, dies sei sehr gut. Wir brechtbegeisterten Theaterleute und Publizisten sollten uns nur zusam- 1485Wortmeldungen in der SBZ mensetzen, den Fall diskutieren und versuchen, die leider Gottes bestehenden Gegensätze zu Gunsten einer für alle Beteiligten annehmbaren Lösung auszugleichen – eine »reformistische« Aufgabe, wie er lächelnd hinzufügte. Unmittelbar nach diesem Gespräch, das mir den Standpunkt der »anderen Seite« (die Gänsefüßchen dick unterstrichen) verständlich machte, wenn er mich auch nicht überzeugte, wandte ich mich an Brecht selbst, den ich freilich wohlweislich nicht mit einem Worte über das stattgehabte Gespräch mit Genossen Dymschitz, auch nicht über das Telefongespräch mit Genossen Heymann informierte. Brecht schien sehr erfreut, zu sehen, dass sich Leute finden, die die stagnierenden Verhandlungen – so oder so – voranzutreiben wünschen. Er betonte, dass er nicht im Traum da ran dächte, Intendant werden zu wollen. Da er erkannt habe, dass sein Platz in Berlin sei und dass in Berlin manches getan werden müsse, wolle er lediglich das Berliner Theaterniveau dadurch wieder heben helfen, dass er erstklassige Theaterleute, Regisseure, Schauspieler, die noch in Westdeutschland, in der Schweiz oder in den USA wären, nach Berlin ziehen werde. Es genüge nicht, diesen Leuten, die er da im Auge habe, zum Beispiel Bertold Viertel, Therese Giehse, Käthe Gold (handschriftlicher Zusatz: das einzige Gretchen heutzutage, Goethejahr!, AH) usw., eine gesicherte materielle Existenz in Berlin zu bieten (Wohnungen in Pankow und Mahlzeiten in der »Möwe«). Diese Leute müssten vielmehr den Eindruck haben, dass in Berlin Aufgaben von hohem künstlerischen Reiz ihrer harren, und dass sie die Aussicht hätten, an erstklassigen theatralischen Kollektivleistungen mitzuwirken. Er, Brecht, sei bereit, eine solche Wirkungsstätte von einer gewissen magnetischen Anziehungskraft in Berlin schaffen zu helfen. Die Kammerspiele kämen aus technischen und architektonischen Gründen dafür nicht in Frage. Das einzige Theater, das möglich sei, sei das Schiffbauerdammtheater. Wer hier Intendant sei, sei ganz gleichgültig. Er habe nichts dagegen, dass Wisten Intendant bleibe, nur dürfe er sich nicht mit einem Wort in die künstlerischen Belange des Theaters einmischen; denn kein deutscher Schauspieler oder Regisseur von Rang, und sei er noch so fortschrittlich gesinnt, werde sich Wistens wegen nach Berlin begeben. Er, Brecht, sei bereit, sich – wenn man das Schiffbauerdammtheater ihm ohne Einschränkung im Künstlerischen zur Verfügung stelle – hier dem Aufbau einer erstklassigen Bühne zu widmen, ohne selbst Intendant zu sein. Wenn das Theater auf einen entwicklungsfähigen Stand gebracht sei, werde er sich wieder mehr und mehr auf seine litera- 1486 Teil X rische Produktion zurückziehen. Beim Magistrat habe man – in völliger Verkennung seiner Absichten – ihn als eine Art stellungsuchenden Intendanten betrachtet. Im Übrigen hätte er den Eindruck, es dort mit administrativen Stellen zu tun gehabt zu haben, die ziemlich amusisch wären und von den speziellen Problem des Theaters nicht viel verstünden. Er würde es begrüßen, einmal vor Fachleuten seine Pläne auseinandersetzen zu können. Nach Anhörung dieser Ausführungen bat ich Brecht, vor unserem Gremium über die Eindrücke zu sprechen, die er während seines Hierseins vom Berliner Theaterleben gewonnen hätte, uns seine Pläne auseinander zu setzen und die Schwierigkeiten zu schildern, die ihm – seiner Ansicht nach – hier im Wege stünden. Gleichzeitig versuchte ich (mit sichtlichem Erfolg), auf seinen Zorn mäßigend einzuwirken und ihm die Einwände der »anderen Seite« menschlich und sachlich verständlich zu machen. Nachdem Brecht seine Beteiligung an der Besprechung zugesagt hatte, beriefen Paul Rilla, Erich Engel und ich die oben genannten Personen zu der kleinen Versammlung ein, die nun heute, am Montag, den 17. Januar 1949, um 16:00 Uhr im Kulturbundklub stattfinden wird. Die genannten Personen sagten ihre Beteiligung zu. Lediglich Herr Felsenstein, den zu informieren wir auch nicht Zeit fanden, ist heute Nachmittag beruflich dringend beschäftigt. Genosse Prof. Hans Mayer hat heute in Leipzig eine Vorlesung, autorisierte aber Genossen Peter Huchel und mich, seinen Namen unter einer Resolution zu setzen, falls eine solche von dem Gremium beschlossen werden sollte. Ob Genossin Anna Seghers kommen wird, kann ich nicht sagen, da Frau Brecht-Weigel es übernahm, sie zu benachrichtigen. Ohne über weitere Besprechungen zwischen Brecht und dem Magistrat, von denen mir Genosse Heymann gestern berichtete, dass sie im Gange wären, Näheres zu wissen, und ohne über den Ausgang der heute Nachmittag stattfindenden kleinen Versammlung das Geringste sagen zu können, möchte ich Dir im Folgenden meine Auffassung der Angelegenheit kundtun, so weit ich diese auf Grund meiner Kenntnis der Berliner Theaterverhältnisse und nach Anhörung beider »Seiten« zu beurteilen vermag. 1) Prinzipiell möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich es für einen großen Fehler halte, wenn Partei und Magistrat derartig wichtige Entscheidungen treffen zu können meinen, ohne den Rat der fachlich und sachlich orientierten zuständigen Genossen vorher eingeholt und mit ihnen jegliches Für und Wider sorgfältig erörtert zu haben. Ich kann nicht begreifen, warum ein solches Gremium, wie die Genossen Rudi Engel 1487Wortmeldungen in der SBZ und Paul Rilla, Herr Erich Engel und ich es jetzt aus eigener Initiative zusammenbringen mussten, nicht längst vorher von der Partei zur gemeinsamen Diskussion aufgefordert wurde. Ich kann auch nicht begreifen, warum der Genosse Oberbürgermeister Ebert nicht vor der besagten Besprechung mit Brecht da rauf aufmerksam gemacht wurde, dass er es hier nicht mit irgendwem, sondern mit dem größten lebenden Dramatiker Deutschlands zu tun hat. Was ich über die Begrüßung Brechts durch den Genossen Oberbürgermeister von verschiedenen Seiten hörte, empfinde ich als im höchsten Maße blamabel. Ich empfinde es als um so blamabler, als von unserer Seite solche fragwürdigen Gestalten wie Gerhart Hauptmann und Wilhelm Furtwängler mit Ehren bedacht wurden, die ihnen von Rechts wegen nicht zukamen. Ich würde empfehlen, dass die Partei und speziell in Berlin der Magistrat, bevor auf kulturpolitischem Gebiet Entscheidungen von erheblicher Tragweite getroffen werden, künftighin die zu fassenden Beschlüsse mit einem breiteren Kreis der jeweils maßgeblichen und zuständigen Genossen beraten sollten. Bei der Volksbildungsabteilung des Berliner Magistrats wäre dies, sobald Theaterfragen auf der Tagesordnung stehen, um so nötiger, als der Genosse Kreuziger ein reiner Pädagoge und Schulfachmann ist. 2) Ich würde es aus drei Gründen für einen unverzeihlichen und durch nichts zu entschuldigenden Fehler halten, wenn wir Brecht unverrichteter Dinge wieder davonziehen lassen würden: a) Es ist unsere Pflicht, jeden großen antifaschistischen Künstler, der im Exil die Sache des »anderen Deutschland« vertrat und dafür sorgte, dass mittels der deutschen Sprache in den zwölf Jahren nicht nur Lügen und barbarischer Schund gesagt wurden, in unserer Mitte ehrenvoll zu bewillkommnen und ihm hier das Betätigungsfeld einzuräumen, das er sich wünscht. Wir können nicht erwarten, dass Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger usw. zu uns zurückkehren, wenn wir es aus kleinlichen provinziellen Rücksichten versäumen, einem Mann wie Brecht die ihm gebührende Wirkungsstätte zu schaffen. Vor der Weltöffentlichkeit und vor der Literaturgeschichte, die unsere Bud get sor gen ebenso uninteressant finden wird wie unseren Genossen Wisten, wäre dies eine fürchterliche Blamage. b) Dem Berliner Theaterleben, das zu einem beträchtlichen Teil in schlimmstem Provinzialismus zu versacken droht, tut der Theaterreformator Brecht dringend Not. Durch 1488 Teil X die Tatsache, dass die Westberliner Bühnen – mit Ausnahme vielleicht des Schloss parkthe a ters – bei weitem schlechter sind als die in unserem Sektor, dürfen wir uns nicht da rü ber hinwegtäuschen lassen, dass auch unsere Bühnen mit 80 Prozent dessen, was sie zu bieten haben, himmelweit davon entfernt sind, im internationalen Maßstab als Kultureinrichtungen ersten Ranges auch nur in Frage zu kommen. In dieser Lage können wir es uns nicht leisten, auf Brecht – und mag er noch so arge Forderungen stellen – zu verzichten. c) Es geht nicht um Brecht allein, sondern in der Tat um viele Künstler, die er anziehen wird. Die Tatsache, dass Eisler und Dessau wieder in Berlin sind, hängt mit Brechts Anwesenheit hier ganz eng zusammen. Ich wüsste nicht, ob diese beiden großen und entscheidenden Komponisten unserer Zeit auf die Dauer sehr viel an Berlin binden könnte, wenn Brecht sich in der Weltgeschichte herumtriebe. Im Übrigen gibt es eine Reihe von Künstlern in Berlin – ich erinnere nur an Ernst Busch und Kate Kühl –, denen ein Brechttheater ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen würde, die sie bisher in diesem Maße nicht hatten. Ich erinnere auch da ran, dass Brecht einen »guten Riecher« für Nachwuchsschauspieler hat. Beweis genug sind die drei, bisher völlig unbekannten Nachwuchskräfte, die sich in der Aufführung der Mutter Courage als ganz erstaunlich und vorzüglich bewährten.109 Wenn wir Wert da rauf legen, dass die pessimistische Legende, es gäbe keinen Nachwuchs, aus unseren Feuilletons schleu- 109 (AH) In dem erwähnten Zeitungsartikel Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn (abgedr. in: Band 1.2, S. 1178–1182) hatte Harich geschrieben: »Gemeinsam mit Erich Engel, der in den zwanziger Jahren die Uraufführung der Dreigroschenoper schuf, hat Brecht im Deutschen Theater sein Werk selbst inszeniert. Sobald der weiße Schaubudenvorhang sich öffnet und den hell ausgeleuchteten Bühnenraum in seiner ganzen Tiefe dem Blick freigibt, kann man das Gefühl nicht mehr loswerden, dass hier einmal weit das Fenster geöffnet ist und ein frischer Wind den konventionellen Mief, die Stickluft und Mittelmäßigkeit gründlich hinweggefegt hat, die das ganze Berliner Theaterleben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – in letzter Zeit unerträglich machten. Hier ist eine richtungsgebende, beispielhafte Leistung entstanden, die das Berliner Repertoire der vergangenen Jahre weit überragt. Vor allem aber hat hier einmal der ›gute Riecher‹ zweier bedeutender Theaterleute die Legende widerlegt, dass es keinen adäquaten Nachwuchs gebe. Mit Ernst Kahler, Joachim Teege und Renate Keith haben Brecht und Engel einen vorzüglichen Griff getan. Wie Kahler die Problematik des tapferen Sohnes der Courage trifft, den unbekümmerten Draufgänger, der sich in eine tragisch verzerrte und verkrampfte Kreatur verwandelt, wie Teege die biedere Mauloffenheit und Begriffsstuzigkeit des braven Sohnes meistert, wie die Keith die halb kindliche Verderbtheit der Yvette in Gebärde und Stimme hat – das ist ganz ausgezeichnet und gibt zu großen Hoffnungen Anlass. Die beste schauspielerische Leistung des ganzen Ensembles aber gelingt der jungen Angelika Hurwicz, die die stumme Tochter der Courage spielt: Ein grässlich zugerichtetes, tierisch unbeholfenes Wesen, 1489Wortmeldungen in der SBZ nigst verschwindet, so brauchen wir nur Brecht als Wünschelrutengänger in die Zone zu schicken – eine Mühe, der sich unsere Berliner Intendanten bisher in sträflicher Weise fast völlig zu entziehen wussten. 3) Das Bedenken, dass Brechts Plan eine unsichere und reichlich vage Angelegenheit sei, der zuliebe man nicht allzu viel riskieren dürfe, halte ich für völlig abwegig. Brecht ist bekanntlich alles andere als ein Projekteschmied und talentierter Scharlatan. Präzise, realistische Durchdachtheit und Fundiertheit geben jeder Zeile seiner Dichtung, seinem ganzen Leben und Werk, jeder Sache, die er bis zur Stunde angepackt hat, das unverkennbare Gepräge. Wir haben es hier nicht mit einem genialisch-verrückten Phantasten zu tun (wie weiland im Falle Fehling), sondern mit einem sehr nüchternen, verstandesklaren Logiker und Realisten. 4) Was den Genossen Wisten betrifft, so muss man zugeben, dass er im Rahmen seiner Fähigkeiten und unter sehr, sehr großen objektiven Schwierigkeiten im Schiffbauerdammtheater immerhin etwas halbwegs Anständiges und Achtbares zu Stande gebracht hat. Das darf uns nicht hindern, uns da rü ber klar zu sein, dass Genosse Wisten – normale Verhältnisse vorausgesetzt – bestenfalls einen guten Stadttheaterdirektor in Ulm oder Zwickau abgäbe, und dass das Schiffbauerdammtheater – alle Schwierigkeiten zugegeben – für Berliner Ansprüche nur von sehr mäßiger Qualität ist. Ich bin der Meinung, dass – bedingt durch die Verhältnisse – nach dem Kriege eine Reihe von Leuten zweiten Ranges auf Posten gelangt sind, auf die sie von Rechts wegen keinen Anspruch hätten. Es ist durchaus kein Mangel an Selbstvertrauen, wenn ich mich selbst – sowohl als Theaterkritiker, wie als Dozent – zu diesen Leuten rechne. Wenn Siegfried Jacobsohn aus dem Grabe auferstünde, läge kein Grund vor, mich – aus ethischen Rücksichten – in meiner Position als Theaterkritiker der Täglichen Rundschau, der größten Zeitung unserer Zone, zu belassen, und wenn der Genosse Oelßner Zeit und Muße genug hätte, meine Vorlesungen über marxistische Philosophie an der pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität zu halten, gäbe es ebenfalls keinen Grund, mich in meiner Dozentenposition zu konservieren. Dies klingt nach Eitelkeit, die sich hinter prätentiöser Bescheidenheit versteckt: Aber Du weißt, was ich damit meine. Wir »Zweitrangigen« sind durchaus nicht unwichtig. Wir tun schlecht und recht und so in das die Menschlichkeit wie in einen Kerker eingesperrt ist, eine Vision menschlichen Jammers, die auf der Bühne kaum ihresgleichen hat.« (Ebd., S. 1181.) 1490 Teil X gut es geht, unsere Arbeit, und wir haben allesamt einen Anspruch da rauf, dass man unsere Bemühungen anerkennt. Aber wir haben keinen Anspruch auf Lebensstellungen. Sobald sich die Möglichkeit ergibt, unsere Positionen mit besseren Leuten, besseren Journalisten, besseren Dozenten, besseren Theaterdirektoren usw. zu besetzen, haben wir unter allen Umständen diesen zu weichen, auch wenn es schwer fällt, auch wenn wir auf »Verdienste« pochen könnten, auch wenn wir noch so gute Genossen sind, auch wenn wir es schwer gehabt haben. Das heißt – im Hinblick auf das Schiffbauerdammtheater: Wichtiger als die angestammten Rechte des Genossen Wisten sind die Rechte des Berliner Theaterpublikums, die Rechte der Zuschauermassen. Wenn man Gelegenheit hat, den Zuschauermassen ein neues erstklassiges Theater zu schaffen, kann man unmöglich aus Rücksichtnahme auf einen Einzelnen diese Gelegenheit ausschlagen. 5) Das bedeutet keineswegs, dass man deshalb den Genossen Wisten auf ein totes Gleis schieben sollte. Ist die Volksbühne ein totes Gleis? Ist das Theater in Dresden ein totes Gleis? Mitnichten. Der »zweitrangigen« Leute sind nicht zu viele, sondern auch immer noch zu wenige da. Wenn sich morgen ein tausendmal besserer Ersatz für mich bei der Humboldt-Universität oder bei der Zeitung fände (und wenn wir gute Arbeit leisten, wird das ohne Zweifel eines Tages geschehen!), so wäre ich damit doch keineswegs eine überflüssige Figur, sondern es gäbe noch Hunderte von Positionen für mich, in denen ich sehr am Platze wäre. Wisten ist ein recht guter Organisator. Wäre es eine Schande, wenn man ihm auftrüge, die Volksbühne zu reorganisieren (an der mein lieber Freund Litten leider versagt hat), oder in die miserablen Dresdner Theaterzustände Ordnung zu bringen? Keineswegs. Das wären für ihn große, lohnende und wichtige Aufgaben, für die er durchaus nicht zu schade, sondern im Gegenteil: immer noch nicht gut genug ist. Es ist – meines Erachtens – Sache der Partei, ihm das klarzumachen. 6) Was die Volksbühne angeht, so ist die Schließung des Hauses in der Kastanienallee und die Übersiedlung des Volksbühnenensembles ins Schiffbauerdammtheater durch nichts gerechtfertigt. Es ist eine ganz abwegige, dilettantische Idee, einem schlechten Theater dadurch auf die Sprünge helfen zu wollen, dass man es an einen günstigeren Ort und in ein schöneres Haus verpflanzt (wobei ich ganz davon schweigen möchte, dass das Haus in der Kastanienallee gar nicht so ungünstig gelegen ist!). Die Volksbühne kann nur vom Ensemble und nur von der Regie her gerettet werden, nicht durch einen »würdigeren« Theaterraum. Fest steht allerdings, a) dass das Haus in der Kasta- 1491Wortmeldungen in der SBZ nienallee nur ein Provisorium sein kann, b) dass der Volksbühne eine En sem ble verschmelzung mit dem Schiffbauerdammtheaterensemble nur zu gut täte und c) dass Wisten der geeignete Mann wäre, der Volksbühne zu einem relativ guten Niveau zu verhelfen. Die auf diese Weise – gemäß Punkt a und b – reorganisierte Volksbühne müsste sich dann aber künstlerisch erst einmal beweisen, bevor sie ein besseres Haus als das in der Kastanienallee zu beanspruchen hätte. Nichts wirkt lächerlicher als Dilettantismus im festlichen Rahmen. Die Kastanienallee ist das »Hic Rhodus, hic salta!« der Volksbühne: Solange sie sich unter dem Niveau des Cottbuser Stadttheaters hält (und das würde auch nach einer Ensembleverschmelzung und nach der Einsetzung eines fähigen Intendanten gewiss noch einige Zeit der Fall sein!), wäre es ganz töricht, sie in einen repräsentativeren Rahmen zu stellen. Sie muss sich erst einmal erholen, und das ist Sache der Entwicklung. Sie muss sich in ihrem jetzigen Haus in reorganisierter Form, mit aufgefrischtem Ensemble und besserem Intendanten entfalten, und wenn sie sich entfaltet hat, dann muss sie auch – als Theater mit nunmehr respektablen Leistungen – ein neues Haus bekommen. Nämlich das am Liebknecht-Platz, das ja bis dahin aufgebaut sein wird, in ein bis zwei Jahren. Genosse Heymann sprach zu mir im Zusammenhang mit der Volksbühne davon, dass ihr derzeitiger Aufenthaltsort eine Schande wäre. Aber die Schande ist nicht der Aufenthaltsort (und sei er selbst eine Scheune), die Schande besteht einzig und allein da rin, dass die Volksbühne künstlerisch von miserabler Qualität ist, dass dem Volksbühnenpublikum schlechte Leistungen zugemutet werden! Hier und nirgendwo anders muss dringlich Abhilfe geschaffen werden! 7) Was weiter die Volksbühne angeht, so halte ich die von uns nach wie vor praktizierte Einrichtung des Abonnementtheaters für eine sozialdemokratisch-spießbürgerliche und überwundene Angelegenheit. Man sollte nicht Abonnementkunden ins Theater führen – das sind unweigerlich zu 80 Prozent Kleinbürger –, sondern ganze Betriebe, und zwar prinzipiell. Die Volksbühne – oder besser im Plural: die Volksbühnen (nämlich möglichst alle Theater und die besten voran!) – müssen den Betrieben gehören. Wie das etwa gemacht werden muss, hat wiederum Brecht gezeigt, als er vor der Pre- 1492 Teil X miere die Mutter Courage in zwei Vorstellungen den Arbeitern von Hennigsdorf präsentierte.110 Ich habe mich mit dem Volksbühnengedanken nach allen Richtungen hin sehr eingehend beschäftigt und in Volksbühnenaufführungen für Abonnementzuschauer einige Male eifrig umherspioniert. Der Eindruck, lieber Genosse Ackermann, war deprimierend. Da saßen zum größten Teil Spießer, die auf ihren angestammten Platz stolz waren, aber keine Arbeiter. Von einem Kollektiv-Erlebnis proletarischer Menschen keine Spur. Bei dem, was da auf der Bühne geboten wurde, war Begeisterung freilich nicht zu erwarten. Aber vom Volksbühnenpublikum erwarte ich dann offenes, gesundes Missfallen, diskutierende Gruppen in der Pause, kollektive Kritik. In der Kastanienallee bemerkte ich nur vereinzelte, isolierte Theaterbesucher, bürgerliches Publikum also, nur in bescheidenerer Abendtoilette. Das liegt da ran, dass man es mit den Abonnementkunden sein Bewenden haben lässt und nicht an Betriebe herangeht. 8) Zusammenfassend schlage ich also Folgendes vor: a) Künftige wichtige Entscheidungen auf dem Gebiet des Theaters einem bestehenden Gremium von Regisseuren, Schauspielern, Kritikern, Vertretern des Kulturbundes usw. zu unterbreiten; b) Das Ensemble der Volksbühne mit dem Ensemble des Schiffbauerdammtheaters unter administrativer und künstlerischer Leitung des Genossen Wisten zu einem neuen Volksbühnenensemble zu verschmelzen; 110 (AH) In seiner Kritik an Erpenbeck (Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag) hatte Harich sich gegen dessen Vorwurf, dass Brechts Theater »volksfremd« sei, gewandt. Er schrieb: »Erpenbecks Frage müsste lauten: Führt Brechts Weg zur Entfernung und Entfremdung von den werktätigen Massen, zur esoterisch-geschmäcklerischen Exklusivität, zum snobistisch-antidemokratischen Kunstbetrieb? Und diese Frage könnte Erpenbeck sich leicht selbst beantworten, wenn er nicht am grünen Tisch da rü ber entscheiden wollte, was ›volksfremd‹ und ›volksnah‹ ist, sondern sich stattdessen die Mühe machte, nach den FDGB-Vorstellungen der Mutter Courage im Deutschen Theater die ›Vorhänge‹ zu zählen. Auch könnten die Arbeiter des Stahlwerkes Hennigsdorf und unsere Freunde aus der Freien Deutschen Jugend ihm über Brechts ›Volksfremdheit‹ zuverlässig Auskunft geben. Wahrscheinlich dürfte Erpenbeck sich dann veranlasst sehen, seine reichlich ›volksfremde‹ Vorstellung vom Kunstbedürfnis und Verständnis der Massen beschämt zu revidieren.« (Neuabdr. in: Band 1.1, S. 267.) 1493Wortmeldungen in der SBZ c) Das neue Volksbühnenensemble im Theater in der Kastanienallee spielen zu lassen, freilich nur provisorisch, mit dem Ziel einer endgültigen Übersiedlung in das neue Haus am Liebknecht-Platz in ein bis zwei Jahren; d) Wisten zum Intendanten des Schiffbauerdammtheaters und der Volksbühne zu ernennen, dass Schiffbauerdammtheater aber seinem künstlerischen Einfluss in jeder Beziehung zu entziehen; e) Als künstlerischen Leiter des Schiffbauerdammtheaters eine Persönlichkeit zu ernennen, die Brecht vorschlägt; f ) Brecht jede nur erdenkliche Einflussnahme auf das Schiffbauerdammtheater einzuräumen und die Verwirklichung seiner Pläne, die er hier verwirklichen will, zu unterstützen; g) Das Abonnementsystem der Volksbühne zwar nicht abzuschaffen, aber in hohem Maße durch Aufführungen für geschlossene Betriebsbelegschaften ständig zu ergänzen, mit dem Ziel, die Volksbühne zum Eigentum der Betriebe zu machen und in den Betrieben Theaterdiskussionsgruppen zu schaffen, die auf das Theater Einfluss nehmen (auch wenn die realite Aufhebung des Unterschiedes von Arbeiterklasse und Intelligenz erst die Sache einer fernen kommunistischen Zukunft ist); h) In sämtlichen Theatern regelmäßig Aufführungen für geschlossene Betriebsbelegschaften zu veranstalten. 9) Der Gedanke, Brecht die Kammerspiele zu überlassen, ist meines Erachtens absurd und kann von niemandem gutgeheißen werden, der vom Theater etwas versteht und die spezifischen Eigenarten des Brechtschen Stils und der Brechtschen Methode kennt. Die Kammerspiele haben einen viel zu kleinen Zuschauerraum. Ein Brechttheater muss beträchtliche Publikumsmengen aufnehmen können, wenn es auch nicht zu kolossalisch sein darf. Außerdem sind die Kammerspiele innenarchitektonisch wie eine Konfektschachtel anzusehen. Hier Brecht aufführen zu wollen, wäre ein Sakrileg. An Brecht, nicht an der Konfektschachtel. Dies wäre so weit alles. Lieber Anton, verzeih, dass die Epistel im Übereifer etwas zu lang und geschwätzig geraten ist, aber ich meine es nur gut. Durchdenke bitte meine Gesichtspunkte noch einmal, bevor Du sie verwirfst, dann wirst Du sie nicht verwerfen. Ich wünsche Dir gute Besserung und es grüßt Dich aufs Herzlichste Dein 1494 Teil X Wird es Krieg geben?111 (Ende der 40er Jahre) A. Hauptursachen eines möglichen Dritten Weltkrieges 1. Das Bestreben der Großbourgeoisie in den kapitalistischen Ländern, die Sow jet union zu vernichten, aus Furcht, dass der Sozialismus bei den Arbeitern ihrer eigenen Ländern Schule machen könnte. Dieses Bestreben ist bewiesen • durch die Intervention von 14 kapitalistischen Staaten im russischen Bürgerkrieg nach 1917; • durch die diplomatische Isolierung der Sow jet uni on von 1917 bis zum Rapallo-Vertrag; • durch den Überfall Polens auf den jungen Sowjetstaat im Jahre 1920 und die Annektierung der belarussischen und ukrainischen Gebiete jenseits der Curzon-Linie; • durch die realisierten und die geplanten Versuche antisowjetischer Blockbildung in den zwanziger und dreißiger Jahren (Locarno-Vertrag, Antikominternpakt der Achsen-Mächte); • durch die Verhinderung eines antifaschistischen Pakts der Kollektiven Sicherheit im Völkerbund durch die Westmächte, die Hitlerdeutschland zur Aggression gegen die Sow jet uni on ermuntern wollten; • durch die Preisgabe der Tschechoslowakei 1938/1939, die aus den gleichen Gründen erfolgte; • durch den Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sow jet uni on in den Jahren 1941–1945; • durch die Verzögerung der Eröffnung der zweiten Front; • durch die Eröffnung der zweiten Front im Sommer 1944, die zu diesem Zeitpunkt nur dem Zweck diente, der Roten Armee in Europa zuvorzukommen; • durch Bruch des Potsdamer Abkommens, Marshallplan, Wiederaufrüstung und antibolschewistische Hetze in den kapitalistischen Ländern seit 1945; • durch den Überfall der USA auf Korea; • durch die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans; • durch Atlantikpakt, Schumannplan, europäische Armee usw.; • durch die regionalen sogenannten »Sicherheitspakte«; • durch das Stützpunktsystem der USA und Großbritanniens. 111 (AH) 12 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert, nicht adressiert. 1495Wortmeldungen in der SBZ 2. Die beherrschende Rolle, die die monopolisierte Schwerindustrie (der Hauptkriegsinteressent und Hauptkriegsgewinnler) im Wirtschaftsleben der kapitalistischen Staaten spielt, vor allem in den USA, England, Frankreich, Westdeutschland und Japan. Der entscheidende Einfluss, den die monopolisierte Schwerindustrie in diesen Ländern auf den Staatsapparat ausübt. Die Tendenz des völligen Verwachsens von Schwerindustrie, Finanzoligarchie und Staatsapparat in diesen Ländern. (Dieselben gesellschaftlichen Kräfte – die Herren von Kohle, Eisen und Stahl – haben in Deutschland hinter dem Hitlerfaschismus gestanden und den Faschismus als ihr Machtwerkzeug nach innen – gegen die Arbeiterparteien und die Anhänger des Friedens – und nach außen – gegen die friedliebenden Völker Europas – benutzt.) 3. Die allgemeine ökonomische Unsicherheit und das Heranreifen einer Weltwirtschaftskrise in den kapitalistischen Ländern. Der Versuch der kapitalistischen Staaten, diese Krise durch forcierte Rüstungen aufzuhalten und hinauszuschieben. Die Tatsache, dass forcierte Rüstung unter kapitalistischen Verhältnissen zum Krieg führen muss, da für die Rüstung dieselben Erfordernisse des Absatzes bestehen wie für alle anderen Wirtschaftszweige, und da de Absatzmarkt kapitalistischer Rüstungsproduktion eben das Schlachtfeld ist. 4. Der Hauptkriegstreiber – die amerikanische Großbourgeoisie – hat sich mit den gefährlichsten imperialistischen Mächten von gestern auf Gedeih und Verderb verbündet – mit Deutschland in Europa und mit Japan in Ostasien. Die USA bringen in diesen Ländern systematisch die alten Kräfte, die den Zweiten Weltkrieg entfesselten, wieder zur Macht, räumen ihnen eine Vorzugsstellung gegenüber den anderen kapitalistischen Staaten ein, betreiben ihre Remilitarisierung und ermuntern sie zur Aggression. Der Appetit der deutschen und der japanischen Großbourgeoisie, der Hauptverbündeten der USA-Imperialisten, ist nach dem Zweiten Weltkrieg noch gewachsen, weil ihr ökonomischer und politischer Einflussbereich sich nach 1945 durch die Niederlage erheblich eingeengt hat. 5. Wie alle Klassen, die dem Untergang geweiht sind, wissen die Kapitalisten nicht, dass sie mit der Anstiftung eines neuen Krieges nur ihr eigenes Ende beschleunigen würden. Ihre Verblendung könnte dazu führen, dass sie aus irgendeiner ausweglosen politischen oder ökonomischen Situation (etwa aus Furcht vor einer Weltwirtschaftskrise) in ein militärisches Abenteuer flüchten. Sie würden dann zwar selbst den Kür- 1496 Teil X zeren ziehen, würden aber vor ihrer endgültigen Vernichtung vorübergehend großen Schaden anrichten. (Wie Hitler.) 6. Die Tatsache, dass die Arbeiterklasse in den USA, dem führenden kapitalistischen Land, fast ausschließlich unter dem Einfluss der reaktionären, kapitalhörigen Gewerkschaften steht, die die Arbeiter politisch verdummen und vom Kampf um den Frieden ablenken. B. Garantien der Erhaltung des Friedens 1. Die Macht der Sow jet uni on und der mit ihr befreundeten Länder, in denen die Arbeiterklasse herrscht (China, Mongolische Volksrepublik, Volksdemokratien in Osteuropa). Eindeutige Überlegenheit über die kapitalistischen Länder in folgenden Punkten: • Zahlenmäßig: über 200 Millionen Menschen in der UdSSR, nahezu 500 Millionen in China, über 100 Millionen in den osteuropäischen Volksdemokratien; • größeres militärisches Potential; • größere militärische Erfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg und dem chinesischen Bürgerkrieg; • größere Kampfmoral der Massen, die von Kommunistischen Parteien erzogen sind und Errungenschaften von Revolutionen zu verteidigen haben; • größere Widerstandsfähigkeit der Massen, die noch vor kurzem in rückständigen Verhältnissen gelebt haben und an ein hartes Leben gewöhnt sind; • Dezentralisierung der Industrie in riesigen geographischen Gebieten, die die eventuelle Anwendung von Atombomben zur Wirkungslosigkeit verurteilen; • gigantischer Industrialisierungsprozess ohne Wirtschaftskrisen und ohne Arbeitslose mit der Tendenz, die kapitalistischen Länder einzuholen und zu überholen; • Bündnis mit Ländern, die seit langer Zeit in technischer Hinsicht Weltbedeutung haben (Tschechoslowakei, Deutsche Demokratische Republik), systematische Auswertung der technischen Errungenschaften und Erfahrungen dieser Länder. Alle diese Faktoren haben zur Konsequenz: Erstens, dass die USA-Imperialisten sich davor hüten müssen, mit dem ganzen »Ostblock« auf einmal in Konflikte zu geraten; sie sind also im Wesentlichen da rauf angewiesen, hier und dort Kleinkriege (à la Korea) zu inszenieren, mit denen sie aber ihre eigenen Kräfte verzetteln. Zweitens wirkt die 1497Wortmeldungen in der SBZ offensichtliche Macht der UdSSR und der befreundeten Länder und Völker lähmend auf diejenigen Kreise der kapitalistischen Länder, die zwar ebenfalls Feinde des Kommunismus sind, aber nicht unmittelbar am Krieg verdienen und deshalb dazu neigen, sich »rückzuversichern«, sich vor allzu starker Kompromittierung zu hüten usw. Auf diese Kreise, bei denen sich die Angst vor dem Kommunismus als Angst vor einem Krieg gegen die Sow jet uni on äußert, können sich die Imperialisten nicht stützen. 2. Aus folgenden Gründen ist der Friedenswille der Völker und der Hass auf Militarismus und Krieg so stark wie nie zuvor: a) Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist noch unmittelbar lebendig, im Unterschied zu 1939, als eine ganze Generation herangewachsen war, die den Ersten Weltkrieg nur von Hörensagen kannte. b) Der Zweite Weltkrieg hat – im Unterschied zum Ersten Weltkrieg – die gesamte Zivilbevölkerung Europas und Asiens betroffen und ihr tiefen Abscheu gegen den Krieg eingeflößt. Das gilt vor allem für die Länder, deren Bevölkerung von den USA-Imperialisten als Kanonenfutter vorgesehen ist: England, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan. Ohne die Bevölkerung dieser Länder kann kein Krieg geführt werden. 3. In Deutschland und Japan ist es offensichtlich, dass die Remilitarisierung im In teres se ausländischer Herren erfolgt. Es ist aber unmöglich, Völker mit so stark ausgeprägtem Nationalbewusstsein wie die Deutschen und die Japaner zu Söldnern fremder Herren zu machen, zumal dann, wenn sich vorher die fremden Herren als Besatzungsmächte unbeliebt gemacht haben. Ohne aktive Teilnahme der Deutschen und der Japaner kann aber der Dritte Weltkrieg nicht stattfinden. 4. Die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans führen im internationalen Maßstab zu folgenden Konsequenzen: a) Sie weckt den alten Hass gegen den deutschen und japanischen Militarismus in all den kapitalistischen Ländern, die von Hitlerdeutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg okkupiert waren (Frankreich, Italien, Belgien, Holland, Norwegen, Dänemark, Indonesien). Die Energien, die aus diesem tiefen, eingewurzelten Hass gegen den deutschen und japanischen Militarismus strömen, kommen in zunehmendem Maße dem organisierten Friedenskampf in diesen Ländern zugute. b) Die Remilitarisierung Westdeutschlands und Japans stärkt die Autorität, die die Regierungen der Sow jet uni on, Chinas und der Volksdemokratien bei ihren Völkern genießen. Es wird für die Völker dieser Länder immer offensichtlicher, dass die amerikanischen Imperialisten die Mächte der Zerstörung von gestern aufs Neue wachrufen und mobilisieren wollen, und dass nur die kommunistischen Regierungen sich dieser 1498 Teil X unheilvollen Entwicklung entgegenstellen. Diese Wirkung der Remilitarisierung der früheren faschistischen Länder ist besonders stark in Polen, in der UdSSR und in China, deren Völker am meisten unter der deutschen und japanischen Aggression und Okkupation zu leiden hatten. 5. Die Aufrüstung führt zu einer starken Verschlechterung der Lebenslage der Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern. Die zunehmende Entwertung der Währungen, die steigenden Preise, die wachsende materielle Not führen zum Erwachen immer breiterer Massen, die mit den Kommunistischen Parteien zu sympathisieren beginnen. 6. Es ist nicht möglich, in modernen industriekapitalistischen Ländern eine Riesenaufrüstung durchzuführen und einen Angriffskrieg vorzubereiten, ohne faschistische Gewaltmethoden gegenüber den Arbeiterparteien und den Friedensanhängern anzuwenden. Bürgerlich-demokratische Regierungen, die an parlamentarische Herrschaftsinstitutionen gebunden sind, sind unfähig, diese Arbeit zu leisten. Nach den Erfahrungen, die die Völker mit dem deutschen, italienischen, japanischen und spanischen Faschismus gemacht haben, können es sich die Kriegstreiber aber nicht mehr leisten, einen faschistischen Kurs zu steuern. In demselben Augenblick, wo sie dies zu tun versuchen, würden sie die gesamte Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die Kräfte der kleinbürgerlichen Demokratie, die Masse der Intellektuellen und die liberalen und christlich eingestellten Kräfte des Bürgertums in einer geschlossenen Front unter Führung der Kommunisten gegen sich haben. Hierbei darf man nicht vergessen, dass eine Wiederholung faschistischer Staatsstreiche nach dem Muster des 30. Januar 1933 in Deutschland, Frankreich, Italien, Japan usw. nicht mehr möglich ist, da die Kommunistischen Parteien auf Grund der Erfahrungen der französischen Volksfront von 1934 und auf Grund der Beschlüsse des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale im gleichen Moment zur Verteidigung der bürgerlichen Demokratie in einer Einheitsfront mit Sozialdemokraten und bürgerlichen Demokraten übergehen würden.112 Die Möglichkeit einer faschistischen Kriegsvorbereitung durch die Imperialisten ist also außerordentlich erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. 112 (AH) Diese These hat Harich mehrfach vertreten. Eine der Lehren aus der Geschichte habe da rin zu bestehen, dass die Kommunisten Bereitschaft zeigen müssten, die Errungenschaften der bürgerlichen Demokratie im Notfall zu verteidigen. In Zur Kritik der Revolutionären Ungeduld warf er dann 1971 den Neoanarchisten vor, dies zu verkennen. 1499Wortmeldungen in der SBZ 7. Der Friedenswille der Massen der Bevölkerung in den kapitalistischen Ländern äußert sich da rin, dass die Kriegstreiber nur zahlenmäßig geringfügige Streitkräfte aufstellen und für den Krieg drillen können. Hitler überfiel am 22. Juni 1941 die Sowjet uni on mit 20 Divisionen. Die Amerikaner müssen sich heute mit einem Plan begnügen, der bis 1953 die Aufstellung von 50 Divisionen in ganz Europa vorsieht, und selbst die Durchführung dieses Planes macht ihnen die größten Schwierigkeiten. 8. Die kommunistischen Parteien sind in zwei entscheidenden Ländern – in Frankreich und in Italien – die zahlenmäßig, qualitativ und organisatorisch stärksten Parteien. Die kommunistische Partei Westdeutschlands ist zwar verhältnismäßig schwach, ihr Einfluss wächst aber in dem Maße, wie die anderen Parteien die Remilitarisierung vorantreiben. Eine terroristische Unterdrückung des Kommunismus in Frankreich und Italien ist nicht mehr möglich, sie wäre aber die unabdingbare Vo raus set zung für die Entfesselung eines Dritten Weltkrieges. 9. Das Erwachen der Kolonialvölker und deren Kampf für Freiheit und nationale Unabhängigkeit bedroht eine der Hauptpositionen des Kapitalismus, führt zur Einbeziehung neuer Menschenmassen in den Kampf gegen die Kriegstreiber (die ja mit den Kolonialherren identisch sind) und bindet starke Streitkräfte der kapitalistischen Staaten, die auf diese Weise ihr militärisches Potential verzetteln, in den Kolonien. (In diesem Zusammenhang sind zu nennen: der Sieg des chinesischen Volkes, der des Volkes von Vietnam, der permanente Guerillakrieg gegen die Kolonialherrschaft in Malaysia, die nationale Befreiungsbewegungen in Burma, im angloägyptischen Sudan, in Marokko und Tunesien, der iranisch-britische Ölkonflikt und der Konflikt zwischen Großbritannien und Ägypten. Davon abgesehen, lassen sich Länder mit einem solchen für die Kriegsführung unentbehrlichen Rohstoffreichtum wie Indonesien, Indien und die über Erdöl verfügenden arabischen Staaten nicht mehr in die Kriegskoalitionen gegen die Sow jet uni on und China einbeziehen.) 10. Eine halbwegs stabile Wirtschaft lässt sich in den meisten kapitalistischen Ländern überhaupt nur noch mit Dollar-Hilfen aufrechterhalten (so vor allem in England, Frankreich und Italien). Diese Dollarhilfen belasten in immer stärkerem Maße den amerikanischen Steuerzahler, fallen für die Aufrüstung aus und demonstrieren anschaulich, dass der Kapitalismus in diesen europäischen Ländern parasitär geworden und in den Zustand definitiver Fäulnis und Zersetzung übergegangen ist. 1500 Teil X 11. In dieser Situation besteht die gesamte internationale Strategie und Taktik der Sow jet uni on da rin, immer neue Friedensvorschläge zu machen, zu immer weitgehenderen Konzessionen bereit zu sein und so ununterbrochen die reale Per spek ti ve einer friedlichen Entwicklung aufzuzeigen. Das hat zur Folge: • Die Massen erkennen in immer zunehmendem Maße, dass die Sow jet uni on den Frieden erhalten will. • Die Einpeitscher der Kriegsvorbereitung sind gezwungen, ihre aggressiven Absichten vor ihren eigenen Völkern zu entlarven. • Die Hauptkriegstreiber – die USA-Imperialisten – werden isoliert von der englischen, französischen und italienischen Bourgeoisie, die den scharfen Kriegskurs der USA nicht mitmachen wollen und immer mehr dazu tendieren, mit der Sow jet uni on durch Kompromisse einen modus vivendi zu finden. (Beweis: Die USA kämpfen in Korea faktisch alleine. England hat China anerkannt. Die USA-hörigen Mehrheiten in der UNO beginnen zu zerbröckeln.) Tatsächlich werden heute die englische, französische und italienische Diplomatie nur noch durch die Dollarsubventionen (und die damit verbundenen ökonomischen Erpressungen) von den USA bei der Stange der amerikanischen Kriegspolitik gehalten. • Durch die ständigen Friedensvorschläge der Sow jet uni on werden die imperialistischen Politiker gezwungen, Friedensliebe zu heucheln. Um so krasser wird der Widerspruch zwischen ihren Worten und ihren Taten sichtbar. 12. Die kommunistischen Parteien in der ganzen Welt konzentrieren – unter Hintanstellung aller anderen weltanschaulichen und politischen Fragen – ihre ganze Agitation und Propaganda und ihre gesamte organisatorische Arbeit auf die Mobilisierung der Volksmassen für den Kampf um die Erhaltung des Friedens. 13. Die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern verschärfen sich. Der Versuch der USA-Imperialisten, die gesamte kapitalistische Welt in einer antisowjetischen Kriegskoalition zusammen zu schließen, wird durch folgende Tatsachen erschwert: • Durch den Gegensatz zwischen der englischen und französischen Bourgeoisie einerseits und der amerikanischen und deutschen Bourgeoisie andererseits in der Frage der Art und des Umfangs der deutschen Remilitarisierung und der deutschen Teilnahme am Atlantikpakt. • Durch den Gegensatz der deutschen und französischen Bourgeoisie in der Saarfrage. 1501Wortmeldungen in der SBZ • Durch den Gegensatz zwischen der englischen und französischen Bourgeoisie einerseits und der amerikanischen Bourgeoisie andererseits in der Frage des Bündnisses mit dem faschistischen Spanien. • Durch den Gegensatz zwischen englischen und amerikanischen Ölmagnaten in Persien. • Durch den Gegensatz zwischen den panamerikanischen Bestrebungen der USA gegenüber Süd- und Mittelamerika und den Autonomiebestrebungen der am meisten entwickelten südamerikanischen Staaten (z. B. Argentinien). • Durch den Gegensatz zwischen den USA einerseits und England und Italien andererseits in der Stellung zu China. • Durch die Konkurrenzfurcht der englischen und französischen vor der deutschen Bourgeoisie. 14. Auf weite Kreise der militärischen Führer der kapitalistischen Länder haben die Kriegsverbrecherprozesse gegen deutsche und japanische Marschälle, Generale und Offiziere abschreckend gewirkt. 15. Die Hetze gegen die Sow jet uni on schlägt auf diejenigen, von denen sie betrieben wird, insofern zurück, als sie in der ganzen Welt Furcht davor erzeugt, mit der Roten Armee Krieg führen zu müssen, sich der Gefahr sowjetischer Gefangenschaft usw. auszusetzen. 16. Eine ernste Gefahr für den Frieden war die Vertrauensseligkeit, mit der die amerikanische Bevölkerung, die noch niemals ernsthaft Krieg führen musste, an die Unbesieglichkeit der amerikanischen Waffen glaubte. Der Nimbus der amerikanischen Unbesiegbarkeit ist aber am Kampf der Chinesen und Koreaner mittlerweile zuschanden geworden. Für jeden ist es offensichtlich, dass die Amerikaner, die nicht einmal die Nordkoreaner und die chinesischen Verbände auf die Knie zu zwingen vermochten, jämmerlich scheitern würden, wenn sie es wagen sollten, gegen die Sowjetarmee, die Armeen der Volksdemokratien und die gesamten Streitkräfte Chinas anzutreten. Im Übrigen hat der koreanische Krieg auch in Amerika selbst, bei der Bevölkerung, starke Kriegsmüdigkeit erzeugt. 1502 Teil X C. Schlussfolgerungen Auf Grund der unter A angeführten Tatsachen schweben wir wirklich in ständiger Kriegsgefahr. Den zum Krieg drängenden Kräften stehen aber in der ganzen Welt starke, entschlossene und organisierte Friedenskräfte gegenüber, wie es sie nie zuvor gegeben hat. Auf Grund der unter B angeführten Tatsachen haben diese Friedenskräfte eine durchaus reale Chance, den Dritten Weltkrieg zu verhindern und einen dauernden Frieden zu sichern. Diese Chancen wachsen in dem Maße, wie einerseits die Anstrengungen der Imperialisten zur Vorbereitung eines neuen Krieges offen, unverhüllt und für jedermann sichtbar und fühlbar hervortreten und andererseits die von der Sow jet uni on geführten Länder des Sozialismus und der Volksdemokratie wirtschaftlich und politisch erstarken und ihre Politik der Friedensvorschläge und Kompromissversuche fortsetzen und steigern. Wenn die Imperialisten trotzdem – auf Grund einer falschen Einschätzung der Kräfteverhältnisse – den Krieg in ihrer Hysterie und Ausweglosigkeit vom Zaun brechen sollten, so würden sie ihn mit einem bereits völlig zermürbten, von Widersprüchen und Gegensätzen zerrissenen, von vornherein kriegsmüden Hinterland beginnen und durch die kombinierte Aktion ihrer eigenen Arbeiterklasse und der sowjetischen Armee so schnell und gründlich zusammengeschlagen werden wie Tschiang Kai-schek in China im Jahr 1949. D. Was kann man für die Erhaltung des Friedens tun? 1. Man muss jederzeit energisch und kühn den Anhängern der Remilitarisierung entgegentreten. Man muss den offenen Kriegstreibern aufs Maul schlagen und diejenigen, die sich von ihnen beeinflussen lassen, beharrlich für die Sache des Friedens werben und überzeugen. 2. Man darf sich nicht von der vorgetäuschten Allmacht der Amerikaner imponieren lassen, sondern muss erkennen, dass das ganze amerikanische System, aller Technik und allen Stützpunkten zum Trotz, in sich brüchig, widerspruchsvoll und im Grunde schwach ist. 3. Man muss wissen, dass die Verweigerung jeder Art von Wehr- und Kriegsdienst für einen Deutschen absolut legal und rechtlich ist, und auf Grund der Kapitulationsurkunde von 1945, des von Truman, Attlee und Stalin unterzeichneten Potsdamer Abkommens, der Gesetze und Verfügungen des Alliierten Kontrollrat, der Bonner Bun- 1503Wortmeldungen in der SBZ desverfassung und der westdeutschen Länderverfassungen. Die Adenauer-Regierung, die sich über diese geheiligten internationalen und nationalen Rechtsgrundlagen einer deutschen Friedenspolitik hinwegsetzt, handelt illegal und steht mit den Gesetzen in Widerspruch. 4. Man muss der Lüge entgegentreten, dass »vom Osten« ein Angriff drohe. Man kann verschiedener Meinung sein über die Vorzüge des Ostens und des Westens. Wer die »westliche Freiheit« vorzieht (weil er Kapitalismus mit Freiheit verwechselt), mag das tun. Er muss sich aber da rü ber klar sein, dass ausschließlich die Kriegstreiber im Westen die »westliche Freiheit« bedrohen. Denn nur dann wird der »östliche Totalitarismus« über Westeuropa hereinbrechen, wenn er durch einen Angriff vom Westen provoziert wird. Gegen diese Möglichkeit kann man sich als Anhänger »westlicher Freiheit« eben dadurch am besten und wirksamsten zur Wehr setzen, dass man die Kriegstreiber im eigenen Land rechtzeitig und wirksam bekämpft. Rechtzeitig heißt aber: Man muss sich schon gegen den Versuch der Remilitarisierung mit Händen und Füßen zur Wehr setzen. 5. Der Einzelne steht der Remilitarisierung und der Kriegsgefahr wehrlos und ohnmächtig gegenüber. Helfen kann nur der organisierte Zusammenschluss der Anhänger der Friedens zum Zweck des Kampfes gegen die Remilitarisierung, der Zerreißung von Gestellungsbefehlen, der systematischen Verhinderung von Kriegsproduktion, der Aufklärung der Bevölkerung usw. 6. Die Kommunisten sind die konsequentesten und kühnsten Verteidiger des Friedens. Sie waren es schon immer, sie sind es auch heute. Das aber besagt nicht, dass man Kommunist ist, wenn man für den Frieden eintritt. Der Kampf für den Frieden ist vielmehr eine allgemeine, umfassende Angelegenheit, die alle Schichten der Bevölkerung, über alle politischen, weltanschaulichen, religiösen usw. Differenzen hinweg, angeht. Hier geht es um die Verteidigung des nackten Lebens. 1504 Teil X Das »Dogma« des Marxismus und die »wahrhaft neue Deutung der geistigen Grundlagen«. Abrechnung mit einer reaktionären Theorie113 (Ende der 40er Jahre) Dem Andenken Rosa Luxemburgs gewidmet Motto: »Wenn der Satz, dass die Summe der drei Winkel in jedem Dreieck = 2 R betragen muss, dem Interesse der Besitzenden zuwider wäre, so wäre diese Lehre durch Verbrennung aller Geometriebücher unterdrückt worden, soweit die Betroffenen es durchzusetzen vermocht hätten.« (Thomas Hobbes, 1588–1678) Im Sozialistischen Jahrhundert, der von Louise Schröder und Dr. Otto Suhr herausgegebenen Monatszeitschrift der Berliner Sozialdemokratie,114 plagen sich seit einiger Zeit die Parteitheoretiker Dr. Kurt Schumachers mit der »Verbesserung«, »Ergänzung«, »Widerlegung« und endgültigen »Überwindung« des Marxismus ab. Kein Wunder: Nachdem diese Herrschaften unter Berufung auf ihre »Meinungsfreiheit« die Einigung der sozialistischen Arbeiterbewegung in Berlin und Westdeutschland vereitelt haben, müssen sie sich die »Meinungen« erst noch mühselig zusammensuchen, deren »Freiheit« die verhängnisvolle Verewigung der proletarischen Parteienspaltung zu lohnen scheint. Dass dafür nur bürgerliche, nur antimarxistische »Meinungen« in Frage kommen, ist selbstverständlich. Für die Rechtfertigung des Klassenverrats der Spalter ist die Lehre von Marx und Engels gänzlich unbrauchbar. Also muss sie nach allen Regeln revisionistischer Kunst zurecht gebogen werden. Ohne verwässerte Theorie – keine opportunistische Praxis. Das ist das ganze Geheimnis. Bereits in der ersten Nummer des Sozialistischen Jahrhunderts, die im November 1946 erschien, fanden wir die programmatische Erklärung Dr. Werner Buengels, man müsse heute den Marxismus »als Ganzes in Frage stellen«. Im gleichen Heft erklärte Dr. Klaus Peter Schulz, einer der tonangebenden Mitarbeiter, es gehe der Sozialdemokratie um »eine wahrhaft neue Deutung und neue Formulierung der geistigen Grundlagen«. »Weltanschauliche Klärung« sei das »beglückende Ziel« der neuen Zeitschrift. 113 (AH) 20 Blatt, maschinenschriftlich, nicht datiert. Der Text vermerkt zahlreiche Verweise auf Fußnoten, die aber nicht erhalten sind. Zahlreiche hand- und maschinenschriftliche Korrekturen, stillschweigend eingearbeitet. 114 (AH) Louise Schröder und Otto Suhr waren die Lizenzträger und Herausgeber der Zeitschrift Das sozialistische Jahrhundert, die seit November 1946 erschien. Mit der Spaltung Deutschlands und Berlins stellte sie ihr Erscheinen ein. 1505Wortmeldungen in der SBZ Das »beglückende Ziel«. Man versuche einmal festzustellen, wie dieses »beglückende Ziel« aussieht und zu welchen Resultaten die »weltanschauliche Klärung« innerhalb der SPD inzwischen geführt hat. Inzwischen: Das heißt, von der Gründung des Sozialistischen Jahrhunderts an über die sozialdemokratische »Kulturkonferenz«, die im August 1947 in Ziegenhain stattfand, bis zu den anschließenden theoretischen Referaten und Debatten im August-Bebel-Institut in Berlin Wannsee, Winter 1947/1948. Die Frage ist erstens, welche wissenschaftlichen Probleme in dieser Zeit von den sozialdemokratischen Theoretikern aufgeworfen wurden; zweitens, ob die Herren für ihre Behauptung, dass der Marxismus »überholt« bzw. »ergänzungs-« und »ver bes se rungs«bedürf tig sei, irgend ein zwingendes Argument beizubringen vermochten; drittens, ob die »wahrhaft neuen Deutungen und neuen Formulierungen«, mit denen sie den »als Ganzes in Frage gestellten« Marxismus zu ersetzen gedenken, tatsächlich so »wahrhaft neu« sind, wie es ihre Ankündigungen versprachen; und viertens, worin die realen gesellschaftlichen Grundlagen dieser »wahrhaft neuen« »geistigen Grundlagen« bestehen, mit anderen Worten, was der in der Sozialdemokratie ausgebrochene Eifer, vom Marxismus loszukommen, als ideologisches Phänomen im Zusammenhang mit den sozialen und politischen Kräftekonstellationen in Nachkriegsdeutschland zu bedeuten hat. Um alle diese Fragen, die für die deutsche Arbeiterbewegung entscheidend wichtig sind, erschöpfend beantworten und zugleich die Schärfe und Brauchbarkeit der theoretischen Waffen des Sozialismus aufs Neue erproben zu können, werden wir uns im Folgenden ausführlich mit einigen Ansichten auseinandersetzen, die wir in den bisher vorliegenden Heften des Sozialistischen Jahrhunderts und in anderen sozialdemokratischen und bürgerlichen Publikationen der Nachkriegszeit vorfinden. Erstes Kapitel: Der »unabhängige Denker« Lewalter und die marxistische »Scholastik«115 Es wird aus Gründen besserer Übersichtlichkeit angebracht sein, wenn wir unsere Auseinandersetzung erst einmal mit den landläufigen, allgemeinen Einwänden gegen den Marxismus beginnen, bevor wir uns subtileren Fragestellungen zuwenden. Den Herren vom Sozialistischen Jahrhundert geht es, wie gesagt, um »wahrhaft neue Deutung 115 (AH) Dieses erste Kapitel ist, nach der kurzen Einleitung, erhalten geblieben und wird im Folgenden präsentiert. Überschrieben ist es zudem mit der Ziffer römisch I, es sollte das Thema also noch weiter ausgeführt werden. Als Motto hatte Harich vorangestellt: »Die Art, wie ein solcher Knirps z. B. Aristoteles abfertigt (…)« Karl Marx über Ludwig Büchner. 1506 Teil X und neue Formulierung der geistigen Grundlagen«. Hinter diesem hochtrabenden Anspruch steckt gleich der üblichste, der am weitesten verbreitete Vorwurf, der heute von sozialdemokratischer Seite gegen den konsequenten Marxismus erhoben zu werden pflegt, und den immer gleich ein ganzer Korb politisch dilettierender Backfische nachplappert – der Vorwurf, die Marxisten hätten aus Starrsinn und verbohrter Traditionsgläubigkeit die Doktrinen des »längst verstorbenen« Karl Marx zu ihrem »Dogma« erkoren, zu einem »Dogma«, an dem sie – kritiklos, unfähig zu vorurteilsloser Erkenntnis und geistig steril – unter allen Umständen wie an einer heiligen Offenbarung festhielten. Eben dies aber sei eines »modernen« Menschen unwürdig. Marx sei wohl genial, aber nicht allwissend gewesen, und er habe die »Probleme unserer Zeit« nicht vorausahnen können. Die »Unbefangenheit« erfordere, dass um »wahrhaft neuer Deutungen und neuer Formulierungen« willen mit dem marxistischen »Dogmatismus« gebrochen werde. Unter solchem und ähnlichem Geschwafel spreizen sich die sozialdemokratischen Marx-»Verbesserer« in der kleidsamen Pose rebellischer Traditionslosigkeit. Im Sozialistischen Jahrhundert wimmelt es nur so von selbstgefälligen Beteuerungen sozialdemokratischer »Modernität«. Die Herren treiben einen wahren Kult mit ihrer »Unbefangenheit«. Sie können nicht laut genug betonen, dass sie – im Gegensatz zu den Marxisten – keine »Dogmatiker« wären. Eine Zusammenstellung all der zahlreichen Variationen dieser wie ein Refrain immer wiederkehrenden Phrase würde uns hier zu weit führen. Ein Beispiel, wohl das prägnanteste, mag genügen. Es stammt von Dr. Ernst Lewalter, der es im Augustheft 1947 des Sozialistischen Jahrhunderts tatsächlich und allen Ernstes fertig brachte, den marxistischen »Dogmatismus« mit der mittelalterlichen Scholastik zu vergleichen. »Am weitesten«, schrieb Herr Lewalter, »ist die Entseelung in den Kreisen der marxistischen Orthodoxie gediehen. Sie sehen zu Marx als zu dem auf, der in allem, was er sagte, recht hatte. Solch ein Schicksal ist bisher in der abendländischen Geschichte nur einmal einem Denker widerfahren, allerdings in noch weit größerem Umfange, nämlich für drei Jahrhunderte in der gesamten lateinischen Christenheit, und ohne dass ihm damals jemand die Stellung eines unanfechtbaren Meisters derer, die wissen, bestritten hatte: Aristoteles.« »Wer die Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles kennt und eine heutige orthodox-marxistische Veröffentlichungen die Hand nimmt 1507Wortmeldungen in der SBZ (etwa die vom Parteivorstand der SED herausgegebenen Zeitschrift des Wissenschaftlichen Sozialismus, Einheit), nimmt eine erstaunliche Ähnlichkeit wahr. Alles ist hier, bei den Marxisten, wie es dort, bei den Scholastikern, war: Die Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters, das Bestreben, auch das leichter Hingeworfene schwer und ernst zu erläutern, die unerschütterliche Überzeugung, dass das Ganze in allen Einzelheiten mit dem Ideal der Wahrheit zusammenstimmt.« (In der Folge zwei sich überschneidende Manuskriptseiten, fortgesetzt wird mit dem Ende des Zitats, AH.) Nun wissen wir es genau: Aristoteles und Marx ist das gleiche »Schicksal« »widerfahren«, ein Schicksal in zweifacher Ausfertigung, in kleinerem Umfang und in »noch weit größerem Umfang«. Wie groß war dann wohl der »Umfang« des »Schicksals«, das Kant mit den Neukantianern oder Kierkegaard mit den Existenzialisten »widerfuhr«? Was einem als Denker überragenden Formats in dieser vertrackten »abendländischen Geschichte« doch alles zustoßen kann! Und Marx ist der Aristoteles der orthodoxen Marxisten, wie Aristoteles der Marx der »gesamten lateinischen Christenheit« dreier Jahrhunderte war. Und beide »bekleiden« die Stellung eines »unanfechtbaren Meisters derer, die wissen«? Eine prachtvolle Analogie! Fragt sich nur, welches »Schicksal« eigentlich Jesus Christus während der genannten Zeitspanne in der »gesamten lateinischen Christenheit« widerfuhr? Hat er ebenfalls dem Aristoteles nicht die »Stellung« bestritten? Oder war er womöglich der Hegel, der Sismondi, der Saint-Simon der marxistischen Entseelung in den Kreisen des mittelalterlichen Katholizismus? Oder der Engels, der Bebel, der Lenin der »gesamten lateinischen Christenheit«? Und galt damals das Vaterunser oder die Nikomachische Ethik als Kommunistisches Manifest? So sei es natürlich nicht gemeint, wird Herr Lewalter hier vermutlich einzuwenden haben. Aber was meint er wirklich? Doch wohl das, was er sagt. Ein Beispiel. (Erneut das Beispiel der Einheit, hier weggelassen, AH.) Wenn Herr Lewalter die orthodox-marxistischen Veröffentlichungen nicht nur »in die Hand« nähme, sondern sich in sie vertiefen und dann kräftig dagegen polemisieren würde, so wäre uns das nur recht. Aber er müsste sich dann schon dazu aufraffen, gegen die orthodox-marxistischen Auffassungen sachliche Argumente ins Treffen zu führen. Die bloße »Wahrnehmung« einer »erstaunlichen Ähnlichkeit« mit den »Texten mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« genügt uns nicht. Ja, wir hegen sogar den Verdacht, 1508 Teil X dass es sich um nichts anderes als um einen faulen demagogischen Trick handelt, wenn sich jemand mangels sachlicher Gegenthesen auf irgendwelche abseitigen Bildungswerte herausredet, von denen lediglich eines feststeht – dass sie nur Eingeweihten bekannt sind. Die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« scheinen uns in die gleiche Rubrik zu gehören wie die »neuesten Resultate der modernen Physik« mit denen man – natürlich um Marx zu »widerlegen« und zu »überwinden« – in Ziegenhain den leidigen Kausalzusammenhang aus der realen Welt hinauszukomplimentieren versuchte. Höchst vergebliche Liebesmüh! Die Ergebnisse der modernen Elektronenphysik bestätigen, wie wir sehen werden, die Richtigkeit und ausschließliche methodische Anwendbarkeit der materialistischen Dialektik ebenso, wie die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen« zu der Vorstellung passen, die sich die materialistische Geschichtswissenschaft vom Geistesleben des Mittelalters erarbeitet hat. Aber natürlich: Sowohl die moderne Physik, als auch die mittelalterliche Theologie und Philosophie eignen sich nichtsdestoweniger insofern ganz vorzüglich zur »Widerlegung« von Marx, als es sich in beiden Fällen für den einfachen Menschen um böhmische Wälder handelt, in deren schummrigem Zwielicht ihn die halbgebildeten Bildungshochstapler der sozialdemokratischen Theorien um so bequemer irreführen können. Und weiter: Wenn zwischen den »Texten mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles« und den theoretischen Veröffentlichungen der orthodox-marxistischen SED eine »erstaunliche Ähnlichkeit« wahrzunehmen sein soll (für welche »Wahrnehmung« die Mitgliedermassen der SPD erst einmal das Theologiestudium ab solvie ren müssten!), so wären demnach die SED-Leute die mittelalterlichen Universitätslehrer der Gegenwart, und die mittelalterlichen Universitätslehrer wären ihrerseits eine Art SED des Mittelalters gewesen, eine SED in »noch weit größerem Umfange«, eine SED mit dreihundertjähriger Lebensdauer in der »gesamten lateinischen Christenheit«. Vortrefflich! Worin besteht dann aber die Übereinstimmung? Nach Lewalter »in allem«. Nachdem erst zu Aristoteles und zu Marx »als zu denen« »aufgesehen« wurde, die »in allem«, was sie sagten, recht hatten, sind hier wiederum die mittelalterlichen Aristoteliker und die orthodoxen Marxisten untereinander »in allem« gleich. Denn: »Alles ist hier, bei den 1509Wortmeldungen in der SBZ Marxisten, wie es dort, bei den Scholastikern, war.« Alles! Also wohl wahrscheinlich auch die Trennung von Kirche und Staat bei den Scholastikern und das heilige Abendmahl bei den Marxisten, oder? Nein, offenbar doch nicht »alles«, nicht ganz »alles«, sondern nur: »Die Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters, das Bestreben, auch das leichter Hingeworfene schwer und ernst zu erläutern, die unerschütterliche Überzeugung, dass das Ganze in allen Einzelheiten mit dem Ideal der Wahrheit zusammenstimmt.« Das Ganze in allen Einzelheiten! Soll heißen: Wenn Aristoteles zum Beispiel die Sklaverei als den naturgegebenen, selbstverständlichen und rechtmäßigen Gesellschaftszustand auffasste – und das tat er –, so »stimmte« das »Ganze« auch dieser aristotelischen Doktrin für die Scholastiker »in allen Einzelheiten« mit dem »Ideal der Wahrheit« »zusammen« (wobei »zusammenstimmen« übrigens auf Deutsch »übereinstimmen« heißen müsste!). Es ist nun peinlich, dass die Scholastiker rund anderthalb Jahrtausende nach dem »längst verstorbenen« Aristoteles lebten und als Zeitgenossen des Feudalismus, der Leibeigenschaft, der Zunftordnung, die Sklaverei überhaupt nicht kannten. Wie nun? Fiel ihnen etwa dreihundert Jahre lang diese recht beträchtliche »Einzelheit« nicht auf? Lies ihre »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben« auch in diesem Punkt keine »Abweichung« zu? Und wie steht es mit Lewalters modernen Scholastikern, mit den Marxisten? Marx prophezeite (oder deutete doch wiederholt an), dass die proletarische Revolution in allen kapitalistischen Ländern fast gleichzeitig ausbrechen und den Umsturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung herbeiführen werde. Wenn Lewalter recht hätte, müssten noch heute alle Marxisten von der Richtigkeit dieser Prognose unerschütterlich überzeugt sein, obwohl auf die Russische Oktoberrevolution, die erste siegreiche Revolution des als Klasse organisierten Proletariats, bekanntlich nicht die Weltrevolution, nicht der Weltsozialismus folgte, sondern einerseits der Aufbau des Sozialismus in einem einzigen Land, in der Sow jet uni on, andererseits, in der übrigen Welt, ein neues katastrophales Entwicklungsstadium des kapitalistischen Imperialismus. Die orthodoxen Marxisten können und wollen und dürfen – Herrn Lewalter zu Folge – diese »Einzelheit« einfach nicht wahrhaben. Und wenn die Weltgeschichte seit mindestens dreißig Jahren keineswegs mehr »in allen Einzelheiten« mit »allem« »zusammenstimmt«, was Marx sagte (der für waschechte orthodoxe Marxisten angeblich »in allem, was er sagte, recht hatte«) – dann um so schlimmer für die Weltgeschichte. Die 1510 Teil X Lewalterschen orthodoxen Marxisten, »Dogmatiker«, die sie sind, »verfallen« an einen »Autoritätsglauben«, mit der »Scheu vor der Abweichung« und der »Furcht, bei unabhängigem Denken ins Bodenlose zu geraten«, haben absolut keine Veranlassung, deswegen an den »Worten« und »Sätzen ihres »längst verstorbenen« Meisters zu zweifeln. Die historische und gesellschaftliche Wirklichkeit ist nichts, das »Ideal der Wahrheit« und die »unerschütterliche Überzeugung« sind alles. Nachdem Herr Lewalter diesen erschütternden Unsinn glücklich angebracht hat, verfällt er zu allem Überfluss auch noch auf jenen unselig verallgemeinernden Gattungssingular, der im kleinbürgerlichen Redeschwall immer dann auftaucht, wenn über konkrete historische Nuancen und Differenzierungen hinweggepfuscht wird. »Der« Mensch und »das« Wesen »des« Menschen und »der« Staat und »der« faustische Mensch und »die« Seele »des« russischen Menschen und »der« Jude, »der« an allem schuld ist – wem wären derlei gemeingefährliche törichte Spießbürgerfiktionen nicht schon begegnet? Hier haben wir es nun mit »dem« Scholastiker zu tun. Was tut »der« Scholastiker? Er kommentiert Aristoteles, andächtig vor dem »Lebenswerk eines längst Verstorbenen«. Und »anderen Denkern gibt der Scholastiker (und ebenso der orthodoxe Marxist) nur soweit recht, als ihre Sätze zu denen des Meisters harmonieren; wo sie von ihm abweichen, werden sie verworfen«. Sehr schön! Aber wer ist »der« Scholastiker? Man orientiere sich im oberflächlichsten, simpelsten Kompendium der Geschichte der Philosophie über Namen und Werke der wirklichen, historischen Scholastiker, um festzustellen, dass »der« Scholastiker des 9. bis 12. nachchristlichen Jahrhunderts (der weit weniger ein homogenes Wesen ist als zum Beispiel »der« Neukantianer oder »der« Existenzialist) die Schriften des Aristoteles überhaupt nicht kennt.116 Da ist im 9. Jahrhundert der Ire Johannes Scotus Eriugena (etwa 810–877), der neuplatonisch-mystische Naturphilosoph und idealistische Erkenntnistheoretiker, Leiter der Hofschule Karls des Kahlen zu Paris, Übersetzer der areopagitischen Schriften und eigentlicher »Vater der Scholastik«. Eriugena steht noch ganz unter dem Einfluss des 116 (AH) Zur Scholastik und den im Folgenden erwähnten Theoretikern sowie ihren Werken äußerte sich Harich ausführlich in seinen Vorlesungen, vor allem in der Vorlesung Die großen europäischen Denker des 17. Jahrhunderts, abgedruckt in Band 6.1, vor allem relevant S. 437–503. Dort auch eine Einleitung (Harichs Vorlesung zur neuzeitlichen Philosophie) des Herausgebers, S. 427–426. In diesem Kontext alle notwendigen Erklärungen, weiterführenden Hinweise usw. 1511Wortmeldungen in der SBZ Augustinus, und wenn in seiner Naturphilosophie unter anderem Unterscheidungen zu finden sind wie das »unbewegt Bewegende«, das »bewegt Bewegende« und das »bloß Bewegte«, die auf die Metaphysik von Aristoteles hinweisen, so handelt es sich dabei doch lediglich um die Fortsetzung einer vielfach übermittelten philosophischen Überlieferung, die mit einem bewusst an Aristoteles anknüpfenden Epigonentum nicht das Mindeste zu tun hat. Da ist weiter – im 10. Jahrhundert – der universal gebildete Gerbert (gestorben 1003), einer der faszinierendsten Geister des Mittelalters: Erst Erzbischof von Reims, Lehrer und Freund Ottos III., dann als Papst Sylvester II. Stifter der Stephanskrone und Inspi ra tor der Gründung des polnischen Erzbistums Gensen, weitsichtiger Politiker und zugleich Philosoph von kühnem, unersättlichem Wissensdrang, den seine Zeitgenossen als Zauberer fürchten und verehren. Gerbert ist der erste Scholastiker, der alle Wissensgebiete seiner Zeit zu einem imponierend einheitlichen System verbindet; aber vergeblich wird man bei ihm nach einer Anknüpfung an Aristoteles suchen. Da ist schließlich Berengar von Tours (999–1088) aus der Schule von Chartres, der bereits im 11. Jahrhundert die wissenschaftliche Autorität der Kirchenväter und der Bibel leise anzuzweifeln wagt, und von dem das Aufklärerwort stammt: »Der Buchstabe tötet!« Auch er ist kein Aristoteliker. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts bemächtigt sich die scholastische Philosophie dann des wichtigen, noch heute umstrittenen logischen und erkenntnistheoretischen Problems, ob die Allgemeinbegriffe (»universalia«) für sich existierende, von den Dingen unabhängige ideale Wesenheiten darstellen, nach denen sich die realen Dinge richten, oder ob sie bloße »Namen« sind, die auf der abstrahierenden Tätigkeit des Verstandes beruhen. Um diese Frage entbrennt der »Universalienstreit«: Roscelin von Compiègne, der erste konsequente »Empirist«, und Anselm von Canterbury, Wilhelm von Chapeaux, Peter Abaelard, der »Troubadour unter den Scholastikern«, und Bernhard von Clairvaux kreuzen die scharfen Klingen der philosophischen Fehde. Die Lewaltersche Fiktion »des« Scholastikers löst sich hier bereits in verschiedene, einander bekämpfende Tendenzen und Richtungen auf. Und zwar gibt eine Stelle aus der Einleitung des Porphyrios zur Logik des Aristoteles den Anlass zur Scheidung der Geister. Aber da der betreffende Satz beiden Parteien des Universalienstreits nur in der lateinischen Übersetzung des Boethius zugänglich ist, 1512 Teil X handelt es sich hier um ein zweifach vermitteltes Verhältnis. Kein einziger aristotelischer »Satz« ist sonst auch nur verfügbar. Studium und Kommentierung der Werke des »Meisters« sind in dieser Epoche fast ausschließliches Reservat der Orientalen: Die Aristoteliker des 9. bis 12. Jahrhunderts haben wir nicht in der Scholastik, nicht in der »gesamten lateinischen Christenheit«, sondern am Kalifenhof zu Bagdad, unter den Hofgelehrten der Abassiden, unter den arabischen Mutaziliten, den großen orientalischen Ärzten, den Arabern in Spanien und unter den jüdischen Denkern zu suchen. Abgesehen davon gibt der scholastische Universalienstreit der Alternative von Materialismus und Idealismus, Empirismus und Apriorismus, Erfahrungs- und reiner Vernunfterkenntnis eine spezifisch mittelalterliche Prägung, die gegenüber der entsprechenden antiken Fragestellung völlig neuartig ist. Die Einflüsse der Antike auf die frühscholastische Philosophie erfahren durch das andersartige gesellschaftliche und ideologische Medium eine unvermeidliche Brechung. Das gilt für beide Richtungen des Universalienstreits: Weder sind die »Realisten« reine Platoniker, noch weniger die Nominalisten Aristoteliker. Und wenn bei einigen Nominalisten (insbesondere bei Peter Abaelard) gewisse aristotelische Gedankengänge anklingen, so lässt sich doch nirgends eine direkte Bezugnahme auf Aristoteles, geschweige denn ein »andächtiges« Auslegen und Kommentieren seiner »Worte« und »Sätze« nachweisen. Wo also bleibt »der« Scholastiker, der anderen Denkern »nur soweit Recht gibt, als ihre Sätze mit denen des Meisters harmonieren«? Unter den wirklichen historischen Scholastikern des 9. bis 12. Jahrhunderts ist er beim besten Willen nicht aufzuspüren. Aber wir wollen gerecht sein: Die Scholastik umfasst sieben Jahrhunderte, und da Herr Lewalter nur von drei Jahrhundert spricht, gewinnt »der« Scholastiker durch diese Einschränkung erheblich an historischer Bestimmtheit. Wenn die Scholastiker des 9. bis 12. Jahrhunderts die Werke des Aristoteles nicht kennen – wie steht es mit denen des 13. bis 15. Jahrhunderts? In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wird der griechische Urtext der Schriften des Aristoteles von Konstantinopel her bekannt, und die vorzüglichsten katholischen Gelehrten stellen sich in den Dienst der Übersetzerarbeit. In den Statuten der Pariser Universität von 1215 wird zum ersten Mal neben der »alten« auch das Studium der »neuen«, aristotelischen Logik erlaubt, die Beschäftigung mit der Naturphilosophie und Metaphysik des Stagiriten aber noch ausdrücklich untersagt. Erst 1237 (offiziell 1254) wird diese Einschränkung aufgehoben. 1513Wortmeldungen in der SBZ Die Scholastiker knüpfen von nun an erst zögernd und voller Vorbehalte, dann jedoch um so radikaler an Aristoteles an, als sie zu der Überzeugung gelangen, dass sich seine Philosophie zur Systematisierung des katholischen Dogmas eignet. Aber führt die nun tatsächlich einsetzende Verschmelzung von Scholastik und Aristotelismus, das Werk des Engländers Alexander von Hales, des Deutschen Albertus Magnus und des Italieners Thomas von Aquin, zu der von Lewalter behaupteten geistigen Stagnation? Keines wegs! Bereits Bonaventura (1221–1274) durchsetzt den Aristotelismus wieder mit mys ti schen Gedanken, die an Augustin und an die »Viktoriner« des 12. Jahrhunderts anklingen. Albertus Magnus, der unter anderem 21 Folianten mit Aristoteles-Kommentaren füllt, bekennt sich in Glaubensdingen ebenfalls zu Augustin, in medizinischen Fragen zu Hippokrates. Selbst Thomas von Aquin, der mit seiner Summa theologica methodisch die Lehre des Aristoteles in das Dogma der Kirche einordnet, gibt nirgends eine stetige Wiederholung und Kommentierung überlieferter »Sätze«. Die Summa ist das Gedankenwerk eines großen, schöpferischen Geistes, ist außerdem adäquater ideologischer Ausdruck der Zeit, System der Ideologie der herrschenden Mächte des mittelalterlichen Feudalismus. Ihre völlig neuartigen Modifikationen der aristotelischen Lehre, ihre zahlreichen Umbildungen und Umformungen insbesondere auf den Gebieten der Ethik, der Psychologie, der Metaphysik und der Staats- und Gesellschaftslehre verraten keine Spur von jener angeblichen dogmatischen »Ehrfurcht vor jedem Satz des Meisters«, die nach Lewalter »anderen Denkern« »nur soweit Recht« gibt, »als ihre Sätze mit denen des Meisters harmonieren«. »Andere Denker«? Thomas von Aquin polemisiert allerdings gegen »andere Denker«. Sein philosophisches Hauptwerk De veritate fidei catholicae contra Gentiles ist eine einzige Abrechnung mit den arabischen Philosophen, den »Heiden«. Aber es irrt sich, wer da glaubt, dass die arabischen Denker etwa deshalb »verworfen« werden, weil sie von Aristoteles »abweichen«. Ganz im Gegenteil: Der arabische Aristotelismus ist insofern viel orthodoxer als der scholastische, als er nicht in erster Linie einer theologischen Konzeption unterworfen, sondern als systematische Zusammenfassung naturwissenschaftlicher Einsichten angelegt ist. Ebenso gilt Thomas von Aquins Kampf gegen die griechischen »anderen Denker« Demokrit, Empedokles und Anaxagoras dem antiken Materialismus, nicht den »Abweichungen« von den »Sätzen« des Meisters. 1514 Teil X Aber wenn man freilich auch nicht bestreiten kann, dass Aristoteles (durch Hinzufügung und Hineindeutung ganz erheblicher »Abweichungen«) bei Alexander von Hales, Albertus Magnus und Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert gewaltige Autorität erlangt und seither in der Philosophie des Katholizismus nicht nur dreihundert Jahre lang, sondern bis auf den heutigen Tag eine beherrschende Rolle spielt, so ist doch zu bedenken, dass bereits im 13. Jahrhundert innerhalb der Scholastik die Opposition der Franziskaner gegen den thomistischen Aristotelismus einsetzt. Da ist Heinrich von Gent (1217–1293), der gegen Thomas von Aquin auftritt und wieder auf Platon und Augustin zurückgreift. Da ist der geniale Johannes Duns Scotus (1265–1308), der Erkenntniskritiker der Scholastik, der als erster mittelalterlicher Philosoph, ein halbes Jahrtausend vor Kant, die Notwendigkeit der Trennung von Glauben und Wissen zu begründen wagt, außerdem eine scharfsinnige Psychologie des Willens ausarbeitet und in seiner Metaphysik das konkrete, individuelle Ding als das Vollkommenere gegenüber dem allgemeingültigen Idealprinzip auffasst. Da ist vor allem Roger Bacon (1214–ca. 1290), der bedeutende Mathematiker und physikalische Experimentator, der der Erfahrung vor dem deduktiven Vernunftbeweis den Vorrang gibt, auf Erforschung der empirischen Wirklichkeit dringt und zu vortrefflichen Einsichten in das Wesen des Kausalzusammenhangs gelangt. »Doctor admirabilis« nennen die Zeitgenossen nicht zufällig diesen revolutionären Denker, der seiner Epoche weit vorauseilt. Im 13. und 14. Jahrhundert werden zwischen den verschiedenen Richtungen der Scholastik, zwischen Aristotelikern und Platonikern, Thomisten und Scotisten, Dominikanern und Franziskaner heftige philosophische Fehden ausgetragen, in deren Verlauf die Epigonen Thomas von Aquins in immer stärkerem Maße zu fruchtlosen Dogmatikern und spitzfindigen Kommentatoren entarten. Von ihnen mögen die »Texte mittelalterlicher Universitätsvorlesungen über die Schriften des Aristoteles« stammen, auf die sich Herr Lewalter bezieht. Aber erstens ist in dieser Zeit nicht jede Universität eine Zuchtstätte autoritätsgläubigen Stumpfsinns. Auf Padua und Bologna trifft die Kennzeichnung zu, Paris indessen bleibt nach wie vor Schauplatz bewegter Richtungskämpfe. Zweitens sind die thomistischen Kommentatoren durchaus nicht identisch mit »dem« Scholastiker, und drittens beherrschen sie nicht das mittelalterliche Geistesleben dreier Jahrhunderte. Auch Bonaventura, Heinrich von Gent, Roger Bacon und Duns Scotus gehören, wenn nicht 1515Wortmeldungen in der SBZ alles trügt, zur »gesamten lateinischen Christenheit«. Und wenn der Richtungsstreit innerhalb der Scholastik schließlich in England, bei Wilhelm von Ockham (gestorben 1347), zur Erneuerung des Nominalismus und damit zu einer radikal empiristischen Begründung der Wissenschaft führt, so passt auch diese historische Tatsache nicht ganz in das Lewaltersche Bild der »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben«. Das Eigenartige ist nun, dass sich Wilhelm von Ockham – im Gegensatz zu seinen Vorläufern Roger Bacon und Duns Scotus – wieder auf Aristoteles beruft. Aber diese Anknüpfung an den »Meister« hat ihren besonderen Sinn. Sie ist das abendländische Pendant zu dem Aristotelismus der Araber, gegen den Thomas von Aquin polemisiert hatte. Der arabische Aristotelismus basierte auf ungleich fortgeschritteneren naturwissenschaftlichen Vo raus set zungen als die scholastische Philosophie des 13. Jahrhunderts. Die Angriffe, die Thomas gegen die »Heiden« richtete, waren also ihrer Tendenz nach konservativ. Da Thomas sich aber ebenfalls auf Aristoteles stützte, nahm er automatisch auf lange Zeit hinaus den oppositionellen Geistern der Scholastik die Möglichkeit, Aristoteles in der gleichen Weise naturwissenschaftlich-empiristisch auszunutzen, wie das die Araber getan hatten. Die franziskanische Opposition war folglich zunächst gezwungen, auf Platon, Augustin usw. zurückzugreifen und Aristoteles in Frage zu stellen. Aber sie richtete sich in Wirklichkeit gegen den spezifisch thomistischen Aristotelismus, gegen den »Intellektualismus«, gegen das deduktive Vernunftsystem, zu dem Thomas von Aquin die Philosophie des Stagiriten bereits willkürlich verarbeitet hatte. Da in diesem System aber die starken materialistischen und empiristischen Elemente der aristotelischen Lehre durch die religiöse Tendenz weitgehend absorbiert waren, galt der Kampf auch weniger der Sache, als dem Namen nach dem Aristoteles. Im Grunde richtete er sich bereits ketzerisch gegen die Vermengung von Wissenschaft und Offenbarung. Und wenn die Opposition sich vorerst konservativ gab, wenn sie Platon und die Kirchenväter erneuern wollte, so verbarg sich doch hinter den loyalen Prätentionen der progressive Geist. Die großen Franziskaner des 13. Jahrhunderts nahmen – gewissermaßen getarnt und insgeheim – den Geist des Empirismus und Materialismus, der Renaissance und Reformation, der Naturwissenschaft und der bürgerlichen Aufklärung vorweg. Alles Tendenzen, deren früheste, keimhafte Ansätze im scholastischen Denken des 13. und 14. Jahrhunderts noch nicht offen zu Tag treten konnten, sondern gleichsam mit einer 1516 Teil X theologischen Schutzhülle umgeben bleiben mussten. Sachlich wäre die Philosophie des Aristoteles mit den Gedanken der franziskanischen Opposition ebenso, wenn nicht besser zu vereinbaren gewesen als mit den apologetischen Anliegen und Hierarchie-Bedürfnissen des Thomismus. Das beweist die ganze Entwicklung des Aristotelismus in der arabischen Kultur. Erst Wilhelm von Ockham spricht in seiner Opposition gegen den Thomismus offen aus, dass er, der konsequenteste Nominalist, mit seinen Anschauungen den »wahren« und »echten« Aristoteles wiederherstelle, in schroffem Gegensatz zu Albertus und Thomas, die in Wirklichkeit »Platoniker« wie Anselm von Canterbury und die anderen »Realisten« des alten Universalienstreits gewesen seien. Auch Peter Abaelard und Duns Scotus lehnt er als nicht radikal genug ab. Wilhelm von Ockham ist ein rebellierender Erneuerer der europäischen Philosophie, ein Vorläufer und Wegbereiter der großen Materialisten und Empiristen, und wenn er – in ganz anderem Sinne als Thomas, freilich auch im Gegensatz zu seinen eigenen Vorläufern – sich wiederum auf Aristoteles beruft, so kommt seine Lehre sachlich dessen Intentionen wohl am nächsten, beschränkt sich zugleich aber am wenigsten auf »ehrfürchtige« Kommentierung irgendwelcher »Sätze« irgendeines »Meisters«. »Verfallenheit an einen Autoritätsglauben« ist dem Aristoteliker Ockham so fremd wie keinem anderen Denker des Mittelalters, vielleicht mit Ausnahme Berengars von Tours, Roscelins von Compiègne und Roger Bacons. Wo also bleiben Lewalters drei Jahrhunderte? Und wer ist in diesen drei Jahrhunderten »der« Scholastiker? Wir wollen einmal das Jahr 1200 als Ausgangstermin der Hochscholastik gelten lassen, das Jahr, in dem Philipp August die Pariser Universität privilegiert. Albertus Magnus ist zu dieser Zeit noch ein siebenjähriger Knabe, Thomas von Aquin wird erst ein knappes Menschenalter später das Licht der Welt erblicken. Wenn wir nun – wie Herr Lewalter – behaupten wollten, dass von diesem Zeitpunkt an drei Jahrhunderte lang niemand »in der gesamten lateinischen Christenheit« da ran zu zweifeln gewagt hätte, dass jeder »Satz« des Aristoteles »in allen Einzelheiten« mit dem »Ideal der Wahrheit« »zusammenstimmt«, so müssen wir erstens das Lebenswerk des Thomas von Aquin zum bloßen Aristoteles-Kommentar degradieren, zweitens die Frage, ob Thomas oder die von ihm bekämpften arabischen Aristoteliker stärker von den »Sätzen« des Meisters »abgewichen« sind, ignorieren und drittens die Existenz von Bonaventura, Heinrich von Gent, Duns Scotus, Roger Bacon unterschlagen – ganz zu 1517Wortmeldungen in der SBZ schweigen von den deutschen Mystikern, ganz zu schweigen auch von der italienischen Platon-Akademie am Hofe Cosmo von Medicis und von solchen Denkern der frühen Renaissance wie Nikolaus Cusanus. Wenn wir aber, schon wesentlich bescheidener, die »gesamten lateinische Christenheit« aus dem Spiel lassen und lediglich behaupten wollten, dass innerhalb dieser dreihundert Jahre (also von 1200–1500) jeder Scholastiker, der sich auf Aristoteles berufen hätte, ein verbohrter, geheiligte »Sätze« fruchtlos und ehrfürchtig nachbetender Dogmatiker gewesen sei, so müssten wir erstens wiederum die Originalität und den großen historischen Wert der thomistischen Philosophie bestreiten, zweitens aber die eigenartige Tatsache ignorieren, dass in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts mit Wilhelm von Ockham ein scholastischer Aristoteliker auftritt, der alles andere als dogmatisch beschränkt, vielmehr – in den Grenzen seiner Zeit – ein durchaus revolutionärer Philosoph ist, der gegen den Thomismus opponiert und bereits wesentliche Gedanken der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie, insbesondere des englischen Empirismus, vorwegnimmt. Wir müssten drittens all die Auseinandersetzungen um Aristoteles in der Frühzeit der Renaissance ignorieren (…) (An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, AH.)

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References

Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.