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Teil IX Auswahl von Artikeln aus dem Kurier in:

Wolfgang Harich

Frühe Schriften, page 1329 - 1436

Teilband 3: Der Weg zu einem modernen Marxismus

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4125-3, ISBN online: 978-3-8288-6959-2, https://doi.org/10.5771/9783828869592-1329

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 1.3

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Teil IX Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1331Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Trauer um einen Lebenden. Gedanken zum Problem Knut Hamsun (24. November 1945) Wie konnte Hamsun, der Dichter von Weltrang, dem Hitlerismus verfallen? So hat sich während des Krieges mancher gefragt. Und heute wiederum wird mancher fragen: Müssen wir Hamsun den Dichter verwerfen, weil sein Volk ihn als Verräter verurteilt? Hamsuns dichterisches Schaffen hat drei Vo raus set zungen: Die dem nordischen Geist eigene herbe Ironie der Menschendarstellung, uns vertraut aus den Narrengestalten und Bösewichtern alt-isländischer Sagas, dann die psychologische Beschwörung und Durchleuchtung dumpfer Instinkte, die Hamsun von Dostojewski übernimmt und zu höchster Vollkommenheit steigert, und schließlich Nietzsches geniale Entdeckung der zum Neid erniedrigten Begierde, des Ressentiments als Triebfeder menschlichen Handelns. Mit dieser Synthese Nietzsche-Dostojewski revolutioniert Hamsun die nordische Dichtung. Den Konflikt als Motor der Handlung entreißt er der Ebene Ibsenscher »Probleme« und transportiert ihn in die Unterwelt der Leidenschaften und Triebe. Aber diese Synthese Nietzsche-Dostojewski ist für Hamsun wie für jeden, der sie nicht mit der Besonnenheit des Philosophen, sondern mit der selbstvergessenen Hingabe des Künstlers vollzieht, eine Gefahr: Der bloßgelegte Instinkt strahlt eine Faszination aus, die den Psychologen verwirrt und sein moralisches Wertungsvermögen lähmt. Wie Pygmalion in sein Werk, verliebt sich der Psychologe in seiner Entdeckung. Im Kniefall vor der Begierde erscheint das, was bloße Kraftentfaltung ist, auf einmal als Sinnerfüllung. Hamsun ist einer der großen »Durchschauer« des Menschenherzens, des armseligen und doch so reichen, des abgründigen und doch so törichten Menschenherzens. Hamsuns behutsamste Andeutung noch lockt ein Labyrinth seelischer und geistiger Wirrnis, einen Wust von Leidenschaft, Ressentiment, Brutalität, Eitelkeit und Wichtigtuerei aus den Hintergründen des alltäglichsten Geschehens hervor. Aber seine Psychologie ist maßlos, eigensinnig und gefährlich, nicht durch Humanität und Geistigkeit gebändigt wie bei Thomas Mann, nicht durch Wissenschaft neutralisiert wie Knut Hamsun, 1890 1332 Teil IX bei Sigmund Freud. Wie Nietzsche dem selbst gebildeten Ideal des Übermenschen Wert und Sittlichkeit opfert, lässt Hamsun sich imponieren vom Reklamerummel und vom Kraftprotzentum des Nationalsozialismus. Weil er Künstler ist und nicht Philosoph, Erlebender und nicht Erkennender, blickt er nicht auf zum Ideal, sondern greift nach der bunten und lauten Wirklichkeit. Hier liegt die so schwer begreifliche gemeinsame Wurzel dieses gewaltigen Künstlertums und dieses furchtbaren politischen und moralischen Irrens. Es lag bei ihm eine bewusste Hingabe an die Barbarei vor, ein sinnliches Behagen an ihrer Brutalität. Hamsun ist nicht zu entschuldigen mit seiner nörglerischen Antipathie gegen England, auch nicht mit seinem Alter oder mit seiner neurasthenischen Seelenverfassung. Hamsun verschrieb sich der Täuschung als Wissender, als Genießer am Glanz des Satanischen. Der Hinweis auf die tumbe Instinktlosigkeit des Dichters, der immer ein wenig Narr, immer ein wenig »reiner Tor« ist, entbehrt hier jeder Berechtigung. Wir wissen, dass ein anderer verirrter Geist unserer Zeit, dessen Nennung ebenfalls schmerzlichen Zwiespalt in unserem Herzen erzeugt, die Dichterin Agnes Miegel, die ekstatische Hymnen auf den »Führer« dichtete und sich bei jeder Gelegenheit von den Trampelgrazien des BDM umrahmen ließ, eine primitive und gutgläubige Seele ist, der die dichterische Begabung wie ein dunkler Dämon innewohnt, ihr selbst unheimlich und unbegreiflich. Mit diesem »Fall« lässt sich der »Fall Hamsun« nicht vergleichen. Hamsun schreibt nicht unter dem Diktat eines inneren Dämons, für den die eigene Seele fast zu eng ist, sondern Hamsun ist durch und durch bewusster Gestalter. Der Dichter der Kleinbürger und Fischer von Segelfoß, der Dichter der Gespräche zwischen dem »Selbstmörder« und dem Syphilitiker im Letzten Kapitel, der Dichter des August Weltumsegler und des Nagel in Mysterien hätte den Nationalsozialismus als Entfesselung des Spießbürgertums durchschauen müssen. Stattdessen verlor er sich an die Faszination einer rohen Kraftorgie und vergaß sein Gewissen als Künstler und als Mensch. Doch größer als unser Abscheu ist unser Schmerz um Knut Hamsun. Wir trauern um einen Lebendigen. Eine Scheidung aber zu vollziehen, die nach Kompromiss schmeckt, hier der Dichter, den wir verehren, dort der politische Mensch, den wir verabscheuen, das wäre billig und trivial. Die politische Haltung lässt sich heute nicht mehr vom Menschen ablösen, im Dichter aber ist immer der ganze Mensch enthalten. Wir müssen uns davor hüten, Mensch, Haltung und Werk zu trennen. Wir müssen uns auch davor hüten, aus Sehnsucht nach Rehabilitation päpstlicher zu sein als der Papst. Wir 1333Auswahl von Artikeln aus dem Kurier müssen Hamsun als das nehmen, was er ist. Es würde nichts helfen, wenn wir ihn auf einen Index setzten. Er gehörte ja nicht zu denen, die ein chauvinistisches Aggressionsprogramm ideologisch fundierten und mit »Kultur« verbrämten. Hamsuns Werk ist ewig, ewig aber ist auch die Gefahr, die es birgt, die Gefahr der Suggestion durch die Entfesselung des Instinkts, die Gefahr des gelähmten Gewissens, die Gefahr der Apokalypse der Triebe. Vor dieser Gefahr warnen heißt Hamsun ehren und zugleich über ihn richten im Namen der Humanität. Bach und Mozart (28. November 1945) In der Staatsoper erlebten wir Bachs H-Moll-Messe als Aufführung der Singakademie. Die reife Überlegenheit und Werktreue, mit der Prof. Georg Schumann an die Deutung des Werkes geht, sind längst bekannt; diesmal überrascht die Straffheit der Tempi, mit der er, der fast Achtzigjährige, stellenweise musiziert. Der Chor der Singakademie wurde bestens unterstützt durch die Stimmen von Liselotte Täubert, Lilli Neitzer und Herbert Reinhold (der Bassist war leider nicht erschienen) und hervorragende Solisten der Staatskapelle, die bei jeder neuen Begegnung an Fülle, Schönheit und Farbe des Orchesterklangs zu gewinnen scheint. Was uns bei Bach – trotz persönlichster Aussage – mit barocker Großartigkeit, mystischer Symbolkraft und überzeitlich polyphoner Erhabenheit so überwältigt, verwandelt Mozart in gläubige Versunkenheit und innige Verklärung. Herbe Strenge eines an Bach geschulten Kirchenstils verbindet sich in Mozarts Requiem mit einer Stärke der Erfindung, die romantisch-individualistische Ausdruckselemente (Chromatik!) fast visionär vorwegnimmt. Dies wurde im 2. Konzert des Berliner Rundfunks deutlich. Dr. Karl Forster hat den Chor der St. Hedwigs-Kathedrale zu einem Instrument erzogen, das zu feinsten dynamischen und klanglichen Abstufungen fähig ist. Die wenigen Knabenstimmen bestimmen entscheidend die Klangfarbe des gesamten Frauenchors. Ohne die Ausgewogenheit des Ganzen zu sprengen, stellt das ausgezeichnete Solistenquartett – Gerda Lammers, Trude Fischer, Erich Witte, Wilhelm Lang – dem reinen »absoluten Chorklang« den subjektiven sängerischen Ausdruck gegenüber. Das große Berliner Funkorchester fügt sich willig ein. Der Eindruck ist höchster künstlerischer Genuss und Gottesdienst zugleich. 1334 Teil IX Musik als Bekenntnis (28. November 1945) Das bekennerische Wesen der Beethovenschen Tonsprache vermochte Leopold Ludwig mit dem Orchester der Städtischen Oper auch im musikantischem Schwung der VII. Symphonie aufzuspüren. Aus der mystischen Versunkenheit des zweiten Satzes entwickelt er eine große Linie der Steigerung bis zur ekstatischen Dämonie des Finalsatzes. Die polyphone Führung der Stimmen, die mitreißende Gewalt der Rhythmik werden scharf herausgearbeitet. Bei aller Intensität des Ausdrucks werden Klarheit und Transparenz des Klanges stets gewahrt. Ludwig gehört offenbar zu den Dirigenten, die das Wesentliche ihrer Gestaltung weniger dem Impuls des Augenblicks, als intensiver, bis ins kleinste gehender Probenarbeit verdanken. Nur dadurch wird es möglich, dass er im Es-Dur-Klavierkonzert selbst als Solist hervortritt und das Orchester mehr oder weniger sich selber überlässt. Ludwig besitzt beachtliches pianistisches Können. Sein zarter, fast sensibler Klavierton überrascht bei seiner straffen Energie als Dirigent, ermöglicht ihm aber reizvolle Schattierungen des Anschlags. Die Doppelleistung ist bewundernswert, lässt aber manchen Wunsch nach der pianistisch-virtuosen wie musikalisch vertiefenden Seite hin unbefriedigt, gerade, wenn man sie mit der großartigen Deutung der Siebenten vergleicht. Winter-Schwermut (30. November 1945) Ein Herbstfinale hat die Symphonie Des überreifen Jahres nun geendet, Vor Nebelgrau, Novemberagonie In jähem Farbenjauchzen sich verschwendet. So ragt das Filigranwerk kahler Zweige. Die Schatten wachsen, und der Sonne Gold Verrostet früh am Tag und geht zur Neige, Von Bleigewölke finster überrollt. Des Jahres Frühlicht sah den Wahnwitz rasen. Fassaden fressen, wieder von sich spei’n Als Trümmerblöcke in zerstörten Straßen. Weicht nun der Fluch? – Die Frostluft weht so rein. 1335Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Die Winterangst hebt an. Die Schatten kuschen Wie graue Hunde sich um unsre Schuh. O Wolkenwand, zerfetzen und zerwuschen Doch Stürme dich, so rastlos, ohne Ruh! Eisatem haucht am Abend aus dem Dunkel. Der Mond ist nachts so silberbleich und weit Und frostig zwischen weißem Sternenfunkel. Es schneite schon. O Winter, schwere Zeit! Nachwuchs am Klavier (30. November 1945) Wenn eine junge Pianistin Bach und Beethoven spielt, lässt das bereits Schlüsse auf ihre künstlerische Einstellung zu; wenn ihr dies mit einer technischen Vollkommenheit 1336 Teil IX gelingt, dass man lediglich über Fragen der Auffassung und Gestaltung zu sprechen hat, ist das recht beachtlich. Nora Boulanger ist eine ausgesprochen virtuose Begabung, deren Temperament und Musizierfreude etwas Bestechendes haben. Darüber hinaus sind Stil- und Gestaltungswille deutlich spürbar, werden aber zuweilen von einer gewissen Empfindsamkeit in der Tongebung und Übersteigerung der Effekte zugedeckt. Dagegen werden Chromatische Phantasie und Fuge von Bach mit Schwung und klarer Durchleuchtung des polyphonen Gewebes großartig vermittelt. Bei Beethoven reizt Nora Boulanger offenbar der schroffe Wechsel der Empfindung, den sie in den C-Moll-Variationen voll auskostet, und der dem ersten Satz der Sturm-Sonate, opus 31, 2, sein phantastisches Gepräge gibt. Im Adagio hätte man sich größere Substanz des Tones gewünscht. Das Schwirren und Flimmern des dritten Satzes verträgt herbere Konturen. Im Ganzen eine achtungsgebietende Leistung, die noch viel erhoffen lässt. Die Flucht nach innen (21. Dezember 1945) Vorbemerkung der Redaktion: Wir geben gern dem temperamentvollen Vorstoß unseres Mitarbeiters Raum, auch wenn wir uns nicht in allen Punkten mit ihm in Übereinstimmung befinden. Laut Filmkritik hat die seelenvolle und ausdrucksstarke Schauspielerin X, die leider der äußeren Reize entbehrt, eine tiefere Schönheit »des Seins«. Man denkt, frei nach Moltke: »Aha, mehr sein als scheinen!« und gibt sich zufrieden. Dann aber liest man irgendwo anders, der Dichter sowieso schöpfe aus der »Fülle ursprunghaften Seins«. Und wenn einem gar die »Ruhe im Seinsgrund« als besonders begehrenswerter Seelenzustand anempfohlen wird, so wird einem allmählich das »Sein« zu bunt, und man fragt (sofern man zum Denken neigt und von Begriffen verlangt, dass sie einen Sinn haben), was es eigentlich ist. Es ist, um es kurz zu machen, das Lieblingswort der »Innerlichen«, die es überall dort einsetzen, wo es für einen auf Seelenplüsch gebetteten Stil Lücken zu büßen gilt. Innerlichkeit ist eine Lebensform, die die raue Wirklichkeit durch allerlei hilfreiche Opiate erträglicher macht. Eine Art raffinierter genüsslicher Askese. Mensch, werde innerlich, und du lebst glücklich. (Wobei du freilich nicht vergessen darfst, mit wunder Seele an allem »irgendwie« zu leiden.) Ob es nun unglückliche Liebe, Schützen gra ben- 1337Auswahl von Artikeln aus dem Kurier er leb nis oder vorzugsweise Armut ist: All dies dient dir zu seelischer Vertiefung und Bereicherung. Wie verhalten sich die Innerlichen zum Kriege? Sie schätzen die Kriege gewiss nicht. Aber sie verschmähen es, dagegen zu protestieren, weil sie das für aussichtslos halten. Sie verwechseln den Krieg mit einer Naturkatastrophe und staunen ihn an wie einen Lavaausbruch, der aus der, diesmal »dämonischen Tiefe des Seins« stammt, das Erdreich durchstößt und die künstliche Welt der Vernunft und der Ordnung zerstört. Und sie verstehen es (das ist ihr Geheimnis), sich davon zu distanzieren, auch wenn ihr Schicksal unlösbar mit dem furchtbaren Gemetzel verbunden ist. Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Rilke allein! Das ist alles. Selbst das Heulen der Granaten vermag die Frontberichter mit dem Blümlein am Wegesrand und der Erkenntnis des »Wesentlichen« im Herzen nicht davon abzubringen, dem Wachstum des inneren »Seins« zu lauschen. Nun wäre die Innerlichkeit an sich ein harmloser Sport, wenn sie nicht eine Spielart politischer Verantwortungslosigkeit wäre. Da mochten die Gräuel in den KZs und in den besetzten Ländern sich häufen, da mochte die deutsche Städteherrlichkeit in Schutt und Trümmern dahin sinken, die Innerlichen schworen auf unzerstörbare Werte. Sie vergaßen, dass die Werte der Kunst, auf die sie glaubten, sich zurückziehen zu können, unrettbar verloren sind, wenn die wachsame Aufgeschlossenheit des geistigen Instinkts versagt, der, wohl gemerkt!, nicht nach innen, sondern nach außen erlebend auf die Welt gerichtet ist. Harmlos war, dass alle gehobenen Backfische sich zu völligen Neudeutungen der Duineser Elegien berufen fühlten. (Wenn Innerliche von Rilke sprechen, glaubt man, sich in einem Tempel zu befinden, in dem eine esoterische Geheimsekte den Kult der »entgleitenden Vergleiche« betreibt!). Bedenklich aber wurde es, als die Backfische dabei unversehens in die »Glaube und Schönheit«-Dressuren des Herrn von Schirach hineinwuchsen, dem »Altar die Stufen der Feldherrenhalle« waren, und der sich auch Rilke nach einer Zeichnung von Emil Orlik, 1917 1338 Teil IX höchst innerlich gebärdete. Bedenklich war auch der Anklang, den ein bestimmtes Buch Ernst Wiecherts in den hochgeistigen Kreisen des imperialistischen Deutschland fand: Aus der Enttäuschung des Ersten Weltkrieges flieht der Held des Romans in die Waldeinsamkeit Masurens, um ein »einfaches Leben« (freilich mit einem komfortablen Schloss im Hintergrund) zu führen, sich vom Fischfang nährend und innerlich immer reicher werdend. Eine Apotheose auf die Flucht vor der Verantwortung in einem Stil, der keine Sache mehr beim rechten Namen zu nennen wagt. Rilke, Carossa, Wiechert: Das waren die Reservate, auf die ein scheuer und wirklichkeitsmüder, politisch unreifer Intellekt sich in Not und Grauen zurückziehen konnte. Es sei niemandem nachträglich verübelt. Heute aber hat sich die Lage verwandelt. Unsere Situation fordert Verantwortung, Einsicht und Kritik. Alle Innerlichkeit aber ist immer humorlos und mithin der Entwicklung einer lebendigen Kritik abträglich. Und wenn heute wieder die Innerlichen auf den Plan treten, den Bekenntnisfinger recken und manifestöse Bergpredigten erlassen, die vom »Sein«, von »den Dingen« und von allem anderen, was gut und teuer ist, nur so strotzen, so sei vor ihnen gewarnt. Sie sagen Besinnung und Menschlichkeit, aber sie meinen wiederum Verantwortungslosigkeit und Wirklichkeitsflucht. Modenschau statt Operette? (27. Dezember 1945) Wer von einem Operettenabend Delikatessen für Ohr, Auge und Kunstverstand erwartet, kam im Metropol-Theater zu kurz. Leo Falls Dollarprinzessin lässt zu sehr den Schwung und die Grazie vermissen, die andere Kinder seiner heiteren Muse so liebenswert machen. Es ist zwar alles musikalisch recht nett und sauber gemacht, aber bis auf das reizende Buffo-Duett Wir tanzen Ringelreihn konnte nichts so recht zünden. Und dann die Handlung! Das, was an diesem Allerweltsklischee vielleicht einmal als Parodie und Gesellschaftssatire einen gewissen Sinn hatte, mutet uns heute doch recht peinlich an. Wirkt es nicht wie finsterstes Raritätenkabinett, wenn uns der Chor »feiner Damen und Herren« seinem plumpen Refrain: »Wir sind die obersten, die obersten Zehntausend« entgegen schleudert, oder wenn mit Worten wie »demokratisch« und »Habenichts« ein billiges Spiel getrieben wird? Für solche Art von Lapsus sind wir zu feinhörig geworden, da hört der Spaß (soweit er überhaupt begonnen hat) für unsere Ohren auf. 1339Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Schade, denn die Mühe, die sich die Inszenierung Eduard Rogatis gab, wäre einer besseren Sache wert gewesen. Eine für den beengten Raum in der Notunterkunft des Metropol-Theaters (Schönhauser Allee) besonders beachtliche Ausstattung (sogar im Foyer) – die Kostüme der »Heldinnen« lassen die Herzen unserer in puncto Kleidung zwangsläufig so bescheiden gewordenen Damen höher schlagen – und Darsteller, die das Bestmögliche aus ihren teilweise recht schwachen Partien herauszuholen suchen, versöhnen, soweit möglich, mit der unglücklichen Stückwahl. Den größten Erfolg holten sich Lucie Polzin und Adi Appelt in dem erwähnten Tanzduett, in dem ein Schuss Sentimentalität, ein bisschen Parodie und viel Wiener Charme eine gemütvoll-pikante, wie Likör genossene Mischung, ergaben. Premieren an der Jahreswende. Die deutschen Kleinstädter bei Jürgen Fehling (2. Januar 1946) Untertanen von Anno Dazumal War’s nicht so, dass Jürgen Fehling uns versprach, dem »fleischgewordenen Wort« zu huldigen, sich an die Neugier eines »brutal jungen Publikums« zu wenden? Wie steht es heute damit? Diese echte, rechte Zeitenwende, die weiß, was sie sich schuldig ist, lässt die Dramaturgen zum Appell antreten und verkündet »Zeitnähe« als Parole, Zeitnähe um jeden Preis! Und auch in Zehlendorf macht man kehrt und begibt sich gehorsam auf die Pirsch, hinein in das Untergehölz der Literatur. Man ist von der seltsamen Jagdleidenschaft beseelt, gerade aus dem längst Vergessenen und Verstaubten eine gleichnisträchtige Aktualität zu apportieren. Die Narren müssen heutzutage Untertanen sein, titelsüchtige Klatschmuhmen und kompetenzwütige Bürgermeister, bereit, vor jedem Hauptmann von Köpenick oder Inkognito-König von Krähwinkel in Devotion zu erstarren. Wo ein allgemeines Bekennerethos die Jürgen Fehling, 1945 1340 Teil IX Zeit umbrüche feiert, wie sie fallen, da kann bei so vielen moralischen Anstalten niemand seitab stehen. Da wird wacker ausgegraben und uns die Frucht dieser Mühsal beschert, eine Überraschung, die gewiss nicht auf unserem Weihnachts-Wunschzettel stand. Denn wer hätte sich träumen lassen, dass selbst der alte Kotzebue nicht davor sicher ist, dem dringenden Bedürfnis nach Gesellschaftskritik abhelfen zu müssen? Der gleiche Kotzebue, den vor fast hundertdreißig Jahren ein romantisch erhitzter Burschenschafter als einen Erzreaktionär ermordete, um den Aufruhr der enttäuschten Jugend zu entfesseln? Wie missverständlich, dass nun dieser tiefste Bodensatz des Urväter-Re per toires noch einmal aufgeführt wird, um der Forderung des Tages gerecht zu werden! Und trotzdem: Dieses reizvoll antiquierte Deutsch bezaubert, es »ergetzt« uns! Um dieser Sprache willen bitten wir die Fabel submissest um Vergebung, dass wir sie unsagbar trivial finden. Wie wäre es auch anders möglich? Seit Kotzebue ist in unserer Dichtung so allerlei in kleine Städte und in deren festgefrorene Sittsamkeit eingebrochen. Nachdem Heinrich Mann eine Gauklerbande dort Verwirrung und Unheil stiften ließ, wirkt der Liebhaber aus der Residenz mit dem Empfehlungsschreiben des Herrn Ministers nur noch operettenhaft. Zumal er nichts anderes will, als ehrsam um die Hand des angebeteten Bürgermeister-Töchterleins anzuhalten, und seine urbane Lasterhaftigkeit sich da rin erschöpft, dass er die Frau Unter-Steuer-Einnehmerin mit »Madame« anzureden wagt. Wenn das Feinsliebchen das Miniaturbild des Verehrers schüchtern aus dem Schürzentäschchen nestelt, wenn es zittern muss, dem ungeliebten Dichterdeppen anverlobt zu werden, und wenn der Held das vielversprechende Inkognito zur allgemeinen Genugtuung von einem geheimen Kommissionsrat-Titel streift – dann lachen wir. Aber wir lachen aus Missverständnis: Es ist keine Parodie, sondern wirklicher, waschechter Kotzebue. Oft glauben wir, die Regie bei kräftigen Übertreibungen erwischt zu haben. Aber dann belehrt uns meistens schon der nächste Satz, dass der »Geist« des Stückes es so verlangt, wenn zum Beispiel das sittsame Jungfer Schmachteherzchen mit seinen rivalisierenden Liebhabern Trialoge aufführt, deren Doppelbödigkeit an Opernlibrettos gemahnt. Eine mildernde Bearbeitung hätte eben das ganze Stück streichen müssen. Hätte sie es nur getan! Die Regie ist unschuldig. Sie mag noch so meisterlich sein (was sie übrigens nicht ist), es hilft ihr alles nichts. Kotzebue bleibt Kotzebue. Unweigerlich. 1341Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Im Stummfilm wurde das Wort durch eine übertriebene Mimik ersetzt. Günther Rittau kommt vom Film und weiß um die Verwendbarkeit solcher Notbehelfe. Er lässt die Lücken in der dramatischen Entwicklung mit heftigen Gestikulationen ausfüllen und hilft geschickt den Nebenfiguren jener Szene über die peinliche Untätigkeit ihres Beiseitestehens hinweg. Wo der Knoten sich nicht schürzen will, werden statt dessen die Hände gerungen. Die Muhmen aus der Nachbarschaft erzeugen mit unablässigen Fächerschlag die dramatische Aufregung, die die Handlung schuldig bleibt. Die beste schauspielerische Leistung bietet Pauline Nardi als nadelspitzige Muhme, die ihre bösen kleinbürgerlichen Ressentiments und späten Lüste schmerzhaft mit Ehrsamkeit umschnürt hat. Der lebhafte Applaus, mit dem das Publikum dankte, enthebt uns nicht der Frage: »Wa rum?« Ferne oder Festlichkeit? (7. Januar 1946) Händels Kunst ist expansiv wie seine Persönlichkeit. Sein Oratorienstil kommt von der Oper her, ist im Wesentlichen dramatisch. So wird es verständlich, dass von den beiden Aufführungen seines Messias die in der Städtischen Oper unter Robert Heger dem Werk besser gerecht wurde, obwohl Dr. Karl Forsters Wiedergabe mit seinem disziplinierten Chor der St. Hedwigs-Kathedrale und dem großen Funkorchester sich mehr um Stiltreue im einzelnen bemühte – ein Bestreben, dem sich auch die Solisten mit Erna Berger an der Spitze unterordneten. Objektive Durchsichtigkeit des Klanges und strenge Terrassendynamik rückten das Werk in eine sakrale Ferne, die seinem barocken Glanz und seiner trotz aller Religiosität kraftvollem Diesseitigkeit nicht voll entspricht. Heger dagegen zieht alle Register einer fein abgestuften Klangregie. Das Orchester blüht, und der Chor der Städtischen Oper leistet Vorbildliches an dynamischen Schattierungen. Die ausgezeichneten Solisten I. Beilke, G. Trentow, W. Schirp und, etwas blasser, Chr. Schäblen, rundeten die Aufführung zu einer herrlichen Geschlossenheit und wahrhaft Händelschen Festlichkeit. Musikalischer Sonntagsausflug (9. Januar 1946) Wer hätte vor wenigen Jahren, als das Tempo der Millionenstadt uns alle in Atem hielt, nicht mitleidig gelächelt, wenn Großvater von seinem Ausflug an die »Oberspree« als 1342 Teil IX einem Ereignis sprach. Tempora mutantur! Und doch: Von Schmargendorf nach Schöneweide ist es heute trotz S-Bahn wieder eine kleine Reise. Nicht ein Sonntagskonzert im Spreelokal wie damals, sondern eine nüchterne Schulaula in der Wilhelm-Firl-Straße war unser Ziel. Dort fand – kaum glaublich für die Bewohner des konzertgesättigten Westens – das erste Konzert in Schöneweide seit dem Zusammenbruch statt. Also doch: Ein wirkliches Ereignis; zumindest für die musikliebenden Schöneweider, die keine Zeit zu Reisen nach dem Westen haben und nun den Saal in freudiger Erwartung füllten. Sie wurden nicht enttäuscht. Zwei schöne Stimmen vermittelten mit großem Können und heiliger Begeisterung, was Schubert, Schumann, Mendelssohn und Brahms an Innigkeit und Frohsinn in Liedern und Duetten eingefangen haben. Das Singen Käte Matutts und Ulla Hübenthal-Redmanns ergänzte Hans Reinicke (Staatsoper) durch das Klingen seines edlen Geigentons (Beethoven-Romanze) und sein virtuoses Temperament in Stücken von Wieniawski. Mit farbigem Anschlag und intensiver Mitgestaltung am Klavier verstand es Dora Schmidt, die hochgespannte Stimmung begleitend zu verdichten. Es gab da capo und viele Blumen. Ein Bühnenbildner am Regiepult. Willi Schmidt wird Georg Kaisers Soldat Tanaka inszenieren (1. Februar 1946) Noch tragen die Mädchen von Yoshiwara keine buntseidenen Kimonos, noch brauchen sie keine monströsen, lackschwarzen Frisuren zu balancieren, noch ist der Fächer das einzige Requisit, dass ihr leichtfertiges Gewerbe verrät: Es sind Berliner Nachwuchsschauspielerinnen mit blonden Bubiköpfen und in spinatgrünen Lodenmänteln, die da auf der Bühne des Hebbel-Theaters japanisch einhertrippeln und sich mit gebeugten Rücken und nach innen gekehrten Füßen der vorschriftsmäßigen Haltung der Trauerweide befleißigen. Im Soldat Tanaka ist zum ersten Male von deutscher Seite versucht, die gesellschaftliche Problematik und geschichtliche Tragik des japanischen Volkes zu begreifen, mit dem uns Gemeinsamkeit von Schuld und Sühne verbindet. Es ist die erste Inszenierung des Regisseurs Willi Schmidt, den wir bisher nur als Bühnenbildner kennen. Da ist keine Extravaganz. Seitdem Willi Schmidt als fünfzehnjähriger Statist in Dresden (in Kaisers Zweimal Oliver) debütierte, war er entschlossen, Regisseur zu werden. Er hat dann seit 1929 dem Titanen Fehling im Staatstheater assistiert. Später benötigte Rochus Gliese eine Hilfskraft für seine Werkstatt, und Schmidt sattelte um, das Wörtchen »vorläufig« 1343Auswahl von Artikeln aus dem Kurier im Herzen. Aus dem »vorläufig« wurde eine stetige künstlerische Entwicklung, die kürzlich erst einen Höhepunkt erreichte mit den Dekorationen und Kostümen zu Offenbachs Pariser Leben. Ein Umweg zum eigentlichen Beruf? Willi Schmidt verneint diese Frage. Seine Leidenschaft gehört der Ganzheit des Theaters, der untrennbaren Einheit des Bildes mit dem sinnerfüllten Wort. Es täuscht sich, wer von seiner ersten Inszenierung eine einseitig optische Regie, einen Augenschmaus der gespielten Illustration erwartet. Willi Schmidt ist sich da rü ber klar, dass Kaisers Dramatik den absoluten Primat des Wortes beansprucht. Hier ist das Wort als die einzig mögliche Erscheinungsform des Geistes von aller Überladenheit mit Nebensächlichkeiten gereinigt. Kaisers Sprache ist höchste Konzentration des Sinns, und sie würde unweigerlich in Banalität versinken, wenn man sie im leichten Konversationston plaudern würde. Nun aber ist es andererseits ganz unjapanisch, der Sprache ihren Sinngehalt durch Gestikulation, Ausdruck und Betonung zu entlocken. Japaner bewahren die Sparsamkeit der Gebärde und die Monotonie des Todesfalls selbst in Verzweiflung und Empörung. So hat die Regie zwischen zwei polaren Gefahren die goldene Mitte zu halten: Zwischen der Nivellierung der geballten Bedeutsamkeit des Wortes und einer unjapanischen Expressivität des Gebarens. Willi Schmidt hat den Mut zum Wagnis dieser fast unlösbar schweren Aufgabe. »So stürmt und drängt doch bitte!« Beobachtungen bei einer Jugenddiskussion (4. Februar 1946) Die Jugend der Gegenwart hat es leicht und schwer: Sie hat es schwer in der Not materieller Bedrängnis, inmitten eines Trümmerchaos zusammengebrochener falscher Ideale, in der Verwirrung und Ratlosigkeit der geistigen Diskussion. Aber sie hat es auch leicht, da die konventionelle Zugeknöpftheit der Älteren der Bereitschaft gewichen ist, die Jugend in all ihrer Not liebend zu verstehen, aufmerksam dem Aufbruch neuen Sturmes und Dranges zu lauschen. Die Älteren sind in diesem Falle die Revolutionäre, und es scheint, als hätten sie in dem Willen zum Abenteuer des Geistes den Jungen einiges voraus, die allzu lange den biologisch charmanten Schwung ihrer Begeisterung an einen greisenhaft reaktionären Blutmythos verausgabten. So ist es rührend paradox, wie heute die Älteren um Verständnis werben für das Wagnis der Kunst, mit dem geheimen Wunsche. »So stürmt und drängt doch bitte!«, während die Jungen in den spießigen Vorurteilen der Urahnen verharren, von der Kunst erwarten, sie solle »schön« 1344 Teil IX und gar »erhebend« sein und die Musen zu neuen Friseusen degradieren, die ihnen das Gefühlsleben ondulieren sollen. Eine Generation also aus achtzehnjährigen Greisen und verhinderten Rathenau-Mördern. Was sich am Sonntag in der Schumannstraße zu der Veranstaltung Was erwartet die Jugend vom deutschen Theater? versammelte, war in gewissem Sinne schon Auslese, vom Jugendausschuss »erfasst« und irgendwie von Problemen berührt. Gustav von Wangenheim, ehrenvoll im Avantgardismus ergraut, leitete die Diskussion: »Was erwartet ihr vom Theater, sagt, was ihr wollt, schimpft, kritisiert!« Lockende Aufforderung eines Fünfzigjährigen, ewigen Frieden im Kampf der Generationen verheißend, wo früher einmal eitel Hosenstrammziehen geherrscht hätte. Und sie sagten, was sie wollen. Zunächst einmal wollen sie billigere Eintrittskarten. Die gibt es zwar, der billigste Platz kostet fünfzig Pfennig. Aber es wurden Stimmen laut, die den zweiten Rang durchaus nicht für angemessen hielten. Etwas von Zukunftsgarantentum schwang da mit, für das das Beste gerade gut genug sei. Nur zögernd wurde von etlichen versucht, die »Bullerloge« ethisch zu rechtfertigen, die mühselig vom Taschengeld erübrigte und von heißer Besessenheit geweihte. Andere konnten es sich nicht verkneifen, den Schauspielern ihre Gagen zu missgönnen. Da war es, das Ressentiment, in sozialem Gebaren heftig beklatscht: Nichts mehr von dem einsam sich gegen tausend Widerstände durchdringenden Genie? Eine Schauspielerschule für die werktätigen Massen brauchen wir, damit nicht nur die Reichen Gelegenheit haben … Mein Gott, wer ist heute noch »reich«!? Dazwischen der Ruf nach »Zeitnähe« und das Verlangen, man höre, den Kritiker zu verprügeln, der es wage, den Wert solcher Zeitnähe in Zweifel zu ziehen. Das gerade nicht, wurde beschwichtigt, aber die Kritik sei schon »zersetzend«, »geistreichelnd« und vor allem – nicht aufbauend genug. So ging es recht stürmisch zu im Deutschen Theater. Da Geistiges nicht berührt wurde, war die Richtung im Großen und Ganzen falsch. Aber wenigstens war die Apathie einmal gründlich wachgerüttelt, und es wehte ein frischer Wind. Als Friedrich Wolf von den Deutschen sprach, die im Kriege auf alliierter Seite gekämpft haben, da schrie von der Galerie eine Mädchenstimme: »Das waren Schweine! Die sind ihren Brüdern in den Rücken gefallen!« So etwas gibt es noch. Aber auch die Mehrzahl der anderen verfiel in den alten Galopp, wie ein ausgedientes Paradepferd, das Marschmusik hört: »Profaschisten raus!« In diesem Augenblick geschah etwas Beglückendes, das einzige vielleicht, was die fruchtlose Diskussion lohnend werden ließ. Einer stand auf und schrie in die Empörung hinein: »Aber so helft ihr doch! Sie ist doch ein junger Mensch!« 1345Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Auch dies sagte ein Jugendlicher, und hier eben zeigte sich ein Lichtschein, eine Möglichkeit, zu hoffen. Wollte man dem Rufe aber Folge leisten und helfen, so bestünde die Gefahr, dass der Jugend die viele Hilfsbereitschaft verdächtig wird, dass die Verhätschelung ihres Eigenwertes sie zu Übermut oder gar zu tiefem Stumpfsinn verleitet. Jugend muss in Opposition stehen, muss sich gegen Verständnislosigkeit durchsetzen. Aber die »Jugend von heute« hat es zu schwer und zu leicht. Tragikomödie der Ursachen. Fritz Erpenbecks Roman Gründer (8. Februar 1946) Berlin 1881! Man braucht weder ein Veteran von Sedan zu sein, noch übermäßig viel Fontane gelesen zu haben – diese Zeit ist noch gegenwärtig. Sie führt ein Gespensterdasein in den lädierten Stuckornamenten der Ruinen, in den muffigen Winkeln fadenscheinig gewordenen Bürgertums, atavistischer Leidenschaften und Vorurteile. Der Babelturm ist zusammengebrochen, aber noch an seinen ragenden Fragmenten kann man erkennen, welcher Geist des Frevels und der Anmaßung ihn emporschichtete: Der Gründergeist des Zweiten Reiches. Fritz Erpenbeck hat ihn nüchtern und sachlich, präzise und distanziert dargestellt. Das Prinzipielle, obwohl unmissverständlich vorhanden, drängt sich nirgends auf. Man wird von einer geschickten Reportage eingefangen, schmökert (bevor man eigentlich zu lesen beginnt) sich in einen angenehm spannenden Unterhaltungsroman hinein und befindet sich auf einmal unversehens in einem kompliziert vielschichtigen literarischen Werk. Die Tragödie eines Menschen, der, weil er anständig ist, von einem existenziellen Scheitern ins andere rutscht. Die Komödie eines Zeitalters, in dem immerfort Maskenball gespielt wird, in dem die Schurken sich ihrer eigenen jovialen Biedermännischkeit erfreuen und die Vernünftigen und Aufrechten mühselig jede Erkenntnis einem störenden Nationalgefühl abtrotzen müssen. Oder die Komödie eines Menschen, dessen Moral triumphiert, während er zwischen Jämmerlingen watet wie Gulliver zwischen Liliputanern. Und die Tragödie eines Volkes, das in strammer Haltung in sein Unheil hineinmarschiert, obwohl nur ein ganz klein wenig mehr Verstand und Zivilcourage es davor bewahren könnten. Zwischen zwei Justizkomödien, beide ebenfalls mit tragischem Einschlag, spielt sich das ab, rollt ganz allmählich und organisch und doch mit unerbittlicher Gesetzmäßigkeit aus dem Zuständlichen in die Handlung hinein. 1346 Teil IX Der Roman Erpenbecks ist kein Tatsachenbericht, obwohl in den Zelten Bier getrunken wird, obwohl die Sorma und Thielscher im Residenztheater einen (damals schon ausgegrabenen) Kotzebue spielen und der Hofprediger Stöcker, der Führer der Christlich-Sozialen, im Hintergrund agiert. Es ist kein Schlüsselroman, obwohl Franz Mehring als Redakteur der Volkszeitung nur mit einem einzigen Buchstaben versehen werden musste, um Mehrling zu heißen. Es ist aber auch keine Dichtung, trotz innerer Monologe und trotz einer Liebesszene, die mit Erotik elektrisch geladen ist. Es ist ein herausgebrochenes Stück deutscher Wirklichkeit, ein hochkomplexes, ineinander verfasertes Gebilde aus ökonomischen, politischen und geistigen Wurzeln, die geschändeten Erdboden umklammern, in den sie nicht Sauer- und nicht Kohlenstoff, sondern Giftgase der Korruption und des Ehrgeizes hineinsaugen. Berliner Erde ist das, auf der die Spekulation die Häuser emporschießen lässt, die untergangsreifen, die im Werden schon die Zerstörung herausfordern. Und da rü ber weht Berliner Luft. Und auch Berliner Luft, Luft, Luft, spießig, frivol und moralingesäuert. Nietzsche im Zwielicht des Jahrhunderts (9. Februar 1946) Das redliche Bemühen, die deutsche Geistesgeschichte einer Generalbereinigung zu unterziehen, entartet gegenwärtig zuweilen zu hochnotpeinlichen Gardinenpredigten, vor denen so leicht kein großer Deutscher sicher ist. Freilich ist die Fehde der Zeitalter wie auch die Zerstückelung der Tradition eine allgemeine europäische Erscheinung. »Der Mensch muss die Kraft haben und von Zeit zu Zeit anwenden, eine Vergangenheit zu zerbrechen und aufzulösen, um leben zu können: Dies erreichte er dadurch, dass er sie vor Gericht zieht, peinlich inquiriert und endlich verurteilt.« Dieses Wort Friedrich Nietzsches ist heute gültiger denn je, und auch der, der es prägte, wird zu der Vergangenheit gezählt, die »zu zerbrechen und aufzulösen« ist. Die Berufung auf Goethe gehört bei den Zeitenwenden zum guten Ton. Nietzsche war diese Unantastbarkeit der geistigen Geltung nicht beschieden. Den Fachleuten aller Richtungen und Generationen war er tief verdächtig, Thomas Mann schulte seine Psychologie der Schwachen und Abseitigen an Nietzsches Analyse der Décadence, den Nazis behagte die bedenkenlose »Herrenmoral« seines Übermenschen, nicht aber ernannten ihn die Geisterneuerer jüngster Richtung zu ihrem Propheten. Der Mann, der von sich sagte, er trage »die Fahne der Aufklärung« weiter, »die Fahne mit den drei 1347Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Namen Petrarca, Erasmus, Voltaire«, wird heute nicht etwa als kühner Fortschrittler seiner Zeit gefeiert, sondern als finsterster Reaktionär abgelehnt. Aus Gründen der Gerechtigkeit wäre zunächst einmal festzustellen, dass Nietzsche weder je das sentimentale Fagott, noch die schmetternde Trompete des Patriotismus geblasen hat. Eine erquickliche Erscheinung für unsere Zeit, da sich sogar die Kommunisten des nationalen Pathos befleißigen. Wir würden uns nicht wundern, wenn in einigen Wochen Heinrich von Kleist anlässlich der Premiere seiner Familie Schroffenstein im Deutschen Theater allenthalben als Sozialist und Demokrat gefeiert und die Hermannsschlacht, dieser Lobeshymnus auf einen Chauvinismus, dem alle Mittel recht sind, in dem Rausch des Entzückens über den frühen Forderer der Bodenreform vergeben und vergessen werden sollten. Es wurde in unserer Literatur zu allen Zeiten heftig einem Patriotismus von fast provinzieller Enge gefrönt. Goethe, Heine, Nietzsche sind Ausnahmeerscheinungen, die die freie Luft eines geistigen Kosmopolitismus atmeten. So hat Nietzsche Bitterböses über Deutschland und die Deutschen gesagt, wobei ihm die olympische Distanz Goethes freilich ebenso fremd war wie die verletzte Liebe Heines. Wa rum also glaubt man heute, ihn als Vorfaschisten abtun zu dürfen? Den Schwarz-Weiß-Malern, die nur die Begriffe »Fortschritt« und »Reaktion« auf der historischen Palette haben, fällt es leicht, diese Frage zu beantworten. Für die Darstellung der bunt schillernden Persönlichkeit Nietzsches aber ist diese beschränkte Farbgebung nicht ausreichend. Es gibt keine einheitliche Lehre, kein »System« und kein »Dogma« Nietzsches, die zu akzeptieren oder abzulehnen wären. Seine Lehre zur Weisheit war nicht monogam, sondern von jeder neuen Erkenntnis neu erotisiert und in tausend Eroberungen treulos und abenteuerlich verzettelt. Die Schattenseite dieser lichten und heiteren Leidenschaften aber war ein Kreuzigungszug der Erkenntnis mit vielen Stationen: Von der Geburt der Tragödie bis zum Ecce homo hat Nietzsche sich durch seine Werke und seine geistigen Wandlungen blutig hindurch geschunden, gepeitscht von dem tyrannischen Dämon der Neugier, der ihn beherrschte. Zu Nietzsche Stellung zu nehmen, ihn zu widerlegen oder die Beweise, die er schuldig blieb, nachträglich zu erbringen, ist unmöglich. Man kann ihn als Ganzes bejahen oder verneinen, und wer ihn verneint, ist ein prüder Spießer. Das aber heißt nicht, dass man die Gefahr dieses hochexplosiven geistigen Sprengstoffs unterschätzen soll! Nietzsche war nur möglich in einem Lande, dessen Menschen am Sinn der Geschichte verzweifelten und an den »Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit« (Apel) nicht mehr 1348 Teil IX zu glauben vermochten, in einem Lande, in das, wie erst kürzlich der britische Historiker Dennis W. Brogan schrieb, »die Menschenrechte im Proviantwagen einer Invasionsarmee« eingeführt waren (womit das Jahr 1793 und nicht 1945 gemeint ist!). Der Pessimismus Schopenhauers, dem die Geschichte als Satanswerk galt, triumphierte. Zwischen Schopenhauer und Nietzsche steht Darwin mit seiner Entwicklungslehre der Arten, deren Übertragung auf geschichtliche Zusammenhänge der Philosophie Nietzsches ihr antirationales und rückschrittlich-naturalistisches Gepräge verleiht. Dies aber ist Nietzsches eigentliches Werk: Die dumpfigen Kellergewölbe des bürgerlichen Ressentiments erkennend durchmessen zu haben, über denen Schopenhauer sein System errichtet hatte, auferstanden zu sein zur Taghelle einer emphatischen Daseins- und Willensbejahung, aufgestiegen zur einsamen Gipfelhöhe der Erkenntnis. Eine Serpentinenstraße führte hinauf, und von dieser Höhe her hat Nietzsche hineingeschaut in weite Zeiträume des Vergangenen und der Zukunft. Er hat die Fülle der geschichtlich wirksamen Werte erblickt und die historische Relativität menschlicher Wertung. Aber er hat sich in dieser Vielfalt verloren und die ideale Unabhängigkeit der Werte (des Mitleids wie der Tapferkeit, der Nächsten- wie der Fernstenliebe) vom wandelbaren Dafürhalten des Menschen verkannt. Dieser Relativismus ist sein Irrtum, der einzige, den ihm strenge Philosophie vorzuwerfen hat. Weit schwerer wiegt der Irrtum der anderen, der Nietzsche-Anhänger und -Gegner, die eine beliebige Phase aus dem Zickzack seines Serpentinenweges herausbrechen und sie als Nietzsches Lehre bejubeln oder verachten. Man schrieb mir neulich, es sei nicht Rilkes Schuld gewesen, dass sentimentale Backfische sich durch seine Gedichte in ihrer erkünstelten »Innerlichkeit« bestätigt fühlen. Nun, es ist Nietzsches Gefahr, dass dumpf konservative Geister sich die revolutionäre Geste der »Philosophie mit dem Hammer« zu eigen machen, um einen Kultus des naturhaft Vorbewussten zu treiben. Diese Gefahr wurde bedrohlich in Spenglers Anweisungen zur Raubtierpolitik. Aber Nietzsche ist unschuldig da ran, dass feiste deutsche Spießer sich bei Judenpogromen als Herrenmenschen fühlten, das rückständige Atavismen sich revolutionär und jugendfrisch aufschminkten, dass ein abgestandener Mythos von Blut und Boden die Vernunft desavouierte und eine fanatisierte Jugend den stockreaktionären Ideen ihren biologischen Charme lieh, Kriegslieder auf den Lippen, den Arm zum Hitlergruß gereckt und mit »Gelobt sei, was hart macht« als 1349Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Motto der Pimpfen-Dienstvorschrift. Mit diesen Karikaturen des »Willens zur Macht« hat keine Zeile Nietzsches etwas gemein.88 Nach berühmten Mustern (9. Februar 1946) »Nach berühmten Mustern« – unter diesem Titel veröffentlichte Fritz Mauthner 1879 die erste Folge seiner Parodien zeitgenössischer Dichter. Seit Nicolais Freuden des jungen Werther und Mahlmanns Kotzebue-Persiflage war in Deutschland das geflügelte Steckenpferdchen des antiken Urparodisten Hipponax nicht mehr geritten worden. Die Parodie erfordert bei denen, die sie pflegen, einen ausgesprochenen Spürsinn für das Wesentliche, und bei denen, die von ihr betroffen werden, ein gerüttelt Maß an Selbstironie. Wir wissen nicht, wie Euripides auf die Parodie des hämischen Kollegen Aristophanes reagiert hat. Gumppenberg jedenfalls machte sich mit seinem Teutschen Dichterroß unbeliebt. Über Robert Neumanns Mit fremden Federn und Unter falscher Flagge, wo die Parodie zuweilen ins Kongeniale gesteigert ist, haben die Betroffenen von Thomas Mann bis zu Hedwig Courths-Mahler verständnisvoll und schuldbewusst geschmunzelt. Wenn wir heute die Tradition der Parodie fortsetzen, die an Altehrwürdigkeit der Literatur kaum nachsteht, so deshalb, weil wir einmal feststellen wollen, ob in Deutschland nach der Tyrannei der selbstherrlichen Humorlosigkeit das Schmunzeln der Selbstironie abhanden gekommen ist. Ein Versuch, mehr nicht. Ist das Resultat nur übelnehmerisch, um so schlimmer für die Übelnehmer. Denn böse meinen wir es auf keinen Fall. Hipponax 88 (AH) Am 11. Februar 1946 druckte der Kurier folgende kurze Stellungnahme ab: »Wer ist Apel? Apel, Paul, ist der Verfasser der entzückenden phantastischen Komödie Hans Sonnenstössers Höllenfahrt, deren Held im Traum bei der Erlösung aus den lästigen Fesseln einer voreiligen Ehe einen merklichen ›Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit‹ empfindet. Trotzdem, die soeben in Gänsefüßchen gesetzte Formulierung stammt nicht von Apel (wie in unserem Nietzsche-Aufsatz Nummer 19 dank einem Fehltritt des Satzes zu lesen war), sondern – aufmerksame Leser werden es gewiss schon stillschweigend korrigiert haben – von Hegel. Tragen wir außerdem noch nach, dass der Aufsatz Wolfgang Harich zum Verfasser hatte.« Kurier, 11. Februar 1946, S. 3. 1350 Teil IX 1351Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Garanten der Zukunft – nach »Jugendfunk« des Berliner Rundfunk (9. Februar 1946) »Kinnings, wo steckt denn bloß Wolfgang?« »Der holt doch von der Redaktion die neueste Nummer der Zeitschrift Neues Leben!« »Preis nur eine Mark!« »Au ja, da bin ich aber gespannt!« »Da kommt er ja! Man, so eine Sache! Wolfgang, beeil dich, und gib schon die Zeitschrift her!« »Aber ruhig, ihr zerreißt mir ja noch meinen Anzug!« »Was steht denn drin?« »Was uns am meisten interessiert, das ist doch wohl die Jugendarbeit in den Bezirken.« »Da ist es ja schon: Wieder zweihundert Jugendliche in Wilmersdorf erfasst!« »Au watte!« »Und hier: In zäher demokratischer Aufbauarbeit haben Britzer Jugendliche ohne Unterschied von Rasse, Religion oder politische Gesinnung gemeinsam das Dach ihres antifaschistischen Jugendheimes gedeckt.« »Na prima!« »In Weißensee haben zweitausend Jungen und Mädels in spontanem Einsatz einem alten Mütterlein ihren Handkarren mit Reisig beladen!« »Daran sollten sich auch die ein Beispiel nehmen, die immer noch abseits stehen!« »Ganz recht, Irma!« »Der evangelische Kindergarten des Bezirks Kreuz berg hat Schulter an Schulter mit dem dortigen Jugendausschuss eine machtvolle antifaschistisch-demokratische Einheitsjugendkundgebung veranstaltet.« »Das deutsche Einheitskind marschiert!« »Aber nicht etwa im Gleichschritt!« Hipponax Hipponax von Ephesos 1352 Teil IX In Spandau: Kabale und Liebe (11. Februar 1946) Eine angedeutete stilisierte Bühne vor einem weinroten Vorhang, dazu wechselweise das Cello des alten Miller. Lady Milfords Spiegeltisch und der Schreibtisch des Präsidenten Walter als so ziemlich einzige Requisiten. Dieses Minimum an Dekoration lässt erwarten, dass hier die Beschränkung im Materiellen eine Konzentration der Darstellung bedeuten könnte. Aber nichts davon. Ein tumber, dumpfer Ferdinand ohne männlich-ideale Ausstrahlung, eine farblose, seelenverkümmerte Luise, ein zaghafter, heiserer alter Miller, dem man das Poltern und die Empörung nicht glaubt – sie alle haben wacker auswendig gelernt und mühen sich redlich um die peinlich genaue Einhaltung der Regievorschriften Josef R. Lorandts, ohne sie von sich aus mit Gestalt zu erfüllen. Man fragt sich also: Wozu diese serienweise Schaustellung der Mittelmäßigkeit, die doch nur zu einer Provinzialisierung des Berliner Geisteslebens führt? Überdurchschnittlich: Albert Johannes als Hofmarschall von Kalb, läppisch-weibisch-seigneurialer Narr, und Erika Grube als Lady in dämonischem Zwiespalt zwischen süchtiger Ero tik und verschüttetem Edelmut. Humanität im Zirkus (13. Februar 1946) Mit leicht amerikanischem Einschlag werden im russischen Film Zirkus Löwen gebändigt und die schönen Mädchen mittels Raketenantrieb steil in die Zeltkuppel emporgeschnellt. Die Szene mit dem unfreiwilligen Dompteur hat Rühmann schon besser gekonnt, aber sonst geht es munter her, und die Regieeinfälle von Alexandrow stehen Kopf, schlagen Purzelbaum und verheddern das Zelluloidband zu einem Knäuel heiterer Konflikte. Jokus und tiefere Bedeutung, jawohl, auch für die Weltanschauung ist in dem bunten Treiben gesorgt. Zwischen Elefanten-Idyll und antiquierter Fahrrad- Akro ba tik wird die sympathische Tendenz auf die Leinwand geflimmert. Es geht um »Rassenschande« und menschliche Gleichheit. Die artistische Glanznummer, aus dem Ausland nach Moskau importiert, ist eine Frau mit Vergangenheit, und zwar mit »schwarzer Schmach« da rin. Ihr Impresario, ein herrlich naiv vergröberter Schurke, erpresst sie, droht, er werde ihr bezaubernd gesprenkeltes Baby als Indiz der Öffentlichkeit vorweisen und sie damit kompromittieren. Aber da irrt sich der. Als er’s wirklich tut: Nichts von pikiertem Rassenstolz, sondern erst Verständnislosigkeit, dann Erbitterung über den Denunzianten, und schließlich wird das Gesprenkelte von Zuschauer zu Zuschauer gereicht und vom gesamten Moskauer Zirkus (mit Ausnahme 1353Auswahl von Artikeln aus dem Kurier des zoologischen Bestandes) abgeknutscht und in den Schlaf gesungen. Die Mama aber nennt sich fortan nicht mehr Mary, sondern Mascha, bleibt in Moskau, wird ein prinzipiengläubiges Sowjetmädchen, das die letzte Szene bei einem Massenaufmarsch auf dem Roten Platz zeigt. Religion als Bildungswert (15. Februar 1946) Es sei – von gewissermaßen neutraler Seite und aus einer neuen Per spek ti ve – ein aufrichtiges Wort zu dem heiß umstrittenen Problem des Religionsunterrichts in den Schulen gestattet. Dabei sei vorausgeschickt, dass der, der hier eine Entscheidung zu fällen wagt, nicht einmal zu denen gehört, die »ihren Gott im Walde finden«, sondern sich als durchaus ungläubig bekennt. Die Arbeiterparteien, die dem Dogma des historischen Materialismus huldigen, glauben, den demokratischen Tribut an die Toleranz in genügendem Umfang entrichtet zu haben, wenn sie den Kirchen die Möglichkeit religiöser Unterweisung und Belehrung überlassen. Man könnte entgegnen, dass mit dem gleichen Rechte auch die Kirchen fordern dürften, die Einführung in materialistische Theorien habe außerhalb der Schulen zu geschehen. Man könnte überhaupt der Ansicht sein, es sei eine unbelastete Meinungsbildung nur dann gewährleistet, wenn aus dem Lehrstoff der Schulen alle religiösen, weltanschaulichen, philosophischen oder wissenschaftlichen Überzeugungen, die jemals in der Weltgeschichte des Geistes aufgetaucht sind, sorgfältig ausgesondert werden. Fraglich bliebe dann allerdings, in welcher Weise der im luftleeren Raum solcher Meinungsfreiheit aufgewachsene junge Mensch von seiner schrankenlosen geistigen Freiheit Gebrauch zu machen gedächte. Den erfreulichen Ausfall jeder ideologischen Vorbelastung hätte er sich nämlich mit einer schrecklichen Unbildung erkauft; und da er weder vom katholischen, noch vom protestantischen Glaubensdogma, weder vom deutschen Idealismus Kants, Fichtes und Hegels, noch vom Materialismus Feuerbachs, Marx’ und Engels’, weder von den Ideen der Französischen Revolution, noch von der Abstammungstheorie Darwins einen blassen Schimmer hätte, wüsste er gar nicht, wofür sich zu entscheiden möglich wäre. Er wäre ein Caspar Hauser der Geistesgeschichte. Diese groteske Konsequenz erhellt den Kern des Problems. Solange die Schule, ihrem eigentlichen Sinn entsprechend, der Bildung dient, wird sie ein Forum der Meinungen, 1354 Teil IX Auffassungen, Dogmen und Konfessionen sein müssen; denn die historische Wirklichkeit ist nicht nur ein gewaltiger Tatsachenkomplex, sondern sie birgt – und das allein macht ihr Studium fruchtbar – die verschiedensten, einander widersprechenden geistigen Per spek ti ven, Standpunkte und Entscheidungen. Die Weltgeschichte ist die Geschichte der menschlichen Bekenntnisse, aus deren Antithetik sich das entfaltet, was wir den Fortschritt nennen. Die Bildung ist die Abbreviatur dieses geistigen Prozesses im Bewusstsein des Einzelnen. Wo ein Glied der Kette fehlt, kann das Ganze nicht verstanden werden. Man stößt sich nun da ran, dass im Religionsunterricht ein Glaubensinhalt nicht objektiv als eine mögliche Meinung unter vielen anderen, sondern als unumstößliches Dogma und verpflichtende Offenbarung gelehrt wird. Wer dem Religionslehrer (der allerdings die Religion auch als Pensum und nicht als Bekenntnis behandeln kann) untersagen will, dass er aus unduldsamer Begeisterung sich für seinen Glauben ereifert, der müsste auch dem Geschichtslehrer seine »Lieblingshelden«, dem Deutschlehrer seine »Lieblingsdichter« und dem Zeichenlehrer die Vorliebe für diesen oder jenen Stil verbieten. Stellungnahme ist menschlich und, wenn wir nicht irren, auch demokratisch, und die sachliche Leidenschaft eines Lehrers, die immer auf irgendeiner einseitigen Wertbetonung beruht, ist für den Lernenden jedenfalls förderlicher als die seelisch sterile Vermittlung objektiver und unbewerteter Tatsachen, die jeder Beziehung zum Menschlichen entbehren. Und steht es nicht zum Beispiel dem Geschichtslehrer frei, gegen alle Religion zu Felde zu ziehen? Weltanschauliche Konflikte sind für jeden Heranwachsenden anregend und fruchtbar, dessen Anlagen und Instinkte bei sturer Einseitigkeit verkümmern. Diese einseitige Bildung droht aber gerade denen, deren Eltern ungläubig sind, denen also, die zu Hause nichts von Religion erfahren und auch in der Schule, wenn ihre Eltern es nicht wünschen, religiös nicht unterwiesen werden. Wer heute mit Jugendlichen spricht, die während der letzten Jahre eine höhere Schule besuchten und (wohl gemerkt durch eine Naziverordnung!) dort keinen Religionsunterricht mehr genossen, fühlt sich oft peinlich an Mark Twains »Tom Sawyer« erinnert, der auf die Frage, wer die Apostel seien, prompt die Antwort erteilt: »David und Goliath!« Man mag der moralischen Gefahr spotten, die mit einer unreligiösen Erziehung verbunden ist; viel ernster ist die Gefahr einer verheerenden Unbildung, die niemand bestreiten kann. Unter ihr hat der Betroffene selbst am meisten zu leiden; denn ihm fehlt für sein ganzes Leben eine wesentliche Per spek ti ve möglicher geistiger Stellungnahme. Ihm fehlt ferner die Kenntnis der großen geistigen Zusammenhänge. Wie will 1355Auswahl von Artikeln aus dem Kurier er, wenn er sich historisch fortbildet, die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen zwischen Arianern und Athanasianern, wie will er die Geburt Europas auf italienischem Boden aus den Urelementen der Antike, des Christentums und der barbarischen Lebenskraft der Germanen, wie die Bedeutung der Reformation, der Gegenreformation und des Dreißigjährigen Krieges verstehen? Er wird erstaunt sein, um welcher »Belanglosigkeit« willen man damals zwieträchtiger Leidenschaft verfiel. Aber er wird nicht wissen, dass die gleiche »Belanglosigkeit« auch die Ursache jener gemeinsamen Glaubenskraft war, die die Bachkantate wie die Dürermadonna, die Weisheit der Scholastiker und Mystiker wie das Emporblühen gotischer Türme beseelt. Und wenn er sich philosophischen Studien widmet, so wird ihm dunkel bleiben, dass durch die Jenseitsverklärung des jüdischen Jahwe-Mythos und die Eschatologie des Jüngsten Gerichts im Abendlande ein Geschichtsbewusstsein reifte, das der Antike noch fremd gewesen war, und das in den großen Geschichtstheoremen des Augustinus, Herders, Hegels und Marx’ sich in alle Bezirke des Daseins hinein modifizierte. Solange es uns ernst ist, um die Bildung des Volkes und die Erhaltung unserer Geisteskultur, müssen auch wir Ungläubigen die Religion als Schulfach fordern. Bühnenbildner: Die Phantasie. Der Lügner von Carlo Goldoni als Hörspiel (16. Februar 1946) Kein Schütte und kein Gliese machen das nach, diese italienische Barockvilla bei Nacht, die grauedlen Signorinen Rosaura und Beatrice auf dem Balkon, und die verliebten Serenadensänger im Garten. Das alles wird einem per Äther ins pappvernagelte traute Heim beschert. Man braucht nur die Augen zu schließen und sieht es vor sich, als säße man im ersten Rang und die Bühne bestände nicht aus Kulissen und Rampenlicht, sondern aus Natur und Mondenschein. Wenn Goldonis naive Dialoge, seine Einfälle und Späße drahtlos dahergepurzelt kommen, dann betätigt sich die Phantasie mühelos als Bühnenbildner. Um den Lügner Lelio Pantelone geht es und um dessen (bekanntlich kurzbeinige) Geistesprodukte, die ihm in jeder Situation aus dem Renommierbedürfnis sprudeln. Ein Vulkan ist das, der zigeunerisch galante Hochstapeleien und italienische Brocken von sich speit, dass es eine wahre Freude ist, o Dio mio! Unmöglich ist’s, das Knäuel zu entwirren, das die Lüge aus Prinzip so heillos verheddert hat. Und da es Commedia 1356 Teil IX teils »dell’arte«, teils »erudita« ist, mit gefeiltem Dialog wie bei Molière, und doch noch mit dem Reiz des Ursprünglichen da rü ber, der nur im Stegreif gedeiht, so wird viel »beiseite« gesprochen, und manche Figur scheint eine personifizierte Randbemerkung zu sein. Im Theater wirkt das immer peinlich. Man glaubt eben nicht, dass die Gegenspieler nicht verstehen sollen, was doch die Akustik zu den billigsten Plätzen trägt. Am Radio ist das anders. Da wiegt man sich in der Illusion, Gedanken lesen (oder vielmehr: hören) zu können, von denen die anderen keine Ahnung haben. Wie es den Pantalone aus der Prahlerei in die Notlüge und von dort in ausweglose Bedrängnis treibt – beiläufig wird es unterm Mikrophon in den Bart gemurmelt und zwischen den Zähnen hervorgeflucht und ist einsame Seelennot, tragisch fast, Fluch der bösen Tat en miniature. Die Namen, die die Programmansage nannte, vergaß ich zu notieren. Der Drehbuchautor (oder wie nennt man das fachmännisch?) und der Regisseur seien gepriesen. An den Stimmen erkannte ich Hilde Weißner, Paul Henckels, Pelz von Felinau und O. E. Hasse. Charakter, Glück und lange Leitung (18. Februar 1946) Nach dem Rezept »Man nehme …« hat Roland Schacht zwei altgediente, aber bewährte und literarisch höchst strapazierfähige Themen genommen. Erstens die Geschichte von dem reinen Toren, dem das große Los die festgefügte Behaglichkeit stört, ohne freilich den noch fester gefügten Charakter ins Wanken zu bringen. Zweites die Geschichte von dem jungen Mädchen, das den rührend vertrottelten und unbeholfenen Professor liebt, einen lateinisch deklamierenden Bücherwurm mit langer Leitung und abendfüllender Schüchternheit. Der reine Tor und der rührend Vertrottelte sind, wie so oft, identisch. Das große Los und das junge Mädchen sind es anfangs nicht. Aber mit zunehmend sich schürzendem Knoten multiplizieren sie einander zu der runden Summe »Glück«, die dem liebsenilen Charaktermenschen in die Taschen fließt, beziehungsweise in die Arme sinkt. »Zum Glück gehört Charakter« und charaktervoll wird das Glück bis zum letzten Aktschluss aufgespart. Dr. Paul Mederow hatte das im »Theater in der Kaiserallee« als Schwank inszeniert. Er selbst spielt den Sympathischen von der Gilde der Professoren Unrat, hätte mehr aus der Rolle herausholen müssen, vor allem dann, wenn es, zwischen Plüschaugenaufschlag und Klassikerzitat, im Schulmeisterjargon zu wettern gilt. Diesem lebemännisch graumelierten Herrn glaubt man das gelehrt überkrustete Knabenherz nicht. Sabine Peters – 1357Auswahl von Artikeln aus dem Kurier mit kullerrunden Schmachteaugen und kussbegierig gespitztem Mäulchen – sprüht sex appeal, weint, schreit, lächelt nach Bedarf und stellt freigebig eine himmelhoch jauchzende, zu Tode betrübte Gefühlsskala zur Schau. Dazwischen stapft breitbeinig Friedrich Gnaß einher, ein prächtig renommistischer Angler mit Seemannsbart, begriffsstutzig, polternd und mit Gesten, die armlange Fische andeuten sollen. Märchen auf Zelluloid (23. Februar 1946) Den Sojusfilm Der Zauberfisch (Regie: Alexander Rou) hätten die Brüder Grimm sich nicht prächtiger von Großmutter vertellen lassen können. Der fette Hecht, der sich seine Freiheit im feuchten Element mit der Preisgabe einer Zauberformel erkauft, und die verwöhnte Prinzessin, die immer nur greint und weint und durch keine Macht der Welt mehr zum Lachen zu bringen ist – das sind gute alte Bekannte aus den gleichen Bezirken der Erinnerung, wo das Gruseln so schaurig-süß ist und die Mädchen so rot wie Blut, so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz sind. Aber der Mischung dieser beiden Märchenmotive ist eine gehörige Dosis Tendenz aus der Gesinnungsapotheke beigemengt. Der Fischer und seine Frau begehren bekanntlich Maßloses und enden in ihrem alten Elend. Aber der Bauer Emelja denkt nicht da ran, seine armselige Kate gegen ein Königsschloss einzuzaubern, sondern begnügt sich mit allerlei magischen Hilfeleistungen, wie sie nur in der Phantasie und im Trickfilm möglich sind, wünscht der Matka einen wärmenden Pelz und den hungernden Bären im Walde drei Kübel voll Honig, lässt die Bäume sich selbst zersägen und zu Brennholz schichten und verwandelt nur zum Spaß den sibirischen Winter in eine liebliche Sommerlandschaft. Nur ungern reist er auf seinem häuslichen Ofen, der wie eine Lokomotive schnauft, an den Hof des Zaren und zähmt die widerspenstige Prinzessin mit der Ziehharmonika, die auf dem Sessel sitzt und sich selbst bedient. Die Holde, die eben noch mit Gegenständen um sich warf und ihre Tränen literweise in zwei große Kübel weinte, tanzt nun und lacht und ist außer Rand und Band. Im Märchen hätte nun Emelja die Zarentochter und das halbe Reich zur Belohnung bekommen. Aber da ihm das Kapitalistische so fremd und zuwider ist, entführt er die immerfort Lächelnde auf seiner Ofenlokomotive quer durch die Lande, wünscht sich mitten in ein idyllisches Wiesental einen See mit Schwänen, und dort lassen die beiden 1358 Teil IX sich als glückliches Paar nieder, werden sich in Zukunft höchstwahrscheinlich von Ackerbau und Fischfang ernähren, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Ein Außenseiter des Sozialismus (1. März 1946) Den hundertsten Geburtstag Franz Mehrings hat die Arbeiterbewegung mit weniger Glanz bedacht als kürzlich den hundertundsechsten August Bebels, und als vor kurzem Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs gedacht wurde, da sprach niemand davon, dass auch Mehrings einsames Sterben durch jene Bluttat des 15. Januar 1919 verursacht war. Mehring starb vierzehn Tage später, dreiundsiebzig Jahre alt, an einer schweren Lungenentzündung. Die Empörung da rü ber, »dass die größte und kühnste revolutionäre Energie Deutschlands und der feinste Frauenkopf mit dem genialsten Hirn der Internationale, zwei der herrlichsten Menschen, den mit allen Mitteln arbeitenden Blutorgien einer so genannten sozialistischen Regierung« zum Opfer gefallen waren, hatten ihn von seinem Krankenlager getrieben. Nur leicht bekleidet, war er Tag und Nacht ruhelos in seiner winterkalten Wohnung umhergeirrt, und diese Wanderungen hatte sein von langer Haft und schlechter Ernährung geschwächter Greisenkörper nicht ausgehalten. Die zeitliche Erstreckung dieses in Gram und Verzweiflung endenden Lebens wird, grob gerechnet, begrenzt durch zwei Revolutionswogen, die im Aufbranden schon zerschellten am Felsgestein der Reaktion. Mehring wurde im gleichen Jahre 1846 geboren, in dem der Deutsche Germanistentag zu Frankfurt die geistigen Vo raus set zungen der alldeutschen bürgerlich-demokratischen Revolution zusammenfasste, und er starb als einer der führenden Männer des Spartakusbundes, vier Tage nach dem Aufruf zur Gründung der III. Internationale. Sein Weg führte von der liberalen zur sozialistischen Gesinnung, von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution. Fragen wir nach den Motiven, so vermögen wir diese innere Wandlung weder mit demagogischem Ehrgeiz, noch mit einem messianisch-romantischen Verbrüderungsgefühl des Bürgersohnes und Grafenenkels zu erklären, weder mit jugendlichem Überschwang, noch mit beruflichem Scheitern. In diese Kategorien, die Sombart für die »nichtproletarischen Sozialisten« aufgestellt hat und die für Lassalle und Bakunin auch zutreffen mögen, lässt die Persönlichkeit Franz Mehrings sich nicht einordnen. Mehring ist zeitlebens nicht De ma- 1359Auswahl von Artikeln aus dem Kurier goge, sondern Gelehrter gewesen, nicht Gefühlsmensch, sondern nüchtern Erkennender. Mehring hat als Nachfahr der 48er Großdeutschen das Werk Bismarcks als Verhinderung der deutschen Einheit empfunden und ist von dieser Erkenntnis her in die gesellschaftliche Struktur seines Zeitalters eingedrungen. 1877 gehörte seine Sympathie noch Lassalle, über den er schreibt: »Es war zu viel Farbe und Gestalt in seinem Charakter, als dass er je in der marklosen Verschwommenheit der internationalen Phrase hätte untergehen können; all sein politisches Denken und Tun war – auf den preußischen Staat bezogen!« Bis in seine Marx-Biographie hinein hat er auch später noch oft für Lassalle Partei ergriffen. Damit erregte er unter seinen Gesinnungsgenossen Missliebigkeit. Ein Außenseiter? Ein sich Wandelnder, ein Lebendiger, ein Mensch! Je mehr aber Mehring der preußische Staat unter dem Gesichtspunkt der großdeutschen Einheit und der liberalen Demokratie fragwürdig wurde, um so mehr näherte er sich dem proletarischen Internationalismus als der umgreifenden Synthese aller nationalen Interessen. In der vierbändigen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie von 1897 sprach Mehring dann, zwanzig Jahre nach dem ersten, sachlich referierenden Versuch, als Marxist und in eigener Sache. Dieses Werk ist in einem hochkultivierten und vergeistigten Sprachstil geschrieben, wie ihn bis zu Georg Lukács kein sozialistischer Denker mehr zu beherrschen verstand. Zwar konnten Karl Kautsky und Rjasanoff ihn der »Marxfeindschaft« zeihen, weil seine nüchterne Darlegung der Differenzen zwischen Marx und Lassalle und Marx und Bakunin nicht der parteiamtlichen Auffassung entsprach. In Wirklichkeit aber war Mehrings Marxismus weitaus konsequenter als die Versöhnungstaktik Kautskys, die später Lenins schneidenden Hohn herausforderte. So gehörte Mehring zu den wenigen führenden Sozialdemokraten, die den chauvinistischen Burgfrieden während des Ersten Weltkrieges verurteilten, und als er im Kriege seine Marx-Biographie schrieb, da stand er in einer Kampffront mit Liebknecht und Rosa Luxemburg, mit Lenin und Trotzki. Es ist fraglich, ob Mehring es begrüßt hätte, dass gerade der orthodoxe Marxismus unter die Fittiche einer nationalen russischen Politik geriet, wie es nach dem Dritten Weltkongress der Komintern in Moskau immer deutlicher wurde, ob nicht vielmehr seinem rationalen und kompromissfeindlichen Radikalismus mehr die »Internationale zweieinhalb« oder der Trotzkismus entsprochen hätte. Mehring wäre wahrscheinlich auch in der KPD ein Außenseiter geblieben. Als Außenseiter aber ist dieser kühne und 1360 Teil IX fortschrittliche Geist in der Geschichte des proletarischen Sozialismus die vielleicht lebendigste Gestalt. Plüschsalon und Ozean (2. März 1946) Diesmal war es reichlich gemischte Kost, die uns in der Hörspielstunde von Radio Berlin drahtlos serviert wurde: Minna Magdalena von Curt Goetz als pikantes Hors d’oeuvre, die Entdeckung Amerikas, mit Seetang, Fanfarengeschmetter und Seemannsgesängen garniert, als Hauptmahlzeit und hinterher etwas besonders Kostbares: Die erste Zigarre, dargereicht von Christoph Kolumbus oder Don Christobal Colon und hüstelnd als neue Lastermöglichkeit geschmeckt von Ferdinand, König von Spanien. Was ist haften geblieben, was schmeckt angenehm nach? Merkwürdig: Curt Goetz’ Dialoge, mag es nun zärtlich oder derb in ihnen zugehen, lassen sich durch kein Sturmesheulen, durch kein knarrendes Takelwerk und keinen Seemannsfluch in die Vergessenheit drängen. Ein Faden, der sich nirgends ernstlich zum dramatischen Knoten schürzt – aber was sind für köstlich schimmernde Pointenperlen auf diesen Faden aufgereiht! Die Regie von Hanns Farenburg, der den Herrn Professor spricht, hat das geschickt durch die gegenstandslosen Seelennöte dieser Viertelstunde Lärm um Nichts gelotst. Eine Fehlbesetzung: Käthe Haack, Fehlbesetzung deshalb, weil in ihrer Stimme zu viel Mütterlich-Verständnisvolles mitschwingt, als dass wir ihr die Herzlosigkeit und Prüderie glauben könnten, die sie uns vorzuspielen hat. Soweit also wäre das eine angenehme Abendunterhaltung, die wir uns gerne gefallen lassen. Aber dann folgt Pelz von Felinaus Don Christobal: Mit Mimenpathos dick gesponnenes Seemannsgarn, Kolumbus am Kompass und im einsamen Gebet, Kolumbus, wie er den meuternden Matrosen und dem König gleich frei und mutig entgegentritt, Kolumbus bei Schiffszwieback und an der königlichen Tafel, herrisch unter seinen Mannen und umjubelt von der Menge. Aber wenn er vom Tobacco spricht, dem er verfallen ist, so fühlt man sich getroffen. Vielleicht ist es nur deshalb etwas, das uns angeht, diese Reminiszenz an den ersten hochberühmten Raucher. 1361Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 500. Rede an die deutsche Jugend – nach Ernst Wiechert (2. März 1946) Ihr Jungen, wenn ich in eure Augen schaue, die umflort sind vom Grame der Zeit und die doch klar sind wie ein azurener Bergsee, in dem nur die dräuenden Wolken dieser furchtbaren zwölf Jahre sich spiegeln, dann wird mir bange in meiner selbstgewählten Einsamkeit, und ich fühle die Bleiklötze, die zentnerschwer mein Innenleben belasten. Ich fragte mich, ob es nicht fruchtlos sei, meiner Einsamkeit und dem brausenden Ungestüm eures Seins gleich hinderlich, mit den Worten des Älteren, des am Leid, am unendlichen Leiden Gereiften zu euch zu reden. Aber da ich noch fragte in der Nacht meines Fragens, ward mir Antwort in einem wundersam verheißenden Traume. Ich habe über meine Träume Buch geführt als ein redlicher Haushälter der inneren Bedrängnis, wie ich über alle Ergebnisse meines schweren Herzens Buch führte und nicht müde ward der Mühsal, mich selbst zu kommentieren. Ich habe diese Träume, die Gnade sind und ein Glanz aus innen, verborgen gehalten vor der mechanistischen Fachsimpelei der Psychoanalytiker, dieser Häscher der Seelen, und habe sie bei mir getragen durch all das Schwere, das um mich war auf vielen einsamen Abendspaziergängen in der Verbannung vom tätigen Dasein. Und nun träumte mir dieses: Dass ich säße vor einer Schublade, die gefüllt war mit dem Weltschmerz aller Dichter und zu bersten schien von der Wollust und Eitelkeit des Schuldgefühls und dem Augenaufschlag der Demütigen, und dass ich nicht wüsste, was zu tun sei mit diesen Dingen, und ratlos wäre und leidend. Und daneben lag ein Fernglas, mit feinstem Perlmutt beschlagen, und ich hob es an meine müden und gramverklärten Augen und blickte hindurch, da sah ich plötzlich das Summen der Bienen im Lindenbaum und den süßen Ruch der Birnen im Herbst, sah den Mond und die Sterne und das alles wie einen bunten Teppich des Lebens vor dem Hintergrunde kosmischen Leidens. Und wieder begriff ich, dass dieses Leiden Gnade sei, ausgegossen über den Irdischen und verwehrt dem Hass der gefallenen Engel. Da entschloss ich mich endlich, heute vor euch hinzutreten und zu euch zu reden, mit der herben Schlichtheit des Dichters, des im Grunde so einfachen und heiligen, und mit dem Salbadern eines verhinderten Hohepriesters der geistigen Askese. Und nun sehe ich unter euch solche, die da fehlten in der Zeit des großen Fehlens und die irrten in der Zeit des großen Irrens und die schuldig wurden in der Zeit des großen Schuldigseins. Und ich sehe die, die da darbten in der Zeit des Darbens und die hinmoder- 1362 Teil IX ten in den Schützengräben und mit Hunger in den Augen hinter dem Stacheldraht der Kriegsgefangenschaft standen und nach Gott suchten und nach dem Sein und den Dingen. Und ich sehe die, die da glauben, es sei damit getan, dass heute Wiener Blut in einem Operettentheater gegeben werde oder Figaros Hochzeit, und die anderen, die an Blut dachten, als von »Wiener Blut« straßauf, straßab das Gerede erscholl. Und ich sehe die, die bei Niemöller scharrten und bei mir einschliefen, als von der Schuld gesprochen wurde, die nicht nur anzuerkennen ist, sondern die ihr als Gnade begreifen müsst, ihr Jungen, auferlegt von den Göttern und den Dämonen, die aus den Abgründen aufstiegen in der Zeit des großen Aufsteigens. Wahrlich, ich aber sage euch, dass meine Worte Sakramente sein sollen allen Bedürftigen, und dass euch Bedürftigkeit not tut nach aller gleißnerischen Verblendung. Dass ihr nicht zu rächen und zu richten euch mehr aufwerfet und die Hand nicht zurückstoßt, die nicht von Blut befleckt ist. Gehört ihr niemals zu denen, bei denen das Fett dieser Erde ist, sondern werdet zu Lauschenden. Uns Dichtern aber ist gegeben, zu singen und zu leiden, und wenn da ein Sinn sein soll in den Träumen und Bitternissen meiner Einsamkeit, so gehet und tilgt in Scheu und Redlichkeit das HJ-Abzeichen von euren kärglichen Rockaufschlägen und kränzt mit dem unsichtbaren Orden der Versöhnung euch in der Zeit des großen Versöhnens! Hipponax Spieler ohne Disziplin. Der kleine Herr Niemand im Theater an der Heerstraße (4. März 1946) Das Stück ist in der Idee bezaubernd: Ein Dichter, dessen Begabung durch übermäßige Selbstkritik und Bescheidenheit gehemmt ist, und der erst mit einem Arrivierten verwechselt werden muss, damit er sein eigenes Talent zur Geltung bringen kann. Ein Rührender und Unbeholfener, den zarte und auch resolute Frauenhände durch eine Verwechslungskomödie mit allem Zubehör an Konsequenzen und Verwirrungen hindurchlancieren und schließlich zu Glück und Erfolg zwingen. Die dramatische Ausführung dieser Fabel von Just Scheu und Ernst Nebhut hat ihre Längen, und in den Dialogen wimmelt es von peinlichen Kalauern, die durchaus keine Pointen sind. Ein skrupelloser Bleistift hätte daraus etwas Treffliches zurechtstreichen können. Aber der Regisseur Otto Haag ist dem Text gegenüber anscheinend ebenso nachsichtig gewesen 1363Auswahl von Artikeln aus dem Kurier wie zu seinen fast durchweg höchst talentlosen Schauspielern, die nicht einmal ihre Rollen beherrschen, sich versprechen, stecken bleiben und so sichtbar ängstlich verkrampft der Stichworte harren, dass sie da rü ber das Spiel vergessen. Von Zeit zu Zeit gibt sich einer einen Ruck und erledigt ein wenig vorschriftsmäßige Mimik, um gleich da rauf wieder einen monotonen Aufsageton anzuschlagen. Günter Karl Glaeser (in der Titelrolle) vergisst sich soweit, dass er über sich selbst lacht, wenn er täppisch, zaghaft und melancholisch zu sein hat. Es ist weniger als Dilettantismus, was da geboten wird. Denn zum Laienspiel gehört bekanntlich tierischer Ernst. Phantasievoll und technisch beherrscht spielt einzig und allein Vera Kluth als Sekretärin, von der Regie allerdings schmählich im Stich gelassen und ihren noch ungeformten Möglichkeiten überantwortet. Der Rest ist Schweigen. Mit Szenenapplaus für grob misslungene Höhepunkte beweist das Publikum seine Bedürfnislosigkeit. Parade der Manifeste (6. März 1946) »Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.« Dieses Faust-Zitat ist, wie immer, wenn es bei Goethe tragisch zu werden droht, ein versöhnender Hoffnungsstrahl, der im Dunkel der Resignation aufleuchtet. Oft ist es als klingendes Losungswort für Zeitenwenden aller Art benutzt worden, von den ewigen Kündern des Neuen. Zu neuen Ufern – das war Zarah-Leander-Film und Schlusswort so manches professoralen Aufrufs zur Eröffnung einer Universität. Im Admiralspalast vereinte es die Künstler aller »Sparten« auf der blumengeschmückten und wochenschaufertig bestrahlten Bühne, am leinengedeckten Präsidiumstisch und vor silbern schimmernden Mikrophonen. Was an der von der Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung veranstalteten Künstlerkundgebung auffiel, das war die offene Disharmonie: Paul Wegener polterte grimmig gegen die Denunziationen und Pöbeleien, die heute das gegenseitige Vertrauen verseuchen, und wenig später benutzte Horst Lommer die Gelegenheit, temperamentvoll stark im Persönlichen verhaftete Äußerungen vom Stapel zu lassen. Jürgen Fehling sprach in sprühenden Assoziationen von der Wahrhaftigkeit des Schauspiels und ließ seine Worte gipfeln in dem Satz: »Das Modernste ist – die Ewigkeit!«, und Fritz Wisten forderte ein politisch aggressives Zeittheater. Walter Frank verlas Worte Ernst Wiecherts, in denen weltschmerzlerisches Innenleben veranschaulicht wird, und Erich Weinert, der eindrucksvollste Redner des Abends, bekannte sich freimütig als Tribun des Volkes und rief auf zur politischen Parteinahme des geistigen Menschen. 1364 Teil IX Für die Musik verwies Günther Ramin auf die Tradition Bachs, während Bernhard Bennedik jede Anknüpfung an die überholten Ausdrucksformen einer »bürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit« verwarf. Hier wurden Zwischenrufe laut. Sonst aber wurde mit frenetischem Beifall bedacht, was immer auch gesagt werden mochte. So schien sich in dem sprunghaften kollektiven Gesinnungswechsel des Publikums auch auf dieser Veranstaltung der Satz Stefan Zweigs zu bewähren: »Erste Vo raus set zung jeder rasch und weit um sich greifenden Idee bleibt, dass ihre Formel spitz und schnell wie ein Nagel mit einem einzigen Hammerschlag jedem Menschen in den Kopf eingetrieben werden kann.« Aber es war eben, zum Glück, nicht eine einzige Formel, sondern eine Unzahl von Formeln, die hier begründet wurden, und die Wahllosigkeit, mit der beklatscht wurde, was sich von Minute zu Minute widersprach, war verblüffend und kann nur mit der suggestiven Wirkung erklärt werden, die den einzelnen Rednern entströmte. In der Enge der Zeit war der Tiefsinn dem Schlagwort und die Idee dem Gemeinplatz eng benachbart. Aber wenn etwas erfreulich war an dieser Kundgebung, so war es eben diese Disharmonie, dieser Mangel an »Ausrichtung« und Generalnenner. Es stellt sich die Frage, wo Stärke oder Schwäche solcher Kundgebungen liegen? Interessant sind sie sicher schon als eine musikalisch umrahmte Parade der Prominenzen, bestaunt von einer Menge, die begierig ist, Mary Wigman sprechen zu hören und Erich Weinert von Angesicht zu sehen, und die sich da rauf freut, dass Paul Wegener auch der neuesten Autorität gegenüber kein Blatt vor den Mund nehmen wird. Was bleibt in der Erinnerung haften? Die Erklärung Paul Wandels, des Präsidenten der Zentralverwaltung: Es gebe keine Ausrichtung der Kunst von oben her und es solle keine staatlich konzessionierte Kunstrichtung geben. Diese Gewissheit ist das Entscheidende, das die Gegenwart der schmachbeladenen Vergangenheit gegenüber voraus hat. Und wenn auch die Rede- und Manifest-Epidemie heute immer wieder den Eindruck erweckt, es stehe ein wachsendes Konzilium hochqualifizierter Ärzte ratlos am Sterbebett Deutschlands und verordne einen Klimawechsel an neuen Ufern, so zeigte sich hier doch die Möglichkeit einer vielfältigen geistigen Orientierung als die kostbarste unter den wiedergewonnenen Freiheiten unserer Zeit. »Titel unbekannt« (8. März 1946) Vaudeville-Revue im Renaissance-Theater. Kostüme von André: Bunte Kaskaden von Seide und Tüll, verschwenderische Farbnuancen, Schaumwellen von Spitzengeriesel 1365Auswahl von Artikeln aus dem Kurier und Flor – eine stilisierte Stofforgie. Wenn doch nur statt der Mannequins, die diese Pracht durch eine seichte Revuehandlung zu tragen haben, schlichte Schaufensterpuppen auf der Bühne ständen, auf der vor noch nicht allzulanger Zeit Schnitzler und Wedekind gespielt wurden! Hasardeur oder Sturmvogel? Gedanken zu Friedrich Wolfs Beaumarchais (9. März 1946) Das Schauspiel Beaumarchais von Friedrich Wolf erschien kürzlich als Buch im Aufbau-Verlag und wird heute im Deutschen Theater unter der Regie Paul Bildts uraufgeführt. Den Hörern des Berliner Rundfunks wurde am Donnerstag ein akustischer Probenabglanz von Friedrich Wolfs Beaumarchais beschert. Sie fingen dabei ein Gespräch zwischen dem Regisseur Paul Bildt und einem Rundfunkreporter auf: »Wer spielt denn nun welche Rolle«, fragte der Reporter, »Horst Caspar den König Ludwig XVI. Und Aribert Wäscher den Beaumarchais?« »Aber nein«, antwortete Paul Bildt belustigt, »natürlich umgekehrt: Caspar den Beaumarchais und Wäscher den König!« War die Frage des Reporters zu unberechtigt? Ist es tatsächlich so natürlich, dass der doppeldeutig witzige Dichter des Figaro ein junger, glühender Fechter ist und der letzte Bourbone ein quallig gedunsener Despot, wie nur Wäscher ihn zu spielen vermag? Ludwig XVI. war 1788, in dem Jahr des Schutz- und Trutzbündnisses mit den um ihre Unabhängigkeit kämpfenden Vereinigten Staaten, vierundzwanzig Jahre alt, während Beaumarchais sechsundvierzig Lenze zählte. Weiter: Im gleichen Jahre war nicht mehr Turgot der Finanzgewaltige, der »täglich mit einem neuen Etat« kommt, sondern Necker. Und der Minister Vergennes war zur Zeit des Bastille-Sturmes längst tot. Das eine ist also eine Vertauschung der Altersstufen, das andere eine leichte Verschiebung Friedrich Wolf, 1952 1366 Teil IX der Tatsachen durch die Phantasie des Dramatikers, der seit Shakes peare das Privileg dichterischer Freiheit genießt. Aber sind Anachronismen auch dann möglich, wenn das Anliegen des Dichters eine dramatisierte Reportage ist, die geschichtliche Bewegungsgesetze verdeutlichen soll? Wenn im ersten Bild dem König die Vorzüge der neuen Welt schmackhaft gemacht werden, dann wird vielleicht manchem einfallen, dass Frankreich in Amerika bereits ein Gebiet verloren hatte, das insgesamt größer war als der in freiheitliche Gärung geratene Kronbesitz Englands! Und wie stark ist doch der Charakter Ludwigs XVI. umgebogen! Bei Wolf ist er ein unduldsamer Tyrann, in Wirklichkeit aber war er ein schwacher und unbeholfener Jüngling, der Beaumarchais vor dem Schuldgefängnis bewahrte und im Übrigen nur durch die feudale Aristokratie in seinen ehrlichen Reformabsichten behindert war. Der französische Adel, der den jungen König bevormundete, tritt bei Wolf nicht in Erscheinung. Statt dessen verdichten sich die reaktionären Strömungen der Zeit in der Gestalt des Königs, dessen erschütternde Hilflosigkeit nur in einer einzigen Szene deutlich wird. Und Beaumarchais? Sein Figaro – Verhöhnung der Feudalherren und der Vorrechte des Geblüts – erregte das feinschmeckerische Entzücken ausgerechnet der Hofkreise des bröckelnden Ancien Régime, und so könnten wir mit Oswald Spengler den Dichter symbolisch nennen für die morbide Selbstentwürdigung der Aristokratie, oder wir könnten mit Theodor Haecker feststellen, dass jede Verwirrung des hierarchischen Ordo »von oben« beginne, der Sündenfall der Menschen mit dem Abfall der Engel von Gott und der Aufruhr des Tiers état mit der zersetzenden Fäulnis der feudalen Oberschicht. Diese Interpretation ist einseitig, und es lässt sich ihr entgegenhalten, dass Beaumarchais, der Uhrmacher aus dem Entengässchen, selbst ein Sohn des Volkes gewesen ist. Aber ebenso einseitig wäre es auch, den Geschäftemacher, der das Traumleben des Dichters mit Millionenspekulationen zu vereinen wusste, zum »Sturmvogel der Revolution« zu erklären. Wie konnte dieser Kapitalist die Partei der Entrechteten ergreifen? Das eben ist das Geheimnis der Französischen Revolution, die im Zeichen der Egalité stand, aber doch nur dem Profitstreben der Bürgerklasse die Privilegien des Adels aus dem Wege räumte, und in der nicht zufällig Robespierre ebenso scheitern musste wie Babeuf! Der Zwiespalt im Wesen Beaumarchais’, dieses Vaganten zwischen den Klassen, rührt daher, dass die Ideen der Freiheit und Gleichheit sich angenehm als leckeres Teegebäck 1367Auswahl von Artikeln aus dem Kurier im königlichen Salon knuspern lassen, wo sie ein wohliges soziales Gruseln erregen, dass sie aber zu tödlichen Waffen werden in den Fäusten einer durchaus nicht feingeistig gestimmten Volksmenge. Beaumarchais hat mit diesen Ideen ein keckes oppositionelles Spiel getrieben, aber die eine seiner Hände wusste dabei von der anderen nichts; mit der rechten verfasste er Proteste gegen ein gesellschaftliches System, dem er mit der linken die Dukaten abzapfte. So war er dem König ebenso verdächtig wie später dem Wohlfahrtsausschuss, mit dem Unterschied freilich, dass jener ihn gewähren ließ, während er vor den prinzipienfesten Tugendbolden der Bergpartei fliehen musste. Friedrich Wolf hat versucht, dieser psychologischen Vieldeutigkeit einen tragischen Sinn zu verleihen. Der Gegensatz Volkstribun und Höfling wird zum Konflikt zugespitzt, der da rin gipfelt, dass der Forderer der Menschenrechte, dem Volk im Grunde entfremdet, kneift, wenn Bauernjunge und Schreinermeister beim Kampf um die Bastille vor seinem Schreibtisch am Fenster eine Barrikade aus Büchern auftürmen und das Textbuch des Figaro als Gewehrauflage benutzen. Die Tragik liegt da rin, dass der Dichterheld, dessen aufreizende Couplets in aller Munde sind, in dieser Schäbigkeit untergeht, als allzu menschlicher Mensch sich jedoch durch eine Tapetentüre aus der Affäre zieht und leben bleibt. Bis zum letzten Bilde liegt der Akzent da rauf, dass der Tribun des Volkes, getarnt mit Spitzenjabot und höfischen Allüren, anklagend in die königlichen Gemächer einbricht. Ein Tausendsassa zwar, autorisiert, dem König ein Mittelchen gegen jene delikate Schwäche zu besorgen, die nach Stefan Zweigs freudianischem Buch über Marie Antoinette die wahre Ursache der Französischen Revolution ist, heute Unterhändler über Waffenlieferungen an die kämpfenden Amerikaner und morgen Gründer des ersten Autorenschutzverbandes, dabei aber ein Unbeirrbarer, der keine Zeile seines Figaro dem Zensurstift zu opfern gewillt ist und zwischen salonfähigen Galanterien Umstürzlerisches murmelt. Leitet er den Waffenhandel mit den Amerikanern deshalb in die Wege, weil die Fößer auf dem Mississippi sich den Contrat social von Floß zu Floß zuraunen, oder weil ein kanadischer Fuchspelz für Madame Thérèse in Aussicht steht? Eine problematische Natur, die für das Recht der Unterdrückten kämpft und sich nicht scheut, an der Not der Seuchenstadt ein paar Millionen zu verdienen! Mit lustvoller Neugier, die uneingeschränkt bleibe durch Bedenken historischer Gerechtigkeit, sehen wir der Uraufführung im Deutschen Theater entgegen. 1368 Teil IX Spiel mit dem Feuer. Friedrich Wolfs Beaumarchais im Deutschen Theater (11. März 1946) Dieser Caron, genannt de Beaumarchais, Höfling und Volkstribun, schürt mit den umstürzlerischen Couplets des Figaro ein Feuer, das ihm gar bald das Spitzenjabot versengt, ohne indess sein schwankendes Gemüt zu revolutionärer Tat zu entflammen. Im Gegenteil, der kühne Forderer der Menschenrechte wandelt sich abrupt zu einem schäbigen Profitjäger. Auf zwei unverbundene Vorgänge, den Kampf um die Aufführung des Figaro und das Geldgeschäft mit der Typhusseuche, hat Wolf – wir deuteten es schon in unserer Vorbetrachtung am Sonnabend an – aufgeteilt, was in jedem Atemzuge problematische Seelenzerklüftung und dialektische Hochspannung hätte sein müssen. Horst Caspar gibt den Beaumarchais als idealistisch durchglühten Schwächling, dem edle Leidenschaft im marmorbleichen Antlitz zuckt und dessen Stimme sich kreischend oft überschlägt, wenn der beleidigte Gerechtigkeitssinn ihm in der Kehle würgt. Daher misslingt ihm zum Schluss das seelische Absacken in Verrat und Unentschlossenheit. Seit Hamlet hat Caspars Hang zu manirierten Ekstasen sich noch verstärkt. Dazu ein Aufwand an edelstrahligem Pathos, der mit der bewussten Alltäglichkeit der Worte fast belustigend kontrastiert. Welcher Regisseur vermag diese Verkrampfung zu lösen? Paul Bildt, der in Schule der Frauen noch dienend dem Geiste einer Dichtung verschworen war, zwingt diesmal dem Ensemble, vor allem der noch völlig regiehörigen Agathe Poschmann, seine unverkennbar eigenen Bewegungen auf, dieses Halsrecken, diese pointierenden Schlenkergesten hin ter jeder betonten Sentenz. Zu weilen verstärkt er den Sinn einzelner Vorgänge, lässt die bei Wolf nur angedeutete Liebe zwischen Beaumarchais und Michèle sich in einem Kuss mehr quälerisch spannen, als befreiend lösen. Gemildert ist zum Glück die Szenenbild aus der Aufführung 1369Auswahl von Artikeln aus dem Kurier billige Symbolik des Finales, die aber noch peinlich genug bleibt und die Applausfreude des Publikums lähmt. Die Michèle ist Inge von Wangenheim. In der Furcht vor jeder Sentimentalität hat sie ihrer Rolle mit resoluten kleinen Fäusten den mädchenhaften Charme ausgeprügelt. Bleibt eine prinzipiengestraffte Marktdemagogin, die mangelnde Erotik mit weltanschaulicher Schulung überkompensiert. Figaros Susanne als rasende Penthesilea mit aufgekrempelten Ärmeln. Neben solchen Extremen ist noch Raum für Leistungen von köstlicher Reife: Zunächst und vor allem für die Bühnenbilder des Meisters Willi Schmidt, der das gewagte Experiment der sechsten Szene – eine Bühne von den Kulissen her zu zeigen – beglückend phantasievoll gelöst hat. Für den König Aribert Wäschers, einen melancholisch verquollenen, tragischen Koloss, der vom Schicksal verdammt ist, ein Repräsentant eines bösartigen Konservatismus zu sein in freiheitlicher Zeit. Für Max Gülstorffs vergreisten Schürzenjäger, der in amourösen Erinnerungen schwelgt, und für den spielerischen Nuancenreichtum Hidde Eberts, deren Marie Antoinette hoheitsvoll anmutig ist und im Ausbruch unerlöster Leidenschaft erotisch-süchtig gerekelt. In der Erinnerung über die Vielfalt an szenischem Aufwand haften bleibt uns die getäuschte Hoffnung, dass die Not im Materiellen eine Wiedergeburt des reinen Wortes beschwören könnte. Keine Psychologie, vor allem aber keine Sprache, nur eine anregende, doch kühle historische Konstruktion. Klassenkampf nach Feierabend. Zu Willi Bredels Roman Verwandte und Bekannte (13. März 1946) Die »Hausse in Entwicklungsromanen«, die neulich ein gequälter Rezensent zu tadeln wusste, ist begründet durch die Vielschichtigkeit der historischen Realität, die in ihren verschiedenen Schichten analysiert werden muss, wenn es, wie heute, um ehrliche Klärung und schonungslose Bloßlegung unserer nationalen Fehlentwicklung geht. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass die Romanhelden nicht Menschen von Fleisch und Blut mehr sind, sondern starre Symbole. Willi Bredels Roman ist (nach schon vertrautem Muster) erster Teil einer Trilogie, der diesmal freilich der Untertitel »Deutsche Tragödie« (oder Tragikomödie) fehlt. Wie 1370 Teil IX Bechers Abschied und Erpenbecks Gründer spielt er in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, aber soziologisch in einer anderen Schicht, in den gesellschaftlichen Grenzbezirken zwischen Proletariat und Kleinbürgertum. Am Beispiel einer Hamburger Werftarbeiterfamilie wird der historische Schuldanteil der deutschen Arbeiterklasse demonstriert, die sich ihre politischen Interessen von Spießeridealen verdrängen ließ, die den Klassenkampf nach Feierabend erledigte, deren revolutionärer Schwung in Skat- und Kegelgeselligkeit und auf Kassiererpöstchen versumpfte, und die mit dem Traum, ihr werde »der sozialistische Volksstaat als Gegenleistung für vollgeklebte Parteimitgliedsbücher ausgehändigt« werden, in den Opportunismus hineindämmerte, bis sie unsanft durch den Weltkrieg aus dem Schlummer dieser schönen Täuschung geweckt wurde. Zwei Seelen, ach, in der Brust des Arbeiters: Die des klassenbewussten Proletariers, mit Filzpantoffeln niedergetrampelt von der des gemütlichkeitsfanatischen Bierspießers. Willi Bredel hat die verschiedenen Spielarten dieser Tragikomödie sauber registriert, sie aber nicht erfüllt mit der Atmosphäre des proletarischen Milieus, und die spezifische Atmosphäre Hamburgs vermisst man ganz. Diese Kaschemmen und Parteilokale bleiben unberührt von der reizvoll bunten Halbwelt des Hafens, aber auch von der dumpfen Moderluft des Gängeviertels ist nichts zu spüren, geschweige denn von einer Kontrastierung dieser Umwelt mit dem großbürgerlichen Hintergrund der hanseatischen Patrizierstadt, die mit englischer Lebensform kokettiert. Die Sprache, in der das geschrieben ist, ist hausbacken und konventionell, von der Sprechweise des Arbeiters ebenso weit entfernt wie von jeder Möglichkeit stilistisch durchformter Gestaltung. So legt man das Buch aufatmend und ratlos aus der Hand, nicht deshalb, weil diese Form historischer Klärung und Deutung grundsätzlich verfehlt wäre, sondern deshalb, weil hier eine gute und dringlich notwendige Absicht mangelhaft ausgeführt ist. Der Volkstanz in den Abgrund. Horst Lommers Höllenparade im Schiffbauerdamm-Theater (15. März 1946) Es sei gestanden: Ich bin hier voreingenommen. Lommer hatte mir diesen grausigen Hexensabbat, diese ganze rabaukig-höhnische Höllenparade vorexerziert, als das alles noch verteufelt nahe war. Wie aber wirkt das jetzt? Wie ein Duell mit etwas Gespens- 1371Auswahl von Artikeln aus dem Kurier tigem, das längst nicht mehr grausig beängstigende Wirklichkeit ist, und also wie ein Schlag ins Leere. Satire muss der Gegenwart auf den Fersen sein, muss in Opposition stehen und möglichst nahe an der Grenze des Verbotenen sein. Aber die Satire Lommers, die gestern noch lebensgefährlich oppositionell war, ist heute staatserhaltend. Trotzdem ist so einiges davon aktuell geblieben, und zwar das, was jetzt in allem Antifaschismus vergessen scheint: Dass die Brauchtumsmanie des »tausendjährigen Reiches«, sein Gebärkultus, seine frisch-fröhliche Aufbauwilligkeit, seine Volkstänze am Bückeberg ebenso perfide waren wie die Gräuel aller Art – von den aus Menschenhaut geschneiderten Lampenschirmen bis zu den Ruinen der Städte. Und das eben hat Lommer weg: Die geheimste Windung in der völkischen Sentimentalität einer Freundschaft lerin ist ihm ebenso offenbar, wie das Hormon-Ethos muskelprotziger SS-Mannen. Das »deutsche Geschlechtsbekenntnis«, von Schulkindern im Sprechchor aufgesagt – das ist in Reinkultur uns allen entsetzlich geläufig. Diesen Nazigeist, dessen subtilste und gröbste Äußerungen hat Lommer in herrlicher Veralberung breitgetreten. Aber leider hat er die Höllenparade mit so mancher Himmelfahrt ins Bekennerische durchsetzt. Kai Möller tritt als Anthropos auf und verkündet Menschlichkeit und Güte. Wozu diese Kontrastierung, die stärker wäre, bliebe sie unausgesprochen? Wa rum nicht stattdessen die Stecknadel frisch in den Ballon heutiger Phraseologie gepiekt? Das stärkste Erlebnis bleibt der unversöhnliche Hass, der sich hier äußert. Möge auch der letzte trauernde Hinterbliebene des Führers davon nachhaltig angesteckt werden! Und weiter bleibe unvergesslich: Hubert von Meyerinck, der – mit gebrochenem Bein, im Gipsverband – auf der Bühne umherstelzt und hinreißende Chansons aus enthusiasmierter Kehle schmettert. Und Troxbömker als heillos verspießerter Naziideologe. Und die gemischten Gefühle aus Beschämung, Ingrimm und Heiterkeit, die man sich mit nicht endendem Beifall aus der Stimmung klatscht. Friedrich Wolfs Beaumarchais – nach Alfred Kerr (16. März 1946) Damit es keiner missversteht: Alfred Kerr hatte diese Kritik von Wolfs Beaumarchais nicht selbst geschrieben, weil er nämlich in London lebt. Wenn er aber in Berlin wäre, dann hätte er sicherlich in dem Stil, den Hipponax hier lustig übertreibend kopiert, 1372 Teil IX vielleicht aber auch in verwandter Auffassung seine kritischen Anmerkungen folgendermaßen zum Besten gegeben: I. Dieses Stück, das kein Stück ist, zerfällt in zwei Stücke. Erstes Stück: Jugendlicher Idealist kämpft für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, ein glühender Menschheitsrechtler. Zweites Stück: Der jugendliche Idealismus hat Fett angesetzt. Schiebt. Gelder, Waffen, Typhusbazillen. Und immer feste weg auf Kosten des Volks. Das Volk ballt die Fäuste. Schwielige, knorrige, biedere Mannesfäuste. Weg mit dem Schieber. Nicht mal die Bastille darf er mitstürmen. II. Friedrich Wolf ist Arzt. Ich auch (Theaterchirurg). Sollte man meinen: Eine Krähe hackt der anderen … Aber nur keine falsche Scham, bitte. Ich würde noch meinem Sohn die Augen auskratzen, wenn er … Dramen schreiben täte. Tut er aber nicht. (Ich habe nämlich gar keinen Sohn.) III. Soll ich dem Wolf lieber ins Ohr sagen, wie ich sein Stück finde? IV. So wird das gemacht: Erstes Bild: Die Entdeckung Amerikas durch Ludwig XVI. (Wo die Franzosen doch schon längst in Kanada festsaßen.) Impotenter Monarch regiert nach dem zweiten Frühstück sein Tagespensum herunter. Soll er. Zweites Bild: Beaumarchais hilft den Amerikanern. Er ist sozusagen gar nicht impotent. Bei seiner Frau regt sich was. Ob etwa die Königin? Drittes Bild: Arrivierte Hofschauspieler naserümpfend inmitten Dachstubenmilieu. Beaumarchais ist immer noch nicht impotent. Begabte junge Schauspielerin aus Lyon. Natürlich Arbeitertochter. Da spinnt sich was an, verstehste? Das alles hat mit der Kunst … V. Nun geht es aber los. Die unerlöste Leidenschaft. Die Königin ist, wie man so sagt, gefallen. Nur gefallen? Der Fäller macht in revolutionärem Liebhabertheater. Erste Knallerbse: Der Figaro darf nicht gegeben werden. Druff. Polizeileute im Theater. Aber der Beaumarchais gibt ihnen nicht nach. VI. Die Pariser … (Nur eine Zwischenbemerkung: Ich gehe, wenn ich in Paris bin, immer erst in die Markthallen. Zweiter Stand rechts, Gemüse, Obst, Fleischkonserven. Die Frau da steht immer noch da und stemmt die Arme in die Hüften. Seit der Französischen Revolution und seit Wolf zuletzt da vorbeiging und Vulkanseele studierte. Tausend faule Eier für das Stück, aber ein Händedruck für die Frau.) 1373Auswahl von Artikeln aus dem Kurier VII. Der Beaumarchais von Caspar ist ein Strahlerich. Er tänzelt sich die kochende Vulkanseele aus den Gelenken. Stochert immerzu mit einem unsichtbaren Florett in der Luft herum. Ein Anno Pawlowo der Revolution. So ein edles Vollblut. Manchmal spricht er schon wie ein Nussknacker. So ham, ham. Gibt es das eigentlich? VIII. So ein trautes Blut. So ein edelmenschiges. So ein Bechertunkeln tief in der Brust. Und dann auf einmal schiebt er. (Essen Sie auch so gern Vollmilchschokolade?) IX. Der Held, ein egoistischer Mann, hat eine spießige Trine zur Frau. Der Widerspruch wird geschlechtlich ausgetragen. Aber denkste! Hat sich was mit Kind unterm Herzen und so. Revolutionsmanöver aus Lyon zieht stärker. (Die Kleine, natürlich Proletariermädel, liebes, treues Blut, kämpft Klasse. Da werden Weiber zu Hyänen …) X. Nachträglich noch etwas über das tragische Ende. Der Held verschwindet durch ein Tapetentürle. Vorhang. Mehr sag’ ich nicht. Geht doch ins Theater, wenn ihr das sehen wollt! Mehr sage ich nicht. Nur eines noch: Ein Buch als Gewehrauflage? Na wenn schon. Ideologische Untermauerung sozusagen … (Und so weiter durch 80 römische Ziffern!) Hipponax Mittler zwischen Ost und West. Heuss und Becher über die Aufgabe der Deutschen (20. März 1946) Die reiche und erfüllte Stunde am Montag im Rundfunkhaus gab Anlass zu mancherlei Hoffnung: Dass das Gespräch über die Probleme der Zeit die Geister im Osten und Westen Deutschlands einen werde über alle Zonengrenzen hinweg, dass eine vielstimmige Harmonie auch der geschiedenen Gesinnungen möglich sei, die mehr ist als ein verabredeter Kompromiss. Zuerst sprach Becher. Zwischen ihm, dem kommunistischen Kulturpolitiker, und Theodor Heuss, dem Demokraten süddeutscher Tradition, mag ein weiter Abstand der Gesinnung bestehen. Die Besinnung auf ein gemeinsames Fundament aber ist ein unerlässlicher Schritt zur Überwindung einer nationalen Katastrophe, die nicht zuletzt dadurch verursacht war, dass der geistige Deutsche sich in das Gehäuse einer exklusiven Meinung einkapselte. Die Solidarität zwischen Becher und Heuss ist keineswegs künstlich. Der gemeinsame historische Ausgangspunkt ist 1374 Teil IX die Revolution von 1848, und es war bedeutsam, dass die Veranstaltung des Kulturbundes am 18. März stattfand. Aber auch sachlich ist Heuss und Becher vieles gemeinsam: Die Absage an Relativismus und Irrationalismus und an eine Verinnerlichung, die zur politischen Verantwortungslosigkeit führen muss, das Bekenntnis zum sozialen Fortschritt und die ernste Sorge um Zusammenhalt und Bestand der deutschen Kultur. Theodor Heuss ist kein Rhetor, eher ein Gelehrter. Zögernd kamen seine Worte, und er verbarg das leichte Schwäbeln nicht, das seinen solide fundierten Äußerungen süddeutsche Liebenswürdigkeit lieh. Das Verhängnis unserer nationalen Entwicklung sei, so sagte er, dass das deutsche Volk von den Bauernkriegen bis 1918 jede Revolution geschichtlich verloren habe. Gerade die Kämpfe des Jahres 1848 hätten so wenig ein Fanal sein können, dass die lauen Konjunktur-Pgs von 1933 im Volksmunde als »Märzgefallene« bezeichnet wurden. In die Verwirrung und Wehrlosigkeit eines politischen Zustandes, der von der »Angst vor dem Atem der Freiheit« gezeichnet war, ist, so sagte Heuss, die Barbarei mit der Waffe des biologischen Materialismus eingebrochen. Heute ist Deutschland die Möglichkeit genommen, über die Notwendigkeiten seines Lebens selbst zu entscheiden. Aber in stärkerem Maße als je hat es die Aufgabe, die kulturellen Strömungen aus Ost und West in sich zu verarbeiten und zu einer lebendigen Synthese zu vereinen. Wenn diese Synthese in einer deutschen Demokratie gipfeln soll, so haben gerade wir Deutschen hier noch viel zu lernen: Zur Demokratie gehört die freie Äußerung der eigenen Meinung, aber auch die Würdigung des Gegners als eines Partners. Notwendig ist die Revision des Geschichtsbildes, wobei es nicht genügt, von der alten Fassade die braune Farbe abzukratzen und aus einem bereitgestellten Kübel eine andere Farbe aufzutragen. Die Wahrhaftigkeit der Wissenschaft darf nicht mehr in ein politisches Zwecksystem eingespannt werden. Diese Wahrhaftigkeit muss vor allem der Jugend wieder als unverdächtig und einzig erstrebenswert gezeigt werden. Denn die Jugend habe um so mehr Anrecht da rauf, als man in den letzten zwölf Jahren alle ihre Fragen mit genormten Antworten abgespeist hat. Was naturgemäß in ihrer Seele nichts als Skepsis, Misstrauen und Zynismus habe erzeugen können. 1375Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Tendenz als Anlass zur Vision. Die Illegalen von Günther Weisenborn im Hebbel-Theater (22. März 1946) Der Heroismus der Illegalen ist nicht durch die Erfolglosigkeit ihres konspirativen Wirkens beeinträchtigt, die da rin vielleicht ihren historischen Sinn hat, dass wir Deutschen den Kelch der grauenhaften Zeit einmal bis zur bitteren Neige auskosten mussten, ohne ihn vorher revolutionär von uns schleudern zu können. Die wenigen, die sich trotzdem dem Unentrinnbaren kühn entgegenstemmten, waren im engmaschigen Netz eines raffinierten Polizeisystems gefangen und kämpften mit kläglichen Mitteln gegen die Allmacht des totalitären Staates. Kein Erfolg lohnte den Aufwand an Lebensgefahr. Energie und Scharfsinn wurden an Nichtigkeiten verschwendet. Der Kampf zerbröckelte in Maßnahmen der Vorsicht und Notwehr, im Ersinnen von Decknamen, im psychologischen Abtasten des Partners, der Genosse sein konnte oder auch Verräter. In jedem Plan standen die Verfolger als feste Größe. Keiner durfte vom anderen wissen. Misstrauen riss Abgründe zwischen Mensch und Mensch. Die Verstellung wurde zur Gewohnheit. Verabredete Aussagen für den Fall der Verhaftung waren selbstverständlich. Gehetztes Dasein, trostlose Zeit. Als dies alles noch gegenwärtig war, glaubten wir, es werde sich unauslöschbar in uns einprägen. Heute schon bedarf es der Magie sprachgewaltiger Dichtung, die gespenstischen Visionen wieder zu beschwören. Kann man diesen Stoff in die Schablone des herkömmlich Theatralischen zwingen, in einen dreidimensionierten Leitartikel, in dem der rote Faden einer durchgängigen Handlung sich zum bewährten dramatischen Knoten schürzt? Die Aussichtslosigkeit des illegalen Kampfes würde nachträglich ins Lächerliche gezogen werden. Ein Indianerspiel mit Flugblättern und Geheimsender. Günther Weisenborn ergreift die einzige Möglichkeit, dieses Sujet dichterisch zu bewältigen: Den schonungslosen Realismus der Details, die fragmentarisch in die Teilaspekte eines unverbundenen Geschehens hineinragen. Die unverfälschte historische Wirklichkeit selbst chargiert ins Groteske. Schemenhaft tauchen typische Verhaltensweisen jener Zeit im Raum der Szene auf: Das Paar in Trauer, mit dem Kranz auf dem Wege zum Begräbnis der von Bomben erschlagenen Angehörigen. Das penetrante Frauenzimmer mit dem Schirm aus Paris, mystische Durchhalte- und Vergeltungsparolen schwätzend. Der schmierige Gestapo-Kommissar, der mit einem Kinde sein neckisches Späßchen treibt. Die Liebenden, 1376 Teil IX die fünf unbedrohte Stunden zur Ewigkeit dehnen wollen. Bruchstückhaft sind die Gestalten im Handeln, vollkommen in der Typisierung, expressionistisch gesehen wie im Bettler Reinhard Johannes Sorges. Aber es ist hier ein neuer Expressionismus ohne ekstatische Verstiegenheiten, legitimiert durch die wahnwitzige Absurdität des Wirklichen. Weisenborns Sprache ist sprühend und gleißend, vibriert von Hass und Liebe und kann plötzlich ganz monoton und konzentriert sein oder glatt und trivial in einer Naziphrase, die kaltes Entsetzen eingejagt. Ein Tendenzstück ist wohl beabsichtigt, aber es hat sich endlich einmal ein echter Dichter der Tendenz bemächtigt. (Was den Berliner Bühnen bitter not tat!) Quälender Spuk geistert in den Bühnenbildern von Kilger, in herausgebrochenen Zim merecken, die mit der Dürftigkeit kriegslädierter Wohnräume vor den phosphoreszierenden Konturen Berlins stehen. Die Regie Franz Reicherts steigert sich von Szene zu Szene zu immer stärkerer Vollkommenheit. Anfänglich sind die Monologe, in denen der Wesensgehalt der Personen zusammengeballt ist, noch allzu deklamatorisch. Sie bleiben aufgesetzt pathetisch bei Ernst Wilhelm Borchert. Höhepunkte: Der süßliche Gestapobeamte Franz Niklischs, dem die Hitlerschmachtlocke in die niedere Stirne fällt, und der bekennt, außerdienstlich Lakritze zu leckern, Kate Kühl als Manna, rasende Niobe, die aus Mutterbesorgnis um den letzten Sohn gegen alle Politik wütet, Else Ehser in der Charge der keifenden Endsieg-Hysterikerin. Vor allem aber Lu Säuberlich, der stärkste Eindruck des Spiels, klar und wahrhaftig in der Lösung fanatischer Starrheit zu weiblich-zärtlicher Süchtigkeit, den Monolog mit der hölzernen, an Brecht gemahnenden Monotonie des Satzes: »Ein falsches Wort, und der Verdacht ist da!« zu erschütternder Intensität steigernd. Schwer und lustlos fühlt man sich hinein in diese spröde Dramatik. Ist man gefangen, so ist es ebenso schwer, sich wieder hinauszufinden. Und der Bann löst sich nicht auf dem Heimweg, der durch die Öde der Ruinen führt, vorbei an der zerborstenen Fassade der Prinz-Albrecht-Straße. Ernst Wilhelm Borchert in der Aufführung 1377Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1378 Teil IX Der Abgrund. Zu Heinrich Manns 75. Geburtstag (23. März 1946) Vor vierzig Jahren widmete Heinrich Mann seinem Bruder Thomas die Novelle Abdankung – die Geschichte eines Schulknaben, der seine Klassengenossen tyrannisiert und unerschöpflich ist im Ersinnen neuartiger, absurder Schikanen. Dabei ist er gerade das, was man ein »Nervenbündel« nennt, ein raffinierter kleiner Diktator aus aristokratischem Bedürfnis. Eine letzte Steigerung seiner tyrannischen Lust kann er nur dadurch erreichen, dass er dem gröbsten Tölpel der Klasse, dem Gärtnerssohn Butt, befiehlt, die Rollen willkürlich zu vertauschen und einmal selbst den Diktator zu spielen. Das beginnt damit, dass er Butt auffordert, ihn anzuspeien. Und dann heißt es: »Jetzt kommt was Neues, ich tue alles, was Butt sagt.« Und er tut es wirklich. Er lässt sich von den erst zögernden, dann immer sicherer werdenden Klassengenossen erniedrigen, zu Botengängen benutzen, zu gänzlich sinnlosen Handlungen veranlassen und schließlich in den Selbstmord treiben, »zu den Fischen hinunter«, das alles in maßloser Übersteigerung einer Machtekstase, die dialektisch in das Extrem einer masochistischen Selbstentwürdigung umschlägt. Von Butt aber heißt es: »Er war durchtränkt mit dem friedlichen Geruch erdiger Gemüse, nach dem es Felix immer wieder verlangte wie nach einem Gift, das verachtete Wonnen verspricht.« Jahre später erschien Thomas Manns Erzählung Tonio Kröger, die Geschichte von der unglücklichen Liebe des Künstlers zu den »Blonden und Blauäugigen«, zu der ungebrochenen Vitalität des »normalen« Menschen. Es heißt, dass in dieser Liebe »ein klein wenig Verachtung« enthalten sei, und diese Einschränkung bleibt charakteristisch für Thomas Manns Einstellung zum Leben. Bei dieser zwiespältigen Haltung war die Gefahr deutlich, dass die Reflektion zum »Erkenntnisekel«, die quälerische Grübelei zur Unterwerfung unter die Mächte brutaler Rückständigkeit führen würde. Abdankung war eine prophetische Parodie des Tonio Kröger. Heinrich Mann hatte die Gefahr bei Namen genannt, für die ihm sein Bruder prädestiniert schien. Heinrich Mann war eine derartige Gefahr fremd und im Grunde zuwider. Er betrachtete sie als ein Phänomen, nicht aber als etwas, das ihn selbst betreffen könnte. Den Auflösungsprozess des Bürgertums zerrte er ins Groteske, während Thomas Mann den gleichen Vorgang mit einer, von morbider Ironie durchsetzten melancholischen Trauer adelte. Heinrich Mann hatte die Brücken jeglicher Tradition hinter sich niedergerissen, er schrieb nicht mehr wie der Bruder in der Sprache Kellers, Stifters und Fontanes, sondern zwang die epikureische Schönheitstrunkenheit d’Annunzios, die vor 1379Auswahl von Artikeln aus dem Kurier allem seine Roman-Trilogie Die Göttinnen erfüllt, zu einer kühnen Synthese mit den formzerbrechenden Visionen der frühen Expressionisten. Um die Jahrhundertwende hatte der Abgrund sich aufgetan: Buddenbrooks war der Schwanengesang des Bürgertums, Königliche Hoheit vergoldete das umsponnene Dornröschenidyll eines überalterten Feudalismus mit dem tröstlichen Abendlicht der untergehenden Sonne. Heinrich Mann verhielt sich weniger pietätvoll in dieser Verfallsstimmung, unangefochten durch die Lockung »verachteter Wonnen«. Wonne waren ihm Wahrhaftigkeit und Schönheit, und das, was ihm verachtenswert erschien, würdigte er nur einer bedenkenlosen Verhöhnung: Im Schlaraffenland beschwor er den Hexensabbat Berliner Finanzspekulanten und Literaten, in der Jagd nach Liebe den Münchener Jahrmarkt der Lüste aus dem Blickwinkel eines jungen Lebemannes, im Professor Unrat die erotische Anfechtung und den ethischen Zerfall eines hohl korrekten Schulmeisters aus der Per spek ti ve katilinarischer Pennäler, alles maßlos übertrieben, in den grellen Farben des Ekels. Vergleichen wir heute die metaphysische Konstruktion der Romane um Joseph und seine Brüder, die bedrückend verkörperten Ideenspiele in Lotte in Weimar mit der gemeißelten Lebendigkeit der Vollendung des Königs Henri Quatre, so wird deutlich, dass die divergierende Geistigkeit der Brüder Mann bis in die Werke der köstlichsten Reife unverändert anhält. Wie aber wirkte diese geistige Urgeschiedenheit in die politische Haltung hinein? Für Thomas Mann gehörte die Politik in den Bezirk der »verachteten Wonnen«, unwürdig zwar, aber faszinierend. Der späte Handwerker deutscher Dichtung, der das Ibsenwort »Dichten heißt Gerichtstag über sich selber halten!« über die Tristan-Novellen geschrieben hatte, pflegte die Bürgertugend der Innerlichkeit. Der innerliche oder besinnliche Menschen mag ein allgemeiner Grundtyp unter den Lebenden sein. Die Flucht nach innen hingegen, durch die das öffentliche Leben nach subjektiver Neigung zurechtgedeutet wird, ist ein historisches Ereignis. Die Folgen dieses Ereignisses sind für Deutschland seit einigen Jahrhunderten immer mehr angeschwollen. Nun waren sie kaum auszuräumen. Diese Vogel-Strauß-Politik der Seele leistete einer verhängnisvollen Verwechslung Vorschub: Der subjektiven, trüben Spiegelung der objektiven Bewegungsgesetze der Geschichte in den eingelebten Sympathien und Antipathien. Redliche Absicht zerfaserte sich in reaktionärer Wirrnis. Wie verhielt sich Heinrich Mann? 1914, am Vorabend des Ersten Weltkrieges, stieg er, der Vater des literarischen Expressionismus, so wirkungsvoll wie nur möglich hinab in 1380 Teil IX die politische Arena: Er veröffentlichte in einer reißerisch sensationellen Illustrierten den Untertan, die unerbittlichste Kritik an den sozialen Zuständen in Deutschland. Während dies geschah, mühte der Bruder, der letzte Vollender der bürgerlichen Romantik, sich in völliger Verkennung der Situation um die Gestalt Friedrichs II. in einem Abriss für den Tag und die Stunde (Untertitel von Friedrich und die grosse Koalition, AH), der den imperialistischen Krieg heroisieren und vom Boden einer fast nietzscheanisch umgewerteten Moral her rechtfertigen sollte. Damals fiel die Entscheidung: Auf der einen Seite appellierten Gerhart Hauptmann und Thomas Mann an der Spitze einer ganzen Legion von Schriftstellern an das Volk, in dem es keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche geben sollte, auf der anderen Seite stand in großer Einsamkeit Heinrich Mann, als bewusster Demokrat ein unversöhnlicher Feind des imperialistischen Deutschland und seines schlechten und ungerechten Krieges, als »Zivilisationsliterat« geschmäht in dem politisch-unpolitischen Bekenntnisbuch des traditionfroh entflammten Bruders. Als Heinrich Mann während des Krieges seine anklagende Roman-Trilogie vollendete, als er Die Armen schrieb, den Roman des Proletariats und den Kopf, die Geschichte der verrotteten Führerschicht, sein bestes Buch, verkündete Thomas Mann den deutschen Sieg über die Demokratien als geschichtliche Notwendigkeit. Ohne Zweifel war geschehen, was Heinrich Mann ein knappes Jahrzehnt vorher halb parodistisch prophezeit hatte: Die masochistische Selbstentwürdigung des feinsten und reifsten Geistes der Epoche vor den dumpfen Mächten der Gewalt und Rückständigkeit. Thomas Mann erwachte nach dem Ersten Weltkrieg aus diesen verschwommenen Täuschungen. Er setzte im Zauberberg dem Zivilisationsliteraten ein Denkmal in der liebenswerten Gestalt Settembrinis, er stellte in Hans Castorp, dem unheldischen Helden des Romans, die eigene Ratlosigkeit dar und entfernte die antidemokratischen Partien aus den Betrachtungen eines Unpolitischen (und zwar gewiss nicht aus Gründen der Konjunktur). Durch sein Bekenntnis zur Demokratie, durch seine mahnenden und beschwörenden Appelle galt Thomas Mann als das Gewissen der Welt im Kampf gegen die Hitlertyrannei. Aber dieses Bekenntnis war das Ergebnis einer schmerzhaften inneren Wandlung, und so blieb bei aller redlichen und reinen Absicht jene Instinktlosigkeit, die zwischen Tagesereignis und historischem Prozess schlecht zu unterscheiden vermag. Nicht nur die Prophezeiung von 1918 war überholt in dem Augenblick, da sie niedergeschrieben wurde. In Achtung Europa! wird in den Jahren vor dem Zweiten Weltkriege immer wieder gesagt, Hitlerdeutschland werde in zwei, drei Wochen zu- 1381Auswahl von Artikeln aus dem Kurier sammenbrechen, wenn der Krieg nur endlich erst begonnen habe. Genau da rin steckt der schrecklichste Irrtum: Anfangs wird die reale Gewalt des Nationalsozialismus unterschätzt, aber später in ebenso schlimmer Verkennung mit dem ganzen deutschen Volk identifiziert. Schlagen wir dagegen das Buch Hass von Heinrich Mann auf. Welch klarer und unbeirrter Geist in jeder Zeile! Die Komplikation des deutschen Problems wird gesehen, die Ursachen der deutschen Tragödie werden genau benannt. Ein echtes Tendenzbuch im guten Sinne, ein Buch, dessen Lektüre jedem Deutschen zur Pflicht gemacht werden sollte! Achtung Europa! von Thomas Mann ist von bleibendem Wert als Zeugnis für einen scharfen Kampf gegen die faschistische Barbarei. In seinen Einzelaspekten hingegen steckt viel falsches, künstliches Licht. Jedoch kein Wort gibt es in dem Hass von Heinrich Mann, das seine Gültigkeit so leicht verlieren könnte. An dieser Stelle wird der weite Abstand zwischen den Brüdern gleichnishaft: Auf der einen Seite der späte Bürger, der geblendet vom inneren Licht, in der Wirklichkeit wie im Finsteren umhertappt, auf der anderen Seite der weltoffene, in der Lebensform den Bohemien streifende, radikale politische Dichter, der, von sicherem realistischen Instinkt geleitet, in allen entscheidenden Fragen recht behält. Thomas Mann hat uns bittere und harte Worte gesagt nach der Katastrophe von 1945. Was er schrieb, war monatelang in aller Munde, und die laute Diskussion, in die leider unsererseits die gekränkte Eitelkeit der »inneren Emigration« lärmte, übertönte fast die stillen Worte des Bruders, die ebenfalls über den Ozean zu uns drangen, und die ganz dazu angetan waren, uns zuversichtlich zustimmen. 1940 war er, ein schwacher, kranker Greis, vor den Deutschen aus Frankreich über die Pyrenäen geflohen. Wohl aber schrieb er zu des Bruders siebzigstem Geburtstage: »Ein Überraschter in seinem Zorn muss wohl achtgeben, damit er nicht mit wenigen Bösewichtern oder mit einem geraden lebenden Geschlecht von Boshaften die Nation verwirft!« Heute erst recht spürt man: Ein solcher war nie bestimmt, ein voreiliger Eiferer zu sein, dies ist ein Mann, der schon wach war, »als die Tatsachen noch dämmerten«. 1382 Teil IX 1383Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Aufschrei gellt – nach Johannes R. Becher, 1920 (23. März 1946) Klirrhaar diamanten Sternenbächen! Blonder Zigarettenladenengel du! Spießte mich aus jäh verzückten Schwächen, Lindernd Wirbelsäulen in azur’ne Ruh. Straßenwärts verdämmernd west dein Rinnen. In Spiralen schlingt der Rinnstein sich empor. Ruch von Kalbsfilet, das Haar voll Schinnen. Schwefelgelbes Zebra grast vorm Höllentor. Violetter Hund! Du Zerfaltete. Mahagonimöbel winden sich dir ums Handgelenk, Gepäckmarsch du, der an den Limonenküsten meines Mundes blüht! Mutterstirnsegen du, der aus Libellen-Abgründen, kreisenden, aufbricht! Gigantisches Vieh, an die Gelenke des Gehirns gekettet, Grandioses Vieh, ekstatisch in Kaschemmen. Granitenes Gestirn, zertrümmert Dung. O Bestie fett im Himmel der Verbrüderung! Hipponax Aufbau marschiert – nach Johannes R. Becher, 1946 (23. März 1946) Ein Rufer sprach: »Genossen, Schwestern, Brüder! Ihr Freunde alle!« Sprach’s im Admiralspalast, Wo einst die Naziherren gefaulenzt und geprasst, Und jeder dachte an die alten Kampfeslieder. War das ’ne Kraft, und schon war sie gefunden, Die deutsche Einheit, deutsch an Spree und Rhein, Zu stolzem Mut tat diese Kraft gesunden, War das ’ne Kraft im Admiralspalastverein! 1384 Teil IX Schön war es, als die alten Lieder klangen, Und jeder dachte: »Hab ich aber Kraft, Was für ’ne Kraft ich aber wirklich hab’!« Der Mann sprach einfach, seine Worte drangen Ins Herz hinein und schafften da ’ne große Kraft. Was für ’ne Kraft das doch bei seinen Worten gab! Hipponax Damit auch hinterher kein Zweifel aufkomme: Hipponax hat diesmal einen Dichter aufs Korn genommen, dessen bedeutsame kulturelle Mission durch die Parodie gewiss eher bestätigt als angefochten wird. Wie das überhaupt der Sinn echter Parodien ist. Die Verschworenen – nach Weisenborns Illegalen (30. März 1946) Lill: Ich weiß nicht, wie das ist, eine Frau zu sein, Walter! Walter: Wissen Sie nicht, wie das sein kann, Lill, die Liebe? Hinter einer Gardine stehen und sich nah sein? Ach Lill, was eine Gardine ist, dahinter muss man sich nah sein können! Lill: Es gibt nur eines: Illegal sein oder die Liebe. Wenn ich spannen gehe oder zu einem Treff, da biege ich erst um eine Ecke, sehe mich um, wer mir folgt, und wieder um eine, sehe mich um, wer mir folgt, und noch einmal um eine, sehe mich um, wer mir folgt. Und dann erst bin ich sauber. Denn wer mir dann noch folgt, kann nur ein Spitzel sein. Verstehen Sie das nicht, Walter: Wer illegal ist und liebt, kann nie sauber sein? (Sie tritt an die Rampe und erledigt einen Monolog.) (Es klopft. Lill und Walter zucken zusammen. Walter wirft einen Blick unters Sofa, ob auch keine Gestapo da run ter liegt. Erst nach dem dritten Klopfzeichen öffnet er vorsichtig die Türe.) 1385Auswahl von Artikeln aus dem Kurier (Der gute Nachbar und Flöte treten ein.) Walter (aufatmend): Ihr seid es! Flöte: Ja, wir sind’s! Wir sind gekommen, um dir zu sagen: Wir hatten Vertrauen zu dir! Wir haben es nicht mehr! Der gute Nachbar: Wo ist die Mappe?! Lill (schreit auf ): Die Mappe!? Walter: Ich weiß von keiner Mappe! Der gute Nachbar: (Zieht eine Pistole.) Flöte: Du weißt von keiner Mappe!? Verdammter Spitzel! Du hast die Mappe geholt! Du hast Lills Separation durchbrochen! Walter: Ja, ich habe Lills Separation durchbrochen! Der gute Nachbar: Du gibst es also zu? Du weißt überhaupt, was Separation bedeutet? Du bist kein Neuer mehr? Walter: Ich bin ein Neuer! (Lill tritt an die Rampe und sinkt das Chanson vom Neuen.) Der gute Nachbar: Ich frage dich noch einmal: Wo ist die Mappe? Walter: Sie ist nicht hier! Der gute Nachbar: Wo ist die Mappe? Walter: Hier ist sie! Der gute Nachbar: Wusstest du, was in der Mappe ist? 1386 Teil IX Walter: Ein Ziegelstein ist drin. Ihr wolltet mich auf die Probe stellen. Flöte: Flugblätter sind drin, kleine, weiße Flugblätter. Damit wollen wir der braunen Pest an die Gurgel springen. Der gute Nachbar: Die sollen fallen wie die Blätter im Herbst. Was ein Flugblatt ist, das muss geklebt werden. Flöte: Wa rum hast du die Mappe mit den Flugblättern von Lill geholt, Verräter? Walter: Ich war nicht sauber, als ich Lills Separation durchbrach. Einer folgte mir, ein Schleichender mit einer dunkelblauen Mütze. Ich hatte einen Fehler gemacht. Ich trug die Verantwortung für die Mappe! Flöte: Hast du Beweise? Walter: Ich kann nicht! Ich darf es euch nicht sagen! Flöte: Du bist ein Verräter! Lill: Er ist kein Verräter. Ich trage die Verantwortung für die Mappe ganz alleine! Walter: Lass mir die Verantwortung für die Mappe. Was eine Verantwortung ist, die muss getragen werden. Ich bin kein Spitzel! Flöte: Beweise, Schuft! Walter (zieht einen Geheimssender unter dem Sofa hervor): Da! Ich bin Gustav Siegfried eins! Hier ist der Text meiner letzten Sendung: Brief eines Zuchthäusler an die deutsche Jugend. Flöte (gerührt): Walter, Mensch! Der gute Nachbar: Wenn es so ist, sollst du die Mappe haben. Wo viel ist, kann noch mehr gefunden werden. 1387Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Manna (stürmt herein): Ich lasse mir den Jungen nicht von der Politik rauben, Frollein. Da machen Sie sich erst einmal so einen Jungen aus Ihrem Bauch, Frollein. Was so ein Junge ist, das muss Ihnen heranwachsen und leben und rotbäckig sein wie ein Apfel. Und dann kommt die Politik und stößt Ihnen das wieder in die Kalkgrube. Es sterben zu viele an der Schafottfront, Frollein. Walter: Meine gute Mutter, sei stolz, ich trage die Mappe. Die Mappe mit den Flugblättern, Manna, du altes Prachtweib vom Halleschen Tor. Ein Leben lang hast du Kartoffeln geschält, Manna, ein ganzer Kartoffelacker ist dir durch die Hände gegangen. Komm, sei so gut, sing das Lied vom Kartoffelschälen, Manna! Manna: Ach, Junge, lass man, wirf sie weg, die Mappe! Bert Weisenborn (tritt an die Rampe und brecht sich das Lied vom Kartoffelschälen vom Munde). (Währenddessen geht im Hintergrunde das Dritte Reich von selbst zu Grunde.) Hipponax Im Netzwerk des Denkens (3. April 1946) Der 350. Geburtstag René Descartes’ gibt Anlass zu prüfen, welchen Ertrag diese revolutionäre Leistung für das Schicksal des Abendlandes gehabt hat. Es ist zwar bloß eine Schulmeisteranekdote, dass sich René Descartes als Soldat Tillys in einem Feldlager des Dreißigjährigen Krieges entschlossen habe, künftig nur noch das reine Denken als Maß des Seienden anzuerkennen, und doch besteht hier ein tiefer Zusammenhang. Die dem Dreißigjährigen Kriege kulminierende Erschütterung der abendländischen Christenheit hatte den Boden aufgerissen für die Gedankensaat jenes rationalen Zweifels, der das festgefügte System des Thomas von Aquino in Frage stellte und die geschichtliche Schau des Augustinus durch die Raumfunktionen der analytischen Geometrie ablöste. 1388 Teil IX Descartes, Franzose und Jesuitenzögling des Klosters La Flèche, stand in der kriegerischen Auseinandersetzung auf katholischer Seite. In der geistigen Auseinandersetzung lag ihm der protestantische Wille zum urchristlich Einfachen so fern wie die fromme Gefühlseinfalt der späten Mystiker. Hier war versucht, mit der Unmittelbarkeit frühchristlichen Gotterlebens die Kompliziertheit der Scholastik rückläufig zu überspringen. Der Zweifel Descartes’ hingegen war der reifste Ausdruck der Scholastik selbst, die er gleichsam von innen her auflöste. Dabei ist wesentlich, dass noch in der Zerstörung mittelalterlicher Denkformen eines gerettet bleibt: Die für den abendländischen Geist charakteristische Auffassung, dass der Mensch Mitte der Schöpfung sei. Sie war durch die unbehaglichen Theorien des Kopernikus bedenklich erschüttert. Descartes fand das Mittel, sie von neuem zu rechtfertigen und für Jahrhunderte zu befestigen. Wie Gott das Feste von den Wassern getrennt hatte, so trennte Descartes das Ausdehnte vom Denken, ein gnomischer Weltschöpfer, der aus Gedanken ein Bezugssystem konstruierte, in dem es keine Fülle und Rätselhaftigkeit, keine Geschichte und Entwicklung mehr gab. In dieser mechanisierten Formelwelt steht das riesengroße Ich, an allem zweifelnd und nur seiner selbst gewiss, da es sich allein im Denken unwiderleglich beweisen kann: Cogito, ergo sum. Es ist herausgerissen aus allem Fühlen, Wollen und Tun, aus den Schmerzen, Sehnsüchten und Lüsten des Menschen, die nichtig sind vor der Evidenz dieses sich selbst beweisenden Wesens. Es trennt den Menschen in einen Denkenden, einen Fühlenden, einen Wollenden. Eine Denkweise, die in Folge der bestechenden Beweisführung des Descartes ganz Europa gefangen nimmt und feine wie grobe Ichvorstellungen bedenklich anschwellen lässt. Die Gläubigkeit des Christentums war damit, durch die Ausschaltung des Übernatürlichen aus dem Gebiet der Beweisbarkeit, zersetzt. Seine Anthropozentrik, die die Erde als Mittelpunkt des Kosmos und die Geschichte des Menschen als Weltprozess gedacht hatte, war unter dem Programm voraussetzungsloser Skepsis ins Phantastische gesteigert worden. Zugleich aber war das Irrationale, das sich nicht im Netzwerk der Formeln einfangen und seinen mystischen Schimmer nicht vom Sonnenglanz des triumphierenden Ich aufsaugen ließ, ins Dunkel verbannt. Von der Philosophie preisgegeben, lauerte es verborgen in den Abgründen. Die Vergöttlichung des denkenden Ich lieferte die bunte, vielfältige Wirklichkeit den teuflischen Mächten aus. 1389Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Dieses Verhängnis lässt sich nicht durch ein verkrampftes Bekenntnis zum Irrationalen nachträglich wettmachen, nicht dadurch, dass man den Geist zum Widersacher der Seele und des Lebens erklärt. Jeder Irrationalismus dieser Art, der den Instinkt gegen die Vernunft mobilisieren will, führt in die schlimmste der Barbareien: Den Ausbruch aus der Zivilisation. Ein Schritt aus dem Bannkreis lichter Geistigkeit, der um die Gestalt Descartes’ gezogen ist, und wir sind im Blutmythos Rosenbergs. Aber hindert uns das Bekenntnis zur Vernunft, die Gefahren des Rationalismus und des Subjektivismus zu benennen? Wer die Reflexion auf das Ich mit voraussetzungslosem Philosophieren gleichsetzt, wer das denkende Ich herausgelöst aus der Fülle des Menschen und seiner Welt und nur das als Wirklichkeit anerkennt, was ebenso evident ist wie das »cogito, ergo sum« – der verrät das Irrationale an die Finsternis. Das Teuflische schlüpft durch die Maschen des rationalen Formelnetzes hinein in Sinnlichkeit, Trieb, Sehnsucht und jegliche Geheimkraft des Lebens. Ein solches Verhängnis ist nachweisbar bei Leibniz und Wolff, bei Kant und Fichte, Hegel und Marx. Am Anfang dieser großartigen Reihe europäischer Denker aber steht René Descartes, der kühnste Revolutionär der Begriffe am Scheidewege von Mittelalter und Neuzeit. Läuterung als Ausweg. Fred Dengers Wir heißen euch hoffen im Deutschen Theater (5. April 1946) Dieses Strandgut einer chaotischer Zeit ist überall um uns gegenwärtig: Deserteure der Hitler-Armee, die nicht ins bürgerliche Leben zurückfinden, Kinder, die in den Wirren des Krieges ihre Eltern verloren haben, entlassene Kriegsgefangene in feldgrauen Lumpen, entlaufene Fürsorgezöglinge, Mädchen, die sich gegen Schokolade und Zigaretten feilbieten. Wir hören von Einbrüchen und Raubüberfällen, verübt durch Achtzehnjährige, wissen, dass sich Jugendliche zu Diebesbanden zusammenschließen, und ahnen, dass sie mit dem sektiererhaften Stolz der Verfemten einer finster nihilistischen Räubermoral huldigen. Sie leben in Kellerschlupfwinkeln unter Ruinen und haben die militärische Disziplin und das Pathos der »verschworenen Gemeinschaft« aus dem Soldatenleben in die Unterwelt gerettet. In dem Schauspiel Fred Dengers halten sie auf Gruppenehre, stellen Posten aus und versammeln sich, wenn es brenzlig wird, wichtigtuerisch zur »Lagebesprechung«. Sie bestätigen sich gegenseitig ihr subjektives Recht und klagen die Gesellschaft an, sprechen 1390 Teil IX von getäuschten Hoffnungen und zusammengebrochenen Idealen, von der Schlechtigkeit der Welt und von den Spießern, die sie erschrecken wollen. Schillers Räuber feiern – blass und schemenhaft freilich – Auferstehung in einer modernen Katakombe, die sie mit der Atmosphäre eines Kompanie-Gefechtsstandes erfüllen. Ihr Ganovenjargon entgleitet bald ins Militante, bald ins bittersüß Sentimentale. In ihrem Gerede über falsch gestellte Probleme, in der Verworfenheit ihrer Diktion trifft Denger ganz absichtslos die Situation der Ratlosigkeit und Unklarheit, zu der diese Generation verurteilt ist. Der Fehler aber liegt im Prinzipiellen. Denger fürchtet das Destruk tive – ein Zeichen dafür, dass er einer destru ier ten Wirklichkeit hilflos gegenübersteht und diese beschämende Tatsache nicht wahrhaben will. Er verdeckt sie sich und uns, indem er einen Aufbauwillen zur Schau trägt, der mit der Diagnose des Zustandes sachlich nichts zu tun hat. Ist die Kunst verdammt, das Selbstvertrauen zu stärken? Darf man nicht mehr einen Sumpf beschreiben, ohne aus ihm ein Ethos aufblühen zu lassen? Was dabei herauskommt, ist allerdings erschreckend: Ein jugendlicher Räuberhauptmann, bieder wie Robin Hood, den die Zauberkraft der Liebe auf den Pfad der Tugend führt. Max Eckard spielt ihn als echten, kernigen Prachtmenschen, als einen goldigen, harmlosen Jungen. Ist hier nicht schon die Realität verfehlt? Aber das ist nicht alles: Die in der Literatur so zahlreichen Strichmädchen mit der Edelseele dürfen auch hier nicht fehlen. Aus der einen, der achtzehnjährigen Ria, die eben noch vom Laster entstellt schien, flammt ein trotziger Gruppenstolz, wenn die »Clique der Konsequenten« in Gefahr gerät. Und die andere, die neunzehnjährige Claire, die ein raffiniertes, verkommenes Geschöpf ist, wird zur Heiligen und wäscht dem Bandenführer Veit die Schmutzkruste von der treuen Jungenseele. Antje Weisgerber müht sich vergeblich um die Verworfenheit dieser Rolle, um so besser gelingt ihr das Ausstrahlen reinigender Kraft. Höhepunkt der gegenseitigen Läuterung ist die Liebesszene mit Veit. Beide ranken sich aneinander empor, beim ersten Kuss fällt alles »Niedrige« von ihnen ab, sie erkennen, dass sie einen falschen Weg gingen. Diese Wandlung ist rührend optimistisch, aber so Fred Denger, 1946 1391Auswahl von Artikeln aus dem Kurier unglaubwürdig, dass selbst der Autor sie für unwahrscheinlich halten musste. Wenn er sie für möglich hielt, so geschah es aus Naivität. Aber ebenso ist als Quelle dieser Verirrung eine halb unbewusste Verlogenheit denkbar. Nach dieser Szene ist der Läuterung keine Schranke mehr gesetzt: Inge von Wangenheim tritt – resolut und maskulin – als wackere U-Bahnschaffnerin auf. Käme sie nicht von der Nachtschicht, so könnte man glauben, sie wäre einem Schulungskurs entsprungen. Sie redet dem losen Mädchen plump vertraulich und wohlmeinend ins Gewissen, spricht vom Ethos der Arbeit. Im dritten Akt appelliert der Bandenführer Veit an seine Jungens, beschwört sie, auf den rechten Weg zurückzukehren. Und der Kriminalkommissar Schall, der sich in das Vertrauen der Clique eingeschlichen hat und sie ausheben lässt, erweist sich als Menschenfreund und wird dafür sorgen, dass die Kinder etwas Ordentliches werden. Es soll ein Ausweg gezeigt werden, statt dessen aber wird die Darstellung des Zustandes durch ein happy end verwässert, das alle Probleme löst und die schreienden Anklagen ihrer Wirkung beraubt. Waren die erbarmungslos grellen Bilder der Verkommenheit oft erschütternd, so ist Denger dort, wo er uns hoffen heißt, entweder mutlos vor der Realität oder onkelhaft aufbaufreudig. Unter Gustav von Wangenheims schleppender Regie wird die spärliche Dramatik gedehnt und zähflüssig. Mit ermüdender Präzision wird jedes Detail ausgespielt. So konnte Legal den gewitterschwülen, spannungsgeladenen Onkel Wanja inszenieren. In Dengers Stück aber erschlafft dadurch jede Dynamik. Aus meinem ABC – nach Walther Karsch (6. April 1946) H wie Hipponax. Hinter diesem Namen des antiken Urparodisten verbirgt sich ein frecher junger Mann, der sich anscheinend gerne in geistigen Kreisen lümmelt. Jeden Sonnabend schwingt er sich auf das stilistische Steckenpferd einer anderen Prominenz. Wenn er eines Tages bei diesem Ritt zwischen sämtliche Stühle gerät und ihm sein Bumerang an den Kopf zurückfliegt, so dürften ihm doch einige Felle davon schwimmen. P wie Pyramidal. Hat mit Pyramidon so viel und so wenig zu tun wie magistral mit Magistrat. 1392 Teil IX R wie Ross, Synonym für Pferd. Vierbeiniges Vehikel zur Beförderung von Menschen und Traglasten. Seitdem das Übermenschentum in Verruf geraten ist, hat man, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen, dass Überpferd konstruiert, dem eine Schreibmaschine aufmontiert wurde. Trotzdem nicht zu verwechseln mit P wie Pegasus. Gemeint ist in diesem Falle das hohe Ross, auf das ich mich zu setzen pflege, wenn ich eine Theaterkritik schreibe. Nach Premieren galoppiere ich auf diesem prächtigen Tier in die Redaktion des Tagesspiegels, über meiner Mütze nur die Sterne und im Herzen das erhebende Gefühl, in den Garderoben sämtlicher Berliner Theater gefürchtet und verflucht zu werden. Sch wie Schnipsel. (Hat nichts zu tun mit Schnitzel.) Kurt Tucholsky blies sie ab und an von seinem Schreibtisch. Was dabei nicht in dem Papierkorb, sondern in die Spalten der Weltbühne segelte, gehört zu den köstlichsten Miniaturglossen der Weltliteratur. Leider gibt es heute niemanden mehr, der mit dieser graziösen Leichtigkeit den Esprit aus dem Ärmel schütteln und in die Rotationsmaschine pusten kann. Aber was dem Meister die Schnipsel sind, das sind dem Schüler die ersten drei Buchstaben des Alphabets. Nur fällt den Schülern das Buchstabieren manchmal schwerer als dem Meister das Lesen und Schreiben. W wie Wegener, Paul. Schauspieler des königlichen Hoftheaters in der Schumannstra- ße. Wird von den Meisten stark überschätzt. In Wirklichkeit ist er ein mittelmäßiger Komödiant, wie es sonst nur Iffland, Kainz, Mitterwurzer und Bassermann waren (die bei mir übrigens auch nichts zu lachen hätten, wenn sie heute in Berlin auftreten würden). Vor allem ist es unverzeihlich, dass der Mann nach fünfzigjähriger Bühnenpraxis immer noch so routiniert spielt. Hipponax »Wir heißen euch hoffen« – nach Fred Denger (13. April 1946) (Ein möbliertes Zimmer am Kurfürstendamm, dem man noch die Folgen des Bombenkrieges ansieht. Veit, jugendlicher Bandenführer, 22 Jahre; Claire, 19 Jahre; Evelyn, 22 Jahre; Ria, 18 Jahre, lümmeln sich auf einem Sofa und einer Couch. Im Hintergrund sieht man durch Fenster die Ruinen der Gedächtniskirche.) 1393Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Evelyn: Na watt denn, watt denn?! Claire: Ja, ich habe es satt! Seht ihr denn nicht, dass ihr auf dem falschen Wege seid, Mädels? Zwölf Jahre Hass und ihr könnt nur noch hassen. Und wo ihr lieben solltet, da verkauft ihr euch! Kehrt um, geht in euch, besinnt euch, werdet Menschen. (Es klopft. Gleich da rauf tritt Kläre, eine U-Bahn-Schaffnerin ein.) Kläre: Richtig, geht in euch, Mädels, arbeitet. Das Baugewerbe sucht Hilfsarbeiterinnen, lasst euch umschulen, auch Sie, Fräulein Claire! Sehen Sie mich an: Ich arbeite täglich fünfundzwanzig Stunden im U-Bahn-Schacht, dann gehe ich zum antifaschistischen Heimatsabend, und in der übrigen Zeit führe ich meinen Haushalt! Veit (zerknirscht): Haben Sie auch einen Freund? Kläre: Klar Mensch, habe ich! Aber erst kommt die Arbeit und dann die Liebe. Arbeit adelt. Claire (erstaunt): Und Sie lassen sich für die Liebe gar keine Zigaretten geben? Kläre: Die deutsche Frau raucht nicht! Die arbeitet nur! Ria (fällt die Zigarette aus dem Mundwinkel): Aber das haben wir ja gar nicht gewusst. Evelyn (lässt die Puderquaste fallen): Aber das ist ja eine ganz neue Welt! Wie frei und glücklich man auf einmal ist. Ria: Heute noch greife ich zur Maurerkelle. (Nestelt die Pistole aus dem Strumpfband und wirft sie auf den Erdboden, während Veit errötend fortblickt. Sie ist sein zweites Erlebnis.) Da, Schluss mit dem Luderleben. Die Syphilis wird schon durch den Aufbauwillen seelisch kuriert werden! Claire (zärtlich): Und wir Veit, was tun wir? Kläre (während Veit trotzig und verstockt dasteht): Was Sie tun? Heiraten natürlich, schmuckes Häuschen aufbauen, klein, aber mein. Kinder in die Welt setzen. 1394 Teil IX Veit: Ich kann nicht! Ich kann meine Jungens nicht im Stich lassen! Ich muss auch Ihnen den richtigen Weg zeigen! Kläre: In den Jugendausschuss müssen die. In die Bastelstunde, Blockflöte blasen, Schneewittchen aufführen und für die Einheitsfront gedrillt werden! Ist doch alles schon einmal dagewesen! Veit: Ist das wirklich der richtige Weg? Claire: Glaube an mich, Lieber, du musst ganz stark glauben, weißt du? Veit: Ist denn das wirklich der richtige Weg? Kläre: Also ich versichere Ihnen, es ist der richtige. Der führt ohne Umwege aus der Pubertät ins Deutsche Theater. Ria (besinnt sich, hebt den Zigarettenstummel vom Boden auf und schiebt ihn in den rechten Mundwinkel): So was ist seit Schillers Räubern nicht mehr dagewesen. Hipponax In Berlin vor einem Jahr (13. April 1946) Vor einem Jahre war ich, wie man so sagt, »verschütt gegangen«. Ich war einem Truppentransport, der an die Ostfront ging, dem Dritten innerhalb von zwei Jahren, abhanden gekommen. Nicht ganz so unfreiwillig, wie ich es den Bahnhofskommandanten einredete, die mich argwöhnisch betrachteten, mir aber doch Marschbefehle ausstellen mussten, da ich die Fahnenflucht nach Heeresdienstvorschrift beherrschte. Ich reiste kreuz und quer durch Deutschland, immer hinter meinem Transport her, empfing Marschportionen, löffelte Erbsensuppe in vielen, vielen Wartesälen und ließ meine Papiere mit Sichtvermerken und Stempeln übersähen. Schließlich kam ich nach Berlin. Es war Fliegeralarm, in dem großen Bunker am Bahnhof Gesundbrunnen saßen, hockten und lagen viele hundert Menschen. Sie hatten bleiche, eingefallene Gesichter, waren apathisch und stumpf resigniert. Irgendwo in den dunklen Gängen greinten kleine Kinder, dicht über uns surrten Flugzeuge. Die neuen Bomben, die die Englän- 1395Auswahl von Artikeln aus dem Kurier der jetzt hätten, hörte ich, durchschlügen so einen Bunker ohne weiteres. Die das sagten, waren einander fremd, Schicksale sinnlos gebündelt durch das Kollektivgeschehen des Krieges. Über uns die Flugzeuge. Wenn hier so eine überschwere Bombe niedefiel, dann würden wir nur noch ein einziger ununterscheidbarer blutiger Brei sein, Männer, Frauen, Kinder, zerquetscht von zerborstenen Betonwänden. Diese des Todes oder einer vielleicht nur sehr kurzfristigen Rettung harrende Menschenschar, stumm und zu müde, um verzweifelt zu sein, oder leise und ängstlich flüsternd, bereitete mir einen merkwürdigen, spukhaften Empfang. »Jetzt ist es im Westen aber ordentlich losgegangen«, sagte einer. »Im Osten dauert es auch nicht mehr lange«, ein anderer. »Die treffen sich noch vor Pfingsten«, meinte der erste wieder, blickte sich dann aber ängstlich um. Ich trug Uniform. Niemand konnte wissen, was in der Affenjacke steckte, ein siegesgläubiger Heimatkrieger vielleicht, der gleich die griffbereite Durchhalteparole oder gar das Notizbuch zücken würde. Wenn die wüssten, dachte ich. Aber das dachten damals wohl die meisten von ei nan der. Der »deutsche Blick« war zur automatischen Gewohnheit geworden wie das schreckhafte Kopfeinziehen beim Herniedersausen einer Bombe. Kampf um ein Passbild Der Träger meines Namens war verschollen. Ich war nicht mehr ich selbst. Ich hieß Mario Glasberg und brauchte falsche Papiere. Mein Freund Alex besorgte sie mir. Dazu benötigte er ein Passbild von mir, eines, auf dem das linke Ohr zu sehen war. Das Kaufhaus in der Wilmersdorfer Straße fertigte vormittags Passbilder an. Fünfmal ging ich umsonst hin. Entweder war Stromsperre oder es gab auf halbem Wege Fliegeralarm für Stunden und Stunden. Strom schien es am Tage nur noch zu geben, um die Auslösung der Sirenensignale möglich zu machen. Strom war ein ungünstiges Zeichen. Man stellte den Drahtfunk an und hörte den Akkord, der Unheil bedeutete, oder das sinnverwirrende Namen- und Zahlenlabyrinth des Polizeisenders, das jeder verstand. Nachts hielt ich mich in einem Keller am Kurfürstendamm versteckt, aber am Tage musste ich auf die Straße. Fünf Tage lang bemühte ich mich um das Passbild, und wenn ich auf der Straße eine Streife traf, so stieg es mir eiskalt zum Herzen. Endlich war es so weit: Es gab Strom und für ein paar Stunden doch keinen Fliegeralarm. Ich hielt das linke Ohr hin, eine Lampe strahlte auf, es knipste, ich war photographiert. Am nächsten Tage hatte ich meine falschen Papiere. 1396 Teil IX Ein seltsamer Schlupfwinkel Fast täglich war ich bei Alberto am Lehniner Platz. Alberto war ein alter Mime, seit Jahren Großmeister des Schwarzhandels, womit er viele, viele »Getauchte« um sich her ernährte. Wenn man aus seinem Fenster blickte, sah man schräg gegenüber einen Panzer, der in die Erde versenkt war, und dessen Geschütz Albertos Haus bedrohte. Dahinter türmte sich, quer über den Kurfürstendamm, eine hohe Barrikade. Wann würde diese Kanone losdröhnen? Würde sie in Albertos Haus schießen, es in einen Trümmerhaufen verwandeln? Heute steht von diesem Haus nichts mehr, aber vor einem Jahr gingen wir dort aus und ein. Wir trugen in Aktentaschen Tüten mit Reis, Erbsen und Mehl aus dem Hause. Alberto öffnete Koffer, die bis zum Rand mit Lebensmittelkarten gefüllt waren, bot Havannazigarren aus pickfeinen Sperrholzkistchen an, teilte warmes Essen aus und schrieb auf blanko gestempelten Briefbogen der Charité ärztliche Bescheinigungen aus, die vom Volkssturm befreiten. Nur auf ein besonderes Klopfzeichen kam man zu Alberto hinein. Da saß er dann zwischen jeweils etwa zwanzig Leuten. Wenn man eintrat, zitierte er immer denselben Vers aus einem Gedicht Erich Weinerts: »Herr Schober, nun ist es so weit!« Und dann: »Eine Stulle gefällig? Ja, meine Herren, meine Revolutionsfrühstücke waren in Berlin schon 1918 ein Begriff!« Wen traf man alles bei Alberto? Ich lernte dort einen Stabsarzt kennen, der frontmüde Soldaten seit Jahr und Tag in seinem Lazarett unterbrachte und von dort aus für eine illegale Widerstandsgruppe arbeiten ließ. Einmal hatte er sogar einen, der von der Gestapo gesucht wurde, ordnungsgemäß sterben lassen, worauf der Tote prompt auferstand und am nächsten Tage von Alberto bei einem seiner vielen hilfsbereiten Mädchen versteckt und beköstigt wurde. Ein anderer, ein zweiundzwanzigjähriger, glutäugiger Bursche, war Hauptmann und politischer Kommissar im Sturmbataillon Marschall Titos gewesen, von kroatischer Ustascha gefangen genommen und an die Gestapo ausgeliefert worden, war aus dem KZ Mauthausen ausgebrochen, nach Berlin geflohen, wo er seither eine Widerstandsgruppe am Wedding führte. Ein Dritter war Drehbuchautor von Wehrmacht-Lehrfilmen, Unteroffizier, seit einem Jahr an einem Film über die Panzerfaust beschäftigt. Erst hatte er ihn in Frankreich drehen sollen, dann in Meseritz, und nun trug er seit zwei Tagen ein Telegramm aus Bayreuth in der Tasche. Der Lehrfilm sollte nun endgültig dort gedreht werden. Einen Tag später waren in Bayreuth die Amerikaner. Und der kleine Schmidt war da, der ein ganzes Institut für Paramedizin in der Aktentasche bei sich trug: Antiluetische Fieberspritzen, mit denen er Volkssturmbedrohte vor dem »Einsatz« bewahrte. Und Alex, der Pläne für die letzte 1397Auswahl von Artikeln aus dem Kurier große Flugblattaktion seiner Gruppe schmiedete, für die Nein-Aktion, von der jetzt Ruth Friedrich in der sie und Wolfgang Parth in seinem Büchlein Die letzten Tage berichtet haben. Heute ist dieses Bündel der Schicksale längst zerfallen. Sie streiten um Föderalismus und Zentralismus, für und gegen Urabstimmung und Verschmelzung. Manche grüßen sich nicht einmal mehr. Aber vor einem Jahr hockten sie gefangen in der Mausefalle, doppelt gefangen in dem engmaschigen Netz der Kontrollen, Überwachungen und Verordnungen. Ein Spießer antwortet (18. April 1946) Bei der letzten Jugenddiskussion im Deutschen Theater hat sich, wie von der Berliner Zeitung berichtet wird, das »Gesunde« und »Richtige« durchgesetzt: Begeisterung über Fred Dengers Wir heißen euch hoffen, Empörung über die Kritik. Auf der Bühne stand der gefeierte Autor und erklärte: »Ich habe den Spießern einen höchst unliebsamen Spiegel vorgehalten!« Und aus dem Parkett rief ein Junge: »Die Angeklagten saßen im Zuschauerraum und teilten Zensuren aus!« Da auch ich unter denen war, die Denger eine »Zensur« erteilten (und zwar leider keine blanke »Eins«), fühle ich mich nun sowohl angeklagt als auch als Spießer. Die »Anklage« darf ich, da ich selbst zu Dengers »verratener« Generation gehöre, mit einigem Recht ignorieren. Als »Spießer« aber muss ich antworten. Dengers Stück fand meine vorbehaltlose Zustimmung, so weit es wirklich anklägerisch war. Als Denger es vor Monaten einmal vorlas, sagte ich ihm: »Pass gut auf, dass dir niemand die destruktiven Stellen streicht!« (Wir duzen uns nämlich und sind außerberuflich gute Freunde!) Ich hätte lieber warnen sollen: »Pass auf, dass man dir nicht etwas Versöhnliches hineinfälscht!« Das nämlich ist geschehen, und hier wurde die Sache mulmig, so dass ich, als ich die Kritik schrieb, meine persönlichen Sympathien für den Autor schmerzlich unterdrücken musste. Dass heutzutage ein jugendlicher Krimineller und ein Strichmädchen vom Kurfürstendamm sich zwecks moralischer Läuterung ein Werther-Erlebnis von unsagbarer Keuschheit bereiten, fand ich ohnehin naiv, wenn nicht gar verlogen. Zu dieser unglaubwürdigen Seelenwäsche aber gesellten sich nun in der Bühnenfassung des Stücks auch noch die vom Überstunden-Ethos umstrahlte U-Bahn-Schaffnerin und der menschenfreundliche Kriminalkommissar 1398 Teil IX Schall als absonderliche Wegweiser zum Guten und Schönen. Und das passte mir nicht. Wenn man anklagen will – und man soll es unbedingt! –, so darf man die Wucht der Anklage nicht mit einem so billigen happy end beeinträchtigen. Emile Zola wäre ein schlechter Sozialkritiker gewesen, wenn er durch irgendeine fadenscheinige Läuterung die gesamte Familie der Rougon-Macquart zu Edelmenschen umgefälscht hätte. Dengers Stück war mir nicht anklägerisch, nicht realistisch und kompromisslos, mit einem Worte: nicht wahrhaftig genug! Von allen dichterischen Mängeln abgesehen, hätte es ohne U-Bahn-Schaffnerin und versöhnlichen Schluss erschütternd sein können. Dies mag eine spießige Ansicht sein, aber ich kann nicht umhin, sie zu vertreten und mich damit ausdrücklich als Spießer zu bekennen. Jedoch möchte ich bei dieser Gelegenheit auf eines noch hinweisen: Die Nazis haben es meisterlich verstanden, gerade das Fortschrittliche als »spießbürgerlich« zu brandmarken und den oppositionellen Elan der Jugend dagegen zu mobilisieren. Die Jugend wurde für greisenhaft reaktionäre Scheinideale missbraucht und kann sich dabei doch außerordentlich jung, revolutionär und schwungvoll vor. Die Kritiker an der Kritik sollten sich einmal überlegen, ob nicht heute wieder das gleiche der Fall ist: Man hüllt eine onkelhafte Aufbaufreudigkeit in die Prätention und Attitüde des Revolutionären, und die Jugend merkt es nicht und empört sich mit jugendlicher Unbedingtheit gegen die, die es ehrlich meinen und es ablehnen, wenn zeitkritische Wahrhaftigkeit mit blassen Läuterungsillusionen verwässert wird. Dabei belehrt ein einziger Blick in die Wirklichkeit, dass dies tatsächlich Illusionen und dass das »Gesunde« und das »Richtige« oft nur Ergebnisse eines feigen Vertuschungsmanövers sind. Schläge, die nicht weh tun. Franz Molnárs Liliom mit Albers im Hebbel-Theater (26. April 1946) Liliom – Ausrufer der Luftschaukeln auf dem Rummelplatz, routinierter Einbrecher, vor allem in Frauenherzen, mehrfach vorbestraft und äußerst verkommen – wird als Selbstmörder von der elysäischen Kriminalpolizei verhaftet, klettert auf der Himmelsleiter ins Jenseits und kehrt nach sechzehn Jahren wieder, um seiner vaterlosen Tochter »etwas Gutes« zu tun. Ist es mit Hans Albers nicht ähnlich? Wäre er uns nicht im Film gegenwärtig geblieben, so könnte man meinen, er habe mit dem gleichen metaphysischen Trick einen finsteren Zeitraum einfach überstiegen und feiere nun Auferstehung, als sei inzwischen nicht das Geringste geschehen. Liliom ist unverbesserlich, Albers 1399Auswahl von Artikeln aus dem Kurier unverwüstlich. Liliom können die Läuterungsfeuer des Jenseits, Albers die Jahre nichts anhaben. Mit dem ersten Strahlenblick, mit einer einzigen wurschtigen Handbewegung hat er alle Bedenken überwältigt. Gab es überhaupt Bedenken? Ja und nein! Sie melden sich automatisch, wenn längst verjährte Sensationen heute zelebriert werden, um unser ärmliches Dasein in trostreiche Illusionen zu hüllen. Die Sensation Hans Albers ist also nur zu rechtfertigen, wenn Franz Molnárs Liliom als Ganzes heute noch standhält. Alfred Polgar, der diese mystische Komödie aus dem Ungarischen ins Berlinerische übertrug und so den zigeunernden, zwielichtigen Helden dem Franz Biberkopf aus Döblins Berlin Alexanderplatz näherte, nannte diesen Molnár, im Gegensatz zu manchen anderen, ewig. Dichterisch sind in Liliom nur einige versickernde Dialoge von Strindbergscher Zerquältheit. Doch Polgar hatte recht, wenn ihm die Raffinesse in der Mischung von großen Mitteln und vielen kleinen Mittelchen ewig anwendbar schien. Molnárs Geheimnis ist: Er hat für jeden gesorgt. Und das ist auch Albers’ Geheimnis. Hier ist dem Primitivsten noch sein Quantum an Gemütsschnörkeln zugemessen, das für den Anspruchsvollen aber immer unverzüglich mit der kalten Dusche einer erfrischenden Flapsigkeit neutralisiert wird. Liliom ist ein Schurke, klaut den Dienstmädchen ihr Erspartes, schlägt sein Weib, heckt Mordanschläge aus, verübt Selbstmord und zeigt selbst im Himmel keinerlei Reue. Er kann sich aber auch redlich verlieben, kann von Vaterfreuden überwältigt werden, kann lieb herzlich und überaus gefühlvoll sein. Wenn er, als Bettler verkleidet, vom Himmel auf Urlaub kommt, gibt er zwar seiner inzwischen anmutig herangewachsenen Tochter einen Klaps, aber doch nur deshalb, weil die so ungeduldig ist und ihm keine Gelegenheit gibt, ihr »was von Herzen Gutes« zu tun. Es ist ein Schlag, der nicht weh tut, ein Schlag von Geisterhand. Überhaupt werden immerfort Schläge ausgeteilt, die nicht weh tun, sondern streicheln. Je nach Geschmack und Anspruch zuckt man zusammen. Der eine, wenn Liliom sich Szenenbild, Hans Albers als Liliom 1400 Teil IX immer wieder als treuherziger Bursche zeigt und beinahe in peinliche Sentimentalität entgleitet, der andere, wenn dieser Prachtmensch sich doch gar so roh gebärdet, dass man ihn beinahe verabscheuen muss. Aber beim »Beinahe« bleibt es in beiden Fällen, immer dicht an der Grenze des Rührseligen sowohl als des viehisch Brutalen. Eine raffiniert verspielte Dialektik zwischen Finsternis und Süßlichkeit, beides eigentlich parodierend, stößt überall an und wird, bevor eine Gefahr akut wird, stets ins Gegenteil umgebogen. Albers’ Darstellung umgreift den krassen Dualismus dieser Möglichkeiten: Albers kann nur entweder die Hose hochziehen, den Finger in die Nase stecken und männlichste, lässige Unbekümmertheit mimen oder aber das Goldherz durch die raue, aber durchsichtige Schale blinken lassen und so manche gerührte Träne im Winkel des blanken, blaugrauen Auges zerdrücken. Sein Berlinertum ist in Dialekt und Gebaren nur eine hauchdünne Legierung seiner waterkantischen Substanz. Aber behäbig wälzt er sich in allen Extremen seiner zwiespältige Rolle und schwelgt im Selbstgenuss einer grandiosen Naivität. Wer sich durch den Rohling beleidigt fühlt, mag sich an den Prachtmenschen halten, und wer den Rührseligen unerträglich findet, wird durch den Ganoven hinreichend getröstet. Die pointierte Regie Karl Heinz Martins lässt Albers Raum, sich breit auszuspielen. Trotzdem verblassen die Nebenfiguren keineswegs. Martin hatte sie mit spezifischer Individualität geformt. Das Geschehen ist zu dichtester Kontinuität zusammengezwungen, jedoch ragen aus dem Expressiven die stark typisierten Personen gleichsam lotrecht empor: Ludwig Linkmann, ein schleichender, schmieriger Penner von zäher List und dumpfer Verkommenheit; Gundel Thormann, ein begriffsstutziges Landmädchen mit heftigem und keuschem Herzen; Helga Zülich, eine tragisch Liebende, die im Schatten des strahlenden Liliom verkümmert; Erna Sellmer, die gefährlich rot flammende Schaubudenbesitzerin, die sich aus Leidenschaft in Neid, Bosheit und Zärtlichkeit verzehrt. Walter Tarrach übertrifft seine bisherigen Leistungen weit mit der glänzenden Charakterstudie eines kreuzbraven, dienstbereit beflissenen jüdischen Kleinbürgers. Und was wäre die Fülle der Gestalten ohne den im doppelten Wortsinne himmlischen Kriminalkommissar Karl Ettlingers, der im Polizeirevier auf einer Wolke Selbstmörder verhört und umgeben ist von merkwürdigen himmlischen Heerscharen. Von einem Chor alter Damen und Herren in Trauerkleidern. Die vertreiben sich Zeit und Ewigkeit mit Theo Mackebens geistvoll-graziösen Choral-Parodien. 1401Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Jenseitiges Gespräch mit Goethe – nach J. P. Eckermann (27. April 1946) Heutigen Vormittags zeigte sich Goethe nach etlichem Lustwandeln auf den frisch geharkten Wolken der elysäischen Gefilde wie stets erklecklich wohlgesonnen und leutselig. In seinem Arbeitskabinette auf dem Olympe angekommen, versenkte er sich jedoch mit dem Ausdruck eines gewissen Unmuts in den Anblick einer jener Steingutschalen, wie sie auf Erden als Aschenbecher oder dergleichen gebräuchlich sind. Mit einer Gebärde, die wohl einigen Widerwillen ausdrücken sollte, gebot er mir näher zu treten, so dass ich auf dem Grunde der Schale eine Anzahl Objekte gewahrte, die sich bei flüchtiger Betrachtung wie daumengroße, weiße Papierstücke ausnahmen, ähnlich jenen, Konfetti genannt, die die Irdischen sich gegenseitig bei den Lustbarkeiten der Fastnacht an Haupt und Glieder zu werfen pflegen, wobei sie ein Mannigfaltiges an Übermut empfinden und kundtun. »Dies scheint euch Kehricht von der ärgsten Sorte«, sagte Goethe, und sein Ärger wich einem Anflug des Schalkhaften in seinen feurigen Augen. »Ei«, versetzte ich, »ganz gewöhnliches zerfetztes Papier, bedünkt mich!« »Mitnichten«, versetzte Goethe, der nun nicht mehr umhin konnte, wissend und zudem geheimnisvoll zu lächeln, »seht Euch’s doch nur recht deutlich an, nehmt’s in die Hand!« Ich tat wie mir geheißen, griff recht beklommen in die Schale hinein, die von grauen Ascheresten verunziert war, hob eines der kleinen Papierstücke gegen mein Auge und ward zu meinem nicht geringen Erstaunen gewahr, dass es mit jenem würzigen Kraut gefüllt war, das bei den Irdischen Tabacco benannt wird und als Genussmittel für Mannsleute üblich ist. »Ein Reisender«, erläuterte Goethe, »kam heute mit der Postkutsche auf einem Radarstrahl des Weges und bracht’ es als Gruß des Prähistorischen Museums in Berlin.« »Recht abgeschmackt von den Herren«, sagte ich, »sie sollten doch den Bielschowsky gelesen haben und wissen, dass sie ein Verächter des Tabacco sind.« »Wer weiß unter den Irdischen noch von mir«, versetzte Goethe mit einem Anflug des Bitteren in seinem Marmorantlitz, »aber ich verarge es ihnen nicht.« »Und dies wäre?« fragte ich. »Man fand’s in einer Katakombe unter Trümmern. Wie Ihr wohl wisset, wurde Berlin um die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts dem Erdboden gleich gemacht. Zu jenen Zeiten pflegten die damaligen Einwohner des Landstrichs für winzige, mit Tabacco gefüllte Papyrusröllchen ihr Gut und Geld einzutauschen, einer unseligen Leidenschaft ergeben, die ich schon bei dem maßlosen Jean Paul argwöhnte. Sie steck- 1402 Teil IX ten das Röllchen am einen Ende in den Mund, setzten das andere Ende in Brand und empfanden alsbald eine törichte Wollust des Gaumens. Ja, sie waren in ihrer Not so findig geworden, dass sie die Reste – vom niederen Volke Kippen genannt – wiederum in nutzfertigen neuen Papyrusrollen verarbeiteten.« »Könnten Sie«, so fragte ich beklommen und auf Goethes tief blickenden, durchdringenden Geist vertrauend, »hieraus etwa schließen, wie die geschichtliche Lage des Volkes von Berlin damals beschaffen sein mochte?« »Wohlan denn«, versetzte Goethe, »strömt Euch nicht aus jener länglichen Kippe dort der herbe Duft Virginias entgegen? Und jene dort, mit dem Pappmundstück, ist sie Euch nicht recht sinnfällig gegenwärtig im Mundwinkel eines braven Rotarmisten? Und ist in dieser nicht der würzige Geruch deutscher Buchenwälder enthalten? Und der rote Rand gar, der sich auf der englischen Kippe so anmutig abzeichnet, sollte er nicht vom bemalten Rosenmündchen einer Schönen herrühren, die den Geliebten recht eifrig um des Papyrusröllchens willen umbuhlt hat? So liegt denn der Schluss auf der Hand, es müsse damals in der Gegend von Berlin eine große Völkerschlacht stattgefunden haben, oder es müsse Berlin von mehreren Völkern besetzt gewesen sein, was mir der Lippenstiftreste wegen wahrscheinlicher deucht, die doch auf eine gewisse Friedfertigkeit der Umstände schließen lassen.« »Darf ich die Vermutung laut werden lassen, dass Sie selbst diese Begegnung symbolisch meinten, als Sie Ihren unsterblichen Divan einen westöstlichen nannten?« Goethe errötete, weil die Erinnerung an den Divan ihm immer die liebliche Gestalt Suleikas heraufbeschwor. Es sah aber niemand, da ich schon seit geraumer Zeit gen Boden blickte. »Hier, bester Freund«, versetzte Goethe, »mag Euer Bedürfnis, mein Lebenswerk nach Eurem Dünken auszulegen, ein wenig hoch gegriffen haben!« Woraufhin er mich bis zur Mittagsstunde mit den Worten entließ: »Notiert’s nur recht fleißig!« Bevor ich ging, sah ich mich noch einmal um und gewahrte, dass Goethe einen kleinen Holzgegenstand, wie er bei den Irdischen wohl als Pfeife üblich ist, aus der Tasche gezogen hatte und die Kippen dahinein entleerte. Woraufhin er sich der Sonne zuwandte und den Tabacco an einem Strahl derselben entzündete. »Mehr Qualm«, sagte er lächelnd. Hipponax 1403Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Martin und Monika. Versprich mir nichts in der Tribüne (27. April 1946) Hier ist Viktor de Kowa heillos in kindische Gauklerschrullen verbohrt: Zerstreute Geistesabwesenheit als Kehrseite innerer Konzentration ist ein liebloser Kontakt zur Wirklichkeit, die schnöde vernachlässigt wird. Junges Eheglück ist dadurch schlimm gefährdet: Der Mann, der sich in der Dachkammer um eigene Vervollkommnung müht, hat kein Verständnis mehr für die hungernde Frau, die sich in Alltagssorgen zerquält und dann die Initiative ergreift, diese Misere tatkräftig zu überwinden. Charlotte Rißmanns locker und schwerelos entworfene Komödie (vielen wohl nur noch bekannt durch die Verfilmung, die neben de Kowa Luise Ulrich reiche Möglichkeiten zu schauspielerischer Glanzleistung bot) wird nun wieder als Theaterstück gegeben. Für den, der den Film sah, ist das, was flutend kontinuierliche Bilderfülle war, ernüchternd eingeengt in vier dürftige Szenen. Mit diesem Mangel versöhnt, dass de Kowa auf der Bühne mehr geben kann. Was man nach dem Film, in dem er noch allzu charmant war, kaum ahnen konnte, wird jetzt offenbar: De Kowa müsste unbedingt einmal den Arnold in Michael Kramer spielen! Obwohl der Hauptdarsteller selbst Regie führt, was immer eine Gefahr und bei de Kowa nun schon Gewohnheit ist, wird diesmal das Ensemble nicht sorglos um dessen zentrale Figur gruppiert. Leider vermögen die Partner ihre Rollen nicht zu plastischen Charakteren zu steigern: Olly Holzmann ist als Monika ein munteres Plaudertäschchen, aber unvollkommen in der Verwirrung, die hilfreiche Hochstapelei und Zärtlichkeit stiften. F. W. Schröder-Schrom verwischt als Kunsthändler mit konventionellen Gesten die tragischen Ursprünge seiner Melancholie. Erlösung durch den Wald? Wie es Euch gefällt im Schlosspark-Theater Steglitz (2. Mai 1946) Shakes peares Ardennenwald gibt sich als wiedergewonnenes Paradies, aus dem kein Engel mit Vertreibung droht. Flüchtige aus einer starren Welt höfischer Ränke werden erlöst in der Unschuld des Waldesgrüns. Der Fluch weicht von Ausgestoßenen und von ihren Verfolgern. Etikette, Eigensucht und Hass sind Verkrampfungen, die sich lösen beim ersten Anhauch würzigen Humusgeruchs. Bei Schlangen und Löwen ist auch für Schafe Raum. Lammfromm und liebeheischend lebt in wunderlicher Fried- 1404 Teil IX fertigkeit, in fast schon wieder unsittlicher Zutraulichkeit Mensch neben Mensch, dem Diesseits von Gut und Böse zustrebend. Also die Idylle als bestes Kapitel des Lebens? Dann wäre Shakes peare nicht Shakes peare. Aber hier ist nur einer, der durchschaut, dass allein ein Trug unterläuft: Jacques, der dunkle Narr, der Melancholiker aus Grundsatz. Der Wald als Deus ex Machina – wie ihn auf die Bühne bannen? Shakes peares Theater war ohne Bilder, das Wort schuf die Landschaft. Reinhardt ließ einen romantischen Wald bauen. Spätere deuteten Bäume und Behausungen stilisierend an. Boleslaw Barlog, der Regisseur, und Willi Schmidt, der Bühnenbildner, haben sich für ein Watteausches Waldgelände entschieden. Viel Grün, viel Laub, stehendes Gewässer, ein ferner Tempel – keine Wildnis für Löwen und Schlangen. Merkzeichen des wechselnden Schauplatzes jedes Mal ein Versatzstück: Ein Brunnen, eine geborstene Säule, ein gefällter Stamm, eine Sonnenuhr. Kulturlandschaft, Vorstudie zum Wörlitzer Park. Es fehlt alles Gefährliche. Der gute Ausgang steht schon fest, als sich zum ersten Male der Vorhang vor dem lieblichen, anheimelnden Bild teilt. Die Ängste der Liebenden wirken wie spielerische Verstellung. Trotz der Schäferfiguren (die Shakes peare aus seiner Vorlage, einem Hirtenroman, übernahm) ist diese Komödie doch gerade kein Schäferspiel, sondern eine Dichtung des Waldes, vieldeutiger als der Sommernachtstraum. Nicht unbedenklich, sie in die geschlossene Sphäre des Galant-Bukolischen zurück zu versetzen. Sehr dekorativ zwar auch. Barlog ist ein Regisseur der geformten Bewegung. Man möchte von ihm einmal Tirso de Molina, Molière oder Goldoni sehen. Hier im reifen Shakes peare gelingen ihm die Partien am besten, wo der Dichter bewusst die musikalische Symmetrie zeitgenössischer Komödien nachbildet und parodiert (das Quartett im vorletzten Bild). Er ist ein Dirigent der Gänge und Gesten. Das Wort durchleuchtet er nicht bis auf den Grund. Selbst Hans Söhnker als grämlich-schwarzer Illusionszerstörer Jacques, eindringlich angelegt, bringt es doch nicht überall zum wirklich beunruhigenden Gegengewicht gegen die Naturseligkeit der anderen. Diese geben sprachlich, was sie aus Kultur und Intensität in sich haben, und das ist zum Teil nicht wenig – aber es bleibt Gut des Einzelnen. Der trefflichen Gudrun Genest steht der burschikose Ganymed besser an, als die sanft-glühende Rosalinde; darum spürt man dies aus jenem nicht so leicht heraus (letztes großes Gegenbeispiel: Käthe Gold). Ulrich Hoffmann, ihr Orlando, spielt sich mit der Rolle mehr und mehr frei – bis fast zum Romeo. Hil- 1405Auswahl von Artikeln aus dem Kurier degard Knef, Muhme Celia: Ein Watteausches Bild für sich, warm und herzlich im Grundton, doch ungelockert. In vornehmer Sprachkultur Arthur Schröders verbannter Herzog; ungewollt brutaler Kontrast zu ihm: Sein böser Bruder (dessen Läuterung Shakes peare lässig vergaß). Chargen, durchgefeilt in Wort und Gestik: Alfred Ganzer als jener Alte, dem der Wald den Tod bringt, weil seine gute Seele der Läuterung nicht mehr bedarf; das Schäferduo Franz Stein und Walter Bluhm. Und dann eine unauffällige Kostbarkeit: Heinrich Troxbömkers weiser Narr Probstein, bei dem wie bei keinem seiner Vorgänger in dieser Rolle die Kennzeichnung des Herzogs zutrifft: Er hüllt sich in Torheit, um seinen hellen Witz zu verbergen. Archaisierend-unidyllische Musik von Siegfried Borris. Ausdauernder Premierenbeifall für alle, besonders für Barlog, Söhnker und das Paar Genest-Hoffmann. Retter vor dem Vakuum. Anmerkung zu Gustaf Gründgens (3. Mai 1946) Als Gründgens 1934 die Generalintendanz der preußischen Staatsschauspiele übernahm, wusste er genau, was er tat. Er übernahm die Verantwortung für die geistige Tradition des deutschen Theaters, auf die Gefahr hin, der Verachtung der ganzen Welt ausgesetzt zu sein und gerade in dem Augenblick tragisch Undank zu ernten, in dem er seine schwere Aufgabe vollendet haben würde. Gründgens stand vor der Wahl, die deutsche Theatertradition in der Geistlosigkeit des Nazismus verfaulen zu lassen oder sie hinüber zu retten in eine freiheitliche Zukunft. Theater ist die große, bunte Verführung menschlicher Amüsierfreude zum Geist und also etwas äußerst Lebendiges, das sich nicht einfach konservieren lässt. Rettung einer Tradition bedeutet hier die pflegliche Unermüdbarkeit alltäglicher Arbeit an Dichtung, Mensch und Materie. Gründgens entschied sich für die Kunst, für den Geist und damit notwendig auch gegen den Nationalsozialismus. Gründgens mit Antje Weisgerber, 1946 in „Der Snob“ 1406 Teil IX Bedenken wir die heutige Situation, so wird uns klar, dass Gründgens damals das Richtige tat. Auf vielen Gebieten der Kultur gewahren wir gegenwärtig beängstigt und beschämt ein völliges Vakuum. Im Berliner Theaterleben ist es anders. Hier brauchte weder an Vorgestriges angeknüpft, noch eine künstliche Gesinnungswandlung forciert zu werden. Hier war, unbeirrt durch tendenziöse Einflüsse, wertvolle Arbeit geleistet worden, die man wenige Wochen nach der Beendigung des Krieges sogleich wieder fortsetzen konnte. Gewiss mag es höchst überflüssig gewesen sein, dass in den vergangenen Jahren die Gräuel des Nationalsozialismus mit Kultur verbrämt waren, und es mag allen Künstlern, auch Gründgens, als erhöhter Schuldanteil zugemessen werden, dass sie ihre besten Leistungen für das kulturpolitische Vertuschungsmanöver der Nazis missbrauchen ließen. Eines aber lässt sich nicht bestreiten: Wenn in Berlin gleich nach der Niederlage grandiose Aufführungen zu Stande kamen, so lag dies vor allem an der Vorarbeit, die Gustaf Gründgens geleistet hatte, ein früher Pionier einer neuen Theaterepoche, zu Unrecht verdächtigt als Renegat und Opportunist. Die U-Bahnschaffnerin und die Kritik (4. Mai 1946) Nach Friedrich Luft (Die neue Zeitung): »… Urbanus salutat Hipponacem! Auf, Bruder Hipponax, auf Freunde, lasst uns ins Horn stoßen, lasst uns auf die Schreibmaschine einhauen, dass das Farbband um die Tasten schlingert. Ein Leid ist es doch um die jungen Menschen, ein jämmerliches, das einen ans Herz stößt! Da haben die Kritiker es leicht, wenn die Szene zum Tribunal wird, sich rittlings auf ihre Prinzipien zu schwingen. Wie anders Urbanus, Freunde! Am Herzen gestoßen, schlägt er die Hände vors Gesicht. Und neben ihm wird Ella im Halbdunkel des Parketts unruhig. Aber wie er wieder aufblickt, hat sich oben etwas geändert: Freunde, eine Frau steht da, ich sage Euch! Eine Frau, über die Urbanus am laufenden Farbband einen Roman schreiben könnte. Hätte Ella nicht argwöhnisch geäugt, Urbanus hätte auf der Stelle niederknien können. Obwohl Ella so pfleglich auf seine Bügelfalten hält. Aber Bügelfalten her und hin – diese Frau, Bruder, ist einfach Zucker. Lasst mich des kritischen Behufs vergessen, Freunde …« Nach Enno Kind (Neues Deutschland): »… nicht nur beinahe asoziale Jugendliche immer noch der Freien Deutschen Jugend ferngeblieben sind, sondern es hier um Prostituierte und andere soziale Probleme geht, die noch lange nicht in einen verstaubten Gesichtspunkt geschoben werden konnten, da auch heute wieder eine gewisse 1407Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Reaktion am Werke ist, muss es hier einmal und ein für alle Mal festgehalten werden, dass wir nicht nur kolossales Glück entwickelt haben, dass wir nach der Brechung der bewaffneten Macht des Faschismus durch die tatkräftige Unterstützung der Besatzungsmächte eine wahrhaft volksverbundene Polizei haben, sondern dass im Großen und im Kleinen noch nicht klar war und ist, dass in bisher nicht üblichen Formen eine neue Zeit angebrochen hat und weit da rü ber hinaus das Fundament für die Keimzelle der Erneuerung der deutschen Kultur gelegt wurde. Wer waren die Schaffnerinnen, wer sind sie? Es waren diejenigen, die gleich nach der … tatkräftigen Neuaufbau … zeitgemäße Ausrichtung. … Dichter zur Feder gegriffen und da rü ber hinaus die Maler zum Pinsel gegriffen, um die sozialen Probleme … weit da rü ber hinaus …!« Nach Paul Wiegler (Nachtexpress): »Bei Brahm war das die Sorma: Helläugig, schlank und lichtüberflutet stand sie da. Kainz spielte den jungen Bandenführer Veit. Die Stimme federte in stählern schwingenden Versen. Fünf Jahre später die Duse. Unvergesslich. Immer wieder steigen diese Assoziationen auf: Bei Reinhardt Tilla Durieux. Mit Wegener in jäh zuckender Leidenschaft. Dann Käthe Dorsch. Und jetzt Inge von Wangenheim. Männlich und resolut, gestrafft noch der Rosenstrauß, den sie im Arm hält. Immer diese Assoziationen …« Nach Ilse Jung (Tägliche Rundschau): »Mit feinfühliger, glättender Hand lenkte die Regie Gustav von Wangenheims die Handlung in die tiefen Probleme der jungen Generation hinein. Aus dem Seelischen heraus, aus dem Gefühl heraus, aus dem Intuitiven heraus gestaltete … will die Jugend einen Glauben und sich diesen Glauben nicht mehr nehmen lassen. Gerade die Jugend hat heute einen Anspruch auf ihren Glauben und aus diesem Bewusstsein heraus gestaltete der junge Dichter Fred Denger die junge U-Bahnschaffnerin, die aus ihrem Pflichtgefühl heraus den jungen Menschen wieder ein Ziel und einen Glauben gibt. Aus ihrer ganzen Menschlichkeit und Güte heraus stellt Inge von Wangenheim diese Figur auf ihre, fest im Boden verwurzelten Beine, jeder Zoll breit kein Luxuspüppchen, sondern ein echter, handfester Mensch.« Nach Walther Karsch (Der Tagesspiegel): »… und sprechen das in einer Sprache, die man sich im Namen dieser Sprache gefälligst verbitten sollte …« Nach Statt (Der Berliner): »Der größte Erfolg des Abends aber festimentierte sich nicht auf der Bühne, sondern im Parkett: Dort saß frisch und majestätisch unser Hans Albers. Wieder in seinem Berlin, trägt er jetzt einen einreihigen Smoking …« 1408 Teil IX Nach Werner Fiedler (Neue Zeit): »… ihre Seele ebenso blank geputzt wie ihre Uniformknöpfe und rangiert im Verschiebebahnhof ihrer Gefühle die mit Erotik geheizte Lokomotive des Herzens und den lästigen alten Güterwagen der Pflicht. Die vollen Züge, die sie abdampfen lässt, und die letzten Züge, in denen der Ermordete liegt, werden von beiden in vollen Zügen genossen. Der junge Autor hat es sich leicht gemacht, hat mit schneller Hand die Jugendsünden von der U-Bahnschaffnerin auf ein totes Gleis schieben lassen. Mit der Signallampe der Gesinnung regelt sie den Verkehr der jungen Räuberbande (inklusive des unehelichen), die dann schließlich mit dem Volldampf des Arbeitsethos in die Reparaturwerkstätte für umgeschulte Lausejungens einfährt. Alles einsteigen, die Türen schließen!« Hipponax Literarisch-Kulinarisches – nach do-Dw. in der »sie« (11. Mai 1946) Unter den zahlreichen Dichtern, die heute wieder mit Ehren genannt werden dürfen, befindet sich auch der unverwüstliche Spötter Heinrich Heine, dessen Loreley allen bekannt ist. Von ihm stammen auch die – seien wir ehrlich – recht herzlosen und bissigen Verse: »Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüß mich nicht. Unter den Linden! Wenn wir nachher zu Hause sind, wird sich schon alles finden!« Man braucht von Kochkunst nicht viel zu verstehen, um den prickelnden Sinn dieser Strophen zu erfassen. Aber wie immer bei Heine schlägt auch hier unter dem hartgesottenen Gespött ein warmes, fühlendes Herz, das der Volksmund in die köstliche Spruchweisheit gegossen hat: »Zwei gut Ding kommt selten zusamm’!« Der echte Bayer fügt in seiner unvergleichlichen Art noch hinzu: »Aan Bier oane aan Radi is ka Bier, Sauluder dreckats!« Wobei der letztere kräftige Ausdruck von Herrn Permaneder in Thomas Manns Buddenbrooks gebraucht wird. 1409Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1410 Teil IX Aber wie dem auch sei: Heine muss schon gewusst haben, warum er Unter den Linden nicht gegrüßt werden wollte. Wie bekannt sein dürfte, war er während der letzten zehn Jahre seines Lebens schwer krank und musste meistens resignierend die Matratzengruft hüten. Er befürchtete, seine Geliebte werde, ihn Unter den Linden grüßend, sich da ran erinnern, was ihm vonnöten täte. Gewiss kannte sie noch nicht Andersens Märchen vom Fliedermütterchen, sicher aber hätte sie einige Lindenblüten gepflückt und daraus einen heilkräftigen Tee gebrüht, der Heines Gesundheit ebenso zuträglich, wie seinem Gaumen unangenehm gewesen wäre. Nun, die Linden stehen »heuer« – wie der Landmann in seiner derben Ausdrucksweise zu sagen pflegt – noch nicht in Blüte. Aber die Hausfrau, die ja immer aus dem Kärglichsten noch etwas Schmackhaftes zu bereiten weiß, kann aus den Lindenblättern eine nahrhafte Suppe kochen oder Lindenblatt-Rouladen schmoren, die auch Heine gemundet hätten. Unser Wonnemonat Mai ist ja ganz dazu angetan, hinaus zu ziehen in die Natur, in frischem Übermut einen Lindenbaum zu erklettern und dabei gleich für das leibliche Wohl zu sorgen. Sagt doch schon ein Goethe, der damit übrigens seine Jugendliebe Friederike gemeint haben soll: »Wie herrlich leuchtet mir die Natur, wie lacht die Sonne, wie glänzt die Flur!« Hier sind einige erwünschte Tipps, um zu einem ebenso schmackhaften wie sparsamen Mittagsgericht zu gelangen: Lindenblatt-Rouladen: Man legt die vom Stil geputzten Lindenblätter, wenn man hat, in Essig. Steht dieser nicht zur Verfügung, so genügt auch Wasser. Gleichzeitig werden gargekochte Knorpel und Sehnen durch die Fleischmaschine gedreht und mit der gleichen Menge Dill und Schnittlauch gemengt. Brunnenkresse tuts zur Not auch. Kann man Fett hinzufügen, so dünstet man die Hälfte des Schnittlauch in dem Fett an und schmeckt mit Salz, Gewürzen und geriebener Zwiebel recht pikant ab. Ebenso geht es aber auch ohne alle Zutaten. Die fertige Masse wickelt man schließlich in die Lindenblätter, die wie Fleischrouladen in Salzwasser gekocht werden. Wo kein Wasser vorhanden ist … Es empfiehlt sich, die Rouladen vor dem Kochen mit Bindfäden zu umwickeln. Es können selbstverständlich auch Papierbindfäden … 1411Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Kartoffelsuppe: Die Trockenkartoffeln, die jetzt geliefert werden, mögen manchem nicht so munden, wie sie sollen. Sie haben aber den großen Vorteil, dass sie nicht geschält zu werden brauchen, was man von frischen Kartoffeln nicht gerade behaupten kann. Die Trockenkartoffeln lässt man eine Nacht lang quillen, setzt sie dann in soviel Wasser auf, dass es gerade zwei Zentimeter breit da rü ber steht, und lässt sie kochen. Wenn sie fast weich sind, gibt man reichlich geschnittene Lindenblätter dazu, streut Salz und etwas pfefferersatzähnliches Pulver da rauf und lässt noch einmal aufkochen … Hipponax Georg Kaiser mit Filmstars. Adrienne Ambrossat in der »Komödie« (14. Mai 1946) Wie lässt der vorzügliche Ehrgeiz, der »Komödie« ein anspruchsvolles Repertoire zu geben, sich mit den Wünschen und Widerständen eines Publikums vereinbaren, das aus zäher Gewohnheit zum Kurfürstendamm trottet, wenn es in zeitgemäßer Rationierung mondäne Amüsiergelüste befriedigen will? Man multipliziere, sagt sich Achim von Biel, literarische Geltung mit der magnetischen Zugkraft von Filmprominenzen, deren leibhaftige Gegenwart schon Haus und Kasse füllt. Die Rechnung stimmt kommerziell, ihr geistiges Resultat aber ist äußerst dürftig. Wer tragende Rollen an Stars ausliefert, die das Theater zum Lückenbüßer unterbrochener Filmkarrieren degradieren, begibt sich in die Gefahr eines sträflichen Opportunismus. Es gebe keine Veranlassung zu solcher Warnung, ginge es diesmal nicht um einen Dichter, dessen Auferstehung auf deutschen Bühnen erst durch angespannte Konzentration des Spiels wieder verdient werden muss. Adrienne Ambrossat gehört zwar zu der Unmenge an Gebrauchsdramatik, die Georg Kaiser mit herzlos kühler und hurtiger Routine so nebenher geschrieben hat. Aber selbst hier, im Werk von untergeordneter Bedeutung, funktioniert präzise und exakt die mit einfachen Linien und gewollt primitiven Bildern arbeitende Theatertechnik dieses genialischen Denkartisten. Mag die Geschichte von dem Verlust der geliehenen Perlenkette noch so belanglos sein – gerade die formale Beherrschung des Stoffs, die kalt und rein ist wie Eis, sollte nach unserem verhängnisvollen Verlorensein in unsauberer Gefühlsdumpfheit und Irrationalität 1412 Teil IX zu Höchstem verpflichten. Was aber geschieht mit dieser rhythmisch harten und klaren Sprache? Aus verzweifelter Notwehr und in unheilvoller Voreiligkeit hat Adrienne Ambrossat ihren Mann betrogen. Ihr Ehebruch war drängende, ratlose Ausflucht aus einem Dilemma, das zur Entscheidung zwang: Entweder den eigenen Mann finanziell zu ruinieren oder ihn mit einem einzigen Fehltritt mehr zu schonen als zu hintergehen. Um dies nicht zu gestehen, bekennt sie sich vor Gericht als Diebin im Wertkonflikt, der wie eine mathematische Aufgabe durchexerziert werden muss. Dahinter aber ereignet sich, angedeutet nur, ein Läuterungsprozess zweier Menschen, die aus dem Alltäglichen sündig und sühnend emportauchen. Adrienne ist süß, herb, unerfahren und steigert und vertieft sich, umzingelt von immer neuen Gefahren, in einem psychologischen Crescendo, das zugleich ein lückenloser Vorgang wachsender Schicksalsbedrohung ist. Immer schwerer von quälenden Assoziationen wird alles, was sie zu sagen hat. Nichts davon bei Winnie Markus, die nur ein liebes Hascherl ist, das in Verlegenheiten gescheucht wird und nach der Großaufnahme verlangt, wenn der beladene Doppelsinn mancher Worte sie ins Weichste des Gemüts trifft. Der Mann, Paul Ambrossat, ist einer, der Anerkennung seiner Kreditwürdigkeit zu erreichen hofft durch das glanzvolle Auftreten seiner Frau auf einem Ball. Dort bestaunt er als deutlichsten Beweis für feinen Luxus der höheren Kreise, das zu Illuminatenszwecken extra eine neue Lichtleitung gelegt werden musste. So etwas kann bei Kaiser nicht zufällig stehen, und es folgt daraus, dass hier ein enger, rechnender Spießer nach generösen Gepflogenheiten schielt. Carl Raddatz ist in dieser Rolle nur ein beweglicher Liebhaber von glatter Konventionalität, dem der Dialog wie aufgesagt vom Munde geht. Der Mann bleibt sich eintönig gleich: Kein kreditbedürftiger kleiner Kaufmann erst, dem die Schönheit seiner Frau Vorspanndienste leisten soll, kein blind vertrauender Ehemann dann, den Enttäuschung versteinert, kein vom Gnadenstrahl der Liebe Getroffener schließlich, sondern ein unwandelbares, nuancenloses Wesen, dem jedes Wort zur Trivialität erstarrt. Die Regie Ernst Stahl-Nachbauers – der auch, besonnen und abgemessen, den Richter spielt – vermag wenig dagegen auszurichten. Sie verfuhr unbarmherzig zwar, wie bei Kaiser erforderlich, mit mimischem Beiwerk, ließ das kahle Gerüst der Konstruktion nicht von zufälligen Einfällen überwucherern. An dem formlosen, unerfüllten Spiel der beiden Hauptdarsteller liegt es jedoch, wenn die spannungsgeladene Kargheit im szenischen Aufbau als Banalität missverstanden werden kann und vor allem die bei Kaiser sinnvoll gerundeten Szenenschlüsse peinlich abrupt der inneren Notwendigkeit 1413Auswahl von Artikeln aus dem Kurier zu entbehren scheinen. Wo immer indessen die Regie es mit Schauspielern zu tun hat, gelingen scharf profilierten Charaktere: Helene Duffin, die Freundin, die Adrienne den Schmuck geliehen hat, gibt Margarete Wachter, hysterisch unruhig und mit, ohne Zweifel, migränekranker Damenhaftigkeit, bald süßlich, bald keifend und bitterböse. Henri Duffin, ihren Mann, der Adrienne vor Gericht bringt, spielt Erich Fiedler als aufgeblasenen, dünkelhaften Biedermann mit glatten Manieren – die beste Leistung wohl. Allzu chargiert brutal ist Wolfgang Lukschy als der unbekannte Ballgast, der Adriennes Hingabe fordert für den Ersatz der verlorenen Perlenkette. Dieser Mann mit Clark Gables Schnurrbart und Unbekümmertheit würde nicht den reuigen Brief aus der Ferne schreiben, der Adrienne aus dem Gefängnis befreit und den Ambrossats ihre Ehe erneuern hilft. Künstlich und unecht wirkt also das letzte Bild: Wiederfinden vor dem Gefängnistor nach bestandener Zerreißprobe der Liebe. Ein schales Gefühl der Unbefriedigtheit bleibt. Wichtig, da rauf hinzuweisen, dass dies kaum an Georg Kaiser liegt. Der Einbrechersnob – nach Carl Sternheim (18. Mai 1946) (Absteigequartier. Ein Fräulein vom Kurfürstendamm legt Frührot auf. Valentin, junger Einbrecher, hält Hände in Hosentaschen gestemmt.) Valentin: Tummeln, Trupps gewesener Obergefreiter, Richtkanoniere und Scharfschützen, wir uns, an umgestülpte Sozialordnung Anschluss zu gewinnen. Clarine: Feldgrau hinter den Ohren! Valentin: Drum also schieben, Kellerasseln des Chaos, wir battistene Unterhosen en gros, goldene Uhren, aus Taschen Besitzender organisierte, dazu Bohnenkaffee, Virginiazigaretten. Leben smarter Gentlemen werden wir spielen, mit Hundertmarkscheinen in geballter Faust, Maschen des Strafgesetzbuches durchschwimmend. Clarine. Fisematenten! Lausejungens, aus Männerkrieges Verwüstung erbärmliches Fazit ziehend. Valentin: Schön hausen wir, zusammengebrochenes Ideal dritt-reichiger Qualität bejammernd, in Katakomben, verschwörerisch unter Ruinen. Haben wir nicht Jargon 1414 Teil IX schnodderigst aus Kasernen, Schützengräben, Massengräbern? So sprechend finden völlige Wendung die arrivierten Schmarotzer der Fäulnis, jugendlich Trotz aufbäumend. Clarine: Dummköpfe! Nehmet Beispiel euch an weiblichem Parallelfall: Nähre mich, BDM-geschult, Kurfürstendamm auf und ab wippend, von Feilbietung aufreizender Nuditäten an mit Schokoladentafeln und Lucky Strike zahlfähige Lustinteressenten. Prostituierte mich grenzenlos in Trümmern Berlins. Valentin: Erstes Erlebnis: Ukrainerin umarmt in Charkow. Nie was von Liebe gehört mit deinen achtzehn Jahren? Clarine: Aufstammelndem Gefühlskitsch steht knurrender Magen, Zigarettengier, Amüsierbedürfnis im Wege. Valentin: Wollen sein ein einig Volk von Huren, Schiebern, Krüppeln und Stummelsammlern! (Eine Posthilfe, von Überstunde kommend, tritt auf.) Mathilde: Verzeihung, wollte nicht stören! Clarine: Keineswegs, sind hier nunmehr erst in platonischem Vorstadium aufkeimenden Brunstkitzels begriffen. Mathilde: Klingelte, Berücksichtigung weltanschaulichen Unterschiedes nicht eingedenk, versehentlich eben an Ihrer Türe. Rosenstrauß wurde eilends abgegeben, Brief durch Türschlitz gesteckt. Clarine: Haben erbrochen? Mathilde: ?? Clarine: Mageninhalt nicht, Brief meine ich! Mathilde: Gelesen! Entdeckte von grüner Grenze Angedeutetes verdächtig. Befinden auf falscher Bahn sich, Fräulein! 1415Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Clarine: Erlauben Sie! Mathilde: Auf falschester Bahn! Es ich wiederhole unumwunden. Müsset Erlebniskeuschheit zurückgewinnen, müsset in Front der Schaffenden einreihen euch, müsset anpacken, zu Neuem auftürmen Zertrümmertes, nach Schweiß riechen, sauer verdientem, versuchen, mit Armen und Beinen rudernd, Kopf aus dem alles verstopfenden Sumpfe zu recken. Valentin: Tadellose Sache, einleuchtend! Clarine: Werde Puderquaste, Salvarsanspritze, Lippenstift, Zigarettenetui zwecks Reiner hal tung Aufbaubekenntnisses heute noch auf Schutthaufen werfen. Valentin: Werde Läuterung zeigend sinngemäß mich bewähren durch Meldung auf Arbeitsamt zur Umschulung Baugewerbe. Hipponax Vorschlag zum Humor – nach Erich Kästner (25. Mai 1946) Neue Zeitung, München, den 25. Mai 1950 Als ich ein kleiner Junge war, da habe ich oft viele Stunden lang geweint, weil die anderen Kinder in meiner Klasse so furchtbar wenig Humor hatten. Meine Mutter gab mir dann manchmal zehn Pfennige, damit ich mir zum Trost beim Bäcker eine Schnecke kaufen konnte. An Winterabenden tat ich das immer nur mit Herzklopfen und nur, um meiner Mutter nicht die Freude zu verderben. Denn damals habe ich mich auf der dunklen Straße oft gefürchtet. Ich sei kein besonders mutiges Kind, behauptete Turnlehrer Grobler mit der widerlichen Krähstimme. Dem wollte ich es zeigen, so sprang ich einmal, nach der großen Pause, von der hohen Mauer unseres Schulhofes auf den Bürgersteig. Mit dem Gips um mein gebrochenes Schienbein erhärtete sich auch mein Selbstbewusstsein. 1416 Teil IX Wa rum ich das hier den Millionen meiner Leser melde? Weil ich eben bei den Postsachen aus Hamburg ein bescheidenes braunes Heft entdeckte mit dem feinen Titel Mutproben bedingen die Charakterschulung. Der Ton des wackeren Werks ist zugleich forsch und hölzern, so, als hätte es mein Turnlehrer verfasst. Aber Grobler heißt diesmal Herr Mutzelmann, nein, was denn, Gunther Mutzelmann steht da und: Unterfähnleinführer a. D. Ich neide dem munteren Knaben nicht seinen Titel. Trotzdem wühle ich für einen Augenblick in meinem nun schon reichlich grauen Haar. Seit fünf Jahren habe ich zweimal in jeder Woche die Vernünftigen, die Heiteren und Weisen dieser Erde angepriesen. Doch vergnügt brüstet sich Mutzelmann des Ranges, den er damals, innerhalb der Grenzen des Unmenschlichen einnahm. Doch das ist ja längst keine Mutprobe mehr. Herr Mutzelmann hat abfällig persönlich wohl auch keine vorgesehen. Er wünscht nichts weiter, als dass jeder Schuljunge vor jeglicher Versetzung »mutmäßig überprüft« werde. Die Formen dieser Prüfungen deutet er bedauerlicherweise, denn er hat den Wortschatz eines Unterfähnleinführers, nur verschwommen an. Weitsprung über gekreuzten Schwertern, wie gefiele Ihnen das, Herr Gunther? Ein Hüpfer von der Mauer wäre sicher dieser hehren Nibelungen-Nachgeburt als Prüfungsfach zu farblos, wenn ich den auch damals bei mir selbst sehr rührend und sehr tapfer fand. Ich weiß nicht, die Sache ist mir suspekt. Wozu hat der Mensch schon seinen körperlichen Mut bisher verwendet? Nur Lärm und Krieg ist zu erwarten, wenn nächste Ostern eine Jungschar von furchtlosen Mutzelmännern das Klassenziel erreicht. Ich wüsste Besseres: Man sollte den Humor, den Witz im Hauptfach lehren. In Obertertia dürfte dann nur aufgenommen werden, wer beim Tristram Shandy an der richtigen Stelle lacht. Und die Primaner büffelten nicht wieder unter den Porträts von Ludendorff und Turnvater Jahn. Chaplin und Mark Twain hingen bei ihnen an der Wand. Dann hätte ich als kleiner Junge nicht umsonst geweint. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass solche Burschen, selbst wenn sie die Prüfungen der Heiterkeit nur mit »befriedigend« bestanden haben, jemals wieder etwas so Humorloses wie Kriege … Hipponax 1417Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Die Revolution ist längst vorbei. Rachmanows Stürmischer Lebensabend im Deutschen Theater (31. Mai 1946) In diesem Stück wird die russische Revolution von einem späten, beruhigten und gesättigten Chronisten ohne Leidenschaft, aber um so vorschriftsmäßiger gesehen, und erschreckend offenbart sich, wie der revolutionäre Schwung in Konventionen erstarrte. Was die Welt einst in Bestürzung und Begeisterung versetzte, ist nun auf einmal behaglich und lässt sich problemlos in einem übersichtlichen Schema von Gut und Böse ordnen. Da ist Professor Poleshajew, ein Gelehrter von obligater Vergesslichkeit und Weltfremdheit, ein Kauz, der in die Lust und Qual des Schaffens emsig versenkt ist. Krieg und Revolution brechen, erst belästigend, dann fordernd, in sein Leben ein. Er hasst den Krieg, und während alles noch unentschieden ist, befremdet er seine Kollegen und Schüler durch sein furchtloses, offenes Bekenntnis zur Friedenspolitik der Bolschewiken, was ihn tragisch einsam macht. Da sind seine Assistenten: Worobjow, der aus intellektuellem Dünkel bei Vorurteilen und Halbheiten verharrt – Gustaf Gründgens, meisterlich in der zerfahrenen Nervosität eines hastenden Schattens, und der sibirische Student Botscharow, der bei der Flotte agitiert – Max Eckard spielt ihn, unsicher noch in der Beherrschung der Rolle, erst trotzig und dumpf, dann heller als lieben Goldjungen, so ein rechter Sonnenschein im Hause des alten Professoren-Ehepaars. Da sind höchst disziplinierte Rotarmisten, die eine Haussuchung unverzüglich abbrechen, sobald sie merken, dass sie einen Gelehrten (und keinen »Bourgois«!) belästigt haben. Da sind die bolschewistischen Matrosen, rührend ehrfürchtig vor geistigen Werten, während die menschewistischen Studenten sich natürlich als blasierte Faulenzer erweisen. In den vielen rasch und naiv skizzierten Auftritten geht es ruhelos zu: Vier Akte lang ist die Häuslichkeit des alten Professors wie eine Puppenstube aufgeklappt, und doch wird bald gefegt und bald an Manuskripten geschrieben, bald klopft und bald klingelt es, viermal schrillt das Telephon, Türen klappen auf und zu, Dialoge werden von einem Zimmer ins andere geführt – kurzum: Dieser Lebensabend ist von allerlei Hin und Her oft gestört. Aber stürmisch? Nein! Das Geschehen zerbröckelt in Belanglosigkeiten, die Hitze der historischen Begebenheit im Hintergrund wird niemals spürbar. 1418 Teil IX So ist es einfach ein langweiliges Stück, das durch Gustav von Wangenheims alle Einzelheiten naturalistisch auswalzende Regie zäh hingeschleppt wird, und nur atembeklemmende Peinlichkeiten schrecken aus der Ermüdung auf: Als den alten Professor, der den schwachen Gehilfen verstieß und von dem starken verlassen wurde, Einsamkeit umdroht, ruft ihn per Telephon als unvermuteter Tröster Lenin persönlich an, um ihm zu sagen, wie trefflich er für die Verwirklichung seines Projektes sorgen werde. Welche suspekte Gemütlichkeit in der dramatischen Lösung! So ist es nicht erstaunlich, dass auch Paul Wegeners Darstellung Poleshajews enttäuscht. Er überlädt seine Rolle mit mimischen Schnörkeln und Schleifchen, zupft und häkelt da ran herum, bis ein Witzblattprofessor daraus geworden ist, ein grunzendes, kicherndes, kreischendes, seniles Männchen, dem man den Ehrendoktor von Cambridge ebenso wenig glaubt, wie die Entschlossenheit in der Stunde der politischen Bewährung. Wegeners Poleshajew ist ein zweiter Kollege Crampton. Während Crampton, der vergreiste Renommist, aber zu grotesker Dämonie gesteigert werden konnte, bleibt hier nur banale Clownerie. Beglückend wirkt allein Gerda Müller als Frau Poleshajew, östlich schon im Phlegma des mimischen Ausdrucks und in der warmen, breitflutenden Sprache. Literaturgeschichte der Berliner Stämme und Landschaften – nach Josef Nadler89 … aus dem zerborstenen Gefüge deutscher Reichsherrlichkeit doch mannigfaltig auch die süßen Früchte der Niederlage emporwuchsen. Vier Zonen rissen zwar Wunden inmitten deutschen Raumes, gaben aber der Vielfalt der Stämme äußere Gliederung und waren geistigem Wachstum nur dienlich. Hier in Berlin jedoch drängten Zerrissenheit und Vielgestaltigkeit germano-volkischen Schicksals sich zusammen und gerannen zu neuer Form. Und wo in Zehlendorf die Weite der Prärie sich dehnte und die Wolkenkratzer New Yorks ihre Schatten warfen, da gluteten unter marxistischer Systematik zwischen Pankow und Treptow Leidenschaft und Melancholie der russischen Seele. Am Kurfürstendamm, der zwischen Halensee und Zoo die Ruinen des Westens furchte, und am völkersatten Stromwasser des Landwehrkanals war bis zur Potsdamer Brücke angelsächsische Nüchternheit gebreitet, während am Wedding der Zauber 89 (WH) … dessen Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (in zweiter Auflage nazifiziert als Literaturgeschichte des deutschen Volkes) das Vorbild der Parodie abgibt. 1419Auswahl von Artikeln aus dem Kurier südfranzösischer Landschaft sich auftat und aus gallo-germanischer Geistbegegnung Der Kurier, ein Gebilde von flimmender Gründlichkeit, entwurde. Und wie der erdräumliche Bau, so die Literatur. Auf engem, trümmerbestandenem Raum umhegte sie ein weltweiter Zirkel, spreeaufwärts Prawda-Kommentare in der Täglichen Rundschau, spreeabwärts Schumacherspaltung im Telegraf, von Norden querüber Hipponax, von Süden querüber das entartete Spätlateinertum der Urbanus und Campester. Und Johannes R. Becher, der, eines Beamten Sohn, 1891 im gräkoslawischen Grenzraum des bajuvarischen München geboren worden und von wilden lyristischen Ekstasen ausglüht war, stieg beflügelt und belastet durch Heimatsehnsucht empor, läuterte sich, sowjet-befruchtet, zum Aufbaupathos und gründete den gleichnamigen Verlag. Erst in Berlin aber ward ihm Begegnung mit Günther Weisenborn, dem Rheinland-Entfremdeten, der den Ulenspiegel aus niedersächsisch-volkhafter Erdwüchsigkeit entwurzelte und in der welschen Fäulnis und Weichlichkeit Dahlemer Villenvorgärten verdorren ließ. So geschah, was geschehen musste. Becher und Weisenborn, in beiden Dichtern wird es offenbar. In Pankow strömender Hauch der Strophen und Sätze, zwischen Deutschheit und Rußheit, bald dieses, bald jenes obwaltend, immer aber eines Wirbels durch alle seine Verse, bei dem ameriko-rheinischen Dahlemer hölzerne Brecht-Rhythmik der Illegalen im Hebbel-Theater am Kreuzberg. Das Parallelogramm der verschiebenden Kräfte zeichnet sich überall ab und hat seinen Scheitel am Brandenburger Tor. Von hierorts stößt nach Süden der breite Dammweg der Schuttberge beiderseits Stresemannstraße, bis sich, wo Amerika anhebt, das Schrifttum der Nein-Sager gegen Stadtmittes Einheitsgesinnung abgeriegelt. Ein Tempelhofer Umlauf ist es, noch einmal wägend und prüfend umkreist vom Zentrum Tempelhöfischen Wesens, was in den Spalten des Tagesspiegels die zehlendorf-steglitzsche Demokratie trotzig der bernauo-weißenseeischen entgegenstemmt. Tempelhof-Zehlendorf im weitesten Sinne legt sein nein-sagerisches Schrifttum fort, jenseits des Teltow-Kanals in den Leitartikeln Erik Regers, hinter denen die materialistische Spürnasigkeit des »Alex« hugenbergo-kruppschen Auftrag vermutet. Der Aushauch des Weltbühnen-Geistes und allerlei SPD-Verdünnung westlicher Sektoren aber schlagen sich in dieser Zeitung nieder. Und während dem Edwin Redslob, wieder in Dahlem, täglich ein Prozent edel geformter Sonette enttröpfelt, ist auch Walter Karsch des Übermutes, dass Tempelhöfische Skepsis zersetzend wirke und nicht etwa zwischen Schumann- und 1420 Teil IX Stresemannstraße nur russo-amerikano-germanisches Gelächter erzeugt. Gelächter und Verwirrung – dies bei Fred Denger, der, aus Darmstadt gebürtig, in Steglitz siedelte und von dorther über die östlichste Flanke deutschen Wesens bis in den slawischen Urraum vordrang, wo der westlerische Pessimismus seines Werkes ins Aufbauende gewandelt ward. Solchermaßen spielen die Reflexe jener Vorgänge, die den weiten Raum zwischen Indonesien, Iran und Ruhrgebiet mit Problemen erfüllen. Hipponax »… und es war wie dunnemals!« Ernst Busch eröffnete die neue Volksbühne (3. Juni 1946) Die Feier zur Eröffnung der Volksbühne im Prater ließ uns einmal deutlich werden, dass wir hie und da doch beneidenswert und reich sind. Immer wieder gehen Wünsche in Erfüllung, die vor nicht allzu langer Zeit noch Utopien waren. Als wir die Stimme Ernst Buschs vor dem Kriege über den Moskauer Rundfunk hörten, wagten wir da ernstlich zu hoffen, diesen konsequentesten der deutschen Schauspieler noch einmal leibhaftig zu sehen? Jetzt sahen wir ihn: Als Charleston, den weltflüchtigen Leuchtturmwärter, in Robert Ardreys Leuchtfeuer, und diesmal, ein gutes Jahr nach seiner Befreiung aus dem Zuchthaus Brandenburg (wo er durch Misshandlungen einen schweren Schädelbruch und eine völlige linksseitige Lähmung erlitten hatte), sang er wieder seine Lieder, diese zündenden, mitreißenden Songs, die einmal Warnsignale waren vor der nahenden Tyrannei und uns Heutigen heilig sein sollten wie die Choräle den Vätern. Dies ist keine Lästerung der Choräle; denn es scheint kein Zufall, dass neben Ernst Busch ein Geistlicher auf der Bühne stand, der emphatisch und ernst Verse von Bert Brecht sprach und in Ernst Busch, 1946 1421Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Worten von unsentimentaler, weltlicher Härte die düstere Vision der zwölf Jahre beschwor und wieder bannte. Pfarrer Kleinschmidt hat als aufrechter Christ die gleichen grausamen Verfolgungen durchlitten wie Ernst Busch, der Tribun des Proletariats. Und als die beiden Männer nun auf der Bühne in Rede und Gegenrede, Wort und Gesang ihren mutigen Kampf gegen die Tyrannei rechtfertigten, da war jene Solidarität offenbar, die echter ist als ihre parteipolitische Profanierung. Und Ernst Busch sang. Seine Lieder, deren Texte Brecht, Weisenborn, Mühsam und Weinert schrieben, gehören zur Weltliteratur. Aufgefangen von Mikrophonen in Brüssel, London, Paris, Zürich, Moskau und Madrid, drangen sie über den Äther in Millionen hoffender und furchtloser, verzagter und verzweifelter Herzen. Sie durchbrachen die Mauern des Zuchthauses, das Deutschland hieß. Sie alarmierten die Gesinnung, verführten zum Mut. Die Soldaten der roten Interbrigade sangen sie in den Schützengräben des spanischen Bürgerkrieges. Ernst Busch, der mit ihnen gegen Franco kämpfte, lehrte sie singen. Als der erste antifaschistische Krieg verloren war, floh er über die Pyrenäen. In Antwerpen stellte er seine Lieder zu einem Schallplatten-Querschnitt durch das Deutschland von 1914 bis 1940 zusammen. Egon Erwin Kisch schrieb die verbindenden Texte, Heinrich Mann das Vorwort. Der Krieg schlug Ernst Busch die Arbeit aus der Hand, aber seine Lieder hat er durch Kampf und Flucht hindurchgerettet. Er war kein stetiger Emigrant. Es trieb ihn von Land zu Land. Die zwölf Jahre waren für ihn eine große Odyssee. In Frankreich fasste ihn die Gestapo, schleppte ihn gefesselt nach Berlin. In Moabit verbrachte er sieben Monate in peinigend minutiöser Vorverhandlung. Aber Ernst Busch war nicht allein: Gustaf Gründgens setzte sich bei den höchsten Stellen für ihn ein und schickte ihm einen Rechtsanwalt, der den Prozess mit List verzögerte. Zu einem Urteil kam es nie. Dafür musste Ernst Busch Willkür und Demütigung am eigenen Leibe erdulden. Er wurde gefoltert und geschlagen, und er erlebte – symbolisch für den tragischen Zwiespalt der besten Deutschen – in seine Zelle eingeschlossen die Bombenangriffe der Befreier. Aber er überstand alles. Er rettete seine Lieder. Und als er sie jetzt sang, als wir seine männliche Stimme hörten, die immer klar und metallisch klingt, wie der Ton des Clairons, da waren endlich die Verse in Erfüllung gegangen, die Alfred Kerr ihm verschämt sehnsüchtig in London geschrieben hatte: »Und die Metro ging, und der Abend erschien, und es flammten die Lichter des Saals. Und er stand, und er sang wie einst in Berlin, und es war wie dunnemals …« 1422 Teil IX 1423Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Ansage in Treuenbrietzen – nach Willi Schaeffers (8. Juni 1946) Ich freue mich, dass überhaupt welche gekommen sind – bitte suchen Sie sich in Ruhe einen Platz – es schadet gar nichts, wenn Sie zu spät kommen – ich bin das gewöhnt von den anderen neunundneunzig Heimstätten, wenn man so sagen kann, die unsere Kleinkunstbühne im Laufe dieser so genannten Friedensjahre zu frequentierten mehr oder weniger genötigt war. Nun sind wir also in Treuenbrietzen gelandet – drängeln Sie sich ruhig durch, meine Herrschaften, es ist hier eine kleine Kunst, sozusagen eine Kleinkunst, sich an den Tischen vorbeizuschlängeln – aber dafür ist es eben Treuenbrietzen – ja, als ich noch mit meinem verehrten Meister Rudolf Nelson – aber von dem haben Sie hier in Treuenbrietzen natürlich noch nie etwas gehört – als ich also mit Rudolf Nelson – es interessiert Sie wohl auch gar nicht, zu erfahren, dass er jetzt in Amsterdam wieder eine Kleinkunstbühne leitet – aber wenn es Sie auch nicht interessiert, so erzähle ich es Ihnen doch, denn die Wahrheit muss auch in Treuenbrietzen bekannt werden – und überhaupt sind Sie im Irrtum, wenn Sie meinen, eine Kleinkunstbühne wie unser Kabarett der Komiker sei nur dazu da, die Leute zu amüsieren – nein, wir sind eine Hochschule der Kleinkunst, ein Superlativ der Kleinkunst, sozusagen eine Kleinkunstbühne katexochen – katexochen bedeutet so viel wie schlechthin, wenn Sie das aus ihrer Gymnasialzeit wieder vergessen haben sollten, aber so lange ist es eigentlich noch gar nicht her – sehen Sie mal, ich bin schon beinahe fünfzig Jahre bei der Kleinkunst, und ich weiß es doch noch – und deswegen sollen die Leute auch bei mir etwas lernen – und weil Geschichte augenblicklich nicht unterrichtet werden darf – das ist auch besser so, denn denken wir zum Beispiel mal an die Literaturgeschichte – das kann man auch hier, wenn man Treuenbrietzener ist, mein Herr, Sie brauchen gar nicht so mit dem Kopf zu schütteln, es fällt doch nichts heraus – ich wollte sagen – Sie haben mich nicht aus dem Konzept gebracht, Sie Kopfschüttler, Sie schon gar nicht, da habe ich in Michendorf und in Ketzien ganz andere Kopfschüttler in meinem Publikum gehabt – also ich wollte sagen: wie soll denn jetzt der Lehrer den Schülern erklären, was Goethe – ich nehme an, dass Sie den auch in Treuenbrietzen kennen, wenigstens dem Namen nach – was Goethe, meine ich, gemeint hat, wenn er »mehr Licht« verlangte? Meinte er das Licht aus dem Osten? Das hätten wir ja jetzt – aber das ist wieder den anderen nicht recht, die hätten es lieber aus dem Westen, sozusagen als Abendrot – ich sagte Abendrot, nicht Abendbrot, Sie Materialist da am fünften Tisch in der zweiten Reihe, Sie können Ihre Stullen ruhig so lange noch eingewickelt lassen, bis ich fertig bin, es kommt dann eine bildhübsche, junge Tänzerin, die von Mary Wigman und Tatjana Gsovsky ausgebildet ist, von jeder auf einem Bein, 1424 Teil IX die zeigt Ihnen dann, wenn ich mit meiner Ansage fertig bin – aber das dauert noch eine ganze Zeit – dann zeigt Ihnen also diese bildhübsche, junge Tänzerin – den Namen sage ich erst im Abgehen – die zeigt Ihnen, wie man mit einem Bein Seele und mit dem anderen Spitze tanzt – das ist schon nicht mehr Kleinkunst, das ist schon Größtkunst – wenn die also auftritt, sage ich Ihnen, dann wird Ihnen das Stullenpapierauswickeln schon im Halse stecken bleiben – wo blieb ich stehen? (Geht auf und ab, das Kinn in die Hand stützend.) Ach ja – also die anderen möchten uns lieber das Licht aus dem Westen bringen – und nun denken Sie sich die Schwierigkeiten, die wir mit unserer Kleinkunstbühne in Berlin haben, wo das Licht gleich von vier Seiten auf uns eindringt – da bleibt nichts übrig, als Schritt für Schritt auszuweichen – wir fingen damals in Charlottenburg an, und dann wichen wir nach Friedenau aus, dann nach Tempelhof, und dann über Lichtenrade, Teltow, Stahnsdorf – wenn ich nur an die Spesen denke – na ja, und nun sind wir also in Treuenbrietzen gelandet. Ein witziger Mann hat – es ist schon lange her, es war, wenn ich mich recht entsinne, im neunten Monat – warum lachen Sie denn? die Pointe kommt ja erst viel später – des dritten Jahres meiner fünfzigjährigen Kleinkunstlaufbahn – der hat gesagt: um in Berlin Erfolg zu haben, muss man entweder tot oder pervers oder ein Ausländer sein. Am besten ist man ein toter, perverser Ausländer. Das war damals. Und heute? Heute muss man entweder ehemaliger Staatsrat oder prominenter Schauspieler sein oder aus dem Lager kommen. Am besten ist, man kommt als Staatsrat und prominenter Schauspieler aus dem Lager. Jetzt können Sie sich vorstellen, welche Schwierigkeiten ich in Berlin habe. Nicht mal aus dem Lager komme ich, nicht mal aus einem ganz, ganz kleinen KZ, nicht mal aus einem Kleinst-KZ. Es ist zum Auswachsen. Apropos auswachsen – es wird jetzt Zeit, dass ich Ihnen die ausgewachsene junge Tänzerin zeige – wenn Sie auch bestimmt nicht viel von Tanzen verstehen. (Wirft einen Blick hinter den Vorhang.) Die sind tatsächlich fertig mit dem Wiederaufbau. Ich ziehe mich zurück und empfehle Ihnen unsere künftige Prima ballerina (mit erhobener Stimme): Marika Spielbein! Hipponax 1425Auswahl von Artikeln aus dem Kurier … Vater sein dagegen sehr. Vogel Strauß von Archibald N. Menzies in der »Tribüne« (8. Juni 1946) Dies ist wohl das Komischste an Komödie, was seit langem zu sehen war: Herr und Diener, zwei Väter und ein Sohn – eine Konstellation, die auf der Bühne zu heitersten Verwicklungen veranlasst und im Parkett wahre Lachsalven entzündet. Den Vater Nummer eins spielt Wolfgang Lukschy: Einen vierzigjährigen Lustspieldichter, in dessen Leben das Vorleben einbricht. In der Gestalt eines Sohnes kommt es siebzehnjährig aus der charmantesten Ecke der Vergangenheit. Die Mutter, damals bildhübsche Gouvernante und jetzt redliche Teestubenbesitzerin, war so taktvoll, sich niemals mit Ansprüchen zu melden. Sie trägt auch jetzt nichts nach und will nicht stören. Aber weil dem Sohn das Dichten als Erbmasse im Blut liegt, soll der Vater helfen – als Mentor nur und nicht durch materielle Unterstützung. Das Gespräch, in dem sich Vater und Sohn zueinander tasten, zeigt, dass der Sohn den Vater an geistigem Ernst übertrifft. Jedoch ist es ein absichtslos ulkiger Ernst aus Frühreife und Altklugheit. Der Junge trägt mit Gewichtigkeit seinem leichtlebigen Alten einige Standpauken vor, worauf es im Leben ankomme und was »das Wesentliche« sei. Der Vater steckt hilflos den Kopf in den Sand wie der Vogel Strauß, flieht in die oberflächliche Vergnüglichkeit seines lebemännischen Daseins. Lukschy ist in dieser Rolle jungenhaft, frisch und unbekümmert, Friedhelm von Petersson als Sohn ein rührend ums Geistige bemühter, gravitätischer Sekundaner. Der Vater Nummer zwei ist Paul Henckels: Ein Gentleman von einem Diener, pedantisch bedachtsam und von altfränkischer Würde, ein Faktotum des Hauses, das seinem Herrn schon diente, als der noch folgenschwer jugendsündigte. Damals heiratete er, ohne dass es jemand ahnte, jene bildhübsche Gouvernante. Daraus ergibt sich nun, dass er den Jungen bald als seinen Stiefsohn bevatert, bald ihn zur Herrschaft rechnen und mit Distanz und Devotion behandeln muss. Keine Konfliktmöglichkeit, die aus diesem schwankhaften Dilemma entstehen kann, wird ausgelassen. Köstlich, wie Henckels seine Rolle mit einer souveränen, scheinbar kaum gespielten Ruhe meistert, die um so grotesker wirkt. Dem berückend gelösten und schwerelosen Spiel der drei Männer – von Hugo Schraders Regie mit spannender Beweglichkeit gestaltet – hält von den beiden Frauen nur Thea Grodtczinsky stand. Sie gibt die Mutter mit ganz unsentimentaler Verschmitztheit, 1426 Teil IX während Olly Holzmann als die schmollende und wieder heftig-zärtliche Geliebte des Vaters Nummer eins fast unerträglich wirkte durch eine überspielte und penetrante Weibchenhaftigkeit. Augenblicke der Begeisterung. Anmerkung zu unserem Konzertbetrieb (15. Juni 1946) »Selten sind sie, die Augenblicke der Begeisterung in unserer geistesarmen Zeit« – Grillparzers Klage am Grabe Beethovens ist grausam aktuell. In der ruhelosen, krampfigen Betrieblichkeit unseres Konzertlebens ist kein Raum für eine echte Begeisterung, weder beim Künstler noch beim Publikum. Immer wieder erleben wir ein allen Sinn für Ganzheit tötendes Mittelmaß, ein Bewegen auf ausgefahrenen Gleisen, äußeren Formen, die uns nichts mehr zu sagen haben. Nicht nur, weil die Künstler fehlen, deren Persönlichkeit uns über das gespielte Werk hinaus noch interessieren könnte oder deren reines Virtuosentum begeistert. Im Gegenteil. Man geht nicht mehr, um Sensationen zu erleben, in Konzerte. Die kann man anderswo billiger und besser haben. Der physisch und psychisch überlastete Konzertbesucher von heute erwartet mehr. Er sucht nach Werten, die über seinem Alltag stehen. Ihn kümmerte nicht so sehr Herr X oder Fräulein Y dort oben auf dem Podium, die haben ja die gleichen Sorgen wie er selbst. Er sucht das Werk, die Musik der großen Meister (leider noch zu wenig die der zeitgenössischen), wünscht eine künstlerische Wiedergabe, die frei ist von allzu Selbstgefälligem und Subjektivem. Diese Tendenz war im vergangenen Winter deutlich spürbar. Konzerte selbst anerkannter Künstler waren schlecht besucht, wenn das Programm nur die übliche »Buntheit« aufwies. Reine Klassikerabende hatten den größten Zulauf, allen voran Beethoven, dann Bach und Mozart, Schubert und Brahms, aber auch Schumann und Chopin. Konzerte und Feierstunden mit Musik in den Berliner Kirchen waren meist überfüllt, sicher nicht nur, weil sie oft nichts kosteten. Hier, wo Musik nicht Selbstzweck ist, ließ man sich sogar neue Werke gefallen. Professor Joseph Ahrens gab zum Beispiel mehrere gut besuchte Orgel-Abende mit eigenen Kompositionen. Der übersteigerte Subjektivismus früherer Jahrzehnte scheint also auch im Konzertsaal überwunden. Das Allgemeine, Überpersönliche der Musik steht wieder mehr im Vor- 1427Auswahl von Artikeln aus dem Kurier dergrund. Dem müssen die Programme Rechnung tragen. Nicht »Auflockerung« brauchen wir, sondern Konzentration auf das Wesentliche, auf das Werk und seinen Schöpfer. Ansprache zur Eröffnung des Pfingstfestes – nach Oberbürgermeister Dr. Arthur Werner (15. Juni 1946) Hochzuverehrender Herr General! Meine sehr verehrten Herren Offiziere von den Alliierten Besatzungsmächten! Geehrte Festversammlung! Liebe Berlinerinnen und Berliner! Im Namen des Magistrats der Stadt Berlin und im besonderen Auftrage des antifaschistisch-demokratischen Einheits-Pfingst-Komitees, dem ich als Ehrenvorstandsmitglied anzugehören die hohe und freudige Ehre habe, erkläre ich das Berliner Pfingstfest 1946 hiermit feierlich eröffnet. Pfingsten, das schon ein Goethe in seinem Reineke Fuchs das lieblichste der Feste nannte, war unseren Vätern seit jeher ein Anlass zu innigster Versenkung in die Schönheiten der Natur, Pfingsten, das Fest der lachenden Sonne und der zwitschernden Vögel, das Fest der taufrischen Blüten und nicht zuletzt auch das Fest des Heiligen Geistes. Mit der tatkräftigen und dankenswerten Unterstützung der hohen Besatzungsbehörden empfinden wir alle erhobenen Herzens, das zwölf Jahre Nazismus die lind wehende, wärmende, lebensspendende Sonnenluft und die lockende Pracht des Sommers nicht zu verdunkeln vermochten. Jetzt ist der Tag gekommen, wo wir Berliner uns im Zeichen des Wiederaufbaus wieder den süßen Düften hingeben können, die uns aus dem ewig frischen Busen der Allmutter Natur entgegenströmen, wo wir uns wieder so recht fröhlich und unbeschwert auf den Wiesen unserer Parks und zwischen den Gemüsebeeten unserer wackeren Schrebergärtner tummeln können. Und wenn auch der Tiergarten unseren Öfen zum Opfer gefallen ist, so ist doch für jeden noch ein grünes Plätzchen da, wo er mit Frohsinn und Sangeslust das Werden und Wachsen der Natur in vollen Zügen genießen darf. Drum lasst uns des erquickenden Dichterwortes gedenken, in dem es heißt: »Ei, hörst du nicht das Glöcklein klingeln? ’S ist heute, schöne Sommerszeit …!«, und lässt uns zu Kindlein werden und anmutig den Schalk im Nacken tragen. In diesem Sinne wünsche ich allen Berlinerinnen und Berliner, 1428 Teil IX dass sie mit frischem, frohem Mut durch diese herrliche Zeit, ei der Daus!, tanzen und springen mögen. Hipponax Das Theater über den Nationen. Die Max-Reinhardt-Ehrung im Deutschen Theater (17. Juni 1946) Zu Ehren Max Reinhardts hatte man im Deutschen Theater weder Blumenaufwand noch geistige Mühsal gescheut. Auf der Bühne rankten sich blühende Wildrosen um die Säulendekoration aus Wangenheims Hamlet-Inszenierung. Im Hintergrund, fast versteckt hinter Grün und Blüten, saßen die Musiker der Preußischen Staatskapelle, die die Feierstunde mit Mendelssohn und Offenbach umrahmten. Auf der Rampe standen Reinhardts Sessel und Schreibtisch, da rauf eines seiner Regiebücher und seine Lampe. Die Reden, die gehalten wurden, zogen sich durch Stunden und Stunden hin. Trotzdem wirken sie nicht einen Augenblick lang ermüdend. Schon die Eröffnungsansprache Gustav von Wangenheims, der – gefühlsdurchbebt und doch mit einer unvermuteten Klarheit – die Größe und Gefahr Reinhardts charakterisierte, ließ deutlich werden, dass diesmal nicht eines der üblichen und allzu häufigen Jubiläen zu erwarten war. Zug um Zug entstand in einer Gedrängtheit, die das Verrinnen der Stunden vergessen machte, das Bild eines Menschen und Künstlers von spannungsgeladener, schöpferischer Vitalität. Von der obligaten Ansprache des Oberbürgermeisters abgesehen, gab es da kaum ein Wort, das überflüssig gewesen wäre. Wenn es dennoch unzählbar viele Worte waren, so lag es an der Unerschöpflichkeit des Themas. Das aber war noch nicht das Besondere, das dieses Fest zu einer so beglückenden Verheißung machte. Der Geist Max Reinhardts war gegenwärtig und schlug Brücken über Abgründe, die lange genug unüberwindlich schienen. Es ereignete sich hier zum ersten Mal seit dem Kriege, dass Persönlichkeiten des deutschen Kulturlebens gleichberechtigt neben Vertretern der Vereinten Nationen auf einer gemeinsamen Kundgebung sprachen. Da wies der Russe Major Prof. Dr. Dymschitz – ein vorzüglicher Kenner aller subtilen Einzelheiten der deutschen Kultur – in einer scharfsinnigen Analyse dem Phänomen Max Reinhardt den geistesgeschichtlichen Ort zu und forderte für die kunstentfrem- 1429Auswahl von Artikeln aus dem Kurier dete, traditionslose deutsche Jugend ein Reinhardt-Museum, eine Theaterschule mit Reinhardt-Stipendien und ein Seminar zur Erforschung und Rekonstruierung Reinhardtscher Regiegeheimnisse. Da legte der Amerikaner Major Mellinger, ein Freund Reinhardts, ein blühendes Bekenntnis zu der völkerversöhnenden Mission des Theaters ab. Da verlas der Engländer Major Bell einen Brief Ashley Dukes, der zärtlich gehütete Erinnerungen mit halb ironischer Wehmut preisgab. Sie alle sprachen nicht als kühl reservierte Vertreter von Besatzungsmächten, sondern als Menschen zu Menschen, kaum weniger warmherzig und gerührt als Eduard von Winterstein, der aus der Perspek ti ve des durch Reinhardt erst geformten Schauspielers von der Lust und Qual zahlloser Theaterproben plauderte. So vergingen im Nu Stunden voll amüsanter Anekdo ten und vieler erinnerungsträchtiger Erschütterungen, die so manchem Tränen in die Augen trieben. Als Wangenheim das Telegramm der deutschen Emigration in Amerika vorlas – mit den Unterschriften Brechts, Feuchtwangers, Heinrich und Thomas Manns, Bassermanns und Ernst Lubitschs –, versagte ihm selbst die Stimme. Nach der Feier im Deutschen Theater begab man sich – eine mehr und mehr anwachsende Volksmenge – dorthin, wo der Oberbürgermeister die Umbenennung der Karlstraße in Max-Reinhardt-Straße vollzog. Gorki-Feier der Volksbühne (20. Juni 1946) Als Maxim Gorki vor zehn Jahren für immer die Augen schloss, fieberte in Berlin die Betriebsamkeit der Olympiade, die die Welt über Hitlers Kriegsvorbereitungen hinwegtäuschen sollte. Die Menschheit war allzu enthusiasmiert von dem gleißenden Schein einer Völkerversöhnung, die das nahende Verderben nur vertuschte, als dass sie sich in einer Welttrauer über den Tod des unerbittlichen Enthüllers menschlicher Unzulänglichkeit und des konsequenten Forderers menschlicher Größe hätte zusammenfinden können. Einsam blieben die traurigen Gedenkworte Romain Rollands inmitten des hektischen Weltjahrmarkt-Trubels. Man sollte sich dort am inbrünstigsten auf Gorki besinnen, wo der Schrecken begann und am schlimmsten wütete und wo der große Humanist allen Maßen und Werten zum Hohn zu einem finsteren Gesellen umgefälscht war, in Deutschland. 1430 Teil IX Aus solchen Erwägungen hat wohl Karl Heinz Martin da rauf verzichtet, das vielgestaltige Schicksal Gorkis biographisch zu verfolgen. Unter verschiedenen Aspekten ließ er etwas aufleuchten vom Wesen dieses Dichters, das nicht weniger vielgestaltig ist. Das Bild seines von Leid und Leidenschaften zerklüfteten und vom Geist gemeißelten Bauerngesichts war auf eine Leinwand projiziert und wurde von russischen Volksgesängen wie von tönendem Weihrauch umschwebt – ein echt Martinscher Regie-Einfall. Dann hoben sich Leinwand und Vorhang, das Antlitz verschwebte, und man erblickte den Chor: Sänger und Sängerinnen der russischen Kathedrale, deren Stimmen sich strahlend emporschwangen aus Dumpfheit und murmelnder Tiefe. Sie gaben Ernst Buschs heller, schneidender Stimme den Hintergrund und wirkten tragikomisch und rührend. Sie sangen das Lied vom Tode Tschapajews und das Lied vom Partisanen, und mit einem Schlage war die revolutionäre Situation lebendig, durch die Gorkis Werk hatte hindurchwachsen müssen. Dann sprach Fritz Erpenbeck, etwas nüchtern, aber sicher und klar in der Erfassung der geistigen Grundstruktur des Dichters. Unter anderem berichtete er von einem Filmmanuskript Gorkis mit dem Titel Wege ins Nachtasyl, das vor kurzem erst gefunden wurde. Hier wird nachträglich die Vorgeschichte aller Personen des Dramas entwickelt, und man kann daraus ersehen, wie sehr das Nachtasyl ein letzter Extrakt gebündelter Schicksale ist, deren Lebensäußerungen nicht zufällig sind, sondern organisch aus bestimmten Bedingungen entwachsen. Erpenbecks Analyse der Gorkischen Methode setzte an diesem wichtigen Beispiel an und mündete in das Bekenntnis zu einer Literatur aus hoher Bewusstheit und strenger Zielstrebigkeit. In knapper Rede beschwor Karl Heinz Martin die Gestalt des Dichters und führte ein in verschiedene Schichten seines Werkes, für die jeweils ausgewählte Gorki-Rezitationen deutlichste Beispiele gaben. Ernst Schröder sprach das Gedicht Sturmvogel, eine von visionärer Kühnheit durchwogte Lyrik, Monika Bode eine italienische Novelle, die sozialistische Ideale in der Unaufdringlichkeit einer kargen und straff konzentrierten Prosa verkündet, Ernst W. Borchert wechselweise mit Ruth Schilling Tod und Märchen, eine Ballade von fast mythischer Symbolkraft (meisterhaft die deutsche Nachdichtung Alfred Kurellas). Teile aus Bert Brechts Dramatisierung von Gorkis Mutter – packend durch eine gefühlslose Monotonie, die Ernst Busch und der Chor des Hebbel-Theaters mit dem Pathos der Sachlichkeit interpretierten – und russische Jugendlieder beschlossen die Feststunde. 1431Auswahl von Artikeln aus dem Kurier Der Ästhet und die Butter – nach Aribert Wäscher (22. Juni 1946) Puh, was ich vor dem Hipponax für eine Angst hatte! Es lief mir immer heiß und kalt den Rücken herunter, und während ich mit der linken Hand einen Schinkenknochen des Benagens halber zum Munde führte und mit der rechten nach dem Teller mit den Butterkügelchen griff, perlte mir der Schweiß von der Stirne. Es war bei der Einweihungsfeier der »Möwe«. Hipponax saß am Nebentisch mit meinem Intendanten, vor dem ich immer in Ehrfurcht erbebe, und vor dem er so gar nicht den angemessenen Respekt zu haben schien. Und da schnappte ich etwas auf. »Wer ist das nächste mal dran, Herr Hipponax?« fragte Wangenheim, »es wird doch Zeit, dass Sie endlich einmal von der U-Bahn-Schaffnerin herunterkommen!« »Ganz recht«, antwortete der junge Frechling, »das nächste Mal ist Aribert Wäscher mit einer seiner verfressenen Aventuren an der Reihe, die er in der ›sie‹ monatlich zu veröffentlichen sich nicht entschlägt!« Der Arge!, dachte ich und schlotterte furchtsam mit allen Gelenken. »Was hast Du denn nur?«, fragte Konstanze mich, deren schlanker Leib auf meinen Knien wippte. »Ach, weißt Du, Konstanze«, konnte ich nur kleinlaut versetzen, »ich habe ja solche Angst vor diesem rüden Spötter. Was soll denn nur aus mir werden, wenn er mich nächsten Sonnabend parodiert, der Schlimme? Die Leute werden ja denken, der Bauch sei das zentrale Anliegen meines Lebens! Ich bin ja blamiert! Meine Karriere ist verdorben! Ach, Konstanze, ich kann es nicht ertragen. Meine Nerven! Nein, bei der Verpflegung kann ich diese Aufregungen wirklich nicht aushalten!« Kaum hatte ich das gesagt, da beugte sich auch schon ein wohlbefrackter Kellner zu mir hernieder und zischelte mir ins Ohr: »Herr Schauspieler, wenn Ihren Nerven eine bessere Verpflegung zuträglich ist, dann kann ich Ihnen nur raten, sich sofort nach Pankow zu begeben.« »Wieso nach Pankow, mein Lieber?« »Kennen Sie das große Verpflegungsdepot in Pankow nicht, Herr Schauspieler? Dort wird jetzt, in diesem Moment gerade, eingebrochen! Es geht um zwanzig Zentner Butter. Wenn Sie sich sehr beeilen, kommen Sie noch rechtzeitig zur Verteilung!« Zwanzig Zentner Butter dachte ich beklommen, das wäre für meinen Seelenzustand gerade das Richtige! Blitzschnell sprang ich auf und bahnte mir durch ein Gewühl ineinander verschlungener Tanzpaare einen Weg zum Ausgang. »Aber beeilen Sie sich!« schrie hinter mir der Kellner. Er hätte der Mühe, es noch einmal so auffällig zu bemerken, entraten können; denn ich rutschte schon auf dem Geländer die Treppe hinab. 1432 Teil IX Unten im Erdgeschoss stand ein kleines Mädchen mit einem Kinderroller in der Hand. Das quietschte vor Vergnügen, als es mich sah: »Da seht nur den dicken Schauspieler, den Bösewicht aus der Schumannstraße! Ist der aber komisch!« Ich riss rücksichtslos dem Kind den Roller aus der Hand, schwang mich auf ihn und fegte in einem Höllentempo die Straße entlang, Richtung Pankow. Vor dem Auge meiner Phantasie tanzten Butterberge, Eierkuchen, Bratkartoffeln, gebratene Hühnchen und was man an fetttriefenden Sachen noch fabrizieren kann. Ich stieß mit dem Bein kräftig den Asphalt, umklammerte mit beiden Händen die Lenkstange, und, hui!, glitt der Roller mit mir pfeilschnell durch den Berliner Norden, übersprang alle Schlaglöcher und Steine, schnitt die Kurven und überfuhr fünf Schutzleute, die ihn aufhalten zu können glaubten. Innerhalb von zehn Minuten war ich in Pankow angelangt, und schon war in fast greifbarer Nähe das Verpflegungsdepot zu erkennen. Ich war bereits ganz außer Atem. Nur der Gedanke an die Butter hielt mich noch aufrecht. Was Konstanze mir wohl aus dem Zentner Butter, der doch sicher bei dem großen Einbruch wegen einiger Autogramme an theaterbesessene Volksschädlinge für mich abfallen würde, alles an schwälgerischer Gourmandise bieten könnte! Noch fünfzig Meter, und ich war da! Aber denkste, direkt vor dem Ernährungsdepot stand ein russischer Wachposten, der mich zu sich winkte. Von Einbrechern war weit und breit keine Spur zu sehen. Ob die wohl abgefasst worden waren? Ich zückte meine Ausweispapiere, aber die wollte der Posten gar nicht sehen. »Ich kenne Sie, Herr Schauspieler«, sagte er in fließendem Deutsch und fuchtelte mit der Maschinenpistole unter meiner Nase herum. »Sie brauchen nicht zu denken, dass ich auch an der Butter teilhaben wollte, Herr Soldat, ich verabscheue den Schwarzen Markt und überhaupt die leiblichen Genüsse aus der souveränen Höhe des Ästheten!« »Aha, Ästheten«, murmelte der Posten bedrohlich, »das war es gerade, was ich wissen wollte! Was halten Sie von ›Stürmischer Lebensabend‹, Herr Schauspieler?« Ob es sich wohl herumgesprochen hatte, was ich davon hielt? Dann natürlich konnte ich meine Butterhoffnungen begraben! Hipponax Oscar Wilde mit echten Gefühlen. Bunbury in der »Komödie« (22. Juni 1946) Unter den vier Lustspielen Wildes erscheint uns Bunbury als das einzig erträgliche. Die anderen drei sind Salonschmarren voller Sudermann-Problematik, die sich in der Pose 1433Auswahl von Artikeln aus dem Kurier einer, ach so ruchlosen Blasiertheit spreizt. Plump sentimentale Bühnengeschehnisse, künstlich drapiert mit kokett frivolen Dialogen, denen der billige, glitzernde Flitter einer ebenso glänzenden wie gehaltlosen Aphoristik aufgestickt ist. Die Unverwüstlichkeit der »trivialen Komödie für seriöse Leute« aber ist wohl da rin begründet, dass Wilde sich hier über das geistreich verbrämte Glück an Konventionen seiner anderen Komödien hämisch mokiert. Mit viel gründlichem Blödsinn transportiert er die französische Verwirrungsposse in das Milieu der englischen Society. In Bunbury überschneiden sich zwei Formen des Lustspiels und zugleich auch die beiden Wesenselemente des Dichters. Der Causeur mit der Freude am Paradoxen und der Erzähler zarter Romantikmärchen – in Bunbury bilden sie ein Ganzes. Bei der Verschiedenartigkeit dieser Elemente steht die Regie vor einer Alternative. Sie hätte ein flottes Gegenwartsmilieu mit Stahlmöbeln und altgedienten Bonmots bevölkern können. Es hätte gespenstisch gewirkt. Bruno Hübner macht es umgekehrt. Er dämpft die klappernde maschinelle Fabrikation der Gebrauchsaphorismen, wahrt im Äußeren historische Stiltreue und umzaubert die szenischen Vorgänge mit Charme, Poesie, auch einiger echter Gefühlswärme. Kostümierung und Dekoration beschwören die Epoche der Schnürtaillen und monströsen Federhüte, der üppigen Kamine und gestutzten Gärten. Paul Haferung, der Bühnenbildner, arbeitet phantasievoll mit der Symbolträchtigkeit wuchtiger Stilelemente aus jener Zeit: Ein fast waagerecht gewachsener morscher Baum, der künstlich gestützt werden muss, ist in den Gartenszenen Sinnbild des englischen Traditionalismus. Diese Welt aber ist gar nicht verstaubt; denn es spielt sich da kein Konversationsstück ab, sondern eine Liebeskomödie mit allem lebenskräftigen Zubehör an Leidenschaft und Schwung, Verstellung und Eifersucht. Die beiden Mädchen mit der Vorliebe für den Namen Ernst sind auch keine dummen Gänse, die ihr konventionell geschraubtes Sprüchlein dahinschnattern, sondern gefühlsdurchwogte, frische Geschöpfe mit klugen und wachen Instinkten. Inge Harbort entfaltet eine elementare Energie, die ihr fast das Schnürmieder und die wohlexerzierten Pensionsallüren sprengt. Ruth von Riedel, drollig und begabt, aber durch eine gewisse Nervosität in ihren Möglichkeiten gehemmt, spielt ein Gretchen von 1895, das sich in fassungs- und hilfloser Passivität von ihren eigenen Temperamentswallungen überwältigen lässt. 1434 Teil IX Olga Limburg hat sich mit Mut der verwaisten Rolle Adele Sandrocks angenommen und glänzend bestanden. Sie ist, während die Sandrock ein urtümliches Wrack, eine genialische Vogelscheuche war, auch als schwiegermütterlicher Drachen noch propper und appetitlich. Der Basston der Tragödin (»Wo ist das Baby?« – mit der Stimme Medeas) gelingt ihr vortrefflich. Dass ihr irgendwie der Kontakt mit dem übrigen Ensemble fehlt (als ob sie schwerhörig wäre), gibt ihr eine starre Monumentalität, die um so grotesker wirkt. Im jähen Wechsel salbungsvollen Augenaufschlag und weltlicher Altmänner-Kauzigkeit wird Bruno Harprechts Charge des Pastors zur besten schauspielerischen Leistung der Aufführung. Nur die beiden Liebhaber sind schwach. Die ihm fremden Bonmots scheuchen Hans Nielsen in eine kokett traurige Sprechweise. Erik Ode hält sich als einziger kaum an die Intentionen der Regie, deren zügige, straffe Dynamik er häufig mit einem abrupten effektsuchenden Hüpfen von Pointe zu Pointe stört. Außerdem könnte er viel lächerlicher wirken, wenn seine Kläglichkeit nicht so monoton und nuancenlos bliebe. Er müsste die Gravität des Vormundes mehr hervor kehren und sich nur zeitweilig in einen verdatterten dummen Jungen verwandeln. Union der zarten Hand – Nach Campester90 (29. Juni 1946) Als wir uns heute zum Frühgang über die Äcker rüsteten und Hacke und Spaten aneinander schlugen, blitzte der Tau noch von allen Gräsern und Blüten. Die Nacht lang hatte der Sturm am Erker gerüttelt, war wie silberschwarze, dichte Vorhänge der Regen herniedergerauscht. Nun glühte der violette Rhododendron aus nässesattem Gesträuch. Jeder Tropfen war, ehe ihn die Wärme aufsaugte, wie ein Prisma, das das mild flutende Sonnenlicht dieses herrlichen Sommertages in alle Regenbogenfarben zerlegte. Darüber wölbte sich azuren der Himmel, von Federwölkchen hauchzart durchstäubt. Silbriger Schmelz umzauberte die Päonien. Der Goldlack neigte schwermütig das Haupt und ließ die hellgelben Zähren rinnen. Der Holunder, der wilde, tanzende Narr unter den Sträuchern, war aufgebäumt wie eine Woge aus Grün und Weiß, die innehält, bevor sie sich strudelnd überschlägt. Inmitten dieses farbenjauchzenden Überschwanges suchten wir mit den Worten Agnes Miegels »die Rose, die dort flammend vor Liebe in Blüte stand. Einmal, bebend vor Glück, in deinen Händen lag meine Hand.« Da wir sie nicht fanden, überdachten wir, ihrer Blätter könnten wie bei Rilke wohl »einzeln, ausgelöst« zerflattert sein. »Und später erst wird aus den Augenbrauen hochstämmig 90 (WH) Man vergleiche das »Landtagebuch« in »Der Tagesspiegel«, S. 5. 1435Auswahl von Artikeln aus dem Kurier 1436 Teil IX sich der Rosengarten heben.« Wir wissen Bescheid mit dem Landleben hier draußen. Wir wissen, dass die Zeit der Rosen vorbei ist. Wie an den Tagen zuvor, die uns immer auf dem Felde gesehen, bückten wir uns auch heute zur Krume nieder und wogen einen glänzenden Klumpen davon in der Hand. Fettig und fruchtbar fühlte er sich an. Wir hatten ihn durchdringend gewässert und gejaucht, mit Torfmull vermengt und wieder und wieder umgegraben. Möhren und Endivien, Rhabarber und Grünkohl, die wir vor Wochen breitwürfig gesät hatten, mochten gut in Schuss sein. Nur die schwächeren Triebe knipsten wir ab. Aber der Wirsingskohl machte uns Sorgen. Und während wir über seinen zerfressen Blättern bedenklich den Kopf wiegten, fiel uns Erik Reger ein: »Die Raupen klebten an den Rändern und Einkerbungen des Wirsing, dessen Blätter von vielen Adern, Warzen und dunklen Runzeln zerspalten waren; unten mit den Bauchfüßen festgeklammert, den Kopf nach oben herumgebogen, staken sie wie Krampen ab. Mit den bärtigen Oberlippen bissen sie an und zermalmten zwischen einer Unzahl von Kiefern und Kauladen das wässerige, fade riechende Grün. Sie wanderten in Kolonien, so wie sie aus den kleinen dottergelben Eiern geschlüpft waren, von einem Fressplatz zum anderen, Löcher und Buchten fransten sie aus, über die hin und wieder noch schmale Dämme von weißen Strünken liefen.«91 Wie alle unsere Zitate fiel auch dieses uns beim Jäten und Hacken ganz beiläufig ein, und so grüßten wir auch hier den brüderlichen Geist eines Gärtners. Wer zwischen Thyssen und Krupp die knallroten Knollenwurzeln des Radieschens gepflanzt hatte, warum sollte der wohl nicht zwischen Pieck und Schumacher Rosen beschneiden und Möhren ziehen und mit zarter Hand den universalen Zettelkasten nach Dichterzitaten durchblättern? Wir stachen den letzten Spargel, der sich bläulich und fahl aus dem aufgeworfenen Hügel längs des Mistbeetes drängte, mit den Worten Franz Werfels: »Auf dem Windmeer des Atems hebt an die Segel zu brüsten im Rausche der unendlichen Worte nächtlich beladener Kahn!« Nichts aber geht über die Sonne, wenn sie an solchen Tagen gleißend und glühend im Zenit steht wie ein goldenes Riesenauge der Schöpfung über allen Feldern und Wäldern. Hipponax 91 (WH) Union der festen Hand, S. 17/18, Aufbau-Verlag, Berlin. (AH) Harichs Rezension des Buches ist neu abgedr. in: Band 6.2, S. 1445–1469.

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References

Zusammenfassung

Der Band komplettiert die „Frühen Schriften“ Harichs und bietet zahlreiche Texte, Manuskripte, Briefe, Gutachten usw. zu den Themenbereichen: Wortmeldungen in der SBZ – Drei Schriftstellerkongresse – Im Aufbau-Verlag – Die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“ – Kultur und Philosophie – Politik, Gesellschaft, Universität – Das „Vademecum“ und sein Umfeld. Außerdem werden Harichs Schriften über und an Ernst Jünger, Ernst Bloch, Victor Stern, Georg Klaus und Georg Mende präsentiert. Zudem seine Artikel und Feuilletons aus dem „Kurier“.