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Teil IV Briefe und Dokumente in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 865 - 974

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-865

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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Teil IV Briefe und Dokumente H ar ic hs N ot izb üc he r 867Briefe und Dokumente Brief an Robert Steigerwald1 (10. Januar 1983) Lieber Robert Steigerwald! Wenn ich mich recht entsinne, reden wir uns seit 1969, seit unserem Gespräch über meine damalige Neo-Anarchismus-Schrift2, per »Du« an. Sollte mein Gedächtnis mich da trügen, so habe bitte Nachsicht mit plumper Vertraulichkeit und erspare es mir, das Folgende in Gesieztes zu transportieren. Dein auf Nicolai Hartmann (1882–1950) bezugnehmender Brief, den Du Ende November 1982 an Professor Lothar Berthold gerichtet hat, ist mir heute im Akademie-Verlag ausgehändigt worden. Ich beeile mich, ihn zu beantworten, werde das in den nächsten Tagen aber wohl nur sukzessive schaffen. Es liegt mir daran, die gute Gelegenheit zu ergreifen, mir einiges »von der Seele zu reden«, und Schreiben fällt mir physisch zunehmend schwer. Zunächst freut es mich, nach langer Zeit wieder einmal direkt – und nicht nur als Leser Deiner Drucksachen – mit Dir in Berührung zu kommen, und da wünsche ich Dir, verspätet zwar, aber um so herzlicher, alles nur erdenklich Gute zum Neuen Jahr. (Das letzte Komma war korrekt: Paranthesen darf man auch zwischen Kommata, statt Gedankenstriche, setzen; doch ich werde schrullig …) Dass ein Marxist aus Bulgarien sich mit meinem einstigen Lehrer Nicolai Hartmann beschäftigt, und das obendrein aus sehr positiver Grundeinstellung, freut mich sehr. Noch lieber wäre mir die Präzisierung gewesen: »mit großem Respekt, vieles lernend, wenn auch keineswegs kritiklos« oder so ähnlich. Trotzdem werde ich dem Dr. Kiril Detew Darkovski meinen Artikel Darf man Nationalpreis-Kandidaten kritisieren? aus der Täglichen Rundschau, von Sommer 1949, nicht heraussuchen und schicken.3 Ich habe frühere Zeitungsveröffentlichungen von mir nicht zur Hand, müsste sie also mühselig und unter Zeitaufwand in einer öffentlichen Bibliothek ausfindig machen, fotokopieren lassen usw., und dergleichen strengt mich zu sehr an. Vor allem aber: Seit langem schäme ich mich jenes Artikels. Du findest den gut? Ich nicht, und ich möchte es Dir – und möglichst durch Dich auch K. D. Darkovski – gern ausreden, 1 (AH) Harich: Brief an Robert Steigerwald, vom 10. Januar 1983, 6 Blatt, maschinenschriftlich. Auf dem Brief nicht adressiert. 2 (AH) Gemeint ist Harichs Zur Kritik der revolutionären Ungeduld (Neuabdr. in Band 7). 3 (AH) Es ist leider nicht allzu einfach, die frühen Jahrgänge der Täglichen Rundschau einzusehen, von der es ja auch zwei Ausgaben gab. Ich habe den Artikel bisher nicht gefunden. 868 Teil IV ihn gut zu finden. Dabei habe ich den Inhalt so gut wie gar nicht mehr in Erinnerung. Mag sein, dass der Artikel den einen oder anderen philosophisch richtigen Gedanken enthält. Mag auch sein, dass es ein, politisch gesehen, problematischer Vorschlag war, unter die ersten (genauer: erstmaligen) Nationalpreisträger der (übrigens zu der Zeit noch nicht gegründeten) DDR einen nicht marxistischen Philosophen einzureihen, und noch dazu einen, der 1945 sofort aus der SBZ (Babelsberg) in die EBZ (Göttingen) übergesiedelt war; anders als bürgerliche Philosophen wie Günther Jacoby (Greifswald), Paul F. Linke (Jena), Paul Menzer (Halle), Liselotte Richter (Berlin) u. a. Dies alles – und möglicherweise noch weiteres – zugegeben, ist der Artikel ganz gewiss in einem unangemessenen, ungehörigen polemisch-rüden Ton gehalten, und dass ausgerechnet ich ihn verfasst habe, das war, nach allem, was ich Hartmann an Bildungswerten und Kenntnissen zu verdanken hatte (wovon ich, nebenbei bemerkt, heute noch zehre), einfach eine menschliche Unanständigkeit. Es war außerdem Ausdruck einer unseligen Neigung, von einem Extrem ins andere zu fallen. Denn noch zwei Jahre vorher hatte ich, unter dem Einfluss Paul Wegeners und als Theaterkritiker des französisch lizenzierten Kurier, für eine Intendantur Gründgens’ am Deutschen Theater »gekämpft«, was doch wohl mindestens ebenso problematisch gewesen war wie jener Vorschlag. Doch zu dieser Problematik, der einen wie der anderen, später mehr … Schamgefühl ob des Artikels von 1949 setzte bei mir zu Beginn der fünfziger Jahre (1951?, 1952?) ein, nachdem ich, von Nicolai Hartmann, nach dessen Tod, erstmals seine Philosophie der Natur (den vierten Band seiner Ontologie, vollendet 1943, erschienen 1950) sowie seine kleinere Nachlass-Schrift Teleologisches Denken (erschienen 1951) gelesen hatte. Es sind dies diejenigen Werke von ihm, in denen er sich am weitestgehenden (natürlich unbewusst) dem Diamat nähert und aus denen Marxisten relativ am meisten lernen können. Unter dem Eindruck ihrer Lektüre modifizierte ich den Standpunkt, den ich bis dahin in den Nachkriegsjahren zu Nicolai Hartmann eingenommen hatte, wesentlich. Zum Ausdruck kommt das in einer 1952 von mir verfassten Rezension des Buches Teleologisches Denken; sie wurde abgedruckt in der Deutschen Zeitschrift für Philosophie, 1. Jahrgang, 1953, Heft 2, Seite 416 ff., zum Ärger Ernst Blochs, der fortan in mir einen Anhänger des »Talmi-Ontologen« sah. Solltest Du, lieber Robert, dem bulgarischen Kollegen in jenen TR-Artikel von 1949 aus Deinen Beständen zugänglich machen, so würde ich Wert darauf legen, dass der Mann auch von dieser Rezension aus der DZfPh von 1953 Kenntnis erhält. 869Briefe und Dokumente Fortsetzung, Berlin, den 11. Januar 1983 Soeben habe ich mit diese Rezension noch einmal zu Gemüte geführt. In der Hauptsache kann ich sagen, dass ich auch heute noch zu ihr stehe. Allerdings sind die Passagen, in denen ich mich kritisch von Hartmann distanziere, immer noch im Ton ungehörig und enthalten auch sachlich manch linkssektiererischen Blödsinn. Um hier nur die schlimmste Entgleisung dieser Art herauszugreifen: A. a. O., S. 417, vertrete ich in dem Abschnitt »Obwohl diese Einwände …« bis »… entbehrlich zu machen scheint« die Ansicht, Hartmann wirke gerade durch seine rationellen Positionen, gerade durch die wertvollen, zu bejahenden Aspekte seiner Philosophie (reale Welt, objektive Gesetzlichkeit, Primat der Materie vor dem Bewusstsein, streng kausales Denken, naturwissenschaftliche Orientierung, Atheismus, scharfe Kritik an der gesamten subjektiv-idealistischen Gnoseologie vom Neukantianismus und Positivismus bis zum Pragmatismus usw.) »in Westdeutschland als eine, speziell für den ›gesunden Menschenverstand‹ bestimmte, ideologische Auffangbarriere der Bourgeoisie«. Ich kann Dir sagen, wie ich zu dieser horrenden Fehleinschätzung damals gekommen bin: Ich stand unter dem Eindruck der Schwankungen des philosophisch sehr stark interessierten Theater- und Filmregisseurs Erich Engel, der in der Tat Nicolai Hartmann-ianer war – aber der einzige weit und breit –, und seinen »Fall« verallgemeinerte ich – unzulässigerweise, weil auf viel, viel zu schmaler empirischer Basis. Nachdem Engel mir jahrelang, damals mit der Partei noch sympathisierend, klarzumachen versucht hatte, dass die an sich so liebenswerten Kommunisten philosophisch die ärgsten Ignoranten und Dilettanten seien und man die Kerngedanken aus dem Anti-Dühring und dem Empiriokritizismus in weit gediegenerer Fassung bei Nicolai Hartmann finde, war er, aus Verärgerung über irgendwelche Defa-Querelen, nach München gegangen, um dort, wie in der Nazizeit, seichte Unterhaltungsfilme zu drehen. Später kehrte er wieder zurück, 1955/1956, dank Bemühungen Brechts, gelockt auch von der Aufgabe, am BE den Galilei zu inszenieren. Seinem philosophischen Nicolai Hartmann-ianismus blieb er gleichwohl bis ans Lebensende treu, was ihn nun jedoch keineswegs daran hinderte, im Klassenkampf wieder auf der richtigen Seite zu stehen: In Westberlin lebend, verfügte Engel testamentarisch, er wünsche, in der DDR, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, beerdigt zu werden. Von ihm auch stammte die BE-Inszenierung Schwejk im Zweiten Weltkrieg, die sich anderthalb Jahrzehnte lang auf der Bühne gehalten hat usw. 870 Teil IV Diese Entwicklung sah ich 1952/1953 nicht voraus, und wäre sie anders verlaufen, hätte das für die behauptete »Auffangbarriere« auch nichts bewiesen. Was ich aber 1952/1953 sehr leicht hätte bedenken können, das war mein eigener philosophischer Entwicklungsgang. Mich hatte, unter Nicolai Hartmanns Einfluss, an einem kommunistischen Widerstandskämpfer die von diesem oft beschworene 11. Feuerbach-These gestört, wobei ich etwa so gedacht hatte: »Was soll das heißen: Die Welt? Der Andromeda-Nebel auch? Da wird doch wohl das Maul etwas voll genommen. Gemeint sind die sozialen und politischen Verhältnisse auf der Erde, einem Krümelchen des Krümels, genannt Galaxis. Außerdem kommt es auf die Richtung der Veränderung an. Und die Veränderung zum Besseren, zum Höheren bedarf selbstverständlich zutreffender Erkenntnis, also auch richtiger Interpretation der ›Welt‹. Die ganze Entgegensetzung von Interpretieren und Verändern läuft auf üblen Pragmatismus hinaus.« So hatte ich gedacht. Dann jedoch war mir, etwa im März 1945, von besagtem Kommunisten – er ist jetzt 74 Jahre alt und lebt in Düsseldorf, Du kannst ihn Dir als Zeugen angeln – Lenins Empiriokritizismus in die Hand gedrückt worden, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen: »Das ist ja im Kern der Standpunkt Nicolai Hartmanns, aus dessen Metaphysik der Erkenntnis. Die Kommunisten sind also doch keine Pragmatisten, sie haben eine sehr Ernst zu nehmende Philosophie, erkenntnistheoretisch jedenfalls die richtige. Sie erkennen das An-sich-Sein einer vom Bewusstsein unabhängigen Realität an, sie bejahen sogar die Abbildtheorie.« So dachte ich nun. Und eben das hätte mir 1949 bzw. 1952 wieder einfallen sollen. Dann nämlich hätte ich geschrieben, Nicolai Hartmann könne zwar »Auffangbarriere« im oben geschilderten Sinne sein; seine Philosophie eigne sich ebenso gut aber auch als Ausgangspunkt für Entwicklungen hin zum Marxismus, die diesen nicht bloß als ökonomische Theorie, sondern als umfassendes Weltbild verstehen. Mit anderen Worten: Ich wäre der Ambivalenz dieses bürgerlichen Denkers – des rationellsten, bedeutendsten, enzyklopädischsten, den es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gegeben hat – gerecht geworden. Nun kann natürlich ich nicht als löbliches Musterexemplar einer Entwicklung hin zum Marxismus – und das heißt allemal: hin zur Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei – gelten; weiß der Himmel nicht. Ich habe Schwankungen hinter mir, so ungeheuerlich, dass die von Erich Engel sich daneben sehr bescheiden und harmlos ausnehmen. Aber: Es hat sich bei mir nie um solche Schwankungen gehandelt, die von dominierenden Strömungen der bürgerlichen Philosophie im Zeitalter des Imperialismus bestimmt gewesen wären. 871Briefe und Dokumente »Auffangbarriere« für den »gesunden Menschenverstand«, namentlich der naturwissenschaftlich gebildeten Intelligenz, war und ist der Positivismus, und gegen den bin ich jederzeit gefeit gewesen, ganz egal, ob Hollitscher oder Havemann oder Karl Schröter positivistisch auf mich einredeten. »Auffangbarriere« für geisteswissenschaftlich orientierte Intellektuelle mit Linksneigung war die »Kritische Theorie« der Frankfurter Schule – mich hat sie nie berührt, nie im Geringsten beeinflusst. Um von Neothomismus, Existenzialismus, Psychoanalyse, Strukturalismus usw. gar nicht zu reden. Mit Bloch bin ich zwar freundschaftlich verbunden gewesen – und verbündet in dem Bestreben, aus der DZfPh eine einigermaßen interessante und niveauvolle Zeitschrift zu machen. Aber all seine philosophischen »Extras« ließen mich kalt, was er sehr wohl spürte. Zu verdanken habe ich diese – bei all meinen Eskapaden seltsame – Standfestigkeit und Geradlinigkeit auf dem ureigensten Fachgebiet dem Umstand, dass ich mich dem Marxismus-Leninismus als Nicolai-Hartmann-Adept genähert habe. Leider ist das in keinem nennenswerten philosophischem Opus zu Buche geschlagen. Vor 1956 absorbierten mich Vorlesungs- und Redakteurstätigkeit, nach 1964 Feuerbach-Philologie und Jean-Paul-Forschung, und Anfang der siebziger Jahre folgte Besessenheit von Zukunftsforschung und politischer Ökologie; Letzteres übrigens auch wieder durch die frühe Nicolai-Hartmann-Rezeption vorbereitet, die mich die Stalinschen »Grundzüge« hatte sehr Ernst nehmen und daher den ersten »Grundzug« schon 1948/1949 mit ökologischem Illustrationsmaterial anreichern lassen, weshalb denn, als die Zeit erfüllt war, der »Club of Rome« mich wie ein coup de foudre traf. Zurück zu meinem üblen TR-Artikel von 1949, so war da – unter anderem – ein von mir wahrscheinlich missverstandenes, fehlinterpretiertes persönliches Erlebnis mit im Spiel gewesen. Im Dezember 1942 hatte ich Gelegenheit gehabt, mit Nicolai Hartmann ein stundenlanges Gespräch unter vier Augen zu führen, und hatte bei dieser Gelegenheit ihm mit Eindringlichkeit die Verbrechen und Gräuel der Wehrmacht vor Augen geführt. Er hatte darauf ungefähr so erwidert: »Auf solche Dinge reagiert mein Wertemp finden natürlich in ganz bestimmter Weise. Aber: Als Problem ist mir dieser Krieg einfach zu speziell. Fragen Sie mich nach dem Sinn der Weltgeschichte im Ganzen. Das ist mein Fach, und da antworte ich Ihnen: Vermutlich hat sie keinen. Aber dieser Zweite Weltkrieg? Als Problem zu speziell. Außerdem steht es mir als Beamten natürlich nicht zu, an Maßnahmen meiner Regierung Kritik zu üben.« 872 Teil IV Die Erinnerung daran kam mir wieder hoch, als ich im Sommer 1949 in der Zeitung las, die Akademie der Wissenschaften habe Nicolai Hartmann zur Auszeichnung mit dem Nationalpreis vorgeschlagen. Daher der Vorwurf der »Auffangbarriere«. Daher die Verdammung eines Apolitizismus, der jenen »klassischen« Ausspruch haargenau, nahtlos in die den Forderungen des Tages weit entrückte philosophische Systematik des Mannes hinein passen ließ. Erst Jahrzehnte später ist dann bei mir der Groschen gefallen: »Sollte Hartmann es für nicht ganz ausgeschlossen gehalten haben, dass ich mich ihm als Agent provocateur genährt haben könnte? In der Atmosphäre der Nazizeit, zumal während des Krieges, waren derlei Gedankengänge gang und gebe. Nur zu den vertrautesten, bewertesten Freunden wagten die meisten sich oppositionell zur äußern oder gar Gräuel anzuprangern. So gesehen, zeigte die Wendung von dem ›Wertempfinden‹, das ›in ganz bestimmter Weise reagiere‹, sogar von Mut: Es ging bis an die Grenze dessen, was einem unter Umständen Kopf und Kragen kosten konnte.« Dergestalt sah ich im Verlauf der siebziger Jahre (sic!) ein, dass ich Nicolai Hartmann vielleicht, sogar wahrscheinlich Unrecht getan hatte. Gleichwohl blieb der Vorwurf des Apolitizismus gegenüber seiner Philosophie natürlich zu Recht bestehen. Aber Apolitizismus war in der Zeit des Dritten Reiches bei einem Lehrer der akademischen Jugend immer noch besser als deren aufputschende Politisierung im nazistischen und kriegshetzerischen Sinn. Und davon konnte in Hartmanns Büchern, Vorlesungen, Seminaren nie und nimmer die Rede sein. Noch ein Weiteres sollte just in diesem Zusammenhang bedacht werden: Nicolai Hartmann war entschiedener Gegner der Relativitätstheorie, in diesem Punkt konsequenter materialistisch als viele heutige Vertreter des Diamat. Aber erst ein Jahr vor seinem Tode – in der 1949 in Satz gegebenen Philosophie der Natur, 18. Kapitel: Spekulative Relativismen des Raumes und der Zeit – ist er mit seiner – meines Erachtens höchst einleuchtenden, schwerlich widerlegbaren – Kritik an Einstein herausgerückt. Sollte ihn der Gedanke angewidert haben, sich unter der Ägide Hitlers den antisemitischen Hetzern gegen Einstein, den Verfechtern einer »arischen Physik« vom Schlage Lenards, beizugesellen? Übrigens:4 Den letzten kompromisslosen Einstein-Gegner unter deutschen Kommunisten habe ich noch gekannt. Er hieß Victor Stern und war jüdischer Abstammung. Gegen Gutachten, die Havemann verfasst hatte, boxte ich 1951/1952 beim Aufbau-Ver- 4 (AH) Zu Victor Stern und dessen Physik-Deutung siehe die entsprechenden Briefe, Dokumente und Gutachten in Band 1.3. 873Briefe und Dokumente lag durch, dass Sterns Einstein-Kritik gedruckt wurde (in: Erkenntnistheoretische Proble me der modernen Physik, Berlin, 1952). Als ich zu Stern sinngemäß sagte: »Victor, Deine Argumente sind aber unzulänglich, Dir unterlaufen gedankliche Schnitzer. Sieh Dir doch einmal das 18. Kapitel von Nicolai Hartmanns Philosophie der Natur an!«, da erhielt ich die Antwort: »Ich soll mich von einem Bürgerlichen belehren lassen? Und ausgerechnet von dem? Du hast doch selbst vor ihm gewarnt!« Verstehst Du jetzt meine Reue, Robert?5 Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung befindliches Werk über Nicolai Hartmann6 (05. Januar 1984) Band I 1) Vorwort, Rechtfertigung des Vorhabens. Rechenschaft über Ziele und Absichten. Zur grundsätzlichen Unterscheidung von der bisherigen Sekundärliteratur zum selben Thema. 2) Lebensdaten Nicolai Hartmanns. Stationen seiner akademischen Laufbahn. Entstehungsgeschichte seiner Werke sowie Daten ihrer Erstveröffentlichungen und späteren Auflagen. 3) Zusammenfassende Darstellung der Grundgedanken von Nicolai Hartmanns System – nur zu vorläufig orientierendem Zweck, ohne Zustimmung und ohne Kritik, rein »objektivistisch«, dabei unter Beibringung besonders charakteristischer Zitate. (1) Ontologie (2) Naturphilosophie (3) An thro po lo gie (4) Gesellschafts- und Geschichtsphilosophie 5 (AH) Von der Fortsetzung des Briefes sind leider keine Durchschläge im Nachlass Harichs erhalten geblieben. 6 (AH) Harich: Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung befindliches Werk über Nicolai Hartmann, handschriftlich datiert auf den 05. Januar 1984. 3 Blatt, maschinenschriftlich. Auf dem ersten Platz der handschriftliche Zusatz: »Lieber Kollege Turley. Hier das Ihnen gestern Versprochene. Herzliche Grüße! Ihr.« Die ersten beiden Blatt, Gliederung, das dritte Blatt der Arbeitsplan. 874 Teil IV (5) Ethik (6) Ästhetik (7) Erkenntnistheorie (8) Logik (9) Geschichte der Philosophie 4) Beziehungen zwischen der Philosophie Nicolai Hartmanns und den jeweils dominierenden philosophischen Strömungen des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts – in historisch-chronologischer Reihenfolge, unter Bezugnahme auf die den ideologischen Überbau jeweils bestimmenden ökonomisch-gesellschaftlichen Grundlagen. Nicolai Hartmann als objektiver Verbündeter des Marxismus. (1) Vor der Wende zur imperialistischen Periode (a) Russische Philosophie im 19. Jahrhundert (soweit für Nicolai Hartmann relevant) (b) Neukantianismus • Marburger Schule (Cohen, Natorp) (2) Imperialistische Periode, speziell Jahrhundertwende bis Weltkrieg II (a) Phänomenologie (Husserl, Scheler) (b) Gegenstandstheorie und neue Ontologie (Meinong, Pichler) (c) Wirkung Nietzsches (d) Lebensphilosophie (e) Hegel-Renaissance (f ) Schelers Ethik (g) Existenzialphilosophie (besonders Heidegger) (h) Sozialdarwinismus, Rassismus (3) Imperialistische Periode, speziell nach Weltkrieg II (a) Neoscholastik (b) Neopositivismus Band II 5) Nicolai Hartmann und der dialektische und historische Materialismus. Seine Rolle als Gegner des Marxismus. Sein System im Lichte marxistischer Kritik. Marxistische Gegenpositionen zu seinen Verirrungen. (1) Nicolai Hartmanns Stellungnahmen zum Marxismus. (2) Bisherige marxistische Stellungnahmen zu Nicolai Hartmann. 875Briefe und Dokumente (3) Der megarische Möglichkeitsbegriff, die Negierung des Zufalls, die Konstruktion einer idealen Seinssphäre und die Fehldeutung des Psychischen als Grundgebrechen der Ontologie. (4) Größe und Grenzen Nicolai Hartmanns als Vorläufer der modernen Systemtheorie. Das Übersehen der dynamischen Ökogefüge des organischen Lebens als Hauptschwäche seiner Naturphilosophie. Die Selbstentlarvung des megarischen Möglichkeitsbegriffs im Kontext der naturphilosophischen Analysen. (5) Von Plessner zu Gehlen. Entwicklung der philosophisch-anthropologischen Auffassungen Nicolai Hartmanns. Hegels subjektiver Geist, Nicolai Hartmanns »personaler Geist« und die Aporien des Schichtungsgedankens bei der Anwendung auf die Natur des Menschen. (6) Nicolai Hartmanns eklektischer Faktorenpluralismus als das Grundgebrechen seiner Gesellschaft- und Geschichtsphilosophie. Die Aporien seiner Fassung des »objektiven« und des »objektivierten« Geistes. Apologetische Tendenzen seines Gesellschafts- und Geschichtsbildes. (7) Exkurs über philosophisches Kulturerbe auf dem Gebiet der Ethik. Die kritisch aneignende Beschäftigung mit der Hegelschen Rechtsphilosophie, mit den ethischen Aussagen Feuerbachs, mit den moralphilosophischen Theorien des frühen Positivismus (Comte, John Stuart Mill) und mit der Ethik des Feuerbachianers Friedrich Jodl als aktuelle Aufgaben auf diesem Gebiet. Nur relative Berechtigung einer Auswertung auch der »materialen Wertethik« Schelers und Nicolai Hartmanns in diesem Rahmen. Der Vorzug des Nicolai Hartmannschen Atheismus gegenüber Scheler, die apologetische Grundtendenz beider. Affirmativ: Bedeutung von Tugenden und Pflichten des Einzelnen wie der Kollektive im Sozialismus/Kommunismus. (8) Kurze Bemerkungen über Nicolai Hartmanns Ästhetik im Lichte der einschlägigen Errungenschaften des Marxismus, namentlich der ästhetischen Leistungen von Georg Lukács. (9) Größe und Grenzen Nicolai Hartmanns als Erkenntnistheoretiker. Sein Kampf gegen alle Spielarten des subjektiven Idealismus. Sein nur rudimentärer und inkonsequenter Praxisbegriff. Unzulänglichkeiten seiner Fassung des Erkenntnisprogresses und des Problembewusstseins. Agnostizistische Tendenzen. Die Unhaltbarkeit seines Apriorismus und dessen nur zögernde und inkonsequente Überwindung. Die Belastung des Erkenntnisproblems durch das »ideale Sein«, die Fehldeutung des Psychischen und der megarische Möglichkeitsbegriff. (10) Versuch einer Rekonstruktion des verloren gegangenen Logikwerks aus der letzten Selbstdarstellung (von 1949) und den Aussagen zu logischen Problemen in den sonstigen Hauptwerken. Mutmaßliche Vollendung des Gedankenerbes der russischen 876 Teil IV Logikschule (Karinski, Rutkowski) bei gleichzeitiger Verzerrung derselben durch das »ideale Sein«. Exkurs über die Vorzüge der so genannten traditionellen gegenüber der modernen mathematischen Logik. (11) Nicolai Hartmanns Stellung zur Philosophiegeschichte in grundsätzlicher kritischer Beurteilung. Kritische Würdigung seiner Beiträge zur philosophischen Historiographie (das zweibändige Werk über den deutschen Idealismus von den frühen Kantianern bis Hegel; die Frühwerke über die Vorsokratiker, Platon und Aristoteles; die reifen Aufsätze über Platon, Aristoteles, Leibniz, Kant, Hegel und Heinrich Maier; die philosophiehistorischen Passagen in den systematischen Hauptwerken). Die Lücken in Nicolai Hartmanns Kenntnis der Philosophiegeschichte. Eklektische Anwandlungen bei der Auswertung überlieferten Gedankenguts. 6) Schlussbemerkungen. Nochmals zum Thema: Nicolai Hartmann und der Marxismus. Die Befürchtung der ersten marxistischen Gegner Nicolai Hartmanns, dessen Philosophie würde eine Art Auffangbarriere gegen den Diamat und Histomat bilden, hat sich nicht bewahrheitet. Diese Funktion haben tatsächlich der Neopositivismus im Ringen um das Bewusstsein der naturwissenschaftlich-technischen orientierten Intelligentsja und der liberale Pseudomarxismus der Frankfurter Schule bei der parasitären schöngeistigen Linkselite übernommen. Gegen die gemeinsamen philosophischen Fehler beider Richtungen, nämlich gegen die subjektiv-idealistische Erkenntnistheorie und die verfemende Ausgrenzung so genannter metaphysischer, d. h. weltanschaulicher Fragen, kommt Nicolai Hartmann nach wie vor als Verbündeter in Betracht. Dass er im bürgerlichen Bildungsbetrieb »tot« ist, bestätigt dies und gereicht ihm zur Ehre. Arbeitsplan für das geplante und in Vorbereitung befindliche Werk über Nicolai Hartmann 1983 bis 1984: Vorbereitungsarbeiten A. Lektüre sämtlicher Werke Nicolai Hartmanns. Anfertigung von Randbemerkungen dazu, von aufbereitetenden Exzerpten, von Problem- und Sachregistern. Vertiefung und Komplettierung meiner Kenntnisse über die philosophischen Hauptströmungen seiner Zeit, der Stellung der betreffenden Denker zu ihm und der Differenzen zwischen seinen und ihren Auffassungen. Beschaffung von biographischem Material über Nicolai Hartmann. 1985: Studium und Auswertung zumindest der wesentlichen Sekundärliteratur über Nicolai Hartmann, die uferlos ist, aber immer nur Einzelaspekte und Teilprobleme seiner philosophischen Lebensleistung betrifft; eine Gesamtdarstellung fehlt. Die Sekundärliteratur wäre Inhalt der Vorbereitungsarbeiten B. 877Briefe und Dokumente 1986 bis 1987: Erste Niederschrift der Teile 1, 2, 3 und 4 (gemäß beiliegender Gliederung). Unterbreitung zu kollektiver Diskussion mit Fachkollegen, die der Akademie-Verlag und ich gemeinsam auszuwählen hätten. 1988: Zweite und endgültige Niederschrift der Teile 1, 2, 3 und 4 unter Berücksichtigung der Ergebnisse der kollektiven Diskussion. Fertigstellung des Manuskripts von Band I. Ablieferung desselben Ende 1988. 1989 bis 1990: Erste Niederschrift der Teile 5 und 6 (gemäß beiliegender Gliederung). Unterbreitung zu kollektiver Diskussion mit denselben (oder teilweise anderen) Fachkollegen. Derweil durchläuft das Manuskript von Band I die Lektorate des Verlages und der HV Verlagswesen und Buchhandel und geht in Satz. 1991: Endgültige Niederschrift der Teile 5 und 6. Fertigstellung des Manuskripts von Band II. Ablieferung desselben Ende 1991. Daneben Korrekturlesen und Imprimieren von Band I, der dann Anfang 1992 erscheinen kann (400 bis 500 Druckseiten). 1992: Das Manuskript von Band II (enthaltend die Teile 5 und 6) durchläuft die Lektorate des Verlages und der HV Verlagswesen und Buchhandel und geht anschlie- ßend in Satz. 1993: Korrekturlesen und Imprimieren von Band II, der Ende des Jahres dann noch erscheinen kann (400 bis 600 Druckseiten). Brief an Aloys Joh. Buch7 (13. Fe bru ar 1984) Lieber Herr Kollege! Haben Sie vielen Dank für Ihr freundliches Schreiben vom 30. Dezember 1983. Eigentlich wollte ich, bevor ich darauf antworte, zunächst eine durchdachte Liste meiner Fragen an Sie, Nicolai Hartmanns Biographie betreffend, zusammenstellen. Das zieht sich aber noch ein Weilchen hin, da mir einerseits immer neue Fragen hierzu einfallen, ich andererseits aber eine sich auf das wirklich Notwendige und Wesentliche beschrän- 7 (AH) Harich: Brief an Aloys Joh. Buch, vom 13. Fe bru ar 1984, 3 Blatt, maschinenschriftlich. Von dem Brief existiert eine erste Version, datiert auf den 7. Fe bru ar 1984, die Harich aber nach zwei Blatt bei Seite legte und teilweise neu formulierte. Eine Änderung wird im Folgenden in einer Fußnote vermerkt. 878 Teil IV kende Auswahl treffen möchte, und die Auswahlkriterien kristallisieren sich erst jetzt allmählich bei mir heraus. Indes sollen Sie nun nicht länger mehr auf die Informationen warten müssen, um die Sie mich gebeten haben. Hier sind sie: In der DDR bin momentan, soweit ich sehe, ich der einzige, der über Nicolai Hartmann arbeitet. Ich kriege dafür, zusätzlich zu meiner Invaliden- und meiner Intelligenzrente, ein Stipendium aus dem Kulturfonds des Kultusministeriums in der Höhe, die für Invalidenrentner eben noch zulässig ist. Genau genommen zahlt man es mir für Forschungen über Nietzsche, der mir aber so widerwärtig ist, dass die Beschäftigung mit ihm, wie sich 1982 herausstellte, mir geradezu Depressionen verursachte; auch möchte ich nicht dazu beitragen, ihn irgendwie aufzuwerten, und zwar nicht einmal durch eine polemisch gehaltene Darstellung – abgesehen davon, dass ich einen polemischen Ton höchstens über 30 Seiten durchhalten kann. Aus früheren Arbeiten von mir, die sich im Grenzbereich von Philosophie- und Literaturgeschichte bewegen, hatte man irriger Weise den Schluss gezogen, Nietzsche müsse mir thematisch besonders liegen. Das Kultusministerium verhält sich jedoch generös zu mir, und Kollegen von der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED sowie andere vom Philosophischen Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR teilen meine Ansicht, dass eine auf systematische Auswertung orientierte Nicolai-Hartmann-Monographie lohnend sein werde. So geht das mit dem Stipendium ungestört weiter, und zu Nietzsche werde ich mich allenfalls noch gutachterlich zu äußern haben, wenn überhaupt. Mein Sinn und Form-Beitrag über Nicolai Hartmann (Heft 6, 1983) hat hier positive Resonanz gefunden. Das zeigte sich, unter anderem, darin, dass der Reclam-Verlag (Leipzig) sich entschloss, nunmehr auch Hartmann in seine Universalbibliothek aufzunehmen und, schon des Umfangs wegen, mit der Schrift Teleologisches Denken (postum 1951) zu beginnen. Ich erhielt eine Anfrage, ob ich bereit sei, dazu ein Vor- oder Nachwort zu liefern, und sagte grundsätzlich zu. Sicher wird es in manchen Passagen weniger »eng« ausfallen als meine einschlägige Rezension aus dem Jahre 1953, die Sie in der Ergänzungsbibliographie zu dem von Ihnen redigierten Nicolai-Hartmann-Gedenksammelband zum 100. Geburtstag, Bonn (Bouvier), 1982, S. 331, mit aufführen. 879Briefe und Dokumente Damit soll es aber keineswegs sein Bewenden haben. Für den Akademie -Verlag bereite ich seit einem Jahr etwas Größeres und Anspruchsvolleres über Nicolai Hartmann vor: Ein zweiteiliges Werk, das unter Umständen, falls ich noch die Kraft dazu aufbringe, sogar zwei Bände füllen könnte. Im ersten Teil will ich, nach einem rein biographischen Eingangskapitel – und dafür benötige ich das biographische Material –, alles, was ich an Nicolai Hartmann schätzenswert finde, unter kritischer Bezugnahme auf die dominierenden philosophischen Schulen und Richtungen der nichtmarxistischen Philosophie des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts in verhältnismäßig günstiges Licht rücken. Das heißt, Nicolai Hartmann soll hier als positive Gestalt von den slawophilen Neomystikern, den Neukantianern, Phänomenologen, Lebensphilosophen, Vitalisten, Existenzialisten, Positivisten, Naziideologen, Pragmatisten usw. abgehoben werden; freilich auch – das kann ich nun Ihnen und den Denkern Ihrer Couleur wiederum nicht ersparen – von den kritischen Realisten religiöser Provenienz. Im zweiten Teil möchte ich dann aber auch zu Nicolai Hartmann selbst recht kritisch werden und in diesem Zusammenhang alles, was ich an ihm ablehne, in der Weise bekämpfen, dass dabei gleichzeitig eine affirmative Darlegung der jeweils problematischen Positionen des dialektischen und historischen Materialismus herausspringt.8 Am positivsten beurteile ich Nicolai Hartmanns Erkenntnistheorie und seine Naturphilosophie, am negativsten seine Geschichts- und Gesellschaftsauffassung. Die Ethik erfüllt mich mit gemischten Gefühlen. Dies ist übrigens zwischen meinen prinzipiell gleich gesinnten Kollegen und mir oft ein strittiger Punkt. Unter ihnen gibt es einige, die meinen, aus einer kritischen Aneignung von Nicolai Hartmanns ethischem Vermächtnis sei für die theoretische Durchleuchtung und Fundierung der Moral des realen Sozialismus eine Menge herauszuholen. Ich lehne diesen Standpunkt nicht vollständig ab, gebe aber der Hegelschen Rechtsphilosophie, den Auslassungen Feuerbachs zu ethischen Fragen, den moralphilosophischen Werken des frühen Positivismus (Comte, John Stuart Mill) und der Allgemeinen Ethik des Feuerbachianers Jodl vor Hartmann 8 (AH) Harich: Brief an Aloys Joh. Buch, vom 07. Fe bru ar 1984, 2 Blatt, maschinenschriftlich, nicht abgeschickte Version. Dort zusätzlich zu dem entwickelten Gedanken die Ausführung: »Klassisches Vorbild ist hierbei, natürlich, für mich der Anti-Dühring von Engels, wobei ich mich aber eines moderateren, respektvolleren Tons zu befleißigen gedenke.« 880 Teil IV (und noch mehr vor Scheler) bei weitem den Vorzug. (Ich schreibe das Ihnen als dem Verfasser des Buches Wert, Wertbewusstsein, Wertgeltung. Grundlagen und Grundprobleme der Ethik Nicolai Hartmanns, von dem ich bisher nur den Titel kenne, das zu lesen ich aber begierig bin.) Die phänomenologische Ethik, und die Nicolai Hartmanns, ist mir, offen gestanden, zu unverbindlich und geradezu feinschmeckerisch; die Werte werden da durchgeschmeckt wie Weinsorten. Zum Beispiel vermag ich nicht einzusehen, wieso es eine sittliche (!!) Forderung sein soll, »Fülle« zu haben. Was uns nöter täte, wäre eine ausgearbeitete Tugend- und Pflichtenlehre, und mir ist daher auch »Kasuistik« kein solcher Horror, wie sie es Nicolai Hartmann war. Doch das sollte, so meine ich, ein differenzierendes Herangehen auch an Nicolai Hartmanns Ethik keineswegs ausschließen. Ein spezielles, besonders schwieriges Problem stellen für mich diejenigen neuen Akzentsetzungen dar, die sich beim späten Nicolai Hartmann im Zusammenhang mit seiner Rezeption der philosophischen An thro po lo gie Arnold Gehlens feststellen lassen. Nicolai Hartmann nähert sich, ohne es zu ahnen, marxistischen Positionen, wenn er – um nur ein Beispiel zu nennen – in Naturphilosophie und An thro po lo gie seinen erkenntnistheoretischen Realismus plötzlich dahingehend modifiziert, dass im Unterschied zu den Dingen die Menschen ihrem Erkanntwerden durchaus nicht gleichgültig gegenüberstünden. Von hier aus eröffnet sich zweifellos ein interessanter Zugang zur gesellschaftsverändernden Produktion von Ideologiekritik, etwas, was Nicolai Hartmann vorher jederzeit gänzlich ferngelegen hatte. Aber er ist zu diesem neuen Resultat – der Kontext der betreffenden Stellen macht es deutlich – auf dem Umweg über die Gehlens »sensomotorische Kreisprozesse« gelangt, die in seinem Menschenbild die zunächst von Plessner übernommenen anthropologischen Kategorien, wie sie noch für den »personalen Geist« in Das Problem des geistigen Seins kennzeichnend gewesen waren, verdrängt hatten. Um diese Wandlung als Fortschritt zu würdigen, muss »unsereiner« jedoch eine Menge Diplomatie aufbieten, da nun einmal nicht zu leugnen ist, dass Plessner ein ehrenwerter Liberaler und Demokrat war und Gehlen ein gestandener Nazi. Nicht wenige unserer Theoretiker sehen immer noch die politischen Auffassungen eines Denkers und dessen philosophische Ergebnisse in zu direkter, unvermittelter Abhängigkeit voneinander, und Gehlen ist in Folge dessen persona ingratissima … 881Briefe und Dokumente Nachtrag vom 14. Fe bru ar 1984 Ich sehe, dass ich mich zu sehr in Details meiner eigenen Arbeit verlieren und dabei von der Frage, die Sie an mich gerichtet haben, weit abschweife. Wie gesagt: In der DDR bin derzeit ich es, der sich mit Nicolai Hartmann intensiv auseinandersetzt und konkrete Arbeiten über ihn vorbereitet. Was in den übrigen sozialistischen Ländern in dieser Beziehung im Gange ist, vermag ich nicht zu überblicken – mit einer Ausnahme: Mir ist bekannt, dass sich ein bulgarischer Marxist, Dr. Kiril Detew Darkovski in Sofia, mit dem selben Thema befasst, ein Mann, der zu Nicolai Hartmann eine sehr positive Einstellung haben soll. Mir ist das rein zufällig durch einen Theoretiker der DKP bekannt geworden.9 Genaueres über Darkovskis Vorhaben weiß ich freilich auch nicht, habe jedoch die Absicht, mich mit ihm in einem weiter fortgeschritteneren Stadium meiner eigenen Bemühungen gelegentlich in Verbindung zu setzen. Worauf ich Sie aber vor allem aufmerksam machen möchte, das ist die für den Herbst dieses Jahres bevorstehende nunmehr vollständige Veröffentlichung der Ontologie des gesellschaftlichen Seins, des großen Nachlasswerks von Georg Lukács, zunächst bei Luchterhand, Neuwied. Darin werden Sie, unter anderem, das bisher unveröffentlichte Kapitel Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie finden (in Bezug auf Hegel differenziert der Autor im selben Buch zwischen »falscher und echter Ontologie«, was bereits besagt, dass er bei Nicolai Hartmann ein höheres Maß an Wahrheitsgehalt sieht). Ich erhielt neulich das Nicolai-Hartmann-Kapitel vom Budapester Lukács-Archiv auf Wunsch zugeschickt. Es ist sehr lesenswert und war mir lehrreich. Lukács erklärt Nicolai Hartmann zum Bundesgenossen gegen den philosophischen Hauptfeind Neopositivismus, gegen dessen »Weltherrschaft« es vor allem anzukämpfen gelte. Leider hat Lukács seine Nicolai-Hartmann-Rezeption, zu der ich ihm in Gesprächen 1955/1956 den Anstoß gegeben hatte – bis dahin war ihm lediglich Nicolai Hartmanns Hegelbuch (von 1929) bekannt gewesen –, erst als Siebzigjähriger begonnen, und leider hat er die Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis gar nicht mehr gelesen, offenbar weil er den Ontologie-Bänden entnehmen zu müssen glaubte, dass Gnoseologie – als Auswuchs der »intentio obliqua« – nicht mehr wichtig sei. So kommt es, 9 (AH) Siehe Harichs Brief an Robert Steigerwald vom 10. Januar 1983, Abdr. in diesem Teil. 882 Teil IV dass er bei Nicolai Hartmann die Mimesis vermisst und darauf wiederum die qua sipla to nische Konstruktion »idealen Seins« zurückführt, ein kapitales Missverständnis, das den – sonst hohen – Wert seines Nicolai-Hartmann-Kapitels beeinträchtigt. Ob Lukács’ Ontologie des gesellschaftlichen Seins erst in Ungarn erscheinen wird und danach in der DDR, oder umgekehrt, weiß ich nicht. Von Lukács’ Alterswerk ist in der DDR 1981 die zweibändige Eigenart des Ästhetischen, mit ihren mehrfachen Bezugnahmen auf Nicolai Hartmann, herausgekommen, und zum 100. Geburtstag Lukács’ soll hier 1985 eine neue Ausgabe seiner Zerstörung der Vernunft erscheinen, wo Nicolai Hartmann ganz am Rande erwähnt wird. (Dieses Werk liegt der Nicolai-Hartmann-Rezeption des ganz späten Lukács zeitlich voraus.) Mit bestimmten Aspekten von Nicolai Hartmanns Philosophie haben sich in den sozialistischen Ländern einige Wissenschaftstheoretiker auseinandergesetzt, aber immer nur beiläufig. Am heftigsten kritisiert wird von Ihnen, meines Erachtens zu Recht, dass Nicolai Hartmann den Erkenntnisprogress auf eine Determination durch das bloße Problembewusstsein zurückführt, statt zu sehen, dass es Interessen sind, die ihn meistenteils voranzutreiben pflegen (das Interesse zu gesundheitlichem Wohlbefinden auf dem Gebiet der Medizin, das ökonomische auf dem von Wissenschaft und Technik usw. usf ). Diesen Einwand finden Sie aber auch zum Beispiel bei einem dezidierten Nichtmarxisten wie Michael Landmann. Ich verbinde damit gewöhnlich den Vorwurf, Nicolai Hartmann habe in diesem Punkt unzulässigerweise die eigene Gelehrten- und Forschermentalität extrapoliert. Das ist nun alles, womit ich Ihnen zur Stunde an Information dienen kann. Sobald ich die Liste mit Fragen zu Nicolai Hartmanns Biographie abgeschlossen habe, werde ich mir erlauben, Sie Ihnen mit der Bitte um Beantwortung zuzuschicken. Heute habe ich nur ein Anliegen des Reclam-Verlages zu übermitteln. Reclam möchte sich wegen der Rechte an der Schrift Teleologisches Denken zunächst an die Erben Nicolai Hartmanns direkt wenden und sich erst danach, wenn deren Einverständnis vorliegt, mit dem Verlag Walter de Gruyter ins Benehmen setzen. Sind Sie im Stande, die Anschrift von Nicolai Hartmanns Erben zu beschaffen und mir mitzuteilen? Wenn ja, so würde ich sie an Reclam, Leipzig, weiterleiten. Indem ich Ihnen im Voraus für Ihr Bemühen danke, verbleibe ich mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen Ihr 883Briefe und Dokumente Brief an Lothar Berthold10 (14. Juni 1984) Betrifft: »Wolfgang Harich: Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen«, zwei Teile. (Verlagsprojekt.) Unsere diesbezüglichen Unterredungen vom 17. Januar 1983, 04. Januar 1984 und 14. Juni 1984. Lieber Professor Lothar Berthold, verehrter Herr Verlagsdirektor! Vereinbarungsgemäß erlaube ich mir, hiermit Inhalt und Ergebnis unseres heutigen Gespräch, an dem auch Kollege Dr. Hermann Turley wieder teilnahm, schriftlich zu fixieren. Am 17. Januar 1983 waren wir übereingekommen, dass ich für den Akademie-Verlag die Abfassung eines Werkes über den Philosophen Nicolai Hartmann (1882 bis 1950) vorbereiten soll. Heute konnte ich Ihnen zunächst berichten, was ich inzwischen dafür getan habe. Ich darf dies jetzt stichwortartig noch einmal wiederholen. Im Sinne einer Art Umfelderkundung war ich bemüht, meine Kenntnisse der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts, zumal der Deutschen, und ihrer historisch-gesellschaftlichen Grundlagen aufzufrischen. Im Anschluss daran begann ich mich in ein gründliches Studium sämtlicher Werke Nicolai Hartmanns zu vertiefen, die mir zwar fast ausnahmslos bereits bekannt waren, deren letzte Lektüre bei mir aber dreißig bis über vierzig Jahre zurücklag. Zu den aufs Neue gelesenen Werken notierte ich mir nunmehr jeweils am Rande kritisch kommentierende Marginalien, fertigte Band für Band umfangreiche Personen-, Sach- und Problemregister an und machte außerdem Exzerpte von Passagen bzw. einzelnen Sätzen, die, nach meiner Meinung, besonders abzulehnen oder zu bejahen sind und in der einen wie der anderen Hinsicht als für das betreffende Werk besonders charakteristisch gelten müssen. Markiert oder exerpiert wurden von mir gesondert auch solche Stellen, die, jedenfalls für mich, noch unbeantwortbare Probleme aufwerfen. Diese Aufbereitung des Materials habe ich jetzt abgeschlossen bei den Werken Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, Zur Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und 10 (AH) Harich: Brief an Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages, vom 14. Juni 1984. 5 Blatt, maschinenschriftlich. Handschriftlicher Vermerk: Gen. Dr. Turley zur Kenntnisnahme. Verwiesen sei auch auf die anderen Briefe an Berthold, abgedr. in Band 6.2 (dort zum sozialutopischen Erbe) und Band 9. 884 Teil IV Wirklichkeit, Der Aufbau der realen Welt, Ethik und Das Problem des geistigen Seins. Zur Zeit lese ich die Ästhetik, bei der eine entsprechende Aufbereitung aber noch aussteht. Nochmals gelesen und zum Teil mit Marginalien versehen habe ich bisher auch den größeren Teil der kleineren Schriften in der postum herausgegebenen dreibändigen Sammlung. Was an unerlässlicher Vorbereitungsarbeit mir noch bevorsteht, das ist die nochmalige Lektüre der großen Philosophie der Natur, etwa der Hälfte der Ästhetik, des zweibändigen philosophischen Werkes Die Philosophie des deutschen Idealismus (I: Fichte, Schelling und die Romantik, II: Hegel), der Schrift Teleologisches Denken, einiger kleinerer Schriften sowie der – noch neukantianisch gehaltenen – Jugendwerke Platos Logik des Seins und Des Proklus Diadochus philosophische Anfangsgründe der Mathematik. Bei diesen Werken werde ich bei der Aufbereitung aber nicht mehr gar so gründlich verfahren, namentlich die Anfertigung von Registern unterlassen, und das aus je unterschiedlichen Gründen: Die Jugendwerke gehören nur bedingt zu Nicolai Hartmanns eigenständiger Philosophie; die Philosophie der Natur geht zu sehr ins naturwissenschaftlich Spezielle und weist, andererseits, das am meisten detaillierte, daher am schnellsten orientierende Inhaltsverzeichnis auf; die Philosophie des deutschen Idealismus hat überwiegend referierenden, darstellen Charakter; Teleologisches Denken fasst lediglich Gedanken zusammen, die sich in den Hauptwerken verstreut finden; die kleineren Werke sind jeweils leicht überblicktbar. Ich hoffe also, mit der Lektüre des Gesamtwerks von Nicolai Hartmann noch im Laufe dieses Jahres fertig werden zu können, günstigstenfalls sogar bereits bis Ende September. Sollte dies gelingen, so würde ich dann die letzten drei Monate dieses Jahres damit verbringen, von Nicolai Hartmann erst einmal wieder Abstand zu gewinnen, und zwar durch Lektüre des Anti-Dühring, der Dialektik der Natur, des Empiriokritizismus, einiger Werke von Kautsky, Plechanow und Lukács und heutiger Lehrbücher des dialektischen und historischen Materialismus. Sollte die noch ausstehende Nicolai Hartmann Lektüre sich dagegen bis Ende des Jahres hinziehen, so würde ich die marxistisch-leninistische Zwischen»mauserung« auf das erste Quartal 1985 verschieben müssen. Für mein weiteres Vorgehen nannte ich Ihnen heute zwei mögliche Varianten. Entweder: Ich widme ein volles Jahr der systematischen Durcharbeitung wenigstens der einigermaßen wichtigen Sekundärliteratur zu Nicolai Hartmann. In diesem Falle wäre 885Briefe und Dokumente erforderlich, von Seiten des Verlages dafür zu sorgen, dass mir eine deutsche Rohübersetzung der sowjetrussischen Nicolai Hartmann-Monographie, von T. N. Gornstein, Leningrad, 1969 (siehe Philosophenlexikon, Berlin: Dietz, 1982, S. 344), zugänglich gemacht wird; zumindest der Hauptgedanken auszugsweise. Oder ich lasse die Sekundärliteratur, die zahlreich, thematisch immer sehr speziell und weit verstreut ist, grundsätzlich überhaupt außer acht und bringe, »frisch von der Leber weg«, ab 1985 – frühestens ab Januar, spätestens ab April – das zu Papier, was ich über Größe und Grenzen Nicolai Hartmanns denke, und zwar so, dass ich nach Ablauf von zwei Jahren, d. h. bis spätestens Frühjahr 1987 dem Verlag das Manuskript des ersten Teils meines geplanten, auf zwei Teile veranschlagten Buchs vorlegen kann. Sie, lieber Herr Professor Berthold, plädierten heute entschieden für die zweite Möglichkeit, Kollege Turley dagegen modifizierte sie, indem er vorschlug, ich solle zwar möglichst bald mit dem Schreiben beginnen, aber im Zuge der Ausarbeitung des Manuskripts von Fall zu Fall, je nach Kapitelthematik, doch das eine oder andere an jeweils einschlägiger Sekundärliteratur ad hoc zu Rate ziehen. Auch das hielten Sie dann für einen gangbaren Weg, und Sie beide sagten mir zu, dass genannte sowjetische Nicolai Hartmann-Buch im Verlag besorgen und im Hinblick auf mein Vorhaben durchsehen zu lassen. Ich möchte Sie nun bitten, die Frage der Sekundärliteratur generell noch einmal zu überdenken, gegebenenfalls mit Ihren zuständigen Lektoratsmitarbeitern und mit Kollegen des Zentralinstituts für Philosophie an der Akademie zu besprechen und mir dann Bescheid zu geben. Sollte ich so verfahren, wie Kollege Turley vorschlägt, so würden zwei Jahre für die Niederschrift des ersten Teils meiner geplanten Arbeiten schwerlich ausreichen; ich würde dann vielmehr, um keine von vornherein unseriösen Versprechungen zu machen, 2 ¼ bis 2 ½ Jahre dafür veranschlagen müssen. An wissenschaftlicher Dignität würde meine Arbeitet durch Heranziehung wenigstens einiger Sekundärliteratur auf jeden Fall gewinnen. Ich habe aber nicht die Absicht, mich auf ins Einzelne gehende Auseinandersetzungen mit den betreffenden Autoren einzulassen, und ich will auch keineswegs sämtliche Dissertationen und Rezensionen, die zu Werken Nicolai Hartmanns erschienen sind, durcharbeiten. Einig waren wir uns darüber, dass ich, aus Gründen der Zeitersparnis, mich im Biographischen auf das Allernötigste beschränke und, vor allem, ganz darauf verzichte, eigene Nachforschungen über Nicolai Hartmanns Leben und Privatverhältnisse, Ein- 886 Teil IV zelheiten seiner Lehrtätigkeit und dergleichen anzustellen. Zur Sprache bringen werde ich lediglich die für seine Gesamtentwicklung richtungsgebenden Jugenderlebnisse, die von seiner Witwe 1978 veröffentlicht worden sind, seine außerphilosophischen wissenschaftlichen Kenntnisse und Liebhabereien (klassische Philologie, Astronomie, Medizin, Biologie), seine künstlerischen Ambitionen (Cellospiel), seine Affinität zum politischen Liberalismus, seine nicht abreißenden Amouren mit Sommer- und Semesterbräuten, die für seinen Atheismus bedeutsam geworden sind (Verwerfung der christlichen Sexualmoral), seine meines Erachtens äußerst folgenreiche Herkunft aus dem alten Russland (Petersburg, Riga, Dorpat) und seine Arbeitsgewohnheiten. Wichtig wären natürlich seine persönlichen Beziehungen zu anderen Denkern: Losski, Rutkowski, Wwedenski, Cohen, Natorp, Sesemann, Ortega y Gasset, Heimsoeth, Husserl, Scheler, Heidegger, Marie von Kohoutek, Robert Heiß, Hermann Wein usw. Doch wenn ich noch auffindbaren spärlichen Spuren nachgehen wollte, würde mich das nur verzetteln. Ich muss mich auf das beschränken, was im Werk nachweisbar seinen Niederschlag gefunden hat. Ich plane, wie gesagt, mein Werk in zwei Teile zu gliedern. Der erste Teil (Arbeitstitel: Gegen den Strom, vielleicht auch: Gegen den Wind) soll das herausarbeiten, was, nach meiner Überzeugung, an Nicolai Hartmanns philosophischem Erbe verhältnismäßig rationell und wertvoll ist. Dies will ich sinnfällig machen, indem ich Nicolai Hartmann in Beziehung setze zu den dominierenden Strömungen und Schulen der bürgerlichen Philosophie des 20. Jahrhunderts, und zwar möglichst in der Reihenfolge, in der sie Schule gemacht haben, Mode gewesen sind (Neukantianismus, Phänomenologie, Nietzschekult, Lebensphilosophie, Neuhegelianismus, Existenzialismus, Neopositivismus, Pragmatismus, Naziideologie, Neoscholastik, philosophische An thro po lo gie). Nicht klar bin ich mir vorderhand darüber, ob ich mich in diesem Zusammenhang auch auf Schulen beziehen soll, zu denen er sich nicht geäußert hat, die zum Teil auch erst nach seinem Tode auf den Plan traten bzw. von sich reden machten, zu denen sein Werk aber indirekte Gegenargumentationen einschließt; das gilt namentlich für den Strukturalismus und die Frankfurter Schule. Der erste Teil soll abschließen mit einem Kapitel, das Nicolai Hartmann Stellung zum Marxismus und die bisherigen Stellungnahmen von Marxisten zu ihm behandelt und damit überleitet zum zweiten Teil. In diesem (Arbeitstitel: Synthese der Halbheiten) gedenke ich, an den Grundgebrechen der Nicolai Hartmannschen Philosophie Kritik 887Briefe und Dokumente zu üben, und zwar so, dass ich aus der Kritik heraus zugleich affirmativ die problemeinschlägigen Positionen des dialektischen und historischen Materialismus entwickle. Bei unserem heutigen Gespräch erzielten wir Einigkeit darüber, dass wir erst dann, wenn das Manuskript des ersten Teils vorliegen wird, entscheiden wollen, ob es vorab gesondert veröffentlicht werden soll oder ob es zweckmäßiger sein wird, es so lange zurückzuhalten, bis beide Teile zusammen herausgebracht werden können. Hinzufügen möchte ich zu meinen jetzigen Darlegungen jetzt noch, dass im zweiten Teil die Probleme der Ethik verhältnismäßig breiten Raum einnehmen werden, und das aus zwei Gründen: Einmal handelt es sich hier um dasjenige Gebiet der Philosophie, auf das der ganz späte Lukács den größten Wert legte, zu dem sich zu äußern ihm aber nicht mehr vergönnt gewesen ist. Zum anderen entferne ich mich gerade in puncto Ethik von Nicolai Hartmann am Weitesten, insofern, als ich glaube, dass auswertbares bürgerliches Erbe hier in ungleich stärkerem Maße bei Hegel (Rechtsphilosophie), Feuerbach und den frühesten Positivisen (Comte, John Stuart Mill) zu finden ist. (Dass von allen Werken Nicolai Hartmanns die Ethik die höchste Auflagenzahl erreicht hat und am ehesten Resonanz fand, nämlich im rechtsphilosophischen Bereich, scheint mir symptomatisch zu sein. Desgleichen ist klar, dass Nicolai Hartmann in seiner Ethik noch am stärksten dem Platonismus seiner Jugend verhaftet gewesen ist, von dem er sich später weitgehend, genauer: bis zu einer Halbheit, löste.) Wir kamen heute überein, dass ich die Verpflichtungen die ich nun dem Verlag gegen- über zu übernehmen bereit bin, Ihnen in schriftlicher Form mitteilen würde. Dieser Brief, so sagten Sie, könne sodann, zusammen mit Ihrer Antwort darauf, einen Vorvertrag zwischen uns bilden. Wir könnten uns jedoch auch nochmals treffen und bei der Gelegenheit, ausgehend von meinem Brief an Sie, unsere beiderseitigen Verpflichtungen formgerechter fixieren. Hier zunächst meine Verpflichtungen: 1) So lange, bis das Werk in weiten Teilen druckreif vorliegt, widme ich mich als Autor keiner anderen Aufgabe – mit zwei Ausnahmen: Im Falle einer Neuauflage meines Buches Jean Pauls Revolutionsdichtung würde ich dieses noch einmal durchsehen und ein kurzes neues Vorwort dazu schreiben (innerhalb von vierzehn Tagen) sowie die Bogenkorrektur (laufend) mitlesen. Und wenn es sich im Laufe meiner Arbeit an dem Buch über Nicolai Hartmann herausstellen sollte, dass sich der eine oder andere Gedanke daraus ohne sonderliche Mühe in essayistischer Form abzweigen lässt, dann 888 Teil IV würde ich den betreffenden Manuskriptteil umgearbeitet der Zeitschrift Sinn und Form zur Verfügung stellen – höchstens einmal im Jahr und mit einem Arbeitsaufwand von jeweils höchstens vierzehn Tagen. 2) Ich liefere beide Teile des Werks sobald wie möglich. Frühester Liefertermin des fertigen Manuskripts könnte beim ersten Teil der Jahreswechsel 1986/1987 sein. Auf Grund der Lektüre von Sekundärliteratur während der Niederschrift dieses Teils und der vielleicht noch das erste Quartal 1985 beanspruchenden Lektüre problemeinschlägiger marxistischer Schriften (Anti-Dühring usw., siehe oben) könnte dieser Liefertermin sich freilich noch bis Ende des III. Quartals 1987 hinauszögern. Ich nehme mir jedoch fest vor, den Termin 30. September 1987 nicht überschreiten. 3) Mit der Niederschrift des zweiten Teils will ich sofort nach Lieferung des ersten Teils beginnen. Ich beabsichtige nicht, dann noch weitere Vorarbeiten einzuschalten. Auch plane ich keinen Zeitraum ein, der nur der Auseinandersetzung mit Kollegen über den ersten Teil gewidmet sein soll. Dass satzreife Manuskript hoffe ich beim zweiten Teil frühestens Ende 1988, spätestens ein Jahr danach liefern zu können. Für die Niederschrift veranschlagen ich jedenfalls zwei Jahre. 4) Ich werde dafür sorgen, dass der Fortgang meiner Arbeit in jedem Stadium leicht kontrollierbar sein wird, so wie ich dafür bereits bei den Vorarbeiten gesorgt habe, die mich seit Anfang 1983 beanspruchen. 5) Sollte ich durch Erkrankung vollständig und definitiv arbeitsunfähig werden, so würden sowohl meine Vorarbeiten (Marginalien, Exzerpte, Register, Entwürfe und dergleichen) als auch die dann vorliegenden Teile der Niederschrift meines Werks dem Verlag als sein Eigentum zur Verfügung stehen. Dem Verlag stünde es dann frei, diese Materialien einem anderen geeigneten Autor, der denselben Stoff zu behandeln wünschen, zu beliebiger Benutzung und Auswertung zugänglich zu machen. Ich bin bereit, eine analoge testamentarische Verfügung zu Gunsten des Verlages für den Fall meines Todes zu treffen, sollte dieser sich vor Abschluss meines Werks ereignen. Ich bin dergleichen bereit, den Inhalt einer solchen Verfügung in ein Testament einzubeziehen, das den Verlag generell zum Erben meiner unveröffentlichten Manuskripte macht. In der Hoffnung, dass diese Verpflichtungen meinerseits Sie zufrieden stellen werden, und in Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit herzlichen Gruß Ihr 889Briefe und Dokumente Brief an Frida Hartmann11 (09. Oktober 1985) Sehr geehrte Frau Hartmann! Am Vorabend dieses Tages,12 der für mich mit wehmütiger Erinnerung und schmerzendem Schuldgefühl verbunden ist, habe ich mich endlich dazu durchgerungen, Ihnen zu schreiben. Jahrelang habe ich geschwankt, ob ich das tun darf. Ich bin sicher, bei Ihnen, sofern Sie sich überhaupt meiner erinnern – und das fürchte ich –, Gefühle tiefer Verbitterung und Abneigung hervorzurufen. Die habe ich wahrlich verdient. Aber ich schwankte, ob ich das Recht dazu hätte, Ihnen nun auch noch den Verdruss und, vielleicht, die Aufregung zuzumuten, die mit solchen Gefühlen einherzugehen pflegen. Andererseits ist das, was ich Ihnen mitteilen möchte, für Sie gewiss nicht durchweg unerfreulich. Es wäre schön, wenn Sie weiterlesen. Dass Sie mir den Glauben geben, dass Sie weiter gelesen haben; darum nur bitte ich Sie. Dass Sie mich eine Antwort würdigen, erwarte ich nicht. Ich habe Nicolai Hartmann, ohne den weiterdenken zu müssen wir seit dreieinhalb Jahrzehnten verurteilt sind, sehr, sehr viel zu verdanken – dem Besuch seiner Vorlesungen in den Jahren 1940 bis 1942, als Schwarzhörer; dem Besuch seines Seminars, als Gasthörer; der Lektüre seiner Bücher und Abhandlungen, von denen ich zuerst 1941 die Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, später eins nach dem anderen und zuletzt, 1982 bis 1984 noch einmal alle bis zur letzten Zeile las. 1943 bis 1950 verhärtete ich mich ihm gegenüber bis zu feindseliger Ablehnung; dies aus zwei Gründen: Einmal durch das Missverstehen eines Gesprächs, das er im November oder Dezember 1942, bei Gelegenheit einer Luftschutznachtwache im Philosophischen Seminar der Berliner Universität, mit mir führte und dessen wahre Bedeutung mir erst 25 bis 30 Jahre später allmählich aufgegangen ist; sodann durch meinen noch gänzlich unreifen Liebesfrühling mit dem Marxismus, dem ich es schuldig zu sein glaubte, alle nach Hegel und Feuerbach entstandene bürgerliche Philosophie, und ganz besonders die, die mich beeindruckt hatte, total und rigoros verwerfen zu müssen. 11 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 09. Oktober 1985, 4 Blatt, maschinenschriftlich. 12 (AH) Am 09. Oktober 1950 war Nicolai Hartmann verstorben. 890 Teil IV So erklärt es sich, dass ich mich 1949 zu einer öffentlichen Stellungnahme gegen Hartmann hinreißen ließ, die damals, wahrscheinlich, mit dazu beigetragen hat, dass ihm eine wohlverdiente Ehrung ein Jahr vor seinem Tode versagt blieb. Ich gestehe Ihnen, dass ich vor Scham versinken möchte, wenn ich daran zurückdenke, zumal mit dem Bewusstsein, dass ich damals von niemandem zu dem betreffenden Artikel gedrängt worden bin und dass dessen Inhalt ganz allein mir überlassen war. Zwei Jahre später befanden wir jungen Marxisten in der DDR uns in einer Diskussion über Logik und Dialektik. Mir wurde sehr schnell klar, wie sehr uns die durch Kriegseinwirkung verloren gegangene Logik Hartmanns fehlte. Als ich 1952 bei einem Aufenthalt in Göttingen erfuhr, dass Hartmann zuletzt noch über Logik gelesen hatte, besaß ich die Unverschämtheit, mich brieflich an Sie mit der Bitte um etwaige Vorlesungsnachschriften zu wenden. Ich war damals 28 Jahre alt; in wenigen Wochen wird mein 62. Geburtstag sein. Glauben Sie mir bitte, dass die Schamlosigkeit und Taktlosigkeit, die ich damals begangen habe und die alles natürlich nur noch schlimmer machte, mich bis auf den heutigen Tag mit tiefster Reue erfüllt – und je älter ich werde, desto mehr. Dass die Vergangenheit unwiderruflich zur Realität gehört – das ist eine der wichtigsten und schrecklichsten Wahrheiten, die Hartmann verfochten hat, und die Erinnyen plagen einen alternden Menschen, wenn er zurückblickt, am ärgsten. Lesen Sie noch weiter? Ich bitte Sie darum. Wie unrecht ich Hartmann getan hatte, wurde mir schon zu Beginn der fünfziger Jahre durch seine herrliche Philosophie der Natur klar. Aber das theoretische Umdenken geriet so schnell denn doch nicht. So blieb ein erster Versuch, Wiedergutmachung zu leisten, immer noch in einer kläglichen Halbheit stecken; in Gestalt der ausführlichen Rezension, die ich 1953 der Nachlassschrift Teleologisches Denken widmete.13 Vor kurzem las ich mein damaliges Elaborat aufs Neue. Es ist, glaube ich, nicht ganz falsch. Doch der hochmütige Ton, in dem es verfasst ist, widert mich jetzt an. Dann lernte ich Georg Lukács persönlich kennen. Er hatte Hartmann auf dem Berliner Hegel-Kongress 1931 erlebt und seine Ausführungen mit einiger Sympathie aufgenommen, sich aber dann durch seine Hegel-Monographie enttäuscht gesehen. Mehr von ihm war ihm seither – in der Moskauer Emigration und in den Nachkriegsjahren in 13 (AH) Auf die Rezension wurde bereits mehrfach verwiesen, Neuabdr. in: Band 2, S. 652– 667. 891Briefe und Dokumente Budapest – noch nicht zu Gesicht bekommen. Ich war inzwischen, nach der posthumen Ästhetik, so weit Hartmannianer, dass ich Lukács drängte, unbedingt alles von Hartmann zu lesen. Um ihn zu locken, stellte ich eine Zitatensammlung zusammen, die ich ihm und seiner Frau, Gertrud Bortstieber-Lukács, fast zwei Stunden lang in meiner Wohnung vorlas. Lukács war am meisten von dem Ausfall gegen Kierkegaard und Heidegger in Zur Grundlegung der Ontologie fasziniert, und auch vieles andere sagten ihm zu. Durch den Aufbau-Verlag ließ er sich alle Werke von Hartmann, mit Ausnahme der Metaphysik der Erkenntnis, die damals vergriffen gewesen sein muss, nach Budapest schickten. Das war 1955/1956. Es folgte 1956 das, was wir »die Ereignisse« nennen. Als ich »die Ereignisse« hinter mir hatte, Ende 1964, war Lukács noch am Leben. Aber ich habe ihn nie wieder sehen und sprechen können. Mit Philosophie beschäftigte ich mich nur noch teils konsumierend, teils als Philologe: Feuerbach-Edition. Was den kreativen Teil der Arbeit anging, tat ich besser daran, auf Literaturwissenschaft umzusteigen: Ich schrieb zwei Bücher über Jean Paul, meinen von den Marxisten – auch von Lukács – damals noch verkannten Lieblingsklassiker. Aber bei der Lektüre von Lukács’ Alterswerk, der riesigen Ästhetik und der Ontologie des gesellschaftlichen Seins, erkannte ich, wie viel ihm Nicolai Hartmann gegeben hat; und seit Sommer 1984 weiß ich, dass Lukács bis zum eigenen Tode (1971) von Hartmann immer nur mit großer Hochachtung gesprochen und ihn gegen die bekanntesten eigenen Schüler, Agnés Heller und Ferenc Fehér, mit großer Energie verteidigt hat, allen Versuchen widerstehend, ihn, Lukács, in Bezug aufs Ontologische, doch noch zu Heidegger herüberzuziehen.14 Hartmann ist nun, durch die von Lukács vollzogene marxistische Adaption seiner Ontologie, untrennbar in die Weiterentwicklung der marxistisch-leninistischen Philosophie hinein verwoben, womit er umstritten bleibt, aber was ihn, »im Osten«, nun unumgänglich macht. Das Rührendste: Als Gertrud 1963 starb, wollte Lukács verzagen. Er war damals 78 Jahre alt und er schrieb sich ins Leben und Arbeiten zurück mit einem Essay über Minna von Barnhelm, nachdem er in Gertrud seit der ersten Begegnung seine »Minna« geliebt hatte. Der Essay lässt Lessing und Mozart sich wechselseitig 14 (AH) Harichs Darstellung und Interpretation dieser Vorgänge ist nachzulesen in den entsprechenden Texten und Briefen des 9. Bandes (der II. Teil), dort alle weiterführenden Informationen. 892 Teil IV erhellen. Der Essay geht außerdem auf Probleme der Ethik ein, wobei nicht nur Wert gegen Unwert, sondern auch Wert gegen Wert gestellt wird. Der Essay ist der deutlichste Beweis dafür, dass auch die geplante Ethik von Lukács, wäre sie noch zu Stande gekommen, im Zeichen marxistischer Nicolai Hartmann-Adaption gestanden hätte. Sie kam nicht mehr zu Stande, weil Lukács, unter dem Einfluss von Nicolai Hartmanns Problem des geistigen Seins, der Ethik eine Ontologie des gesellschaftlichen Seins vorauszuschicken für notwendig befand. In diesem Jahr haben wir Lukács’ 100. Geburtstag begangen. Er ist nach wie vor umstritten bei uns. Aber unumstritten ist, dass er der bedeutendste marxistische Philosoph und Literaturwissenschaftler dieses Jahrhunderts war. Sagen Sie selbst, Frau Hartmann, musste ich nicht den Bann der Scham endlich durchbrechen, um Ihnen all dies mitzuteilen, was weithin unbekannt ist? Lesen Sie noch weiter? Dann darf ich zum Schluss noch ein paar Worte über mich mitteilen. In den siebziger Jahren war ich von der ökologischen, der »grünen« Welle ergriffen, voll Bedauern darüber, dass in der Philosophie der Natur neben den dynamischen und den organischen Gefügen die Öko-Gefüge fehlen. 1974/1975 warf mich, während ich zu dieser Thematik ein Buch schrieb, ein schweres Herzleiden nieder. Ich musste mich einer Bypass-Operation unterziehen und wurde drei Jahre später invalidisiert. Zweieinhalb Jahre habe ich mich dann bei den »Grünen« in Österreich, der Bundesrepublik, Spanien, der Schweiz und Westberlin herumgetrieben. Als ich Ende 1981 in die DDR zurückkehrte, hoffte »man«, mich zur Abfassung eines »differenzierenden« Buches über Nietzsche bewegen zu können. Nachdem ich mich über ein Jahr lang mit dieser unerquicklichen Materie befasst hatte, bat ich um Gnade: »Lasst mich zu meinem Nicolai Hartmann zurückkehren. Ich glaube, der war der größte und der für uns lohnendste deutsche Denker im 20. Jahrhundert. Und das Umstrittensein des späten Lukács passt mir nicht. Zu dem muss es ein klares Ja geben, das aber nur begründet werden kann, wenn wir uns ein adäquates Hartmann-Bild erarbeiten.« »Man« erhörte mich. »Man« zahlt mir seitdem für Hartmann-Forschung ein Stipendium, bis zur Höchstgrenze dessen, was ein Invalidenrentner dazuverdienen darf. Ich habe 1983/1984 den ganzen Hartmann noch einmal gelesen, jede Zeile, habe mir ein 106 Schreibmaschinenseiten langes Problemregister zu seinem Gesamtwerk angelegt, und seit einem Jahr bin ich am Schreiben, bisher 300 Schreibmaschinenseiten sind in erster Fassung geschafft, 100 in zweiter Fassung. Geplant 893Briefe und Dokumente ist ein zweibändiges Werk. Bis zum letzten Atemzug werde ich von dieser Aufgabe und, falls es mir noch vergönnt sein soll, von einschlägigen weiteren nicht mehr lassen. Das wollte ich, das musste ich Ihnen einmal gesagt haben. Das alles musste herunter von der Seele. Und nun ist mir ein Stein vom Herzen. Ich wünsche Ihnen Gesundheit und ein langes Leben. Ich wünsche mir, dass Sie mir, irgendwann einmal, vielleicht wenn mein Buch fertig vorliegt, verzeihen mögen! Es grüßt Sie Ihr Brief an Frida Hartmann15 (22. Oktober 1985) Liebe Frau Hartmann! Heute habe ich Ihren so freundwilligen, herzlichen Brief vom 16. Oktober erhalten. Sie können nicht ahnen, wie dankbar ich Ihnen dafür bin und wie froh er mich gestimmt hat. Jetzt mache ich mir Vorwürfe darüber, Ihnen nicht schon längst einmal geschrieben zu haben. Da meine Handschrift nicht entfernt so gelenk und kraftvoll mehr ist wie die Ihre, erlauben Sie mir bitte, dass ich Ihnen per Schreibmaschine antworte. Um gleich in medias res zu gehen: Die Sache mit dem Gespräch bei der Luftschutznachtwache im November (oder Dezember?) 1942, das mich, aus Missverständnis, so nachhaltig erboste. Ich habe es, ohne per »Ich« zu sprechen, in dem ersten biographischen Kapitel meines in statu nescendi befindlichen Buches über Nicolai Hartmann verwertet, und zwar nicht aus damaliger, sondern aus meiner heutigen Sicht, nämlich nunmehr voller Verständnis und Sympathie. Sie werden es kaum glauben, aber erst in den siebziger Jahren ist mir plötzlich eingefallen: »Mein Gott, er hat mich vielleicht für ein Spitzel gehalten oder, wenigstens, sich für mögliche Provokationen von Spitzelseite eine derartige Antwort zurecht gelegt. Und aus dem einleitenden Satz: ›Mein Wertempfinden reagiert auf dergleichen usw.‹ ging seine Einstellung ja eigentlich klar hervor!« Damit Ihnen der Zusammenhang klar werde, zitiere ich Ihnen, abschriftlich, aus demjenigen Abschnitt des biographischen Kapitels, der Hartmanns politische Haltung 15 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 22. Oktober 1985, 4 Blatt, maschinenschriftlich. Beigegeben war dem Brief ein drei Blatt, schreibmaschinenschriftlich, umfassender Auszug aus dem Hartmann-Buch, der die Charakterisierung Hartmanns im Zusammenhang des Gesprächs über die Judenvernichtung enthält. Auf eine Wiedergabe wird hier verzichtet, siehe Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung in Teil I. 894 Teil IV in der Nazizeit betrifft, ein paar Auszüge.16 Meine Darlegungen gehen dann, übrigens, insofern sehr positiv weiter, als ich behaupte, dass Gehlen mit seinem Hauptwerk Der Mensch die Rassentheorie bekämpft und Hartmann ihm dabei Schützenhilfe geleistet hat, was dann eben doch, und zwar in einer Kernfrage, eine antinazistische Tat gewesen ist. Legen Sie sich bitte, im Übrigen, keinerlei Zwang dabei auf, meinen Text zu kritisieren! Das würde ich Ihnen überhaupt nicht verübeln, in keinem Fall. Im Gegenteil, es hülfe mir nur. Gerade das biographische Kapitel hat mir erhebliche Schwierigkeiten bereitet, und manches darin steht vielleicht auf wackligen Füßen. Vieles musste ich mir aus irgendwo und irgendwann einmal Gehörtem, kombiniert mit Aufschlüssen, die ich den Werken Nicolai Hartmanns entnehmen zu können glaube, zusammenbasteln. Zum Beispiel: Meine Quelle für die ausländischen Kollegen, die Stellungnahmen gegen das Dritte Reich forderten, und für Hartmann Antwort darauf war eine Erzählung Jürgen von Kempskis. Die hat mich dann darauf gebracht, mir besonders den Prager Kongress-Vortrag von 1936 (Kleinere Schriften, III, S. 327 ff.) genau anzusehen, und hier bin ich auf die Stelle über »Sklavenmilieu und Bürgersinn« gestoßen. Keine sehr seri- öse Art, eine Biographie zu schreiben, ich weiß. Aber die Quellen sind zu spärlich. Und ein Minimum an Biographie – wenigstens 100 Seiten – muss sein bei einem auf zwei Bände angelegten Werk, das zwischen 1910 und 1950 mit seinem Stoff angesiedelt ist. Meine Hauptquelle hinsichtlich Kindheit und Jugend sind Sie, liebe Frau Hartmann, mit dem kurzen Nachwort, das Sie der Heimsoeth-Korrespondenz, Bonn, 1978, S. 317 ff., beigefügt haben.17 Ich entnahm dem sehr Wichtiges: 1) Die mit acht Jahren einsetzende Leidenschaft für die Astronomie – diese Nachricht veranlasste mich dazu, das ganze Werk auf astronomische Inspirationen hin abzusuchen; ich fand sie überall, auch im Problem des geistigen Seins, auch in der Ästhetik, auch als Argumentationshilfen gegen Neukantianertum, Positivismus, idealistische Aspekte der Husserlschen Phänomenologie usw. Es hat sich Stoff für ein ganzes einschlägiges Kapitel bei mir angesammelt. 16 (AH) Damit ist das angesprochene Zitat von drei Schreibmaschinenseiten gemeint, das dem Brief beigelegt war. 17 (AH) Gemeint ist: (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Frida: Biographische Notizen zu Nicolai Hartmann, in: Hartmann, Frida; Heimsoeth, Renate (Hrsg.): Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, Bonn, 1978, S. 317–321. 895Briefe und Dokumente 2) Ihre Bemerkungen über Nicolai Hartmanns frühe Religiosität, a. a. O., S. 320, über sein Suchen nach Spuren der Existenz Gottes. Mir fiel sofort das Gottsuchertum der 1901 (!) gegründeten Petersburger Religiös-Philosophischen Gesellschaft ein. Das brachte mich auf den Gedanken, herauszufinden, wer zwischen 1903 und 1905 an der Petersburger Universität Philosophie gelehrt hat, und dann Hartmanns Werke nach Spuren der betreffenden russischen Denker abzusuchen. Dass er Losski (1870–1965) gekannt haben muss – der ist in USA gestorben und hat noch in höchstem Alter gegen Hartmanns Atheismus gegeifert –, ahnte ich schon lange. Aber ich stieß dann auch auf Spuren der Petersburger Kantianer Wwedenski und Lapschin und – oh Glück! – auf solche der russischen Logikschule, d. h. auf Karinski und Rutkowski, die in der Sowjet uni on noch in hohem Ansehen stehen. 3) Sehr wichtig war mir, was Sie über Nicolai Hartmanns Stellung zur russischen Revolution von 1905 mitteilen. Seine Sympathie für linke Kommilitonen, sein Verständnis für deren Aufbegehren damals hilft mir, die Provenienz seiner – bisher von niemand gesehenen – starke Affinität zu Feuerbach zu erklären. Ich kombinierte, von da her, weiter: 1904 ist der Band 2 der Bolin-Jodlschen Feuerbachedition erschienen; Bolin, aus Petersburg gebürtig, hat damals als Bibliothekar im benachbarten Helsingfors gewirkt; Feuerbachs Hegel-Kritik, in diesem Band, ist den Gesichtspunkten, unter denen Hartmann die Hegelsche Logik kritisiert und auswertet, verwandt. »Russisch« ist auch die frühe Vertrautheit mit der Wolffschen Ontologie – vor Pichler und unabhängig von diesem; desgleichen die sehr frühe Hegel-Rezeption, mit dem Schwerpunkt Wissenschaft der Logik; gleichzeitig mit der deutschen Hegel-Renaissance, aber gegen deren Grundtendenzen und gänzlich unabhängig von Diltheys Jugendgeschichte Hegels; erklärbar nur aus der Petersburger Atmosphäre um 1905 herum, die, von der Solowjow-Nachfolge (Losski) bis Lenin, von Hegelei erfüllt war, auch darin den deutschen Vormärz nachexerzierend. Nicht zufällig, anscheinend, sieht Hartmann in der Ethik den Wert Reinheit, außer in Jesus, am sinnfälligsten in Fürst Myschkin und Aljoscha Karamasow verkörpert. Die sowjetische Hartmann-Kritikerin Tatjana Gornstein (Leningrad, 1969) ist an alledem blind vorbeigegangen. Sie begreifen, wie dankbar ich Ihnen für die Anstöße bin, die Sie mir gegeben haben – und wie wichtig es für die hiesige Hartmann-Rezeption ist, den Kronzeugen für deutsch-russische Kulturbegegnung ausfindig und kenntlich zu machen. (Aber vielleicht gefällt Ihnen dies alles ganz und gar nicht, wer weiß!) 896 Teil IV Sie sprechen von »grünen« Kindern und Enkeln. Das freut mich ungemein. Aber hier hat mein biographischer Versuch wieder schlimme Lücken. Ich weiß von der Tochter aus erster Ehe, Dagmar (genannt Bibulkin?), und davon, dass Sie, eine geborene Rosenfeld, Tochter eines Archivrats aus Marburg (später Magdeburg) Hartmann einen Sohn und eine Tochter geschenkt haben. Aber wann die geboren sind, wie sie heißen, was aus ihnen geworden ist – keine Ahnung. Sie werden sagen, das gehöre ganz und gar nicht in eine »Problemgeschichte«. Nun ja, aber wenn Sie – durch Veröffentlichung der Heimsoeth-Korrespondenz – sogar die Sommerbräute der Öffentlichkeit bekannt geben, dann hat diese doch auf rechtmäßige Ehefrauen und Kinder und Enkel auch ein bisschen Anspruch. (Nun werde ich aus lauter Begeisterung über Ihren Brief schon wieder frech!) Ich will gar nicht reden von Punkt 4, in dem Sie mich angeregt haben: Das problematische Verhältnis zu der überenergischen Mutter Helene, geborene Hackmann, nach dem frühen Tod des geliebten Vaters. Was dem Osten die russische Kulturfiliation, das ist doch dem Westen die Psychoanalyse. Der Tribut, den ich dieser, ein wenig, zu entrichten habe, zwang mich, die in der Heimsoeth-Korrespondenz so auffälligen Sommerbräute auf mangelnde Geborgenheit des Kindes bei warmer, zärtlicher Mütterlichkeit zurückzuführen – ich tat’s ganz kurz ab, in wenigen, möglichen diskreten Sätzen. Ich muss zum Schluss kommen, sonst schreibe ich, statt eines Buches über Nicolai Hartmann, nur noch ein Brief an Sie. Kurz: Mit dem Verlag de Gruyter machte ein Freund von mir, ein junger spanischer Philosoph, der sich 1983/1984 in Westberlin aufhielt, eine schlimme Erfahrung. In meinem Auftrag, aber ohne mich zu nennen, sprach er bei de Gruyter vor mit der Bitte, ihm zu Fotokopien von Pressewürdigungen zu verhelfen, die aus Anlass von Hartmanns 100. Geburtstag erschienen sind. Man wies ihn ab mit der Begründung, der Verlag sei für Hartmann überhaupt nicht mehr zuständig. Erst daraufhin wandte ich mich an den Verleger Grundmann (Bouvier) in Bonn, und der verhalf mir zur Korrespondenz mit Aloys Joh. Buch, einem jungen Katholiken, der den Gedenkband zum 100. Geburtstag zusammengestellt hat. Von ihm erhielt ich vor Jahr und Tag Ihrer Anschrift, die zu besorgen der Reclam-Verlag, wegen Teleologisches Denken, mich gebeten hatte. Dieses Buch erfreut sich im Osten großer Beliebtheit. Lukács hat die Übersetzung ins Ungarische durchgedrückt, und von den Ungarn wieder scheint Reclam die Anregung zu einer DDR-Ausgabe 897Briefe und Dokumente bekommen zu haben. Aber de Gruyter ist nicht nur gegen Hartmann kleinlich. Er hat dem Leipziger Reclam-Verlag auch eine Lizenzausgabe von Jaspers’ Geistige Situation der Zeit verweigert. Dass Sie Leserin von Kommunismus ohne Wachstum sind, entzückt mich natürlich besonders. Nein, ich wünsche Ihnen und Ihrer ganzen »grünen« Familie von Herzen, dass Sie nach Kräften die »Ungerechtigkeit« genießen mögen. Ich genieße sie ja, mit meiner Intelligentsja-Rente und dem zusätzlichen Stipendium für Nicolai Hartmann-Forschung, hier auch; weil Sozialismus und noch nicht Kommunismus ist. Das Buch, an dem ich jetzt schreibe, soll aber viel, viel, viel besser werden; ich werde das tun, was ich kann. In diesem Sinne grüße ich Sie in großer Herzlichkeit, Ihr Brief an Frida Hartmann18 (26. November 1985) Liebe Frau Hartmann! Haben Sie vielen Dank für Ihren liebenswürdigen und für mich sehr aufschlussreichen Brief vom 16. November. Leider stellt er, wie ich sehe, vieles in Frage, was in meinem Kapitel I (Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung) steht. Ich frage mich, wie ich nun weiter verfahren soll: Ob auch ich Nicolai Hartmanns Lebensgeschichte so vollständig ignorieren soll, wie die gesamte bisherige Sekundärliteratur über ihn das tut – was ich bedauern würde –, oder ob ich es Ihnen und Ihren Kindern zumuten darf, Ihre Hilfe bei der Verbesserung des biographischen Teils meiner Arbeit in Anspruch zu nehmen. Im letzteren Fall könnte ich Ihnen, falls es Ihnen recht ist, die bisherige Fassung des Kapitels I zuschicken; es sind 123 Manuskriptseiten. Sie könnten dann in Ruhe Ihre kritischen und berichtigenden Notizen dazu machen und sie mir in der Form übermitteln, die Ihnen am angenehmsten ist, sei es brieflich oder auch mündlich. Wenn es Ihnen nicht unangenehm ist, könnte ich Sie besuchen kommen. In Göttingen habe ich Bekannte, bei denen ich logieren würde. Auch Ihren Sohn und die Tochter (samt Enkeln) würde ich gern kennen lernen und befragen. Da ich Invalidenrentner bin, kann ich jederzeit in den Westen reisen, und das Kulturministerium der DDR bzw. die Akademie der Wissenschaften oder der Akademie-Verlag würden mir gewiss 18 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 26. November 1985, 4 Blatt, maschinenschriftlich. 898 Teil IV auch meine Reise finanzieren. Die Hauptsache ist, dass ich Ihnen keine Unannehmlichkeiten, keine Aufregungen, keine Überanstrengung verursache. Antworten Sie mir bitte ganz offen. Auch eine Absage würde ich Ihnen nicht verübeln. Im Falle einer Absage wäre ich Ihnen allerdings dankbar, wenn ich weiter briefliche Fragen an Sie richten dürfte. Natürlich werde ich, wenn Sie das wünschen, »die Psychoanalyse aus dem Spiel lassen«. Die betreffenden Stellen aus dem Kapitel I lassen sich leicht streichen. (Das Wort »Sommerbraut« in der Heimsoeth-Korrespondenz erinnerte mich übrigens sofort daran, dass der Assistent Heistermann sich zu mir 1940 oder 1941 über Semesterbräute ausgelassen hatte.) Der Akademie-Verlag legt übrigens auf psychoanalytische Durchleuchtung irgendwelcher privater Geschichten nicht den geringsten Wert. Die Wünsche des Verlagsleiters gehen in dieser Hinsicht mit den Ihren völlig konform. Was man hier will, das ist eine angemessene Darstellung und differenzierende Bewertung von Nicolai Hartmanns Philosophie; in zweiter Linie, mit weitem Abstand, interessiert dann auch das Politische; Privates eigentlich überhaupt nicht. Wenn es nach dem Verlag ginge, könnte ich mir das biographische Kapitel überhaupt ersparen. Aber ich möchte, dass Wesentliches aus dem Leben der Nachwelt überliefert wird und dass die Persönlichkeit nicht ganz über der Sache aus dem Blick gerät. Was mich jetzt dazu motiviert, an Sie mit dem Ansinnen heranzutreten, mir mit Informationen dienlich zu sein, das ist die überwältigende Aufrichtigkeit, die aus Ihrem letzten Brief spricht. Es ist bewunderungswürdig, wie ehrlich Sie zugeben, dass auch Sie zu denen gehört haben, die Nicolai Hartmann rieten, in die NSDAP einzutreten; ein Rat, den er dann glücklicherweise nie befolgt hat. Die meisten Ihrer Generation – und auch meiner noch – pflegen dergleichen ja längst, längst verdrängt zu haben. Auch ich glaube nicht, dass es Nicolai Hartmann in der Jugend »ungeheuer drauf ankam, Gott zu finden«. Nur, diese ganze Art der Fragestellung (»wenn es ihn gibt, muss er auch zu finden sein«) lag dank des Wirkens der »Gottsucher« am Vorabend der Revolution von 1905 bei der liberalen russischen Intelligentsja gleichsam »in der Luft«, und auf junge Menschen kann das dann so gewirkt haben. Die Suche dürfte dann übrigens in Dorpat, bei dem Medizinstudenten, im Spannungsfeld von Mechanisten und Vitalisten, weiter gegangen sein, und Nicolai Hartmann ist danach erst, wenn ich richtig sehe, entschiedener Atheist geworden; auch sein lebenslanger Kampf gegen das 899Briefe und Dokumente teleologische Denken hat diese Wurzel. (Dass die Mutter den Sohn am liebsten als Geistlichen gesehen hätte, war mir hochinteressant.) Das mir daran liegt, Nicolai Hartmanns positive Äußerungen zum Marxismus ins helle Licht zu rücken, werden Sie verstehen. Ich fand die wichtigsten im Problem des geistigen Seins, 1. Auflage, Berlin, 1933, S. 346 (hier sogar mit lobender Bezugnahme auf die Sow jet uni on) und, erstaunlicherweise, noch 1935 (sic!) im Aufsatz Hegel und das Problem der Realdialektik (Kleinere Schriften, II, Berlin, 1957, S. 342). Ich kann mir diese Stellen nur so erklären, dass Nicolai Hartmann, der ursprünglich zur Arbeiterbewegung und zum Sozialismus ablehnend stand (namentlich im Kapitel über den »sozialen Eudämonismus« in der Ethik, von 1925/1926), sich unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise (1929 bis 1933) nach links entwickelt hat. Um so mehr verwundert es mich, jetzt von Ihnen zu hören, dass Sie beide »anfangs zum Nationalsozialismus nicht so ablehnend standen«. Und abermals erstaunlich ist wiederum, dass sich das bei Nicolai Hartmann nie in irgend einer öffentlichen Stellungnahme niedergeschlagen hat – im Gegensatz zu Spranger, der auf seinen Lehrstuhl zurückkehrte und sich danach mehrmals öffentlich zu Hitlers Politik bekannt hat. Ich sehe in Nicolai Hartmann, wenn ich ihn zeitgeschichtlich einordnen soll, einen Mann der »Systemzeit«, wie die Nazis die Weimarer Republik nannten, und zwar einen ihrer liberalen Vertreter. Ich glaube, dass er erst die Verhältnisse in Deutschland überschätzte, weil er sie an denen im zaristischen Russland maß, und später, nach 1918, die der Weimarer Republik noch erfreulicher fand als die im wilhelminischen Kaiserreich. Seine Ethik sehe ich zugeschnitten auf die Konsolidierung der Republik. Aus dem Umstand, dass Nicolai Hartmanns Berufung nach Berlin zuerst (1929) von Carl Heinrich Becker initiiert worden ist, der mit ihm den Lehrstuhl seines schon 1923 verstorbenen Parteifreundes Ernst Troeltsch besetzen wollte – was noch nicht gelang, woraus erst 1930/1931 etwas wurde –, schließe ich, dass die Bildungselite der Deutschen Demokratischen Partei in Nicolai Hartmann ihren Mann gesehen haben muss (nicht zuletzt wegen seiner Irreligiosität). In diesem Zusammenhang würde es mich aufs Äußerste interessieren, zu erfahren, wie Nicolai Hartmann in den Jahren der Weimarer Republik gewählt hat; ich vermute: Demokratisch oder, allenfalls, Stresemanns Deutsche Volkspartei. In Russland dürften ihm die »Konstitutionellen Demokraten« (Kadetten) relativ am liebsten gewesen sein; das stünde sowohl mit seinem sympathievollen Verständnis für die Revolution von 900 Teil IV 1905 im Einklang als auch mit seiner Ablehnung der Bolschewiki. Hartmann war Balte – ja, natürlich. Aber er hat sich meines Wissens den baltischen aristokratischen Emigranten, die nach der lettischen und estnischen Bodenreform nach Deutschland strömten, so gut wie völlig ferngehalten, an ihren Aktivitäten nie teilgenommen. In seiner Sympathie für die Revolution von 1905 scheinen ihn auch die damaligen Aufstände der lettischen und estnischen Werktätigen gegen die deutsche Herrenschicht in der baltischen Heimat nicht beirrt zu haben. Er war eben ein liberal-bürgerlicher Balte, kein Parteigänger des baltischen Adels. Dass ihm Keyserling nichts, Külpe eine Menge gegeben hat, liegt auch auf dieser Linie. Irre ich in alledem? Nun, liebe Frau Hartmann, nenne ich Ihnen noch ein paar russische Namen. Vielleicht leuchtet bei dem einen oder anderen doch noch in Ihnen eine Erinnerung auf. Nicolai Hartmann muss, 1903 bis 1905 an der Petersburger Universität als Philosophiestudent inskribiert, Vorlesungen von Ale xan der Wwedenski und Leonid Rutkowski, er könnte auch Lehrveranstaltungen von Wwedenskis Schüler Lapschin (beide waren Kantianer) besucht haben. Der damals bedeutendste russische Philosoph, der ihn mit höchster Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat, stand aber außerhalb der Universität: Michail Karinski (1840–1917). Karinski war der geliebte und verehrte Lehrer Rutkowskis, beide hervorragende Logiker. Losski ist damals nur Privatdozent gewesen. Meine Hypothese: Nicolai Hartmann hat Kant bei Wwedenski und Lapschin kennen gelernt; gleichzeitig haben Karinski, Rutkowski und, von der mystisch-theosophisch Richtung her, Losski ihn in realistischem Sinne gegen Kant beeinflusst. Diese letzteren Einflüsse sind bei Nicolai Hartmann aber erst nach dem Kennenlernen der Phänomenologie Husserls und Schelers wirksam geworden. Karinski schlägt bei ihm erstmals durch in dem Aufsatz Über die Erkennbarkeit des Apriorischen (Kleinere Schriften, III, S. 186, besonders S. 193). Und weiter: Ich erinnere mich, dass Nicolai Hartmann in einem Seminar einmal ge- äußert hat, die dramatische Dichtung gipfele in Shakespeare, die erzählende bei den Russen des 19. Jahrhunderts, namentlich bei Tolstoi und Dostojewski. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Hartmann aber nicht nur die russischen Erzähler gekannt hat, sondern auch ihre vom Geiste Hegels und Feuerbachs zehrenden großen Kritiker, die Belinski, Herzen, Tschernyschewski und Dobroljubow, vermutlich auch Tschernyschewskis Schüler Antonowitsch, Schelgunow und Berwi-Flerowski. Dem Teilnehmer eines Petersburger philosophischen Studentenzirkels von 1905, der dann für die Revo- 901Briefe und Dokumente lution sympathisierendes Verständnis aufbringt, kann eigentlich keiner von ihnen unbekannt geblieben sein. In der Ästhetik, von 1945, finde ich Anklänge sogar an Gorki (besonders a. a. O., Berlin, 1953, S. 299). Ich finde dagegen nirgends eine Spur des größten russischen Dichters: Puschkins. Liegt hier etwa eine Parallele zu Nicolai Hartmanns Vorbehalten gegen Goethes Faust vor, wie sie sich in der Heimsoeth-Korrespondenz zeigen? Sie sehen: Ich habe Fragen über Fragen. Für heute sei’s genug. Sehr herzliche Grüße, auch an Ihre Familie, Ihr dankbar ergebener Brief an Frida Hartmann19 (01. Dezember 1985) Liebe Frau Hartmann! Meinem Brief vom 26. November möchte ich heute noch ein paar Zeilen hinzufügen, um Ihnen kurz verständlich zu machen, wie ich zu meiner Fehleinschätzung von Nicolai Hartmanns politische Einstellung kommen bin. 1) Meine Mutter, Anne-Lise Harich, geb. Wyneken, geb. 1898, gest. 1975, aus Königsberg/Pr., hatte eine beste Freundin: Martha Jenisch, Tochter von Paul Wegener. Die hegte für Nicolai Hartmann eine an Schwärmerei grenzende Verehrung, ohne sich allerdings für sein Werk sonderlich zu interessieren. (»Ich verstehe kein Wort davon, aber es ist wundervoll!«) Ihr Mann, Professor Erich Jenisch, hatte aus politischen Gründen in der Nazizeit große Schwierigkeiten. Er verlor seine Professur in Königsberg und wurde in Berlin Bibliothekar. Beide standen, wie meine Mutter, dem Hitlerregime völlig ablehnend gegenüber. (Nach dem Tode meines Vaters, 1931, war meine Mutter mit einem jüdischen Arzt liiert, der ohne die Nürnberger Gesetze mein Stiefvater geworden wäre.20 Die Freunde unserer Familie waren überwiegend sozialdemokratische 19 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 01. Dezember 1985, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 20 (AH) 1991 berichtete Harich in einer Biblio-Biographie (abgedr. in: Band 1.2, S. 108–112): »Meine Mutter, Anneliese Harich, geborene Wyneken (1898–1975), war bis zu ihrer Heirat Sekretärin ihres Vaters, des Chefredakteurs der Königsberger Allgemeinen Zeitung, und zuletzt Redakteurin bei der Zeitschrift Theater der Zeit. Mein Vater, Dr. Walther Harich (1888–1931), war Literarhistoriker, Schriftsteller und Musiker. Nach seinem frühen Tod ging meine Mutter mit dem jüdischen Arzt Dr. Arthur Jacoby in Neuruppin 902 Teil IV oder linksliberal eingestellt, einige auch Kommunisten.) Es lag nahe, dass ich Nicolai Hartmann politisch in der Nähe der Jenischs ansiedelte. 2) Seit 1940 war ich mit einem Kommunisten namens Georg Pinzke befreundet, einem ambulanten Antiquariatsbuchhändler, an dessen Bücherwagen Nicolai Hartmann jedes Mal vorbeikam, wenn er auf dem Wege vom Bahnhof Friedrichstraße zu seinen Lehrveranstaltungen in der Dorotheenstraße bzw. zum Institut (Seminar?) war. Ich habe gesehen, wie er und Pinzke sich freundlich grüßten. Pinzke sagte von Nicolai Hartmann, er »schwebt in den Wolken« (»idealet Wertreich und sowat«), habe aber mit Hitler »nichts im Sinn«, sei politisch »in Ordnung«. 3) Ich kannte drei rassisch Verfolgte, die Lehrveranstaltungen von Nicolai Hartmann illegal, als Schwarzhörer besuchten; sie waren zum Studium nicht zugelassen (Hanns Zehden, Ale xan der Peter Eismann und Joachim Streisand). Einer, Streisand, nahm auch, mit Nicolai Hartmanns Einwilligung, an dessen Seminarübungen teil. Heistermann behauptete, Nicolai Hartmann wisse das alles und akzeptiere diese Schüler; er eine neue Bindung ein, der durch die Rassengesetze der Nazis die Legalisierung versagt blieb. Als Arzt bei der Jüdischen Gemeinde Berlin hat Jacoby später das Schicksal der Deportation in ein Vernichtungslager, wahrscheinlich Auschwitz-Birkenau, erlitten, wo er 1943 ums Leben gekommen ist.« (Ebd., S. 108.) Und in dem Text Meine Lehrer (abgedr. in: Band 1.2, S. 113–122) berichtete er genauer: »Dr. Arthur Jacoby, Arzt, Freund meiner Mutter. Er machte mich aufmerksam auf Heinrich Heine und Ludwig Börne. Er hatte als Student einmal einen Essay über Heines Rabbi von Bacherach geschrieben, hatte dieses ›gesammelte Werk‹ auf eigene Kosten drucken und in Saffianleder binden lassen. Es war eine große Auszeichnung, dass er es mir lieh, obwohl er nur noch zwei Exemplare besaß. Er war vor 1933 Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Nach 1933 las er nur noch Bücher über Judenmassaker aus allen Zeiten. Einen Teil davon gab er mir zu lesen. Merkwürdigerweise trat er meiner Mutter entgegen, als sie mir einmal Vorhaltungen wegen meiner Zugehörigkeit zum Jungvolk machte, und zwar gab er ihr zu bedenken, dass man Kinder nicht weltanschaulich beeinflussen dürfe, das beschränke die persönliche Freiheit und sei undemokratisch. Er wollte aus Deutschland emigrieren und lernte daher Englisch. Einmal sagte er mir, dass es mit seiner Emigration nicht werden könnte: In England sage man statt ›mikroskopisch‹ ›micoscopical‹, was er ›Meikros Kopp Pickel‹ sprach. In einem Land, wo man so spreche, könne ein vernünftiger Mensch nicht leben. 1938, in der Kristallnacht, zerstörten die Nazis seine Praxis, darunter sein Röntgen-Laboratorium. 1943 verschleppten sie ihn. Er muss in einem Vernichtungslager umgekommen sein. Dr. Jacoby liebte von der neueren Literatur am meisten den Zauberberg, und zwar wegen des Zynismus des Hofrats Behrens, dessen Aussprüche er ständig im Munde führte. Durch ihn und durch Hinweise meiner Mutter wurde ich auf Thomas Mann aufmerksam.« (Ebd., S. 115 f.) 903Briefe und Dokumente wisse auch, dass ich aus politischen Gründen aus der Schule geworfen worden sei. Und ich glaube mich sogar erinnern zu können, ihm bei meiner Anmeldung zu den Seminarübungen das selbst anvertraut zu haben. Heistermann warnte vor dem Pg Hermann Wein und meinte zugleich, Nicolai Hartmann selbst finde das Dritte Reich und seine Politik grässlich. Sogar von Wein habe ich aber auch nie ein nazistisches Wort vernommen (freilich auch kein gegenteiliges); ich nahm an Übungen von ihm teil und erinnere mich noch an seine Vergleicherei zwischen den Fassungen der »transzendentalen Deduktion« in der 1. und 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft von Kant. 4) Nach alledem war ich furchtbar enttäuscht darüber, wie Nicolai Hartmann Ende 1942 auf meine Mitteilungen über den Genozid an den Juden reagierte. Später, nach der Lektüre der Philosophie der Natur (über die Marx, Engels und Lenin begeistert gewesen wären, hätten sie sie kennen können), sagte ich mir – reuevoll –, man müsse dem großen Denker das Recht zu politischer Naivität und Weltfremdheit zugestehen. Wieder später aber fand ich dann die erstaunlichen Stellen, PdgS, 1. Aufl., S. 346, und Kleinere Schriften, II, S. 342 (1935!!!!) und nochmals später in Ihrem Nachwort zur Heimsoeth-Korrespondenz die Erwähnung von Nicolai Hartmanns Verständnis für die Ziele der russischen Revolution von 1905. Diese Dinge ließen mich die Äußerung von 1942 auf Furcht vor Spitzeln zurückführen. 5) Weitere Gründe, aus denen ich Nicolai Hartmann weiter links ansiedelte, als er tatsächlich wohl gestanden hat: a) Nicolai Hartmanns Zurückweisung von Heimsoeths annexionistischen Illusionen im Ersten Weltkrieg, b) Nicolai Hartmanns abfällige Äußerungen über Schelers Kriegstraktate im Ersten Weltkrieg (beides in Briefen an Heimsoeth), c) das offenbar große und förderliche Interesse der Deutschen Demokratischen Partei, jedenfalls ihrer Bildungselite, an Nicolai Hartmann im Zusammenhang mit dessen Berufung nach Berlin. C. H. Becker wollte ihn schon 1929 auf den verwaisten Lehrstuhl seines Parteifreundes Troeltsch holen. Die Fakultät lehnte Nicolai Hartmann ab. Beckers Nachfolger Adolf Grimme (SPD) hätte Heidegger vorgezogen und begann erst nach dessen Absage mit Nicolai Hartmann in Köln zu verhandeln. (Das alles geht aus den Universitätsakten hervor.) d) Schließlich die Tatsache, dass es keine öffentliche Äußerung Nicolai Hartmanns gegeben hat in der er das III. Reich und Hitlers Politik befürwortet hätte (im Gegensatz zu Spranger, von dem es derartige Äußerungen gegeben hat). Aber alles ist anscheinend viel komplizierter, als ich dachte. Herzliche Grüße Ihr 904 Teil IV Brief an Renate Heimsoeth21 (02. Dezember 1985) Liebe Renate Heimsoeth! Haben Sie bitte Verständnis dafür, dass ich mir die Freiheit nehme, Sie so vertraulich anzureden. Ich glaube es mir herausnehmen zu dürfen, weil unsere Familie durch die unvergessliche Martha Jenisch verbunden sind, die bis zuletzt Ihrem Vater nahestand und die seit den frühen zwanziger Jahren die beste Freundin meiner Mutter, Anne-Lise Harich, geborene Wyneken, aus Königsberg, gewesen ist. Von Professor Jakob Jenisch, Essen, meinem Freund aus Königsberger Kindheitstagen, habe ich Ihre Anschrift, und er riet mir, mich mit meinem Anliegen an Sie zu wenden. Wahrscheinlich hätte ich es eines Tages aber sowieso getan, nachdem der von Ihnen und Frau Frida Hartmann gemeinsam herausgegebener Briefwechsel zwischen Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth aus den Jahren 1907 bis 1918, mitsamt den beiden Nachworten, mir au- ßerordentlich wichtige Aufschlüsse für meine gegenwärtige Arbeit gewährt hat. Von Heinz Heimsoeth habe ich mit großem Gewinn schon vor langer Zeit Die sechs großen Themen der abendländischen Metaphysik und der Ausgang des Mittelalters sowie eine Schrift über Fichte und, erst jüngst wieder, seinen so ungeheuer materialreiche Beitrag zur Geschichte der Kategorienforschung, aus der Gedenkschrift für seinen Freund Nicolai Hartmann, 1952, gelesen. Auch nötigt mir Heimsoeths Leitung der Blätter für deutsche Philosophie in schwieriger Zeit mitunter Respekt ab, so wenn ich zum Beispiel entdecke, dass in ihren Spalten Nicolai Hartmann noch 1935 einen Aufsatz Hegel und das Problem der Realdialektik mit unverhohlenem Lob für Karl Marx veröffentlichen konnte, und mir dann überlege, wer alles damals zum Vorstand der Deutschen Philosophischen Gesellschaft (Leute wie Hans F. K. Günther zum Beispiel) gehört hat. Worum es mir geht, ist Folgendes: Ich sitze nun schon im dritten Jahr an einer groß angelegten, auf zwei Bände berechneten Arbeit über Nicolai Hartmann, die aus dem Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik finanziert wird und im Verlag der Akademie der Wissenschaften der DDR, dem Akademie-Verlag Berlin, erscheinen soll. Im ersten Band will ich Hartmanns Verhältnis zu den Hauptströmungen der Philosophie des 20. Jahrhunderts unter dem Titel Gegen den Strom darstellen. Dieser Band beginnt mit dem Kapitel Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung, und da- 21 (AH) Harich: Brief an Renate Heimsoeth, vom 02. Dezember 1985, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 905Briefe und Dokumente rin gehe ich natürlich auch auf Ihren Vater Heinz Heimsoeth ein. Mit der vorläufigen Fassung dieses biographischen Kapitels bin ich aber noch recht unzufrieden. Ich werde es noch einmal ganz umarbeiten müssen, aber erst nachdem ich mir neue, zusätzliche Informationen beschafft habe. Während Sie bereit, mir dabei zu helfen? Es würde auch mit dazu beitragen, Ihrem Vater historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aus dem gedruckt vorliegenden Briefwechsel geht hervor, dass Heinz Heimsoeth und Nicolai Hartmann vor dem Ersten Weltkrieg ziemlich unpolitische Menschen gewesen sein müssen. Im Kriege 1914–1918 änderte sich das. Beide nahmen nun gelegentlich auch zu Zeitereignissen Stellung, wenn Sie sich über ihre Gedanken, Erfahrungen und Erlebnisse austauschten. Aber wie standen sie nach 1918? Was bedeuteten ihnen die revolutionären und konterrevolutionären Ereignisse der Jahre 1918 bis 1923? Wie standen sie zum Versailler Vertrag? Welchen Parteien der Weimarer Republik gaben sie den Vorzug? Welche wählten sie? Ich tippe bei Nicolai Hartmann auf die Deutsche Demokratische Partei oder, allenfalls, Stresemanns Deutsche Volkspartei, nicht auf eine der beiden Arbeiterparteien, nicht aufs Zentrum, schon gar nicht auf die Nazis, und würde auch Sympathien für die Deutschnationalen als sehr unwahrscheinlich ansehen. Habe ich recht? Oder hat Nicolai Hartmann gar nicht gewählt? Und wie steht es in der Beziehung mit Ihrem Vater? Ich meine zunächst vor allem die »Goldenen Jahre« der Republik ab Ende 1923. Danach kamen der New Yorker Bankenkrach, die Weltwirtschaftskrise, die ungeheure Arbeitslosigkeit, der Aufstieg der Hitlerpartei, also die Zeit zwischen 1929 und 1933. Es gibt, soviel ich sehe, Anhaltspunkte dafür, dass Nicolai Hartmann sich damals von der bürgerlichen Mitte nach links entwickelt hat. Er äußerte sich 1932 und, wie gesagt, noch 1935 voller Anerkennung über den Marxismus, während er in der Ethik, 1926, der Arbeiterbewegung und ihrem »sozialen Eudämonismus« ganz verständnislos gegenüberstand. Machte damals Ihr Vater eine ähnliche Linksentwicklung durch, um dann erst nach 1933 Pg zu werden, oder lag das auf einer Linie mit Rechtstendenzen, die sich bereits in den Weimarer Jahren bei ihm abzeichneten? Frida Hartmann schrieb mir, sie und ihr Mann hätten in der ersten Zeit nach 1933 dem Nationalsozialismus weniger ablehnend gegenüber gestanden, als ich vermuten würde. Aber Nicolai Hartmann war kein Pg, hat nie öffentlich für die Hitlerregierung und ihre Politik Stellung genommen, und es steht fest, dass mit seinem Wissen rassisch Verfolgte, denen ein Studium versagt war, als Schwarzhörer an seinen Lehrveranstaltungen, sogar an Seminarübungen teilnehmen durften. Es gab sogar einen Kommunisten, der ihn damals als Antifaschisten einschätzte. 906 Teil IV Aber die Fragen der Nazizeit sind mir nicht gar so wichtig. Da kenne ich mich verhältnismäßig gut aus und glaube, die Dinge von mir aus einigermaßen richtig beurteilen zu können. Wichtiger sind wir die politischen Aspekte der Entwicklung von Heinz Heimsoeth und Nicolai Hartmann während der ganzen Weimarer Zeit, von 1918 bis 1933, mit besonderer Berücksichtigung der Zäsuren, die es da gegeben hat: Revolution 1918/1919, Nachkriegswirren, Kapp-Putsch, Inflation, Arbeiterregierungen in Thüringen und Sachsen, Hitler-Putsch in München, also 1919/1920 bis Ende 1923; dann die Periode der relativen Stabilisierung, in der meines Erachtens Heinz Heim soeth und Nicolai Hartmann mit der Konsolidierung begriffenen Gesellschaft der Weimarer Republik besonders eng und besonders konform verbunden gewesen sind (aber mit Differenzen untereinander???, mit welchen??); schließlich die große Krise 1929 bis 1933. Ich möchte hier erst einmal schließen. Es könnte aber sein, dass ich mich, Ihr gütiges Einverständnis vorausgesetzt, an Sie noch mit weiteren Fragen, die gemeinsame kulturelle Interessen, wichtige Freundschaften, die im Werk ihren Niederschlag gefunden haben und eine etwaige Einflussnahme Nicolai Hartmanns auf die Leitung der Blätter für deutsche Philosophie, ermöglicht durch die Freundschaft mit Heinz Heimsoeth, betreffen, wende. Und vielleicht – hoffentlich – fällt Ihnen noch manches ein, womit Sie mir einen wichtigen Tipp geben können, unabhängig von meiner Fragerei. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr PS.: Noch etwas verbindet uns: Die Liebe zu Katzen (wie Jakob mir über Sie berichtete). Ich habe einen edlen rostbraunen Perserkater, genannt Feisal, einen sehr lieben. Er lässt Ihre Kätzchen grüßen. Brief an Frida Hartmann22 (11. Dezember 1985) Liebe Frau Hartmann! Auf Ihren Brief vom 5. und 6. Dezember, den ich heute erhielt und für den ich vielmals danke, will ich gleich kurz antworten. Ihre Einladung ist mir hochwillkommen, aber leider kann ich sie zu einem so frühen Zeitpunkt nicht wahrnehmen. Erstens beansprucht 22 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 11. Dezember 1985, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 907Briefe und Dokumente mich während der Weihnachts- und Neujahrsferien meine Familie (Frau und zwei Stiefkinder: ein fünfzehnjähriger Junge und ein zehnjähriges Mädchen). Zweitens pflegen mir der Winter – und auch der Sommer – gesundheitlich nicht so gut zu bekommen, dass sie mir für Reisen zuträglich wären. Meinem angeknacksten Herzen sind derartige Unternehmungen am ehesten im Frühjahr oder Frühherbst zuzumuten. Drittens brauche ich wahrscheinlich einen neuen Pass. Denn zum letzten Mal bin ich 1982 besuchsweise im Westen gewesen, und in der Zwischenzeit habe ich mir, nicht der Schönheit wegen, sondern weil ein bestimmtes Medikament mich zum Bluter macht, einen Bart wachsen lassen. Mindestens aber müsste ich ein neues Ausreisevisum beantragen, dessen Bearbeitung vier Wochen braucht. Es wird also das beste sein, dass ich das jetzt in die Wege leitete und mich dann in den Osterferien zu Ihnen auf den Weg mache; wenn denn Ferien für Ihre Tochter und die Enkel günstig sind. Übrigens kann ich die Bekannten in Göttingen auch nicht so von Heute auf Morgen überfallen. Es handelt sich um eine Frau Schönthal, die ich nur flüchtig kenne, die Mutter der deutschgebürtigen Mailänder Verlegerin Feltrinelli, mit der wir befreundet sind. Die Adresse der Frau Schönthal muss ich mir erst von der Tochter geben lassen, also nach Mailand schreiben, was ich tun werde. Enkel Felix ist mir natürlich hochinteressant. Philosophie und Mathematik sind eine vortreffliche Kombination. Sein Großvater Nicolai Hartmann hat Kant sehr gut gekannt und ihn durchaus auch richtig verstanden; dies an die Adresse der Aachener Mäkler. Die Kritik der Urteilskraft dürfte Nicolai Hartmann freilich mehr gegeben haben als die Kritik der reinen Vernunft, die er aber, mit Recht und zum Glück, erschlagen hat oder, besser gesagt, so getötet wie der Bernstein die in ihn eingeschlossenen Insekten. Felixens Aachener Kommilitonen scheinen im Übrigen an die Philosophie zu philologisch heranzugehen. Das konnte Nicolai Hartmann, wenn er wollte, auch – seine Beziehung zu Platon und Aristoteles beweist es. Aber die Probleme waren ihm, glücklicherweise, wichtiger. Wie wäre es, fällt mir bei der Gelegenheit ein, wenn Felix einmal mich besuchen käme? Ich könnte ihn hier gut unterbringen, in einem warmen, sonnigen Zimmer mit vielen hundert Büchern und bei guter Verpflegung (meine Frau backt eine Quarktorte ohne langweiligen Tortenboden; dafür unten und oben je eine Schicht Butterstreusel, der Quark dazwischen – des Lebens ungeteilte Freude). Überhaupt: Ihre Familie, Sie, liebe Frau Hartmann, einbegriffen, desgleichen Sohn, Tochter, Enkel wären hier jederzeit 908 Teil IV willkommen. Wir kommen auch leicht an Theaterkarten und dergleichen heran. (Meine Frau arbeitet als Photographin am Deutschen Theater.) In Aachen kenne ich Karl-Siegbert Rehberg, einstigen Assistenten von Arnold Gehlen. Wenn Felix mag, könnte ich ihm da zu einer Konnexion verhelfen. Aber am allerinteressantesten von der Familie sind und bleiben doch Sie mir. Ich hätte Hunderte von Fragen an Sie. Um heute nur einem Problemkomplex noch anzutippen: Die nachklassischen Metaphysiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Fechner, Lotze, Eduard von Hartmann und W. Wundt) und deren moderne Fortsetzer, von Oswald Külpe (einem Balten!!!) angefangen. Wie hat Nicolai Hartmann sich zu ihnen geäußert? Erkenntnistheoretisch muss er ihnen nahe gestanden haben, aber ihre Metaphysik muss ihm verhasst gewesen sein. Aus Teleologisches Denken lese ich oft und oft heraus: »Verwechselt mich, bitte, bloß mit denen nicht! Die Realität der Au- ßenwelt anzuerkennen genügt bei weitem nicht! Es kommt darauf an, dass in die Außenwelt keine Teleologie hineingeheimnist wird, was die ganze Bande, von Fechner bis Alois Wenzl, ständig tut.« Schade, dass Nicolai Hartmann so selten ins Einzelne gehend polemisiert hat. Aber wie hätte er auch das noch bewältigen sollen!! Den Bericht vom 13. November 1909, über das nächtliche Gespräch mit Slonimsky (der doch aber wohl Pole war – oder Russe?), habe ich, mit Vergnügen, erst überflogen. Ich will ihn mir noch gründlicher zu Gemüte führen und ihn dann an Sie zurückschicken. Eine Frage haben Sie mir nicht beantwortet: Ob es Ihnen recht ist, dass ich Ihnen das biographische erste Kapitel Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung schicke. Sollte ich von Ihnen diesbezüglich keine Absage erhalten, so werde ich es Ihnen nächstens zugehen lassen, auf die Gefahr hin, dass Sie vieles darin falsch und manches auch ärgerlich finden. Ich bin auf harte Kritik gefasst und zu Änderungen bereit. Ihre Befehle, was zu ändern sei, können Sie sich in Ruhe anhand des Manuskripts zurecht legen und sie mir, falls Ihnen eine briefliche Übermittlung zu viel Mühe macht, zu Ostern, wenn ich zu Ihnen komme, mündlich erteilen. Ich schicke Ihnen das Originalmanuskript, dass ich dann erst, nach dem Befehlsempfang bei Ihnen, wieder zurückhaben müsste, zur dann erst fälligen Umarbeitung; die Kopie, in Gestalt eines nicht so gut leserlichen Durchschlags, behalte ich bei mir. (Mit der Ablichterei hapert es bei uns.) 909Briefe und Dokumente Ihrem Brief entnehme ich, dass Sie, wenn Sie »Wir« schreiben, sich, Ihre Tochter Lise, deren Mann (den Lehrer) und den bei denen noch wohnenden Enkel meinen. Grüßen Sie alle von mir, und seien Sie selbst aufs Herzlichste gegrüßt! Ihr PS.: Dass Martha Jenisch aus Wegeners erster Ehe stammt – sie hatte ihre Mutter nie sehen dürfen –, wusste ich. Dass sie Halbjüdin gewesen ist, ist mir völlig neu, obwohl sie wirklich die beste Freundin meiner Mutter war. Ich fand sie eine wundervolle Persönlichkeit, ihre Stickereien, ihre Porzellanmalereien, ihr Singen ostpreußischer Lieder usw. – ganz herrlich! Es war furchtbar, dass Jenischs im Krieg ihren Christoph verloren. Wahrlich nicht zuletzt die Erschütterung darüber bewirkte, dass wir angesichts der Gefallenenanzeigen in den Zeitungen nur noch den Gedanken kannten: Wann hört das von Hitler angezettelte Morden endlich auf!? Aber das ist ein weites Feld … Brief an die Humboldt-Universität23 (30. Dezember 1985) Werte Kollegen! Auf Grund einer vom 28. August 1984 datierenden vertraglichen Vereinbarung mit dem Akademie-Verlag arbeite ich an einem Buch über den Philosophen Nicolai Hartmann (1882–1950), der von 1931–1945 Ordinarius für Philosophie und Direktor des Philosophischen Seminars der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität, jetzigen Humboldt-Universität, zu Berlin gewesen ist. Das Buch soll auch einen biographischen Teil enthalten. Im Zuge der Ausarbeitung derselben hat es sich als notwendig erwiesen, dass ich auch verfügbares Archivmaterial über Nicolai Hartmann durcharbeite. Wie ich von dem Direktor des Akademie-Verlages, Herrn Prof. Dr. Berthold, erfahre, befindet sich bei Ihnen eine Akte Nicolai Hartmann. Hiermit möchte ich Sie darum ersuchen, mir diese zugänglich zu machen und Sie mir, wenn möglich, am besten auch für ca. vier Wochen zu überlassen. Mit guten Wünschen zum neuen Jahr und freundlichem Gruß 23 (AH) Harich: Brief an die Humboldt-Universität, Universitätsleitung, Archiv, vom 30. Dezember 1985, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 910 Teil IV Brief an die Akademie der Wissenschaften der DDR24 (30. Dezember 1985) Werte Kollegen! Auf Grund einer vom 28. August 1984 datierenden vertraglichen Vereinbarung mit dem Akademie-Verlag arbeite ich an einem Buch über den Philosophen Nicolai Hartmann (1882–1950), der von 1932 bis zu seinem Lebensende Ordentliches Mitglied der Preußischen – später Deutschen – Akademie der Wissenschaften gewesen ist; er lebte von 1931 bis 1945 in Babelsberg bei Berlin und von 1945 bis 1950 in Göttingen. Mein Buch soll auch einen biographischen Teil erhalten. Im Zuge der Ausarbeitung derselben hat es sich als notwendig erwiesen, dass ich auch verfügbares Archivmaterial über Nicolai Hartmann durcharbeite. Ich bitte Sie darum, mir mitzuteilen, ob solches in Ihrem Archiv sich befindet, und es mir bejahendenfalls zugänglich zu machen. Mit guten Wünschen zum neuen Jahr und freundlichem Gruß Brief an Frida Hartmann25 (03. Januar 1986) Liebe Frau Hartmann! Mein Plan, zu Ostern zu Ihnen zu reisen, nimmt Gestalt an. Es wäre mir lieb, wenn meine Frau mich begleiten könnte. Mein Herzleiden ist für mich ja ein gewisses Handikap, und sie hat die besten Erfahrungen darin, wie mir gegebenenfalls geholfen werden kann. Außerdem hat sie ein besseres Kurzzeitgedächtnis als ich, so dass ihre Anwesenheit bei unseren Gesprächen mir viele Notizen, die ich mir sonst machen müsste, ersparen würde. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass, während ich als Invalidenrentner jederzeit eine Ausreise aus der DDR bekommen kann, eine solche Vo rausset zung bei ihr nicht besteht. Deshalb habe ich heute meinen hiesigen Gönner, den stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke, aufgesucht und ihn gebeten, eine Ausreisegenehmigung auch für meine Frau zu erwirken. 24 (AH) Harich: Brief an die Akademie der Wissenschaften der DDR, Akademie-Archiv, vom 30. Dezember 1985, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 25 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 03. Januar 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 911Briefe und Dokumente Er will versuchen, was sich in dieser Hinsicht tun lässt, konnte mir aber noch keine feste Zusicherung geben. Auf jeden Fall soll ich ein diesbezügliches Gesuch jetzt schriftlich einreichen und es vor allem schnell auf den Weg bringen. Höpcke hat mir übrigens auch gleich für das neue Jahr wieder das Stipendium bewilligt, mit dem meine Arbeit über Nicolai Hartmann aus dem Kulturfonds der DDR finanziert wird. Dass ich zu Ihnen reisen will, findet er verständlich und der Sache dienlich, an der er, ebenso wie der Akademie-Verlag, nach wie vor stark interessiert ist. Sollte es mit der Reisegenehmigung für meine Frau nicht klappen, so würde ich allein zu Ihnen kommen. Von Ihrem Angebot, mich bei sich, in Niemetal-Ellershausen, unterzubringen, würde ich gerne und dankbar Gebrauch machen. Aber da ich nicht weiß, ob es Sie nicht überansprucht, wenn wir zu zweit bei Ihnen aufkreuzen, habe ich sicherheitshalber auch an unsere Freundin Inge Feltrinelli nach Mailand geschrieben und angefragt, ob nicht, gegebenenfalls, auch ihre in Göttingen lebende Mutter, Frau Schönthal, und unterbringen könnte. (Frau Feltrinelli übrigens war in den Jahren nach 1945 an der Göttinger Universität Hörerin Nicolai Hartmanns, wenn auch nur im Nebenfach.) Hier in der DDR treibt unterdes die Neigung, nichtmarxistische, bürgerliche Philosophie der Vergangenheit großzügiger zu sehen als früher – an sich ein begrüßenswerter Fortschritt – auch einige seltsame Blüten. Nachdem der Alte Fritz wieder Unter den Linden auf seinen Denkmalssockel zurückgekehrt ist und der Martin Luther zu seinem 500. Geburtstag überaus geehrt wurde, kommen einige Leute auf die Idee, es sei nun an der Zeit, Nietzsche zu einer Renaissance zu verhelfen. Ich bin entschieden dagegen. Auch Heideggerianer beginnen auf dem Plan zu treten. Für Nicolai Hartmann muss also jetzt an mehreren Fronten gekämpft werden, unter denen der dogmatisch-sektiererische Flügel der Marxisten sich mehr und mehr harmlos, wenn nicht freundwillig ausnimmt. Die Lukácsianer, zu denen ich gehöre, streben ein Bündnis zwischen neuer Ontologie und schöpferischem Marxismus an. Die Blochianer neigen eher dazu, Nietzsche und Heidegger wiederbeleben zu wollen, und verachten Nicolai Hartmann, womit sie es sich leicht machen, die anspruchsvolle Lektüre seiner dicken Bücher zu meiden. Ich habe mich derweil in ein Zwischenstudium der Rolle gestürzt, die die Deutsche Demokratische Partei und die Deutsche Volkspartei in der Zeit der Weimarer Re pu blik gespielt haben, weil ich in diesem nichtklerikalen Teil der bürgerlichen Mitte Nicolai Hartmann politisch am ehesten angesiedelt sehe. Besondere Sympathie genießt hier 912 Teil IV Nicolai Hartmann vor allem wegen seines Atheismus, seiner Naturphilosophie und seiner realistischen Gnoseologie, aber eben gerade nicht bei den Nietzschefreunden und Heideggerianern, viel eher bei den ausgesprochenen Parteimarxisten, die aber wiederum zu gebührendem Respekt auch vor seiner Ethik und seiner Gesellschafts- und Geschichtsauffassung (Das Problem des geistigen Seins), gegen die sie sehr skeptisch gestimmt sind, erst behutsam eingeführt werden müssen. Auf Ablehnung stößt allgemein – und das auch bei den Lukácsianern – das nach wie vor als quasiplatonisch empfundene »ideale Sein«, und unter den Seinsschichten mag man am wenigsten die psychische, seelische. Lukács ließ die beiden unteren Schichten Nicolai Hartmanns gelten, errichtete aber darüber die des »gesellschaftlichen Seins«, die nun, nach meiner Meinung, wieder der Ergänzung durch die anthropologischen Einsichten Gehlens bedarf. Sie sehen, man hat es schwer. Für heute genug. Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre ganze Familie, nun auch schon im Namen meiner Frau, Ihr Brief an Klaus Höpcke26 (09. Januar 1986) Verehrter Herr Minister! Bezugnehmend auf unser Gespräch vom 3. Januar möchte ich Sie auf diesem Wege heute nochmals wissen lassen, dass ich im Zusammenhang mit meiner Arbeit über den Philosophen Nicolai Hartmann (1882–1950) beabsichtige, um Ostern herum, Ende März, Anfang April, 1986, nach Göttingen/BRD zu reisen, um die dort (Adresse weggelassen, AH) wohnende Witwe des Philosophen, die jetzt dreiundachtzigjährige Frau Frida Hartmann, zu besuchen. Ich stehe mit Frau Hartmann seit Oktober 1985 im Briefwechsel. Sie hat sich bereit erklärt, mich zu empfangen, um mich mit Informationen zu versorgen, die das Leben ihres Mannes, seine politische Entwicklung, Details seiner Jugendgeschichte usw. betreffen, und mir Einblick in noch unveröffentlichte einschlägige Dokumente zu gewähren. Für meine Arbeit wäre das sehr förderlich. Ob ich in Göttingen bei Bekannten 26 (AH) Harich: Brief an Klaus Höpcke, Stellvertreter des Ministers für Kultur und Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel, vom 09. Januar 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 913Briefe und Dokumente oder in (Adresse weggelassen, AH) bei Frau Hartmann oder in einem Hotel Unterkunft finden werde, steht noch nicht fest. Meinen Aufenthalt dort veranschlagen ich jedenfalls auf mindestens drei Tage, höchstens eine Woche. Auf der Rückreise würde ich gerne noch ein, zwei Tage Verwandte und Bekannte in Westberlin besuchen. Die Ausreisegenehmigung für mich bereitet keinerlei Schwierigkeiten, da ich ja Rentner bin. (In der BRD noch Verwandte zu besuchen, beabsichtige ich allerdings nicht.) Es wäre mir jedoch sehr wichtig – und hier bitte ich Sie um Ihrer Hilfe –, wenn es behördlicherseits ermöglicht werden könnte, dass meine Frau, obwohl sie bei weitem noch nicht das Rentenalter erreicht hat, mich auf dieser Reise begleitet. Bei mir hapert es doch mit der Gesundheit, und sie weiß am besten, was getan werden muss, falls Komplikationen eintreten. Auch hat sich herausgestellt, dass ihr besser funktionierendes Kurzzeitgedächtnis von hohem Nutzen ist, wenn es darauf ankommt, den Informationsgehalt von Gesprächen, die ich mit dritten Personen führe, in Erinnerung zu bewahren. Dankbar wäre ich auch, wenn ich eventuell, falls Frau Hartmann mit dieser Form der Fixierung ihrer Mitteilungen einverstanden sein sollte, mein Tonbandgerät nebst Bändern hinüber und herüber mitnehmen dürfte. (Es folgen ausführliche Angaben zu Harichs damaliger Ehefrau, hier weggelassen, AH.) Mit freundlichem Gruß Brief an Frida Hartmann27 (06. März 1986) Liebe Frau Hartmann! Ihren freundlichen Brief vom 26. Fe bru ar habe ich gestern erhalten. Haben Sie vielen Dank dafür; besonders für die Mitteilung des Namens und der Adresse von Herrn Reifarth in Karl-Marx-Stadt. Ich bin am Gedankenaustausch mit ihm interessiert und werde mich mit ihm in Verbindung setzen. Wir – meine Frau und ich – beabsichtigen, gleich nach Ostern, am Mittwoch, den 2. April, nach Göttingen zu reisen, und zwar so, dass wir in Göttingen um 18:30 Uhr eintreffen. Vom Bahnhof aus wollen wir uns dann gleich zu Frau Johannessohn begeben. Deshalb wäre es wichtig, dass Sie mir noch rechtzeitig deren Adresse und Telefonnum- 27 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 06. März 1986, 4 Blatt, maschinenschriftlich. 914 Teil IV mer mitteilen. Am 3. April wollen wir erst kurz bei der Mutter unserer Freundin Inge Feltrinelli – sie heißt nicht, wie ich dachte, Schönthal, sondern Trude Heberlin (es folgen private Angaben, weggelassen, AH) – zu einem Höflichkeitsbesuch vorsprechen. Anschließend wollen wir noch am 3. April (Donnerstag) zu Ihnen (…) herausfahren. Es wird das beste sein, wenn wir Sie vorher, am Donnerstagvormittag, von Frau Heberling aus anrufen, bevor wir uns von ihr trennen. Wir sind dankbar dafür, in Göttingen bei Frau Johannessohn Unterkunft zu finden. Wenn es sich ergibt, werden wir aber auch gerne mal bei Ihnen und Ihrem Sohn (…) logieren. Dass es bei Ihnen unordentlich ist, stört uns gar nicht. Wir sind auch unordentlich, und die Unordnung kann sich durch uns nur noch steigern. (Es folgt ein Absatz mit privaten Angaben, hier weggelassen, AH.) In der Anlage erhalten Sie von mir eine sechzehn Seiten lange Liste mit Fragen zu Nicolai Hartmann.28 Kriegen Sie, bitte, keinen Schreck. Ich habe die Fragen extra zu dem Zweck reichlich bemessen, um bei Ihnen Erinnerungen auf dem Wege der Assoziation wachzurufen. Je mehr Ihnen einfällt, desto lieber ist es mir natürlich. Aber wenn Sie sich zu bestimmten Fragen nicht äußern können, brauchen Sie das nicht zu tragisch zu nehmen. Und ich werde es bestimmt respektieren, wenn es Fragen gibt, auf die Sie nicht eingehen wollen. Um unsere Kommunikation möglichst rationell zu gestalten, muss ich mich aufs Zuhören konzentrieren; was mir nicht leicht fällt, weil ich ungern und nur unter Qualen andere Menschen zu Wort kommen lasse. Ich ermächtige Sie also hiermit feierlich dazu, mir sofort ins Wort zu fallen und mir das Wort abzuschneiden, wenn ich rede. Ferner sollten wir, auch um der Konzentration auf das Wesentliche willen, einen Waffenstillstand abschließen, der uns davor schützt, ins politische und philosophische Streiten zu geraten. Es würde das nur unnütz Zeit kosten. Fragen, die mir besonders wichtig sind, habe ich unterstrichen. Ich werde außerdem, zur Erleichterung eventuellen Nachschlagens in den Texten Nicolai Hartmanns, dass einhundertsechs engbeschriebene Schreibmaschinenseiten lange Problemregister, das ich 1983/1984 zu allen seinen Werken angefertigt habe, mitbringen. Und wie stehen Sie zu der Frage, ein Tonband mitlaufen zu lassen? Ich mag das nicht besonders, aber nützlich kann es durchaus sein. Wenn Ihnen diese Finesse willkommen sein sollte, dann erhöbe sich die Frage, ob Sie ein Tonbandgerät und Tonbänder haben (bzw. sich besorgen können) oder ob ich mein Gerät mitbringen soll. Bitte äußere Sie sich dazu noch! Wenn es 28 (AH) Abdruck der Liste unter dem Titel Fragen zu Nicolai Hartmann im Anschluss. 915Briefe und Dokumente Ihnen auch nur im Geringsten lästig sein sollte, vom Tonband Gebrauch zu machen, werde ich darüber nicht böse sein, eher meinerseits erleichtert. Ich kann mir auch gut Notizen machen. Und meine Frau hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Gern würde ich mich in Göttingen auch mit der Frau Johannessohn und mit Herrn Professor Zimmermann über Nicolai Hartmann unterhalten. Und wie steht es mit den russischen Büchern aus Nicolai Hartmanns Bibliothek? Sie sagten, Sie hätten sie Herrn Patzig fürs Seminar überlassen. Ob es möglich sein wird, sich die Titel dieser Bücher anzusehen? Das würde manches erleichtern. Nun noch ein Wort zu den Fragen, die Sie mir in Ihrem Brief vom 12. Januar 1986 gestellt haben: 1) Zur seelischen Seinsschicht. Seelisches ist nicht materiell, also nicht räumlich ausgedehnt, wenn auch stets an – räumlich ausgedehntes – Organisches gebunden. Soweit habe ich keine Einwände. Nach Nicolai Hartmann findet sich Seelisches nicht nur bei Menschen, sondern auch bei den Tieren (zumindest bei denen mit Zentralnervensystem). Auch das ist nicht zu beanstanden. Aber: Die seelische Seinsschicht, die, als solche, bei Nicolai Hartmann nicht mehr organisch und noch nicht geistig ist, gibt es denn die? Bei den Tieren ist das Seelische doch vollständig in den Funktionszusammenhang des Organischen mit eingespannt (biologische Funktion aller Empfindungen und Wahrnehmungen, Instinkte, Triebe etc.). Und beim Menschen ist das Seelische doch vollständig vom Geistigen, also – entgegen Nicolai Hartmann – von oben her, durchdrungen und durchformt. Was bleibt denn beim Menschen vom Seelischen als solchen übrig, wenn man sich all das Geistige daraus fortdenkt, das Nicolai Hartmann in den Abschnitten III und IV des Ersten Teils (Der personale Geist) von Das Problem des geistigen Seins beschreibt und analysiert? 2) Zu Gehlen. Er nimmt »durchlaufende« Kategorien des Menschseins an, die in jedem Individuum die Stufenschichtung durchbrechen. Diesen Gedanken hat er in polemischer Auseinandersetzung mit dem Schlichtungsgedanken, wie Scheler ihn fasst, herausgearbeitet, und das Ergebnis brachte er 1940 heraus, in dem Werk Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Und just im selben Jahr erschien der Aufbau der realen Welt, mit dem Schichtenkonzept Nicolai Hartmanns, von dem Gehlen bis dahin nichts gewusst hatte (sonst hätte er sich mit Nicolai Hartmann in Verbindung gesetzt und versucht, es ihm gesprächsweise noch auszureden). 916 Teil IV Nun ließ es Gehlen keine Ruhe, noch einmal zu den Schichten, erst recht zu ihnen in der gediegeneren Version Nicolai Hartmanns, öffentlich Stellung zu nehmen. In dem Sammelband Systematische Philosophie, von 1942, traute er sich das nicht. Die Gelegenheit ergab erst die Vorbereitung des Bandes Der Denker und sein Werk, zum 70. Geburtstag Nicolai Hartmanns. Hierzu steuerte Gehlen den Aufsatz Der Cartesianismus Nicolai Hartmanns bei. Dann starb Nicolai Hartmann, und Heimsoeth und Heiß wiesen aus Pietätsgründen den Beitrag Gehlen zurück. Er ist dann erst nach Gehlen Tod, aus dessen Nachlass, erschienen. (Gehlen konnte sehr eindrucksvoll nach Nicolai Hartmanns Ableben verzweifelt ausrufen: »Hätte ich ihm doch wenigstens noch die Frage stellen können, wie er in seinen Schichten die psychisch bedingten Magengeschwüre unterbringt!!« Als ich ihn daraufhin auf den »Raubbau am Leben« (Das Problem des geistigen Seins, 1. Aufl., S. 90 f.) verwies, rief Gehlen noch verzweifelter: »Ja, aber es ist der Geist, der diesen Raubbau betreibt! Und wo bleibt da das seelische Sein?«) Lukács lehnt die seelische Seinsschicht auch ab. Seine Schichtung sieht so aus: Anorganisches – Organisches – Gesellschaftliches Sein, das gesellschaftliche Sein entspringe aus dem Übergang der vormenschlichen Primaten zur Arbeit, und aus der Arbeit (= teleologische Setzung!) wiederum entstünde erst das untrennbar spezifisch menschliche Seelisch-Geistige. 3) Zur Rassenfrage. Natürlich gibt es Menschenrassen. Die Frage ist nur, ob die Rassendifferenz sich auch psychisch, charakterlich, geistig ausprägt, oder ob nicht vielmehr diese Momente am Menschen durchweg kulturell (d. h., nach Hartmann, vom »objektiven Geist« her) geprägt sind. 4) »Was ist Revisionismus?« Wir nennen so den Inbegriff der Bestrebungen Eduard Bernsteins, den Marxismus in einem liberal-reformerischen Sinne zu revidieren, ihn seines revolutionären Charakters zu berauben. Dieser Revisionismus kam in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts auf. Bernsteins bekämpfte dabei auch das Hegelsche Erbe im Marxismus und rief: »Zurück zu Kant.« Damit erweckte er Sympathie bei Cohen und Natorp. Deren Schüler Staudinger und Vorländer wurden Sozialdemokraten. Nicolai Hartmann war an alledem offenbar desinteressiert und hat sich dazu nie geäußert. Das ist ein Punkt, der ihn für Kommunisten unproblematisch macht, denen revisionistische Bestrebungen verhasst sind. Und da frage ich diese Genossen: Ja, aber heißt das, dass Nicolai Hartmann dem orthodoxen Marxismus näher stand als die Natorp, Staudinger, Vorländer? Stand er nicht vielmehr der Sozialdemokratie im gan- 917Briefe und Dokumente zen, in allen ihren Strömungen, ferner als diese? (Das ganze Interesse der Marburger an der Arbeiterbewegung rührt natürlich von Friedrich Albert Lange her, der sozial sehr engagiert gewesen war.) Aber nun, bitte, Vorsicht, liebe Frau Hartmann! Wenn wir in Ellershausen über diese Fragen zu diskutieren beginnen, dann finden wir dabei kein Ende, und die Biographie kommt zu kurz. Daher mein Vorschlag des philosophischen und politischen Waffenstillstands. Ich freue mich auf unser persönliches Kennenlernen. Mit herzlichen Grüßen, auch im Namen meiner Frau, verbleibe ich Ihr dankbar ergebener Fragen zu Nicolai Hartmann29 (06. März 1986) a) Fragenkomplex Heimat War Nicolai Hartmann sehr heimatverbunden? Wie stand er zu den verschiedenen sozialen Schichten und Nationalitäten im Baltikum und zu deren Kultur? Wie zum baltischen Adel? Wie während der Kindheit und Jugend? Wie im Rückblick? Wie beurteilte er die baltischen Emigranten, die nach 1918 nach Deutschland kamen? Hatte er nennenswerte Beziehungen zu ihnen? Identifizierte er sich mit ihren politischen Bestrebungen? Was bedeuteten ihm die deutschen Kulturüberlieferungen im Baltikum? Dies vor allem auf dem Gebiet der Philosophie (Ostwald, Külpe, Graf H. v. Keyserling, Alfred Rosenberg; besonders interessiert die Einstellung zu Külpe)? Aber auch auf literarischem Gebiet (von Hamann, Herder, Lenz, Klinger über Kü ge len, Eduard v. Keyserling usw. bis etwa zu Werner Bergengruen)? Und auf wissenschaftlichem Gebiet (etwa v. Baer, Struve)? Wie stand Nicolai Hartmann zu den Esten und Letten? Wie zu dem Aufstand der estnischen und lettischen Werktätigen gegen die deutsche Herrenschicht während der Revolution von 1905 (die er ja, soweit sie sich gegen den Zarismus richtete, berechtigt fand)? 29 (AH) Harich: Fragen zu Nicolai Hartmann, nicht datiert, 06. März 1986, 16 Blatt, maschinenschriftlich. 918 Teil IV Ist Nicolai Hartmann im alten Russland gereist? Kannte er Moskau? Wie stand er überhaupt zu russischen Kultur und Geschichte? Wie zur Literatur? Wie zur Philosophie? Wie zur Musik? Wie fand er Petersburg als Stadt? Wie verhielt er sich zu dem Konflikt der Petersburger (bzw. heute Leningrader) und Moskauer Lokalpatriotismen? Mochte er russische Folklore und Volkskunst? Mochte er russisches Ballett? Bewegte er sich in Petersburg mehr in deutschen oder in russischen Kreisen? Hatte er starke innere Bindungen an die Landschaft des Baltikums, Finnlands und Kareliens? An die Ostsee? Was verband ihn mit Ostpreußen? Was mit Polen? Was mit Litauen? Stürzte der Erste Weltkrieg ihn in innere Konflikte hinsichtlich seines Deutschrussentums? Hat ihn die Darstellung der Ostfrontkämpfe während des Ersten Weltkrieges in der deutschen bzw. russischen Literatur der zwanziger Jahre, etwa bei Arnold Zweig bzw. bei Alexei Tolstoi, berührt? Hat es eine große Passion in der Heimat gegeben? Zu einem Mädchen aus baltischem Adel? Einer Russin? Einer Polin? Hatte Nicolai Hartmann die eine oder andere Lieblingsheldin in der russischen Literatur? Was bedeuteten Nicolai Hartmann die religiösen Strömungen in der Heimat? Was die Besonderheiten des russisch-orthodoxen Christentums? Was die Verquickungen des polnischen Nationalismus mit dem Katholizismus? Des deutschen mit dem Protestantismus? Ist sein Verhältnis zur Religion mit irgendwelchen Heimatseindrücken in Beziehung zu bringen? Etwa mit der Kirchenschulatmosphäre im Petersburger Katharinengymnasium, das wiederum von russisch-orthodoxem Milieu umgeben war? b) Fragenkomplex Kindheit, Jugend, Schule, Universität Worin äußerte sich die Verstocktheit gegenüber der Mutter nach dem Tod des Vaters konkret? War Nicolai Hartmann ein guter, mittelmäßiger oder schlechter Schüler? 919Briefe und Dokumente Welche Fächer faszinierten ihn am meisten?30 (*) In welchen glänzte er? (*) Welche waren ihm gleichgültig oder gar verhasst? (*) Trieb er in der Jugend Sport? Frage von höchstem Interesse: Wie entwickelte sich sein Verhältnis zur Religion? (*) Wann ist der Atheist geworden? (*) Wodurch? (*) Durch Konflikte in der Familie? (*) Durch ein Aufbegehren gegen die Mutter? (*) Durch Bildungseinflüsse? (*) Durch Gespräche mit anderen Menschen? (*) Durch Konflikte im Katharinengymnasium? (*) Durch die Astronomie? (*) Seit wann nahm Nicolai Hartmann an dem Petersburger Studentenzirkel teil? (*) Schon als Schüler oder erst nach dem Abitur? War der Zirkel durch Initiative seiner Teilnehmer zu Stande gekommen? Oder war er institutionalisiert? Wie setzte der Zirkel sich zusammen? (*) Wie nach Nationalitäten? Wie nach philosophischen und politischen Richtungen? (*) Welche kulturellen Interessen dominierten in dem Zirkel? War Nicolai Hartmann Korpsstudent? In Petersburg? (Gehörte er hier etwa dem Korps der – liberalen – Newaner an?) In Dorpat? In Marburg? Wie stand Nicolai Hartmann überhaupt zum Korpsstudentenwesen? Fand er es herrlich? Gleichgültig? Lächerlich? Hartmanns Gegnerschaft gegen das teleologische Denken und den Neovitalismus – ist sie in Dorpat erst durch das Medizinstudium entstanden? (*) Oder ging Nicolai Hartmann bereits mit dieser Einstellung, die er von anders woher mitbrachte, an die anatomischen, morphologischen und physiologischen Befunde, mit denen das Medizinstudium ihn konfrontierte, heran? (*) Wirkte seine frühe astronomische Orientierung auf seine Stellungnahme zum Streit zwischen Mechanisten und Neovitalisten ein? In Dorpat hatte Teichmüller als Philosoph gelehrt – war etwa sein Nachruhm am Ort für Hartmanns Wahl des Philosophenberufs von Bedeutung? 30 (AH) In seinem Brief an Frida Hartmann (06. März 1986) hatte Harich darauf hingewiesen, dass er die ihm besonders wichtigen Fragen unterstreichen würde. Im Folgenden werden diese an ihrem jeweiligen Ende kenntlich gemacht durch: (*). 920 Teil IV Wie sind Atheismus, Astronomie und Biologie im ganz frühen Bildungsgang Nicolai Hartmanns, vor der Übersiedlung nach Marburg, miteinander verwoben? (*) Setzte schon in der frühen Jugend, im Baltikum, die Beschäftigung mit Külpe ein? (*) Wer waren Nicolai Hartmanns philosophische Lehre an der Petersburger Universität 1903 bis 1905? (A priori müssten es die folgenden gewesen sein, deren Einfluss sich auch aus Nicolai Hartmanns Werken ersichtlich machen lässt: Wwedenski, Lapschin, Rutkowski, Losski. Hinter Rutkowski stand, außerhalb der Universität, der große Logiker Karinski, 1840–1917.) Bei wem studierte Nicolai Hartmann in Petersburg Altphilologie? Bei wem in Marburg? Waren in Petersburg die offiziellen Lehrveranstaltungen oder die Diskussionen im Studentenzirkel für Nicolai Hartmanns philosophische Entwicklung wichtiger? (*) Welche Traditionen russischer Philosophie lernte Nicolai Hartmann in Petersburg kennen? Solowjow, die Brüder Trubetzkoi, Belinski, Herzen, Ogarjow, Tschernyschewski, Dobroljubow, Schelgunow, Antonowitsch, Berwi-Flerowski, Pissarew? Etwa Plechanow? Ergaben sich in Petersburg irgendwelche – wie auch immer beschaffene – Beziehungen zur russischen Arbeiterbewegung? Irgend eine Kenntnisnahme des russischen Marxismus? Hat Nicolai Hartmann jemals Lenins Materialismus und Empiriokritizismus gelesen? (*) Wenn ja – wann? (*) Wie stand er dazu? (*) Gibt es Beweise für meine Annahme, dass Nicolai Hartmanns sehr frühe Beschäftigung mit der Ontologie Wolffs (unabhängig von Pichler und vor ihm!), mit Hegel (unabhängig von der deutschen Hegel-Renaissance, wenn auch gleichzeitig mit ihr einsetzend) und mit Feuerbach (den er nie nennt, mit dem er aber in sehr vielen Punkten übereinstimmt) auf die Petersburger Studienzeit zurückzuführen ist? (*) Wie hat Nicolai Hartmann zu Wilhelm Bolin, dem in Petersburg gebürtigen, im benachbarten Helsingfors als Universitätsbibliothekar tätigen finnischen Feuerbachianer, gestanden? Wie zu der Bolin-Jodlschen Feuerbach-Edition, deren philosophisch entscheidender Band 2 im Jahre 1904 (!!) erschienen ist? Wie zu Jodl? Zu dessen Feuerbachianertum? Zu dessen Ethik und Geschichte der Ethik? Wie zu den russischen Feuerbachianern (Belinski, Herzen, Tschernyschewski, Dobroljubow, Antonowitsch, Schelgunow, Berwi-Flerowski)? 921Briefe und Dokumente Warum ging Nicolai Hartmann 1905 gerade nach Marburg und nicht an eine andere deutsche Universität? Was zog ihn an den Marburger Neukantianern mehr an als an den südwestdeutschen? Seine Affinität zur klassischen Philologie? Seine mehr naturwissenschaftliche (und weniger historisch-kulturphilosophische) Orientierung? Eine Vorliebe für Natorps Platon-Buch? Hatte in Petersburg Losski ihn in dieser Richtung beeinflusst? Oder waren es die Petersburger Kantianer Wwedenski und Lapschin? Oder gab es eine starke pro-marburgische Tendenz in dem Studentenzirkel? Wurde in Marburg auch das altphilologische Studium fortgesetzt? Bei wem? In Marburg war 1904 Julius Bergmann gestorben, Vertreter eines die Ontologie im Prinzip bejahenden, empirisch-metaphysischen objektiven Idealismus. Hat Bergmanns Erbe Nicolai Hartmann irgend etwas bedeutet? Was hat Nicolai Hartmann 1907/1908 als Gymnasiallehrer in Petersburg gelehrt? Latein und Griechisch? Oder deutsch? Oder ein naturwissenschaftliches Fach? Und an welcher Schule? An einer russischen? Oder an einer deutschen? Was war Nicolai Hartmanns Berufsziel, nachdem er das Medizinstudium abgebrochen hatte und bevor er (wohl durch Cohen) zum Habilitieren aufgefordert wurde? Womit wollte er sein Brot verdienen? Als Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein? Wenn ja – an einem Gymnasium in Russland oder in Deutschland? Ist Nicolai Hartmann eigentlich jemals wirklich Marburger Neukantianer gewesen? War nicht schon Platos Logik des Seins im Grunde Abkehr von Marburg – in zunächst hegelianischer Richtung? Und die – viel kürzere – Habilitationsschrift über Proklus notgedrungen Anpassung an Cohen? Warum sonst die Ablehnung, auf die das Platon-Buch in Marburg stieß? Warum die Begeisterung dafür in Petersburg? Und bei wem in Petersburg? Doch wohl bei Losski. Und warum habilitierte sich Nicolai Hartmann nicht mit dem Platon-Buch (das doch umfangreicher und bedeutender war)? (*) 922 Teil IV c) Fragenkomplex philosophische Entwicklung Welche Richtungen waren mehr an der Abkehr Nicolai Hartmanns vom Marburger Neukantianismus beteiligt: Wirklich vor allem die Phänomenologie Husserls, Schelers und Pfänders? Nicht vielleicht auch – oder gar noch mehr – die Wiederentdeckung der Wolffschen Ontologie durch Pichler? Oder gar der »kritische Realismus« – nachdem 1912 der erste Band von Külpes Realisierung erschienen war? (*) A propos Külpe: Wie stand Nicolai Hartmann zu der Tradition der empirischen Metaphysik des 19. Jahrhunderts, d. h. zu Herbart, Fechner, Lotze, Eduard von Hartmann, Wilhelm Wundt, Külpe? (*) Wie stand Nicolai Hartmann zu den »kritischen Realisten«, die diese Richtung im 20. Jahrhundert fortsetzen: Zu Külpe, Messer, Becher, Bavink, Aloys Wenzl? (*) (Erkenntnistheoretisch hat er viel mit diesen gemeinsam. Um so größer ist der Gegensatz in der Stellung zur Religion und zum teleologischen Denken.) Hat Nicolai Hartmanns Hervorkehrung seiner Gegnerschaft zum teleologischen Denken etwas mit dem Bestreben zu tun, seine Abgrenzung von den »kritischen Realisten«, den Nachfolgern Külpes, ganz deutlich zu machen? In diesem Zusammenhang nochmals: Külpe war Balte – der vor Nicolai Hartmann bedeutendste philosophierende Balte. Auch bei Külpe lassen sich russische Bildungseinflüsse nachweisen. Kann man etwa in Bezug auf Külpe und Nicolai Hartmann von einem gewissen »Ex oriente lux« sprechen? Von einem baltischen Realismus? Von einem Realismus, der bei Külpe ins Religiöse, Teleologische, bei Nicolai Hartmann ins Irreligiöse und Atheistische geht? Was hielt Nicolai Hartmann von Eduard von Hartmann? Was insbesondere von dessen Kategorienlehre? Die Frage der Stellung Nicolai Hartmanns zur Überlieferung der empirischen Metaphysik und des »kritischen Realismus« ist philosophiehistorisch von größter Bedeutung. (*) Welchen Anteil hatte Nicolai Hartmanns naturwissenschaftliche (namentlich astronomische und biologische) Orientiertheit an seinem Bruch mit dem Marburger Neukantianismus, an seinem Übergang zur neuen Ontologie? Der Grundgedanke der Abhandlung Aristoteles und das Problem des Begriffs, von 1939, taucht zuerst schon in dem Aufsatz Über die Erkennbarkeit des Apriorischen, von 1914 923Briefe und Dokumente (Kleinere Schriften, III, S. 186 ff., besonders S. 193 f.), auf. Genau dieser für die Nicolai Hartmannsche Kategorienlehre höchst bedeutsame Gedanke findet sich auch bei dem russischen Logiker Michail Karinski (1840–1917), der in Petersburg lebte und Lehrer des Universitätsprofessors Leonid Rutkowski (1859–1920) war, dessen Lehrveranstaltungen Nicolai Hartmann besucht haben dürfte. Hat Nicolai Hartmann, als er sich vom Marburger Neukantianismus löste, bewusst oder unbewusst auf Karinski bzw. Rutkowski zurückgegriffen? (*) (Dies würde den bisher überbetonten Einfluss der Phänomenologie bei diesem Vorgang relativieren, wofür auch spricht, dass Nicolai Hartmann sich im selben Aufsatz, a. a. O., S. 219, bereits kritisch gegen Husserl wendet.) Der Briefwechsel mit Heimsoeth lehrt, dass Nicolai Hartmann zu Cohen und Natorp schon früher kritisch stand, als dies in seinen Schriften erkennbar wurde. Von 1912 an wird es auch da erkennbar. Kann es sein, dass das mit Cohens Emeritierung und Übersiedlung nach Berlin zusammenhängt? Dass man da in Marburg kecker zu werden begann? (Auch Natorp wurde kecker.) Überhaupt: War Cohen ein Tyrann? In diesem Zusammenhang: Warum schrieben alle diese Gräzisten wie Natorp, wie Nicolai Hartmann die Namen der griechischen Klassiker latinisiert (zum Beispiel Plato statt Platon)? Geschah das in Anpassung an Cohen? Nicolai Hartmann schreibt an Heimsoeth, aus der Cohenschen Logik der reinen Erkenntnis habe nur ein einziges Kapitel ihn jemals beeinflusst. Welches Kapitel war es? (Ich habe das nicht ausfindig machen können.) Wie weit war Nicolai Hartmann sich der Standpunktverschiebungen voll bewusst, die sich bei ihm während der Ausarbeitung seiner großen systematischen Werke, also zwischen 1919 und 1950 vollzogen haben? (*) Er kehrte sich allmählich vom Apriorismus der Metaphysik der Erkenntnis (1921) ab, bis er im Altersaufsatz Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie jedes »feste« Apriori ganz preisgab. Ebenso wird die platonisierende Fassung des Wertreichs, in der Ethik von 1926, von ihm allmählich abgebaut, bis im Wesen sittlicher Forderungen die Werte als relativ auf die gesamte Lebenswirklichkeit des Menschen bezeichnet werden. Hatte Nicolai Hartmann diese ganz späten Aufsätze noch niedergeschrieben, um für die Nachwelt die Veränderung seiner einschlägigen Ansichten manifest zu machen? Und wenn ja, warum widerrief er dann das in den früheren Publikationen als irrig Erkannte nicht? Und wenn nein, hat seine Sinnesänderung sich dann unbewusst entwickelt? 924 Teil IV Wenn Nicolai Hartmann erst in Zur Grundlegung der Ontologie (1935) die Realitätsgewissheit auf die emotional-transzendenten Akte stützt, ist das auf das Bekanntwerden mit Dilthey, bei der Abfassung von Problem des geistigen Seins, zurückzuführen? Heidegger hatte mit seiner »Fundamentalontologie« die realistische Ontologie Nicolai Hartmanns anthropozentrisch-subjektivistisch unterlaufen wollen. Ist Nicolai Hartmann dies bewusst geworden? (*) (Wenn ja, denn hätte er sich mit der Heidegger-Kritik in Zur Grundlegung der Ontologie zur Wehr gesetzt.) Nicolai Hartmann äußert sich nur einmal sehr kurz über Günther Jacobys Ontologie. Wie stand er zu ihr? Wie zur Ontologie Hedwig Conrad-Martius’? Nicolai Hartmann fragt in seiner Ontologie nach dem »Seienden als Seienden«. Warum nicht nach dem »Sein des Seienden«? (*) Will er sich damit bereits vom Seinsbegriff der Neoscholastik, zumal des Neothomismus abgrenzen? (*) Oder nur von Heidegger? (*) Wie stand Nicolai Hartmann zu Johann Jakob Wagner (1775–1842)? Hat dessen Philosophie ihn angeregt? Kannte Nicolai Hartmann sich im französischen Materialismus aus? War ihm die Übereinstimmung mancher seiner Auffassungen mit Diderot und Holbach bewusst? (*) Und immer wieder: Wie stand Nicolai Hartmann zu Feuerbach? (*) d) Fragenkomplex zur politischen Einstellung und Entwicklung Wie stand Nicolai Hartmann überhaupt zur Politik? Wie ist es zu erklären, dass er sich nie zu irgend einem politischen Ereignissen öffentlich geäußert hat, obwohl er, wie die Heimsoeth-Korrespondenz zeigt, das politische Geschehen durchaus wahrnahm und – privat – auch bewertete? Welche der Parteien im alten Russland, nach 1905, war ihm verhältnismäßig am liebsten? Die Konstitutionellen Demokraten Miljukows (wie ich vermute)? Ab wann nahm er von der Entwicklung der russischen Arbeiterbewegung Notiz? Wie stand er zur revolutionären russischen Bauernbewegung? Wie zu den Menschewiki? Wie zu den Bolschewiki? Wie zur Fe bru ar- und zur Oktoberrevolution von 1970? Wie zu Lenins NEP 1920? Wie zu Stalin? 925Briefe und Dokumente Die Bolschewiki betrieben eine für Deutschland ausgesprochen vorteilhafte Politik (Brester Frieden 1918, Protest gegen den Versailler Vertrag von 1919, Rapallo 1922, bis hin zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag von 1939). Hat Nicolai Hartmann dies wahrgenommen? (*) Wie bewertete er es? (*) Welche Empfindungen löste bei ihm nach alledem der Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sow jet uni on aus? (*) Hat Nicolai Hartmann in Deutschland an Wahlen teilgenommen? Wenn ja, welche Parteien wählte er? (*) Welche Partei vor 1914? (*) Welche Partei zwischen 1919 und 1933? (*) (Ich vermute, Deutsche Volkspartei oder Deutsche Demokratische Partei.) Welches waren die ihm verhältnismäßig sympathischsten Staatsmänner und Politiker Deutschlands zur Zeit der Weimarer Republik? Ebert, Hindenburg, Scheidemann, Erzberger, Rathenau, Stresemann, Hermann Müller, Hugenberg, Brüning usw. Hatte er Vorlieben (oder das Gegenteil) für Staatsmänner des Auslandes? (Aufzählung von über 30 Namen, von Wilson bis Gandhi, hier weggelassen, AH.) Wie beurteilte Nicolai Hartmann das Schicksal des Baltikums von 1918 an? Wie das der Baltendeutschen? Wie verhielt er sich zu der revolutionären (bzw. konterrevolutionären) Nachkriegskrise in Deutschland, 1918 bis 1933? Wie zum Versailler Vertrag? Wie zu den Freikorpskämpfen? Wie zum Kapp-Putsch? War er Anhänger der Erfüllungspolitik oder eines Revanchismus oder einer Politik vorsichtiger Lockerung der Versailler Bestimmungen, in der Art Stresemanns? (*) Worauf führte er die große Weltwirtschaftskrise, 1929 bis 1933, zurück? (*) Setzte er Hoffnungen auf Brünings Notverordnungen? Auf Papen? Auf Schleicher? Nahm er die Hitler-Partei schon 1923 wahr? Nahm er von ihr vor ihrem Erstarken 1930 Notiz? Sah er in ihr zwischen 1930 und 1933 eher eine Gefahr oder eine Hoffnung oder etwas Irreales, sowieso Aussichtsloses? Kannte er Hitlers Buch Mein Kampf? (*) Wusste Nicolai Hartmann, was in Berlin seiner Berufung an die Berliner Universität vorausging? Dass Carl Heinrich Becker ihn in Berlin haben wollte? Dass die Fakultät dem widerstand? 926 Teil IV Dass Grimme (SPD) Heidegger bevorzugte? Dass offensichtlich die Deutsche Demokratische Partei für ihn Sympathie hegte (die Partei, der auch Troeltsch angehört hatte)? Was sagte Nicolai Hartmann zu dem Schrumpfen dieser Partei zwischen 1930 und 1933? Wie stand Nicolai Hartmann zur Sozialdemokratie? Wie zur Preußenregierung Braun-Severing? Wie zum Staatsstreich von Papens gegen diese Regierung? Wie beurteilte er die Zwistigkeiten zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten? Hätte Nicolai Hartmann das Zustandekommen einer antifaschistisch-demokratischen Volksfront von KPD/SPD/DDP/Zentrum in den Jahren zwischen 1929 und 1933 begrüßt? (*) Wie ist die partielle Annäherung Nicolai Hartmanns an marxistische Positionen zwischen 1930 und 1933 zu erklären? (*) Mehr aus der Beschäftigung mit gesellschaftswissenschaftlichem Schrifttum im Hinblick auf die Niederschrift des Problems des geistigen Seins? Oder mehr aus den Erfahrungen mit der großen Krise, 1929 bis 1933? Und wie ist es zu erklären, dass Nicolai Hartmann sich zunächst über das Hitlerregime Illusionen machte? (*) Neigte Nicolai Hartmann überhaupt zu politischen Illusionen? Imponierte ihm die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit? Ließ er sich dadurch irreführen, dass Hitler Ideen und Konzepte der bürgerlichen Demokraten, zum Beispiel den Volksgemeinschaftsgedanken, übernahm? Spielte auch Nicolai Hartmanns kulturelle Einstellung dabei eine Rolle? (*) Wie stand er zu den Strömungen in Kunst und Literatur, die von den Nazis »entartete Kunst« genannt wurden, die wir Marxisten »formalistisch« bzw. »modernistisch« nennen (zum Expressionismus, Dadaismus, Futurismus, Kubismus, zur atonalen Musik usw., zu avantgardistischen Formexperimenten auf der Bühne usw.)? (*) Könnte es sein, dass all dies Nicolai Hartmann berechtigterweise angewidert hat? (*) Und dass er deswegen von den Nazis eine Wende in der Kultur zum Besseren erhoffte? (*) Aber wie reagierte er dann auf den Exodus auch der bedeutendsten nichtmodernistischen Schriftsteller wie Thomas Mann, Arnold Zweig oder Feuchtwanger? Wie beurteilte er etwa Hans Drieschs Anhänglichkeit an die Demokratie? Wie den Konflikt Sprangers mit den Nazibehörden? Wie das Schicksal Th. Litts in Leipzig? 927Briefe und Dokumente Wie den Fortgang Stefan Georges in die Schweiz? Wie die pazifistische Einstellung von Klages? Wie, andererseits, die Freiburger Rektoratsrede Heideggers 1933? (*) Wie die oppositionellen christlich-humanistischen Berliner Vorträge Guardinis? Und welchen Wandlungen unterlag Nicolai Hartmanns Einstellung zum Naziregime 1933 bis 1945? (*) Nach dem Reichstagsbrand? Nach der Ermordung Röhms 1934? Nach dem Anschluss Österreichs? In der Sudetenkrise 1938? Nach Kriegsausbruch 1939? Nach dem Sieg über Frankreich 1940? Nach dem Überfall auf die Sow jet uni on 1941? (*) Nach Stalingrad 1942/1943? (*) Wie stand Nicolai Hartmann zur nazistischen Judenverfolgung? (*) Hatte Nicolai Hartmann jemals irgendwelche Konflikte und Schwierigkeiten mit den Nazibehörden? (*) Gab es Auseinandersetzungen über die Texte seiner Bücher, sei es mit nazistisch gesinnten Verlagslektoren, sei es mit der behördlichen Zensur? Wie gestaltete sich Nicolai Hartmanns Beziehung zu nazistisch gesinnten Kollegen und Schülern? Wie zu Alfred Bäumler? (*) Wie zur Hermann Wein? Hat Nicolai Hartmann darunter gelitten, unter den Nazis von der kulturellen Entwicklung im Ausland abgeschnitten zu sein? Litt er darunter, dass bedeutende Kollegen im Ausland von ihm abgeschnitten waren und daher ihn nicht zur Kenntnis nahmen (prominentester Fall: Whitehead)? Arnold Gehlen war, obwohl politisch Nazi, Gegner der Rassentheorie, Eduard May bekämpfte den nazistisch gefärbten historisch-völkischen Relativismus Kriecks. Nicolai Hartmann brachte sowohl Gehlen als auch May Hochachtung entgegen und förderte sie. Spielte dabei ideologisch-politische Sympathie mit diesen ihren Bestrebungen, also gemeinsame Gegnerschaft gegen zentrale Aspekte der Naziweltanschauung eine Rolle? (*) Oder war das Nicolai Hartmann gar nicht bewusst? Wie stand Nicolai Hartmann zum antifaschistischen Widerstand? Wie zum Putsch vom 20. Juli 1944? Wie zur Verhaftung Sprangers? Nicolai Hartmann machte keinerlei Anstalten, 1944/1945 vor den anrückenden Russen in den Westen zu fliehen, sondern blieb in Babelsberg, im sowjetischen Besatzungsgebiet. Warum ist er dann im Herbst 1945 doch nach Göttingen gegangen? (*) Wie stand Hartmann zu den Ost-West-Spannungen 1945 bis 1949? Wer war nach seiner Meinung an der Spaltung Deutschlands schuld? (*) 928 Teil IV Mit welchen politischen Kräfte in Westdeutschland, der späteren BRD, hat er in seinen letzten Lebensjahren verhältnismäßig am meisten sympathisiert? Mit Adenauer? Mit Heuss? Mit den Sozialdemokraten um Schumacher? Welche Partei wählte er nach 1945? (Ich vermute: die FDP.) Wie stand er zu den politischen Stellungnahmen seiner Kollegen? Zu Jaspers’ Schuldfrage? Zu den linken, der Résistance nahestehenden französischen Schülern Heideggers, wie Sartre oder Merleau-Ponty? Hat er die noch wahrgenommen? Wurde ihm die Klerikalisierung der westdeutschen Philosophie unter Adenauer bewusst? (*) Das Hochkommen des Neothomismus? (*) Wie stand er dazu? Hat er die Amerikanisierung des westdeutschen Geistesleben nach 1945 empfunden? Und wie beurteilte er sie? Hat die Verstärkung seiner Positivismuskritik in der letzten Lebensphase einen damit zusammenhängenden politisch-ideologischen Aspekt? Wie reagierte Nicolai Hartmann im August 1945 auf den Abwurf der amerikanischen Atombomben (Hiroshima, Nagasaki)? (*) Befürchtete er für die Zukunft einen mit Atomwaffen geführten dritten Weltkrieg? (*) Oder neigte er er dazu, Kriege angesichts dieser Waffen nicht mehr für führbar zu halten? (*) Wie stand er zu Jaspers’ Stellungnahme zur Atomwaffe? Las Nicolai Hartmann regelmäßig Zeitung? War er auf eine abonniert? Auf welche in den Jahren der Weimarer Republik? Frankfurter, Vossische, Berliner Tageblatt? Später, in der Nazizeit? Deutsche Allgemeine Zeitung? Oder welche andere? Las er politische Zeitschriften? Welche? Weltbühne, Pechels Deutsche Rundschau? Oder welche andere? e) Fragenkomplex zu den kulturellen Interessen und Neigungen Sie gehen ziemlich klar aus Problem des geistigen Seins und der Ästhetik hervor. Trotzdem gibt es noch offene Fragen: Wie weit ging das Musizieren? Kam es zu regelmäßiger Teilnahme an Kammermusikvereinigungen? Stimmt es, dass die Teilnahme an einem Streichquartett oder -quintett (?) in Potsdam auch zu öffentlichen Konzertauftritten führte? 929Briefe und Dokumente Wurde das Cello jemals mit Orchesterbegleitung gespielt? Gab es besonders nennenswerte Verbindungen mit mehr oder weniger bekannten Musikern? Wurden regelmäßig Konzerte besucht? Welche besonders in Berlin? Wie stand es mit Nicolai Hartmanns Beziehungen zu Theater und Oper? Hat er das Moskauer Künstlertheater Stanislawskis gekannt? Oper und Ballett in Petersburg? In der Berliner Zeit – welche besonders beeindruckenden Theater- und Opernerlebnisse gab es? Wie war Nicolai Hartmanns Urteil über große Regisseure seiner Zeit (Brahm, Reinhardt, Jessner, Piscator, Gründgens, Fehling)? Hatte Nicolai Hartmann bestimmte Lieblingsschauspieler (Gründgens, Wegener, George, Werner Krauß etc., die Wessely etc.)? Besuchte Nicolai Hartmann das Kino? Mochte er bestimmte Filmschauspieler besonders? Bestimmte Filmschauspielerinnen? Die Garbo, die Dietrich, Zarah Leander, Paula Wessely, Käthe Dorsch? Mochte er Operette? Kabarett? Varietee? Zirkus? Wusste Nicolai Hartmann, dass der Regisseur Erich Engel (Freund und Mitarbeiter Brechts) ihn überaus verehrte und alle seine Werke kannte? Las Nicolai Hartmann auch im reifen Mannesalter noch regelmäßig und viel Belletristik? Nach Nicolai Hartmanns Werken zu urteilen, kann er zu folgenden großen Dichtern und Schriftstellern kaum ein Verhältnis gehabt haben: Zu Jean Paul, Puschkin, Stendhal, Balzac, Victor Hugo. Wie erklärt sich das? Wie war Nicolai Hartmanns Verhältnis zu Goethe? In der Heimsoeth-Korrespondenz steht eine merkwürdige abfällige Äußerungen über Faust II. Warum im Verhältnis zu den Russen offenbar größere Vorliebe für Dostojewski als für Tolstoi und Turgenjew? Oder täuscht der Eindruck, den in dieser Hinsicht die Ästhetik hinterlässt? f ) Fragenkomplex zu den wichtigsten Gesprächspartnern und Kollegenbeziehungen Welche gab es außer den Marburgern, auf die sich die Heimsoeth-Korrespondenz bezieht, und außer Scheler? 930 Teil IV Wie gestaltete sich das persönliche Verhältnis zu Heidegger? (*) Dieser hatte Nicolai Hartmann einiges zu verdanken. Hat Heidegger auch deswegen 1930 die Berufung nach Berlin (durch Grimme) ausgeschlagen? Aus persönlichem Anstand? Aus Solidarität? Oder wirklich nur wegen der »heimatlichen Scholle«? Kam es in Berlin noch zu persönlichem Gedankenaustausch mit Heinrich Maier (der 1933 starb)? Wer waren überhaupt die wichtigsten Gesprächspartnern in Berlin? (*) Wie war die Beziehung zu Spranger? Wie zu Bäumler? Zu Odebrecht? Zu Planck? Zu Pinder? Zu Theologen, wie etwa Seeberg? Zu Guardini? War Eduard May irgendwie an der Berufung nach Göttingen 1945 beteiligt? Stimmt es wirklich, dass Nicolai Hartmann und die Göttinger Physiker (Heisenberg, Born, C. F. v. Weizsäcker) sich gegenseitig aus dem Wege gingen? Ergaben sich wichtige Anregungen aus der Mitgliedschaft in der Preußischen (später Deutschen) Akademie der Wissenschaften? Nicolai Hartmann hatte großes Interesse an der Biologie und war mit Max Hartmann anscheinend eng befreundet, der zu ihm bewundert aufblickte. Wie kommt es, dass weder bei Max Hartmann noch bei Nicolai Hartmann die Ökologie eine Rolle spielt, die doch die Kategorienlehre – in der Frage der »Gefüge« – ganz wesentlich hätte befruchten können? Wusste Nicolai Hartmann, dass er Bertalanffy zu dessen Systemtheorie angeregt hatte? Wie stand es mit Nicolai Hartmanns Beziehung zur Babelsberger Universitätssternwarte und zum Astrophysikalischen Institut in Potsdam? Ist es wahr, dass er um der Nähe dieser Institute willen 1931 gerade nach Babelsberg gegangen ist? g) Fragenkomplex zum Privaten Wie war es um Nicolai Hartmanns Gesundheit bestellt? Welche größeren Reisen hat er gemacht? Wo und wie pflegte er seine Urlaube zu verbringen? Welche Sportarten betrieb er? Wie erzog er die eigenen Kinder? Suchte er sie in die Philosophie hineinzuziehen? War er streng? Welches waren, außer den bekannten (Sesemann, Heimsoeth, Max Hartmann) Nicolai Hartmanns beste Freunde? 931Briefe und Dokumente Welche Menschen hasste er? Welche hassten ihn? Welche Leidenschaften liebte er besonders? Welche stimmten ihn missmutig? Welche Philosophen verehrte er als Stilisten? Schopenhauer? Nietzsche? Klages? Hat er jemals an einem Vorbild seinen Stil geschult oder ergab sich der ganz spontan? Warum las er immer nur eine Stunde (und nicht zwei hintereinander, wie etwa Spranger)? Aus Gesundheitsgründen? Aus pädagogischen Erwägungen im Hinblick auf die Hörer? Welche Hobbys hatte er? (Frage ausführlicher, aber nicht lesbar, AH.) Was ist aus der Tochter aus erster Ehe, Dagmar (geb. 1912) geworden? Hat auch sie Nachkommen? Welche sind die Berufe der Kinder aus der zweiten Ehe (Olaf, Lise) und der Enkelkinder – und etwaiger Urenkel? Verhielt Nicolai Hartmann sich im Alltag phänomenologisch »wesensschauend« (d. h. im Einzelfall sofort auf etwas Allgemeines blickend)? Ist vielleicht darauf der Eindruck zurückzuführen, den die sich nützlich betätigenden Kinder der Asozialen in Babelsberg 1933 auf ihn machten? Ließ Nicolai Hartmann die eigenen Kinder taufen und konfirmieren? (*) Oder erzog er sie atheistisch? (*) Oder beides? (*) Etwa um sie vor Alternativen zu stellen? (*) Empfahl er den eigenen Kindern Lektüre? (*) Welche? (*) Welche Kinderbücher hielt er für gut? (*) Den Struwwelpeter? Märchen? Robinson? Erich Kästner? Tauschte Nicolai Hartmann sich privat mit Spranger über pädagogische Fragen aus – in Hinblick auf die Erziehung der eigenen Kinder und die Behandlung der Studenten? Beeinflusste Nicolai Hartmann die eigenen Kinder politisch? (*) Und in welchem Sinne? (*) Wurde mit der Ehefrau viel über Philosophie gesprochen? Oder über Literatur und Kunst? Über Theater? Wurde mit ihr politisiert? Besuchte Nicolai Hartmann einen Stammtisch? Tanzte er? Hatte er Lieblingsgerichte? Lieblingsgetränke? So, das wär’s! Mit herzlichem Gruß Ihr 932 Teil IV Brief an Frida Hartmann31 (14. März 1986) Liebe Frau Hartmann! Unsere Briefe – Ihrer vom 7. März, meiner vom 6. März (mit dem beigefügten langen Fragenkatalog) – haben sich gekreuzt. Ich beeile mich, Ihren zu beantworten. Wir wollen, wie ich Ihnen schon mitteilte, am 2. April um 18:30 Uhr in Göttingen mit dem Zug eintreffen. Es ist uns sehr recht, gleich bei Ihnen in Niemetal-Ellershausen zu logieren. Wir müssten nur vorher wissen, wie wir dorthin gelangen: Mit dem Omnibus? Mit welchem? Von wo ab? Sollte um die Zeit keine Omnibusverbindung mehr bestehen, müssten wir Ihren Sohn bitten, uns mit dem Auto von der Bahn abzuholen. Zu erkennen sind wir leicht: Ein alter Mann mit weißem Bart und einer – wie es sich für einen Nicolai Hartmann-Anhänger gehört – sehr viel jüngeren, geradezu mädchenhaften Frau. Nun habe ich noch ein paar Wünsche. Auf Komfort lege ich keinen Wert. Aber ein paar Gesundheitsmaßregeln muss ich im Hinblick auf meine belastende und nicht ganz ungefährliche Herzgeschichte beachten. Die wichtigste ist, dass ich weder rauchen noch mich in der Nähe von Rauchern aufhalten darf. Nach der Mittagsmahlzeit muss ich eine halbe Stunde ruhen (möglichst schlafen), täglich mindestens eine halbe Stunde in frischer Luft spazieren gehen. Diätvorschriften: Nur schwarzes Brot, Margarine, Magerquark, Haferflocken mit Magermilch, Tee (keinen Kaffee, keinerlei Alkohol). Auch bei warmen Mahlzeiten keine schweren, fetten Sachen. Eine weitere Frage: Ein junger Mann aus Hagen in Westfalen, Stefan Dornuf, philosophisch gebildet, ist mir seit Jahren immer sehr nützlich, indem er mir wichtigste Fachliteratur besorgt. Er wird mir an Ihre Adresse einiges über Nietzsche, was vergriffen ist, schicken oder es selbst nach Göttingen bringen. Auch über Neuerscheinungen, die für die Nicolai Hartmann-Forschung wichtig sind, pflegt er mich laufend zu informieren bzw. sie mir zu beschaffen. Würde es Sie stören, wenn er mich – eventuell – einmal aufsuchte? Er ist ein mir gänzlich vertrauter und vertrauenswürdiger Mensch. (Ich führe hier in der DDR ja momentan einen Zweifrontenkampf – im Zusammenhang mit der sich erweiternden Pflege bürgerlichen Kulturerbes auf dem Gebiet der Philosophie, nämlich einerseits für Nicolai Hartmann-Rezeption, andererseits gegen Versuche, in der DDR eine Nietzsche-Renaissance herbeizuführen. Dornuf ist mir an beiden 31 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 14. März 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 933Briefe und Dokumente Fronten eine wichtige Hilfstruppe.) Ist es Ihnen recht, dass ich Dornuf Ihre Adresse mitteile? Und wenn von ihm eine Postsendung für mich bei Ihnen eintreffen sollte, hätte es damit seine Richtigkeit. Vielen Dank auch für die Seite 586 aus Nicolai Hartmanns Korrespondenz mit Heinz Heimsoeth. Es ist das alles für mich hoch interessant und lehrreich. Indem ich Ihnen und den Ihren ein gutes Osterfest wünsche, verbleibe ich mit herzlichem Gruß, auch im Namen meiner Frau, Ihr Brief an Frida Hartmann32 (24. März 1986) Liebe Frau Hartmann! Vielen Dank für Ihren Brief vom 13. März. Meine Frau hat vom Ministerium für Kultur der DDR heute nun auch die Ausreisegenehmigung erhalten. Wir beabsichtigen, am Mittwoch, den 2. April 1986, um 12:30 Uhr, von Berlin/DDR, Bahnhof Friedrichstraße, abzureisen. Der Zug wird über Marienborn fahren. Umzusteigen brauchen wir nicht. Der Zug wird direkt nach Göttingen durchfahren und soll dort um 18:30 Uhr eintreffen. Es ist sehr freundlich von Ihnen und Ihrem Sohn, dass Sie uns mit dem Auto vom Bahnhof Göttingen abholen wollen, um mit uns gleich anschließend nach Niemetal-Ellershausen zu fahren. Wenn wir erst gegen Ende des Aufenthaltes im Raum Göttingen für ein paar Tage noch bei der Frau Johannessohn33 in der Stadt selbst logieren können, so ist uns das recht. Unseren Besuch bei Frau Heberling und das Zusammentreffen mit Prof. Zimmermann wollen wir dann auch erst auf diese letzten Tage verschieben. Es war für mich sehr interessant und wichtig, durch Sie zu erfahren, dass Nicolai Hartmann Wwedenski als seinen Petersburger Lehrer in einem Lebenslauf zur Dissertation nennt. Wwedenski, Ale xan der Iwanowitsch (1956–1925), war Ordinarius für Philosophie an der Petersburger Universität und Präsident der Petersburger Philosophischen Gesellschaft. Ein Kantianer, kein Neukantianer, weder im Marburgischen noch im Südwestdeutschen Sinne, sondern altmodischer: Wwedenski ging es darum, 32 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 24. März 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 33 (AH) Handschriftlicher Zusatz auf dem Brief: Möglichst ebenfalls nach Nicolai Hartmann befragen!! (Schülerin von ihm, 1945 bis 1950.) 934 Teil IV mit Hilfe von Kants »Grenzziehung zwischen Glauben und Wissen« die Emanzipation der positiven Wissenschaft von theologischem Dreingerede mit der Befestigung des russisch-orthodoxen Kirchenglaubens zu vereinbaren. Außer den metaphysischen Gegenständen, die bei Kant in der Sphäre des »Ding an sich« angesiedelt sind, unerkennbar und nur dem Glauben zugänglich, nämlich Gott, Freiheit, Unsterblichkeit und Endlichkeit des Weltganzen, kannte Wwedenski noch ein fünftes metaphysisches Geheimnis: Das Fremdseelische, das er ebenfalls für unerkennbar und nur sich dem Glauben erschließend erklärte. Ich führe auf diesen Einfluss den bei Nicolai Hartmann häufigen Gedanken zurück, dass die Menschen durch ihre Seelen getrennt blieben, während der Geist sie verbinde. Meine Frau fertigt im Moment Reproduktionen der Photos von Nicolai Hartmanns mutmaßlichen Petersburger philosophischen Lehrern an, darunter auch ein Photo von Wwedenski, der, rührender Weise, noch gegen 1905 in Petersburg den Schnurrbart Napoleons III. getragen hat. Erwähnt der Fragebogen auch den Professor Leonid Wassiljewitsch Rutkowski (1859– 1920) als Petersburger Lehrer? Er dozierte Logik und Geschichte der Philosophie. Seine Stellung war bei weitem nicht so bedeutend und angesehen wie die Wwedenskis. Aber Rutkowski ist interessant als Sprachrohr des großen Michail Iwanowitsch Karinski (1840–1917). Karinski hatte an der Petersburger Geistlichen Akademie 1869 bis 1894 und außerdem in Bildungskursen für Frauen Logik gelehrt. Sein Trick bestand darin, dass er vorgab, die Logik hätte mit Philosophie nichts zu tun, sondern sei eine positive Einzelwissenschaft, deren Vortrag er dann aber tatsächlich mit desto fortgeschrittenerer realistisch-materialistischer Philosophie anreicherte, darunter auch mit Feuerbachschen Gedanken. Als Nicolai Hartmann in Petersburg studierte, hielt Karinski keine öffentlichen Lehrveranstaltungen mehr, aber Rutkowski wirkte ganz in seinem Sinne. Auch von Karinski werden wir ein Bild mitbringen, desgleichen von Wwedenskis neukantianisch denkendem Oberassistenten Iwan Iwanowitsch Lapschin, von Losski und, natürlich, von Solowjow, dem mystisch-theosophischen Gegenspieler Karinskis. Und hier noch eine ergänzende Frage zu meinem langen Fragebogen: Mich interessiert doch aufs Äußerste, was es mit Heinrich Springmeyer auf sich hatte, dem Nicolai Hartmann die Seminarübungen für Fortgeschrittene zu überlassen pflegte. War Springmeyer schon in Köln Nicolai Hartmanns Schüler oder lernte Nicolai Hartmann ihn erst in Berlin erkennen? Er scheint ein politisch sehr interessierter Mensch gewesen zu sein. Aber wie dachte er 935Briefe und Dokumente in dieser Beziehung vor 1933 und wie danach? Und was ist aus Springmeyer später geworden? Ich kannte von den Assistenten nur Wein und Heistermann. Bei Wein pflegte es denn auch in den Übungen schwieriger zuzugehen als bei Nicolai Hartmann selbst, der gern den Anfängern auf die Sprünge half. Herzliche Grüße Ihr Brief an Frida Hartmann34 (08. April 1986) Liebe Frau Hartmann! Es tut mir schrecklich leid, dass aus unserer Reise im letzten Moment nichts geworden ist. Ich war an einer Grippe erkrankt, die überstanden schien, dann aber von einer fiebrigen Bronchitis abgelöst wurde, die mich für über eine Woche ans Bett fesselte. Es ging haarscharf an einer Lungenentzündung vorbei, die im Zusammenhang mit meinem Herzleiden für mich hätte gefährlich werden können, mir aber eben noch erspart blieb. Noch bin ich rekonvaleszent und schonungsbedürftig, ist meine Arbeitsfähigkeit eingeschränkt. Schlimm ist ferner, dass bei meiner Frau eine Änderung ihrer beruflichen Situation einzutreten im Begriff ist, die es ihr nun sehr schwer machen würde, mich zu begleiten. Sie ist ja Photografin. Zuletzt, als wir uns kennen lernten, besaß sie einen kleinen Photoladen, den sie aufgab, um sich ihren Kindern und mir zu widmen. Im letzten Jahr hielt sie die berufliche Untätigkeit aber nicht länger aus und bewarb sich um eine neue Arbeit. Sie kriegte zunächst nur eine sehr bescheidene, neben den familiären Pflichten relativ leicht zu bewältigende Aufgabe, weit unter ihrer Qualifikation, nämlich die Stellung einer Photolaborantin, aber – und das ist der kritische Punkt – am Deutschen Theater, nachdem es ihr Lebtag lang ihr Traum gewesen war, Theaterphotografin zu werden. Sie fand dort nun das vor, was man einen »Saustall« nennt, fing, dank ihrer überragenden Persönlichkeit (Nicolai Hartmanns Mutter muss ein ähnlich energischer Typ gewesen sein), damit an, aufzuräumen, Grund in die Geschichte zu bringen, und reüssierte recht bald bei der Theaterverwaltung, der das sehr gefiel. 34 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 08. April 1986, 4 Blatt, maschinenschriftlich. 936 Teil IV Nun hat sie, wenn sie sich weiter Mühe gibt, offenbar eine gute Chance, die Leitung der Photoabteilung des Theaters übertragen zu bekommen. Mich stürzt das in einen tiefen Konflikt: Auf der einen Seite gönne ich ihr von Herzen diesen wohlverdienten Aufstieg, der mit schönen bildkünstlerischen Aufgaben verbunden ist. Andererseits habe ich es aber nun mit einer – an Jahren sehr, sehr viel jüngeren – DDR-Emanze zu tun, einem Typ Frau, an dem gemessen die bundesrepublikanischen Emanzen in den meisten Fällen bloße Phrasendrescherinnen sind, die sich in der Praxis als recht harmlos erweisen. Meine Frau gab sich – und gibt sich – redliche Mühe, familiäre und berufliche Pflichten zu vereinbaren, aber effektiv schafft sie das nicht, und im Konfliktfall obsiegt bei ihr immer der Berufsehrgeiz. Schon bei meiner Erkrankung jetzt war das manchmal recht beängstigend. Und auf keinen Fall könnte ich ihr nun, angesichts der Chancen, die sich ihr am Theater bieten, zumuten, wichtige und schöne Aufgaben einfach aufzugeben, um den Urlaub, der zu Ostern noch möglich gewesen wäre, im Mai nachzuholen, um mich noch vor den diesjährigen Theaterferien nach Niemetal-Ellershausen zu begleiten. Um aber die Reise schon im April nachzuholen, fühle ich mich noch zu wacklig auf den Beinen, und sie allein zu unternehmen, das wäre mir vollends eine rechte Last. Der Juni und Juli wären mir dann zum Reisen zu heiß. Für August haben meine Ärzte für mich eine Herzkur in Bad Elster vorgesehen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als die Reise zu Ihnen bis zum Herbst zu verschieben. (Wettermäßig wäre mir der September am angenehmsten.) Nun gilt es aber bis zu unserem dann hoffentlich stattfindenden persönlichen Kennenlernen im Interesse des Fortgangs meiner Arbeit eine Übergangslösung zu finden. Ich werde meinen jungen, mir sehr vertrauten Freund Stefan Dornuf bitten, sich bei Ihnen zu melden und Ihnen, vorläufig statt meiner, einem Besuch abzustatten. Zu dem, was ich Ihnen früher schon beiläufig über Dornuf mitgeteilt habe, kommt noch Folgendes hinzu. Bei unserem letzten Zusammentreffen, Anfang Fe bru ar, klagte ich ihm mein Leid über die Schwierigkeiten, die sturer Weise der Verlag de Gruyter macht, wenn es darum geht, Lizenzen für den Druck Hartmannscher Werke in die DDR zu vergeben, und erläuterte das an dem Fall Teleologisches Denken, wo sich der Leipziger Reclam-Verlag vergebens bei de Gruyter um eine Lizenz bewarb. Es ist ja wirklich ein Skandal, dass dieses Buch zum Beispiel in Ungarn längst gedruckt vorliegt, es aber dem DDR-Leser aus Gründen vorenthalten bleibt, an denen unsere Behörden völlig unschuldig sind. Und wie soll das erst später mit den größeren Werken Nicolai Hartmanns werden, um 937Briefe und Dokumente die sich doch aller Voraussicht nach der Akademie-Verlag bemühen wird, wenn erst einmal mein Buch über Nicolai Hartmann hier vorliegt! Da kam Dornuf auf eine glänzende Idee: Für die DDR erst einmal eine Auswahl aus Nicolai Hartmanns sämtlichen Werken (in ein, zwei, eventuell auch drei Bänden) zusammenzustellen, die Zusammenstellung von Ihnen direkt genehmigen zu lassen und bei Ihnen dann auch die Rechte für die ausschließliche Verbreitung in der DDR (und den übrigen sozialistischen Ländern) zu erwerben; dagegen können de Gruyter dann unmöglich etwas einwenden. Ich war gleich Feuer und Flamme und machte mich an die Arbeit, ein paar alternative Varianten für die Verwirklichung dieses Plans zu entwerfen.35 Die erste Variante sieht einen Band vor, der a) Nicolai Hartmanns sämtliche Selbstdarstellungen, in chronologischer Reihenfolge, b) die Abhandlung Neue Wege der Ontologie, von 1942 (für die die Rechte ja wohl bei Kohlhammer liegen) und c) die Vorworte und Einleitungen, die Nicolai Hartmann jeweils zu seinen großen Werken geschrieben hat, in sich vereinigt, und vielleicht auch noch Teleologisches Denken (das sich ja hier bei unserer Obrigkeit besonderen Wohlwollens erfreut) ungekürzt dazu. Über den Entwurf weiterer möglicher Varianten bin ich dann im März, zunächst an der Grippe, erkrankt. Es wäre schön, wenn Sie zunächst einmal hierüber mit Stefan Dornuf diskutieren würden. Erhielte ich dann von Ihnen in dieser Frage prinzipiell grünes Signal, so würde ich gleich an den Auswahl-Varianten weiter arbeiten und, wenn ich damit fertig bin, sie Ihnen – vielleicht aber auch schon dem Akademie-Verlag – als Diskussionsgrundlage unterbreiten. Ich bitte Sie ferner, Herrn Dornuf für mich mitzuteilen, was an dem Ihnen vorliegenden Kapitel Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung sachlich falsch ist. Schließlich werde ich heute mit gleicher Post an Dornuf nach Hagen in Westfalen den Durchschlag meiner Fragen zu Nicolai Hartmann schicken, von denen das Original ebenfalls seit ein paar Wochen in Ihren Händen ist. Es wäre das beste, Sie sprächen Ihre Antworten im Gespräch mit Dornuf auf Band. Ich würde mich dann hier, beim Ministerium für Kultur der DDR, darum bemühen, dass es für die Einfuhr der von Ihnen besprochenen Bänder in die DDR bei unserem Zoll eine Sondergenehmigung erwirkt. Mein Gönner, 35 (AH) Erhalten ist ein Entwurf, der unter dem Titel Plan: Nicolai Hartmann. Ausgewählte Werke in drei Bänden am Schluss dieses Teils zum Abdruck kommt. 938 Teil IV der stellvertretende Kulturminister Höpcke, steht, wie Sie wissen, dem ganzen Nicolai Hartmann-Projekt von mir sehr aufgeschlossen gegenüber; er hat auch für das Jahr 1986 wieder die Verlängerung meines Stipendiums aus dem Kulturfonds der DDR durchgesetzt. Es dürfte also, aller Voraussicht nach, klappen. Postkarte an Harich von Stefan Dornuf mit Hartmann-Bild 939Briefe und Dokumente Und noch ein letzter Punkt, der aber Dornuf eigentlich nichts angeht: Sobald ich wieder ganz genesen bin, will ich mich mit Familie Reifarth in Karl-Marx-Stadt in Verbindung setzen. Am liebsten würde ich auch mit Gerd Reifarth darüber diskutieren, wie eine – von de Gruyter unabhängige – Nicolai Hartmann Auswahl-Edition (in ein bis drei Bänden) für die DDR inhaltlich aussehen könnte. Und vielleicht kommt dann sogar von Reifarth und mir ein gemeinsamer Vorschlag zu Stande. Jetzt wird mir das Schreiben schon wieder ein bisschen schwer. Ich bin doch noch nicht ganz wieder in Ordnung und schließe daher mit herzlichen Grüßen, Ihr PS.: Weil es zweckmäßig ist und doppelte Schreibereien erspart, schicke ich einen Durchschlag auch dieses Briefes heute mit gleicher Post an Stefan Dornuf nach Hagen. PPS.: In meinem Brief vom 24. März bat ich Sie, mir zusätzlich zu der Beantwortung meiner Fragen zu Nicolai Hartmann noch über dessen Berliner Oberassistenten Heinrich Springmeyer Auskunft zu geben, dem er, wie später dem Herrn Wein, die Seminarübungen für Fortgeschrittene zu überlassen pflegte. Springmeyer interessiert mich außerordentlich. Er hatte 1937 die Begründung dafür verfasst, warum, nach seiner Meinung, Nicolai Hartmann in den NS-Dozentenbund aufgenommen werden sollte. Dieses Schriftstück enthält den schwachsinnigen Einfall, es sei an Hartmann echt deutsch und arisch, dass er sich von dem Juden Cohen und zwar unter dem Einfluss des Juden Husserl abgekehrt habe, aber auch bei Letzterem nicht stehen geblieben, sondern zum erkenntnistheoretischen und ontologischen Realismus vorangeschritten sei. Wörtlich schreibt Springmeyer dann weiter: »Dem Nationalsozialismus gegenüber hat Nicolai Hartmann sich zwar freigehalten von der Überheblichkeit, die der Bewegung vor 1933 vielfach begegnete, aber er ist auch von sich aus nicht zum Nationalsozialismus gekommen.« Und: »Die nationalsozialistischen Studenten stoßen bei ihm nicht auf politische Opposition, finden im Gegenteil Verständnis, aber keine politische Initiative und Führung.« Was ist, nach Ihrer Meinung, von Springmeyer zu halten? Und was ist aus ihm geworden? War er wirklich Nazi? Und blieb er es? 940 Teil IV Brief an Frida Hartmann36 (12. Mai 1986) Liebe Frau Hartmann! Ihren Brief vom 20. April kann ich erst heute beantworten. Er trug den Poststempel vom 28. April, und als er hier eintraf, saß ich an einem aktuellen Aufsatz über Lukács.37 Erst gestern bin ich damit fertig geworden. Morgen mache ich bis Pfingsten eine kleine Urlaubsreise nach Neuruppin und Umgebung, und dann erst werde ich mich wieder an meinem Nicolai Hartmann Manuskript setzen. Ihr Brief, für den ich danke, war mir erfreulich und durch die Informationen über Springmeyer und die beigefügten Proben aus der Heimsoeth-Korrespondenz denn auch für meine Arbeit wichtig. Ich hoffe, dass Sie nun mit meinem jungen Freund Stefan Dornuf gut auskommen werden. Er ist mir ein sehr, sehr nützlicher Mensch. Er hält mich über vieles auf dem Laufenden, dem ich hier entrückt bin, versorgt mich mit Informationen über die westliche »Ideologieszene«, mit Hinweisen auf Neuerscheinungen usw. Ich sprach beim Ministerium für Kultur der DDR vor, um zu erreichen, dass etwaige Tonbänder, von Ihnen in der Unterhaltung mit Dornuf besprochen, nicht von unserem Zoll zurückgewiesen werden, sondern dass Dornuf Sie mir bringen darf bzw. er oder Sie sie mir schicken dürfen und ich sie dann auch richtig erhalte. Mir wurde wirksame Hilfe zugesagt. Bei der Gelegenheit, am 2. Mai, hatte ich auch eine Unterredung über verschiedene Fragen mit dem stellvertretenden Kulturminister Klaus Höpcke, so über die Vorbereitung des Jean-Paul-Jubiläums 1988, über die hiesige Nietzsche-Diskussion (zu der Höpcke für meinen Geschmack viel zu liberal und tolerant steht), über meine Verärgerung, dass es Lukács bei uns immer noch an der nötigen Autorität mangelt, die ihm, nach meiner Meinung, gebührt usw. Höpcke gab mir zu verstehen, dass er – und nicht nur er allein, auch seine Oberen in der Regierung und in der Abteilung Wissenschaft beim Zentralkomitee der SED (und das ZK steht nach hiesigen Gepflogenheiten faktisch über der Regierung) hinsichtlich meiner Tätigkeit die Priorität in der Klärung des Problems Nicolai Hartmann sähen. 36 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 12. Mai 1986, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 37 (AH) Gemeint ist der Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács!, (die erste Version), auf den bereits mehrfach verwiesen wurde (abgedr. in: Band 9, S. 433–461). 941Briefe und Dokumente Sie werden das sofort begreifen, wenn Sie nächstens den Reclam-Band Über die Vernunft in der Kultur, mit Texten von Georg Lukács aus den Jahren 1910 bis 1971, ausgewählt und herausgegeben von meinem jungen Freund Sebastian Kleinschmidt, Redakteur an der DDR-Zeitschrift Sinn und Form, erhalten werden und darin das Nicolai Hartmann Kapitel aus Lukács’ Alterswerk Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins lesen (ich gab Kleinschmidt Ihre Anschrift).38 Die Lukács-Wiederkehr bei uns, nach jenen bewussten »Ereignissen« 1956, zieht nämlich eine Besinnung auf Nicolai Hartmann nach sich, und nicht nur in der DDR. In Bulgarien etwa hat Nicolai Hartmann einen warmen marxistischen Befürworter in Detew Darbovsky. Kleinschmidt steht seinerseits in Nicolai Hartmanns Bann, kennt allerdings bis jetzt nur die Neuen Wege der Ontologie und die Selbstdarstellungen. Dornuf schrieb mir neulich, dass in Italien die Kommunisten auf Nicolai Hartmann aufmerksam geworden seien und er dort schon Einfluss auf deren Filmästhetik ausübe. Es sei dabei die paradoxe Lage entstanden, dass Nicolai Hartmann gleichzeitig in der Bundesrepublik von den ontologisierenden Katholiken und in Italien von ganzen Links stehenden Leuten beerbt werde. Nun kommt die »Evolutionäre Erkenntnistheorie«, vertreten durch Riedl und Vollmer, hinzu, und von ihr sagt ihr Anreger, Konrad Lorenz: »Wir sind alle Nicolai Hartmannianer.« Vielleicht wissen Sie das aber alles besser als ich. Sobald ich von Dornuf über die Ergebnisse seiner Gespräche mit Ihnen Bescheid kriege, die sich ja auch auf die – von Ihnen angeregten – Editionsideen in der DDR beziehen sollen, will ich mich dann auch wegen eines Editionsplanes (Auswahlband oder -bände) mit der Bitte um Meinungsäußerung an Gerd Reifarth in Karl-Marx-Stadt wenden, um dann – eventuell mit ihm gemeinsam (???) – Ihnen und dem Akademie-Verlag entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Vorrang hat für mich freilich die eigene Arbeit über Nicolai Hartmann. Was meine private Situation betrifft, so geht meine Ehe in die Brüche. Wir leben schon in Scheidung. Der Kern des Konflikts ist die Unvereinbarkeit der – an sich vernünftigen – Karriere meiner Frau mit meinen Lebensgewohnheiten und Bedürfnissen, mei- 38 (AH) Gemeint ist: Lukács, Georg: Über die Vernunft in der Kultur. Ausgewählte Schriften 1909–1969. Mit einem Vorwort und Anmerkungen herausgegeben von Sebastian Kleinschmidt, Leipzig, 1985. Darin: Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie, S. 435–492. 942 Teil IV nen Ansprüchen, optimale Bedingungen für die eigene Arbeit betreffend. Veränderungen ihres Verhaltens, bedingt durch Lektüre bundesdeutscher Emanzenliteratur sozio logistisch-psychoanalytischer Provenienz, und das nun wieder transportiert in die DDR-eigenwüchsigen Privilegien für Frauen – eine für Männer allen Schlages fatale Mischung – kommen hinzu. Andererseits beginne ich mich zu »trösten«. Jenseits des Parks Friedrichshain liegt das gleichnamige Krankenhaus, dessen Schwestern sich, gleich mir und mir fast täglich begegnend, im Park ergehen. Eine sieht aus, wie ich mir Natascha Rostowa aus Krieg und Frieden vorstelle. Mehr sage ich vorläufig nicht. Das alles hat nun aber den Haken, dass mir jetzt nur noch meine eigene Wohnung – und nicht mehr die meiner Frau dazu – zur Verfügung steht. Deshalb schreibe ich Ihnen das. Denn wenn Sie jetzt nach Berlin kämen, könnte ich Sie, liebe Frau Hartmann, nun nicht mehr würdig bei mir unterbringen. Ihren Enkel Felix, ja, das ginge, auf einer Matratze; aber Ihnen kann ich Unterkunft in meinem Domizil nicht zuzumuten wagen. Ich denke, es wird das Beste sein, ich werte nun erst einmal für mich Ihre Gespräche mit Dornuf aus und komme dann mit meinen Rückfragen im Herbst zu Ihnen gefahren. Rechts und links von dem Haus, in dem ich, am Friedrichshain, wohne, entstehen neue Häuser. Es könnte sein, dass ich in eines davon umziehe, in eine größere Wohnung, falls sich um mich herum eine neue Familie kristallisiert. (Natascha Rostowa, die Anne heißt, hat einen zwanzigjährigen Sohn und eine sechzehnjährige Tochter.) Da könnte es wieder ein würdiges Fremdenzimmer für Sie darin geben. Eben las ich nochmals die Nicolai Hartmann Briefe an Heimsoeth. Ungeheuer sympathisch und interessant. Warum veröffentlichen Sie nicht mal die ganze Korrespondenz? Das wäre doch, um von der philosophiehistorischen Relevanz und der Abrundung des Persönlichkeitsbildes ganz zu schweigen, ein Zeitdokument allerersten Ranges. Mit vielen, herzlichen Grüßen, auch an Ihren Sohn Olaf, und – falls er gerade bei Ihnen sein sollte, wenn Sie diesen Brief kriegen – Herrn Dornuf, Ihr Brief an Frida Hartmann39 (19. Juni 1986) Liebe Frau Hartmann! Heute möchte ich Ihnen und Ihrem Sohn Olaf von Herzen dafür danken, dass Sie im Mai den Stefan Dornuf so freundlich bei sich aufgenommen und ihm so bereitwillig 39 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 19. Juni 1986, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 943Briefe und Dokumente Rede und Antwort gestanden haben. Die vierstündige Tonbandaufnahme mit Ihrem Gespräch habe ich inzwischen von Dornuf zugeschickt bekommen, desgleichen das Originalmanuskript des biographischen Kapitels meiner Arbeit über Nicolai Hartmann. Ihre Ausführungen sind für mich natürlich eine wahre Fundgrube. Ich habe damit begonnen, sie für meine Arbeit systematisch »auszubeuten«. Darf ich mir erlauben, zu gewissen Einzelheiten nach und nach noch Rückfragen an Sie zu stellen und um zusätzliche Auskünfte zu bitten? Ich will, wenn es Ihnen recht ist, das zunächst nur in brieflicher Form tun, damit ein persönliches Gespräch zwischen Ihnen und mir – an dem ich grundsätzlich festhalten will – dann um so konzentrierter ausfallen kann. Zunächst hätte ich die folgenden mir wichtigen Bitten und Anfragen: 1) War Nicolai Hartmann Korpsstudent (sowohl im Petersburg als auch in Marburg)? Und wie stand er überhaupt zum Korpsstudentenwesen? 2) Welche Themen werden im Einzelnen in den philosophischen Gesprächen behandelt, deren – noch unveröffentlichte – Protokolle bei Ihnen liegen, ohne dass »jemand Lust hat, sich damit zu befassen«? (Ich habe gewisse Vorstellungen, wie diese »Lust« sich eventuell erwecken ließe.) 3) Wären Sie geneigt, die Heimsoeth-Korrespondenz Nicolai Hartmanns im Ganzen zu veröffentlichen, wenn sich dafür vielleicht doch noch ein Verlagsinteresse gewinnen ließe? Oder ist die negative Erfahrung mit der Unverkäuflichkeit der im Bouvier-Verlag, Bonn, erschienenen Briefe für Sie dermaßen entmutigend, dass Sie einem derartigen Projekt unter keinen Umständen mehr nähertreten würden? 4) Sie sagen, eines der im Zarathustra-Stil verfassten Gespräche des ganz jungen Nicolai Hartmann sei bei Ihnen noch im Manuskript vorhanden, und zwar dasjenige, wo rin Gott den Gläubigen klarmacht, dass sie, wenn sie über ihn redeten, nur von sich selbst sprächen; es träte darin auch ein Philosoph auf, der es noch besser wisse als Gott. Dieses kleine Frühwerk würde mich außerordentlich interessieren. Wäre es Ihnen möglich, es für mich ablichten bzw. abschreiben zu lassen und mir dann zu schicken? Was Sie zu Dornuf hierüber äußern, klingt nämlich ganz so, als werde von dem ganz jungen Nicolai Hartmann die Feuerbachsche Philosophie, mit dem zentralen anthropomorphistischen Vorwurf an die Gläubigen, paradoxerweise Gott in den Mund gelegt. (Übrigens akzeptiere ich jetzt Ihre Meinung, dass Nicolai Hartmann sich nie »qualvoll« von religiösen Vorstellungen erst habe losringen müssen, sondern dass diese ihm immer schon sehr unglaubwürdig vorgekommen seien. Trotzdem spiegelt sich in allem, was Sie über Nicolai Hartmanns Stellung zur Religion in seiner Kindheit und Jugend sagen, 944 Teil IV für mich die Nähe des russischen »Gottsuchertums« wider, auch wenn er dem selber nie verfallen gewesen ist.) 5) Könnte ich eine Ablichtung oder Abschrift des für die Doktordissertation und Promotion 1907/1908 in Marburg geschriebenen Lebenslaufes, mit der Nennung der Petersburger Lehrer, bekommen? 6) Patzig. Ich wüsste gerne von den Autoren der russischen Bücher, die Patzig in die Bibliothek des Göttinger Seminars übernommen hat, die Namen; möglichst auch die Titel dieser Bücher. Es genügt, sie mir in russischer Sprache (kyrillischer Schrift) zu übermitteln. Könnten Sie selber deswegen bei Herrn Patzig anfragen? Oder wären Sie bereit, mir Patzigs Namen und Anschrift mitzuteilen, damit ich mich in dieser Angelegenheit an ihn wenden kann? Für mein Anliegen ist es von höchster Wichtigkeit, alles ans Licht zu ziehen, was geeignet ist, Nicolai Hartmann beweiskräftig als einen bedeutenden Repräsentanten deutsch-russischer Kulturbegegnung und -befruchtung herauszustellen!!! Das würde es sehr erleichtern, ihn und seine Philosophie sowohl in der DDR als vielleicht auch in der Sow jet uni on gebührend aufzuwerten. 7) Aufs Allerhöchste interessiert bin ich an Nicolai Hartmanns Randbemerkungen zu Heideggers Sein und Zeit, wobei ich mich auf Ihr Stichwort »Pfss« (»Pferdefuss«) beziehe. Sie sagen zu Dornuf, Nicolai Hartmanns Exemplar von Sein und Zeit befände sich bei Ihrem Schwiegersohn (also bei dem Lehrer im Weserbergland, dem Mann Ihrer Tochter Lise). Ist es möglich, zu veranlassen, dass diejenigen Seiten des Exemplars, auf denen nennenswerte Marginalien von Nicolai Hartmanns Hand zu finden sind, abgelichtet und mir geschickt werden? Nach meiner Theorie hat Nicolai Hartmann die kritisch-realistische Ontologie bereits in der Metaphysik der Erkenntnis, 1921 – von noch früheren Andeutungen abgesehen –, vorgelegt, worauf hin dann Heidegger, eben in Sein und Zeit, 1927, versucht hat, gegen Nicolai Hartmanns Intentionen die Ontologie ins Subjektivistische und Anthropozentrische abzubiegen, was dann wieder bei Nicolai Hartmann eine entsprechende Gegenwehr, in den Anti-Heidegger Passagen von Zur Grundlegung der Ontologie, 1935, hervorrief. Ich sehe in diesem Vorgang einen der wichtigsten Kämpfe zwischen Vernunft, Wissenschaftlichkeit und Realismus auf der einen, Blödsinn, Wissenschaftsfeindlichkeit und Subjektivismus auf der anderen Seite, die sich in der Philosophie des 20. Jahrhun- 945Briefe und Dokumente derts überhaupt abgespielt haben. (Alles, was Sie über Heidegger und Gadamer sagen, war mir und ist mir ganz außerordentlich wichtig und sympathisch!!) So viel nur für heute. Mit vielem Dank für Ihre hilfreichen Bemühungen und herzlichem Gruß, auch an Sohn Olaf, verbleibe ich, Ihr PS.: An Gerd Reifarth schrieb ich schon vor Wochen. Leider hat er mir bis jetzt nicht geantwortet. Schade! Brief an Frida Hartmann40 (05. September 1986) Liebe Frau Hartmann! Aus meinem Vorhaben, Sie im September zu besuchen, kann leider wieder nichts werden. 1) Meine Ehescheidungsprozess zieht sich hin und wird wohl erst Mitte dieses Monats mit einer Gerichtsentscheidung abgeschlossen sein; die muss ich abwarten. 2) Wegen der Trennung von meiner Frau ist meine Kur in Bad Elster, die für August vorgesehen war, ausgefallen, nachdem die mich behandelnden Ärzte erklärt haben, eine Herzkur, die ich allein unternähme, sei für mich völlig sinnlos, eher schädlich. Für einen Urlaub hatte ich aber, im Hinblick auf die Kultur, nicht vorgesorgt. Und jetzt bietet sich mir die Gelegenheit, mich zwischen 19. September und 3. Oktober doch noch in einer Pension in der Nähe von Rheinsberg/Flecken Zechlin zu erholen, was mir dringend nottut. Und ab Oktober wird mir das Wetter für Reisen nicht mehr zuträglich sein; wie im vorigen Jahr. Entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihnen erst so spät Bescheid gebe. Mein Pass mit Ausreisevisum liegt ja bereit, und die Absage an sie verschob ich daher Tag um Tag, bis die zeitlichen Dispositionen des Gerichts sie zwingend machten. 40 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 05. September 1986, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 946 Teil IV Haben Sie vielen Dank für Ihre letzte, mir wieder sehr nützliche Sendung. Ich stehe nun auch in Verbindung mit Gerd Reifarth aus Karl-Marx-Stadt. Nach monatelangem Schweigen hat er meinen Brief vom Mai, den ich schon verloren glaubte, mit einer langen, interessanten und sehr sympathisch wirkenden Epistel beantwortet. Im November werden wir uns in Berlin treffen und bei der Gelegenheit auch die Frage einer Nicolai Hartmann Auswahl-Edition für die DDR besprechen (…) (Eine Seite, Blatt 2, nicht überliefert, AH.) Dass Ihnen mein Aufsatz aus Sinn und Form, Heft 6, 1983, gefallen hat, tut mir wohl. Durch Ihre Mitteilungen, vor allem über die Bedeutung des studentischen Diskussionszirkels, ist er jetzt allerdings in manchem Punkt überholt. Das Frühwerk des ganz jungen Nicolai Hartmann, das Sie mir freundlicherweise übermittelten, erinnert in der Form in der Tat ein wenig an Nietzsches Also sprach Zarathustra. Aber wichtiger scheint mir inhaltlich, dass Gott darin Feuerbachsche Philosophie predigt, nämlich mit dem zentralen Vorwurf des Anthropomorphisierens. Indes die Pranke zeigt der angehende Löwe Nicolai Hartmann in dem Werklein noch nicht. Darf ich noch einmal daran erinnern, wie wichtig mir die Kenntnis der russischen Buchtitel wäre, die Herr Patzig für sein Seminar gekriegt hat? Im November wird hier die Lindenoper wieder in Goldlettern die Aufschrift »Fridericus rex Appoloni et musis« (König Friedrich dem Apoll und den Musen, AH) tragen, statt bisher »Deutsche Staatsoper«. So beginne ich mir eine Nicolai Hartmann Stele zwischen Helmholtz und Mommsen an der Westseite der Linden-Uni zu erträumen. Herzliche Grüße, auch an Ihren Sohn Olaf, Ihr Brief an Gerd Reifarth41 (Herbst 1986) Lieber Herr Reifarth! Auch ich habe mir mit der Beantwortung Ihres Briefes, der in jeder Hinsicht für mich hoch erfreulich war, Zeit gelassen, aber sehr schnell noch Frida Hartmann wissen lassen, dass ich nun auch mit Ihnen in Verbindung stehe. Auch heute fasse ich mich kurz. Das 41 (AH) Harich: Brief an Gerd Reifarth, nicht datiert, Herbst 1986, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 947Briefe und Dokumente Schreiben bereitet mir derzeit solche physischen Beschwerden, dass ich es möglichst ganz der »richtigen« Arbeit vorbehalte und in der Korrespondenz immer knapper werde. Sie wollten im November nach Berlin kommen und dann auch bei mir einmal vorsprechen. Nun naht der November. Sie sind mir sehr willkommen. Am besten passt es mir immer an den Wochentagen Montag bis Freitag, so zwischen 15:30 Uhr und, höchstens, 19:00 Uhr zum Tee. Aber teilen Sie mir bitte rechtzeitig vorher den genauen Termin mit. Wenn es bei Ihnen in der Woche nicht gehen sollte, wäre mir, allenfalls, auch einmal ein Wochenende recht. Ich finde meine Wohnung ruhig, besonders im Herbst, wenn die Fenster nicht offen sind. Manchmal brummt draußen ein Omnibus vorbei. Werden Sie das ertragen? In Vorfreude auf ausgiebige Fachsimpelei verbleibe ich mit herzlichen Grüßen Ihr Oberdilettant Brief an Frida Hartmann42 (01. Mai 1987) Liebe Frau Hartmann! Bei Ihrem letzten Anruf erklärten Sie mir, Sie seien, in Anbetracht der Haltung des Verlages de Gruyter, nunmehr entschlossen, im Falle von Angeboten, die DDR-Verlage Ihnen bezüglich des Drucks und der Verbreitung von Werken Nicolai Hartmanns machen, als Erbin die Rechte daran für den östlichen und den westlichen Markt zu teilen, d. h. sie für den westlichen Markt bei de Gruyter zu belassen und für den östlichen (DDR und andere sozialistische Länder) an den Reclam-Verlag, Leipzig, bzw., gegebenenfalls, auch an den Akademie-Verlag, Berlin-DDR, zu vergeben. Ich habe sofort nach unserem telefonischen Gespräch den Reclam-Verlag und auch den Akademie-Verlag hiervon in Kenntnis gesetzt. Vor ein paar Tagen erhielt ich nun vom Reclam-Verlag, namens des Verlagsleiters Marquardt, einen Brief, in dem er mir mitteilt, dass er von Ihnen die Rechte für Teleologisches Denken erbitten und, falls Sie sie ihm geben, das Buch in der DDR mit einem Vor- oder Nachwort von mir herausbringen wolle. Ich bin bereit, ein solches Vor- oder Nachwort zu schreiben, und ich 42 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 01. Mai 1987, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 948 Teil IV werde es Ihnen – falls Ihnen das willkommen ist – im Manuskript zuschicken, bevor es in Druck geht; vorausgesetzt natürlich, dass dank Ihrer Entscheidung in der Rechte-Frage aus dem Reclamschen Vorhaben überhaupt etwas wird. Selbstverständlich wird mein Vor- bzw. Nachwort sich von meiner einstigen Rezensionen über Teleologisches Denken, aus dem Jahre 1953, durch eine positivere Einstellung unterscheiden, wie Ihnen bei der Lektüre leicht klar werden wird. Inzwischen bin ich in den Besitz nun auch des II. Halbbandes von Lukács’ großer Ontologie des gesellschaftlichen Seins, Bände 13 und 14 der Gesamtausgabe, Darmstadt und Neuwied (Verlag Luchterhand) 1984 bzw. 1986, gelangt. Das Register zu beiden Halbbänden verzeichnet im II. Halbband auf Seite 757 nur die Stellen, an denen Nicolai Hartmann namentlich erwähnt wird. Ich möchte Ihnen nun aber hier auch die Seitenzahlen aller Stellen übermitteln, an denen eine Bezugnahme auf Nicolai Hartmann, vielfach auch ohne Nennung seines Namens, zu finden ist; sei es, dass Lukács Gedanken Nicolai Hartmanns aufgreift und, oft in abgewandelter Form, übernimmt, sei es, dass er sie kritisiert. Sie finden Bezugnahmen der einen wie der anderen Art im I. Halbband (1984) auf den Seiten: 8, 14, 19 f., 22, 26, 35, 43, 71–75, 90, 96, 98, 100, 106 f., 115, 117, 122, 126 f., 137, 150, 152 f., 161, 163, 171, 182, 189 f., 211, 213 ff., 243, 245, 250, 252, 259, 261 f., 273, 275, 278, 280, 282, 284 f., 311 ff. (so weit reichen die Prolegomena, mit denen der ganz alte Lukács seinen widerstrebenden, zu Heidegger tendierenden Schülern noch einmal sein ontologisches Anliegen plausibel zu machen versuchte und über denen er, ohne die von ihm geplante Ethik noch in Angriff nehmen zu können, 1971 verstorben ist; ferner im selben Halbband I noch die Stellen auf den Seiten:) 327, 330, 334, 346, 366, 378, 382, 389, 391, 392 f., 397, 421–467, 468, 470, 477, 487, 498, 500, 506, 508, 511, 516, 522, 534–538, 540–542, 544, 547 f., 556, 564, 566, 570, 572 f., 580, 591 f., 613 ff., 618, 624 f., 628 ff., 636, 646, 657, 659, 662, 664, 675, 677 ff., 681, 686, sodann im II. Halbband (1986) auf den Seiten: 7, 8, 13 f., 18 f., 26, 30 ff., 43, 49, 50, 58, 63, 81–84, 91 f., 102 f., 107, 146 ff., 163, 170, 238, 252 ff., 267, 268, 298, 306, 309 f., 313 f., 316, 349 ff., 356, 361, 367 ff., 385, 390 ff., 396, 410, 521, 574, 576, 587, 669. Im Nachwort des Herausgebers Frank Benseler wird Nicolai Hartmann erwähnt auf den Seiten 732, 735, 740, 744; die Tatsache, dass Lukács seinerzeit durch mich auf Nicolai Hartmann aufmerksam gemacht worden ist, Seite 734. 949Briefe und Dokumente Wie Ihnen hieraus ersichtlich wird, führt der Weg zu einer differenzierenden Beurteilung und vorurteilsfreien kritischen Rezeption der Nicolai Hartmannschen Ontologie im wissenschaftlichen Leben der sozialistischen Länder und in den Reihen der internationalen kommunistischen Bewegung notwendigerweise über eine Stärkung des Ansehens und der Autorität von Georg Lukács. Diesem Zweck dient ein Heft der linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse, das im Mai oder Juni dieses Jahres in Wien erscheinen wird. Darin wird mein Beitrag Mehr Respekt vor Lukács! enthalten sein.43 Er wurde ursprünglich 1986 für die DDR-Zeitschrift Weimarer Beiträge verfasst, die ihn aber nicht bringen wollte. Zur Zeit bemühe ich mich darum, dass sie ihn doch noch bringt. Wenn es mir gelingen sollte, dies zu erreichen, wäre die Veröffentlichung der Ontologie des gesellschaftlichen Seins von Lukács und deren respektvolle Würdigung in der DDR die unausbleibliche Folge, und das wieder würde für Nicolai Hartmann – mit weitem, weitem Vorsprung vor Heidegger, Jaspers, den Positivisten usw. – eine denkbar günstige Voraussetzung sowohl in der DDR als auch in den übrigen sozialistischen Ländern schaffen. Ihre Entscheidung für eine Teilung der Rechte an Nicolai Hartmanns Werken, liebe Frau Hartmann, würde dies entscheidend begünstigen; andernfalls zöge deren Veröffentlichung bei uns aus urheberrechtlichen Gründen sich bis nach der Jahrhundertwende hin; denn erst zu seinem 50. Todestag, im Oktober des Jahres 2000, wird Nicolai Hartmann urheberrechtlich frei sein. Mit herzlichen Grüßen und guten Wünschen Ihr Brief an Lothar Berthold44 (26. August 1987) Sehr geehrter Herr Verlagsleiter! Unser Vorvertrag vom 14. Juli (mein Schreiben an Sie)45 und 28. August (Ihr Schreiben an mich) 1984 sieht vor, dass ich das Manuskript meiner Arbeit Nicolai Hartmann. 43 (AH) Alle Hinweise etc. in Band 9. Siehe auch die verschiedenen Verweise des vorliegenden Bandes. 44 (AH) Harich: Brief an Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages, vom 26. August 1987. 4 Blatt, maschinenschriftlich. 45 (AH) Abdruck in diesem Teil. 950 Teil IV Größe und Grenzen bis spätestens Herbst 1987 dem Akademie-Verlag vorlegen soll. Diesen Termin einzuhalten sehe ich mich außer Stande. Dies aus folgenden Gründen: Einmal habe ich mich mit früheren Fassungen bis ins Jahr 1985 hinein »verfranzt« und mich dann erst, zurückgreifend auf meine Erfahrungen bei dem Buch Kommunismus ohne Wachstum? (1975) und Anregungen der Kollegin Kolesnyk folgend, zu der jetzigen Interview- bzw. Dialogform durchgerungen, was einen Neubeginn nach sich zog. Zum anderen ist meine Arbeit mehrfach durch Dringlicheres unterbrochen worden: Durch die Notwendigkeit, Angriffe von rechts gegen Georg Lukács zurückzuschlagen – zu diesem Zweck schrieb ich den Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! (1986) – und ein Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die DDR verhindern zu helfen – in diesen Zusammenhang gehören der Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? (1986/1987) und das Gutachten zu dem Nietzsche-Buch von Heinz Malorny (1987).46 Beide Angelegenheiten erforderten umfangreiche Detailstudien und brachten, da ich in beiden Fällen auf große Widerstände stieß, die im Falle Lukács bis heute noch nicht überwunden sind, eine nicht enden wollende Korrespondenz mit sich. Zum Komplex Nicolai Hartmann liegen jetzt vor: 1) Mehr oder weniger umfangreiche Manuskriptanfänge der ursprünglichen Fassung. 2) Das Manuskript einer Hartmann-Biographie (123 Seiten), eines darauf fußenden Fragebogens an die Witwe, Frau Frida Hartmann (BRD), und eineinhalb Stunden Bandmitschnitte der mündlichen Antworten Frau Hartmanns. 3) Das – wohl erstmalige – Manuskript eines Personenund Sachregisters zum Gesamtwerk Nicolai Hartmanns (106 Seiten), zusammen mit einem Verzeichnis seiner sämtlichen Berliner Lehrveranstaltungen, 1931 bis 1945 (zusätzlich 5 Seiten). 4) Die Stücke I–VI und ein Anfang des Stücks VII der jetzigen Fassung meiner Arbeit (301 Seiten). 5) Meine kritischen Marginalien zu 16 Bänden des Hartmannschen Gesamtwerks. Das unter Punkt 4) genannte Manuskript werde ich Ihnen morgen bei Gelegenheit Ihres Besuchs in meiner Wohnung, zusammen mit diesem Brief, in der einzigen Kopie (301 Seiten) überreichen. Dieses Manuskript umfasst die Stücke: I. Über Nicolai 46 (AH) Gemeint ist: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, in: Sinn und Form, Heft 5, 1987, S. 1018–1053. Harich hatte mit seinem Beitrag reagiert auf: Pepperle, Heinz: Revision des Marxistischen Nietzsche-Bildes?, in: Sinn und Form, Heft 5, S. 1986, S. 934–969. Der Nietzsche-Debatte ist in dieser Edition ein eigener Band gewidmet. In diesem auch Abdruck von Harichs Gutachten zum Nietzsche-Buch Malornys. Der Lukács-Aufsatz wurde bereits mehrfach erwähnt (abgedr. in Band 9). 951Briefe und Dokumente Hartmanns Aktualität (Seiten 1–29a); II. Über Materialismus und Realismus (Seite 29b–65); III. Über den inkonsequenten Materialismus der neuen Ontologie (Seiten 66–116); IV. Über den inkonsequenten Materialismus der neuen Ontologie, Fortsetzung: Zur Problematik des idealen Seins (Seiten 116a-154c); V. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus (Seiten 155–219); VI. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, Fortsetzung: Ihr Verhältnis zu anderen philosophischen Richtungen, I (Seiten 220–282); VII. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, weitere Fortsetzung: Ihr Verhältnis zu anderen philosophischen Richtungen, II (Seiten 283– 301, Bruchstück). Es stehen noch die folgenden Stücke aus: VII. Der Rest diese Stücks, gewidmet dem Verhältnis der Hartmannschen Ontologie und der Existenzialphilosophie Martin Heideggers zueinander; VIII. Fortsetzung III: Hartmanns Verhältnis zur Phänomenologie Husserls, Schelers usw., zur Meinongschen Gegenstandstheorie und zu der von Dilthey inaugurierten Lebensphilosophie; IX. Über Georg Lukács’ Weg zur Ontologie und über seine Hartmann-Rezeption; X. Wie ist progressive bürgerliche Philosophie im Zeitalter des Imperialismus und der proletarischen Revolution noch – oder wieder – möglich? Zu den geschichtlich-gesellschaftlichen Grundlagen der neuen Ontologie und ihrer Stellung im Klassenkampf; XI. Zusammenfassung: Was können Marxisten von Nicolai Hartmann lernen? In welchen Hinsichten müssen sie ihn bekämpfen? Anhang: Die Lebensdaten Nicolai Hartmanns; Überblick über seine Werke; Liste seiner Berliner Lehrveranstaltungen 1931 bis 1945. (Zu diesem Anhang wurden auch die Akten »Nicolai Hartmann« in den Archiven der Humboldt-Universität sowie der Akademie der Wissenschaften der DDR ausgewertet.) Bei den Überschriften der genannten Stücke handelt es sich um vorläufige Arbeitstitel. Der fiktive Dialogpartner bzw. Interviewer Peter Fix (abgekürzt PF) wird noch einen anderen Namen erhalten müssen, da einiges dafür spricht, dass es sich bei ihm nicht um eine Erfindung von Peter Hacks handelt (wie ich auf Grund seiner Werkausgaben angenommen habe – siehe deren Nachworte), sondern es einen Literaturwissenschaftler dieses Namens, und zwar wohnhaft in Leipzig, wirklich gibt. Den weiteren Fortgang der Arbeit stelle ich mir wie folgt vor: 952 Teil IV 1) Ich arbeite von September 1987 an zügig weiter an den Stücken VII bis XI sowie an dem Anhang, mit dem Ziel, die Arbeit im Laufe eines Jahres, bis zum 1. September 1988, zum Abschluss zu bringen. 2) Parallel dazu wird die Kopie des jetzt vorliegenden Manuskript teils bereits jetzt dem Lektorat Philosophie des Akademie-Verlages zugänglich gemacht und von diesem ein Fachkollege benannt, der Einwände, Änderungswünsche usw. an mich heranträgt. Der betreffende Kollege könnte – falls die Form des Ganzen die Zustimmung des Verlages findet – die Rolle des Interviewers bzw. Dialogpartner zu übernehmen bzw. es könnten seine Bedenken zusätzlich mit entsprechenden Antworten von mir in das Manuskript aufgenommen werden, eventuell mit weiteren Rückfragen oder Gegeneinwänden von seiner Seite usw. 3) Der unter Punkt 2) genannte Fachkollege erhält von mir 1987/1988 laufen die Manuskriptstücke VII bis XI, sobald sie jeweils fertig sind, und mit diesen wird dann laufend ebenso verfahren wie bei den Stücken I bis VI. Aus dem bisherigen fiktiven Dialog würde dadurch ein echter werden. Bitten möchte ich darum, auszuschließen, dass irgend eine direkte oder auch nur indirekte Kontrolle über meine Arbeit, deren Begutachtung und – eventuelle – Veränderung von Seiten des Herrn Professor Dr. Manfred Buhr stattfindet. Professor Buhr hat sich in der Nietzsche-Frage als ideologisch unzuverlässig erwiesen und steht außerdem, wie sich aus einschlägigen Artikeln des von ihm herausgegebenen Philosophischen Wörterbuchs belegen lässt, sowohl Nicolai Hartmann als auch Georg Lukács als, natürlich, auch mir voreingenommen gegenüber. Von ihm ist weder eine kompetente und objektive Beurteilung meiner Arbeit noch gar deren sachdienliche kritische Förderung zu erwarten. Ich schlage vor, zu erwägen, ob mein Manuskript nicht zu vorläufiger Beurteilung und zur Benennung eines zur Mitarbeit daran geeigneten Fachkollegen, im Sinne der obigen Punkte 2) und 3), Herrn Professor Dr. Reinhard Mocek, Halle, zugeleitet werden könnte. Ich erkläre hiermit, dass ich gegenüber Herrn Professor Mocek bisher keinerlei Andeutung in dieser Richtung gemacht habe. Nützlich erschiene mir ferner – da es ja ein verständliches, lesbares Buch werden soll – die Hinzuziehung eines Laien, einer – sozusagen – Molièreschen Köchin. Hierfür käme, meines Erachtens, die Kollegin 953Briefe und Dokumente Jutta Kolesnyk in Betracht, die mir einerseits bereits seit der Arbeit an dem Jean-Paul- Buch vertraut ist und auf die andererseits der Ratschlag zur Umarbeitung in die jetzige Dialog- bzw. Interviewform, auf Grund ihrer Lektüre der ursprünglichen, konventionellen Fassung, zurückgeht. Mit freundlichem Gruß Brief an den Reclam-Verlag, an Roland Opitz47 (06. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Verlagsleiter! Von Ihrem Vorgänger Hans Marquardt erhielt ich im Frühjahr 1987 den Auftrag, in Reclams Universalbibliothek Nicolai Hartmanns Schrift Teleologisches Denken (Erstaufl age postum Berlin, de Gruyter, 1951) mit einer von mir zu verfassenden Einleitung herauszugeben. In einem Antwortschreiben erklärte ich mich damit einverstanden. Da ich mit Frau Frida Hartmann, der Witwe des 1950 verstorbenen Philosophen, seit 1985 in intensiver, freundschaftlicher Korrespondenz stand, unterrichtete ich sie von Marquardts Angebot, woraufhin sie mir schrieb, dass sie dieses Projekts zwar lebhaft begrüße, aber die Besorgnis hege, es werde an der »Sturheit« des Verlages de Gruyter scheitern, der – ich vermute: aus Furcht vor Dumping-Preisen – keine Rechte in die DDR zu vergeben bereit sei. Ich machte Frau Hartmann daraufhin klar, dass es ihr als Erbin und, gegebenenfalls, bis zum 8. Oktober 2000 ihren Kindern, namentlich ihrem ältesten Sohn Olaf, freistünde, die Rechte an den Werken ihres Mannes zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Weltmarkt zu teilen. Sie hatte sich dazu mir gegenüber telefonisch, auch im Namen ihres Sohnes, schon einmal grundsätzlich bereit erklärt, antwortete mir nun auf mein darauf bezugnehmendes Schreiben aber nicht mehr. In einem Glückwunschschreiben zu Weihnachten und Neujahr kam ich dann auf diese Angelegenheit zurück. Heute erhalte ich eine vom 29. Dezember 1987 datierte Antwort Frau Hartmanns, aus der ich folgende Sätze zitiere: »Vielen Dank für Ihren Brief vom 18. Dezember mit den guten Wünschen für 1988, die ich herzlich erwidere! Sie haben wohl gar nicht erfahren, dass ich den Vertrag mit dem Reclam-Verlag Leipzig längst unterschrieben habe, näm- 47 (AH) Harich: Brief an Herrn Dr. Roland Opitz, vom 06. Januar 1988, adressiert an den Verlag Philipp Reclam jun., Verlagsleitung, z. Hd. Dr. Opitz. 3 Blatt, maschinenschriftlich. 954 Teil IV lich bald nach Ihren dringenden Ermahnungen. Erst am 14. August schrieb mir dann der neue Verlagsleiter, Herr Dr. Opitz, er wolle von meiner Unterschrift keinen Gebrauch machen, um mich nicht in Schwierigkeiten zu stürzen. (Der Reclam-Verlag hatte ohnehin Teleologisches Denken erst für 1989 in Aussicht genommen.)« Ich kann Ihnen, Herr Verlagsleiter, mein Befremden, ja, meine Bestürzung über diese Nachricht nicht verhehlen. Ich bitte Sie hiermit, Ihr mir unbegreifliches Verhalten unter den folgenden Gesichtspunkten noch einmal zu überdenken: 1) Im Zusammenhang mit der politischen Entlarvung Martin Heideggers durch den Chilenen Victor Farias (Heidegger et le Nazisme, Paris, 1987) wird in den einschlägigen Rezensionen (sie liegen mir in Ablichtungen vor) häufig die davon vorteilhaft sich unterscheidende Distanz Nicolai Hartmanns gegenüber dem Naziregime hervorgehoben, die auch ich in den Archiven der Akademie der Wissenschaften der DDR und der Berliner Humboldt-Universität in den jeweiligen Nicolai-Hartmann-Akten ganz eindeutig bestätigt fand. Darüber hinaus könnte ich Ihnen drei rassisch Verfolgte nennen, die Hartmann wissentlich noch im Kriege an seinen Lehrveranstaltungen, obwohl das streng verboten war, teilnehmen ließ. Einer von ihnen war mein inzwischen verstorbener Freund und Kollege, der DDR-Historiker Prof. Dr. Joachim Streisand, den ich 1941/1942 in Nicolai Hartmanns Seminarübungen (!!) als ganz jungen Menschen kennen gelernt habe. Zeugin hierfür ist auch Frau Prof. Dr. Margherita v. Brentano von der Freien Universität Westberlin, eine gemeinsame Bekannte von Streisand und mir aus jener Zeit. 2) Bei uns ist eine Georg-Lukács-Renaissance im Gange, die sich – worauf Sie sich verlassen können – in den nächsten Jahren noch erheblich ausweiten wird. Nun, Lukács hat nicht nur im Rahmen seiner Ontologie des gesellschaftlichen Seins Nicolai Hartmann in hohem Maße positiv gewürdigt (siehe hierzu auch den Reclamband 1120, ed. S. Kleinschmidt, Leipzig, 1985, S. 433 ff., 521 f.) und ihn als Bundesgenossen der Marxisten-Leninisten gegen reaktionäre Ideologen wie Carnap, Wittgenstein, Heidegger und sonstige Existenzialisten sowie gegen die Wortführer des religiösen Bedürfnisses in der Gegenwart in Anspruch genommen, sondern das ganze riesige Alterswerk von Lukács ist auch so sehr mit der kritischen Rezeption des Vermächtnisses von Nicolai Hartmann kontaminiert, dass wir an diesem Denker unmöglich mehr werden vorbeigehen können, was natürlich die Herausgabe seiner wichtigsten Werke auch in den sozialistischen 955Briefe und Dokumente Ländern, vorab in der DDR, zur Voraussetzung oder, mindestens, zur Konsequenz haben wird. (Ich selbst bin, vom Kulturfonds der DDR hierfür finanziert, seit 1983 mit der Ausarbeitung eines größeren Werks über Nicolai Hartmann beschäftigt, das, in der Form eines fiktiven Dialogs zwischen zwei Marxisten – einer greift Nicolai Hartmann an, einer verteidigt ihn –, hierfür die Grundlage schaffen soll.) 3) Wir können es uns unmöglich gefallen lassen, dass Fragen der philosophischen Entwicklung bei uns in Abhängigkeit von den Profitinteressen westlicher kapitalistischer Verleger verbleiben. Es ist nicht einzusehen, dass der Reclam-Verlag dem keinen Widerstand leistet. Von der Chance, der DDR Devisen zu sparen, ganz zu schweigen. Im Übrigen würde ich gern wissen, Herr Verlagsleiter, ob der Verlag auch unter Ihnen zu seinem Auftrag steht, der mir von Ihrem Vorgänger erteilt worden ist. Ich habe Vorarbeiten zu dem Projekt Teleologisches Denken geleistet, die unter Zeitverlust und Kräfteverschleiß von meiner Hauptarbeit abgezweigt werden mussten. Ich erwarte, dass der Reclam-Verlag moralisch zu seinem Wort steht, auch wenn dieses in rechtlich verbindlicher Form noch nicht fixiert war. In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit freundlichem Gruß und guten Wünschen zum Neuen Jahr, auch an Ihre Mitarbeiterin Frau Gurst48 48 (AH) Der Antwortbrief von Opitz an Harich ist erhalten. Opitz, Roland: Brief an Wolfgang Harich, vom 15. Januar 1988, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Zunächst wies Opitz darauf hin, dass man keinen Zwischenbescheid geschickt habe, da man dies erst machen wollte, »wenn das Unternehmen akut wird«. Weiter heißt es: »Diese Unterlassung gibt Ihnen aber nicht das Recht, meine ich, mich über meine Pflichten als Nachfolger von Dr. Marquardt oder über die Bedeutung Nicolai Hartmanns und Georg Lukács’ für unser Geistesleben zu belehren, mich dadurch zu Verteidigungsreden zu veranlassen. Das bietet keinen guten Boden für die von mir gewünschte Zusammenarbeit.« (Blatt 1.) Opitz wies darauf hin, dass zuvorderst der Verlag de Gruyter schuld sei, der der DDR gegenüber eine »unfreundliche Einstellung« (Blatt 2.) an den Tag lege. Auch andere Versuche der Zusammenarbeit seien bereits gescheitert. Es gehe also einzig darum, Frau Hartmann zu schützen. Wenn es die Möglichkeit gäbe, »eine Variante zu finden, wie man einen Prozess führen kann, ohne die Dame zu belasten, so sind wir zu Aktivitäten bereit«. (Blatt 2.) Hoffnung setze man auf das Kulturabkommen zwischen beiden deutschen Staaten sowie dann zu erwartende Veränderungen. »Halten wir fest: Wir werden in den nächsten Jahren unsere Absicht verwirklichen, und wir möchten Sie als Herausgeber.« (Blatt 2.) 956 Teil IV Brief an Frida Hartmann49 (08. Januar 1988) Liebe Frau Hartmann! Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 29. Dezember 1987 und die guten Wünsche, die Sie mir daran aussprechen. Ich bin recht bestürzt darüber, dass der neue Verlagsleiter von Reclam Sie so lange mit einem Bescheid hat warten lassen, um dann obendrein auch noch die Unterschrift unter den von seinem Vorgänger Hans Marquardt ausgefertigten und von Ihnen bereits auch unterschriebenen Vertrages zu verweigern. Da auch ich Grund hatte, darüber persönlich sehr verärgert zu sein – denn auch mir waren von Marquardt, der in Urheberrechtsfragen ja nicht unbeschlagen ist, im Namen des Reclam-Verlages Versprechungen gemacht worden, mit der Folge, dass ich selber in das Projekt bereits Arbeit investiert hatte –, habe ich sofort an Dr. Opitz einen geharnischten Beschwerdebrief geschickt und Durchschläge davon a) an den Direktor des Akademie-Verlages, Professor Dr. Berthold, und b) an einen alten Freund von mir, den besten Urheberrechtsexperten der DDR, Dr. Anselm Glücksmann, an diesen mit der Bitte, uns zu beraten, gehen lassen. Der Akademie-Verlag ist deshalb wichtig, weil ja nur er für die Edition größerer Werke Nicolai Hartmanns in der DDR und im sozialistischen Ausland in Betracht käme. (Wahrlich nicht zuletzt wegen der bis zum Tode nie abgebrochenen Mitgliedschaft Nicolai Hartmanns in der Preußischen, später Deutschen Akademie der Wissenschaften, deren Rechtsnachfolger die Akademie der DDR ist und der wiederum der Akademie-Verlag mitsamt – glaube ich – 5 Druckereien gehört; all das unter Leitung Bertholds.) Teleologisches Denken bei Reclam soll ja, wenn es nach mir geht, nur die Schwalbe sein, die zwar noch keinen Frühling macht, die aber dem Frühling vorauszufliegen pflegt. Wird es nun »nach mir« gehen? Das hängt, was die ideologischen Durchsetzungschancen angeht, davon ab, ob und wie weit es gelingen wird, die Autorität von Georg Lukács unter den Marxisten wieder anzuheben. Ist das erst geschafft, dann wird intensive Beschäftigung mit Nicolai Hartmann in allen sozialistischen Ländern, inklusive Sowjet uni on und China, aber auch bei den Linken im Westen unumgänglich werden. Und 49 (AH) Harich: Brief an Frida Hartmann, vom 08. Januar 1988, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 957Briefe und Dokumente mit meiner eigenen Arbeit über Nicolai Hartmann will ich diese Entwicklung dann weiter fördern helfen. Rechtlich würde der Druck von Teleologisches Denken, auch und gerade wenn er ohne de-Gruytersches Placet bei Reclam in Leipzig erfolgte, eben bei de Gruyter einen heilsamen Schock auslösen. Man würde sich dort nämlich fragen, ob es nicht – trotz niedrigerer östlicher Buchpreise – immer noch lohnender wäre, mit DDR-Verlagen zu kooperieren – sei es auf Lizenzbasis, sei es unter der Bedingung geteilter Rechte –, als stur zu bleiben und Gefahr zu laufen, dass ein DDR-Verlag von der bis zum Jahr 2000 erbberechtigten Familie des Philosophen womöglich die Weltrechte übertragen bekommt und dann das Geschäft einer internationalen Nicolai Hartmann Renaissance allein macht. So jedenfalls sehe ich die Sache. Ob mein Freund Glücksmann sie auch so sieht oder mir nicht vielmehr Blei in die Schuhsohlen gießt, damit ich, wie der Berliner sagt, »auf dem Teppich bleibe«, das sollten wir jetzt einmal ruhig abwarten. Sie, liebe Frau Hartmann, beschwöre ich, die Vertragsunterschrift, die Sie Reclam gegeben haben, auf keinen Fall zurückzuziehen. Nur unter dieser Voraussetzung wird es sinnvoll bleiben, dass ich – mit oder ohne Glücksmanns Rat und Hilfe – auf den Marquardt-Nachfolger Dr. Opitz weiter einzuwirken suche und mich auch beim Akademie-Verlag, an den mein in statu nascendi befindliches Buch gebunden ist, für die Übernahme Nicolai Hartmannscher Opera verwende. Ich habe fest vor, Ihnen wieder sofort zu schreiben, sobald Opitz, Berthold und Glücksmann sich auf meinen Ihnen zugegangenen Brief hin rühren. Es wird das Beste sein, ich warte, bis sie sich allesamt, unabhängig voneinander, gerührt haben. Dann wird mein Bescheid an Sie am Fundiertesten sein. Privat geht es mir gut. Seit dem 20. November 1986 bin ich wieder verheiratet. Mein Gesundheitszustand freilich wechselt sehr, abhängig vom Wetter und sonstigen Faktoren. Aber an Fleiß lasse ich es, in den Grenzen des Möglichen, nicht fehlen. Dass er unserer gemeinsamen – Ihrer und meiner – Sache dient, dessen können Sie auch im neuen Jahre gewiss sein. Mit allen guten Wünschen für Sie und Ihre ganze Familie und herzlichen Grüßen bin ich Ihr 958 Teil IV Brief an den Reclam-Verlag, an Roland Opitz50 (21. Januar 1988) Sehr geehrter Herr Professor! Haben Sie vielen Dank für Ihren Brief vom 15. Januar 1988. Sollte mein letztes Schreiben an Sie Formulierungen enthalten, die, auf Grund von Missverständnissen, Sie verletzen, so tut mir das leid. Auf dem Themenkomplex Nicolai Hartmann, Frida Hartmann, de Gruyter etc. möchte ich aber erst eingehen, wenn ich von Dr. Anselm Glücksmann eine Antwort auf mein Schreiben an ihn erhalten habe und wir dann Ihnen für den Prozess mit de Gruyter eine Variante vorschlagen können, die für Frau Hartmann keinen Verdruss – oder möglichst wenig Verdruss – mit sich bringt. Frau Hartmann steht jedenfalls zu ihrer Unterschrift unter den Vertrag über Teleologisches Denken, der ihr ja noch durch Herrn Marquardt zugegangen ist, und ich habe ihr daraufhin vorgeschlagen, es auf Ärger mit de Gruyter ruhig ankommen zu lassen, um die Sache dann gegebenenfalls an die Öffentlichkeit zu bringen. (Die Verweigerung von Texten eines nichtmarxistischen Philosophen für die Veröffentlichung in der DDR verstieße ja gegen allerheiligste Bonner Grundsätze. De Gruyter würde sich unmöglich machen.) Doch ich breche hier ab und warte auf Glücksmanns Rat. Heute zu einer anderen Frage. Ich schlage Ihnen vor, in Ihrer UB bald einen Text von Friedrich Jodl (1849–1914) herauszubringen, der urheberrechtlich längst frei ist, und zwar: Kritik des Idealismus, postum 1920. Ihre Lektoren werden, wenn sie ihn prüfen, sich leicht davon überzeugen, dass es sich um eines der ganz wenigen Meisterwerke nichtmarxistischer materialistischer Philosophie in diesem Jahrhundert handelt, mit vielen Berührungspunkten zu den einschlägigen marxistischen Auffassungen und wohl eben deswegen vergessen und verschollen. Nicolai Hartmann, der seine Herkunft von Feuerbach immer sorgfältig verschwieg und daher auch nie zugab, was alles er Jodl, dem letzten deutschen Feuerbachianer, zu verdanken hatte, hat nach meiner Überzeugung gerade auch aus dieser Arbeit eine Menge gelernt. Für die Geschichte der materialistischen Philosophie ist sie, meines Erachtens, noch bedeutsamer als Teleologisches Denken, übrigens auch streitbarer. Dass unsere Philoso- 50 (AH) Harich: Brief an Herrn Prof. Dr. Roland Opitz, Direktor des Verlages Philipp Reclam jun., vom 21. Januar 1988, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 959Briefe und Dokumente phiehistoriker sie noch nicht entdeckt und bei uns herausgebracht haben, betrachte ich als schwerwiegendes Versäumnis. Und die Schrift würde helfen, später das Materialistische und Atheistische an Hartmann der Traditionslinie zuzuordnen, zu der es gehört. An dem letzten Satz Ihres Briefes vom 18. Januar stört mich, dass Sie von »nächsten Jahren« sprechen, in denen Sie mich als Herausgeber von Teleologisches Denken beanspruchen möchten. Meine Herzoperation ist über zwölf Jahre her und ich werde Ende dieses Jahres bereits 65. Um meine Gesundheit steht es nicht zum Besten, und wie lange ich noch werde schreiben können, ist höchst ungewiss. Derzeit gehört meine ganze Kraft einem größeren Werk über Nicolai Hartmann, in Dialogform, für den Akademie-Verlag. Meine Absicht ist, es noch bis zum Herbst fertig zu stellen, und ich kann nur hoffen, davon nicht wieder durch die lästige Pflicht, Selbstverständlichkeiten zurechtzurücken, so abgelenkt zu werden wie zuletzt durch die Pepperlesche Nietzsche-Apologie.51 Wenn Sie also auf Zusammenarbeit mit mir noch Wert legen – worü ber ich mich freue –, darf ich Sie darum bitten, dies zu berücksichtigen und in meinem Fall nicht auf die lange Bank zu schieben. Schnelle Entscheidungen und auch die Bereitschaft zu Schnellschüssen wären angebracht. Mit freundlichen Grüßen, auch an Frau Gurst, Ihr Brief an Thomas Grundmann52 (07. Juli 1988) Lieber Thomas Grundmann! Heute habe ich, nach langer Zeit, wieder einmal eine große Bitte an Sie. Ich habe gestern erfahren, dass in Ihrem Verlag ein neues Buch von Josef Stallmach, Ansichsein und Seinsverstehen. Nicolai Hartmann und Martin Heidegger, Bonn, 1987, erschienen ist. Sie werden verstehen, dass der Besitz dieses Buches für mich sehr wichtig wäre, wenn ich Ihnen mitteile, dass mein Buch über Nicolai Hartmann jetzt bis zur 51 (AH) Heinz Pepperles Text, auf den Harich reagiert hatte, wurde bereits erwähnt. Pepperle, Heinz: Revision des Marxistischen Nietzsche-Bildes?, in: Sinn und Form, Heft 5, S. 1986, S. 934–969. 52 (AH) Harich: Brief an Thomas Grundmann, vom 07. Juli 1988, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Adressiert an dessen Adresse im Bouvier-Verlag. 960 Teil IV 463. Schreibmaschinenseite, IX. Kapitel, gediehen ist, nachdem das vorausgegangene Kapitel, auf den Manuskriptseiten 344 bis 424, in Kapitel VIII, ausschließlich die Wechselbeziehung zwischen Nicolai Hartmann und Heidegger behandelt. »Behandelt«, sage ich. Oder soll ich sagen »behandelt hat«? Denn vielleicht werde ich es jetzt ja, nach Kenntnis von Stallmachs Einschlägigem, nochmals überarbeiten müssen. Das wüsste ich gern – und daher meine Bitte, mir dieses Buch zu schicken. (Um Ihnen nicht Kosten zu verursachen, würde ich, falls Sie dies wünschen, Ihnen das verauslagte Geld gern über bundesdeutsche Verwandte zugehen lassen.) Ich habe, das möchte ich bei dieser Gelegenheit reumütig sagen, sowohl Ihnen als insbesondere auch Ihrem Mitarbeiter, Herrn Aloys Joh. Buch gegenüber – den ich zu grüßen bitte – ein etwas schlechtes Gewissen. Nachdem Sie mir Herrn Buchs Adresse übermittelt hatten und ich von ihm wieder die Adresse Frida Hartmanns bekommen hatte, habe ich bei Ihnen beiden nichts mehr von mir hören lassen. Es kam dann zu einem lebhaften Briefwechsel zwischen Frida Hartmann und mir, der für mich immer informativer und allmählich auch menschlich sehr bedeutsam wurde. Darüber vernachlässigte ich den Kontakt mit Herrn Buch und Ihnen, freilich nicht, weil Sie mir gleichgültig geworden wären, wohl aber, weil mein angeschlagener Gesundheitszustand mir eine umfangreiche Korrespondenz mit vielen Personen nicht erlaubt. Nun ist Frida Hartmann nicht mehr am Leben. Ich trauere schmerzlich um sie. Und ich weiß nicht, ob ihr Sohn Kontakte, die seinen Vater betreffen – er war ja erst 20 Jahre alt, als der starb, und steht seinem Werk vielleicht ferner –, mit mir wird aufrechterhalten wollen. Nicolai Hartmann wird, wie es einst Lessing über Spinoza und wie später Marx, zur Zeit des Vulgärmaterialismus und des Neukantianismus, es über Hegel sagt, als »toter Hund« behandelt; soweit ich sehe – außer von Ihnen. De Gruyter tut nichts für ihn. Seine Bücher sollen im Westen, wie Freunde mir immer wieder versichern, im Buchhandel nirgends erhältlich sein. Das Schlimmste aber für meine Bemühungen ist, dass de Gruyter sich weigert, Lizenzen für Werke Nicolai Hartmanns, wie überhaupt für Autoren seines Verlags, in die DDR zu vergeben. Inzwischen wächst hier das Interesse für Nicolai Hartmann, nachdem die von seinem Geist durchdrungene Ontologie des gesellschaftlichen Seins von Lukács endlich ganz bei Luchterhand herausgekommen ist. Der Reclam-Verlag Leipzig wollte, als erstes, die 961Briefe und Dokumente Lizenz für Teleologisches Denken erwerben. Es scheiterte an de Gruyters Widerstand. Frida Hartmann war bereit, die Rechte hierfür zwischen West und Ost zu teilen. Einige meinten, das ginge nicht. Rechtliche Erkundigungen darüber zogen sich seit Anfang des Jahres hin. Und nun weiß ich nicht, ob sie hinfällig geworden sind. Für meine Arbeit, in die ich viele Jahre intensiver Studien und umfangreicher Niederschrift in diversen Fassungen investiert habe, wäre dies ein schwerer Schlag. Denn was soll der interessierte DDR-Leser mit meinem Buch anfangen, wenn ihm der behandelte Gegenstand allenfalls in öffentlichen Bibliotheken zugänglich ist? Sie jedenfalls und Ihr Herr Vater haben sich vor sechs Jahren um Nicolai Hartmann hochverdient gemacht; auch und besonders Herr Buch. Seien Sie dafür bedankt! Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören, und verbleibe mit herzlichen Grüßen, auch an Herrn Buch, Ihr Brief an Hans-Martin Gerlach53 (08. Juli 1988) Lieber Hans-Martin Gerlach! Bezüglich Husserls möchte ich mich doch in einem Punkt berichtigen: Den Band I seiner Logischen Untersuchungen finde ich fabelhaft, und wenn die Nicolai Hartmannschen Studien zur Logik (24 Kapitel, sporadisch zwischen 1931 und 1945 in Berlin-Babelsberg niedergeschrieben) nicht tragischerweise durch Kriegseinwirkung verloren gegangen wären, eine Arbeit, die die Husserlsche Anregung breit ausgeführt hätte, wäre die logische Problematik nicht in dem Maße, wie dies leider geschah, in die schmuddeligen Pfoten der Neopositivisten geraten. An das gestrige Gespräch erinnern meine Frau und ich uns gerne. Es war für uns beide in jeder Hinsicht angenehm und wird anhaltend für mich nützlich bleiben. Haben Sie Dank für Ihre Teilnahme. Mit herzlichen Grüßen und einer Empfehlung an Reinhard Mocek 53 (AH) Harich: Brief an Hans-Martin Gerlach, vom 08. Juli 1988, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 962 Teil IV Brief an Olaf Hartmann54 (12. August 1988) Lieber Olaf Hartmann! Am 18. Juni fand ich hier, von einer Erholungsreise heimkehrend, die mich schmerzlich berührende Nachricht vom Ableben Ihrer Frau Mutter vor. Kurz danach habe ich Ihnen und Ihren Verwandten, betroffen und voller Trauer, in einem an Sie gerichteten Schreiben mein Beileid ausgesprochen. Fassen Sie es bitte nicht falsch auf, wenn ich, darauf jetzt nochmals zurückkommend, Sie wissen lasse, dass ich bis heute dann nichts mehr von Ihnen vernommen habe. Selbstverständlich liegt mir nichts ferner als die Taktlosigkeit, eine Danksagung anmahnen zu wollen. Aber es steht ja mit der Postverbindung zwischen Ost und West – und auch Ihre Todesanzeige war lange unterwegs gewesen – mitunter nicht zum Besten, und es wäre mir doch sehr verdrießlich, sollte meine Kondolation verloren gegangen sein und, in Folge dessen, bei Ihnen und der Familie Ihrer Frau Schwester der Eindruck bestehen, ich hätte mit keinem Wort darauf reagiert. So wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir mit ein paar Zeilen dieses ungute Gefühl nähmen. Mein Buch über die Philosophie Ihres Vaters wird zwar nicht, wie ursprünglich geplant, im September dieses Jahres als fertiges Manuskript vorliegen. Zu viel ist an ablenkenden anderweitigen Aufgaben und, zuweilen, auch an physischer Unpässlichkeit dazwischen gekommen, als dass dieser Termin noch eingehalten werden könnte. Aber die Arbeit daran macht doch Fortschritte. Von den elf geplanten Kapitel sind neun zu Papier gebracht, das zehnte befindet sich in statu nascendi, und eben heute bin ich, mitten darin, auf Manuskriptseite 540 angelangt. Gestern habe ich mir noch einmal große Teile des mir so kostbaren Tonbandmitschnitt, mit dem Gespräch zwischen Frida Hartmann, Olaf Hartmann und Stefan Dornuf, vom Mai 1986, angehört, zwecks Vorbereitung des biographischen Abrisses, den ich dem Buch im Anhang beifügen will. Die Überarbeitung des Abrisses will ich unmittelbar nach Fertigstellung des elften Kapitel in Angriff nehmen, ausgehend von dem seit 1986 vorliegenden Manuskript, in das auch Ihre Mutter noch Einblick genommen hat. Mir ist bei dem gestrigen Abhören indes eingefallen, dass vielleicht Sie noch bereit sein könnten, mir weitere Informationen über Ihren Vater zugehen zu lassen, Dinge, die 54 (AH) Harich: Brief an Olaf Hartmann, vom 12. August 1988, 4 Blatt, maschinenschriftlich. 963Briefe und Dokumente Ihnen möglicherweise inzwischen noch eingefallen sind, vielleicht auch solche, an deren öffentlicher Bekanntgabe Ihnen gelegen wäre. Wissen sollen Sie, dass ich grundsätzlich gerne bereit bin, darauf positiv einzugehen. (Dass ich Ihnen, als Andenken für Sie und die übrigen Familienangehörigen, falls Sie dies wünschen sollten, gerne eine Kopie des Tonbandes anfertigen lassen würde, schrieb ich Ihnen bereits in meinem Kondolationsbrief. Wie dies technisch bewerkstelligt werden sollte, wüsste ich im Moment freilich nicht. Aber wenn Sie Interesse daran bekundeten, würde ich mich unverzüglich bemühen, das Nötige in die Wege zu leiten.) Inzwischen mehren sich hier die Anzeichen für eine Öffnung zu nichtmarxistischer Philosophie nun auch des 20. Jahrhunderts. Leider werden da, soweit ich sehe, bis jetzt manche Prioritäten falsch gesetzt, und wenn ich, beispielsweise, höre, dass unser Reclam-Verlag das grässliche, dumme, zumindest überflüssige Machwerk von Adorno und Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, für eine DDR-Edition vorbereiten soll,55 während das Teleologische Denken von Nicolai Hartmann aus der Planung desselben Verlages herausgenommen zu sein scheint, dann befallen mich hinsichtlich der Frage, wie das alles weitergehen soll, düstere Befürchtungen. Ich fände es, offen gesagt, an der Zeit, wenn jetzt die Nachkommen von Nicolai und Frida Hartmann sich dazu entschlössen, die Weichen bei uns in andere Richtung stellen zu helfen. Ihre Mutter hat noch bewiesen, dass sie besten Willens war, dies zu tun. Gewiss, die Rechte liegen bei de Gruyter. Aber dieser Verlag ist, so wie die Dinge zwischen DDR und BRD nun einmal liegen, nicht im Stande, diese Rechte in der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern auf dem Wege des Buchexports zu realisieren, und er ist nicht gewillt, sie durch Vergabe einer entsprechenden Lizenz an einen DDR-Verlag zu realisieren. Es ist völlig klar, dass unter diesen Umständen die Rechte, soweit der sozialistische Teil des Weltmarkts in Betracht kommt, an Nicolai Hartmanns Familie zurückfallen und dass es an dieser liegt, aus der entstandenen Lage die Konsequenz zu ziehen und die Weltrechte zwischen West und Ost zu teilen. Sie brauchen, im Übrigen, gegenüber de Gruyter keinerlei Skrupel zu haben. Wie ich immer wieder von Verwandten und Freunden im Westen zuverlässig höre, tut dieser Verlag für Ihren Vater nichts mehr. Seine Bücher sind im Buchhandel auch im Westen nirgends zu haben. De Gruyter hat sich auch in keiner Weise jemals um einen Gedenkband für Nicolai Hartmann bemüht; der zum 70. Geburtstag ist bei Vandenhoek & 55 (AH) Das Buch erschien 1989 im Leipziger Reclam-Verlag, hrsg. von Waltraud Beyer. 964 Teil IV Ruprecht, der zum 100. Geburtstag im Bouvier-Verlag Herbert Grundmann in Bonn erschienen. Als ein spanischer Freund von mir 1983, während seines Studienaufenthaltes in Westberlin, bei de Gruyter um Ablichtungen der in der Presse aus Anlass des 100. Geburtstages erschienenen Gedenkartikel bat, wurde er an eine Sekretärin verwiesen, die ihm schnippisch mitteilte, de Gruyter sei für Hartmann nicht mehr zuständig. Ich habe daraufhin, angesichts des Gedenkbandes, angenommen, die Rechte seien an den Bouvier-Verlag übergegangen. Auf eine diesbezügliche Anfrage erhielt ich von dem jetzigen Chef, Thomas Grundmann, dem Sohn des verstorbenen Herbert Grundmann, die Antwort:« Leider nein!« So geschehen 1983 oder 1984, noch bevor ich die Verbindung zu Ihrer Mutter aufnahm. Glauben Sie mir, lieber Herr Olaf, bei de Gruyter sind Kräfte am Werk, die eine Renaissance der Lebensleistung Nicolai Hartmanns in West und Ost verhindern wollen. Die einzigen, die für ihn noch etwas übrig haben, sind im Westen – ausgerechnet – die Katholen (aus der Nachfolge seines Schülers Stallmach), die aber nie aufhören werden, an seinem Atheismus herum zu mäkeln und im Hinblick darauf letztlich eben doch Heidegger den Vorzug geben (wieder einmal klar ersichtlich in Stallmachs neuestem Opus Ansichsein und Seinsverstehen. Neue Wege der Ontologie bei Nicolai Hartmann und Martin Heidegger, Bonn (Bouvier), 1987, worin die Seiten 5–44 Hartmann, die Seiten 45–144 Heidegger gewidmet sind) und, seit die Tabus um Lukács gefallen sind, im Osten die Marxisten. Will die Familie für ihren großen Ahnen noch vor Ablauf des Jahrhunderts etwas tun, so wird ihr nichts übrig bleiben, als sich mit seinen katholischen und seinen marxistischen Epigonen gegen de Gruyter zu verbinden. Ich würde Ihnen dringend empfehlen – und das wäre durchaus im Sinne Ihrer Mutter –, erst einmal mit dem Reclam-Verlag über Teleologisches Denken, später mit dem Akademie-Verlag über die größeren Werke Verträge für Druck und Vertrieb in der DDR und den übrigen sozialistischen Ländern abzuschließen, es dabei auf einem Bruch mit de Gruyter ankommen zu lassen und, für den Fall, dass der Bruch eintritt, die Westrechte an Bouvier zu übergeben. Wüsste ich, dass Sie in dieser Frage bereit wären, mit mir an einem Strang zu ziehen, würde ich mich hier noch einmal sowohl bei Reclam als auch beim Akademie-Verlag für unsere gemeinsame Sache »stark machen« (allzu »stark« bin ich, vorderhand freilich nicht). 965Briefe und Dokumente Und noch ein letzter Punkt: Heute heiße ich es doch gut, dass Ihre Mutter und Heimsoeth 1952 den Beitrag Gehlens in den Nicolai Hartmann Gedenkband nicht mit aufgenommen haben. Denn ich bin vor kurzem dahinter gekommen, dass Gehlen seinen zentralen Gedanken aus einem Werk des von ihm verschwiegenen Paul Alsberg übernommen hat, und meine Recherchen ergaben: Alsberg war ein jüdischer Arzt, dem 1938 die Praxis am Kurfürstendamm demoliert wurde und dem die Nazis 1939 die Approbation entzogen. Von da an verlieren sich seine Spuren. Und just 1940 erschien das Hauptwerk Gehlens. Mit freundlichem Gruß Brief an Josef Stallmach56 (27. September 1988) Sehr geehrter Herr Professor Stallmach! Obwohl mir Ihre Einführung zur Meinerschen Studienausgabe von Nicolai Hartmanns Alterswerk Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie schon seit 1982 in einer Ablichtung vorliegt – ich habe sie damals mit großem Interesse und nicht ohne Gewinn gelesen – und ich das Werk selbst, in das Sie einführen, bereits seit Anfang der siebziger Jahre kenne, war es für mich doch eine große Freude, dass ich gestern den Band 347 der Philosophischen Bibliothek im ganzen und mit so freundlicher, mich ehrender Widmung von Ihrer Hand erhielt. Seien Sie hiermit aufs Herzlichste dafür bedankt. Neoscholastiker und Marxisten-Leninisten sind durch vieles, vieles – und am allerunversöhnlichsten in der Kernfrage »Gott oder Materie« – getrennt. Trotzdem haben sie auch Gemeinsamkeiten, die sie, finde ich, pflegen sollten. Es liegt an meiner derzeitigen Kampfsituation, dass mir da als erstes unser gemeinsamer Erzfeind einfällt, der sich stolz den Antichristen nannte – was weder Feuerbach noch Marx, Engels und Lenin sich je herausgenommen hätten – und von dem, andererseits, die schlimmsten Schmähungen der sozialistischen Sache und ihrer Verfechter stammen, etwa die: »Wen hasse ich unter dem Gesindel von heute am besten? Das Sozialistengesindel, die Tschandala-Apostel« usw. (Friedrich Nietzsche, Werke, ed. Schlechta, Band 3, S. 1228.) 56 (AH) Harich: Brief an Josef Stallmach, vom 27. September 1988, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 966 Teil IV Man sollte es nicht für möglich halten, aber es ist wahr: In der Intelligentsja der DDR gibt es Leute, die ganz ungeniert dafür eintreten, Nietzsche in unsere Pflege des Kulturerbes mit einzubeziehen, und dass einer unserer evangelischen Theologen ihnen daraufhin vorgehalten hat, sie stellten damit den humanistischen Konsens zwischen Christen und Marxisten in unserem Land in Frage, das scheint sie aber, bisher, nicht im geringsten zu stören. Ich wehre mich gegen die Bestrebungen dieser Leute immer wieder mit dem Appell: »Lasst diesen Unsinn sein! Bereitet statt dem Nietzsche besser dem grundsoliden, zutiefst humanen Nicolai Hartmann eine Renaissance, der zwar auch alles andere als ein Sozialist gewesen ist, aber dafür von ›Umwertung aller Werte‹ nicht hielt und überdies, beinahe wie Lenin, mit Klauen und Zähnen die bewusstseinsunabhängige, ansichseiende Realität der Außenwelt und deren Abbildung im Kopf des Menschen verteidigt hat.« Womit ich bei einer weiteren, diesmal affirmativen Gemeinsamkeit von Neoscholastikern und Marxisten-Leninisten angelangt wäre. (Ihnen, offenbar, ist die nun nicht gar so wichtig wie mir, denn sonst würden Sie, unter dem Titel Ansichsein und Seinsverstehen – und auch dies habe ich mit Interesse und Gewinn gelesen – dem Heidegger, der mir als subjektiver Idealist der perfidesten Sorte gilt, nicht doppelt so viele Seiten wie dem Hartmann widmen – doch stellen wir diesen Dissens erst mal bei Seite!) Ich möchte auf Sie mit einem Bündnisangebot, ohne jede Vertuschung unserer Divergenzen, zugehen: Wir sollten uns zusammentun, um in Ost und West Nicolai Hartmann zu mehr Nachruhm, zumindest zu mehr Respekt, mehr Bereitschaft, von ihm zu lernen, in der philosophisch interessierten Öffentlichkeit zu verhelfen. Bei uns hat der große Georg Lukács in den letzten fünfzehn Jahren seines Lebens (1955–1971; siehe seine Eigenart des Ästhetischen und seine Ontologie des gesellschaftlichen Seins, beides bei Luchterhand, das erste Werk auch im Aufbau-Verlag der DDR) damit angefangen, und ich bemühe mich, das fortzusetzen – mit einem in Dialogform gehaltenen Werk, Erwägungen zu Nicolai Hartmann. Versuch einer marxistischen Selbstverständigung in elf Gesprächen nebst einem Anhang, und bin damit jetzt bei der Schreibmaschinenseite 587 eingetroffen, doch noch längst nicht am Ziel. Ihnen, lieber Herr Kollege Stallmach und ihrem vortrefflichen Schüler Aloys Joh. Buch sowie dem Verleger Grundmann in Bonn (der übrigens auch einmal, 1971, ein Buch über meinen Vater Walther Harich herausgebracht hat und mir von da her schon sympathisch ist), gebührt das Verdienst, das meiste dafür getan zu haben, dass Nicolai 967Briefe und Dokumente Hartmanns 100. Geburtstag im Westen nicht sang- und klanglos vorüberging. Wer dagegen absolut nichts für Nicolai Hartmann tut, das ist dessen Verleger Walter de Gruyter. Im Westen kann man dies in jeder beliebigen Buchhandlung feststellen; in Sternberg habe ich mich jüngst wieder davon überzeugen können. In keiner der drei Buchhandlungen am Ort kannte man auch nur seinen Namen. Und an Verlage der DDR Lizenzen für die Veröffentlichung von Büchern Nicolai Hartmanns zu erteilen, lehnt de Gruyter kategorisch ab (man sagt: aus Furcht vor unseren niedrigen Buchpreisen, gehässigerweise »Dumping« genannt). Was ist zu tun? Frida Hartmann, mit der ich während der letzten drei Jahre ihres Lebens in beiderseits eifrigem brieflichen Gedankenaustausch stand – von Aloys Joh. Buch hatte ich ihre Anschrift erhalten (oder war es der Leipziger Reclam-Verlag, der sie mir gab?) – war nachweislich schon 1987 fest dazu entschlossen, die Weltrechte an den Werken ihres Mannes zu teilen – zwischen de Gruyter, für den Westen, für den Akademie-Verlag bzw. Reclam, Leipzig, für den Osten (wo man auf nichtmarxistische Philosophie ja nicht so großen Wert legt, dass man gern Devisen für sie locker machte). Die Sache scheiterte an Frida Hartmanns Tod, am diesjährigen 19. Mai. Und die Sache würde definitiv scheitern, sollte Sohn Olaf Hartmann zu der resoluten Konsequenz seiner toten Mutter nicht bereit sein. Ich will versuchen, ihn dafür zu gewinnen, dass er in ihrem Sinne handelt. Was aber, wenn de Gruyter sich weiter weigert, dabei mitzumachen? Sehen Sie, lieber Kollege Stallmach, in diesem Falle eine Möglichkeit, den de Gruyter als rein profitmotivierten Störenfried deutsch-deutschen Kulturaustausches öffentlich gebührend an den Pranger zu stellen? Oder verböte Ihnen dies die christliche Nächstenliebe? Und, wenn ja, könnten wir, Sie und ich, dann nicht gemeinsam versuchen, Olaf Hartmann dafür zu gewinnen, dass er de Gruyter die Weltrechte an Nicolai Hartmanns Gesamtwerk wegnimmt, um sie für den Osten an den Akademie-Verlag, für den Westen an Thomas Grundmann zu vergeben? Und könnten Sie nicht bei Grundmann einmal auf den Busch klopfen, um festzustellen, ob der – auf der Grundlage einer solchen Regelung – die Westrechte haben will? Lassen Sie sich dies, bitte, doch einmal durch den Kopf gehen und geben Sie mir Bescheid! In Erwartung Ihrer Antwort und mit herzlichen Grüßen, auch an Herrn Buch und, gegebenenfalls, an Herrn Grundmann, verbleibe ich Ihr 968 Teil IV Brief an Lothar Berthold57 (15. Oktober 1988) Sehr geehrter Herr Professor Berthold! Die Arbeit an meinem Buch neigt sich ihrem Ende zu. Das Buch soll einen anderen als den ursprünglich vorgesehenen Titel erhalten, nämlich: Wolfgang Harich/Paul Forster: Erwägungen zu Nicolai Hartmann. Versuch einer marxistischen Selbstverständigung in elf Dialogen nebst einem Anhang. Der Mitverfasser ist Fiktion, muss aber trotzdem namentlich genannt werden, auch im Titel. Zur Zeit stecke ich mitten in der Niederschrift des X. Dialogs und bin auf Schreibmaschinenseite 587 (allerdings sehr weitzeilig und mit ziemlich breitem Rand) angelangt. Mit der Niederschrift des XI. Dialogs will ich noch im Laufe des November beginnen. Der Anhang soll in der Hauptsache die Straffung eines biographischen Textes enthalten, der in zu ausführlich geratener Fassung bereits vorliegt, außerdem ein Verzeichnis der Lehrveranstaltungen aus der Berliner Zeit (1931–1945) und vielleicht noch eine Kompilation der bisher vorliegenden Bibliographien von Theodor Ballauf (1952), Ingeborg Wirth (1963) sowie Petra und Aloys Joh. Buch (1982), die zu einem Ganzen zusammenzustellen und mit wenigen Titeln auf neuesten Stand zu bringen eine schnell zu erledigende, rein technische Aufgabe wäre. Ich teile Ihnen dies heute mit, damit der Akademie-Verlag rechtzeitig Vorsorge treffen kann, dass das Buch in den Produktionsplan für 1990 kommt. Nach dem Ableben von Frida Hartmann, der Witwe des Philosophen, am 19. Mai 1988, stehe ich nun in brieflicher Verbindung mit dem Sohn beider, Olaf Hartmann (geboren 1930 in Köln, wohnhaft bei Göttingen). Ich hoffe, dass auch er, wie nachweislich schon seine Mutter, dazu bereit sein wird, die Rechte an den Werken seines Vaters zwischen Ost und West zu teilen und gegebenenfalls, d. h. falls de Gruyter sich darauf nicht einlassen sollte, die Westrechte an den Bouvier-Verlag in Bonn, die für den Osten an den Akademie-Verlag zu vergeben. (Zur Vergabe von Lizenzen an DDR-Verlage ist de Gruyter ja nicht bereit, und das war es, was Frida Hartmann Verdruss bereitete.) 57 (AH) Harich: Brief an Herrn Prof. Dr. Lothar Berthold, Direktor des Akademie-Verlages, vom 15. Oktober 1988. 2 Blatt, maschinenschriftlich. 969Briefe und Dokumente Gern wüsste ich, wie Sie zu dem Vorschlag stehen, den ich Ihnen am 4. August 1988 unterbreitet habe. Dr. Arnold Schölzel ist bereit, eine Gesamtausgabe der Werke Paul Alsbergs – sie ließe sich in ein, zwei Bänden unterbringen – herauszugeben und mit einer Einleitung zu versehen. Die Jüdische Gemeinde zeigt sich interessiert daran, Alsberg endlich der Vergessenheit entrissen zu sehen. Und ich stehe in Kontakt mit progressiv eingestellten Gehlen-Kennern, die ich dafür zu gewinnen hoffe, das für April 1989 in Speyer vorgesehene Gehlen-Sonderseminar in ein Alsberg-Kolloquium umzufunktionieren. Sinnvoll wäre es daher, gäbe der Akademie-Verlag noch zum 50. Jahrestag des großen Pogroms vom 9. November 1938 öffentlich seine Absicht bekannt, sich der Erschließung des Erbes von Alsberg anzunehmen. Über den Inhalt des Buches von Henning Ottmann, Philosophie und Politik bei Nietzsche, Berlin und New York (de Gruyter), 1987, weiß ich nun so hinreichend Bescheid, dass ich meine an Prof. Gregor Schirmer und Sie gerichtete Mitteilung vom 30. September 1988 leicht auf ein, zwei Seiten zu einem Zusatz-Gutachten zu Malornys Manuskript ausgestalten könnte, das dessen Hinfälligkeit zwingend begründen würde. Mit freundlichem Gruß Brief an Aloys Joh. Buch58 (27. Mai 1989) Ihren Brief vom 6. Mai 1989 habe ich erst heute, bei der Rückkehr von einer Urlaubsreise, zu Hause vorgefunden. Haben Sie vielen Dank dafür, auch für die beigefügte Stallmach-Bibliographie, die mir wichtig und nützlich ist. Im Vorjahr las ich mit Interesse Stallmachs Buch Ansichsein und Seinsverstehen, und es gab darüber zwischen uns einen kurzen Briefwechsel. Vielleicht darf ich jetzt auch noch Sie mit dem eigentlichen Gegenstand desselben vertraut machen, nachdem Herrn Stallmachs diesbezügliche Überlegungen sich, für meinen Geschmack, etwas zu lange hinziehen. (Sie anstellen zu wollen versprach er mir in einem vom 15. November 1988 datierten Brief an mich.) Es handelt sich um die Verbreitung der Werke Nicolai Hartmanns in der DDR, von der ich hoffe, dass Sie nach der Fertigstellung meines Buches über Nicolai Hartmann – 58 (AH) Harich: Brief an Aloys Joh. Buch, vom 27. Mai 1989, 2 Blatt, maschinenschriftlich. 970 Teil IV oder auch unabhängig davon – spruchreif werden könnte. De Gruyter verweigert die Vergabe von Lizenzen an DDR-Verlage, wohl wegen unserer – wie man sagt – »Dumping«-Preise. Frida Hartmann, mit der ich jahrelang korrespondiert habe, war daher bereits 1987 fest dazu entschlossen, eine Teilung der Rechte zwischen östlichem und westlichem Markt vorzunehmen und, falls de Gruyter das nichts sollte hinnehmen wollen, die Westrechte an einen anderen Verleger zu geben, wobei wir natürlich beide in erster Linie an den Bouvier-Verlag Herbert Grundmann in Bonn dachten. Hierorts wurde die Angelegenheit dann eifrig von mir betrieben, wobei ich freilich – wegen diverser Konflikte, in denen ich hier wieder einmal stecke (namentlich als rabiater Gegner der Nietzsche-Renaissance) – auf wenig Interesse stieß. Die Dinge zogen sich so lange hin, bis Frida Hartmann nicht mehr am Leben war. Und in der Zeit danach stellte sich heraus, dass Ihr Sohn und Erbe Olaf Hartmann an der Regelung, die seiner Mutter und mir vorgeschwebt hatte, seinerseits auch kaum Interesse zu haben scheint. Jedenfalls hat er mir auf einen ausführlichen einschlägigen Brief vom 12. August 1988 nicht geantwortet; wenn ich von einem unverbindlich vertröstendem Zwischenbescheid in Form einer Postkarte, vom 21. September 1988, der nichts weiter gefolgt ist, einmal absehe. Nun leben weitere Kinder bzw. Enkel und Urenkel von Frida und Nicolai Hartmann, darunter vielleicht ebenfalls erbberechtigte, auch noch in der Bundesrepublik, so namentlich die Tochter Lise Krämer, geborene Hartmann, in Vlotho im Weserbergland. (Die Anschrift könnte ich sicher leicht bei meinen dortigen Kollegen vom »Collegium Humanum. Akademie für Umwelt und Lebensschutz« herausbekommen.) Aber natürlich hätte es nur dann Sinn, mich einerseits dort um Zustimmung zu bemühen und andererseits in der DDR weiter vorstellig zu werden, wenn ich wüsste, ob der Bouvier-Verlag sich für das Vorhaben erwärmen lässt. Professor Stallmach wollte sich im vergangenen November dies »durch den Kopf gehen lassen«. Könnten Sie ihm nun einen Anstoß geben, damit zu Rande zu kommen? Oder könnten Sie selbst bei dieser Geschichte initiativ werden? Bitte lassen Sie es mich wissen. Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen, mit einer Empfehlung auch an Verleger Thomas Grundmann und, gegebenenfalls, an Professor Stallmach, verbleibe ich Ihr 971Briefe und Dokumente Brief an Olaf Hartmann59 (01. August 1989) Lieber Herr Hartmann! Es ist nun bald ein Jahr her, dass Sie mir, auf einer vom 21. September 1988 datierten Postkarte, in Aussicht stellten, mir »in Kürze« schreiben zu wollen. Ich darf Sie heute nochmals bitten, zu den Fragen Stellung zu nehmen, zumal den urheberrechtlichen, die ich am 12. August 1988 in einem Brief an Sie aufgeworfen hatte. Auch mit Josef Stallmach und mit Aloys Joh. Buch stehe ich wegen dieser Fragen in Verbindung. Es ist aber klar, dass wir dabei nicht weiterkommen werden, so lange Sie eine Entscheidung zu den urheberrechtlichen Aspekten der Angelegenheit hinauszögern. Ich hoffe, es geht Ihnen jetzt besser als vor einem Jahr. Mit allen guten Wünschen und herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr Brief an das Collegium Humanum60 (01. August 1989) Lieber Herr Haverbeck! Lieber Herr Ogilvie! Nachdem wir uns lange Zeit nicht gesehen haben – mein Aufenthalt bei Ihnen vor acht Jahren bleibt mir aber unvergesslich –, wende ich mich heute an Sie mit einer Bitte. Könnten Sie für mich die Adresse der Familie Krämer in Vlotho herausfinden und Sie mir mitteilen. (Verschiedene private Angaben, hier weggelassen, AH.) Frau Lise K, geborene Hartmann, ist eine Tochter des Philosophen Nicolai Hartmann (1882–1950), über den ich ein Buch schreibe und mit dessen Witwe Frida Hartmann (1902–1988) ich bis zu deren Tod in Verbindung gestanden habe. Ich möchte mit Frau Lise K. urheberrechtliche Fragen klären, die für die Verbreitung der Werke ihres Vaters in der DDR von Bedeutung sind. Haben Sie im Voraus vielen Dank. Mit allen guten Wünschen und herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr 59 (AH) Harich: Brief an Olaf Hartmann, vom 01. August 1989, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 60 (AH) Harich: Brief an das Collegium Humanum, vom 01. August 1989, 1 Blatt, maschinenschriftlich. Adressiert an: Collegium Humanum. Akademie für Umwelt und Lebensschutz, z. Hd. Herrn Werner G. Haverbeck und Herrn Friedrich Ogilvie. 972 Teil IV Plan: Nicolai Hartmann. Ausgewählte Werke in drei Bänden61 Erster Band: Das System im Grundriss • Zur Einführung. Von Wolfgang Harich (ca. 80 Seiten) • Letzte Selbstdarstellung (1949) (15 Seiten) • Zur Grundlegung der Ontologie. Vorwort und Einleitung (45 Seiten) • Möglichkeit und Wirklichkeit. Vorwort und Einleitung (36 Seiten) • Der Aufbau der realen Welt. Vorwort und Einleitung (46 Seiten) • Philosophie der Natur. Vorwort und Einleitung (46 Seiten) • Das Problem des geistigen Seins. Vorwort und Einleitung (41 Seiten) • Ethik. Vorwort und Einleitung (21 Seiten) • Ästhetik. Vorwort und Einleitung (41 Seiten) • Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. Vorworte und Einleitung (14 Seiten) • Zur Methode der Philosophiegeschichte (1909) (22 Seiten) Zweiter Band: Auswahl aus der Ontologie und der Naturphilosophie • Zur Grundlegung der Ontologie, Kapitel 27–37 (65 Seiten) • Möglichkeit und Wirklichkeit, Kapitel 24–32 (65 Seiten) • Der Aufbau der realen Welt, Kapitel 18–22, 35–38, 39–41 (107 Seiten) • Philosophie der Natur, Kapitel 16–18, 30, 38–41, 61–64 (123 Seiten) Dritter Band: Auswahl aus der Geschichts- und Kulturphilosophie • Das Problem des geistigen Seins, Kapitel 9–10, 14–15, 18, 20–25, 39–43, 52–57 (163 Seiten) • Ethik, Kapitel 38–42, 49–51, 72–74, 84–85 (105 Seiten) • Ästhetik, Kapitel 21–25 (49 Seiten) • Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, 2. Aufl., Kapitel 10 (19 Seiten) • Der philosophische Gedanke und seine Geschichte (48 Seiten) 61 (AH) Nicht datiert, 2 Blatt, maschinenschriftlich. Der Entwurf ist höchstwahrscheinlich im Kontext der entsprechenden Briefe an Frida Hartmann zeitlich zu verankern. Siehe die entsprechenden Stellen in diesem Teil. 973Briefe und Dokumente Denkbare Varianten: In Band I könnte die Einführung des Herausgebers auf ca. 70 Seiten verkürzt und ihr zugleich noch ein Gesamtverzeichnis der Werke Nicolai Hartmanns und eine Auswahl der wichtigsten Sekundärliteratur über ihn auf ca. 10 Seiten hinzugefügt werden. Zu Band II wäre den ausgewählten Kapitel aus der Philosophie der Natur eventuell noch einiges aus dem Nachlasswerk Teleologisches Denken, im Umfang von etwa 20 Seiten, hinzuzufügen. In Band I könnte der frühe Aufsatz Zur Methode der Philosophiegeschichte und in Band III die Abhandlung Der philosophische Gedanke und seine Geschichte dann fehlen, wenn es noch einen Band IV mit ausgewählten Aufsätzen und Abhandlungen im Umfang von 350 bis 400 Seiten gäbe, in den die letztere Abhandlung dann mit aufgenommen werden würde. H ar ic hs N ot izb üc he r

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References

Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.