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Zur Lebensgeschichte in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 775 - 815

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-775

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
775 Zur Lebensgeschichte (AH) Der folgende Text ist der früheste biographische Versuch Harichs zu Hartmann. Die überarbeitete zweite Version, die er als Diskussionsgrundlage usw. verwendete, wurde bereits präsentiert. Die Unterkapitel I bis III werden nicht abgedruckt, da sie zu ca. 90 Prozent deckungsgleich mit der bereits vorgestellten Biographie Hartmann sind. Der Abdruck setzt ein mit dem Unterkapitel IV (beginnend in der Mitte der zehnten Seite des Originalmanuskripts, mit der Nummerierung Seite 80). Thematisch umfassen die weggelassenen Passagen vor allem die Jugendentwicklung Hartmanns in Russland. IV Er ging, im Frühjahr 1905, nach Marburg an der Lahn, aus der in Aufruhr geratenen Weltstaat Petersburg mit ihren über zwei Millionen Menschen in ein kleines, verwinkeltes, verträumtes hessisches Mittelgebirgsstädtchen, das damals erst 17.000 Einwohner zählte, von denen jeder zehnte ein Student war. Die Zuwendungen, die er von zu Hause erhielt, waren spärlich, das Leben, das er führte, denkbar bescheiden. Philosophie und klassischen Philologie blieben seine Studienfächer. Seine neuen philosophischen Lehrer wurden Hermann Cohen und Paul Natorp, die Häupter der logizistischen Schule des Neukantianismus. Sie waren zu der Zeit 62 bzw. 51 Jahre alt. Frühestes Dokument der wissenschaftlichen Kreativität Nicolai Hartmanns ist ein Referat, das er im Wintersemester 1906/1907 in Natorps Seminar hielt. Darin wird das Verhältnis von Allgemeinem und Individuellem behandelt und seine Abwandlung in den Bereichen der theoretischen Philosophie, der Ethik, der Ästhetik und der Psychologie dargestellt. Natorp befand die Arbeit für wert, sie, in eigener Redaktion, in sein Buch Philosophie und Pädagogik (1909) mit aufzunehmen und als Autor der ursprünglichen Fassung »Herrn N. Hartmann aus Petersburg« zu nennen. Thematisch handelt es sich hier bereits um ein Stück Kategorialanalyse. Hartmann betrachtete sein Studium, soweit es der Vorbereitung des eigenen Lebensunterhalts diente, 1907 als abgeschlossen und schickte sich an, wieder nach Russland zurückzukehren, um ins Berufsleben einzutreten, freilich in der Absicht, seine Mu- ßestunden weiter hauptsächlich der Philosophie zu widmen. Er reichte bei Cohen und Natorp eine Doktordissertation ein, die ihn sowohl als Philosophiehistoriker als auch als Philologen auswies. Sie hat das Seinsproblem in der griechischen Philosophie vor Plato zum Gegenstand. Sobald sie angenommen war, Ende Juli, trat er in Petersburg eine 776 Teil III: Varianten Stellung als Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein an. Daneben arbeitete er an einem Buch über Platon und nahm als Gasthörer an der inzwischen wieder eröffneten Petersburger Universität aufs Neue den Besuch philosophischer Lehrveranstaltungen und die Diskussion mit anderen Studierenden seines Hauptfach auf. Die Gemeinschaft mit diesen früheren Kommilitonen hätte er nur ungern preisgegeben. Er fand, dass sie außerhalb des akademischen Betriebs eifriger und mit mehr Kollektivsinn fachlich weiter arbeiteten als die Marburger Studenten. Zur formellen Promotion, im April 1908, musste er abermals in Marburg erscheinen. Und da eröffnete sich ihm jetzt unverhofft die Aussicht auf eine Universitätslaufbahn. Denn er machte nicht bloß mit Auszeichnung den Doktor, sondern gewann auch bei einem Wettbewerb zum Thema Die Begriffe des Seins und des Nichtseins nach ihrer Bedeutung für die Ideenlehre Platos den ausgesetzten Preis, mit dem Erfolg, dass Cohen ihn dazu aufforderte, sich zu habilitieren. In unglaublicher Schnelligkeit entstanden daraufhin, vom Erfolgserlebnis angespornt, seine ersten für den Druck bestimmten Werke: Das umfangreiche Buch Platos Logik des Seins, worin die Thematik der Preisschrift breit ausgebaut und dem darauf sich beziehenden Hauptteil der Text der Dissertation als historische Einleitung vorangestellt ist, die Habilitationsschrift Des Proklus Diadochus philosophische Anfangsgründe der Mathematik und der Aufsatz Zur Methode der Philosophiegeschichte, den die Kantstudien annahmen. Das Platon-Buch, das, ebenso wie die Habilitationsarbeit, 1909 in einer von Cohen und Natorp herausgegebenen Reihe erschienen ist, sicherte seinem Autor zur Lehrerlaubnis die dringend benötigten Kolleggelder interessierter Hörer. Und als Privatdozent, bedacht auf Berufung zum beamteten Hochschullehrer, bemühte er sich nun beim preußischen Staat um seine »Naturalisation«, wie man damals die Einbürgerung nannte. Seine Beziehungen nach Russland bestanden gleichwohl noch fort. Mehrere Reisen nach Petersburg und Riga, Verlöbnis und Heirat mit einer jungen Dame aus Petersburg, Alice, seiner ersten Frau, Kontakte mit russischen, polnischen, ostjüdischen und baltischen Freunden und Kollegen halfen sie festigen. Erst durch den Krieg änderte sich das. Der schnitt auf Jahre hinaus sogar die Verbindung zur Mutter in Riga ab. Zu den philosophischen Gesprächspartnern der ersten Marburger Periode zählten Cassirer, Gawronsky, Görland, Heimsoeth, Ortega y Gasset, Sesemann, Tatarkiewicz u. a. Zu freundschaftlicher Vertrautheit gestaltete sich die Beziehung zu dem zwei Jahre jüngeren Heinz Heimsoeth. Dessen zeitweilige Aufenthalte in Frankreich und in 777Zur Lebensgeschichte Köln, Hartmanns Reisen nach Russland und schließlich die Trennung beider im Krieg brachten es mit sich, dass sie immer dann, wenn sie nicht gleichzeitig in Marburg weilen konnten, ihre Kommunikation in brieflicher Form aufrecht erhielten. Erhalten geblieben ist ihre Korrespondenz aus den Jahren 1907 bis 1918. Nach Heimsoeths Tod 1978 von Hartmanns zweiter Frau, Frida, und von Renate Heimsoeth mit Nachworten gemeinsam veröffentlicht, gewährt sie Einblick nicht nur in die Lebensumstände und Ansichten der Freunde, sondern auch in bis dahin unbekannt gebliebene Hintergründe der Entwicklung der Marburger Schule. Für die vorliegende Arbeit war sie von unschätzbarem Wert. Vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat Hartmann noch ein paar Werke geringen Umfangs publiziert, denen die Tendenz zu allmählicher Abkehr vom Neukantianismus gemeinsam ist. Außer der gesonderten Schrift Philosophische Grundfragen der Biologie (1912) handelt es sich um vier Abhandlungen zur Methodologie, Erkenntnistheorie und Logik sowie um zwei Buchbesprechungen. In der Festschrift zum 70. Geburtstag Hermann Cohens ist die Abhandlung Systembildung und Idealismus (1912) erschienen. Die übrigen kleineren Arbeiten wurden zuerst zwischen 1911 und 1914 in den Zeitschrift Logos, Kantstudien und Die Geisteswissenschaften abgedruckt. Die Rezension von 1911 über Julius Ebbinghaus’ Relativer und absoluter Idealismus ist wichtig für die Beurteilung der Frage, welche Stellung Hartmann zu den Anfängen der so genannten Hegel-Renaissance einnahm. Im Aufsatz Systematische Methode (1912) treten erstmals der Einfluss, den die Husserlsche Phänomenologie auf ihn auszuüben begann, und die gleichzeitig bei ihm sich meldende Bereitschaft, wieder auf das noch vor der Marburger Zeit in Russland Gelernte zurückzugreifen, zu Tage. Wenn er überhaupt je Neukantianer gewesen ist, was etwa Helmut Plessner bezweifelt hat, dann jedenfalls machen die Briefe an Heimsoeth deutlich, dass er sich von Cohen und Natorp bereits weiter entfernt hatte, als diese oft vorsichtig taktierenden Arbeiten aus der Periode seines Übergangs zur »neuen Ontologie« erkennen lassen. V In der russischen Armee hatte Hartmann nicht gedient. Kurz nach seiner Einbürgerung in Preußen, 1909, sah es so aus, als stünde ihm hier unmittelbar die Einberufung zum deutschen Wehrdienst bevor. Vorerst wurde daraus jedoch nichts. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn aber musste er 1914 seine Lehrtätigkeit in Marburg unterbrechen, weil 778 Teil III: Varianten er, zunächst in Zivil, von den Militärbehörden als Dolmetscher und Briefzensor für russische Kriegsgefangene dienstverpflichtet worden war. Man kommandierte ihn im Oktober in ein Lager nach Bütow in Pommern ab. Nachdem er 1915 Soldat geworden und in den Landsturm aufgenommen war, erhielt er den Befehl, für den militärischen Nachrichtendienst laufend Verhöre neu eingelieferter Gefangener durchzuführen und darüber Berichte zu schreiben. Alice Hartmann, politisch immer noch als Russin geltend, war derweil in Marburg Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt. Um dem auszuweichen, begab sie sich mit dem noch vor dem Krieg geborenen gemeinsamen Sohn (Tochter, AH) in die Schweiz, zu Hartmanns russischem Kollegen Dmitry Gawronsky und seiner Familie. Nach einem Jahr hielt sie es dort aber nicht mehr aus und kehrte nach Marburg zurück. Um die Existenz von Frau und Kind sicherzustellen, bewarb sich daraufhin Hartmann um seine Verwendung als Reserveoffizier. Von April 1916 an erhielt er ein Vierteljahr lang bei einem Ersatztruppenteil in Stolp seine erste reguläre militärische Ausbildung. Im Juli kam er an die Ostfront. Angesichts der russischen Fe bru arrevolution beorderte man ihn vorzeitig, schon im März 1917, auf einen Offizierslehrgang und danach, im Juli, mit dem Rang eines Oberwachtmeisters, nach Kreuznach ins Große Hauptquartier. Offenbar wurde er hier als Russlandexperte gebraucht. Nach der Oktoberrevolution dürfte er dem Großen Generalstab Zuarbeiten für die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk geleistet haben. In einem vom 24. November 1917 datierten Brief an Heimsoeth beklagt er sich da rüber, dass sein Dienst, obwohl an der Ostfront Stille herrsche, nie anstrengender gewesen sein als während der letzten drei Wochen. »Und wenn es noch lange so kunterbunt weitergeht im heiligen Russland, so lege ich mich ins Bett und mache nicht mehr mit. Indessen beginnt es leise, sich aufzuklären; aus den Zeitungen werden Sie kaum etwas ersehen. Aber in einigen Tagen werden Sie es vielleicht selber sehen.« Im Mai 1918 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert. Das Kriegsende erlebte er in Spa. Er machte in der deutschen Armee noch den Rückzug aus Belgien mit. Im November entließ man ihn aus dem Dienst. Mit Plänen für eine Vorlesung über Wertlehre sowie für Seminarübungen über Plotin und die Fragmente der Stoiker ging er unverzüglich wieder nach Marburg. Die Universität hatte ihn, laut Briefwechsel mit Heimsoeth, bereits im Dezember 1917 in Abwesenheit zum außerordentlichen Professor berufen. Das scheint aber ein Missverständnis gewesen zu sein. Denn andere, in 779Zur Lebensgeschichte solchen Fragen zuverlässigere Dokumente geben für diese Ernennung erst das Jahr 1920 an. VI Während des Ersten Weltkriegs hat Nicolai Hartmann Deutschland und seine Verbündeten aufrichtig den Sieg gewünscht. Öffentlich geäußert hat er sich in diesem Sinne freilich nicht, und aus seinen Briefen geht hervor, dass so, wie jede Art von Fanatismus ihm stets fremd gewesen ist, auch Kriegsbegeisterung und Hurrapatriotismus nicht seine Sache waren. Die Haltung, die er privat zum Kriegsgeschehen an den Tag legte, war daher auch verhältnismäßig vernünftiger und realistischer als die von Heimsoeth, der seinerseits auf Grund hervorragender Sprachkenntnisse als Dolmetscher für Französisch in einem Kriegsgefangenenlager in Eglosheim bei Ludwigsburg eingesetzt war. Die Illusionen des Freundes über ein rasches Kriegsende teilte Hartmann zu keiner Zeit. Seinen annexionistischen Wunschträumen begegnete er reserviert bis ablehnend, auch dann, wenn sie sich auf die Zukunft des Baltikums bezogen und etwa, im November 1915, den Vorschlag eingeschlossen, man müsse schleunigst dem Grafen Keyserling dabei zuvorkommend, sich Lehrstühle in Dorpat zu sichern, da »wir ganz sicher die Ostseeprovinzen bekommen«. »Ich glaube nicht«, lautete Hartmanns Antwort, »dass ›wir‹ dahin gelangen. (…) Mir scheint diese Per spek ti ve jetzt genau so imaginär wie im August des Vorjahres.« Russland, das im Vorjahr, bei Kriegsbeginn, auf deutsches Territorium hatte vordringen können, war inzwischen zurückgedrängt worden und stand Ende 1915, nachdem die Entente ihren Angriff auf die Dardanellen eingestellt hatte, von seinem Verbündeten abgeschnitten da. Es war diese Lage, die Heimsoeth überbewertete. Nüchtern gab Hartmann zu bedenken: »Die Russen stellen einen Haufen neuer Regimenter auf. Munition haben sie vollauf. (…) Haben Sie den Bombenerfolg der Rekrutierungsarbeit in England verfolgt? Und was mag da noch bevorstehen, wenn die englische Armee in gleicher Proportion weiter wächst und qualitativ steigt? Unsere Zeitungen versuchen das zu verwischen (…).« Das Beispiel steht für mehrere. Es mag genügen. Im Übrigen kommen Zeitereignisse in dem Briefwechsel nur selten zur Sprache. Der Gedankenaustausch zu fachlichen Fragen und schwärmerische Mitteilungen über neue erotische Erlebnisse überwiegen. 780 Teil III: Varianten In Folge der Parteinahme im Krieg war die Einstellung Hartmanns zur Russischen Revolution 1917 zwiespältiger als 1905. Mit den Bolschewiki hatte er als Liberaler nichts im Sinn. Trotzdem waren sie es, die mit ihrem Friedensangebot militärische Entlastung versprachen. Sympathie für das Fe bru ar-Regime, namentlich für die von Miljukow geführten Konstitutionellen Demokraten, die »Kadetten«, hätte eigentlich seinen politischen Überzeugungen am ehesten entsprochen. Ausgerechnet diese Partei aber trat am entschiedensten für eine energische Fortführung des Krieges an der Seite der Entente gegen Deutschland ein, so dass er sie aus nationalegoistischen Motiven als besonders feindselig empfinden musste. Das für ihn und seinesgleichen Wünschenswerte, die militärische Kapitulation eines kapitalistischen Russland mit liberal-konstitutioneller Regierung, war nicht zu haben. Die letzte Aussicht darauf zerstob, als im Januar 1918 die russische Front sich auflöste, ohne dass die im Roten Oktober von den Bolschewiki errungene Macht in die Niederlage mit hineingerissen worden wäre. Russland-Kenner Hartmann scheint auf diese Entwicklung niedergeschlagen reagiert zu haben. Am 14. März 1918, kurz nach dem Brester Frieden, schrieb er aus dem Großen Hauptquartier nach Eglosheim: »Sie setzen sehr mit Recht voraus, dass mir die Entwicklungen der letzten Monate auch innerlich nicht gleichgültig sind. Leider ist mir hierbei in vielen Punkten Schweigen auferlegt. Im Allgemeinen ist aber auch hier die Hochspannung in mir erschlafft. Wahrscheinlich habe ich diese Dinge, die ›große Zeit‹ und was so drum und dran ist, einmal zu sehr überschätzt und befinde mich jetzt im Rückschlage. Sagten Sie nicht auch einmal, es sei lächerlich, dass ›ausgerechnet‹ wir diese ›großen Dinge‹ erlebten? Ich empfinde es heute fast umgekehrt als Unstern, dass ich ausgerechnet in eine so verflachte und zur Veräußerlichung erziehende Zeit hineingeschneit bin.« Er fügte hinzu: »Das natürlich im Extrem gesagt. Das Gegengewicht fehlt nicht.« Ein Gegengewicht bot ihm ein halbes Jahr lang, außer Privatem, nur noch die Wissenschaft. Über Politisches, über die Kriegslage schwieg er sich aus, bis er am 28. September 1918, offenbar unter dem Eindruck des letzten, kriegsentscheidenden Angriffs der Ententetruppen, zumal des englischen Durchbruchs zwischen Cambrai und St. Quentin, das Bekenntnis ablegte: »Angesichts des Unterliegens unserer äußeren Kraft besinne ich mich wieder auf andere Kräfte, die wir auch einmal hatten und die fast vergessen sind. Ich erinnere mich, dass auch die deutsche Philosophie einmal eine solche Kraft war. Und da der Mensch doch immer an etwas glaubt, fange ich wieder an, den Glauben an diese Kraft als den wahreren zu empfinden. Sie werden das wohl energisch 781Zur Lebensgeschichte zurückweisen; ich weiß, dass Ihnen Philosophie eine Abstraktion, ein sekundäres und im Grunde überflüssiges Elaborat ist. Sie können auch ohnedem Leben, und vielleicht besser als damit. Für mich ist das ganz umgekehrt. Ich wüsste mein Leben, bis ins Alltäglichste hinein, geschweige denn das Große, das mich streift, nicht vom Eigenleben des philosophischen Gedankens zu trennen, das nicht so sehr in mir ist, als ich Glied und Sprosse in ihm bin. Und ich glaube, dass ich mit dieser Auffassung, mit diesem bis ins Gefühl hinab verwurzelten Wesenszuge dem Geist deutscher Philosophie näher stehe als Menschen mit umgekehrter Einstellung. Sehen Sie, die Hochflut des deutschen Idealismus, deren Gedankenschätze heute noch ungehobenen ruhen, wie monumentale Quadern, die niemand zu heben den Atem hat, ging auch aus den Jahren äußeren Niederganges hervor, wohl zu vergleichen denen, die uns bevorstehen dürften.« Drei Wochen später, inmitten des Zusammenbruchs, schloss Hartmann diesen Briefwechsel ab mit den Worten: »Wie der Lebende nur Blicke hat für seine Liebe, so der von gewissen Problemen Gefangene nur für seine Probleme. Und sehen Sie, ich bin immer in Liebe und immer in Problemen. Ich weiß auch nicht, ob ich es mir anders wünschen sollte; ich verstehe aber sehr gut, dass ich dadurch für Sie letzten Endes ein verlorener Mann bin. Wenn wir Belgien räumen, so kommen ›wir‹ natürlich auch nach Deutschland und – wie ich hoffe – in nicht zu weite Ferne von M. Ich knüpfe daran natürlich allerhand Pläne. Vielleicht können wir uns da auch einmal wieder sehen?« Sie sahen sich dort ausgiebig. Bis 1923 lehrten beide an der Marburger Universität. VII Cohen hatte sich 1912 von seinen akademischen Pflichten in Marburg befreien lassen und war nach Berlin übergesiedelt, wo er für den Rest seines Lebens an der dortigen jüdisch-theologischen Lehranstalt wirkte. Im April 1918 ereilte ihn der Tod. Von dem kränkelnden, bei Kriegsende fast 65-jährigen Natorp ließ sich absehen, dass auch er seinem Amt nicht mehr lange gewachsen sein werde. Unter seinen Schülern am Ort war der älteste, Görland, zu unbedeutend, um für eine adäquate Nachfolge in Frage zu kommen. Nicolai Hartmann trat daher, aus dem Krieg heimkehrend, eine Art Kronprinzenstelle an. Dabei hatte er unter den aus der Marburger Schule hervorgegangenen Denkern seiner Generation sich mittlerweile von den neukantianischen Positionen am weitesten entfernt. 782 Teil III: Varianten Auch verachtete er an Natorp wie an Cohen ihre im Alter einsetzende Hinwendung zur Religion. Aber seine bis dato umfangreichste Veröffentlichung wies ihn nun einmal als überragenden Fortsetzer von Natorps Platon-Interpretation aus. Außerdem verband ihn über alle Gegensätze hinweg mit den alten Lehrern die Überzeugung, dass die zentrale Aufgabe der theoretischen Philosophie in der Kategorienforschung zu erblicken sei. Und auf diesem Gebiet, das die anderen Schüler mehr oder weniger vernachlässigten, verfolgte gerade der alte Natorp, wie sein von Heimsoeth herausgegebenen Nachlass bezeugt, zumal seit dem Fortgang Cohens mit großem Scharfsinn selber recht eigenwillige Wege. Danach kann es nicht wundernehmen, dass Natorp Hartmann förderte, dass umgekehrt der sowohl aus Lernbegier wie aus Karrieregründen sich eng an ihn anschloss. Jahrelang sah man sie in der Öffentlichkeit meist gemeinsam auftreten. Hartmanns Anstellung als außerordentlicher Professor war 1920 perfekt. 1922 übernahm er, nach Natorps Emeritierung, dessen Lehrstuhl. Damit war das Ende der Marburger Schule an dem Ort, von dem sie ihren Namen hat, besiegelt. Nur anderswo lebte sie noch fort: Bei Cassirer in Hamburg, wohin sich 1923 auch Görland begab; bei Stammler in Berlin; bei Vorländer in Münster; vielleicht auch noch in Jena bei Bruno Bauch, der, vom südwestdeutschen Neukantianismus her kommend, diesen mit dem Marburger Logizismus zu einer eigentümlichen Synthese verschmolz. Während der Kriegsjahre hatte Hartmann, soweit Zeit und Umstände es irgend erlaubten, sich weiter hingebungsvoll mit philosophischer Lektüre und Forschung beschäftigt. In den Zivilberuf entlassen, verfügte er über einen großen Vorrat an Exzerpten, Ausarbeitungen, Plänen und Entwürfen, hatte aber seit 1914, außer der einen oder anderen kleinen Rezension, nichts mehr publiziert. Das Jahr 1919 hat er gegen Ende seines Lebens, in seiner letzten Selbstdarstellung, als den Zeitpunkt angegeben, an dem sein Durchbruch zur »neuen Ontologie« vollzogen gewesen sei. Im selben Jahr erschien in den Kantstudien als seine erste Veröffentlichung nach dem Kriege der mit Hobbes und Meinong sich auseinandersetzende Aufsatz Die Frage der Beweisbarkeit des Kausalgesetzes. Sein gnoseologisches Hauptwerk, Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis, kam 1921 heraus. Es folgten, nach dem Antritt des Ordinariats, 1923 der erste Band des Auftragswerks Die Philosophie des deutschen Idealismus, der, außer den frühen Kantianern 783Zur Lebensgeschichte und Antikantianern, Fichte, Schelling und die Philosophie der Romantik behandelt, sowie ein zur Broschüre erweiterter Vortrag über Aristoteles und Hegel; 1924 mehrere Beiträge zum 200. Geburtstag Kants und die zur Festschrift für den siebzigjährigen Natorp beigesteuerte Abhandlung Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? 1925 erschien von der Metaphysik der Erkenntnis eine zweite, erweiterte Auflage mit ausführlicher Verteidigung der Abbildlehre gegen Einwände, die von phänomenologischer Seite, namentlich von Scheler und Paul F. Linke, in Besprechungen erhoben worden waren. 1926 folgte das zweite Hauptwerk, die Ethik. Zu den politischen Ereignissen der Nachkriegsjahre hat Hartmann sich weder öffentlich geäußert, noch kann privaten Quellen entnommen werden, wie er sie beurteilt hat. Die Ethik lässt auf eine liberale Position schließen, von der aus ein Kampf an zwei Fronten, »gegen die Extreme von links und von rechts«, geführt wird. Die für die damalige bürgerliche Ideologie ungewöhnliche Verknüpfung von militantem Atheismus mit unnachsichtiger Ablehnung der von Nietzsche proklamierten »Umwertung aller Werte« erweckt dabei leicht der Eindruck, auf der Abwehr rechtsextremer, präfaschistischer Tendenzen liege das Hauptgewicht. Dadurch sollte man sich indes nicht täuschen lassen. Es ist keine ganz abwegige Vermutung, dass die platonisierende Lehre vom »idealen Ansichsein der Werte« im Ganzen gegen Argumentationen angesetzt sei, die aus dem Umschlagen von Vernunft in Unsinn, von Wohltat in Plage1 eine Rechtfertigung grundstürzender gesellschaftlicher Verän- 1 (AH) Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage – diesen Ausspruch Goethes setzten verschiedenen Intellektuelle der jungen DDR, Hans Mayer, Bloch, Harich, zudem auch Lukács, die Hegelsche List der Vernunft zur Seite und sahen damit das Progressive (und das Dialektische) der klassischen idealistischen Philosophie sowie der ihr entsprechenden Literatur auf den Punkt gebracht. In vielen Äußerungen und Wortmeldungen Harich taucht diese Sentenz in den fünfziger Jahren immer wieder auf. 1966 (um nur ein Beispiel zu erwähnen) schrieb Harich in dem Text Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte: »Diese neue, dialektisch-historische Fassung des Fortschrittsprinzips, für die Goethe im Faust die schlagende Formel ›Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage‹ geprägt hat, finden wir zuerst bei Lessing, in dessen Erziehung des Menschengeschlechts, wir finden sie vor allem aber, von einem universell gebildeten Geist anhand eines überreichen geschichtlichen Materials konkretisiert, in den meisten Schriften Herders, insbesondere in seinen geschichtsphilosophischen Werken. Allerdings haben damals aber weder Lessing noch Herder oder Goethe ihre Entdeckung für die Erforschung und Darstellung der Philosophiegeschichte fruchtbar gemacht, für ein Gebiet, auf dem sich schöpferisch zu betätigen 784 Teil III: Varianten derungen herleiten könnten. Selbst wer dies aber für überzogen hält, kann in der Ethik weder die unmissverständliche Distanzierung von der Arbeiterbewegung und der in ihren Dienst sich stellenden progressiven Intellektuellen übersehen noch die Selbstverständlichkeit, mit der in ihr der Wert des Eigentums pauschal mit dem von Leben und Gesundheit gleichgesetzt wird. Vor dem Hintergrund des weltpolitischen wie des nationalen Geschehens, das sich während der Niederschrift des Buches zutrug, kommt den betreffenden Stellen, so knapp sie auch gehalten sind, eine nicht zu unterschätzende Aussagekraft zu. Unter den jüngeren Philosophen fiel Hartmann als eine Begabung, die ihm gewachsen sein mochte, der in Freiburg als Privatdozent wirkende Husserl-Schüler und frühere Jesuitenzögling Martin Heidegger auf, dessen Habilitationsschrift über Duns Scotus Vertrautheit mit der aristotelisch-scholastischen Kategorienforschung verriet. Mit der Autorität des Ordinarius setzte er sich dafür ein, dass Heidegger 1923 einen Ruf nach Marburg erhielt und hier, unter Überspringung des Extraordinariats, sogleich ebenfalls als ordentlicher Professor angestellt wurde. Die Suche nach einem ebenbürtigen Partner für kontroverse Diskussion mag dabei eine Rolle gespielt haben, um so mehr, als Natorp dahinsiechte – er starb 1924 – und Heimsoeth 1923 nach Königsberg ging. Der auch von Seiten Heideggers mit Interesse angestrebte Dialog scheiterte jedoch daran, dass unterschiedliche Tageseinteilungen ihn nahezu unmöglich machten. Heidegger arbeitete am Tage, Hartmann in der Stille der Nacht, bis in die Morgenstunden. Wenn beide sich gelegentlich abends trafen, war erst dieser, dann jener zu müde, um ihnen nie in den Sinn kam. Vorerst also blieb die Philosophiegeschichte von der neuen, dialektischen Konzeption des Fortschritts, die die bedeutendsten deutschen Aufklärer geschaffen hatten, unberührt. Wir wissen jedoch, dass diese Konzeption später auf die Religionskritik des jungen Hegel entscheidenden Einfluss ausgeübt hat, und zwar gerade in der Frankfurter Übergangskrise seiner Entwicklung, 1797–1800, als sein Denken sich zu dialektischem Weltbegreifen durchrang. Und wir brauchen nur einerseits diese Tatsache mit dem dialektischen Sinn und Hintersinn der berühmten These des alten Hegel vom Vernünftigen, das wirklich, vom Wirklichen, das vernünftig ist, in Beziehung zu setzen und uns andererseits klarzumachen, dass wir es hier mit nichts geringerem zu tun haben als mit dem entwicklungsgeschichtlichen Prinzip, von dem alle Teile des Hegelschen Systems mit Einschluss der in das System integrierten Geschichte der Philosophie durchdrungen sind, um zu sehen, welche immense Bedeutung dem ›Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage‹ für die Verwissenschaftlichung der Philosophiegeschichte zukommt.« (Abgedr. in: Band 5, S. 257.) Siehe zum Kontext: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 785Zur Lebensgeschichte dem anderen konzentriert zuzuhören. Das jedenfalls besagte ein Marburg umgehendes Gerücht. Andere witzelten über die philosophia perennis, die von beiden im Schichtwechsel rund um die Uhr betrieben würde. In Marburg ist Heideggers berühmtestes Werk, Sein und Zeit (1927), entstanden, in deutlicher Abwehr der Metaphysik der Erkenntnis des sieben Jahre Älteren, der es dann seinerseits energisch bekämpft hat. Als Heidegger 1928 nach Freiburg zurückkehrte, um dort die Nachfolge Husserls anzutreten, lehrte Hartmann bereits seit drei Jahren in Köln. Dies hatte sich daraus ergeben, dass der Austausch mit demjenigen Denker, der unter den Mitlebenden zuletzt ihn am stärksten beeinflusst hatte, mit dem seit 1919 in Köln als Ordinarius tätigen Max Scheler, für beide Teile ergiebiger war. Von Scheler war Hartmanns Berufung betrieben worden. Dabei soll ihnen regelrechte Zusammenarbeit vorgeschwebt haben. Zu der freilich kam es nicht. Aber sie führten zahlreiche Gespräche. Dem Nachruf auf den 1928 in Frankfurt am Main früh verschiedenen Anreger, Gefährten und Gegner ist zu entnehmen, was sie Hartmann bedeutet haben und worin er die Wirkung eigener Gedanken auf die nicht mehr ausgeführten Pläne dieses unruhigen, stets umlernenden, immer wieder neu beginnenden Geistes verspürt zu haben scheint. Hartmann pflegte seine Arbeiten handschriftlich zu Papier zu bringen, sie nach dem Abschluss der ersten Fassung für einige Zeit wegzulegen und nach angemessener Pause eine zweite, verbesserte, für den Druck bestimmte Niederschrift vorzunehmen. In den sechs Kölner Jahren entstanden so die ersten zusammenhängenden Entwürfe seiner Ontologie, mit Einschluss der allgemeinen Kategorienlehre. Nach Auskunft von Robert Heiß hat dabei allein die ursprüngliche Fassung der Philosophie der Natur die Jahre 1927 bis 1931 beansprucht, was bedeuten würde, dass die Erstfassungen der vier grundlegenden Untersuchungen, der Modalanalyse sowie des Schichtenkonzept bereits 1925 bis 1927 hätten entstanden sein müssen. Wie dem auch sei, all das blieb einstweilen unveröffentlicht, ausgenommen nur eine später als überholt bezeichnete Darlegung kategorialer Gesetze (1926 im Philosophischen Anzeiger abgedruckt). Abgeschlossen wurde, als zweiter, umfangreicherer Band der dem Verlag vertraglich zugesicherten Philosophie des deutschen Idealismus, die Monographie über Hegel (1929). Danach wandte die Arbeit in den Seminarübungen, diesmal unter bevorzugter Heranziehung historisch und soziologisch versierter Schüler, sich der Vorbereitung eines Werks zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften zu. 786 Teil III: Varianten VIII In Berlin war seit Fe bru ar 1923 der Lehrstuhl von Ernst Troeltsch verwaist. Troeltsch hatte von 1919 an neben seiner Lehrtätigkeit hohe Stellungen im preußischen Kultusministerium bekleidet, zuletzt als Staatssekretär. Sechs Jahre nach seinem Tode kam sein unmittelbarer Vorgesetzter im Staatsdienst, der Orientalist Carl Heinrich Becker, demokratischer Kultusminister der von Otto Braun (SPD) geführten Preußenregierung, auf den Gedanken, dass für Troeltschs Nachfolger an der Universität Nicolai Hartmann geeignet sei, und richtete an die Philosophische Fakultät eine entsprechende Bitte, sich hierzu zu äußern. Dies mutet, wenn man an Hartmanns Irreligiosität, an seine tagespolitische Abstinenz und an die Thematik des mehrbändigen Hauptwerks, das er in petto hatte, denkt, auf den ersten Blick befremdlich an. Denn nicht nur Philosoph war Troeltsch gewesen, sondern auch evangelischer Theologe. Nicht nur in der Wissenschaft hat er gelebt, sondern auch mit leidenschaftlichem politischen Engagement. Und geschichtlich-gesellschaftliche Problematik hatte das geistige Schaffen des Mannes beherrscht, den man als den nächst Max Weber bedeutendsten liberalen Soziologen Deutschlands anzusehen gewohnt ist. Indes die größeren Werke, mit denen von 1923 an Hartmann hervorgetreten war, bewegen sich in einem thematischen Bereich, der von den Forschungsgebieten seines Vorgängers anscheinend nicht mehr allzu weit entfernt lag. Für seine Ethik gilt dies nicht weniger als für die Philosophie des deutschen Idealismus, deren erster Band ja, unter anderem, auch eine Würdigung Schleiermachers enthält. Vollends ließ seine jüngste Beschäftigung mit Prinzipienfragen der Gesellschafts-, Geschichts- und Kulturdeutung es als nicht gänzlich ausgeschlossen erscheinen, dass er sich anhaltend dem Gegenstandsgebiet des Hauptwerks, über dem Troeltsch gestorben war, widmen könne. Zudem bekämpfte er den historischen Relativismus, vor dem dieser zuletzt gewarnt hatte, ohne dass es ihm gelungen wäre, ihn zu überwinden. Und was Hartmanns Freigeisterei anbelangt, so konnte die mindestens den Parteifreunden des Toten, den Politikern der Demokratischen Partei, kaum anstößig sein, die dem den Gottesmann ohnehin nur nachsahen, weil er sie mit seiner Absage an die mittelalterlichen Relikte im Luthertum, mit seiner Hervorkehrung der aufklärerischen Tendenzen im modernen Protestantismus zu gewinnen gewusst hatte. 787Zur Lebensgeschichte Doch den Ausschlag dürfte bei Beckers Anfrage etwas anderes gegeben haben. Es rückte der 100. Todestag Hegels, des größten mit der Berliner Universität einst verbundenen Denkers, heran. Es stand, unter diesen Auspizien, die Gründung des Internationalen Hegelbundes bevor. Sie erfolgte 1930 in Den Haag. Die Initiatoren beschlossen den ersten Hegel-Kongress. In Berlin sollte er stattfinden. Die preußische und Reichshauptstadt brauchte einen Hegel-Forscher, mit dem sie bei so festlichem Anlass sich sehen lassen konnte. Da erschien Hartmanns Hegel-Buch. Der Verfasser mochte dazu taugen, den ante portas stehenden Heerscharen der Hegel-Renaissance, den Kroner und Glockner, den Nohl, Haering und Lasson, den Bolland, Brunshvig und Croce e tutti quanti, an der Stätte von Hegels letztem und gewichtigstem Wirken als würdiger Verwalter seines Geisteserbes offeriert zu werden. Dass das Buch eine Pflichtübung war, merkt man ihm nicht an. Dass sein Kernstück, die Interpretation der Wissenschaft der Logik, dem Gros der Neuhegelianer ein Gräuel sein musste, konnte Becker wohl kaum ahnen. Sollte er es geahnt haben, so wäre ihm zuzutrauen, er hätte dies manchem der zu erwartenden Gäste gegönnt. In der Stellungnahme der Philosophischen Fakultät, an deren Widerstand, wäre es nach ihr gegangen, die Berufung hätte scheitern müssen, ist von Hegel freilich mit keiner Silbe die Rede. Ihre Berufungskommission sprach sich vielmehr prinzipiell gegen Hartmann aus. Eine Mehrheit ergab sich in ihr für Ernst Cassirer, von dem soeben der dritte, abschließende Band seiner Philosophie der symbolischen Formen erschienen war. Eine von Max Planck angeführte Minderheit votierte für Moritz Schlick, den prominentesten Vertreter des neopositivistischen Wiener Kreises. Und neben weiteren Namen fiel vor allem auch derjenige Heideggers. Den Auftrag, gemeinsam die Antwort an den Minister abzufassen, erhielten die Philosophen Heinrich Maier, Carl Stumpf, Max Dessoir und Johann Baptist Rieffert, der Psychologe Wolfgang Köhler und der Romanist Eduard Wechssler. Ihr Schreiben zeigt, dass sich an den favorisierten Cassirer die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des »in letzter Zeit stark zurückgegangen« Marburger Neukantianismus knüpfte. Schlick wird in zweiter Linie empfohlen, allerdings mit dem Vorbehalt, seiner Philosophie werde »nicht ohne Grund naturwissenschaftliche Einseitigkeit vorgeworfen«. Von Heidegger wird zwar abgeraten, weil selbst seine Verehrer ihm nicht wirklich verstünden und er sich momentan wohl in einer Krise befände, deren Ausgang abzuwarten sei. Man bescheinigte ihm jedoch, »eigene Gedanken« zu haben und »starke persönliche Anziehungskraft auszuüben«. 788 Teil III: Varianten Die Gründe, die gegen Hartmann ins Treffen geführt werden, zeugen von horrender Unkenntnis, lassen aber auch persönliche Gehässigkeit zum Vorschein kommen. Beispielsweise wird von ihm, ungeachtet eines damals seit siebzehn Jahren vorliegenden Werks, das seine gediegene Fachkenntnis der Biologie unter Beweis stellt, und unter Ignorierung der Tatsache, dass es sich bei seinen noch weiter zurückliegenden Werken über Platon und Proklus um wahre Prunkstücke altphilologischer Gelehrsamkeit handelt, schlankweg behauptet, er sei »mit keiner der positiven Wissenschaften vertraut, was für einen Philosophen immer ein recht erheblicher Mangel ist«. Überhaupt abgesprochen wird ihm philosophische Originalität. »Wie er früher ein unselbständiger Schüler Natorps war, so arbeitet er jetzt in der theoretischen Philosophie mit den Gedanken Husserls, in der praktischen mit denen Schelers.« Und von seinen philosophiehistorischen Publikationen heißt es, sie verrieten »keine philosophische Schulung« – angesichts des Platon-Buch, der Philosophie des deutschen Idealismus, der gewichtigen Äußerungen zu Aristoteles, zu Kant – um nur einiges zu nennen – ein starkes Stück. »Wir können uns daher nicht entschließen, ihn vorzuschlagen.« Als diese Stellungnahme am 1. März 1930 im Kultusministerium überreicht wurde, war Becker seit vier Wochen nicht mehr im Amt. Sein Nachfolger, Adolf Grimme (SPD), entschied sich für Heidegger. Möglicherweise schloss er sich damit bewusst dem modischen Trend an. Fest steht, dass er gehalten war, erst einmal die im preußischen Lehrkörper vorhandenen Potenzen auszuschöpfen. Cassirer lehrte als beamteter Hochschulprofessor in der Freien Hansestadt Hamburg, Schlick gar war, als Österreicher, nicht einmal Reichsbürger. Heidegger dagegen hatte, obwohl Badener und nun wieder in Freiburg, immerhin fünf Jahre lang, bis 1928, als Ordinarius in Marburg eine preu- ßische Beamtenstellung bekleidet, und um Vieles willkommener als Hartmann war er der Fakultät, obwohl sie ihn nicht zu verstehen zugab, ersichtlich allemal. Im Mai wiederholte sie den Vorschlag Cassirer, Grimme hielt an Heidegger fest, inzwischen in der Frankfurter Zeitung von Hermann Herrigel, für den unter den lebenden Denkern kein anderer auch nur in Betracht kam, deswegen begeistert gerühmt. Aber Heidegger machte allen einen Strich durch die Rechnung. Bedacht auf Pflege seines Hinterwäldler-Images, wollte er von Berlin gar nichts wissen. So, wie er später, 1933, nach seinem Beitritt zur NSDAP als »der Führer der deutschen Philosophie« zum zweiten Mal nach Berlin gerufen, seine erneute Absage mit dem »treu bedächtigen Kopfschütteln« eines von ihm um Rat gefragten greisen schwäbischen Bauern und mit dem, »was die Wälder und Berge und Bauernhöfe sagen«, begründen sollte, gerade so 789Zur Lebensgeschichte entschloss er sich bereits 1930, im Juli, auf dem so genannten Karlsruher Kongress, als Alemanne »an seiner Schale haften zu bleiben«. Erst da griff Grimme auf den ursprünglichen Vorschlag, auf den seines Amtsvorgängers Becker zurück. Von November 1930 an verhandelte Berlin mit Hartmann. Der nahm den Ruf schließlich an, nicht ohne vorher dafür gesorgt zu haben, dass seine Nachfolge in Köln Freund Heimsoeth antrat, dem es danach verlangte, aus Königsberg in seine Vaterstadt heimzukehren. IX Am 21. Januar 1931 wurde Nicolai Hartmann zum ordentlichen Professor für Philosophie an der Berliner Universität und zum Direktor ihres philosophischen Seminars ernannt. Der preußische Kultusminister verpflichtete ihn, in jedem Semester mindestens eine private – d. h. aus Kolleggeldern der Studierenden zu bezahlende – sowie alle zwei Jahre eine öffentliche Vorlesung zu halten und außerdem sein Lehramt auch in Übungen angemessen wahrzunehmen. Die Vorlesungsverzeichnisse der Universität von Sommersemester 1931 bis zum Wintersemester 1944/1945 geben immer drei von Hartmann bestrittene Lehrveranstaltungen, mit wechselnder, aber zyklisch wiederkehrender Thematik, an, darunter pro Woche eine vierstündige Vorlesung und zwei zweistündige Seminarübungen. Der Geschichtsphilosophie war 1931 die erste Vorlesung gewidmet, der Philosophie der Geschichte, also dem selben Thema, 1945 die letzte. In Marburg hatte Hartmann in einer bescheidenen Mietwohnung gelebt, in Köln ein kleines Haus am Stadtrand bewohnt und die Straßenbahn benutzt. 1931 zog er in eine etwas geräumigere Villa in Babelsberg, günstig gelegen im Hinblick auf naturwissenschaftliche Studien, denen sich zu widmen für seine Naturphilosophie noch nötig sein mochte. Auf ein Auto verzichtete er leichten Herzens nach wie vor – er blieb passionierter Radfahrer und Fußgänger –, und den Weg zur Universität legte er viermal wöchentlich in der zwischen Babelsberg und dem Bahnhof Friedrichstraße verkehrenden Stadtbahn zurück. Nach dem Aufstehen, dem Frühstück, dem mittäglichen Morgenspaziergang zur S-Bahn-Station pflegte er im Zug letzte Hand an sein Vorlesungsmanuskript zu legen. Seine Kollegs fanden am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag jeweils zwischen 13:00 Uhr und 14:00 Uhr statt. Jeden Freitag schlossen sich Sprechstunde und Seminarübung im Gebäude Universitätsstraße 3b an. Ein Privatissimum hatte meist, anhand der Urtexte, Platon oder Aristoteles zum Gegenstand. 790 Teil III: Varianten Die Lehrveranstaltungen wurden in der Regel nur spärlich besucht, es sei denn, das Thema Ethik, alle paar Jahre wieder, belebte den Zulauf vorübergehend. Derselbe Hörsaal in der Dorotheen-, der heutigen Clara-Zetkin-Straße war überfüllt, wenn der weniger bedeutende, aber viel bekanntere Eduard Spranger mittwochs und sonnabends in den Morgenstunden las. In den Jahren der Herrschaft Hitlers marschierten die faschistisch Eingestellten zu Alfred Bäumler, der 1933 Spranger, gegen dessen vergeblichen Protest und mit der Folge seines zeitweiligen Fortgangs nach Japan, als Direktor des Pädagogischen Seminars vor die Nase gesetzt worden war. Von Spranger fühlten sich, über den Kreis der Pädagogik- und Philosophiestudenten hinaus, heimliche Opponenten des Regimes angezogen, die im Humanitätsgedanken der bürgerlichen Klassik Stärkung gegen den Ungeist der braunen Barbarei suchten. War der Hang zu innerer Emigration religiös getönt, so bevorzugten die Betreffenden die an privater Stätte gehaltenen Vorträge Romano Guardinis. Dem hatte 1929 Kultusminister Becker, unabhängig von der Theologischen Fakultät und an ihr vorbei, bei den Philosophen eine ständige Gastprofessur für katholische Weltanschauung erkämpft, Guardinis berühmt gewordene Frage, was das denn sei, mit der ebenso berühmten Auskunft beantwortend, das müsse er selber wissen. Neben diesen drei Stars blieb in Berlin Nicolai Hartmann, außer bei den wenigen Hörern, die Philosophie im Hauptfach studierten, ein Geheimtipp unter solchen Intellektuellen, denen eine Vorliebe für höchst abstraktes Problemwälzen eigentümlich war oder die bewusst nach streng fachphilosophischer Information strebten. Zu ihnen gesellten sich Damen, die der Mann faszinierte, der, nach einem Bonmot Jürgen Fehlings, wie »Hegel, von Hans Albers gespielt« aussah und den ein schlimmer Ruf attraktiv machte. Politische Beweggründe, welcher Richtung auch immer, waren bei dem Interesse an ihm nicht im Spiel. Jeweils winzige Minoritäten der Spranger-, der Guardini- und auch der Bäumler-Hörer gaben in seinen Lehrveranstaltungen sich ein Stelldichein, quer durch die – sehr innerbürgerlichen – Fronten zerstritten wegen der Frage, ob von ihm oder ob von Heidegger zuverlässigere Belehrung über das »Sein des Seienden« zu beziehen sei. Der eigentliche Antipode eben war immer nur im Geist am Ort. Leibhaftig doziert er in Freiburg. Gab in der Berliner Universitätsstraße ein Schüler Heideggers sich als solcher zu erkennen, so erklärte Hartmann, gramzerfurchten Gesichts, ihm, wie schade es um die kostbare Zeit sei, die er bisher vergeudet habe. Begehrte, umgekehrt, ein 791Zur Lebensgeschichte Student aus Berlin in Freiburg Einlass ins philosophische Seminar, dann begrüßte Heidegger, noch boshafter, den Neuankömmling freudig mit den Worten: »Von Nicolai Hartmann kommen Sie? Dann bringen Sie eine ausgezeichnete Grundlage mit. Und nun beginnen wir mit der Philosophie.« Dabei brauchte auch die Entscheidung für Heidegger keineswegs politisch motiviert zu sein. Die Sensation seiner Rektoratsrede, von 1933, verflog bald. Seine Lehre, schwerer zu fassen als die Hartmanns, erweckte den Eindruck von mehr Tiefe. Sie enthielt die Erleuchtung, auf wissenschaftliche Kenntnisse käme es nicht an. Statt das »Sein« zu erschließen, verstellten die es nur. In Berlin war das unbequemere Gegenteil zu vernehmen. Aus diesen Gründen vor allem galt Heidegger als so schick. Nazi wurde man durch ihn nicht ohne weiteres. Man musste es bereits sein, um aus seiner »vorlaufenden Entschlossenheit zum Tode« einen zur Waffen-SS rufenden Appell herauszuhören. Andernfalls hielt man die aus dem individuellen Endlichkeitsbewusstsein zu gewinnende »Eigentlichkeit« menschlichen Daseins für eine interessanter klingende Lesart der altbekannten – und ja nicht falschen – Maxime: »Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben.« War jemandem existenzialphilosophisches Wichtignehmen und Eigentlichfinden von Tod und Todesangst freilich in der Universitätsstraße anzumerken, so musste er gewärtig sein, dass Hartmann ihn, mit steinern werdendem Blick aus hellgrauen Augen, im Tonfall eines baltischen Barons anherrschte: »Sie haben zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges doch auch schon nicht existiert. War das nun so schlimm?« Für kurze Zeit gab es einen weiteren Gegenspieler am Ort – aber auch solider als Heidegger und deswegen weniger beachtet: Heinrich Maier. Von ihm lagen gewichtige Werke über Sokrates, über die Syllogistik des Aristoteles, über Kant vor, der erste Band einer groß angelegten Philosophie der Wirklichkeit und manches mehr. Er betrieb Kategorienforschung. Er war vertraut mit den Lehren Losskis, die in Deutschland bekannt zu machen er sich bemüht hatte. In der Fakultät war die Ablehnung Hartmanns von Maier mit formuliert worden; ob in seinem Fall aus Unkenntnis oder nicht vielmehr aus zu genauer Kenntnis, die, bei vielfacher thematischer Nähe, ihn die übermächtige Konkurrenz eines hochtalentierten Jüngeren befürchten ließ, der ihn obendrein einmal rezensiert hatte, wird kaum je zu klären sein. Maier starb, sechsundsechzig Jahre alt, im November 1933. Den Nachruf der Akademie auf ihn verfasste Spranger. Hartmann rühmte, fünf Jahre später, die enorme Spannweite von Maiers systematischem Schaffen 792 Teil III: Varianten und bekannte, daraus eine »hochinteressante« Anregung empfangen zu haben: Die den Pragmatismus umkehrende Erkenntnis, dass »wahr nur ist, was in dem (…) Gesamtprozess der Erfahrung sich theoretisch und praktisch bewährt«. Aus den letzten Kölner Seminarübungen ging in Hartmanns Berliner Jahren zunächst das Buch Das Problem des geistigen Seins, mit dem Untertitel Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, hervor, das endgültig die Legitimität auch seiner Troeltsch-Nachfolge bewies. Vollendet im August 1932, erschien es zur Frühjahrsmesse 1933. Dann endlich kam, im Rückgriff auf die Kölner ontologischen und naturphilosophischen Manuskripte, das lange geplante, sorgfältig vorbereitete Hauptwerk an die Reihe. Zwischen dem Beginn der Nazizeit und dem Anfang des Zweiten Weltkriegs ist es in drei Bänden auf den Markt gelangt: 1935 Zur Grundlegung der Ontologie, enthaltend die vier Untersuchungen über das Seiende als Seiendes, über Dasein und Sosein, über die Gegebenheit der Realität und über das ideale Sein; 1938 die Modalanalyse, überschrieben Möglichkeit und Wirklichkeit, im Vorwort deklariert als das Kernstück der Ontologie, das aus dem Verhältnis, welches die Modi im Zuge des Weltgeschehens miteinander eingehen, den »Innenaspekt des Realseins als solchen« gewinnt; und 1940 der Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre, der unter dem anspruchsvollen Obertitel Der Aufbau der realen Welt zugleich das Schichtenkonzept entwickelt. Unmittelbar danach ging es an die zweite, definitive Niederschrift der Philosophie der Natur. Abriss der speziellen Kategorienlehre. 1943 war sie abgeschlossen. Als ihr Teil war ursprünglich eine Kategorialanalyse der Finalität gedacht gewesen. Weil deren Problemhorizont über den der Naturkategorien aber hinauswuchs, löste Hartmann sie aus diesem Zusammenhang heraus, um sie in einer gesonderten Schrift, Teleologisches Denken, abzuhandeln, die dann im Oktober 1944 fertig war. Die Bedingungen der Verlagsarbeit während der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahren ließen eine Drucklegung des riesigen Manuskripts der Naturphilosophie vorläufig nicht zu. Mit einem vom September 1949 datierten Vorwort ist das Buch erst 1950, ein halbes Jahr vor dem Tode seines Verfassers, herausgekommen. Teleologisches Denken hätte leicht vorher gedruckt werden können, sollte aber nach seinem Wunsch erst auf die spezielle Kategorienlehre folgen. So wurde es 1951 aus dem Nachlass heraus ge geben. 24 Kapitel Studien zur Logik, von 1931 bis 1944 sporadisch nebenher zu 793Zur Lebensgeschichte Papier gebracht, gingen durch Kriegseinwirkung 1945 zusammen mit weiteren Manuskripten unwiederbringlich verloren.2 Zwischen den großen Werken sind in der Berliner Zeit außer der Schrift Teleologisches Denken noch mehrere andere Arbeiten geringeren Umfangs entstanden: Nach den Beiträgen zum Gedenken Hegels, 1931, namentlich die Aufsätze Sinngebung und Sinnerfüllung, Zeitlichkeit und Substantialität und Naturphilosophie und An thro po lo gie, sämtlich zuerst veröffentlicht in den von Heimsoeth geleiteten Blättern für deutsche Philosophie, sowie Abhandlungen über die Megariker, Platon, Aristoteles und Hegel, die fast alle gesondert als Sitzungsberichte der Preußischen Akademie der Wissenschaften erschienen. In den letztgenannten Arbeiten ist das historische Interesse ganz dem systematischen untergeordnet, weit stärker noch als in den frühen, dem Marburger Neukantianismus Tribut zollenden Werken über die Vorsokratiker, Platon und Proklus und anders als in der zweibändigen Philosophie des deutschen Idealismus, die, gemäß dem Gesamtplan einer auf acht Bände angelegten philosophiegeschichtlichen Kollektivarbeit für den Verlag, nur einführen, nur eine brauchbare Handhabe für den Lernenden bieten will. Begründet wird das allein auf kritische Auswertung des überlieferten Gedankenmaterials abzielende Herangehen an das Erbe in der Akademie-Abhandlung Der philosophische Gedanke und seine Geschichte (1936), die zugleich die Argumentation des ersten einschlägigen Aufsatzes, von 1909, wieder aufnimmt und weiterführt. Auf Auswertung hin angelegt ist auch besagte Würdigung von Heinrich Maiers Beitrag zur Bewältigung des Kategorienproblems (1938). Abgerundet wurden die philosophiehistorischen Schriften noch kurz nach dem Kriege, 1946, durch die in Göttingen gehaltene Festrede zum 300. Geburtstag von Leibniz, die dann erweitert als Artikel erschien. Zu Beginn der Berliner Zeit erhielt Hartmann die Aufforderung, zu dem Sammelband Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestaltern, den als Herausgeber der Greifswalder Ordinarius Hermann Schwarz vorbereitete, eine systematische Selbstdarstellung beizusteuern. Der Beitrag kam als Teil des Bandes 1933 fast gleichzeitig mit dem Problem des geistigen Seins heraus. Er skizziert eine Auslese von Grundgedanken der damals noch unveröffentlichten großen Ontologie. Eine weitere Gelegenheit, den ei- 2 (AH) Hierzu: Hartmann, Nicolai: Selbstdarstellung, in: Ziegenfuß, Werner; Jung, Gertrud (Hrsg.): Philosophen-Lexikon. Handwörterbuch der Philosophie nach Personen, 1. Band A-K, Berlin, 1949, S. 468 f. Einige Zitate aus dem Unterkapitel wurden wiedergegeben. 794 Teil III: Varianten genen Standpunkt zusammenfassend darzulegen, bot die von Ferdinand Weinhandl betreute Philosophische Gemeinschaftsarbeit deutscher Geisteswissenschaften. Hartmann übernahm die Aufgabe, in ihrem Rahmen 1942 den Sammelband Systematische Philosophie, mit Beiträgen von Gehlen, Rothacker, Bollnow, Wein, Heimsoeth und ihm selbst, zu edieren. In gedrängter Form gibt er darin unter der Überschrift Neue Wege der Ontologie auf 110 Seiten seine Auffassungen namentlich über ontologische, erkenntnistheoretische und anthropologischen Grundfragen wieder. Seine dritte – und letzte – Selbstdarstellung hat er nach dem Kriege für den ersten Band (A bis K) des von Werner Ziegenfuß herausgegebenen Philosophenlexikons geschrieben (1949). Sie beginnt mit der einzigen autobiographischen Mitteilung, die er jemals veröffentlicht hat, einem Absatz von nur 25 Zeilen, und ist wichtig besonders deswegen, weil sie auf zwei Seiten wenigstens ein knappes Konzentrat der tragenden Grundgedanken des verloren gegangenen Logikmanuskripts darbietet. Aufschlussreich ist ferner ihre Gliederung, die es erlaubt, dem – etwa bei Hugo Dingler und Eduard May, aber auch bei Lukács anzutreffenden – Missverständnis entgegenzutreten, dass die Philosophie der Natur als Bestandsstück der Ontologie zu gelten habe. Einen Gesprächspartner, wie er ihn in Scheler besessen, hat Hartmann nie wieder gefunden. Der einzige, der es in Berlin allenfalls, dank der Universalität der eigenen Fragestellungen, hätte werden können, H. Maier, war in der Situation des persönlichen Kennenlernen zu hinfällig und bald darauf nicht mehr am Leben. Die übrigen Philosophen am Ort standen entweder, wie Spranger, dem ontologischen Anliegen desinteressiert gegenüber oder waren, wie Hermann Wein und andere Assistenten, unselbständige Anfänger ohne Format. Zu einseitig begrenzt auf biologische Probleme blieb, bei weitgehender Übereinstimmung im Sachlichen, der Gedankenaustausch mit dem langjährigen Freunde Max Hartmann (kein Verwandter!), der Mitglied des Dahlemer Instituts für Biologie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war und, wenngleich sechs Jahre älter, sich als aufblickenden Schüler seines philosophierenden Namensvetters sah. Auch Kontakte mit dem in mancher Hinsicht gleich gesinnten Grundlagenforscher Eduard May dürften, falls sie in Berlin noch zu Stande gekommen sein sollten, unter zu beschränkter Gemeinsamkeit der Interessengebiete gelitten haben. Kühle Distanz wurde zu Bäumler gewahrt, Guardini als gänzlich unergiebig empfunden. Einsam gerade in seiner Vielseitigkeit und durch sie, bewegte dergestalt der größte lebende Denker des Kontinents – einzig Whitehead in England, den er nicht las und 795Zur Lebensgeschichte der von ihm keine Notiz nahm, hätte an Spannweite mit ihm noch sich messen können – sich vierzehn Jahre lang in der deutschen Hauptstadt ohne nennenswerten unmittelbaren Ideenverkehr zwischen Schreibtisch, Fernrohr und Streichquartett, zwischen Familie, Lehrveranstaltung und Semesterbraut, »immer in Liebe und immer in Pro blemen«, dem Zeitgeschehen möglichst ausweichend. Hatte er, zur Zeit der Bombennächte, in der Universitätsstraße Luftschutzwache zu halten, dann bestellte er sich dorthin den einen oder anderen ihn interessierenden Studenten zum Gespräch unter vier Augen, jedes Mal um Mitternacht abbrechend, um auch hier bis zum Morgengrauen sich dem Niederschreiben des vielen noch Ungesagten widmen zu können. Sorgfältig verfolgte er, was es an philosophischen Neuerscheinungen gab. Fast nichts davon fand er lohnend. Klammert man von seinen eigenen Ergebnissen erheblich beeinflusste Arbeiten anderer aus, wie die Publikationen von Max Hartmann oder Eduard Mays Am Abgrund des Relativismus, sieht man auch ab von der Aufmerksamkeit, die er dem Schaffen alter persönlicher Freunde, wie Sesemann u. a., schenkte, zieht man lediglich das in Betracht, was ihn zu fesseln, ihm etwas zu geben vermochte, so bleiben eigentlich nur zwei Werke aus der damaligen Zeit übrig, von denen sich zweifelsfrei behaupten lässt, dass sie ihm Hochachtung abgenötigt haben: Die aus dem Nachlass herausgegebenen Bände II und III von Heinrich Maiers Philosophie der Wirklichkeit (1934/1935) und Arnold Gehlens Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt (1940). An Maier berührte Hartmann die dem eigenen Anliegen wesensverwandte Intention. In ihm entdeckte er einen Ontologen, der ein »ungeheures Material positiven Wissens« verarbeitet hatte, bei dem »alle Forschungsgebiete der Natur- und Geisteswissenschaften« zu Worte kommen, »nicht nur in ihrer letzten Phase, sondern ebenso sehr auch in ihrer reichen Geschichte«. Durch Gehlen aber fühlte er sich produktiv herausgefordert. Denn das von ihm entworfene Menschenbild, herausgearbeitet in polemischer Auseinandersetzung mit dem philosophisch-anthropologischen Versuch des ganz späten Scheler, stellte – unbewusst, ungewollt – auch das Schichtenkonzept des Aufbaus der realen Welt in Frage, und das im selben Moment, in dem dieses Werk erschien. Ein Jahr lang hat Hartmann mit Gehlens Untersuchungen und Befunden zugebracht, ehe er dazu ansetzte, sie in den Blättern für deutsche Philosophie zu besprechen, und auch da noch wollte ihm scheinen, die Zeit habe nicht gereicht, damit zurechtzukommen. »Der Gegenstand ist abgründig«, schrieb er, »die Probleme haben es in sich – man 796 Teil III: Varianten geht ihnen nach, man verfolgt sie ein Stück weit anhand einer meisterlich Führung und verliert sich in ihren Tiefen.« Mit der Rezension schuf er das vielleicht eindrucksvollste Dokument seiner wissenschaftlichen Objektivität, seiner wach gebliebenen Bereitschaft, umzudenken, seiner Fähigkeit, selbst einem aktuellen Widersacher aus der jüngeren Generation aufbauende Kritik angedeihen zu lassen, ja, von ihm zu lernen. Die anthropologische Problematik hörte nun nicht mehr auf, ihn zu beschäftigen. Während er die Philosophie der Natur und Teleologisches Denken zum Abschluss brachte, behielt er sie fortwährend im Hinterkopf. Den Sammelband Systematische Philosophie ließ er Gehlen mit der Abhandlung Zur Systematik der An thro po lo gie eröffnen, und Naturphilosophie und An thro po lo gie heißt der letzte Aufsatz, den er selbst, 1944, während seiner Berliner Periode veröffentlicht hat. Gegen Ende seines Lebens, in Göttingen, war Hartmann überzeugt, dass die philosophische Forschung der nächsten Zukunft die Ontologie bei Seite setzen werde, um sich hauptsächlich in die Ergründung des Menschenwesens zu vertiefen. Gehlen hat ihm das schlecht gedankt. Zu dem Gedenkband für den Toten lieferte er eine ziemlich kaltschnäuzige Polemik gegen dessen »Cartesianismus«. Heimsoeth und Heiß, als Herausgeber, verweigerten aus Pietätsrücksichten den Abdruck. Doch den Schichtungsgedanken, den er da als »cartesianisch« attackiert, hatte Gehlen zwölf Jahre zuvor durch das einschlägige Kapitel des eigenen Hauptwerks ein für alle Mal erledigt geglaubt. Auf der Stelle aber war dem vermeintlich zur Strecke gebrachten Konzept, mit Argumenten, die er für widerlegt hielt, im Aufbau der realen Welt zum Weiterleben verholfen worden. Und auch der Sammelband Systematische Philosophie hatte daran nichts geändert. Hartmann gibt darin, in dem Beitrag Neue Wege der Ontologie, das Konzept nicht preis, das Gehlen in dem seinen schonend übergeht. Es ist danach nicht auszuschließen, dass Hartmann, nur zu erfahren in solchen Dingen, der späten Rache eines so ergiebigen, lehrreichen Gegners, hätte er um sie noch wissen können, mehr Verständnis entgegengebracht haben würde als die ihn betrauernden Freunde. Weniger aus Großmut als dem »Erkenntnisprogress« zuliebe, dessen bisweilen antithetisch oszillierende Struktur ihm geläufig war, hätte er es vielleicht fertig gebracht, auch einmal menschlicher Unanständigkeit »einen Rest haltbaren Sinnes abzugewinnen«, wie eine häufig bei ihm wiederkehrende Redewendung lautete. 797Zur Lebensgeschichte X Ein Jahr bevor Hartmann sein Studium in Marburg aufnahm, war auf Initiative Hans Vaihingers die Kant-Gesellschaft gegründet worden. Ihr beizutreten, verstand sich für einen Schüler Cohens und Natorps von selbst. Auch verbilligte es den Bezug der Kantstudien und vergrößerte die Chance, in dem renommierten, seit 1896 erscheinenden Organ gedruckt zu werden. Nachdem Hartmann 1922 in Marburg die Nachfolge Natoprs angetreten hatte, reiste er Ende des Jahres nach Berlin, um vor den dortigen Mitgliedern der Gesellschaft einem Vortrag zu halten, der sich in die Vorbereitungen zum 200. Geburtstag Kants einfügte. In erweiterter Fassung ist er 1924 unter dem Titel Diesseits von Idealismus und Realismus. Ein Beitrag zur Scheidung des Geschichtlichen und Übergeschichtlichen in der Kantischen Philosophie veröffentlicht worden. Schon bald nach ihrer Gründung genügte die Gesellschaft etlichen deutschen Denkern nicht mehr. In dem Maße, wie der Neukantianismus seine dominierende Rolle einbüßte, fanden sie es anachronistisch, sich immer noch unter dem Banner Kants zu vereinigen. Den konservativen Gesinnten war sie auch zu liberal, den Nationalisten zu weltbürgerlich. Mitten im Krieg, 1917, gründete man in Weimar die Deutsche Philosophische Gesellschaft. Sie sollte »den Ideengehalt und die Geschichte der deutschen Philosophie im weitesten Sinne ergründen, stetig weiterbilden und für das Leben der Gegenwart fruchtbar machen«. Namentlich durch ihren Vorgesetzten, Bruno Bauch, mit der Kant-Gesellschaft personell eng verflochten, erhob sie gleichwohl den Anspruch, nunmehr allen – bürgerlichen – Richtungen im zeitgenössischen Denken des deutschsprachigen Raums ein gemeinsames Dach zu bieten. In Weimar hatte sie ihren Sitz – Bauch lehrte im benachbarten Jena –, und ihre Geschäftsstelle befand sich in Berlin. Die von der neuen Gesellschaft herausgegebene Vierteljahreszeitschrift trug zuerst den Namen Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus und wurde 1927 in Blätter für deutsche Philosophie umbenannt. Bei der Übernahme des Marburger Ordinariats ist Hartmann Mitglied auch dieser Gesellschaft geworden. Auf ihrer nächstfälligen Tagung, in Weimar 1923, hielt er den Vortrag Aristoteles und Hegel. Aus seiner Berufung nach Berlin ergab sich fast automatisch, dass er 1931 in ihren Vorstand gewählt wurde. Dem Inhaber desjenigen Lehrstuhls in der Reichshauptstadt, an dem einst Fichte und Hegel gewirkt hatten, stand das zu. Etwa zur gleichen Zeit trat er dem neu gegründeten Internationalen Hegelbund bei. Er half den ersten Hegel-Kongress, der im November 1931 in Berlin stattfand, vorbe- 798 Teil III: Varianten reiten und durchführen und trat auf ihm mit einem umstrittenen Referat auf, das er in erweiterter, endgültiger Fassung unter dem Titel Hegel und das Problem der Realdialektik, erst 1935 in den Blättern für deutsche Philosophie veröffentlicht hat. Eine der Aktivitäten der Deutschen Philosophischen Gesellschaft bestand darin, dass sie die Teilnahme ihrer namhaften Mitglieder an internationalen Fachveranstaltungen unterstützte und organisierte. Von Köln aus reiste so Hartmann 1926 in die USA, wo er auf dem VI. Internationalen Philosophenkongress, den als Gastgeber die Har vard- Universität in Cambridge (Massachusetts) ausrichtete, einen Vortrag Über die Stellung der ästhetischen Werte im Reich der Werte überhaupt hielt. Auf dem VII. Kongress, 1930 in der britischen Universitätsstadt Oxford, referierte er über Kategorien der Geschichte. Der VIII. Kongress tagte 1936 in Prag, Hartmanns Vortragsthema lautete: Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart. Auf dem deutschen Philosophenkongress, 1947 in Garmisch-Partenkirchen, behandelte er Ziele und Wege der Kategorialanalyse. Seine letzte Auslandsreise unternahm er 1949 nach Argentinien, um in Mendoza auf dem ersten Congreso Nacional de Filosofia mit zwei Beiträgen aufzuwarten: Über Alte und neue Ontologie und Über das Ethos der Persönlichkeit. Von hochgradigem politischen Interesse ist die Rolle, die er auf dem VIII. Internationalen Kongress spielte. Es war der erste nach der faschistischen Machtergreifung in Deutschland, der letzte vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Er fand statt im Jahr der Berliner Olympiade, das die Nazis, sehr vorübergehend, besorgt zeigte, vor der Weltöffentlichkeit keinen allzu schlechten Eindruck zu erwecken, zumal sie sich soeben, mit der Besetzung des Rheinlands, eines weiteren völkerrechtlichen Vertragsbruchs schuldig gemacht hatten. Hartmann, nunmehr der führende Philosoph in Hitlers Metropole und Vorstandsmitglied der »gleichgeschalteten« Deutschen Philosophischen Gesellschaft, reiste in die Hauptstadt einer bürgerlich-demokratisch regierten Republik. Deren Präsident war seit kurzem Eduard Benesch, der Gründer und der leitende Staatsmann der Kleinen Entente. Unter diesen Umständen sich über ein zentrales Thema der Ethik mit Bezug auf die Gegenwart auszulassen, war brisant. Und von niemandem war das Thema vorgeschrieben worden. Führt man sich, all dies bedenkend, den Text seines damaligen Vortrags vor Augen, so sieht es zunächst so aus, als erschöpfe sich der, sinngemäß, in der zeitenthobenen Mitteilung, man müsse die platonisierende Werttheorie, wie die Ethik, von 1926, sie darbietet, doch wohl um Nuancen dahingehend berichtigen, dass »jede Tugend (…) 799Zur Lebensgeschichte ihre Relativität auf die Artung der Lebenslage« habe und dass darin sowohl die »ethische Mannigfaltigkeit des Guten« wie auch »die Inhaltslosigkeit eines bloß allgemeinen Prinzips« liege. Dann aber stößt man auf zwei Sätze, die es, situationsbedingt, in sich haben: »Wie der Einsatz des Lebens nicht wertvoll ist, wo nicht Gefahr droht, wie die Selbstbeherrschung leeres Getue ist, wo keine Leidenschaften sind, so ist auch in einem Sklavenmilieu der Bürgersinn sinnwidrig, in einem parlamentarischen Staate der blinde Gehorsam. Der Wert des einen wie des anderen bleibt bestehen, er findet nur keinen Spielraum; die Bedingungen seiner Realisation sind nicht gegeben.« Die Beispiele ließen, im Bedarfsfall, sich als rein beiläufig gewählt ausgeben. Doch wer, damals, genau hinhörte, konnte ihnen die tief resignierte Bitte entnehmen, gegenüber den mit dem Sklavenmilieu des Hitlerreichs sich arrangierenden Liberalen Nachsicht zu üben, wenn sie, statt Bürgersinn an den Tag zu legen, nur noch kuschten. Mehr zu sagen wagte Hartmann nicht. Er kuschte selbst, und er war sich dessen voll bewusst, machte sich und anderen darüber nichts vor. Weder in Prag 1936 noch bei sonstigen Gelegenheiten, die ausländischen Kollegen mündlichen Gedankenaustausch mit ihm ermöglichten, hat es an Versuchen gefehlt, ihn zu Stellungnahmen gegen die Praktiken der Nazis zu bewegen. Er hatte das beharrlich abgelehnt, und zwar jedes Mal mit derselben kurzen Begründung: »Ich bin Beamter. Maßnahmen meiner Regierung zu kritisieren steht mir nicht zu.« Nach den Bestimmungen des faschistischen Gesetzes über die »Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« war genau diese Antwort korrekt, nicht weniger, aber auch nicht um einen Deut mehr. Noch in den fünfziger Jahren erinnerten manche seiner liberal gesinnten Gesprächspartner aus dem Ausland sich daran, wie sehr sein Verhalten sie seinerzeit verblüfft habe und wie lächerlich sie es gefunden hätten, dass wiederum er, ohne zu weiterer Erläuterung sich bereit zu zeigen, über ihr Erstaunen befremdet gewesen sei. Durch Jürgen von Kempski ist dies 1954 glaubwürdig berichtet worden. Die zitierte Stelle des Prager Referats liefert den von ihnen vermissten Kommentar. Daheim, im Seminar, konnte Hartmann sich über den Wert der Loyalität auslassen und diese dabei, wie folgt, begrifflich umgrenzen: »Loyal sein, heißt das tun, was verlangt wird. Es heißt nicht, das tun, was nicht verlangt wird. Hingabe ist etwas ganz, ganz anderes.« Über Aktuelles schwieg er, scheinbar, auch da. Loyal befolgte er, beispielsweise, die Vorschrift, jede Vorlesung mit dem Hitlergruß zu eröffnen. Während er zum Katheter schritt, machte er mit angewinkelten Arm kurz die segnende Handbewegung 800 Teil III: Varianten eines Priesters, etwas vor sich hin murmelnd, das keiner hörte, um dann flüsternd mit dem Kolleg zu beginnen. Bedauerte jemand, dass seine ersten Sätze nie zu verstehen seien, so wurde er belehrt, dies sei die beste Methode, den Hörsaal schnell zur Ruhe zu bringen. »Im Übrigen bietet der Anfang nichts von Belang. Das Sein ist, wie in der Hegelschen Logik, noch identisch mit dem Nichts.« Eine derartige Haltung war nicht dazu angetan, dem Regime zu gefallen. Sie brauchte es aber auch nicht zu stören. Antifaschisten empfanden sie als Ausdruck eines ruchlosen Indifferentismus. Ein zum Militär eingezogener Schüler, der im Hinterland der Ostfront Dienst getan hatte, öffnete Hartmann über die dort geschehenen Gräuel, begangen auch von der Wehrmacht, nicht nur von der SS, im November 1942 die Augen und klärte ihn über den an den Juden im Gang befindlichen Genozid auf, den selbst viele Liberale in der Heimat nicht wahrhaben wollten. Er erhielt die Antwort: »Mein Wertempfinden reagiert auf dergleichen natürlich in ganz bestimmter Weise. Aber als Problem ist ein solcher Krieg mit seinen Schrecken mir zu speziell. Wenn Sie mich fragen würden, ob die Weltgeschichte, im Ganzen gesehen, einen Sinn habe, so beträfe das mein Fach. Dafür bin ich zuständig. Ich würde sagen: wahrscheinlich nein. Aber dieser Krieg? Als Problem viel zu speziell. Außerdem steht es mir als Beamten nicht zu usw.« Die Äußerung ist bezeichnend. Sie darf nicht unerwähnt bleiben, soll der Umstand historisch gerecht bewertet werden, dass in den Archiven der Humboldt-Universität von Hartmann keine öffentlich abgelegten Bekenntnisses zum Nationalsozialismus vorliegen, wohl aber von Spranger. Dessen Haltung war, wenn auch widerspruchsvoll und inkonsequent, die eines in der aktuellen Situation Partei ergreifenden Menschen. In Japan hielt Spranger, obwohl von dem durch ihn sich hoch geehrt fühlenden Staat auf Händen getragen, es vor Heimweh nicht lange aus. Zurückgekehrt, machte er mit dem Hitlerregime seinen Frieden, nachdem ihm zugestanden worden war, ihm Bevormundung durch Bäumler zu ersparen, der nun ein eigenes, neu gegründetes »Institut für politische Pädagogik« erhielt. Spranger hat seine Lehrtätigkeit sehr bewusst zu einem zähen, geschickten Kampf gegen die faschistische Ideologie genutzt. Gegen ihren Einfluss besonders künftige Lehrer geistig zu wappnen, das war ihm heilig ernst. An oppositionellen Anspielungen ließ er es in kaum einer Vorlesung fehlen. Nichtsdestoweniger wünschte er Deutschland den Sieg, in der Illusion befangen, dass danach die Naziherrschaft, weil überflüssig, 801Zur Lebensgeschichte verschwinden oder sich grundlegend wandeln werde. In dem Maße, wie ihm, von 1943 an, die Gewissheit der Niederlage klar wurde, leistete er, in der Mittwochsgesellschaft, den Verschwörern des 20. Juli Beistand, in der Absicht, den Krieg möglichst abkürzen zu helfen, damit das Morden und Zerstören aufhöre. Von der Gestapo nach dem Scheitern des Attentats verhaftet, wäre er gewiss hingerichtet worden, hätte nicht der japanische Botschafter für ihn interveniert. Bewährt als ein Mann des Widerstandes, amtierte er 1945/1946 als der erste Nachkriegsrektor der Berliner Universität. All das wäre in Hartmanns Biographie unvorstellbar. Der ließ »in ganz bestimmter Weise« sein Wertempfinden reagieren, blieb aber ansonsten vollständig beherrscht von dem »sacro egoismo« des großen Gelehrten, der das Ausreifen und die Vollendung seines Lebenswerks vor störenden Zudringlichkeiten jeglicher Tagespolitik verwahrt. In der Mittwochsgesellschaft hätte er sich nie blicken lassen. Es war ja schlimm genug, dass Fakultätssitzungen ihm Zeit raubten. Er fühlte sich auch keineswegs bemüßigt, humanes Gedankenerbe gegen nazistischen Ungeist zu mobilisieren. Das mochte ein Nebenerfolg seiner Lehrveranstaltungen sein. Sie zielten nicht darauf ab. In ihnen ging es um die Fortarbeit an perennierenden Problemen. Beschränkte seine Anpassung hier sich darauf, dass er statt Cohen nur noch »die klügeren Neukantianer« sagte und statt Husserl »die Brentanoschule«, kaum anders, als er, Natorp zu gefallen, einst latinisierend »Plato« statt »Platon« geschrieben hatte, so schien ihn an der Nazi-Ideologie gleichwohl zu interessieren, ob nicht auch ihr, neben »zu Speziellem« von der Art des »Dolchstoßes« und der »Schmach von Versailles«, sich philosophisch ein »Rest haltbaren Sinnes abgewinnen« ließe. Es sah so aus, oder er tat so, als fände er ihn – in der Rassentheorie. Verdienstvollerweise habe die einen lange ignorierten Geschichtsfaktor entdeckt, meinte er anerkennend. Deren Verfechter sahen sich allerdings zugleich enttäuscht durch seine Einschränkung, dass die neue Errungenschaft nun maßlos überschätzt und übertrieben werde, weshalb die »neue Ontologie« darauf bestehe, aller rassischen Besonderung das allgemeine Wesen des Menschen vorzuordnen, wie Plessner und Gehlen es sähen. War Gehlen Nazi, Plessner antifaschistischer Emigrant – desto besser. Denn das wiederum sprach für eine allgemeine Wahrheit, diesseits weltanschaulicher und politischer »Besonderungen«. So war, so dachte Nicolai Hartmann. In Sprangers Vokabular existierte das Wort »Rasse« nicht. Er beschwor die Humanitätsidee Wilhelm von Humboldts, und die gab für 802 Teil III: Varianten Hartmann »systematisch nichts her«. »Aus der Gesamtsituation des neuen Deutschlands«, heißt es 1941 im ersten Absatz seiner Gehlen-Rezension, sei eine »gewaltige Fülle« von »brennenden Fragen der Völker- und Rassenkunde aufgestiegen, deren Diskussion im vollen Gange ist, für die es aber immer noch an einer Grundlage philosophischer Behandlung mangelt. Denn so steht es einmal: Alle Differenzierung menschlich-völkischer Ortung setzt irgendeine Grundvorstellung vom Wesen des Menschen überhaupt voraus, und ohne diese schwebt alle Besonderheit und Arteigenheit in der Luft.« Von da geht es, ohne dass die Humanität unmittelbar ins Spiel käme, stracks zu auf Phantasie, Sprache und Denken, auf Organprimitivismen, Reizüberflutung, Instinktreduktion usw. Nannte Hartmann, mit faschistischen Gräueltaten konfrontiert, diese »als Problem zu speziell«, so bedient er sich, natürlich, einer Ausflucht, um weder für politisch-moralisches Engagement beansprucht zu werden noch auf Provokationen von Spitzeln hereinzufallen. Doch abgesehen davon, dass diese Formel sich ebenso gut zum Abwimmeln faschistischer Vereinnahmung gebrauchen ließ, entspricht sie haargenau auch seinen philosophischen Konzeptionen, seiner Art zu denken, seiner Arbeitsweise. In der Tat hätte er der Mit- und Nachwelt weit weniger zu geben vermocht, als von ihm vorliegt, wäre er je dem Reiz des »zu Speziellen«, der für ihn selbst von seinem ungeheuren Wissensvorrat ausging, erlegen. Allenthalben sehen wir ihn daher gegen diese Versuchung ankämpfen. Er präsentiert möglichst nicht seine Quellen, er lässt sich nicht auf ins Einzelne gehende Polemiken ein, fügt seinen Büchern weder Anmerkungsapparate noch Register bei, hält in der Ästhetik die Analyse konkreter Kunstwerke, in der Naturphilosophie die Diskussion einzelwissenschaftlicher Grundlagenfragen so knapp, wie es irgend geht, will aus der Ethik alle kasuistischen Erwägungen verbannt wissen. Und überliefert ist, dass er seine philosophiehistorischen Aufzeichnungen und Experte verbrannt hat, um durch sie nicht abgelenkt zu werden. Auch vor diesem Hintergrund ist seine Beziehung zur Politik zu sehen. Dass er sich zu ihr im Grunde durchaus nicht gleichgültig verhielt, das eben war, so betrachtet, bedrohlich für ihn. Es lag darin eine Gefahr, vor der er die eigene Arbeit, mitsamt dem Durchdenken des Grundsätzlichen an Staat und Geschichte, schützen musste. Und er schützte sie dergestalt, ob mit Hilfe von Ausflüchten oder ohne sie, nicht erst in der 803Zur Lebensgeschichte Nazizeit, nicht erst im Zweiten, sondern schon im Ersten Weltkrieg, wie die Heimsoeth-Korrespondenz beweist, ja, im Grunde schon in Petersburg 1905. Er sympathisierte mit der ersten russischen Revolution – und entfernte sich von ihr nach Marburg. Er beurteilte 1914 bis 1918, ohne es an tätiger Parteinahme für die deutsche Seite fehlen zu lassen, das Kräfteverhältnis der einander bekämpfenden Mächte ziemlich realistisch – und schwieg sich öffentlich über eins wie das andere aus. Die plausibelste Erklärung hierfür ist, dass er sich da bereits ganz »dem Eigenleben des philosophischen Gedankens«, in dem er »Glied und Sprosse« zu sein glaubte, aufsparen wollte. Nicht zuletzt daher seine Verachtung für die Kriegstraktate Schelers. Arbeitete er selbst an einer Publikation – und er musste, anders als Scheler, Kraft und Zeit dafür anstrengendem Militärdienst abringen –, dann kam eine fachphilosophische Rezension zu Stande, etwa über Heinrich Maiers Sokrates.3 Seine Haltung in der Nazizeit setzt also, bei aller Camouflage, zugleich mit Konsequenz sowohl die wissenschaftliche Selbstbeschränkung aufs Prinzipielle wie auch den Zustand, »immer in Liebe und immer in Problemen« zu sein, aus den der vorliegenden Perioden miterlebter, miterlittener europäischer Geschichte fort. Ganz anders Spranger. Der konnte, wie es Hartmann an Heimsoeth vorkam, auch ohne Philosophie leben, ja, »vielleicht besser als damit«, und nicht ungestraft hatte er Bücher über Wilhelm von Humboldt verfasst. Dieser Gegenstand macht für Tagespolitik verführbar. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Philosophischen Gesellschaft befand Hartmann nach der faschistischen Usurpation der Macht sich hier in überwiegend schlechter Umgebung. Der Vorsitzende, Bruno Bauch, war seit eh und je extremer Nationalist gewesen. Von 1933 an gehörten außer ihm Leute wie Julius Binder, Hans Freyer, Felix Krüger, Erich Rothacker und Max Wundt diesem Gremium an, lauter Rechtskonservative oder überzeugte Nazis, ja, sogar der Rassenfanatiker Hans F. K. Günther, der obendrein über seinen Sohn die in Steglitz gelegene Geschäftsstelle manipuliert zu haben scheint. Dasjenige frischgebackene NSDAP-Mitglied, das wohl auf Hartmanns Fürsprache hin in den Vorstand kooptiert worden sein dürfte und unter dessen kollektiver Mitwirkung fortan die Blätter für deutsche Philosophie herausgab, hieß Heinz Heimsoeth. Hat der allein oder hat Hartmann durch ihn »Schlimmeres verhütet«? Ein reines Naziorgan wurde die Zeitschrift jedenfalls nicht. Im Gegenteil, ihre annähernde 3 (AH) Gemeint ist: Maier, Heinrich: Sokrates. Sein Werk und seine geschichtliche Stellung, Tübingen, 1913. 804 Teil III: Varianten Monopolstellung nach 1933 erweiterte den Kreis ihrer Mitarbeiter ein wenig zum Besseren hin, während, via »Gleichschaltung«, die Zusammensetzung des Vorstandes sich verschlechtert hatte. Mindestens einmal, 1935, hat Hartmann, gedeckt von Heimsoeth, sich in den Spalten der Blätter für deutsche Philosophie Erstaunliches herausgenommen. In dem Aufsatz Hegel und das Problem der Realdialektik, der erweiterten und veränderten Fassung seines Kongressvortrages von 1931, führt er jene Unterscheidung zwischen »reeller« und »unreeller« Dialektik ein, auf die später, in den sechziger Jahren, noch der alte Lukács, im Kapitel Hegels falsche und echte Ontologie, zurückgreifen sollte. Unreell ist nach Hartmann, zum Beispiel, die Dialektik des »Seins und des Nichts«, mit der die Hegelsche Logik anhebt, höchst reell dagegen neben der Dialektik der Strafe, aus der Rechtsphilosophie, die in der Phänomenologie anzutreffende des Verhältnisses von Herr und Knecht. Und dazu steht bei ihm zu lesen: »Aktualität und Wirkung sind hier womöglich noch größer, wenn man erwägt, dass die Marxsche Theorie des Klassenkampfes aus ihr hervor gewachsen ist. Da diese Theorie mit der Entwicklung der sozialen Verhältnisse bis auf unsere Zeit aufs Innigste verknüpft ist, so lässt sich sagen, dass jene Dialektik auf dem Umwege über sie die Umgestaltung des wirtschaftlichen und politischen Lebens sehr wesentlich bestimmt hat. Das eine wie das andere lässt sich nur verstehen, wenn man den Charakter der Realdialektik darin Ernst nimmt. Und das bedeutet, dass der Anspruch Hegels, in der logischen Entwicklung eine Selbstbewegung der Sache selbst zum Ausdruck zu bringen, in diesen Fällen ein gerechtfertigter ist. Einseitiges Dienen und Herrschen ist ein in sich selbst unstabiles Verhältnis; es hat die Tendenz in sich, sich aufzuheben und in ein anderes Verhältnis überzugehen.« Eben dieses »andere Verhältnis« heißt Kommunismus bei Marx. Man fragt sich: Sollten Binder, Rothacker und Freyer das übersehen haben? Oder waren sie praktisch aus der Beaufsichtigung der Redaktion ausgeschaltet? Oder hielt Taktgefühl sie zurück, einen renommierten Kollegen zu bevormunden? Oder war 1935 noch möglich, was es späterhin nicht mehr gewesen wäre? Hans F. K. Günther wird sich gehütet haben, in Sachen Hegel mitzureden. Doch in Sachen »der Mensch« dünkte Rassen-Günther sich kompetent wie keiner. Und 1940/1941 standen der Überfall auf die Sow jet uni on und der Vollzug des von der Wannseekonferenz Beschlossenen auf 805Zur Lebensgeschichte der Tagesordnung. Die Judensterne wurden obligatorisch, die Städel liquidiert, die Todesfabriken von Auschwitz, Majdanek und Treblinka in Gang gesetzt. Es war, vergleichbar der simultanen Humanisierung des Mythos in den Josephsromanen Thomas Manns eine große Tat, wenn just in dieser Situation der erzkonservative Arnold Gehlen, Mitglied der NSDAP, mit den profunden Untersuchungen seines Hauptwerks den Rassismus ein für alle Mal aus der An thro po lo gie hinaus manövrierte, sehr zum Ärger seiner Nazioberen bis hinauf zu Alfred Rosenberg. Und es gereicht Hartmann zu hoher Ehre, dass er in den Blättern für deutsche Philosophie, den Rassen-Günther direkt im Visier, Gehlen hierbei Schützenhilfe leistete, fast unter Selbstverleugnung den Angriff auf das Schichtenkonzept, einen zentralen Gedanken der eigenen Ontologie, hinnehmend. Spranger mochte zwei Jahre danach in der Mittwochsgesellschaft mehr riskieren. Weil sein Risiko nicht die Gestalt wissenschaftlicher Leistung annahm, schlug es für die Zukunft weniger zu Buche.4 Rühmlich bleibt es gleichwohl auch. XI So war Eduard Spranger: In seiner Schaffenskraft durch die erlittene Gestapohaft wie gelähmt, nervlich zermürbt auch von den sich häufenden Bombenangriffen auf Berlin, harrte er in Dahlem seit Dezember 1944 der Befreiung. Die Maitage 1945 erst rüttelten ihn auf. Er zeigte sich rührig als Aktivist der ersten Stunde. Mit Johannes R. Becher, Paul Wegener und Otto Winzer rief er auf zur Gründung des Kulturbundes, nahm teil an dessen Gründungsversammlung in der ehemaligen Villa Strauß, Cecilienallee.5 Es 4 (AH) 1949 hatte Harich mit Blick auf Goethe das Gegenteil vertreten. Dieser habe als Schriftsteller seine fortschrittlichen Positionen aufgegeben, aber als Politiker weiterhin im Sinn der Aufklärung gewirkt, was wichtiger gewesen wäre. Siehe: Harich: Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung, Band 6.1, S. 739–794. 5 (AH) Siehe zum Folgenden die verschiedenen autobiographischen Schilderungen Harichs, auf die bereits verwiesen wurde, abgedr. in Band 1.1. In dem autobiographischen Fragment Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin erinnerte sich Harich: »Im Mai/Juni 1945 erreichte ich es dann, dass Spranger sich dafür gewinnen ließ, bei der Gründung des Kulturbundes mitzuwirken. Ich vereinbarte eine in seiner Wohnung stattfindende Begegnung zwischen ihm und Becher, Erpenbeck und Willmann, der ich auch selbst beiwohnen durfte. Becher setzte Spranger in allen Details auseinander, worin er die Aufgaben und den Sinn des Kulturbundes sehe. Spranger sagte: ›Wenn Sie Kommunist sind, so muss ich Ihnen gleich sagen, dass ich mich zum dialektischen Materialismus schwerlich werde bekehren lassen. Aber das Programm des Kulturbundes, wie Sie es mir dargelegt haben, findet meine volle Zustimmung.‹ Das Gespräch kam dann auf die Gründung einer Zeit- 806 Teil III: Varianten erfolgte bald seine Ernennung zum Rektor. Geschäftig eilte er von einer Besprechung zu anderen. Als er, liberal-konservativ bis in die Knochen, das Fürchten bekam, die geliebte Alma mater könne, wie er es nannte, zur »kommunistischen Klippschule herabgewirtschaftet« werden, sprach er bei den Amerikanern vor, gewillt, mit ihnen gegen den ihm gar nicht geheuren Paul Wandel, den Präsidenten der Zentralverwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Mitglied des Zentralkomitees der KPD, zu intrigieren. 1946, zwei Jahre zu früh, schlug Spranger die Neugründung der Universität, als garantiert bürgerliche Bildungsstätte, in Dahlem vor. US-Offiziere, wohl noch aus der Roosevelt-Ära, mochten derlei Machenschaften nicht. Sie zeigten dem eigenmächtigen Politikus die kalte Schulter, veranlassten die »rein zufällige« Beschlagnahmung seiner Villa, wo man ihn zum Wohnen in den Keller verwies. Aus dieser Klemme erlöste ihn der rechte SPD-Führer Carlo Schmid, indem er ihm eine Berufung nach Tübingen, in die französische Zone, verschaffte. Und so war Nicolai Hartmann: So lange die S-Bahn verkehrte, kam er in der Universitäts- und der Dorotheenstraße seinen Lehrverpflichtungen nach. Philosophie der Geschichte bildete im Winter 1944/1945 den Gegenstand seiner Vorlesung, bis zum Fe bru ar. Da zerstörte ein Bombenangriff das Gebäude mit seinem und Sprangers Hörsaal. Unverdrossen suchte Hartmann einen anderen Raum. Es half nichts mehr. Auch die S-Bahn versagte nun ihren Dienst. So blieb ihm nur übrig, den weiteren Gang schrift des Kulturbundes. Spranger machte dazu eine Reihe interessanter Vorschläge, die später auch verwirklicht worden sind, und Becher unterbreitete, soweit ich weiß, zum ersten Mal den Vorschlag, dass diese Zeitschrift Aufbau heißen solle. Die Einberufung des Gründungsausschusses des Kulturbundes ist wenige Tage später gemeinsam von Johannes R. Becher, Eduard Spranger, Paul Wegener und Otto Winzer unterzeichnet worden. (Winzer war damals Leiter des Dezernats für Volksbildung beim Magistrat von Großberlin, jetzt ist er Erster Stellvertreter des Ministers und Staatssekretär im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.) Becher forderte mich dazu auf, an der Arbeit des Gründungsausschusses teilzunehmen und auf der ersten Kundgebung, mit der der Kulturbund vor die Öffentlichkeit treten sollte, als Sprecher der jungen antifaschistischen Intelligenz eine kurze Rede zu halten. (Der Text kommt in Band 1.3 zum Abdruck, AH.) Der Gründungsausschuss konstituierte sich in der Villa Strauß in Berlin-Dahlem, Cecilien-, jetzt Pacelli-Allee, und neben Becher, Spranger und Paul Wegener traten bei der Gründungssitzung Dr. Ferdinand Friedensburg von der CDU und Pfarrer Dilschneider besonders aktiv hervor. Auf der Gründungsversammlung im Großen Sendesaal des Funkhauses Masurenallee ergriffen u. a. Bernhard Kellermann, Paul Wegener, Johannes R. Becher und Pfarrer Dilschneider das Wort. Die Rede des gerade erkrankten Professor Spranger wurde von einem anderen Professor der Berliner Universität verlesen.« (Abgedr. in: Band 1.1, S. 139.) 807Zur Lebensgeschichte der Dinge in Babelsberg abzuwarten. Er setzte sich an den Schreibtisch und nahm die lange ersehnte Gelegenheit war, seine Ästhetik zu Papier zu bringen. Sie subsumiert das Erhabene dem Schönen. Sie analysiert die Wechselbeziehung von Lebenswahrheit und Schönheit. Sie fragt, worin in den darstellenden Künsten Wahrheit bestehen mag – und ob auch in der Musik, falls die Programmmusik ausgeklammert werde. Sie stellt die subtilsten Betrachtungen an über die Rolle der Grazie in der sinnlichen Phantasie, über das Sanfte und Süße, das Bezaubernde und den Liebreiz. Dem Komischen widmet sie an die fünfzig Seiten, davon drei der Differenzierung zwischen »herzloser und herzhafter Lustigkeit« und so fort. Frida Hartmann erinnert sich: »Er begann die Niederschrift am 9. März und schloss sie am 11. September ab. Es war die Zeit der Zerstörung Potsdams, der Einkreisung und Eroberung von Berlin, einer allgemeinen Hungersnot und Verwirrung. Die völlige Abschnürung begünstigte andererseits die konzentrierte Arbeit. Inmitten dieses Zusammenbruchs schrieb er Tag für Tag seine Seiten.« Tag für Tag, d. h., weil unbehelligt vom Lehrbetrieb und wohl auch wegen momentaner Stromsperren, nicht mehr ausschließlich in den Nächten. Friedenskundgebung des Kulturbundes in der  Deutschen Staatsoper (Admiralspalast) in Berlin, 1948 Kein Aktivist der ersten Stunde also. Und vom Geist der ersten Stunde ist allenfalls dort etwas zu verspüren, wo die Ästhetik eben noch verbotene Dichtung, so die Thomas 808 Teil III: Varianten Manns, aus der zeitgenössischen Literatur als Beispiel heranzieht (ohne den faschistisch kompromittierten Hamsun deswegen nun auszugrenzen)6. Im Ganzen stellt das Werk die Ausführung eines weit zurückreichenden, längst bis ins einzelne durchdachten Vorhabens dar. Die ästhetischen Reflexionen in den früheren Arbeiten, vom Seminarreferat des Marburger Studenten bis hin zur Philosophie der Natur, in der etwa der Realraum unter anderem auch vom Phantasieraum der Malerei und Bühnenkunst abgehoben wird, belegen es. In der Metaphysik der Erkenntnis und, deutlicher noch, in der Ethik begegnet uns bereits die Theorie der ästhetischen Werte. Ausschließlich ihr war der Vortrag an der Harvard-Universität gewidmet. Das im Problem des geistigen Seins über die Künste, über ihre »heraufreißende Kraft« Gesagte setzt sie voraus. 6 (AH) Der erste Artikel, den Harich am 24. November 1945 für den Kurier verfasste, hatte zum Gegenstand: Trauer um einen Lebenden. Gedanken zum Problem Knut Hamsun. Dort ist – ausgehend von der Frage: »Wie konnte Hamsun, der Dichter von Weltrang, dem Hitlerismus verfallen?« – zu lesen: »Wie Nietzsche dem selbst gebildeten Ideal des Übermenschen Wert und Sittlichkeit opfert, lässt Hamsun sich imponieren vom Reklamerummel und vom Kraftprotzentum des Nationalsozialismus. Weil er Künstler ist und nicht Philosoph, Erlebender und nicht Erkennender, blickt er nicht auf zum Ideal, sondern greift nach der bunten und lauten Wirklichkeit. Hier liegt die so schwer begreifliche gemeinsame Wurzel dieses gewaltigen Künstlertums und dieses furchtbaren politischen und moralischen Irrens. Es lag bei ihm eine bewusste Hingabe an die Barbarei vor, ein sinnliches Behagen an ihrer Brutalität. Hamsun ist nicht zu entschuldigen mit seiner nörglerischen Antipathie gegen England, auch nicht mit seinem Alter oder mit seiner neurasthenischen Seelenverfassung. Hamsun verschrieb sich der Täuschung als Wissender, als Genießer am Glanz des Satanischen. Der Hinweis auf die tumbe Instinktlosigkeit des Dichters, der immer ein wenig Narr, immer ein wenig ›reiner Tor‹ ist, entbehrt hier jeder Berechtigung. (…) Hamsun schreibt nicht unter dem Diktat eines inneren Dämons, für den die eigene Seele fast zu eng ist, sondern Hamsun ist durch und durch bewusster Gestalter. (…) Doch größer als unsere Abscheu ist unser Schmerz um Knut Hamsun. Wir trauern um einen Lebendigen. Eine Scheidung aber zu vollziehen, die nach Kompromiss schmeckt, hier der Dichter, den wir verehren, dort der politische Mensch, den wir verabscheuen, das wäre billig und trivial. Die politische Haltung lässt sich heute nicht mehr vom Menschen ablösen, im Dichter aber ist immer der ganze Mensch enthalten. Wir müssen uns davor hüten, Mensch, Haltung und Werk zu trennen. Wir müssen uns auch davor hüten, aus Sehnsucht nach Rehabilitation päpstlicher zu sein als der Papst. Wir müssen Hamsun als das nehmen, was er ist. Es würde nichts helfen, wenn wir ihn auf einen Index setzten. Er gehörte ja nicht zu denen, die ein chauvinistisches Aggressionsprogramm ideologisch fundierten und mit ›Kultur‹ verbrämten. Hamsun Werk ist ewig, ewig aber ist auch die Gefahr, die es birgt, die Gefahr der Suggestion durch die Entfesselung des Instinkts, die Gefahr des gelähmten Gewissens, die Gefahr der Apokalypse der Triebe. Vor dieser Gefahr warnen heißt Hamsun ehren und zugleich über ihn richten im Namen der Humanität.« (Neuabdr. in Band 1.3.) 809Zur Lebensgeschichte »Sie sollten Ihre ›Langsamkeit‹ nie beklagen«, hatte Heimsoeth im Oktober 1916 dem damals an der Front stehenden Freund geschrieben, »sie ist der Ausdruck der inneren Lebensenergie, die Ihnen alles Innerlich-Große ermöglicht, aus Ihnen selbst heraus, wo die ›leichtere Naturen‹ vom Winde hin- und hergerissen werden und kaum Halt finden. Das ist Ihr ›Glück‹: die starke, zähe und breite Natur.« Von der »Breite des Typus« hatte Hartmann selbst, in dem dies wohl anhaltend nachklang, dann in der Ethik gehandelt, desgleichen von der Einfachheit und Gediegenheit der »Persönlichkeit aus einem Guss«, deren äußeres Zeichen »ruhige Selbstverständlichkeit, das Fehlen allen Schwankens« sei. Mit ans Wunder grenzender Stärke bewährte dieser Charakterzug an ihm sich 1945. Die Entscheidung, nach Göttingen zu gehen, noch im September verwirklicht, steht dazu keineswegs im Widerspruch. Er zählte jetzt vierundsechzig Lenze. Das Schreiben dicker Bücher, das er eine »Tierquälerei« nannte, hatte ihn schwer mitgenommen. Vernichtet waren seine Studien zur Logik, und noch gab er die Hoffnung nicht auf, sie aus dem Gedächtnis ungefähr wiederherstellen zu können. Schon lange trug er sich mit der Absicht, das Alter in einer kleineren Universitätsstadt zu verbringen, am besten in einer, welche die Vorzüge der Marburger Idylle mit Rigas Nähe zum Meer der Kindheit, zur Ostsee, verband. Doch in Schutt und Asche lag Rostock. Greifswald hätte bis ans Grab fruchtlosen Streit mit Günther Jacoby und Hans Pichler bedeutet; drei greise Ontologen waren für eine Kleinstadt entschieden zu viel. Und weder Rostock noch Greifswald riefen. Nichts Anziehendes hatte Berlin mehr: Eine in Trümmern liegende Weltstadt, seit Juni aufgeteilt in Sektoren, gemeinsam regiert von den vier Siegermächten, zwischen denen sich, rund um den Erdball wie am Ort selbst, unverkennbar Konfliktstoffe anhäuften; Babelsberg dabei eingeklemmt zwischen dem amerikanischen Sektor und der nur noch melancholisch stimmenden Ruinenwüste Potsdams. All dies war das letzte, was Hartmann sich als Wirkungs- und Heimstätte für den eigenen Lebensrest gewünscht hätte. Trotzdem wäre er geblieben, hätten ihn an Berlin, bei klar definierter Loyalitätsbindung, noch übernommene Verpflichtungen gefesselt. Von beidem konnte keine Rede sein. Es war umstritten, wem die – noch geschlossene – Universität nach ihrer Wiedereröffnung unterstehen sollte. Unumstritten war, dass es den Partner seines Beamtenvertrages, den preußischen Staat, faktisch nicht mehr gab und dass er demnächst auch Rechtens zu bestehen aufhören werde. Fest stand ebenfalls, dass bis auf Weiteres Phi- 810 Teil III: Varianten losophiestudenten an der Berliner Universität nicht mehr ausgebildet werden durften; die Alliierte Kommandantur untersagte es. Erst die DDR hat darin Wandel geschaffen, indem im Jahr ihrer Gründung ihre Regierung die Wissenschaftliche Aspirantur für Philosophie einrichtete und zwei Jahre danach auch das reguläre Philosophiestudium wieder zuließ. Hartmann hätte in Berlin sein Gehalt bekommen. Er hätte Kollegs und Seminarübungen abhalten dürfen, wie Jacoby in Greifswald, wie Menzer in Halle, wie Linke, Johannsen und Bense in Jena, wie in Berlin Liselotte Richter. Aber die Hörer wären nicht mehr Studenten seines Faches gewesen. Ohne darüber gekränkt zu sein – Verständnis hatte er für den Sinn des Kommandanturbefehls durchaus –, begab er, aller 1931 eingegangenen Verpflichtungen ledig, sich an einen Ort, der ihm eine für das eigene Schaffen zuträglichere Atmosphäre bot, als Berlin sie ihm auf nicht abzusehende Zeit hätte bieten können. Nach genau fünfzehn Jahren, zum 31. Dezember 1945, schied er aus dem Lehrkörper der früheren Friedrich-Wilhelms-, jetzigen Humboldt-Universität wieder aus. Als im Jahr darauf die ehemals Preußische als Deutsche Akademie der Wissenschaften neu gegründet wurde, blieb er – bis an sein Lebensende – ihr ordentliches Mitglied. Im Gründungsjahr der DDR schlug die Akademie ihn zur Auszeichnung mit dem Nationalpreis für Wissenschaft und Technik vor. Seit September 1945 lebte er in Niemetal-Ellershausen, ganz in der Nähe von Göttingen, das er bequem mit dem Fahrrad erreichen konnte. Die damals kaum 50.000 Einwohner zählende Stadt, mit ihren schönen alten Kirchen, ihrem an Fachwerkbauten reichen Kern, war fast unversehrt geblieben. Sie gehörte zur britischen Besatzungszone und war in ihr Teil des Landes Niedersachsen, das zu der Zeit einer deutschen Regierung noch entbehrte; erst 1946 ist diese in Hannover unter dem Ministerpräsidenten Hinrich Kopf (SPD) gebildet worden. Die Universität öffnete, wie die in Berlin, zum Wintersemester wieder ihre Pforten. Ein reguläres Philosophiestudium aufzunehmen, war auch an ihr noch nicht möglich. Es ist erst später, nach individueller Überprüfung der hierfür zuständigen Dozenten durch die Besatzungsmacht, zugelassen worden. Aber Vorlesungen halten durfte Hartmann bereits. Er las zuerst über Ästhetik, anhand des neuen Manuskripts, das er bei dieser Gelegenheit nochmals durcharbeitete, um es dann, wie es seine Gewohnheit war, eine Weile liegen zu lassen. 811Zur Lebensgeschichte 1946 wurde er von der niedersächsischen Landesregierung als beamteter Ordinarius fest angestellt. In der Forschung wandte er sich zunächst Leibniz, aus Anlass seines bevorstehenden dreihundertsten Geburtstages, zu. Anfang Juli hielt er in Göttingen, auf einer gemeinsamen Veranstaltung von Akademie und Universität, die Festrede, die er danach zu dem Aufsatz Leibniz als Metaphysiker erweiterte. Als im selben Jahr das türkische Felsefe Arkivi aus Istanbul ihn um seine Mitarbeit bat, überließ er ihm zum Abdruck ein bis dahin noch unveröffentlichtes Manuskript von 1940, Neue Ontologie in Deutschland. Die Arbeit entsprach nicht mehr vollständig seinen Auffassungen, die sich hinsichtlich einzelner Fragen inzwischen allmählich gewandelt hatten. Es ist aufschlussreich, sie unter diesem Gesichtspunkt sowohl mit den kleineren Schriften von 1944 als auch mit den letzten großen Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und zur Ethik zu vergleichen, die in der Göttinger Zeit neu entstanden sind. Dasselbe gilt für die Einführung in die Philosophie. Hier handelt es sich um die überarbeitete Nachschrift einer Vorlesung aus dem Sommersemester 1949, bei der Hartmann sich an alte Manuskripte gehalten hat, ohne neue Einsichten, zu denen er gelangt war, einzuflechten. Diese treten zu Tage in zwei Vorträgen, die er im September 1947 auf dem Philosophenkongress in Garmisch-Partenkirchen bzw. im April 1949 auf einer Veranstaltung der Münchner Kant-Gesellschaft hielt. Der eine trug ursprünglich den Titel Heutige Aufgaben der theoretischen Philosophie und wurde dann zu der Abhandlung Ziele und Wege der Kategorialanalyse erweitert. Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie heißt der andere. In beiden wird, um hier nur die belangreichste neue Nuance anzudeuten, das feste Apriori aus der Metaphysik der Erkenntnis fallen gelassen. Von beiden sind die endgültigen Versionen erst 1955 aus dem Nachlass veröffentlicht worden. Die sehr allmähliche Preisgabe des »idealen Ansichseins« der ethischen Werte, sich ankündigend in dem Prager Vortrag von 1936, weiter vorangeschritten in der aus dem Jahre 1944 stammenden Berliner Akademieabhandlung über Aristoteles, Die Wertdimensionen der Nikomachischen Ethik, reifte in Göttingen zu ihrer relativ konsequentesten Formulierung. Sie findet sich in dem 1949 fertig gestellten Aufsatz Vom Wesen sittlicher Forderungen, der bis zu seiner postumen Erstveröffentlichung, 1955, gänzlich unbekannt blieb. Neue Ansätze, die über den systematischen Ertrag dieser wichtigen drei Spätwerke noch hätten hinausführen können, hat Hermann Wein, kurz vor dem eigenen Tod, in den Dokumentationen und Notationen mitgeteilt, die er für die Festschrift zum hundertsten Geburtstage seines Lehrers (1982) beisteuerte. 812 Teil III: Varianten Neben der Vorlesungstätigkeit widmete Hartmann sich zwischen 1946 und 1949 ferner der Abfassung seiner dritten Selbstdarstellung, für das Ziegenfußsche Philosophenlexikon, der Vorbereitung von Neuauflagen der Metaphysik der Erkenntnis, der Ethik und des Problems des geistigen Seins sowie der Fahnenkorrektur seiner Philosophie der Natur. Hinzu kam 1949 die Beteiligung an dem ersten argentinischen Philosophenkongress in Mendoza. Die Selbstdarstellung, erschienen im selben Jahr, macht darauf aufmerksam, dass eine Rekonstruktion der verbrannten 24 Kapitel Studien zur Logik nicht mehr möglich sei.7 Dennoch klammerte ihr Verfasser sich an die Hoffnung, seine – nachlassende – Schaffenskraft werde wenigstens dazu ausreichen, den hauptsächlichen Inhalt seiner Logikkonzeption noch einmal im Zusammenhang darzustellen. Die Erfahrung mit der Vorlesungsnachschrift seiner Einführung in die Philosophie, die er, in der von dem Studenten Karl Auerbach bearbeiteten Kurzfassung, selbst nur noch hatte durchsehen und zu genehmigen brauchen, ermutigte ihn dazu, mit seiner Logik einen ähnlichen Versuch zu wagen. In dieser Absicht begann er im Sommersemester 1950 ein Logikkolleg, zu dem er, sukzessive, die einzelnen Vorlesungen jeweils neu ausarbeitete. Ein paar Schüler schrieben sie außerdem mit. Ging alles gut, so konnte ein Buch von ca. 600 Seiten Umfang daraus werden. Daneben aber lief seit dem Frühjahr die zweite, nunmehr für den Druck bestimmte Niederschriften der Ästhetik, und die besaß Vorrang. In den erkenntnistheoretischen Ausführungen des späten Hartmann werden gewisse neue Akzente durch seinen direkten Angriff auf den Positivismus gesetzt. Faktisch hatte er zu dieser Richtung zwar schon immer in Gegensatz gestanden. Mehrfach hatte er sie auch unmittelbar bekämpft. Aber nur selten, ausnahmsweise, war sie von ihm bei Namen genannt worden. In der Philosophie der Natur, die der verheerenden Auswirkung des Positivismus auf das philosophische Denken moderner Physiker entgegentritt, sowie in den letzten gnoseologischen Äußerungen, besonders in dem Münchener Vortrag, aus dem Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie hervorgegangen ist, ändert sich das. Dieser Umstand war nicht dazu angetan, für die berufliche und private Kommunikation mit berühmten Gelehrten, die seit 1946 in Göttingen am Max-Planck-Institut für 7 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Selbstdarstellung, in: Ziegenfuß, Werner; Jung, Gertrud (Hrsg.): Philosophen-Lexikon. Handwörterbuch der Philosophie nach Personen, 1. Band A-K, Berlin, 1949, S. 468. 813Zur Lebensgeschichte Physik und Astrophysik wirkten, wie Born, Heisenberg, C. F. v. Weizsäcker u. a., eine günstigere Atmosphäre zu schaffen. Noch 1978 hat Weizsäcker sich dazu bekannt, in seinen Göttinger Jahren Hartmann, aus Verärgerung über dessen naturphilosophische Ansichten, namentlich über seinen Raum-Zeit-Auffassung und sein Kausalitätsverständnis, geschnitten zu haben. Hartmann seinerseits mied den Umgang mit den theoretischen Physikern am Ort, nicht weil er fürchtete, ihrer fachlichen Argumentation nicht gewachsen zu sein – er kannte die nur zu gut –, sondern weil es ihn emotional unnötig belastet hätte, die mit ihr unbelehrbar verknüpfte Philosophie, die er als den Gipfel an Ignoranz und Dummheit empfand, gesprächsweise zerpflücken zu müssen. Dazu war er nicht mehr jung genug. Kontroversen Dialog hatte er früher gebraucht, um daraus, zur Erhärtung oder auch zur Korrektur des eigenen Standpunkts, Belehrung zu schöpfen. Doch immer wieder hatte es hierbei kommunikative Probleme gegeben. Er war ein von ungeheuer starken Leidenschaften erfüllter und bewegter Mensch. Meist freilich wusste er sich im Meinungsstreit zu zügeln. Zum Gentleman hatten ihn Elternhaus und Schule erzogen. Zu Liberalität und Toleranz verpflichtete ihn sein philosophischer Standort, zum Streben nach Weisheit sein Beruf. Prinzip war es ihm, selbst vorwiegend unsinnigen Theorien noch »einen Rest haltbaren Sinnes abzugewinnen«. Aber plötzlich konnten, gereizt durch die Hartnäckigkeit irgendeiner theoretisch für überwunden gehaltenen Verirrung, ihm die Nerven durchgehen, und dann ließ er sich gegenüber Freunden, Kollegen, Diskussionspartnern, Schülern zu verletzenden Schroffheiten hinreißen. Viele, die ihn kannten, darunter Menschen, um die er aus Interesse an ihrer abweichenden Meinung förmlich geworben hatte, hielten ihn seiner cholerischen Anwandlungen wegen für unberechenbar oder litten unter seiner gelegentlichen Neigung zu eiskalter Ironie. Ohnmachtsanfälle kamen in seinen Seminaren vor. Religiöse Gemüter erschauerten. Jungen Existenzialisten und Positivisten zitterten die Knie. Die neukantianische These zum Beispiel, dass in der Erkenntnis der Gegenstand erst erzeugt werde, konnte er schneidend abfertigen mit den Worten: »Ich stehe hier vor Ihnen. Sie erkennen mich doch. Wollen Sie behaupten, Sie hätten mich erzeugt? Da könnten Sie aber sehr stolz sein!« Im Alter wurde es aus Gesundheitsrücksichten für ihn zu einer Frage der Selbsterhaltung, vor diesem Wesenszug seiner Natur auf der Hut zu sein. Er kostete ihn zu viel Kraft. In Göttingen ging er milde und nachgiebig mit seinen Schülern um, und dem Verkehr 814 Teil III: Varianten mit Andersdenkenden, zumal wenn sie von Rang und Namen waren, wich er aus. Seine Distanz zu den bedeutenden Physikern am Ort gehört hierher. Auf dem Papier ist er ihnen, ohne sie namentlich anzusprechen, nichts schuldig geblieben. Sie hätten auf dem Papier erwidern können, wären sie ihm gewachsen gewesen. Sie taten es nicht. Sie zogen es vor, ihn einfach zu übersehen. Angemessene argumentative Auseinandersetzung eines Positivisten mit Hartmanns Philosophie hat es noch nie und nirgends gegeben. Bei dem anderen Zug seines Wesens, »immer in Liebe und immer in Problemen« zu sein, sollte es bis zur letzten Minute bleiben. Man schrieb den Frühherbst 1950. Die Arbeiten zur Vollendung der Ästhetik, die Bemühungen um Rettung des substantiellen Gehalts der Logik waren im vollen Gang. Da begegnete Hartmann eines Tages, mit dem Fahrrad unterwegs, einer seiner Studentinnen, die in derselben Richtung zu Fuß ging. Er bot dem Mädchen an, sich von ihm mitnehmen zu lassen. Sie stieg auf. Er wollte, mit ihr, wieder losfahren. Doch die Anstrengung des Antretens überforderte ihn. Mit einem Herzinfarkt brach er zusammen. Er starb so, im 69. Lebensjahr, zu Göttingen am 9. Oktober 1950. Die erste Hälfte des Jahrhunderts war abgelaufen. Die zweite hat einen deutschen Denker seines Ranges nicht mehr gekannt.8 Auf seinem Schreibtisch lag die zweite Niederschrift der Ästhetik, von der ein Drittel, bis zu der Zwischenüberschrift Die Ideen der Dichtung im zwölften Kapitel, fertig geworden war. Der Rest des Werks, Druckseiten 182 bis 476, liegt seither nur in der ersten, 1945 in Babelsberg entstandenen Niederschrift vor. Erst nach der älteren postumen Schrift, Teleologisches Denken (1951), ist es 1953 von Frida Hartmann aus dem Nachlass herausgegeben worden. Aus den Notizen zu dem angefangenen Logikkolleg und aus dessen Schülermitschriften ließ sich nichts mehr machen. Das Wort von Ernst Troeltsch hatte sich auch an seinem Berliner Nachfolger bestätigt: »Wenn man an die letzten Hauptsachen kommt, pflegt das menschliche Leben nicht mehr auszureichen, und nahezu jeder scheidet von einem Torso.« In Vorbereitung befand sich, als Hartmann verschied, die Festschrift zu seinem Siebzigsten Geburtstag, betreut von Heinz Heimsoeth und von Robert Heiß, dessen Buch Der Gang der Geistes Gegenstand seiner letzten Rezension gewesen war. Die Festschrift wandelte sich zum Gedenkband. Er erschien 1952: Nicolai Hartmann. Der Denker und 8 (AH) Die letzten beiden Sätze hatte Harich handschriftlich getilgt. 815Zur Lebensgeschichte sein Werk. Enthalten ist darin auch die Gedenkrede, die Joseph Klein bei der Trauerfeier in der Aula der Göttinger Universität gehalten hat.

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Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.