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Exkurs über Lenin und Linke in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 773 - 774

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-773

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
773 Exkurs über Lenin und Linke PF: Hat Hartmann Lenins Materialismus und Empiriokritizismus gekannt? WH: Da er die russische Sprache beherrschte, wäre er früher als andere im Stande gewesen, das Werk zu lesen. Aber weder vom russischen Original noch von der 1927 erschienenen deutschen Übersetzung gab es in seiner Bibliothek ein Exemplar. Und wenn man den Auskünften Frida Hartmanns Glauben schenken darf, hat er nie eine Zeile von Lenin zur Kenntnis genommen. PF: Im Gegensatz zu Paul F. Linke, einem nichtmarxistischen Philosophen der DDR aus deren Anfangszeit. Schon vor 1933 hatte Linke einmal in Jena Seminarübungen über Materialismus und Empiriokritizismus gehalten. WH: Ich habe den alten Linke noch gekannt, und auch in Gesprächen mit mir hat er sich darauf gern berufen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass jene Übungen dazu angetan gewesen sind, Lenin als Philosophen in allzu günstiges Licht zu stellen. Linke hat schließlich die Widerspiegelungstheorie bekämpft, mit phänomenologischen Einwänden, und zwar am nachdrücklichsten gegen Nicolai Hartmann, der daraufhin zu ihrer Verteidigung das neue Kapitel 10, in die zweiter Auflage seiner Metaphysik der Erkenntnis aufnahm. Vergleichen Sie es einmal mit Linkes einschlägigem Aufsatz Bild und Erkenntnis, auf den das Kapitel repliziert! Sie werden sich leicht davon überzeugen, dass in der strittigen Frage Hartmann, ohne es zu wissen, mit Lenin überein stimmt und dass beide in Linke einen gemeinsamen Widersacher haben. Diese Kontroverse spielte sich 1925 ab. Eines Besseren besonnen hat Linke sich zeitlebens nicht. Wie kann er da irgendwann zwischen 1927 und 1933 Materialismus und Empiriokritizismus gutgeheißen haben? Er las das Werk, muss es aber zumindest in dem einen wesentlichen Punkt abgelehnt haben, in dem Hartmann ihm am meisten konform geht. PF: Konform, ohne dass er es kennen würde? WH: Wenn Hartmann Mach und Avenarius, die ihm gänzlich konträr sind, namentlich nirgends erwähnt, wenn er auf den Positivismus, so entschieden er ihn verwirft, immer nur ganz am Rande eingeht, so spricht das dagegen, dass er Materialismus und Empiriokritizismus jemals gelesen hat, es unterstreicht die von seiner Witwe erteilte Auskunft. PF: Im analogen Fall seines Verhaltens zu Feuerbach vermuten Sie, dass auf diese Weise die Spuren der eigenen geistigen Herkunft verwischt werden sollten. Übereinstimmung mit Lenin ließ Vorsicht in noch stärkerem Maße als angebracht erscheinen. WH: Dahingehende Spekulationen sind weder zu beweisen noch zu widerlegen. Feuerbach-Kenntnis muss bei Hartmann angesichts seines Bildungsgangs als selbstver- 774 Teil III: Varianten ständlich vorausgesetzt werden, Kenntnis Lenins nicht; die Ferne zur Arbeiterbewegung, der russischen wie der deutschen, macht sie relativ unwahrscheinlicher. Fest steht dagegen für mich, dass Lenin sowie die übrigen russischen Marxisten, vor ihm und nach ihm, auf der einen und Hartmann auf der anderen Seite gemeinsame geistige Vorfahren besaßen: In den russischen revolutionären Demokraten, angefangen von Belinski bis hin zu den Schülern Tschernyschewskis, den Schelgunow, Berwi-Flerowski und Antonowitsch. Mit Positivismus vertrug deren Hegel-Feuerbach-Synthese sich nicht ohne weiteres.

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Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.