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Georg Lukács und Nicolai Hartmann in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 761 - 772

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-761

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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761 Georg Lukács und Nicolai Hartmann PF:1 Sie arbeiten an einem größeren Text über den Philosophen Nicolai Hartmann, der einmal Ihr Lehrer war. Ein 1983 in Sinn und Form abgedruckter Aufsatz – er behandelt Nicolai Hartmanns Beziehung zur russischen Philosophie – hat davon eine erste Probe gegeben. Inzwischen ist von Lukács’ Nachlasswerk Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins der erste Halbband erschienen. Darin findet man das Kapitel Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie. Mich interessiert, wie Sie es beurteilen. Ich darf dabei an eine jetzt über zehn Jahre zurückliegende Bemerkung von Ihnen anknüpfen. In der klassischen Literatur des Marxismus, so sagten Sie 1975 (in Kommunismus ohne Wachstum, AH), käme das Wort »Ontologie« zwar nicht vor, wohl aber die Sache. Sie fügten hinzu: »Der dialektische Materialismus ist seinem Wesen nach eine Ontologie, und kein Geringerer als Georg Lukács hat in seinen letzten Lebensjahren damit angefangen, sie konkret auszuarbeiten, nachdem übrigens ich ihn 1955 dazu angeregt hatte, sich mit den Werken Nicolai Hartmanns, mit dessen Ontologie, vertraut zu machen.« WH: Ja, so habe ich mich geäußert. PF: Befriedigt Sie nun das, was bei Lukács aus Ihrer Anregung geworden ist? Wie stehen Sie zu seiner Ontologie? Sind Sie mit seinen Ansichten über Nicolai Hartmann einverstanden? Oder werden Sie in dem einschlägigen eigenen Versuch zu wesentlich anderen Ergebnissen gelangen? Und halten Sie an Ihrer damaligen Auffassung des Verhältnisses von Marxismus und Ontologie heute noch fest? WH: Ich sehe die Rolle, die ich in diesem Zusammenhang seinerzeit gespielt habe, heute bescheidener als vor zehn Jahren. Und um das klarzustellen, muss ich mich zunächst in zwei Punkten berichtigen. Erstens kommt sogar das Wort »Ontologie« durchaus im klassischen marxistischen Schrifttum vor. Über die betreffenden Stellen hatte ich anscheinend hinweg gelesen, oder sie waren mir entfallen. Sie stehen bei Karl Marx, in seinen Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, von 1844, wo jedenfalls das Adjektiv »ontologisch« zweimal, und zwar als Gegenbegriff zu »anthropologisch«, gebraucht wird. PF: Für Lukács’ Entwicklung war gerade diese Marxsche Frühschrift ungeheuer wichtig. WH: Eben! Als Lukács 1930 im Moskauer Marx-Engels-Institut die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, erstmals vollständig entziffert, noch vor ihrer Veröffentlichung, 1 (AH) Alle Nachweise etc. in den Dialogen, in die der vorliegende Text an unterschiedlichen Stellen Eingang gefunden hat. 762 Teil III: Varianten kennen lernte, da brachen bei ihm, wie er selbst berichtet, alle idealistischen Vorteile von Geschichte und Klassenbewusstsein zusammen. Es ist also wahrscheinlich, es kann zumindest nicht ausgeschlossen werden, dass er, von da her, auch terminologisch längst darauf vorbereitet war, die Ontologie als etwas dem dialektischen Materialismus Konformes, Wesensverwandtes zu begreifen. Zweitens stellt sich mir jetzt, nachdem ich 1984 in Budapester Archivmaterial Einblick nehmen konnte, Lukács’ Annäherung an Nicolai Hartmann als ein komplizierter, sich durch Jahrzehnte hinziehender, lange Zeit unterbrochener, dabei großenteils unbewusster Prozess dar, dessen Anfänge bis in eine Zeit zurückreichen, in der ich noch ein Kind gewesen bin. PF: Was waren, nach Ihrer Meinung, die wichtigsten Stationen dieses Prozesses? WH: In den zwanziger Jahren wusste Lukács von Hartmann nichts. Im Oktober 1931 erlebte er ihn dann gleich persönlich, als Redner auf dem ersten Hegel-Kongress in Berlin, und schon da gefiel er ihm; seine Ausführungen sagten ihm zu. Mehr als zwanzig Jahre später hat Lukács, brieflich, mitgeteilt, dass namentlich Hartmanns »Tendenz zur Objektivität der Wirklichkeit«, auf die führende Neuhegelianer mit scharfen Angriffen reagiert hätten, ihm wohltuend aufgefallen sei. Davon angerührt, entschloss er sich, ihn zu lesen. Er las aber weder sein erkenntnistheoretischen Hauptwerk noch die Ethik. Das Kongressthema brachte es mit sich, dass er zuerst nach Hartmanns Hegel-Monographie, von 1929, griff, die so gut wie nichts von den erkenntnistheoretischen und ontologischen Ansichten ihres Verfassers offenbart, weil sie, als Auftragswerk, gemäß dem vom Verlag vorgegebenen Plan, Hegels System nur verständlich zu machen sucht und sich Kritik daran fast gänzlich versagt. Lukács fand die Lektüre enttäuschend. PF: Was hat ihn gestört? WH: Ich vermute, dass das Buch ihn gelangweilt hat, dass er, als profunder Hegel-Kenner, daraus nichts Neues lernen konnte. Belegen lässt sich, aus Die Zerstörung der Vernunft, Folgendes: Hartmann erklärt an einer Stelle die Dialektik zur Begabungssache Einzelner, und das hat Lukács als anstößig empfunden. Er sieht darin eine den Gegensatz von Hegel und Schelling überspielende, aristokratischer Erkenntnistheorie Vorschub leistende Mystifizierung. PF: Mit einem Wort: Irrationalismus. WH: Genau. Und in derselben Richtung ist ihm verdächtig, dass Richard Kroner, in seinem Werk Von Kant zu Hegel, Hartmanns Philosophie des deutschen Idealismus, deren zweiten Band jene Hegel-Monographie bildet, als vorzügliche Ergänzung seiner eigenen Leistung bezeichnet. Für Kroner nämlich ist »Hegel ohne Zweifel der größte Irrationalist, den die Geschichte der Philosophie kennt«. Dass Hartmann zu Kroner in Gegensatz steht und das auch ausdrücklich betont, scheint Lukács entgangen zu sein, 763Georg Lukács und Nicolai Hartmann ebenso wie der Umstand, dass Kroners aus dem Jahre 1924 stammendes Lob für Hartmann sich unmöglich auf dessen ja erst fünf Jahre später erschienenen Hegel, sondern nur auf seine Darstellung Fichtes, Schellings und der Romantiker, die seit 1923 vorlag, bezogen haben kann. Mit philologischen Details nahm Lukács es leider nicht allzu genau. PF: Sowohl Lukács als auch Hartmann haben in den letzten Jahren, die dem faschistischen Machtantritt vorausgingen, in Berlin gelebt. WH: Lukács bis Fe bru ar 1933 in der so genannten Hugenottensiedlung, Friedrichstraße 129, nur fünf Minuten Fußweg entfernt von den Gebäuden, in denen Hartmann an vier Wochentagen lehrte. PF: Ist es damals zwischen beiden zu persönlicher Bekanntschaft gekommen? WH: Nein, was außerordentlich zu bedauern ist, denn sie hätten sich gerade damals viel zu sagen gehabt. Auf der einen Seite nahm Lukács seit 1930, in Folge des eben erwähnten Moskauer Schlüsselerlebnisses, unter dem für ihn umwälzenden Eindruck der Marxschen Frühschriften, erkenntnistheoretische Positionen ein, die, in Gegensatz zu den in Geschichte und Klassenbewusstsein von ihm vertretenen, für Hartmann überhaupt erst annehmbar gewesen wären. Ohne es zu ahnen, hatte Lukács sich objektiv zu einem Verbündeten Hartmanns im Kampf gegen die in der bürgerlichen Philosophie jener Zeit dominierenden Strömungen des Idealismus gewandelt. Das, beispielsweise, meine ich, wenn ich von einem großenteils unbewussten Prozess seiner Annäherung an Hartmann spreche. PF: Objektiv verbündet gegen welche Strömungen? WH: Gegen die vorherrschenden. Gegen den neukantianischen, neuhegelianischen, phänomenologischen, positivistischen und existenzialphilosophischen Idealismus. Eine Verquickung des neukantianischen und des neuhegelianischen bestimmt die Erkenntnistheorie von Geschichte und Klassenbewusstsein, und mit der, wie gesagt, hatte Lukács 1930 endgültig gebrochen. Dass die übrigen Spielarten des Idealismus von ihm bekämpft worden sind, ist seinen danach entstandenen philosophischen Werken, bis hin zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins zu entnehmen. Auf der anderen Seite … PF: Und alle diese Spielarten hat auch Hartmann abgelehnt? WH: Abgelehnt und ebenfalls bekämpft, allerdings. Aber nicht nur das. Gerade in den Krisenjahren vor 1933 – und das ist die andere Seite, auf die ich hier hinaus will – näherte Hartmann sich gewissen marxistischen Positionen. Er arbeitete damals an Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, die dann 1933 unter dem Titel Das Problem des geistigen Seins herausgekommen sind. In diesem Buch bejaht er die Möglichkeit, dass die Wissenschaft auf poli- 764 Teil III: Varianten tisch-sozialem Gebiet einmal die Führung übernehmen könnte, und beruft sich in dem Zusammenhang auf den Marxismus und den in der Sow jet uni on in Angriff genommenen Versuch, ihn »in Wirklichkeit umzusetzen«. PF: Er sagte das da voller Sympathie? WH: Das hieße zu viel behaupten. Er erklärt, dass »der Marxismus gerade als wissenschaftliche Theorie sehr wesentlich in die Entwicklung der europäischen Politik hi neinge spielt« habe, und meint in Bezug auf die Sow jet uni on: »Ob der Versuch ein ermutigender ist, ob er Fähigkeit oder Unfähigkeit einer Doktrin zu konkreter Gestaltung staatlichen Lebens erweist, darüber dürfen wir Heutigen die Akten nicht als geschlossen ansehen. Erst die ausgereiften Früchte werden darüber belehren können.« PF: Sehr gnädig! WH: Vergessen Sie, bitte, nicht den historischen Kontext. Ich zitiere ein Buch, das ein beamteter Berliner Hochschullehrer im August 1932, d. h. kurz nach dem Staatsstreich Papens gegen die sozialdemokratisch geführte Preußenregierung, zum Abschluss gebracht hat und das wenige Wochen nach Hitlers Machtantritt an den Buchhandel ausgeliefert worden ist. In dieser Situation hatte eine derartige Äußerung ähnlichen Stellenwert wie die bei uns oft zitierten Worte, mit denen fast gleichzeitig Thomas Mann, anlässlich des 100. Todestages von Goethe, »die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt« des Sozialismus beschwor, »in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein« werde.2 PF: So klingt es besser. Das sind Worte, die eine Parteinahme zum Ausdruck bringen. WH: Es sind Worte eines Schriftstellers, eines Belletristen. Hartmann spricht mit der Nüchternheit des Wissenschaftlers. Und den Hinweis auf den Marxismus und die Sow jet uni on, den bringt er, nicht Thomas Mann. Ich finde das beachtlich in einem philosophischen Text, der 1932/1933 in Deutschland den berühmten Hegelschen Satz von der »Eule der Minerva« in Frage stellt. Hegel war überzeugt, dass die Wissenschaft ein Spätprodukt der Kulturen sei, unfähig, dem Kommenden voranzuleuchten. Hartmann bezweifelt, dass darin ein allgemeines Gesetz liegt. »Es könnte ja sein«, schreibt er, »dass im Großen gesehen die Menschheit noch geschichtlich jung ist und, da wissenschaftliche Dinge sich besser als manches andere geistige Gut tradieren können, dass Verhältnis sich einmal umkehren könnte. Es wäre dann wohl daran zu denken, dass die Wissenschaft auch einmal auf politisch-sozialem Gebiet führend würde. Diese Möglichkeit hat als Idee mehrfach der Staatsphilosophie vorgeschwebt, so in Platons 2 (AH) Das entsprechende Zitat Thomas Manns (aus Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters) wurde bereits wiedergegeben. Ebenso die folgenden Zitate und Anspielungen. 765Georg Lukács und Nicolai Hartmann Republik, so bei den Naturrechtslehrern, so noch bei Kant in der Durchführung seiner Idee eines ewigen Friedens. Ein großes Beispiel dieser Art ist auch der Marxismus usw.« Und nun bedenken Sie, dass zu dem historischen Kontext, den ich meine, ja auch die existenzialphilosophischen Antipoden gehören, die sich während und nach der Weltwirtschaftskrise, mit der leicht zu durchschauenden Absicht, den Marxismus zu diffamieren, in entgegengesetztem Sinn über die Möglichkeit wissenschaftlicher Gestaltung von Staat und Gesellschaft geäußert haben. Jaspers, in seiner Schrift Die geistige Situation der Zeit, von 1931, erklärt den Wettlauf für prinzipiell undurchsichtig und zieht daraus die Folgerung, auf ihn käme es nicht an. »Alles Planen in Bezug auf ferne Zukunft wird durchbrochen, um jetzt und hier Dasein zu schaffen und zu beseelen.« Ähnliches findet sich bei Heidegger, 1938, in seinem Vortrag Die Zeit des Weltbildes. PF: Von Hartmanns Einfall hat es eine extrem reaktionäre Variante aber auch gegeben: Den Vorschlag zu einer Planwirtschaft, wie ihn Werner Sombart den Faschisten unterbreitete. Nach den Vorstellungen Sombarts, die auch er quasimarxistisch zu begründen wusste, sollte der »Nationalsozialismus« dem Wirtschaftsprozess für immer seine blinde Schicksalhaftigkeit nehmen, durch das, was wir staatsmonopolistische Regulierung nennen. WH: Die Nazis haben Sombarts Anbiederungsversuch zurückgewiesen. PF: Aber nur, weil er versäumt hatte, Marx besser ganz aus dem Spiel zu lassen. Einen Vierjahresplan führten sie, auf ihre Weise, dann trotzdem ein. Göring war der Bevollmächtigte. Und an dem »nationalsozialistischen« Etikettenschwindel hielt man fest. WH: Sombart dürfte sich schwerlich in eine Traditionslinie mit Kants Idee des ewigen Friedens gestellt haben. Und bestimmt hat er nie dafür plädiert, dem Ausreifen des Sozialismus in der Sow jet uni on die Chance weltgeschichtlicher Bewährung zuzugestehen. PF: Ich bestreite gar nicht, dass Nicolai Hartmann eine verhältnismäßig sympathischere Erscheinung gewesen ist als Sombart. Ich warne nur davor, irgendwelche sehr fragmentarischen Anleihen bei Marx zu überschätzen, mit denen dieser oder jener bürgerliche Ideologen in seiner Ratlosigkeit auf die verheerenden Folgen des New Yorker Bankenkrachs von 1929 reagiert hat. Selbst die sozialistischen Anklänge in Thomas Manns Goethe-Rede hätten nicht allzu viel zu bedeuten, wären ihnen keine antifaschistischen Taten gefolgt. Einen deutschen Professor, der nach 1933 an der führenden Universität, in der Reichshauptstadt Philosophie gelehrt hat, mit Thomas Mann in einem Atem zu nennen, ist absurd. Politisch steht Hartmann noch unter Serenus Zeitblom, dem fiktiven Ich-Erzähler des Doktor Faustus. Der hat wenigstens … 766 Teil III: Varianten WH: Das führt jetzt von unserem Thema weg. Ich schlage vor, die Problematik des Kulturschaffenden im »Dritten Reich« noch ein bisschen zu vertagen. PF: Wenn Ihnen das lieber ist, können wir sie ganz auf sich beruhen lassen. Faschist war Hartmann auf keinen Fall. Er war noch nicht einmal nominelles Mitglied der Nazipartei. Öffentliche Erklärungen, die Hitlers Politik unterstützt hätten, liegen von ihm nicht vor. Das mag genügen, und wir können zur Würdigung seiner Philosophie übergehen. Aber Ihre Behauptung, er hätte sich 1932 dem Marxismus genährt, steht mir auf zu schwachen Füßen. Oder haben Sie weitere Belege? WH: Es gibt eine merkwürdige Passage in dem Aufsatz Hegel und das Problem der Realdialektik. Hartmann unterscheidet da zwischen »reeller« und »unreeller« Dialektik. Unreell nennt er die von Sein und Nichts, mit der die Wissenschaft der Logik anhebt, als reell dagegen erscheint ihm, neben der Dialektik der Strafe, aus der Rechtsphilosophie, die in der Phänomenologie des Geistes anzutreffende des Verhältnisses von Herr und Knecht. Zu dieser Letzteren nun stellt er fest, Aktualität und Wirkung seien hier noch größer, wenn man erwäge, dass aus der Herr-Knecht-Dialektik »die Marxsche Theorie des Klassenkampfes hervorgegangen« sei. PF: Was nur sehr bedingt zutrifft, wenn überhaupt. Die Entdeckung des Klassenkampfes durch die französischen Historiker der Restaurationszeit war in diesem Punkt für Marx entschieden wichtiger. Aber bitteschön … WH: Hartmann fährt wörtlich fort: »Da diese Theorie mit der Entwicklung der sozialen Verhältnisse bis auf unsere Zeit aufs Innigste verknüpft ist, so lässt sich sagen, dass jene Dialektik auf dem Umweg über sie« … PF: Hegels Herr-Knecht-Dialektik auf dem Umweg über Marx’ Theorie des Klassenkampfes … WH: Ja, dass sie auf diesem Umweg »die Umgestaltung des wirtschaftlichen und politischen Lebens sehr wesentlich bestimmt hat. Das eine wie das andere lässt sich nur verstehen, wenn man den Charakter der Realdialektik darin Ernst nimmt. Und das bedeutet, dass der Anspruch Hegels, in der logischen Entwicklung eine Selbstbewegung der Sache selbst zum Ausdruck zu bringen, in diesen Fällen ein gerechtfertigter ist. Einseitiges Dienen und Herrschen ist ein unstabiles Verhältnis; es hat die Tendenz in sich, sich aufzuheben und in ein anderes Verhältnis überzugehen.« Meines Wissens heißt dieses »andere Verhältnis« bei Marx klassenlose Gesellschaft, Kommunismus. PF: Wann hat Hartmann denn das geschrieben? WH: Der Aufsatz ist im Jahrgang 1935 der Blätter für deutsche Philosophie erschienen. Freilich war bereits vor 1933 eine französische Fassung in der Pariser Revue de métaphysique et de morale veröffentlicht worden, und dabei scheint es sich um eine Über- 767Georg Lukács und Nicolai Hartmann setzung des erweiterten, ausgebauten Vortragstextes vom Oktober 1931 gehandelt zu haben. PF: Wahrscheinlich war es 1935 noch möglich, so etwas in einem Fachblatt, an unauffälliger Stelle zu drucken. WH: Angesichts des französischen Erstdruck hat wohl der Herausgeber der Blätter für deutsche Philosophie ein Auge zu drücken können. Es war Heinz Heimsoeth, Hartmanns Freund noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, seit 1933 nominelles Mitglied der NSDAP. Der Erstdruck ließ sich sowieso nicht mehr aus der Welt schaffen. PF: Man weiß es nicht. Aber auch durch diese Stelle wird Hartmann noch lange kein Marxist. WH: Ich behaupte nicht, dass er das jemals geworden ist. PF: Nein, aber Sie steuern auf eine Hypothese los, die mir albern vorkommt. Sie gehen davon aus, dass Lukács seit 1930 eine Erkenntnistheorie vertreten hat, der Hartmann, wäre sie ihm bekannt geworden, zugestimmt hätte. Hartmann seinerseits soll sich gleichzeitig »gewissen marxistischen Positionen« genährt haben. Daraus ziehen Sie den Schluss: Wären die beiden damals ins Gespräch gekommen, dann hätte Lukács Hartmann zum Marxismus bekehren können. Ich halte das für eine müßige Spekulation. WH: So wie die politische Konstellation vor 1933 tatsächlich beschaffen war, hätte ein gegenseitiges Kennenlernen natürlich nie zu diesem Ergebnis führen können. Das steht außer Frage. Hartmann war, ungeachtet jener Annäherung an »gewisse Positionen«, antikommunistisch eingestellt. Er kehrte seinen Antikommunismus kaum je hervor. Mitunter kommt der in seinen Texten aber doch zum Vorschein, besonders massiv sogar gerade im Problem des geistigen Seins. An einer Stelle wird der »verwirklichte Kommunistenstaat mit diktatorischer Regierungsform« mit einer Theokratie verglichen; die Doktrin als solche hebe das Bewusstsein des Machthaber über Menschenmaß hinaus. PF: Na also. Da haben wir’s ja. Eine antisowjetische Stelle und eine prosowjetische im selben Buch. Sie nennen das Annäherung an marxistische Positionen. Hören Sie, das Buch ist 1932 in Druck gegangen, in einer sehr wackligen Lage. Denken Sie an die Novemberwahl: Die Nazis im Rückgang; die KPD, mit dreihunderttausend Mitgliedern, erhielt fast sechs Millionen Stimmen. Die Dinge waren im Fluss. Es war alles offen. Man wusste nicht, wer das Rennen machen würde … WH: Auf diese Äußerung werde ich Sie gleich festnageln, einen Moment! 768 Teil III: Varianten PF: Ihr Herr Hartmann war ein kluger Mann. Der wollte seine Professur behalten, in jedem Fall. So sorgte er vor. Für jeden denkbaren Machthaber hielt er eine kleine Gefälligkeit bereit, zitierbar, im Vertrauen darauf, dass Politiker sich philosophische Schwarten nicht genau anzusehen pflegen. WH: Ich weiß nicht, ob er so berechnend gewesen ist. Aber nehmen wir an, er war es. Es würde meine Hypothese nicht hinfällig machen. Jetzt sage ich etwas, worüber Sie noch mehr triumphieren werden. So wie die Konstellation beschaffen war, glaube ich nicht einmal, dass Lukács sich um einen liberalen Professor sonderlich bemüht hätte. (AH) Ab diesem Punkt wird das Manuskript identisch mit den entsprechenden Ausführungen des IX. Dialogs. Daher wird, ab S. 15 des Originalmanuskripts, auf eine Wiedergabe verzichtet. Fortgesetzt wird der Abdruck ab S. 32, da hier wieder Gedanken entwickelt werden, die entweder im großen Manuskript gar nicht mehr präsent sind oder in unterschiedliche andere Kontexte eingebaut wurden. WH: Vergessen Sie nicht das überaus bedeutende Buch Der junge Hegel! PF: Erstdruck Zürich und Wien 1948, Ausgabe für die DDR Berlin 1954. WH: Begonnen wurde die erste Niederschrift bereits 1930/1931 in Moskau, noch vor der Berliner Zeit, unmittelbar nach dem Bekanntwerden mit den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, und 1938 ist das Werk, wiederum in Moskau, vollendet worden. Mit ihm hat Lukács in der Sow jet uni on habilitiert. Im Jungen Hegel finden sich die beiden wichtigsten Belege für das, was ich eine unbewusste Annäherung an Nicolai Hartmanns Erkenntnistheorie und Ontologie nennen möchte: Im dritten Kapitel der Abschnitt VI, Die Arbeit und das Problem der Teleologie, und im vierten, letzten Kapitel der abschließende Abschnitt IV mit seinen Darlegungen zur Gegenständlichkeit und zur »Entäußerung«. Nach diesen Passagen hat die spätere Hinwendung des Verfassers zur Hartmann nichts Überraschendes mehr, und die Frage, wer sie dann veranlasst hat, ist demgegenüber belanglos. PF: Dies meinten Sie Eingangs mit Ihrer nunmehr bescheideneren Einschätzung der eigenen Rolle. WH: Dies auch, aber nicht nur. PF: In denselben Jahren sind von Hartmann an größeren Werken, nach dem erwähnten Problem des geistigen Seins, die beiden ersten Bände seiner Ontologie erschienen: 1935 Zur Grundlegung der Ontologie und 1938 Möglichkeit und Wirklichkeit. Damals hat Lukács diese Bücher nicht gelesen, oder? 769Georg Lukács und Nicolai Hartmann WH: Nein, bis 1952 hat er von Ihnen nicht einmal gewusst. Er hat Belletristik der »inneren Emigration« zur Kenntnis genommen und so zum Beispiel 1942 Ernst Wiecherts Majorin und Benno von Mechows Vorsommer in der Moskauer Internationalen Literatur besprochen. Von philosophischen Werken jedoch, die zur Zeit des Dritten Reichs in Deutschland herausgekommen sind, interessierten ihn, im Hinblick auf die Zerstörung der Vernunft, lediglich solche, aus denen er Aufschlüsse über das Einmünden der irrationalistischen Strömung in die aktuelle faschistische Ideologie, die so genannte »nationalsozialistische Weltanschauung« gewinnen konnte. Hartmanns Aufbau der realen Welt, der dritte Band seiner Ontologie, ist überdies erst 1940, 2 Jahre nach dem Abschluss des Jungen Hegel von Lukács, erschienen. Trotzdem sind die Momente der Übereinstimmung, die gerade zwischen diesen beiden Büchern obwalten, besonders gravierend. PF: Sehen Sie darin etwas rein Zufälliges? Wie bei Erfindungen, die, unabhängig voneinander, mehrmals gemacht werden? WH: Geschieht dergleichen simultan, so pflegt das selten purer Zufall zu sein. Meist drängt dann ein identisches gesellschaftliches Interesse auf das Ergebnis hin. Etwas derartiges dürfte hier kaum vorliegen. Dennoch glaube ich auch hier an keinen Zufall. Mir scheint, die Übereinstimmungen erklären sich daraus, dass sowohl Hartmann als auch Lukács, unabhängig voneinander, an ein gemeinsames philosophisches Kulturerbe angeknüpft haben: An Hegel und an Feuerbach. PF: Nun wird es spannend. Sollte es Ihnen gelingen, für diese Hypothese den Beweis zu erbringen, dann würden Hartmanns Ontologie und deren Rezeption durch Lukács bei uns erheblich an Ansehen gewinnen. Ich höre zu.3 WH: Der Lukács von Geschichte und Klassenbewusstsein war ein sozusagen »frischgebackener« Kommunist, der sich noch nicht den dialektischen Materialismus, die Weltanschauung der Partei, zu eigen gemacht hatte. Er trug, wie gleichzeitig Karl Korsch, in den Marxismus ein subjektiv-idealistisches, im Grunde neukantianisches Missverständnis der Hegelschen Dialektik hinein. Erst 1930 hat Lukács diesen Fehler erkannt und überwunden. Den entscheidenden Anstoß dazu gaben ihm die Marxschen Frühschriften von 1844. In ihnen beginnt Marx, »momentan Feuerbachianer«, die Dialektik Hegels materialistisch »vom Kopf auf die Füße« zu stellen. Nun, beim Jungen Hegel handelt es sich um dasjenige philosophische Werk, in dem Lukács erstmals zeigt, was er daraus konkret gelernt hat. Er setzt nämlich Marx’ materialistisch umwälzende Kritik an Hegel darin fort, entwickelt sie weiter; unter Einbeziehung Feuerbachscher 3 (AH) Zu den folgenden Ausführungen hatte Harich handschriftlich notiert, dass noch auf Deborin u. a. einzugehen sei. 770 Teil III: Varianten Gedanken in die eigene Argumentation baut er sie aus. Und am Vernehmlichsten ereignet sich das in eben den Abschnitten seines Buches, die von jener unbewussten Annäherung an Nicolai Hartmanns Ausführungen zur Erkenntnistheorie und Ontologie zeugen. Ich habe sie genannt. PF: Über Hegel hat auch Hartmann ein Buch geschrieben. Sie erwähnten es. Lukács hatte es, sagten Sie, 1930/1931 in Berlin gelesen. Ziehen sich irgendwelche Filiationslinien von dieser Lektüre zu seinem Jungen Hegel? WH: Nein. Ich habe mir diese Frage auch schon vorgelegt, bin ihr nachgegangen und habe nichts Nennenswertes gefunden. Als ergiebig erweist sich dagegen der Vergleich des Jungen Hegel mit Texten des Systematikers Hartmann, die Lukács bis 1952 nicht einmal dem Namen nach gekannt hat und die er erst nach 1956 gelesen haben kann. PF: Steht Hartmann als Systematiker in der Tradition der Hegelschen Dialektik? WH: Hartmann folgt Hegel bis zu einem gewissen Grade in der Gliederung des Systemaufbaus. Das Grundbuch der Hegelschen Dialektik ist die Wissenschaft der Logik. Ihm entsprechen bei Hartmann thematisch die drei Bände, die seine Ontologie im engeren Sinne enthalten; besonders der dritte Band: Der Aufbau der realen Welt. Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre. Die Philosophiegeschichte der letzten anderthalb Jahrhunderte kennt keine gründlichere und umfassendere Auswertung der Hegelschen Logik. Also ist Ihre Frage, obwohl Hartmann das Wort »Dialektik« in einer von unserem Sprachgebrauch abweichenden Bedeutung verwendet, entschieden zu bejahen. PF: Und wie hat er zu Feuerbachs Materialismus gestanden? WH: Der Einfluss, den Feuerbach auf ihn ausgeübt hat, war enorm, und er ist allenthalben bei ihm mit Händen zu greifen: In der Ethik wie in der Ästhetik, in den drei Bänden der Ontologie, in religionskritischen Ausführungen, in der Abrechnung mit dem teleologischen Denken usw. Aber geäußert hat Hartmann sich über Feuerbach nirgends, mit keiner Silbe. Auf den ca. 8000 Seiten seines Gesamtwerks sucht man diesen Namen vergebens. Sogar dort, wo er, ginge es mit rechten Dingen zu, unmöglich fehlen dürfte, wird er verschwiegen: An denjenigen Stellen der Hegel-Monographie, die den Junghegelianismus berühren. PF: Peter Hacks bemerkte neulich, von Autoren würden häufig gerade die Bildungserlebnisse, denen sie am meisten zu verdanken hätten, verheimlicht. Er belegte das unter anderem am Beispiel Bernard Shaws, der viel Wesens mache von dem, was Ibsen, Wagner und Strindberg ihm bedeuteten, aber seinen Hauptanreger, den jüngeren Alexandre Dumas, nie erwähne. Ähnlich stellt sich mir die Beziehung Thomas Manns zu den Brüdern Goncourt dar. Wer dergestalt Spuren seiner geistigen Herkunft verwischt, 771Georg Lukács und Nicolai Hartmann will offenbar den Eindruck der eigenen Originalität verstärken. Bei der Verleugnung Feuerbachs indes könnten noch andere Motive mit im Spiel sein. WH: Furcht, allerdings. Zu ihm sich zu bekennen war nicht ratsam. Hartmann kam aus dem zaristischen Russland. Ihm war die Verfolgung der Feuerbachschen Philosophie durch den Allerheiligsten Synod und die Ochrana vertraut. In Deutschland musste er unter der Naziherrschaft erleben, dass das Nürnberger Feuerbach-Denkmal vom Sockel gestürzt wurde. Und in der Zeit dazwischen wäre – Rechtsstaat hin, akademische Freiheit her – seiner Laufbahn erklärtes Feuerbachianertum auch nicht gerade förderlich gewesen. PF: Hat Feuerbach auf Hartmanns Auswertung der Hegelschen Dialektik eingewirkt? WH: In starkem Maße. Ich habe mich davon überzeugt durch Kollationierung zentral bedeutsamer Passagen der Kategorienlehre Hartmanns, im Aufbau der realen Welt, mit drei Feuerbachschen Texten: Mit dem Aufsatz Zur Kritik der Hegelschen Philosophie, den Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie und den Grundsätzen der Philosophie der Zukunft. Die Übereinstimmung geht weit. Von Anhängern Feuerbachs hat Hartmann ebenfalls einiges gelernt. So geht zum Beispiel die Unterscheidung, die er zwischen Kausalität und Naturgesetzlichkeit trifft, auf Friedrich Jodl zurück. Entscheidend aber hat die vielfältige Gegenwart Feuerbachs in Petersburg, während der Jahre, die der Revolution von 1905 vorausgingen, im damaligen Europa einzigartig, ihn geprägt. Gleichviel, ob man an den philosophischen Studentenzirkel denkt, an dem er teilnahm, oder an die Lehren, die ihm die Logikschule der Karinski und Rutkowski vermittelte, oder an den aus Petersburg gebürtigen, im benachbarten Helsingfors als Bibliothekar tätigen Finnen Bolin, mit Jodl Herausgeber der Feuerbach-Ausgabe, oder an die Lektüre russischer Denker wie … PF: Bitte nicht zu viele Einzelheiten. Ich glaube Ihnen, dass Sie da überall fündig geworden sind. In Ihrem Sinn und Form- Beitrag von 1983 freilich … WH: Der ist überholt. Gerade in diesem Punkt bedarf er der Ergänzung. PF: Aber nicht jetzt. Kehren wir zu Lukács zurück, zum Jungen Hegel. Auch darin, sagten Sie, werde an Feuerbach angeknüpft. WH: … kritisch angeknüpft, im Sinne von Marx, an Hegel und an Feuerbach. Wobei Lukács im Falle Feuerbachs dieselben Schriften zitiert, die Hartmann, ohne sie als Quelle anzugeben, bei seiner kritischen Auswertung der Hegelschen Logik benutzt und denen auch er Argumente gegen den spekulativen Idealismus entlehnt. Es ist diese Konvergenz, die Lukács’ Aufnahmebereitschaft für Hartmanns Ontologie erst verständlich macht. 772 Teil III: Varianten PF: Demnach liegt bei Hartmann einen Hegel-Feuerbach-Synthese vor, ähnlich wie bei Marx und Engels. WH: Anders als bei Marx und Engels. PF: Worin sehen Sie den wesentlichen Unterschied? Worin einen Gegensatz? WH: Das ist ein weites, ein sehr weites Feld. Wenn Sie wollen, deute ich Ihnen wenigstens skizzenhaft die Ansicht an, die ich mir darüber gebildet habe. (AH) An dieser Stelle bricht das Manuskript ab.

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References

Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.