Content

Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 752 - 760

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-752

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
752 Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen I Die Universalität von Nicolai Hartmanns System, die Fruchtbarkeit vieler seiner Erkenntnisse und, vor allem, die Tatsache, dass er in weltanschaulichen Schlüsselfragen materialistische Positionen vertreten hat, werfen für die marxistische philosophische Historiographie ein Problem von grundsätzlicher Bedeutung auf: Wie war eine solche – mit Lukács zu sprechen – »tatsächlich eigenartige Erscheinung« unter den bürgerlichen Denkern Deutschlands im 20. Jahrhundert noch möglich? Sie war, um es gleich zu sagen, möglich überhaupt erst da. Das Wörtchen »noch« ist fehl am Platze. Die verbreitete Vorstellung, dass etwa um 1890, mit dem Übergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium, eine generelle, homogene Verschlechterung der geistigen Atmosphäre eingetreten sei, lässt sich so nicht aufrechterhalten. Sie blendet die Antagonismen aus, die sich gerade jetzt erst voll entfalteten und ungeheuer verschärften. Auf die aber kommt es hier entscheidend an. Erst in der imperialistischen Periode reifen die objektiven und subjektiven Bedingungen für die siegreiche Revolution des Proletariats, für die Ablösung des Kapitalismus durch den Sozialismus heran. Erst in ihr kann daher die Arbeiterbewegung, in dem Maße, wie sie erstarkt und sich ihrer weltgeschichtlichen Aufgabe bewusst wird, auf das Ganze der Gesellschaft und ihrer Kultur so großen Einfluss ausüben, dass für progressive Regungen überall, auch im philosophischen Bereich, neue Bedingungen entstehen, die, verglichen mit der Situation davor, günstiger sind. Die daraus erwachsenden Chancen darf man freilich nicht überschätzen. Man muss sich namentlich vor der Versuchung hüten, sie in schematischer Analogie zu den großen Aufklärerepochen zu sehen, die den bürgerlichen Revolutionen des 17., 18. und 19. Jahrhunderts vorausgegangen sind. Die Bourgeoisie hat in ihrer Revolution, als ökonomisch schon herrschende Klasse, den neuen, kapitalistischen Produktionsverhältnissen, die sich bereits im Schoß des Feudalismus herausgebildet hatten, nur noch die ihnen gemäße politische Machtstruktur hinzugefügt. Anders das Proletariat. Es muss, umgekehrt, in der von ihm geführten Erhebung der Volksmassen zuerst die Macht erobern, um danach durch gewaltsame Eingriffe in das Eigentumsrecht sozialistische Produktions- 753Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen verhältnisse schaffen zu können. Vorher herrschte es in keiner Hinsicht, weder ökonomisch noch politisch. Dieser Unterschied hat für das geistige Leben der Gesellschaft gravierende Konsequenzen. Er bedingt, unter anderem, dass im Zeitalter des Imperialismus für Parallelen zur englischen Aufklärung, zur Bewegung der französischen Enzyklopädisten, zum Junghegelianismus des deutschen Vormärz die wichtigste Voraussetzung fehlt. Bei der Bourgeoisie fänden sie keinen Rückhalt und keine Resonanz mehr, im Gegenteil, während es der Arbeiterklasse noch an Subsistenz- und Bildungsmitteln gebricht, von sich aus dergleichen hervorzubringen. Die im kulturellen und ideologischen Überbau dominierenden Richtungen sind in Folge dessen mehr oder weniger reaktionär, ja, sie werden, was dem Eindruck eines allgemeinen Niedergang seine Suggestivität verleiht, immer reaktionärer. Ausnahmen indes, die jetzt erst recht vorkommen, bestätigen nicht mehr nur die Regel. Sie gehören vielmehr, auf Grund der gesteigerten Widersprüchlichkeit der Epoche, zur Regel konstitutiv mit dazu. Sie treten, gegenüber der vorangegangenen Lage, um Vieles häufiger auf. Sie können, im Einzelfall, unter Umständen, in weit bedeutenderen Leistungen eine zeitüberdauernde Objektivation finden. Und selbst wo ihre Progressivität sich nicht in der Form sozialer und politischer Parteinahme äußert, wo also die Formel des Kommunistischen Manifest von den »Bourgeoisideologen, die zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben«1, kaum anwendbar ist, selbst dort tut die marxistische Analyse gut daran, zu prüfen, ob es sich nicht vielleicht doch um Erscheinungen handelt, die in letzter Instanz auf den Einfluss der Arbeiterbewegung zurückzuführen sind. Dieser Einfluss kann vielfältige Gestalt annehmen. Er hat reformistische und hat revolutionäre Varianten. Er macht sich teils direkt, teils durch komplizierte Vermittlungen hindurch geltend. Einmal verbirgt er sich, ein anderes Mal bekennt er Farbe. Oft bleibt er allen Beteiligten unbewusst. Je nach dem Kräfteverhältnis der Klassen steigt er an und ebbt wieder ab. Er wird unterdrückt, scheint zu verschwinden, lebt wieder auf und gewinnt, in der Revolution, schließlich die Oberhand. Unter den nichtproletarischen Werktätigen, bei den Bauern und den Angestellten, in der wissenschaftlichen, der 1 (AH) Zitat nachgewiesen in: Marx, Karl; Engels, Friedrich:  Manifest der Kommunistischen Partei, in: Karl Marx; Friedrich Engels: Werke, Band 4, Berlin, 1959, S. 471 f. Ausführlich in den Dialogen. 754 Teil III: Varianten pädagogischen und der künstlerischen Intelligenzschicht, ruft er gesunde, vorwärtsweisende Bestrebungen wach. Impulse, die von ihm ausgehen, reichen bis tief ins bürgerliche Lager hinein. Und vielgestaltig wie der proletarische Einfluss ist die Gegenwehr, die er bei den imperialistischen Kräften auslöst. Sie verfügt über repressive und über ideologische Waffen. Sie kann als offener Obskurantismus zu Tage treten und kann ebenso gut die Schminke der Modernität, die Maske demagogischer Anpassung an ihren Gegner tragen. Sie kann aller Menschlichkeit den Kampf ansagen oder sich ungemein humanitär gebärden. Sie kann das eine tun, ohne das andere zu lassen. Und auch sie erreicht, bei alledem, die verschiedensten Volksschichten, die Reihen der Arbeiter nicht ausgenommen. Chinesische Mauern, die die Klassen trennen würden, kennt der Kampf, den sie gegeneinander ausfechten, nicht. II In der imperialistischen Periode wurde der deutsche Sprachraum zu dem im Weltmaßstab führenden Zentrum reaktionärer Ideologie. Aber nicht nur. Die fortschrittlichste Gedankenschöpfung, die aus der klassischen humanistischen Kultur des deutschen Volkes, sie im Hegelschen Sinn in sich aufhebend, hervorgegangen ist, gelangte zur selben Zeit erst zu geschichtsbewegender internationaler Wirkung. So wahr für die gesamte vernunftfeindliche und antihumane Reaktion, von Europa bis Japan, vom zaristischen Russland bis zu den USA, Nietzsche das inhaltliche und methodische Vorbild geliefert hat, so wahr ist eben auch, dass die Russische Revolution mit ihren alle Erdteile berührenden, die Zukunft der Menschheit bestimmenden Ausstrahlungen im Zeichen von Marx steht. In dem von gegenläufigen Tendenzen erfüllten Spannungsfeld zwischen den Polen, die mit diesen Namen markiert seien, entwickelte sich, als Nicolai Hartmann sein System konzipierte und auszuarbeiten begann, die philosophische Forschung, Lehre und Diskussion zumal in Deutschland selbst. Und gerade hier erreichte der weltweite Ideenkampf, in dem damals Fortschritt und Reaktion, Humanität und Menschenfeindlichkeit, Vernunft und Irrationalismus aufeinander stießen und der so auch dem Gegensatz von Materialismus und Idealismus ganz neue Dimensionen verlieh, seine äußerste Konzentration, sein Höchstmaß an Intensität. Das war geopolitisch bedingt durch die Mittellage der deutschsprachigen Länder zwischen den alten Kolonialmäch- 755Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen ten im Westen Europas und der Sow jet uni on im Osten. Geistesgeschichtlich entsprach es dem nationalen Ursprung des am meisten umstrittenen Gedankenmaterials. Und hinsichtlich der unmittelbaren sozialen Basis ergab es sich aus der Klassenauseinandersetzung, die in dem Land, von dem die beiden Weltkriege ausgegangen sind, mit besonderer Heftigkeit tobte. Dem Marxismus für die philosophiehistorischen Vorgänge dieses Zeitraums große Bedeutung beizumessen, erscheint nun, bei oberflächlicher Betrachtung, aus verschiedenen Gründen übertrieben. Von der Gebildetenschicht, die, mit der herrschenden Klasse durch tausend Fäden verbunden, in ihrer Mehrheit ideologisch auf reaktionäre Strömungen fixiert war, ist damals Marx ignoriert oder, soweit sie von ihm Notiz nahm, abgelehnt worden. Und ihrer Minderheit, den links stehenden Intellektuellen, pflegte seine Lehre meist nur in revisionistisch verfälschten Spielarten geläufig zu sein. Die Rezeption ihrer zeitgemäß orthodoxen Fortbildung durch die Bolschewiki steckte noch in den Anfängen und bewegte sich theoretisch auf ziemlich primitivem Niveau. Auch editorisch lag vieles im Argen. Erst 1927 ist Lenins philosophisches Hauptwerk, Materialismus und Empiriokritizismus, in deutscher Übersetzung zugänglich geworden. Erst 1932 gar wurden die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte des frühen Marx und Die deutsche Ideologie von Marx und Engels aus dem Nachlass veröffentlicht. Bevor diese für ein vertieftes Verständnis der marxistisch-leninistischen Weltanschauung unentbehrlichen Texte die ihnen gebührende Aufnahme finden konnten, zog der faschistischen Machtantritt eine mit der blutigen Unterdrückung der Arbeiterbewegung Hand in Hand gehende Kriminalisierung aller ihrer theoretischen und kulturellen Errungenschaften nach sich. Gleichzeitig fanden in der Brutalität und Abenteuerlichkeit der Hitlerschen Politik die finstersten Lesarten imperialistischer Ideologie, voran die Ideen Nietzsches, auch praktisch ihre Erfüllung. Das so entstandene Bild eines sehr ungleichen Kräfteverhältnisses macht leicht den für die Situation der Philosophie gesellschaftlich relevantesten Gegensatz im selben Maße vergessen, wie es dazu verleitet, bloße Nuancen innerhalb des reaktionären Lagers durch eine sie vergrößernde Optik zu sehen. Das Bild verschiebt sich aber, die Verzerrung korrigierend, zu Gunsten des Marxismus, sobald der historischen Wirklichkeit, die seiner Verbreitung und dem Anwachsen seines Einflusses vom Ausgang des Ersten Weltkriegs an förderlich gewesen ist, ein über die engere Spezialthematik der Philosophiegeschichtsschreibung hinausgehendes Interesse geschenkt wird. Und dadurch 756 Teil III: Varianten wieder kann deren Angemessenheit an die wahren Proportionen ihres Gegenstandes sich erhöhen. Die Oktoberrevolution hatte gesiegt. Im russischen Bürgerkrieg vermochte die Sowjetmacht sich zu behaupten. Sie nahm die sozialistische Umgestaltung eines Sechstels der Erde in Angriff. In Deutschland erlitt die Novemberrevolution zwar eine tragische Niederlage. Dennoch rang die Arbeiterklasse in ihr der Bourgeoisie politische und soziale Zugeständnisse ab, die die Rechte und Freiheiten des Volkes, mit Einschluss der Entfaltungsmöglichkeiten von Lehre und Forschung, gemessen an den im Kaiserreich herrschenden Zuständen, erweiterten. Auf allen Ebenen, bis zu den höchsten, rückten Sozialdemokraten in Staats- und Regierungsämter auf. Im Freistaat Preußen, dem größten Land der Republik, hielt die SPD sie bis zum Sommer 1932. Und die rein reformistische Politik, die sie betrieb, war, ihrem Heidelberger Programm, von 1925, zu Folge, noch nicht von offener Preisgabe der marxistischen Grundauffassungen begleitet. Derweil stellten die Kommunisten, als revolutionäre Vorhut der deutschen Arbeiterklasse, mit bis zu sechs Millionen Wählern die außerhalb der Sow jet uni on stärkste Abteilung der III. Internationale. Der Bolschewisierung ihrer Partei, der KPD, die 1932 etwa 300.000 Mitglieder zählte, war, unter dem Thälmannschen ZK, seit 1925 die Aneignung auch der philosophischen Positionen des Marxismus-Leninismus gefolgt. Bei alledem boten im Geburtsland von Marx und Engels eine weit fortgeschrittene Industrialisierung und ein hoher Grad ökonomischer Konzentration, zusammen mit der Stärke, Bewusstheit und Disziplin der Arbeiterbewegung, der sozialistischen Alternative zum Bestehenden erhebliche Chancen. In drei tief greifenden, die bürgerliche Gesellschaft bis in ihre Grundfesten erschütternden Krisen, die, rasch aufeinander folgend, sich jedes Mal – 1918/1919, 1923 und zwischen 1930 und 1933 – zur revolutionären Situation zuspitzten, hätte der Sozialismus triumphieren können. Dass er jedes Mal unterlag, war keine schicksalhafte, unentrinnbare Notwendigkeit. Die imperialistische Reaktion musste, um ihn beim dritten Mal so gründlich niederwerfen zu können, wie ihr gleichzeitiger Übergang zu unmittelbarer Kriegsvorbereitung es verlangte, von unglaublich grausamen Mitteln, kombiniert mit einem nie zuvor dagewesenen Aufwand an sozialer Demagogie, Gebrauch machen. Faschistische Diktaturen hat es im damaligen Europa etliche gegeben. Die 1933 in Deutschland errich- 757Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen tete überbot alle übrigen an terroristischer Blutrünstigkeit. Sie war es, die den Überfall auf die Sow jet uni on wagte. Und einzig der deutsche Faschismus, ausgerechnet, legte sich den Namen und die trügerischen Insignien eines »Nationalsozialismus« zu. Nichts bezeugt mehr die Kraft des Feindes, den er vernichten wollte. Was die marxistische Theorie für die deutschsprachige Philosophieszene der zwanziger und dreißiger Jahre bedeutet hat, ist nur der zu ermessen im Stande, dem die damit angedeuteten Realitäten gegenwärtig sind. Dass ihnen geschichtlich größeres Gewicht zukommt als dem rein fachlichen Streit, steht ohnehin außer Frage. Weil sie aber nicht nur, gleichsam von außen her, dessen Verlauf bestimmt haben, sondern auch auf sein ureigenstes Terrain übergriffen und so, ob ausdrücklich thematisiert oder nicht, im Kern seinen Inhalt ausmachen, gehören sie mit zur Sache. Ohne sie zu berücksichtigen, begreift man nicht recht, worum es da letztlich ging. III Die Kräftekonstellation, die in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik bestand, ließ endlich ein subtil ausgearbeitetes philosophisches System von hohem Rang, das die von Engels pointierte Grundfrage im Prinzip materialistisch beantwortet, als eine bestimmte Variante bürgerlichen Denkens zu. Freilich nur als ungewöhnliche, ausgefallene Variante. Dass in der Bourgeoisie gesetzmäßig sich durchsetzende Interessen auf ein derartiges System hingedrängt hätten und es, in dem Sinne, notwendig geworden sei, hieße zu viel behaupten. Aber möglich wurde es. Davor wäre es unmöglich gewesen, wohl auch bei Außenseitern. Der vorimperialistische Kapitalismus, wie er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland herrschte, von der Revolutionsniederlage 1849 bis zur Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890, kennt bei Ideologen der Bourgeoisie, außer der prävalierenden Ausgrenzung der weltanschaulichen Grundfragen durch neukantianische bzw. positivistische Erkenntnistheorie, metaphysische Systembildung nur mit idealistischen, mit der Bewahrung des religiösen Weltbildes zumindest Vorschub leistendem Inhalt. Und er kennt bürgerlichen Materialismus, dagegen opponierend, nur um den Preis der Vulgarisierung bei engster Beschränkung des Problemhorizonts. Fechner, Lotze und Eduard von Hartmann auf der einen Seite, Vogt, Czolbe, Moleschott und Büchner auf der anderen demonstrieren es. 758 Teil III: Varianten Beide Reihen setzen sich, hier mit Haeckel, den Freidenkern, den Monisten, dort mit Wilhelm Wundt, Külpe und den kritischen Realisten, bis ins 20. Jahrhundert hinein fort. Nicolai Hartmanns »neue Ontologie«, in die sie gleichermaßen einmünden, von der aber auch die eine wie die andere Reihe überwunden wird, stellt beiden gegenüber etwas Neues dar, das es vorher nicht hätte geben können. Erst der proletarische Klassenkampf der imperialistischen Ära hat die geschichtlichen Bedingung dafür geschaffen, dass sie zwischen den Weltkriegen dann zur Reife gedieh. Unter »Bedingungen«, im Sinne der bloßen conditio sine qua non, darf allerdings hier nicht mehr verstanden werden als der soziologische Raum, in dem eine Philosophie solcher Art entstehen konnte und der seinerseits im Imperialismus, als konkreter Totalität, sein hochkomplexes, in sich widerspruchsvolles Fundament besaß. Ein proletarischer Klassencharakter hat sich von daher auf diese Philosophie keineswegs übertragen. Bürgerlich blieb sie gleichwohl. Dass sie deswegen jedoch revolutionärer hätte ausfallen müssen als, bei gleichem Klasseninhalt, in der Zeit davor, wäre ein Fehlschluss, der jeden positiven, wertesteigernden Einfluss der Arbeiterbewegung auf die bürgerliche Kultur von vornherein negierte. Für die nähere Bestimmung des sozialen und politischen Standorts, den Hartmann einnahm, ist das Interesse aufschlussreich, das ihm, im Vorfeld seiner Berufung nach Berlin, von Seiten der Deutschen Demokratischen Partei entgegengebracht wurde. Die DDP hatte ihre Basis in der Fertigindustrie und im Handelskapital. Im Unterschied zur rechtsliberalen Deutschen Volkspartei Stresemanns, in der Vertreter der Großbanken, des Großgrundbesitzes und der höheren Beamtenschaft den Ton angaben, betrieb sie eine zwischen den verschiedenen Volksschichten vermittelnde Politik des Interessenausgleichs, in den sie, über die Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, den von ihr kontrollierten ältesten Teil der deutschen Gewerkschaftsbewegung, auch die Arbeiterklasse mit einzubinden suchte. Sie setzte damit zugleich die »nationalsoziale« Tradition ihres Mitbegründers Friedrich Naumann fort. Im »Volksgemeinschafts«gedanken des Jungdeutschen Ordens fand ihr Bestreben seinen bündigsten ideologischen Ausdruck. Hartmanns Politikverständnis ist nicht eindeutig auf das Programm der DDP festzulegen. In seinem Problem des geistigen Seins sind manche Passagen zu finden, die ebenso gut von einem Vordenker der DVP stammen könnten. Es findet sich, wie gesagt, andernteils darin eine Huldigung für den Marxismus. Aber wenn er, in Ausführungen zur Problematik der Majorität und der öffentlichen Meinung, den Parteienpluralismus als Ausdruck der politischen Reife eines Volkes feiert und im gleichen Atemzug bedau- 759Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen ernd gegen ihn den Vorwurf erhebt, das Volk am Bewusstwerden seines Gemein in teres ses zu hindern, dann spiegelt die damit beschworene Antinomie deutlich ein mit der spezifischen Mittlerrolle der DDP verknüpftes Dilemma wider. Ihr Bemühen, Gegensätze zu überbrücken, die in ihrer Unversöhnbarkeit dem Kapitalismus notwendigerweise immanent sind, konnte diese Partei nur durchhalten in dem Glauben, sie seien dem Privateigentum an Produktionsmittel, das seinem Wesen nach Harmonie stifte, im Grunde äußerlich. Es war diese Illusion, die von 1929 an, in der Weltwirtschaftskrise, die vorwiegend mittelständischen Wähler der DDP, als sie über Nacht massenhaft deklassiert waren oder sich unmittelbar drohendem Ruin preisgegeben sahen, für den Etikettenschwindel des Faschismus, für die von ihm übernommene Parole der »Volksgemeinschaft«, für seinen Appell an »nationalsoziale« Nostalgie anfällig machte. Die Kriegstreiberei der Nazis, ihren Rassenfanatismus, ihre Abhängigkeit von den reaktionärsten und aggressivsten imperialistischen Kreisen wollten die verzweifelten Klein- und Mittelbürger darüber nicht wahrhaben. Hitlers Todfeindschaft gegen ihr politisches Ideal reiner Demokratie nahmen sie plötzlich in Kauf. Vertraut und willkommen war freilich sein Antikommunismus ihnen sowieso. Als vermeintlichem Retter aus der Not gaben sie so dem »Trommler«, wie sie ihn vorher höhnisch genannt hatten, ihre Stimme. Zur Manövriermasse des Imperialismus gehörte die DDP dabei von Anbeginn. Hervorgegangen aus den linksliberalen Gruppierungen des Kaiserreichs hatte sie gleich nach ihrer Gründung, vom November 1918, mit 74 Abgeordneten der Weimarer Nationalversammlung ihre größte Stärke erreicht. Hinter ihrem Republikanismus verschanzte sich, als die Monarchie gefallen war, das Kapital gegen den Ansturm des klassenbewussten Proletariats. Gemeinsam mit der rechten SPD-Führung wehrten ihre Gründer den Sozialismus ab. Aus ihren Reihen kam Hugo Preuß, der Schöpfer der Weimarer Verfassung. In den zwanziger Jahren verlor die Partei dann nach und nach an Bedeutung. Sie hatte ihre Schuldigkeit getan, sie konnte gehen. Hugo Preuß 760 Teil III: Varianten Auf dem Boden der relativen Stabilisierung erwies Stresemann sich als der erfolgreichere Konkurrent. Im Zeichen von Krise und Chaos gab Hitler ihr den Rest. Die Fusion mit Mahrauns Jungdeutschen half ihr ebenso wenig wie die Umbenennung in Deutsche Staatspartei. Nur noch 14 Vertreter konnte sie in den Reichstag vom September 1930, nur noch 2 in den vom November 1932 entsenden. Ihr Vorsitzender Koch-Weser zog sich ins Privatleben zurück. Ohnmächtig blieb der Widerstand, den ihre Getreuen hier und da dem obsiegenden Faschismus leisteten. Durch furchtbare Erfahrung belehrt, fanden ihre charaktervollsten Staatsmänner, die Külz und Schiffer, Nuschke und Loch, nach 1945 den Weg an die Seite der Arbeiterklasse. Die DDP trat stets aufgeklärt und optimistisch auf. Sie bot, ohne sich religiös Gesinnten zu verschließen, Gottesleugnern und Materialisten eine politische Heimstatt. Sie übte Toleranz, huldigte dem Fortschritt, war der Wissenschaft zugetan, all das in prononciert bürgerlicher Weise, sozialistischen Bestrebungen feind. Settembrini aus dem Zauberberg, mit den rührenden und komischen Zügen seiner Antiquiertheit, nicht zu vergessen die Hilflosigkeit seiner Argumentation in den Kontroversen mit dem katholisierenden Präfaschismus Naphtas, wirkt wie ein literarisches Sinnbild ihrer Weltanschauung. Zu ihren geistigen Wegbereitern sind eigentlich die Philosophen der Aufklärung, desgleichen die Junghegelianer und die Vulgärmaterialisten zu rechnen. Durch die schmählichen Kompromisse indes, die seit 1848/1849 die deutsche Bourgeoisie an allen Wendepunkt in der Geschichte aus Furcht vor dem Proletariat stets aufs Neue mit dem Adel, mit den monarchischen Machthabern und, in Anbetracht des Bündnisses von Thron und Altar, auch mit den Kirchen eingegangen war, hatte die Radikalität dieser Überlieferung sich bei den Liberalen und bürgerlichen Demokraten nachgerade verflüchtigt. Zu ihrer Verdrängung aus dem Bildungsbesitz trug im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts am meisten der Neukantianismus bei. An ihn, vorzugsweise, pflegten Anhänger der DDP, falls sie an Philosophie interessierten waren, sich noch in den zwanziger Jahren zu halten. So fremd und unheimlich ihnen, in der Regel, die moderneren, irrationalistischen Strömungen waren, so wenig wussten sie ihnen entgegenzusetzen, und mancher fiel auf die eine oder andere herein. Gänzlich außerhalb ihres Horizonts lag der dialektische Materialismus. In Marx sahen sie einen bloßen Wirtschaftstheoretiker, den als Sozialisten zu bekämpfen sich für sie von selbst verstand. (AH) An dieser Stelle bricht das Manuskript ab.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.