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Zum Neukantianismus in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 746 - 751

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-746

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
746 Zum Neukantianismus I Zu Beginn des Jahrhunderts galt in Deutschland Kant als der Gipfelpunkt der Philosophiegeschichte, und seit über einem Menschenalter war, getragen von der liberalen Bourgeoisie, der Neukantianismus die im deutschen Universitätsleben führende philosophische Richtung. Für den jungen Nicolai Hartmann lag es daher nahe, Schüler namhafter Neukantianer zu werden, als 1905 die Schließung der Petersburger Universität ihn zwang, sein Studium im Deutschen Reich fortzusetzen. Er hätte nach Heidelberg gehen können, wo Windelband lehrte, oder zur Rickert, nach Freiburg. Er entschied sich für Marburg, für Cohen und Natorp. Zwei Gründe gaben hierbei den Ausschlag. In den historischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die gedanklich zu durchdringen die südwestdeutschen Neukantianer sich angelegen sein ließen, war Hartmann vorderhand weniger beschlagen als, von der Astronomie her, in der Mathematik und den exakten Naturwissenschaften, deren logische Grundlegung die Vorzugsthematik der Marburger bildete. Und daran, wie sie diese Grundlegung verstanden, musste die quasiplatonische Fassung, die sie ihr gaben, ihn zum Einstieg reizen: Die allererst von Cohen pointierte »Idee als Hypóthesis«. Schon den jungen Natorp, Schüler des Gräzisten Usener1, hatte einst Enthusiasmus für Platon fast ebenso sehr wie die Bewunderung Kants zu Cohen getrieben. 1878 hatte der, nach seinen beiden ersten Kant-Büchern, aber noch vor dem Prinzip der Infinitesimalmethode, die für seine Richtung bahnbrechende Abhandlung Platos Ideenlehre und die Mathematik veröffentlicht. Von Natorp selbst lag seit 1898 Platos Staat und die Idee der Sozialpädagogik, lag seit 1 (AH) Gemeint ist: Hermann Carl Usener, geb. am 23. Oktober 1834 in Weilburg, gest. am 21. Oktober 1905 in Bonn, klassischer Philologe und Religionswissenschaftler. Nach verschiedenen Zwischenstationen ging er zum Sommersemester 1866 an die Universität Bonn, wo er bis zu seiner Emeritierung 1902 lehrte. Zusammen mit Franz Bücheler machte er die Universität Bonn zu einem Zentrum der damaligen klassischen Philologie. Hermann Cohen, Darstellung von 1906 747Zum Neukantianismus 1903, heftig umstritten, Platos Ideenlehre vor. Platon-Begeisterung erfüllte nun auch den seinerseits im Nebenfach Altphilologie studierenden Hartmann, und sie vermischte sich bei ihm bald mit dem Ehrgeiz, das letztere Werk durch eine eigene Arbeit über denselben Gegenstand zu übertreffen. Indes noch ein weiteres Motiv könnte an seiner Wahl beteiligt gewesen sein. Unter den Philosophen, die in Petersburg seine Lehrer waren, vertrat Losski, als dezidierter Gegner Kants, frohlockend die Ansicht, dass die Marburger Schule sich in einer Richtung bewege, die, vom Kritizismus fort, zur Erneuerung objektiv-idealistischer Spekulation führen werde. Dafür sprächen Standpunktverschiebungen, die spürbar würden, wenn man mit Cohens früheren Werken über Kant, aus den Jahren 1871 bis 1889, seine das eigene System eröffnende Logik der reinen Erkenntnis, von 1902, vergleiche. Hartmanns erste Publikationen, antiker Philosophie gewidmet, offenbaren durchweg die Tendenz, die solcher Art prophezeite Entwicklung mit zu vollziehen, ja, selber vorantreiben zu helfen, und das unter Anknüpfung an Hegel. Da er an idealistischer Philosophie vor seiner Marburger Immatrikulation außer Platon, Kant und Cohen auch bereits Hegel zu studieren begonnen hatte, mochte damals schon in ihm ein entsprechendes Programm heranreifen, dem Marburg eine Ausgangssituation der Verwirklichung zu bieten versprach, verhältnismäßig günstiger, als sie an anderen deutschen Universitäten, zumal an den übrigen Hochburgen des Neukantianismus zu finden gewesen wäre. Wenn dem so war – und die Heimsoeth-Korrespondenz stützt eine solche Vermutung ebenfalls –, dann hat er von vornherein vom kantianisierenden Platon aus bewusst Kurs genommen auf einen, in den es nunmehr Hegelsche Dialektik, namentlich die von Sein und Nichtsein, hinein zu deuten galt. II Es ist der hohe Wahrscheinlichkeitsgrad dieser Annahme, der vor allem dazu nötigt, die landläufige These, Hartmann sei ursprünglich Neukantianer gewesen, bloß bedingt gelten zu lassen. Aber das ist nur die eine Seite, die der Berichtigung bedarf. Die Selbstverständlichkeit, mit der im Übrigen erklärt zu werden pflegt, er habe dann mit dem Neukantianismus radikal gebrochen, um ihn in der Folgezeit vollständig hinter sich zu lassen, geht auch viel zu weit. Tatsächlich haben weder die Prägung, die er aus Russland nach Marburg mitbrachte, noch die Einflüsse, unter denen er sich sieben Jahre danach von Cohen und Natorp abkehrte, verhindern können, dass die bei ihnen verbrachte 748 Teil III: Varianten Lehrzeit in seiner Geistesart wie in der Ausgestaltung seiner Auffassungen tiefe und bleibende Spuren hinterließ. Horkheimer hat einmal treffend bemerkt, dass das falsche Selbstbewusstsein des bürgerlichen Gelehrten der liberalistischen Ära bei den Marburger Neukantianern besonders prägnanten Ausdruck finde. Einzelne Züge der theoretischen Tätigkeit des Fachgelehrten würden hier zu universalen Kategorien, zu Momenten des Weltgeistes, des ewigen »Logos«, gemacht oder vielmehr entscheidende Züge des gesellschaftlichen Lebens auf die theoretische Tätigkeit des Gelehrten reduziert. »Unter ›Erzeugen‹ wird die ›schöpferische Souveränität des Denkens‹ verstanden. (…) Alle endlichen Größen lassen sich mittels der Infinitesimalmethode aus dem Begriff des unendlich Kleinen herleiten, und eben dies sei ihre ›Erzeugung‹. (…) Der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit besteht nach dieser Logik eigentlich darin, dass von dem armseligen Ausschnitt der Welt, den der Gelehrte zu Gesicht bekommt, immer mehr in der Form des Differenzialquotienten ausdrückbar wird. Während in Wirklichkeit der wissenschaftliche Beruf ein unselbständiges Moment in der Arbeit, der gesellschaftlichen Aktivität des Menschen ist, wird er hier an ihre Stelle gesetzt.« Horkheimer (v. l.) mit Adorno, 1964 Um die theoretische Entwurzelung dieser grotesken Extrapolation hat Hartmann sich große Verdienste erworben – mit seiner Kritik am gnoseologischen Idealismus und vielleicht mehr noch mit seiner Beschreibung und Analyse des Alltagsbewusstseins. Da 749Zum Neukantianismus er vor dem historischen Materialismus jedoch stets hält macht, ist er nicht dagegen gefeit, in dem eben geschilderten Fehler gelegentlich selber stecken zu bleiben. So fasst er – um ein hierfür typisches Beispiel zu nennen – den Erkenntnisfortschritt zwar, im Gegensatz zu den Marburgern, nicht mehr als »Erzeugung« der Sache, sondern, zutreffend, als Annäherung an sie auf, führt ihn, was seine Triebkräfte anbelangt, aber immer noch auf pures Problembewusstsein zurück, das nach Sokratischem Modell, als »Wissen des Nichtwissens« vorzustellen sei. Auf den Gedanken, dass beim Vordringen der Forschung, bei der Lösung offener wissenschaftlicher Fragen, der Entdeckung von Unbekanntem handfeste Interessen im Spiel sein könnten, kommt er gar nicht. Erst als Mittfünfziger, beim Nachdenken über Heinrich Maiers Pragmatismuskritik, hat er endlich vage zu ahnen begonnen, dass »eine Richtung im Großen auf Erkenntniszuwachs hin« sich »schwerlich verkennen lassen« werde, wenn man »das für alle Zeiten charakteristische Ringen um Vorwärtsstreben, gleichsam die ständige Eroberungstendenz des Menschengeistes, fest im Auge behält«. Doch um eine Tendenz des Geistes handelt es sich, wie man sieht, für ihn auch da, über Interessen fällt nach wie vor kein Wort, und das heißt: Maßgebend bleibt der Blickwinkel des Gelehrten. Lukács charakterisiert Hartmann als einen »echten deutschen Professor«. So wenig er das ausschließlich pejorativ meint, so sehr er durchaus wertvolle Seiten seiner Persönlichkeit dabei mit im Sinn hat, es sind gleichwohl unüberschreitbare Schranken seines Denkens, auf die er in dem Zusammenhang aufmerksam macht. Das echt Gelehrtenhafte, Professorale, meint er, komme etwa darin zum Vorschein, dass Hartmann sich von falschen Einstellungen der Gegenwart bloß intellektuell redlich abwende, ohne im Stande zu sein, sie unter Aufdeckung ihrer gesellschaftlichen und geschichtlichen Quellen kritisch zu Ende zu denken, wie er denn überhaupt eine professorale »Blindheit gegenüber der wirklichen Eigenart der Geschichte« an den Tag lege. Im Lichte von Horkheimers Aperçu erweisen derlei Merkmale der Mentalität, der geistigen Phy si ogno mie sich als ein Marburger Erbteil, das der Schüler der Cohen und Natorp zeitlebens nicht loswerden konnte. Und wenn er im Zweiten Weltkrieg, bei Wahrung persönlicher Integrität und mit angewidert reagierendem »Wertempfinden«, es fertig gebracht hat, von den faschistischen Verbrechen zu erklären, sie seien ihm »als Problem zu speziell«, so liegt das auf dieser Linie. Weitgehend und nachhaltig, ferner, ist von Marburg sein Verhalten zur Philosophiegeschichte bestimmt. Er fasst sie in erster Linie als eine Fundgrube von Erkenntnissen 750 Teil III: Varianten auf, die sich für das fortschreitende systematische Denken auswerten lassen, und will sie daher möglichst nur im Hinblick auf die Bearbeitung der in ihr perennierenden Probleme betrachtet wissen. Schon sein frühester Beitrag für die Kantstudien, Zur Methode der Philosophiegeschichte, ist der Rechtfertigung dieses Ideals gewidmet. Der Aufsatz stammt von Ende 1907, war ursprünglich als Vorwort zu dem eigenen Platon-Buch gedacht und sollte, laut Brief an Heimsoeth, »einen Standpunkt formulieren, der von den Marburgern längst befolgt wird, aber noch nirgends methodisch erörtert worden ist«. Hartmann stand also ein Menschenalter später immer noch – und offenbar höchst bewusst – in einer Marburger Tradition, als er 1936 in der Abhandlung Der philosophische Gedanke und seine Geschichte den im wesentlichen gleichen Standpunkt nur mit einer tiefer durchdachten, inhaltsreicheren, breit ausgeführten Begründung versah. Was ein Denker der Vergangenheit gelehrt hat, heißt es da, was er eigentlich gemeint und welche Gesamtanschauung er erstrebt hat, sei weniger wichtig als die Frage, was von ihm gesehen, erkannt, begriffen worden sei, welche Errungenschaften er hinterlassen habe. Cohen und Natorp wären damit im Prinzip einverstanden gewesen. Erst bei der Bestimmung dessen, was konkret als Errungenschaft gelten müsse, hätten Differenzen mit ihnen eingesetzt. Es ist aufschlussreich, bei der Gelegenheit an Ernst Cassirer zu erinnern. Dessen Erkenntnisproblem stellt die gewichtigste philosophiehistorische Leistung des Marburger Neukantianismus dar. Der Inhalt ist dermaßen schulgerecht, dass Heimsoeth dazu äußern konnte: »Cassirer arbeitet einige tausend Bände zur Geschichte der neueren Philosophie durch – gewonnen hat er aus ihnen nichts, was auch nur irgendwie merklich über Cohens Stellungnahme hinausginge.« 1906/1907 waren die Bände I und II erschienen. Hartmann muss sie sofort gelesen haben. Unverkennbar hat er auch ihnen, nicht zuletzt, das Verfahren abgelauscht, das sein früher Aufsatz methodologisch durchsichtig zu machen und ins Bewusstsein zu heben sucht. Nun ist von Cassirer später, 1925, im Nachruf auf Natorp, der häufig und berechtigterweise gegen Platos Ideenlehre erhobene Vorwurf, dass darin der Held in einen Neukantianer umgedeutet werde, mit dem Argument zurückgewiesen worden, es ginge in dem Werk »um etwas anderes und um etwas mehr« als um eine Monographie. Eine Einführung in den Idealismus hätte Natorp sein Buch genannt, »und diese konnte nicht in der Form einer bloßen Beschreibung vom Gewesenen und Vergangenen (…) geleis- 751Zum Neukantianismus tet werden, sondern nur in den dialektischen Auseinandersetzungen mit den großen Problemen selbst, die sich für uns in dem Namen Platon zusammenfassen«. Mit denselben Worten könnte leicht auch für Hartmanns Frühwerke über Platon und Proklus plädiert werden. Um so bezeichnender ist, dass Cassirer im Anschluss an das Gesagte zu einer Selbstrechtfertigung überleitet, indem er betont, von Natorp sei die gleiche Betrachtungsweise für die Geschichte der neueren Philosophie fruchtbar gemacht worden, und an ihm rühmt, dass ihm hier, »gemäß dem Grundgedanken der transzendentalen Methode«, neben den großen philosophischen Systematikern, den Descartes und Leibniz, die Begründer und Meister der mathematischen Naturwissenschaft, Kopernikus, Kepler und Newton, als »gleichberechtigte und im gleichen Sinne ›klassische‹ Zeugen gegolten hätten«. Nirgendwo anders als im Erkenntnisproblem ist diese Art philosophischer Historiographie zu eben diesem Stoff zur Vollendung gediehen. (AH) An dieser Stelle bricht das Manuskript ab, offensichtlich jener zeitlich-chronologische Punkt, an dem Harich die Art der Präsentation seines Hartmann-Buchs auf die Dialogform umstellte.

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Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.