Content

Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 11 - 54

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-11

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
11 Andreas Heyer Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs In einem Brief an Robert Steigerwald vom 10. Januar 1983 (Abdruck in Teil IV) erklärte Harich: »Nun kann natürlich ich nicht als löbliches Musterexemplar einer Entwicklung hin zum Marxismus – und das heißt allemal: hin zur Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei – gelten; weiß der Himmel nicht. Ich habe Schwankungen hinter mir, so ungeheuerlich, dass die von Erich Engel (Regisseur, Mitarbeiter Brechts, AH) sich daneben sehr bescheiden und harmlos ausnehmen. Aber: Es hat sich bei mir nie um solche Schwankungen gehandelt, die von dominierenden Strömungen der bürgerlichen Philosophie im Zeitalter des Imperialismus bestimmt gewesen wären. ›Auffangbarriere‹ für den ›gesunden Menschenverstand‹, namentlich der naturwissenschaftlich gebildeten Intelligenz, war und ist der Positivismus, und gegen den bin ich jederzeit gefeit gewesen, ganz egal, ob Hollitscher oder Havemann oder Karl Schröter positivistisch auf mich einredeten. ›Auffangbarriere‹ für geisteswissenschaftlich orientierte Intellektuelle mit Linksneigung war die ›Kritische Theorie‹ der Frankfurter Schule – mich hat sie nie berührt, nie im Geringsten beeinflusst. Um von Neothomismus, Existenzialismus, Psychoanalyse, Strukturalismus usw. gar nicht zu reden. Mit Bloch bin ich zwar freundschaftlich verbunden gewesen – und verbündet in dem Bestreben, aus der DZfPh eine einigermaßen interessante und niveauvolle Zeitschrift zu machen. Aber all seine philosophischen ›Extras‹ ließen mich kalt, was er sehr wohl spürte. Zu verdanken habe ich diese – bei all meinen Eskapaden seltsame – Standfestigkeit und Geradlinigkeit auf dem ureigensten Fachgebiet dem Umstand, dass ich mich dem Marxismus-Leninismus als Nicolai-Hartmann-Adept genähert habe. Leider ist das in keinem nennenswerten philosophischem Opus zu Buche geschlagen. Vor 12 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs 1956 absorbierten mich Vorlesungs- und Redakteurstätigkeit, nach 1964 Feuerbach-Philologie und Jean-Paul-Forschung, und Anfang der siebziger Jahre folgte Besessenheit von Zukunftsforschung und politischer Ökologie; Letzteres übrigens auch wieder durch die frühe Nicolai-Hartmann-Rezeption vorbereitet, die mich die Stalinschen ›Grundzüge‹ hatte sehr Ernst nehmen und daher den ersten ›Grundzug‹ schon 1948/1949 mit ökologischem Illustrationsmaterial anreichern lassen, weshalb denn, als die Zeit erfüllt war, der ›Club of Rome‹ mich wie ein coup de foudre traf.« Diese Aussage ist richtig und falsch, der Wissenschaftler sieht sich genötigt, hoffentlich mit guten Gründen, dem autobiographischen Zeugnis zu widersprechen (was ja zumeist mit einiger Gefahr verbunden ist). In der Tat: Dicke philosophische Bücher lagen von Harich 1983 nicht vor, seine Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität waren in Vergessenheit geraten. Die Dissertation war nie gedruckt worden. Doch aus verschiedenen Editionen ließ sich der Name Harich nicht tilgen (beispielsweise bei Rudolf Haym und den Texten der Philosophischen Bibliothek), auch wenn die Partei die frühe Heine-Ausgabe durch die neue Edition von Hans Kaufmann ersetzt hatte. Zudem gab es durchaus Aufsätze, die philosophisches Interesse voraussetzen, philosophischen Inhalt besitzen und die Kenntnis ihres Autors in den Bereichen Geschichtsphilosophie und Philosophiegeschichte (nicht zufällig wählte der Herausgeber diese Formulierung als Titel für den Band 6 dieser Edition, der die Vorlesungsmanuskripte Harich präsentiert) illustrieren. Genannt zu werden verdient beispielsweise der Beitrag Über die Erfindung des Schönen, erschienen 1953 in der Sinn und Form.1 Und auch die eigenständigen Bücher, die nach der Entlassung aus der Haft entstanden waren, haben einen mehr oder minder sichtbaren philosophischen Hintergrund, ein Fundament, auf dem sie ruhen: Die Studien zu Jean Paul ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem Anarchismus (Band 7) und der ökologischen Herausforderung (Band 8). Gleichwohl ist es aber doch eines der Hauptanliegen dieser Edition, den eigentlichen philosophischen Harich endlich bekannt zu machen und der Öffentlichkeit vorzustellen. Die entsprechenden Bände zu Hegel (Band 5), zur Logik (Band 2), zu Kant (Band 3) und Herder (Band 4 und 1.2) sind als Bausteine dieser Arbeit zu verstehen. Eine hervorgehobene Stellung nimmt dabei natürlich das Manuskript Widerspruch und Widerstreit ein, das ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung der marxistischen 1 In: Sinn und Form, Heft 6, 1953, S. 122–166. 13Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Philosophie ist.2 Eben dies gilt auch für Harichs Stellungnahmen in den Debatten um die Logik und um Hegels Philosophie sowie beider Verhältnis zum Marxismus. Das vorliegende Buch enthält Harichs Auseinandersetzung mit Nicolai Hartmann, die für ihn die achtziger Jahre prägte – immer wieder unterbrochen von anderen, tagesaktuellen Herausforderungen (wir werden darauf zurückkommen). In der Edition verankert wurde es nach den Ausführungen, Texten, Dokumenten, Briefe, Manuskripten an und über Georg Lukács (Band 9), eingeordnet vor den Bänden zu Arnold Gehlen und der An thro po lo gie (Band 11) sowie den Äußerungen des permanenten Kampfes gegen Friedrich Nietzsche (Band 12). Diese Chronologie ist durchaus nicht zufällig. Lukács war für Harich seit den fünfziger Jahren die große Autorität in Fragen der Philosophie- und Literaturgeschichte, zu ihm war er (wie auch in den Texten dieses Bandes nachzulesen ist) von Hartmann aus »übergegangen«, d. h. Hartmanns materialistische und atheistische Philosophie hatte Harich der Selbstauskunft nach zugänglich gemacht für den Marxismus und die Errungenschaften von Lukács. Eben genau aus diesem Grund wollte er ja Hartmanns Philosophie durch den Marxismus gewürdigt wissen (im Rahmen kritischer Aneignung und Auswertung). Dies sei im Prinzip eine Verpflichtung für den Marxismus, der auf diese Weise seine eigenen Ergebnisse präzisieren und noch unbearbeitete Themenfelder spezifizieren und teilweise sogar füllen könne. In dem Brief an Robert Steigerwald schrieb er in diesem Sinne: »Mich hatte, unter Nicolai Hartmanns Einfluss, an einem kommunistischen Widerstandskämpfer die von diesem oft beschworene 11. Feuerbach-These gestört, wobei ich etwa so gedacht hatte: ›Was soll das heißen: Die Welt? Der Andromeda-Nebel auch? Da wird doch wohl das Maul etwas voll genommen. Gemeint sind die sozialen und politischen Verhältnisse auf der Erde, einem Krümelchen des Krümels, genannt Galaxis. Außerdem kommt es auf die Richtung der Veränderung an. Und die Veränderung zum Besseren, zum Höheren bedarf selbstverständlich zutreffender Erkenntnis, also auch richtiger Interpretation der ›Welt‹. Die ganze Entgegensetzung von Interpretieren und Verändern läuft auf üblen Pragmatismus hinaus.‹ So hatte ich gedacht. Dann jedoch war mir, etwa im März 1945, von besagtem Kommunisten – er ist jetzt 74 Jahre alt und lebt in Düsseldorf, Du kannst ihn Dir als Zeugen angeln – Lenins Empiriokritizismus in die Hand gedrückt worden, und nun fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ›Das ist ja im Kern der Standpunkt Nicolai Hartmanns, aus dessen Metaphysik der Erkenntnis. Die Kommunisten sind also doch keine Pragmatisten, sie haben eine sehr 2 Abgedr. in: Band 3, S. 53–314. 14 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Ernst zu nehmende Philosophie, erkenntnistheoretisch jedenfalls die richtige. Sie erkennen das An-sich-Sein einer vom Bewusstsein unabhängigen Realität an, sie bejahen sogar die Abbildtheorie.‹ So dachte ich nun.« Natürlich schweben die genannten Schriften und Überlegungen Harichs nicht im luftleeren Raum, sie sind vielmehr Teil einer intellektuellen Genese, die mitten in den Wirren des Zweiten Weltkrieges ihren Anfang nahm. In seinen Briefen an Ina Seidel hat Harich auch über seine Studienzeit und Hartmann berichtet. Es bietet sich an, die entsprechenden Zitate hier wiederzugeben:3 Herbst 1941: »Ich gehe ja in freien Stunden sehr oft zur Berliner Universität, höre Spranger, Hartmann, Dovifat und Seeberg. Aber ich muss bei aller Zurückhaltung, Bescheidenheit und Ehrfurcht vor der Leistung doch sagen, dass den meisten Universitätsprofessoren irgendetwas fehlt an wirklicher innerlich-kosmischer Weite. Sie sind zu sehr Spezialisten, zu wenig lebensvoll, zu wenig ›Hans Dampf in allen Gassen‹. Sie durchmessen den Geisteskomplex nur an einer Stelle, dort loten sie allerdings bis zum Grunde (wenn nicht auch dieses Illusion ist) durch. Aber im Ganzen gesehen, schaffen sie nur Ausgangspunkte. (Linie, Fläche oder Raum werden nicht erfasst und nicht gewonnen!)« Herbst 1941: »Seitdem das neue Semester begonnen hat, gehe ich als Gasthörer zur Universität, höre ›Geschichte der Philosophie im Grundriss‹ bei Odebrecht, ›Kant‹ in einer herrlichen Interpretation bei Spranger und ›Ethik‹ bei Hartmann. Die Beschäftigung mit der Philosophie gibt mir großartige Anregungen.« 07. April 1942: »Ich beendete in den Tagen gerade meine erkenntnistheoretische Arbeit, ein dickes Manuskript, das ungefähr 250 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten umfasst und wandte mich damit an Spranger.4 Spranger las die Arbeit und fand sie gut, sprach mit dem Universitätsrektor, und es wurde mir die Zulassung zum Studium erteilt. Das geht in besonderen Fällen auch ohne Abitur und ohne Ausgleichsdienst. Jedoch kann mir die Zulassung bei Faulenzerei jederzeit wieder entzogen werden. Ich muss also in diesem Punkte auf der Hut sein. Jedenfalls habe ich das, was ich erreichen wollte, erreicht und fühle mich jetzt als eingetragener stud. phil. et theol. und gut 3 Abgedr. in: Band 1.1, S. 71–107. Zitat 1, S. 77, Zitat 2, S. 81 f., Zitat 3, S. 85, Zitat 4, S. 91, Zitat 5, S. 92. 4 Abgedr. unter dem Titel Einführung in die Erkenntnistheorie in: Band 2, S. 405–550. 15Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs bezahlter Beamter der japanischen Botschaft sehr wohl. Ich habe für das nächste Semester belegt ein Kolleg bei Prof. Nicolai Hartmann (Erkenntnistheorie), ein Kolleg bei Prof. Spranger (Hegel), eines bei Prof. Seeberg (Dogmengeschichte), eines bei Prof. Wetzlaff-Eggebert (Klopstock, Lessing, Wieland) und eines bei Prof. Schering (Arbeitspsychologie).« 11. Juni 1942: »Gerade klingelt mein Wecker und ruft mich zur Nachmittagsvorleseung. Ich muss mich beeilen; denn ich darf ein so bedeutendes Ereignis, dass Nicolai Hartmann über Aristoteles spricht, keinesfalls versäumen.« 19. August 1942: »Es wurden im Juli seitens des OKW ein Haufen Unabkömmlichkeitsstellen aufgehoben, darunter auch meine an der japanischen Botschaft, und zu meinem größten Leidwesen erhielt ich denn auch einen Einberufungsbefehl zum 1. August, der mich unbedingt den Lederfauteuils der Botschaft, dem nach Art der mittelalterlichen Scholastiker disputierenden Seminarzirkel meines verehrten Lehrers Nicolai Hartmann, meiner eigenen gemütlichen Bude, den schönen Augen meiner Freundinnen, den Zauberberggesprächen mit Professor Kitayama und – last not least – meiner Mutter entreißen wollte.« Nach dem Krieg nannte Harich in dem autobiographischen Text Meine Lehrer als Nummer Siebzehn und Achtzehn: »17) Eduard Spranger, Professor für Philosophie und Pädagogik, Verfasser von Lebensformen, Wilhelm von Humboldts Humanitätsidee, Psychologie des Jugendalters, Schillers Geistesart, Goethes Weltfrömmigkeit. Bei ihm hörte ich fünf Semester lang Vorlesungen und besuchte seine Seminare. Am lehrreichsten: Die große Vorlesung über Kant, die große Vorlesung über Hegel, die große Vorlesung über Platon, das Seminar über Schillers philosophische und ästhetische Schriften. Ausgezeichneter Interpret der Philosophie für Anfänger. In seinem eigenen Philosophieren: Verblasener Schöngeist, liberaler Trottel. 18) Nicolai Hartmann, Professor für Philosophie. Ich hörte fünf Semester lang alle seine Vorlesungen und alle seine Seminarübungen und las seine sämtlichen Bücher. Von ihm lernte ich: Sorgfältiges Studieren der Philosophen im Original, Logik, klare begriffliche Unterscheidungen. Er verhalf mir zu einem materialistischen Standpunkt in der Erkenntnistheorie und machte mich zum Gegner aller Spielarten des modernen subjektiven Idealismus (Positivismus, Relativismus, Pragmatismus usw.). Besonders beeindruckten mich seine Vorlesung über Hegel sowie seine Einführungsvorlesung in die Philosophie.«5 5 Abgedr. in: Band 1.1, S. 121. 16 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs So Harichs Selbstauskunft. Das Lernen bei (Spranger und) Hartmann gehörte – nach den Erfahrungen im Elternhaus – zu seinen frühesten wissenschaftlichen und intellektuellen Prägungen. Und das Gelernte wirkte fort. * * * * * In Harichs wissenschaftlichem und philosophischem Schaffen ist kaum ein Bestandteil seines Denkens isoliert zu betrachten, ganz im Gegenteil: Die unterschiedlichen Bereiche überschneiden sich, bedingen einander, sind voneinander abhängig, setzen sich gegenseitig voraus, die eine These nimmt – explizit oder implizit, ausgesprochen oder im Hintergrund wirkend – Bezug auf die andere. Die Werke der fünfziger Jahre, die in der Nachlass-Edition präsentiert werden, zeigen dieses für Harich typische Denk- und Schreibverfahren deutlich an. Die unterschiedlichen Debatten und Diskussionen, die die junge DDR-Philosophie prägten – gemeint sind die Themen Logik, philosophische Verallgemeinerung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, der Streit um Hegel und die klassische deutsche Philosophie des Idealismus, die Auseinandersetzung mit dem Erbe-Verständnis – sind in seinen Schriften voll präsent. Wer sich, wie Harich, in der einen Angelegenheit positionierte, der wurde bereits für die anderen Fragestellungen als Zeuge oder Gegner reklamiert.6 Innerhalb dieses durchaus großen und umfassenden Spannungsfeldes waren die unterschiedlichsten Positionen möglich, je nachdem, wie man diese oder jene geistige Herausforderung für sich beantwortete. Natürlich fanden diese Meinungsbildungsprozesse und The mener schlie ßungen nicht »unbeaufsichtigt« statt – die SED war als herausgehobener Diskussionspartner präsent, es gab aber durchaus die Möglichkeit, das zeigen die Debatten um die Logik sowie, teilweise, zeitverzögert, um Hegel, eigene Überlegungen gegen die offizielle Position durchzusetzen. Freilich um den Preis, selbst Dogmen zu schaffen (teilweise im Verbund mit gleichzeitig stattfinden Maßnahmen gegen den jeweils entsprechenden Philosophen). Es ist nicht die einfachste Angelegenheit, in die derart entstandenen Gedankengebäude einzudringen: So haben wir bei Georg Lukács jene äußerst merkwürdige Mischung aus Parteiliteratur und echter Philosophie; bei Bloch die permanente Zerrissenheit zwischen Bejahung des Sozialismus, DDR-Opportunismus und dem 1956 zumindest einmal kurz (auf jeden Fall viel zu selten) eingelösten Anspruch, endlich »Schach statt 6 Hierzu: Heyer: Die Hegel-Debatte in der frühen DDR-Philosophie und ihre Ursprünge, in: Band 2, S. 11–118. 17Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Mühle«7 zu spielen. Hans Mayer konnte neben Erich Honecker das Goethe-Jubiläum ausrufen und gegen das Romantik-Bild der SED ankämpfen.8 Für Harich sind ähnliche Ambivalenz festzustellen. Auch er übernahm Aufgaben für die Partei (beispielsweise die Kritik an Günther Jacoby), teilweise deckten sich seine Anschauungen mit denen der SED (was für die meisten Intellektuellen in den ersten Jahren der DDR durchaus konstatiert werden muss). Aber immer sagte er auch seine eigene Meinung, mit mehr persönlichem Risiko als die gerade Genannten – vom Streit um Brecht, den er seit 1949 verteidigte, angefangen über die Schlüsseldaten der deutschen Geschichte (1953, 1956) bis hin zu seinen Ansätzen des Ausbaus der marxistischen Philosophie (mit Rekurs neben Hartmann etwa auch auf Arnold Gehlen). Gemeinsam mit Brecht nutzte er die Energien des Arbeiteraufstandes von 1953, gemeinsam mit Lukács forderte er 1956 nicht weniger als die Reformierung des real existierenden Sozialismus. Harich selbst hat seine Annäherung an die SED in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre in einem Brief an Frida Hartmann (vom 09. Oktober 1985, IV. Teil) beschrieben als »meinen noch gänzlich unreifen Liebesfrühling mit dem Marxismus, dem ich es schuldig zu sein glaubte, alle nach Hegel und Feuerbach entstandene bürgerliche Philosophie, und ganz besonders die, die mich beeindruckt hatte, total und rigoros verwerfen zu müssen.« Aber, auch das darf man nicht vergessen, die Erledigung von Parteiaufträgen war immer ein Stück weit innere Selbstverpflichtung, war Teil jenes Gefühls, für das Gute, das Bessere zu stehen und einzutreten, sie war zudem die Bedingung, um als eigener schöpferischer Denker hervortreten und wirken zu können. Anders formuliert: Ohne Ja zur SED keine partielle Kritik an der SED – mit dem Ziel der Entwicklung, Verbesserung von Partei, Staat und marxistischer Philosophie. In den Erinnerungsbüchern von Werner Mittenzwei und Hans Mayer – um zwei Beispiele zu nennen – werden diese Denk- und Verhaltensmuster sehr gut präsentiert und so nachvollziehbar. Rückblickend erscheinen heute die Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie sowie zur Geschichtsphilosophie als jene große Klammer, die Harichs Werke in seinen miteinander verschränkten Facetten zusammenhielt. Seit ihrer Edition (in den Bänden 6.1 und 6.2) lässt sich nunmehr Harichs Denken der fünfziger Jahre in seinem Gesamtzu- 7 In seinem Vortrag Hegel und die Gewalt des Systems, gehalten am 14. November 1956 an der Berliner Humboldt-Universität, abgedr. in: Bloch: Philosophische Aufsätze zur objektiven Phantasie, Frankfurt am Main, 1985, S. 481–500, das Zitat S. 483. 8 Hierzu, mit zahlreichen Verweisen etc.: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/ DDR, Baden-Baden, 2017. 18 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs sammenhang erblicken – von der interpretatorischen Vermessung der antiken Philosophie bis hin zu den tagesaktuellen Herausforderungen der politischen Debatte und Kultur. Und es können auch die unzähligen kleinen Zeitungsartikel aus seinen journalistischen Jahren gut verortet werden. An dieser komplexen Struktur, die immer verschiedene Dinge im Blick hat, änderte sich auch nach Harichs Haftentlassung kaum etwas. Nach wie vor stand da nicht »das« eine Thema, sondern es trat immer ein Themenbereich in den Vordergrund, manchmal für kürzere Zeit, so die erneute Beschäftigung mit Kant und Hegel oder die Kritik des Anarchismus, manchmal für längere Zeit, so die Hinwendung zur ökologischen Frage. Gerade das Thema Ökologie, welches Harich ein knappes Jahrzehnt herausforderte (von ca. 1972 bis 1982) zeigt dieses Nicht-rasten-können gut an. Denn die Ökologie-Problematik kündigte sich an während der Arbeiten zur Anarchie (gemeint ist das Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe) und erschloss sich Jahr für Jahr immer neue Problemfelder (hierzu gleich ausführlicher). Nicht zuletzt, das kann in den Texten dieses Bandes ebenfalls nachgelesen werden, führte ihn die Ökologie auch ein Stück weit zurück zum Nachdenken über Hartmann. So sehen wir Harich in den achtziger Jahren erneut in verschiedenen Kämpfen, Diskussionen, stehend vor Herausforderungen, die auf dem ersten Blick vielleicht gar nicht so viel miteinander zu tun haben, aber doch zusammengehören und durch mehr verbunden sind als die Überlegungen Harichs. Anne Harich hat in den Erinnerungen an ihren Mann diese Verschränkungen eindrucksvoll illustriert.9 Es lohnt, in der gebotenen Kürze (im Verbund mit den gebotenen Interpreten- und Chronistenpflichten) etwas genauer zu schauen, welche Themenfelder es waren, mit denen sich Harich in den achtziger Jahren auseinandersetzte: * * * * * 1) Der 8. Band dieser Edition – Ökologie, Frieden, Wachstumskritik – zeigt auf, wie sich Harichs ökologisches Konzept seit der Publikation von Kommunismus ohne Wachstum (1975), weiter entwickelte. Bis in die frühen achtziger Jahre hinein erschienen von ihm Texte, Interviews, er wirkte als Redner und Diskutant – aber ausschließlich im Westen, zu keinem Zeitpunkt in der DDR. Auch wenn nach 1982 mehrere Jahre keine Publikationen zur Ökologie mehr von ihm erschienen, so blieb ihm das Thema doch wichtig, es kommt immer wieder zur Sprache, beispielsweise noch in seinem letzten Buch 9 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte. Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007. 19Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Nietzsche und seine Brüder. Harich selber lebte durchaus nach ökologischen Prinzipien (was man nicht von jedem Theoretiker der Ökologie sagen kann), er hatte kein Auto, verzichtete auf Spraydosen und anderes mehr. Zudem versuchte er auch in den achtziger Jahren mehrfach, die staatlichen Stellen, Behörden und die jeweils handelnden Personen der DDR gegenüber den ökologischen Fragen aufgeschlossener zu machen, durch den Druck seines Buches, durch den Druck von Aufsätzen und Artikeln, durch öffentliche Diskussionen, nicht zuletzt durch die Publikation wichtiger linker ökologischer Schriften aus dem deutschsprachigen Westen und dem englischen Sprachraum. Alle diese Vorhaben scheiterten. 1989 versuchte Harich dann Mitglied der neu gegründeten Grünen Partei der DDR zu werden, er schrieb für sie den Entwurf eines Parteiprogramms, aber auch mit diesem Engagement konnte er sich nicht durchsetzen. 1991 schließlich erschien als seine letzte direkte Wortmeldung zur Ökologie (wenn man von den entsprechenden Passagen in Nietzsche und seine Brüder absieht): Die interpretierende Rezension Weltrevolution jetzt. Zur jüngsten Veröffentlichung des Club of Rome.10 Es ist in diesem Sinne nicht überraschend, dass die Ökologie auch in den Hartmann-Manuskripten präsent ist (in dem Eingangs zitierten Brief an Robert Steigerwald klang dies bereits an). An Hartmann und Lukács wird gerügt, dass ihre philosophischen Gebäude die ökologische Problematik nicht aufnehmen könnten:11 »Beide sind, unterschiedslos präökologische Philosophen, und da dies bei Lukács seiner Theorie der ›irreversiblen prozessierenden Komplexe‹ Grenzen setzt, zeigt er sich außer Stande, über entscheidende Mängel von Hartmanns Schichtenkonzeption hinaus zu kommen.« Und, speziell zu Hartmann – mit Blick auf dessen mangelnde Rezeption gerade im bürgerlichen Milieu. »Vielleicht hätte an diesem Punkt der Zukunftsschock der siebziger Jahre, ausgelöst durch die Kassandrarufe des ›Club of Rome‹, entscheidender Anstoß zur Formierung der Grünen, einen Wandel einleiten können. Denn die ›neue Ontologie‹ betont die Abhängigkeit der Gesellschaft von der Natur. Aber die speziell ihrer Naturphilosophie immanente Theorie der dynamischen und der organischen Gefüge lässt ausgerechnet die ökologischen Komplexe außer acht. Dieser Mangel bringt sie sogar gegenüber einem romantisch-reaktionären Irrationalisten wie Ludwig Klages ins Hintertreffen, gar nicht zu reden von den neuen Jüngern, die im Zuge erwachender Besinnung auf die gefährdete Naturbasis menschlichen Lebens der Anthroposophie Rudolf Steiners zugeführt worden sind, oder von dem Echo, das die lähmend pessimistische Idee einer ›Evolution zum Tode‹ findet.« 10 Abgedr. in: Band 9, S. 290–301. 11 Nicht nachgewiesene Zitate entstammen dem vorliegenden Band. 20 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Aber das letzte Wort zum Thema Ontologie-Ökologie sei damit nicht gesprochen. Harich nahm die marxistische Philosophie (samt ihrer Entwicklungspotentiale) in die Pflicht: »Und da der Sozialismus/Kommunismus – so ist heute hinzuzufügen – zugleich dazu berufen ist, der kapitalistisch unlösbaren Krisenkomplexe unserer Zeit Herr zu werden, sie zu bewältigen mittels jener von Wissenschaft geleiteten Politik, die Hartmann grundsätzlich an ihm Ernst nahm, so muss vom dialektischen Materialismus der entwickelten sozialistischen Gesellschaft verlangt werden, dass er beim Überschreiten der zeitbedingten Grenzen, an denen Lukács’ Kritik der ›neuen Ontologie‹ Halt macht, auch zur philosophischen Grundlegung ökologisch bewährter Zukunftsforschung, Zukunftsgestaltung beiträgt. Geschieht dies, so wird die zentrale Doktrin der Hartmannschen Naturdialektik, seine für die Herausbildung moderner Systemtheorie bahnbrechende Leistung, eben die Lehre von den dynamischen und den organischen Gefügen, an ihrer nach den Kriterien positiver Wissenschaften empfindlichsten Lücke vervollständigt sein, und es wird damit, uno actu, auch der schwächsten Seite seiner politischen Ideologie die stärkste an Marx, Engels, Lenin unmittelbar kontraponiert werden: Die Fähigkeit, wenn die Zeichen der Zeit auf Sturm stehen, Auswege aufzuzeigen. Eins ist vom anderen nicht mehr zu trennen.« Gegenüber Frida Hartmann schilderte Harich am 09. Oktober 1985 die Entwicklung wie folgt: »In den siebziger Jahren war ich von der ökologischen, der ›grünen‹ Welle ergriffen, voll Bedauern darüber, dass in der Philosophie der Natur neben den dynamischen und den organischen Gefügen die Öko-Gefüge fehlen. 1974/1975 warf mich, während ich zu dieser Thematik ein Buch schrieb, ein schweres Herzleiden nieder. Ich musste mich einer Bypass-Operation unterziehen und wurde drei Jahre später invalidisiert. Zweieinhalb Jahre habe ich mich dann bei den ›Grünen‹ in Österreich, der Bundesrepublik, Spanien, der Schweiz und Westberlin herumgetrieben. Als ich Ende 1981 in die DDR zurückkehrte, hoffte ›man‹, mich zur Abfassung eines ›differenzierenden‹ Buches über Nietzsche bewegen zu können. Nachdem ich mich über ein Jahr lang mit dieser unerquicklichen Materie befasst hatte, bat ich um Gnade: ›Lasst mich zu meinem Nicolai Hartmann zurückkehren. Ich glaube, der war der größte und der für uns lohnendste deutsche Denker im 20. Jahrhundert. Und das Umstrittensein des späten Lukács passt mir nicht. Zu dem muss es ein klares Ja geben, das aber nur begründet werden kann, wenn wir uns ein adäquates Hartmann-Bild erarbeiten.‹ ›Man‹ erhörte mich. ›Man‹ zahlt mir seitdem für Hartmann-Forschung ein Stipendium, bis zur Höchstgrenze dessen, was ein Invalidenrentner dazuverdienen darf.« 21Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs 2) Am 8. März 1979 bat Harich brieflich bei Erich Honecker um die Erteilung seiner Ausreisegenehmigung aus der DDR. Ein Text, in dem er auch kurz auf Jean Paul und die Ökologie zu sprechen kam (darüber, wie die Ökologie in den Vordergrund rückte und Jean Paul für einige Zeit verdrängte): »Natürlich setze ich mich dem Vorwurf aus, mit vorliegendem Ausbürgerungsantrag jetzt dieselbe Entscheidung zu treffen, die ich noch vor kurzem, im Sommer 1977 – und das obendrein öffentlich, in westlichen Massenmedien – an einigen Schriftstellern und Künstlern der DDR hart gerügt habe. Bitte übersehen Sie, Herr Vorsitzender, nicht den Unterschied: Ich wollte damals drohendem kulturellen Substanzverlust der Republik entgegenwirken, und solchen Verlust ihr selber zuzufügen, würde ich schuldig sein nur dann, wenn ich meinem ursprünglich eigenen Metier – der Publizistik, Kritik und Philologie, der Bearbeitung des Grenzgebiets von Literaturwissenschaft und Philosophiegeschichte – in den letzten Jahren noch treu geblieben wäre. Davon indes kann gar keine Rede sein. Schon mein zweites, umfangreicheres Buch über Jean Paul (erschienen 1974) habe ich nur ungern, mit schlechtem Gewissen vollendet, überzeugt, mir den Luxus nutzlosen Tuns zu leisten, und mich darüber hinwegtröstend mit dem Hintergedanken, mein gestiegenes Autoren-Renommee anschließend sogleich in die ökologisch-wachstumskritische Waagschale werfen zu können. Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturschaffenden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im Stande wäre.«12 Über Jean Paul hatte Harich in den Jahren nach seiner Haftzeit intensiv gearbeitet. Es entstand (neben anderen Schriften und verschiedenen Manuskripten) 1974 die große Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane. Das Werk erschien in Ost und West gleichzeitig (es war zudem, von einigen Aufsätzen (Nietzsche, Hartmann) abgesehen, seine letzte größere Publikation in der DDR).13 Am 21. März 1988 jährte sich der Geburtstag von Jean Paul zum 225. Mal. Dieses Jubiläum vor Augen hatte Harich in den achtziger Jahren mehrere Versuche unternommen, Jean Paul in irgendeiner Art und Weise in die Erbepflege der DDR 12 Abdr. in Band 8, S. 139–143, Zitat S. 142. 13 Harich: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. 22 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs einzubeziehen. Neben persönlichen Gesprächen setzte er dabei auch (über das gerade zitierte Beispiel hinaus) auf Briefe und Eingaben an die herrschenden Personen. Nach seiner Bitte, wieder im Kulturleben der DDR Berücksichtigung zu finden, hatte Erich Honecker am 2. April 1987 ihm geschrieben – Harich zitierte es in einem erneuten Schreiben an Honecker (29. Fe bru ar 1988):14 »Wörtlich fügten Sie dem hinzu: ›Besonders hoffen wir, dass Sie als ein profunder Kenner des Werkes von Jean Paul dazu beitragen werden, seinen 225. Geburtstag am 21. März 1988 gebührend zu würdigen. Das Ministerium für Kultur wird sich mit Ihnen über die Gestaltung dieses Jubiläums verständigen.‹« Allein, so Harich weiter, es sei nichts passiert: »An sich würde es mir mein Stolz verbieten, mich hierüber bei Ihnen zu beschweren. Der umfangreichste Teil meiner wissenschaftlichen Lebensleistung ist zu eng mit der Jean-Paul-Forschung verknüpft, als dass nicht der Verdacht nahe läge, ich wolle das bevorstehende Jubiläum benutzen, mich in den Vordergrund zu drängen. So war ich schon im Begriff, völlig zu resignieren. Leider haben sich mittlerweile bestimmte ideologische Diskussionen, das Erbe betreffend, in einer Richtung entwickelt, die es mir verbietet, Zurückhaltung zu üben, wenn ich nicht der Reaktion Vorschub leisten will.« Die Unterfangen und Vorschläge Harichs scheiterten, so dass der Geburtstag in der offiziellen Politik der DDR außen vor blieb und nicht gewürdigt wurde. Harich verfasste in den Monaten rund um das Jubiläum weitere Texte zu Jean Paul, die ungedruckt blieben – die DDR war schlichtweg nicht bereit, ihn in dieser Angelegenheit zu Wort kommen zu lassen. (Auf derselben Linie liegt die permanente Boykottierung einer Neuauflage von Jean Pauls Revolutionsdichtung mit fadenscheinigen Ausreden und Ausflüchten.) Die Beschäftigung mit Jean Paul war eine, die ganz bestimmte Kontexte zumindest implizit mitdachte. Natürlich ist dabei zuvorderst Georg Lukács zu nennen, auf den Harich in seinen Texten auch explizit verwies – gerade dann und dort, wo sich der ungarische Philosoph nicht oder kritisch zu Jean Paul geäußert hatte. Über seine Jean-Paul-Monographie schrieb Harich in Mein Weg zu Lukács: »Das größte Lob, das man mir gespendet hat, war der als Tadel gemeinte Vorwurf Günter de Bruyns, ich hätte Lukács in puncto Jean Paul nur ergänzt, statt mit seiner Methode zu brechen. 14 Harich: Brief an Erich Honecker vom 29. Fe bru ar 1988, 3 Blatt, maschinenschriftlich, adressiert an Herrn Erich Honecker, Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR. 23Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Oh nein, mit dieser Methode breche ich nicht! Es gibt keine bessere. Wahrscheinlich deswegen, weil es die von Marx ist.«15 Hinzu treten methodische, thematische und inhaltliche Setzungen, die dem ungarischen Philosophen geschuldet sind bzw. auf diesen verweisen. Gleichzeitig bedeutete das Ja zu Jean Paul für Harich erneut die Thematisierung seines kulturpolitischen bzw. kulturphilosophischen Konzepts. In dem Aufsatz Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß hatte er 1973 am Beispiel Heiner Müllers seine Auffassungen vertreten, was zahlreiche entsetzte Aufschreie nach sich zog.16 Neben allen tagesaktuellen Dimensionen transportierte der Text ein entscheidendes und charakteristisches Moment des Denkens Harichs: Das Bekenntnis zur klassischen literarischen Form als Grundbedingung der die Zeiten überdauernden künstlerischen Gestaltung. Die Übereinstimmung mit den Konzeptionen von Georg Lukács, Nicolai Hartmann und auch Arnold Gehlen ist an dieser Stelle mit den Händen zu greifen. 3) Harichs permanenter Kampf gegen Nietzsche, der sich in den achtziger Jahren intensivierte und, durch die neuesten Entwicklungen, radikalisierte, ist bis heute bekannt. Der 12. Band bietet einen Überblick derjenigen Briefe, Eingaben, Beschwerden usw., die er, parallel zu seinen Arbeiten über Hartmann, verfasste. Daher können die folgenden Ausführungen zur Darstellung der damaligen Debatte hier genügen.17 Sein Verhältnis zu Nietzsche beschrieb Harich 1982 wie folgt: »Meine Bekanntschaft mit Nietzsche begann in den Jahren 1938/1939. Ich gehörte damals, als Vierzehn- bis Sechzehnjähriger in Neuruppin einem philosophisch-literarisch-musikalischen Zirkel des Bayreuther Bundes an, dessen dortige Ortsgruppe von einem Studienrat Dr. Werner Kuntz geleitet wurde. Dieser war vor 1933 SPD-Mitglied gewesen, dachte aber nicht entfernt daran, uns mit marxistischem Gedankengut vertraut zu machen, sondern führte uns in Kant, Schopenhauer, Wagner, Nietzsche und Oswald Spengler ein. Das spielte sich ab vor dem Hintergrund der damaligen Sudetenkrise und des beginnenden Zweiten Weltkriegs. In dieser Situation vertrat meine Mutter die Ansicht, zu Kriegen käme es vor allem deswegen immer wieder, weil die Menschen nicht genügend Phan- 15 Abgedr. in: Band 9, S. 117–121. 16 Harich: Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß. Aus Anlass der Macbeth-Bearbeitung Heiner Müllers, in: Sinn und Form, Heft 1, 1973, S. 189–254. 17 Die Ausführungen dieses Punktes folgen meinem Beitrag: Die Nietzsche-Debatte in der DDR der achtziger Jahre, in: »Ins Nichts mit ihm!« »Ins Nichts mit ihm?« Zur Rezeption Friedrich Nietzsches in der DDR, Berlin, 2016, S. 21–34. 24 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs tasie hätten, sich vorzustellen, was ein Krieg ist. Damit ich davon eine realistische, illusionslose Vorstellung gewönne, gab sie mir systematisch die im Ersten Weltkrieg spielenden Bücher von Barbusse, Glaeser, Remarque, Renn, Arnold Zweig und anderen Kriegsgegnern zu lesen. Unter dem Einfluss dieser Lektüre lernte ich den gleichzeitig genossenen Nietzsche nachhaltig und von Grund auf verabscheuen. Auch später hat er mich nie interessiert, geschweige denn irgend einen Einfluss auf mich ausgeübt. Nachdem ich mich dem Marxismus zugewandt hatte, akzeptierte ich die einschlägigen Darlegungen Franz Mehrings und besonders Georg Lukács’ als das endgültige und abschließend Zutreffende, was über Nietzsche gesagt werden kann. An dieser Überzeugung halte ich auch heute nach wie vor fest.«18 Von 1979 bis 1981 war Harich im Westen politisch und publizistisch aktiv – er widmete sich, wie gezeigt, dort der ihm so wichtigen ökologischen Frage. Während seines Aufenthaltes im Westen konnte er auch – viel besser und deutlich näher vor Ort als einige seiner späteren Kritiker – Anzeichen eruieren, die er dahingehend deutete, dass nicht nur in den bürgerlichen Schichten des Westens, sondern auch in linken Kreisen die Philosophie von Nietzsche wieder Gegenstand der Diskussion wurde. Nach seiner Rückkehr in die DDR war er dadurch für dieses Thema sensibilisiert und setzte sich frühzeitig dafür ein, dass Nietzsche nicht auch im sozialistischen Teil Deutschlands »salonfähig«, noch nicht einmal diskussionsfähig werde. Den verschiedenen Bestrebungen zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Nietzsches Philosophie (auch wenn diese zuvorderst kritisch sein sollte) stand er von Anfang an mahnend gegenüber. Die ihm von staatlicher Seite angetragene Beschäftigung mit Nietzsche lehnte er ab. An Aloys Joh. Buch schrieb er im Fe bru ar 1984 (Teil IV): »In der DDR bin momentan, soweit ich sehe, ich der einzige, der über Nicolai Hartmann arbeitet. Ich kriege dafür, zusätzlich zu meiner Invaliden- und meiner Intelligenzrente, ein Stipendium aus dem Kulturfonds des Kultusministeriums in der Höhe, die für Invalidenrentner eben noch zulässig ist. Genau genommen zahlt man es mir für Forschungen über Nietzsche, der mir aber so widerwärtig ist, dass die Beschäftigung mit ihm, wie sich 1982 herausstellte, mir geradezu Depressionen verursachte; auch möchte ich nicht dazu beitragen, ihn irgendwie aufzuwerten, und zwar nicht einmal durch eine polemisch gehaltene Darstellung – abgesehen davon, dass ich einen polemischen Ton höchstens über 30 Seiten durchhalten kann.« 18 Harich: Brief über Nietzsche, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harich in den Kämpfen seiner Zeit, Hamburg, 2016, S. 275 f. 25Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs In den fünfziger Jahren hatte Harich mit Blick auf die Erbepflege der DDR mehrfach angemahnt, dass die unterschiedlichen Bereiche und Anknüpfungspunkte an die überlieferten Traditionen in einem intakten Verhältnis zueinander stehen müssen. Mit anderen Worten: Wenn beispielsweise Goethe oder Bach oder Heine intensiv im Sozialismus rezipiert würden, dann müssten ähnliche Bestrebungen auch Kant oder Hegel gelten.19 In der Hegel-Denkschrift formulierte er dies 1952 wie folgt: »Dabei dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass z. B. ein Germanist, der Schiller verstehen will, auch etwas von Kant und von Schillers ästhetischen und philosophischen Schriften wissen muss. Es dürfte auch kein Zweifel darüber bestehen, dass wenn man über eine marxistische Interpretation dieser Themen verfügt – man sie auch ausnutzen muss.«20 Dieses Verfahren wurde von Harich in den achtziger Jahren erneut angewandt. Er verknüpfte dergestalt die Fälle Lukács (damit auch Hartmann) und Nietzsche. Es war eine relativ einfache Frage, die er stellte: Warum beschäftige man sich mit Nietzsche, warum drucke man Nietzsche, wenn gleichzeitig das Werk und die Philosophie von Lukács nach wie vor unter dem Bannstrahl vergangener Zeiten stünden?21 Oder von der anderen Seite formuliert: Müsse man nicht zunächst mit der Rehabilitierung von Lukács beginnen, um überhaupt jenes Fundament zu schaffen, besser: zu reaktivieren, auf dem man sich mit Nietzsche ernsthaft beschäftigen könne?22 (Dieses Argument wurde dann in seinem Beitrag in der Sinn und Form zentral.) Von offizieller Seite (Höpcke, Hager, Schirmer, Hahn etc.) wurden Harich immer wieder Versprechungen gemacht: Dass seine Stimme wichtig sei, dass er Gehör finde, dass er Teil der Debatte werde. Doch dies waren nur Ablenkungsmanöver, denn wo immer es ging, unternahm die Partei, assistiert von ihren philosophischen Schergen, alles, um Harich weiter zu isolieren, ihn mundtot zu machen, ihn aus jedweder De- 19 Exem pla risch nachzulesen in seinen Auseinandersetzungen mit Hegel und Heine sowie den entsprechenden Positionierungen der SED. Die einschlägigen Texte Harichs druckt der 5. Band. 20 Abgedr. in: Band 5, S. 129. 21 Wichtig ist zudem die von Werner Mittenzwei eingeleitete und von Harich begrüßte leise und stille, selbstverständlich mit Kritik verbundene neue Annäherung an Lukács. Die Art und Weise, wie das Lukács-Jubiläum 1985 begangen, vor allem aber inhaltlich gefüllt wurde, sah Harich dann als echten Rückschritt an. 22 Anne Harich hat die Erinnerungen an ihren Mann (Wenn ich gewusst hätte) um diese »Leitfrage« aufgebaut und bietet wichtige Einblicke, Hinweise etc., die für die Forschung unverzichtbar sind. 26 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs batte und Öffentlichkeit herauszuhalten. Gerade das unwürdige Gezerre um seinen Lukács-Aufsatz zeigt deutlich an, welch falsches Spiel die Partei mit ihm trieb. Als Kommunist, als Marxist – der war Harich mehr als viele andere – versuchte er alles, um seinen Lukács-Aufsatz in irgendeiner Form in der DDR zu publizieren: Doch es half nichts, er musste sich erneut an »den Westen« wenden. Obwohl Harich sich immer gesträubt hatte, erschien Mehr Respekt vor Lukács! in der Wiener Zeitschrift Aufrisse.23 Man muss diese Konstellation vor Augen haben, um Harichs Rolle und sein Engagement in der Nietzsche-Kontroverse richtig beurteilen zu können. Anders als üblicherweise zu lesen ist, ging es ihm am Anfang (in den frühen achtziger Jahren) vor allem darum, eine öffentliche Debatte über Nietzsche gerade zu vermeiden. Mehrfach verwies er darauf, dass, wenn er seine Meinung und Position öffentlich äußern würde (was die Partei und namentlich Schirmer und Höpcke mehrfach vorschlugen und zugleich »hintenherum« mit irgendwelchen Tricks, Manövern etc. verhinderten), ein »Rummel«, »noch angefacht etwa durch den empörten Widerspruch feingeistig gestimmter liberaler Seelen vom Schlage eines Hermlin«, kaum zu vermeiden wäre.24 Im fünften Heft des Jahres 1986 der Zeitschrift Sinn und Form veröffentlichte Heinz Pepperle den Aufsatz Revision des marxistischen Nietzsche-Bildes?, der letztendlich Harichs Kritik herausforderte.25 Seine Antwort erschien, nach vielen Querelen, genau ein Jahr später unter dem analogen Titel. Diese zwei Beiträge lösten wegen ihrer antagonistischen Ausrichtung dann die Nietzsche-Debatte aus, die durch Stephan Hermlin und dessen Rede auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR im November 1987 weiter angeheizt wurde. Mit Behauptungen – wie: »Für Harich manifestiert sich Kulturpolitik vor allem durch Verbote und Vernichtung (…).«26 – und durch entstellende Zitate eines privaten Briefes von Harich an Hermlin stellte er diesen mehr als nur bloß. Sein Referat endete mit dem Sätzen: »Wo eine solche Stimme sich erhebt, warten andere auf ihren Einsatz. Es ist die Stunde der gebrannten Kinder. Auch ich bin ein gebranntes Kind.«27 Doch es erhoben sich nach Harich keine Stimmen, die ihm in der DDR zur Seite sprangen, ganz im Gegenteil verschärfte sich noch die Kritik an ihm. Hermann Kant 23 Neu abgedr. in zwei Versionen in: Band 9, S. 433–461. 24 Harich: Brief über Nietzsche, S. 285. 25 Pepperle, Heinz: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, in: Sinn und Form, Heft 5, 1986, S. 934–969. 26 Hermlin, Stephan: Rede, in: X. Schriftstellerkongress der DDR. Plenum, 24–26. November 1987, Berlin, Weimar, 1988, S. 73. 27 Hermlin: Rede, S. 77. 27Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs verglich Harich mit Pol Pot28 und im ersten Heft der Sinn und Form von 1988 wurde Hermlins Rede erneut abgedruckt – diesmal waren ihm als Adjutanten beispielsweise Manfred Buhr und Gerd Irrlitz zur Seite gestellt.29 Harich hat in Briefen und Gesprächen beklagt, dass er in der DDR auf diese »Bloßstellungen«, »Demütigungen«, Kritiken nie reagieren konnte und durfte. »Die Replik auf die Angriffe in SuF, Heft 1, 1988, wurde mir mit der Begründung verwehrt, dass man Nietzsche nicht unnötig hochspielen und dadurch erst populär machen wolle. Das ist völlig verlogen, da längst wieder Schrift über ihn, die ihn loben, erschienen sind und andere, von Autoren dieses Landes verfasste, die ihn ›differenziert‹ zu beurteilen empfehlen, zum Druck vorbereitet werden.«30 Er sprach von den »gehässigen, verleumderischen Angriffen«.31 Und er zog daraus den Schluss: »Eine solche Behandlung kann ich mir unmöglich gefallen lassen.«32 Die Fotos, die dem gerade erwähnten Kongressband des X. Schriftstellerkongresses beigegeben sind, zeigen Hermlin und Kant lachend neben ihrem Freund Erich Honecker. Und es war schon eine wirklich merkwürdige Koalition die da entstanden war: Kant, Hermlin, Irrlitz, Buhr (dazu die erwähnten Hager, Höpcke, Hahn, Schirmer etc.) und viele andere sahen sich genötigt, »ihre Freiheit«, das »freie Denken«, »ihre sozialistische Zukunft« zu verteidigen gegen den »Öko-Stalinisten« (so ja der Autor der Jungen Freiheit Günter Maschke mit Blick auf Kommunismus ohne Wachstum) Harich, 28 Kant, Hermann: Rede, in: X. Schriftstellerkongress der DDR. Plenum, 24–26. November 1987, Berlin, Weimar, 1988, S. 44 f. Kant sprach dort von Harichs »Polpotterien«. 29 Das Heft 1, 1988, der Sinn und Form enthielt die Beiträge: Stephan Hermlin: Von älteren Tönen, S. 179–183; Rudolf Schottlaender: Richtiges und Wichtiges, S. 183–186; Thomas Böhme: Das Erbe verfügbar besitzen, S. 186–189; Klaus Känder: »Nun ist dieses Erbe zu Ende …«!?, S. 189–192; Gerd Irrlitz: »Ich brauche nicht viel Phantasie«, S. 192–194; Hans-Georg Eckardt: Im Schnellgang überwinden?, S. 195–198; Stefan Richter: Spektakulär und belastet, S. 198–200; Manfred Buhr: Es geht um das Phänomen Nietzsche!, S. 200–210; Heinz Pepperle: »Wer zuviel beweist, beweist nichts«, S. 210–220. 30 Harich: Brief an Reinhard Mocek, 7 Blatt, maschinenschriftlich, 12. November 1988, adressiert an Professor Dr. Reinhard Mocek, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sektion Marxistisch-Leninistische Philosophie, Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte. 31 Harich: Brief an Gregor Schirmer, 2 Blatt, maschinenschriftlich, 14. Oktober 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 32 Harich: Brief an Gregor Schirmer, 1 Blatt, maschinenschriftlich, 25. Januar 1988, adressiert an Professor Dr. Gregor Schirmer, stellv. Leiter der Abt. Wissenschaft beim ZK der SED. 28 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs der für ebendiese Freiheit – in ihrer wirklichen Bedeutung – Jahre des Leides im Zuchthaus in Bautzen verbracht hatte. Nationalpreise und Gratifikationen, Posten und Titel des sozialistischen Staates konnte er in dieser Zeit und in den Jahrzehnten danach nicht annehmen – das zuerst unterscheidet ihn von den gerade Genannten. Es ist hier nicht der Platz, die Debatte in der Sinn und Form in ihren verschiedenen Facetten exakt nachzuzeichnen. Herausgegriffen sei der zentrale Punkt, dessen Intentionen in den bisherigen Ausführungen bereits anklangen. Es war die Kritik an Lukács, die Harichs Stellungnahme herausforderte und motivierte: »In Georg Lukács greift er (Pepperle, AH) den überragenden Exponenten der Nietzsche-Kritik des Marxismus an.«33 In seinem Beitrag hatte Pepperle Lukács (mit seinem Schaffen) zwar durchaus positiv erwähnt, diesen aber tatsächlich weder in die Tradition marxistischer Nietzsche-Kritik eingereiht, noch dessen Position gleichsam als Folie seiner eigenen Ausführungen benutzt. Und so verbergen sich hinter dem offensichtlichen Lukács-Lob Momente der Kritik, die Harich registrierte. Ein Beispiel: »In der Tat gehört Nietzsches Lehre von der ewigen Wiederkehr zu seinen unschuldigen Gedanken, und Lukács’ Polemik ist in diesem Punkte überzogen.«34 Was Harich zudem wirklich störte, war, dass Pepperle – eben genau hier verließ er Lukács – die Verbindung von Nietzsches Philosophie mit dem Faschismus ein Stück weit kappte: »Es stimmt, dass Nietzsche von den Nazis geplündert wurde und dass sich vieles bei ihm findet, was der faschistischen Ideologie zutiefst widerspricht. So war Nietzsche kein Antisemit, er fühlte sich als Europäer und verabscheute den Nationalismus und Chauvinismus. (…) Doch dies ist nur eine Seite. Es gibt auch eine andere. Erstens waren es eben doch Nietzsches Worte, die die Faschisten im Munde führten (…). Nietzsche hat Lehren vertreten und Gedanken formuliert, die tatsächlich, wie Ernst Bloch einmal schrieb, ›faschistisch brauchbar‹ waren.«35 An dieser Stelle wollte und musste Harich intervenieren, denn es widersprach zutiefst seiner Weltanschauung 33 Harich: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 1018. Weiter heißt es dann: »Und deren übrige, ebenfalls nicht zu verachtende Verfechter, von Franz Mehring über Hans Günther bis zu Stepan Odujew und Heinz Malorny, würdigt er keiner Silbe. So entsteht ein Ungleichgewicht, durch das seine Verteidigung marxistischer Positionen, sollte sie beabsichtigt sein, Schlagseite kriegt: nach rechts. Ich will versuchen, sie vorm Kentern zu bewahren.« (Ebd.) 34 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 937. 35 Pepperle: Revision des marxistischen Nietzschebildes?, S. 965. Gegen diese Einschätzung waren schon in der SBZ, in den ersten Jahren der DDR viele Argumente von gewichtigen Stimmen geltend gemacht worden, siehe die entsprechenden Nachweise bei: Kapferer, 29Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs und Geschichtsphilosophie, Nietzsche als Missbrauchsopfer zu sehen, denn das impliziert, dass er auch richtig gebraucht werden könne. Harich hatte immer, darin wusste er sich mit Lukács, Bloch, Paul Rilla, Hans Mayer und vielen anderen einig, darauf hingewiesen, dass die Nazis Hegel, Goethe, Herder, viele Aufklärer und die meisten Vertreter der klassischen idealistischen Philosophie verfälscht hätten, um sie in ihre Traditionslinien einbeziehen zu können. (Mit Blick auf die Einordnung der Romantik schieden sich dann beispielsweise die Geister.) Bei Nietzsche, so seine unumstößliche Position, sei eine Verfälschung nicht nötig gewesen. Yves Deville, der sich als Übersetzer und Herausgeber um Harich und Lukács in Frankreich echte Verdienste erwarb, hat Nietzsche und seine Brüder im Schaffen Harichs verankert: »Harich hat in seinem Kulturleben viele Kämpfe ausgefochten, immer zu Gunsten eines zu Unrecht Angegriffenen oder Verkannten. Er ist für Brecht eingetreten – dem ›Formalismus‹ vorgeworfen worden war –, er hat für Hegel eine Lanze gebrochen – dieser sollte in der DDR der 1950er Jahre der Bedeutungslosigkeit anheimfallen –, er hat sich um das Werk Georg Lukács’ stark verdient gemacht, um die Anerkennung der Ontologie Nicolai Hartmanns und für ein neues Verständnis von Jean Paul gekämpft. Er machte sich stets Gedanken über die Probleme von Wandel und Kontinuität der kulturellen Werte in einem Land, das den Sozialismus aufbaut. Doch sein ausgesprochen integrativer Geist sperrt sich, als Nietzsche ihm in die Quere kommt. Nietzsches Werk erregt bei ihm nur Kritik und Widerwillen.«36 Harich erscheint bei Deville anders als üblich nicht als ewiger »Nörgler«, sondern habe ganz bewusst Entscheidungen für und wider philosophische Lehren und Theoreme getroffen. Und ein Weiteres ist wichtig: Deville sieht die Kontinuität der Nietzsche-Kritik Harichs: »Harich legt genauso viel Elan in seine Widerlegung Nietzsches wie in seine früheren solidarischen Hilfeleistungen bei anderen Denkern. Er zeigt den gleichen Mut und die gleiche Entschlossenheit, diesmal aber erfüllt er zähneknirschend den selbstgestellten Auftrag. Seine Verdrossenheit gegenüber Nietzsche ist schon alt, älter als seine Hinwendung zum Marxismus oder die Gründung der DDR, sie tritt in den 1980er Jahren Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. 36 Deville, Yves: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus. Anlässlich der Übersetzung von Harichs Nietzsche-Streitschrift ins Französische, in: Heyer: Harich in den Kämpfen seiner Zeit, S. 310. 30 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs wieder auf und ergibt sich aus einer kritischen Beurteilung mancher Entwicklungen im eigenen Land und in ganz Europa.«37 4) Über Georg Lukács als Thema Harichs muss hier nicht allzuviel gesagt werden. Erinnert sei nur an seine immer wiederkehrende Klage – »Das hat Lukács doch bereits klargestellt.« Etwa mit Blick auf Nietzsche. So heißt es in Mehr Respekt vor Lukács!: »Wir leben gefährlich am Ende des 20. Jahrhunderts, leider! Der philosophisch dilettierende Scharlatan (…) würde alles noch schlimmer machen, gewönne er im sozialistischen Land deutscher Sprache auch nur einen Millimeter an Boden zurück. Diesem Unheil gilt es beizeiten zu wehren. Nicht nur dafür brauchen wir Lukács. Aber dafür wahrscheinlich zu allererst. Der Schoß, aus dem Nietzsche kroch, ist fruchtbarer denn je. Mehr Respekt vor Lukács tut not, damit wir das begreifen und daraus die nötigen Konsequenzen ziehen.«38 Für Harich war die Konstellation also relativ klar und deutlich. Wer Lukács, aus welchen Motiven und in welchem Zusammenhang auch immer kritisiere, der leiste der Rückkehr Nietzsches Beihilfe. Umgekehrt habe dies natürlich auch zu gelten. Nur mit Lukács, mit dessen Autorität könne wirksam Nietzsche entgegengetreten werden. Der Kampf, den Harich in den achtziger Jahren für Lukács führt, muss hier nicht rekonstruiert werden. Der bereits erwähnte 9. Band (Dokumente einer Freundschaft) druckt alle wesentliche Manuskripte, Gutachten und Briefe Harichs ab. Nach den Ereignissen von 1956/1957 sahen sich Harich und Lukács nicht wieder und hatten auch keinen persönlichen Kontakt mehr. Trotz der vollständigen persönlichen Trennung blieb Lukács für Harich einer derjenigen Denker, die ihn geistig herausforderten und mit denen er sich auch nach der Haftentlassung beschäftigte. Davon zeugen zeitlich zuvorderst seine Arbeiten zu Jean Paul, die den methodologischen Vorgaben von Lukács folgten. Inhaltlich allerdings bezog Harich eine konträre Position. »Anders als z. Bsp. Georg Lukács, der in Jean Pauls Dichtung nicht mehr sieht als ›kleinbürgerliche Versöhnung mit der elenden deutschen Wirklichkeit‹, unterstellt Harich ihr eine ›revolutionäre Grundkonzeption‹ und – implizit – ein revolutionäres, was heißt, ein auf Veränderung gerichtetes Bildungskonzept.«39 (Ergänzt, berichtigt sei, dass es statt »implizit« natürlich 37 Deville: Mit Leib und Seele wider den philosophischen Irrationalismus, S. 310 f. 38 Harich: Mehr Respekt vor Lukács!, in: Band 9, S. 433–460. 39 Uhlig, Christa: Harich und das Pädagogische bei Jean Paul, in: Prokop, Siegfried (Hrsg.): Ein Streiter für Deutschland. Das Wolfgang-Harich-Gedenk-Kolloquium am 21. März 1996 im Ribbeck-Haus zu Berlin, Berlin, 1996, S. 125. 31Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs »explizit« heißen muss, denn diese These trägt den ganzen Jean Paul Harichscher Prägung und Interpretation.) Auch in den Jahren nach seiner Haftentlassung spielte Lukács’ Philosophie für Harich eine wesentliche und seine eigenen Theorien tragende Rolle. Denn er war nicht nur dort präsent, wo Harich ihn namentlich nannte. Seine Methodik und seine grundlegenden Thesen wendete Harich auf vielen Gebieten an – bei seinen literaturwissenschaftlichen Studien ebenso wie bei Betrachtungen zur Tagespolitik. So gesehen kann hier mit Recht behauptet werden, dass Lukács der vielleicht größte Anreger des Gedankengebäudes von Harich war – und zwar in der permanenten Debatte (auch unter Abwesenden), jenseits platter Apologie. Vor allem aber setzte sich Harich dafür ein, dass Lukács in der DDR Anerkennung und Würdigung finden könne, müsse. Am 26. August 1972 schrieb er an Kurt Hager – mittlerweile selbstredend nicht mehr »per du«. Anlass war der sich abzeichnende Umbruch im Luchterhand-Verlag, der Lukács’ Bücher im Westen betreute. Dadurch (und durch eine Verfügung Lukács’) bestünde die Möglichkeit, die Werke des ungarischen Philosophen ohne Devisenzahlungen in der DDR zu edieren. Zwar sei er sich »bewusst, dass das Verhältnis zwischen der DDR und Lukács seit den tief zu bedauernden Vorgängen von 1956 schweren Belastungen ausgesetzt war«.40 Doch diese zurückliegenden Ereignisse dürften einer neuerlichen positiven Rezeption nicht im Wege stehen. Rückblickend führte Harich dafür sogar ein Gespräch bei der Beerdigung von Lukács an: »In Budapest, da war doch der Benseler bei der Beerdigung, da war auch der sowjetische Botschafter dabei. Der hat zu Benseler gesagt: ›Jetzt ist er tot, jetzt können wir ihn ehren.‹«41 In seinem Brief an Hager nannte Harich zwei Gründe für die Neubestimmung des Umgangs der SED und der DDR-Philosophie mit Lukács. Erstens wurde Lukács in seiner ungarischen Heimat durch die Partei bereits rehabilitiert.42 Und zweitens: »In der DDR selbst genießen Intellektuelle, die sich im Zusammenhang mit den Ereignis- 40 Harich: Brief an Kurt Hager vom 26. August 1972, in: Band 9, S. 270. 41 Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 161. 42 »Lukács war in seinen letzten Lebensjahren wieder Mitglied der marxistisch-leninistischen Partei der ungarischen Arbeiterklasse, und er ist vor über einem Jahr in Budapest unter großen Ehrungen von Seiten der Partei und des Staates zu Grabe getragen worden, wobei in seinem Trauergefolge auch der Botschafter der UdSSR nicht fehlte.« In: Band 9, S. 270. 32 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs sen von 1956 schwerer Vergehen gegen die gesetzliche Ordnung schuldig gemacht haben, darunter auch meine Wenigkeit, längst wieder das Recht und die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Verlagen der DDR zu veröffentlichen bzw. an Zeitungen und Zeitschriften der DDR mitzuarbeiten.«43 Im Grunde genommen appellierte Harich an den marxistischen Wissenschaftler (mit dem er ja die Universitätsbank gedrückt und mehrere Jahre an der HU zusammengearbeitet hatte) und nicht an den Bürokraten Hager. Die alles entscheidende Frage sei letztlich, ob man Lukács’ Philosophie in der DDR und für die Weiterentwicklung des Marxismus benötige. Harichs Antwort war klar und Hagers gegenteilige Positionierung ebenso.44 Und so konnte bzw. musste Harich rückblickend lapidar feststellen: »Hager versperrte sich gegenüber marxistischen Denkern. Er sagte zu Ernest Mandel – nein, Isaak Deutscher – nein. Lukács – nein.«45 (Auch das ist im Prinzip für Hagers Denken typisch, erinnert sei nur an seine Kritik an der »zu ideengeschichtlichen« Deutschen Zeitschrift für Philosophie, die er lieber als Journal für sozialistische Produktionsstatistiken gesehen hätte. Kombiniert übrigens, so lange es möglich war, mit einigem Engagement für Ernst Bloch.) Am Ende der DDR machte Harich dann Hager als einen der Hauptverantwortlichen der Nietzsche-Renaissance aus und führte seine Isolierung im Kulturleben der DDR auf dessen Einfluss zurück. An Egon Krenz schrieb er am 26. Oktober 1989:46 »Nehmen Sie bitte, möglichst noch vor der Plenartagung des ZK, die vom 8. bis 10. November 1989 stattfinden soll, zur Kenntnis, dass Kurt Hager, teils aus Unwissenheit und Inkompetenz, Konzeptionslosigkeit und Opportunismus, teils aber auch durch sein an Machtmissbrauch grenzendes intrigantes Verhalten dem ideologischen Kampf der Partei und dem Kulturleben der DDR seit Jahren schweren Schaden zufügt. Ich habe hier besonders seine Unterdrückung fortschrittlicher humanistischer und seine Wiederbelebung reaktionärer Traditionen im Sinn. Diese gipfelte darin, dass er die Einbeziehung Friedrich Nietzsches in die Erbepflege der DDR, unter dem Deckmantel einer so genannten ›geistigen Auseinandersetzung‹ förderte und damit – natürlich ungewollt, objektiv – das Wiederaufleben des Neofaschismus auch in unserem Land, in Gestalt der Umtriebe von Skinheads und Faschos, begünstigte. Das Nietzsche der eigentliche Schöpfer der faschistischen Ideologie ist, will Herr Hager nicht wahrhaben. Weil ich 43 In: Band 9, S. 270. 44 Anne Harich teilte mit, dass Harich keine Antwort auf den Brief erhielt. Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 57. Das äußerte auch Harich im Gespräch mit Siegfried Prokop: Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 161. 45 Prokop: Ich bin zu früh geboren, S. 160. 46 Harich: Brief an Egon Krenz vom 26. Oktober 1989, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 33Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs dies wissenschaftlich einwandfrei nachgewiesen habe und, ohne mich einschüchtern zu lassen, hartnäckig behauptete, werde ich, offensichtlich auf Herrn Hagers Betreiben, in koordinierter Form von den kulturpolitischen Institutionen unseres Landes, von Redaktionen usw. diffamiert, isoliert und in niederträchtiger Weise schikaniert.« In den Hartmann-Manuskripten sind diese verschiedenen thematischen Felder auch alle präsent. Aber in ihnen geht es noch um etwas anderes, was für Harich in diesem Kontext von zentraler Bedeutung war: Die Rezeption von Hartmanns Philosophie durch Lukács. Über diese vermittelt glaubte er, nicht nur Lukács wieder in der DDR etablieren zu können. Auch Hartmanns Denken selbst sollte so endlich, in gebührend kritischer Auseinandersetzung, dem Marxismus zugeführt werden. Seine in diesem Band abgedruckten Briefe legen von diesem Vorhaben ein aufschlussreiches Zeugnis ab. Doch das Unterfangen war von vornherein zum Scheitern verurteilt – von »oben« gesteuert, von »unten« bereitwillig, auch vorauseilend exekutiert, wie allen anderen Pläne Harichs. Der philosophierende Harich war unerwünscht, ebenso natürlich – fast schon: erst recht – eine durch diesen angeregte Lukács-Lektüre. Und das Hartmann-Projekt: Es war vor allem Beschäftigungstherapie, Ablenkung, Fortsetzung der Isolation. Es dauerte lange, bis Harich dies durchschaute, da er sich an seine Hoffnungen klammerte. Erste Ende der achtziger Jahre begriff er die ganze Situation, konnte, besser: wollte er sie endlich wahrhaben. Seine letzte Illusion mit Blick auf die DDR zerbrach. * * * * * Ein Brief, den Harich am 10. März 1987 an Erich Honecker schickte, illustriert sehr gut, wie bei Harich diese angesprochenen Themenfelder auch in der Selbstwahrnehmung miteinander verwoben waren.47 Da er von Kurt Hager enttäuscht und hingehalten worden wäre, sei er gezwungen, sich nun direkt an den Vorsitzenden des Staatsrates mit seinen Problemen zu wenden. Sein Anliegen war: »Bitte gewähren Sie mir auf kulturpolitischem Gebiet, bei der Pflege des humanistischen Kulturerbes in Philosophie- und Literaturgeschichte, den Einfluss, der meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, meinen Leistungen und Erfahrungen und, wahrscheinlich nicht zuletzt, meinen marxistisch-leninistischen Überzeugungen entspricht.« Insgesamt machte er drei Punkte, Themengebiete geltend: 47 In Band 9, S. 426–431. Alle folgenden Zitate dort. 34 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs »1) Bei uns kriecht aus allen Rattenlöchern eine Renaissance des erzreaktionären, antihumanistischen Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie greift um sich in Lehre und Forschung und in der Verlagsproduktion. Das Vorhaben, nächstens in Weimar eine Nietzsche-Büste aufzustellen, fördert sie. Publikationen in Zeitschriften, namentlich in den Weimarer Beiträgen und in Sinn und Form, leisten diesen gefährlichen Bestrebungen, die uns auch im Ausland sehr schaden können, Schützenhilfe. Eine Polemik, die ich, für Sinn und Form, dagegen geschrieben habe, soll dort nur verstümmelt und zu einem ungewissen Zeitpunkt erscheinen, womit ich nicht einverstanden sein kann. 2) Die politischen Konflikte, die es vor langer Zeit mit Georg Lukács gab, werden bei uns, unter dem Vorwand kritischer Abgrenzung von Lukács, von Gegnern des Marxismus-Leninismus dazu benutzt, in Philosophie und Literaturwissenschaft reaktionären Strömungen zum Durchbruch zu verhelfen. Auch dagegen habe ich, unter dem Titel Mehr Respekt vor Lukács!, eine Polemik verfasst. Sie ist weder von den Weimarer Beiträgen, für die sie bestimmt war, noch von Sinn und Form, noch von der Deutschen Zeitschrift für Philosophie angenommen worden. Nachdem auch Professor Hager sich nicht dazu hat entschließen können, ihren Abdruck bei uns, in einer dieser Zeitschriften, zu empfehlen, war ich gezwungen, von der Möglichkeit einer Veröffentlichung im Ausland, in der Wiener linkssozialistischen Zeitschrift Aufrisse, Gebrauch zu machen, wo sie Ende April erscheinen wird. Auch dieser Beitrag könnte, käme er doch noch bei uns heraus, der bevorstehenden Philosophiehistorikerkonferenz wesentliche Impulse geben. 3) Die in diesem Jahrhundert letzte Gelegenheit, den Dichter Jean Paul Friedrich Richter, aus Anlass seines 225. Geburtstages am 21. März 1988, angemessen zu würdigen, droht wieder versäumt zu werden. Jean Paul hat mindestens die Größe Schillers. Er stand dabei viel weiter links. Die positiven Helden seiner zwischen 1793 und 1803 erschienenen ›heroischen Romane‹ entwickeln sich – ein in unserer klassischen Literatur einzig dastehender Fall – zu Revolutionären. Jean Paul ist so der bedeutendste literarische Wegbereiter der Stein-Hardenbergschen Reformen in Preußen und der analogen Reformen in den Rheinbundstaaten. Als Verfasser des umfangreichen Buches, worin dies nachgewiesen wird, erschienen 1974 im Akademie-Verlag Berlin und im Rowohlt-Verlag Reinbek,48 bemühe ich mich seit Januar 1984 darum, unser Ministerium für Kultur dafür zu gewinnen, dass bei den Jean-Paul-Gedenktagen 1963 und 48 Gemeint ist: Jean Pauls Revolutionsdichtung. Versuch einer Deutung seiner heroischen Romane, Berlin, 1974. Auch: Reinbek bei Hamburg, 1974. 35Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs 1975 Versäumte nun endlich wettzumachen. Ich muss befürchten, dass auch diesmal nichts Nennenswertes geschieht.« * * * * * So weit Harichs Stellungnahme, seine Beschreibung jener Probleme und Verwerfungen, deren Lösung er sich »von oben« erhoffte. Den Untergrund, das Fundament aller dieser Facetten seines Schaffens bildete – wie gesagt – die Auseinandersetzung mit Hartmanns Philosophie. Besonders interessant ist sicherlich, dass die Debatte mit Hartmann einen Teil jener Notizen füllte, die sich Harich ab 1963 im Zuchthaus machen durfte. Er beschäftigte sich dort mit der Parteiliteratur, die er nach Jahren der Isolation wieder lesen durfte, mit der marxistischen Philosophie, mit Kant – und mit Hartmann. Zuerst entstand aus dem Gedächtnis heraus eine knapp zwanzigseitige Biographie Hartmanns, die Harich mit der Klage beendete: »Unmöglich, die Arbeit auch nur skizzenhaft fortzusetzen, ohne wenigstens die Bücher Nicolai Hartmanns zur Hand zu haben.«49 Doch kurze Zeit später kam er erneut auf das Thema zurück. Gefängnisleitung und Staatssicherheit hatten ihm die Lektüre der Bände 17 (Die deutsche Philosophie von 1895–1917), 18 (Die deutsche Philosophie von 1917–1945) und 19 (Die deutsche Philosophie nach 1945) der Taschenbuchreihe Unser Weltbild genehmigt. Das Unterkapitel Die neue Ontologie von Erhard Albrecht50 im 18. Band (S. 26–36) thematisierte Hartmanns Schaffen und forderte Harichs Widerspruch heraus. Die verschiedenen Notizen, die Harich sich während seiner Haftzeit zu dem Problemfeld machte, kommen im vorliegenden Band unter dem von Harich gewählten Titel War Nicolai Hartmann ein Idealist? Zu einer Arbeit von Erhard Albrecht zum Abdruck (die folgenden Zitate dieses Unterkapitels in diesem Text). Hier können die Ausführungen genutzt werden, um zu zeigen, was Harich mit Blick auf Hartmann so wichtig war, dass es noch nach Jahren der Haft sein Denken prägte. Kurzum: Seine Notizen zu Hartmann zeigen, was er von dessen Philosophie quasi »für immer«, als festen Bestandteil seiner Philosophie verinnerlicht, was sich in sein Gedächtnis »eingebrannt« hatte. Gerade mit Blick auf deren Adoption durch den Marxismus, dem Sektierertum und Dogmatismus (repräsentiert durch Albrecht) im Wege stünden. Die entsprechenden Passagen können in der Folge kurz wiedergegeben werden, um dies zu illustrieren. 49 Abgedr. in Band 2, S. 757–775, Zitat S. 775. 50 Harich hatte schon in den frühen fünfziger Jahren keine allzu hohe Meinung von den intellektuellen und wissenschaftlichen Kompetenzen Erhard Albrechts. Seine entsprechenden Äußerungen sind nachzulesen in den Bänden der Frühen Schriften. 36 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Was mache, diese Frage legte sich Harich vor, das Erbe-Verständnis des DDR-Sektierertums – wie er es bis zu seiner Verhaftung in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre kennen gelernt hatte – aus? »Hegel und Feuerbach sollen demnach die letzten Philosophen des Bürgertums gewesen sein, denen eine progressive Bedeutung beizumessen ist; alles Wertvolle aus ihren Lehren und der vorhergehenden Philosophiegeschichte sei aber im Marxismus-Leninismus bereits vollständig enthalten, und seither könne die bürgerliche Philosophie für Marxisten nur noch und ausschließlich Gegenstand polemischer Entlarvung sein; zu lernen gebe es da nichts mehr.« Das 20. Jahrhundert sei, mit Ausnahme des Marxismus-Leninismus, »auf der ganzen Linie nur noch Niedergang, Fäulnis und Verfall«. Es wäre zudem völlig überflüssig, innerhalb des bürgerlichen Lagers zu differenzieren, da der reaktionäre Gehalt allen Geistesschöpfungen dieser Periode inhärent, grundlegend sei.51 Weiter schrieb Harich: »An dieser Theorie ist nicht alles falsch, im Gegenteil: Das meiste und wesentliche an ihr ist sogar richtig. Aber es ist ein untrügliches Kennzeichen des Sektierertums, dass es grundsätzlich zutreffende Gedanken so ohne jedes Maß überspannt und überspitzt, dass sie zu völlig falschen Konsequenzen führen. Und ein Kennzeichen des Schematismus ist es, dass er richtige allgemeine Prinzipien nicht aufs Konkrete und Besondere richtig anzuwenden weiß, weil er glaubt, die Kenntnis des Prinzips mache die Berücksichtigung des Besonderen überflüssig. Trifft der Schematiker auf Tatsachen, die seiner vorgefassten Meinung von der Tragweite des Prinzips nicht entsprechen, so wird er sie entweder ganz ignorieren oder bestrebt sein, sie dem Prinzip zu Liebe – wie er auffasst – zurecht zu biegen, so als ob ein richtiges Prinzip jemals 51 »Alle Richtungskämpfe bürgerlicher Philosophen seien in dieser Epoche im Grunde bedeutungslos, da es sich in ihnen stets nur darum handle, ob die eine oder die andere Spielart der geistigen Reaktion und des Obskurantismus die Oberhand behalten soll. Eine gewisse Bedeutung verdienten diese Kämpfe lediglich deswegen, weil den verschiedenen Schulen und Richtungen des bürgerlichen Denkens symptomatische Bedeutung zukommt, insofern, als sie Versuche darstellten, die imperialistische Ideologie der Mentalität und den speziellen geistigen Bedürfnissen der verschiedenen Klassen und Schichten der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen und zugleich auf die verschiedenen Situationen einer notwendig krisenhaften gesellschaftlichen Entwicklung zu reagieren. Irgendwelche positiven Ergebnisse sachlicher Forschung seien dabei von keiner einzigen Richtung zu erwarten, und wenn sie hier und dort doch einmal vorzuliegen scheinen, dann müsse man doppelt auf der Hut sein, um nicht einer besonders raffinierten Täuschung zu erliegen.« 37Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs anders gewonnen wäre als anhand des Studiums von Tatsachen. Das erstarrte, von den Tatsachen losgelöste, jeder Konkretisierung enthobene Prinzip ist eben das Schema.« Es wäre im Prinzip zutreffend (das ist die Hauptthese aus Lukács’ Die Zerstörung der Vernunft), dass die bürgerliche Philosophie seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sich in einem allgemeinen Niedergang befinde. »Denken wir nur an die Wirkungen Nietzsches, an die Entwicklung der irrationalistischen Lebensphilosophie von Dilthey über Simmel und Spengler bis hin zu Klages, an die Existenzialphilosophie von Heidegger und Jaspers in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, an die Naziideologie mit ihrem Führerkult, ihrem barbarischen Rassismus, ihrer offenen Verherrlichung von Aggressionen und Völkermord, an den Rückgriff auf die mittelalterliche Scholastik nach dem Zweiten Weltkrieg – um hier nur einiges zu nennen –, so müssen wir unumwunden zugeben, dass in Deutschland seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts in der bürgerlichen Philosophie eine reaktionäre Mode die andere abgelöst hat. Das alles ist wahr und kann und soll hier nicht geleugnet werden.« Aber dies sei nur die allgemeine Tendenz (Lukács), das Besondere, der einzelne Denker sei damit keineswegs charakterisiert.52 Denn es habe natürlich auch liberalen und de- 52 Diese Sonderstellung machte Harich für Hartmann geltend. In der Auseinandersetzung mit Albrecht ebenso wie dann in den achtziger Jahren: »Doch nun frage man sich: Wie soll eine entschiedener Atheist, ehemaliger Neukantianer, der mit der Erkenntnistheorie des subjektiven Idealismus gebrochen und abgerechnet hat, überdies Astronom und darwinistischer Biologe, es eigentlich fertig bringen, sich nicht dem Materialismus sehr weitgehend anzunähern, wenn er es unternimmt, die Kategorienforschung von Aristoteles bis Hegel systematisch für die Ausarbeitung einer neuen Ontologie auszuweiten? Keines der Momente, die für die Herausbildung von Hartmanns Weltanschauung bestimmend gewesen sind, weist freilich über den bürgerlichen Horizont hinaus. Aber alle zusammen bedingen eine Sonderstellung gegenüber den vorherrschenden Strömungen und Tendenzen der bürgerlichen Philosophie der imperialistischen Periode, und das allein genügt, in diesem Denker einen potentiellen Bundesgenossen des dialektischen Materialismus zu sehen, der gegen die Angriffe und Unterstellungen eines ungehobelten Sektierertums zu verteidigen ist.« (Gefängnisnotizen) In dem Manuskript Zu den Bildungsfaktoren (Teil III) formulierte Harich: »Nicolai Hartmann war ein bürgerlicher Philosoph in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Das ist wahr. Dass er eine Weltanschauungsphilosophie von reichem Inhalt ausarbeitete, entsprach den Bedürfnissen dieser Epoche. Auch das lässt sich nicht bestreiten. Ob aber – und wenn überhaupt, bis zu welchem Grade – der Inhalt seiner Philosophie den Interessen der imperialistischen Bourgeoisie dienlich war, ist weder mit der einen noch viele andere Feststellung vorentschieden. Es herauszufinden gehört, neben anderem, zu den Aufgaben der vorliegenden Arbeit. Die Kenntnis der Bildungsfaktoren, die seinen geistigen Werdegang bestimmt 38 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs mokratischen Widerstand gegen Hitler gegeben, die bürgerliche Literatur hätte in ihren herausragenden Vertretern (»Heinrich und Thomas Mann, Hermann Hesse, Arnold Zweig, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger und viele andere«) die Kultur belebt – mit den Mitteln des Realismus, der sozialkritischen Analyse usw. Und auch auf wissenschaftlichen Gebieten hätten bürgerliche Gelehrte viele Fortschritte gemacht. Harich folgerte – eine Überlegung, die noch seine Hartmann-Beschäftigung der achtziger Jahre zentral prägte: »Es wäre ein Wunder, wenn es zu diesen offenkundigen und unbestreitbaren Tatsachen in der bürgerlichen Philosophie dieser Zeit keinerlei Analogie gäbe.« Nicht zuletzt, da ja auch der Imperialismus durchaus eine innere Dynamik habe – und wenn diese nur darin bestehe, permanent neue Strategien der Unterdrückung zu ersinnen. Er müsse reagieren und wolle agieren und bedürfe daher dynamischer Wissenschaften. Nicht zuletzt, um die heterogenen Interessen der Gesellschaft zu befriedigen. »So kommt es, dass auch im 20. Jahrhundert in den kapitalistischen Ländern der Kampf zwischen Materialismus und Idealismus in verschiedenen Formen innerhalb der bürgerlichen Philosophie selbst ausgetragen wird, dass die Fronten in diesem Kampf keineswegs unmittelbar mit dem Gegensatz von marxistischer und bürgerlicher Philosophie zusammenfallen, dass vielmehr die Marxisten auch unter den bürgerlichen Philosophen partielle Bundesgenossen gegen die vorherrschenden Richtungen des Obskurantismus und der geistigen Reaktion zu finden vermögen – und unter ihnen sogar faktische Anhänger des Materialismus. Freilich wird es sich bei diesen Bundesgenossen immer um Ausnahmeerscheinungen, um einzelne Außenseiter handeln, um Denker, die gegen den allgemeinen Strom der Entwicklung ankämpfen. Die Verhältnisse unter dem Imperialismus schließen es vollständig aus, dass der Materialismus einzelner bürgerlicher Philosophen jemals die in der kapitalistischen Gesellschaft vorherrschende Richtung sein und in den Massen der bürgerlichen Intellektuellen eine Resonanz finden kann, die der Wirkung der reaktionären Strömungen vergleichbar wäre, geschweige denn, dass er von Staats wegen favorisiert wird.« Man darf bei diesen Formulierungen Harichs mehrere Sachen nicht vergessen. Er schrieb im Gefängnis, nach jahrelanger Isolation. Er wusste, dass die Staatssicherheit seine Notizen überprüfte. So gesehen, war es erneut ein mutiger und respektabler Schritt, dass er es wagte, an seine Überlegungen aus der Mitte der fünfziger Jahre anhaben, kann mithelfen, der Aufgabe gerecht zu werden, vorausgesetzt, es besteht Klarheit darüber, inwieweit diese Faktoren zum Imperialismus in Beziehung standen.« 39Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs zuknüpfen. Denn diese Argumentationsstruktur war die Grundlage seines Denkens und in ihr zeigt sich durchaus mehr als nur ein Nachschein des Vademekums. * * * * * Die im IV. Teil abgedruckten Dokumente und Briefe informieren sehr gut über die jeweiligen Arbeitsschritte, Vorhaben und Pläne Harichs bezüglich seiner Hartmann-Arbeiten. Insgesamt widmete sich Harich von 1982 (erste Neu-Lektüre) bis Januar/April 1989 dem Projekt – bis er dieses mit einem »großen Knall« beendete. Am 5. Januar 1984 übergab er dem Akademie-Verlag (Hermann Turley) einen ausführlichen Plan über ein mögliches zweibändiges Werk zu Hartmann. (Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung befindliches Werk über Nicolai Hartmann, Teil IV.) Beigefügt war der Gliederung auch ein Arbeitsplan, der die Fertigstellung des Werkes zwischen 1983 und 1993 vorsah. Das Projekt war zu diesem Zeitpunkt bereits über ein Jahr alt. Ein Brief an Lothar Berthold (Leiter des Akademie-Verlags) vom 14. Juni 1984 (Teil IV) gibt darüber die nötigen Auskünfte: »Am 17. Januar 1983 waren wir übereingekommen, dass ich für den Akademie-Verlag die Abfassung eines Werkes über den Philosophen Nicolai Hartmann (1882 bis 1950) vorbereiten soll.« Harich berichtete, was er bereits für das Projekt getan habe: Auffrischung der Kenntnisse der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts, »ein gründliches Studium sämtlicher Werke Nicolai Hartmanns«, Anfertigung von Exzerpten und Registern. Zudem führte er, den Arbeitsplan spezifizierend, noch einmal aus, wie er sich das Buch vorstellte: »Der erste Teil (Arbeitstitel: Gegen den Strom, vielleicht auch: Gegen den Wind) soll das herausarbeiten, was, nach meiner Überzeugung, an Nicolai Hartmanns philosophischem Erbe verhältnismäßig rationell und wertvoll ist. Dies will ich sinnfällig machen, indem ich Nicolai Hartmann in Beziehung setze zu den dominierenden Strömungen und Schulen der bürgerlichen Philosophie des 20. Jahrhunderts, und zwar möglichst in der Reihenfolge, in der sie Schule gemacht haben, Mode gewesen sind (Neukantianismus, Phänomenologie, Nietzschekult, Lebensphilosophie, Neuhegelianismus, Existenzialismus, Neopositivismus, Pragmatismus, Naziideologie, Neoscholastik, philosophische An thro po lo gie). (…) Der erste Teil soll abschließen mit einem Kapitel, das Nicolai Hartmann Stellung zum Marxismus und die bisherigen Stellungnahmen von Marxisten zu ihm behandelt und damit überleitet zum zweiten Teil. In diesem (Arbeitstitel: Synthese der Halbheiten) gedenke ich, an den Grundgebrechen der Nicolai Hartmannschen Philosophie Kritik zu üben, und zwar so, dass ich aus der 40 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Kritik heraus zugleich affirmativ die problemeinschlägigen Positionen des dialektischen und historischen Materialismus entwickle.« Wichtig war Harich noch der Hinweis, dass er dem Thema Ethik besonderen Platz einräumen werde: »Einmal handelt es sich hier um dasjenige Gebiet der Philosophie, auf das der ganz späte Lukács den größten Wert legte, zu dem sich zu äußern ihm aber nicht mehr vergönnt gewesen ist. Zum anderen entferne ich mich gerade in puncto Ethik von Nicolai Hartmann am Weitesten, insofern, als ich glaube, dass auswertbares bürgerliches Erbe hier in ungleich stärkerem Maße bei Hegel (Rechtsphilosophie), Feuerbach und den frühesten Positivisten (Comte, John Stuart Mill) zu finden ist.« In der Tat spielt die Problematisierung dieser Überlegungen in den vorliegenden Manuskripten eine zentrale Rolle, ist deutlich präsent und wurde von Harich aus unterschiedlichen Positionen und Blickwinkeln mit philosophischem Leben gefüllt. Wichtig ist, dass über den ganzen Hartmann-Komplex der Akademie-Verlag mit Harich keinen Vertrag schloss, besser: schließen durfte. Man einigte sich auf den merkwürdig anmutenden Kompromiss, dass der Brief Harichs an Berthold sowie dessen Antwortschreiben eine Art Vorvertrag bilde, der dann gegebenenfalls erweitert oder konkretisiert werden könne. Bertholds Antwortschreiben vom 28. August 1984 fand sich ebenfalls im Nachlass Harichs.53 Berthold fasste Harichs Brief und die Ergebnisse der verschiedenen Gespräche wie folgt zusammen: 1) Harich bereite entsprechend seinen Planungen ein Manuskript mit dem Titel Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen vor. 2) Der Verlag erwarte, entsprechend Harichs Planungen, die Manuskripte für 1987 (Teil I) und 1988/1989 (Teil II). 3) Auf der Basis des Manuskripts des I. Teils werde dann eine Entscheidung getroffen, ob beide Bände nacheinander oder gleichzeitig erscheinen würden. 4) Harich hatte um das russische Buch Die Philosophie Nicolai Hartmanns von T. Gornstein gebeten, Berthold sagte zu, dieses zu besorgen und Harich, der kein Russisch sprach, den Inhalt zugänglich zu machen. 5) Der Verlag nehme »zur Kenntnis, dass Sie sich, bis das genannte Manuskript druckreif vorliegt, als Autor keiner anderen Aufgabe widmen werden. Die von Ihnen ge- 53 Berthold, Lothar: Brief an Wolfgang Harich vom 28. August 1984, 3 Blatt, maschinenschriftlich. 41Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs nannte Ausnahme zur Bearbeitung einer eventuellen Neuauflage Ihres Buches Jean Pauls Revolutionsdichtung akzeptieren wir natürlich.« 6) Der Verlag begrüße die Idee Harichs, sich »in essayistischer Form zur Thematik des Werkes in Sinn und Form« zu äußern. 7) Harich hatte erklärt, dass er im Falle seines Todes seine Materialien dem Verlag zur Verfügung stelle. Ähnliches könne er testamentarisch auch für seine weiteren Manuskripte verfügen. Berthold sah dies als »großen Beweis unseres gegenseitigen Vertrauens«. Seine Ausführungen beendete Berthold mit dem Hinweis: »Für den Abschluss eines ordentlichen Vertrages werden wir in gegenseitiger Abstimmung den besten Zeitpunkt wählen, um in ihm dann auch alle Modalität im Einzelnen festzulegen. Das gilt selbstverständlich auch für die Honorierung Ihrer Arbeit.« Es war aus der internen Logik des Verlags und der SED natürlich klar, dass man mit Harich keinen Vertrag über ein Buch schließen konnte, bevor dieses von Partei und Staatssicherheit geprüft war. Es überrascht rückblickend allerdings durchaus, wie intensiv die entscheidenden Stellen an dieser weiteren Isolierung und »Stillhaltung« Harichs arbeiteten. Im Archiv des Akademie-Verlages umfassen die Fundstücke zu Harich keine fünfzig Seiten (und das trotz seiner Arbeiten für die Feuerbach-Edition, Georg Klaus, trotz der zahlreichen Gutachten seit den siebziger Jahren, Briefe, Eingaben, obwohl er 1974 mit Jean Pauls Revolutionsdichtung letztmalig selber Autor des Verlags gewesen war usw.). Alles wurde vom Verlag an die übergeordneten Stellen und die Staatssicherheit weitergegeben. Im Archiv kann heute noch nicht einmal mehr bestätigt werden, dass Harich jemals für den Verlag gearbeitet hat. So »gründlich« räumte man auf und überwachte alles. Doch diese Probleme waren noch weit weg, Harich hatte das »falsche Spiel« von Partei und Verlag noch nicht durchschaut oder wollte es nicht wahrhaben. Die Arbeiten kamen gut voran. Am 9. Oktober 1985 schrieb er an Frida Hartmann (Teil IV): »Ich habe 1983/1984 den ganzen Hartmann noch einmal gelesen, jede Zeile, habe mir ein 106 Schreibmaschinenseiten langes Problemregister zu seinem Gesamtwerk angelegt, und seit einem Jahr bin ich am Schreiben, bisher 300 Schreibmaschinenseiten sind in erster Fassung geschafft, 100 in zweiter Fassung.« In zeitlicher Nähe zu diesem Brief stellte Harich dann seine Schreib-Methode aber um. Er formulierte nun nicht mehr eine durchgehende Monographie, sondern begab sich ins Selbstgespräch – jene Art der 42 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Textpräsentation, die er dann in Nietzsche und seine Brüder kurz vor seinem Tod der Öffentlichkeit vorstellte und mit der er bereits bei der Abfassung des Manuskripts Die Baader-Meinhof-Gruppe54 experimentiert hatte. Im August 1987, zu diesem Zeitpunkt sollte er eigentlich den ersten Band der ursprünglich geplanten Arbeit vorlegen, schrieb er an Lothar Berthold (Teil IV), dass er diesen Abgabetermin nicht werde einhalten können: »Einmal habe ich mich mit früheren Fassungen bis ins Jahr 1985 hinein ›verfranzt‹ und mich dann erst, zurückgreifend auf meine Erfahrungen bei dem Buch Kommunismus ohne Wachstum? (1975) und Anregungen der Kollegin Kolesnyk folgend, zu der jetzigen Interview- bzw. Dialogform durchgerungen, was einen Neubeginn nach sich zog. Zum anderen ist meine Arbeit mehrfach durch Dringlicheres unterbrochen worden: Durch die Notwendigkeit, Angriffe von rechts gegen Georg Lukács zurückzuschlagen – zu diesem Zweck schrieb ich den Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! (1986) – und ein Übergreifen der Nietzsche-Renaissance auf die DDR verhindern zu helfen – in diesen Zusammenhang gehören der Aufsatz Revision des marxistischen Nietzschebildes? (1986/1987) und das Gutachten zu dem Nietzsche-Buch von Heinz Malorny (1987). Beide Angelegenheiten erforderten umfangreiche Detailstudien und brachten, da ich in beiden Fällen auf große Widerstände stieß, die im Falle Lukács bis heute noch nicht überwunden sind, eine nicht enden wollende Korrespondenz mit sich.« Über den Stand seiner Arbeiten führte er aus: »Zum Komplex Nicolai Hartmann liegen jetzt vor: 1) Mehr oder weniger umfangreiche Manuskriptanfänge der ursprünglichen Fassung. 2) Das Manuskript einer Hartmann-Biographie (123 Seiten), eines darauf fußenden Fragebogens an die Witwe, Frau Frida Hartmann (BRD), und eineinhalb Stunden Bandmitschnitte der mündlichen Antworten Frau Hartmanns. 3) Das – wohl erstmalige – Manuskript eines Personen- und Sachregisters zum Gesamtwerk Nicolai Hartmanns (106 Seiten), zusammen mit einem Verzeichnis seiner sämtlichen Berliner Lehrveranstaltungen, 1931 bis 1945 (zusätzlich 5 Seiten). 4) Die Stücke I–VI und ein Anfang des Stücks VII der jetzigen Fassung meiner Arbeit (301 Seiten). 5) Meine kritischen Marginalien zu 16 Bänden des Hartmannschen Gesamtwerks. Das unter Punkt 4) genannte Manuskript werde ich Ihnen morgen bei Gelegenheit Ihres Besuchs in meiner Wohnung, zusammen mit diesem Brief, in der einzigen Kopie (301 Seiten) überreichen. Dieses Manuskript umfasst die Stücke: I. Über Nicolai Hartmanns Aktualität (Seiten 1–29a); II. Über Materialismus und Realismus (Seite 29b-65); III. Über 54 Abgedr. in: Band 7, S. 223–450. 43Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs den inkonsequenten Materialismus der neuen Ontologie (Seiten 66–116); IV. Über den inkonsequenten Materialismus der neuen Ontologie, Fortsetzung: Zur Problematik des idealen Seins (Seiten 116a-154c); V. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus (Seiten 155–219); VI. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, Fortsetzung: Ihr Verhältnis zu anderen philosophischen Richtungen, I (Seiten 220–282); VII. Über die Stellung der neuen Ontologie im zeitgenössischen Kampf zwischen Materialismus und Idealismus, weitere Fortsetzung: Ihr Verhältnis zu anderen philosophischen Richtungen, II (Seiten 283–301, Bruchstück).«55 Mit seinen geplanten Arbeiten kam Harich in der Folgezeit gut voran. Auch wenn sein Kampf gegen Nietzsche unvermindert anhielt und viele Energien absorbierte, so waren die Aufsätze zu Lukács und Nietzsche doch immerhin fertiggestellt. Am 7. Juli 1988 meldete Harich an Thomas Grundmann, »dass mein Buch über Nicolai Hartmann jetzt bis zur 463. Schreibmaschinenseite, IX. Kapitel, gediehen ist, nachdem das voraus gegangene Kapitel, auf den Manuskriptseiten 344 bis 424, in Kapitel VIII, ausschließlich die Wechselbeziehung zwischen Nicolai Hartmann und Heidegger behandelt« (Teil IV). Im September des selben Jahres teilte er Josef Stallmach mit (Teil IV), dass er die von Lukács begonnene marxistische Hartmann-Rezeption fortsetzen wolle: »Mit einem in Dialogform gehaltenen Werk, Erwägungen zu Nicolai Hartmann. Versuch einer marxistischen Selbstverständigung in elf Gesprächen nebst einem Anhang, und bin damit jetzt bei der Schreibmaschinenseite 587 eingetroffen, doch noch längst nicht am Ziel.« 55 Dort dann weiter: »Es stehen noch die folgenden Stücke aus: VII. Der Rest diese Stücks, gewidmet dem Verhältnis der Hartmannschen Ontologie und der Existenzialphilosophie Martin Heideggers zueinander; VIII. Fortsetzung III: Hartmanns Verhältnis zur Phänomenologie Husserls, Schelers usw., zur Meinongschen Gegenstandstheorie und zu der von Dilthey inaugurierten Lebensphilosophie; IX. Über Georg Lukács’ Weg zur Ontologie und über seine Hartmann-Rezeption; X. Wie ist progressive bürgerliche Philosophie im Zeitalter des Imperialismus und der proletarischen Revolution noch – oder wieder – möglich? Zu den geschichtlich-gesellschaftlichen Grundlagen der neuen Ontologie und ihrer Stellung im Klassenkampf; XI. Zusammenfassung: Was können Marxisten von Nicolai Hartmann lernen? In welchen Hinsichten müssen sie ihn bekämpfen? Anhang: Die Lebensdaten Nicolai Hartmanns; Überblick über seine Werke; Liste seiner Berliner Lehrveranstaltungen 1931 bis 1945. (Zu diesem Anhang wurden auch die Akten ›Nicolai Hartmann‹ in den Archiven der Humboldt-Universität sowie der Akademie der Wissenschaften der DDR ausgewertet.)« 44 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Schließlich, die letzte erhaltene Meldung des Zwischenstandes, erfolgte am 15. Oktober 1988 (Teil IV) in einem Brief an Lothar Berthold: »Die Arbeit an meinem Buch neigt sich ihrem Ende zu. (…) Zur Zeit stecke ich mitten in der Niederschrift des X. Dialogs und bin auf Schreibmaschinenseite 587 (allerdings sehr weitzeilig und mit ziemlich breitem Rand) angelangt. Mit der Niederschrift des XI. Dialogs will ich noch im Laufe des November beginnen. Der Anhang soll in der Hauptsache die Straffung eines biographischen Textes enthalten, der in zu ausführlich geratener Fassung bereits vorliegt, außerdem ein Verzeichnis der Lehrveranstaltungen aus der Berliner Zeit (1931–1945) und vielleicht noch eine Kompilation der bisher vorliegenden Bibliographien von Theodor Ballauf (1952), Ingeborg Wirth (1963) sowie Petra und Aloys Joh. Buch (1982), die zu einem Ganzen zusammenzustellen und mit wenigen Titeln auf neuesten Stand zu bringen eine schnell zu erledigende, rein technische Aufgabe wäre. Ich teile Ihnen dies heute mit, damit der Akademie-Verlag rechtzeitig Vorsorge treffen kann, dass das Buch in den Produktionsplan für 1990 kommt.« Doch die Probleme hatten nicht aufgehört. Am 3. April 1989 schrieb Harich an den Akademie-Verlag einen Brief, in dem er mitteilte: »Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich jede Beziehung zu Ihnen mit sofortiger Wirkung abbreche. Dem Akademie-Verlag ist künftighin, sowohl zu meinen Lebzeiten als auch für die Zeit nach meinem Tode, untersagt, irgendwelche Arbeiten von mir herauszubringen.«56 Da es einen Vertrag über das Hartmann-Buch nicht gäbe und der Verlag es sowieso nicht herauszubringen gedächte, werde er seine Arbeiten bei Seite legen und sich anderen Aufgaben widmen. In der Tat beendete Harich zu diesem Datum die Studien zu Hartmann und wendete sich noch intensiver dem Projekt Nietzsche und seine Brüder zu, mit dem er im Januar desselben Jahres begonnen hatte. Für seine Entscheidung machte er mehrere Gründe geltend: 1) »Die BPO der SED beim Akademie-Verlag hat meinen Antrag, mich als Kandidat in die Reihen der Partei aufzunehmen, nach langem, für mich entwürdigendem Hinauszögern einer Entscheidung, 1988 zurückgewiesen.« 2) Von Jean Pauls Revolutionsdichtung (Erstdruck 1974) sei trotz mehrfacher Bitten kein Neudruck erfolgt. Sowohl Jean Pauls 225. als auch Harichs eigener 65. Geburtstag hätten daran nichts geändert. 56 3 Blatt, maschinenschriftlich, 03. April 1989, adressiert: An den Akademie-Verlag. Zustellung per Einschreiben. Alle weiteren Zitate ebenfalls dort. 45Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs 3) Der Verlag sei nie auf einen der editorischen Vorschläge eingegangen, die Harich seit den siebziger Jahren immer wieder unterbreitet hatte. 4) »Sowohl in meinem Bemühen um eine angemessene Würdigung des Erbes von Georg Lukács in unserer Republik als auch in meinem Kampf gegen die Nietzsche-Renaissance hat der Akademie-Verlag mich durch Jahre schmählich im Stich gelassen. Der Verlag hat mich vor allem in diesen Fragen fortgesetzt behandelt wie den letzten Dreck.« 5) »Die Herren Berthold und Turley haben die Zusagen, die sie mir hinsichtlich der Finanzierung meiner weiteren wissenschaftlichen Arbeiten am 22. Dezember 1988 in meiner Wohnung gegeben haben, gebrochen. Sie haben weder in der ersten Januarhälfte 1989 für die Fortzahlung meines Stipendiums aus dem Kulturfonds gesorgt noch mir in der zweiten Januarhälfte 1989 den mir in Aussicht gestellten Vertrag über mein Nicolai-Hartmann-Buch vorgelegt noch den in Betracht kommenden Gutachtern hierfür, den Herren Professoren Dr. Michael Franz und Dr. Karl-Friedrich Wessel, bis heute entsprechende Aufträge erteilt.« Gegenüber Kurt Hager ergänzte Harich am (06. April 1989)57: »Vom Akademie-Verlag bin ich wiederholt und in verschiedenen Zusammenhängen dermaßen empörend behandelt worden, dass ich mich genötigt sah, alle Beziehungen zu dieser Firma abzubrechen. Meine Gründe habe ich in einem Brief an den Verlag vom 3. April 1989 auseinandergesetzt. Zu diesen Gründen gehört, dass die Verlagsleitung das Versprechen, das sie mir am 22. Dezember 1988 gegeben hat, mir noch im Laufe des Januar 1989 zu weiterer Finanzierung meiner wissenschaftlichen Arbeit zu verhelfen, gebrochen hat. Ich kann daher meine Arbeit über Nicolai Hartmann, die bei großer physischer und intellektueller Aufwendigkeit keinen nennenswerten finanziellen Gewinn verspricht, unmöglich fortsetzen. In somit schwieriger materieller Lage müsste ich mich anderen, einkömmlicheren Arbeitsaufgaben zuwenden. Ehe ich das tue, möchte ich aber noch einmal, über Sie, versuchen, hierorts eine für alle Teile zufriedenstellende Lösung herbeizuführen. Leider habe ich Grund, daran zu zweifeln, dass an meiner Arbeit über Nicolai Hartmann überhaupt ein Interesse besteht, und den Verdacht zu hegen, dass ich vielmehr mit einer Art Beschäftigungstherapie durch Jahre an der Nase herum 57 2 Blatt, maschinenschriftlich, 06. April 1989, adressiert: Professor Dr. h. c. Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Oben die handschriftlichen Vermerke Harichs: Von Hager beantwortet. Eingang der Antwort am 12. 5. 1989. Darauf Bestätigung zur Eingabe an Honecker. 46 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs geführt worden bin. (Der Manuskripttorso ist mittlerweile auf fast 700 Schreibmaschinenseiten gediehen.)« Hager gab diese Informationen sofort nach »oben« weiter, noch Erich Honecker nahm von dem Vorgang Notiz, wie aus dessen Briefwechsel mit Harich hervorgeht. Harich hatte endlich durchschaut, dass der Verlag ihn über die Jahre nur hingehalten hatte. Sein Bruch war hart und konsequent. Er stellte in den Schlusssätzen seines gerade zitierten Briefes an den Akademie-Verlag (vom 03. April 1989) fest, dass er sich »als Gegenstand einer sich durch Jahre hinziehenden Beschäftigungstherapie« fühle. Sicherlich nicht die falscheste Einschätzung. Anne Harich hat mitgeteilt, dass Lothar Berthold unter der ganzen Situation ebenso gelitten habe wie Harich. Denn er hätte gern geholfen, mehr getan, setzte sich auch privat für Harich ein. Aber bei allen Verlagsangelegenheiten waren im die Hände gebunden, er unterstand den Anweisungen von Hager, Höpcke, Buhr, Schirmer, Hahn u. a. * * * * * Harichs Arbeit an seinem Werk über Hartmann zerfiel in den achtziger Jahren in mehrere Phasen, wie geschildert immer wieder unterbrochen durch andere, zumeist tagesaktuelle Ablenkungen – in Gestalt der Nietzsche-Renaissance, des Kampfes für Lukács’ Erbe in der DDR und der Würdigung Jean Pauls. Anhand der im IV. Teil abgedruckten Briefe und Dokumente sowie unter Berücksichtigung der entsprechenden einschlägigen anderen Bände dieser Edition – vor allem 9 (zu Lukács) und 12 (zu Nietzsche) können diese Entwicklungen gut nachvollzogen und müssen daher hier nicht extra ausgeführt werden. Wenn man möchte, kann man die Manuskripte Harichs in mehrere Konvolute chronologisch aufteilen: Im ersten Bestand sind dann frühe Studien unterzubringen (ca. 1982 bis 1984, 1982 Beginn der erneuten und kompletten Hartmann-Lektüre), das zweite Konvolut enthält den Versuch der Abfassung des Hartmann-Buches, das dritte schließlich umfasst die Manuskripte nach der Umstellung auf die Dialog-Form (ab 1985), wobei hier auch wieder zeitliche Unterschiede zu machen sind. So entstand beispielsweise der Text Georg Lukács und Nicolai Hartmann (Titel vom Herausgeber) höchstwahrscheinlich als erster Versuch, nunmehr im Dialog fortzufahren, danach startete Harich von vorn und verteilte verschiedene Bestandsstücke dieser Fassung auf die neu gegliederte Arbeit. Im April 1989 beendete er, wie gerade gesehen, seine Arbeit an Hartmann und wendete sich Nietzsche und seine Brüder zu. Das Manuskript hatte er 47Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs bereits im Januar begonnen und Mitte des Jahres abgeschlossen, er überarbeitete und ergänzte es bis zu seinem Tod. In dieser Phase seines Lebens war er dann vor allem beschäftigt mit seiner Arbeit als Vorsitzender der Alternativen Enquete-Kommission Deutsche Zeitgeschichte (am 19. Oktober 1992 Vorstandswahl mit Harich als Vorsitzendem, am 20. September 1994 schriftlicher Rücktritt gegenüber den stellv. Vorsitzenden). Es war keine einfache Entscheidung, aus diesen unterschiedlichen Konvoluten diejenigen Texte auszuwählen, die in diesem Band präsentiert werden. Vor allem galt es, den besten Mittelweg zu finden zwischen der Vermeidung unnötiger Wiederholungen und Doppelungen auf der einen und der Abbildung des Arbeitsprozesses, gleichsam des Evolutionsprozesses der Hartmann-Manuskripte auf der anderen Seite. Gerade der Herausstellung der Entwicklung, der Überarbeitung und Veränderung von Harichs Thesen und Theorien muss das Augenmerk gelten, um zu einer differenzierten Bewertung seines eigenen philosophischen Ansatzes zu gelangen. Präsentiert werden, der Reihe nach, folgende Texte: Teil I (Einleitung und Biographie) enthält zwei Manuskripte. Das erste ist überschrieben Einleitung. Es stammt zeitlich aus dem ersten Konvolut, es handelt sich um 70 Schreibmaschinenseiten sowie ein Deckblatt, auf dem als Titel vermerkt ist: »Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen. Erster Teil. Gegen den Strom. Einleitung, Seiten 1–70.« Diesen Text hatte Harich offensichtlich ganz am Anfang seiner Niederschrift formuliert, in dem zweiten Arbeitsgang ist er dann nicht mehr präsent, entweder, weil er so in das neue Manuskripts eingehen sollte, oder, was wahrscheinlicher erscheint, weil seine einzelnen Bestandteile in andere Kontexte hinein verwoben wurden. Das zweite Manuskript des I. Teils, das erste Kapitel, Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung (Abdruck unter diesem Titel) der großen geplanten Hartmann-Monographie von Harich ist in einem guten Zustand erhalten (und gehört zeitlich-chronologisch zum zweiten Konvolut). Es umfasst insgesamt 123 Schreibmaschinenseiten (nummeriert von 1 bis 123), mit zahlreichen hand- und maschinenschriftlichen Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen. Ein Fußnoten- oder Anmerkungsapparat war offensichtlich nicht vorgesehen, zumindest finden sich im Manuskript darauf keine Hinweise. Der Text kommt in der von Harich geplanten Art und Weise zum Abdruck, es wurden lediglich einige Absätze neu eingefügt und der Text an einigen Stellen neu strukturiert. 48 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Von diesem Manuskriptteil sprach Harich, wenn er am 26. November 1985 an Frida Hartmann schrieb (Abdruck im IV. Teil.): »Ich frage mich, wie ich nun weiter verfahren soll: Ob auch ich Nicolai Hartmanns Lebensgeschichte so vollständig ignorieren soll, wie die gesamte bisherige Sekundärliteratur über ihn das tut – was ich bedauern würde –, oder ob ich es Ihnen und Ihren Kindern zumuten darf, Ihre Hilfe bei der Verbesserung des biographischen Teils meiner Arbeit in Anspruch zu nehmen. Im letzteren Fall könnte ich Ihnen, falls es Ihnen recht ist, die bisherige Fassung des Kapitels I zuschicken; es sind 123 Manuskriptseiten. Sie könnten dann in Ruhe Ihre kritischen und berichtigenden Notizen dazu machen und sie mir in der Form übermitteln, die Ihnen am angenehmsten ist, sei es brieflich oder auch mündlich.« Harich entschied sich schließlich dazu, dass Manuskript zu überarbeiten (einige kleinere Korrekturen bereits handschriftlich annotiert) und den Dialogen als Einleitung bzw. im Anhang beizufügen. Der II. Teil präsentiert die Dialoge Harich über Hartmanns Philosophie in ihrer Zeit. Das hier verwendete Manuskript ist in einem guten Zustand, Harich selbst hatte es in einer geschlossenen und runden Form verfasst und aufbewahrt. Es ist maschinenschriftlich niedergeschrieben, enthält verschiedene teils maschinenschriftliche, teils handschriftliche Korrekturen und umfasst insgesamt 640 Seiten (wobei sich die genaue Seitenzahl dadurch erhöht, dass mehrfach einzelne Seiten so umgearbeitet wurden, dass, um die Nummerierung nicht zu unterbrechen, Unterkategorien mit dem Zählsystem a, b usw. eingeführt worden). 10 der 11 geplanten Dialoge stellte Harich fertig, bis er, wie geschildert, im April 1989 (eigentlich Januar) seine Arbeit am Manuskript abbrach. Zum fehlenden 11. Dialog gibt es einige verschiedene handschriftliche Notizen, die hier aber weggelassen wurden. Was er thematisch behandeln sollte, erschließt sich aus den Briefen im IV. Teil und geht auch aus dem Manuskript selber teilweise hervor. Zu dem Namen und Kürzel seines fiktiven Dialogpartners hat sich Harich ebenfalls brieflich geäußert. An Lothar Berthold schrieb er am 26. August 1987 (Teil IV): »Der fiktive Dialogpartner bzw. Interviewer Peter Fix (abgekürzt PF) wird noch einen anderen Namen erhalten müssen, da einiges dafür spricht, dass es sich bei ihm nicht um eine Erfindung von Peter Hacks handelt (wie ich auf Grund seiner Werkausgaben angenommen habe – siehe deren Nachworte), sondern es einen Literaturwissenschaftler dieses Namens, und zwar wohnhaft in Leipzig, wirklich gibt.« Ein knappes Jahr (15. Oktober 1988) später machte er dann gegenüber dem Leiter des Akademie-Ver- 49Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs lages geltend (Teil IV): »Das Buch soll einen anderen als den ursprünglich vorgesehenen Titel erhalten, nämlich: Wolfgang Harich/Paul Forster: Erwägungen zu Nicolai Hartmann. Versuch einer marxistischen Selbstverständigung in elf Dialogen nebst einem Anhang. Der Mitverfasser ist Fiktion, muss aber trotzdem namentlich genannt werden, auch im Titel.« In Nietzsche und seine Brüder58 dechiffrierte Harich »PF« dann als Paul Falck, dem er eine eigene Biographie verpasste und ein Vorwort »schreiben« ließ. Sogar in seiner privaten Korrespondenz versuchte Harich, diese Fiktion aufrecht zu erhalten. An Stefan Dornuf schrieb er am 02. August 1989:59 »Wie kommst Du dazu, anzunehmen, dass der Interviewer in Nietzsche und seine Brüder eine fiktive Figur sei? Das ist er, natürlich, nicht. Hinter dem Pseudonym Paul Falck verbirgt sich vielmehr ein 39 Jahre alter freischaffender Journalist aus der Schweiz, der nach Abschluss seines Studiums an einer heimatlichen Universität noch jahrelang mit einem Stipendium an der FU in Berlin (West) der Veranstaltungen in Philosophie, Soziologie und Politologie besucht hat. Von dort aus suchte er mich, in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre, mehrmals in Berlin (Ost) auf, um mit mir politökologische Fragen zu diskutieren, die seine Freunde von der – damals neu gegründeten – POCH (Progressive Organisationen Confoederationis Helveticae) bewegten. In Wien, Bern, Zürich, Basel sahen wir uns 1979 wieder. 1988 fiel ihm auf, dass ich auf die Meinungen zu einem Streit in Sinn und Form, Heft 1, 1988, nicht geantwortet habe und auch nicht auf dem Wuppertaler Symposium anwesend war. So schlug er mir die Interviews vor – von Kommunismus ohne Wachstum? her wissend, dass diese Form mir liegt –, und ich ging darauf positiv ein, nachdem Steigerwald mein Angebot, mich zu Bruder Nietzsche? in Broschürenform zu äußern, abgelehnt hatte. Die Gespräche, mit Tonbandmitschnitt, haben zwischen dem 30. Januar und dem 19. Juni 1989 in meiner Wohnung stattgefunden. ›Starke Argumente zur Entlastung Nietzsches‹ gibt es nicht. Gäbe es sie, kämen sie bei mir in einer Arbeit ohne Dialogform natürlich erst recht nicht vor. Als POCH-Sympathisant steht P. F. mir politisch und ideologisch selbstredend viel zu nahe, um mir mit derartigen ›starken Argumenten‹ zuzusetzen. Er hegte gewisse Zweifel an meiner so kompromisslosen Position. Sie räumte ich bei ihm aus, und da fing er dann an, heftig die Mitschuld der DDR an der Nietzsche-Renaissance (via Förderung Collis und Montinaris) zu kritisie- 58 Vorwort, in: Harich: Nietzsche und seine Brüder, Schwedt, 1994, S. 7–11. 59 (AH) 2 Blatt, maschinenschriftlich, 02. August 1989, adressiert an eine spanische Adresse. 50 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs ren, was wiederum mich in Verlegenheit brachte; ich konnte indes nicht umhin, ihm in allem Wesentlichen recht zu geben.« In dem Teil III: Varianten werden verschiedene Texte präsentiert, darunter solche, die entweder nicht vollständig erhalten sind oder in überarbeiteter Form Eingang in die Dialoge gefunden haben. Als erstes kommt das Manuskript Zu den Bildungsfaktoren zum Abdruck. Es schließt sich chronologisch an den Text Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung (präsentiert in Teil I) an und umfasst die Schreibmaschinenseiten 147–275. Auf dem Deckblatt ist vermerkt: »Nicolai Hartmann. Größe und Grenzen. Erster Teil. Gegen den Strom. Zweites Kapitel. Zu den Bildungsfaktoren.« Das Manuskript-Bruchstück Zum Neukantianismus bildet den Beginn des dritten Kapitels des Ersten Teils: Gegen den Strom der geplanten Hartmann-Monographie. Es schließt sich direkt an das zuvor präsentierte zweite Kapitel an und umfasst die maschinenschriftlichen Seiten 275 bis 283. Danach bricht das Manuskript ab. Damit ist höchstwahrscheinlich der Zeitpunkt markiert, an dem Harich die Abfassung seines Hartmann-Buches auf die Dialogform änderte. Der dritte Beitrag ist ein kleines Fragment, insgesamt 16 Schreibmaschinenseiten umfassend, das überschrieben ist als: »Zweites Kapitel. Zu den historischen und geistigen Voraussetzungen«. Es bricht mitten im Text ab. Entstanden ist es offensichtlich im Zuge der Ausarbeitung des bisher genannten großen Manuskriptes, also vor der Dialog-Phase. Als viertes kommt der Text Georg Lukács und Nicolai Hartmann zum Abdruck, der zeitlich nicht genau datiert werden kann. Es liegt aber nahe, zu vermuten, dass er das chronologisch früheste Manuskript darstellt, nachdem Harich beschlossen hatte, seine Auseinandersetzung mit Hartmann auf die Form des Dialogs umzustellen. Denn seine ersten Sätze bilden den Einstieg in die hier präsentierte Form der Dialoge »letzter Hand«, der Inhalt jedoch wurde dann auf verschiedene Abschnitte verteilt. Das ist insofern nachvollziehbar, als Harich im Zuge seiner Verteidigung von Lukács in der Mitte der achtziger Jahre noch einmal nachdrücklich von den offiziellen Stellen erfuhr, dass es für ihn nur schwer möglich sein würde, in der DDR ein Buch zu veröffentlichen, dass sich gleich zu Beginn positiv mit Lukács auseinandersetzt. 51Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs Als fünftes kommt der kleine Dialogabschnitt Exkurs über Lenin und Linke (Titel vom Herausgeber) zum Abdruck, der sich ursprünglich in dem großen Manuskript der Dialoge befand, dort aber von Harich handschriftlich getilgt wurde. Es handelt sich um die Seiten 180, 181 und 181a. Die Stelle ist im Band markiert. Das Kapitel Zur Lebensgeschichte ist – sechstens – die früheste Form der Biographie Hartmanns durch Harich. Überliefert ist ein maschinenschriftliches Manuskript, nummeriert von Seite 71 bis Seite 146 – mit zahlreichen Änderungen Ergänzungen usw. Gut erkennbar ist, welche Teile des ersten Entwurfs Harich dann in jene Version der Biographie überführte, die unter dem Titel Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung vor den Dialogen zum Abdruck kam. Einige Doppelungen sind in Kauf zu nehmen, dafür ist aber ersichtlich, welche Punkte Harich von Anfang an wichtig waren, wo er Änderungen, Ergänzungen vornahm und welche Aspekte er dann später fallen ließ. Zeitlich-chronologisch schließt sich dieses Manuskript an die ebenfalls in Teil I edierte Einleitung an. Eine spezielle Stellung nimmt der Text War Nicolai Hartmann ein Idealist? ein. Er stammt als einziger nicht aus den achtziger Jahren. Nach seiner Verhaftung im November 1956 und der anschließenden Verurteilung im März 1957 zu zehn Jahren Zuchthaus (Harich wurde im Dezember 1964 etwas vorzeitig auf Grund einer Amnestie entlassen) begann für Harich die schlimmste Zeit seines Lebens, verbunden mit vollständiger Isolation von allen geistigen, tagesaktuellen und künstlerischen Nachrichten, Herausforderungen usw. Erst ab 1963 durfte er vereinzelt wieder Bücher lesen, vorzugsweise Parteiliteratur, und sich Notizen anfertigen – alles streng überwacht von der Gefängnisleitung und der Staatssicherheit. Im 3. Band dieser Edition (Widerspruch und Widerstreit. Studien zu Kant) kam bereits ein Teil dieser Aufzeichnungen zum Abdruck, die Passagen, die sich mit Kant beschäftigen, mit dem Verhältnis von formaler Logik und materialistischer Dialektik, mit der Raum-Zeit-Auffassung des Materialismus sowie das umfangreiche Exzerpt des Lehrbuchs Grundlagen der marxistischen Philosophie.60 Im 2. Band (Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie) finden sich die in den entsprechenden Kontext gehörenden Aufzeichnungen Plechanow über Logik und Dialektik sowie der aus dem Gedächtnis verfasste biographische Versuch Nicolai Hartmann.61 Der letztgenannte Text wurde in den Logik-Band 60 In: Band 3, S. 445–536. 61 In: Band 2, S. 697–776. 52 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs aufgenommen, da er einerseits dort thematisch durchaus zu verankern ist und andererseits es mit den Texten dieses Bandes zu viele inhaltliche Überschneidungen gegeben hätte. 1964 durfte Harich dann – wie bereits erwähnt – die Bände 17 (Die deutsche Philosophie von 1895–1917), 18 (Die deutsche Philosophie von 1917–1945) und 19 (Die deutsche Philosophie nach 1945), herausgegeben von Klaus Zweiling, der Taschenbuchreihe Unser Weltbild lesen. In Band 18 ist das Unterkapitel Die neue Ontologie von Erhard Albrecht zu finden (S. 26–36), das Harichs Widerspruch herausforderten. Seine entsprechenden Ausführungen werden unter der oben genannten Überschrift präsentiert. Das so genannte Schreibbuch IV, umfasst insgesamt 62 handschriftliche Seiten in A4-Format. Alle weiteren Informationen zu den Schreibheften, Harichs Gefängnisnotizen usw. können den beiden Einleitungen entnommen werden, die den entsprechenden Schriften in den Bänden 2 und 3 beigegeben sind.62 Um Dopplungen zu vermeiden, wird hier auf eine erneute Wiedergabe verzichtet. Der IV. Teil Briefe und Dokumente präsentiert abschließend insgesamt 37 Texte, die einen guten Einblick in den Schreibprozess Harichs ermöglichen, die zeigen, wie er dachte, wie er teilweise zu seinen Thesen kam, welchen Ablenkungen er oblag. Eröffnet wird die Auswahl mit einem Brief an Robert Steigerwald vom 10. Januar 1983, es schließt sich der früheste Entwurf einer Gliederung für ein geplantes und in Vorbereitung befindliches Werk über Nicolai Hartmann, datiert auf den 5. Januar 1984, an. Ein Schriftstück, dem entnommen werden kann, wie Harich seine Alters-Arbeit ursprünglich geplant hatte, so dass ein Stück weit zumindest in ersten Ansätzen rekonstruiert werden kann, welche Lücken die hier präsentierten Texten aufweisen. Gerade bei den Briefen, ergänzenden Dokumenten, Arbeitsplänen usw. war es im Einzelfall teilweise sehr schwierig, zu entscheiden, in welchen Band dieser Edition und damit in welchen inhaltlichen Kontext die jeweiligen Schriftstücke einzuordnen sind. Denn so mancher Brief beschäftigt sich im ersten Absatz mit Lukács, im zweiten mit Hartmann und im dritten mit Nietzsche. Die Auswahl wurde jeweils danach getroffen, welches Thema das dominierende ist bzw. ergänzend, ob ein Teil der Informationen 62 Heyer: Gefängnisnotizen zur Logik am Beispiel Plechanows und Hartmanns, in: Band 2, S. 691–696. Heyer: Wolfgang Harichs Notizen aus seiner Haftzeit, in: Band 3, S. 437–444. 53Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs sich auch in anderen Äußerungen findet. Die entsprechenden Bände 9 (zu Lukács) und 12 (zu Nietzsche) enthalten daher zahlreiche weitere Informationen und sind, wie bereits erwähnt, zu berücksichtigen. Die jeweiligen Einordnungen und Zuordnungen haben also zuvorderst inhaltlichen Charakter. Alle Teile zusammengenommen ergibt sich ein in sich geschlossenes Bild, das sehr gut die in dieser Einleitung bereits beschriebene Verschränkung der unterschiedlichen Themen im Denken Harichs in den achtziger Jahren sichtbar macht. Nach seiner Rückkehr aus dem Westen (Österreich, Spanien, Bundesrepublik) begann Harich relativ zügig neben den frühen Studien zu Nietzsche mit der erneuten Vertiefung in das Werk Hartmanns, seiner Zeit, seiner Zeitgenossen, der entsprechenden Debatten und Teilen der Forschungsliteratur. Dabei legte er sich zahlreiche Exzerpte an, machte Notizen, entwickelte Pläne und Theorien. Diese umfangreichen handschriftlichen Notizen können aus Platzgründen im vorliegenden Band leider nicht präsentiert werden. Wie immer wurde auch im Falle der Hartmann-Manuskripte versucht, die von Harich verwendeten Zitate, die Anspielungen usw. zu entschlüsseln und mit entsprechenden Quellennachweisen zu versehen. Zudem ging es darum, durch eine weitergehende Angabe der verwendeten Stellen und Passagen Harichs Auseinandersetzung mit den entsprechenden Texten zu verdeutlichen bzw. aufzuschlüsseln. Daneben finden sich Verweise auf andere Schriften und Manuskript von ihm, zum größten Teil bereits in der Edition vorliegend, teilweise aber auch an anderen Orten gedruckt bzw. der Öffentlichkeit bisher noch nicht bekannt. Geleistet wurde, um eine einheitliche und nicht allzu zerstückelte Lektüre zu ermöglichen, diese philologische Arbeit vor allem in den Dialogen, die ja das Hauptstück des Bandes bilden. Berücksichtigt wurden auch die von Harich verfasste Einleitung sowie die voranstehende Biographie (Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung). Die Texte des III. und des IV. Teils setzen diese Nachweise dann voraus, es wurde auf Wiederholungen usw. verzichtet, Fußnoten und Notationen finden sich nur noch, wenn neue Fakten, Quellen erschlossen werden mussten und konnten. Ansonsten folgt auch dieser Band den grundlegenden Editionsprinzipien der Nachlass-Herausgabe: Ausdrücke, Begriffe usw. wurden vereinheitlicht, die Rechtschreibung 54 Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs modernisiert, Korrekturen und Ergänzungen als Änderungen letzter Hand stillschweigend eingearbeitet, kleinere Fehler korrigiert. Die Einleitung begann mit der brieflichen Äußerung Harichs, dass er kein philosophisches Oeuvre geschaffen habe. Mit seinen Hartmann-Manuskripten hat er aber mindestens ein großes Werk hinterlassen. Die Texte sind, sicherlich zusammen mit dem Buch Nietzsche und seine Brüder sowie den verschiedenen, ihn mehrfach von Hartmann ablenkenden Aufsätzen zu Nietzsche und Lukács, sein philosophisches Vermächtnis. In diesem Sinne kann der Band gelesen werden.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.