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Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung in:

Wolfgang Harich

Nicolai Hartmann, page 103 - 178

Der erste Lehrer

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4124-6, ISBN online: 978-3-8288-6958-5, https://doi.org/10.5771/9783828869585-103

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
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103 Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung I1 Nicolai Hartmann war Balte – nach Wilhelm Ostwald, Oswald Külpe und dem Grafen Hermann von Keyserling der vierte in der Geschichte der Philosophie. Geboren in Riga, damals Hauptstadt des Gouvernements Livland, stammte er von Seiten beider Eltern aus Familien deutscher Nationalität, die zwischen dem 14. und der Mitte des 19. Jahrhunderts im Gebiet der Ostseeprovinzen des Russischen Reiches ansässig geworden waren. Unter seinen Vorfahren überwiegen Lehrer und Geistliche. Daneben findet man in der väterlichen Familie später auch Kaufleute, von denen einer, sein Großvater, Rigaischer Ratsherr gewesen ist. Der Vater, Carl August Hartmann (1848–1890), arbeitete als Ingenieur an Gasanstalten, zuletzt in leitender Stellung in Dorpat, dem heutigen Tartu. Seit 1875 war er mit der Mutter, Helene, geborene Hackmann (1854–1938), einer Pastorentochter, verheiratet. Aus der Ehe sind fünf Kinder hervorgegangen, von denen das älteste früh verstarb. Am 20. Fe bru ar 1882 kam Nicolai Hartmann zur Welt. Ein Jahr davor war Ale xan der II., der Zar der Reformperiode, als er eben im Begriff stand, durch Berufung einer Notabelnversammlung Russland eine Verfassung zu geben, einem Attentat der Narodnaja Wolja zum Opfer gefallen. Mit der Thronbesteigung des Nachfolgers, Ale xan der III., hatte in der Politik des Landes ein schroff reaktionärer Kurs eingesetzt.2 1 (AH) Für den Abdruck der Biographie gilt, was schon für die Einleitung geltend gemacht wurde. Da sich viele der Passagen in den Dialogen in anderer Form erneut finden, wurde auf eine ausführliche Annotation etc. der Zitate verzichtet, wenn diese später erneut gebraucht werden. Weiterführende Hinweise finden sich nur, wenn sie notwendig zum Verständnis sind oder die entsprechenden Passagen nicht erneut behandelt werden. Harich wollte den biographischen Abriss überarbeiten, kürzen und dann den Dialogen als Einleitung voranstellen. 2 (AH) Mit der russischen Geschichte setzte sich Harich in dem 1972 verfassten Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe (abgedr. in Band 7: Schriften zur Anarchie, S. 223–386.), geplant als neuer Nachtrag zu der Schrift Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, intensiv auseinander. Über sein Anarchie-Buch hinausgehend parallelisierte er in dem Werk die russische Geschichte der Revolutionszeit (sowie der vorangegangenen Jahre und Jahrzehnte) mit den entsprechenden Entwicklungen in Deutschland. Über Ale xan der II. und 104 Teil I: Einleitung und Biographie II Carl August Hartmann war hochmusikalisch. Er sang mit schöner Stimme, abends von seiner Frau am Klavier begleitet, und hielt auch die Kinder, auf die er besser als die Mutter einzugehen verstand, zum Musizieren an. Nicolai, der an ihm mit besonderer Liebe hing, lernte Violoncello spielen, eine Kunst, die er sein Lebtag ausgeübt hat, noch während seiner Berliner Zeit in Potsdam einer Kammermusikvereinigung von Laien angehörend, die bisweilen auch öffentliche Konzerte gab. Noch eine andere lebenslange Passion wusste der Vater in ihm zu erwecken. Er beobachtete einmal abends mit dem Jungen, wie ein Stern seine Stellung zu einem Kirchturm veränderte, und erläuterte ihm daran unmittelbar die Bewegung der Erde im Weltraum. Das Erlebnis, unvergesslich für das Kind, ereignete sich bereits in Dorpat, wo überdies im Stadtkern, auf dem Domberg, ein Observatorium lockte, berühmt geworden durch Struves und Mädlers Entdeckung der Doppelsterne und durch das größte der von Ale xan der III. schrieb er u. a.: »Zar Ale xan der II. von Russland hob in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in seinem Land die Leibeigenschaft auf. Die russischen Bauern nannten ihn seither den Befreierzaren. Ende der siebziger Jahre wollte dieser Zar der inneren Reformen wieder etwas Gutes für sein Land tun. Er bereitete zu dem Zweck die Einberufung einer Reichsvertretung zur Beratung progressiver Veränderungen im Staatsleben vor. Die sowjetische Geschichtsschreibung charakterisiert, gestützt auf ein ähnlich lautendes Urteil Lenins, Ale xan ders Regierungspolitik zwischen 1879 und 1881 mit einem Anflug von Respekt und Sympathie als ›ein Schwanken, ein Suchen nach neuen Wegen‹ (…). Ale xan ders Plan kam nicht zu Stande, weil er durch ein Attentat der Narodnaja Wolja – das vierte, das sie auf ihn verübte – am 1. März 1881 getötet wurde. Den Thron bestieg der Sohn des Ermordeten, Ale xan der III., ein bigotter, am Altrussentum hängender Konservativer, der überdies durch den gewaltsamen Tod seines Vaters zu der Überzeugung gelangt war, dass scharfes Durchgreifen für die innere Sicherheit des Landes notwendig sei. Es setzte die lang anhaltende Periode der ›Gegenreformen‹ ein, mit welchem Wort die sowjetischen Historiker das von dem reaktionären Innenminister Graf Tolstoi geschaffene System gesetzgeberischer Maßnahmen bezeichnen, die von der Regierung zwar auch als Reformen ausgegeben wurden, in Wahrheit aber in den achtziger und beginnenden neunziger Jahren so gut wie alles, was unter Ale xan der II. erreicht worden war, mit Ausnahme der Bauernbefreiung, wieder rückgängig machten. Die Narodnaja Wolja zog aus diesem Ergebnis ihres Mordanschlags den Schluss, dass der neue Zar ebenfalls und erst recht getötet werden müsse. Es gelang ihr aber nicht mehr, ihre Absicht auszuführen, da Ale xan der III. aus dem Tod seines Vaters auch gelernt hatte, sich besser zu schützen als dieser. Er zog sich ganz in sein streng bewachtes Schloss Gatschina zurück und unternahm möglichst keine Spaziergänge, Eisenbahn- und Kutschfahrten mehr.« (Ebd., S. 275.) 105Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Fraunhofer gefertigten optischen In stru mente, einen Refraktor, von dem es hieß, man habe durch sein Objektiv auf 250 Meter Entfernung im Journal de Paris lesen können. Auch die Astronomie sollte Hartmann nicht wieder loslassen. In ungezählten Nächten, von nie versiegendem Staunen erfüllt, hat er durchs Fernrohr mit suchendem Blick das Himmelsgewölbe abgetastet. »Der Sternhimmel«, so berichtet seine Witwe3, »gehörte zu seinem Lebensraum. Bei anhaltend bewölktem Himmel konnte er sagen: ›Ich fühle mich so eingesperrt auf der Erde.‹«4 Nach Berlin berufen, wählte er Babelsberg zum Wohnsitz, um die Universitätssternwarte und das Potsdamer Astrophysikalische Institut in der Nähe zu haben. Einen eigenen Refraktor installierte er auf dem Dachboden seiner Villa. Bei klarem Himmel pflegte er regelmäßig an ihm eine Stunde vor seinem mitternächtlichen Arbeitsbeginn zuzubringen. Jederzeit stand seinem Gedächtnis eine Überfülle astronomischer und astrophysikalischer Daten zu Gebote. Die Orientierung an der Astronomie ist aus seiner Philosophie nicht fort zu denken. Als Carl August Hartmann, wohl in Ausübung seines Berufs, plötzlich an einer Vergiftung starb, zählte Nicolai erst acht Jahre. Nach eigenem Bekenntnis hat ihn im Leben nie wieder schwereres Leid getroffen. Von Stund an fühlte er sich vereinsamt, unverstanden und von keinem Erwachsenen mehr ernst genommen, am wenigsten von der Mutter, die durch ihre dominierende Persönlichkeit die Entfaltung der Kinder eher behinderte und von der er, wenn sie sich Sorgen um ihn machte, annahm, sie begegne ihm mit unverdientem Misstrauen. Stumm und verstockt begann er eigene Wege zu gehen. Der traumatische Schock durch den frühen Tod des Geborgenheit spendenden, verständnisvollen, stets anregenden Vaters und die kühle, unerfreuliche Beziehung zur Mutter scheinen seine Einstellung zum anderen Geschlecht nachhaltig geprägt zu haben. Mächtig von erotischem Drang geplagt, dabei sehnsüchtig nach Seelenverschmelzung verlangend, ein Wunsch, den er zugleich für unerfüllbar hielt, befand er sich bis ins Alter unentwegt auf Jagd nach frisch aufblühender Liebe seitens immer neuer weiblicher Wesen, die er seine »Sommerbräute« oder auch »Semesterbräute« nannte. 3 (AH) Die Briefe Harichs an Frida Hartmann werden im IV. Teil abgedruckt. 4 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Frida: Biographische Notizen zu Nicolai Hartmann, in: Hartmann, Frida; Heimsoeth, Renate (Hrsg.): Nicolai Hartmann und Heinz Heim soeth im Briefwechsel, Bonn, 1978, S. 318. 106 Teil I: Einleitung und Biographie Die Mutter stand nach dem Ableben ihres Mannes mittellos da. Sie musste nach Riga zurückkehren, wo sie im Hause ihrer Schwiegereltern Aufnahme fand. Um wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, fing sie an, sich und ihre vier Kinder mit Stundengeben zu ernähren. Die misslichen politischen Umstände kamen ihrer Begabung und Energie entgegen. Die repressive Politik der letzten Zaren ging auch ins nationalistische Extrem, worunter alle nichtrussischen Völker und Nationalitäten ihres Reiches zu leiden hatten. Im Baltikum verloren die Deutschen die ihnen einst von Peter dem Großen verbrieften Privilegien. Russisch wurde Amtssprache. An den Schulen der Deutschen, Esten und Letten wurde es zur Unterrichtssprache bestimmt. So wuchs bei den bedrängten Nationalitäten das Bedürfnis nach privaten Lehranstalten, die den Kindern Unterricht in ihrer Muttersprache erteilten. An Mitteln, sie zu finanzieren, fehlte es den Deutschen, die den Landadel und in den Städten das Besitzbürgertum stellten, nicht. Bald unterrichtete daher Helene Hartmann, obwohl sie weder irgend ein Schulfach noch gar Pädagogik studiert hatte, ihre Schülerinnen gruppenweise in Wohnungen, woraus sich allmählich eine große deutschsprachige Mädchenschule entwickelte, die von ihr geleitet wurde und an der sie selbst die Fächer Deutsch und Religion betreute. Nicolai kam 1892 in Riga auf eines der staatlichen Gymnasien. Die Sprachschwierigkeiten verleideten ihm den Schulbesuch und beeinträchtigten seine Ausbildung. Sie machten ihn auch früh zum Gegner des zaristischen Regimes, zum Anhänger der Liberalen, entfremdeten ihn aber gleichzeitig den öffentlichen Angelegenheiten überhaupt, die er als eine Sache der Russen empfand. Dass er schon als Kind gezwungen war, viel Russisch zu sprechen, erwies sich für seinen weiteren Werdegang freilich als günstig. Binnen kurzem sollte er durch die russische Philosophie Anregungen empfangen, die den übrigen deutschen Denkern seiner Generation fehlten, und zeitlebens hat er die Kostbarkeiten russischer Belletristik im Original zu genießen vermocht. Gern brachte er ihre Lebenswahrheit ins Spiel, wenn es in Seminarübungen moralische und psychologische Fragen anhand von Beispielen aus dem Alltag zu klären galt. In seiner Ethik, Ästhetik und Gesellschaftslehre findet man Spuren Dostojewskis, Tolstois und Gorkis. Die russischen revolutionären Demokraten haben zumindest auf seine Ansichten über Literatur eingewirkt. Gewiss hätte sich auch sein Schicksal während des Ersten Weltkrieges ohne seine für deutsche Verhältnisse ausgefallene Sprachkenntnis bedrohlicher für ihn gestaltet. 107Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Was seine außerschulischen Betätigungen angeht, so besaß vor den Toren Rigas ein Onkel eine Kupferschmiede. Hier arbeitete Nicolai regelmäßig mit, was dazu führte, dass sich bei ihm eine lebenslange Vorliebe fürs Schmiedehandwerk herausbildete. Indes sein frühester Berufswunsch ging, seit er mit Schulkameraden vor der Insel Sarema selbst gebaute Segelschiff kreuzen ließ, dahin, Kapitän zu werden. Es ist nicht auszuschließen, dass beide »Urerlebnisse«5, im Gundolfschen Sinne, seiner Philosophie zustatten gekommen sind. Das Schmieden könnte, vermittels des Widerstandsbewusstseins gehemmter Aktivität, schon in dem Gymnasiasten jenen Sinn für die »Härte des Realen« geweckt haben, wie ihn die Grundlegung der Ontologie mit ihrer Beschreibung »emotional-transzendenter Akte« pointiert. Und wie durch den Anblick des nächtlichen Sternenhimmels mag ihm auch durch den ins Unermessliche lockenden Horizont des offenen Meeres, mithin wieder durch Wahrgenommenes, das ins Unbekannte einmündet, zur Erfahrung eines »Ansichseins, überwältigend gleichgültig gegen sein Erkanntwerden« verholfen worden sein. Wenn dem so war, dann haben dank blockierter Introversion, dank durch Anschauung gedemütigter Egozentrik, rein gefühlsmäßig, noch vor aller Reflexion, starke Abwehrkräfte gegen Subjektivismus in ihm parat gelegen. III Mit 15 Jahren gelang es Hartmann, von der angesehensten der vier deutschsprachigen Kirchenschulen in Sankt Petersburg, dem protestantischen Katharinengymnasium, als Externer angenommen zu werden. Er hatte an Lernstoff einiges dort aufzuholen. Trotzdem musste er, nunmehr in weltstädtischer Umgebung selbständig lebend wie ein Student, die geringe Unterstützung von daheim durch das Erteilen von Nachhilfestunden aufbessern. Sein bester Schulfreund wurde der zwei Jahre jüngere Wilhelm Sesemann, nachmals Philosophieprofessor in Kowno (Kaunas). In endlose Gespräche über religiöse und philosophische Probleme vertieft, pflegten beide sich durch die nächtlichen Straßen der Newametropole hin und her von der Wohnung des einen zu der des anderen zu 5 (AH) Wie Harich dies meinte, geht aus dem Text Mein Weg zu Lukács (abgedr. in: Band 9: Georg Lukács. Dokumente einer Freundschaft, S. 117–121) hervor, den er Anfang der neunziger Jahre verfasste. Dort spricht er von »Bildungserlebnisses (wie Gundolf es nennen würde)«, die seine »Bekehrung zu Lukács« geprägt, ermöglicht hätten. (Ebd., S. 117.) 108 Teil I: Einleitung und Biographie begleiten. Im Grunde schlugen sie damals schon ihre eigentliche spätere Laufbahn ein. Viel Diskussionsstoff bot ihnen das zu jener Zeit in der liberalen Intelligentsja Russlands um sich greifende »Gottsuchen«. Man stand am Vorabend der fälligen bürgerlich-demokratischen Revolution, und ähnlich wie einst die Lichtfreunde im deutschen Vormärz strebten Ideologen wie Mereshkowski (auch Mereschkowski, AH) und Gippius, Filosofow, Minski und Rosanow, desgleichen frühere »legale Marxisten«6 vom Schlage Berdjajews und Bulgakows, aus dem Kreis um Peter Struve, danach, den Glauben so zu verfeinern und zu kultivieren, dass er, möglichst nur noch in einer sich selbst verwalten Parochie wirksam, für den gebildeten Teil der Bourgeoisie annehmbar wurde. Hartmann ist zum Atheisten dadurch gereift, dass er sich in einem jahrelangen, qualvollen Prozess von dieser Art Religiosität losrang, die, nach einem Wort Lenins, den gelben Teufel gegen einen blauen eintauscht. 1901 bestand er in Petersburg das Abitur, in dem selben Jahr, in dem dort die Gottsucher die Religiös-Philosophische Gesellschaft gründeten. Ihr Anliegen fesselte ihn immer stärker. Mutterseelenallein unternahm er eine wochenlange Fußwanderung durch die Wälder Livlands, ganz in Anspruch genommen von den ihn aufwühlenden weltanschaulichen Fragen, über die er, vergebens, durch Versenkung in sich selbst, ins Reine zu kommen hoffte. Zu erproben suchte er, ob bei vollständiger Einsamkeit ihm im eigenen Innern irgendein Anzeichen von der Existenz Gottes erkennbar würde. Es misslang. Immer wieder ertappte er sich dabei, innerlich nur Zwiegespräche mit seinen 6 (AH) Die »Legalen Marxisten« waren sozialwissenschaftliche Publizisten, die in Russland zwischen ca. 1894 und 1899/1901 aktiv waren. Sie gingen davon aus, dass Russland eine allmähliche kapitalistische Entwicklung bevorstehe. Die Bewegung der Volkstümler lehnten sie ab. Sie waren reformistisch eingestellt (die revolutionären Marxisten waren im Exil oder im Gefängnis). Aus diesen Gründen wurde ihnen kurzzeitig die legale Veröffentlichung bestimmter marxistisch-argumentierender Werke im Zarismus ermöglicht. Der bekannteste Vertreter war Peter Struve (Kritische Notizen über die ökonomische Entwicklung Rußlands, 1894). Auch Lenin und Plechanow veröffentlichten in Organen der legalen Marxisten. Peter Struve um 1900 109Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Freunden zu führen. Der Weg, von allen Beziehungen abzusehen, war, wie sich zeigte, nicht gangbar für ihn. In der Auseinandersetzung hatte sein Denken sich zu bewähren, bedürftig der Korrektur an der Meinung anderer. Dass er dies einsah, scheint ihn empfänglich gestimmt zu haben für die in den Platonischen Dialogen sich entfaltende Maieutik des Sokrates.7 Es dürfte hiermit zusammenhängen, dass unzweifelhaft Platon der erste große Denker gewesen ist, in den er sich angelegentlich vertieft hat, was wiederum zur Konsequenz hatte, dass eine Neuerscheinung des Jahres 1903, Platons Ideenlehre von Paul Natorp, ihn sogleich in ihren Bann zog. Hinsichtlich des zentralen Problems, das ihn bewegte, hielt er weiter daran fest, dass, wenn Gott existiere, die Erkenntnis auf Spuren seiner Existenz und seines Wirkens führen müsse. Und da er solche weder in den Sternen noch in der eigenen Brust hatte finden können, tat er sich nach ihnen nun im Bereich der organischen Natur um. 7 (AH) Mäeutik, Maieutik, die so genannte Hebammenkunst. Die Mutter von Sokrates war eine Hebamme gewesen und der Philosoph soll seine Gesprächs- bzw. Dialogtechnik mit den Methoden der Geburtshilfe verglichen haben. Letztlich bestand sie darin, dass man dem Gesprächspartner dadurch zu Erkenntnissen verhilft, dass man ihn durch verschiedene Fragen dazu bringt, die aufgeworfenen Probleme selbst zu lösen. Harich hatte sich schon in den frühen fünfziger Jahren, in seinen Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität, mit dem Thema auseinandergesetzt. Dort gab er die Position von Sokrates wie folgt wieder: »Sokrates: Ihm habe die Gottheit das Gebären versagt, d. h. er selbst habe keine philosophische Theorie, aber er wolle durch seine Dialektik, durch die Unterredung mit den Gesprächspartnern, durch die Fragen, die er ihnen stelle, die Wahrheit, die sie in sich tragen würden, ohne sie zu kennen, entbinden helfen.« An anderer Stelle: »Wenn nun Sokrates in der Unterredung auf diese Weise die Hindernisse der wahren Erkenntnis, nämlich das Scheinwissen und die kritiklos übernommenen Meinungen, fortgeräumt hatte, dann ging er in der Führung des Gesprächs dazu über, allmählich das Gemeinsame aus sich selbst und aus seinem Gesprächspartner heraus zu fragen, dasjenige, worin alle vernunftbegabten Menschen, wenn sie nachdenken, übereinstimmen müssen. Und so entband er den schlummernden Gedanken aus dem Geiste – und eben diese seine Kunst nannte er, anspielend auf den Beruf seiner Mutter, seine Mäeutik, seine Hebammenkunst. Dem äußeren Schema der Dialogführung entspricht dabei auch die sachliche Methode der sokratischen Untersuchung. Sokrates stellte den Einzelvorstellungen, die durch individuelle Wahrnehmung gegeben sind, die Gewinnung des Allgemeinbegriffs als das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit gegenüber. Er ging überall auf logisch haltbare Definitionen aus.« Harich: Vorlesung zur antiken Philosophie, in: Band 6.1, S. 171 und 177. 110 Teil I: Einleitung und Biographie Mittlerweile hatte er sich dafür entschieden, Arzt zu werden, ein Beruf, der es ihm zu erlauben schien, mitmenschlichen Nutzen zu verbinden mit der Möglichkeit, in die Geheimnisse des Lebens einzudringen. An der Landesuniversität im vertrauten Dorpat fing er Medizin zu studieren an. Bei der Vorbereitung aufs Physikum war er unermüdlich im Sezieren und Präparieren. Er wurde so, von religiöser Wissbegier getrieben, zum ausgezeichneten Kenner der Biologie, und die wiederum zog ihn, angesichts des aktuellen Streits zwischen Mechanisten und Neovitalisten, erst recht tief und anhaltend in philosophische Problemstellungen hinein. Schließlich erkannte er, dass ihm ein umfassenderes Studium nottat. Ohne aufzuhören, die erworbenen anatomischen, physiologischen und morphologischen Kenntnisse in der Folgezeit weiter auszubauen, brach er 1903 das Medizinstudium ab, kehrte nach Petersburg zurück und wechselte zugleich zur Philosophie und Altphilologie über. Seine ersten Publikationen, sechs Jahre später, sind bereits gänzlich irreligiös, und seine Philosophischen Grundfragen der Biologie, von 1912, weisen ihn eindeutig als Atheisten und naturwissenschaftlichen Materialisten aus. Zu welchem genauen Zeitpunkt er sich dazu durchgerungen hat, ist schwer zu sagen.8 In seinem Briefwechsel erinnert Hartmann sich seiner »ersten philosophischen Lehrer in Russland«. Aber nur einen davon, Nikolai Losski, der seit 1900 an der Petersburger Universität als Privatdozent lehrte, hat er einmal bei Namen genannt. Er kann als Philosophiestudent jedoch unmöglich den Lehrveranstaltungen der ordentlichen Professoren seiner Fachrichtung ferngeblieben sein. Das heißt, er muss zumindest Ale xander Wwedenski, der gleichzeitig Vorsitzender der Petersburger Philosophischen Gesellschaft war, und den Logiker und Philosophiehistoriker Leonid Rutkowski ebenfalls gehört haben. In der Tat ist auch deren Einfluss in seinen Werken nachzuweisen. Der bedeutendste damals noch lebende russische Philosoph, der ihn offenbar nachhaltig beeindruckt hat, Michail Karinski, hatte zwar schon neun Jahre vorher seine teils an der Petersburger Geistlichen Akademie, teils in Bildungskursen für Frauen gehaltenen Vorlesungen eingestellt, um sich nur noch der Forschung zu widmen. Er stand aber hinter seinem Schüler und Anhänger Rutkowski, und wer bei dem an der Universität hörte, sog unweigerlich Karinskis Geist mit ein und konnte gar nicht umhin, sich mit seinen Publikationen vertraut zu machen. 8 (AH) Zu Hartmanns philosophischen »Lehrern« in Russland siehe Harichs Aufsatz: Nicolai Hartmann und seine russischen Lehrer, in: Sinn und Form, 1983, Heft 6, S. 1303–1322. Neuabdr. in Band 2: Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie, S. 667–688. In den Dialogen thematisiert Harich, welche Änderungen an seinen 1983 vertretenen Thesen notwendig seien. 111Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Karinski und Rutkowski standen in wesentlichen Fragen auf materialistischen Positionen, die sie freilich nur mit großer Vorsicht vertreten konnten. Wwedenski und sein Assistent Iwan Lapschin waren dagegen Kantianer, und Losski setzte die mystisch-theosophische Tradition Solowjows und der Brüder Trubetzkoi fort. Die starke Affinität Hartmanns zum Materialismus Feuerbachs gehört zu den Fakten, die darauf schließen lassen, dass ihm während seiner Petersburger Studienzeit, wenn nicht schon vorher, Schriften Belinskis, Herzens, Tschernyschewski und Dobroljubows sowie ihrer Fortsetzer Schelgunow, Berwi-Flerowski und Antonowitsch bekannt geworden sind, von denen die beiden letztgenannten noch lebten.9 Ebenso dürfte das Wirken des finnischen Feuerbachianers Bolin, der, aus Petersburg gebürtig, im benachbarten Helsingfors (Helsinki) als Universitätsbibliothekar tätig war, ihn berührt haben. Charakteristisch für seine Herkunft aus dem russischen Kulturkreis sind bei ihm ferner die frühe, keineswegs auf Hans Pichler angewiesene Vertrautheit mit der Wolffschen Ontologie und eine von der deutschen Hegelrenaissance unabhängige, ihren Tendenzen widerstreitende Rezeption der Wissenschaft der Logik. Schon in Dorpat wird er auf Teichmüller, den er in seinem ersten Aufsatz, Zur Methode der Philosophiegeschichte (1909), erwähnt, aufmerksam geworden sein. Von Ostwald und Külpe Notiz zu nehmen, war für ihn als Balten selbstverständlich. IV 1904 wurde Russland von den Japanern angegriffen. Seine Armee und Flotte erlitten schwere Niederlagen, die die Unfähigkeit und Korruptheit seiner Herrenkaste und der zaristischen Autokratie offenbarten. Im Januar 1905 brach in Petersburg die erste russische Revolution aus. Wegen der sich rasch ausbreitenden Unruhen, an denen in großer Anzahl Studenten beteiligt waren, schlossen die Behörden die Universität. 9 (AH) Mit den russischen revolutionären Demokraten und der russischen materialistischen Tradition hat sich Harich Zeit seines Lebens auseinandergesetzt, angefangen in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre während seines Wirkens für die in der SBZ erscheinende sowjetisch lizenzierte Tageszeitung Tägliche Rundschau sowie die dazu gehörende Zweiwochenschrift Neue Welt. Es ist durchaus zu vermuten, dass ihm die in diesen Kreisen tätigen russischen Kulturoffiziere dieses Gedankengut näher brachten. Zahlreiche weitere Verweise in allen Bänden dieser Edition, siehe zudem Harich entsprechende Artikel und Manuskripte. In den Dialogen kommt dieses Thema ebenfalls zur Sprache. 112 Teil I: Einleitung und Biographie Hartmann, der mit den Bestrebungen des progressiven Teils seiner Kommilitonen sympathisierte, hielt die allgemeine Erhebung für berechtigt und sinnvoll. Er nahm aber nicht aktiv an ihr teil. Einmal betrachtete er sie als eine russische Angelegenheit, in die er sich nicht einzumischen hätte. Zum anderen war ihm ungestörte wissenschaftliche Fortarbeit zum Hauptbedürfnis geworden, das ihn zum ersten Mal, wie im späteren Verlauf seines Lebens immer wieder, das tagespolitische Geschehen als lästig empfinden ließ. Hinzu kam, dass er finanziell seiner Mutter nach dem Fachwechsel nicht auch noch eine Unterbrechung seiner akademischen Laufbahn zumuten mochte. So fasste er, um unverzüglich weiter studieren zu können, den Entschluss, sich ins Deutsche Reich zu begeben. Aus der in Aufruhr geratenen russischen Hauptstadt mit ihren über zwei Millionen Menschen ging er im Frühjahr 1905 in ein kleines, verträumtes Hessisches Mittelgebirgsstädtchen, das erst 17.000 Einwohner zählte, von denen jeder vierte Student war: Nach Marburg an der Lahn. Marburg 1873, Stich aus der »Gartenlaube« Philosophie und klassische Philologie blieben hier seine Studienfächer. Seine neuen philosophischen Lehrer wurden Hermann Cohen und Paul Natorp, die Häupter der 113Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung logizistischen Schule des Neukantianismus. Frühestes Dokument seiner Kreativität ist ein Referat, das er im Wintersemester 1906/1907 in Natorps Seminar gehalten hat. Darin geht es bereits um ein Stück der Kernthematik seines späteren Hauptwerks, um einen Beitrag zur Kategorialanalyse. Behandelt wird das Verhältnis von Allgemeinem und Individuellem, um seine Abwandlung in den Bereichen der theoretischen Philosophie, der Ethik, der Ästhetik und der Psychologie. Natorp befand die Arbeit für Wert, sie, in eigener Redaktion, in sein Buch Philosophie und Pädagogik (1909) mit aufzunehmen und hier den Autor der ursprünglichen Fassung zu nennen. Noch größeren Erfolg trug Hartmann die Beteiligung an dem Wettbewerb ein, den die Fakultät zu dem Thema Die Begriffe des Seins und des Nichtseins nach ihrer Bedeutung für die Ideenlehre Platons ausgeschrieben hatte. Er erhielt den Preis, worauf hin Cohen ihm Mut machte, die Universitätslaufbahn einzuschlagen. Das geschah 1907. Noch unschlüssig schrieb Hartmann seine Doktordissertation, Das Seinsproblem in der griechischen Philosophie vor Plato, reichte sie Ende Juli ein und reiste anschließend erst einmal in die Heimat zurück. Beim Sommerurlaub in Finnland vertiefte er sich ins Studium der Hegelschen Wissenschaft der Logik. Im September trat er in Petersburg eine Stellung als Gymnasiallehrer für Latein und Griechisch an und nahm an der inzwischen wieder eröffneten Universität aufs Neue den Besuch von Lehrveranstaltungen auf. In verschiedenen Vereinen hielt er in russischer Sprache philosophische Vorträge. Daneben arbeitete er an seinem ersten Buch, an Platos Logik des Seins, worin die Thematik der Preisschrift breit ausgebaut und dem darauf sich beziehenden Hauptteil der Text der Dissertation als historische Einleitung vorangestellt ist. Ein Dreivierteljahr lang schwankte Hartmann, ob er in Petersburg bleiben oder ganz nach Marburg übersiedeln sollte. Die Gemeinschaft mit den russischen Kommilitonen aufzugeben, fiel ihm schwer, weil er fand, dass sie auch außerhalb des regulären Lehrbetriebs eifriger und mit mehr Kollektivsinn als die Marburger Studenten fachlich weiterarbeiteten. Aber als er im April 1908 zum Rigorosum und zur formellen Promotion wieder in Marburg erscheinen musste, erwies die Aussicht, hier Universitätslehrer werden zu können, sich doch als unwiderstehlich. Er vollendete sein Platonbuch und brachte gleich danach die Habilitationsschrift Des Proklus Diadochus philosophische Anfangsgründe der Mathematik zu Papier. Beide Werke sind 1909 in einer von Cohen und Natorp herausgegebenen Reihe erschienen. Im selben Jahr erhielt er die Lehrer- 114 Teil I: Einleitung und Biographie laubnis, und als Privatdozent bemühte er sich nun beim preußischen Staat um seine Einbürgerung. Seine Beziehung nach Russland bestand gleichwohl noch fort. Besonders festigte sie 1911 die Heirat mit Alice Stephanitz, der Tochter eines an der Petersburger Akademie der Künste lehrenden Professors für Architektur. Aufrecht erhalten blieben mannigfache Kontakte zu russischen, polnischen, ostjüdischen und baltischen Freunden und Kollegen. Erst der Weltkrieg brachte, auch im persönlichen Leben, einschneidende Veränderungen mit sich, dergestalt, dass auf Jahre hinaus selbst die Verbindung zur Mutter und zu den Schwiegereltern abriss. V Außer dem frühen Gefährten Sesemann gehörten zu Hartmanns philosophischen Gesprächspartnern während seiner ersten Marburger Periode, 1905 bis 1914, Cassirer, Gawronski, Görland, Heimsoeth, Ortega y Gasset, Tatarkiewicz und andere. Zu lebenslanger Freundschaft gestaltete sich seine Beziehung zu dem zwei Jahre jüngeren Heinz Heimsoeth, der die Philosophie anders auffasste, als ein Kulturgut wie Literatur und Kunst. Heimsoeths Militärdienstzeit, seine Aufenthalte in Frankreich, in München und in der Vaterstadt Köln, Hartmanns Reisen nach Russland, dann die Trennung beider im Krieg hatten zur Folge, dass sie ihre Kommunikation häufig nur brieflich fortsetzen konnten. Erhalten geblieben ist ihre Korrespondenz aus den Jahren 1907 bis 1918. Sie erschien 1978, nach Heimsoeths Tod, mit Nachworten gemeinsam herausgegeben von seiner Tochter Renate und von Hartmanns zweiter Frau, Frida.10 10 (AH) Gemeint ist: Hartmann, Frida; Heimsoeth, Renate (Hrsg.): Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, Bonn, 1978. Universität Marburg um 1880 115Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Die philosophiehistorischen Werke, mit denen Hartmann 1909 an die Öffentlichkeit trat, zeigen ihn als neukantianischen Idealisten der Marburger Richtung. Das gilt insbesondere für seine Habilitationsschrift über Proklus. In Platos Logik des Seins schlägt er, unter der starken Wirkung der Hegelschen Logik, bereits eigene Wege ein. Doch um sich vom Neukantianismus zu lösen, bedurfte es noch weitere Anstöße. Die ließen nicht lange auf sich warten. Sie gingen aus von der Phänomenologie Husserls und Schelers und von der Wiederentdeckung der Ontologie Wolffs durch Pichler. Sie bewogen ihn dazu, sich auf die philosophischen Implikationen seiner naturwissenschaftlichen Kenntnisse und die in Petersburg empfangenen Anregungen zu besinnen. Nach der Emeritierung Cohens, 1912, fing er den Neukantianismus und namentlich die Marburger Schule erkenntnistheoretisch zu bekämpfen an. Neu durchdachte er, in einer Phase des Suchens, Aristoteles, Kant und Hegel. Dokumentiert wird diese Entwicklung durch Werke geringeren Umfangs, die er noch vor dem Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Es handelt sich um das Buch Philosophische Grundfragen der Biologie, um vier Arbeiten zur Methodologie, Erkenntnistheorie und Logik sowie um mehrere Buchbesprechungen. In der Festschrift zum 70. Geburtstag Cohens ist davon die Abhandlung Systembildung und Idealismus erschienen. Das Übrige wurde zuerst in den Zeitschriften Logos, Kantstudien und Die Geisteswissenschaften abgedruckt. Die Philosophischen Grundfragen der Biologie, von 1912, stellen die wertvollste Leistung Hartmanns aus dieser Übergangsperiode seines Schaffens dar. Das »etwas voreilige Produktchen«, wie er das Werk, im Hinblick auf die vollkommenere Ausführung der tragenden Gedanken in seiner Philosophie der Natur, von 1950, einmal nannte, hat die theoretische Biologie des fünf Jahre älteren Namensvetters, des hervorragenden neodarwinistischen Zoologen Max Hartmann, früh in die Bahnen eines naturwissenschaftlichen Materialismus von hoher Konsequenz gelenkt. Durch den folgenreichen Einfluss, den es seit den zwanziger Jahren auf Ludwig von Bertalanffy ausübte, gehört es in die Vorgeschichte moderner Systemtheorie. Außerordentlich nahe steht es der Naturanschauung des dialektischen Materialismus. Für die Beurteilung der Frage, wie Nicolai Hartmann sich in der Situation seiner beginnenden Abkehr vom Neukantianismus zur Hegelrenaissance verhalten hat, ist seine Rezension von 1911 über Julius Ebbinghaus’ Schrift Relativer und absoluter Idealismus aufschlussreich. Mit symptomatischer Gleichzeitigkeit treten in seinem Aufsatz Syste- 116 Teil I: Einleitung und Biographie matische Methode (1912) der Einfluss, den Husserl auf ihn gewann, und die Bereitschaft, auf das in Russland Gelernte zurückzugreifen, zu Tage. Eine von Cohen und Natorp radikal abweichende Haltung zu Aristoteles den sie verwarfen, verrät zum ersten Mal die im selben Jahr veröffentlichte Besprechung von Charles Werners Aristote et l’idéalisme Platonicien. Den Durchbruch zur gnoseologischen Abbildtheorie, in Anlehnung an Karinski, bringt 1914, zusammen mit der ersten öffentlichen Bezugnahme auf Schelers materiale Wertethik, die Abhandlung Über die Erkennbarkeit des Apriorischen. Und die letzte vor dem Krieg entstandene Publikation, Logische und ontologische Wirklichkeit, tastet sich bereits zu den Grundgedanken der späteren Modalanalyse vor. Keineswegs erstaunlich ist dabei die Nähe der naturphilosophischen Überzeugungen zu dialektisch-materialistischen Positionen. Als Hartmann bei der Abfassung der Philosophischen Grundfragen der Biologie die fortgeschrittensten Resultate der astronomischen und der biologischen Wissenschaft seiner Zeit in einander wechselseitig erhellende Beziehung setzte, der Dialektik der Natur somit ohnehin auf der Spur, da war er philosophisch nicht nur von Cohens Logik der reinen Erkenntnis, auf die er Bezug nimmt, inspiriert, sondern weit mehr noch von Hegels Wissenschaft der Logik. Und er hatte sich überdies die Religionskritik Feuerbachs voll zu eigen gemacht, hatte also wahrscheinlich auch schon dessen Kritik an Hegels Idealismus kennen gelernt, wie sie in dem just 1904 erschienenen, von Petersburger Philosophiestudenten sicher begierig gelesenen zweiten Band der Bolin-Jodlschen Feuerbachausgabe steht. Das besagt noch lange nicht, dass Hartmann deswegen Marxist gewesen wäre. Vom philosophischen Gehalt der Marxschen Lehre ahnte er nichts, und der Hauptsache an ihr stand er fern, noch viel ferner als seine Marburger Lehrer, aus dem einfachen Grund, weil er an deren sozialem Engagement desinteressiert war, weil ihn, mit anderen Worten, die von Friedrich Albert Lange her datierende Tradition ihrer philanthropischen Beschäftigung mit der Arbeiterfrage kalt ließ. Das hatte allerdings den Nebeneffekt, dass die Prätention Cohens und seiner Schüler Natorp, Vorländer und Staudinger, Marx mit einer ethischen Begründung des Sozialismus ergänzen zu wollen, von Hartmann nicht geteilt wurde. Doch es war nicht etwa Respekt vor Marx, was ihm darin Zurückhaltung auferlegte, sondern der Umstand, dass er halt kein Sozialist war, nicht einmal im Sinne des neukantianischen Revisionismus. Er war ein liberaler Deutschrusse, geneigt, die Verhältnisse im Wilhelminischen Reich an den Zuständen zu messen, wie sie daheim, unter dem Zarismus herrschten. 117Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Und nicht gerade mit den bewegendsten Aspekten kapitalistischer Ausbeutung sah er sich im idyllischen Marburg konfrontiert. Über acht Jahre lang ist in seinem Briefwechsel mit Freund Heimsoeth denn auch kein Sterbenswörtchen über irgend ein soziales oder politisches Problem zu finden. VI Bald nach Kriegsbeginn musste Hartmann 1914 seine Lehrtätigkeit unterbrechen. Die deutschen Militärbehörden verpflichteten ihn, zunächst in Zivil, zum Dienst als Dolmetscher und Briefzensor für russische Kriegsgefangene. Man kommandierte ihn im November in ein Lager nach Bütow in Pommern ab. 1915 wurde er hier in den Landsturm aufgenommen und als Soldat vereidigt. Von da an hatte er für den militärischen Nachrichtendienst laufend Verhöre neu eingelieferten Gefangener durchzuführen und darüber Berichte zu schreiben. Alice Hartmann, politisch immer noch als Russin geltend, war derweil in Marburg Schikanen und Anfeindungen ausgesetzt. Um dem auszuweichen, begab sie sich mit der 1912 geborenen gemeinsamen Tochter, der kleinen Dagmar, in die neutrale Schweiz, zu Hartmanns russischem Kollegen Dmitri Gawronski und seiner Familie. Sie hielt es aber dort auf die Dauer nicht aus. Ein Jahr darauf kehrte sie nach Marburg zurück. Um die Existenz von Frau und Kind sicherzustellen, bewarb Hartmann sich nun um seine Verwendung als Reserveoffizier. Von April 1916 an erhielt er bei einem Ersatztruppenteil in Stolp seine erste reguläre militärische Ausbildung. Im Juli kam er an die Ostfront. Angesichts der russischen Fe bru arrevolution beorderte man ihn vorzeitig, schon im März 1917, auf einen Offizierslehrgang und danach im Juli, mit dem Rang eines Oberwachtmeisters, ins Große Hauptquartier nach Bad Kreuznach, zur Nachrichtenabteilung der Obersten Heeresleitung. Nach der Oktoberrevolution dürfte er dem Großen Generalstab Zuarbeit für die deutsch-sowjetischen Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk geleistet haben. In einem vom 24. November 1917 datierten Brief beschwert er sich darüber, dass sein Dienst, obwohl an der Ostfront Stille herrsche, nie anstrengender gewesen sei als während der letzten drei Wochen: »Und wenn es noch lange so kunterbunt weitergeht im heiligen Russland, so lege ich mich ins Bett und mache nicht mehr mit. Indessen 118 Teil I: Einleitung und Biographie beginnt es leise, sich aufzuklären; aus den Zeitungen werden Sie kaum etwas ersehen. Aber in einigen Tagen werden Sie es vielleicht selber sehen.«11 Im Mai 1918 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert. Das Kriegsende erlebte er im Großen Hauptquartier in Spa. Er machte in der deutschen Armee noch den Rückzug aus Belgien mit. Im November entließ man ihn aus dem Dienst. Unverzüglich ging er wieder nach Marburg, zu Frau und Kind und an seine Arbeitsstätte. Die Universität hatte ihn, dem Briefwechsel mit Heimsoeth zu Folge, bereits im Dezember 1917 in Abwesenheit zum außerordentlichen Professor berufen. Das scheint aber eine Fehlinformation gewesen zu sein, denn andere zuverlässigere Dokumente geben für diese Ernennung erst das Jahr 1920 an. Hartmann pflegte seine Arbeiten handschriftlich zu Papier zu bringen, sie nach dem Abschluss der ersten Fassung für einige Zeit weg zu legen und nach angemessener Pause eine zweite, verbesserte, für den Druck bestimmte Niederschrift vorzunehmen. Während der Kriegsjahre hatte er, soweit Zeit und Umstände es irgend erlaubten, sich neben dem Dienst weiter intensiv mit philosophischer Lektüre und Forschung beschäftigt. Bei der Entlassung in den Zivilberuf verfügte er über einen großen Vorrat an Ausarbeitungen, Plänen, Entwürfen und Exzerpten, die er teils noch aus der Vorkriegszeit in Marburg vorfand, teils neu aus dem Felde mitbrachte. Publiziert hatte er, außer der einen oder anderen kleinen Rezension, zum Beispiel über Heinrich Maiers Sokrates, seit 1914 nichts mehr. Gegen Ende seines Lebens hat er das Jahr 1919 als den Zeitpunkt angegeben, an dem er zu seinem endgültigen systematischen Standpunkt, zu seiner »neuen Ontologie«, gefunden habe. Im selben Jahr erschien in den Kantstudien als seine erste Nachkriegsveröffentlichung die sich mit Hobbes und Meinong auseinandersetzende Abhandlung Die Frage der Beweisbarkeit des Kausalgesetzes. Gelesen hat er in Marburg 1919 über Wertlehre, und seine Seminarübungen behandelten Plotin und die Fragmente der Stoiker. Daneben entstand, in zweiter Niederschrift sein drittes Buch, ein großes erkenntnistheoretisches Werk. 11 (AH) Zitat nachgewiesen in: Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, hrsg. von Frida Hartmann und Renate Heimsoeth, Bonn, 1978, S. 279. Heimsoeth hatte am 19. November geschrieben: »Da es im Osten still ist, an der Front wenigstens, so denke ich mir Sie in leichterer freierer Lage als bisher.« (Ebd., S. 278.) 119Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung VII Heimsoeth verbrachte den Ersten Weltkrieg als Dolmetscher und Briefzensor für Französisch, im Gefangenenlager Eglosheim bei Ludwigsburg. In den Briefen, welche die Freunde wechselten, waren bis 1914 politische Fragen, wie gesagt, nie berührt worden. Auch während des Krieges diente ihre Korrespondenz in der Hauptsache, nach wie vor, dem philosophischen Gedankenaustausch, in zweiter Linie privaten Mitteilungen, die bei Hartmann gelegentlich in verliebten Schwärmereien über die jeweils neueste »Sommerbraut« bestanden. Doch manchmal kam nun zwischen beiden auch das Zeitgeschehen zur Sprache. Dass sie Deutschland und seinen Verbündeten den Sieg wünschten, war dabei für sie eine keiner Diskussion bedürftige Selbstverständlichkeit. Öffentlich geäußert haben sie sich in diesem Sinne allerdings nicht. Heimsoeth hatte zu wenig publiziert, als dass seine Stimme Gewicht gehabt hätte, und Hartmann verschmähte es grundsätzlich, seine Meinung coram publico über Gegenstände kundzutun, die mit seinem Fach nichts zu tun hatten. Seine Briefe zeigen, dass er zu seiner Soldatenpflicht, ohne viel Aufhebens, stand, dass aber so, wie jede Art von Fanatismus ihm stets fremd geblieben ist, auch Kriegsbegeisterung und Hurrapatriotismus nicht seine Sache waren. Vor allem legte er in der Beurteilung der Kriegsaussichten mehr Vernunft und Realismus an den Tag als Heim soeth. Dessen Illusionen über ein rasches siegreiches Kriegsende teilte er zu keiner Zeit. Reserviert bis ablehnend reagierte er auf annexionistische Wunschträume des Freundes, auch dann, wenn sie sich auf die Zukunft des Baltikums bezogen, das zu den Gebieten gehörte, die nach den Plänen der Alldeutschen dem Wilhelminischen Reich einverleibt werden sollten. Russland hatte bei Kriegsbeginn auf deutsches Territorium vordringen können, war dann aber zurückgedrängt worden und stand Ende 1915, nachdem die Entente ihren Angriff auf die Dardanellen eingestellt hatte, von seinen Verbündeten abgeschnitten da. Heimsoeth überschätzte diese Situation. Er hielt die Angliederung der Ostseeprovinzen an Deutschland für so sicher, dass er vorschlug, man müsse dem Grafen Keyserling dabei zuvorkommen, sich Lehrstühle in Dorpat zu sichern. Eine solche Per spekti ve erschien Hartmann als ebenso imaginär, wie sie es im August 1914 gewesen war. Er winkte ab, verwies auf die enormen Reserven, die England und Russland zu Gebo- 120 Teil I: Einleitung und Biographie te standen, und erhob gegen die deutsche Presse den Vorwurf, das wahre Kräfteverhältnis zu verwischen. Das Beispiel steht für mehrere. Ein weiterer Punkt, der Beachtung verdient, ist die Geringschätzung, mit der Hartmann sich zu den chauvinistischen Kriegstraktaten des achten Jahre älteren Max Scheler äußerte, eines Philosophen, dem er ansonst wachsendes Interesse entgegenbrachte und der in seiner eigenen Entwicklung noch eine bedeutende Rolle spielen sollte. Im Febru ar 1918 fand er es unverständlich, dass Heimsoeth hartnäckig an Scheler festhielt, obwohl der sich als »Wanderlehrer« betätigte und bloß noch vom Kriege schrieb, den er ja doch nur aus Zeitungen und aus dem »Soldatenlatein der Heimkehrenden« kenne. Er, Hartmann, lese diese Dinge nicht, habe aber ein Vorurteil gegen sie.12 Wie er über die Kriegspropaganda Troeltschs, Sombarts, Wilhelm Wundts, Max Webers und anderer gedacht haben wird, kann man sich danach vorstellen. Zur Russischen Revolution stand er zwiespältiger als 1905. Mit den Bolschewiki hatte er nichts im Sinn. Trotzdem waren sie es, die mit ihrem Friedensangebot militärische Entlastung versprachen. Sympathie für das Fe bru arregime von 1917, besonders für die von Miljukow geführten Konstitutionellen Demokraten, die »Kadetten«, hätte eigentlich seinen politischen Überzeugungen am ehesten entsprochen. Ausgerechnet diese Partei aber trat am entschiedensten für eine energische Fortführung des Krieges an der Seite der Entente gegen Deutschland ein, so dass er aus nationalegoistischen Motiven sie als die feindlichste Kraft in Petrograd empfinden musste. Das für ihn und seinesgleichen Wünschenswerte, ein liberal-konstitutionell regiertes kapitalistisches Russland, das vor den Mittelmächten kapitulierte, war nicht zu haben. Die letzte Aussicht darauf zerstob, als im Januar 1918 die russische Front sich auflöste, ohne dass die im Roten Oktober von den Bolschewiki errungene Macht in die Niederlage mit hineingerissen worden wäre. Hartmann hat hierauf anscheinend niedergeschlagen reagiert. Mitte März 1918, kurz nach dem Brester Frieden, schrieb er nach Eglosheim: »Sie setzen sehr mit Recht voraus, dass mir die Entwicklungen der letzten Monate auch innerlich nicht gleichgültig sind. Leider ist mir hierbei in vielen Punkten Schweigen auferlegt. Im Allgemeinen ist aber auch hier die Hochspannung in mir erschlafft. Wahrscheinlich habe ich diese Dinge, die ›große Zeit‹ und was so drum und dran ist, einmal zu sehr überschätzt und befinde 12 (AH) Zitat nachgewiesen in: Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, hrsg. von Frida Hartmann und Renate Heimsoeth, Bonn, 1978, S. 287. 121Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung mich jetzt im Rückschlage.« Unter Anspielung auf eine Äußerung Heimsoeths aus der Zeit des Kriegsbeginns fügte er hinzu: »Sagten Sie nicht auch einmal, es sei lächerlich, dass ›ausgerechnet wir‹ diese ›großen Dinge‹ erlebten? Ich empfinde es heute fast umgekehrt als Unstern, dass ich ausgerechnet in eine so verflachte und zur Veräußerlichung erziehende Zeit hineingeschneit bin.«13 Von der zündenden Wirkung, die die Oktoberrevolution damals auf Georg Lukács hatte, findet man bei Hartmann nicht die geringste Spur. In seiner bürgerlichen Einstellung ist er nicht einen Augenblick wankend geworden. Ein halbes Jahr später war klar, dass die Mittelmächte selber unmittelbar vor der militärischen Katastrophe standen. Hartmann hat daraus, auch jetzt unter Bewahrung seiner Klassenposition, die für sein ganzes weiteres Leben und Wirken richtungsweisende Lehre gezogen, dass es für Deutschland künftig nur noch den Weg gebe, sich friedlich zu verhalten, und dass es Weltbedeutung allein durch kulturelle Leistungen werde erlangen können. Auf dem Gebiet der Philosophie schätzte er die Aussichten dafür mit großem Optimismus ein. Denn angesichts der Niederlage tröstete ihn der Gedanke, dass die deutsche Klassik auch schon im Zeichen nationaler Ohnmacht und äußeren Zusammenbruchs gestanden habe, und sein eigenes Vorhaben, die Ausarbeitung der ihm vorschwebenden »neuen Ontologie« zum System, hielt er vor diesem Hintergrund für dermaßen gewichtig, dass er sich selbst, kaum verhohlen, bereits als moderne Parallelerscheinung zu Fichte und Hegel sah. So legte er, unter dem Eindruck des englischen Durchbruchs zwischen Cambrai und St. Quentin, des letzten, kriegsentscheidenden Angriffs von Truppen der Entente auf deutsche Stellungen, in einem Brief vom 28. September 1918 das folgende Bekenntnis ab: »Angesichts des Unterliegens unserer äußeren Kraft besinne ich mich wieder auf andere Kräfte, die wir auch einmal hatten und die fast vergessen sind. Ich erinnere mich, dass auch die deutsche Philosophie einmal eine solche Kraft war. Und da der Mensch doch immer an etwas glaubt, fange ich wieder an, den Glauben an diese Kraft als den wahreren zu empfinden. (…) Ich wüsste mein Leben, bis ins Alltäglichste hinein, geschweige denn das Große, das mich streift, nicht vom Eigenleben des philosophischen Gedankens zu trennen, das nicht so sehr in mir ist, als ich Glied und Sprosse in ihm bin. Und ich glaube, dass ich mit dieser Auffassung, mit diesem bis ins Gefühl 13 (AH) Zitat nachgewiesen in: Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, hrsg. von Frida Hartmann und Renate Heimsoeth, Bonn, 1978, beide Zitate S. 290 f. Ausführlich in den Dialogen. 122 Teil I: Einleitung und Biographie hinab verwurzelten Wesenszuge dem Geist deutscher Philosophie näher stehe als Menschen mit umgekehrter Einstellung. (…) Die Hochflut des deutschen Idealismus, deren Gedankenschätze heute noch ungehobenen ruhen, wie monumentale Quadern, die niemand zu heben den Atem hat, ging auch aus den Jahren äußeren Niederganges hervor, wohl zu vergleichen denen, die uns bevorstehen dürften. Mir nun liegt es nah, im Gefühl der gewaltigen Kraftquellen, die unterdrückt sind und eine ungeheure gespannte Sprungfeder bilden, an eine Wiedergeburt geistigen Schaffens, an einen neuen, unerhörten Wurf, an die Möglichkeit einer geistigen Eroberung der Welt zu glauben. Wenn Sie mich einen Träumer schelten, mögen Sie es tun. Ich glaube aber, dass ich mit mehr Beinen in der lebendigen Wirklichkeit stehe als die Leichtherzigen, die das äußere Leben und Gedeihen unseres Volkes auf eine einzige Karte gesetzt haben.«14 Um den historischen Ort von Hartmanns Lebensleistung auszumachen, muss man wissen, dass sie, zwischen der Russischen Oktoberrevolution und der deutschen Novemberrevolution aus einem solchen Zeit- und Selbstverständnis hervor gewachsen, im darauf folgenden Jahr 1919, in der Geburtsstunde der Weimarer Republik, ihre vorentworfene, seine Arbeit für ein Menschenalter in den Grundzügen festlegende systematische Struktur erhalten hat. VIII Cohen war bereits 1912 von Marburg nach Berlin übergesiedelt, wo er für den Rest seines Lebens an der dortigen jüdisch-theologischen Lehranstalt wirkte. Im April 1918 hatte ihn der Tod ereilt. Von dem bei Kriegsende fast fünfundsechzigjährigen Natorp ließ sich absehen, dass auch er in nicht zu ferner Zeit aus dem Amt scheiden werde. Unter den Schülern am Ort war der älteste, Görland, zu unbedeutend, um für eine adäquate Nachfolge in Betracht zu kommen. Hartmann trat daher, aus dem Krieg heimkehrend, in Marburg eine Art Kronprinzenstellung an. Dabei hatte er unter den aus der Marburger Schule hervorgegangenen Denkern seiner Generation sich mittlerweile von den neukantianischen Grundpositionen am weitesten entfernt. Auch verachtete er an Natorp wie an Cohen die Hinwendung zu Religiosität und Mystizismus, die bei ihnen im Alter eingesetzt hatte. Aber seine bis dato umfang- 14 (AH) Zitat nachgewiesen in: Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, hrsg. von Frida Hartmann und Renate Heimsoeth, Bonn, 1978, beide Zitate S. 310. Andere Teile des Briefes zitierte Harich ebenfalls. 123Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung reichste Veröffentlichung wies nun einmal ihn als überragenden Fortsetzer von Natorps Platon-Interpretation aus. Außerdem hielt er, über alle erkenntnistheoretischen Gegensätze hinweg, an der Überzeugung der alten Lehrer fest, dass die zentra le Aufgabe theoretischer Philosophie in der Kategorienforschung liege. Und eben auf diesem, von den anderen Schülern mehr oder weniger vernachlässigten Gebiet verfolgte gerade der späte Natorp, zumal seit dem Fortgang Cohens, bei allem Hang zum Mystischen selber recht eigenwillige und interessante Wege. Von der Gesetzeslehre des Denkens führten sie ihn zur Seinslehre des Logos, also gleichfalls zu einer Art Ontologie, wenn auch zu einer absolut idealistischen. Danach kann es nicht wundernehmen, dass Natorp Hartmann förderte, dass umgekehrt der, sowohl aus Wissbegier wie aus Karrieregründen, sich eng an ihn anschloss. Jahrelang sah man sie in der Öffentlichkeit häufig gemeinsam auftreten. Hartmanns Anstellung als Extraordinarius war 1920 perfekt. Nach Natorps Emeritierung übernahm er 1922 seinen Lehrstuhl. Damit war das Ende der Marburger Schule an dem Ort, von dem sie ihren Namen hat, besiegelt. Nur anderswo lebte sie noch fort: Bei Kinkel in Gießen, bei Cassirer in Hamburg, wohin sich 1923 auch Görland begab; bei Vorländer in Münster. Bruno Bauch in Jena, vom südwestdeutschen Neukantianismus her kommend, verschmolz diesen mit dem Marburger Logizismus zu einer eigentümlichen Synthese. 1923 ließ Stammler in Berlin sich emeritieren. 1924 starb Natorp. Unter den jüngeren Philosophen war Hartmann eine vielversprechende Begabung aufgefallen: Der in Freiburg als Privatdozent wirkende Husserlschüler und frühere Jesuitenzögling Martin Heidegger. Dass der, dem Glauben offenbar längst abtrünnig, unter Husserls Einfluss sich vom Neukantianismus Rickerts und Lasks abgekehrt, durch Lask aber zur Kategorienforschung gefunden hatte, ließ auf ein gewisses Maß an Gemeinsamkeit schließen. Vertrautheit mit der aristotelischen und der scholastischen Kategorienlehre verriet seine Habilitationsschrift über Duns Scotus. Mit der Autorität des Ordinarius setzte Hartmann sich dafür ein, dass Heidegger 1923 einen Ruf nach Paul Natorp, 1910 124 Teil I: Einleitung und Biographie Marburg erhielt und hier, unter Überspringung des Extraordinariats, sogleich ebenfalls als ordentlicher Professor angestellt wurde. Die Suche nach einem lohnenden Diskussionspartner mag dabei eine Rolle gespielt haben, um so mehr, als Heimsoeth im gleichen Jahr nach Königsberg ging. Der Dialog, auch von Seiten Heideggers mit Interesse angestrebt, scheiterte nicht zuletzt daran, dass unterschiedliche Tageseinteilungen ihn nahezu unmöglich machten. Heidegger arbeitete am Tage, Hartmann in der Stille der Nacht, bis in die Morgenstunden. Wenn beide sich gelegentlich abends trafen war erst dieser, dann jener zu müde, um dem anderen konzentriert zuzuhören. Man witzelte am Ort über die philosophia perennis, die von den beiden Professoren im Schichtwechsel rund um die Uhr betrieben werde. In Marburg ist Heideggers berühmtestes Werk, Sein und Zeit, entstanden, darauf angelegt, den ontologischen Ansatz des Älteren mit einer so genannten Fundamentalontologie zu unterlaufen, die der dann seinerseits energisch bekämpft hat. Als Heidegger 1928 nach Freiburg zurückkehrte, um dort die Nachfolge Husserls anzutreten, lehrte Hartmann bereits seit drei Jahren in Köln. Dies hatte sich daraus ergeben, dass der Gedankenaustausch mit demjenigen Denker, der unter den Mitlebenden zuletzt ihn am stärksten beeinflusst hatte, mit dem seit 1919 in Köln als Ordinarius tätigen Max Scheler, für beide Teile ergiebiger war. Von Scheler war Hartmanns Berufung betrieben worden. Dabei soll ihnen regelrechte Zusammenarbeit vorgeschwebt haben. Zu der kam es nicht. Aber sie führten zahlreiche Gespräche. Dem Nachruf auf den in Frankfurt am Main früh verschiedenen Anreger, Gefährten und partiellen Gegner ist zu entnehmen, was sie Hartmann bedeutet haben und worin er die Wirkung eigener Gedanken auf die letzten, allenfalls fragmentarisch ausgeführten Pläne dieses unruhigen, ständig umlernenden, immer wieder neu beginnenden Geistes verspürt zu haben scheint. Ein Jahr später kam Carl Heinrich Becker, ein bekannter Orientalist, der der Demokratischen Partei angehörte und in der von den Sozialdemokraten Otto Braun und Carl Severing geführten Regierung Preußens das Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung leitete, auf den Gedanken, dass Nicolai Hartmann für die überfällige Neubesetzung des in Berlin seit 1923 verwaisten philosophischen Lehrstuhls von Ernst Troeltsch geeignet sei. Becker richtete 1929 an die Philosophische Fakultät der Berliner Universität die Bitte, sich hierzu zu äußern. Er stieß auf Ablehnung. Die Be- 125Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung rufungskommission der Fakultät sprach sich gegen seinen Vorschlag aus. Eine Mehrheit in ihr stimmte, in der erklärten Hoffnung auf Wiederbelebung des Neukantianismus, für Ernst Cassirer, von dem soeben der dritte Band seiner Philosophie der symbolischen Formen erschienen war. Eine von Max Planck angeführte Minderheit empfahl den prominentesten Vertreter des neopositivistischen Wiener Kreises, Moritz Schlick. Neben weiteren Namen fiel auch derjenige Heideggers. Von Hartmann riet man einhellig ab mit der kuriosen Begründung, er sei mit keiner der positiven Wissenschaften vertraut, verhielte sich neuerdings zu Husserl und Scheler so unselbständig wie früher zu Natorp und lasse in seinen philosophiehistorischen Publikationen keine philosophische Schulung erkennen. Als diese Stellungnahme 1930 im Kulturministerium überreicht wurde, war Becker nicht mehr im Amt. Sein Nachfolger, Adolf Grimme (SPD), entschied sich für Heidegger. Der aber wollte nicht nach Berlin. Bedacht auf sein Hinterwäldler-Image, zeigte er sich entschlossen, als Alemanne »an seiner Scholle haften zu bleiben«. Erst da griff Grimme auf den Einfall seines Amtsvorgängers zurück. Von November 1930 an verhandelte Berlin mit Hartmann. Im Januar 1931 wurde er zum Ordinarius für Philosophie an der Berliner Universität und zum Direktor ihres Philosophischen Seminars ernannt. Im Sommer desselben Jahres nahm er hier seine Lehrtätigkeit auf. Im November fungierte er, aus Anlass des 100. Geburtstages von Hegel, als wissenschaftlicher Gastgeber des ersten Internationalen Hegelkongresses, der an der Wirkungsstätte dieses größten, mit Berlin verbundenen Denkers stattfand.15 In Marburg hatte Hartmann mit Frau und Tochter in einer bescheidenen Mietwohnung gelebt, in Köln ein kleines Haus am Stadtrand, im Vorwort Marienburg, bewohnt. 1926 war seine Ehe mit Alice, nach 15 Jahren, geschieden worden. Noch in der Kölner Zeit hatte er Frida Rosenfeld geheiratet, die Tochter eines Archivrats aus Marburg. Aus seiner zweiten Ehe sind ein Sohn und eine Tochter hervorgegangen. Mit der neuen Familie zog er 1931 nach Babelsberg um, in eine etwas geräumigere und komfortablere Villa. Auf ein Auto verzichtete er hier, leichten Herzens, nach wie vor. Er blieb passionierter Radfahrer und Spaziergänger. Hatte er den Weg zur Universität in Marburg 15 (AH) Zum Hegelkongress und zu Hartmanns Rolle dort, siehe auch die entsprechenden Verweise in der Korrespondenz von Lukács und Harich, Band 9. Außerdem verschiedene Briefe von Lukács, die sich in den Archiven in Budapest (Lukács) und Amsterdam (Harich) befinden. Harich selbst kommt darauf ebenfalls noch zu sprechen. 126 Teil I: Einleitung und Biographie zu Fuß, in Köln mit der Straßenbahn zurückgelegt, so benutzte er nun die Stadtbahn, zum Bahnhof Friedrichstraße. Sein Tagesablauf war genau eingeteilt. Um Mitternacht pflegte er sich an den Schreibtisch zu setzen, um 5:00 Uhr früh sich schlafen zu legen, gegen 11:00 Uhr aufzustehen. Nach dem mittäglichen Morgenspaziergang zur S-Bahn legte er im Zug letzter Hand an seine Vorlesungsnotate. Seine Kollegs fanden am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag zwischen 13:00 und 14:00 Uhr statt. Mittwochs wurde in Potsdam musiziert. Am Freitag schlossen sich an die Vorlesung die Sprechstunde und eine Seminar- übung im Gebäude der Berliner Universitätsstraße 3b an. Das Privatissimum, am Dienstag, hatte meist, anhand der Urtexte, Platon oder Aristoteles zum Gegenstand. In der Regel wurden seine Vorlesungen in Berlin nur mäßig besucht, es sei denn, das Thema Ethik belebte den Zulauf. Derselbe Hörsaal, in der Dorotheen-, der heutigen Clara-Zetkin-Straße, war überfüllt, wenn mittwochs und sonnabends in den Morgenstunden Eduard Spranger las. Jeweils drei von Hartmann bestrittene Lehrveranstaltungen, mit wechselnder, aber zyklisch wiederkehrender Thematik, geben die Berliner Vorlesungsverzeichnisse zwischen dem Sommersemester 1931 und dem Wintersemester 1944/1945 an: Zwei zweistündige Übungen und ein vierstündiges Kolleg. Auf die Themenwahl hatten das Ende der Weimarer Republik, Hitlers Machtantritt, der Beginn und Verlauf des Zweiten Weltkrieges, keinen Einfluss. Doch es ergab sich, zufällig, dass sowohl die erste Vorlesung, 1931, als auch die letzte, 1945, der Philosophie der Geschichte gewidmet war. Schon als Student war Hartmann der Kant-Gesellschaft beigetreten. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er außerdem Mitglied der Deutschen Philosophischen Gesellschaft. Dass man ihn in ihren Vorstand wählte, ergab sich 1931 fast automatisch aus seiner Berufung nach Berlin. Zur selben Zeit trat er dem Internationalen Hegelbund bei. 1932 erfolgte seine Wahl zum ordentlichen Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. An Internationalen Philosophenkongressen hat er viermal teilgenommen. Er referierte 1926 an der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) über Die Stellung der ästhetischen Werte im Bereich der Werte überhaupt, 1930 in Oxford über Kategorien der Geschichte, 1931 in Berlin über Hegel und 1936 in Prag über Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart. Einer politischen Partei hatte nie angehört. Die Zwangsmitgliedschaft im NS-Dozentenbund datierte bei ihm seit 1937. 127Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung IX In Hartmanns zweiter Marburger Periode, 1918 bis 1925, entstand zunächst sein gnoseologisches Hauptwerk Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis. Es erschien 1921 in erster Auflage, 1925 in zweiter, erweitert um eine ausführliche Verteidigung der Abbildtheorie gegen Einwände, die von phänomenologischer Seite erhoben worden waren. 1923 kam von einem Auftragswerk, Die Philosophie des deutschen Idealismus, der erste Band heraus, der, außer den frühen Kantianern und Antikantianern, Fichte, Schelling und die Philosophie der Romantik behandelt. In dasselbe Jahr fällt ein zur Broschüre ausgearbeiteter Vortrag über Aristoteles und Hegel. Das Jahr 1924 brachte mehrere Beiträge zum 200. Geburtstag Kants, darunter Diesseits von Idealismus und Realismus. Ein Beitrag zur Scheidung des Geschichtlichen und Übergeschichtlichen in der Kantischen Philosophie, und, in der Festschrift für den siebzigjährigen Natorp, die Abhandlung Wie ist kritische Ontologie überhaupt möglich? Auch die endgültige Niederschrift der großen Ethik, von 1926, erfolgte noch in Marburg. Im September 1925, kurz vor der Übersiedlung nach Köln, ist sie vollendet worden. Auf die Kölner Zeit, 1925 bis 1930, gehen die ersten zusammenhängenden Entwürfe von Hartmanns dreibändiger Ontologie, mit Einschluss der allgemeinen Kategorienlehre, zurück. Nach Auskunft von Robert Heiß hat die ursprüngliche Fassung seiner Naturphilosophie die Jahre 1927 bis 1931 beansprucht, was bedeuten würde, dass die Erstfassungen der Untersuchungen zur Grundlegung der Ontologie, der Modalanalyse und des Schichtenkonzepts bereits 1925 bis 1927 hätten entstanden sein müssen. Wie dem auch sei, all das blieb einstweilen unveröffentlicht, ausgenommen nur eine später als überholt bezeichnete Darlegung kategorialer Gesetze, die 1926 im Philosophischen Anzeiger zum Abdruck gelangt ist. Abgeschlossen wurde in Köln, als zweiter, umfangreicherer Band der Philosophie des deutschen Idealismus, die Monographie über Hegel, von 1929. Wahrscheinlich hat damals sie, unter den Auspizien des bevorstehenden Hegelgedenkens, mit dazu beigetragen, den preußischen Kultusminister eine Berufung des Verfassers nach Berlin ins Auge fassen zu lassen. Danach wandte die Arbeit sich einem Werk zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften zu. Zur Vorbereitung wurden in den Kölner Seminarübungen von 1929 an bevorzugt historisch und soziologisch versierte Schüler zur Diskussion herangezogen. Der Schwerpunkt der Lektüre verlagerte sich auf Augustinus, Hobbes, Herder und Marx, auf Dilthey, Simmel, Troeltsch, Croce, Spengler, Freyer und Plessner. 128 Teil I: Einleitung und Biographie Aus diesen Studien ging zu Beginn der Berliner Zeit das Buch Das Problem des geistigen Seins hervor. Im August 1932 war es vollendet. Es erschien zur Frühjahrsmesse 1933. Dann kam, im Rückgriff auf die Kölner ontologischen und naturphilosophischen Manuskripte, das seit 1919 geplante, sorgfältig vorbereitete Chef d’Oeuvre an die Reihe: Die große Ontologie. Auf den Markt gelangten 1935 Zur Grundlegung der Ontologie, enthaltend die vier Untersuchungen über das Seiende als Seiendes, über Dasein und Sosein, über die Gegebenheit der Realität und über das ideale Sein; 1938 die Modalanalyse, überschrieben Möglichkeit und Wirklichkeit, im Vorwort deklariert als das Kernstück der Ontologie; 1940 der Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre, der unter dem Obertitel Der Aufbau der realen Welt zugleich das Konzept der Seinsschichtung entwickelt. Unmittelbar danach ging es an die zweite, definitive Niederschrift der Philosophie der Natur. Abriss der speziellen Kategorienlehre. 1943 war sie abgeschlossen. Als ihr Teil war ursprünglich eine Kategorialanalyse der Finalität vorgesehen. Weil deren Problemhorizont über den der Naturkategorien aber hinausragt, wurde sie aus diesem Zusammenhang herausgelöst, um in einer gesonderten Schrift abgehandelt zu werden, die dann im Oktober 1944 fertig war: Teleologisches Denken. Aus dem Jahre 1945 stammt die Ästhetik. Während der letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre ließen die Bedingungen der Verlagsarbeit eine Drucklegung des riesigen Manuskripts der Naturphilosophie in angemessener Qualität nicht zu. Mit einem vom September 1949 datierten Vorwort ist das Buch erst 1950, ein halbes Jahr vor dem Tode seines Verfassers, herausgekommen. Teleologisches Denken hätte leicht vorher gedruckt werden können, sollte aber nach seinem Wunsch erst auf die spezielle Kategorienlehre folgen. So wurde es 1951 aus dem Nachlass herausgegeben. 24 Kapitel Studien zur Logik, von 1931 bis 1944 in Berlin sporadisch nebenher zu Papier gebracht, gingen 1945 durch Kriegseinwirkung zusammen mit weiteren Manuskripten unwiederbringlich verloren.16 Außer diesen Hauptwerken sind in den Berliner Jahren mehrere Arbeiten geringeren Umfangs entstanden. Noch in Köln hatte Hartmann die Aufforderung erhalten, zu der 16 (AH) Siehe: Hartmann, Nicolai: Selbstdarstellung, in: Ziegenfuß, Werner; Jung, Gertrud (Hrsg.): Philosophen-Lexikon. Handwörterbuch der Philosophie nach Personen, 1. Band A-K, Berlin, 1949, S. 468. Auf diesen Punkt kommt Harich in den Dialogen ausführlicher zu sprechen. 129Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Sammlung Deutsche systematische Philosophie nach ihren Gestaltern eine Selbstdarstellung beizusteuern. Der in Berlin fertig gestellte Beitrag kam als Teil des ersten Bandes der Sammlung 1931 heraus. Er skizziert eine Auslese von Grundgedanken der damals noch unveröffentlichten Ontologie. Eine weitere Gelegenheit, den eigenen Standpunkt zusammenfassend darzulegen, bot später die Philosophische Gemeinschaftsarbeit deutscher Geisteswissenschaften. Hartmann übernahm die Aufgabe, in ihrem Rahmen 1942 den Sammelband Systematische Philosophie zu edieren, und gewann als Mitarbeiter Gehlen, Rothacker, Bollnow, Wein und Heimsoeth. Er selbst schrieb den Beitrag Neue Wege der Ontologie, der auf etwa 100 Seiten in gedrängter Form seine Auffassungen namentlich über ontologische, erkenntnistheoretische und anthropologische Grundfragen wiedergibt.17 Im Zuge der Beschäftigung mit Dilthey und Scheler war Hartmann zu der Überzeugung gelangt, dass sich die für die Ontologie unentbehrliche Realitätsgewissheit am schlagendsten durch eine phänomengerechte Analyse des Alltagsbewusstseins und der emotionalen Akte sicherstellen lasse. Von Berlin reiste er im Mai 1931 nach Halle, um auf einer Generalversammlung der Kant-Gesellschaft seine einschlägigen Ergebnisse vorzutragen. Aus der Diskussion darüber hoffte er noch Belehrung zu schöpfen. Seine Rede, die kritischen Bemerkungen von Kollegen und sein Schlusswort erschienen im selben Jahr zusammen unter dem Titel Das Problem der Realitätsgegebenheit. Der systematische Ertrag ging in die dritte Untersuchung seiner Grundlegung der Ontologie von 1935, über. Dem Gedenken Hegels galten 1931 ein Artikel über die Vossische Zeitung und der auf dem Hegel-Kongress gehaltene Vortrag, den in überarbeiteter Fassung zuerst französisch die Revue de métaphysique et de morale abdruckte. In den Blättern für deutsche Philosophie, die von Heimsoeth geleitet wurden, veröffentlichte Hartmann die Beiträge Sinngebung und Sinnerfüllung (1934), Hegel und das Problem der Realdialektik (1935), Zeitlichkeit und Substanzialität (1938/1939), Neue An thro po lo gie in Deutschland (1941) und Naturphilosophie und An thro po lo gie (1944). In den Sitzungsberichten der Philosophisch-Historischen Klasse der Preußischen Akademie der Wissenschaften erschienen von ihm die Abhandlungen Das Problem des Apriorismus in der Platonischen Philosophie (1935), Der philosophische Gedanke und seine Geschichte (1936), Der Megarische und der Aristotelische Möglichkeitsbegriff (1937), 17 (AH) Gemeint ist: Hartmann, Nicolai (Hrsg.): Systematische Philosophie, Stuttgart, 1942. Darin: Hartmann, Nicolai: Neue Wege der Ontologie (Ebd., S. 199–312). An anderer Stelle ausführlicher. 130 Teil I: Einleitung und Biographie Heinrich Maiers Beitrag zum Problem der Kategorien (1938), Aristoteles und das Problem des Begriffs (1939), Die Lehre vom Eidos bei Platon und Aristoteles (1941), Die Anfänge des Schichtungsgedankens in der alten Philosophie (1943) und Die Wertdimensionen in der Nikomachischen Ethik (1944), ferner ein Bericht über die historisch-kritische Kantaus ga be der Akademie sowie die Gedächtnisrede auf Carl Stumpf (beides 1937). X Ereignisse des Tages waren Hartmann, wie er zu sagen pflegte, »zu speziell«. Zu ihnen Stellung zu nehmen lag ihm nicht. Aktuellem Engagement wich er möglichst aus. Der wissenschaftlichen Arbeit hingegeben, sah er stets mit Sorge, dass von den Turbulenzen des Weltgeschehens seine Kreise gestört werden könnten – und nicht selten wurden sie aufs Empfindlichste gestört. Trotzdem war er kein unpolitischer Mensch, und zu den Kämpfen seiner Zeit verhielt er sich durchaus nicht neutral oder gar gleichgültig. Verbunden fühlte er sich denjenigen Kräften in der deutschen Bourgeoisie, die in Wirtschaft, Rechtswesen und Politik liberalistischen Prinzipien huldigten, außenpolitisch nach Frieden und Verständigung strebten, zum Beispiel durch Erfüllung des Versailler Vertrages, und sich weltanschaulich von allem fernhielten, was mit Religion und Kirche zu tun hatte. Dabei brauchte er immer eine Weile, um die Dinge zu durchdenken, und war nur schwer aus der ihm eigenen Grundstimmung dankbarer Lebensbejahung aufzurütteln, die ihn die Weimarer Republik, gemessen an der Wilhelminischen Ära, lange ebenso überschätzen ließ, wie er vorher die deutschen Zustände generell beim Vergleich mit denen im zaristischen Russland überschätzt hatte. Einer Partei, wie gesagt, hat er nie angehört. Doch dass Carl Heinrich Becker gerade ihn favorisierte, als es darum ging, den akademischen Nachfolger des Philosophen und Soziologen Ernst Troeltsch zu bestimmen, dass war, auch parteipolitisch gesehen, kein Zufall. Troeltsch war prominentes Mitglied derselben Deutschen Demokratischen Partei (DDP) gewesen, die Becker bis 1930 in der Regierung Braun-Severing vertrat. Troeltsch hatte dieser Regierung in den frühen zwanziger Jahren, zeitweilig unter dem Minister Becker, als Staatssekretär im Kultusministerium gedient. Mit seiner Absage an die mittelalterlichen Relikte im Luthertum, seiner Hervorkehrung der aufklärerischen Tendenzen im modernen Protestantismus hatte er, obwohl auch evangelischer Theologe, die traditionell kirchenfeindlichen Demokraten für sich zu gewinnen gewusst. Es 131Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung war diese Richtung, im Kaiserreich einst die des Freisinns genannt, der Hartmann nicht unwillkommen sein konnte. Aber bei Troeltschs Tod war er noch zu wenig bekannt, als dass die Bildungselite der DDP auf ihn da bereits hätte aufmerksam werden können. Vor allem lag damals noch kein Werk von ihm vor, dem zu entnehmen war, wo er in sozialer und politischer Hinsicht stand. Erst drei Jahre später änderte sich das. Erst die Ethik zeigt ihn im Kampf an zwei Fronten, gegen die »Extreme von links und von rechts«. Sie setzt, einerseits, pauschal den Wert des Eigentums mit dem von Leben und Gesundheit gleich, so dass es über den tieferen Sinn ihrer Distanzierung vom »sozialen Eudämonismus« der Arbeiterbewegung nicht den geringsten Zweifel geben kann. Andererseits verwirft sie, unter Abwehr rechtsextremer, präfaschistischer Tendenzen, die von Nietzsche proklamierte »Umwertung aller Werte«. Erst diese Position war der DDP, die anscheinend Troeltschs Berliner Lehrstuhl in Erbpacht zu haben glaubte, genehm. Die »Goldenen Jahre« der Weimarer Republik, zur Zeit der relativen Stabilisierung des Kapitalismus, 1924 bis 1929, sind als derjenige Zeitabschnitt der deutschen Geschichte anzusehen, mit dem die Lebensleistung Hartmanns am meisten koinzidiert. Zur Kulturschöpfung dieser Epoche hat er eben mit der Ethik, seinem relativ erfolgreichsten Buch, und mit seiner zweibändigen Philosophie des deutschen Idealismus beigetragen. Auf dieselbe Zeit auch geht, wie erwähnt, der erste Entwurf seiner großen Ontologie zurück. Ja, selbst das Grundkonzept seiner erst 1945 niedergeschriebenen Ästhetik findet sich schon 1926 in seinem Harvard-Vortrag sowie in gewissen Partien der Ethik. Den für den damaligen Zustand repräsentativen Philosophen sieht Georg Lukács, nicht zu Unrecht, in Max Scheler, der bestrebt gewesen sei, »eine inhaltlich prägnante, über den Formalismus der Neukantianer hinausgehende Weltanschauung, eine feste Hierar chie der Werte zu begründen«, dazu bestimmt, »in der Konsolidierung der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands eine wichtige Rolle zu spielen«.18 Ganz auf Konsolidierung zugeschnitten ist desgleichen das Schaffen Hartmanns. Das damals Scheler und er einander nahe standen, kann also nicht wundernehmen. An dem, was sie zusammenführte, hatte das Zeitanliegen ihrer Klasse hohen Anteil. Und zieht man ihre unterschiedliche Mentalität in Betracht, so will es scheinen, Hartmann hätte dank grundsolider Gelassenheit und Bedächtigkeit diesem Anliegen eigentlich noch gemäßer 18 (AH) Zitat nachgewiesen in: Lukács, Georg: Die Zerstörung der Vernunft, verw. Ausg.: Neuwied, Berlin, 1962, S. 416. Zitat später ausführlich. 132 Teil I: Einleitung und Biographie sein müssen als der sprunghaft wandlungsfähige ältere Kollege. Gleichwohl stand er, mit der Folge, dass sogar der scharfsichtigste marxistische Beobachter und Analysierer der deutschen Ideologieszene ihn lange Zeit übersah, in Schelers Schatten. Das lag einmal an der Art und Weise, wie die Identität der in Kaiserreich und Re pu blik gleichermaßen herrschenden Gesellschaftskrise sich im staatlichen und kulturellen Leben des Landes geltend machte. Die Konsolidierung, die Ende 1923, im Anschluss an die von Revolution und Konterrevolution erfüllte Nachkriegskrise, einsetzte, schob Männer mit nationalliberaler bis konservativer und, möglichst, auch noch martialischer Vergangenheit als vorzugsweise vertrauenswürdig in den Vordergrund. Einem annexionistischen Scharfmacher von ehedem, Stresemann, wurde die friedliche Verständigung mit den Nachbarn anvertraut. Als republikanisches Staatsoberhaupt erlebte man den monarchisch gestimmten kaiserlichen Feldmarschall v. Hindenburg. Und so, wie im literarischen Überbau dieser Konstellation der aus allmählicher demokratischer Sinneswandlung hervorgegangene Zauberberg zum Moderoman werden konnte, verfasst von demselben Thomas Mann, der während des Krieges als beredter Anwalt des deutschen Imperialismus Friedrich und die große Koalition und die Betrachtungen eines Unpolitischen geschrieben hatte, gerade so waren es Schelers Kriegstraktate, die ihren Autor als den im philosophischen Bereich geeignetsten Ideologen der Konsolidierung empfahlen. Hartmann war demgegenüber ein unbeschriebenes Blatt. Da er dem Kriegsgeschehen keine einzige für den Druck bestimmte Zeile gewidmet hatte, reichte seine Legitimation zu geistiger Repräsentanz dieser Republik an die Schelers bei weitem nicht heran. Zum anderen legt Hartmann die »feste Hierarchie der Werte« in einer Version vor, die, im Gegensatz zu der von Scheler konzipierten, von rigoroser Gottlosigkeit geprägt ist. Der Atheismus, sonst bei ihm oft hinter höflich agnostischen Floskeln versteckt – eine Gottheit könne es wohl geben, nur fehlten für ihre Existenz alle Anhaltspunkte –, wird in seiner Ethik als moralisch notwendig postuliert. Herausgelöst werden in ihr die mit dem Christentum aufgekommenen Verhaltensnormen und Ideale aus dem religiösen Ursprung, von dem unzweideutig gesagt wird, dass er ihrer sittlichen Substanz äußerlich und unwesentlich sei. Ein Philosoph, der so denkt, konnte bei der Mehrheit der Bourgeoisie kaum freudwillige Aufnahme finden. Der von eben jener DDP politisch geführten Minderheit aber, der er zusagen mochte, erlegte die Nötigung, mit dem ultramontanen Zentrum zu 133Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung koalieren, in Weltanschauungsfragen Zurückhaltung auf. Auch aus dem Grunde war seine Basis schmaler, seine Resonanz geringer als die des stark katholisierenden, sich zeitweilig als Erneuerer Augustins in Szene setzenden Scheler. Und wenn, anders als im unmittelbar politischen Raum, bei der liberalen Intelligentsja die Proportionen auch verschoben waren zu Gunsten säkularisierter Denkweise, so strahlte auf diese Kreise wieder Schelers mondänes Gehabe die größere Anziehungskraft aus. Hartmann hatte sich den Gestus seiner Marburger Lehrer bewahrt. Er wirkte, bis in die minutiöse Disposition seiner Bücher hinein, professoral. Nicht von ungefähr hat der linksmondäne Ernst Bloch ihn als oberlehrerhaft verhöhnt. Zu alledem kam hinzu, dass Hartmann, jünger als Scheler, erst in der Mitte der »Goldenen Jahre« mit seiner Version der materialen Wertethik auftrat, zu spät, um unter den ihr verhältnismäßig günstigen sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen noch mit Aussicht auf eine sich stetig ausbreitende Wirkung reüssieren zu können. Schon drei Jahre nach Erscheinen der Ethik war die Periode der relativen Stabilisierung vorbei. Der New Yorker Bankenkrach von 1929 setzte ihr ein Ende. Die Weltwirtschaftskrise, die in der niedergehenden Weimarer Republik erneut aufflammenden Klassenkämpfe, der Aufstieg der Hitlerbewegung, das schnelle Dahinschwinden der bürgerlichen Mitte rissen jeglicher Konsolidierungsphilosophie, der religiösen wie der irreligiösen, den Boden weg. Die »feste Hierarchie der Werte«, in beiden Spielarten gleich ungeeignet, dem um sich greifenden Krisenbewusstsein zu genügen, wurde überhaupt obsolet. Es war Heideggers Geschäft, die große Krise, theoretisch verzerrt, stimmungsmäßig desto suggestiver, so zu reflektieren, dass aus ihr sich die verzweifelte Subjektivität isolierter Individualexistenz zu speisen vermochte. Mit dem Sensationserfolg von Sein und Zeit (1927) löste daher er Scheler, nach dessen frühem Tod (1928), als Modephilosophen ab. Dieselbe Zeitstimmung verhalf, kurz danach, obendrein Jaspers zu Ruhm. Hatte Hartmann in Schelers Schatten gestanden, neben Jaspers und Heidegger schien er, weil allem »Existenziellen« abhold, kaum noch existent. In den dreißiger und vierziger Jahren ging das Wort um, Deutschland habe zweieinhalb Philosophen. Mit dem halben war er gemeint – und das, während zur selben Zeit sein Lebenswerk, Buch um Buch, Aufsatz für Aufsatz, zu einem Ganzen wuchs und sich zusammenfügte, das nur noch den Vergleich mit Aristoteles und Thomas, mit Wolff und Hegel aushält. Unmittelbar zeitgeschichtlich hing es über. 134 Teil I: Einleitung und Biographie XI Zu Beginn dieser Phase hat Becker angeregt, Hartmann nach Berlin zu holen. Nichts ist bezeichnender als der Umstand, dass daraus nur deswegen etwas wurde, weil Heidegger Berlin verschmähte. Gegen Hartmann sträubte sich, sahen wir, die Berliner Fakultät. Ihr wäre ein Neukantianer oder, allenfalls, ein Neopositivist lieber gewesen. Und Becker, der für ihn sich einsetzende Minister, gehörte derjenigen politischen Partei an, die, vom Zusammenschrumpfen der bürgerlichen Mitte am stärksten betroffen, durch die Krise an den Rand der Bedeutungslosigkeit geriet. Auch in der Regierung Braun-Severing verlor die DDP an Gewicht. So wenig wie hier half es ihr übrigens nirgendwo sonst, dass sie sich dem Rechtstrend in der Bourgeoisie anzupassen suchte, etwa durch Umbenennung in Deutsche Staatspartei. Im Reichstag vom November 1932 blieben ihr nur noch zwei Abgeordnete. Das Kultusministerium in Berlin hatte in erster Linie Lehrstuhlinhaber preußischer Universitäten zu berücksichtigen. Dadurch gerieten Cassirer und besonders Schlick ins Hintertreffen. Nicht erklärt ist damit, wieso Beckers sozialdemokratischer Nachfolger gegen Hartmann und für Heidegger war. Der Grund wird sich auch kaum mehr mit Sicherheit feststellen lassen. Unterstellt man indes, dass Grimme mit seiner ersten Entscheidung nicht einzig und allein dem modischen Trend Rechnung trug, so bleibt es eine plausible Vermutung, dass ihm, als religiösem Sozialisten, an der Ethik sowohl die atheistische Tendenz als auch ihre sich gegen die Arbeiterbewegung richtende Warnung vor einer »Werttäuschung im sozialen Eudämonismus« missfallen haben wird. Um zu durchschauen, dass Heidegger viel weiter rechts stand als Hartmann, hätte Grimme, ein biederer Schulreformer der Richtung Paul Oestreichs, in der Lage sein müssen, Sein und Zeit voll zu verstehen. An den Tag gebracht hat es Leuten seines Fassungsvermögen erst Heideggers offene Parteinahme für Hitler, in der Freiburger Rektoratsrede 1933. Was Grimme 1930 nicht wissen konnte, war, dass sich mittlerweile Hartmann, dessen Kölner geschichtsphilosophische und soziologische Studien mit der Erfahrung der Krise zusammentrafen, vom sozialen Standort der Ethik zu lösen begann und langsam, bedächtig dem Marxismus sich näherte. Auch Lukács ahnte davon nichts, als er den neuen Berliner Ordinarius, von dem er nie eine Zeile gelesen hatte, auf dem ersten Hegel-Kongress erlebte, angenehm berührt von seiner die Neuhegelianer zum Widerspruch herausfordernden realistischen Einstellung. 135Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung So aber verhielt es sich in der Tat, und in den Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, die den Untertitel Das Problem des geistigen Seins tragen, kann man sich davon überzeugt, wie weit bei dem Verfasser dann diese Entwicklung bis zur Sterbestunde der Weimarer Republik gediehen ist. Um ein marxistisches Werk handelt es sich beileibe nicht. Doch Hartmann begnügt sich auch nicht mit der eklektischen Geschichtsauffassung, die er aus der in der Einleitung von ihm vorgetragenen, ziemlich seichten Doppelkritik an Hegel und an Marx gewinnt. Im Abschnitt Vom Geist der Wissenschaft geht er darüber entschieden hinaus, in der Richtung, wie sie just damals in Deutschland die besten literarischen Repräsentanten des liberalen Bürgertums einschlugen. Es war Thomas Mann, der im August 1932 die Gelegenheit des 100. Todestages von Goethe dazu benutzte, »die neue, die soziale Welt, die organisierte Einheits- und Planwelt« des Sozialismus zu beschwören, »in der die Menschheit von untermenschlichen, unnotwendigen, das Ehrgefühl der Vernunft verletzenden Leiden befreit sein wird«.19 Dieselbe Haltung nahm gleichzeitig, wenn auch im Ausdruck gemessener, mit weniger Pathos, Nicolai Hartmann ein. Im Hinblick auf die Marxsche Theorie, deren Wissenschaftlichkeit er unterstreicht, und unter Hinweis auf die Existenz der Sow jet uni on, die er allerdings nicht bei Namen zu nennen wagt, sondern etwas verschämt mit »naher Osten« umschreibt, legt er im Problem des geistigen Seins das Bekenntnis ab, dem Sozialismus eine positive geschichtsgestaltende Kraft zuzutrauen. An den Marxismus knüpft sich dabei für ihn die Aussicht, dass eines Tages im menschlichen Gemeinschaftsleben – den Ausdruck »Gesellschaft« gebraucht er nie – die Wissenschaft die führende Rolle spielen könnte. Im Mittelpunkt von Hartmanns Kulturphilosophie steht nämlich eine modernisierte Neuauflage der Hegelschen Lehre von jenem »objektiven Geist«, dem, mutatis mutandis, das entspricht, was im marxistischen Schrifttum, je nach Kontext, »ideologischer Überbau« der Gesellschaft oder, allgemeiner, »gesellschaftliches Bewusstsein« heißt. Hartmann erhebt gegen Hegel den Vorwurf, dass er »Unechtes« im »objektiven Geist« übersehe und ihn deshalb gegenüber der – gegebenenfalls opponierenden – Einzelpersönlichkeit in jeder Hinsicht und unter allen Umständen Recht behalten lasse. Mehr noch aber rügt er Heidegger, weil der da überhaupt nur Unechtes kennt und so zu seinen Charakteren des alltäglichen Daseins, zum »Man«, zum »Gerede«, zur »Neugier«, 19 (AH) Das entsprechende Zitat (aus Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters) wurde bereits wiedergegeben. 136 Teil I: Einleitung und Biographie zur »Zweideutigkeit«, gelangt, mit deren Aufweis jegliche geistige Öffentlichkeit und Gemeinschaftsbindung abgewertet werden soll, damit die Einkehr des Individuums in sich selbst, ausgehend von Todesangst, Schuld, Gewissen, als »das Eigentliche« erscheine. Gegen beide falsche Extreme empfiehlt Hartmann den Mittelweg, zwischen Echtem und Unechtem zu differenzieren. Als unecht verwirft er aufgepfropften Lebensstil, Verlogenheiten konventioneller Moral, politische Demagogie, modesüchtige Sensationslüsternheit im Kunstbetrieb, Kitsch, geistigen Leerlauf jeder Art, zu hohlen Phrasen herabgesunke Begriffe und dergleichen, wohingegen ihm als echt die bleibenden sittlichen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit gelten. Und als das »Reich reiner Echtheit« feiert er den »Geist der Wissenschaft«, mit der Begründung, es liege in ihrem Wesen, jeden einmal eingesehenen Irrtum für immer abzutun, so dass sie – und unter allen Kulturgebieten nur sie allein – »des Unechten als solchen nicht fähig« sei.20 Damit ist der Punkt erklommen, von dem aus er den Marxismus anvisiert. Denn die Wissenschaft hat nicht nur die Natur zum Gegenstand. Sie ist »ebenso sehr Erkenntnis des geistigen und geschichtlichen Seins«. Dass sie dies jedoch nur im Hinblick auf Vergangenes sein könne, so wie Hegel es mit seinem Gleichnis von der »Eule der Minerva« hat ausdrücken wollen, die erst mit einbrechender Dämmerung ihren Flug anhebt, das steht für Hartmann nicht unbedingt fest. Wohl habe in den bisherigen Kulturen, sagt er, die Wissenschaft der Herausbildung der wirtschaftlichen, sozialen und staatlichen Institutionen stets nachgehinkt. Wohl kam sie, zum Beispiel, »im Griechentum erst zur Blüte, als politische Selbständigkeit und Freiheit im Niedergang waren, und die aufkommenden Staats- und Rechtstheorien fanden kein aufsteigendes Leben des Gemeinwesens vor, es zu formen«.21 Aber darin brauche kein allgemeines Gesetz zu liegen. Denkbar wäre, dass die Wissenschaft auch einmal auf sozialem Gebiet die Führung übernähme. »Diese Möglichkeit hat als Idee mehrfach der Staatsphilosophie vorgeschwebt, so in Platons Republik, so 20 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin, Leipzig, 1933, S. 325. Ausführlich in den Dialogen. 21 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin, Leipzig, 1933, S. 346. Ausführlich in den Dialogen. 137Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung bei den Naturrechtslehrern, so noch bei Kant in der Durchführung seiner Idee des Ewigen Friedens. Ein großes Beispiel dieser Art ist auch der Marxismus, der gerade als wissenschaftliche Theorie sehr wesentlich in die Entwicklung der europäischen Politik hineingespielt hat. Der geschichtliche Versuch, diese Theorie in Wirklichkeit umzusetzen, liegt im nahen Osten vor aller Augen. Ob der Versuch ein ermutigender ist, ob er Fähigkeit oder Unfähigkeit einer Doktrin zu konkreter Gestaltung staatlichen Lebens erweist, darüber dürfen wir Heutigen die Akten nicht als geschlossen ansehen. Erst die ausgereiften Früchte werden darüber belehren können.«22 Zweierlei muss man sich, um für die Bewertung dieser Äußerung den richtigen Maßstab zu gewinnen, vor Augen halten. Einmal ist das Buch, in dem sie steht, geschrieben von einem beamteten Berliner Hochschullehrer, kurz nach dem Staatsstreich v. Papens gegen die Regierung Braun-Severing zum Abschluss gebracht und wenige Wochen nach Hitlers Machtantritt an den Buchhandel ausgeliefert worden. Sodann haben die zum Vergleich heranzuziehenden existenzialphilosophischen Antipoden sich in den dreißiger Jahren über die Möglichkeit wissenschaftlicher Gestaltung von Staat und Gesellschaft in entgegengesetztem Sinn geäußert. Jaspers erklärt in seiner Schrift Die geistige Situation der Zeit, von 1931, den Weltlauf für prinzipiell undurchsichtig und zieht daraus die Folgerung, auf ihn käme es nicht an: »Alles Planen in Bezug auf ferne Zukunft wird durchbrochen, um jetzt und hier Dasein zu schaffen und zu beseelen!«23 Und Heidegger, im Vortrag Die Zeit des Weltbildes, von 1938, prophezeit, dass Planung und Berechnung, Einrichtung und Sicherung, sobald sie ins Große gehen, eben dadurch sogar das jederzeit zu Berechnende unberechenbar machen müssten.24 Eine Begründung ihrer Thesen blieben 22 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin, Leipzig, 1933, S. 346. Ausführlich in den Dialogen. 23 (AH) Zitat nachgewiesen in: Jaspers, Karl: Die geistige Situation der Zeit. Neunter Abdruck der im Sommer 1932 bearbeiteten 5. Aufl., Berlin, New York, 1999, S. 190. Bereits ausführliche Wiedergabe der Passage. 24 (AH) Siehe die Hinweise in dem vorstehenden Text, dort ausführlicher zu diesem Thema. Wilhelm Külz, 1946 138 Teil I: Einleitung und Biographie beide schuldig. Dass eine Diffamierung des Marxismus beabsichtigt ist, geht aus dem jeweiligen Kontext klar hervor. Doch damit nicht genug. Hartmann hätte auf dem Standpunkt, zu dem er sich 1932 durchrang, ja nicht stehenzubleiben brauchen. Erst fünfzig Jahre alt, war er durchaus noch fähig und willens, dazu zu lernen. Und der inspirierende Einfluss, den, von 1955 an, die wertvollen Seiten seiner Ontologie, Naturphilosophie, Ethik und Ästhetik auf das Schaffen des ganz späten Lukács ausgeübt haben, lässt es als keineswegs abwegig erscheinen, Überlegungen darüber anzustellen, wie fruchtbringend sich für beide ein häufiger, intensiver Gedankenaustausch in den Jahren nach dem Berliner Hegel-Kongress hätte auswirken können. Beide lebten 1932 in Berlin. Eine antifaschistische Volksfront, wäre sie, bei anderem Taktieren der Linken, damals rechtzeitig zu Stande gekommen, hätte den Dialog begünstigt. Denn ganz sicher hätte in ein solches Bündnis die Partei, von der Hartmann gefördert worden war, hineingehört. Schließlich sind die spätere Miterbauer der DDR, Männer wie Külz, Schiffer, Nuschke, Loch und andere, aus der DDP hervorgegangen. Bei Hartmann bestand 1932 ein gewisses Maß an Bereitschaft, sich dem Marxismus zu öffnen. Außerdem sehnte er, seit Schelers Tod, sich nach einem ihm ebenbürtigen Gesprächspartner, den er nie wieder fand. In Lukács, der übrigens mit Scheler persönlich bekannt gewesen war, hätte er ihn finden können. Und Lukács wiederum hatte 1930 in Moskau, im Zuge seiner Lektüre der Ökonomisch-philosophischen Manuskripte von Marx, unter dem für ihn umwälzenden Eindruck der Marxschen Ausführungen zum Problem der Gegenständlichkeit, endgültig alle idealistischen Vorurteile von Geschichte und Klassenbewusstsein überwunden. Er nahm seitdem nun gnoseologische Positionen ein, die für den Verfasser der Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis annehmbar waren. Das machte ihn, objektiv, zu seinem Verbündeten – im Kampf gegen die in der bürgerlichen Philosophie dominierenden Strömungen des neukantianischen, neuhegelianischen, phänomenologischen, positivistischen und existenzialistischen Idealismus. Hartmann hätte der Argumentation eines ihm in dieser Beziehung nahestehenden Denkers von genialem Scharfsinn und universaler Bildung gewiss auch in Bezug auf ökonomische, soziale und politische Fragen und, nicht zu vergessen, hinsichtlich etwaiger Lektürevorschläge gern Gehör geschenkt. Die zitierte Passage aus dem Problem des geistigen Seins lässt keinen anderen Schluss zu. 139Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Diese Möglichkeiten sind durch den 30. Januar 1933 abgeschnitten und zerstört worden. Der Hitlerfaschismus trieb Lukács ins Exil, und er bestärkte Hartmann, indem er ihn zu Vorsicht und Zurückhaltung zwang, in seiner alten Neigung, politische Abstinenz zu üben, sich im Elfenbeinturm zu verschanzen. Es war, unter diesen Umständen, viel, wenn er sich 1935 dazu entschloss, noch einmal, in den Blättern für deutsche Philosophie, eine von Freimütigkeit und Objektivität zeugende Äußerung zum Marxismus zu publizieren. Geschehen konnte es nur, weil Freund Heimsoeth, inzwischen der NSDAP beigetreten, sich als Herausgeber der Zeitschrift angesichts eines vier Jahre zurückliegenden, ohnehin nicht mehr rückgängig zu machenden französischen Erstdrucks in der Lage sah, ein Auge zuzudrücken. Gemeint ist der Beitrag Hegel und das Problem der Realdialektik, die erweiterte Fassung des Berliner Kongressvortrages von 1931, damals zuerst erschienen in der Pariser Revue de métaphysique et de morale.25 Hartmann führt darin jene Unterscheidung zwischen »reeller« und »unreeller« Dialektik ein, auf die später, in den sechziger Jahren, noch der alte Lukács, unter Kontamination mit der des »Echten« und »Unechten« aus dem Problem des geistigen Seins, in seiner Ontologie des gesellschaftlichen Seins, im Kapitel Hegels falsche und echte Ontologie, zurückgreifen sollte. Unreell ist, nach Hartmann, zum Beispiel die Dialektik von Sein und Nichts, mit der Hegels Wissenschaft der Logik anhebt, höchst reell dagegen, neben der Dialektik der Strafe aus der Hegelschen Rechtsphilosophie, die in der Phänomenologie des Geistes anzutreffende des Verhältnisses von Herr und Knecht. Zu dieser Letzteren nun bemerkt er, Aktualität und Wirkung seien hier womöglich noch größer, wenn man erwäge, dass aus der Herr-Knecht-Dialektik »die Marxsche Theorie des Klassenkampfes hervorgegangen« sei. Er fügt hinzu: »Da diese Theorie mit der Entwicklung der sozialen Verhältnisse bis auf unsere Zeit aufs Innigste verknüpft ist, so lässt sich sagen, dass jene Dialektik auf dem Umweg über sie die Umgestaltung des wirtschaftlichen und politischen Lebens sehr wesentlich bestimmt hat. Das eine wie das andere lässt sich nur verstehen, wenn man den Charakter der Realdialektik darin ernst nimmt. Und das bedeutet, dass der Anspruch Hegels, in der logischen Entwicklung eine Selbstbewegung der Sache selbst zum Ausdruck zu bringen, in diesen Fällen ein gerechtfertigter ist. Einseitiges Dienen und Herrschen ist ein in sich selbst 25 (AH) Gemeint ist: Hartmann, Nicolai: Hegel und das Problem der Realdialektik, in: Kleinere Schriften, Band II: Abhandlungen zur Philosophie-Geschichte, Berlin, New York, 1957, S. 323–346. Verschiedene Zitate Harichs aus und Verweise auf diesen Text. 140 Teil I: Einleitung und Biographie unstabiles Verhältnis; es hat die Tendenz in sich, sich aufzuheben und in ein anderes Verhältnis überzugehen.«26 Bei Marx heißt dieses »andere Verhältnis« Kommunismus. Der Fortschritt an gesellschaftlicher Einsicht gegenüber der Borniertheit, mit der die Ethik über »Werttäuschung im sozialen Eudämonismus« lamentiert, ist mit Händen zu greifen. Und dass Hartmann seinen Sinneswandel noch 1935 nunmehr auch in deutscher Sprache öffentlich dokumentiert und dabei mit keinem Wort zurückgenommen oder eingeschränkt hat, bleibt aller Ehren wert. Marxist ist er dadurch freilich auch nicht entfernt geworden. Aber nicht bestreiten lässt sich, dass er kurz vor Errichtung der Hitlerdiktatur Voraussetzungen mitbrachte, es zu werden, dass er die auch danach nicht verleugnet hat. Was selbst zu der Zeit Hartmann immer noch nicht erkannt hatte, war, dass der Marxismus eine eigene Philosophie impliziert, fähig der Ausarbeitung zum universalen System.27 Vielmehr hielt er ihn, wie er dies in seinem Gedenkartikel über Hegel ausdrückt, für eine »vollkommen freie, inhaltlich neue Wege einschlagende Fortbildung Hegelscher Errungenschaften«, die, weil sie sich lediglich auf das »Gebiet der Wirtschaft und der sozialen Lebensform« erstreckt, »keineswegs der Philosophie angehört, sondern dem aktuellen geschichtlichen Leben«. 26 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Hegel und das Problem der Realdialektik, in: Kleinere Schriften, Band II: Abhandlungen zur Philosophie-Geschichte, Berlin, New York, 1957, S. 342. Zitat bereits wiedergegeben. Ausführlich in den Dialogen. 27 (AH) Die marxistische Philosophie zu einem allumfassenden System auszubauen war das zentrale Anliegen des Denkens und Schreibens so wichtiger Theoretiker wie Lukács, Harich und Bloch. Immer wieder äußerten sie sich in den ersten Jahren der DDR in diesem Sinne – und nach den brutalen historischen Einschnitten samt der daraus folgenden persönlichen Konsequenzen arbeiteten alle drei weiter an genau dieser Herausforderung. Wie sehr dieses Unterfangen dem offiziellen dogmatischen Partei-Marxismus entgegenstand, lässt sich beispielsweise daran ablesen, dass in der Schmähschrift Ernst Blochs Revision des Marxismus von 1957 dessen positive Äußerungen über Hegels System, über den Systemgedanken im Allgemeinen, in mehreren Beiträgen als Indikatoren revisionistischer Einstellung gewertet wurden. Ja, sogar ein ganzer eigener Aufsatz war diesem Thema gewidmet. Siehe: Schubardt, Wolfgang: Philosophie und Politik im Hegelvortrag Ernst Blochs, in: Horn, Hans Heinz (Hrsg.): Ernst Blochs Revision des Marxismus. Kritische Auseinandersetzung marxistischer Wissenschaftler mit der Blochschen Philosophie, Berlin, 1957, S. 231–244. In vielen Schriften Harichs (nicht nur in den direkt philosophischen, philosophiegeschichtlichen) und auch in den im Folgenden gedruckten Dialogen ist dieses Thema oft präsent, offen angesprochen, implizit vorausgesetzt oder den Hintergrund bildend. Viele wichtige Hinweise liefert der Band: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. 141Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Schon bei der neukantianischen Marx-»Ergänzung«, von Cohen bis Vorländer, hatte dieser Eindruck eine Rolle gespielt, und in den zwanziger Jahren waren Bücher wie Korschs Marxismus und Philosophie, wie Geschichte und Klassenbewusstsein von Lukács nicht dazu angetan, den Eindruck zu widerlegen. So erhielt die Klassenschranke, die den Liberalen Hartmann von der Arbeiterbewegung trennte, bei ihm vom Fachgebiet her eine zusätzliche Vertiefung durch den Argwohn, nähere Beschäftigung mit marxistischem Schrifttum locke in jenen Bereich des »zu Speziellen«, vor dem Philosophen sich hüten sollten. Und als der philosophische Anspruch der Marxschen Doktrin ihm später bewusst wurde, verbanden sich damit bei ihm, vor allem auf Grund eines zu engen Materialismusbegriffs, neue Missverständnisse, die zu überwinden er nun nicht mehr jung genug war. Was es mit der Weltanschauung der marxistisch-leninistischen Partei, dem dialektischen und historischen Materialismus auf sich hat, das sollte er nie begreifen. XII Unter dem Naziregime hat Nicolai Hartmann seine menschliche, wissenschaftliche und politische Integrität gewahrt in den Grenzen, die damals jedem in Deutschland verbliebenen Kulturschaffenden gezogen waren, der Existenz und Arbeitsbedingungen nicht aufs Spiel setzen wollte. Er trat nicht der NSDAP bei, gab keine die Politik Hitlers befürwortenden Erklärungen ab und war in amtlicher Eigenschaft, etwa bei Promotions- und Habilitationsverfahren, bemüht, rein sachlich begründete Entscheidungen zu treffen. Rassisch und politisch Verfolgte, denen ein reguläres Universitätsstudium versagt war, duldete er gern in seinen Lehrveranstaltungen. Weiter ging er nicht. In seinen Vorlesungen waren, im Gegensatz zu denen Sprangers oder zu den öffentlichen Vorträgen Romano Guardinis, keine versteckten Hinweise auf das Zeitgeschehen zu vernehmen, die eine oppositionelle Einstellung hätten erkennen lassen. Und unvorstellbar wäre es gewesen, dass er sich an konspirativen Aktivitäten, wie denen in der Mittwochsgesellschaft, beteiligt hätte, die Spranger nach dem 20. Juli Gestapohaft eintrugen. Außer der Lehrtätigkeit, der nächtlichen Arbeit am Schreibtisch, den Verpflichtungen gegenüber Akademie und Philosophischer Gesellschaft kannte Hartmann nach 1933 nur noch die Entspannung, die Fernrohr und Kammermusik, Familie und Semesterbräute ihm boten. Er hatte aber auch vorher kaum etwas anderes gekannt. 142 Teil I: Einleitung und Biographie Es fehlte, mitunter, nicht an Versuchen, ihn zur Stellungnahme gegen nazistisches Unrecht zu bewegen. Vor allem von ausländischen Kollegen gingen sie aus, die Gelegenheiten zu mündlichen Gedankenaustausch mit ihm wahrnahmen, zum Beispiel 1936, auf dem internationalen Philosophenkongress in Prag. Beharrlich verweigerte Hartmann sich, und zwar jedes Mal mit derselben knappen Begründung: Maßnahmen seiner Regierung zu kritisieren stünde ihm, als Beamtem, nicht zu. Noch in den fünfziger Jahren erinnerten manche seiner liberal gesinnten Gesprächspartner aus dem Ausland sich daran, wie sehr sein Verhalten sie seinerzeit verblüfft habe und wie lächerlich sie es gefunden hätten, dass wiederum er, ohne sich zu weiterer Erklärung bereit zu zeigen, über ihr Erstaunen befremdet gewesen sei. Seine stereotype Antwort entsprach dabei haargenau einer Bestimmung des im April 1933 erlassenen Gesetzes über die »Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« – nicht weniger und nicht mehr. Und die Begründung dafür, dass er sich korrekt an sie hielt, steht, falls nicht alles täuscht, im Text seines Prager Kongressvortrages. Der Vortrag behandelt, wie erwähnt, Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart. Er scheint sich, sinngemäß, zu erschöpfen in der zeitenthobenen Mitteilung, die platonisierende Werttheorie der zehn Jahre zurückliegenden Ethik sei um Nuancen doch wohl dahingehend zu konkretisieren – wenn nicht zu berichtigen –, dass »jede Tugend (…) ihre Relativität auf die Artung der Lebenslage« habe und dass darin sowohl die »ethische Mannigfaltigkeit des Guten« wie auch die »Inhaltslosigkeit eines bloß allgemeinen Prinzips« liege.28 28 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart, in: Kleinere Schriften, Band III: Vom Neukantianismus zur Ontologie, Berlin, New York, 1958, S. 329. Genau lautet die Passage: »Drittens aber gibt es noch die Bedingtheit des Wertes durch den Typus der Situation. In jeder Art von Sachlage im Leben ist ein anderes Verhalten wertvoll (in der Gefahr der Mut, in der Erregung die Beherrschtheit, im Umgang der Takt, in der Konkurrenz das faire Verhalten). Aristoteles sagte: jede Tugend hat ihr Seinsgebiet, d. h. ihre Relativität auf die Artung der Lebenslage. Hier wurzelt die ethische Mannigfaltigkeit des Guten, sowie die Inhaltslosigkeit eines bloß allgemeinen Prinzips. Zu dieser letzteren Relativität gehört auch die vielberufene geschichtliche, die man als ›Wandel der Werte‹ gedeutet hat. Auch die gemeinsame Lebenssituation wechselt, die ökonomische, die soziale, die politische; und je nach ihrer Gestaltung werden bestimmte Wertgruppen aktuell (d. h. maßgebend für das Leben selbst), andere aber werden irrelevant. Die letzteren entschwinden dem stets am Aktuellen orientierten Wertbewusstsein; die ersteren dagegen rücken ins Zentrum, gelangen zu allgemeinem Anerkanntsein (nach ihnen wird dann gewertet) und werden zuletzt bewusst zur Norm erhoben.« (Ebd.) 143Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Aber dann stößt man auf zwei Sätze, die es, situationsbezogen, in sich haben: »Wie der Einsatz des Lebens nicht wertvoll ist, wo nicht Gefahr droht, wie die Selbstbeherrschung leeres Getue ist, wo keine Leidenschaften sind, so ist auch in einem Sklavenmilieu der Bürgersinn sinnwidrig, in einem parlamentarischen Staate der blinde Gehorsam. Der Wert des einen wie des anderen bleibt bestehen, er findet nur keinen Spielraum; die Bedingungen seiner Realisation sind nicht gegeben.«29 Wer aufmerksam hinhörte, konnte den gewählten Beispielen die tief resignierte Bitte entnehmen, gegenüber den mit dem Sklavenmilieu des Hitlerreichs sich arrangierenden Liberalen Nachsicht zu üben, wenn sie, statt Bürgersinn an den Tag zu legen, nur noch kuschten. Aus den in der Nazizeit veröffentlichten Arbeiten Hartmanns ist dies die einzige Stelle, die sich als aktuelle Anspielung zu erkennen gibt. Daheim, im Seminar, konnte er sich äußerstenfalls beiläufig über den Wert der Loyalität auslassen und diese, wie folgt, begrifflich umgrenzen: »Loyal sein heißt das tun, was verlangt wird. Es heißt nicht, das tun, was nicht verlangt wird. Hingabe ist etwas ganz, ganz anderes.« Möglicherweise war es auch da die eigene Haltung, die er meinte. Die war nicht dazu angetan, dem Regime zu gefallen. Sie brauchte es aber auch nicht zu stören. Politisch engagierte Menschen empfanden sie als Ausdruck eines ruchlosen Indifferentismus, besonders wenn sie das »zu Spezielle« ins Spiel brachten. Ein zum Militär eingezogener Schüler, der im Hinterland der Ostfront Dienst getan hatte, öffnete Hartmann über die dort geschehenen Verbrechen, begannen auch von der Wehrmacht, nicht nur von der SS, im November 1942 die Augen und klärte ihn über den an den Juden im Gang befindlichen Genozid auf, den selbst viele Liberale in der Heimat nicht wahrhaben wollten.30 Er erhielt die Antwort: »Mein Wertempfinden reagiert auf dergleichen natürlich in ganz bestimmter Weise. Aber als Problem ist ein 29 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Wertproblem in der Philosophie der Gegenwart, in: Kleinere Schriften, Band III: Vom Neukantianismus zur Ontologie, Berlin, New York, 1958, S. 329. Weiter heißt es: »Dass die wirkliche Welt nicht überall und immer so ist, wie sie für das Aktuellwerden bestimmter Werte (und für ihre Geltung im Wertbewusstsein) sein müsste, liegt nicht an ihnen, sondern am geschichtlich Gewordenem. Wohl aber liegt es an ihnen, dass sie überall und immer zu Aktualität und Geltung gelangen, wo die Verhältnisse sich ›so‹ gestalten.« (Ebd., S. 329 f.) 30 (AH) Harich spricht hier von sich selbst. Über seine Kriegsjahre liegen verschiedene autobiographische Schilderung vor, die in der Edition bereits zum Abdruck kamen, darunter beispielsweise der kurze Text Widerstand und Neubeginn im zerstörten Berlin, Band 1.1, S. 122–141. Siehe mit weiterführenden Informationen die Dialoge und Harichs Briefe an Frida Hartmann (im IV. Teil). 144 Teil I: Einleitung und Biographie solcher Krieg mit seinem Schrecken mir zu speziell. Wenn Sie mich fragen würden, ob die Weltgeschichte, im ganzen gesehen, einen Sinn habe, so beträfe das mein Fach. Dafür bin ich zuständig. Ich würde sagen: wahrscheinlich nein. Aber dieser Krieg? Viel zu speziell.« Eine solche Argumentation wirkt im Nachhinein komisch und empörend zugleich. Verständlich wird sie, sobald man bedenkt, dass sie ein Mittel war, sich gegen Provokationen von Spitzeln zu wappnen, und im übrigen ja auch zum Abwimmeln faschistischer Vereinnahmung taugte. Jedenfalls aber erforderte sie, von diesem Mann vorgeschützt, so oder so nur ein Minimum an Heuchelei. Denn gegen Versuchungen des »zu Speziellen« kämpfte er tatsächlich allenthalben an, zumal gegen die, die für ihn selbst von seinem ungeheuren Wissensvorrat ausgingen. Wie die Prager Bezugnahme auf Sklavenmilieu und Bürgersinn mit seiner Werttheorie in Einklang steht, so passt die Ausflucht von 1942 nicht nur zu seiner Auffassung des Allgemeinen und des Einzelnen, sondern auch zu seiner ganzen Art zu denken und nicht zuletzt zu seiner Arbeitsweise. Hartmann hält in der Naturphilosophie die Diskussion einzelwissenschaftlicher Grundlagenfragen, in der Ästhetik die Analyse konkreter Kunstwerke so knapp, wie es irgend geht. Er will aus der Ethik alle kasuistischen Erwägungen verbannt wissen. Er präsentiert möglichst nicht seine Quellen, lässt sich nicht auf ins Einzelne gehende Polemiken ein, fügt seinen Büchern weder Anmerkungsapparate noch Register bei. Und überliefert ist, dass er seine philosophiehistorischen Aufzeichnungen und Experte verbrannt hat, um durch sie nicht ständig abgelenkt zu werden. Hinter dem allen spürt man Furcht vor der Verzettelung der eigenen Kräfte, das Gefühl, das Leben werde, von Details überwuchert, vom Ephemerem aufgezehrt, zur Kundgabe des für unerlässlich Erachteten nicht ausreichen. Die Abkapselung gegen tagespolitische Ereignisse gehört hierher. Sie war ein Element produktiver Selbstdisziplinierung. In der Nazizeit wurde sie überdies zum Gebot des Überlebens. In dieser Verbindung verhärtete sie sich zum undurchdringlichen Panzer. Seine dreibändige Ontologie hat Hartmann in den Jahren zwischen Hitlers Machtantritt und dem Anfang des Zweiten Weltkrieges herausgebracht. Sie geht, wie gezeigt, nicht auf diese Zeit zurück, hat aber in ihr die endgültige Fassung erhalten. Dasselbe gilt für die im Krieg vollendete, fünf Jahre nach dessen Ende erschienene Naturphilosophie. Unter seinen umfangreichen Publikationen gehören beide Werke zu denen, die 145Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung gesellschaftlicher Thematik weit entrückt sind. Schon deshalb konnten sie den braunen Machthabern gleichgültig sein. Die aus derselben Periode stammenden kleineren Schriften helfen entweder, meist vom problemgeschichtlich relevanten Ausgangspunkt der philosophischen Überlieferung her, die großen Arbeiten vorbereiten, oder sie sind aus deren Problembeständen abgezweigt worden zu gründlicherer Sonderbehandlung von Einzelfragen, die im systematischen Kontext leicht zu störenden Exkursen verleitet hätten. Zum Zeitgeschehen stehen sie fast durchweg in nicht einmal vermittelter Beziehung; die Hälfte hat Aspekte Platonischer oder Aristotelischer Philosophie zum Gegenstand. Dennoch zögert man bei alledem, von einem durch die politischen Umstände erzwungenen Rückzug ins Unverbindliche, im Sinne »innerer Emigration« zu sprechen. Denn auf der einen Seite standen, nach längst feststehendem Plan, im Anschluss an das Problem des geistigen Seins, also 1933, ohnehin gerade die abstraktesten Teile des Systems zur zweiten Niederschrift an; wobei das Resultat auch nicht brisanter hätte ausfallen können, wäre die Ausarbeitung der Ästhetik oder gar die der Logik ihnen noch vorgezogen worden. Andererseits gab es eine gravierende Ausnahme halt doch: Aktuelle Relevanz besaß Hartmanns Stellung zum Rassenproblem. Sie ergibt sich teils aus seinem Schichtungsgedanken, teils aus dem eklektischen Faktorenpluralismus, der für seine Auffassung von Gemeinschaft, sprich Gesellschaft, und Geschichte kennzeichnend ist. Diesen tadelt, vom Standpunkt des Marxismus aus, Plechanow an dem liberalen Volkstümler Nikolai Michailowski. Hartmanns Version, im Problem des geistigen Seins, erinnert mehr noch an die Soziologie Maxim Kowalewskis. Auf jeden Fall liegt es nahe, das Konzept den russischen Bildungseinflüssen zuzurechnen, denen er in seiner Jugend ausgesetzt war. Den auf den Geschichtsprozess »von oben« einwirkenden geistigen Faktoren, die Hegel, und die ihn »von unten« her determinierenden ökonomischen, die Marx entdeckt haben soll – angeblich beide mit der Tendenz, dass jeweils richtig Erkannte zugleich überzubewerten –, ist danach »unten« noch ein kunterbunt weiterer angeflickt, zu denen, neben geographischen und klimatischen Bedingungen, neben mancherlei Naturtrieben, technischen Mitteln, Massensuggestionen usw., auch jene Vielfalt rassisch-völkischer Eigenart gehört, wie sie in den zwanziger Jahren von Anthropologen wie Fischer, Schwalbe, Scheidt, Baur und Lenz herausgearbeitet worden ist. Sie gilt Hartmann zwar nirgends als ausschlaggebend. Auch leitet er aus ihr niemals Wertun- 146 Teil I: Einleitung und Biographie terschiede zwischen den Menschenrassen ab. Doch zieht er das Rassische so weit mit in Betracht, dass ihm hie und da eine fatal an den Nazijargon anklingende Formulierung unterläuft; so etwa, wenn es im Problem des geistigen Seins plötzlich heißt: »Die Gemeinsamkeit des Geistes überbaut die des Blutes.«31 Finden derartige Stellen sich bei ihm in einem vor 1933 vollendeten Werk, so wirken sie gerade durch die Unbefangenheit, mit der er sie da vorträgt, heute nur um so peinlicher. Dagegen fügt er ihnen nach 1933 jedes Mal warnende Vorbehalte und Einschränkungen hinzu: Das Rassische dürfe nicht überschätzt werden; ihm vorgeordnet seien die allgemeinmenschlichen Eigenschaften; biologisch sei es noch ungeklärt usw. Offensichtlich ist ihm klar geworden, in welch dubioser Nachbarschaft er sich befindet, und vorsichtig geht er zu ihr auf Distanz. So honorig dies, politisch gesehen, auch sein mag, zu einer radikalen Überwindung der rassentheoretischen Einsprengsel seiner Weltanschauung reicht es nicht aus. Denn der soziologisch-geschichtsphilosophische Eklektizismus à la Kowalewski ist in ihr mit einem weiteren Fehler eng verknüpft: Mit dem Grundgebrechen des im Aufbau der realen Welt entwickelten Schichtungsgedankens, der den – sachlich fälligen – Aufstieg von der dialektischen Natur- zur historisch-materialistischen Gesellschaftsontologie dadurch blockiert, dass er das organische Leben von einer seelischen »Seinsschicht« und die wieder von einer geistigen überbaut bzw. überformt sein lässt. Der bedeutendste Versuch eines Zeitgenossen, den Rassismus durch Zerstörung seiner pseudowissenschaftlichen Grundlagen theoretisch ein für alle Mal zu entwurzeln, hat Hartmann sofort stark beeindruckt. Er empfand große Sympathie dafür. Er tat alles in 31 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin, Leipzig, 1933, S. 180. Genau lautet die Passage: »Der Mensch als Naturwesen fällt voll und ganz unter dieses Naturgesetz der Art. Das Gesetz bleibt auch hier die Grundlage aller Gemeinsamkeit, wennschon das Individuum als Person zu ganz anderer Selbständigkeit aufsteigt. Aber als geistiges Wesen fällt er unter ein anderes Gesetz. Denn der Geist als inhaltliche Sphäre des Gemeinsamen vererbt sich nicht mit der Reproduktion des physischen Individuums. Es ist ein anderer Modus der Wiederbildung im Individuum, auf dem seine geschichtliche Kontinuität beruht. Er wird tradiert und muss als tradierter vom Individuum erworben werden, indem es an ihn als bestehende Sphäre heranwächst. Die Gemeinsamkeit des Geistes überbaut die des Blutes. Was sie von dieser scheidet, ist die Seinsschicht des Bewusstseins. Denn das Bewusstsein trennt die Menschen, der Geist aber verbindet sie. Er verbindet sie nur anders als die Bluts- und Stammeseinheit. Er formt damit ein anderes Ganzes über ihrer Mannigfaltigkeit.« (Ebd., S. 179 f.) 147Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung seiner Kraft Stehende, dem Verfasser Schützenhilfe zu leisten. Dazu musste er aber das eigene Schichtenkonzept, im Grunde unüberzeugt, weitgehend, bis an die Grenze der Selbstverleugnung desavouieren. Der Versuch kam, mitten in der Nazizeit, von einem politisch viel weiter rechts stehenden Denker der jüngeren Generation, einem der NSDAP angehörenden Konservativen: Von Arnold Gehlen. Gestützt auf ein reiches Material biologischer Einsichten, stellt Gehlen, mit Hilfe einer Beweisführung, die jegliche Rassendifferenzierung zur Bedeutungslosigkeit herabsinken lässt, dass ganz aufs Handeln, auf praktische Weltbewältigung angelegte qualitative Novum des menschlichen Wesens, selbst von den höchsten Tierarten prinzipiell unterschieden, über jeden Zweifel hinaus begrifflich sicher. Und da ihm, im Sinne der aktuellen Stoßrichtung seiner Argumentation, besonders daran liegt, dieses Novum schon im Organischen und Quasiinstinktiven nachzuweisen, polemisiert er gegen das Stufenschema Schelers, das die Vitalsphäre am Menschen bloßer Natürlichkeit überantwortet. Nur weil Gehlen bei der Abfassung seines einschlägigen Hauptwerks, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt, den 1940 gleichzeitig erschienenen Aufbau der realen Welt noch nicht kennen konnte, geht er auf Hartmanns Schichtungsgedanken unmittelbar nicht ein. Implizite ist bei ihm aber auch der, als ein jedenfalls für die philosophische Grundlegung der An thro po lo gie unbrauchbares Konzept, davon faktisch mitbetroffen. Das war für Hartmann eine schwere Herausforderung. Nichtsdestoweniger hat er Gehlens Buch, nach einjähriger intensiver Beschäftigung mit ihm, in einer ausführlichen, von hoher Anerkennung getragenen Besprechung positiv gewürdigt. Und von da an hörte die anthropologische Problematik nicht mehr auf, ihn zu fesseln. Während er die Philosophie der Natur und Teleologisches Denken zum Abschluss brachte, behielt er sie ständig im Auge. 1941 wurde seine Gehlen-Rezension in den Blättern für deutsche Philosophie abgedruckt. 1942 sorgte er dafür, dass Gehlen den Sammelband Systematische Philosophie mit der Abhandlung Zur Systematik der An thro po lo gie eröffnete, derweil er selbst, in dem Beitrag Neue Wege der Ontologie, die wissenschaftliche Seriosität der Rassentheorie auch expressis verbis anzweifelte.32 Der 32 (AH) Gemeint ist: Hartmann, Nicolai (Hrsg.): Systematische Philosophie, Stuttgart, 1942. Als Band 4 der: Deutsche Philosophie. Philosophische Gemeinschaftsarbeit deutscher Geisteswissenschaften, herausgegeben von Ferdinand Weinhandl. Darin, nach einem kurzen Vorwort Hartmanns (Ebd., n. p.) die Aufsätze: Gehlen, Arnold: Zur Systematik der Anthro po lo gie (Ebd., S. 1–54), Rothacker, Erich: Probleme der Kulturanthropologie (Ebd., 148 Teil I: Einleitung und Biographie letzte Aufsatz, von 1944, den er in seiner Berliner Periode veröffentlicht hat, behandelt Naturphilosophie und An thro po lo gie. Dies spielte sich in denselben Jahren ab, in denen im Zeichen des Rassenwahns das Weltverbrechen des deutschen Faschismus mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjet uni on, mit dem am europäischen Judentum verübten Völkermord und mit der grausamen Unterdrückung Polens, der Tschechoslowakei und Jugoslawiens in ungeheuerliche Dimensionen wuchs. Zum überwiegend aus Nazis und Rechtskonservativen sich zusammensetzenden Vorstand der Deutschen Philosophischen Gesellschaft, der die Blätter für deutsche Philosophie zu kontrollieren hatte, gehörte damals, seit 1933, auch der berüchtigte Rassenfanatiker Hans F. K. Günther, der obendrein über seinen Sohn die in Steglitz gelegene Geschäftsstelle der Gesellschaft manipuliert zu haben scheint. Die Oberaufsicht über die Arbeitsgemeinschaft, unter deren Ägide auch der Sammelband Systematische Philosophie entstand, führte ein in Kiel dozierender österreichischer Nazi, Ferdinand Weinhandl. In einer solchen Zeit unter den Argusaugen derartiger Aufpasser die theoretischen Grundlagen des Rassismus zu bekämpfen, war eine Tat, der Respekt gebührt und die nicht vergessen werden sollte. An philosophischer Dignität verliert sie freilich, misst man sie nicht an der in Hitlerdeutschland herrschenden Ideologie, sondern an den Möglichkeiten, die darin beschlossen lagen, dass Hartmann vor 1933 bereits im Begriff gewesen war, sich marxistischen Positionen zu nähern. Und das gilt für die von ihm im braunen Jahrzwölft vollbrachte Leistung überhaupt. So imponierend sie auch ist, ihr sind Schranken der Stagnation und retrograden Halbheit gesetzt, die hätten fallen können, wäre er auf jenem Wege weiter vorangeschritten. Weder er noch Gehlen haben die kleine Schrift von Engels gekannt, in der das Schlüsselproblem grundsätzlich gelöst ist, an dem die sachgerechte Koordination von naturphilosophischer, soziologischer und anthropologischer Forschung hängt: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen. Das ist, ohne dass ein sie persönlich treffender Vorwurf daraus abzuleiten wäre, um ihrer Ergebnisse willen zu bedauern. Bedenklich muss stimmen, wenn von einem Philosophen, der die Wissenschaft »des Unechten als S. 55–198), Hartmann, Nicolai: Neue Wege der Ontologie (Ebd., S. 199–312), Bollnow, Otto Friedrich: Existenzphilosophie (Ebd., S. 313–430), Wein, Hermann: Das Problem des Relativismus (Ebd., S. 431–560), Heimsoeth, Heinz: Geschichtsphilosophie (Ebd., S. 561– 647). 149Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung solchen nicht für fähig«33 hält, Gewusstes verdrängt, Bekanntes stillschweigend verleugnet wird, und davon kann Hartmann nicht völlig freigesprochen werden. Noch 1935 hat er die Marxsche Lehre vom Klassenkampf als legitime Fortbildung des Reellen an Hegels Dialektik gewürdigt. Im Aufbau der realen Welt aber spricht er, wenn es die Kategorie Widerstreit in ihren gesellschaftlichen Abwandlungen zu analysieren gilt, nur noch vom Konflikt zwischen den Ansprüchen des Individuums und denen der Gemeinschaft oder von den im Zusammenleben der Völker kollidierenden In teres sen gegensätzen.34 In seinen Faktorenpluralismus, ferner, nimmt Das Problem des geistigen Seins noch »Teilwahrheiten« der materialistischen Geschichtsauffassung mit auf und behandelt sie als gleichrangig mit den idealistischen Hegels. In der Ontologie dagegen ist, wo sie soziale, politische und historische Fragen streift, davon keine Rede mehr, während die »völkischen« Faktoren in ihr, wie sehr auch problematisiert, immerhin vorkommen. Der liberale Kompromiss mit den Machthabern hat dem Werk nicht jeden Erkenntniswert rauben können. Beeinträchtigt hat er ihn, und es ist schwer vorstellbar, dass das dem Autor nicht bewusst gewesen sein sollte. XIII Im letzten Kriegswinter ist Hartmann seinen Lehrverpflichtungen so lange nachgekommen, wie es ihm möglich war, ins Berliner Zentrum zu gelangen. Im Fe bru ar 1945 zerstörte ein Bombenangriff das Gebäude mit seinem und Sprangers Hörsaal. Unverdrossen suchte er einen anderen Raum. Nichts half mehr. Bevor er einen fand, versagte auch die S-Bahn ihren Dienst. So blieb ihm nur übrig, den weiteren Gang der Dinge in Babelsberg abzuwarten. 33 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Das Problem des geistigen Seins. Untersuchungen zur Grundlegung der Geschichtsphilosophie und der Geisteswissenschaften, Berlin, Leipzig, 1933, S. 325. Ausführlich in den Dialogen. 34 (AH) Einige Jahre nach seiner Haftentlassung arbeitete Harich zu diesem Problemkreis: Der Verbindung der philosophischen Konzeptionen von Gehlen und Hartmann bzw. der von diesen errungenen Erkenntnisse mit der marxistischen Philosophie. Es entstand das große Manuskript Widerspruch und Widerstreit (abgedr. in: Band 3, S. 53–315), von dem, unterbrochen durch zahlreiche aktuelle und tagespolitische Herausforderungen, ein roter Faden der wissenschaftlichen Debatte bis hinein in die achtziger Jahre und damit in die Zeit der Hartmann-Manuskripte reicht. Harichs Manuskripte zur An thro po lo gie werden in Band 11 präsentiert. 150 Teil I: Einleitung und Biographie Er nahm die Gelegenheit war, seine Ästhetik auszuarbeiten. Sie subsumiert das Erhabene dem Schönen. Sie analysiert die Wechselbeziehung von Lebenswahrheit und Schönheit. Sie fragt, worin in den nichtdarstellenden Künsten Wahrheit bestehen mag – und ob auch in der Musik, falls die Programmmusik ausgeklammert bleibe. Sie stellt die subtilsten Betrachtungen an über die Rolle der Grazie in der sinnlichen Phantasie, über das Sanfte und Süße, das Bezaubernde und den Liebreiz. Dem Komischen35 widmet sie an die fünfzig Seiten, davon drei der Differenzierung zwischen »herzloser und herzhafter Lustigkeit«. Frida Hartmann erinnert sich: »Er begann die Niederschrift am 9. März und schloss sie am 11. September ab. Es war die Zeit der Zerstörung Potsdams, der Einkreisung und Eroberung von Berlin, einer allgemeinen Hungersnot und Verwirrung. Die völlige Abschnürung begünstigte andererseits die konzentrierte Arbeit. Inmitten dieses Zusammenbruchs schrieb er Tag für Tag seine Seiten.« Tag für Tag, das heißt, weil unbehelligt vom Lehrbetrieb und auch wegen häufiger Stromsperren, nicht mehr ausschließlich in den Nächten. »Sie sollten Ihre ›Langsamkeit‹ nie beklagen«, hatte Heimsoeth im Oktober 1916 dem damals an der Front stehenden Freund geschrieben, »sie ist der Ausdruck der inneren Lebensenergie, die Ihnen alles Innerlich-Große ermöglicht, aus Ihnen selbst heraus, wo die ›leichteren Naturen‹ vom Winde hin- und hergerissen werden und kaum Halt finden. Das ist Ihr ›Glück‹: Die starke, zähe und breite Natur.«36 Von der »Breite des Typus« hat Hartmann selbst dann in der Ethik gehandelt, desgleichen von der Einfachheit und Gediegenheit der »Persönlichkeit aus einem Guss«, deren äußeres Zeichen »ruhige Selbstverständlichkeit, das Fehlen allen Schwankens« sei. Mit ans Wunder grenzender Stärke bewährte dieser Charakterzug an ihm sich 1945. Das Schreiben nannte Hartmann oft eine Tierquälerei. Es hatte ihn schwer mitgenommen. Er war bei Kriegsende dreiundsechzig Jahre alt. Vernichtet waren seine Studien zur Logik, und doch gab er, bei abnehmender Schaffenskraft, den Gedanken nicht auf, das Werk aus dem Gedächtnis wiederherstellen zu können. Dass ihm das aber unter den Berliner Verhältnissen der Nachkriegszeit noch gelingen werde, hielt er im Sep- 35 (AH) In Harichs Nachlass finden sich eigene Überlegungen zum Begriff, zur Theorie des Komischen (mit den Überlegungen Bergsons als Ausgangspunkt) als Teil einer Vermessung des Ästhetischen. Die Fragmente sind nach dem Krieg entstanden. 36 (AH) Zitat nachgewiesen in: Nicolai Hartmann und Heinz Heimsoeth im Briefwechsel, hrsg. von Frida Hartmann und Renate Heimsoeth, Bonn, 1978, S. 237 f. 151Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung tember, als die erste Niederschrift der Ästhetik hinter ihm lag, für ausgeschlossen. Die in Trümmern liegende Weltstadt, seit Juli aufgeteilt in Sektoren, wurde gemeinsam regiert von den vier Siegermächten, zwischen denen sich, rund um den Erdball wie am Ort selbst, unverkennbar Konfliktstoffe anhäuften. Babelsberg lag eingeklemmt zwischen dem amerikanischen Sektor und der nur noch melancholisch stimmenden Ruinenwüste Potsdams. Für einen produktiv zu verbringenden Lebensrest schien all dies denkbar ungünstig. Trotzdem wäre Hartmann geblieben, hätten ihn an Berlin bei klar definierter Loyalitätsbindung, noch übernommene Verpflichtungen gefesselt. Ihrer war er ledig. Es war umstritten, wem die – noch geschlossene – Universität nach ihrer Wiedereröffnung unterstehen sollte. Unumstritten war, dass der Partner seines Beamtenvertrages, der preußische Staat, faktisch – und nächstens auch de jure – gar nicht mehr existierte und dass, auf Grund alliierten Kommandanturbefehls, bis auf weiteres Philosophiestudenten an der Universität nicht ausgebildet werden durften. Erst die DDR hat darin später Wandel geschaffen. Lange schon hatte Hartmann sich mit der Absicht getragen, das Alter in einer kleinen, ruhigen Universitätsstadt zuzubringen. Jetzt machte er das wahr. Im September 1945 begab er sich nach Göttingen, und zum 31. Dezember, nach genau fünfzehn Jahren, schied er aus dem Lehrkörper der Berliner Universität wieder aus. Als im Jahr darauf die ehemals Preußische als Deutsche Akademie der Wissenschaften neu gegründet wurde, blieb er – bis ans Lebensende – ihr ordentliches Mitglied. Im Gründungsjahr der DDR schlug die Akademie ihn zur Auszeichnung mit dem Nationalpreis für Wissenschaft und Technik vor. Die Universität Göttingen öffnete zum Wintersemester 1945/1946 erneut ihre Pforten. Reguläres Philosophiestudium war auch in Göttingen noch nicht wieder möglich. Es ist erst später, nach individueller Überprüfung der hierfür zuständigen Fachdozenten, zugelassen worden. Aber in allen vier Besatzungszonen galt jetzt der Grundsatz, dass Philosophieprofessoren, die nicht Mitglied der NSDAP gewesen waren, Vorlesungen halten durften. Hartmann las zuerst über Ästhetik, anhand des neuen Manuskripts, das er bei der Gelegenheit nochmals durcharbeitete, um es dann, wie gewohnt, eine Weile liegen zu lassen. 1946 stellte die niedersächsische Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Kopf (SPD) ihn als beamteten Ordinarius an. In der Forschung wandte er sich zunächst Leibniz zu, aus Anlass seines bevorstehenden 300. Geburtstages. In einer von der Göttinger Akademie und Universität gemeinsam 152 Teil I: Einleitung und Biographie veranstalteten Feier hielt er die Hauptrede. Als im selben Jahr das Felseve Arkivi aus Istanbul um seine Mitarbeit bat, überließ er den türkischen Kollegen ein bis dahin noch unveröffentlichtes Manuskript von 1940, Neue Ontologie in Deutschland. Die Arbeit entsprach nicht mehr vollständig seinen Auffassungen. Es ist aufschlussreich, sie, unter diesem Gesichtspunkt, sowohl mit den kleineren Schriften von 1944 als auch mit den letzten großen Abhandlungen zur Erkenntnistheorie und zur Ethik zu vergleichen, die in der Göttinger Zeit neu entstanden sind. Dasselbe gilt für die Einführung in die Philosophie, die überarbeitete und gekürzte Nachschrift einer Vorlesung aus dem Sommersemester 1949, bei der Hartmann sich an alte Manuskripte gehalten hat, ohne neue Einsichten, zu denen er gelangt war, einzuflechten. Diese treten zu Tage in zwei Vorträgen, die er im September 1947 auf dem Philosophenkongress in Garmisch-Partenkirchen bzw. im April 1949 auf einer Veranstaltung der Münchner Kant-Gesellschaft gehalten hat. Der eine, Heutige Aufgaben der theoretischen Philosophie, wurde zu der Abhandlung Ziele und Wege der Kategorialanalyse erweitert. Der andere heißt Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie. Von beiden sind die endgültigen Fassungen erst 1955 aus dem Nachlass veröffentlicht worden. Der allmähliche Umbau der ethischen Theorie, sich allmählich ankündigend im Prager Vortrag von 1936, weiter vorangeschritten in der aus dem Jahre 1944 stammenden Akademie-Abhandlung über Aristoteles, Die Wertdimensionen der Nikomachischen Ethik, gedieh in Göttingen zu seiner relativ konsequentesten Formulierung. Sie findet sich in dem 1949 fertig gestellten Aufsatz Vom Wesen sittlicher Forderungen, der bis zu seiner postumen Erstveröffentlichung, 1955, gänzlich unbekannt blieb. Neue Ansätze, die über den systematischen Ertrag dieser drei Spätwerke noch hätten hinausführen können, hat der einstige Berliner Assistent Hermann Wein, kurz vor dem eigenen Tod, in den Dokumentationen und Notationen mitgeteilt, die er für die Festschrift zum 100. Geburtstag seines Lehrers (1982) beisteuerte.37 Neben der Vorlesungstätigkeit widmete Hartmann sich zwischen 1946 und 1949 ferner der Abfassung seiner dritten und letzten Selbstdarstellung, für das Ziegenfußsche Philosophenlexikon,38 der Vorbereitung von Neuauflagen der Metaphysik der Erkenntnis, 37 (AH) Wein, Hermann: Dokumentationen und Notationen zum späten Hartmann aus der Sicht von heute, in: Buch, Aloys Joh. (Hrsg.): Nicolai Hartmann: 1882–1982. Mit einer Einleitung von Josef Stallmach und einer Bibliographie der seit 1964 über Hartmann erschienenen Arbeiten, Bonn, 1982, S. 306–325. 38 (AH) Das von Werner Ziegenfuß und Gertrud Jung herausgegebene Philosophen-Lexikon (2 Bde., Berlin, 1949/1950) hatte Harich in einer Rezension für die Deutsche Zeitschrift 153Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung der Ethik und des Problems des geistigen Seins sowie der Fahnenkorrektur seiner Philosophie der Natur. Am ersten argentinischen Congreso Nacional de Filosofia, Mendoza 1949, beteiligte er sich mit zwei Beiträgen: Über Alte und neue Ontologie und über Das Ethos der Persönlichkeit. Die Selbstdarstellung, erschienen im selben Jahr, macht darauf aufmerksam, dass eine Rekonstruktion der Studien zur Logik nicht mehr möglich sei. Dennoch klammerte Hartmann sich an die Hoffnung, seine Kraft werde wenigstens dazu ausreichen, den hauptsächlichen Inhalt seiner Logikkonzeption noch einmal im Zusammenhang darzustellen. Die Erfahrung mit der Vorlesungnachschrift seiner Einführung in die Philosophie, die er, in der von dem Studenten Karl Auerbach bearbeiteten Kurzfassung, selbst nur noch hatte durchzusehen und zu genehmigen brauchen, ermutigte ihn dazu, mit seiner Logik einen ähnlichen Versuch zu wagen. In dieser Absicht begann er im Sommersemester 1950 ein Logikkolleg, zu dem er sukzessive, die einzelnen Vorlesungen jeweils neu ausarbeitete. Ein paar Schüler schrieben sie außerdem mit. Ging alles gut, so konnte ein Buch von ca. 600 Seiten Umfang daraus werden. Daneben aber lief seit dem Frühjahr die zweite, nunmehr für den Druck bestimmte Niederschrift der Ästhetik, und die besaß Vorrang. In den erkenntnistheoretischen Ausführungen des späten Hartmann werden gewisse neue Akzente auch durch seinen direkten Angriff auf den Positivismus gesetzt. Faktisch hatte er zu dieser Richtung zwar schon immer im Gegensatz gestanden. Mehrfach hatte er sie auch bekämpft. Aber nur selten war sie von ihm bei Namen genannt worden. In der Philosophie der Natur, die der Wirkung des Positivismus auf das philosophische Denken der meisten modernen Physiker entgegentritt, sowie in den letzten gnoseologischen Äußerungen, wie sie besonders der Münchner Vortrag enthielt, aus dem Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie hervorgegangen ist, änderte sich das. Dieser Umstand war nicht dazu angetan, eine günstige Atmosphäre für die berufliche und private Kommunikation mit berühmten Gelehrten wie Born, Heisenberg, C. F. v. Weizsäcker und anderen zu schaffen, die seit 1946 in Göttingen am Max-Planck-Institut für Physik und Astrophysik wirkten. Noch 1978 hat Weizsäcker sich dazu bekannt, in seinen Göttinger Jahren Hartmann, aus Verärgerung über dessen erkenntnistheorefür Philosophie so ziemlich völlig vernichtet. Zuerst erschienen in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 2, 1954, S. 515–522. Der Text ist abgedruckt im 3. Teilband der Frühen Schriften. Weitere Informationen in den Dialogen. 154 Teil I: Einleitung und Biographie tische und naturphilosophische Ansichten, geschnitten zu haben. Hartmann seinerseits mied den Umgang mit den theoretischen Physikern am Ort, nicht, weil er ihrer fachlichen Argumentation nicht gewachsen wäre – er kannte die nur zu gut –, sondern weil es ihn emotional unnötig belastet haben würde, die mit ihr unbelehrbar verknüpfte Philosophie, die er als ignorant und töricht empfand, gesprächsweise zerpflücken zu müssen. Kontroversen Dialog hatte er früher gesucht, um daraus, zur Erhärtung oder auch zur Berichtigung des eigenen Standpunkts, Gewinn zu ziehen. Doch immer wieder hatte es hierbei kommunikative Probleme gegeben. Er war ein von starken Leidenschaften erfüllter und bewegter Mensch. Meist freilich wusste er sich im Meinungsstreit zu zügeln. Aber plötzlich konnten, gereizt durch die Hartnäckigkeit einer für widerlegt gehaltenen Verirrung, ihm die Nerven durchgehen, und dann ließ er sich gegenüber Freunden, Kollegen, Schülern zu verletzenden Schroffheiten hinreißen. Viele, die ihn persönlich kannten, darunter Menschen, um die er aus Interesse an ihrer abweichenden Meinung förmlich geworben hatte, hielten ihn seiner cholerischen Anwandlungen wegen für unberechenbar oder litten unter seiner gelegentlich eiskalten Ironie. Im Alter wurde es für ihn zu einer Frage der Selbsterhaltung, vor diesem Zug seiner Natur auf der Hut zu sein. Er kostete ihn zu viel Kraft. In Göttingen soll er milde und nachsichtig mit seinen Schülern umgegangen sein, und dem Verkehr mit Andersdenkenden, zumal wenn sie Rang und Namen hatten, wich er offenbar aus. Auf dem Papier ist er den bedeutenden Physikern am Ort, ohne sie namentlich anzusprechen, nichts schuldig geblieben. Sie hätten auf dem Papier erwidern können. Sie zogen es vor, ihn zu übersehen. Sachgerechte Auseinandersetzung mit Hartmanns Philosophie hat es von positivistischer Seite nie gegeben. Die Schonung der seelischen Kraftreserven und damit der körperlichen Lebensfähigkeit stand im Dienst der Vollendung des Werks. Vergebens. Man schrieb den Herbst 1950. Die Arbeiten zur Fertigstellung der Ästhetik, die Bemühungen um Rettung des substan ti ellen Gehalts der Logik waren im vollen Gange. Da brach Hartmann, überanstrengt, mit einem Herzinfarkt zusammen. Er starb, im 69. Lebensjahr, am 9. Oktober 1950. Auf seinem Schreibtisch lag die zweite Niederschrift der Ästhetik, die bis zu der Zwischenüberschrift Die Ideen der Dichtung im zwölften Kapitel, das heißt bis zu einem Drittel, voran gekommen war. Der Rest liegt seither nur in der ersten, 1945 in Babelsberg entstandenen Niederschrift vor. Erst nach der älteren postumen Schrift, Teleolo- 155Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung gisches Denken (1951), ist das Werk 1953 von Frida Hartmann aus dem Nachlass herausgegeben worden. Aus den Notizen zu dem angefangenen Logikkolleg und aus den Schülermitschriften ließ sich nichts mehr machen. Das Wort von Ernst Troeltsch hatte sich auch an seinem Berliner Nachfolger bestätigt: »Wenn man an die letzten Hauptsache kommt, pflegt das menschliche Leben nicht mehr auszureichen, und nahezu jeder scheidet von einem Torso.« In Vorbereitung befand sich, als Hartmann verschied, die Festschrift zu seinem Siebzigsten Geburtstag, betreut von Heinz Heimsoeth und von Robert Heiß, dessen Buch Der Gang des Geistes Gegenstand seiner letzten Rezension gewesen war. Die Festschrift wandelte sich zum Gedenkband. Er erschien 1952: Nicolai Hartmann. Der Denker und sein Werk. Enthalten ist darin auch, in ausführlicherer Fassung, die Rede, die Joseph Klein bei der Gedenkfeier in der Aula der Göttinger Universität gehalten hat. Die übrigen Beiträge stammen von Bollnow, M. Hartmann, Heimsoeth, Heiß, Höfert, Martin, May, Pape, Pichler, Plessner, Spranger und Wein.39 Einer fehlt: Gehlen. Von ihm war unter dem Titel Über den Cartesianismus Nicolai Hartmanns eine Kritik des Schichtungsgedankens beigesteuert worden. Aus Pietätsrücksichten hatten die Herausgeber den Abdruck abgelehnt. Die Gehlen-Rezension von 1941 lässt es als fraglich erscheinen, ob das im Sinne des Toten war. 39 (AH) Gemeint ist: Heimsoeth, Heinz; Heiß, Robert (Hrsg.): Nicolai Hartmann. Der Denker und sein Werk. Fünfzehn Abhandlungen mit einer Bibliographie, Göttingen, 1952. Darin die Beiträge: Hartmann, Nicolai: Das Ethos der Persönlichkeit (Ebd., S. 7–14), Heiß, Robert: Nicolai Hartmann (Ebd., S. 15–28), Spranger, Eduard: Das Echte im objektiven Geiste (Ebd., S. 29–46), Pape, Ingetrud: Das Individuum in der Geschichte. Untersuchung zur Geschichtsphilosophie von N. Hartmann und M. Scheler (Ebd., S. 47–80), Bollnow, Otto Friedrich: Die Behandlung der Tugenden bei Nicolai Hartmann (Ebd., S. 81–96), Plessner, Helmuth: Offene Problemgeschichte (Ebd., S. 97–104), Klein, Joseph: Nicolai Hartmann und die Marburger Schule (Ebd., S. 105–130), Pichler, Hans: Die Wiedergeburt der Ontologie (Ebd., S. 131–143), Heimsoeth, Heinz: Zur Geschichte der Kategorienlehre (Ebd., S. 144–172), Wein, Hermann: Nicolai Hartmanns Kategorialanalyse und die Idee einer Strukturlogik (Ebd., S. 173–185), Höfert, Hans Joachim: Kategorialanalyse und physikalische Grundlagenforschung (Ebd., S. 186–207), May, Eduard: Die Stellung Nicolai Hartmanns in der neueren Naturphilosophie (Ebd., S. 208–225), Hartmann, Max: Die Philosophie des Organischen im Werke von Nicolai Hartmann (Ebd., S. 226–248), Martin, Gottfried: Aporetik als philosophische Methode (Ebd., S. 249–255), Diskussionsprotokolle aus dem Sommersemester 1933. Klugheit und Weisheit (Ebd., S. 256–285), Ballauf, Theodor: Bibliographie der Werke von und über Nicolai Hartmann einschließlich der Übersetzungen (Ebd., S. 286–309). 156 Teil I: Einleitung und Biographie XIV40 Da es nach dem Zweiten Weltkrieg gegen Hartmann keine politischen Einwände gab und von ihm eine schon durch ihren Umfang sehr beeindruckende wissenschaftliche Leistung vorlag, hatte es ihm in seinen letzten Lebensjahren nicht an ehrender Anerkennung gefehlt. Aber sein Philosophieren blieb weiter, und über seinen Tod hinaus, das eines gegen den Strom schwimmenden Außenseiters. Er fand kein nennenswertes öffentliches Echo, und in den philosophischen Fachkreisen, denen er ein Begriff war, stießen seine Ansichten, falls man sie nicht stillschweigend überging, fast durchweg auf eisige Ablehnung. Das Mittelmaß seiner wenigen Anhänger tat ein übriges, ihn hier außer Kurs zu setzen. Es waren – und blieben – Einzelwissenschaftler, die, auf weit voneinander entfernt gelegenen Gebieten sich von dem einen oder anderen Aspekt seines Systems beeinflusst zeigten, ohne dass sich deswegen zwischen ihnen auch nur die geringste gegenseitige Kenntnisnahme hergestellt hätte. So hat die materiale Wertethik, weil sie bei Scheler mit, bei Hartmann ohne Religion zu haben ist, gewissermaßen arbeitsteilig auf diverse staats- und rechtswissenschaftliche Konzepte der bürgerlichen Mitte, Bonns wie Weimars, eingewirkt; dergestalt, dass davon gelegentlich noch das Karlsruher Bundesverfassungsgericht zehrt, wenn es die »Wertordnung des Grundgesetzes« apostrophiert. Aber die dieser Überlieferung bewusst oder unbewusst verpflichteten Juristen ahnen von den Filiationslinien, die den Neodarwinismus oder die moderne Systemtheorie an Hartmann knüpfen, so wenig, als wären sie Bewohner anderer Gestirne. Solch anonymes und diffuses Fortwirken spricht an sich für die Fruchtbarkeit einiger seiner Teilergebnisse ebenso sehr wie für die Spannweite seiner Problemstellungen. Der Verbreitung seiner Philosophie im Ganzen hat es nichts genützt. Weniger denn je ist diese nach 1945 gegen Heidegger und Jaspers aufgekommen. Sie hatte dem Krisenbewusstsein der an Kriegs- und Nachkriegsnot Verzweifelnden nichts zu bieten. Daran nährte sich, abermals, die Existenzialphilosophie, nunmehr links nuanciert durch Sartre und Merleau-Ponty, die mit der Reputation der französischen 40 (AH) Die im Folgenden gegebenen ersten Einblicke in Harichs Hartmann-Interpretation, die philosophischen Aussagen über und Fragen an Hartmanns Werk werden in den Dialogen ausführlicher und in größeren Kontexten entwickelt. Dort alle weiteren Verweise etc. 157Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Résistance das Hitlerlob ihres Meisters Heidegger ausbügeln halfen. Ähnlich entlastend wirkte für die ganze Richtung der Ruf der Integrität, der Jaspers vorausging, nachdem er zu seiner jüdischen Ehefrau gehalten hatte. Dass er inzwischen jede Minderung der hegemonialen Machtstellung des USA-Imperialismus für bedrohlicher hielt als die Gefahr eines Atomkrieges, spielte daneben keine Rolle. Und schon 1947 meldete sich, im Namen eines »anfänglichen« Denkens, Heidegger selbst wieder zu Wort. Weniger denn je auch war Hartmanns Atheismus gefragt, als in den Nachkriegsjahren die amerikanische Bourgeoisie durch antikommunistische Eindämmungspolitik, kombiniert mit Marshall-Plan-Hilfe, in Westeuropa die Erhaltung des kapitalistischen Systems sicherte. Die konservativen und rechtsliberalen Kräfte sammelten sich in einer die konfessionellen Differenzen übergreifenden christlichen Partei. Im Zeichen christkatholischer Prädominanz vollzogen sich unter Adenauer die Spaltung Deutschlands und in der separaten Bundesrepublik die Restauration. Bei der neuerlichen Konsolidierung gab in Folge dessen die Neoscholastik philosophisch den Ton an.41 Auf Philosophenkongressen wimmelten fortan Mönchkutten. Derweil pries Gehlens und Schelskys Soziologie auch für weltlich gesinnte Interessenten die Stabilität der Institutionen direkter und effektvoller an, als es zur Zeit der Weimarer Republik alle Berufung auf ewige Werte vermocht hatte.42 Und noch eine weitere gegnerische Front tat sich, parallel dazu, auf, unter amerikanischer Ägide die wohl wichtigste. Des uneingestanden philosophischen Denkens der naturwissenschaftlich-technischen Intelligentsja bemächtigten sich in nie da gewesenem Umfang der Positivismus und Neopositivismus. Dadurch blieb besonders der Naturauffassung Hartmanns die Wirkung versagt, die ihr in Anbetracht ihres Wahrheitsgehalts gebührt hätte. Seine Philosophie der Natur fand kaum Beachtung. Dass die Aussagen des Werks zur Raum-Zeit-Problematik und zum Kausalgesetz sich gegen physikalischen Idealismus richten, genügte, es indiskutabel zu machen für eine theoretische Physik, die in Kernspaltung und Kernfusion so selbstgefällig wie unangefochten Triumphe ihres relativistischen und indeterministischen Weltbild zu sehen gewohnt ist. 41 (AH) Aus Harichs journalistischen Jahren liegen zahlreiche Wortmeldungen vor, in denen er den damaligen Zeitgeist, tagesaktuelle Fragen und Probleme einfing, beurteilte und artikulierte. 42 (AH) Das Institutionenverständnis und die Institutionenkritik Harichs werden ausführlich entwickelt in seiner Monographie Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, die in Band 7 (S. 81–222) neu gedruckt vorliegt. Die Dialoge kommen – wie erwähnt – auf dieses Thema ausführlicher zu sprechen. 158 Teil I: Einleitung und Biographie Und was den im selben Werk entfalteten systemtheoretischen Ansatz anbelangt, so wurde die sorgfältig differenzierende, an den Qualitätsunterschieden der dynamischen und organischen Gefüge orientierte Begriffsbildung, die ihn auszeichnet, noch ehe ihre Vorzüge durchdacht werden konnten, von dem Sturzbach reduktionistischer Simplifikationen hinweggeschwemmt, den die Begleitideologie von Kybernetik und Informatik, vermeintlich legitimiert durch den Siegeszug der Computertechnik, entfesselte. Kurz, der Existenzialismus, die Neoscholastik und der Positivismus haben in unmittelbarem Anschluss an den Bankrott der »nationalsozialistischen Weltanschauung« Hartmann erneut an den Rand gedrängt. Eine Minderheit von Adepten diskutierte über ihn noch eine Weile. Aber ungefähr seit der Mitte der sechziger Jahre gehörte er, jedenfalls in der kapitalistischen Welt, offenbar endgültig der Vergangenheit an. Ja, bei der Darstellung vergangener Philosophie wird es dort zunehmend zur Regel, ihn, wenn nicht gänzlich zu ignorieren, so doch als bloß marginale Erscheinung abzutun. Hartmann genieße, stellte Gerd Wolandt bereits 1963 fest, »längst nicht mehr jenes Ansehen«, das er »in den dreißiger, aber auch noch in den vierziger Jahren genossen« habe. Und 1975 merkte Arto Siitonen zu der damals seit 43 Jahren vorliegenden englischen Ausgabe seines relativ erfolgreichsten Werkes, der Ethik, an, er habe den »Eindruck, dass das Buch nur übersetzt wurde, um vergessen zu werden«. Fast gleichzeitig bescheinigte Ernst Oldemeyer dem deutschen Original, nach immerhin fünf Auflagen, seine »faktische Ephemerität«. An alledem ändert die Vielzahl thematisch aufs Engste begrenzter Spezialuntersuchungen zu Einzelfragen der »neuen Ontologie« um so weniger, als die betreffenden Arbeiten, ganz abgesehen von der Ablehnung, auf die meist ihr Inhalt hinausläuft, ihre Entstehung vorwiegend dem Informationsbedürfnis von Professoren zu verdanken haben, die eine ihnen lästige Lektüre an Doktoranden delegieren. Die Autoren pflegen denn auch nie wieder von sich hören zu lassen, und ihre Zahl nimmt immer mehr ab. Bezeichnend dafür, wie wenig Hartmann noch gilt, ist die Auflistung europäischer Literatur, Kunst und Musik, die sich in einem zuletzt 1981 erschienenen populären zehnbändigen Konversationslexikon Westdeutschlands findet. Sie hat einen Umfang von 28 Seiten, teilt ihre Periodisierung von der Mitte des 18. Jahrhunderts an nach Jahrzehnten ein und nennt außer großer Belletristik auch die jeweils belangvollsten philosophischen und geisteswissenschaftlichen Produktionen. Hartmann taucht darin nur ein einziges Mal auf: Mit dem Aufbau der realen Welt für den Zeitraum 1931 bis 159Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung 1940. Unter den im vorausgehenden Jahrzehnte entstandenen Werken werden weder seine Metaphysik der Erkenntnis noch seine Ethik für würdig befunden, neben Spenglers Untergang des Abendlandes (Band II), T. E. Lawrences Seven Pillars of Wisdom, Maritains Réflexions sur l’intelligence, Heideggers Sein und Zeit, Schelers Stellung des Menschen im Kosmos und Klages’ Geist als Widersacher der Seele platziert zu werden. Hinsichtlich der vierziger Jahre gelten, unter anderem, für Frankreich L’être et le néant von Sartre und La psychologie de l’art von Malraux, für die Niederlande Henriette Roland-Holst Uit de Diepte, für England gleich zwei Bücher von Orwell, Animal Farm und 1984, als europäisch repräsentativ. Hartmanns Philosophie der Natur bleibt unerwähnt. Ein philosophisches deutschsprachiges Werk von übernationaler Bedeutung scheint es damals zwischen 1941 und 1950 überhaupt nicht gegeben zu haben. Die Stelle, die es einnehmen müsste, ist mit Ernst Robert Curtius’ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter besetzt. Wenn ein wesentlicher Grund für dieses augenscheinliche Veralten in der Paralysierung jedes universalen philosophischen Ansatzes durch den positivistischen Reduktionismus zu erblicken ist, so verschränken sich mit den gesellschaftlichen Bedingungen, die den Vorgang determinieren, nun neuerdings die eines ganzen Knäuels globaler Krisen, von denen keine einzige mehr im Rahmen des kapitalistischen Systems gelöst werden kann, wo vielmehr die gegen sie aufgebotenen Palliative stets binnen kurzem in Ursachen noch katastrophalerer Ausweglosigkeit umschlagen. Das Konsolidierungsbemühen der Herrschenden gerät so immer kurzatmiger, was sich zum Beispiel darin widerspiegelt, dass »Krisenmanagement« ein Zentralbegriff politischer Theorie und Praxis werden und Poppers »Stückwerk« zum Losungswort avancieren konnte. Eine Atmosphäre einander jagender Improvisationen und Notbehelfe ist entstanden, in der sich restauratives Selbstvertrauen, wie es zur Stabilisierung bürgerlichen Wertgefühls im Stil der »Goldenen Zwanziger« oder auch noch der fünfziger Jahre unentbehrlich wäre, einfach nicht mehr erholen kann; ihm bliebe die Luft weg. Noch den willfährigsten Rechtfertigern musste es, konkret, die Sprache verschlagen, als sich von einer »Wende zu geistig-moralischer Erneuerung« schon binnen Jahresfrist herausstellte, dass ihre Initiatoren, bar jeder Illusion über Per spek ti ven ihres politischen Tuns, nichts Wichtigeres als die eigene Bereicherung kennen. Alles Wert- und Grundwertgerede entbehrt daher hier der Substanz, gibt philosophisch nichts her, könnte mit philosophischer Fundierung aber auch gar nichts mehr anfangen. In der materialen 160 Teil I: Einleitung und Biographie Wertethik, sei es Schelers, sei es Hartmanns, findet sich nichts, was geeignet wäre, in derartiger Lage noch eine Legitimation für irgend etwas zu schaffen. Dass Hartmann, ein prominenter Liberaler, der obendrein, tagespolitisch abstinent, mit Vorliebe in die Sterne guckte, auch internen Opponenten des kapitalistischen Systems wenig zu sagen hat, macht anscheinend seine Überlebtheit komplett. Besonders fern haben dabei seinem Gedankenerbe die Militanten der um die Mitte der sechziger Jahre aufbrechenden Jugendrebellion gestanden.43 Zu ihrem Liberalenhass kam hinzu, dass sie, geistig gegängelt von der selber erzliberalen Frankfurter Schule, auf das Dogma eingedrillt waren, als dogmatisch seien am klassischen Marxismus namentlich die Aspekte zu missachten, die Anhängern der »neuen Ontologie« gewöhnlich am ehesten einleuchten: Der gnoseologische Abbildrealismus und die Naturdialektik. Alfred Schmidt sprach es aus: Dies seien Zutaten von Engels und Lenin, die sich damit zum einzig »authentischen« Marx in Widerspruch gesetzt und etwas propagiert hätten, das der Philosophie Nicolai Hartmanns zum Verwechseln ähnlich sehe. Dass die nichts als Verachtung verdiene, brauchte gar nicht erst gesagt zu werden. Dank Blochs pittoresken Schimpfereien auf den »Talmiontologen« verstand es sich unter Linken von selbst. Vielleicht hätte in diesem Punkt der Zukunftsschock der siebziger Jahre, ausgelöst durch die Kassandrarufe des »Club of Rome«, entscheidender Anstoß zur Formierung der Grünen, einen Wandel einleiten können.44 Denn wenn es einen Gedanken gibt, der sich der »neuen Ontologie« mit Leichtigkeit entnehmen lässt, dann ist es der der Abhängigkeit der Gesellschaft von der Natur. Aber die speziell ihrer Naturphilosophie immanente Theorie der dynamischen und organischen Gefüge berücksichtigt ausge- 43 (AH) Auf Harichs Anarchie-Studien (Band 7) und die dortige Auseinandersetzung mit der 68er-Bewegung wurde bereits verwiesen, ausführliche Erörterung dieses Themas in den Dialogen. 44 (AH) Seit der Publikation von Kommunismus ohne Wachstum, 1975, hatte Harich in verschiedenen Briefen, Gesprächen und kleineren Texten versucht, der sich formierenden ökologischen Bewegung eine philosophische und politische Basis zu verleihen. Seit 1979 mit einem Dauervisum der DDR für einige Jahre in Österreich und der Bundesrepublik vor Ort aktiv, setzte er diese Bemühungen, nun noch stärker intensiviert, fort. Seine wichtigsten Gesprächspartner fand er aber, gerade mit Blick auf die Verbindung von Ökologie und Philosophie, nicht bei den Linken. Vielmehr sind Namen zu nennen wie Gruhl, Gollwitzer usw. Die Linke, von den Grünen wohl zu unterscheiden, teile doch mit diesen fast schon eine Art philosophische Impotenz – so letztlich das Fazit von Harich, mit dem im Hinterkopf er in die DDR zurückkehrte und mit seinen Arbeiten zu Hartmann begann. Im 8. Band dieser Edition wird sein ökologisches Konzept, wie es sich seit 1975 permanent weiter entwickelt hat, vorgestellt. 161Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung rechnet die ökologischen Komplexe nicht. Dieser Mangel macht sie nicht nur der Computersimulation exponentiellen Wachstums und seiner globalen Folgen unterlegen, sondern bringt sie sogar auch ins Hintertreffen gegenüber einem romantisch-reaktionären Irrationalisten wie Ludwig Klages, um gar nicht zu reden von den neuen Jüngern, die im Zuge erwachender Besinnung auf die gefährdete Naturbasis menschlichen Lebens der An thro po lo gie Rudolf Steiners zugeführt worden sind, oder von dem Echo, das die lähmend pessimistische Idee einer »Evolution zum Tode« findet. Um gewahr zu werden, dass es zu dem selbstzufriedenen Reduktionismus positivistischer Systemtheorie auf der einen und solchen Obskurantismen auf der anderen Seite noch ein Tertium gibt, in Gestalt des dialektischen Materialismus, bedürfte es umständlicher, weit ausholender und vom derzeitigen Stand seiner Ausarbeitung keineswegs erleichterter Denkbemühungen, für die eine von opponierender Politik absorbierte junge Bewegung, durch die Hektik der von ihr bekämpften Praxis zwangsläufig mit angesteckt, nur schwer die nötige Muße und den erforderlichen Abstand aufzubringen vermag. Nur bei gleichzeitigem Rückgriff auf den dialektischen Materialismus aber, auf den Marxismus-Leninismus als universale Philosophie, kann der »neuen Ontologie« in angemessen kritischer Auswertung ihrer Resultate ihr für Gegenwart und Zukunft Bestes abgewonnen werden. Fragt sich, wie es damit steht? XV Die früh bis ins Einzelne festgelegte Disposition von Hartmanns System und die bei der Ausführung ein Menschenalter lang von ihm durch gehaltene Planmäßigkeit täuschen leicht über Standpunktverschiebungen hinweg, die im Verlauf seiner Entwicklung stattgefunden haben. Bei näherem Zusehen indes treten sie klar hervor, und es zeigt sich, dass sie hauptsächlich einer allmählichen Radikalisierung seines Denkens zuzuschreiben sind, die mit der Abkehr vom Marburger Neukantianismus durchaus nicht schon ihren Abschluss fand, sondern sich auch danach, freilich mit Unterbrechungen und unter Rückfällen, bis zu seinem Tode weiterhin fortsetzte. Die ärgsten idealistischen Residuen seiner Philosophie – die ärgsten, nicht alle – blieben dabei schließlich auf der Strecke. Sein gnoseologisches Hauptwerk, von 1921, argumentiert, beispielsweise, noch aprioristisch in Bezug auf die Erkenntniskategorien. Spätere Werke rücken davon langsam ab, bis ihr Verfasser gegen Ende seines Lebens, im Aufsatz Die Erkenntnis im Lichte der Ontologie, unter Preisgabe jedes »festen« Apri- 162 Teil I: Einleitung und Biographie ori schließlich erklärt, dass die Erkenntniskategorien einem geschichtlichen Wandel unterlägen, der in den allgemeinen Prozess der Anpassung des Menschen an die ihn umgebende Welt eingefügt sei. Ähnlich in der Ethik. Das einschlägige Hauptwerk, von 1926, deklariert: »Werte sind der Seinsweise nach Platonische Ideen.«45 In striktem Gegensatz dazu gelangt, nach den inkonsequenten Berichtigungen und Ergänzungen von 1936 und 1944, der postume Altersaufsatz Vom Wesen sittlicher Forderungen zu dem Schluss, dass die Werte, statt »in der Luft zu schweben«, relativ seien, zwar nicht auf das Empfinden oder Dafürhalten des Menschen, wohl aber »auf sein ganzes Sein, auf seine Natur, sein Leben und seine Konflikte«.46 Hartmanns zeitweilige und partielle Annäherung an den Marxismus, wie sie für die Krisenjahre vor 1933 verzeichnet werden kann, liegt auf derselben Linie. Der Kontext, in dem sie sich damals vollzogen hatte, kam bei ihm nach 1945 nun noch einmal zur Sprache: In dem einzigen Interview, dass er jemals gegeben hat, 1950 veranstaltet vom Nachtstudio eines westdeutschen Rundfunksenders. Er wurde da, unter anderem, gefragt, ob es, aus ontologischen Gründen, denn feststehe, dass der Menschengeist das Gegeneinander partikulärer Zielsetzungen im Geschichtsprozess und damit den »ungeheuren Widersinn von Selbstzerstückelung und Umsonst« niemals werde überwinden können, eine Ansicht, die doch auf krassen Pessimismus hinauslaufe. Seine Erwiderung lautete: »Der Geschichtsprozess ist am Ende noch jung, gemessen an dem Alter des Menschengeschlechts. Und was sollen die fünf- bis sechstausend Jahre besagen, auf die wir zurückschauen? Vielleicht sind sie nur ein Anfang, vielleicht nur eine Vorstufe. Was hat nicht alles schon für unmöglich gegolten! Die Technik gibt uns dazu beachtenswerte Beispiele. Auch sie ist ja ein Werk des Menschengeistes, freilich ein unendlich viel leichteres. (…) Aber sie lehrt doch, dass alles ›Non possumus‹ (Wir können nicht, AH) dilettantische Weissagung ist. Und das wenigstens wird doch kein Verständiger sich heute verhehlen könnte: Keine Macht der Welt kann uns der Verantwortung entheben, die wir für die künftigen Geschlechter tragen.«47 45 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Ethik, 2. Aufl., Berlin, Leipzig, 1935, S. 108. Ausführlich in den Dialogen. 46 (AH) Hartmann, Nicolai: Vom Wesen sittlicher Forderungen, in: Kleinere Schriften, Band I: Abhandlungen zur systematischen Philosophie, Berlin, New York, 1955, S. 311. Ausführlich in den Dialogen. 47 (AH) Wein, Hermann: Dokumentationen und Notationen zum späten Hartmann aus der Sicht von heute, in: Buch, Aloys Joh. (Hrsg.): Nicolai Hartmann, 1882–1982. Mit einer Einleitung von Josef Stallmach und einer Bibliographie der seit 1964 über Hartmann erschienenen Arbeiten, Bonn, 1982, S. 323. Ausführlich in den Dialogen. 163Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Es ist genau dieser vorwärtsweisender Gedanke, der im Problem des geistigen Seins, am Ende des Abschnitts Vom Geist der Wissenschaft, so eindrucksvoll den Marxismus ins Spiel bringt. Und eben an den Marxismus fühlt Hermann Wein sich in seinen 1982 veröffentlichten Dokumentationen und Notionen zum späten Hartmann aus der Sicht von heute erinnert, wenn er darin den Inhalt jenes Interviews wiedergibt. Den zitierten Ausführungen nämlich fügt er den Kommentar hinzu: »Angesichts dieser Sätze ist zweierlei hervorzuheben. Einmal meint Hartmann hier mit ›Geschichtsprozess‹ eindeutig die gesamte menschliche Evolution, und zwar wie sie von ihrem ›vorgeschichtlichen‹ Stadium von längster Zeitdauer weiter geht zu ihrem ›geschichtlichen‹ Duktus. Ferner kann man nicht umhin, dabei auch an die sprachlich gewagte Formulierung Marxens zu denken; dieser meinte bekanntlich, der evolutionäre Prozess bereite sich darauf vor, aus den Verhältnissen der ›Vor-Geschichte‹ – diese nicht im üblichen Sinn verstanden – zu denen der ›Geschichte‹ überzugehen – Letztere verstanden als die in der Zukunft endlich zu erreichende Humanisierung von Geschichte und Natur, als eigentliche, bewusste Menschwerdung.« Aber Wein fährt fort: »Hierzu sei folgendes berichtet: In Göttingen erreichten Hartmann werbende Briefe eines Assistenten am Philosophischen Seminar der Ostberliner Humboldt-Universität. Hartmann ließ die Briefe einen langjährigen Schüler und jüngeren Kollegen lesen. Sie waren damals insofern ›geheim‹, als sich in ihnen ein sowjetisches Interesse auszudrücken schien, Hartmanns a-christliche und anti-idealistische Philosophie zu einer Art ›Staatsphilosophie‹ für die Deutschen zu promovieren – nach einer Schulung in Moskau. Hartmann sagte damals zu jenen Briefen sinngemäß: ›Wie kann ich beim Materialismus mitmachen, da in meiner Philosophie die Macht des Geistes vorkommt (…).‹« Wer jener Assistent gewesen ist und ob hinter seinem Werben wirklich ein sowjetisches Interesse der geschilderten Art gesteckt hat, lässt sich heute schwerlich eruieren.48 Die Deutsche Akademie der Wissenschaften, die 1949 die Auszeichnung ihres in Göttingen lehrenden prominenten Mitglieds betrieb, dürfte am selben Strang gezogen haben. Für einen Aufenthalt in Moskau wäre Hartmann im Übrigen schon durch seine Sprach- 48 (AH) Natürlich ist Harich gemeint. Seine Briefe an Hartmann sind, anders als beispielsweise der Briefwechsel mit Gehlen, leider nicht erhalten. Der 9. Band dieser Edition bildet aber zumindest ab, wie Harich die Philosophie Hartmanns an Lukács vermittelte, so dass in Ansätzen nachvollziehbar wird, wie er sich in jenen Jahren eine Synthese aus Marxismus, materialistischer Philosophie, Gehlens An thro po lo gie und Hartmanns Philosophie vorstellte. 164 Teil I: Einleitung und Biographie kenntnis prädestiniert gewesen. Und natürlich hätte die Berliner Universität einen Gewinn darin gesehen, wäre ihr führender Philosoph in ihren Lehrkörper zurückgekehrt. Aber um all das geht es hier nicht. Worauf es ankommt, ist etwas anderes. Den Ausführungen Weins lässt sich entnehmen, dass Hartmann der Marxschen Lehre zuletzt mit großer Ratlosigkeit gegenüber gestanden hat, die sich auf einen ganz bestimmten Punkt bezog. Er verteidigte, nach der faschistischen Schreckensherrschaft, den Erfahrungen zweier Weltkriege, dem Abwurf von Atombomben auf Japan und trotz neuer weltweiter Spannungen und Konflikte, gegen alle pessimistischen Zeitstimmungen unerschütterlich die Möglichkeit, dass es dem Menschengeist dereinst gelingen könne, die blinde Elementargewalt der geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklung ebenso wie die der Natur zu bändigen und dem vernünftigen Interesse menschheitlicher Gesamtziele dienstbar zu machen. Das verband ihn, immer noch, wie schon 1932, mit den Marxisten. Aber gleichzeitig ging er, wie von einem Axiom, ebenso unerschütterlich davon aus, dass für jeden philosophischen Materialismus die Abhängigkeit des Geistes von der Materie gleichbedeutend sei mit dessen Ohnmacht und Nichtigkeit, die eine solche Zukunftsperspektive gerade ausschlössen. Und das war der Grund, aus dem er glaubte, dass »beim Materialismus mitzumachen« für ihn nicht in Frage komme. Angelegt ist dieses Missverständnis, das die Widersprüchlichkeit seiner Stellungnahme zum Marxismus bedingt, bereits im Problem des geistigen Seins. Es kommt da nur noch nicht voll zum Tragen, weil es bei dem Hartmann von 1932 noch nicht mit dem Wissen verknüpft war, dass der Marxismus eine universale Philosophie zu sein beansprucht, die halt auch ein eigenes Menschenbild einschließt.49 Erst in dem Maße, wie 49 (AH) Die Generierung einer marxistischen An thro po lo gie war eines der wichtigsten philosophischen Anliegen von Harich. Vor allem in den fünfziger Jahren, bis zu seiner Verhaftung, arbeitete er intensiv zu diesem Problemgebiet. Mehrfach kündigte er für die Deutsche Zeitschrift für Philosophie einen Aufsatz zu dem Thema an. Auch für die Festschrift zum Siebzigsten Geburtstag von Ernst Bloch wollte er einen Beitrag zur An thro po lo gie beisteuern. Dieser verselbständigte sich aber, so dass ein viel zu großes Manuskript entstand. Nunmehr plante er, wie aus einem Brief an Walter Janka vom 19. April 1955 (siehe Band 1.3) hervorgeht, ein eigenständiges Buch. Dort schrieb er: »Ich würde gerne mit dem Aufbau-Verlag über den folgenden Titel einen Vertrag abschließen: Wolfgang Harich: Zur Grundlegung der An thro po lo gie. Es handelt sich um eine philosophische Arbeit, die ursprünglich für die im Deutschen Verlag der Wissenschaften erscheinende Festschrift für Ernst Bloch gedacht war, für diesen Zweck aber viel zu lang geraten ist – über 200 Schreibmaschinenseiten – und aus sachlichen Gründen nicht sich kürzen lässt, dort also 165Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung ihm dies, in den letzten Lebensjahren, bekannt wurde, ohne dass er sich in die anthropologischen Aussagen der marxistischen Klassiker aber vertieft hätte, verhärtete sein Vorurteil sich zum Motiv einer geradezu feindseligen Ablehnung. Denn nun war die – an sich verdienstvolle – Entdeckung des ökonomischen Faktors nicht mehr bloß durch den vermeintlichen »Erkenntnisirrtum« seiner Überschätzung auf Kosten anderer, ebenso wichtiger Faktoren gemindert, sondern schien, weil mit philosophischer Prätention ausgestattet, in Ausweitung einer einst von Karl Vogt ge- äußerten Meinung besagen zu wollen, dass der Menschengeist, außer zum Gehirn, auch zum Wirtschaftsleben im selben Verhältnis stünde, »wie die Galle zu der Leber oder der Urin zu den Nieren«. Hartmann unterstellt das wörtlich nirgends so, doch im Grunde hat er das angenommen. Als alter Marburger, Enkelschüler Friedrich Albert Langes, wusste er es nicht besser. Schon Lange hatte Marx Elogen gemacht, ohne seine Philosophie zu verstehen, ja, ohne zu ahnen, dass es die gibt. Und schon Lange hatte keinen anderen Materialismus gekannt als den vordialektischen, mechanistischen, vulgären. Gewiss hätte das Vorurteil sich beheben lassen, aber nicht in ein paar Gesprächen, nicht durch Vorweisung dieses oder jenes Zitats, nicht von heute auf morgen. Dazu war es bei Hartmann zu fest verankert in den selber vulgären, den undialektischen Grundgenicht abgedruckt werden kann. Sie umfasst die Kapitel: Vorwort; I. Terminologisches, Äquivokationen; II. Das Problem der Gegenstandsbestimmung; III. Das Problem der Klassifikation der Wissenschaften und die An thro po lo gie; IV. Zur Geschichte der Anthro po lo gie; V. Exkurs über das Verhältnis von Philosophie und positiver Wissenschaft; VI. Der Biologismus als exem pla rischer Gegner; VII. Marxismus und An thro po lo gie; VIII. Anthropologische Abstraktion und historische Konkretheit; IX. Mensch und Arbeit; Literaturverzeichnis; Register. – Fertig sind die Kapitel I–VIII, die zusammen eine in sich geschlossene Arbeit ergeben, die aber zweckmäßigerweise noch durch das erst im Rohzustand befindliche IX. Kapitel und ein Vorwort ergänzt wird. Ich würde mich verpflichten, das Ganze in endgültiger Fassung am 1. Juli dieses Jahres druckfertig zu liefern.« (1 Blatt, maschinenschriftlich, datiert auf den 19. April 1955. Adressiert an »Aufbau-Verlag, Verlagsleitung, zu Händen Herrn Walter Janka«.) Viele der Manuskripte Harichs zur Anthro po lo gie sind leider verloren gegangen, aber verschiedene Entwürfe blieben dann doch erhalten und werden in dieser Edition im entsprechenden Band präsentiert. Der einzige Aufsatz, den er bis zu seiner Verhaftung zu diesem Forschungsvorhaben publizierte, steht gut erkennbar auch im Zeichen der Philosophie Hartmanns und der An thro po lo gie Gehlens. Siehe: Harich: Über die Empfindung des Schönen, in: Sinn und Form, 1953, Heft 6, S. 122–166. Selbstverständlich waren auch seine zahlreichen Arbeiten zu Herder ihrem Anspruch nach Bausteine einer potentiellen marxistischen An thro po lo gie, siehe hierzu die Bände 1.2, 4 und 6. 166 Teil I: Einleitung und Biographie brechen des im Aufbau der realen Welt dargelegten Schichtenkonzepts. Im Krieg hatten seine Überlegungen, aufgestört durch den Angriff der Gehlenschen An thro po lo gie auf den Schichtungsgedanken, erneut, wie um andere Faktoren, so auch um diejenigen zu kreisen begonnen, die von der materialistischen Geschichtsauffassung als übergreifendes Moment hervorgehoben werden. In Naturphilosophie und An thro po lo gie, seinem letzten für die Blätter für deutsche Philosophie geschriebenen Aufsatz, heißt es daher, zu dem illusorischen Glauben an eine »Allmacht des Geistes« bildet der historische Materialismus das »ebenso unfruchtbare Extrem«, mit dem »endgültig abzurechnen eine bis heute noch unerledigte Aufgabe« sei. Wer die zwei Fronten so windschief sah, an denen es, diesesfalls, zu kämpfen gilt, wäre nicht ohne Weiteres eines Besseren zu belehren gewesen. Dabei mochte der Ausdruck »endgültige Abrechnung«, in dem 1944 veröffentlichten Aufsatz, noch Sklavensprache sein, die einen damals lebensgefährlichen Verdacht zerstreuen sollte: Dass der Verfasser, indem er zur Beschäftigung mit Marx anriet, sich bereits auf die Zeit nach der bevorstehenden Niederlage Hitlerdeutschlands einstellte. Aber windschief hat er den Gegensatz von Materialismus und Idealismus allemal gesehen. Von dem Sinn, der in der marxistischen Dichotomie ihrer Gegenüberstellung liegt, hatte er wirklich keinen blassen Schimmer. Und so war es kein Wunder, dass er drei Jahre später, als es nichts mehr zu fürchten gab, sich dazu verstieg, den historischen Materialismus mit der – in ihrer Art ja ebenfalls materialistischen – Rassentheorie sowie mit anderen reaktionären Ideologien, die er ablehnte, schlankweg in einem Atem zu nennen. »Wer könnte von sich sagen«, fragte er 1947 auf dem ersten deutschen Philosophenkongress nach dem Kriege, »dass er klar um die eigene, stillschweigend hingenommene Metaphysik wüsste? Wie konnte eine dogmatische Rassenmetaphysik sich breit machen, die nicht einmal von der positiven Biologie aus stimmte? Wie wurde eine ökonomisch-materialistische Geschichtsmetaphysik möglich, die nach Belieben Phänomene streicht oder anerkennt, je nachdem sie ihr passen? Wie konnten die billigen neumystischen Doktrinen entstehen, wie das Heer der Angebote von Religionsersatz, mit denen wir überschwemmt worden sind? Wie wurde es möglich, dass ein wildgewordener Positivismus von der Mikromechanik der Atome aus uns die Willensfreiheit und das Dasein Gottes beweisen will?«50 50 (AH) Zitat nachgewiesen in: Hartmann, Nicolai: Ziele und Wege der Kategorialanalyse, in: Kleinere Schriften, Band I: Abhandlungen zur systematischen Philosophie, Berlin, New York, 167Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Hier kann von Sklavensprache keine Rede mehr sein. Die Zusammenstellung ist aber auch nicht von purer Bosheit eingegeben. Sie ist, weit schlimmer, Ausdruck echter Überzeugung. Denn durch die Brille des Schichtenkonzepts der »neuen Ontologie« nimmt es sich in der Tat wie eine mit den Phänomenen willkürlich umspringende Rabulisterei aus, wenn etwa angesichts der im Geschichtsprozess sich entfalten Subjekt-Objekt-Dialektik die marxistische Theorie sowohl den Voluntarismus als auch die Anbetung der Spontaneität verwirft und, je nach Kontext, auf die Abwehr bald des einen, bald des anderen Fehlers den Akzent setzt. Ganz »wie es ihr passt«, scheint sie dem Menschengeist abwechselnd gar nichts und dann wieder alles zuzutrauen. Nur, die Brille gibt ein verzerrtes Bild. Es loszuwerden hätte bedeutet, sie abzunehmen. Und um das fertigzubringen, hätte Hartmann sich einem umfassenden Studium, einem jahrelangen, gründlichen Durchdenken des dialektischen und historischen Materialismus in all seinen Aspekten unterziehen müssen, bereit auch, sich auf sehr viel »zu Spezielles« einzulassen, das in den Texten der marxistischen Klassiker vom Allgemeinen und Grundsätzlichen halt nicht so säuberlich abgetrennt ist, wie ein deutscher Professor sich das wünscht. Anders wären jene abstrusen Vorstellungen, in denen sein Denken da festgefahren war, nicht zu überwinden gewesen. Aber dazu war es jetzt zu spät. Solche Mühsal hätte sich neben dem in den letzten Lebensjahren von ihm Vollbrachten nicht auch noch unterbringen lassen. Schon gar nicht wäre sie, da selbst die Ästhetik ein Torso, die Logik ein Raub der Kriegsflammen blieb, noch zu Buche geschlagen. Was 1932 möglich gewesen wäre, nach 1945 war es das nicht mehr. Und umgekehrt, von der Seite der Marxisten her gesehen: Für sie wäre die Aufforderung zu früh gekommen, in Hartmanns Gesamtwerk so tief und so sachgerecht einzudringen, dass daraus eine differenzierend kritische Stellungnahme zu seiner Philosophie hätte entstehen können, an Beschlagenheit und Argumentationskraft auch nur einigermaßen tauglich, sein Interesse zu erwecken. In der Nazizeit, in der, mit der dreibändigen Ontologie, das Kernstück seiner Lebensleistung ja überhaupt erst erschienen ist, wäre ohnehin dergleichen an der Ungunst der Verhältnisse gescheitert. Man braucht, um dies einzusehen, nur an die Situation zu denken, in der sich damals die wenigen philosophisch versierten Kader der III. Internationale befanden: An die Bedingungen, unter denen sie arbeiten mussten, an die für sie vordringlichsten aktuellen Aufgaben, an die grausame Verfolgung und Unterdrückung ihrer Partei in Deutsch- 1955, S. 90. Zitat später ausführlich im Kontext. 168 Teil I: Einleitung und Biographie land. Und als nach 1945 die Lage sich veränderte, da wieder waren, für geraume Zeit, erst recht von an Zahl geringen, oft auch ungenügend qualifizierten Kräften andere Aufgaben zu bewältigen, angefangen von der Verbreitung elementarster Kenntnis des Marxismus über die Abrechnung mit reaktionären Strömungen, die den faschistischen Ungeist vorbereitet hatten, bis hin zu historisch adäquater Erschließung erst einmal des klassischen, des vormarxschen Erbes bürgerlicher Philosophie. Für eine über bloße Ideologiekritik hinausgehende, auch auf positive Auswertung angelegte Erforschung nichtmarxistischen Gegenwartsdenkens blieb demgegenüber kein Raum. Für die Rechtfertigung ihrer Vertagung aber bot sich das probateste Behelfsmittel des dogmatisierenden Sektierertums an: Pauschale Ablehnung a limine. Zu Hartmanns Lebzeiten hat es eine Auseinandersetzung von Marxisten mit ihm in Folge dessen nicht gegeben. Erst nach seinem Tode fing sie an. Sie zeitigte, in einschlägigen Arbeiten vor allem deutscher, sowjetischer und jugoslawischer Autoren, Ergebnisse, die, bei unterschiedlichem Niveau, zur Kritik an den Grundgebrechen der »neuen Ontologie« manch wertvolles Argument beisteuern, aber deren Vorzügen nicht gerecht zu werden vermögen, weil sie ihnen mit einer aus Erstaunen, Berührungsangst und Konkurrenzneid gemischten Abwehrreaktion begegnen. Die Momente der Übereinstimmung mit dem dialektischen Materialismus, die ein Alfred Schmidt, vom Standpunkt der Frankfurter Schule aus, tadelt, werden von den betreffenden marxistisch-leninistischen Kritikern auch gesehen. Doch die führen das Gemeinsame und Verwandte, statt es beifällig aufzunehmen, mit ebenfalls negativer Bewertung darauf zurück, dass von Hartmann eine »letzte Auffangbastion«, ein »Instru ment der Abschirmung« geschaffen worden sei, geeignet, den Teil der In tel li gent sja, dem die vorherrschenden Strömungen bürgerlicher Gegenwartsphilosophie zuwider sind, vom Übergang auf marxistische Positionen zurückzuhalten. Als Akt strategisch gebotener Gegenwehr erscheint es dann, seine Inkonsequenzen und Halbheiten bis zu einem solchen Grade zur Hauptsache aufzubauschen, dass auch er als Idealist und Reaktionär abgetan werden kann. Die Vorstellung, er habe es bewusst auf den vermuteten Effekt abgesehen, darf hier wohl außer acht bleiben – als eine paranoide Variante, die denn auch niemand im Ernst je verfochten hat. Indes auch ohne sie, reduziert auf die Annahme einer objektiven gesellschaftlichen Funktion, lässt die Theorie des Auffangens und Abschirmens sich nicht aufrechterhalten, aus einem einfachen Grund: Die geschichtliche Erfahrung von 169Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung über zwei Menschenalter, die seit dem Erscheinen der Grundzüge einer Metaphysik der Erkenntnis ins Land gegangen sind, hat sie widerlegt. Sieht man von dem so kurzlebigen wie begrenzten Erfolg der Ethik ab, so war Hartmanns Resonanz viel zu gering und auf zu enge Fachkreise beschränkt, um im ideologischen Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat, zwischen Kapitalismus und Sozialismus jemals eine nennenswerte Rolle zu spielen. Das schließt nicht aus, dass er vereinzelt Anhänger haben könnte, die primär unter seinem Einfluss zum Marxismus in Ablehnung verharren. Sollte es sie wirklich geben, so sind sie, bisher jedenfalls, stumm geblieben. Zu Wort gemeldet haben sich andere. Joachim B. Forsche etwa ist von der »neuen Ontologie« ausgegangen und hat sie später, nachdem er Marxist geworden war, bekämpft. Alfred Kurella und besonders Georg Lukács war längst Marxisten, ehe sie mit ihr bekannt wurden, und wussten dann noch von ihr zu lernen, aber ohne sich deswegen von den vorher gewonnenen Überzeugungen loszusagen. Gesprächsweise äußerte sich zu ihr häufig der philosophisch hochgebildete Regisseur Erich Engel, ein Freund und enger Mitarbeiter Brechts. Dass Engel von der Fülle ihrer Problemstellungen stark beeindruckt war und den hohen Stand ihrer systematischen Ausarbeitung bewunderte, hinderte auch ihn nicht daran, im Prinzip die marxistisch-leninistische Philosophie zu bevorzugen. Auch bei ihm also muss das Abschirmungsinstrument, wenn es denn eines war, entscheidend versagt haben. Im Übrigen, was eigentlich heißt hier »leninistisch«? Lenin verlangt, dass die Kommunisten ihre Kenntnisse »mit all jenen Wissenschätzen bereichern, welche die Menschheit unter dem Joch der Kapitalisten-, Gutsbesitzer- und Beamtengesellschaft erarbeitet« hat. Und es war seine Art nicht, vor Zustimmung zu zeitgenössischen bürgerlichen Denkern zurück zu schrecken, wenn er deren Werken eine Bekräftigung des eigenen Standpunkts entnehmen konnte. In Materialismus und Empiriokritizismus, beispielsweise, hat er, um den Einfluss von Mach und Avenarius auf die Arbeiterbewegung abzuwehren, außer Ernst Haeckel auch den »kritischen Realisten« Erich Becher als Verbündeten in Anspruch genommen, wobei er sich ausschließlich davon leiten ließ, dass auch der, sonstiger Irrtümern ungeachtet, in den umstrittenen erkenntnistheoretischen Fragen im Recht war. Eben dieses Herangehen an Gegensätze innerhalb der nichtmarxistischen Philosophie, in der Parteinahme für eine konkrete Wahrheit zugleich auf breiten bündnispolitischen 170 Teil I: Einleitung und Biographie Konsens bedacht, hat, unter Berufung auf Lenin, Lukács für richtungsweisend erklärt, als sich zum ersten Mal ihm die Notwendigkeit aufdrängte, zur »neuen Ontologie« sachkundig Stellung zu nehmen, und genau daran hielt er sich selbst. Damit trat Hartmanns Wirkungsgeschichte in eine ganz neue Phase ein. Im realsozialistischen Milieu begann, nun erst fruchtbringend, die kritische Rezeption seines Vermächtnisses durch den genuinen, den von dogmatischer Erstarrung und sektiererischer Enge befreiten Marxismus-Leninismus. Sie hält seither an. XVI Die Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewusstsein ist 1923, zwei Jahre nach den Grundzügen einer Metaphysik der Erkenntnis, erschienen. Lukács kannte zu dieser Zeit Nicolai Hartmann nicht einmal dem Namen nach. Es erscheint müßig, darüber zu spekulieren, ob frühe Vertrautheit mit dessen Erkenntnistheorie bereits genügt hätte, bei ihm die Dogmen eines neukantianisch gefärbten Hegelianertums aufzubrechen, die während der zwanziger Jahre auf seinem Marxismus-Verständnis lasteten. Sinnvoller ist es, nach dem Nutzen zu fragen, den die parteiinternen Kritiker seines Buches – Sinowjew und Deborin, Rudas, Duncker und Thalheimer – aus dem Studium des auch ihnen gänzlich unbekannten Hartmann hätten ziehen können und wie ihre dadurch bereicherte und vertiefte Polemik dann wieder auf Lukács gewirkt haben würde. Die damalige Debatte in der Kommunistischen Internationale betraf vor allem die politische Schädlichkeit ultralinker Konzepte und Praktiken. Und soweit es, in zweiter Linie, auch um Philosophie ging, wurde nicht nur an Lukács Kritik geübt, sondern ebenso an dem ähnlich denkenden Karl Korsch. Während dieser, 1926, sich gegen die KPD stellte und aus ihr ausgeschlossen werden musste, hielt Lukács der ungarischen KP die Treue. All das gehört nicht hierher. Für die Andeutung des geschichtlichen Hintergrundes mag das Gesagte genügen. Von Interesse ist, im vorliegenden Zusammenhang, lediglich, dass die Beanstandung der idealistischen Fehler, die sowohl Geschichte und Klassenbewusstsein als auch Korschs Schrift Marxismus und Philosophie entstellen – und die bis heute das gnoseologische Zentraldogma der Frankfurter Schule und ihrer Fortsetzer ausmachen –, im Kern tief berechtigt war, sich aber fachlich und im Stil der Auseinandersetzung auf zu niedrigem Niveau bewegte, als dass sie die Verfasser hätte umstimmen können. Korsch beharrte zeitlebens auf seinen irrigen Ansichten. Lukács wahrte politische Disziplin. Philosophisch 171Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung belehrt sah er sich, vorderhand, ebenfalls nicht. Anderen Sinnes ist er erst 1930 geworden, durch das oben erwähnte Studium damals noch unveröffentlichter Frühwerke von Marx, die ihn seinen Hauptfehler, die falsche Gleichsetzung von Gegenständlichkeit und Verdinglichung, erkennen ließen. Wären die Teilnehmer an der Debatte dem Beispiel Lenins, etwa bei seiner Arbeit an Materialismus und Empiriokritizismus gefolgt, so hätten sie die einschlägige Literatur studieren müssen. Lukács’ Kritikern wäre dann schwerlich verborgen geblieben, dass sie, hinsichtlich der erkenntnistheoretischen Streitfragen, Bundesgenossen besaßen in den Vertretern des »kritischen Realismus« und der »neuen Ontologie«. Und bei dem bedeutendsten unter diesen, eben bei Nicolai Hartmann, wären sie sofort auf die vertrauenserweckende Erklärung gestoßen, er gehe davon aus, »dass Erkenntnis nicht ein Erschaffen, Erzeugen oder Hervorbringen des Gegenstandes ist, wie der Idealismus alten und neuen Fahrwassers uns belehren will, sondern ein Erfassen von Etwas, das auch vor aller Erkenntnis und unabhängig von ihr vorhanden ist«. Dies steht am Anfang der Metaphysik der Erkenntnis. Die Erwartung, es in dem Autor mit einem Materialisten zu tun zu haben, naheliegend unter der Voraussetzung des Leninschen Materialismusbegriffs, wird freilich beim Weiterlesen in mancher Hinsicht – durch aprioristische und agnostizistische Tendenzen, durch die quasiplatonische Annahme eines »idealen Seins« usw. – enttäuscht. Gleichwohl schlägt das Werk den subjektiven Idealismus in all seinen Varianten mit vernichtender Argumentation. Es widerlegt ihn auch in der Gestalt, die den für Geschichte und Klassenbewusstsein charakteristischen Abweichungen vom Marxismus-Leninismus zu Grunde liegt. Bei Hartmann zu lernen, wäre den Gegnern dieses Buches folglich sehr zu Statten gekommen. Sie hätten Lukács, statt ihn mit stereotypen Invektiven bloß zu verärgern, mit den legitimen Mitteln wissenschaftlichen Meinungsstreit in ungeheure Bedrängnis bringen können, und das besonders bei der Verteidigung der von ihm bekämpften Abbildtheorie, die bis dahin nirgendwo umfassender und stichhaltiger begründet worden war als in der Metaphysik der Erkenntnis. Überdies wären sie im Stande gewesen, ihn durch den Nachweis zu beschämen, dass er über den fortgeschrittensten Erkenntnisstand uninformiert, festgelegt auf Moden von gestern, sich an eine von Windelband und Rickert heraufbeschworene Missdeutung der Hegelschen Dialektik klammerte. Nichts davon geschah. 172 Teil I: Einleitung und Biographie Als Lukács Ende 1931 in Berlin am ersten Hegelkongress teilnahm, hatte er die idealistischen Vorurteile, die den Wahrheitsgehalt von Geschichte und Klassenbewusstsein beeinträchtigten, überwunden. Hartmann, den er jetzt zum ersten Mal – und gleich persönlich, als Redner – erlebte, gefiel ihm daher; seine Ausführungen sagten ihm zu. Mehr als zwanzig Jahre später hat er, rückblickend, brieflich berichtet, dass namentlich seine »Tendenz zur Objektivität der Wirklichkeit«, auf die führende Neuhegelianer mit scharfen Angriffen reagiert hätten, ihm positiv aufgefallen sei.51 Davon angerührt, entschloss er sich, ihn zu lesen. Das Kongressthema indes brachte es mit sich, dass er zuerst nach Hartmanns Hegel-Monographie griff, und die enttäuschte ihn. Da sie, dem Auftrag des Verlags gemäß, Hegels System nur verständlich zu machen sucht und sich Kritik daran fast ganz versagt, offenbarte sie so gut wie nichts von den erkenntnistheoretischen und ontologischen Auffassungen ihres Verfassers. Gelangweilt legte Hegel-Kenner Lukács sie beiseite. Auf die Lektüre weiterer Hartmannscher Werke war er nicht mehr gespannt. Sein eigenes Buch über den jungen Hegel, 1938 in Moskau vollendet, geht mit dem Ontologen Hartmann, unabhängig von ihm, in einem wesentlichen Punkt konform.52 Wie er setzt es eine alte Tradition materialistischen Denkens fort: Den Kampf gegen das teleologische Weltbild. Diese Gemeinsamkeit vor allem hat Lukács für die »neue Ontologie« gleichsam anfällig gemacht. Nicht sie jedoch war es, die ihm schließlich den Weg zu ihr bahnte, sondern ein anderes, kontroverses Moment. Er hatte es als anstößig empfunden, dass besagte Monographie die Dialektik zur nicht erlernbaren Begabungssache Einzelner erklärt, und hatte darin eine den Gegensatz von Hegel und Schelling überspielende, aristokratischer Erkenntnistheorie Vorschub leistende Mystifizierung gesehen, die es ihm fortan als begründet erscheinen ließ, auch Hartmann 51 (AH) Siehe die entsprechenden Verweise des 9. Bandes, dort auch über Hartmann. Im Band ebenfalls zu der folgenden Darstellung Harichs weitere Ergänzungen usw. Der Fortgang der Ausführungen Harichs ausführlich in den Dialogen, dort mit detaillierten Nachweisen etc. 52 (AH) Der 5. Band (An der ideologischen Front) dieser Edition präsentierte zahlreiche Schriften und Manuskripte von Harich zu Hegel im Allgemeinen und zum Hegel-Bild von Lukács im Besonderen. Dort auch verschiedene Hinweise auf die Versuche Harichs, die Ontologie Hartmanns und die Interpretation der deutschen idealistischen Philosophie durch Lukács miteinander zu verbinden. Eine wichtige Quelle ist dabei die Hegel-Vorlesung von Harich, in der dieser teilweise seitenlange Zitate aus dem Hegel-Buch von Lukács vortrug und so auch Positionen von Hartmann begründete. Außerdem Hinweise zu den im Folgenden von Harich genannten »Hegel-Verfälschern« der reaktionären bürgerlichen Philosophie und Literaturwissenschaften. 173Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung unter die reaktionären Verfälscher des Hegelschen Erbes, die Dilthey, Glockner, Kroner und Haering, mit einzureihen. Im Jungen Hegel selbst schweigt Lukács darüber noch. Aber eine entsprechende Einschätzung fand Eingang in seine große Abrechnung mit dem – »von Schelling zu Hitler« führenden – Irrationalismus, in sein Buch Die Zerstörung der Vernunft.53 Und damit waren Freunde in der DDR, denen er das Manuskript zu lesen gab, nicht einverstanden. Sie nannten die betreffende Stelle in dem Kapitel über den Neuhegelianismus überzogen und ungerecht. Lukács war zwar nicht bereit, sie zu streichen, doch er räumte ein, dass es sich, gemessen am Inhalt von Hartmanns Gesamtwerk, das ihm zu der Zeit immer noch unbekannt war, um eine Nebensächlichkeit handeln könne. Nach dem, was ihm bei der Gelegenheit über Hartmann mitgeteilt worden war, fing er an, ihn für eine »tatsächlich eigenartige Erscheinung« zu halten. Und in einem Brief in die DDR, datiert vom 16. September 1952, unterbreitete er Vorschläge, wie, nach seiner Meinung, mit ihm verfahren werden sollte: »Was nun die Ausnutzung dieser Frage betrifft«, heißt es da, »so, glaube ich, gibt es zwei Möglichkeiten, die beide ausnutzbar sind. Erstens können wir ganz ruhig Hartmann – bei aller Kritik und trotz 53 (AH) Hartmann wurde von Lukács in Die Zerstörung der Vernunft (verw. Ausg.: Neuwied, Berlin, 1962) zwei Mal erwähnt – in dem von Harich gesprochenen Kapitel Der Neuhegelianismus. Zuerst findet sich der Hinweis, dass Hartmann in seiner Geschichte des deutschen Idealismus »die Verwandtschaft Hegels mit der Romantik energisch« hervorhebe. (Ebd. S. 492.) Einige Seiten später heißt es dann: »So wird im Neuhegelianismus die Dialektik Hegels, unter großen Komplimenten, aber ebenso entschieden ›vernichtet‹, wie seinerzeit in scharf polemischer Form von Haym oder Trendelenburg. Der einzige moderne Philosoph, der positiv zur Dialektik steht, Nicolai Hartmann, mystifiziert sie vollständig, macht aus ihr eine rätselvolle Gottesgabe des Genies. (Zitat aus: Hartmann, Hegel, Berlin, 1929, S. 17 f., hier weggelassen, AH.) Auch diese Verteidigung macht aus Hegel einen ›toten Hund‹. Denn jeder, der die Phänomenologie des Geistes wirklich gelesen und ihre Vorgeschichte nur etwas studiert hat, muss wissen, dass die von Hartmann der Hegelschen Dialektik zugesprochene Eigenschaft der Nichterlernbarkeit, ihr Vergleich mit dem Künstlertum gerade Schellings Auffassung der Dialektik charakterisiert, während die Methodologie der Phänomenologie sich mit großer polemischer Schärfe gegen sie richtet, gerade das jedem prinzipiell zugängliche Wesen der Dialektik verkündet; ja, man kann, ohne Hegel Gewalt anzutun, sagen, dass es eine der Hauptabsichten der Phänomenologie war, diese Erlernbarkeit der Dialektik darzulegen (…). Man sieht: Der Hegel, dessen ›Renaissance‹ der deutsche Imperialismus herbeigeführt hat, hat weder historisch noch systematisch mit den progressiven Tendenzen Hegels irgend etwas zu tun. Dagegen wird aus seinem System alles, was darin konservativ oder reaktionär war, sorgfältig aufbewahrt und liebevoll weitergebildet.« (Ebd., S. 498 f.) 174 Teil I: Einleitung und Biographie aller Vorbehalte – in der Propaganda unter den Bürgerlichen des Westens als Verbündeten ausnutzen. Ich meine methodisch in der Art, wie – natürlich mutatis mutandis – Lenin Haeckel im Kampf gegen die Machisten ausgenutzt hat. Natürlich würde ich raten, wenn es sich um Probleme der modernen Naturwissenschaft handelt, sich mit Fachleuten zu konsultieren, damit wir nicht naturwissenschaftlich falsche Positionen aus erkenntnistheoretischen Gründen verteidigen. Zweitens wäre eine eingehende Studie über das Gesamtwerk Hartmanns sehr nützlich. Es müsste gezeigt werden, dass er einerseits einen kritisch vielfach richtig Kampf gegen subjektiven Idealismus und Irrationalismus geführt hat, dass aber ein solcher Widerstand von idealistischer Seite aus nicht mehr möglich ist. Ein solcher Aufsatz müsste in einem sachlich entschiedenen, aber sonst sehr ruhigen und höflichen Ton geschrieben werden.«54 Bei mehreren Besuchen in der DDR, drei Jahre später, wurden Lukács, im Zuge von Diskussionen, die teils Probleme der Logik, teils die historische Einschätzung Hegels betrafen, zu seiner weiteren Information Zitate aus verschiedenen Werken Hartmanns vorgetragen, zuletzt zwei Stunden lang. Mit wachsender Zustimmung hörte er sie sich an, voller Bedauern darüber, dass die Arbeit an der eigenen Ästhetik ihm vorläufig nähere Beschäftigung mit der »neuen Ontologie« nicht erlaube. Aber Hartmanns Ausfälle gegen Kierkegaard und Heidegger, aus Zur Grundlegung der Ontologie, entzückten ihn dann doch so sehr, dass er umzudisponieren begann. Im Anschluss an seinen Berlin-Besuch vom Sommer 1956 beauftragte er seinen deutschen Verleger, ihm Hartmanns Bücher zu besorgen. Sie wurden ihm nach Budapest geschickt.55 Intensiv widmete er sich ihrem Studium. Sie schlugen ihn in ihren Bann. Griffbereit für die Schreibtischarbeit stellte er sie in das nächste, das operative Regal. Noch immer haben sie in der einstigen Wohnung, dem heutigen Lukács-Archiv der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, dort ihren Platz. Ein Werk allerdings fehlt: Die Metaphysik der Erkenntnis. Sie sei wohl seinerzeit zufällig im Buchhandel nicht erhältlich gewesen, vermuten einige. Andere behaupten, Lukács habe, in einem Missverständnis befangen, ihre Lektüre für entbehrlich gehalten. In der 54 (AH) Siehe den 9. Band, dort die entsprechenden Briefe. Ausführlich in den Dialogen. 55 (AH) Harich spricht erneut von sich selbst. Über die Schwierigkeiten, ein Buch (vor allem ein westliches) von Berlin-Ost nach Budapest zu schicken geben die im 9. Band abgedruckten Briefe hinreichend Aufschluss. Erst 1955/1956 konnte, nach persönlicher Intervention von Becher, ein Versandweg quasi institutionalisiert werden – über die ungarische Botschaft in der DDR. 175Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung Meinung, dass die vom Neukantianismus und Positivismus unnötig hochgespielte Erkenntnistheorie dank Hartmanns Ontologie im Grunde gegenstandslos geworden sei, habe er geglaubt, es müsse sich um eine überholte Arbeit aus seiner Marburger Frühperiode, eine nutzlose Wiederholung Cohenscher Gedanken handeln. Beide Versionen schließen einander nicht aus. Auch die zweite, so grotesk sie anmutet, ist Lukács, der es mit philologischen »Kleinigkeiten« nie genau genommen hat, durchaus zuzutrauen.56 Paradoxerweise hat so ausgerechnet er, der in seiner Jugend gegen die Abbildtheorie polemisiert hatte, dem zu Recht deswegen Idealismus vorgeworfen worden war, im Alter, selbst längst zu ihr bekehrt, stets bedauert, dass Hartmann es an ihr fehlen lasse, und hat ihm darum nicht mehr und nichts Besseres zu attestieren gewusst, als jenen »klugen Idealismus«, der, einer Marginalie Lenins zu Folge, »dem klugen Materialismus näher steht als der dumme Materialismus«.57 Nicht wenige Marxisten sind der Ansicht, in seinem Lob für Hartmann gehe Lukács mitunter zu weit, und sie machen dafür Gründe geltend, die einiges für sich haben, über die sich zumindest diskutieren lässt. Keine Diskussion kann es darüber geben, dass sein Tadel dort auf sehr schwachen Füßen steht, wo er aus purer Uninformiertheit über die Metaphysik der Erkenntnis, in Verkennung der immensen Bedeutung, die das Werk gerade für die Abbildtheorie hat, der »neuen Ontologie« ihren materialistischen Grundcharakter streitig macht. Er desavouiert in diesem Punkt auch den eigenen Ratschlag von einst, sich Lenins Verhalten zu Haeckel zum Vorbild zu nehmen. Denn die idealistischen Inkonsequenzen Haeckels, auch wenn sie auf anderer Ebene liegen als diejenigen Hartmanns, sind von keineswegs geringerem Kaliber. Trotzdem hat Lenin nicht gezögert, Haeckel als Materialisten zu würdigen. Ansonsten lassen Lukács’ Empfehlungen vom September 1952 sich in seiner Ontologie des gesellschaftlichen Seins noch deutlich wieder erkennen. Man braucht nur das Kapitel Die gegenwärtige Problemlage aus dem ersten Teil mit dem Kapitel VI von Materialismus und Empiriokritizismus zu vergleichen, um gewahr zu werden, dass ähnlich, wie hier Haeckel gegen die Machisten, dort Hartmann, nur ausführlicher, gegen Carnap, Witt- 56 (AH) Als Harich die Bücher Hartmanns für Lukács zusammenstellte, war das Werk in der Tat für ihn nicht greifbar, weder im Buchhandel noch antiquarisch, so dass es fehlte. Zu lesen sind die Ausführungen Harichs auch als Spitze gegen die Budapester Lukács-Schule, gegen Agnés Heller und Ferenc Fehér. 57 (AH) Zitat nachgewiesen in: Lenin: Philosophische Hefte, Werke, Band 38, Berlin, 1964, S. 263. Zitat ausführlich in den Dialogen. 176 Teil I: Einleitung und Biographie genstein und Heidegger, gegen Karl Barth, Bultmann und Teilhard de Chardin usw. als Verbündeter »ausgenutzt« wird. Und mit dem Kapitel Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie gibt Lukács selbst jene Studie über dessen Gesamtwerk, die er 1952 anderen »in sachlich entschiedenem, aber ruhigem und höflichem Ton« zu schreiben empfohlen hatte. Seine Hartmann-Rezeption erschöpft sich darin jedoch bei weitem nicht. Sie durchdringt das gesamte Schaffen der letzten anderthalb Jahrzehnte seines Lebens. Stärker, als die unmittelbaren Bezugnahmen erkennen lassen, hat sie auf seine Ästhetik und seine Gesellschaftsontologie eingewirkt, und viel spricht dafür, dass sie auch seine Ethik, wäre die noch zu Stande gekommen, beeinflusst haben würde. Allein die Ausführungen über Wertkonflikte in dem Essay über Lessings Minna von Barnhelm, von 1963, lassen daran keinen Zweifel. Ja, nicht nur das: Wenn Lukács sich hinsichtlich der Ontologie der Natur auf wenige sehr allgemeine Bemerkungen beschränkt, so offenbar deshalb, weil er die kritische Einbeziehung aller wesentlichen Aussagen der Hartmannschen Naturphilosophie in den dialektischen Materialismus für eine unproblematische, leicht zu bewerkstelligende Aufgabe hielt. Wie alle seine größeren Werke hat Lukács auch die Ontologie des gesellschaftlichen Seins in deutscher Sprache verfasst. Der ungarischen Ausgabe ist ein Vorwort des Übersetzers István Eörsi vorangestellt.58 Darin wird behauptet, der Autor hätte kurz vor seinem Tode Unzufriedenheit mit seinem letzten Werk geäußert und in dem Zusammenhang bedauert, Nicolai Hartmann überbewertet zu haben. Irgendein Dokument, das dies bestätigen würde, existiert nicht. Eörsi stützt sich auf Auskünfte von Agnés Heller und Ferenc Fehér. Die nächsten Familienangehörigen erklären das Gegenteil für richtig.59 Bis zuletzt, versichern sie, habe Lukács über Hartmann immer nur mit größter Hochachtung gesprochen. Von einem Teil seiner Schüler sei diese Orientierung aber missbilligt worden. Namentlich Heller und Fehér hätten, vergebens, ihren Lehrer dazu zu überreden versucht, in puncto Ontologie eine Überlegenheit Heideggers anzuerkennen. Dem widerstrebend und in der Absicht, ihnen den eigenen Standpunkt besser verständlich zu machen, habe Lukács vor der Inangriffnahme seiner geplanten Ethik noch die Prolegomena zur Ontologie geschrieben, über denen er dann gestorben sei. Nur der 58 (AH) Mit diesem Thema beschäftigte sich Harich auch in einem Brief an Stefan Dornuf vom 5. November 1985 (abgedr. in: Band 9, S. 414–417) dort weitere Details der Angelegenheit. Der genannte Band 9 präsentiert weitere Briefe und Manuskripte, die dieses Thema erhellen. 59 (AH) Gemeint ist der Schwiegersohn von Lukács: Lajos Jánossy. 177Zur Geschichte von Leben, Werk und Wirkung chaotischen Form der unter wachsenden Altersbeschwerden zu Papier gebrachten Prolegomena habe seine Unzufriedenheit gegolten, nicht der Ontologie als solcher. Ausgangspunkt der Divergenzen zwischen Lukács und den genannten Schülern war eine unterschiedliche Auffassung des Alltagsbewusstseins. Während er hier von der Analyse der »emotional-transzendenten Akte« inspiriert ist, wie Hartmanns sie, unter scharfer Polemik gegen Heidegger, in seinem Werk Zur Grundlegung der Ontologie darlegt, sucht Heller in ihren thematisch einschlägigen Arbeiten gerade Heideggers Befunde über Alltäglichkeit in die marxistische Gesellschaftstheorie einzubringen. Doch Lukács behandelt das Alltagsbewusstsein bereits in dem riesigen Torso Die Eigenart des Ästhetischen, von 1963, in Anlehnung an Hartmann. Seine etwaige Abkehr von diesem, wäre sie wirklich erfolgt, hätte sich also in erster Linie hierauf beziehen müssen, und das heißt, die ihm unterstellte Selbstkritik hätte sein spätes Schaffen insgesamt betroffen. Von daher klingt Eörsis aus zweiter Hand bezogene Mitteilung besonders unseri- ös. Offensichtlich ist er einer Desinformation aufgesessen, mit deren Hilfe eine so genannte Budapester Philosophenschule die Autorität ihres angeblichen Begründers auch dort noch für sich mit Beschlag belegt, wo sie sich theoretisch am weitesten von ihm entfernt (in der politischen Praxis ist sie ohnehin von ihm abgefallen). Bricht diesesfalls der alte Antagonismus zwischen Hartmann und Heidegger wieder auf im Diadochenstreit um Lukács’ Vermächtnis, so wollen dessen offene Widersacher die Ontologie überhaupt mit einem Bannstrahl belegt wissen. Das Wort, wiewohl es zwei Mal in einem Text von Marx vorkommt,60 ist dem Sprachgebrauch der Marxisten ungewohnt. Also soll gefälligst auch die Sache aus der marxistisch-leninistischen Philosophie eliminiert bleiben. Diese Ansicht hat ihren eifrigsten Verfechter in Wilhelm Raimund Beyer gefunden, für den ontologische Fragestellungen per se Revisionismus sind. Von Beyer liegt bislang keine Publikation vor, die sich mit Hartmann oder anderen Ontologen unmittelbar auseinandersetzen würde. Ihm geht es einzig darum, Lukács bei der kommunistischen Bewegung anzuschwärzen, ihn in Bausch und Bogen als Häretiker abzutun, ja, den Nachweis zu führen, dass er der Arbeiterklasse und dem Sozialismus ideologisch jederzeit nichts als Schaden zugefügt hätte. Damit dies hinsichtlich seiner letzten Schaf- 60 (AH) Marx, Karl: Ökonomisch-philosophischen Manuskripte, in: Karl Marx; Friedrich Engels: Werke, Ergänzungsband, 1. Teil, Berlin, 1968, S. 562 f. Hierzu später ausführlich, unter Wiedergabe der entsprechenden Passage. 178 Teil I: Einleitung und Biographie fensperiode glaubhaft werde, muss es als Selbstverständlichkeit erscheinen, dass »der ständige Nothelfer, der Schutzheilige Nicolai Hartmann«, den Lukács zuletzt angebetet haben soll, ebenso wenig taugt wie die idealistischen Philosophen, deren Einfluss sich in Geschichte und Klassenbewusstsein zeigt. Beyers geifernden Schmähungen einen – wie Hartmann in solchen Fällen zu sagen pflegte – »Rest haltbaren Sinnes abzugewinnen«, fällt schwer. Und doch gibt es einen solchen Rest. In seiner Unkenntnis des gnoseologischen Hauptwerks von Hartmann nimmt Lukács zur Erkenntnistheorie eine extrem abwertende Haltung ein, die mehr seiner Neigung, die Liquidation der eigenen idealistischen Jugendsünden zu übertreiben, entgegenkommt, als dass sie von den Problemen her geboten wäre. Dahinter aber erhebt sich neben weiteren untergeordneten Fragen noch eine von zentralem Rang, die auch besonnenen, sachlicher urteilenden Gegner sowohl Hartmanns wie des späten Lukács aus Besorgnis um die Reinheit der Marxsche Lehre zu schaffen macht: Ob nicht jede Ontologie, selbst die rationellste, indem sie mit dem Begriff des Seins über den der Materie hinaus zu einem noch höheren, einem letzten Allgemeinen aufsteigt, sich eo ipso gegen den Materialismus stellt und schon aus dem Grunde nur idealistisch sein kann. In dieser Frage fassen die vorhin erwähnten Berührungsängste, genährt von Reminiszenzen an das Hegelsche, das Dühringsche, das neothomistische und, wahrlich nicht zuletzt, ans existenzialphilosophische Sein, sich zusammen. Im Folgenden wird ausführlich darauf eingegangen werden. Vorläufig bleibe die Antwort, die philosophiehistorisch und systematisch begründet zu werden verlangt, hier dahingestellt. Wie sie auch ausfallen mag, das Faktum, dass durch Lukács’ Alterswerk die »neue Ontologie« in die Weiterentwicklung und den weiteren Ausbau des dialektischen und historischen Materialismus nun einmal hineinverwoben ist, lässt sich so oder so nicht mehr aus der Welt schaffen. Ob man als marxistisch-leninistischer Philosoph Lukács’ Hartmann-Rezeption ablehnt oder sie gutheißt, ob man hinter sie zurück- oder über sie hinausstrebt, ein Weg an ihr vorbei lässt sich unmöglich mehr ausfindig machen. Das bedeutet nichts Geringeres, als dass in Hartmanns Wirkungsgeschichte der wichtigste Abschnitt eben erst begonnen hat. Es ist der Gedanke an die kommunistische Per spek ti ve der menschlichen Gesellschaft, der dieser Schlussfolgerung ihre Stringenz verleiht.

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Zusammenfassung

In den frühen vierziger Jahren konnte Harich, obwohl des Gymnasiums verwiesen, an der Berliner Universität Seminare und Vorlesungen besuchen. Zwei Professoren setzten sich für ihn ein: Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Mit Spranger traf er auch in den Nachkriegsjahren noch zusammen, Hartmann verstarb bereits 1950. Dennoch blieb die Philosophie des Letztgenannten eine Herausforderung, mit der Harich sein Leben lang rang. In den achtziger Jahren unternahm er dann den Versuch, das Denken Hartmanns dem Marxismus zu erschließen – immer mit Seitenblick auf die Vorarbeiten Georg Lukács’. Es entstanden im Verlauf eines knappen Jahrzehnts zahlreiche Manuskripte und Studien zu Hartmann, die hier präsentiert werden. Zudem kommen verschiedene Briefe und ergänzende Texte zum Abdruck. Zusammengenommen kann dieses umfangreiche Konvolut als das „philosophische Vermächtnis“ Harichs gelesen werden.