Kindheit und Jugend in:

Wolf H. Birkenbihl

Friedrich der Große, page 9 - 26

Monarch, Feldherr und Philosoph

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4111-6, ISBN online: 978-3-8288-6957-8, https://doi.org/10.5771/9783828869578-9

Tectum, Baden-Baden
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Kindheit und Jugend Seit Dezember 1711 standen Kanonen im Berliner Lustgarten und auf den Wällen der Stadtbefestigung bereit, um die Geburt eines Sohnes und Erben des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, des späteren „Soldatenkönigs“, und seiner Gemahlin Sophie Dorothea verkünden zu können. Am 24. Januar, zwischen 11 und 12 Uhr, wurde der sehnlichst erwartete Prinz geboren. Die Geburt des Enkels war für König Friedrich I. in Preußen das letzte bedeutsame Ereignis seines Lebens, denn er starb bereits am 25. Februar 1713 infolge einer Lungenerkrankung. Die zwei ersten Söhne des Kronprinzen, Friedrich Ludwig und Friedrich Wilhelm, waren beide im ersten Lebensjahr dem „Zahnen“ erlegen. So war es nur zu verständlich, dass der Oberhofzeremonienmeister Johann von Besser den Tag der Geburt des Prinzen in den „Ceremonialacta und Journal des Königlichen Preußischen Hofes“ gravitätisch verzeichnete: „Sonntags Morgen nach der Predigt, da man eben in der Predigt um eine glückliche Genesung der Kronprinzessin wegen herangenahter Geburtsstunde gebeten, genas sie zwischen 11 und 12 Uhr ihres dritten Prinzen, des jetzigen Prinzen von Preußen und Oranien. S.M. [Friedrich I.] hatten sich eben in ihrem Gemache an die Tafel gesetzet, aber weilen kurz darauf der Königliche Leibmedikus, der Herr Hofrat Gundelsheim, die fröhliche Zeitung von der Geburt des Prinzen gebracht, wurde S.M. vor Freuden so sehr darüber alteriert, daß sie mit Tränen in den Augen sich alsbald zur Kronprinzessin herübertragen ließen und hernachmals nichts essen konnten. Die Glocken wurden alsbald geläutet und alle Stücke auf den Wällen gelöset, so daß in einem Augenblicke die ganze Stadt und der Hof in unaussprechliche [Freude] versetzt ward. S.M. deklarierten, daß auch dieser Prinz gleich den vorigen den Namen «Prinz von Preußen und Oranien» führen sollte, und hing ihm nachmittags um 2 Uhr nebst einem ganz neuen Ordenskreuz das Ordensband um, wozu S.M. sich abermals zu I.K.H. der Kronprinzessin tragen ließ. Als S.M. aus 9 der Prinzessin Zimmer zurückkam und sich eben in Ihren Tragsessel setzen wollten, trat ich herzu und legte meine untertänigsten Glückwünsche ab, und weil ich unter anderem auch daran erinnerte, daß, da dieser Prinz in der Ordnung der dritte wäre, den die Kronprinzessin zur Welt gebracht, wir hoffen könnten, daß er auch derjenige sein würde, der beim Leben bleiben würde und nach Sr.M. glücklichem Exempel zur Regierung dermal uns kommen sollte, als welcher gleichfalls Ihre zwei älteren Brüder verloren und als dritter Prinz des Kur-Hauses Sukzessor geworden, empfunden S.M. darüber ein so großes Vergnügen, daß Sie alsbald sagten: «Ei, so will ich ihm auch meinen Namen geben» und, es der Kronprinzessin anzudeuten, wieder in der Prinzessin Gemach zurückgingen.“1 Für das noch recht junge Königtum der Hohenzollern, einem Land, das politisch zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation gehörte, das, einem Bonmot Voltaires zufolge, „weder heilig, noch römisch, noch reich und mächtig, noch deutsch“ war, war es von größter Bedeutung, dass die Dynastie einen gesunden, männlichen Erben stellen konnte. Bereits am 31. Januar 1712, eine Woche nach der Geburt des Prinzen, fand die feierliche Taufe statt. Wiederum läuteten die Glocken in der ganzen Stadt. Eine Doppelreihe von Schweizern und Gardisten säumte den Weg von den Gemächern des Kronprinzen zur Schlosskapelle. Dem Täufling hatte man eine kleine Krone auf das Haupt gesetzt und ihn in ein silbergewirktes, brillantenbesetztes Taufkleid gehüllt, dessen Schleppe von sechs Gräfinnen getragen wurde. Unter einem karmesinroten, von einer Markgräfin und zwei Markgrafen getragenen Himmel wurde der Prinz zur Kapelle gebracht, wo der König und die Königin, der Kronprinz und seine Gemahlin, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der sogenannte „Alte Dessauer“, sowie ein entsprechend großes Gefolge das Kind erwarteten. Der König stand unter einem mit Gold bestickten Baldachin, dessen vier Stangen von Kämmerern getragen wurden. Den Täufling übernahm zunächst der Monarch, um ihn anschließend an den kurfürstlichen Hofprediger und Bischof, Benjamin Ursinus von Baer, zu übergeben, der umgehend die Taufe vollzog. 1 H. Droysen: Zu Friedrich des Großen Geburt und Taufe, in: Hohenzollern-Jahrbuch, Jg. 1914, S. 241 Kindheit und Jugend 10 Zu den Paten und Patinnen, die ihre Vertreter geschickt hatten, gehörten neben anderen Kaiser Karl VI., Zar Peter I., der Große, Kurfürst Georg Ludwig von Hannover, die Kurfürstin-Mutter Sophie von Hannover und die Herzogin-Witwe Eleonore von Braunschweig-Bevern. Friedrich besaß im Gegensatz zu seinen verstorbenen Brüdern eine zähere Gesundheit. Stolz schilderte der Großvater ihn als „fet und frisch“, als ein „rechtes … gesundes Kind, das brav an seiner Amme saugt“. Am 30. August 1712 berichtete der König nach Hannover „daß Fritz nunmehro 6 Zähne hat und ohne die geringste Incommodität. Daraus kann man auch die Prädestination sehen, daß alle seine Brüder daran haben sterben müssen, dieser aber bekömmet sie ohne Mühe …“.2 Wohl nur die ersten Lebensjahre des Kronprinzen scheinen vollkommen unbeschwert gewesen zu sein. Diese Zeit verlebte er zumeist mit seiner drei Jahre älteren Schwester Wilhelmine. Beide durften sich nach Belieben in den Gemächern und Parkanlagen der königlichen Residenzen tummeln. Um die Erziehung des kleinen Prinzen kümmerte sich zunächst seine Gouvernante, Madame Marte du Vale de Rocoulle, eine Hugenottin, die bereits den Vater erzogen hatte. Für Friedrich blieb sie bis zu ihrem Tod „la chère bonne maman“. Vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr, zeitweilig auch danach, wurde Jacques Égide Duhan de Jandun, ebenfalls ein Hugenotte, vom König zu seinem Erzieher bestellt. Duhan war nicht nur Soldat, sondern auch den Künsten und Wissenschaften sehr zugetan, wofür Friedrich sich ab seinem achten Lebensjahr in zunehmendem Maße interessierte. In den Jahren von 1718 bis 1729 wurde die nunmehr vorrangig militärische Erziehung des Prinzen in die Hände zweier hoher Offiziere, des Gouverneurs und Oberhofmeisters Albrecht Konrad Graf Finck von Finckenstein und des Obersten Christoph Wilhelm von Kalkstein, gelegt. Ihre Aufgabe bestand nach Instruktion des Vaters darin, Friedrich unter Einfluss der Leibnizschen Lehre zu einem frommen Christen und tapferen Soldaten zu erziehen. 2 W. Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande». Friedrich der Große in Zeugnissen, Berichten und Anekdoten, Frankfurt a. M.-Berlin 1986, S. 12 Kindheit und Jugend 11 Gleich nach dem Aufstehen um sechs Uhr früh musste Friedrich niederknien und laut sein Gebet sprechen. Er hatte dem Allmächtigen zu danken, dass er ihn die Nacht über vor Unheil bewahrt hatte und musste darum bitten, er möge ihn von allem abhalten, was ihn von Gott abbringen würde. Anschließend folgten Waschen – von Händen und Gesicht – , Anziehen und Kämmen sowie Tee- und Kaffeetrinken. Um halb sieben betraten Lehrer Duhan und Bedienstete das Zimmer des Kronprinzen. Es folgten nun Bibellektüre, nochmaliges Beten und Singen eines Kirchenliedes. Von sieben Uhr bis Viertel vor elf fand Unterricht statt. Bevor der Kronprinz zusammen mit dem Vater das Mittagessen einnahm, wusch er sich nochmals, nunmehr mit Seife, und sein Haar wurde leicht gepudert. Beim König hielt er sich bis vierzehn Uhr auf. Dann folgten erneut bis siebzehn Uhr Unterrichtsstunden. Die verbleibende Zeit bis zum Schlafengehen um halb elf blieb ihm zur freien Verfügung. Sodann wünschte er dem Vater eine gute Nacht, wusch Hände und Gesicht, betete, sang ein frommes Lied. Danach musste der Gouverneur, der im gleichen Raum schlief, sofort das Licht löschen. „Er soll sich bemühen, sauber und ordentlich zu sein und niemals schmutzig. Das ist mein letztes Wort“3, sagte Friedrich Wilhelm einmal zu seinem Sohn. Der König selbst hatte ein derart übersteigertes Reinlichkeitsempfinden, dass er kein gepolstertes Mobiliar und keine Vorhänge in seinen Räumen duldete. Friedrich war Zeit seines Lebens trotz entsprechender Erziehung kein großer Freund von Sauberkeit. Die Erzieher des Prinzen milderten insgeheim manche vom Vater auferlegte Bestimmung des Lehrplans. Insbesondere Duhan kommt das Verdienst zu, Friedrich als erster mit Geschichte und Literatur vertraut gemacht zu haben. Auch das ausdrückliche Verbot des Königs, dem Kronprinzen Lateinunterricht zu erteilen, wurde von ihm auf Drängen Friedrichs umgangen. Eines Tages aber, als der Prinz etwa acht Jahre alt war, erschien Friedrich Wilhelm unerwartet während des Unterrichts und ertappte Duhan dabei, wie er Friedrich aus der „Goldenen Bulle“ übersetzen ließ. Der König fuhr Duhan an, was er hier denn für Unfug treibe. „Ihro Majestät“, versuchte dieser sich zu verteidigen, „ich explicire dem Prinzen auream bullam. Ich werde Dich 3 N. Mitford: Friedrich der Große, München 1973, S. 21 Kindheit und Jugend 12 Schurken auream bullam“4, schrie der König zornig und jagte Duhan mit Fußtritten und Stockschlägen aus dem Zimmer. Duhan ließ sich jedoch durch diesen Zwischenfall nicht beeinträchtigen und setzte bis zu seiner Entlassung durch den König im Jahre 1727 den Unterricht seines Zöglings von Zeit zu Zeit fort. Friedrich Wilhelm I. war sicherlich ein denkbar schlechter Pädagoge. Er hatte die Absicht, seinen Sohn nach den Grundsätzen von Strenge, Disziplin, protestantischer und militärischer Härte aufzuziehen, die er sich selbst angeeignet hatte, ohne die wesentlich kompliziertere, vielfältigere Veranlagung des kleinen Prinzen zu berücksichtigen. Sein Wille, einen Soldaten aus ihm zu machen, stand dabei im Vordergrund. Die ersten Spielzeuge des Kronprinzen waren Bleisoldaten, Rüstungen, Trommeln, Gewehre und kleine Kanonen. Mit vier Jahren musste er die 45 Kommandos des preußischen Exerzierreglements lernen und sich im Pistolenschießen üben, obgleich der Krach der Schüsse ihn anfangs erschreckte. Mit sechs Jahren wurde er in die Kompanierolle der „Kadetten des Königlichen Prinzen“ eingetragen, die eigens für ihn aufgestellt worden war. Bald übernahm er das Kommando und ließ die Kompanie von 131 Buben vor seinem Paten, Peter dem Gro- ßen, und seinem Großvater, Georg I. von Großbritannien, paradieren. Für ihre stramme Haltung erhielten alle anschließend vom König ein Fass Bier. Die Mutter Friedrichs hingegen, Sophie Dorothea, war eine feinsinnige Frau, die Literatur und den Künsten gegenüber sehr aufgeschlossen war und für die Neigungen des Kronprinzen, die sich in eben diese Richtung entwickelten, Verständnis zeigte. Auf Friedrich und seine Schwester Wilhelmine hatte sie jedoch keinen guten Einfluss. Ständig bekundete sie öffentlich ihre Geringschätzung und ihren Abscheu vor der Lebensweise des Königs, des „Bettlerkönigs“, wie sie ihn nannte und brachte die Kinder gegen den Vater auf. Sophie Dorothea vermisste seit dem Regierungsantritt ihres Gemahls den äußeren Glanz und Luxus der Monarchie, der ihr so sehr zusagte. So weit möglich führte sie ihr eigenes Leben in ihrem Schloss Monbijou am Spreeufer. Ihr vorrangiges Streben bestand darin, Wilhelmine und Friedrich 4 Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande», S. 18 Kindheit und Jugend 13 mit ihren englischen Verwandten, mit Frederick, dem Prinzen von Wales, und Prinzessin Amelia zu verheiraten. Diese „englische Heirat“ sollte außer einer umfangreichen Korrespondenz und stapelweise Akten nichts einbringen. Friedrich Wilhelm wollte von diesen Bestrebungen nichts wissen, weshalb die Königin ihren Kindern mitteilte, dass der Vater, wie so oft, ihrem Glück im Wege stünde. Sophie Dorotheas Vater, der britische König Georg I., mag diese angedachten Heiraten durchaus begünstigt haben, wohingegen sein Sohn Georg II. diesem Vorhaben eher reserviert gegenüber stand. Er brachte seinem Vetter und Schwager, der ihn, als sie beide Kinder waren, einmal fürchterlich verhauen hatte, nur Verachtung und Hass entgegen. Das ständige Aufbegehren Sophie Dorotheas gegen den König und ihre Verstrickung in allerlei Hofintrigen trugen erheblich zum Unfrieden in der königlichen Familie bei. Als Friedrich zwölf Jahre alt war, konnte jedermann erkennen, dass er mit seinem Vater auf denkbar schlechtem Fuß stand. Der Kronprinz war ein sensibler, höflicher, zuweilen boshafter Junge, der raue Umgangsformen hasste. Seine Stimme war klar und weich, seine großen blauen Augen hatten bereits jenen ausdrucksvollen und durchdringenden Blick, den sie immer behalten sollten. Seiner Schwester Wilhelmine zufolge, war Friedrichs Stimmung oftmals düster, er dachte lange nach, bevor er antwortete und lernte nur mühsam. „Dem König“, so schreibt Wilhelmine in ihren Memoiren, „war mein Bruder von Natur zuwider, er sah ihn nie, ohne ihn zu misshandeln, und das flößte ihm die Furchtsamkeit und Scheu ein, die er nie gegen seinen Vater ablegte.“5 Friedrich Wilhelm erteilte seinem Sohn den offiziellen Befehl, nur zu den Mahlzeiten in seiner Gegenwart zu erscheinen und drohte ihm ständig mit dem Stock. Friedrich bekam Schläge, weil er bei kaltem Wetter Handschuhe getragen, mit einem silbernen Löffel gegessen oder ihn ein bockendes Pferd abgeworfen hatte. Die Wutausbrüche seines Vaters ängstigten, aber faszinierten ihn auch. Als er älter wurde, verbündete er sich mit Wilhelmine und beide ärgerten den König, wo immer sich Gelegenheiten ergaben, um ihm, sobald sie ihn in Zorn versetzt hatten, geschickt aus dem Weg zu gehen. Zumeist suchten sie bei solchen Gelegenheiten Zuflucht hinter Wandschirmen im Zimmer ihrer Mutter oder entwischten 5 C. v. Grünwald: Porträt des Genius. Friedrich der Große, Hamburg 1967, S. 89 Kindheit und Jugend 14 durch Geheim- und Wandtüren in den Räumen der Königin. Dem Vater blieb nicht verborgen, dass die Königin ihren Sohn in Schutz nahm, wo sie nur konnte. Der König musste einsehen, dass sein Sohn sich, trotz aller Strenge, nicht in die von ihm gewünschte Richtung entwickeln würde. Friedrich gehorchte zwar meist, aber sein Verhalten ließ manchmal den vom Vater gewünschten Ernst vermissen. Während eines Besuchs im Haus des Vizepräsidenten des Generaldirektoriums*, General Friedrich Wilhelm von Gumbkow, im Frühjahr 1724, bemerkte der König plötzlich, auf den Sohn deutend: „Ich möchte wohl wissen, was in diesem kleinen Kopf vorgeht. Ich weiß, daß er nicht so denkt wie ich; es gibt Leute, die ihm andere Gesinnungen beibringen und ihn veranlassen, alles zu tadeln; das sind Schufte.“ Dieses letzte Wort wiederholte er nochmals und fuhr dann fort: „Fritz, denke an das, was ich dir sage. Halte immer eine gute und große Armee, du kannst keinen besseren Freund finden und dich ohne sie nicht halten. Unsere Nachbarn wünschen nicht mehr, als uns über den Haufen zu werfen, ich kenne ihre Absichten, du wirst sie auch noch kennen lernen. Glaube mir, denke nicht an die Eitelkeit, sondern halte dich an das Reelle. Halte immer auf eine gute Armee und auf Geld; darin besteht die Ruhe und die Sicherheit eines Fürsten.“6 Der Vater hatte seine Worte mit leichten Schlägen auf die Wange des Prinzen begleitet, die aber immer stärker wurden und schließlich in Ohrfeigen ausarteten. Ein Zerwürfnis zwischen König und Kronprinz schien unvermeidbar zu sein. Friedrich gab sich aber stets beherrscht und ließ die Schläge und Beleidigungen des Vaters geradezu mit Gleichmütigkeit über sich ergehen. Friedrich Wilhelm hielt weiterhin an seinem Vorhaben fest, die Entwicklung des Prinzen nach seinen Vorstellungen zu lenken. Am 1. Mai 1725 ernannte er den 13jährigen zum Hauptmann des Königlichen Leibregiments in Potsdam und sorgte dafür, dass der Schulunterricht weitgehend durch militärische Ausbildung ersetzt wurde. Auf Befehl des Königs hätten sich die Erzieher „äußerst angelegen sein zu lassen, Meinem Sohne die wahre Liebe zum Soldatenstande einzu- * Das Generaldirektorium, mit vollem Namen „General-Ober-Finanz-Kriegs- und Domainen-Directorium“, war eine zwischen 1723 und 1808 bestehende preußische Zentralbehörde für die Innen- und Finanzverwaltung. Es wurde von König Friedrich Wilhelm I. (1688 – 1740) als „Registratur“ eingerichtet. 6 Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande», S. 24 Kindheit und Jugend 15 prägen.“7 Mit 14 Jahren erfolgte die Ernennung Friedrichs zum Major der Potsdamer Grenadiere, der sogenannten „Langen Kerls“*, und mit 16 erhielt er das Patent als Oberstleutnant. Da Friedrich Wilhelm den Kronprinzen nun so eng wie möglich an sich binden und ständig kontrollieren wollte, musste dieser ihn auf nahezu allen Reisen begleiten. Still, ängstlich und oftmals krank schien Friedrich für körperliche Anstrengungen jeglicher Art wenig geeignet, doch auf dessen Konstitution nahm der Vater keinerlei Rücksicht. Er überforderte seinen Sohn ständig, so dass ein ausländischer Diplomat entsetzt feststellte: „Ob ihn schon der König herzlich liebt, so fatiguieret [ermüdet] er ihn mit Frühaufstehen und Strapazen den ganzen Tag dennoch dergestalt, daß er bei jungen Jahren so ältlich und steif aussiehet, als ob er schon viele Kampagnen getan hätte.“8 Oftmals saß der Kronprinz schon morgens um zwei Uhr im Sattel und sein Dienst dauerte bis spät in die Nacht. Als der König in den Jahren 1725 und 1726 zur Inspektion nach Magdeburg, Preußen und Westfalen reiste, musste Friedrich ihn begleiten. Der Sohn lehnte sich in jenen Jahren nie öffentlich gegen den Vater auf, er gab sich äußerlich stets gehorsam. Innerlich aber stemmte er sich mit aller Kraft gegen ihn. Der Frankfurter Schriftsteller und Jurist Johann von Loen bemerkte nach seinem Aufenthalt in Berlin: „Der König sowohl als die Königin halten diesen Prinzen unter einer scharfen Zucht, und es sind wohl wenig Königskinder in der Welt, denen so durch den Sinn gefahren und der jugendliche Wille gebeuget wird.“9 Über die Atmosphäre am Berliner Hof konnte Loen folgendes mitteilen: „Wenn man von dem Berliner Hof redet, so versteht man dar- 7 W. Heinze, H. Rosenburg: Quellen-Lesebuch für den Unterricht in der vaterländischen Geschichte. Für Lehrerbildungsanstalten und Lehrer, Hannover-Berlin 1903, 2. Teil, S. 62 f. * „Lange Kerls“ war die volkstümliche Bezeichnung für die Soldaten des Königsregiments (Nr. 6) Friedrich Wilhelms I., der sogenannten „Potsdamer Riesengarde“. Die Grenadiere dieses Regiments mussten mindestens 6 Fuß, also etwas über 1,88 Meter, messen. Spezialbeauftragte des Königs waren europaweit unterwegs, um große Männer durch hohe Handgeldzahlungen – manchmal auch unter Ausübung von Zwang – zur Dienstnahme in Preußen zu bewegen. 8 Wie Anm. 6 9 G. Volz (Hrsg.): Friedrich der Große im Spiegel seiner Zeit, 3 Bde., Berlin 1926, Bd. 1, S. 7 Kindheit und Jugend 16 unter schier nur die Kriegsleute; diese allein machen eigentlich den königlichen Hof aus. Die Räte, Kammerherren, Hofjunker und dergleichen, wann sie nicht zugleich Kriegsämter haben, werden nicht viel geachtet […]; die Gelehrten aber haben sich bei dem König am meisten verächtlich gemacht. […] Der schönste Glanz des preußischen Hofs bestehet in der auserlesenen Mannschaft, die der König auf den Beinen hat; insonderheit ist das große Grenadierregiment zu Potsdam etwas so herrliches und majestätisches, daß kein Potentat in der Welt es darinnen leicht dem König in Preußen wird vortun können. […] Wann sie ihre Waffenübungen machen, […] wann sie Feuer geben, wann sie auf und ab ziehen, so läßt es, als ob sie zusammen nur einen Körper ausmachten.“10 Friedrich Wilhelm bemühte sich unablässig und immer wieder aufs neue, den Sohn nach seinen Vorstellungen zu formen. Er nahm ihn neben den zahlreichen Reisen auch auf die Jagd mit, eine fürstliche Unterhaltung, die Friedrich Zeit seines Lebens ablehnte, oder er ließ ihn an der sogenannten „Abendgesellschaft“, dem „Tabakkollegium“, teilnehmen. Diese abendliche Runde, zu der sich Generäle, Minister, ausländische Botschafter und Possenreißer in einem kahlen Raum auf Holzbänken zusammen fanden, aus großen Körben den Tabak entnahmen und reichlich Alkohol konsumierten, war die einzige Entspannung des Königs. Der Kronprinz verabscheute diese biertrinkende, rauchende Männergesellschaft, die sich an derben Späßen und schmutzigen Witzen erfreute sowie mitunter Gefallen daran fand, Gelehrte wie den ehemaligen Präsidenten der Akademie der Wissenschaft, den Hofrat Jakob Paul Freiherr von Gundling, zu Hofnarren zu machen und möglichst erniedrigenden Demütigungen auszusetzen. Friedrich tat bei diesen Zusammenkünften so, als ob er rauche und trinke – beides konnte er sein Leben lang nicht ausstehen. Der Vater hatte ihn bei solchen Gelegenheiten unter genauer Beobachtung. Zu jenem Zeitpunkt sah Friedrich Wilhelm seine Erziehungsarbeit bereits als gänzlich gescheitert an. Es war ihm nicht gelungen, aus dem Sohn einen guten Soldaten zu machen. Friedrich schoss schlecht, saß krumm im Sattel und fiel bei einer Parade in Gegenwart der Generäle vom Pferd. Nach Ansicht des Vaters erfüllte der Kronprinz seine 10 Ebd., S. 5 ff. Kindheit und Jugend 17 Pflichten nicht. Er wusch sich nicht, trug aber Hemden mit Spitzen, kräuselte sein Haar und war vollkommen verweichlicht. Er las, insbesondere französische Literatur, spielte Flöte und hatte nur Spott übrig für Personen oder Dinge, die der König besonders schätzte. Missmutig rief der Vater aus: „Fritz ist ein Querpfeifer und Poet, er macht sich nichts aus den Soldaten und wird mir meine ganze Arbeit verderben!“11 Um Friedrich fortan noch besser unter Kontrolle halten zu können, stellte der Vater ihm vier junge Offiziere als Gefährten und Aufsichtspersonen zur Seite, die ihn ständig begleiten mussten. Diese hatten vom König die Order erhalten, den Kronprinzen von Verfehlungen jeglicher Art abzuhalten und Friedrich Wilhelm über alle Vorkommnisse Bericht zu erstatten. Friedrich gelang es innerhalb kurzer Zeit, seine Bewacher für sich einzunehmen. Mit einem dieser Offiziere, Leutnant Friedrich Ludwig von Borcke, verband ihn bald eine enge Freundschaft. Dennoch fühlte sich Friedrich aufgrund seiner misslichen Lage zutiefst bedrückt und niedergeschlagen. Aber auch der König verfiel im Winter 1727/28 in tiefste Schwermut und beabsichtigte ernsthaft abzudanken und seinem Sohn die Herrschaft zu übertragen. Zu eben jener Zeit erhielt Friedrich Wilhelm eine Einladung von August II., genannt „der Starke“, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, für Anfang des Jahres 1728 an den Dresdner Hof, die ihm durch den sächsischen Feldmarschall Jakob Heinrich Graf Flemming persönlich überbracht wurde. Zwischen beiden Königen war es vor einiger Zeit zu Spannungen gekommen, da ein sächsischer „Langer Kerl“, wohl unter Anwendung von Gewalt, nach Berlin verschleppt worden war. Beiden Fürsten war daran gelegen, die aufgrund dieses Zwischenfalls leicht angespannte Lage wieder zu normalisieren. Hocherfreut nahm der Preußenkönig die Einladung an. Da der sächsische Hof aber nicht nur einer der prunkvollsten und kultiviertesten war, sondern auch als einer der sittenlosesten galt, wollte Friedrich Wilhelm seinen Sohn zunächst nicht mit auf diese Reise nehmen. Seine Schwester Wilhelmine, die wusste, wie sehr sich ihr Bruder nach einer solchen Abwechselung sehnte und die selbst den 11 Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande», S. 26 Kindheit und Jugend 18 König begleiten durfte, drängte den sächsischen Gesandten in Berlin, Ulrich Friedrich von Suhm, so eingehend, bis dieser August II. dazu veranlasste, persönlich auf dem Erscheinen des Kronprinzen zu bestehen. Für Friedrich eröffnete sich in Dresden eine gänzlich neue, berauschende Welt. Festivitäten aller Art – Opern, Theateraufführungen, Bälle – lösten einander ab. Der Kronprinz erhielt auch Gelegenheit, erstmals öffentlich als Flötenspieler aufzutreten, wofür er mit reichlich Beifall belohnt wurde. Auch Friedrich Wilhelm vergnügte sich und blieb während dieser vier Wochen am sächsischen Hof bei bester Laune, obwohl er bemerkt haben muss, dass sein Sohn in dieser Gesellschaft eine bessere Figur machte als er. Auf einem der Bälle platzten ihm die Hosen, was ihn unfreiwillig zur komischen Figur machte. „Ich bin in Dressen und springe und tantze, ich bin mehr fatiguirt als wenn ich alle Tage zwei Hirsche tot hetzte“,12 schrieb er ausgelassen nach Berlin. Der Gastgeber scheute wahrhaftig keine Mühen, die Gäste abwechslungsreich zu unterhalten. Eines Abends führte August sie durch einige erlesene Räume des Schlosses. In einem wurde plötzlich ein Vorhang beiseite geschoben und der Gesellschaft bot sich nach Wilhelmines Schilderung folgender Anblick: „Es war dies ein Mädchen in dem Zustande unserer ersten Eltern, nachlässig auf einem Ruhebette hingestreckt. Dieses Geschöpf war schöner als man Venus und die Grazien malt: sie bot dem Blicke einen Körper von Elfenbein dar, weißer als der Schnee und schöner geformt als der der schönen Statue der mediceischen Venus in Florenz. Das Cabinet, welches diesen Schatz einschloß, war von so vielen Kerzen erleuchtet, daß ihr Glanz blendete und der Schönheit dieser Göttin einen neuen Schimmer verlieh. Die Erfinder dieses Schauspiels zweifelten nicht daran, daß der Gegenstand Eindruck auf das Herz des Königs machen werde, aber es kam ganz anders.“13 Sobald der Vater die „hingestreckte“ Schöne erblickt hatte, riss er den Hut vom Kopf, hielt ihn seinem Sohn vor das Gesicht und drängte ihn ungeduldig aus dem Raum. Friedrich hatte aber von der reizvollen Dame, der Gräfin Orczelska, einer illegitimen Tochter Augusts, wohl genug zu Gesicht bekommen, um von ihr hingerissen zu sein. Wilhel- 12 Ebd., S. 28 13 Ebd. Kindheit und Jugend 19 mine behauptete, ihr Bruder sei den Reizen dieser hübschen Frau erlegen und habe von der Reise nach Dresden sogar eine Geschlechtskrankheit mit nach Berlin gebracht. Inwieweit diese Darstellung reine Legende ist, bleibt offen. Es gilt aber als gesichert, dass Friedrich bald nach der Rückkehr aus Dresden von einer schweren, womöglich lebensbedrohenden, Krankheit befallen wurde. Tief besorgt berichtete der König am 23. April 1728 an den Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau: „Mein ältester Sohn ist sehr krank und wie eine Abzehrung. Sie können sich einbilden, wie mir zumute dazu ist. Ich will bis Montag abwarten; wo es dann nit besser wird, ein Konsilium aller Doktor halten, denn sie nit sagen können, wo es ihm sitzet, und er so mager wie ein Schatten wird, doch nit hustet. Also Gott sei anbefohlen; dem müssen wir uns alle unterwerfen. Aber indessen gehet es sehr hart, da ich soll itzo von die Früchte genießen, da er anfänget, räsonabel [vernünftig] zu werden, und müßte ihn in seiner Blüte einbüßen. Enfin [schließlich], ist Gottes Wille, der machet alles recht; er hat es gegeben, er kann es nehmen, auch wiedergeben. Sein Will gescheh im Himmel als auf Erden. Meine beste Konsolation ist: Wir müssen alle dahin, also einer frühe, der ander spät, da ist kein Kraut vor gewachsen. Ich wünsche Euer Liebden von Herzen, daß sie der liebe Gott möge vor allem Unglücke und solche Chagrin [Kummer] bewahren. Wenn die Kinder gesund sein, so weiß man nit, daß man sie lieb hat.“14 Der Kronprinz überstand die Krankheit, konnte aber erst, nachdem er bereits am 14. März 1728 das Oberstleutnantpatent erhalten hatte, Mitte Mai seinen militärischen Dienst wieder aufnehmen. Er war aber noch nicht wieder so weit genesen, um den Vater auf seinen Inspektionsreisen zu begleiten. Während der Abwesenheit des Königs widmete sich Friedrich vorrangig dem Lesen und Musizieren. Da August der Starke der Königin sein Kammerorchester und den Flötisten Johann Joachim Quantz für einige Zeit ausgeliehen hatte, fanden auf Schloss Monbijou fast täglich Konzerte statt. Kaum aber war der König wieder zurückgekehrt, setzte sich der Konflikt zwischen Vater und Sohn fort. So kam es zu Szenen, als Friedrich Wilhelm erfuhr, dass der Kronprinz Schulden gemacht 14 O. Krauske (Hrsg.): Die Briefe König Friedrich Wilhelms I. an den Fürsten Leopold von Anhalt-Dessau, Acta Borussica, Berlin 1905, S. 397 ff. Kindheit und Jugend 20 hatte, um sich insgeheim eine größere Bibliothek, die im Haus des Finanzrates Julius von Pehnen untergebracht war, und Noten zuzulegen. Friedrich, der wohl den anpassungsfähigen Charakter seiner Mutter geerbt hatte, es zudem fast schon gewohnt war, dass der Vater mit Kerzenleuchtern und Tellern nach ihm warf, schwieg und erleichterte seine Seele in Briefen an Freunde. „Der König ist beständig schlechter Laune“, schrieb er am 3. September 1728 aus Wusterhausen* an den jungen Leutnant von Borcke, „er brummt gegen jedermann, ist mit niemand, auch [nicht] mit sich selbst, zufrieden, leider Gottes; wie könnte man ihn zufriedenstellen? Er ist schrecklich aufgebracht gegen mich. […] Er hat alles mögliche mit mir vor, aber schwankt zu sehr, so daß ich glaube, es wird alles beim alten bleiben. Wir sind weder vorwärts noch rückwärts gekommen […], man lernt endlich durch die Länge der Zeit, sorglos zu werden; ich bin es jetzt trotz allem, was mir passieren kann, ich blase Flöte, ich lese und liebe immer meine Freunde mehr als mich selbst.“15 Wenig später, am 10. September, wandte sich Friedrich, da er den Vater nicht mehr anzusprechen wagte, in einem Brief an ihn: „Mein lieber Papa, ich habe mich lange nicht unternehmen mögen zu meinem lieben Papa zu kommen, teils weil es mir abgeraten, vornehmlich aber weil ich mich noch einen schlechteren Empfang als den ordinairen [gewöhnlichen] sollte vermuten sein; und aus Furcht, meinen lieben Papa mehr mit meinem gegenwärtigen Bitten zu verdrießen, habe ich es lieber schriftlich tun wollen. Ich bitte also meinen lieben Papa, mir gnädig zu sein, und kann hierbei versichern, daß, nach langem Nachdenken, mein Gewissen mir nicht das mindeste gezeigt hat, worin ich mir etwas zu reprochiren [vorzuwerfen] haben sollte; hätte ich aber wider mein Wissen und Willen getan, das meinen lieben Papa verdrossen habe, so bitte ich hiermit untertänigst um Vergebung und hoffe, daß mein lieber Papa den grausamen Haß, den ich aus allem sei- * Friedrich Wilhelm I. liebte dieses kleine, einfache Schloss in Wusterhausen, das von einem übelriechenden Wassergraben umgeben war und an dessen Zugbrücke, nahe des Eingangs, zwei Bären und vier Adler angekettet waren, die vor allem durch ihr aggressives Verhalten Bediensteten und Besuchern gegenüber auffielen. 15 G. Mendelssohn-Bartholdy (Hrsg.): Der König. Friedrich der Große in seinen Briefen und Erlassen, sowie in zeitgenössischen Briefen, Berichten und Anekdoten, Ebenhausen 1912, S. 9 Kindheit und Jugend 21 nem Tun genug habe wahrnehmen können, werde fahren lassen; ich könnte mich sonst gar nicht darein schicken, da ich sonsten immer gedacht habe, einen gnädigen Vater zu haben, und ich nun das Contraire [Gegenteil] sehen sollte. Ich fasse dann das beste Vertrauen, und hoffe, daß mein lieber Papa dieses Alles nachdenken und mir wieder gnädig sein wird […]“16 Die schriftliche Antwort des Vaters fiel jedoch höchst ungnädig aus: „Sein eigensinniger, böser Kopf, der nicht seinen Vater liebet; denn wenn man nun Alles tut, absonderlich seinen Vater liebet, so tut man, was er haben will, nicht wenn er dabei steht, sondern wenn er nicht Alles sieht. Zum Andern weiß er wohl, daß ich keinen effeminierten [verweiblichten] Kerl leiden kann, der keine männliche Inclinationen [Neigungen] hat, der sich nicht schämt, weder reiten noch schießen zu können, und dabei malpropre [unreinlich] an seinem Leibe, seine Haare wie ein Narr sich frisieret und nicht verschneidet, und ich Alles dieses tausendmal reprimandiret [getadelt], aber Alles umsonst und keine Besserung in Nichts ist. Zum Andern hoffärtig, recht bauernstolz ist, mit keinem Menschen spricht, als mit Welschen, und nicht populär und affable [leutselig] ist, und mit dem Gesichte Grimassen macht, als wenn er ein Narr wäre, und in nichts meinen Willen tut, als mit der Force angehalten; nichts aus Liebe, und er Alles dazu nichts Lust hat, als seinem eigenen Kopf folgen, sonsten Alles nichts nütze ist.“17 Friedrich gab trotz dieser eindeutigen Antwort die Hoffnung nicht auf, den Vater doch noch sanfter stimmen zu können. So äußerte er wenig später während eines Essens aus Anlass des Hubertusfestes dem sächsischen Gesandten gegenüber mit lauter Stimme, so dass es der König hören konnte, wie sehr er seinen Vater ehre. Bald darauf warf er sich dem Vater in gespielter Trunkenheit zu Füßen und küsste ihm die Hände. Zwar war Friedrich Wilhelm an diesem Abend hoch erfreut über das Verhalten des Sohnes, aber langfristig änderte sich an seiner Willfährigkeit ihm gegenüber nichts. Er trat nun sogar nach dem 16 J. Preuß (Hrsg.): OEuvres de Frédéric le Grand, 30 Bde., Berlin 1846-1857, Bd. 27, Teil 3, S. 10 17 Ch. Graf v. Krockow, K.H. Jürgens: Friedrich der Große. Lebensbilder, Bergisch Gladbach 1986, S. 28 Kindheit und Jugend 22 Kronprinzen oder zog ihn an den Haaren – bevorzugt vor den Augen der Dienerschaft und Offiziere. Die beiden Offiziere Finckenstein und Kalckstein, die dem Kronprinzen vom Vater als Erzieher zur Seite gestellt, worden waren, wurden im Frühjahr 1729 durch Oberstleutnant Friedrich Wilhelm von Rochow und Leutnant Dietrich Freiherr von Keyserlingk ersetzt. Rochow sollte bei der Erziehung des Prinzen einer eindeutigen Instruktion des Königs folgen und Friedrich darin unterweisen, „daß alle effiminierte, laszive, weibliche Occupationes [Beschäftigungen] einem Manne höchst unanständig wären“, derartiges sei etwas für Gecken und Damoiseaux [Zierbengel]; “ein Damoiseau aber ist ein Lump und ein schurkischer Kerl, der zu nichts nutz in der Welt, als zu Nasenstübern.“18 In seiner Unterweisung tadelte der König zudem, dass der Prinz „in seinem Gehen, Lachen, Sprechen allemal grimassiret, und wenn er reitet, isset oder gehet, sich allezeit krumm und schief hält. Wer aber“, so der Vater, „den Kopf zwischen den Ohren hangen läßt und schlotterig ist, der ist ein Lumpenkerl.“ Rochow soll mit allen Mitteln dem Prinzen „die Schlafmütze auf dem Kopp vertreiben, daß er mehr Vivacität bekommt:“19 Friedrich Wilhelm hoffte, so aus seinem Sohn doch noch einen guten Offizier und „honnête-homme“* – einen aufrichtigen Mann – machen zu können. Friedrich verstand sich mit beiden neuen Erziehern ausgezeichnet, „aber Keyserlingk als der ausschweifendere und jüngere war ihm infolgedessen lieber“20,wie Wilhelmine in ihren Memoiren festhielt. Aber auch Rochow konnte letzten Endes die Situation nicht mehr ändern. Die Zusammenstöße zwischen Vater und Sohn häuften sich fortan eher noch. Der Kronprinz war aufgrund ständiger Überwachung gezwungen, all das, was ihm am Herzen lag und wofür 18 Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande», S. 31 19 Ebd., S. 31 * Nicolas Farets Hauptwerk, das im Jahre 1630 unter dem Titel „L’Honnête Homme ou L’art de plaire à la Cour“ in Paris erschien, verschaffte dem Autor nachhaltige Anerkennung und die sofortige Aufnahme in die 1635 gegründete Académie française. In seinem Erziehungs- bzw. Verhaltenstraktat bespricht Faret die wichtigsten Regeln für das erfolgreiche Auftreten des Adeligen bei Hofe im Zeitalter des Absolutismus. 20 I. Weber-Kellermann (Hrsg.): Wilhelmine von Bayreuth, Frankfurt a. M. 1990, S. 31 Kindheit und Jugend 23 er sich interessierte, heimlich zu tun. Der Flötenunterricht, den Quantz ihm gab, musste stets im Verborgenen statt finden. Quantz kam erstmals im Mai 1728 beim Besuch Augusts des Starken am Preu- ßischen Hof nach Berlin. Die Königin war von seinem Spiel so begeistert, dass sie ihn nur zu gerne in ihren Diensten gesehen hätte, was August jedoch ablehnte. Wohl gestattete er es Quantz aber, zweimal jährlich nach Berlin zu reisen, um Friedrich im Flötenspiel zu unterrichten. Meist fand dieser heimliche Unterricht am frühen Morgen oder aber am Nachmittag statt. So geschah es auch im Sommer des Jahres 1730, kurz vor einer gemeinsamen Reise von Vater und Sohn in die Rheinprovinzen. Der Kronprinz hatte beim Musizieren, wie meist, die Uniform, den „Sterbekittel“, wie er verächtlich sagte, abgelegt und sich in einen bequemen Schlafrock aus Goldbrokat gehüllt. Auch trug er keinen Zopf, sondern eine gepuderte französische Perücke mit Haarbeutel. Vor der Tür zu Friedrichs Raum stand bei diesen musikalischen Treffen stets ein mit dem Prinzen befreundeter Offizier, um ein überraschendes Kommen des Vaters sofort zu melden. An jenem Tag war dies der junge Leutnant Hans Hermann von Katte, der plötzlich ins Zimmer gestürzt kam und aufgeregt das Nahen des Königs ankündigte. Eiligst ergriff Katte Flöten und Noten, packte Quantz bei der Hand und flüchtete mit ihm in eine angrenzende, zum Beheizen der Öfen bestimmte Kammer. Hier mussten beide über eine Stunde ausharren. Friedrich gelang es noch, den Schlafrock gegen die Uniform auszutauschen, nicht aber die Perücke samt Haarbeutel verschwinden zu lassen. Dieser Anblick entzürnte den Vater vollends, er riss seinem Sohn die Perücke vom Kopf und untersuchte das ganze Zimmer, bis er endlich hinter der Wandverkleidung verborgene Fächer voll mit Büchern, zumeist natürlich französische Literatur, und Schlafröcken entdeckte. Letztere warf er auf der Stelle in das Kaminfeuer. Die Bücher wurden dem Buchhändler Haude zum Verkauf übergeben, der sie jedoch, da er Mitleid mit dem Prinzen hatte, zu Friedrichs Verfügung hielt und ihm später die gesamte Bibliothek wieder zurückgab. Die tiefe Kluft zwischen Vater und Sohn war zu diesem Zeitpunkt unüberbrückbar geworden. Wilhelmine, die für ihren Bruder nur höchste Bewunderung empfand (“…der liebenswürdigste Prinz, den man sich denken konnte, schön und gut gewachsen, mit einem für sein Kindheit und Jugend 24 Alter überlegenen Geist…“)21, schilderte in ihren Memoiren, wie sich die Auseinandersetzung allmählich ihrem Höhepunkt näherte: „Niemand weiß, was ich ertragen muß“, habe ihr der Bruder berichtet. „Täglich bekomme ich Schläge, werde behandelt wie ein Sklave und habe nicht die mindeste Erholung. Man verbietet mir das Lesen, die Musik, die Wissenschaften, ich darf fast mit niemand mehr sprechen, bin von lauter Aufpassern umgeben. Was mich endlich ganz überwältigt hat, ist der letzte Auftritt, den ich in Potsdam mit dem König hatte. Er läßt mich des Morgens rufen; sowie ich eintrete, faßt er mich bei den Haaren, wirft mich zu Boden, und nachdem er seine starken Fäuste auf meiner Brust und meinem ganzen Leibe erprobt hatte, schleppt er mich an das Fenster und legt mir den Vorhangstrang um den Hals. Glücklicherweise hatte ich Zeit gehabt, mich aufzuraffen und seine beiden Hände zu fassen; da er aber den Vorhangstrang aus allen Kräften zuzog, und ich mich erdrosselt fühlte, rief ich endlich um Hilfe. Ein Kammerdiener eilte herbei und befreite mich mit Gewalt aus des Königs Händen. Sage nun selbst, ob mir ein anderes Mittel übrigbleibt als die Flucht? Katte und Keith sind bereit, mir bis ans Ende der Welt zu folgen; ich habe Pässe und Wechsel und habe alles so gut eingerichtet, daß ich nicht die geringste Gefahr laufe. Ich entfliehe nach England; dort empfängt man mich mit offenen Armen, und ich habe von des Königs Zorn nichts mehr zu fürchten.“22 21 Wie Anm. 20, S. 96 22 Wilhelmine Markgräfin von Bayreuth: Memoiren. Aus dem Französischen übersetzt von A. Kolb, Leipzig 1920, S. 146 ff. Kindheit und Jugend 25

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Zusammenfassung

Friedrich II., der Große, König von Preußen, gilt zweifellos als eine der umstrittensten, aber auch populärsten Gestalten der neuzeitlichen Geschichte. Die kontroverse Beurteilung dieses Herrschers findet ihre Begründung in seiner eigenen, so widersprüchlichen Persönlichkeit. Dieser intelligente, ungeheuer begabte und religiös tolerante Mensch war nicht nur seinen Zeitgenossen mitunter rätselhaft, sondern lässt bis heute manche Frage offen. Die einen sehen ihn als aufgeklärten und tatkräftigen Monarchen, als einen Schriftsteller von Bedeutung und weltgewandten Philosophen, die anderen betrachten ihn als Tyrannen, Zyniker und Machiavellisten. In der Darstellung soll ein unvoreingenommener Blick auf die Persönlichkeit und das Wirken Friedrichs des Großen geworfen werden. Im Vordergrund stehen die persönlichen Aussagen des Königs in seinen politischen, historischen und philosophischen Werken sowie seinen Briefen. Darüber hinaus geben Berichte von Zeitgenossen Einblick in das Geschehen.