Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen in:

Wolf H. Birkenbihl

Friedrich der Große, page 51 - 58

Monarch, Feldherr und Philosoph

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4111-6, ISBN online: 978-3-8288-6957-8, https://doi.org/10.5771/9783828869578-51

Tectum, Baden-Baden
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Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen Die Möglichkeit einer ersten kriegerischen Bewährung schien der Polnische Thronfolgekrieg (1733–1738) zu bieten, der nach dem Tod Augusts II. am 12. September 1733 ausbrach. Um dessen Nachfolge kämpften sowohl sein Sohn, der sächsische Kurfürst Friedrich August II., der von Russland und Österreich unterstützt wurde, als auch Stanislaus Lesczynski, der schon einmal, von 1704 bis 1709, polnischer Monarch gewesen war und nun von der Mehrheit in Polen wieder zum König gewählt worden war. Der französische König Ludwig XV. favorisierte Stanislaus, seinen Schwiegervater, wohingegen Kaiser Karl VI. eindeutig den Sohn des Verstorbenen vorzog. Im Herbst 1733 überschritt die französische Armee den Rhein, um die kaiserlichen Kräfte zu zersplittern und besetzte die kaiserliche Stadt Kehl. Langsam formierten sich nun die Reichstruppen des Kaisers, denen der König in Preußen das zugesagte Kontingent von 10.000 Mann zur Unterstützung bereit stellte. Friedrich hegte große Hoffnung, dabei sein zu dürfen: „Ich will in den Krieg ziehen“, schrieb er an Wilhelmine, „und den Herren Franzosen beweisen, daß es da hinten in Deutschland junge, reichlich unverschämte Burschen gibt, die sich ohne zu zittern gegen ihre ganze Heeresmacht wagen.“61 Am 1. Juli 1734 war es endlich soweit und er brach auf, begleitet von General von der Schulenburg und Oberstleutnant von Bredow, der eine minutiöse Instruktion des königlichen Vaters für den Sohn bei sich trug. Friedrich habe sich so zu betragen, „wie es einem Prinzen aus altem Brandenburgischen Geblüte und einem ehrlichen, braven und rechtschaffenen Soldaten gehöret und gebühret“. Er soll alles den Dienst Betreffende erlernen, „nicht nur allein von dem großen Dienste, sondern auch von dem ganzen Detail“. Beispielsweise, wie die Schuhe der Musketiere beschaffen sind, und wie lange ein Soldat sie in einer Kampagne tragen kann, „und so ferner bis zur hundertpfündigen Ka- 61 Gaxotte: Friedrich der Große, S. 132 51 none, auch endlich bis zu dem großen Dienste und bis zu des Generalissimi dispositiones.“ Er soll alles sehen, beobachten, sich eifrig erkundigen, „und fleißig davon raisonniren.“ In einer Armee finden sich allerhand Menschen, unter ihnen auch Fürstensöhne „und andere, junge Leute von Extraction“. Die meisten von ihnen taugen nicht viel, er soll diesen Herren höflich begegnen, aber sie mit Guten Tag ihren Weg gehen lassen. Dagegen soll er sich an die Leute halten, die im Kriegshandwerk erfahren sind, am allermeisten mit den alten Generälen und ganz besonders mit dem kommandierenden General, dem Prinzen Eugen. „Allemal und so oft des Prinzen Eugenii Durchl. ausreitet, es sey nun um etwas zu rekognosciren oder aber wenn er in Approchen [Gräben] oder in Bataille reitet, so soll des Kronprinzen Liebden sich bei ihm einfinden und ihm accompagniren…“ Er soll im preußischen Korps kampieren und vor allem mit den preußischen Offizieren verkehren; sie werden ihn die Subordination, die Zuordnung militärischer Einheiten, lehren, die „das Hauptfundament vom Soldatenstand“ ist. Wenn es zum Schlagen kommt, soll der Kronprinz sich bis zur Hälfte der Aktion beim Prinzen Eugen, dann aber bei den preußischen Truppen aufhalten. Er soll beständig „in Montur“ gehen und sich niemals in anderen Kleidern sehen lassen, er soll nie ein Wort gegen Gott oder die Heilige Schrift reden. Wenn „Officiers von der Armee sich mit den Feindlichen pistolittiren; so wollen Se. Königliche Majestät, daß so wenig des Kronprinzen Liebden, als Dero Vettern sich dabei finden lassen, noch sich darin meliren und unnützlicher Weise kanonieren sollen.“62 Um sich zu „meliren“ oder gar zu „kanonieren“ sollte es in diesem Feldzug wahrhaftig keine Möglichkeit geben, wie Friedrich aus dem Hauptquartier des Prinzen Eugen in Wiesenthal, unweit des von den Franzosen belagerten Philippsburg, seiner Schwester Wilhelmine am 12. Juli 1734 leicht spöttisch berichtete: „Hier geschieht nichts, außer daß man das französische Lager unter Wasser setzen will, um den Gegner zur Aufhebung der Belagerung zu zwingen. Blut ist bisher fast gar nicht geflossen, außer bei den Husaren. Glanz und Pracht fehlen hier ganz […]. Dieser Feldzug ist die friedlichste Sache von der Welt. Man hört keinen Schuß fallen. Die Franzosen hüten sich wohl, uns an- 62 Wie Anm. 61, S. 133 f. Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 52 zugreifen, und die Unseren haben ebensowenig Angriffslust. Man führt hier Krieg wie auf der Berliner Generalrevue.“63 Prinz Eugen, der 70jährige Befehlshaber der kaiserlichen Truppen, der am Rhein, unterstützt von preußischen Truppen, gegen die Franzosen im Feld stand, entsetzte Philippsburg nicht, sondern überließ die Stadt beinahe kampflos der französischen Armee. Der vielgereiste Jurist Johann Michael von Loen schilderte den in die Jahre gekommenen Türkensieger wie folgt: „Der Prinz Eugenius von Savoyen hat für einen so großen Helden keinen starken Körper. Er ist gleichsam wie von seinem eigenen Ruhm gebeugt. Ein längliches, hageres Gesicht mit herunterhängenden Unterlefzen, eine große Nase, kleine schwarze Augen, deren Feuer mit der Lebhaftigkeit seiner Jahre zu verlöschen scheinet […] ,ein stets nachsinnendes Wesen, das sich mit wenig ausdrückt: Sehet die jetzige Gestalt dieses vortrefflichen Prinzen, dessen Weisheit nichtsdestoweniger um so viel stärker zu werden scheinet, je mehr die Munterheit, so vor diesem seine Jugend belebt, in Abnehmen kommt. Die Musen scheinen jetzo gleichen Anteil an dem Ruhm dieses Helden zu nehmen als seine herrlichen Siege. Er sammlet eine kostbare Bibliothek, er bauet und gebrauchet die Kräfte seines Verstandes ja so sehr zu heilsamen Ratschlägen, als vormals, Städte zu erobern und Schlachten zu gewinnen.“64 Der Aufenthalt Friedrichs im Hauptquartier des Prinzen Eugen brachte ihm zwar keinen Schlachtenruhm, wohl aber die Feuertaufe ein, über die der kursächsische Gesandte von Suhm folgendes mitzuteilen wusste: „Während des Rheinfeldzuges hat man seinen Mut wohl beachtet. Einmal, als er mit einem ziemlichen Gefolge die Philippsburger Linien erkundete und bei seiner Rückkehr durch ein lichtes Gehölz ritt, begleitete das Geschützfeuer der Linien ihn immerfort und zerschoß Bäume dicht neben ihm, ohne daß er sein Pferd antraben ließ und ohne daß die Zügelfaust die geringste ungewöhnliche Bewegung machte, obwohl man scharf darauf aufpaßte. Vielmehr sprach er ununterbrochen sehr ruhig mit ein paar Generalen, die ihn begleiteten; sie bewunderten seine Haltung in einer Gefahr, an die er doch noch 63 G. Volz (Hrsg.): Friedrich der Große und Wilhelmine von Baireuth, 2 Bde., Leipzig 1924-1926, Bd. 1, S. 224 ff. 64 J.M. v. Loen: Gesammelte kleinere Schriften. Frankfurt a.M. 1750, Bd. 1, Abschnitt 3, S. 5 ff. Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 53 nicht gewohnt sein konnte. Diese Anekdote habe ich vom Fürsten Liechtenstein.“65 Am Abend jenes Tages suchten Prinz Eugen und der Herzog von Württemberg den Kronprinzen in dessen Zelt auf, um ihm ihre Anerkennung für sein mutiges Auftreten auszusprechen. Als sie sich verabschiedeten, gab Friedrich dem Herzog einen Kuss auf die Wange, woraufhin Prinz Eugen sich umdrehte und ausrief: „Nun, und wollen denn Ew. Hoheit meine alten Backen nicht auch küssen?“ – «O herzlich gern!» erwiderte der Kronprinz, küßte den Prinzen Eugen mit vieler Herzlichkeit verschiedene male, und so schieden sie auseinander.“66 Zum großen Leidwesen Friedrichs traf rund eine Woche nach ihm auch der königliche Vater im Lager ein und war noch unausstehlicher als gewöhnlich: „Wir haben hier einen Virtuosen“, schrieb er an seine Schwester, „der ein Instrument spielt, welches das ganze Lager rasend macht. Ich beschwöre Sie, beten Sie mit uns zu Gott, daß wir seiner bald entledigt werden. Sollte er noch länger bleiben, so bitte ich ein Tollhaus bauen zu lassen, und mir darin eine Zelle vorzubereiten, denn es wird mir ergehen, wie so vielen anderen, die den Verstand zu verlieren beginnen.“ Und ebenso erleichtert wie respektlos fügte er hinzu: „Unser Dickwanst geht in acht Tagen wieder.“67 Womöglich hatte sich Friedrich Wilhelm bei der Reise ins Hauptquartier übernommen, denn ein gesundheitlich schwer angeschlagener König verließ das Feldlager Richtung Berlin. Ende September bereits löste sich die Rheinarmee auf und bezog Winterquartier, woraufhin der Kronprinz sich nach Potsdam begab, um den ernsthaft kranken Vater aufzusuchen, mit dessen Ableben man bereits rechnete. Als er am 12. Oktober 1734 nachmittags dort eintraf, bot sich ihm, wie er Wilhelmine berichtete, ein erbarmungswürdiger Anblick: „Zu meinem Schmerze hatte ich den traurigsten Anblick der Welt; denn der König befand sich im trostlosesten Zustand. Ich gestehe, liebste Schwester, ich hätte nicht geglaubt, daß es ihm so geht. […] Die Beine sind bis zum Oberschenkel angeschwollen, der Fuß zwischen Wade und Knöchel scharlachrot und offenbar vereitert. Der Leib hängt her- 65 Preuß (Hrsg.) : OEuvres, Bd. 27, Teil 3, S. 181 66 Anon. 1787-1789, Anecdoten und Karakterzüge aus dem Leben Friedrichs des Zweiten, 12 Bde, Berlin o.J., Bd. 12, S. 9 67 Hofmann: «Flegels haben Wir genung in lande», S. 82 f. Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 54 ab, er ist zwei Händebreit stärker als sonst. Arme und Gesicht sind schrecklich mager, das Gesicht hat blaue Flecken, die Farbe ist gelb und der Atem so kurz, daß er kaum Luft bekommt. Er kann so gut wie nichts essen noch schlafen. […] Kurz, er ist so krank, daß das Herz mir blutet, wenn ich daran denke. Wir fürchten jeden Augenblick die Todesnachricht. Seine Geduld ist grenzenlos. […] Manchmal sagt er mit rührender, trauriger Miene zu uns: Ich bin erst sechsundvierzig Jahre, habe auf Erden alles, was ich wünschen kann, und der liebe Gott hatte mich zu einen glücklichen Herrscher gemacht. Und nun bin ich den grausamsten Qualen preisgegeben, die es vielleicht auf der Welt gibt. Aber ich will alles geduldig ertragen. Mein Heiland hat noch viel mehr für mich gelitten, und durch meine Sünden habe ich Gottes Strafe wohl verdient. […] Wir können nichts anderes als weinen, wenn wir ihn so sehen, und ich kann Dir schwören, ich hätte nie geglaubt, daß ich ihn so liebhabe…“68 Friedrich Wilhelm litt noch eine Weile an Erstickungsanfällen und sein Körper war derart angeschwollen, dass man die Wassersucht nur allzu deutlich erkennen konnte. Seiner Schwester Wilhelmine beschrieb Friedrich den Zustand des Vaters geradezu lapidar: „… wenn man den König ein wenig geschwind mit dem Rollwagen fährt, so höret man das Wasser im Leibe poltern.“69 Doch wider Erwarten – Friedrich hatte sich bereits durchaus mit dem Gedanken angefreundet, kurz vor der Regierungsübernahme zu stehen – wurde der Vater wieder gesund. Seiner Schwester teilte er am 10. Januar 1735 geradezu konsterniert mit: „…Was den König betrifft, so muß ich Ihnen mit dem größten Erstaunen mitteilen, daß er sich vollkommen erholt, daß er zu gehen beginnt, und daß er sich besser befindet als ich. Ich habe gestern mit ihm gespeist, und ich kann Sie versichern, daß er für vier ißt und trinkt. Er wird in acht Tagen nach Berlin gehen, und ich glaube bestimmt, daß er in vierzehn Tagen reiten wird. Das ist ein so außerordentliches Wunder, wie es je eins gegeben hat…“70 Diese völlig unerwartete Veränderung der Verhältnisse stürzte Friedrich von neuem in eine tiefe seelische Krise, die womöglich noch 68 Volz (Hrsg.): Friedrich der Große und Wilhelmine von Baireuth, Bd 1, S. 248 ff. 69 Hofmann: «Flegels haben Wir genung im lande», S. 83 70 Mendelssohn-Bartholdy (Hrsg.): Der König , S. 64 Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 55 schwerer war als jene, die ihn, so urteilt sein Biograph Gustav Berthold Volz, nach der Hinrichtung Kattes befallen hatte. Kurz zuvor hatte er seine Schwester noch nahezu befreit wissen lassen: „…Die Nachrichten vom König sind sehr schlecht. Man prophezeit ihm kein langes Leben. Doch ich habe beschlossen, mich über alles, was geschehen mag, zu trösten. Denn schließlich bin ich fest überzeugt, daß ich bei seinen Lebzeiten keine guten Tage haben werde, und ich glaube, ich finde hundert Gründe gegen einen, daß Du ihn rasch vergessen wirst.“71 Voll Bitterkeit und äußerst ernst kehrte der Kronprinz nach Ruppin zurück, wo er Trost in Musik und Lektüre fand. Ein zweiter Aufenthalt im Hauptquartier unterblieb, damit der Sohn nicht erneut „Zeuge der kaiserlichen Inaktion, welche nicht eben glorieux für einen Kronprinzen von Preußen sein kann“72, werde, wie ihm der Vater beschied. Dennoch konnte Friedrich insgesamt manche Erfahrung in diesem Feldzug sammeln, wie er im Jahre 1758 in Bezug auf die für ihn so wichtige Begegnung mit dem Prinzen Eugen bemerkte: „Wenn ich mein Handwerk ein wenig verstehe, vor allem in seinen schwierigen Aspekten, dann verdanke ich diesen Gewinn dem Prinzen Eugen. So behalte ich stets die großen Ziele im Auge und wende alle Kräfte an sie!“73 Als Ersatz für die „Campagne“ wurde der Sohn im September 1735 vom König auf „Lustreise“, eine Inspektionsreise durch Preußen*, geschickt. Er sollte in den Städten, in den Verwaltungen, auf dem Land und bei den vor Ort stationierten Regimentern nach dem Rechten sehen. Das halbwilde Land war seit den Zeiten des Großen Kurfürsten durch Feldzüge, Pest und Hungersnöte übel verheert worden. Auf dieser Reise lernte Friedrich auch den chaotischen Hofstaat Stanislaus Lesczynskis kennen, der Zuflucht in Königsberg gesucht hatte. Im Zuge 71 Volz (Hrsg.): Friedrich der Große im Spiegel seiner Zeit, Bd. 1, S. 62 f. 72 H. Jessen (Hrsg.): Friedrich der Große und Maria Theresia in Augenzeugenberichten, München 1972, S. 65 73 Preuß (Hrsg.): OEuvres, Bd. 29, S. 80 * Preußen lag außerhalb des Heiligen Römischen Reiches, umgeben von polnischen Territorien. Nur dort war Friedrich Wilhelm I. nominell König. Der Königstitel bezog sich auf jene Provinz, in der die Krönungsstadt Königsberg lag. In Berlin und Brandenburg war er lediglich Kurfürst. Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 56 des Friedenschlusses zwischen Paris und Wien vom Oktober 1735 wurde Stanislaus mit dem Herzogtum Lothringen entschädigt, das an Frankreich abgetreten worden war. August III., Sohn Augusts des Starken, sollte sich im polnischen Thronstreit letztlich als König bestätigt sehen. Aus Königsberg berichtete der Kronprinz am 9. Oktober 1735 an General von Grumbkow: „…Was meine Reise betrifft, will ich Ihnen in wenig Worten sagen, daß ich ganz Preussen durchreist habe und daß ich sein Gutes und auf der andern Seite sein ganzes nacktes Elend gesehen habe. Wenn sich der König nicht entschließt, die Magazine auf Neujahr zu öffnen, so können Sie darauf rechnen, daß die Hälfte dieses Volkes Hungers sterben wird; so schlecht ist die Ernte der letzten beiden Jahre gewesen. In meinen ersten Briefen an den König habe ich nur eine oberflächliche Schilderung entworfen, aber nachdem ich die Reise beendigt habe und ringsherum gekommen bin, habe ich ihm meine Meinung ganz natürlich und so, wie ich sie im Angesicht Gottes sagen würde, geschrieben. Man gibt mir einen Auftrag, man will, daß ich die Dinge prüfe, daß ich Bericht darüber erstatte; würde ich denn nicht den König, das Land, mein Gewissen und meine Ehre verraten, wenn ich nicht mein Herz erleichterte und alle Dinge so schilderte, wie sie mir erschienen sind? […] Schließlich wird man sich nicht beklagen können, daß ich nicht naturgemäß handelte, mag es nun gefallen oder nicht; ich bin darüber völlig ruhig und gründe meine Sorglosigkeit auf meine redlichen Absichten. Soweit über das Wirtschaftliche. Aber da ich weiß Sie werden begierig sein, Neuigkeiten über das, was hier passiert, zu erfahren, will ich Ihnen mitteilen, was mir bisher am interessantesten erschienen ist. […] Heute war ich in der Schloßkirche, die von Menschen wimmelte; von da bei der Parade, wohin man mich getragen hat, denn ich glaube nicht, einen Fuß auf die Erde gesetzt zu haben. Auf der Rückkehr nach Hause begegne ich einigen hundert Berittenen, lauter Polen, die ihre Pferde stampfen ließen, lauter ausgezeichnete Rassen, geritten von den größten Schmutzfinken der Welt; kurz darauf folgte der König Stanislaus […] von der Messe zurückkommend. Wir haben uns tief begrüßt, dann verfolgte jeder seinen Weg. Sein Wagen war von einem Dutzend andrer gefolgt; in denen polnische Herren und Damen saßen, häßliche Affen und häßliche Vetteln. Heute Mittag ließ er mich durch den Grafen Oginski und den Abt Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 57 Langlois begrüßen. Es wäre gegen alle Regeln gewesen, wenn ich sie nicht zu Mittag bei mir behalten hätte, was ich denn auch tat. […] Das sind nicht Leute wie die, die Sie in Dresden gesehen haben; diese verstehen mit wenigen Ausnahmen nur polnisch, sind zum Fürchten schmutzig und schmierig. Ich ermangelte nicht, sie möglichst oft anzureden und versicherte ihnen, daß der König, mein Vater, sehr für ihre Freiheit eingenommen sei und nichts mehr wünsche, als daß sie während ihres Aufenthaltes in seinen Staaten sich zufrieden fühlen…“74 Friedrich Wilhelm zeigte sich mit seinem Sohn, der alle Aufgaben so pflichtbewusst erfüllt hatte, in höchstem Maße zufrieden. König und Kronprinz standen sich nun besser als je zuvor, so dass der Vater sich bereit erklärte, dem Kronprinzenpaar einen kleinen angemessenen Hofstaat in Rheinsberg zu finanzieren. Die Eheschließung, die für Friedrich wohl nie mehr gewesen war als der Preis, den er für seine Befreiung aus Küstrin zu zahlen hatte, sollte ihm nun ermöglichen, einen eigenen Haushalt zu führen und damit einen weiteren bedeutenden Grad an Unabhängigkeit zu erlangen. 74 Mendelssohn-Bartholdy (Hrsg.): Der König, S. 66 ff. Rheinfeldzug, Feuertaufe und Reise nach Preußen 58

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Zusammenfassung

Friedrich II., der Große, König von Preußen, gilt zweifellos als eine der umstrittensten, aber auch populärsten Gestalten der neuzeitlichen Geschichte. Die kontroverse Beurteilung dieses Herrschers findet ihre Begründung in seiner eigenen, so widersprüchlichen Persönlichkeit. Dieser intelligente, ungeheuer begabte und religiös tolerante Mensch war nicht nur seinen Zeitgenossen mitunter rätselhaft, sondern lässt bis heute manche Frage offen. Die einen sehen ihn als aufgeklärten und tatkräftigen Monarchen, als einen Schriftsteller von Bedeutung und weltgewandten Philosophen, die anderen betrachten ihn als Tyrannen, Zyniker und Machiavellisten. In der Darstellung soll ein unvoreingenommener Blick auf die Persönlichkeit und das Wirken Friedrichs des Großen geworfen werden. Im Vordergrund stehen die persönlichen Aussagen des Königs in seinen politischen, historischen und philosophischen Werken sowie seinen Briefen. Darüber hinaus geben Berichte von Zeitgenossen Einblick in das Geschehen.