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Erster Teil: Grundlagen – Historische Entwicklung, Doping im deutschen Lizenzfußball in:

Alexander Wild

Rechtsprobleme des Dopings im deutschen Lizenzfußball, page 1 - 56

Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Strafbarkeit des am Lizenzfußball mitwirkenden Spielers nach dem Gesetz gegen Doping im Sport

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4093-5, ISBN online: 978-3-8288-6954-7, https://doi.org/10.5771/9783828869547-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Rechtswissenschaften, vol. 97

Tectum, Baden-Baden
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Grundlagen – Historische Entwicklung, Doping im deutschen Lizenzfußball Einführung Problemstellung Der 18. Dezember 2015 markiert für den organisierten Sport einen besonderen Tag: An diesem Tag ist in Deutschland das Gesetz gegen Doping im Sport (AntiDopG) in Kraft getreten. Konkret bedeutet dies für Spitzensportler/innen oder Sportler/innen, die aus der sportlichen Betätigung unmittelbar oder mittelbar Einnahmen von erheblichem Umfang erzielen, dass sich gemäß § 4 Abs. 1 Nrn. 4, 5, Abs. 2 AntiDopG strafbar macht, wer dem Verbot des Selbstdopings (§ 3 AntiDopG) zuwiderhandelt. Deviantes Verhalten ist hiernach mit Freiheitsstrafe bis zu zwei bzw. drei Jahren oder mit Geldstrafe zu bestrafen. Die Verabschiedung des AntiDopG stellt den vorläufigen Schlusspunkt einer Entwicklung dar, deren Ursprung auf primär europäischer Ebene in dem Europarats-Übereinkommen vom 16. November 1989 gegen Doping1 liegt und die durch das Internationale Übereinkommen vom 19. Oktober 2005 gegen Doping im Sport (UNESCO-Konvention)2 um den weltweiten Geltungsbereich ergänzt wurde. Hiernach hat sich die Bundesrepublik Deutschland völkervertraglich verpflichtet, den Sport in seinem Bestreben, Doping zu bekämpfen, zu unterstützen und erforderlichenfalls entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Bei der fünften UNESCO-Weltkonferenz der Sportminister (MINEPS V) hat die Bundesrepublik durch Unterzeichnung der Berliner Erklärung im Mai 2013 ihre Absicht akzentuiert, „die Einführung von strafrechtlichen Sanktionen zur unmittelbaren Abschreckung gegen Manipulationen von Sportwettbewerben und Doping im Sport zu prüfen“.3 In der Folgezeit hat sich der Sportausschuss des Deutschen Bundestages in mehreren öffentlichen Anhörungen von Sachverständigen abermals intensiv mit der Strafbarkeit von Hintermännern, kriminellen Netzwerken und dopenden Sportlern beschäftigt. Das Ergebnis dieser Prüfung gibt die Gesetzesbegründung des AntiDopG wie folgt wieder: „Die Maßnahmen des organisierten Sports allein sind aber angesichts der Dimension, die Doping im Sport und in der hierauf bezogenen organisierten Kriminalität sowohl quantitativ wie auch qualitativ angenommen hat, nicht ausreichend. Der Erster Teil: Kapitel 1: § 1 1 Gesetz zu dem Übereinkommen vom 16. November 1989 gegen Doping vom 2.3.1994, BGBl. 1994 II S. 334. 2 Gesetz zu dem Internationalen Übereinkommen vom 19. Oktober 2005 gegen Doping im Sport vom 26.3.2007, BGBl. 2007 II S. 354. 3 Empfehlung 3.26 Anhang zu der Berliner Erklärung der 5. UNESCO-Weltkonferenz der Sportminister in Berlin am 30.5.2013 (MINEPS V), im Internet abrufbar unter: http://www.mineps2013.de/fileadmi n/Dokumente/pdf/130531_MINEPS%20V_Berliner%20Erkl%C3%A4rung%20DE.pdf (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 1 Staat muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zum Schutz der Gesundheit und zum Schutz der Integrität des Sports sowie zur Kriminalitätsbekämpfung zur Dopingbekämpfung beitragen. […] Die bestehenden Regelungen haben sich als nicht ausreichend erwiesen. Die dopingspezifischen Strafvorschriften weisen Schutzlücken auf und erfassen vielfach nicht die dopenden Sportlerinnen und Sportler.“4 Die Bekämpfung von Doping führt nach der Überzeugung des Gesetzgebers demnach nur über den Weg der Kriminalisierung. Als Alternativen nennt die Gesetzesbegründung lapidar: „keine“.5 Deutlicher hätte das Urteil des Gesetzgebers über die Schlagkraft der Sportorganisationen in der Bekämpfung von Doping nicht ausfallen können! Dies überrascht: Noch im Jahr 2012 war der Bericht der Bundesregierung zur Evaluation des Gesetzes zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport (DBVG) zu dem Ergebnis gelangt, dass die Gesetzesänderungen6 „zu einer erheblichen Verbesserung der Intensität und Effektivität der Strafverfolgung“ geführt haben.7 Mit der Inkriminierung des Selbstdopings ist der Staat in einen Bereich vorgesto- ßen, der nach dem bisherigen Verständnis des Gesetzgebers dem selbstorganisierten Sport vorbehalten bleiben sollte. Der private Lebensbereich „Sport“ wurde, zumindest in Teilen, verstaatlicht.8 Vor dem Hintergrund der Tragweite dieser Entscheidung verwundert es, dass sich die Begründung des AntiDopG weder mit den aus Sicht des Gesetzgebers bei der verbandsseitigen Sanktionierung der Dopingvergehen bestehenden Defiziten auseinandersetzt, noch konkret auf die Frage der bestehenden Dopingprävalenz im Sport eingeht. Zweifel könnten daher daran aufkommen, ob es einer Inkriminierung von Selbstdoping überhaupt bedurfte. Nach der Überzeugung des Gesetzgebers ist die Eindämmung des Dopingproblems weder alleinige Angelegenheit des Staates noch des selbstorganisierten Sports: Der Ansatz des Gesetzgebers besteht im sinnvollen Zusammenwirken von Staat und Sportorganisationen. Eine andere Position vertritt u. a. Dury. Nach ihm ist die verbandsseitige Ahndung von Dopingverstößen effektiver, schneller und wirksamer als das staatliche Strafrecht. Es müsse bezweifelt werden, dass die erprobten und immer mehr geschärften Waffen der Verbände im Kampf gegen Doping denen des Staates, namentlich der Staatsanwälte, tatsächlich unterlegen seien. Ferner träfen die Sanktionen der Verbände die Sportler härter als es das Strafrecht vermochte.9 Dury gelangt so zu der Erkenntnis, dass Geeignetheit, Erforderlichkeit und Angemessenheit der strafrechtlichen Ahndung von Do- 4 BT-Drs. 18/4898, S. 2. 5 BT-Drs. 18/4898, S. 3. 6 Gegenstand der Änderung (Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport vom 24.10.2007, BGBl. 2007 I S. 2510) war insbesondere die Einführung der Strafbarkeit des Besitzes nicht geringer Mengen verbotener Stoffe zu Dopingzwecken im Sport (§ 6a Abs. 2a AMG a. F. i. V. m. § 95 Abs. 1 Nr. 2b AMG a. F.). 7 Bericht der Bundesregierung zur Evaluation des Gesetzes zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport (DBVG), S. 52. Der Bericht geht jedoch im Bereich der Dopingkriminalität von einem auch weiterhin bestehenden Dunkelfeld aus, welches „größer ist als in vielen anderen Deliktsbereichen der Individualrechtsgüter“, a. a. O., S. 11. 8 Schmidt, Internationale Dopingbekämpfung, S. 20. 9 Dury, in: FS Röhricht, S. 1097, 1106. Erster Teil. Kapitel 1: Einführung 2 pingverstößen „sehr fraglich“ seien.10 Auch nach der durch den Deutschen Sportbund ins Leben gerufenen Rechtskommission gegen Doping im Sport (ReSpoDo) darf das Strafrecht die primäre Verantwortlichkeit des Sports nicht ersetzen. Strafrecht stellt also auch hiernach lediglich das „letzte, zusätzliche Mittel dar“.11 Die Aktualität der Frage nach der Subsidiarität und der Ultima Ratio des Strafrechts zeigt sich schließlich auch in der Praxis. So hat sich der Deutsche Anwaltverein das Strafrecht zum Schwerpunktthema des (67.) Deutschen Anwaltstages 2016 gewählt und diesen unter das Motto gestellt: „Wenn das Strafrecht alles richten soll – Ultima Ratio oder Aktionismus?“ Dies verwundert zunächst, beschäftigt sich doch tatsächlich in der Praxis nur ein kleiner Teil der in Deutschland zugelassenen Rechtsanwälte mit dem Strafrecht. Bei weiterer Betrachtung weist diese Themenwahl aber auf die besondere Stellung hin, die das Strafrecht zwischenzeitlich in der Gesellschaft einnimmt. Dem Strafgesetzgeber wird teilweise die Absicht zugeschrieben, die Probleme der Gegenwart nach dem Leitgedanken „viel hilft viel“ bewältigen zu wollen; dabei gerate die Frage nach der „tatsächliche[n] Wirkungsweise von Strafe und Strafrecht“ aus dem Blick.12 Deckert sieht hierin die Gefahr gegeben, dass sich das Strafrecht von der Ultima Ratio hin zur Prima Ratio entwickelt.13 Endlich hat auch der Vorsitzende des Zweiten Senats des BVerfG im Verfahren zur Verfassungsmäßigkeit einer Blankett-Strafvorschrift (§ 10 RindfleischetikettierungsG i. V. m. §§ 1, 2a Rindfleischetikettierungs-StrafVO) in seinem Zustellungsschreiben, mit dem er u. a. Bundesregierung, BGH, Generalbundesanwaltschaft und diverse Berufsverbände nach § 27a BVerfGG als sachkundige Dritte um Stellungnahme ersucht hatte, darauf hingewiesen, dass zu prüfen sei, „ob das streitige Gesetz unter dem Gesichtspunkt des Strafrechts als ‚ultima ratio‘ des Gesetzgebers verfassungsgemäß ist. Insoweit könnten sich aus Art. 2 I GG iVm Art. 1 I GG besondere Anforderungen an die Strafbewehrung einer Verhaltensnorm ergeben, weil Strafe den Wertund Achtungsanspruch des Betroffenen berührt“.14 Die Diskussion um Bedeutung und Rolle des Strafrechts bei der Bekämpfung von Doping war schon mehrfach Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten.15 Auf das strafbewehrte Verbot des Selbstdopings in seiner konkreten Ausgestaltung und die dahinterstehende Intention des Gesetzgebers konnten diese Arbeiten wegen des erst zeitlich später erfolgten Inkrafttretens dieser Regelung freilich nicht eingehen. Sie behandeln 10 Dury, in: FS Röhricht, S. 1097, 1104. Dury, a. a. O., S. 1097, 1106 schränkt seine Aussage insoweit ein, als er für die Anwendung seiner These eine Überführung des Sportlers durch die von den Sportorganisationen durchgeführten Kontrollen voraussetzt. 11 Abschlussbericht der ReSpoDo zu möglichen gesetzlichen Initiativen für eine konsequentere Verhinderung, Verfolgung und Ahndung des Dopings im Sport, Frankfurt a. M., 15.6.2005, S. 8, im Internet abrufbar unter: https://www.dosb.de/fileadmin/fm-dosb/downloads/dosb/endfassung_abschlussberi cht.pdf (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 12 Deckert, ZIS 2013, 266, 275. 13 Deckert, ZIS 2013, 266, 275. 14 Zit. nach Hamm, NJW 2016, 1537, 1538. 15 Siehe etwa die Abhandlungen von Ott, Strafwürdigkeit und Strafbedürftigkeit; Tauschwitz, Dopingverfolgung; Schattmann, Betrug; Glocker, Bedeutung von Doping. § 1 Problemstellung 3 teils aus kriminalpolitischer Sicht,16 teils aus rechtsvergleichender Warte17 abstrakt die Frage nach Sinn und Zulässigkeit der Schaffung eines Strafgesetzes zur Bestrafung von Selbstdoping. Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Frage zu klären, ob es konkret der Einführung des in §§ 4, 3 AntiDopG normierten strafbewehrten Verbots des Selbstdopings bedurfte und ob die streitige Norm unter dem Gesichtspunkt des Strafrechts als letztes Mittel des Gesetzgebers verfassungsgemäß ist. Die Arbeit soll hierbei einen noch nicht dagewesenen Zusammenhang darstellen. Auf Grundlage der Darstellung der verbandsrechtlichen Probleme im Zusammenhang mit Entdeckung, Verfolgung und Ahndung von Dopingverstößen, der verbands- und zivilrechtlichen Haftung des dopenden Sportlers sowie dessen bisheriger strafrechtlicher Verantwortung soll also nach der sich hieran anschließenden Prüfung der materiellen und strafprozessualen Auswirkungen des neu geschaffenen Straftatbestandes dessen Legitimität geprüft werden. Eingrenzung Fußballsport Der Fußballsport, insbesondere der Lizenzfußball, gilt nicht zuletzt wegen seiner Beliebtheit und Regelungsdichte Verbänden anderer Sportarten als Vorbild bei der Einführung neuer Regelungen und Schaffung neuer Strukturen. Eine im Jahr 2013 veröffentlichte Studie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht zur gesellschaftlichen Wirkung der Fußball-Nationalmannschaft der Männer bringt Erstaunliches zu Tage: Der noch um die Wende zum 20. Jahrhundert mit großer Skepsis beäugte Fußball wird in den Rang der staatlichen Gewalten erhoben. So erachtet es die Studie als legitim, die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren als „vierte Macht im Staat“ zu werten!18 Nach einer weiteren Studie der EBS Universität für Wirtschaft und Recht19 reicht die Strahlkraft der Nationalmannschaft einerseits und der „Fußballstar[s]“20 und „[l]okale[n] Helden“21 andererseits in alle Schichten der Gesellschaft und vermittelt übergreifend soziale Werte. Nationalspieler im Speziellen und Berufsfußballspieler im Allgemeinen haben Vorbildcharakter.22 Sie tragen zur Integration von Randgruppen bei, stiften eine gemeinsame Identifikation und schaffen somit ne- § 2 A. 16 Ott, Strafwürdigkeit und Strafbedürftigkeit. 17 Tauschwitz, Dopingverfolgung. 18 Schmidt/Bergmann, Wir sind Nationalmannschaft, S. 25 ff., 29. 19 Die Studie erfolgte zur Erforschung der gesellschaftlichen Bedeutung von Vorbildern im Profifußball. Befragt worden waren im Rahmen einer Online-Umfrage auf den Webseiten www.dfb.de, www.bund esliga.de und www.fussball.de 3.000 „Fans und Fußballinteressierte“ sowie durch TNS Infratest 2.000 Bundesbürger, jeweils im Zeitraum September 2011, siehe Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 12 f. 20 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 13. 21 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 12. 22 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 8. Erster Teil. Kapitel 1: Einführung 4 ben ökonomischen Werten23 wichtiges Sozialkapital.24 Fußballstars sind ein bedeutsamer Beweggrund, um mit dem Fußballspielen anzufangen. „Lieblingsspieler“ sind wichtigere Motivationsspender als Familienangehörige.25 40 Prozent der unter 18jährigen befragten Fans wurden durch ihren Lieblingsspieler dazu motiviert, die eigenen Sportaktivitäten zu erhöhen.26 Mehr als die Hälfte der befragten Minderjährigen gab an, durch den Lieblingsspieler angespornt zu sein, in allen Lebensbereichen durch Willen und Einsatz stets Bestleistungen zu erbringen.27 75,4 Prozent der Bundesbürger ordnen Superstars dem Sport zu. Dabei belegt der Fußball mit 88,1 Prozent den Spitzenplatz vor Boxen (69,8 Prozent).28 Mehr als die Hälfte dieser Bundesbürger ist der Ansicht, dass Sportstars als Orientierungshilfe für gesellschaftskonformes Verhalten fungieren, die Gesellschaft zu sportlicher Betätigung animieren und als Identifikationsfiguren dienen.29 41 Prozent der Bundesbürger betrachten Sportstars als allgemeinen Motivationsgrund für die Gesellschaft.30 Profifußballer haben also eine besondere gesellschaftspolitische Bedeutung. Andernorts ist wegen seiner gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Dimensionen und den damit verbundenen unzähligen Rechtsfragen vom Fußballsport als „Motor des Sportrechts“ die Rede.31 Die Prüfung der aufgeworfenen Fragen konzentriert sich daher, im Unterschied zu den bestehenden Abhandlungen, einzig auf den deutschen Fußballsport. Dies ist geboten, da dem Fußball, so scheint es, in der wissenschaftlichen Dopingdiskussion noch immer nicht die Aufmerksamkeit zuteilwird, die ihm wegen seiner gegenüber anderen Sportarten überragenden gesellschaftlichen Bedeutung zukommen müsste. Hierfür spricht nicht zuletzt auch das wachsende Misstrauen, welches der Fußballsport durch die letzten Korruptionsvorwürfe und Skandale bei den nationalen und internationalen Fußballverbänden in der Bevölkerung hervorgerufen hat.32 Der Fußball befindet sich in einer Vertrauenskrise, in welcher Funktionären nicht mehr geglaubt wird und staatliche Organe gezwungen sind, strafrechtliche Ermittlungen einzuleiten33. Mit der vorliegenden Arbeit ist beabsichtigt, die bislang weitestgehend abstrakt geführte Diskussion zur Wirksamkeit der 23 Siehe hierzu unten Erster Teil Kapitel 2 § 1 E II. 24 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 10. 25 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 7. 26 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 8. 27 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 7. 28 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 15. Die Umfrage unter den „Fans und Fußballinteressierten“ hatte einen Anteil von 97,1 Prozent ergeben, a. a. O. 29 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 16. 30 Schmidt/Högele, Deutschland braucht den Superstar, S. 16. 31 Höfling/Horst/Nolte, in: dies. (Hrsg.), Fußball – Motor des Sportrechts, Vorwort, V. 32 Zu denken ist insoweit etwa an die Suspendierung der Funktionäre Sepp Blatter (FIFA) und Michel Platini (UEFA) sowie an die Korruptionsvorwürfe zur Erlangung der WM 2006 in Deutschland. 33 Zuletzt hatte das FBI gegen wichtige FIFA-Funktionäre ermittelt, BBC Online vom 6.12.2015, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.bbc.com/sport/football/35007626 (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Vgl. auch die Aussage von Andreas Rettig, ehemaliger Geschäftsführer der DFL, zur Affäre um die WM 2006: „Wir haben im Fußball eine Black-Box-Mentalität, wo am Ende nur noch ein kleiner innerer Zirkel weiß, wie die Dinge laufen“, FAZ.NET vom 19.9.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/in-der-affaere-um-die-wm-2006-geriert-sich-der-de utsche-fussball-bund-als-black-box-14440523.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 2 Eingrenzung 5 Dopingbekämpfung konkret auf den Fußballsport als „des Deutschen liebstes Kind“34 zu übertragen und hierdurch zur Schaffung der notwendigen Transparenz beizutragen. Lizenzfußball Ausweislich der Gesetzesbegründung hatte der Gesetzgeber bei Verabschiedung des AntiDopG im Bereich des Fußballsports Nationalspieler sowie Teilnehmer von Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga im Blick.35 Erfasst sind Sportler, die „ihren Sport leistungs- und wettkampforientiert auf hohem Niveau betreiben bzw. erhebliche Einnahmen aus der sportlichen Tätigkeit ziehen“.36 Gegenstand der Untersuchung ist daher der Lizenzfußball.37 Wenn in dieser Arbeit, soweit nicht anders gekennzeichnet, von Lizenzfußball die Rede ist, so meint dies nach dem Vorgesagten die drei höchsten deutschen Fußballklassen der Männer Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga sowie sämtliche Akteure, die als Berufsspieler an diesen Ligen teilnehmen. Nach der Terminologie des DFB handelt es sich lediglich bei Bundesliga und 2. Bundesliga um Lizenzligen.38 Vereine bzw. Kapitalgesellschaften, die an der 3. Liga teilnehmen wollen, schließen daher mit dem DFB gemäß § 2 Statut 3. Liga auch keinen Lizenzvertrag, sondern einen Zulassungsvertrag. Gleichwohl ist es der ausdrückliche Wille des DFB, dass in der 3. Liga neben den Vertragsspielern auch Lizenzspieler zum Einsatz kommen sollen. Insoweit erstreckt sich der Begriff des Lizenzfußballs im weiteren Sinne und für die vorliegende Arbeit maßgebend auch auf die 3. Liga. Die Begrifflichkeit umfasst freilich auch Nationalspieler. Eine Berücksichtigung der Nationalspieler erfolgt jedoch nur, sofern diese dem Fußballsport innerhalb der vorgenannten Ligen nachgehen. Allianz-Frauen-Bundesliga und 2. Frauen-Bundesliga finden in der Begründung des AntiDopG keine ausdrückliche Erwähnung, weswegen der Frauen- Fußball von der Betrachtung ausgenommen ist. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung soll sich das Hauptaugenmerk auf Bundesliga und 2. Bundesliga richten. Gang der Untersuchung Die Untersuchung geht den aufgeworfenen Fragen in vier Teilen nach: Der erste Teil widmet sich den Hintergründen, insbesondere der Entstehung des Fußballspiels und der Entwicklung des Dopingbegriffs. Breiten Raum nimmt die Frage nach dem Nutzen von Doping und der Dopingprävalenz im Lizenzfußball ein. Der zweite Teil beschäftigt sich mit Wirkungsweise und Effektivität der verbandsseitigen Dopingbekämpfung. Dargestellt werden die verbandsrechtlichen Strukturen B. § 3 34 Saldsieder, Ordnungsfragen, S. 1. 35 BT-Drs. 18/4898, S. 32. 36 BT-Drs. 18/4898, S. 31. 37 Ausführlich zum Begriff des Lizenzfußballs siehe unten Erster Teil Kapitel 2 § 1 E I. 38 Siehe den Wortlaut von § 22 Nr. 7.1 Abs. 2 Satz 1 DFB-SpO: „[…] der Lizenzligen, der 3. Liga, […].“ Erster Teil. Kapitel 1: Einführung 6 und die sich hieraus ergebenden Interdependenzen und Bindungswirkungen. Behandelt wird die Frage nach Rolle und Effektivität des Schiedsgerichtsverfahrens, der verbandsrechtlichen Bestrafung des dopenden Spielers und der Wirkweise des Dopingkontrollverfahrens. Besondere Bedeutung erlangt die Prüfung der Anwendung von Grundsätzen des Strafverfahrens und deren Wahrung durch Verbandsspruchkörper und Schiedsgerichte. Der zweite Teil schließt mit der Prüfung der zivilrechtlichen Auswirkungen des Dopingverstoßes auf den Spieler. Im Anschluss daran wird im dritten Teil die Strafbarkeit des Spielers vor Einführung des strafbewehrten Verbots des Selbstdopings untersucht. Es folgt die Darstellung der neuen Strafnorm unter Berücksichtigung ihrer materiellen und strafprozessualen Auswirkungen. Im abschließenden vierten Teil werden die gewonnenen Ergebnisse verwendet, um der Frage nach der Legitimität des neu geschaffenen Verbots des Selbstdopings nachzugehen. Historische Entwicklung, Definitionen Genese des Fußballspiels Das Fußballspiel an sich ist keine Erfindung der Neuzeit. Überlieferungen reichen bis in das dritte Jahrtausend v. Chr. zurück.39 Fußball im alten China und in anderen Kulturen Einer Überlieferung zufolge hat nach dem Sieg über den aufständischen Rebellen Chiyou der chinesische Herrscher Huángdì seinen Untertanen befohlen, dessen ausgestopften Magen mit dem Fuß zu kicken.40 Dieser Kult mutet an als Ausdruck der absoluten Erniedrigung des Gegners: Der Gegner wurde zum willenlosen Objekt degradiert. Vor diesem Hintergrund überrascht, dass eine andere Legende den Ursprung des Fußballsports im Spiel mit dem Kopf des Herrschers selbst wähnt.41 So soll Huángdì seinen Untergebenen befohlen haben, mit dessen selbst enthauptetem Kopf Fußball zu spielen.42 Kapitel 2: § 1 A. 39 Zum frühen Fußballspiel in China vgl. Cohen, in: Wild (Hrsg.), CAS and Football, S. 1; Brinker, Laozi, S. 40; zum frühen Fußballspiel in Mittelamerika vgl. Behringer, Kulturgeschichte, S. 81 ff. 40 Brinker, Laozi, S. 41, 45. 41 Cohen, in: Wild (Hrsg.), CAS and Football, S. 1. 42 Cohen, in: Wild (Hrsg.), CAS and Football, S. 1. § 1 Genese des Fußballspiels 7 In der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) wurde beim zu-gu (cuju) eine Lederkugel mit dem Fuß gestoßen.43 Das Spiel war rau und kampfbetont; es verlangte eine gute Ausdauer und körperliche Robustheit seiner Teilnehmer.44 Der Zweck galt der Ertüchtigung des Militärs.45 Fußball war ein wichtiger Indikator für Geschicklichkeit, Begabung, Technik und körperliche Stärke des Soldaten.46 Durch den mannschaftlichen Kampfsport sollten die mentale und physische Kampfkraft gestärkt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit geschaffen werden.47 Detaillierte Trainingspläne wurden erstellt.48 Umfangreiche Regelwerke dienten dazu, die fehlerfreie Ausführung militärischer Befehle einzuprägen.49 In der Tang-Dynastie (618 – 907) wurde aus dem zu-gu (cuju) das cuqui.50 Bestand der Lederball beim zu-gu aus Federn und Haar,51 so enthielt das Spielgerät nunmehr eine mit Luft gefüllte Blase.52 Der Einfluss auf das Spiel war groß: das spielerische Element des Fußballs rückte in den Vordergrund. Technik und Taktik gewannen an Bedeutung.53 Zunehmend praktizierte auch die Bevölkerung das Fußballspiel.54 Fußball war nicht mehr nur dem Militär vorbehalten, es wurde auch zur Unterhaltung und Freizeitgestaltung ausgeübt.55 Erste Vereine und Ligen wurden gegründet.56 In der Qiyunshe – der sog. „Bundes-Wolken-Liga“ – maßen sich im 12. und 13. Jahrhundert die besten Spieler des Reiches der südlichen Song-Dynastie.57 Hatte es schon zur Zeit der Han-Dynastie Ballkünstler gegeben, die ihren Lebensunterhalt mit der Ball-Jonglage verdienten,58 so war nunmehr die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs gegeben.59 Dies zeigte sich besonders am Aufstieg des aus der sozialen Unterschicht stammenden Spielers Gao.60 Als Gao Qui („Gao-Fußballgott“)61 war es ihm durch seine fußballerischen Fertigkeiten gelungen, zum Oberkommandierenden der Palastgarde aufzusteigen.62 Die Herkunft und Elternhaus sollten für Karriere und soziale Rolle des Spielers nicht länger eine Rolle spielen.63 Das Fußballspiel diente 43 Cohen, in: Wild (Hrsg.), CAS and Football, S. 3; Brinker, Laozi, S. 37; Höllmann, China, S. 287. 44 Brinker, Laozi, S. 55, 62. 45 Brinker, Laozi, S. 53. 46 Brinker, Laozi, S. 54. 47 Brinker, Laozi, S. 55. 48 Brinker, Laozi, S. 53. 49 Brinker, Laozi, S. 67. 50 Brinker, Laozi, S. 83. 51 Cohen, in: Wild (Hrsg.), CAS and Football, S. 3. 52 Brinker, Laozi, S. 83. 53 Brinker, Laozi, S. 83. 54 Brinker, Laozi, S. 103. 55 Brinker, Laozi, S. 103. 56 Brinker, Laozi, S. 103 f. 57 Brinker, Laozi, S. 103 f. 58 Brinker, Laozi, S. 29. 59 Brinker, Laozi, S. 139. 60 Brinker, Laozi, S. 135 ff. 61 Brinker, Laozi, S. 135. 62 Brinker, Laozi, S. 138. 63 Vgl. Höllmann, China, S. 51. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 8 auch unter den Song nach wie vor der militärischen Übung.64 In der Bestrafung des Verlierers äußerte sich die überhöhte Bedeutung des Siegescodes; denn auch in der Schlacht und im Krieg entschieden Sieg und Niederlage über Leben und Tod. Das Fußballspiel diente hierbei als wichtige Schule. Das – zumindest anfänglich – raue Wesen des Ballspiels zeigt sich wiederkehrend auch in den Überlieferungen anderer Kulturen: Im griechischen Stadtstaat Sparta musste jeder männliche Bürger vor Beginn seines dreißigsten Lebensjahres die „Ballschlacht“ erfolgreich absolvieren.65 Gespielt wurde teilweise im Harnisch und mit Helm.66 Regelverstöße wurden mit Peitschenhieben bestraft.67 Im England des Hochmittelalters waren ganze Dörfer und Stadtviertel Akteure des folkloristischen Fußballspiels.68 Auch die Zuschauer griffen mitunter aktiv in das Geschehen ein; eine strikte Trennung nach Spielern und Zuschauern gab es nicht.69 Gewalttätigkeiten waren keine Seltenheit; schlimme Verletzungen kamen häufig vor.70 Schriftliche Regeln existierten nicht.71 Einzig Mord und Totschlag waren durch Brauch und Sitte72 verboten.73 Wegen der besonderen Härte des Spiels hatte König Edward II. im Jahr 1314 das Fußballspiel zwischenzeitlich verboten.74 In der darauffolgenden Zeit, zwischen den Jahren 1314 und 1491, kam es zu zahlreichen weiteren Untersagungen.75 Das Spiel wurde dennoch, wenn auch nur noch vereinzelt, weiter praktiziert.76 Entwicklung des modernen Fußballspiels England Das Fußballspiel in seiner heutigen Gestalt wurde wesentlich von den englischen Eliteschulen geprägt.77 Unter dem Einfluss des viktorianischen Körperkultes galt es als probates Mittel, um für das seelische Gleichgewicht zu sorgen. Gemäß dem Leit- B. I. 64 Höllmann, China, S. 288. 65 Umminger, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 22, 25. 66 Umminger, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 22, 26. 67 Umminger, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 22, 25. 68 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 11. 69 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 11. 70 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 13. 71 Bohle/Stallberg, Soziale Probleme 9 (1998), 51, 54. 72 Bohle/Stallberg, Soziale Probleme 9 (1998), 51, 54. 73 Behringer, Kulturgeschichte, S. 117. 74 Brändle/Koller, Goal, S. 22. 75 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 14. 76 Bohle/Stallberg, Soziale Probleme 9 (1998), 51, 55. 77 Als private Stiftungen sollten die Public Schools ursprünglich den begabten Kindern aus dem Bürgertum helfen, eine gute Schulbildung zu erhalten. Die Zwecksetzung dieser Schulen unterlag mit den Jahren einem Wandel. Um das Jahr 1780 wurden diese Schulen daher nahezu ausschließlich von den Abkömmlingen der Oberschicht besucht. Fußball galt als Determinante der Festlegung und Ermittlung der Hackordnung innerhalb der Schülerschaft, vgl. hierzu Dunning, in: ders. (Hrsg.), The Sociology of Sport, S. 133, 135 f. § 1 Genese des Fußballspiels 9 spruch mens sana in corpore sano78 ging man davon aus, dass die körperliche Gesundheit auch eine intakte Psyche mit sich bringen werde.79 Vor diesem Hintergrund erfreute sich das Fußballspiel auch bei der Lehrerschaft zunehmender Beliebtheit. Begegnete das Fußballspiel bei der Lehrerschaft zunächst wegen seines rauen, meist ungestümen Charakters großer Ablehnung,80 so wurde es nunmehr zunehmend dazu eingesetzt, um Tugenden wie Fairness, Teamgeist und Selbstbeherrschung zu schulen. Der Fußball diente fortan als anerkanntes Instrumentarium zur Charakterbildung und Disziplinierung.81 Entsprechend wurden schulinterne Spielregeln aufgestellt. Diese unterschieden sich teils erheblich. Während die Cambridge Rules das „kicking game“ – das Spiel mit dem Fuß – vorschrieben, erlaubten die Rugby Rules den Einsatz der Hände.82 Trotz dieser Unterschiede basierten sämtliche der schulinternen Regeln auf demselben Leitbild: dem viktorianischen Ideal eines Mannes; dem Ideal der Vernunft, der Gesundheit und der Charakterfestigkeit.83 Unabdingbare Voraussetzung für Verwirklichung und Erhalt dieses Ideals war die ständige Kontrolle des Mannes über Körper und Gefühle.84 Dazu zählte freilich auch die geflissentliche Einhaltung der Spielregeln. Für die Pflege der sozialen und geschäftlichen Netzwerke gründeten sich Vereine. Die Zusammenkunft von Vertretern verschiedener Fußballvereine in London führte im Jahr 1863 schließlich zur Geburtsstunde des modernen Fußballspiels, der Gründung der Football Association (FA), dem ersten nationalen Fußballverband der Welt.85 Gemeinsam wurde in mehreren Treffen versucht, ein einheitliches Regelwerk zu konstituieren. Am Ende der äußerst kontrovers und lebhaft geführten Diskussion stand die Verabschiedung eines einheitlichen Regelwerks, welches 14 Regeln beinhaltete.86 Deutschland Fußball galt in Deutschland lange Zeit als „undeutsch“ oder „englische Krankheit“.87 Es war der Turnsport, der als Ideal erzieherischer Prägung von Körper und Präzisi- II. 78 Die Redewendung ist ein verkürztes Zitat aus den Satiren 10, 356 des Dichters Juvenal: „Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano“ ([Aber damit du was hast, worum du betest, weshalb du vor dem Schreine die Kutteln und göttlichen Weißwurste opferst,] sollst um gesunden Geist in gesundem Körper du beten), siehe dazu Behringer, Kulturgeschichte, S. 151. 79 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 16; Brändle/Koller, Goal, S. 23 f. 80 Brändle/Koller, Goal, S. 25. 81 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 17; Brändle/Koller, Goal, S. 26; Dunning, in: ders. (Hrsg.), The Sociology of Sport, S. 133, 142 f. 82 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 18. 83 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 16. 84 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 16. 85 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 25. 86 Eisenberg/Lanfranchi/Mason/Wahl, FIFA, S. 20; Schulze-Marmeling, Fußball, S. 27. Verboten waren fortan Treten gegen die Beine und Beinstellen, vgl. Schulze-Marmeling, a. a. O., S. 25. 87 Ein Beispiel hierfür bietet das von Karl Planck publizierte Pamphlet „Fußlümmelei: Über Stauchballspiel und englische Krankheit“, Stuttgart 1898. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 10 on88 zur Zeit der Gründung der britischen FA und Verabschiedung eines einheitlichen Regelwerks den Volkssport in Deutschland darstellte89. Mit der Gründung des ersten deutschen (Schüler-)Fußballvereins ebnete der Turn- und Gymnasiallehrer Konrad Koch im Jahr 1874 schließlich auch in Deutschland dem Fußball den Weg in den Schulsport.90 Seine „Regeln für das Fußballspiel“ umfassten erstmals auch in Deutschland Spiel- und Verhaltensregeln.91 Im Mittelpunkt stand die Anwendung der englischen Regeln.92 Kochs Handeln trieb der Wille, den exzessiven Lebenswandel seiner Schüler zu unterbinden.93 Im Fußballsport sah er die Chance gegeben, den Schülern zu vermitteln, autonom und diszipliniert zu handeln.94 In der Folge waren es überwiegend Schüler und Studenten, welche die ersten Fußballvereine in Deutschland gründeten.95 Zeugnis davon liefern heute noch Vereinsnamen wie „Alemannia“, „Normannia“ oder „Borussia“. Auch das Militär erkannte im Fußball den erzieherischen und körperertüchtigenden Nutzen. Seit dem Jahr 1910 war Fußball fester Bestandteil der militärischen Ausbildungspläne.96 Schließlich entsprach das Idealbild eines Fußballspielers dem eines modernen Soldaten. Kollektives Zusammenwirken, selbstständige Entscheidungsbildung und -ausführung sowie Umsicht und Mut waren Tugenden, auf die es auf und neben dem Platz ankam.97 Dem Fußballwettkampf wurden Ähnlichkeiten mit dem Krieg attestiert: Er diente zur Erziehung der Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit des Einzelnen. Fußball wurde als „kleines Manöver“98 oder gar als „Krieg im Frieden“99 angesehen. Der militärischen Sprache entnommene Begrifflichkeiten wie „Abwehr“, „Flanke“, „Parade“, „Deckung“ oder „Angriff “ sind auch noch heute fester Bestandteil des Fußballvokabulars. Zwischenergebnis Das Fußballspiel blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im alten China diente Fußball zur Ertüchtigung und Ausbildung des Militärs. Der Fußballsport vermochte auch zu dieser Zeit schon (jedenfalls zeitweise) soziale Grenzen zu überwinden. Individuelles Können ermöglichte den sozialen Aufstieg. Auch 3.000 Jahre später war Fußball C. 88 Koller, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 14, 35; Heinrich, Fußballbund, S. 15. 89 Brändle/Koller, Goal, S. 39; Heinrich, Fußballbund, S. 15. 90 Schröder, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 67. An bayerischen Schulen galt bis in das Jahr 1913 ein Fußballverbot, vgl. Brändle/Koller, Goal, S. 41. 91 Schröder, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 67. 92 Schröder, in: Huba (Hrsg.), Fußball-Weltgeschichte, S. 67. 93 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 67. 94 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 67. 95 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 70. 96 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 74. 97 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 74; Heinrich, Fußballbund, S. 37. 98 Heinrich, Fußballbund, S. 38 unter Verweis auf v. Hülsen, Fußballsport und Wehrfähigkeit, in: Fußball-Jahrbuch 1912, S. 126. 99 Heinrich, Fußballbund, S. 37 unter Verweis auf Berner, Fußballsport und Staat, in: Fußball-Jahrbuch 1912, S. 112. § 1 Genese des Fußballspiels 11 noch Bestandteil militärischer Ausbildungspläne. Im Laufe der Geschichte des Fußballsports haben sich Spielweise und Wesen des Spiels verändert. Stellte das Spiel im Mittelalter eine große Gefahr für die Gesundheit seiner Teilnehmer dar, diente es ab dem 19. Jahrhundert insbesondere dem Zweck der Körperbildung. Sinn und Zweck war es, einen gesunden Körper zu schaffen, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken und Selbstdisziplin sowie Selbstständigkeit auszubilden. Hierbei kam der Anwendung und Achtung einheitlicher Spielregeln maßgebliche Bedeutung zu. Verbreitung des Fußballsports Die aufgekommene Begeisterung für den Fußballsport ließ die Zahl der Gründungen von Fußballvereinen in Deutschland sprunghaft ansteigen. So wurde die Mehrheit100 der Bundesligavereine zwischen den Jahren 1887 und 1905 gegründet.101 Zeitgleich entstanden Regionalverbände als Organisationseinheiten örtlicher Vereine.102 Die steigende Anzahl der Vereine hatte es schließlich erforderlich gemacht, die regional organisierten Vereine auch überregional zu organisieren. Im Jahr 1900 wurde deshalb in Leipzig der Deutsche Fußball-Bund (DFB) gegründet.103 Seit 1903 wurde die Deutsche Meisterschaft ausgespielt.104 Im Mittelpunkt der Vereine stand der ideelle, satzungsmäßig verankerte Hauptzweck: die sportliche Betätigung. Wirtschaftliche, unternehmerische Ziele sollten mit dem Fußballspiel nicht verfolgt werden; sie galten lange Zeit geradezu als unerwünscht.105 Die herkömmliche vereinsrechtliche Organisationsform war deshalb die des rechtsfähigen, eingetragenen, nicht-wirtschaftlichen Vereins im Sinne von §§ 21 ff. BGB.106 Mit der Gründung der Fédération Internationale de Football Association (FIFA) am 21. Mai 1904 betrat der Fußballsport endgültig eine neue Ebene der Organisation.107 Fortan oblag der FIFA die Durchführung von Länderspielen, die zwischen den Mitgliedsverbänden ausgetragen werden sollten.108 Die allgemeingültige Anerkennung der englischen Regeln durch die FIFA im Jahr 1906 führte endlich für sämtliche Mitgliedsverbände zur Geltung einheitlicher Fußballregeln.109 Auf europäischer Ebene wurde im Jahr 1954 in Basel die Union des Associations Européennes de Football (UEFA) gegründet.110 D. 100 Von Bedeutung sind im Falle der Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung die Muttervereine. 101 Als Referenzwert dient die Bundesligasaison 2016/2017. 102 1893 Süddeutsche Fußball-Union, 1894 Hamburger-Altonaer Fußball-Bund, 1894 Thor- und Fußball-Bund Berlin, 1897 Verband deutscher Ballspielvereine, 1897 Süddeutscher Fußball-Verband. 103 Heinrich, Fußballbund, S. 25. 104 Behringer, Kulturgeschichte, S. 348. 105 Strünck, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 109, 115. 106 Singbartl/Dziwis, JA 2014, 407, 408. 107 Behringer, Kulturgeschichte, S. 348. 108 Hüser, in: Bouvier (Hrsg.), Sozial- und Kulturgeschichte, S. 37, 39. 109 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 244. 110 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 149. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 12 Berufsfußball in Deutschland Lizenzfußball Lange Zeit mussten die Spieler ihren Lebensunterhalt dadurch bestreiten, dass sie neben dem Fußballsport einen Hauptberuf ausübten. Mit der Argumentation, der professionelle Fußballsport gefährde die Gemeinnützigkeit der Vereine und damit deren steuerrechtliche Begünstigung, wurde nachhaltig versucht, jegliche Tendenzen des Berufsfußballs frühzeitig zu unterbinden.111 Der Amateurfußball galt als das Ideal des deutschen Fußballsports.112 So stellte die Präambel der Satzung des DFB klar: „Oberster Grundsatz des DFB ist die Ausübung des Fußballspiels als Amateursport.“113 Das Berufsspielertum konnte sich in Deutschland erst mit der Einführung der Bundesliga im Jahr 1963 durchsetzen.114 Erstmals durften Spieler monatlich aus der Ausübung des Fußballsports ein Einkommen erzielen, das zwischen 250,00 D-Mark und 1.200,00 D-Mark (brutto) lag.115 Durch Verwendung des Begriffs „Lizenzspieler“ sollte aber auch bei Beschlussfassung über Einführung der (nationalen) Bundesliga der Begriff „Berufsspieler“ noch vermieden werden.116 Zum einen war in den Reihen des DFB eine Abneigung gegen den Berufsfußball auch im Jahr 1963 noch vorhanden; zum anderen sollte vermieden werden, dass die Unvereinbarkeit von finanziellem Eigennutz der Spieler auf der einen Seite und Gemeinnützigkeitsanspruch der Bundesligavereine auf der anderen Seite offenkundig wurde.117 Als Lizenzspieler wurde der gegen Entgelt angestellte Spieler des Vereins angesehen, der neben dem in erster Linie ausgeübten Beruf des Fußballers ferner noch einen anderen „zivilen Beruf “ ausüben durfte.118 Er durfte, anders als der Vertragsspieler, nicht Mitglied des Vereins sein.119 Das Bekanntwerden von Spielmanipulationen in der Bundesliga im Jahr 1971 führte schließlich dazu, dass Gehaltsobergrenze bzw. Gehaltsbe- E. I. 111 Heinrich, Fußballbund, S. 185. 112 Schulze-Marmeling, Fußball, S. 130, 135. 113 Dies galt nach Strünck, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 109, 115 bis in die 1990er Jahre hinein 114 Butte, Das selbstgeschaffene Recht des Sports, S. 43. 115 Schilhaneck, Fußballunternehmen, S. 48; Schulze-Marmeling, Fußball, S. 136. Ausnahmen galten nach Schilhaneck, a. a. O. für Sonderprämien. Nach Havemann, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 85, 93 entsprach das tatsächliche Gehalt teilweise dem Sechsfachen eines durchschnittlichen Einkommens eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers. Für einzelne wichtige Spieler war es möglich, eine höhere Bezahlung durchzusetzen. In der Praxis genügte hierfür eine entsprechende Meldung an das Finanzamt, vgl. Havemann, a. a. O. 116 Schulze-Marmeling, Der lange Weg zum Profi, im Internet abrufbar unter: http://www.bpb.de/gesellschaft/sport/bundesliga/160779/geschichte-der-bundesliga?p=all (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 117 Havemann, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 85, 91. 118 Havemann, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 85, 92 (Fn. 32) unter Verweis auf Bundesarchiv Koblenz, B 106, Nr. 130716, Definition des Referats SK I 1 vom 18.8.1970 nach einem Telefongespräch mit dem DFB-Generalsekretär Paßlack. 119 Havemann, in: Pyta (Hrsg.), Geschichte des Fußballs, S. 85, 91 (Fn. 31) unter Verweis auf Bundesarchiv Koblenz, B 106, Nr. 130716, Auszug aus der Niederschrift über die Besprechung der Körperschaftssteuer- und Gewerbesteuerreferenten der Finanzminister(-senatoren) der Länder (8.12.1961). § 1 Genese des Fußballspiels 13 schränkung in dem darauffolgenden Jahr aufgehoben wurde.120 Im Sommer des Jahres 1974 wurde durch den DFB die 2. Bundesliga gegründet,121 im Sommer 2008 folgte als weitere „Profiliga“ schließlich die 3. Liga122. In Bundesliga und 2. Bundesliga dürfen grundsätzlich nur Lizenzspieler spielen.123 Neben den Vertragsspielern sollen auch in der 3. Liga ausschließlich Lizenzspieler eingesetzt werden.124 Lizenzspieler Lizenzspieler sind nach heutigem Verständnis Spieler, die das Fußballspiel aufgrund eines mit einem lizenzierten Verein125 oder einer lizenzierten Kapitalgesellschaft126 geschlossenen schriftlichen Vertrages hauptberuflich127 betreiben und durch Abschluss eines schriftlichen Lizenzvertrages mit dem DFL Deutsche Fußball Liga e. V. (DFL e. V).128 zum Spielbetrieb zugelassen sind.129 Die Bezeichnung „Klub“ vereint in dieser Arbeit den lizenzierten Verein und die lizenzierte Kapitalgesellschaft. Auch Spieler ohne Lizenz, namentlich vereinseigene Vertragsspieler und Amateure, sind bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen berechtigt, an Bundesliga und 2. Bundesliga teilzunehmen.130 Insoweit sie am Spielbetrieb des Lizenzfußballs teilnehmen, unterfallen daher auch Vertragsspieler und Amateure im weiteren Sinne dem Begriff des Lizenzfußballs.131 Lizenzspieler benötigen für die Spielberechtigung in Bundesliga und 2. Bundesliga neben einer Lizenz eine gesondert erteilte Spielerlaubnis durch den DFL e. V.132 Im Unterschied zur Lizenz ist die Spielerlaubnis an den Klub des Spielers gebunden; der Spieler ist nur berechtigt, für diesen Verein in den Lizenzligen mitzuwirken.133 Die Spielerlaubnis erlischt mit dem Tag der Beendigung des Vertrages mit dem Klub.134 Wechselt der Spieler innerhalb der nationalen Lizenzligen, so muss der aufnehmende Verein für den Spieler eine neue Spielerlaubnis beantragen.135 Zum Nachweis der Spielberechtigung führt der DFL e. V. für jeden lizenzierten Klub eine Spielberechti- 1. 120 Zur Freigabe der Gehälter siehe Heinrich, Fußballbund, S. 189. 121 Sander, Der Ball muss ins Tor, S. 84. 122 http://www.dfb.de/3-liga/ligainfos/historie/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 123 § 11 Nr. 1 SpOL. 124 § 19 Satz 2 Statut 3. Liga. Beachte aber § 12a Nr. 2 DFB-SpO, wonach unter der dort genannten Voraussetzung (Spielberechtigung für Meisterschaftsspiele einer aufstiegsberechtigten Mannschaft des Vereins) in Mannschaften der 3. Liga auch Amateure eingesetzt werden können. 125 § 1 Nr. 2 LO. 126 §§ 1 Nr. 2, 9 LO. 127 § 8 Satz 2 DFB-SpO. 128 Eingehend zum DFL e. V. siehe unten Zweiter Teil Kapitel 1 § 1 A IV. 129 § 8 Nr. 3 DFB-SpO. 130 § 11 Nr. 2 lit. b) SpOL, § 53 Nr. 2 DFB-SpO. 131 Entsprechend berücksichtigt die LOS in § 14 auch die Spielerlaubnis für Vertragsspieler und Amateure in Lizenzmannschaften. 132 § 13 LOS. 133 Der Einsatz eines Spielers ohne Spielerlaubnis hat für den Verein zur Folge, dass das Spiel in der Regel als verloren gewertet wird, vgl. § 13 Nrn. 2 lit. a), 4 SpOL, § 12b Nr. 2 DFB-SpO. 134 § 13 Nr. 6 LOS. 135 § 13 Nr. 1 LOS. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 14 gungsliste, die dem Lizenznehmer zugestellt wird. Aus ihr muss erkennbar sein, ab welchem Zeitpunkt der einzelne Spieler für den Lizenznehmer die Spielberechtigung besitzt.136 Spieler, die nicht auf der aktuellen Spielberechtigungsliste eingetragen sind, besitzen keine Spielberechtigung und können nicht eingesetzt werden.137 Spielberechtigt für die 3. Liga ist der Lizenzspieler mit Aufnahme in die Spielberechtigungsliste der DFB-Zentralverwaltung.138 Vertragsspieler und Amateure Vertragsspieler sind Spieler, die über ihr Mitgliedschaftsverhältnis hinaus einen schriftlichen Vertrag mit ihrem Verein abgeschlossen haben und über ihre nachgewiesenen Auslagen hinaus Vergütungen oder andere geldwerten Vorteile von mindestens monatlich 250,00 Euro erhalten.139 Vertragsspieler gelten wie Lizenzspieler als Berufsspieler.140 Amateure spielen aufgrund ihres Mitgliedschaftsverhältnisses Fußball und beziehen als Entschädigung kein Entgelt, sondern erhalten die nachgewiesenen Auslagen und allenfalls einen pauschalierten monatlichen Aufwendungsersatz von bis zu 249,99 Euro.141 Sowohl Vertragsspieler als auch Amateure benötigen zur Teilnahme an der 3. Liga eine Spielberechtigung. Zur Spielberechtigung bedarf es der Aufnahme in die Spielberechtigungsliste der DFB-Zentralverwaltung.142 Die Teilnahme an Bundesliga und 2. Bundesliga setzt voraus, dass der Spieler über eine Spielerlaubnis durch den DFL e. V. verfügt143 und auf der aktuellen Spielberechtigungsliste des DFL e. V. für den lizenzierten Klub geführt wird144. Bedeutung des professionellen Fußballsports Innerhalb des professionellen Sports nimmt der Fußball eine tragende Rolle ein. In der Saison 2014/2015 erzielten Bundesliga und 2. Bundesliga einen Gesamtumsatz von 3,13 Milliarden Euro.145 Allein die Bundesliga erwirtschaftete davon einen Erlös in Höhe von 2,62 Milliarden Euro.146 Zum elften Mal in Folge wurde ein Rekordumsatz erwirtschaftet.147 Das jährliche Wachstum der Bundesliga seit der Saison 2001/2002 beträgt durchschnittlich 6,7 Prozent.148 Für die kommenden Jahre wird mit weiteren Umsatzsteigerungen gerechnet.149 Das Spielervermögen der Vereine der 2. II. 136 § 11 Nr. 1 SpOL. 137 § 11 Nr. 1 SpOL. 138 § 10 Nr. 3.1 DFB-SpO. 139 § 8 Nr. 2 DFB-SpO. 140 § 8 Satz 2 DFB-SpO. 141 § 8 Nr. 1 DFB-SpO. 142 § 10 Nr. 3.1 DFB-SpO. 143 § 14 Nr. 1 LOS. 144 § 11 Nr. 1 SpOL. 145 Bundesliga-Report 2016, S. 11. 146 Bundesliga-Report 2016, S. 26. 147 Bundesliga-Report 2016, S. 9, 26. 148 Bundesliga-Report 2016, S. 2. 149 Schuster/Unterhitzenberger, Bälle, Tore und Finanzen XI, S. 19 ff. § 1 Genese des Fußballspiels 15 Bundesliga belief sich auf 585,5 Millionen Euro.150 Trainer und Spieler der Bundesliga haben in der Saison 2014/2015 insgesamt 997,5 Millionen Euro verdient. In der 2. Bundesliga waren es 171 Millionen Euro.151 Angesichts dieser Wirtschaftszahlen kann von einem sportlichen bzw. ideellen Hauptzweck der Vereine nicht mehr ausgegangen werden. Die Profifußballabteilungen der Bundesligavereine erwirtschaften das Gros der Einnahmen des Sportvereins, zeichnen sich aber auch für den überwiegenden Teil der Ausgaben des jeweiligen Sportvereins verantwortlich.152 Sie geben den Bundesligavereinen nach außen und nach innen ihr Gepräge.153 Dies spricht dafür, dass es sich bei den in das Vereinsregister eingetragenen Bundesligavereinen tatsächlich um Vereine mit wirtschaftlicher Zwecksetzung handelt.154 Um den Risiken einer Rechtsformverfehlung zu entgehen und um nicht die Anerkennung der steuerbegünstigenden Gemeinnützigkeit des Amateursportbereichs zu gefährden, haben Bundesligavereine daher zwischenzeitlich überwiegend ihre Berufsfußballabteilungen in Kapitalgesellschaften umstrukturiert.155, 156 150 Bundesliga-Report 2016, S. 25. 151 Bundesliga-Report 2016, S. 37. 152 Singbartl/Dziwis, JA 2014, 407, 409. 153 Reuter, in: Münchener Kommentar zum BGB, § 22 Rn. 44; Fritzweiler, in: Fritzweiler/Pfister/ Summerer (Hrsg.), Praxishandbuch Sportrecht, II/1 Rn. 68 f.; a. A. Ellenberger, in: Palandt, § 21 Rn. 7. 154 Reuter, in: Münchener Kommentar zum BGB, § 22 Rn. 44. 155 Bei 14 der 18 in der Saison 2016/2017 teilnehmenden Erstliga-Mannschaften handelt es sich um Kapitalgesellschaften, siehe http://www.bundesliga.de/de/dfl/fragen-zur-liga/adressen/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017); dort unrichtig noch als e. V. aufgeführt ist Rasenballsport Leipzig, vgl. http://www.dierotenbullen.com/statisch/impressum.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). In der 2. Bundesliga haben sich sechs der 18 Mannschaften in der Rechtsform einer Kapitalgesellschaft organisiert, a. a. O. Nach § 395 FamFG kann das Registergericht im Falle einer offenen oder verdeckten Rechtsformverfehlung die Amtslöschung des Vereins betreiben. Hierbei liegt die Amtslöschung im pflichtgemäßen Ermessen der Behörde, vgl. OLG Köln, Beschluss vom 24.11.2008 – 2 Wx 43/08, Rpfleger 2009, 237. 156 Offen bleibt, ob hierdurch diese Nachteile rechtssicher vermieden werden können, vgl. Steinbeck/ Menke, NJW 1998, 2169, 2171; kritisch Reuter, in: Münchener Kommentar zum BGB, § 22 Rn. 26. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 16 Doping Um die Bedeutung des Dopingbegriffs richtig zu erfassen, ist es angezeigt, zunächst dessen Entwicklung zu betrachten. Wortforschung Entwicklung und Bedeutung des Begriffs Der Ursprung des Wortes ist auf den Dialekt der Kaffer zurückzuführen.157 Diese verwendeten „dop“ als Stimulanz zu religiösen Anlässen.158 In der Sprache der Afrikaaner159 galt „dope“ als Bezeichnung einer anregenden Mischung aus Schnaps und Alkaloiden.160 Dabei handelte es sich um einen minderwertigen Branntwein („dopbrandy“), hergestellt aus Traubenschalen („druiwedoppe“).161 Die Zulu-Krieger sollen die Wirkung von „dope“ zur Steigerung der Kampfbereitschaft genutzt haben.162 Allmählich wurden als „dope“ all jene Substanzen bezeichnet, denen eine stimulierende Wirkung beigemessen worden war.163 In diesem Sinne sollen die Engländer im Krieg gegen die Buren „dope“ als Bezeichnung für generell stimulierende Getränke in die Heimat kolportiert haben.164 Ein englischsprachiges Wörterbuch hat im Jahre 1889 „doping“ als die Anwendung einer Mixtur aus Opium und Narkotika bei Pferderennen bezeichnet.165 Dort diente es zur Verringerung der Leistungsfähigkeit von Rennpferden.166 „Doping“ wurde hier offenbar dazu genutzt, um Gegnern Nachteile zuzufügen und Wettergebnisse zu manipulieren.167 Auch in der amerikanischen Drogenszene wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von „dope“ gesprochen. Als „dope” galt Anfang der 1870er Jahre „[any] preparation, mixture or drug, especially one that is harmful”.168 „Dope“ war um das Jahr § 2 A. I. 157 Clasing, in: ders. (Hrsg.), Doping, S. 17; siehe aber Ott, Strafwürdigkeit und Strafbedürftigkeit, S. 19, der auf eine „Uneinigkeit“ über die Herkunft des Begriffes hinweist. 158 Feiden/Blasius, Doping im Sport, S. 1. 159 Bei den Afrikaanern handelt es sich um die weißen südafrikanischen Buren. Die Buren waren ursprünglich in der Kapkolonie, dem Kapland, angesiedelt. Nach ihrer dortigen Vertreibung und der sich daran anschließenden Ansiedlung in Transvaal übernahmen sie einige Wörter aus der dort üblichen Sprache der Ureinwohner. 160 Donike, in: Eberspächer (Hrsg.), Handlexikon Sportwissenschaft, S. 81. 161 Jütte, GWU 59 (2008), 308. 162 Müller, in: Thieme/Hemmersbach (Hrsg.), Doping, S. 1, 2. 163 Müller, in: Thieme/Hemmersbach (Hrsg.), Doping, S. 1, 2. 164 Clasing, in: ders. (Hrsg.), Doping, S. 17. In den Südstaaten der USA wurde als „dope“ die heutige Coca-Cola bezeichnet, siehe dazu Jütte, GWU 59 (2008), 308. 165 Voy/Deeter, Drugs, sport, and politics, S. 5; Müller, in: Thieme/Hemmersbach (Hrsg.), Doping, S. 1. 166 Lippi/Franchini/Guidi, British Medical Bulletin 2008; 86: 95, 96 unter Verweis auf Verroken, M., (2000), Drug use and abuse in sport. Baillieres Best Pract Res Clin Endocrinol Metab, 14, 1-23. 167 Dahlke, Analyse der Berichterstattung, S. 21. 168 Tuttleton, American Speech 38 (1963), 153 f. zit. nach Jütte, GWU 59 (2008), 308. § 2 Doping 17 1900 eine gängige Sammelbezeichnung für Modedrogen.169 Der Grund hierfür muss wohl im holländischen Wort „doop“ gesehen werden; die Beschreibung einer dickflüssigen Mixtur.170 Auch Opium rauchte man als Paste.171 Hierzu passen Überlieferungen holländischer Kolonisten, die in New York bei der Errichtung neuer Gebäude mit Hilfe von „doop“ die eigene Arbeitskraft gesteigert haben sollen.172 Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurden zahlreiche Zeitungsartikel veröffentlicht, die unter Verwendung des Amerikanismus „doping“ von der künstlichen Steigerung der Trabgeschwindigkeit von Rennpferden berichteten.173 Der erste Präsident des Deutschen Fußballbundes, Ferdinand Hueppe, stellte im Jahr 1913 die These auf, dass zwischen modernem Leben und Einnahme von Stimulanzien eine untrennbare Konnexität gegeben sei. Hueppe, von Beruf Arzt, erachtete es als die Aufgabe des Arztes, dafür zu sorgen, schädliche Substanzen durch weniger schädliche zu substituieren.174 Eine Ablehnung von „doping“ am Menschen war damit kaum verbunden.175 Spätestens in den 1920er wurde „doping“ auch als Ausdruck betrügerisch handelnder Sportler verwendet. Am 2. November 1920 titelte The Brisbane Courier: „Alleged Doping Practice“.176 Berichtet wurde von Teilnehmern der Olympischen Spiele, die in Antwerpen Stimulanzien und Drogen zur Beeinflussung der Leistung konsumiert haben sollen.177 Drei Jahre später kritisierte Baron Pierre de Coubertin – der Gründer der olympischen Bewegung der Neuzeit – im Rahmen seiner 1923 in Rom gehaltenen Rede den Verfall der Werte im Sport, insbesondere durch die Einnahme von Drogen.178 1928 führte der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) als erster Weltverband179 ein Dopingverbot im Wettkampf ein.180 Nicht alle leistungssteigernden Substanzen wurden hingegen auch als „doping“ angesehen. Die Sportmedizin unterschied bis in die 1930er Jahre zwischen „sinnvollen Medikamenten und Substanzen“ und „verwerflichen Dopingstoffen“.181 Berufssportlern gegenüber wurde dabei eine größere Toleranz 169 Amos, Anti-Doping Policy, S. 151. 170 https://en.oxforddictionaries.com/definition/dope (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 171 Jütte, GWU 59 (2008), 308. 172 Mestwerdt, Doping, S. 23. 173 Krauß, Doping, S. 13; Jütte, GWU 59 (2008), 308, 309. 174 Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 157. 175 Hoberman, Sterbliche Maschinen, S. 157. 176 The Brisbane Courier vom 2.11.1920, S. 3. 177 The Brisbane Courier vom 2.11.1920, S. 3. 178 Zabell, Bericht vom 17.7.2000, S. 19. 179 Vgl. https://www.iaaf.org/news/news/a-piece-of-anti-doping-history-iaaf-handbook (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 180 „Doping is the use of any stimulant not normally employed to increase the power of action in athletic competitions above the average. Any person knowingly acting or assisting as explained above shall be excluded from any place where these rules are in force or, if he is a competitor, be suspended for a time or otherwise from further participation in amateur athletics under the jurisdiction of this Federation”, IAAF Handbook 1927-1928, S. 55, im Internet abrufbar unter: http://www.iaaf.org/dow nload/download?filename=bd61cf34-14b2-4dfc-9745-de914367182b.pdf &urlSlug=anti-doping-his tory-iaaf-handbook-1927-1928 (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 181 Singler, Doping und Enhancement, S. 40. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 18 bei der künstlichen Leistungssteigerung zugebilligt, als dies gegenüber Amateuren der Fall war.182 Seine Aufnahme in die deutsche Alltagssprache fand „Doping“ um das Jahr 1933 durch Eingang in diverse Lexika.183 Wachsende Professionalisierung und zunehmende Meldungen von Dopingfällen (teils mit tödlichem Ausgang) führten ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazu, dass Doping auch in der breiten Bevölkerung Bekanntheit erlangte.184 Doping im Sport wurde dabei mehrheitlich als negativ empfunden.185 Das Standardwerk unter den Wörterbüchern im deutschsprachigen Raum, der Duden, beschreibt Doping heute als die „Anwendung verbotener Substanzen (oder Methoden) zur [vorübergehenden] Steigerung der sportlichen Leistung“.186 Doping im weiteren Sinne liegt nach Auffassung des Sportwissenschaftlers Andreas Singler vor, soweit „Medikamente oder Substanzen gezielt zur Leistungssteigerung eingenommen werden, gleichgültig, ob verboten oder nicht“.187 Zwischenergebnis Der Wortgebrauch von „dop“, „dope“, „doop“ und „doping“ stand und steht typischerweise im spezifischen Kontext zur künstlichen Beeinflussung der Leistungsfähigkeit des Bezugsobjektes. Im sportlichen Kontext wird Doping heute als zumeist negativ empfundener Ausdruck manipulativer Leistungssteigerung(en) gebraucht. Künstliche Leistungssteigerung Erscheinungsformen der künstlichen Leistungssteigerung Aus der Etymologie folgt bereits, dass der Versuch, die Leistungsfähigkeit durch die Einnahme von Substanzen zu steigern, nicht erst als eine Erscheinung der heutigen Zeit zu betrachten ist. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das so alt ist wie die Menschheit. Bereits die biblische Erzählung vom Sündenfall berichtet vom Versuch, manipulativ göttliche Kräfte zu erlangen. Auch aus dem Bereich des Fußballsports stammen Überlieferungen von Versuchen, die Leistung künstlich zu steigern. II. B. I. 182 Singler, Doping und Enhancement, S. 29. 183 Haug, Doping, S. 27. 184 Prokop, Sport, S. 146 f.; Jütte, GWU 59 (2008), 308, 309. 185 Schnyder, in: Gamper/Mühlethaler/Reidhaar (Hrsg.), Doping, S. 69, 78 ff. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Einnahme diverser Substanzen zur Leistungssteigerung ausdrücklich von den Trainern empfohlen. Typisch war deshalb der sportbezogene Konsum von Alkohol, Koffein, Opium und Strychnin. Maßnahmen zur Eindämmung von Doping wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg ergriffen. Zum Ganzen siehe Dresen, Doping im Spitzensport, S. 19 ff. 186 http://www.duden.de/rechtschreibung/Doping (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017), wohl in Anlehnung an § 2 Nr. 1 Rahmen-Richtlinien DSB a. F.: „Doping ist der Versuch der Leistungssteigerung durch die Anwendung (Einnahme, Injektion oder Verabreichung) von Substanzen der verbotenen Wirkstoffgruppen oder durch die Anwendung verbotener Methoden (z. B. Blutdoping).“ 187 Singler, Doping und Enhancement, S. 14. § 2 Doping 19 Im alten China soll bereits im dritten Jahrhundert v. Chr. der Palast der Han- Herrscher den „Ballraum der Unsterblichkeitsdroge“ beherbergt haben.188 Ob es sich hierbei tatsächlich um den Versuch der Leistungssteigerung handelte, bleibt unklar. Die Teilnehmer der „Bundes-Wolken-Liga“ sollen vor den Spielen sechs Becher Wein getrunken haben.189 Unstreitig dokumentiert sind Versuche, die Leistung zu steigern aus dem Jahr 1908. Durch die künstliche Aufnahme von Sauerstoff sollte damals die Leistung englischer und belgischer Fußballmannschaften gesteigert werden.190 Entsprechende Praktiken sind für die 1940er und 1950er Jahre insbesondere für Südamerika, Portugal, Spanien und die Schweiz belegt.191 Auch Eintracht Frankfurt gehörte zu den Anwendern dieser Methode.192 Interesse hatte auch der Trainer des designierten Weltmeisters, Sepp Herberger, bekundet.193 Carl Koppehel, damaliger Pressesprecher des DFB, erklärte gar: „Wenn wir (zur Weltmeisterschaft) in die Schweiz fahren und die anderen werden mit Sauerstoff aufgepumpt, weiß ich nicht, ob wir es nicht doch ebenso machen sollen.“194 Von den Wolverhampton Wanderers wird berichtet, sie hätten mit Hilfe von Drüsenextrakten im Jahr 1939 den zweiten Platz in der englischen First Division gesichert.195 Auch die Liga-Konkurrenten Preston und Portsmouth sollen sich dieser Methode zugeneigt gezeigt haben.196 Vermehrt sollen gegen Ende der 1940er Jahre auch Substanzen der Amphetamingruppe im Leistungsfußball missbräuchlich verwendet worden sein.197 Für die 1960er Jahre konnte ein längerer Anabolika-Konsum bei Spitzenfußballern nachgewiesen werden.198 Auch der Konsum von Amphetaminen ist für diese Zeit belegt. So wurden bei der Fußballweltmeisterschaft in England 1966 auch bei drei deutschen Spielern „feine Spuren“ Ephedrin nachgewiesen.199 Bereits drei Jahre früher sah sich die englische Regierung dazu veranlasst, neben dem Radsport und der Leichtathletik, den Fußballsport als die Sportart mit dem größten Drogenproblem zu nennen.200 Im gleichen Jahr hatte eine Studie des 188 Brinker, Laozi, S. 66. 189 Brinker, Laozi, S. 122. 190 Prokop, Sport, S. 145. 191 Der Spiegel 21/1954, S. 23, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d -28956358.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 192 Der Spiegel 21/1954, S. 23, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d -28956358.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 193 Der Spiegel 21/1954, S. 23, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d -28956358.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 194 Der Spiegel 21/1954, S. 23, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d -28956358.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 195 Dimeo, A History of Drug Use in Sport, S. 44 ff. 196 Dimeo, A History of Drug Use in Sport, S. 45. 197 Strang/Spitzer, Doping in Deutschland von 1950 bis heute, S. 17. 198 Strang/Spitzer, Schlussbericht, S. 70. 199 Strang/Spitzer, Doping in Deutschland von 1950 bis heute, S. 18. Die Absicht zur Steigerung der Leistung lag nach Nolte nicht vor. Nolte führt dies u. a. auf die Tatsache zurück, dass eine leistungssteigernde Wirkung nur mit größeren Mengen herbeigeführt werden kann. Die Einnahme diente nach der Überzeugung Noltes zur Behandlung von Schnupfen, siehe dazu Nolte, Dopingbekämpfung, in: Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), Doping – kulturwissenschaftlich betrachtet, S. 117, 125. 200 Malcolm/Waddington, A Critical Review, S. 3 f. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 20 italienischen Fußballverbandes zu Tage gebracht, dass 94 Prozent der befragten Spieler der Serie A im Training Stimulanzien verwendeten – im Wettkampf waren es 17 Prozent.201 1968 soll die Einnahme von Amphetaminen Ursache gewesen sein für den Tod eines 18-Jährigen, der beim Versuch, ein Tor zu schießen, gestorben war.202 Bei der Weltmeisterschaft 1974 wurde bei dem Haitianer Ernst Jean-Joseph das Vorhandensein von Ephedrin nachgewiesen.203 20 Jahre später, bei der Fußballweltmeisterschaft in den USA, war es Diego Maradona, der ebenfalls auf Ephedrin positiv getestet worden war.204 Bereits im Jahr 1970 ließ der Sportmediziner Dirk Clasing durch seine Aussage aufhorchen, es gebe keine Fußball-Elf, „die nicht in irgendeiner Form gedopt ins Spiel“ gehe.205 Auch der ehemalige Nationaltorhüter Toni Schumacher berichtete von Mitspielern, die „sich ohne diese Spezial-Hochform-Pillen eine Fortsetzung ihrer Karriere gar nicht mehr vorstellen“ konnten.206 Tatsächlich enthalten Akten eines gegen den Freiburger Sportmediziner Armin Klümper in den 1980er Jahren geführten Strafverfahrens207 Lieferlisten und Abrechnungen, welche Lieferungen anaboler Steroide an Mannschaften der Bundesliga und 2. Bundesliga belegen. Hiernach hat der VfB Stuttgart in den Jahren 1978 bis 1980 in insgesamt 18 Lieferungen das Arzneimittel Megagrisevit208 erhalten.209 Vom Hersteller zur Behandlung von krebskranken Patienten entwickelt,210 ermöglicht der sog. „Off-Label-Use“, also die Verwendung des anabolen Steroids außerhalb seines in der Zulassung genehmigten Gebrauchs, dem Sportler, die Schnellkraft zu erhöhen und die Regenerationsfähigkeit zu verbessern, d. h. also die Erholungszeit zu verkürzen.211 Bei wiederkehrenden Belastungen kann Megagrisevit durch seine muskelaufbauende Wirkung212 daher zu einer Steigerung der Leistung führen.213 Für das Trainingslager in den USA („Amerikareise“) wurden am 20. Juni 1978 zehn Packungen à 60 Dragees geliefert.214 Auch der SC Freiburg hat 201 Prokop, Sport, S. 147 unter Verweis auf Venerando, A., Pathologia del doping e mezzi di controllo. Medicine dello Sport, Roma 3, 1963. 202 Baier, Doping im Sport, S. 5. 203 FAZ.NET vom 17.6.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen/me dizin-ernaehrung/doping-im-fussball-die-wollen-doch-nur-spielen-14281989-p3.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 204 SZ.de vom 26.6.2014, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/sport/doping fall-bei-wm-maradonas-flinker-kaffee-1.2014385 (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 205 Strang/Spitzer, Doping in Deutschland von 1950 bis heute, S. 18. 206 Schumacher, Anpfiff, S. 122. 207 LG Freiburg, 40 KLs 40a Js 175/84 = Staatsarchiv Freiburg, Sig. F 176/25 Nr. 1 (nicht veröffentlicht). 208 Der internationale Freiname lautet Clostebol, siehe Lüllmann/Mohr/Hein, Pharmakologie, S. 607. 209 LG Freiburg, 40 KLs 40a Js 175/84 = Staatsarchiv Freiburg, Sig. F 176/25 Nr. 1, Ordner 5.1 (nicht veröffentlicht). 210 Schöch, Finanzielle und strafrechtliche Aspekte, S. 54. 211 Vgl. SZ.de vom 17.4.2015, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/sport/do ping-im-sport-medizin-fuer-millionen-1.2440110 (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 212 Kretz/Reichenberger, Therapie, S. 330; Kley, in: Clasing (Hrsg.), Doping, S. 74, 86. 213 Kley, in: Clasing (Hrsg.), Doping, S. 74, 87. 214 LG Freiburg, 40 KLs 40a Js 175/84 = Staatsarchiv Freiburg, Sig. F 176/25 Nr. 1, Ordner 5.1 (nicht veröffentlicht). § 2 Doping 21 im Jahr 1980 60 Dragees Megagrisevit erhalten.215 Als Nebenwirkungen der Einnahme von Megagrisevit können Leberschädigungen, in seltenen Fällen schlimmstenfalls Tumore, auftreten.216 In den Jahren 1980 bis 1982 wurden Lieferungen an den VfB Stuttgart aufgezeichnet, die unter anderem das Arzneimittel Hepagrisevit beinhalteten.217 Bei diesem handelt es sich um ein sog. Leberpräparat,218 ein Mittel also, das mitunter zur Behandlung von Leberschädigungen eingesetzt wird. Im Jahr 2004 wurde der Teamarzt von Juventus Turin, Riccardo Agricola, erstinstanzlich zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt. Agricola war für schuldig befunden worden, verbotene Substanzen an Spieler verabreicht zu haben. Darunter befanden sich auch verbotene Kortikosteroide219 und EPO220. Auch das Oberste Gericht stellte fest, dass Agricola in den Jahren 1994 bis 1998 das Ziel verfolgt hatte, durch den nachweislich erfolgten (meist) nicht indizierten Einsatz von Arzneimitteln die Leistungsfähigkeit der Spieler zu verbessern.221 Während einer Razzia bei Juventus Turin wurden ferner Blutwertprotokolle sichergestellt, die belegten, dass die siegreiche Mannschaft von Juventus Turin im gewonnenen Finale der UEFA Champions-League unter Einfluss von EPO gegen Ajax Amsterdam angetreten war.222 Zeugenaussagen belasten auch Olympique Marseille. Demnach soll es in den neunziger Jahren auch beim Champions-League-Sieger von 1993 zur systematischen Anwendung von EPO gekommen sein.223 Die FIFA zeichnet seit der Weltmeisterschaft 1998 die während den Weltmeisterschaften verabreichten und eingenommenen Arzneimittel auf.224 Grundlage sind zum einen Daten, die anlässlich der durchgeführten Dopingkontrollen erhoben werden. Zum anderen werden die Teamärzte der teilnehmenden Mannschaften von der FIFA aufgefordert, 72 Stunden vor Spielbeginn die den einzelnen Spielern verschriebenen Arzneimittel mitzuteilen. Aus den bestehenden Daten folgt, dass bei den Weltmeisterschaften in den Jahren 2002, 2006, 2010 und 2014 durchschnittlich 54,5 Prozent der Teilnehmer jeweils mindestens ein Mal während des Wettbewerbs sog. „NSAIDs“ (engl. non-steroidal anti-inflammatory drugs) verwendet haben.225 Dies bedeutet, dass auf jede Nationalmannschaft bezogen im Durchschnitt mehr als sieben Spieler 215 LG Freiburg, 40 KLs 40a Js 175/84 = Staatsarchiv Freiburg, Sig. F 176/25 Nr. 1, Ordner 5.1 (nicht veröffentlicht). 216 Kretz/Reichenberger, Therapie, S. 331; Kley, in: Clasing (Hrsg.), Doping, S. 74, 89 ff.; Raschka, in: Dresen/Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 39, 45. 217 LG Freiburg, 40 KLs 40a Js 175/84 = Staatsarchiv Freiburg, Sig. F 176/25 Nr. 1, Ordner 5.1 (nicht veröffentlicht). 218 Hummel, Arzneimittellehre, S. 446. 219 Paoli/Donati, Sports Doping Market, S. 76. 220 Kistner, Doping, S. 84. 221 Paoli/Donati, Sports Doping Market, S. 77. In den Jahren 1994 bis 1998 gewann Juventus Turin dreimal die Italienische Meisterschaft, die Champions League, den Intercontinental Cup und den Italienischen Pokal, vgl. Paoli/Donati, Sports Doping Market, S. 76. 222 Kistner, Doping, S. 84 f. 223 Kistner, Doping, S. 73 ff. 224 Tscholl/Vaso/Weber/Dvorak, BrJSportsMed 2015; 49: 580-582. 225 Tscholl/Vaso/Weber/Dvorak, BrJSportsMed 2015; 49: 580-582. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 22 NSAIDs im Vorfeld eines jeden Spiels gebrauchten.226 Bei den NSAIDs handelt es sich in erster Linie um nichtsteroidale Entzündungshemmer.227 Daneben wirken sie schmerzhemmend.228 Hinzu tritt der Konsum weiterer Schmerzmittel, die von 12,8 Prozent der teilnehmenden Spieler konsumiert wurden.229 Die große Zahl des Gebrauchs von NSAIDs und sonstiger Schmerzmittel legt den Schluss nahe, dass auch gesunde Spieler zu den Konsumenten gehörten. Durch die Einnahme der NSAIDs und Schmerzmittel sind gesunde Spieler in der Lage, länger schmerz- bzw. entzündungsfrei Sport zu treiben und auf diese Weise die natürliche Leistungsfähigkeit des Körpers künstlich zu steigern. Aberrationen der künstlichen Leistungssteigerung Bekannt sind ferner Fälle des nicht konsentierten Fremddopings. Bei diesen werden dem Sportler – ohne dessen Wissen – leistungssteigernde Substanzen mit der Absicht verabreicht, den Ausschluss des manipulierten Spielers aufgrund von „dessen“ Regelverstoß herbeizuführen. Der Dopingforscher Werner Franke ist sich sicher, dass die positiven Dopingproben des Langstreckenläufers Dieter Baumann auf einen Anschlag zurückzuführen waren.230 Nach Franke sollen diverse Zahnpasta-Tuben Baumanns nach alter „Stasi-Methode“ mit dem anabolen Steroid Nandrolon verunreinigt worden sein.231 Denkbar ist insoweit auch, dass beim Sportler ohne dessen Wissen und Wollen verbotene Substanzen deponiert werden, um den „überführten“ Sportler (wegen des Besitzes) zu sanktionieren bzw. zu bestrafen. Nicht in den Bereich der künstlichen Leistungssteigerung, aber in den Bereich der Leistungsbeeinflussung, fällt das sog. „doping to lose“232. Bei dieser auch „Paradoping“233, „Anti-doping“234 oder „negatives Doping“235 genannten Vorgehensweise wird die eigene Leistung durch die Schwächung der Leistungsfähigkeit des Gegners bevorteilt. Es handelt sich also um die Verkehrung der Leistungssteigerung. Nach Aussage des Spielers Jean-Jacques Eydelie soll der ehemalige Präsident von Olympique Marseille, Bernard Tapie, vor dem Spiel seiner Mannschaft gegen ZSKA Moskau am 17. März 1993 dafür gesorgt haben, dass das Mineralwasser der Moskowiter verunreinigt wird.236 In der Folge litten diese an Diarrhö. Olympique Marseille gewann II. 226 Tscholl/Vaso/Weber/Dvorak, BrJSportsMed 2015; 49: 580-582. 227 Paoloni/Milne/Orchard/Hamilton, BrJSportsMed 2009; 43: 863-865. 228 Paoloni/Milne/Orchard/Hamilton, BrJSportsMed 2009; 43: 863-865. 229 Tscholl/Vaso/Weber/Dvorak, BrJSportsMed 2015; 49: 580-582. 230 Interview mit dem Molekularbiologen Werner Franke, Der Spiegel 33/2006, im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48262955.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 231 Interview mit dem Molekularbiologen Werner Franke, Der Spiegel 33/2006, im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-48262955.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 232 Vgl. Schneider-Grohe, Doping, S. 58; Müller, in: Thieme/Hemmersbach (Hrsg.), Doping, S. 1, 3. 233 Prokop, Sport, S. 145. 234 Prokop, Sport, S. 145. 235 Caysa, in: Latzel/Niethammer (Hrsg.), Hormone und Hochleistung, S. 245. 236 Spiegel Online vom 22.1.2006, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/sport/fuss ball/landesmeister-finale-voeller-mitspieler-erhebt-schwere-doping-vorwuerfe-a-396720.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 2 Doping 23 überlegen mit 6:0 Toren.237 Diego Maradona offenbarte im Jahr 2004, dass im Achtelfinalspiel der Weltmeisterschaft 1990 verunreinigte Trinkflaschen von der argentinischen Mannschaft an den brasilianischen Gegner gereicht worden seien.238 Die Trinkflaschen enthielten Wasser, welchem das Medikament Rohypnol zugesetzt worden war; die Einnahme von Rohypnol führt unter anderem dazu, dass Seh-, Urteilsund Gedächtnisvermögen vermindert werden.239 Künstliche Leistungssteigerung in der Gesellschaft der Gegenwart Das Verlangen nach der Steigerung der Leistungsfähigkeit ist auch gegenwärtig nicht auf den Bereich des Sports begrenzt. Eine im November 2014 von der Deutschen Arbeitnehmer Krankenkasse (DAK) durchgeführte Studie zum Thema „Doping am Arbeitsplatz“ bringt hervor: Auch im beruflichen Alltag werden verschreibungspflichtige Arzneimittel eingenommen – fern von jeglicher medizinischen Indikation (sog. „Neuroenhancement“).240 An der Studie der DAK hatten 5.017 Erwerbstätige teilgenommen. Befragt wurden Männer und Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Diese wiesen Unterschiede auf bei den sozialdemographischen Merkmalen Schulabschluss, Art der Beschäftigung und Stellung im Beruf.241 Beeinflusst werden sollen insbesondere kognitive Leistungsfähigkeit und psychische Befindlichkeiten.242 Die Stimmungslage soll verbessert werden, Ängste und Stresssituationen/Nervositäten sollen abgebaut werden.243 Gilt heute die Einnahme von Koffein, Energydrinks, Nikotin und Nahrungsergänzungsmitteln als gängiges und (zumeist) bedenkenloses Mittel zur Anregung der Leistungsfähigkeit, so werden zunehmend verschreibungspflichtige Arzneimittel eingenommen, deren originäres Anwendungsgebiet die Behandlung von (überwiegend psychischen) Krankheiten ist und die teilweise zu den Betäubungsmitteln im Sinne des BtMG zählen. Damit nutzen auch hier Gesunde Wirkungen von Medikamenten, die ursprünglich für Kranke erforscht und entwickelt wurden. 3,2 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten vor Durchführung der Befragung ohne medizinische Indikation verschreibungspflichtige Arzneimittel eingenommen zu haben.244 6,7 Prozent teilten mit, dies nicht weniger als einmal seit Beginn der Erwerbstätigkeit (sog. Lebenszeitprävalenz) getan zu haben.245 Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer kommt die Studie zu einer um 80 Prozent III. 237 Spiegel Online vom 22.1.2006, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.spiegel.de/sport/fuss ball/landesmeister-finale-voeller-mitspieler-erhebt-schwere-doping-vorwuerfe-a-396720.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 238 Kistner, Doping, S. 182. Argentinien gewann das Prestigeduell in der Schlussphase gegen müde wirkende Brasilianer mit 1:0, vgl. Kistner, Doping, S. 183. 239 Kistner, Doping, S. 182. 240 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 29 ff. 241 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 56 f. 242 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 30. 243 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 30, 57. 244 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 66. 245 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 66. Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 24 höheren Gebrauchsprävalenz.246 Jeder achte Erwerbstätige hat demnach pharmakologisches Neuroenhancement einmal (oder mehrmals) betrieben. Betrachtet man den Zeitraum des der Befragung zugrundeliegenden Jahres, so betrifft dies jeden 30. erwerbstätigen Mann und jede 33. erwerbstätige Frau.247 Im Zeitraum zwischen 2008 bis 2014 konnte eine Zunahme des Neuroenhancement festgestellt werden. Die Zahl der mindestens einmaligen Verwendung verschreibungspflichtiger Arzneimittel ohne medizinische Indikation verzeichnete unter den Befragten eine Zunahme um zwei Prozent.248 Rund 1,9 Prozent der Befragten betrieben das pharmakologische Neuroenhancement regelmäßig,249 also mindestens zweimal im Monat.250 Die Studie macht deutlich, dass lediglich ein geringer Teil der Erwerbstätigen pharmakologisches Neuroenhancement betreibt bzw. dieses nur einmal betrieben hat. Deutlicher fällt hingegen eine Studie aus, die im Jahr 2013 unter Studenten der Johannes Guttenberg Universität Mainz durchgeführt worden war. Befragt wurden 2.557 Studenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen und unterschiedlichen Semestern.251 20 Prozent (davon entfielen 23,7 Prozent auf die Männer, 17,0 Prozent auf Frauen) der 2.569 Studenten hatten angegeben, Neuroenhancement in den letzten zwölf Monaten betrieben zu haben.252 Die höchste Gebrauchsprävalenz (25,4 Prozent) war dabei unter den befragten Studenten der Sportwissenschaften zu verzeichnen.253 Berücksichtigt wurden nicht lediglich verschreibungspflichtige Arzneimittel, sondern auch „pharmaceuticals or illegal drugs that you cannot buy in a drugstore and that were not prescribed to you to treat a disease. The only reason why you use this substance is to improve cognitive performance, such as attention, alertness, and mood“.254 Die Studie war demnach umfassender angelegt als die der DAK. Als Resultat ist festzuhalten, dass eine signifikante Zahl der Studenten bereits Neuroenhancement betrieben hat bzw. aktuell betreibt. Der Dopingbegriff im juristischen Sprachgebrauch Von dem allgemeinen Sprachgebrauch ist die juristische Auseinandersetzung mit dem Dopingbegriff zu unterscheiden. C. 246 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 66. 247 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 66. 248 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 97 249 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 94. 250 DAK Gesundheitsreport 2015, S. 96. 251 Dietz/Striegel/Franke et al., Pharmacotherapy 2013; 33 (1): 44, 47. Die Umfrage geschah nach der sog. „Randomized Response Technique“. Durch die Anwendung dieser Technik sollte die Dunkelziffer möglichst genau erforscht werden. Eingehend zur Methodik Dietz/Striegel/Franke et al., Pharmacotherapy 2013; 33 (1): 44, 46 f. 252 Dietz/Striegel/Franke et al., Pharmacotherapy 2013; 33 (1): 44, 47. 253 Dietz/Striegel/Franke et al., Pharmacotherapy 2013; 33 (1): 44, 47. 254 Dietz/Striegel/Franke et al., Pharmacotherapy 2013; 33 (1): 44, 46. § 2 Doping 25 Verbandsrechtlicher Dopingbegriff Aus Anlass der Fußballweltmeisterschaft hatte die FIFA erstmalig 1966 ein Dopingverbot auf Ebene des Weltfußballs eingeführt.255 Verankert war dieses Verbot in den Anti-Doping-Regularien. Als Doping galt die Verabreichung oder der Gebrauch körperfremder Stoffe, soweit deren ausschließliches Ziel darin bestanden hat, eine künstliche und zugleich unfaire Leistungssteigerung vor oder während des Wettkampfs hervorzurufen.256 Zu bestrafen war, wer mit der spezifischen Absicht handelte, den körperlichen und/oder mentalen Leistungszustand des Spielers zu verbessern.257 Die verbotenen Substanzen wurden in der List of prohibited Drugs am Ende der Anti- Doping-Regularien geführt.258 Dopingbegriff des DFB Für den Verbandsbereich des DFB traten erstmals im Jahr 1988 Anti-Doping-Regularien in Kraft. Doping war hiernach „[d]ie Anwendung von Substanzen und Maßnahmen vor oder während des Wettbewerbs, die geeignet sind, den physischen und psychischen Leistungszustand eines Spielers künstlich zu verbessern, oder der Versuch von Dritten, solche anzubieten oder jemanden zu deren Verwendung zu veranlassen […]“.259 Die verbotenen Substanzen wurden in der „Liste der angegebenen Substanzen“ im Anhang der Durchführungsbestimmungen Doping aufgeführt. Das Verschulden des Spielers wurde vermutet. Es oblag dem Spieler, diese Vermutung zu widerlegen, um Straffreiheit zu erlangen.260 Bis zur verbandsrechtlichen Regelung des Dopingverbots war eine begriffliche Definition von Doping durch den DFB nicht erfolgt. Doping konnte lediglich in der Begehungsform des „unsportlichen Verhaltens“ geahndet werden.261 Die Beurteilung der Frage, wann ein solches „unsportliches Verhalten“ gegeben war, blieb der Betrachtung der Umstände des Einzelfalles vorbehalten. Eine gezielte Ahndung von Doping hatte es bei juristischer Wertung im Verbandsbereich des DFB bis zur Einführung des Dopingverbots im Jahr 1988 daher nicht gegeben. I. 1. 255 Nolte, Dopingbekämpfung, in: Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), Doping – kulturwissenschaftlich betrachtet, S. 117, 119. 256 Vorwort/Definition, in: FIFA Anti-Doping-Regulations, abgedruckt bei Nolte, Dopingbekämpfung, in: Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), Doping – kulturwissenschaftlich betrachtet, S. 117, 131 f. 257 Act of Doping, in: FIFA Anti-Doping-Regulations, abgedruckt bei Nolte, Dopingbekämpfung, in: Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), Doping – kulturwissenschaftlich betrachtet, S. 117, 132. Hierbei oblag es der FIFA, die Intentionalität der Leistungsverbesserung zu beweisen. 258 List of prohibited Drugs, in: FIFA Anti-Doping-Regulations, abgedruckt bei Nolte, Dopingbekämpfung, in: Deutsche Sporthochschule Köln (Hrsg.), Doping – kulturwissenschaftlich betrachtet, S. 117, 134. 259 § 14 lit. a) Abs. 2 DFB-SpO (Stand 1988), § 1 DFB-Durchführungsbestimmungen Doping (Stand 1988). 260 § 5 Nr. 1 lit. j) DFB-RuVO (Stand 1988). 261 § 1 Nr. 2 DFB-RuVO (Stand 1988). Erster Teil. Kapitel 2: Historische Entwicklung, Definitionen 26 Der DFB hat seine Anti-Doping-Richtlinien den verbandsrechtlichen Vorgaben angepasst. Doping ist nach § 1 Nr. 1 DFB-ADR der Verstoß gegen eine oder mehrere der in § 1 Nr. 2 DFB-ADR enumerativ benannten Anti-Doping-Vorschriften.262 Konkretisiert werden diese Vorschriften durch die Dopingliste, die von der WADA periodisch herausgegeben wird und die den DFB-ADR als Anhang A beigefügt ist; die jeweils gültige Dopingliste ist auf der Website der WADA unter www.wada-ama.org einzusehen.263 Nicht unter den Begriff des Dopings fallen Handlungen, die nicht in § 1 Nr. 2 DFB-ADR erwähnt sind. Einnahme und/oder Anwendung von Substanzen bzw. Methoden, die nicht der vorgenannten Liste unterfallen, sind demnach nicht verboten; sie erfüllen nicht den verbandsrechtlichen Dopingbegriff, ungeachtet der Tatsache, ob mit der Einnahme bzw. Anwendung eine leistungssteigernde Wirkung einhergeht oder nicht. Der Dopingbegriff des DFB ist demnach mehrgliedrig. Er setzt sich zusammen aus einer Vielzahl von Verbotstatbeständen, welche alternativ oder kumulativ begangen den Tatbestand des Dopings erfüllen. Taugliche Täter können neben den Sportlern auch Betreuungspersonen, Trainer, Offizielle oder andere Personen sein. Der Begriff des Dopings beschränkt sich demnach nicht auf das Handeln des Spielers. Umfasst sind auch Handlungen anderer Personen, sofern diese an die DFB-ADR gebunden sind.264 Dopingbegriff im Lizenzvertrag Spieler Vom Dopingbegriff der DFB-ADR unterscheidet sich derjenige, der in dem Lizenzvertrag Spieler enthalten ist. Als Doping gilt hiernach: „Doping ist das Vorhandensein einer Substanz aus den verbotenen Wirkstoffen im Körper (Gewebe oder Körperflüssigkeit). Doping ist auch die Anwendung verbotener Methoden, die geeignet sind, den physischen und psychischen Leistungszustand eines Spielers künstlich zu verbessern. Doping ist auch der Versuch von Dritten, Substanzen aus den verbotenen Wirkstoffen oder die Anwendung verbotener Methoden anzubieten oder jemanden zu deren Verwendung zu veranlassen. Maßgeblich ist die vom DFB jeweils herausgegebene Liste (Anhang A zu den Anti-Doping-Richtlinien des DFB).“265 Der Dopingbegriff des Lizenzvertrages unterscheidet sich von dem des DFB durch seine inhaltliche Unbestimmtheit und Verkürzung des Tatbestands. Insbesondere das Verbot, eine bestimmte verbotene Methode anzuwenden, „die geeignet ist, den physischen und psychischen Leistungszustand eines Spielers künstlich zu verbessern“, kann aufgrund ihrer Unbestimmtheit zu Schwierigkeiten bei der Beweiswürdigung führen und begegnet insoweit rechtlichen Bedenken. So kann bereits fraglich sein, wann von einer solchen Eignung zur Steigerung des Leistungszustandes auszugehen ist. Die Eignung 2. 262 § 1 Nr. 1 DFB-ADR. Eine wortgleiche Dopingdefinition enthalten auch § 5 Nr. 1 DFB-SpO und § 6 Nr. 1 DFB-RuVO. 263 § 1 Nr. 3 Abs. 1 DFB-ADR. 264 § 1 Nrn. 1, 2 lit. e), lit. f) bb), lit. g), lit. h), lit. i), lit. j) DFB-ADR. 265 § 3 Abs. 2 Lizenzvertrag Spieler. § 2 Doping 27 ist daher, im Unterschied zum Dopingbegriff im Lizenzvertrag, ausdrücklich nicht Teil des Dopingbegriffs des DFB.266 Dopingbegriff im AntiDopG Der Gesetzgeber hat mit Einführung des AntiDopG erstmalig den Begriff des „Selbstdopings“ in Gesetzesform gegossen. Die normtechnische Herangehensweise ähnelt dabei stark derjenigen der Sportverbände: „Selbstdoping“ ist hiernach der Verstoß gegen die in § 3 AntiDopG aufgeführten Verbotstatbestände. Die verbotenen Dopingmittel und Dopingmethoden bestimmen sich ebenfalls anhand einer Verbotsliste, namentlich der Anlage I des Internationalen Übereinkommens vom 19. Oktober 2005 gegen Doping im Sport (BGBl. II 2007, 354, 355) in der vom Bundesministerium des Innern jeweils im Bundesgesetzblatt Teil II bekannt gemachten Fassung. Anders als der verbandsrechtliche Dopingbegriff beschränkt sich der strafrechtliche Dopingbegriff auf das Handeln des Sportlers selbst. Der Gesetzgeber unterscheidet demnach das Handeln Dritter von dem Handeln des Sportlers am eigenen Körper. Nur letzteres erfüllt den Dopingbegriff des Gesetzgebers, das „Selbstdoping“. Anders als die Sportverbände hat es der Gesetzgeber unterlassen, Unterstützungshandlungen des Umfelds des Sportlers zum Selbstdoping bzw. entsprechende Handlungen anderer Personen in den Dopingbegriff (etwa als „Fremddoping“) miteinzubeziehen. Dies ändert, wie noch zu zeigen sein wird,267 gleichwohl nichts an der Tatsache, dass auch ein solches Handeln strafbar sein kann. Doping im deutschen Lizenzfußball Handlungen sowohl des Strafgesetzgebers als auch der Verbände, welche das Ziel haben, Doping zu verhindern und zu bekämpfen, setzen voraus, dass von einer mindestens abstrakten Gefahr der Begehung von Dopingverstößen ausgegangen werden kann. Das Strafrecht kann seinen Einsatz nur rechtfertigen, wenn es tatsächlich auch eine Dopinggeneigtheit gibt. Zur Beurteilung dieser Frage sollen nachfolgend die bisherigen sportdisziplinarischen Verurteilungen im deutschen Fußball und deren Bedeutung untersucht werden. Nach der sportmedizinischen Auseinandersetzung mit Nutzen und Sinnhaftigkeit von Doping im Fußball sollen die Ursachen des devianten Verhaltens erörtert und die gewonnenen Ergebnisse auf die Gegebenheiten des deutschen Lizenzfußballs angewendet werden. II. Kapitel 3: 266 Vgl. § 1 Nr. 3 Abs. 2 DFB-ADR. 267 Siehe unten Dritter Teil Kapitel 2 § 1 A. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 28 Dopingfälle im deutschen Fußball Die durch die NADA veröffentlichen Zahlen zu Dopingverstößen und durchgeführten Kontrollen beziehen sich auf sämtliche Spielklassen des deutschen Fußballs, sofern diese Gegenstand von Dopingkontrollen sind. Detailliertere Angaben, die Rückschlüsse auf den Lizenzfußball zuließen, liegen nicht vor. Darstellung und Bewertung der Dopingfälle beziehen sich im Folgenden daher auf den deutschen Fußball, soweit kontrolliert wird. Häufigkeit der Verurteilungen Der DFB hat erstmalig zu Beginn des Spieljahres 1988/1989 Dopingkontrollen durchgeführt.268 Systematisch kontrolliert wird seit dem Jahr 1995.269 Gegenwärtig finden Kontrollen in 16 Spielklassen bzw. Wettbewerben statt.270 Kontrolliert wird unter anderem in Training (Trainingskontrolle) und Wettkampf (Wettkampfkontrolle) von Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga sowie bei Qualifikationsspielen für Bundesliga und 2. Bundesliga und bei DFB-Pokalendspielen.271 Bei der Anordnung der Durchführung der Dopingkontrollen ist zu unterscheiden: Obligatorisch durchgeführt werden Dopingkontrollen bei den DFB-Pokalendspielen und den Qualifikationsspielen für Bundesliga und 2. Bundesliga („sollen“).272 In den sonstigen Bundesspielen können Dopingkontrollen fakultativ angeordnet werden.273 Dies meint, dass nach den Anti-Doping-Richtlinien des DFB Dopingkontrollen in den Meisterschaftsspielen von Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga nicht zwingend angeordnet werden müssen („können“). Es liegt im Ermessen der NADA, diese anzuordnen.274 Die Anordnung von Trainingskontrollen beschränkt sich auf Bundesliga, 2. Bundesliga, 3. Liga, A- und B-Junioren-Bundesliga und Frauen-Bundesliga.275 „Training“ meint hierbei die Zeit, die nicht innerhalb des Wettkampfs liegt.276 Als „Wettkampf “ gilt das einzelne Spiel.277 Die Wettkampfkontrolle beginnt zwölf Stunden vor Anpfiff des jeweiligen Spiels und endet mit dem Ende des Spiels bzw. mit der Beendigung des wettkampfbezogenen Probenahmeprozesses.278 Seit 1. Juli 2014 können im Wettkampf, neben der bereits seit Einführung der Kontrollen § 1 A. 268 Kindermann, in: wfv e. V. (Hrsg.), Doping und Sport, S. 31. 269 Hilpert, Fußballstrafecht, § 6 Rn. 31. 270 http://www.dfb.de/verbandsservice/fakten-und-hintergruende/das-netz-verdichtet-sich-kontinuierl ich/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 271 § 5 Nr. 1 DFB-ADR. 272 § 5 Nr. 1 Abs. 1 Satz 2 DFB-ADR. 273 § 5 Nr. 1 Abs. 1 Satz 1 DFB-ADR. 274 § 5 Nr. 2 DFB-ADR. 275 § 5 Nr. 1 Abs. 2 DFB-ADR. 276 Definition „Trainingskontrolle“ Anhang 1 – Begriffsbestimmungen NADC. 277 Definition „Wettkampf “ Anhang 1 – Begriffsbestimmungen NADC. 278 Definition „Innerhalb des Wettkampfs“ Anhang 1 – Begriffsbestimmungen NADC. § 1 Dopingfälle im deutschen Fußball 29 praktizierten Durchführung von Urinproben,279 auch Blutproben entnommen werden.280 Letztere wurden von der NADA im Jahr 2013 auf die Trainingskontrollen ausgedehnt.281 In den 16 Spielklassen wurden in Wettkampf und Training seit Einführung bislang mehr als 20.000 Dopingkontrollen durchgeführt.282 Hiervon führten 25 Kontrollen zu rechtskräftigen sportdisziplinarischen Verurteilungen.283 Im Kalenderjahr 2015 wurden im deutschen Fußball insgesamt 1.447 Wettkampf- und 484 Trainingsproben genommen.284 Dabei stehen 143 Blutproben im Wettkampf285 45 Blutproben im Training286 gegenüber. Bewertung Setzt man die Zahl der genommenen Proben und die Zahl der rechtskräftigen Verurteilungen in Relation zueinander, so entsteht prima facie der Eindruck, dass eine Dopingaffinität, wie sie etwa im Radsport287 oder anderen kraft- und ausdauerintensiven Sportarten vorliegt, im deutschen Fußball nicht gegeben ist. Diese Annahme scheint sich zu bestätigen, richtet man den Fokus auf den Lizenzfußball: Die vorgenannten Verurteilungen betreffen den gesamten Bereich, in welchem der DFB die Sanktionsgewalt besitzt. Tatsächlich entfällt auf den Lizenzfußball daher nur ein Teil der in der Statistik abgebildeten rechtskräftigen Verurteilungen. Die Zahl der bislang B. 279 § 2 Abs. 8 DFB-Durchführungsbestimmungen Doping (Stand 1988). 280 Offizielle Mitteilungen des DFB, Nr. 3 vom 30.6.2014, S. 2 ff. 281 NADA-Jahresbericht 2013, S. 4, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de/service-infos/ja hresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 282 http://www.dfb.de/news/detail/2200-doping-kontrollen-pro-saison-117483/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 283 Hilpert, Fußballstrafrecht, § 6 Rn. 31 weist zum Stand 30.09.2008 13 rechtskräftige Verurteilungen nach. Drepper benennt für das Jahr 2003 vier weitere rechtskräftige Verurteilungen, vgl. https://corr ectiv.org/recherchen/fussballdoping/blog/2015/11/12/dfb-gedopt-gesperrt-verheimlicht/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Weitere rechtskräftige Verurteilungen sind enthalten in den Jahresberichten der NADA: NADA-Jahresbericht 2008, S. 17, NADA-Jahrbuch 2009, S. 50 f., NADA-Jahresbericht 2013, S. 14 f., NADA-Jahresbericht 2014, S. 16 f., im Internet abrufbar unter: http://www.nada. de/de/service-infos/jahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Zum fahrlässigen Dopingvergehen vom 13. und 14. April 2016 des Spielers Branimir Bajic vgl. Pressemitteilung des DFB-Sportgerichts vom 22.4.2016, im Internet abrufbar unter: http://www.dfb.de/news/detail/verwarnung-we gen-fahrlaessigen-dopingvergehens-gegen-duisburger-bajic-144521/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Im Fall des Spielers Manuel Cornelius wurde das Verfahren analog § 153 Abs. 2 StPO eingestellt, nachdem dieser schon für die Dauer von nahezu acht Wochen gesperrt war, vgl. Hilpert, Fußballstrafrecht, § 6 Rn. 30 (6. Fall). 284 NADA-Jahresbericht 2015, S. 28, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de/service-infos/j ahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 285 NADA-Jahresbericht 2015, S. 28, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de/service-infos/j ahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 286 NADA-Jahresbericht 2015, S. 28, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de/service-infos/j ahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 287 Vgl. hierzu Singler/Treutlein, in: Meutgens (Hrsg.), Doping im Radsport, S. 84 ff. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 30 erfolgten Verurteilungen von Dopingverstößen im deutschen Lizenzfußball ist gering; Verurteilungen und positive Proben bewegen sich im Promillebereich.288 Die negativen Testergebnisse können jedoch nicht als Beweis dafür dienen, dass Dopingpraktiken im deutschen Lizenzfußball nicht existieren. Zu dominant sind Erfahrungen, die aus dem Radsport stammen. Zahlreiche Dopingproben fielen auch dort negativ aus; gleichwohl hatte sich in der Retrospektive herausgestellt, dass flächendeckend gedopt worden war.289 Der Profi-Radsportler Bernhard Kohl hat in einem Interview im Jahr 2009 angegeben, in seiner Karriere 200 Dopingkontrollen durchlaufen zu haben, davon jedoch nur einmal wegen eines Dopingverstoßes überführt worden zu sein.290 Nach Einschätzung des Chefanklägers der United States Anti-Doping-Agency (USADA), Travis Tygart, werden hochbezahlte Sportler mit der entsprechenden Infrastruktur und dem nötigen Wissen stets in der Lage sein, positive Testergebnisse zu umgehen.291 Im Schnitt muss ein dopender Sportler 150-mal getestet werden, ehe er des Dopings überführt wird.292 Große Bedeutung kommt hier der Tatsache zu, dass die Einnahme bestimmter leistungsfördernder Substanzen nur innerhalb eines bestimmten Zeitfensters nachgewiesen werden kann. Dies macht sich etwa der mit rekombinantem menschlichen Erythropoietin (sog. rekombinantes EPO) dopende Sportler beim sog. „Low-dose Schema“ zunutze. Demnach werden nach einer anfänglichen Boosterphase lediglich niedrige intravenöse Injektionsmengen an EPO gebraucht.293 Je nach Dosierung kann das Zeitfenster für den Nachweis der verbotenen Substanz EPO im Urin des Sportlers somit unter 24 Stunden betragen.294 Der erhöhte Hämoglobinspiegel bleibt hingegen erhalten.295 Jede Säumnis von Kontrollen hat hier also zur Folge, dass ein Nachweis der verbotenen Einnahme von Substanzen bzw. der verbotenen Methode nicht erbracht werden kann, die leistungssteigernde Wirkung aber besteht. Unverzichtbar sind daher Kontrollen außerhalb der Wettbewerbsspiele. Vergleicht man die Anzahl der durchgeführten Trainingskontrollen mit derjenigen der Wettkampfkontrollen, so fällt auf, dass hier ein eklatantes Missverhältnis besteht: Nahezu drei Viertel der im Jahr 2015 im Fußball durchgeführten Dopingkontrollen entfielen auf den Wettkampf.296 Die geringe Zahl der verurteilten Spieler(innen) könnte so betrachtet auch Raum zu jener Interpretation lassen, dass es sich bei dieser tatsächlich um die statistische Abbildung der geringen Entdeckungsrate von Dopingpraktiken im deutschen Fuß- 288 Hilpert, Fußballstrafrecht, § 6 Rn. 31. Hilpert, a. a. O. gelangt daher zu der Erkenntnis, dass es sich beim deutschen Fußball um einen „relativ dopingfreien Raum“ handelt. 289 Vgl. Krüger, Sport und Gesellschaft 2006, 324 ff. 290 Zeit Online vom 26.5.2009, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.zeit.de/online/2009/22/k ohl-doping-radsport (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 291 BT-Prot. 17/69, S. 6. 292 Simon, Faktenauflistung, Punkt 3, im Internet abrufbar unter: http://www.sportmedizin.uni-mainz. de/Dateien/Sportausschuss_Prof.Dr.Dr.P.Simon_10.11.2010.pdf (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 293 Pöttgen, Doping 2011, 95 f. 294 Pöttgen, Doping 2011, 96. 295 Pöttgen, Doping 2011, 95 f. 296 NADA-Jahresbericht 2015, S. 28, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de/service-infos/j ahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 1 Dopingfälle im deutschen Fußball 31 ballsport handelt. Bei den negativen Dopingproben kann es sich allenfalls um Indizien für das Vorliegen eines weitestgehend dopingsauberen Bereichs des Sports handeln. Hierfür sprechen insbesondere die, gemessen an den am Wettbewerb teilnehmenden Sportlern, relativ geringe Zahl der durchgeführten Dopingkontrollen, der Mangel an analytischen Methoden zum Nachweis neuer Dopingmittel/-methoden sowie die Möglichkeit, durch geschicktes Agieren Dopingpraktiken zu verschleiern. Unerwünschte Nebenfolge könnte sein, dass durch den Schein der Nicht-Nachweisbarkeit von Doping erst Anreize für dopingaffine Spieler geschaffen werden, zu dopen. Soweit ersichtlich, wurden anonymisierte Befragungen über die Ausübung oder die Kenntnis von nach den DFB-ADR verbotenen Dopingpraktiken im deutschen Lizenzfußball bislang nicht durchgeführt. Erwähnenswert ist eine Studie, die unter 39 Spielern aus Bundesliga, 2. Bundesliga und 3. Liga sowie neun Spielerinnen aus der Frauen-Bundesliga im Jahr 2014 durchgeführt worden war.297 Auf die Frage, „[h]aben Sie zur Steigerung Ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit in den letzten 12 Monaten Substanzen eingenommen, die es nur in der Apotheke, beim Arzt oder auf dem Schwarzmarkt gibt (z.B. Anabole Steroidhormone, EPO, Wachstumshormone, Aufputschmittel)?“ antworteten 13 Spieler(innen) mit ja. Dies führte zu einer geschätzten Prävalenz zwischen 9,83 Prozent und 35,17 Prozent.298 Der in der Fragestellung enthaltene Dopingbegriff ist weiter als derjenige des DFB. Das Ergebnis der Studie könnte daher auch Situationen umfassen, bei denen es sich nach dem verbandsrechtlichen (und strafrechtlichen) Dopingbegriff nicht um Doping handelt. Ferner ist der Studie nicht zu entnehmen, wie sich das Ergebnis der Befragung zusammensetzt. Unklar ist demnach, ob sich unter den die Frage bejahenden Teilnehmern auch Frauen befunden haben. Eine Befragung wurde auch unter englischen Berufsfußballspielern durchgeführt.299 Dabei gaben sechs Prozent der 706 teilnehmenden Fußballer an, Spieler zu kennen, die leistungssteigernde Dopingsubstanzen bereits einmal zu sich genommen hatten oder gegenwärtig anwendeten; 45 Prozent der Teilnehmer kannten Spieler, die „Freizeitdrogen“ wie etwa Cannabis oder Kokain konsumierten.300 Die durchgeführten Dopingkontrollen spiegelten diese Zahl nicht wider. Die Forscher führten dies darauf zurück, dass es den Spielern auf recht einfache Art und Weise gelungen war, positive Dopingproben zu vermeiden.301 Eine Befragung unter deutschen Leistungssportlern geht davon aus, dass jährlich zwischen zehn und 35 Prozent der Spitzensportler Dopingmittel/-methoden anwenden.302 Dabei wird insbesondere wegen der direkten Messbarkeit der Leistung davon 297 El Bousidi, Dopingverhalten, S. 43. 298 El Bousidi, Dopingverhalten, S. 43. 299 Waddington/Malcolm/Roderick/Naik, BrJSportsMed 2005; 39: e18. 300 Waddington/Malcolm/Roderick/Naik, BrJSportsMed 2005; 39: e18. 301 Waddington/Malcolm/Roderick/Naik, BrJSportsMed 2005; 39: e18. 302 Pitsch/Maats/Emrich, in: Pitsch/Emrich (Hrsg.), Sport and Doping, S. 17, 26. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 32 ausgegangen, dass die Quote der dopenden Sportler in den sog. CGS-Sportarten303 höher ist als in den Spielsportarten.304 Zusammenfassung Die statistische Zahl der Verurteilungen wegen Dopingverstößen im Lizenzfußball ist gering. Durch die niedrige Anzahl an Trainingskontrollen, durchgeführten Blutproben und positiven Proben (Anreizschaffung zu Dopen) kann jedoch nicht ohne weiteres ausgeschlossen werden, dass auch im deutschen Lizenzfußball ein Dunkelfeld besteht, welches Dopingverstöße zum Gegenstand hat. Anonymisierte Befragungen zum Dopingverhalten einzelner Lizenzspieler oder ihrer Mitstreiter wurden, anders als im englischen Berufsfußball, im deutschen Berufsfußball bislang nicht repräsentativ durchgeführt. Weder die Zahl der Verurteilungen noch die Zahl der negativen Dopingproben bzw. der Nichtverurteilungen ermöglicht verlässliche Rückschlüsse auf das Vorliegen oder Nichtvorliegen von Doping im deutschen Lizenzfußball. Für die Beantwortung der Frage nach der Dopingprävalenz bzw. dem Vorliegen von Konstellationen, die auf eine systemimmanente Dopinggefahr hindeuten, bedarf es zunächst der Klärung der Frage nach dem Nutzen von Doping im Fußball. Denn an die Untersuchung der Dopinggeneigtheit der Spieler wird ein strengerer Maßstab anzulegen sein, wenn ein Nutzen nach den Erkenntnissen der Sportmedizin nicht oder nur in geringem Maße gegeben ist, als wenn ein Nutzen erwiesen vorliegt. Systemimmanentes Dopingproblem Nutzen von Doping im Fußballsport Die mediale Berichterstattung über Doping im Fußball ruft beinahe schon in periodischen Abständen Aussagen einzelner Vertreter des Lizenzfußballs hervor, mittels Doping sei ein Nutzen im Fußball nicht zu erzielen.305 Beim Fußball handele es sich nicht um eine reine Kraft- und Ausdauersportart,306 sondern um eine Mischsportart, in welcher Technik und Taktik mitbestimmend seien.307 Hinzu kommt: Fußball wird als Mannschafts- und nicht als Individualsportart ausgeübt. Über Erfolg oder Niederlage entscheidet das Kollektiv und nicht lediglich die Leistung des Einzelnen. C. § 2 A. 303 = Zentimeter, Gramm, Sekunden. 304 Pitsch/Maats/Emrich, in: Pitsch/Emrich (Hrsg.), Sport and Doping, S. 17, 31. 305 Zeit Online vom 4.3.2015, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.zeit.de/sport/2015-03/do ping-klopp-scholl-dutt-beckmann-ard (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 306 Vgl. http://www.dfb.de/news/detail/meyer-kein-hinweis-auf-blutdoping-abzuleiten-46228/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 307 Zeit Online vom 4.3.2015, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.zeit.de/sport/2015-03/do ping-klopp-scholl-dutt-beckmann-ard (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 33 Bei den bekannt gewordenen Dopingverstößen308 könnte es sich daher um individuelle Einzelfälle handeln. Klar ist: Fußball setzt sich aus einer Vielzahl leistungsbestimmender Faktoren zusammen; Sprint/Schnelligkeit, Ausdauer, Beweglichkeit, Sprungkraft, mentale Stärke, Technik und Taktik stellen dabei sicher nur einen Teil dieser Faktoren dar. Wissenschaftlich fundierte Studien, die den Effekt von Doping auf Fußball untersuchen, liegen nicht vor. Untersuchungen an Fußballspielern, welche die Wirksamkeit von verbotenen Dopingmethoden bzw. der Verabreichung verbotener Dopingsubstanzen zum Gegenstand haben, unterlägen erheblichen ethisch-moralischen Bedenken. Auch das „Messen“ des Dopingeffekts ist im Fußball ungleich schwerer als in Sportarten, in welchen definierte Parameter wie Zeit, Gewicht, Höhe und Weite existieren. Im Fußball als Mannschaftssportart entscheiden primär Tore. Hinzu treten Größen wie gewonnene Zweikämpfe, Ballbesitz oder Passgenauigkeit. Das Fußballspiel ist schließlich von einer Vielzahl an Faktoren geprägt, welche weder mess- noch bestimmbar sind (u. a. Stärke des Gegners, Leistung des Schiedsrichters, Taktik, Wetter) und in der Folge eine verlässliche Vorhersage nicht zulassen.309 Gleichwohl sollte dies nicht den Blick davor versperren, dass die Beeinflussung einzelner Komponenten auch in einer komplexen Spielsportart, für den einzelnen Sportler betrachtet, insoweit von Vorteil sein kann, als einzelne Leistungskomponenten die Qualität der Wettkampfleistung des Spielers ausmachen.310 Letztlich ist es die individuelle Leistung, die über Einsatz und sportlichen Erfolg des Spielers entscheidet. Die Kenntnis des Anforderungsprofils stellt die Voraussetzung dar, um beurteilen zu können, ob die Leistung auch im Hochleistungsfußball durch Doping optimierbar ist. Anforderungsprofil Feldspieler absolvieren während des Spiels im Durchschnitt zwischen 60 und 80 Sprints.311 Hiervon werden überwiegend Sprintdistanzen von jeweils fünf bis 20 Metern zurückgelegt.312 In der Spitze können diese bei mehr als 40 Metern liegen.313 Sprints stellen demnach zwischen ein und elf Prozent der über 90 Minuten zurückgelegten Laufdistanz dar.314 Den Sprintaktionen voraus gehen überwiegend Pass und Dribbling.315 Sprints gelten in der Sportwissenschaft nicht selten als das spielentschei- I. 308 Siehe oben Erster Teil Kapitel 3 § 1 A. 309 Siegle, Wettkampfdiagnostik Fußball, S. 53 f. 310 Gonzalez-Balzar, Sportmedizinische Betreuung, S. 139. 311 Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 194; Sperlich/Hoppe/Haegele, Dtsch Z Sportmed 64 (2013), 10, 11 gehen unter Verweis auf Mohr M/Krustrup P/Bangsbo J, J Sports Sci 21 (2003) 519-528 von 30 bis 40 Sprints aus. 312 Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 194. 313 Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 194. 314 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 119 unter Verweis auf Reilly/Thomas, JHMS 2 (1976) 87-97. 315 Bisanz/Gerisch, Fußball, S. 194. Hiernach liegen die vorausgehenden Passaktionen bei ca. 50 Prozent, die Dribblings bei ca. 40 Prozent. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 34 dende Element – ihnen kommt wesentliche Bedeutung zu, insbesondere bei Balleroberung und Ballverteidigung sowie in Torszenen, direkten Zweikämpfen oder Laufduellen.316 Während des Spiels kommt es zu etwa 50, meist explosiven, Richtungswechseln des Spielers.317 Alle drei bis fünf Sekunden erfolgt eine Änderung des Bewegungsmusters.318 Die Laufleistung eines Spitzenfußballers im Spiel liegt je nach Position und Mannschaftshierarchie im Durchschnitt zwischen neun und zwölf Kilometer.319 Teilweise werden in der Bundesliga Spitzenwerte von bis zu 14 Kilometer erreicht. Zwei bis drei Kilometer werden mit einer Laufleistung von 15 Kilometer in der Stunde absolviert, 600 Meter mit über 20 Kilometer in der Stunde.320 Ballkontrolle und Balancewahrung verlangen dabei eine kraftvolle Arbeitsmuskulatur.321 Ein Spieler hat im Spiel durchschnittlich etwa 200 Aktionen, in denen hochintensive muskuläre Arbeiten verrichtet werden.322 Um auf diesem hohen Niveau mithalten zu können, muss ein Fußballspieler über gute technische, taktische, konditionelle, koordinative und kognitive Leistungsfähigkeiten verfügen.323 Die Leistungsvoraussetzungen stehen untereinander in wechselbezüglichen Beziehungen und hängen voneinander ab.324 Besondere Bedeutung kommt dabei konditionellen Leistungsfähigkeiten zu; Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Beweglichkeit stehen zu nahezu sämtlichen Leistungsvoraussetzungen in Wechselbeziehungen.325 Als Schlüssel zur Leistungsoptimierung kommt daher die gezielte Beeinflussung der konditionellen Leistungsparameter in Betracht. Ausdauer Die aktive Spielgestaltung auf konstantem Niveau verlangt eine gute Ausdauerleistungsfähigkeit.326 Aerobe Phase Die aerobe oxidative Energieversorgung des Spielers erfolgt beim Laufen oder Gehen und bei längeren Laufbelastungen ohne Unterbrechungen.327 Der Sauerstoff ermög- 1. a. 316 Rehhagel, Fußball, S. 15. 317 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 119 unter Verweis auf Withers/Maricic/ Wasilewski/Kelly, JHMS 8 (1982) 159-176. 318 Iaia/Rampinini/Bangsbo, IJSPP 2009; 4 (3): 291, 292. 319 Dargatz, Fußball Konditionstraining, S. 25. 320 Iaia/Rampinini/Bangsbo, IJSPP 2009; 4 (3): 291, 292. 321 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 119 unter Verweis auf Withers/Maricic/ Wasilewski/Kelly, JHMS 8 (1982) 159-176. 322 Sperlich/Hoppe/Haegele, Dtsch Z Sportmed 64 (2013), 10, 11 unter Verweis auf Mohr M/Krustrup P/ Bangsbo J, J Sports Sci 21 (2003) 519-528. 323 Rehhagel, Fußball, S. 15. 324 Jansen, Testverfahren, S. 8. 325 Geese, Fußball, S. 13, 17, 25 ff. 326 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117 f. 327 Dargatz, Fußball Konditionstraining, S. 29. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 35 licht es dem Spieler, Energie aus Glukose und freien Fettsäuren zu gewinnen.328 Um die hohe Gesamtlaufleistung während eines 90-minütigen Spiels zu absolvieren, benötigt der Spieler durchschnittlich ca. 75 Prozent der individuellen maximalen Sauerstoffaufnahme (VO2max).329 Die Existenz einer hohen VO2max bewirkt, dass auf hohe Glykogenreserven zugegriffen werden kann.330 Während eines Spiels werden durchschnittlich 300-400 g Glykogen verbraucht.331 Die Abnahme der Glykogenreserven im Laufe des Spiels macht es notwendig, dass zusätzliche Energie bereitgestellt wird.332 Dies erfolgt durch den Fettstoffwechsel.333 Ein hoher VO2max bewirkt nun, dass der Fettstoffwechsel effizienter mobilisiert und genutzt werden kann. Hierdurch wird der Spieler in die Lage versetzt, Glykogen für hochintensive Spielhandlungen aufzusparen.334 Auf diesem Wege können hochintensive Spielhandlungen (Konter, Nachsetzen nach Ballverlusten, wiederholte Antritte, Richtungswechsel)335 länger durchgehalten werden, bis schließlich wegen des sich entleerenden Glykogenvorrats und der zunehmenden Laktatakkumulation eine Leistungsreduktion erfolgen muss.336 Der im Vergleich zur gegnerischen Mannschaft um (ca.) 6 ml·kg-1·min-1 niedrigere Durchschnittswert an VO2max einer durchschnittlichen Mannschaft führt nach den Untersuchungsergebnissen einer Studie in Bezug auf die gegnerische Mannschaft schließlich dazu, dass diese hinsichtlich der Laufleistung mit der Wirkung eines weiteren Spielers auf dem Spielfeld antritt.337 Die Erhöhung der individuellen maximalen Sauerstoffaufnahme bewirkt beim Spieler, dass sich dessen Erholungsrate erhöht und die Ermüdungsphase zeitlich hinausgezögert wird.338 Die VO2max steht in unmittelbarer Beziehung zur totalen Hämoglobinmenge.339 Durch seine proteinische Struktur bindet das Hämoglobin den eingeatmeten Sauerstoff. Die Blutzirkulation verteilt diesen schließlich im gesamten Körper. Pro Gramm verändertes Hämoglobin verändert sich die VO2max um 3,5 bis 4ml pro Minute.340 Eine hohe totale Hämoglobinmenge ermöglicht demnach eine hohe Sauerstoffversorgung.341 Eine physiologische Steigerung der totalen Hämoglobinmenge durch konservatives Training ist für austrainierte Sportler, sieht man einmal vom Höhentraining 328 Jansen, Testverfahren, S. 26. 329 Jansen, Testverfahren, S. 32 m. w. N. 330 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 331 Coen/Urhausen/Coen/Kindermann, Dtsch Z Sportmed 49 (1998), 187, 190. 332 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 333 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 334 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 335 Jansen, Testverfahren, S. 27. 336 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 337 Wisløff/Helgerud/Hoff, Med. Sci. Sports Exerc. 1998; 30 (3): 462, 467; Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 117. 338 Bangsbo/Mizuno, in: Reilly/Lees/Davids/Murphy (Hrsg.), Science and Football, S. 114 ff. 339 Prommer/Schmidt, Dtsch Z Sportmed 60 (2009), 293. 340 Prommer/Schmidt, Dtsch Z Sportmed 60 (2009), 293. 341 Diese Wirkung entfällt, wenn der Wert des optimalen Hämatokrits, also der Anteil der Erythrozyten am Blutvolumen, überschritten wird. Die Überschreitung des optimalen Hämatokrits hat zur Folge, dass das Herz wegen des Reibungswiderstandes des dickflüssigen Blutes die Blutzirkulation nicht mehr wie erforderlich aufbringen kann, vgl. hierzu Böning/Maassen, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 175, 176. Der Wert des optimalen Hämatokrits ist bei Menschen noch unbekannt (Böning/Maassen, Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 36 ab, nur sehr eingeschränkt möglich.342 Ein probates Mittel zur Überwindung der Limitierung stellt hier die Blutmanipulation dar.343 Diese kann sowohl medikamentös (etwa durch Peptidhormone und Analoga) als auch methodisch (u. a. durch Eigenoder Fremdblutdoping) den totalen Hämoglobinwert effizient steigern.344 Rekombinantes EPO kann die Ausdauer um fünf bis fünfzehn Prozent steigern, indem es die sog. Laktatschwelle, der sich ein Feldspieler während der neunzig Minuten ständig annähert, weiter hinauszögert.345 Denkbar ist die Blutmanipulation auch durch Ver- änderung der betreffenden Gene (Gendoping). Spieler können härter trainieren, leichter die abverlangte Laufleistung erbringen und nach einem Sprint präziser die Aktion abschließen.346 WADA und NADA sahen sich im Jahr 2013 dazu veranlasst, im Wege einer Pressemitteilung ausdrücklich vor der Einnahme der Substanz GW1516 zu warnen.347 Bei GW1516 handelt es sich um eine Substanz, die zur verstärkten Bildung von Muskelfasern sowie von Enzymen für die Energiegewinnung aus Fetten führt.348 Laborversuche an Mäusen hatten ergeben, dass mit GW1516 behandelte Mäuse bei absolut gleichen „Trainingsbedingungen“ deutlich länger und weiter laufen konnten als unbehandelte Mäuse.349 Eine in der Saison 2008/2009 unter Spielern der Bundesliga und 2. Bundesliga durchgeführte Studie hat ergeben, dass vereinzelt Hämoglobinwerte gemessen wurden, die den in anderen Sportarten geltenden Grenzwert von 17 g/dl350 überstiegen.351 Der maximale Wert lag bei 18,5 g/dl.352 Auch der Hämatokritwert lag vereinzelt über dem Normalwert.353 Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 175, 176). „Ideal“ könnte sein, das Herzschlagvolumen der maximalen Sauerstoffaufnahmefähigkeit anzupassen, die Kontraktionskraft der Herzmuskulatur zu stärken und die Blutgefäße der Bronchien und Lungen zu erweitern, vgl. Schänzer, in: Gamper/Mühlethaler/ Reidhaar (Hrsg.), Doping, S. 191, 204 f. 342 Prommer/Schmidt, Dtsch Z Sportmed 60 (2009), 293. 343 Prommer/Schmidt, Dtsch Z Sportmed 60 (2009), 293, 294. 344 Prommer/Schmidt, Dtsch Z Sportmed 60 (2009), 293, 294. 345 Vgl. FAZ.NET vom 17.6.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen /medizin-ernaehrung/doping-im-fussball-die-wollen-doch-nur-spielen-14281989-p8.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 346 FAZ.NET vom 17.6.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen/me dizin-ernaehrung/doping-im-fussball-die-wollen-doch-nur-spielen-14281989-p8.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 347 NADA (Hrsg.), Newsletter Februar 2013, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/fileadmin /user_upload/nada/Newsletter/NADA-Newsletter_02_2013.pdf (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 348 Schänzer, in: NADA-Jahrbuch 2009, S. 107, 109, im Internet abrufbar unter: http://www.nada.de/de /service-infos/jahresberichte/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 349 Lartz, NZZ Beilage vom 10.2.2010, S. 58. 350 Übersicht bei Pöttgen, Hämoglobinmassenbestimmung, S. 4. 351 Meyer/Meister, Int J Sports Med 2011; 32 (11): 875, 880; Meister, Routine-Laborwerte, S. 33. Nicht geprüft worden war der Wert der Reticulozyten. Dieser hätte Rückschlüsse zugelassen, ob es sich bei den erhöhten Werten um Zufälle oder Blutmanipulationen handelte. 352 Meister, Routine-Laborwerte, S. 33. 353 Meister, Routine-Laborwerte, S. 34. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 37 Anaerobe Phase Hochintensive Spielhandlungen zwischen ein und vier Sekunden sowie intensive Spielhandlungen länger als sechs Sekunden erfolgen ausschließlich durch die anaerobe Energiebereitstellung.354 Die anaerobe Phase betrifft insbesondere Spielhandlungen wie Antritte, Richtungswechsel, Zweikämpfe, Konter aus der eigenen Spielhälfte, Sprünge oder Torschüsse.355 Der Spieler verbraucht in dieser Phase, ohne jeglichen Einsatz von Sauerstoff, Glykogen, Adenosintriphosphat und Kreatinphosphat. Im Übergang von der aeroben zu anaeroben Phase kommt es durch die nicht vollständige Verbrennung der Glukose (Zucker) zur Bildung von Laktat (Salz der Milchsäure).356 Können Produktion und Elimination von Laktat nicht mehr ausbalanciert werden, wird die sog. individuelle anaerobe Schwelle überschritten, wird Laktat akkumuliert.357 Es kommt zur Erschöpfung des Spielers. Dies beeinträchtigt die technischen und taktischen Fähigkeiten.358 Studien weisen ferner darauf hin, dass die muskuläre Ermüdung359 bei Richtungswechseln negativ auf die Kniestabilität einwirkt. Folge ist das Bestehen einer erhöhten Verletzungsanfälligkeit von Kniegelenk und vorderem Kreuzband.360 Durch die Einnahme von Amphetaminen wird die anaerobe Kapazität erheblich verbessert.361 Auch wurde nachgewiesen, dass Spieler mit einer höheren VO2max eine geringere Laktatkonzentration aufweisen können.362 Kraft Unterschiedliche Spielhandlungen verlangen, über die gesamte Dauer des Spiels Kraftleistungen zu erbringen: Würfe, Sprünge, Schüsse, Sprints, schnelle Richtungswechsel, „sich Lösen“ vom Gegner und andere Zweikampfformen erfordern eine kraftvolle Muskelarbeit.363 Der Spieler muss in der Lage sein, den hierfür erforderlichen Kraftbedarf unter dem Einfluss hoher koordinativer und technischer Anforderungen wirksam und zielführend zu bewerkstelligen.364 Die Steigerung der Maximalkraft bewirkt, dass sich auch die relative Kraft verbessert. Dies führt letztlich zu einer Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Nachgewiesen werden konnte die Verbesserung von Beschleunigung, Richtungswechseln, Sprints und auch technischem Vermögen durch erhöhte Muskelkontraktionskraft.365 Eine bei norwegischen Skilangläuferinnen durchgeführte Studie konnte die Verbesserung der aeroben Ausdauerleistungsfähigb. 2. 354 Jansen, Testverfahren, S. 27. 355 Jansen, Testverfahren, S. 27. 356 Graf/Höher, Fachlexikon Sportmedizin, S. 141, 203. 357 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 118. 358 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 118. 359 Nach Lang/Lang, Physiologie, S. 147 folgt die Ermüdung des Muskels aus dem Zusammenbrechen der Energieversorgung und aus der Anhäufung von Laktat. 360 Melnyk/Gollhofer, Ermüdung, S. 85, 88. 361 Kern, in: Pokan/Förster/Hofmann et al. (Hrsg.), Sportmedizin, S. 293, 295. 362 Stølen/Chamari/Castagna/Wisløff, Sports Med 2005; 35 (6): 501, 509. 363 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 119; Jansen, Testverfahren, S. 21. 364 Jansen, Testverfahren, S. 20. 365 Hoff/Kähler/Helgerud, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 116, 119. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 38 keit (reduzierter Sauerstoffverbrauch durch Verbesserung der Laufökonomie) belegen, nachdem zuvor die Maximalkraft durch Verbesserung der neuronalen Adaption gesteigert worden war.366 Die gut ausgebildete Rumpfmuskulatur ermöglicht es dem Spieler schließlich, einwirkende Kräfte auf den Organismus besser abzupuffern; sie verleiht dem Spieler die notwendige Stabilität für Zweikämpfe und technische Spielhandlungen.367 Eine starke Rumpfmuskulatur hat demnach zur Folge, dass Verletzungen in den Gegenden von Leisten und Adduktoren, die durch Über- und Fehlbelastungen hervorgerufen werden, eher vermieden werden können.368 Der Kraftaufbau ist unabdingbarer Bestandteil der Rehabilitationsmaßnahmen nach längeren bzw. schwerwiegenderen Verletzungen. Die Einnahme verbotener Substanzen (u. a. anaboler Wirkstoffe) kann insbesondere bei gezieltem Einsatz im Muskeltraining die Verbesserung der Kraftfähigkeit der Muskeln verstärken369 und somit einen früheren Einsatz des Spielers ermöglichen. Vor allem junge Spieler, die wegen ihres Körperbaus unter einer mangelnden Robustheit leiden, könnten versucht sein, sich diese durch diverse Substanzen anzueignen. Langsamere Spieler können hierdurch für den Sprint an Schnelligkeit gewinnen.370 Durch die Einnahme anaboler Steroide steigt zudem der Sauerstoffgehalt des Blutes.371 Die verbesserte Eiweißutilisation erhöht die Regenerationsfähigkeit des Sportlers, indem sie die Erholungszeit verkürzt.372 Eine durch die UEFA in Auftrag gegebene Langzeitstudie hat ergeben, dass von 4.195 analysierten Urinproben rund jede zwölfte Probe verdächtige Testosteronwerte aufwies, die auf Doping mit anabolen Steroiden hindeuten könnten.373 Analysiert worden waren die Proben von 879 männlichen Fußballspielern innerhalb des UEFA Anti-Doping-Programms im Zeitraum 2008-2013.374 62,9 Prozent der Proben entstammten von Teilnehmern der Champions League.375 Erstellt worden waren anonymisierte Langzeitprofile. Dabei erhielten die getesteten Spieler Nummern zugeordnet. 68 Spieler wiesen unregelmäßige bzw. atypische Testosteronwertentwicklungen auf.376 Allerdings vermag die Studie nicht zu beurteilen, worauf diese Abweichungen zurückzuführen sind.377 Gleichwohl können hiernach externe Faktoren nicht ausgeschlossen werden.378 Offen bleibt daher, ob diese Abweichungen aus den unterschiedlichen Standards bzw. Analyseverfahren der beteiligten Labore (12) resul- 366 Hoff/Helgerud/Wisløff, Med Sci Sports Exerc 1999; 31 (6): 870, 874. 367 Jansen, Testverfahren, S. 22. 368 Jansen, Testverfahren, S. 22. 369 Clasing/Löllgen, Dtsch Arztebl. 2006; 103 (49): A 3340, 3341. 370 Vgl. Clasing/Löllgen, Dtsch Arztebl. 2006; 103 (49): A 3340, 3341. 371 Kley, in: Clasing (Hrsg.), Doping, S. 74, 86. 372 Grüneberg, in: Asmuth (Hrsg.): Was ist Doping?, S. 117, 125; Clasing, in: ders. (Hrsg.), Doping, S. 102, 109. 373 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 607, 611. 374 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 604. 375 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 606. 376 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 607. 377 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 610 f. 378 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 610 f. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 39 tierten, auf biologischen Ursachen gründeten oder aber auf externe Einflussfaktoren, wie etwa die bewusste Beeinflussung durch Doping, zurückzuführen waren.379 Schnelligkeit Das Fußballspiel hat in den letzten Jahrzehnten an Spielgeschwindigkeit zugenommen.380 Spieler müssen reaktionsschnell, laufschnell, bewegungsschnell und handlungsschnell sein.381 Die Schnelligkeit stellt sich als bedeutsamer Faktor dar, der allerdings aufgrund genetischer Festlegung der Muskelfaserverteilung nur bis zu einer gewissen Grenze hin durch Training zu optimieren ist.382 Auch im Fußball wird daher die Schnelligkeit sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenbereich als wichtiges Selektionsmerkmal gewertet.383 In einer Studie australischer Forscher konnte an Freizeitsportlern nachgewiesen werden, dass es durch die Einnahme des Wachstumshormons hGH zu einer Verbesserung der Schnelligkeit beim 100-Meter-Sprint um etwa vier Prozent kam.384 In Kombination mit Testosteron lag die Steigerungsrate der Laufschnelligkeit bei über acht Prozent.385 Vor dem Hintergrund der genetischen Determinierung der Muskelfaserverteilung käme in Betracht, diese durch Genmanipulation entsprechend zu beeinflussen. Psychische Leistungsfähigkeit Koordinative, kognitive Fähigkeit Dynamik und Schnelligkeit des Fußballspiels erfordern hohe koordinative und kognitive Fähigkeiten. Zu nennen sind diesbezüglich insbesondere Auffassungsvermögen, Reaktionsschnelligkeit, Antizipationsvermögen, Spielintelligenz und Spielkreativität.386 Eine Verbesserung dieser Fähigkeiten hat unmittelbare Auswirkungen auf die Erhaltung der taktischen und technischen Fähigkeiten des Spielers während des Spiels.387 Motivationale Eigenschaften Psychische Störungen können als Teil des komplexen Gesamtmechanismus schwerwiegende Beeinträchtigungen der gesamten Leistungsfähigkeit des Spielers zur Folge haben. Im Spiel sind Konzentrationsbereitschaft, Risikotoleranz, Selbstvertrauen, Ag- 3. 4. a. b. 379 Baume et al., Drug Test. Anal. 2016; 8 (7): 603, 611. 380 Tumilty, Physiology, S. 3. 381 Jansen, Testverfahren, S. 16. 382 Jansen, Testverfahren, S. 16. 383 Coen/Urhausen/Coen/Kindermann, Dtsch Z Sportmed 49 (1998), 187, 191. 384 Meinhardt/Nelson/Hansen/Birzniece, Ann Intern Med. 2010; 152 (9): 568-577. 385 Meinhardt/Nelson/Hansen/Birzniece, Ann Intern Med. 2010; 152 (9): 568-577. 386 Bisanz/Gerisch, Fussball, S. 72. 387 Bisanz/Gerisch, Fussball, S. 72. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 40 gressivität, Willensstärke, Entscheidungsfreude, Wachsamkeit und Entschlossenheit wichtige Parameter des Erfolgs.388 Fazit Die psychische Leistungsfähigkeit hat maßgeblichen Anteil am Erfolg. Sie ermöglicht es dem Spieler, auch in Drucksituationen des Wettkampfs erlernte Handlungsmuster abzurufen und effektiv einzusetzen389. Physische und psychische Fähigkeiten des Spielers bestimmen somit dessen Leistung. Eine Verbesserung der psychischen Leistungsfähigkeit ist insbesondere durch die Einnahme von Stimulanzien möglich.390 Stimulanzien steigern das Konzentrationsvermögen und stärken den Spieler im Selbstbewusstsein.391 Ihre Wirkungsdauer beträgt etwa 90 Minuten.392 In Kombination mit der Einnahme von Narkotika kann es den Spieler in einen Leistungsrausch versetzen und warnende Schmerzsignale unterdrücken.393 Bewertung Wissenschaftliche Studien, die den Effekt von Doping auf Fußball zum Forschungsgegenstand haben, liegen bislang nicht vor. Die Untersuchung des geforderten Leistungsprofils zeigt jedoch, dass auch im Hochleistungsfußball Leistungsfaktoren durch Doping verbessert werden können. Wegen des komplexen Zusammenspiels sowohl der leistungsbestimmenden Faktoren als auch der äußeren Bedingungen genügt Doping, für sich betrachtet, jedoch nicht, um die Leistung ganzheitlich zu optimieren. Aufgrund der komplexen Interaktion der Leistungsvoraussetzungen kann eine totale Optimierung der Fähigkeiten daher nicht Maßstab sein. Beispielsweise wird es teilweise leistungsphysiologisch als unmöglich angesehen, eine außerordentlich gute Ausdauer neben einer außerordentlich guten Schnelligkeit zu entwickeln.394 Die Klärung der Frage, ob zukünftig diese Limitierung durch Manipulation gezielter Gene umgangen werden könnte, muss dem medizinischen Diskurs vorbehalten bleiben. Hinzu kommt, dass auch die individuellen Anforderungen an den Spieler zu berücksichtigen sind. Diese unterscheiden sich in Abhängigkeit von Spielposition und Spielerpersönlichkeit.395 Dies birgt jedoch auch die „Chance“, bereits mit der gezielten Verbesserung einzelner Faktoren, einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Spielern zu schaffen. Aufgrund der Komplexität des Fußballspiels kann an c. II. 388 Bisanz/Gerisch, Fussball, S. 72. 389 Rehhagel, Fußball, S. 41. 390 Clasing, in: ders. (Hrsg.), Doping, S. 63, 66. 391 Clasing/Löllgen, Dtsch Arztebl. 2006; 103 (49): A 3340, 3342. 392 FAZ.NET vom 17.6.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen/me dizin-ernaehrung/doping-im-fussball-die-wollen-doch-nur-spielen-14281989-p8.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 393 Kamber/Müller/Christ, Schweiz Med Forum 2004; 4: 1081, 1084. 394 Coen/Urhausen/Coen/Kindermann, Dtsch Z Sportmed 49 (1998), 187, 190. 395 Rehhagel, Fußball, S. 55. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 41 vielen Stellschrauben gedreht werden.396 Diese Tatsache gewinnt umso mehr an Gewicht, als Leistungs- und Funktionsdiagnostik, d. h. also Messung und Aufzeichnung der Leistung des Einzelnen, im Berufsfußball ein hoher Stellenwert zukommt.397 Die Optimierung einzelner Leistungsfaktoren kann damit eine tragende Rolle für die berufliche Perspektive des Spielers, respektive Einsatzzeiten und Entwicklung des Marktwertes, spielen. Auffällige Werte in Studien sind daher ernstzunehmende Indizien, die insbesondere vor dem Hintergrund des Umstandes, dass es im Fußball bereits zu Fällen der künstlichen Steigerung der Leistung gekommen ist,398 auf ein Vorliegen von Doping im professionellen Fußball schließen lassen können. Gründe für Doping Die Gründe für Doping sind vielschichtig. Entsprechend haben sich verschiedene Betrachtungsweisen herausgebildet, die sich mit den Ursachen des Dopings eingehend beschäftigen. Die sportökonomische Herangehensweise untersucht das Phänomen des Dopens aus der Perspektive des rational handelnden Sportlers.399 Sie geht von der Motivation des Sportlers aus, den individuellen Nutzen durch Doping zu maximieren.400 Die Sportsoziologie sucht die Ursache für Doping primär in der Gesellschaft und nicht im Sportler selbst. Sie betrachtet die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Sport.401 Persönlichkeitsmerkmale des Sportlers an sich fließen als Bestimmungsfaktor in die Beurteilung der Interdependenzen ein.402 Doping erscheint aus sportsoziologischer Sicht daher als ein „Konstellationsprodukt“403; das Produkt des Zusammenwirkens verschiedener Akteure und Faktoren.404 Doping stellt sich als Strategie dar, mit der Sportler auf eine bestimmte Konstellation reagieren.405 Die Sportpsychologie setzt sich mit dem Verhalten und Erleben von Menschen bei der sportlichen Ausübung auseinander.406 Dazu gehört insbesondere die Erforschung der Ursachen und Folgen, die aktiv oder passiv mit dem Sport verbunden sind.407 Studien über Persönlichkeitsmerkmale der einzelnen Fußballer wurden, so- B. 396 Vgl. FAZ.NET vom 17.6.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.faz.net/aktuell/wissen /medizin-ernaehrung/doping-im-fussball-die-wollen-doch-nur-spielen-14281989-p7.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 397 Freiwald/Baumgart/Hoppe et al., Sports Orthop. Traumatol. 2011; 27 (1): 27, 28; Freiwald/Brexendorf/Pieper et al., Sports Orthop. Traumatol. 2008; 24 (1): 20, 21 f. 398 Siehe oben Erster Teil Kapitel 2 § 2 B I sowie Erster Teil Kapitel 3 § 1 A. 399 Dilger/Tolsdorf, Doping als Wettkampfphänomen, S. 2. 400 Dilger/Tolsdorf, Doping als Wettkampfphänomen, S. 2. 401 Weiß/Norden, Einführung in die Sportsoziologie, S. 18. 402 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 22; 27 f. 403 Bette/Schimank, in: Gamper/Mühlethaler/Reidhaar (Hrsg.), Doping, S. 91. 404 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 25. 405 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 428. 406 Alfermann/Stoll, Sportpsychologie, S. 16. 407 Janssen, Grundlagen der Sportpsychologie, S. 12. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 42 weit ersichtlich, für den deutschen Lizenzfußball bislang nicht durchgeführt. Die Ursache devianten Verhaltens ist daher auf der überpersonellen Ebene zu suchen. Sportökonomische Betrachtung anhand der Spieltheorie Spieltheorie In den theoretischen Wirtschaftswissenschaften ist die Anwendung der mathematisch-ökonomischen Spieltheorie weit verbreitet.408 Mit „Spiel“ ist hier das strategische Spiel gemeint.409 Die Spieltheorie geht davon aus, dass Entscheidungen von den Akteuren des Spiels bewusst und rational getroffen werden.410 Den Kern der Spieltheorie bildet die Hypothese, dass Entscheidungen der jeweiligen Akteure nach den Annahmen des Einzelnen getroffen werden, welche Entscheidungen der Kontrahent/die Kontrahenten getroffen hat/haben bzw. treffen wird/werden.411 Wechselwirkungen bestehen durch vollständige und unvollständige Informationen über die Verfassung des/der Kontrahenten.412 Das (mutmaßliche) Handeln des Einen bietet folglich Anreize für das rationale Handeln des Anderen.413 Das strategische Ziel ist es, den eigenen Zielen angepasst, den größtmöglichen Nutzen zu schaffen. Dabei werden Kosten und Nutzen der fraglichen Handlung in ein Abwägungsverhältnis zueinander gesetzt.414 Hieraus resultiert dann die Wahl der für den Einzelnen günstigsten Handlungsalternative.415 Auch die Sportökonomie verwendet das Modell der Spieltheorie, um der Frage nachzugehen, weshalb Sportler dopen.416 Ausgegangen wird insbesondere von der Annahme, dass das strategische Ziel des Sportlers (die individuelle Nutzenmaximierung)417 von den Entscheidungen der anderen Sportler abhänge.418 Erforscht wird das Ergebnis des rationalen Handelns der Sportler unter der Prämisse, dass die Sportler bei der Ausrichtung ihres Verhaltens ebenfalls die Rationalität des Handelns der anderen Sportler (die Maximierung des erwarteten Nutzens) voraussetzen.419 Eine kollektive Strategie scheitert dabei (zumeist) am vorherrschenden Informationsdefizit der jeweiligen Sportler.420 In der Regel gelangt nämlich der einzelne Sportler zu keinem Zeitpunkt zu der sicheren Erkenntnis, ob er auf das regelkonforme Verhalten seiner Mitstreiter vertrauen kann oder nicht.421 Selbst negative Dopingproben der/des I. 1. 408 Rosenmüller, Spektrum der Wissenschaft 12/1994, S. 25. 409 Behnke, Entscheidungs- und Spieltheorie, S. 10. 410 Behnke, Entscheidungs- und Spieltheorie, S. 10, 14 f.; Dietmann, Ökonomik des Dopings, S. 12. 411 Behnke, Entscheidungs- und Spieltheorie, S. 10 f. 412 Rosenmüller, Spektrum 12/1994, 25. 413 Behnke, Entscheidungs- und Spieltheorie, S. 10 f., 14. 414 Erlei/Lescke/Sauerland, Neue Institutionenökonomik, S. 4. 415 Daumann, Die Ökonomie des Dopings, S. 59. 416 Daumann, Die Ökonomie des Dopings, S. 59. 417 Meidl/Busse/Fikenzer, KCS 2006, 27, 29. 418 Dietmann, Ökonomik des Dopings, S. 18. 419 Dietmann, Ökonomik des Dopings, S. 19. 420 Keck/Wagner, ZfS 1990, 108, 110. 421 Keck/Wagner, ZfS 1990, 108, 110. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 43 Kontrahenten und Überführung von Dopingtätern vermögen die Existenz von Doping nicht verlässlich auszuschließen. Es bleibt die Möglichkeit bestehen, dass Kontrahenten mit nicht erkannten Substanzen dopen. Der Sportler vermag das Dunkelfeld nicht zu überblicken. Diese Gesamtsituation versetzt den Sportler in eine Zwangslage: Optiert er dazu, sich regelkonform zu verhalten, so befindet er sich im Nachteil gegenüber denjenigen Kontrahenten, die dopen. Optiert keiner seiner Mitstreiter zum Doping, so erlangt er diesen gegenüber einen Vorteil, wenn er dopt.422 Beide Überlegungen führen zu der Erkenntnis, dass es für den rational handelnden Sportler lohnenswert scheint zu dopen.423 Dabei ist unerheblich, wie sich die Mitstreiter tatsächlich verhalten (werden). Was bleibt, sind die Kosten: Dopt er, so hat er die damit einhergehenden Kosten zu tragen. Solche können materieller oder immaterieller Art sein.424 Zu denken ist hier insbesondere an finanzielle (Beschaffungskosten; Kosten der gesundheitlichen Fürsorge/medizinische Betreuung), gesundheitliche und seelische Nachteile (psychische Belastung durch Entdeckungsrisiko und Bestrafung). Nach der Spieltheorie wird sich ein Sportler dann dafür entscheiden zu dopen, wenn er, nach Abwägung aller Kosten und Nutzen, zu dem Ergebnis gelangt, dass der prognostizierte Nutzen von Doping dessen Kosten überwiegt und der ermittelte Nettonutzen eine individuell determinierte Schwelle übersteigt.425 Anwendung der Spieltheorie auf den deutschen Lizenzfußball Mannschaftssportarten unterscheiden sich von Individualsportarten dadurch, dass der Erfolg ein Kollektivgut darstellt. Die Leistung des Einzelnen ist Teil der Mannschaftsleistung. Leistung und Schlechtleistung des Einzelnen fallen damit weniger stark ins Gewicht als bei der Simultanität des Wettkampfs. Sieg- und Einsatzprämien hängen demnach nicht zwangsläufig von der Leistung des Einzelnen ab. Dies führt dazu, dass bei den Mannschaftssportarten grundsätzlich von einer geringeren Motivation zu dopen ausgegangen wird als bei den Individualsportarten.426 Dieser Anreiz nimmt ab mit zunehmender Größe des Mannschaftskaders.427 Anders verhält sich dies jedoch bei Mannschaftssportarten, bei denen dem Individuum auch im Kollektiv eine besondere Stellung zugewiesen ist.428 Die Spieler von Bundesliga und 2. Bundesliga befinden sich unter ständiger Beobachtung der Medien und Zuschauer: Spieleranalysen ermöglichen für Vereine, Zuschauer, Sponsoren, Medien und sonstige Interessierte den jederzeitigen Abruf der erbrachten Leistung des Spielers wie Laufleistung 2. 422 Meidl/Busse/Fikenzer, KCS 2006, 27, 29. 423 Sofern es für die Akteure rational ist zu dopen, wird von „Gefangenen-Dilemma“, so Behnke, Entscheidungs- und Spieltheorie, S. 14 oder in Anlehnung hieran von „Doping-Dilemma“, so Breivik, Sportwissenschaft 17 (1987), 83-94 gesprochen. Das Dilemma zeigt sich darin, dass es zur kollektiven Schädigung kommt, Keck/ Wagner, ZfS 1990, 108, 110. 424 Daumann, Die Ökonomie des Dopings, S. 59. 425 Meidl/Busse/Fikenzer, KCS 2006, 27, 29 f.; Dietmann, Ökonomik des Dopings, S. 21. 426 Tietzel/Müller, Social Science Tribune 37 (2003), 117, 122. 427 Tietzel/Müller, Social Science Tribune 37 (2003), 117, 122. 428 Vgl. Daumann, Die Ökonomie des Dopings, S. 73 f. für die Mannschaftssportart Baseball. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 44 (Laufdistanz, Läufe, Sprints), Ballkontakte, gewonnene Zweikämpfe, Passgenauigkeit, Fehlpässe etc.429 Auf diese Weise werden pro Spiel bis zu 2.000 Ereignisse festgehalten.430 Negative Leistungsdaten des Spielers werden für jedermann offenkundig und auf Dauer archiviert. Auch im Training steht der Spieler unter Beobachtung: Leistungsdiagnostische Untersuchungen erfassen konditionelle Parameter des Spielers.431 Will der Spieler nachhaltig spielen, muss er vollen Einsatz bringen. Die Leistung des Spielers entscheidet über Einsatzzeiten, Marktwert und wirtschaftliche Perspektive des Spielers. Eine grenzüberschreitende bzw. weltweite Transferpolitik erhöht die innerhalb des Wettbewerbs bestehende Konkurrenz des Spielers um weitere Spieler. Nach Angaben des Mannschaftsarztes der Deutschen Fußball Nationalmannschaft Tim Meyer hat insbesondere der gestiegene Einsatz von Spielern afrikanischer und osteuropäischer Herkunft in den letzten Jahren zu einer erhöhten Leistungsdichte geführt.432 Meyer gelangt auf diesem Wege zu der Erkenntnis, dass es für den Spieler schwieriger geworden sei, sportliche Vorteile gegenüber Mitstreitern zu erlangen.433 Kontrahenten des einzelnen Spielers können sowohl Gegenspieler als auch Mitspieler sein. Angesichts der großen Zahl der an den deutschen Lizenzligen teilnehmenden Fußballspieler kann sich der einzelne Spieler über das Dopingverhalten seiner Gegenspieler nicht sicher sein. Auch im Verhältnis zu seinen Mitspielern muss der Spieler damit rechnen, dass diese sich an die intern getroffene Vereinbarung, nicht zu dopen, nicht halten werden. Es besteht die Möglichkeit, dass im Verborgenen unerkannt gedopt wird. Das Vorliegen einer speziell im deutschen Lizenzfußball mutmaßlich niedrigen Entdeckungsrate von Doping könnte bei dem Spieler Misstrauen hinsichtlich des Nicht-Vorliegens von Doping hervorrufen. Die (vermeintlich sichere) Annahme, nicht erwischt zu werden, kann dazu führen, dass die seelische Belastung drohender Sanktionen geringer wiegt, als dies in anderen Sportarten (in denen nachweislich gedopt wird) der Fall ist. Hinzu kommt, dass empfindliche Sanktionen mit Signalwirkung im deutschen Lizenzfußball bislang nicht verhängt worden sind. Angesichts der durchschnittlich hohen Gehälter der Spieler434 werden auch die Kosten der Spieler 429 Unter http://www.bundesliga.de können jeden Spieltag für sämtliche der teilnehmenden Bundesligamannschaften Team- und Spielerstatistik abgerufen werden. 430 Vgl. http://www.bundesliga-datenbank.de/de/products/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 431 Freiwald/Baumgart/Hoppe et al., Sports Orthop. Traumatol. 2011; 27 (1): 27, 28; Freiwald/Brexendorf/Pieper et al., Sports Orthop. Traumatol. 2008; 24 (1): 20, 21. 432 Meyer, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 132. 433 Meyer, Dtsch Z Sportmed 57 (2006), 132. 434 Nach Schätzung der Spielergewerkschaft (VdV) lag das durchschnittliche monatliche Grundgehalt (ohne Prämien) der Spieler im Jahr 2010 in der Bundesliga bei 20.000 Euro, in der 2. Bundesliga bei 10.000 Euro, vgl. Zeit Online vom 5.8.2010, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.zeit.de/ sport/2010-08/arbeitslos-fussball-bundesliga-profis/seite-2 (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Neuere Berichte gehen von einem durchschnittlichen Jahreseinkommen (samt Prämien) in der Bundesliga in Höhe von 1,5 Millionen Euro aus, vgl. FR-Online vom 15.1.2013, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.fr-online.de/sport/gehaelter-in-der-bundesliga-absurdezahlen,1472784, 21460970.html (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Nach der (jährlich veröffentlichten) Erhebung der Gehälter durch sportingintelligence.com beläuft sich das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Bundesligaspielers (erste Mannschaft) in der Saison 2016/2017 auf rund 1,3 Millionen Euro, vgl. Global Sports Salaries Survey 2016, S. 36, im Internet abrufbar unter: http://www.globalsportssalari es.com (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 45 mit Blick auf Beschaffung von Dopingmittel und Gesundheit zu relativieren sein. Die Spieler sind finanziell in der Lage, Dopingmittel zu beschaffen und diese unter medizinischer Betreuung anzuwenden. Die Höhe der Durchschnittsgehälter kann wiederum Rückschlüsse auf die seelische Belastung des Spielers zulassen: Aufgrund der guten bis sehr guten Einkommensverhältnisse sind Spieler, die der ersten Mannschaft eines Bundes- oder Zweitligisten angehören, in der Lage, auch solche Dopingmittel zu beschaffen, für deren Einnahme es bislang keine Nachweismöglichkeit gibt bzw. deren Einnahme zu verschleiern.435 Die seelische Belastung sinkt in dem Maße, wie die Wahrscheinlichkeit des Spielers, des Dopings nicht überführt zu werden, steigt. Soweit der einzelne Spieler zu der Erkenntnis gelangen sollte, dass Doping im Fußball von Nutzen ist bzw. sein kann, ist festzuhalten, dass auch in der Teamsportart Fußball, modelltheoretisch betrachtet, strukturell zunächst starke Anreize für den Spieler existieren, zum Doping zu optieren. Dies ändert sich jedoch, fallen die Kosten des Dopings stärker ins Gewicht als der Nutzen. In diesem Fall dreht sich die Anreizstruktur und der Spieler verfolgt die Strategie des Nicht-Dopens.436 Das Anreizsystem muss demnach so beschaffen sein, dass die Kosten des Dopings den Nutzen übersteigen. Auf die Rolle der Kosten von Doping, insbesondere die Frage der Entdeckungswahrscheinlichkeit und die Folgen ihrer Verwirklichung, wird im Laufe dieser Arbeit noch eingegangen.437 Sportsoziologische Betrachtung Die Sportsoziologie versteht Doping als Konstellationsprodukt verschiedener Akteure.438 Doping ist hiernach eine Form der Devianz des Leistungssports, um Druck zu begegnen, der auf dem individuellen Sportler lastet.439 Doping wird von der Sportsoziologie im Hochleistungssport als beinahe unwillkürlicher Effekt gewisser Strukturen betrachtet, welche auf Basis sportinterner Handlungslogiken und unter Einfluss eines sportinteressierten Umfelds angelegt worden sind.440 Dopingbegünstigende Struktur Hierbei sind zwei Aspekte besonders hervorzuheben: der vorherrschende (soziale) Leistungsdruck, welcher auf dem Hochleistungssport lastet (a.), und das spezifische Identitätsversprechen des Sportlers, die biographische Fixierung (b.).441 II. 1. 435 Vgl. hierzu auch die Aussage des Sportmediziners Perikles Simon: „Einen Spitzenathleten, der pro Jahr nur 10.000 Dollar ins Betrügen investiert und in Verfahren, wie er den Betrug verschleiert, kann man nicht durch einen positiven Test erwischen“, sport1 vom 13.1.2016, Artikel im Internet abrufbar unter: http://www.sport1.de/fussball/2016/01/wie-gross-ist-das-doping-problem-im-fussb all-wirklich (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 436 Polk, WiSt 2016, 311, 314. 437 Siehe dazu unten Zweiter Teil Kapitel 2 § 1, § 2 B, C, D, Zweiter Teil Kapitel 3. 438 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 6. 439 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 177 f. 440 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 149. 441 Binkelmann, in: Asmuth (Hrsg.): Was ist Doping?, S. 139, 158 f. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 46 Leistungsdruck Der Code von Sieg und Niederlage lässt sich als Handlungslogik des Spitzensports ausmachen.442 Das Streben nach Siegen ist Motivation des Hochleistungssportlers. Andere Gründe für die Betätigung des Leistungssportlers, wie z. B. die körperliche Ertüchtigung oder die Freude am Spiel, treten dahinter zurück. Auch die Unterstützungsbereitschaft seines Umfelds richtet sich hiernach aus.443 Der Sportler ist gezwungen, sich den vorherrschenden Strukturbedingungen anzupassen und folglich die faktische Geltung des Siegescodes für sich anzuerkennen.444 Sein oder Nicht-Sein des Spitzensportlers beurteilen sich einzig nach dessen Leistung; sonstige Entscheidungskriterien fallen aus.445 Die Austragung des Konkurrenzkampfes erzeugt Spannung bei den Spitzensportlern.446 Die Verwissenschaftlichung des Spitzensports ermöglicht den messbaren Leistungsvergleich. Hieraus entwickelt sich das obsessive, grenzenlose Verlangen der Beteiligten, die sportliche Leistung zu steigern. Ein Endniveau der Leistung ist nicht bestimmt; das Ziel der Leistungsentwicklung scheint endlos.447 Mit Erreichen der avisierten Leistungsstufe wird beim Sportler immerwährend die Sehnsucht entfacht, die nächste Leistungsstufe zu erreichen. Die ständige Absicht, die eigene Leistung zu perfektionieren, bestimmt das Handeln des Sportlers. Der Sportler folgt ohne Unterlass dem Steigerungsimperativ.448 Diese Ausrichtung nach dem „Höher, Schneller, Stärker, Besser, Weiter“ ist keineswegs auf den Sport begrenzt; sie ist in gewissen Ausprägungen allen gesellschaftlichen Subsystemen inhärent: ob in der Wissenschaft, dem Erziehungssektor, dem Gesundheitssektor oder der Wirtschaft – der Steigerungsimperativ ist das Selbstverständnis der Modernität.449 Der Hochleistungssport unterscheidet sich von diesen Bereichen in einem Punkt bedeutsam: Hochleistungssport ist die Kommunikation der menschlichen Körper.450 Die Schlüsselrolle besetzt der Körper des Sportlers. Der Körper ist Werkzeug und Schlüssel zum Erfolg des Sportlers zugleich; er ist die „Materialitätsbasis des Hochleistungssports“451 – ohne ihn kann der Siegescode nicht gelebt werden.452 Für den Spitzensportler bedeutet dies, dass er sich in einer (nahezu) aporetischen Lage befindet: Auf der einen Seite gilt die Logik des ständigen Strebens nach dem absoluten, für den Sportler nie zu erreichenden „Perfektionsideal“453; auf der anderen Seite sieht sich der Sportler der Begrenztheit seiner a. 442 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 37. 443 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 38. 444 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 35, 44; Dresen, in: dies./Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 79, 86. 445 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 39, 44. Auf den Begriff der Leistung im Sport kann hier nicht eingegangen werden. Hierzu ausführlich v. Krockow, Sport. 446 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 50. 447 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 47. 448 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 49. 449 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 48. 450 Weiß/Norden, Einführung in die Sportsoziologie, S. 143. 451 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 61. 452 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 52 f. 453 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 56. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 47 physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gegenüber gestellt. Der Körper des Sportlers ist „der Unsicherheitsfaktor und die Achillesferse des Systems“.454 Der Sportler hat sich diesem Spannungsverhältnis zwischen Siegescode und Materialitätsbasis alternativlos zu stellen, will er erfolgreich am Spitzensport teilnehmen. Dieser systemimmanente Leistungsdruck wird durch die Einwirkung anderer Gesellschaftsbereiche noch bedeutsam verschärft. Bei diesen Teilsystemen handelt es sich insbesondere um die Wirtschaft, die Massenmedien, das Sportpublikum/die Konsumenten und die Politik.455 Die Leitorientierung am Siegescode schafft Spannung. Dies fasziniert die Zuschauer.456 Periodisch stattfindende Wettkämpfe bieten Verlässlichkeit und Kontinuität. Sie schaffen Gemeinschaftserlebnisse ohne Nähe und Intimität.457 Das Sportpublikum wird zum entscheidenden Faktor: durch seine selektive Verteilung der Aufmerksamkeit weckt es das Interesse anderer Umfeldakteure am Hochleistungssport.458 Dies ermöglicht es Wirtschaft, Massenmedien und Politik, sich die positive Strahlkraft des Sports zu eigenen Zwecken der Selbsterhaltung zu Nutze zu machen:459 Die Wirtschaft bezweckt, ihre Umsätze zu steigern und lukrativ zu investieren, die Massenmedien beabsichtigen, Einschaltquoten und Auflagenhöhe zu steigern, die Politik möchte das Ansehen des erfolgreichen Sportlers auf das eigene Image transferieren; es geht darum, durch Prestigegewinn die eigene Macht zu erhalten.460 Die Umfeldakteure sind wichtige Ressourcengeber für den Spitzensport. Nutzeffekte entstehen und bestehen für die Umfeldakteure jedoch nur soweit, als der Spitzensport das Interesse des Publikums weckt. Das Sportpublikum setzt durch seine Aufmerksamkeit damit eine Dynamik frei, die letztlich einen enormen Erwartungsdruck auf die Sportler ausübt.461 Neben die sportliche Konkurrenz tritt die Überwachung und Instrumentalisierung durch Sportpublikum, Massenmedien, Wirtschaft und Politik.462 Leistungserwartungen werden gegenüber dem Sportler, teils vertraglich, artikuliert.463 Es kommt zur Verabsolutierung der ohnehin schon auf die Steigerung der Leistung ausgerichteten Logik des Leistungssports;464 der Siegescode wird „entfesselt“.465 Der Sportler muss beständig erfolgreich sein, möchte er seinen Lebensunterhalt durch den Leistungssport finanzieren. Er gerät in eine Lage, in welcher der Sportler glaubt, den steigenden Erwartungen der Umfeldakteure durch deviantes 454 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 56. 455 Dresen, in: dies./Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 79, 86. 456 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 6. 457 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 6. 458 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 6. 459 Dresen, in: dies./Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 79, 86, 88 f. 460 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 111. 461 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7. 462 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 116. 463 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7. 464 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7. 465 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 115. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 48 Verhalten begegnen zu können.466 Nach Bette schafft dieser „strukturell erzeugte Erfolgsdruck […] eine nahezu unwiderstehliche Dopingneigung“.467 Biographische Fixierung Die Neigung zur Devianz nimmt zu, je mehr der Sportler seine Identität einseitig dem Sport versprochen hat.468 Die biographische Fixierung stellt sich dar als das Produkt des Zusammenwirkens von sachlichen, zeitlichen und sozialen Mechanismen.469 Die Entwicklung erfolgt in Schritten. Am Anfang steht der Eintritt in den Sportverein. Sportliche Erfolge führen zur sozialen Anerkennung des Sportlers. Sie steigern dessen Selbstwertgefühl.470 Der Sportler sucht seine Identität am Maßstab der erbrachten Leistung. Unter dem Eindruck dieses Leistungsgedankens ordnet der Sportler sein Leben in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht dem Sport unter. Soziale Kontakte bestehen primär im sportlichen Milieu. Andere soziale Kontakte treten im Rang hinter den sportlichen Erfolg zurück; sie werden nur gepflegt, solange sie für den Sport nicht nachteilig sind.471 Der Sportler verbringt viel Zeit im sportlichen Milieu; wichtige Bezugspersonen stammen überwiegend aus diesem Umfeld. Dies hat Auswirkungen auf das Wertesystem des Sportlers: Der Verein vermittelt vornehmend sportspezifisch geprägte Werte und Ideologien. Die bewusste Wahrnehmung der sportlichen Fixierung stellt den Sportler vor die Wahl: Geht er den Weg in den Hochleistungssport oder entscheidet er sich für die sichere Alternative der Daseins-Absicherung?472 Zweifel können wegen der sozialen Prägung durch den Sport durch die Ratgeber aus dem sportlichen Milieu beseitigt werden.473 Die getätigten Investitionen in den Sport und die erlittenen Verzichte geben schließlich den Ausschlag für den Sport.474 Die investierte Leistung soll sich auszahlen. Dem Sportler ist bewusst, dass seine Entscheidung für den Sport eine darüber hinausgehende, auf Dauer angelegte berufliche Absicherung ausschließt.475 Seine Identität ist nun vollständig mit dem Sport verankert; plural verfasste kulturelle Angebote spielen für den Sportler keine Rolle. Der sportliche Erfolg entscheidet über das weitere Leben des Sportlers. Wegen seiner zeitlich begrenzten physischen Leistungsfähigkeit ist der Sportler darauf angewiesen, in relativ kurzer Zeit möglichst viele sportliche Erfolge zu erzielen.476 Der Erfolg schafft Prestige und soziale Anerkennung. Ferb. 466 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7. 467 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7. 468 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 120. 469 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 119 ff. 470 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 126. 471 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 127. 472 Dresen, in: dies./Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 79, 87. 473 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 124, 129 f. 474 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 128. 475 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 129, 133. 476 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 135. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 49 ner dient er der Daseinsvorsorge für die Zeit nach der Karriere.477 Ein frühes Karriereende könnte dem zuwiderlaufen. Hat es der Sportler während seiner Karriere nicht geschafft, mit Nachhaltigkeit Erfolge zu feiern, so bedeutet dies für ihn nach dem Ende seiner Karriere den Verlust von Macht, Einkommen und Anerkennung.478 Es gilt für den Sportler, den „social death“ zu vermeiden. Die absolute Entscheidung für den Sport stellt den Sportler daher wiederkehrend vor die Frage des Alles-oder-Nichts. Der Sportler sieht sich Faktoren gegenübergestellt, die er nicht zu beeinflussen vermag. So bleibt dem Sportler permanent das Risiko von Verletzungen und Krankheiten; auch das Risiko des Nicht-Mithalten-Könnens mit den Leistungen der anderen existiert. Um auf sich aufmerksam zu machen und Nutzeffekte zu generieren, ist der Sportler darauf angewiesen, besser zu sein als seine Mitkonkurrenten.479 Eine verlässliche Karriereplanung ist für den Sportler daher nicht möglich. Das Risiko des eigenen Körpers überlagert die Ausübung des Sports.480 Erbringt der Sportler die Leistung nicht mehr, bedeutet dies sein Ausscheiden.481 Der Sportler befindet sich in einer schier ausweglosen Situation (sog. biographische Falle482). Um auch in dieser Situation die für ihn bestmögliche Lösung herbeizuführen, ist der Sportler bereit, zu Mitteln zu greifen, die er in einer früheren Phase noch tabuisiert hatte.483 Doping erfüllt dabei aus Sicht des Sportlers nicht nur den Zweck, sich Vorteile gegenüber Mitkonkurrenten zu verschaffen; durch Doping sollen auch Nachteile gegenüber (dopenden) Mitkonkurrenten vermieden werden.484 Anwendung auf den deutschen Lizenzfußball Biographische Fixierung Die Entwicklung eines Spielers hin zum Lizenzspieler verläuft unterschiedlich. In Deutschland hat sich ein vielschichtiges Fördersystem herausgebildet. Für talentierte Spieler besteht die Möglichkeit, sich vor allem in DFB-Stützpunkten und Leistungszentren der Klubs485 zu entwickeln. Spieler zwischen elf und 14 Jahren können wöchentlich, neben dem Training in ihrem Heimatverein, in einem der bundesweit 366 eingerichteten Stützpunkte des DFB individuell gefördert und gesichtet werden.486 Besonders talentierte Spieler haben die Möglichkeit, in den Leistungszentren individuell gefördert zu werden.487 Ziel ist es, Perspektivspieler auf „spätere Qualitätsanfor- 2. a. 477 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 129. 478 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 135 f. 479 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 139. 480 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 54. 481 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 142. 482 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 120. 483 Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 120. 484 Dresen, in: dies./Form/Brand (Hrsg.), Dopingforschung, S. 79, 87; Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 183. 485 Nach § 3 Nr. 2 LO ist der Betrieb eines Leistungszentrums Voraussetzung der Lizenzerteilung. 486 http://www.dfb.de/sportl-strukturen/talentfoerderung/talentfoerderprogramm/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 487 Anhang V LO, S. 1. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 50 derungen des Lizenzspieler-Kaders vorzubereiten“.488 Die Spieler „müssen die Leidenschaft haben, die eigenen Grenzen auszutesten und stets das Optimale aus sich herauszuholen“.489 Den Spielern steht hierbei ein Netz an Trainern, Ärzten, Physiotherapeuten und alternativ Diplomsportlehrern sowie Rehabilitations- und Koordinationslehrern zur Seite.490 Alleine in der Saison 2014/2015 wurden durch die 36 Lizenzteilnehmer der beiden höchsten deutschen Fußballligen 132,2 Millionen Euro zur Förderung junger Fußballer in die Leistungszentren investiert.491 Auch die Landesverbände fördern Talente. In regionalen Spezial- oder Sonder-Stützpunkten werden talentierte Spieler, die es bislang nicht geschafft haben, Leistungszentren anzugehören, individuell gefördert. In Verbandsauswahlmannschaften treten die besten Spieler der regionalen Förderzentren/-programmen in den jeweiligen Altersklassen in nationalen und internationalen Spielen gegeneinander an.492 Schließlich soll in den Jugendnationalmannschaften des DFB die fußballerische Leistung der Spieler „mit dem Ziel ‚Weltspitze‘“ optimiert werden.493 „Die Perspektivspieler müssen sich aktiv und selbstkritisch mit dem Fußball, dem Training, dem Team und vor allem der eigenen Leistung auseinandersetzen!“494 Trainingszeiten von bis zu 20 Wochenstunden sind keine Ausnahme.495 Hinzu kommen Trainingslager und Wettspiele. Für Familie und Freunde bleibt wenig Zeit.496 Nach der Jugendordnung des DFB sollen Beeinträchtigungen des Schulbesuchs und der Schulausbildung durch die Verbände und Vereine vermieden werden.497 Talentierte Nachwuchsfußballer sollen neben der sportlichen Karriere auch ihre schulische Karriere durch einen Schulabschluss beenden. Die Sicherstellung einer dualen Laufbahn ist damit wesentliches Anliegen der Nachwuchsförderung. An sog. Eliteschulen des Fußballs bzw. Partnerschulen des Leistungssports sollen sportliche und schulische Leistungen parallel gefördert werden.498 Intention dieser Eliteschulen ist es, „für jedes Talent einen optimalen fußballerischen Leistungsaufbau zu erreichen“.499 Die schulische Ausbildung ist auch hier der sportlichen Förderung der Spieler unterworfen. Gleichwohl ist zu konstatieren, dass durch die Einrichtung solcher 488 DFB, Talente fördern und fordern, S. 34, im Internet abrufbar unter: http://fussballtraining.com/bla etterfunktion/talentfoerderung/#/34/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 489 DFB, Talente fördern und fordern, S. 35, im Internet abrufbar unter: http://fussballtraining.com/bla etterfunktion/talentfoerderung/#/35/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 490 Anhang V LO, S. 67 f. 491 Bundesliga Report 2016, S. 22. 492 DFB, Talente fördern und fordern, S. 44 f., im Internet abrufbar unter: http://fussballtraining.com/bl aetterfunktion/talentfoerderung/#/44/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 493 DFB, Talente fördern und fordern, S. 17, im Internet abrufbar unter: http://fussballtraining.com/bla etterfunktion/talentfoerderung/#/17/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 494 DFB, Talente fördern und fordern, S. 49, im Internet abrufbar unter: http://fussballtraining.com/bla etterfunktion/talentfoerderung/#/49/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 495 Aichaoui, Fußballtalente, S. 14. 496 Aichaoui, Fußballtalente, S. 11. 497 Vgl. § 9 Nr. 1 DFB-Jugendordnung. 498 Vgl. hierzu DFB (Hrsg.), Eliteschulen des Fußballs, im Internet abrufbar unter: http://www.dfb.de/fi leadmin/_dfbdam/11672-sk_flyer_02.pdf (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 499 http://www.dfb.de/sportl-strukturen/talentfoerderung/eliteschulen-des-fussballs/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 51 Schulen bewirkt werden soll, dass junge Spieler eine adäquate Schulausbildung erhalten, an deren Ende ein erfolgreicher Schulabschluss steht. Nach wie vor gilt jedoch, dass nur wenige Berufsfußballer über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen. Eine im Jahr 2014 durchgeführte Studie des VdV hat ergeben, dass 14 Prozent der befragten Spieler über eine abgeschlossene Berufsausbildung verfügten.500 1,5 Prozent der Befragten konnten einen Hochschulabschluss vorweisen, 16,5 Prozent waren zum Zeitpunkt der Befragung an einer Hochschule eingeschrieben.501 Auch wenn die Spieler über eine Berufsausbildung bzw. einen Hochschulabschluss verfügen, so ist doch festzuhalten, dass diese gegenüber anderen Bewerbern auf dem Arbeitsmarkt dadurch einen Nachteil aufweisen, dass sie während ihrer sportlichen Karriere den erlernten/studierten Beruf nicht ausüben konnten. Insoweit fehlt es den Spielern gegenüber den Mitbewerbern an Erfahrung. Hinzu kommt die Tatsache, dass insbesondere Spieler aus dem Ausland, die den Wechsel in die Bundesliga vollziehen, nicht von dem dualen Ausbildungssystem des deutschen Fußballs erfasst werden. Ein nicht geringer Teil der Lizenzspieler ist daher darauf angewiesen, durch sportliche Höchstleistungen einen großen Teil der Lebensunterhaltskosten schon während der sportlichen Karriere zu verdienen. Relativiert wird dieser Umstand allerdings dadurch, dass auch in den unteren Spielklassen als aktiver Spieler Geld zu verdienen ist. Dies setzt allerdings voraus, dass die Spieler gesundheitlich noch in der Lage sind, Fußball zu spielen. Vor dem Hintergrund des Vorstehenden ist auch in der Entwicklung der Berufsfußballer eine biographische Fixierung dergestalt zu erkennen, dass andere Lebensbereiche durch gezielte Förderung der fußballerischen Fähigkeiten des Spielers vernachlässigt werden. Es hängt maßgeblich von Schulabschluss und Ausbildung ab, inwieweit der Spieler sich hierbei in einer biographischen Falle befindet. Leistungsdruck Die Handlungslogik des Fußballsports ist seit seiner Entstehung vielfachen Veränderungen unterlegen.502 Der professionelle Fußballsport hat sich vollumfänglich dem Siegescode verschrieben.503 Antriebsgründe wie Charakterbildung, präventive und rehabilitative Zweckverfolgung, geselliger Zeitvertreib und Spielfreude sind hierhinter zurückgetreten. Der Lizenzfußball ist in Deutschland zu einem bedeutsamen Unterhaltungsfaktor herangewachsen: Nach einer Umfrage interessieren sich 57 Prozent der Deutschen für Fußball. Hiervon betrachten rund 91 Prozent die Bundesliga als festen Bestandteil der Gesellschaft.504 In der Saison 2014/2015 verfolgten im Durchschnitt pro Partie 42.685 Zuschauer das Geschehen auf dem Spielfeld unmittelbar in b. 500 http://www.spielergewerkschaft.de/de/VDV/Aktuelles/Detail/94/Neue%20Tendenzstudie%20der% 20VDV.htm (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 501 http://www.spielergewerkschaft.de/de/VDV/Aktuelles/Detail/94/Neue%20Tendenzstudie%20der% 20VDV.htm (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 502 Siehe hierzu Erster Teil Kapitel 2 § 1. 503 Dresen, Doping 2011, 131, 133. 504 Bundesliga-Report 2015, S. 20. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 52 den Stadien der Bundesliga.505 Auch international wird Bundesliga geschaut: Die sog. Topspiele der Bundesliga werden in 208 von 209 Mitgliedstaaten der FIFA live übertragen.506 Maßgeblichen Anteil an Beliebtheit und Bekanntheit der deutschen Lizenzligen haben die Massenmedien; allen voran das Fernsehen. Sie haben den Spitzenfußball durch mediale Aufbereitung und Berichterstattung zum Publikumsmagneten werden lassen.507 Die „Drama-Qualitäten“508 des Fußballspiels eignen sich für die Medien- übertragung und eine umfangreiche Berichterstattung. Aus Niederlagen werden Krisen, Sieger werden zu Helden stilisiert. Die große Beliebtheit der Bundesligen beim Sportpublikum lenkt die Aufmerksamkeit von Wirtschaft und Politik auf den Lizenzfußball. Bundesliga und 2. Bundesliga haben in der Saison 2014/2015 einen Gesamterlös von 3,13 Milliarden Euro erwirtschaftet.509 27,88 Prozent des Gesamterlöses der Bundesliga510 und 27,93 Prozent des Gesamterlöses der 2. Bundesliga511 stammten aus der Verwertung der Medienerlöse. Über Sponsoren- und Werbeverträge mit Spielern, Vereinen und Fernsehanstalten versucht die Wirtschaft, von der Popularität des Spitzenfußballs zu profitieren. 25,65 Prozent des Gesamterlöses der Bundesliga512 und 30,02 Prozent des Gesamterlöses der 2. Bundesliga513 entfielen auf Werbeeinahmen. Auch die Politik beabsichtigt, einen positiven Imagetransfer herbeizuführen. Durch medienwirksame Besuche bedeutsamer Fußballspiele soll die Aufmerksamkeit des Wählers gewonnen werden. Mit bundesAdler wurde im Jahr 2012 erstmalig ein Fanclub auf der Ebene der Bundespolitik gegründet.514 Zwischenzeitlich sind weitere Fanclubs hinzugetreten.515 Die Umfeldakteure erzeugen Spannung und Leistungsdruck bei Spielern und Lizenznehmern. Ressourcen werden an die erfolgreichen Teilnehmer verteilt.516 Spieleranalysen ermöglichen für Vereine, Sponsoren, Medien und sonstige Interessierte den jederzeitigen Abruf der Leistungsdaten der Spieler.517 Daneben werden im innersportlichen Milieu selbst durch Leistungs- und Funktionsdiagnostik mannschaftliches und individuelles Niveau der Leistungsfähigkeit ermittelt und bewertet.518 Be- 505 Bundesliga-Report 2016, S. 23. 506 Bundesliga-Report 2015, S. 18. 507 Vgl. Symanzik, Netzwerk Fußball, S. 60 ff. 508 Bette/Schimank, APuZ 29-30/2008, 24, 26. 509 Bundesliga-Report 2016, S. 11. 510 Bundesliga-Report 2016, S. 26. 511 Bundesliga-Report 2016, S. 34. 512 Bundesliga-Report 2016, S. 26. 513 Bundesliga-Report 2016, S. 34. 514 Siehe http://efcbundesadler.wordpress.com. 515 Im Jahr 2014 haben Abgeordnete des Bundestages einen Fanclub des FC Bayern München gegründet, vgl. http://efcbundesadler.wordpress.com (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). 516 Dresen, Doping 2011, 131, 133. 517 Vgl. http://www.bundesliga-datenbank.de/de/products/ (zuletzt aufgerufen am 6.1.2017). Es fällt auf, dass es der Lizenzfußball (die DFL GmbH) selbst ist, der durch Bereitstellung von Spieler- und Teamstatistiken jeden Spieltag gesammelte Daten über Spieler und Mannschaft für jedermann im Internet abrufbar zur Verfügung stellt. Hinzu kommen Spielbeobachtungen in Training und Wettbewerb der Vereine selbst. 518 Freiwald/Brexendorf/Pieper/Baumgart et al., Sports Orthop. Traumatol. 2008; 24 (1): 20, 21. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 53 reits in der fußballerischen Ausbildung an den DFB-Stützpunkten werden Leistungsund Entwicklungsprofile der Spieler erstellt. Trainer und Spieler bekommen Auswertungsblätter, welche anhand der gemessenen Werte den aktuellen Leistungsstand und die Entwicklung des Spielers wertend abbilden.519 Die überragende Bedeutung des Siegescodes spiegelt sich schließlich auch in der Normsetzung des Verbandswesens wider. Entsprachen vor Einführung der Drei- Punkte-Regelung zur Bundesliga Saison 1995/1996 zwei Unentschieden der Wertung eines Sieges, so sind nunmehr für einen Sieg drei Unentschieden notwendig.520 Hierdurch sollten die Zahl der unentschieden endenden Partien verringert und der Anreiz zu siegen gesteigert werden.521 Mannschaften ist es fortan möglich, sich durch eine Siegesserie in der Tabelle leichter von konkurrierenden Mannschaften abzusetzen. Dies hat insbesondere Auswirkungen auf die Verteilung der TV-Einnahmen. Nach § 17 Nr. 1 OVR wird an den lizenzierten Klubs der jeweiligen Bundesligen neben einem festen Sockelbetrag ein leistungsbezogener Betrag ausgezahlt. Auch Sponsorenverträge werden häufig am sportlichen Erfolg der Mannschaft bzw. des Spielers ausgerichtet. Bekannt sind Verträge, in denen bereits ausgezahlte Sponsorengelder zu erstatten sind, wenn die festgelegten Zielsetzungen nicht erreicht werden.522 Unter dem Einfluss der unterschiedlichen Interessen der Umfeldakteure hat sich der Spitzenfußball vollumfänglich dem Leistungsprinzip verschrieben. Die Ökonomisierung des Spitzenfußballs hat eine Abhängigkeit der Vereine von den Umfeldakteuren entstehen lassen.523 Sämtliches Handeln von Medien und Wirtschaft ist auf die Zielgruppe des Fußballpublikums hin ausgerichtet.524 Ein Rückgang des Interesses der Zuschauer am Fußball hätte die Verringerung der Ressourcen aus Medien und Wirtschaft zur Folge.525 Vereine und Spieler der Bundesligen sind daher dazu gezwungen, die Spannung für Zuschauer bzw. Konsumenten aufrecht zu erhalten. Dabei kommt es zu einem ständigen Drang nach Verbesserung. Der Erfolg der Vorsaison soll durch eine noch bessere Saison im darauffolgenden Jahr bestätigt bzw. der Misserfolg der Vorsaison durch eine bessere darauffolgende Saison revidiert werden. Alte Rekorde sollen gebrochen, wirtschaftliche Gewinne sollen gesteigert werden. Hierzu passt, dass die Bundesliga in der Saison 2014/2015 ihren elften Umsatzrekord in Folge erzielt hat.526 Durch Auf- und Abstiege sowie durch die Qualifikation für verschiedene europäische Wettbewerber wird Spannung erzeugt. Der Abstieg in die unterklassige Liga, das Versäumen der Qualifikation für internationale Wettbewerbe, das frühe Scheitern in Wettbewerben; all dies bedeutet einen Verlust an Attraktivität und letztlich an finanzieller Substanz. 519 Höner/Roth, Spielerauswertungen, S. 3. Das Leistungsprofil vergleicht dabei die Messwerte des Spielers mit denen von Spielern derselben Altersklasse. Auf dieser Grundlage erfolgt die Bewertung der Leistung. 520 Dilger/Geyer, Sport und Gesellschaft 4 (2007), 265. 521 Dilger/Geyer, Sport und Gesellschaft 4 (2007), 265, 266. 522 Köster, Sponsoring, S. 68. 523 Symanzik, Netzwerk Fußball, S. 107 ff. 524 Symanzik, Netzwerk Fußball, S. 110. 525 Symanzik, Netzwerk Fußball, S. 110 f. 526 Bundesliga-Report 2016, S. 3. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 54 Kollektives und individuelles Versagen der innersportlichen Akteure wird langfristig durch Aufmerksamkeitsentzug bestraft. Dabei entstehen unkontrollierbare Dynamiken, die auf Spieler und Verein als Bedrohung wirken können. Die Spieler müssen durch Bestleistungen Nachfrage erzeugen, wollen Sie langfristig die Aufmerksamkeit der Umfeldakteure auf sich lenken. Langwierige Verletzungen müssen dabei möglichst vermieden werden. Den Druck auf die Spieler erhöhen regelmäßig zusätzlich stark leistungsbezogene vertragliche Gehaltsvereinbarungen wie Punkteeinsatzprämien, Jahresleistungsprämien, Sonderprämien und Prämien nach Tabellenplatz. Von Bedeutung ist dabei typischerweise die Einsatzzeit bzw. die Berufung des Spielers in den Mannschaftskader am Spieltag. Bleibt die Leistung aus, entfällt die Zahlung der Prämie. Dadurch entsteht in der Mannschaft ein Konkurrenzverhältnis. Dieses wird durch die Knappheit der Stammplätze weiter verstärkt. Das Miteinander verkehrt sich in ein Gegeneinander. Hinzu kommt die Globalisierung des Fußballsports. Beschränkte sich die Konkurrenz des Spielers früher auf den deutschen Spielermarkt, muss der Spieler heute damit rechnen, bei einem Abfall seiner Leistung durch einen anderen, möglicherweise günstigeren Spieler aus dem Ausland ersetzt zu werden.527 Fazit Berufsfußballer stehen einem großen Erwartungsdruck gegenüber. Dieser resultiert aus der Verabsolutierung des Siegercodes durch die Wechselwirkung von innersportlichem und außersportlichem Umfeld des Spielers. Der Spieler muss den Erwartungen der Umwelt gerecht werden, um auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Zielpublikums auf sich zu lenken. Gelingt ihm dies aufgrund seiner eingeschränkten körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit (auf längere Sicht hin) nicht, droht ihm der Aufmerksamkeitsentzug. Die Frage, inwieweit sich der Spieler hierbei in einer biographischen Falle befindet, beurteilt sich nach dem Grad seiner biographischen Fixierung. Von einer Dopinggeneigtheit wird demnach auszugehen sein, wenn sich der Spieler in seiner Identität vollumfänglich dem Sport verschrieben hat. Zusammenfassung Soweit der einzelne Spieler zu der Erkenntnis gelangt, dass Doping im Fußball von Nutzen ist bzw. sein kann, ist festzuhalten, dass auch in der Spielsportart Fußball starke Anreize bestehen, zum Doping zu optieren. Der Druck sowohl aus dem Umfeld als auch aus dem Bereich des professionellen Fußballsports selbst bewirkt eine Überhöhung des dem Fußballsport inhärenten Siegescodes. Der Spieler sieht sich Erwartungen gegenüber, die mit dessen endlichen körperlichen und geistigen Ressourcen auf Dauer nur schwer oder überhaupt nicht zu erfüllen sind. Abhängig von Bildungsgrad, 3. C. 527 49,3 Prozent der in einer Umfrage befragten in den europäischen Ligen miteinander konkurrierenden Spieler verfügen über Erfahrungen als Spieler im Ausland, vgl. Besson/Poli/Loïc, Demographic Study 2014, S. 6. In der Saison 2014/2015 lag der Anteil deutscher Spieler in der Bundesliga bei 60 Prozent und in der 2. Bundesliga bei 72 Prozent, Bundesliga-Report 2016, S. 23. § 2 Systemimmanentes Dopingproblem 55 Ausbildung und Berufserfahrung des Spielers kann sich dieser in einer Lage befinden, in welcher Wohl und Wehe alleine von dessen sportlichem Erfolg bestimmt werden. Angesichts der geringen Zahl an Dopingverurteilungen kann für den Spieler leicht der Eindruck entstehen, dass Mitspieler oder Konkurrenten unentdeckt dopen. Betrachtet man Investitionen und Entbehrungen des Spielers, ist davon auszugehen, dass, wie im übrigen Hochleistungssport auch,528 Doping für Berufsspieler „rentabel“ ist.529 Hohes Gehaltsniveau und geringe seelische Belastung können dazu führen, dass in der Einzelabwägung der erwartete Nutzen die Kosten überwiegen. Doping kann somit gerade auch im Lizenzfußball das Mittel der Wahl sein, um sich Vorteile zu verschaffen und/oder Nachteile zu vermeiden.530 Von einer zumindest abstrakten Gefahr des Dopens ist daher auch im deutschen Lizenzfußball auszugehen. Soweit in der Vita des Spielers die Voraussetzungen der biographischen Falle angelegt sind, ist von einer konkreten Gefahr auszugehen. Dies zu beurteilen bleibt jedoch eine Frage des Einzelfalles. 528 Bette, Dtsch Z Sportmed 59 (2008), 5, 7; Bette/Schimank, Doping im Hochleistungssport, S. 149. 529 Dresen, Doping 2011, 131, 133. 530 Dresen, Doping 2011, 131, 135. Erster Teil. Kapitel 3: Doping im deutschen Lizenzfußball 56

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References

Zusammenfassung

Mit der Einführung des im Gesetz gegen Doping im Sport (AntiDopG) normierten strafbewehrten Verbots des Selbstdopings ist der Gesetzgeber in einen Bereich vorgestoßen, der lange Zeit dem organisierten Sport vorbehalten war. Das Strafverbot stellt den vermeintlichen Schlusspunkt intensiver Diskussionen dar. Unter dem Eindruck der Dimension, die Doping im Sport und in der hierauf bezogenen organisierten Kriminalität angenommen hat, erachtete der Strafgesetzgeber bestehende Strafvorschriften und Maßnahmen des organisierten Sports als nicht ausreichend. Alexander Wild greift eine Thematik auf, die in dieser Weise noch nicht behandelt worden ist. Aus der Sicht des in der Bevölkerung gemeinhin nicht als dopingaffin geltenden Lizenzfußballs geht er der Frage nach, ob strafgesetzgeberisches Handeln geboten war. Breiten Raum nimmt hier die Frage nach Prävalenz und Nutzen von Doping im Lizenzfußball ein. In bisher noch nicht dagewesener Intensität arbeitet der Autor das Ineinandergreifen der geltenden Regelwerke und Verfahren auf, mit welchen auf Selbstdoping reagiert wird. Die gewonnenen Erkenntnisse finden ihren Abschluss in der Beantwortung der Frage nach der Legitimität des strafbewehrten Verbots.