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Einleitung in:

Zohreh Abedi

"Alle Wesen bestehen aus Licht", page 16 - 21

Engel in der persischen Philosophie und bei Suhrawardi

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4104-8, ISBN online: 978-3-8288-6952-3, https://doi.org/10.5771/9783828869523-16

Series: Religionen aktuell, vol. 23

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Du, solange du Deinen Ursprung nicht verloren hast Hast Du Dich für das Gute und Böse nicht verloren Der Wegweiser, der Weg und das Ziel bis Du selbst Pass auf, dass Du Deinen Weg zu Dir selbst nicht1 Ein Interesse an Engelwesen ist bereits seit der Antike in verschiedenen Kulturkreisen und unterschiedlichen Disziplinen, nicht nur in der The ologie, sondern auch in Kunst, Literatur, Musik und Philosophie zu be obachten. Das Thema ist immer noch aktuell und Kernthema vieler Ta gungen, Ausstellungen und Forschungsprojekte. Der Grund für dieses Interesse liegt vor allem an der bedeutenden und vielfältigen Rolle der Engel in der materiellen und immateriellen Welt und als Vermittler zwi schen transzendenten Wesen (Götter bzw. Gott) und den Menschen. Die Vorstellung von Engeln kann als eine kulturelle Brücke zwischen Mor genland und Abendland gesehen werden, wenn man bedenkt, dass Ver treter der zarathustrischen, buddhistischen, hinduistischen, islami schen, jüdischen und christlichen Religion sich mit diesem Thema be fasst haben. Das Bewusstsein solcher Brücken hilft in der Welt zu einem friedlichen und respektvollen Zusammenleben, in dessen Zeichen auch diese Arbeit steht. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Engellehre, speziell mit der islamischen Engellehre im Mittelalter vom neunten bis zum zwölf ten Jahrhundert im persischen Raum und besonders bei Suhrawardi (be kannt als Sihäb ad-Din Yahyä Suhrawardi). Suhrawardi rückt mit seiner bisher wenig beachteten Philosophie die Engellehre in ein neues Licht und erreicht damit den Gipfel dieser Lehre im islamischen Mittelalter. Aus diesem Grund besteht der Hauptteil dieser Arbeit aus der Analyse seiner Schriften zu diesem Thema.2 Ein Gedicht von Suhrawardi, übersetzt von Esfandiar Tabari. In: Esfandiar Tabari: Eine methodische Untersuchung zur Kritik und Rationalität bei Suhr awardi im Kontext der europäischen Philosophie, Stuttgart 2007, S. 140. Eine Anmerkung ist hier wichtig. Es gibt keine einheitliche Schreibweise der Namen orientalischer Philosophen. Die islamischen Philosophen werden in deutschsprachiger Literatur meistens in arabischer Schreibweise genannt, nämlich mit „A l" am Anfang der Namen, was unpassend ist. Da es sich bei den behandelten Philosophen um Perser handelt, ist das „A l" kein Bestand teil ihres Namens. Daher wird hier die Schreibweise Gazäli und nicht Al- Ghazäli, Färäbi und nicht Alfäräbi verwendet, obwohl diese Philosophen im nicht-persischen Raum eigentlich unter dem arabischen Namen bekannt sind. 16 1 2 Es ist wichtig zu erwähnen, dass in der Arbeit bewusst auf eine Einbe ziehung der für jeden Autor reichlich vorhandenen Sekundärliteratur verzichtet wird, da sie nichts Relevantes zur Thematik beiträgt. Stattdessen wird methodisch die werkimmanente Interpretation gewählt, weil sie - wie sich zeigen wird - dafür erheblich ertragreicher ist. An welchem Punkt in der Geschichte des Menschen zum ersten Mal von Engeln die Rede ist, lässt sich nicht genau bestimmen, zumal die Spuren in der Geschichte weit verbreitet sind. Man findet Beschreibungen, die mit denen von Engeln in Verbindung gebracht werden können, bei spielsweise in der Mythologie des Alten Ägypten. Es gibt deutliche Gemeinsamkeiten zwischen Engelwesen in der altira nischen Religion des Zarathustras und Engeln in den drei monotheisti schen Religionen, die auf die Offenbarung des einen Gottes von Abra ham zurückgeführt werden: Judentum, Christentum und Islam. Auch bei vorzoroastrischen Religionen im Iran und in Indien, wie etwa beim späteren Pahlavischrifttum, finden sich immer zwei Klassen von Göttern - Ahura (indisch asura) und daeva (indisch deva) - oder Kräfte des Guten und Bösen, die wie Engel in den Buchreligionen funktionieren.3 Bei islamischen Philosophen ist festzustellen, dass eine separate Unter suchung der Engellehre bei jedem einzelnen Denker nicht sinnvoll ist, denn jeder von ihnen baut seine Lehre auf Basis der letzten Engellehre des vorhergegangenen Philosophen auf. Aus diesem Grund werden die Philosophen bezüglich ihrer Engellehre in der mittelalterlichen islami schen Philosophie in Persien nach ihrer zeitlichen Reihenfolge vorge stellt: nämlich Färäbi (ca. 870-950), Ibn Sinä (Avicenna 980-1037), Gazäli (1058-1111) und besonders Suhrawardi (1153-1191), bekannt als sayh alisraq, der Meister und Begründer der Erleuchtungsphilosophie (llluminationslehre). Hamid Reza Yousefi schreibt: „Die persischen Philosophen Farabi und Ghazali, um nur zwei Beispiele zu nennen, würden sich, obgleich sie sich bei Abfassung ihrer Hauptwerke gerne der arabischen Sprache bedient haben, wohl wundern, durch die Hinzufügung der Vorsilbe ,A l' zu ihrem Namen arabisiert zu w erden." Yousefi Hamid Reza: Einführung in die islamische Philosophie, Paderborn 2014, S. 40. Die hier verwendete Schreibweise orientiert sich zum Teil an diesem Band und an den Regeln der Deutschen M orgenländischen Gesellschaft (DMG): https://www.islam.uni-kiel.de/studium-und-lehre/arbeit/arbeitshilfen/umschriftregeln-arabisch-kiel, Stand 01.02.17. Vgl. Geo Widengren: Die Religionen Irans, Stuttgart 1965, S. 20. 17 Ein kurzer Überblick über die Geschichte der Engellehre, ihren Ur sprung und ihre Stellung bei verschiedenen Denkern als Basis für die Engellehre im Mittelalter ist nötig, um die enge Verflechtung von Kos mologie und Erkenntnislehre in der Epoche des Mittelalters zu verste hen. Daher wird zunächst ein Überblick über die Religion von Za rathustra als Entstehungsort der Engelsvorstellung im engeren Sinn ge geben. Die wichtigsten theologischen Grundlagen für die Engellehre bei den mittelalterlichen Philosophen sind das Alte Testament, das Neue Testament und der Koran. Im Frühjudentum spielt die Engellehre eine große Rolle. Dieser Teil ist als Hinführung zum eigentlichen Thema die ser Arbeit zu sehen, um die nachfolgenden Ausführungen verständlich zu machen. Hierauf werden Art und Funktion der Engel aus christlicher und islami scher Perspektive erläutert. Danach werden die aristotelische und neu platonische Materie- und Formlehre vorgestellt und im Hinblick auf geistige Substanzen (die mit dem Konzept ,Engel' in Verbindung ge bracht werden können) untersucht, zumal auch Thomas von Aquin in der Tradition des Aristoteles stand. Ibn Sinä ist ebenfalls Aristoteliker, in seiner Engellehre aber stärker neuplatonisch ausgerichtet. Es stellt sich dabei die Frage, wie weit die beiden Philosophen ihrer aristoteli schen und neuplatonischen Orientierung treu bleiben. Im Zentrum der Untersuchungen stehen folgende islamisch-persischen Philosophen: Abu Nasr Färäbi (ca. 870-950) Er ist wegen seiner methodischen und inhaltlichen Überlegungen mit dem Titel „zweiter Lehrer" in der Philosophie bekannt. In seiner Zeit gab es einen heftigen Kampf und eine Machtprobe zwischen Anhängern der Philosophie und der Religion. Er versuchte durch seine Philosophie und Engellehre als eine Quelle der Wahrheit eine Vermittlung zwischen Religion und Philosophie zu schaffen. Dieser Versuch wurde von seinen Zeitgenossen auf beiden Seiten (streng Gläubigen und Philosophen) stark abgelehnt und bekämpft. Färäbi entwickelte im Laufe seiner Phi losophie einen zweiten Vermittlungsversuch und fand einen Weg, der eine Lösung für diese Problematik war, welche durch seinen Nachfolger Ibn Sinä weiterentwickelt wurde, mit dem sich das dritte Kapitel befasst. 18 Ibn Sina (Avicenna 980-1037) Die Zeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert wird häufig als „goldenes Zeitalter"4 in der islamischen Philosophie genannt, das mit Ibn Sinä beginnt.5 Er ist mit seiner Engellehre nicht (wie heute noch behauptet wird) ein Nachfolger von Aristoteles, sondern verfolgte eine eigene Methode, die auf dem Glauben basieren sollte. Er behandelt dieses Problem in seinem Buch at-ta'liqät (Kommentare). Wie der Engel aus Ibn Sinäs Sicht den Menschen auf dem schwierigen Weg zur Wahrheit führen kann, wird im dritten Kapitel ausführlich dargestellt. 6 Dem besseren Verständnis der Zusammenhänge ist es geschuldet, dass auch Thomas von Aquin (1225-1274) als zentraler Vertreter einer west lichen Engellehre, der in der Tradition des Aristoteles stand, öfter zur Sprache kommt, insbesondere im Vergleich mit islamisch-persischen Philosophen, vor allem Ibn Sinä, der in seiner Engellehre neuplatonisch ausgerichtet ist. Im Anschluss an diese Teilfrage werden die aristoteli sche und neuplatonische Materie- und Formlehre vorgestellt und mit Blick auf geistige Substanzen untersucht. Abu Hamid Gazali (1058-1111) Der vierte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Engellehre bei dem bedeutendsten Denker der islamischen Philosophie nach Ibn Sinä. Seine Lehre weist Gemeinsamkeiten mit der Ibn Sinäs und Färäbis auf, aber auch er vertritt eine eigene These bezüglich der Engellehre und der Rolle des Engels auf dem Weg des Menschen zur Wahrheit. Gazäli kritisiert die Philosophie seiner Zeit und seiner Vorgänger und stellt in seinem Buch Inkohärenz der Philosophen den Erkenntnisanspruch der Philosophie in Frage. Seine Ideen aus seinen Werken miyär a l-ilm Gutas, Dimitri: Islamische Philosophie im Mittelalter. Ein Handbuch von Heidrun Eichner, Matthias Perkams und Christian Schäfer, Darmstadt 2013, S. 96. Hendrich, Geert: Arabisch-islamische Philosophie, Geschichte und Gegen wart, Frankfurt am Main 2011, S. 29 (in diesem Band wird Suhrawardi als arabischer Philosoph betrachtet). Ibn Sinä: At-ta'liqät (Kommentare), hrsg. v. Badawi Abdelrahmann, Kairo 1973. Es ist wichtig zu wissen, dass Färäbi auch ein Buch gleichen Titels hat: Färäbi: At-ta'liqät (Kommentare), hrsg. v. Gafar äle Yasin, Teheran 1992. 4 5 6 19 (Das Kriterium des Wissens) und mihak an-nazar (Der Prüfstein der Re flexion) werden in dieser Arbeit berücksichtigt. Sihab ad-Din Yahya Suhrawardi (1153-1191) Das fünfte Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit und widmet sich Suhrawardi, dessen Philosophie auf dem „Licht" basiert. Er definiert dieses Licht nicht, da dies nach seiner Ansicht offenbar ist und keiner Definition und Erklärung bedarf.7 Alle Wahrheiten werden durch dieses Licht erkennbar und jedes Wesen hat einen bestimmten Anteil an dem Licht, wobei Engel den höchsten Anteil haben. Seine Engellehre ist von großer Bedeutung, da er damit die altgriechi schen und ägyptischen Weisheiten, die er als wertvolles geistiges Erbe für die Menschheit gelten lässt, wiederbelebt. Er brachte die Lehren von Aristoteles, Platon und die altpersische von Zarathustra sowie die her metische Tradition zusammen, um eine Weisheit der ganzen Geschichte der Philosophie zu finden, welche von Gott durch den Engel an Hermes geoffenbart wurde. Suhrawardi legt viel Wert auf die islamischen Erkenntnisquellen, den Koran und die Hadithen (Propheten-Überlieferungen), und zitiert sie bei der Erklärung seiner Engellehre. Darüber hinaus ist er stark von dem ungewöhnlichen und übernatürlichen Weg der Mystiker beeinflusst. Engel gelten bei Suhrawardi nicht nur als Vermittler der Offenbarung an Propheten, sondern auch als Vermittler der Wahrheit an die Philoso phen und Mystiker. Sie verbinden Prophetie, Philosophie sowie Weis heit der Kulturen und mystische Inspirationen. Hier wurde versucht, die Spuren der Engellehre in seinen Werken möglichst umfassend zu berücksichtigen. In diesem Kapitel werden Wesen und Hierarchie der Engel (als immaterielle Lichter) nach Suhrawardi herausgearbeitet. Seine Engellehre und seine Philosophie sind von großem Wert für die Philosophiegeschichte, aber auch schwierig zu vertiefen, da seine Bü cher sowohl in Originalsprache als auch in Übersetzung sogar in seiner Heimat (Persien) kaum in Verwendung sind. Im Westen wurde er durch die Werke von Henry Corbin (1903-1978) und Hossein Nasr8 (geb. 1933) bekannt. Vgl. Suhrawardi: Philosophie der Erleuchtung (hikmat al-israq), aus dem Arab. übers. und hrsg. von Nicolai Sinai, Berlin 2011, S. 109. Hossein Nasr ist persischer Philosoph und Professor an der George W ashing ton University. Er hat zahlreiche Bücher über islamische Philosophie in ver schiedenen Sprachen geschrieben. 7 8 20 Seine Engellehre wird vor allem mit Blick auf sein wichtigstes philoso phisches Werk hikmat al-isräq Philosophie der Erleuchtung)9 untersucht. Aber auch kleinere Schriften, wie Äwaz-i par-i Gibra'U (Der Klang der Schwinge Gabriels), al-gurbat al-garbiyah (Vom westlichen Exil), ‘Aql-i sorh (Der rote Intellekt) und Lugat-i muran (Die Sprache der Ameisen), al-waridat wat-taqdisät (Gebete und Heiligungen), werden berücksichtigt. Im fünften Kapitel wird ferner die Frage beantwortet, ob das „Nir gendwo" (na kogä äbäd) für Suhrawardi eine ideale Stadt oder eine reale ästhetische Welt ist. Es werden Eigenschaften des „Nirgendwo" als Welt der Engel dargestellt und die Vorstellung Suhrawardis über die Bewoh ner der Stadt erklärt. Suhrawardi geht davon aus, dass der Mensch durch religiös-mystische Übung dieses „Nirgendwo" erreichen kann. Im sechsten Kapitel dieser Arbeit wird eine Unterscheidung zwischen Thomas von Aquin und den obengenannten islamischen Philosophen hergestellt, indem Bezug auf den intellectus agens und den intellectus possibilis genommen wird. Hier werden auch die Einflüsse der islamischen Philosophen auf Thomas und seine eigenen Thesen über Engel heraus kristallisiert. Hikmat bedeutet wörtlich ,W eisheit' (griech. Sophia), wird aber im Arabischen synonym mit ,W issenschaft' verwendet. Isräq heißt ,Strahlen von Licht', ins besondere Licht der Sonne und ist etymologisch mit dem arabischen W ort für ,Osten, Orient' (sarq) verwandt. Vgl. Stellenkommentar von Philosophie der Er leuchtung (hikmat al-isräq), übersetzt und herausgegeben von Nicolai Sinai, Berlin 2011, S. 302. 21

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References

Zusammenfassung

Seit einigen Jahren ist das Thema Engel auch im so genannten modernen Europa wieder aktuell, unabhängig davon, welcher Religionsgemeinschaft man sich zugehörig fühlt, oder sogar, ob man sich überhaupt als religiös im engeren Sinn des Wortes versteht. Besonders die Vorstellung von Schutzengeln, von helfenden Wesen, gehört mit dazu und begleitet für viele Menschen den Alltag, wird in guten Wünschen mit bedacht und gelegentlich auf Postkarten bildlich zum Ausdruck gebracht. Zohreh Abedi zeichnet den religionsgeschichtlichen Weg der Bedeutung von Engeln nach, indem sie bei Zarathustra beginnt und vertiefend bei den biblischen Vorstellungen verweilt, – die jedoch wesentlich weniger ausführlich sind, als man vielleicht auf den ersten Blick meinen könnte. Im Koran schließlich wird ausführlicher von Engeln berichtet, überhaupt von in der Religionswissenschaft so genannten „Zwischenwesen“, die besonders als Dschinn in diesem Offenbarungswerk genannt werden. Den Schwerpunkt legt sie dabei auf die Ausführungen des persischen Philosophen Suhrawardi. Die Darstellung der Lehre Suhrawardis wird gerahmt durch Ausführungen über die Engellehre der ihm vorangehenden islamischen Philosophen Ibn Sina (Avicenna) und Gazali (Al-Ghazali) und dem ihm folgenden christlichen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin. Durch die Betonung von Suhrawardi wird damit explizit ein tieferer Einblick auf die vielleicht sonst weniger beachtete persische Philosophie gegeben. Somit leistet das vorliegende Werk zugleich einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des interreligiösen und religionsübergreifenden geistigen Austauschs im Hochmittelalter.