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Gabriela Scherer, Komm in den illustrierten Park und lies und schau und lass dich bilden in:

Lothar Bluhm, Markus Schiefer Ferrari, Christoph Zuschlag (Ed.)

"Ich wandle unter Blumen / Und blühe selber mit", page 245 - 272

Zur Kultur- und Sozialgeschichte des Gartens

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4086-7, ISBN online: 978-3-8288-6951-6, https://doi.org/10.5771/9783828869516-245

Series: LBKS - Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte, vol. 1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
245 Komm in den illustrierten Park und lies und schau und lass dich bilden Gabriela Scherer 1. Einleitung Der hier vorgelegte gartenthematische Streifzug durch ausgewählte Bilderbücher beschäftigt sich zunächst mit Realien aus der Botanik und mit Vorstellungsbildung durch anschauliche Aneignung von Wissensbeständen anhand von Friedrich Justus Bertuchs Bilderbuch für Kinder, einem kinderliterarischen enzyklopädischen Werk, das zwischen 1790 und 1830 in Form eines Journals in Weimar herausgegeben wurde; für den vorliegenden Beitrag wird auf die gebundene Auswahlausgabe des Lambert Schneider Verlags aus dem Jahr 2012 zurückgegriffen.1 Dass ästhetische Bildung davon nicht ausgeschlossen ist, wird sich schnell zeigen. Vollständige Gesamtausgaben der insgesamt 237 journalistischen Einzellieferungen sind heute nur noch in ein paar wenigen Bibliotheken vorhanden, für Originaldrucke der ursprünglichen Einzellieferungen werden auf dem antiquarischen Buchmarkt aktuell hohe Summen gehandelt. Die drei Gartentore bzw. Bilderbücher, die sich daran anschließend öffnen werden, geben der Imagination als Möglichkeitssinn Raum; dabei geht es um Sinnkonstruktion und literarästhetische Bildung im fiktional- ästhetischen Bereich. Einar Turkowskis filigran gezeichneter Fantasiegarten, der im Bilderbuch mit dem Titel Die Mondblume zu bestaunen ist, 2009 beim Zürcher Atlantis-Verlag publiziert, steht am Anfang. 2 Von dort führt der Weg weiter über Anthony Brownes postmodernen Entwurf einer surrealen Parklandschaft, präsentiert im Bilderbuch Stimmen im Park / Voices in the Park, 1998 zeitgleich auf Englisch und Deutsch 1 Friedrich Justin Bertuchs Bilderbuch für Kinder. Das illustrierte Wissen des 18. Jahrhunderts. Hrsg. von Petra Feuerstein-Herz. Darmstadt 2012. 2 Einar Turkowski: Die Mondblume. Eine Fantasie. Zürich 2009. – Ein anderes Bilderbuch von Turkowski, Der Rauhe Berg (2012), wurde 2013 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Gabriela Scherer 246 erschienen;3 die deutsche Erstausgabe dieses Bilderbuchs ist inzwischen vergriffen und nur noch antiquarisch als teures Liebhaberstück erhältlich.4 Stimmen im Park ist seit 2010 jedoch auch in einer preisgünstigen, kleinformatigen Neuauflage des Weinheimer Kinder- und Jugendbuchverlags Beltz und Gelberg im Handel. Shaun Tans Graphic Novel Eric schließlich beendet den kursorischen Streifzug mit der Einsicht in einen Garten, der eigenartigerweise in einer Speisekammer lokalisiert ist. Eric ist 2008 in einem Erzählband mit dem Titel Tales from Outer Suburbia / Geschichten aus der Vorstadt des Universums parallel in Australien und auf dem deutschen Buchmarkt herausgegeben worden;5 seit 2011 ist Eric auf Deutsch auch als kleinformatige Aussonderung beim Carlsen Verlag greifbar.6 2. „Den frühesten Unterricht des Kindes durchs Auge anzufangen“ – enzyklopädische Wissensvermittlung um 18007 Friedrich Justin Bertuch, 1747 in Weimar geboren, war ein Zeitgenosse Goethes und Wielands. Bertuchs vielfältige unternehmerische Tätigkeit als Verleger, Fabrikant und Inhaber eines Handels-Comptoirs ist ein wichtiges Element im Zusammenspiel dessen, was unserem kulturellen Gedächtnis unter dem Begriff „Weimarer Klassik“ eingeschrieben ist. Bertuch ist aber auch ein Kind der Epoche der Aufklärung, will hei- ßen: Er ist Mitakteur im sog. „pädagogischen Jahrhundert“, in dem sich im Zuge der sog. „Entdeckung der Kindheit“ im Kontext der bürgerlichen Moderne das Subsystem „Kinder- und Jugendliteratur“ herausgebildet hat. Konkret bedeutet das: Bertuchs populäres Bilderbuch für Kinder war nicht nur dem enzyklopädischen Gedanken der Wissenssammlung verbunden, sondern stand auch unter dem pädagogischen Im- 3 1999 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. 4 Anthony Browne: Stimmen im Park. Übers. v. Peter Baumann. Oldenburg 1998. 5 2009 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 6 Shaun Tan: Eric. Übers. v. Eike Schönfeld. Hamburg 2011. 7 Dieses Unterkapitel stützt sich in wesentlichen Teilen auf die umfangreich recherchierte Studie von Sylvie Chakkalakal: Die Welt in Bildern. Erfahrung und Evidenz in Friedrich J. Bertuchs ,Bilderbuch für Kinder‘ (1790-1830). Göttingen 2014, sowie auf die informativen einleitenden Kapitel von Feuerstein-Herz, Bertuchs Bilderbuch für Kinder, S. 6-34. Das Titel gebende Zitat stammt von Bertuch, zit. nach Feuerstein-Herz, ebd., S. 14. Komm in den illustrierten Park … 247 petus der didaktisch klugen Wissensvermittlung. Bertuchs Sachbilderbuch erschien in Einzelheften mit je fünf großen Kupfertafeln, denen jeweils eine kurze Erläuterung beigegeben war; publiziert wurden sowohl eine illuminierte Ausgabe, als auch eine verbilligte Version mit schwarzen Kupfern. Die sukzessive Lieferung des Sachbilderbuchs in einzelnen Heften war sicherlich unternehmerischem Sachverstand geschuldet. Sie war aber durchaus auch didaktisch motiviert: Bertuch hielt es nicht für angebracht, Kindern die vielfältigen Wissensinhalte in einem dicken teuren Band versammelt zu Gesicht zu bringen; seiner Ansicht nach verlängerten die einzelnen, über einen längeren Zeitraum angebotenen erschwinglichen Hefte Genuss und (Vor-)Freude, wurde das Erscheinen des nächsten Heftes doch mit Spannung erwartet und durften die einzelnen Hefte vermutlich eher als ein teures Buch von den Kindern in eigenständigen Gebrauch genommen werden.8 Bertuch stellte hohe Ansprüche an die Fertigkeiten seiner Zeichner und Kupferstecher und bestand auf akkurater Darstellung des Sachgegenstands.9 Heranwachsende sollten keine falschen Eindrücke von der Welt empfangen, ihr Wissen aber auf ihnen gemäße Art und Weise, nämlich vornehmlich über die visuelle Darstellung vermittelt bekommen.10 Die Begleittexte sollten den angenommenen Verstandes-Kräften des Kindes angemessen sein und waren eher zum Vorlesen als zum selber Lesen gedacht. Das Bild hat in Bertuchs Bild-Text-Konzeption daher keine dienende, sondern eine zentrale Funktion. Für die visuelle Gestaltung seines Journals postulierte Bertuch 1801: Es muß schön und richtig gezeichnete und keine schlecht gestochene Kupfer haben, weil nichts wichtiger ist, als das Auge des Kindes, gleich vom Anfange an, nur an wahre Darstellung der Gegenstände, richtige Verhältnisse, Eindrücke und Begriffe, die es der Seele geben kann, und an schöne Formen und guten Geschmack zu gewöhnen. Man kann nicht glauben, wie begierig die Einbildungskraft eines Kindes die ersten bildlichen Eindrücke faßt, wie fest es dieselben hält, und wie schwer es hernach ist, falsche Bilder und Begriffe, die sie dadurch empfieng, in der Folge wieder wegzuschaffen. Gute und schlechte Kupfer 8 Vgl. Feuerstein-Herz, Bertuchs Bilderbuch für Kinder, S. 21. 9 Vgl. ebd., S. 18. 10 Vgl. ebd., S. 16. Gabriela Scherer 248 thun hierbey alles, und können bey Kindern entweder großen Nutzen oder wahres Unheil stiften.11 Dieses Zitat umreißt den didaktisch-pädagogischen sowie bildpraktischen Hintergrund, vor dem kindliche Imaginationsfähigkeit und kindliche Wissensaneignung an sinnlichen Genuss und intellektuelles Vergnügen in Anschauung realistisch dargestellter Wissensbestände gekoppelt wird. Zum Wissensbestand des Gebildeten um 1800 gehörte u.a. das Linnésche Pflanzensystem. Abb. 1 zeigt es in der Darstellung in Bertuchs Sachbilderbuch. Abb. 1: Feuerstein-Herz (Hrsg.) 2012, S. 322 Carl von Linné selber formulierte 1737 in seiner Genera plantarum im Einklang mit den Vorstellungen seiner Zeit allerdings eine drastische Ablehnung von Bildern für die taxonomische Beschreibung. Visualisierung hielt er nur für statthaft für Schriftunkundige, da er Bilder als bloße Vorstufe des seiner Ansicht nach schrifttextlich basierten Erkenntnisgewinns betrachtete: 11 Bertuch zit. nach Chakkalakal, Welt in Bildern, S. 40. Komm in den illustrierten Park … 249 §13. Bilder empfehle ich nicht um Gattungen zu bestimmen, sondern verwerfe sie unbedingt, wenngleich ich bekenne, dass sie von großem Verdienst für den Knaben und diejenigen sind, die mehr Köpfe haben als Gehirne; ich bekenne, dass jemand diese den Laien liefern [muß]. Bevor den Sterblichen der Gebrauch der Buchstaben bekannt wurde, war es nötig, alles durch Bilder auszudrücken, wo der Klang der Stimme nicht anwesend sein konnte. Aber als diese erfunden worden waren, war der leichtere und sichere Weg gegeben, Vorstellungen durch Schriften mitzuteilen. So gewährten auch in der Botanik, bevor die Buchstaben entdeckt wurden, diese Abbildungen das beste Hilfsmittel; aber mit diesen [Buchstaben] wird ein abkürzender Weg bestritten; uns sind 26 Buchstaben gegeben, mit denen wir unsere Vorstellungen schreiben.12 Stellt man die taxonomischen Beschreibungen Linnés (s. exemplarisch Abb. 2) Bertuchs enzyklopädischer Darstellung in Bild und erläuterndem Begleittext gegenüber (s. zum Vergleich Abb. 3 und 4), so erscheint einem Heutigen, in multimodalen Text- und Bildwelten Sozialisierten, Bertuchs visuell unterstützte Belehrung der abstrakten Aufzählung Linnés nicht nur unter dem Aspekt der Wissensvermittlung überlegen, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der nachhaltigen Erkenntnis weitaus wirkungsmächtiger. Abb. 2: Chakkalakal 2014, S. 229 12 Carl von Linné, zit. nach Chakkalakal, Welt in Bildern, S. 227 (Herv. im Orig.). Gabriela Scherer 250 Abb. 3: Feuerstein-Herz (Hrsg.) 2012, S. 50f. Abb. 4: Feuerstein-Herz (Hrsg.) 2012, S. 50f. Komm in den illustrierten Park … 251 3. „Für die Mutter aller Inseln“ – fantastische Taxonomie zur Förderung von Imagination und Sprachreflexion Der Illustrator Einar Turkowski wurde 1972 in Kiel geboren. Seine Gartenfantasie Die Mondblume trägt die Widmung „Für die Mutter aller Inseln“ und ist auf eine Insel projiziert; der Erzähleingang, der das erste Bild begleitet, lautet: Auf einer Insel lebte ein Mann; auf einer Insel, in einem alten Steinhaus. Dieser Mann war überaus zufrieden, denn er hatte das Glück, ein ansehnliches Stück Land sein Eigen nennen zu dürfen. Wann immer er konnte, verbrachte er seine Zeit damit, zwischen all den Pflanzen umherzuwandeln, um hier und da einen Stecken zu setzen, ein wenig Erde aufzufüllen oder einen vom Wind abgeknickten Ast behutsam und mit großer Sorgfalt zu entfernen. Manchmal folgte er auch nur den verschlungenen Pfaden (die gab es hier ohne Zahl) und grüßte jedes Mal, wenn er an einem besonders schönen Busch oder einem besonders mächtigen Baum vorbeikam. Konnte auch sein, dass er sich einfach nur auf eine Bank setzte, denn auch davon gab es hier recht viele. Der Mann hatte sie vor allem an Plätze gestellt, an denen er sich gerne aufhielt. Dies waren meist versteckte Orte, wo die Bäume dicht standen und die Äste tief hingen. […] Von einem Innenhof ausgehend, den das Haupthaus und die anderen Gebäude bildeten, erstreckte sich das Stück Land. Es war von der Straße aus jedoch nicht zu sehen, denn einerseits war da diese alte Mauer, die scheinbar jeden Einblick verhindern wollte, und andererseits ging es hinter dem Hof recht steil bergab, so dass der größte Teil des Gartens im Verborgenen blieb.13 Beim Weiterblättern wird der Betrachter eingeladen, den auf dem ersten Bild noch hinter Hausmauern verborgenen Garten zu betreten. Das, was dabei vor unseren Augen als fantastischer Inselgarten nach und nach aufblüht, sieht orientalisch gemustert aus (s. Abb. 5): 13 Turkowski, Mondblume, S. 6. Gabriela Scherer 252 Abb. 5: Turkowski 2009, S. 29 Enge Treppen führen in einen üppig blühenden Wundergarten, in den hinein, so der Verbaltext, dank der verschlungenen Wege dem menschenscheuen Protagonisten keiner seiner ohnehin nur spärlichen Besucher jemals folgt. Dennoch fühlt sich der selige Inselbewohner nie einsam, ist er in seinem labyrinthisch angelegten Garten doch umgeben von seltenen Blumen, prächtigen Paradiesvögeln und allerlei anderem exotischem Getier. Und auch Bücher sind vorhanden für seinen selbstgenügsamen Zeitvertreib. Mehr noch als die filigran morgenländisch gezeichnete Gartenlandschaft sind es die Inhalte dieser Bücher, welche die Fantasie des Betrachters anregen, werden unsere abstrakten Wissensordnungen hier doch auf spielerische Art herausgefordert (s. Abb. 6): Komm in den illustrierten Park … 253 Abb. 6: Turkowski 2009, S. 17 Betrachtet man zum Beispiel die fantastische Blume mit dem Namen „Mausefalle“, in der eine Reihe Mäuse wie Blütensamen – wörtlich kurz vor dem „Ausfallen“ – zur fortpflanzenden Aussaat steht, oder die wundersame Pflanze namens „Tischrauke“, die Pfeffer- und Salzstreuer als Blüten- bzw. Samenkapsel trägt, so wird einem unmittelbar einsichtig, was mit dem Ausdruck „sprechende Namen“ gemeint ist. Auch das „Urnenkraut“, auf das der Held der Geschichte, wie ein Biologielehrer vor dem Schaubild stehend, zeigt, gibt Anlass, Namensschöpfungen als einen Akt des Sprachmächtigen zu betrachten. Es gibt Blumen im Bild, denen die Beschriftung noch fehlt und die geradezu nach Wortneubildungen wie etwa „Katzenfratz“ und „Lockmich“ in Analogie zu „Pfauenschwanz“ und „Knickmichnicht“ schreien. Ähnlich Fantasie anregend und ein grundsätzliches Nachdenken über sprachliche Kategorisierung in Gang setzend, sind Turkowskis Taxonomien zu den „Nachtsummern“ und „Schattentieren“ (s. Abb. 7), die den Inselgarten nachts bevölkern. Gabriela Scherer 254 Abb. 7: Turkowski 2009, S. 21 Man ist durchaus unschlüssig, was man vergnüglicher finden soll: die Bezeichnungen oder das Aussehen der fantastischen Nachtschwärmer. Betrachtet man beispielsweise das „Ampelchamäleon“ oben, dessen beeindruckender Ampelschwanzfächer von „(Hunds)Gemeinen Stechmücken“ umschwirrt ist, oder linker Hand ein vollkommen friedlich dreinschauendes Tier, dessen „Namen“ wie weiland Lord Voldemorts Namen, „nicht ausgesprochen werden darf“, gerät man darüber ebenso ins Schmunzeln wie über die treffend gezeichneten Ansichten von „Faulwurf“ und „Nadelbein“ auf der rechten Seite der Schautafel. In dieser Zurschaustellung einer absurd anmutenden Wissensordnung verbirgt sich eine Anspielung auf Jorge Luis Borges Lachen über Ordnung, das durch das Zitat in Michel Foucaults Ordnung der Dinge (frz. Orig. 1966)14 berühmt geworden ist. Der argentinische Schriftsteller Borges zitiert in seiner Erzählung Die analytische Sprache von John Wilkins (1966) eine „gewisse chinesische Enzyklopädie“, gemäß der Tiere wie folgt gruppiert sind: 14 Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Übers. v. Ulrich Köppen. Frankfurt a. M. 1974. Komm in den illustrierten Park … 255 a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.15 Borges fiktive Taxonomie führt uns an die Grenzen unseres Denkens. Foucault spricht in Die Ordnung der Dinge von der „schiere[n] Unmöglichkeit, das zu denken.“16 Nur in einer sprachlichen Heterotopie – „in der Ortlosigkeit der Sprache“ – seien solche Nachbarschaften möglich.17 Auch Turkowskis Klassifizierungsfantasien führen uns die Kontingenz von Ordnungssystemen vor Augen; anders als die rein verbalsprachlich vorgenommene fiktive Taxonomie von Borges sind Turkowskis Konstrukte jedoch in einen anschaulich gemachten imaginären Denkrahmen eingebettet und damit wie ein utopisches „Denkbild“18 im Blochschen Sinne begreifbar. „Der Begriff [Denkbild] verweist auf ein doppeltes Oxymoron: Er zwingt nicht nur Reflexion und Anschauung in einem Wort zusammen, sondern setzt auch einen Vorgang – den des Denkens – mit einem Zustand – dem des Bildes – in eins.“19 Fragt man sich am Ende, weshalb dieser kuriose Paradiesgarten nur von einem Mann ohne weibliches Pendant bewohnt wird, kommt man durch eingehende Kontemplation zu folgender Einsicht: „Weiblichkeit“ kommt in Turkowskis fantastischem Garten, der mit Motiven wie „Insel“, „seltene Blume“ und „Mondnacht“ erkennbar in romantischer Tradition steht, nur sozusagen „poetisch“ bzw., etwas nüchterner betrachtet, in rein (fort)pflanzlicher Gestalt vor: Fernab von der Welt erblüht hier im mondmonatlichen Rhythmus eine Mondblume und versprüht magisches Licht (s. Abb. 5). Wäre dies eine Illustration zu Novalis’ Heinrich von Ofterdingen, würde einem Mathildes Angesicht aus dem Traumgebilde der Blume in der oberen Bildmitte entgegenblicken. Turkowskis Garteninsel ist jedoch frei von Sehnsucht nach Ergänzung, dem men- 15 Borges zit. nach Foucault, Ordnung der Dinge, S. 17. 16 Foucault, ebd. (Herv. i. Orig.). 17 Ebd., S. 19f. 18 Vgl. Heinz Schlaffer: Denkbilder. Eine kleine Prosaform zwischen Dichtung und Gesellschaftstheorie. In: Poesie und Politik. Zur Situation der Literatur in Deutschland. Hrsg. von Wolfgang Kuttenkeuler. Stuttgart u. a. 1973, S. 137-154. 19 Ulrich Stadler/Magnus Wieland: Gesammelte Welten. Von Virtuosen und Zettelpoeten. Würzburg 2014, S. 151. Gabriela Scherer 256 schenscheuen Protagonisten genügen die ihn umgebenden wunderbaren Pflanzen, seltsamen Tiere und skurrilen Sachbücher. 4. „Man trifft heutzutage merkwürdige Gestalten im Park“ – polyphonische Seelenlandschaften und literar- ästhetische Bildung20 Anthony Browne ist 1946 in Sheffield geboren und gehört aktuell zu den renommiertesten Bilderbuchkünstlern weltweit. Brownes Stimmen im Park erzählt die Begegnung einer Oberschichtmutter und ihres überbehüteten schüchternen Sohnes sowie ihrer reinrassigen Hündin mit einem arbeitslosen Unterschichtvater, dessen kecker Tochter sowie deren vierbeinigen Promenadenmischung bei einem Spaziergang in einer städtischen Parklandschaft. Das Besondere dabei ist, dass Browne die Erzählperspektiven ins Vierfache multipliziert. Pro Reflexionsfigur ist die imaginäre Welt in einer anderen Jahreszeit gemalt und in je anderer Typographie verbalisiert. Der dem Mädchen zugeordnete Schrifttyp ist ein die gerade Linie munter herausfordernder Schriftzug (s. Abb. 8). Und seine versinnbildlichte Seelenlandschaft präsentiert sich in der üppigen Fülle des Sommers. In der Erzählversion des Mädchens hängen die Bäume voller Früchte, die zum Pflücken des prallvollen Tages einladen. „Carpe diem“ scheint das 20 Es gibt eine Vielzahl von Beiträgen aus der Bilderbuchrezeptionsforschung, die sich für eine etwas ausführlichere Beschäftigung mit dem Gegenstand und seinem Bildungspotential zu lesen lohnen; erwähnt sind hier nur die wichtigsten in chronologischer Reihenfolge. Jane Doonan: Stimmen im Park und Stimmen im Schulzimmer. Rezeptionsbezogene Analyse von Anthony Brownes Stimmen im Park. In: Jens Thiele: Das Bilderbuch: Ästhetik, Theorie, Analyse, Didaktik, Rezeption. Bremen u. a, 2000, S. 142-156; Sylvia Pantaleo: Young children interpret the metafictive in Anthony Browne’s Voices in the Park. In: Journal of Early Childhood Literacy 4 (2004/2), S. 211-233; Jeanette Hoffmann: „Vielleicht sehnt der sich nach Sonne…“ – Entfaltung von Perspektiven im Gespräch zum Bilder(buch)kino einer vielstimmigen Geschichte. In: Text und Bild – Bild und Text. Bilderbücher im Deutschunterricht. Hrsg. von Christoph Jantzen und Stefanie Klenz. Stuttgart 2013, S. 37-72; Gabriela Scherer/Steffen Volz: Zur Rezeption zeitgenössischer Bilderbücher durch Grundschulkinder. (Erste) Überlegungen und Erkundungen. In: Fragwürdiges Bilderbuch. Blickwechsel – Denkspiele – Bildungspotenziale. Hrsg. von Iris Kruse und Andrea Sabisch. München 2013, S. 109-124. Komm in den illustrierten Park … 257 Motto des Mädchens zu sein. An dieser Sicht auf die Welt vermag auch die fremde griesgrämige Mutter nichts zu ändern, die sich mit ihrem schüchternen Sohn auf die Parkbank neben das Mädchen und seinen Vater setzt. Der Park spiegelt auch auf diesem Bild den Seelenzustand des Mädchens als üppigen Sommertag wider. Abb. 8: Browne 1998, o. S. Die Seelenlandschaft des arbeitslosen Vaters präsentiert sich erwartungsgemäß wintergrau. Die Bäume des Stadtparks sind in der Erzählversion des Vaters kahl und setzen sich gegen einen trostlosen, nebelverhangenen Hintergrund ab. Die seiner Stimme zugeordnete Schrift ist die eines etwas grobschlächtigen Erwachsenen. Auf dem aus seiner Perspektive dargestellten Heimweg sind der Vater und seine Tochter in einen Hoffnungsschimmer getaucht, der sich aus einer Lampe speist, die in Form eines Schneeglöckchens den nahenden Frühling ankündigt (s. Abb. 9). Gabriela Scherer 258 Abb. 9: Browne 1998, o. S. Den kahlen Bäumen sind Glühlämpchen angesteckt, die Fenster der trostlosen Hochhäuser erstrahlen jetzt in bunten Lichtern, eine Sternschnuppe fällt vom Himmel und King Kong präsentiert sich als Kraftprotz auf einem der Hochhäuser, die hinter der Parkmauer stehen. Die Tochter hinterlässt außerdem eine Fußspur von zarten weißen Blütenblättern. Auch damit kündigt sich der Frühling als symbolischer Hoffnungsbote an, der gegen die Tristesse des Vaters anzugehen vermag. Ganz anders die Oberschichtmutter, deren Seelenlandschaft in herbstlichen Ton getaucht ist und die nach der Begegnung im Park mit den sozial schlechter gestellten Gestalten in Zorn entbrannt den Heimweg antritt. Der Satz „Man trifft heutzutage merkwürdige Gestalten im Park“ (s. Untertitel oben) ist aus ihrer Sicht gesprochen. Da sie um die Reinheit ihrer reinrassigen Hündin ebenso zu fürchten hat wie um die Reinlichkeit ihres Sohnes, hat der Spaziergang im Park nicht gehalten, was sie sich davon versprochen hat. Ihre Seelenlandschaft zeigt auf dem Heimweg einen brennenden Baum, in dem ihr Zorn über das Herumtollen ihres Hundes mit dem Straßenköter und das unbeaufsichtigte Spielen ihres Sohnes mit dem fremden Schmuddelkind sichtbar zum Himmel lodert. Sie hinterlässt eine Fußspur aus Herbstblättern und die Fenster der Hochhäuser im Hintergrund erstrahlen ebenfalls in herbstlichen Far- Komm in den illustrierten Park … 259 ben. Das satte Grün der Bäume und der goldene Schimmer in der herbstlich gefärbten Parklandschaft weisen aber auch auf die Saturiertheit dieser teuer gekleideten Figur hin. Dem Oberschichtjungen ergeht es ähnlich wie dem Unterschichtvater: Seine Seelenlandschaft zeigt sich zu Beginn des Parkbesuchs winterlich trist. Die kahlen Bäume widerspiegeln die Trostlosigkeit seines Daseins. Allerdings bedrücken ihn keine Geldsorgen wie den arbeitslosen Unterschichtvater, ihn bedrückt seine übermächtige Mutter, in deren Hutschatten er steht und geht. Seine dominante Mutter ist in seiner Parklandschaft auch in den hutartigen Wolken, behüteten Bäumen und sogar behüteten Straßenlaternen omnipräsent. Aber auch für ihn spielt das muntere Mädchen die Rolle des Seelentrösters. Bei der Kontaktaufnahme der beiden Kinder ist die Parklandschaft aus der Sicht des Jungen zweigeteilt: Seine Seite zeigt sich ihm winterlich kahl und wolkendüster, in seinem Teil strampelt sich außerdem ein Fahrradtandem ab, bei dem die beiden Radfahrer – wie er und seine Mutter – in einander entgegen gesetzte Richtungen streben. Das Mädchen dagegen sitzt in des Jungen Wahrnehmung vor einer frühlingshaften Blumenwiese, die sich vor voll erblühten Kirschblütenbäumen und einer Laterne in Form einer Osterglocke erstreckt, und selbst die tristen Hochhäuser am Rande des Parks zeigen sich ihm in dem von der Ausstrahlung des Mädchens eingefärbten Teil des Bildes als Schloss. Links und rechts von den beiden Kindern sitzen die beiden Erwachsenen, auf dem Bild nur je in Form einer Andeutung des Arms zu sehen. Der Wechsel aus der Dominanz der Mutter in den Einflussbereich des Mädchens bekommt dem Jungen gut: Sein Gemütszustand zeigt sich beim Klettern im Baum im Verbund mit dem Mädchen plötzlich frühlingshaft – und selbst beim Verlassen des Parks an der Hand seiner Mutter zieht er noch eine weiße Blütenspur als Reminiszenz an das unbeschwert fröhliche Spiel hinter sich her. Das Licht färbt sich beim Verlassen des Parks zwar wieder in eine von der Farbe der Mutter dominierte Atmosphäre, aber es ist jetzt ein mildes Licht, das einen Hoffnungsschimmer auf ein Wiedersehen mit dem munteren Mädchen wirft. Dass der überbehütete Junge sehr schüchtern ist, zeigt sich in der seiner Stimme zugeordneten schwach gedruckten Schrift (s. Abb. 10). Gabriela Scherer 260 Abb. 10: Browne 1998, o. S. Stimmen im Park bietet in den symbolisch aufgeladenen Landschaftsgemälden ein Feuerwerk von international bekannten hoch- und populärkulturellen Bildzitaten. Diese haben wie die gemalten Seelenlandschaften symbolische Aussagekraft. Aus dem Genre des Films finden sich Figuren wie Mary Poppins oder – wie bereits erwähnt – King Kong auf den Bilderbuchseiten wieder. Aus dem Bereich der bildenden Kunst sind unter anderem Leonardo da Vincis Mona Lisa und Frans Hals’ Lachender Kavalier zu entdecken – auf dem Heimweg von Vater und Tochter in der von der Fröhlichkeit des Mädchens beeinflussten Perspektive des Vaters als unbeschwert lockeres Tanzpaar (s. Abb. 9). Auf dem Hinweg waren Mona Lisa und der Lachende Kavalier noch in tristen Gemälden gefangen – dem Seelenzustand des Vaters entsprechend traurig dreinblickend, trotz ihrer Berühmtheit durch Lächeln bzw. Lachen (s. Abb. 11). Komm in den illustrierten Park … 261 Abb. 11: Browne 1998, o. S. Auch Edvard Munchs expressionistisches Bild Der Schrei wird gleich mehrfach zitiert in Brownes Bilderbuch – und ebenfalls mit symbolischem Mehrwert: Zum einen erscheint das Bild in der Zeitung, die der arbeitslose Vater nach Stellenanzeigen durchblättert, und ist dort als Ausdruck seiner Verzweiflung lesbar. Zum anderen ist das Bildzitat wiederholt auf den Bildern erkennbar, die aus der Perspektive der Mutter erzählen, wie ihr Sohn sich unbemerkt entfernt hat: Den Parkbäumen sind in dieser Erzählsequenz schreiende Münder eingemalt und die Mutter selbst ist in deutlicher Anlehnung an Munchs Vorlage als Schreiende gezeichnet. Bei ihr ist der damit symbolisierte Gemütszustand jedoch weniger Verzweiflung als vielmehr Wut. Wut zeigt sich auch in einem der Bildzitate zu René Magrittes legendärem Hut (s. Abb. 8). Der Mutter geht aus der Sicht des Mädchens sprichwörtlich der Hut hoch, als ihr Hund nicht auf sie hört. Ihrem Hund geht – wiederum sprichwörtlich – zum einen Ohr rein und zum anderen raus, was sie ihm befiehlt. Dass auch andere Bildseiten, die surrealistisch mit Hüten spielen, Magrittes Hut zitieren, ist offensichtlich. Die symbolische Aussage der vielen Hüte, die Abb. 10 zeigt, wurde oben bereits mit dem Wort „überbehütet“ benannt. Gabriela Scherer 262 Über das hier der gebotenen Kürze wegen nur exemplarisch Genannte hinaus gibt es eine Vielzahl weiterer surrealistischer Elemente in Brownes Stimmen im Park zu entdecken, überwiegend mit symbolischer Bedeutung oder mit sprachspielerischer Hintergründigkeit. Der vielgestaltige Bildungswert dieses polyphonischen Bilderbuchs ist deswegen in der Fachliteratur unbestritten (s. Anm. 20). 5. „Das ist bestimmt was Kulturelles“ – ein Garten in der Speisekammer als Gastgeschenk?! Oder: interkulturelles Lernen am Bild Shaun Tan, Autor und Illustrator von Eric, ist 1974 in Perth in Australien geboren. Seine Bilderbücher und Graphic Novels werden ähnlich wie die Bilderbücher von Anthony Browne international beachtet. Shaun Tans chinesischstämmiger Vater ist aus Malaysia nach Australien eingewandert. Die Buchdeckelinnenseiten der kleinformatigen Graphic-Novel-Ausgabe von Eric zieren interessant anmutende Pflanzen aller Art (s. Abb. 12). Abb. 12: Tan 2011, Buchdeckelinnenseite Komm in den illustrierten Park … 263 Sie erinnern von Ferne an die Schautafel des Linnéschen Pflanzensystems, wie wir es aus Bertuchs Bilderbuch für Kinder kennen (s. Abb. 1). Die Buchdeckelinnenseiten lassen sich so als unbeschriftete Schautafel der Pflanzen betrachten, die der Protagonist der Geschichte – ein Austauschschüler – als Abschiedsgeschenk in der Speisekammer seiner Gastfamilie hinterlässt (s. Abb. 13). Abb. 13: Tan 2011, o. S. Im Wissen darum, dass dieser wundersame Garten in einer Speisekammer lokalisiert ist, ist man geneigt, Bertuchs enzyklopädisches Journal zu konsultieren, in dem Schimmelpilze verschiedener Art auf einer der Schautafeln ein verblüffend ähnliches Aussehen tragen (s. Abb. 14) wie Tans imaginäre Gartenlandschaft. Klassifizierend dem Beispiel von Turkowskis Protagonisten folgend, könnte man den merkwürdigen Blumengarten, den der Austauschschüler Eric in Tans gleichnamiger Graphic Novel seiner Gastfamilie als Dank hinterlässt, in verschiedene Unterarten von natürlichem Schimmel einordnen: Im Rückgriff auf die Bildtafel in Bertuchs Kinderlexikon ließen sich in der zum Blühen gebrachten Speisekammer so „Gemeiner Schimmel“, „Hutwerfer“, „Grüner Schimmel“ und „Kugelschimmel“ benennen. Gabriela Scherer 264 Abb. 14: Feuerstein-Herz (Hrsg.) 2012, S. 100 Die Mutter der Gastfamilie zeigt in Tans eigenwilliger Bild-Text-Narration dem eigentümlichen Gastgeschenk Erics gegenüber jedoch eine Gelassenheit, die nur Erwachsene mit interkulturellen Kompetenzen an den Tag legen. Den Blumengarten in der Speisekammer als Schimmelpark zu klassifizieren, käme ihr nicht in den Sinn. Sie belässt den Garten in der Speisekammer, wie er ist; fortan wird er allen Besuchern als etwas Besonderes vorgeführt und mit den indifferenten Worten „Das ist bestimmt was Kulturelles“ (ab)qualifiziert. Um diesen Schluss zu verstehen, muss man sich die Fremdheit vor Augen führen, die in Tans Graphic Novel zwischen dem Austauschschüler und der Gastfamilie von Anfang bis Ende bestehen bleibt. Der Erzähleingang spiegelt die alle Beteiligten ereilende Alteritätserfahrung zunächst aus der Perspektive des Kindes der Gastgeberfamilie: Vor ein paar Jahren wohnte ein Austauschschüler bei uns. Wir fanden es alle sehr schwer, seinen Namen korrekt auszusprechen, aber das machte ihm nichts. Er meinte, wir sollten „Eric“ zu ihm sagen. Wir hatten das Gästezimmer frisch gestrichen, neue Teppiche und Möbel dafür gekauft, damit auch alles schön und bequem für ihn war. Komm in den illustrierten Park … 265 Daher weiß ich nicht, warum Eric die meiste Zeit in unserer Speisekammer schlief und lernte. „Das ist bestimmt was Kulturelles“, sagte Mama. „Solange er nur glücklich ist.“ […] Ein paarmal sah ich ihn durch den Spalt in der Speisekammertür, wie er mit stummer Hingabe lernte, und stellte mir vor, wie es für ihn wohl in unserem Land war.21 Die den Verbaltext begleitenden Bilder zeigen den ankommenden Gast mit fremdartig anmutenden Gepäckstücken, die in der Gestalt von Nüssen auf seinen vergleichsweise kleinen Wuchs und (der Erdnusskoffer) möglicherweise auch auf seine Herkunft aus Lateinamerika hinweisen (s. Abb. 15).22 Abb. 15: Tan 2011, o. S. 21 Tan, Eric, o. S. 22 Die folgende postkoloniale Lektüre geschieht in enger Anlehnung an das Editorial von Petra Josting/Caroline Roeder: Von Gästen und davon, Gast zu sein. In: „Das ist bestimmt was Kulturelles.“ Eigenes und Fremdes am Beispiel von Kinder- und Jugendmedien. Hrsg. von P. Josting und C. Roeder. München, S. 9-17. Gabriela Scherer 266 Weitere Zeichnungen zeigen ihn bei seinen ungewöhnlichen Schlaf- und Lerngewohnheiten (s. Abb. 16 u. 17). Abb. 16: Tan 2011, o. S. Abb. 17: Tan 2011, o. S. Komm in den illustrierten Park … 267 Die Gastgeberseite, so der Verbaltext, ist mit der Peinlichkeit konfrontiert, den fremdartigen Namen ihres Gastes nicht aussprechen zu können. Die Höflichkeit des Gastes gestattet ihnen jedoch, ihn bei einem Namen zu rufen, den sie aussprechen können – dieser ist aber nicht sein richtiger Rufname. Mit dieser (Namens-)Assimilation verliert der Gast einen Teil seiner kulturellen Eigenart.23 Zugleich ist ersichtlich, dass der Fremde sich in die Welt der Gastgeber einzulesen versucht: Tans Bildwelt zeigt ihn auf einer Buch-Expedition, bei der er wie ein Entdecker der ehemals „alten Welt“ auf dem Text seiner neuen Lebenswelt herumspaziert.24 Interessanterweise scheint er jedoch aus der „neuen Welt“ der vormaligen „alten Welt“ zu kommen: Zumindest sein Erdnusskoffer weist auf Peru als Herkunftsland hin und seine selbstverständliche Inanspruchnahme der Speisekammer als Gastzimmer statt des für ihn von der Gastfamilie vorbereiteten Wohnraums gibt Anlass für die postkoloniale Deutung, dass er aus der „Kornkammer“ der einstigen Kolonialländer stammt.25 Das aber bedeutet, dass er aus der herkömmlichen Peripherie jetzt ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt ist. Auf Seiten des Gastgeberkindes ist Höflichkeit mit Neugier und Einfühlungsvermögen gepaart: Es beobachtet „Eric“ heimlich bei dessen ungewöhnlichen Tun und fragt sich, wie es wohl „Eric“ mit ihren Gewohnheiten gehen mag, die umgekehrt ja genauso befremdlich wirken mögen auf den Fremdling wie seine Gewohnheiten auf die Gastfamilie. In der Folge führt einem das Bilderbuch das Fremdartige, mit dem sich der Austauschschüler konfrontiert sieht, bildlich vor Augen (s. exemplarisch Abb. 18 u. 19). Mit welch kindlichem Staunen man das Gewöhnliche in der Fremde befragen kann, ist durchaus verblüffend, wenn man die nicht verbalisierten Fragen selber zu stellen sich anschickt:26 Nennt man das als Rosette gestaltete Abflussblech Abgussblume? Welche Geheimbotschaft verbirgt sich unter einem Blumenkleber? – 23 Vgl. ebd., S. 9. 24 Vgl. ebd., S. 10. 25 Vgl. ebd., S. 11. 26 Arizpe verdankt sich der Hinweis, dass Tan selbst kontinuierlich betont, seine wortlosen Erzählsequenzen würden bewusst Platz lassen für Ko-Autorschaft des Lesers. Vgl. Evelyn Arizpe: Wordless Picturebooks: Critical and Educational Perspectives on Meaning-Making. In: Picturebooks: Representation and Narration. Hrsg. von Bettina Kümmerling-Meibauer. New York u. a. 2014, S. 93. Gabriela Scherer 268 Hier ist eine naive Haltung des Hinterfragens ins Bild gesetzt, die nicht nur eine kulturelle Dimension hat, sondern durchaus auch philosophisch anmutet und natürlich auch ästhetisches Programm ist.27 Abb. 18: Tan 2011, o. S. Der höflich interessierten Perspektive des Gastkindes auf der Bildebene steht die höfliche Auskunftshaltung des Gastgeberkindes auf der Verbaltextebene gegenüber: „Zum Glück war Eric sehr neugierig und stellte immer viele Fragen. Allerdings waren es nicht die Fragen, die ich erwartet hatte. Meistens konnte ich nur sagen: ,Genau weiß ich das nicht‘ oder ,Das ist eben so‘. Sehr hilfreich fand ich mich nicht.“28 27 Vgl. auch Josting/Roeder, Von Gästen, S. 11. 28 Tan, Eric, o. S. Komm in den illustrierten Park … 269 Abb. 19: Tan 2011, o. S. Im kongenialen Zusammenspiel von Bild- und Verbalsprache wird erfrischend unmoralisierend erkennbar, dass es bei allem guten Willen manchmal eben gar nicht so einfach ist, das Selbstverständliche in der eigenen Umgebung einem Fremden zu erklären. Auch gegenseitiges Interesse vermag Befremden nicht vollständig aufzulösen und ein sich dabei einstellendes Gefühl des Ungenügens auf Seiten des Gastgebers macht die interkulturelle Begegnung nicht einfacher. 6. „Nach der Lese“ – Schluss Der vorliegende Beitrag trägt den Titel „Komm in den illustrierten Park und lies und schau und lass dich bilden“. Literarisch Gebildete erkennen darin mühelos eine Anspielung auf Stefan Georges bekanntes Gedicht Nach der Lese, das mit der Zeile „Komm in den totgesagten Park und schau“ den Gedichtzyklus Das Jahr der Seele (1897) einleitet. Gabriela Scherer 270 Von Georges Gedicht wurde im Vorangehenden nicht geredet. Wohl aber wurde das (geteilte) Wissen um die Symbolik der Jahreszeiten in Georges lyrischer Landschaftsfeier genutzt und auf die Auslegung von Anthony Brownes Bilderbuch Stimmen im Park übertragen, indem die Bilder dort als Ausdruck von Seelenlandschaften erläutert worden sind. Dass Anthony Browne Stefan Georges Gedichtzyklus ebenfalls kennt, ist damit nicht gesagt, aber auch nicht ausgeschlossen. Was Anthony Browne aber mit Sicherheit gekannt und illustratorisch reinszeniert hat, sind die Werke aus der bildenden Kunst, auf die oben hingewiesen wurde – von Magrittes Hut über Munchs Schrei bis hin zu Leonardos Mona Lisa. Spätestens bei Anthony Brownes Bilderbuch dürfte dem geneigten Leser aufgegangen sein, dass es sich bei den hier betrachteten Bilderbüchern zwar durchaus um Kinderliteratur, aber keineswegs um Kinderkram handelt. Dem Bilderbuch ist seit Anbeginn der erwachsene Leser als Mit- bzw. Vorleser eingeschrieben; bei ästhetisch anspruchsvollen Bilderbüchern wie den hier vorgestellten kann man aber auch sagen, dass sie mehrfach adressiert sind und vielfältige Angebote der Sinnkonstruktion sowie des ästhetischen Genusses sowohl für Heranwachsende als auch für Erwachsene machen. Auf Heranwachsende als primäre Adressaten bezogen, lässt sich das Bildungsangebot, das die für den gartenthematischen Streifzug benutzten Bilderbücher eröffnen, folgendermaßen kurz fassen: Bertuchs Bilderbuch für Kinder setzt vornehmlich auf Wissenserwerb mittels Anschauung; Turkowskis Mondblume koppelt Imagination an Reflexion über Sprache; Brownes Stimmen im Park bietet mit seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur, seiner symbolischen Bildgestaltung und seinen Bildzitaten einen poetischen Erfahrungsraum von beachtlichem Ausmaß; und Tans Eric schließlich erweist sich als Füllhorn für Denkanstöße im interkulturellen Austausch. Was die Thematik des Gartens als solche angeht, so ergab sich aus Bertuchs der Pädagogik der Aufklärung verpflichtetem Bildersachbuch im Vergleich mit einer rein lexikalischen Belehrung nachhaltigere Erkenntnis bezüglich einzelner Pflanzenarten (das herausgegriffene Exempel hier war die Pfefferpflanze, s. Abb. 2 bis 4). Aus Turkowskis utopischen Denkbildern, die in romantischer Tradition stehen, erschloss sich, dass der Gartenkultivateur gemeinhin männlich imaginiert wird und ihm auch das (göttliche) Benennen (des Sprachmächtigen, nicht des Infans) obliegt (s. anschaulich Abb. 6). Die symbolisch aufgeladenen, surrealen Parklandschaften Brownes ließen Soziales und Psychologisches bild- Komm in den illustrierten Park … 271 künstlerisch eindrücklich aufscheinen (s. insbes. Abb. 9) und führten vor Augen, wie spielerisch-leichtfüßig einladend und zugleich anspruchsvoll bildend vielstimmiges Erzählen und Intertextualität in Werken der aufgrund dieser Merkmale als „postmodern“ bezeichneten Kinderliteratur sein kann. Mittels Tans kindlich-naiv gestalteter Sicht auf Eigenes und Fremdes schließlich gewann das Hinterfragen von alltäglichen Blumenartefakten (s. nochmals Abb. 18 u. 19) und die Auseinandersetzung mit einer durchaus ungewöhnlichen gärtnerischen Hinterlassenschaft (s. Abb. 13) eine postkolonial zu nennende Dimension der Einsicht in die Schwierigkeiten der Welterkundung in fremdkulturellen Text- und Bildwelten (s. eindrücklich gestaltet Abb. 17).

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Zusammenfassung

Im ersten Band der Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte steht die Kultur- und Sozialgeschichte des Gartens im Fokus. Aus dem Blickwinkel der Literatur-, Kultur-, Sprach-, Kunst- und Musikwissenschaft, der Theologie sowie der Sozialwissenschaften werden Zugänge zum Themenfeld Garten entwickelt und in ihrer Breite und Buntheit vorgestellt. Schaut man auf die Kultur- und Sozialgeschichte, so tritt uns der Mensch in vielfältiger Weise als ein gartenmachendes Wesen entgegen, als homo hortensis. Wir finden dies in den traditionsbildenden Erzählungen der jüdisch-christlichen Welt wie in der Geschichte der Literaturen, der bildenden Kunst und der Musik. Wir entdecken es in älteren Repräsentationsanlagen wie in der weiteren Sozial- und Kulturwelt einer jüngeren Gartenkultur. Der Garten ist ein Ort der Öffentlichkeit wie der Heimlichkeit, er erscheint als Erfahrungsraum, als Ort der Liebesbegegnung und der Besinnung, aber auch der Täuschung und des Betrugs. Er ist ein beinahe unerschöpfliches Reservoir der Symbolbildung wie der sprachlichen und kulturellen Differenzierung. In der realen wie symbolischen Präsenz des Gartens kommt der Erfahrungs- und Handlungsraum der jeweiligen politischen, wirtschaftlichen, sozialstrukturellen und kommunikativen Ordnung in augenfälliger Weise zum Tragen.

Die Landauer Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte dokumentieren die Ergebnisse der regelmäßig stattfindenden Ringvorlesungen der Universität Koblenz-Landau. Die öffentliche Vortragsreihe wird als fester Bestandteil der universitären Veranstaltungskultur vom Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften am Standort Landau organisiert und widmet sich interdisziplinären Fragestellungen aus dem jeweiligen Blickwinkel der vortragenden Disziplinen. Auf diese Weise wird ein Forum für den aktiven wissenschaftlichen Austausch zwischen den Neuphilologien (Germanistik, Romanistik, Anglistik), der Kunst- und der Musikwissenschaft, der evangelischen und katholischen Theologie, der Soziologie, der Politikwissenschaft sowie der Wirtschaftswissenschaft ermöglicht und befördert.