Martin Hein, Geleitwort:Hans von Soden – Ein Lehrer der Kirche in:

Jochen-Christoph Kaiser

Hans von Soden, page 9 - 12

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4076-8, ISBN online: 978-3-8288-6950-9, https://doi.org/10.5771/9783828869509-9

Tectum, Baden-Baden
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Geleitwort: Hans von Soden – Ein Lehrer der Kirche von Martin Hein Seiner Profession nach war Hans von Soden Patristiker und Neutestamentler. Er hatte über Cyprian promoviert und auch seineHabilitationsschrift über ein Thema im Umfeld dieses Kirchenvaters verfasst. Das klingt nach einementlegenenGeländederKirchengeschichte, auf das man sich zurückziehen kann, wenn es gefährlich wird. Doch es war genau umgekehrt: Hier hatte von Soden nicht nur gelernt, präzise, genau und gründlich zu arbeiten. Die strenge historische Methode ließ ihn auch die Frage nach dem Sinn der Beschäftigung mit der Geschichte stellen. Und er konnte sie klar beantworten. Was er dazu gesagt hat, ist so aktuell, dass er selbst zu Wort kommen soll. Sieht man von dem pathetischen, dem Geist der damaligen Zeit geschuldeten Ton ab, könnte es heute noch in jeder Vorlesung gesagt werden. So begann er seine Vorlesung über Reformationsgeschichte am 4. Mai 1933 sehr grundsätzlich, und was er ausführte, war transparent auf die politische Situation hin: „Gewiß sind die Losungen von der ‚Freiheit der Wissenschaft‘ oder die jetzt oft so verächtlich abgetane von der ‚Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft‘ wie alle menschlichen Losungen zweideutig und einem Mißverständnis, auf Grund dessen auch einem Mißbrauch, ausgesetzt. Vernünftiger und sittlicher Weise kann man unter Freiheit der Wissenschaft nichts anderes verstehen, als daß jede, schlechthin jede Behauptung sich die wissenschaftliche Prüfung ihresWahrheitsanspruchs gefallen lassen muß, und unter Voraussetzungslosigkeit nichts anderes, als daß sich die Wissenschaft keine Voraussetzungen von außerhalb ihrer selbst diktieren läßt, sowenig imNamenderKonfessionwie in demderNationwie in dem heute besonders oft beschworenen der Generation; denn 9 Geleitwort von Martin Hein im Namen dieser Mächte geschieht das oder droht zu geschehen; die wirklichen Voraussetzungen, die Konfession, Nation oder Generation in der Tat bedeuten, die geschichtliche Bedingtheit durch ihren Charakter und die Verantwortung vor ihrem Recht, machen sich aus eigener Kraft geltend, sind aber eben in ihrer jeweiligen Erscheinung immer wieder zur Prüfung zu stellen, nicht um sie auszuschalten, sondern um sie zu erkennen.“1 Diese Erkenntnis gestaltet sich bei von Soden auf zweierlei Weise – und zwar nicht, wie man vermuten würde, auf eine „faktische“, distanzierteWeise und eine „applikative“, existentielleWeise. Hans von Soden hält fest, dass die Beschäftigungmit Geschichte immer existentiell ist und dass es zwei Bezugsrahmen dieser Existentialität gibt: das Individuum und die Gemeinschaft. „Denn auf zweierlei Weise kann man das Studium der Geschichte auf das Leben beziehen. Einmal so, daß man in der Geschichte Beispiele des Lebens studiert, aus denen man selbst für das eigene und gegenwärtige Leben lernen kann. [...] Weit wichtiger und durchaus entscheidend ist die zweite Weise, das Studium der Geschichte auf die eigene Gegenwart zu beziehen, nämlich in diesem Studium sich der Bedeutung des Geschehenen, der im Geschehen unwiderruflich gefallenen Entscheidungen für das eigene Leben, nicht nur des Einzelnen, sondern noch viel mehr des Volkes und der Kirche, bewußt zu werden; zu erkennen, wie wir dadurch bedingt und verpflichtet sind, was damit über uns entschieden und von uns gefordert ist.“2 Was Hans von Soden als Herausforderung verspürte und ihn in sein Engagement für die Bekennende Kirche in Kurhessen- Waldeck führte, ist Gegenstanddieses Buches.Unddamit ist dieses Buch einweitererwichtigerBeitrag zurGeschichteunserer Landeskirche. Auf das große Editionsprojekt zum kirchlichenWiderstand in Kurhessen-Waldeck, das eine noch längst nicht ausgeschöpfte Quellensammlung darstellt,3 erscheinen in immer dichterer Folge Einzelstudien. Exemplarische Lebensläufe sind dabei von besonderer Bedeutung. Denn obgleich unser modernes Geschichtsverständnis nicht 1 Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984, 41. 2 A.a.O., 42. 3 Hein/Dorhs 1996/2013. 10 Hans von Soden – Ein Lehrer der Kirche mehr naiv davon ausgeht, dass Geschichte von Einzelnen gemacht wird, sind es doch immer Einzelne, in denen sich Geschichte „verdichtet“, bei denen die Fäden zusammenlaufen, für die Entscheidungen sich herauskristallisieren und an denen Vorgänge erkennbar und kleinschrittig analysierbarwerden, sobaldman sie in ihren zeitgeschichtlichen und ideengeschichtlichen Kontext setzt. Es ist genau das, was Michel Foucault die „Archäologie des Wissens“ nennt, die der „Mikrophysik der Macht“ nachspürt. Diese Begriffe passen unmittelbar auf Hans von Soden: Ernsthafte wissenschaftliche Tätigkeit und leidenschaftlicher Kampf für die Freiheit von Wissenschaft und Kirche waren für ihn ein und dasselbe. Wissen und Macht sind unauflöslich miteinander verschlungen, Theorie und Praxis nicht zu trennen – und zwar nicht um ihrer selbst willen, sondern – um noch einmal Hans von Soden selbst zu Wort kommen zu lassen –, um des Evangeliums willen. Zur Einstweiligen Leitung der Bekennenden Kirche Kurhessen- Waldeck berufen, schrieb er am 26. Oktober 1934 an dieMitglieder: „Ich bekennemichmit Euch zumEvangelium von Jesus Christus als der Kraft Gottes, selig zu machen alle, die daran glauben, und ich will mit Euch, daß unsere Kirche dies Evangelium ganz und rein verkündigt ohneAbbruchundohneZusatz, daß sie ohneMenschenfurcht all ihr Handeln und Ordnen auf dieses eine Ziel richtet, zu dem sie berufen ist. Daß das Evangelium von Jesus Christus verkündigtwerde und daß in seiner Gemeinde alles ehrbar und ordentlich zugehe, sei unsere einzige, aber unverrückbare Forderung für den Frieden unserer Kirche, um den wir kämpfen. Denn nur so kann sie unserem Volk den Dienst leisten, den sie ihm schuldig ist, dagegen mit Versäumnis oder Verfälschung ihres Auftrages verrät sie das Vertrauen des Volkes. Unser Gehorsam gegen unseren geistlichen Auftrag steht keinem Fortschritt in der kirchlichen Verfassungsbildung entgegen, aber er verlangt entschlossenen Bruch mit einem Regiment der Kirche, das die biblische Botschaft und ihre Forderung, die uns die Reformation neu erschlossen hat, immerwieder preisgibt und ‚der völkischen Idee denVorrang vor der christlichen’ einräumen will, und das auf Rechtsbruch, Gewalttat, Lüge eine unevangelische Herrschaft über Gewissen errichtet [...] Wir wollen uns darüber keiner Täuschung hingeben, daß unsere äußereMacht gering ist. Aber es wäre wider den Glauben, deshalb 11 Geleitwort von Martin Hein nicht kämpfen zu wollen. Das Wort kann man uns nicht nehmen, und das Wort muß es tun, könnte es auch nur noch von Mund zu Mund gesagt werden. Mit dem Wort wollen wir die bekennende Gemeinde sammeln und mit ihr die Bekennende Kirche aufbauen.“4 Sein früher Tod am 2. Oktober 1945 verhinderte, dass er beim Neuaufbau der Kirche weiter und intensiver mitwirken konnte. Es war ein offenes Geheimnis, dass er für das kurhessische Bischofsamt ausersehen und auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland als erster Ratsvorsitzender im Gespräch war.5 Der erste kurhessische Bischof AdolfWüstemann sagte zehn Jahre nach von Sodens Tod über ihn: „Professor von Soden war, auch wenn er nie selbst das Bischofsamt getragen hatte, im Stillen für viele der heimliche Bischof unserer Landeskirche.“6 Für die Generationen, die ihn noch erlebten oder unmittelbar unter seiner Wirkung standen, blieb er eine prägende Figur. Es ist dringend an der Zeit, dass dieser Band erscheint. Ganz im Sinn des Eingangszitates geht es nicht darum, nur eine besondere Person der Zeitgeschichte zu würdigen. In der Begegnung mit Hans von Soden müssen wir uns die Frage stellen: Was hätte ich getan? Und wichtiger noch: Was ist heute zu tun? In einer Zeit wachsenden Individualismus und Pluralismus gewinnt diese „zweite Weise“, sich mit Geschichte existentiell zu beschäftigen, neue Bedeutung! Der Patristiker Hans von Soden ist durch sein Wirken ein „Kirchenvater“ der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck geworden. 4 Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984, 114 f. 5 A.a.O, 33. 6 Das bemerkenswerte Zitat stammt aus dem Weihnachtsbrief SB 3497/55 (17.12.1955). DenHinweis verdanke ichDekan i.R. ChristianHilmes, Kassel. 12

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Zusammenfassung

Neben seinem Freund Rudolf Bultmann war Hans von Soden der führende Kopf der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg. Neben seiner akademischen Tätigkeit nahm er großen Einfluss auf das kirchenpolitische Geschehen seiner Zeit in Nordhessen und darüber hinaus. Insofern prägte er den sog. Kirchenkampf in seiner Landeskirche entscheidend mit. Seine verfassungsrechtlichen Vorarbeiten prägten über seinen frühen Tod hinaus die Strukturen des Neubeginns seiner Landeskirche. – Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die 2012 in der Ev. Akademie Hofgeismar stattfand.