Jochen-Christoph Kaiser, Hans von Soden im Spannungsfeld von Bekennender Kirche und Landeskirchenausschuss – Der kirchliche ‚Sonderweg‘ von Kurhessen-Waldeck im Nationalsozialismus in:

Jochen-Christoph Kaiser

Hans von Soden, page 73 - 92

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4076-8, ISBN online: 978-3-8288-6950-9, https://doi.org/10.5771/9783828869509-73

Tectum, Baden-Baden
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Hans von Soden im Spannungsfeld von Bekennender Kirche und Landeskirchenausschuss – Der kirchliche ‚Sonderweg‘ von Kurhessen-Waldeck im Nationalsozialismus von Jochen-Christoph Kaiser Nachdem wir Näheres über den wissenschaftlichen Werdegang Hans von Sodens und sein Profil als Neutestamentler und Historiker der Alten Kirche gehört haben, soll es in diesem Beitrag um sein kirchen- und theologiepolitisches Wirken in seiner Landeskirche während des Dritten Reiches gehen.1 Um es vorwegzunehmen: Von Soden gehörte zu den wenigen Theologieprofessoren jener Zeit, die sich bei aller Leidenschaft für ihren Beruf zeitlebens auch in die aktuelle Kirchenpolitik einmischten. Dabei kam ihm ein starkes Interesse für Kirchenrecht entgegen, das neben Neuem Testament, Alter Kirchengeschichte und Christlicher Archäologie in Marburg auch zu seinen Lehraufgaben zählte. Bereits von Breslau auswirkte er an den Beratungen der neuen Verfassung der AltpreußischenUnionmit, die im September 1922 in Kraft trat.2 Allerdings kämpfte er damals ganz im Unterschied zu seinen späteren Jahren hier gegen episkopale Tendenzen bzw. die Einführung des Bischofsamtes und trat vehement für das allgemeine Priestertum aller Gläubigen ein, das im Zuge der Zeit und ihrer Demokratisierungsbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg lag und auch die Landeskirchen nicht aussparte.3 Dass von Soden kein überzeugter Demokrat im Sinne der Weimarer Reichsverfassung war, sondern – um es mit Friedrich Meinecke zu formulieren – sich eher als Herzensmonarchist und Vernunftrepublikaner verstand, bedeutete für ihn keinenWiderspruch. Er tat sogar ein Übriges und schloss 1 Überblick zur Geschichte der nordhessischen Kirche in derWeimarer Republik und im Dritten Reich bei Kaiser 2012. 2 Vgl. Wesseling 1995a; ferner die Dissertation Stahl 2013. 3 Dazu Jacke 1976, bes. 271 ff. u. pass. 73 Jochen-Christoph Kaiser sich nicht wie zahlreiche seiner Kollegen der klassischen Partei des deutschen Protestantismus, nämlich der DNVP an, sondernwurde Mitglied der Deutschen Volkspartei, in der sich die Nationalliberalen des Kaiserreichs nach 1918 sammelten. Das war von heutiger Warte aus betrachtet bereits ein Fortschritt gegenüber dem zähen Beharren der Deutschnationalen auf altkonservativen Werten und einer Wiederherstellung der Monarchie. Deutlich wurde dies auch in seiner pragmatischen Anpassung an gesellschaftliche Erfordernisse der Zeit, so wenn er sich in der Marburger Hochschulpolitik für die Etablierung und Förderung der örtlichen Dependance der 1925 gegründeten Studienstiftung des Deutschen Volkes einsetzte, die leistungsstarken Studierenden ungeachtet ihrer sozialen Herkunft das Studium finanzierte und laut Satzung ausdrücklich einen klassenlosen Bildungszugang für alle Hochbegabten schaffen wollte.4 Der Fokus dieses Beitrags liegt jedoch nicht auf den Jahren der Republik, sondern auf der kirchenpolitischen Wirksamkeit Hans von Sodens zwischen 1933/34 und seinem frühen Tod am 2. Oktober 1945. Dieser war mitbedingt durch seine Herzkrankheit, die ihn lebenslang belastete und auch verhinderte, dass er im Ersten Weltkrieg zum Wehrdienst eingezogen wurde. Des Weiteren schwächten seine rastlosen Bemühungen umden rechten Kurs seiner nordhessischen Kirche in den Verwicklungen nach 1933 seine Gesundheit zusätzlich, so dass diverse Pläne, ihn 1945 zum ersten Bischof der Landeskirche zu berufen mit der Option, ggf. anstelle deswürttembergischenBischofsWurmersterRatsvorsitzenderder im August 1945 im kurhessischen Treysa neugegründeten EKD zu werden, mit seinem Tod hinfällig wurden.5 Das chronische Leiden und seine intensive Mitarbeit im Bereich der Landeskirche beeinträchtigten seine wissenschaftliche Produktivität seit den frühen 1930er Jahren. Dafür trat er umso stärker als akademischer Lehrer und Seelsorger der Studierenden hervor, was sowohl deren Beteiligung am ‚Kirchenkampf‘ betraf wie nach Kriegsbeginn die Fürsorge für die eingezogenen verwundeten oder gefallenen Studenten und deren Angehörige. 4 Kunze 2001. 5 Wesseling 1995a. 74 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ Im Bereich der Universität, der er im ausklingenden akademischen Jubiläumsjahr 1927/28 als Rektor vorgestanden hatte, war von Soden ein bekannter Mann; 1933/34 bekleidete er das einflussreiche Amt des Dekans der Theologischen Fakultät, das er allerdings nach seiner kurzzeitigen Zwangsemeritierung am 4. August 1934 verlor und auch nach seiner Rehabilitierung und Wiedereinsetzung ins Professorenamt Ende Oktober des Jahres nicht wiedererlangte.6 Während an anderen Marburger Theologen die politisch grundstürzenden Ereignisse der Jahre nach der NS-Machtergreifung scheinbar spurlos vorübergingen,7 nahmvon Soden die im völkisch-nationalistischen Kurswechsel liegenden Herausforderungen für Wissenschaft, Kirche und Theologie sogleich an: Seiner Vorlesung im SS 1933 über ‚Die Geschichte der Kirche im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation‘ stellte er am 4. Mai 1933 eine ‚Erklärung zur der besonderen Lage der Gegenwart‘ voran,8 die in der Sammlung von Michael Wolter abgedruckt ist und die Wolfram Kinzig in seinem ausführlichen Beitrag über „Ev. Patristiker und Archäologen im ‚Dritten Reich‘ “ 2001 noch einmal vorgestellt und interpretiert hat. Von Soden fand in seiner Erklärung deutliche Worte der Kritik an Deutschtümelei und Diskriminierung politisch Andersdenkender und betonte das Recht der christlichen Konfessionen auch jene Werte zu vertreten, die im Rahmen des Nationalen keinen Platz hätten. Ferner wandte er sich gegen die sich abzeichnende Politisierung der Hochschulen und beharrte auf dem liberalen Grundsatz, „daß sich die Wissenschaft keine Voraussetzungen von außerhalb ihrer selbst diktieren [lasse]“, weder imNamen der Nation noch einer bestimmten Konfession. Auch zur sog. Judenfrage äußerte er sich eindeutig, verwarf die Anwendung von Gewalt als Unrecht und die „Kränkung von Menschen anderer rassischer Herkunft“ als politisch wie moralisch illegitim. – Das waren deutlicheWorte, die bei den Funktionären der neuen Staatspartei den Verdacht wecken mussten, hier 6 Die Zurruhesetzung erfolgte aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums v. 07.04.1933 (RGBl. 1933 I, 175–177); Wolter 2000. S.a. Lippmann 2003, bes. 181–187 u. pass. 7 Kaiser/Lippmann/Schindel 1998. 8 Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984; ausführlich zitiert bei Kinzig 2001a, 559 ff. 75 Jochen-Christoph Kaiser kämpfe ein entschiedener Gegner des NS-Regimes gegen dessen weltanschauliche Grundlagen. Von Soden hat noch eine Reihe weiterer kritischer Stellungnahmen zur Wissenschafts-, Juden- und Kirchenpolitik des Dritten Reiches mitunterschrieben oder selbst publiziert, von denen das Gutachten zur von den Deutschen Christen geforderten Einführung des sog. Arierparagraphen in die kirchliche Gesetzgebung am bekanntesten geworden ist.9 Ich will deshalb auf das Marburger und Erlanger Votum zu diesem Problemkreis hier nicht eingehen, streife die damit zusammenhängenden Fragen aber noch einmal im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um die ‚Godesberger Erklärung‘ und ihre Varianten aus den späten 1930er Jahren. Die Jahre 1933/34 bilden einen ersten Schwerpunkt dieses Überblicks, der die wichtigsten Strömungen nachzeichnet, die im Umfeld der Machtergreifung und den folgenden beiden Jahren die Geschehnisse in Hessen-Kassel bestimmten. – Den ‚Mainstream‘ des kirchengeschichtlichen Verlaufs verließ Kurhessen-Waldeck 1935 mit Einsetzung des Reichskirchenausschusses (RKA) bzw. der Landeskirchenausschüsse (LKAu) durch das Reichskirchenministerium (RKM). Hier liegt der Fokus des zweiten Hauptabschnitts. Denn obschon auch sein Mandat wie das der anderen Ausschüsse nur auf zwei Jahre befristet war, amtierte der nordhessische LKAu bis Kriegsende und markierte damit einen ‚Sonderweg‘, den es in dieser Form in keiner der anderen deutschen Landeskirchen gegeben hat. Der Grund dafür lag neben vielem Anderen in einem historischen Kompromiss zwischen der Bekennenden Kirche in Kurhessen-Waldeck bzw. ihrem Landesbruderrat (LBR) und den ‚Neutralen‘ unter Einbeziehung der gemäßigten Deutschen Christen (DC) in dieser Landeskirche. Allerdings neigten viele dieser sog. Neutralen, die auch ‚die Mitte‘ genannt werden, der Bekennenden Kirche (BK) zu, machten dies aber aus 9 Zu letzterem vgl. Liebing 1977. – Der 2005 verstorbene Marburger Kirchenhistoriker hat allerdings eine lange verschollene Akte aus dem Bestand des Hessischen Staatsarchivs Marburg nicht benutzen können, die erst kürzlich wiederaufgetaucht ist: ‚Akten der Theologischen Fakultät der Philipps- Universität Marburg‘ StAM, UA-Mbg, 307a, Nr. 1; diese enthält wichtige Hinweise auf Rezeption und Verbreitungsgrad der Initiative von Sodens. 76 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ heterogenenkirchenpolitischenMotivennicht öffentlich.DieDeutschen Christen (DC) spielten in Kurhessen-Waldeck ab 1935 eine eher marginale Rolle und ordneten sich dem Kirchenregiment des LKAu in der Regel unter. Dass ihr radikaler Flügel, die Thüringer ‚Kirchenbewegung‘, bis auf wenige Protagonisten hier nicht vertreten war, erleichterte den im Ganzen sachbezogenen Kurs des von Pfr. Friedrich Happich, dem Anstaltsleiter der diakonischen Einrichtung Hephata/Treysa geführten Landeskirchenausschusses. Auch innerhalb der kurhessisch-waldeckschen BK fehlten die jungen ‚Radikalen‘, die in anderen Landeskirchen, vor allem der altpreußischen Kirchenprovinzen, vielfach den Ton angaben. Das kleine Häuflein der Unentwegten, die sich an Dahlem und der zweiten Vorläufigen Kirchenleitung orientierten, wurde durch Mehrheit der Gemäßigten zusammen mit den Neutralen immer wieder diszipliniert und zurückgedrängt. Hans von Soden als Vorsitzender des kurhessischen Bruderbundes bzw. der hiesigen BK und sein Geschäftsführer Bernhard Heppe spielten dabei eine ausschlaggebende Rolle. Von zentraler Bedeutung war ferner die integrative Funktion des kurhessischen Pfarrervereins, dessen Leiter, Pfr. Hermann Wepler/Eschwege, Deutscher Christ war und blieb, aber die Interessen seines Standesverbands – ebenso wie auch die dezidierten BK-Mitglieder des Vereins – über die eigene parteipolitische Option stellte. – Die Kriegsjahre mit ihren Sonderproblemen sollen hier ausgeklammert bleiben: einmal, weil Hans von Soden nach seinem Bruch mit Happich und aufgrund seines sich verschlimmernden Herzleidens ab 1940 in den Hintergrund der kurhessisch-waldeckschen Kirchenpolitik und ihrer Gestaltung trat. Die Vorstellungen, die Hans von Soden für den Neubau der Kirchenverfassung nach Kriegsende entwickelte, werden Thema des Beitrags von Michael Stahl in diesem Band sein. 77 Jochen-Christoph Kaiser 1. Die kirchenpolitische Lage bis 1935 Der sog. Kirchenkampf – nach heutigem Verständnis primär auf die Jahre 1933/34 bezogen10 – entwickelte mit seinen divergierenden Flügeln in Kurhessen eine eigene Ausprägung und unterschied sich darin von anderen Landeskirchen: Weder die DC noch die Bekennende Kirche standen sich hier mit jener Aggressivität gegenüber wie in den preußischen Provinzialkirchen, in Südhessen oder in Thüringen und dem Freistaat Sachsen. Dafür benötigten die späteren Mitglieder der Bekennenden Kirche in Kurhessen bzw. des Bruderbunds für ihren organisatorischen Zusammenschluss auch längere Zeit.11 Offenbar besaßen die Pfarrer in Kurhessen Sympathien für eine (gemäßigte) Volksnomostheologie und standen bis auf wenige Ausnahmen der Dialektischen Theologie Karl Barths nicht gerade nahe. Allerdings gab es darüber hinaus eine verbreitete Scheu, sich fest an eine bestimmte kirchliche Partei oder Fraktion zu binden,12 um nicht auf diese Weise die eigene Unabhängigkeit zu verlieren und am Ende die Einheit von Kirchenleitung, Pfarrerschaft und Gemeinden aufs Spiel zu setzen. Die Erinnerung an die hessische Renitenz und den erzwungenen Auszug von 43 Geistlichen aus der Landeskirche war auch 60 Jahre nach diesem Ereignis noch virulent und prägte die Mentalität der kirchlichen Akteure vielleicht mehr, als ihnen selbst bewusst war.13 Die meisten Gemeinden und ihre Pfarrer waren ‚gut landeskirchlich gesonnen‘. Deshalb widerstrebten ihnenMitgliedschaften in übergemeindlichen Gruppierungen, die bestimmte Positionen kämpferisch vertraten und damit den innerkirchlichen wie -gemeindlichen Konsens gefährden konnten. Das 10 Vgl. Mehlhausen 1994, bes. 43 f. Der Vf. hält den Terminus für – in offenkundiger Anlehnung an Martin Niemöller und dessen Diktum von den Jahren 1933/34 als ‚Kampf in der Kirche um die Kirche‘ – für diesen Zeitabschnitt für zutreffend, lehnt ihn jedoch als Epochenbezeichnung des Staat-Kirche- Verhältnisses für das gesamte Dritte Reich ab. 11 Dazu der Abriss bei Martin Hein, Einleitung, in: Hein/Dorhs 1996/2013, Bd. 1, 13–16. S.a. die angefügte Chronologie dort, 16–22, und den Überblick bei Slenczka 1977, 26 ff. und pass. sowie vor allem Meier 1976/84, Bd. 1. 12 So Karl Bernhard Ritter in einem Bericht für Martin Niemöller über die kirchliche Lage in Kurhessen v. Sommer 1933; zit. nach Hein 2009b, 107. 13 Dazu Kemler 2005; dort auch die wichtigste Literatur zu diesem Thema. 78 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ galt besonders für die Anhänger der BK: Eine Unterschrift unter die ‚rote (Mitglieds-) Karte‘ „schien potentiell die Tendenz zur Separation von der Ortsgemeinde zu enthalten, obschon die Kurhessische Bekennende Kirche Bestrebungen dieser Art keineswegs förderte“.14 Obendrein spielten –wie gesagt – die ‚Radikalen‘ unter den BK-Anhängern in der ELKW kaum eine Rolle, d.h. die Befürworter des Kurses der zweiten Reichsbekenntnissynode in Berlin- Dahlem vomOktober 1934 hatten hier keine Chance. Das sollte sich in der Epoche des Landeskirchenausschusses ab 1935 zeigen, wo gelegentliches Aufbegehren einzelner Mitglieder des Bruderrats gegenüber der kompromissbereiten Linie des Vorsitzenden Freiherr von Soden sogleich mit Verweis auf Sachzwänge oder gar mit Rücktrittsdrohungen von Sodens erfolgreich abgewehrt wurden. Obwohl auch von Soden bei derGründungdes Pfarrernotbundes im Oktober 1934 dabei gewesen war, an allen kommenden Reichsbekenntnissynoden teilnahm und hier wie im Reichsbruderrat als Referent für die Theologischen Fakultäten eine wichtige Funktion wahrnahm, spielte zunächst der Marburger Stadtpfarrer Karl Bernhard Ritter die ausschlaggebende Rolle bei der Bildung eines kurhessischen Ablegers des Pfarrernotbundes: Sein Rundbrief an die Mitglieder der ‚Arbeitsgemeinschaft kurhessischer Pfarrer‘, in dem er als Teilnehmer über die in Berlin stattgefundene konstituierende Sitzung des Pfarrernotbundes am 20. Oktober informierte,15 wirkte wie eine Initialzündung. Einewesentliche Rolle für den Zusammenhalt derMitglieder des Bruderbundes spielten die in der Regie von Bernhard Heppe aus Cölbe verfassten und versendeten Rundbriefe, die derzeit nach und nach ediert werden. Angesichts einer mehr und mehr gleichgeschalteten Presse, deren Berichte über den Kirchenkampf nur die einseitige Perspektive von Partei, Reichskirche und GDC wiedergaben, wurden diese Rundbriefe zu einem zentralen Kommunikationsmittel, nicht nur hinsichtlich der inneren Stärkung der Mitglieder des Bruderbundes, sondern auch was sonst nicht zugängliche Informationen betraf. Dabei profitierte der neue Zusammenschluss von den engen Beziehungen zu dem in einem regional 14 Meier 1976/84, Bd. 3, 420. 15 25.10.1933; Text bei Hein/Dorhs 1996/2013, Bd. 1, 24–28. 79 Jochen-Christoph Kaiser wie kirchenpolitisch größeren Kontext operierenden Pfarrernotbund, unterstellte sich diesem jedoch nicht, sondern wahrte seine Eigenständigkeit. Ob das mit mentalitätsbedingten Motiven zusammenhing, durch sachliche Unterschiede bedingt war oder – wie Martin Hein meint – daraus zu erklären ist, dass man sich in erster Linie als „Sammlungsbewegung kurhessischer Pfarrer“ verstand, wird sich nachträglich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden lassen. Ein Indiz für das letztere Argument könnte die weitere Entwicklung des Jahres 1934 sein, in der die Deutschen Christen als negativer Hauptbezugspunkt in den Hintergrund rückten. Als viel gefährlicher empfand man nun die aggressiver werdende Kirchenpolitik von Staat und Partei in Kurhessen und das gewaltsam vorangetriebene Eingliederungswerk der Reichskirchenführung. Dies ließ auch in Hessen-Kassel jene Bekennende Kirche entstehen, die aus demNukleus des Bruderbundes heraus denAnspruch erhob, die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse mitzugestalten.16 Bis Ende 1933 schlossen sich etwa 40 % aller kurhessischen Geistlichen dem Bruderbund an, der damit weit höhere Kopfzahlen erreichte als die regionale GDC. Das ist eine beachtenswerte Größenordnung, wenn man das bekannte Misstrauen innerhalb der kurhessischen Pfarrerschaft gegenüber solchen vereinsmäßigen Festlegungen berücksichtigt, die zu harten Kontroversen mit womöglich kirchenspaltendenKonsequenzen führen konnten. Die heftigen Auseinandersetzungen innerhalb der Bekennenden Kirche in den Jahren von 1934 bis 1936 wirkten höchstens indirekt und abgeschwächt auf Kurhessen-Waldeck zurück: Das im Oktober 1934 auf der 2. Reichsbekenntnissynode in Dahlem proklamierte ‚Notrecht‘ mit seiner in Abschnitt III,3 enthaltenen Forderung an alle Pfarrer, Gemeinden und Kirchenvorstände, „von der bisherigen Reichsregierung und ihren Behörden keine Weisungen entgegenzunehmen und sich von der Zusammenarbeit mit denen zurückzuziehen, die diesem Kirchenregiment weiter gehorsam sein woll[t]en“,17 fand innerhalb der ELKW keinen unmittelbaren Widerhall. Zu eng waren hier die kirchlichen Netze, welche 16 A.a.O., 14; kursiv imOriginal. –Neben denRundbriefen erschien abDezember 1934 eine nur für BK-Mitglieder bestimmte Beilage des Kasseler Blattes ‚Sonntagsbrief‘, die von Hans Slenczka redigiert wurde. 17 „Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelische Kirche“, in: KJb 1933–1944, 82 f. 80 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ die unterschiedlichen kirchlichen Gruppen untereinander verbanden. Im Vorgriff auf die gleich zu behandelnde Kirchenausschusszeit lässt sich in diesem Zusammenhang feststellen, dass selbst die faktische Spaltung der BK auf der letzten Reichsbekenntnissynode in Bad Oeynhausen, als es um die Frage der Anerkennung der Ausschüsse im Reich und in den Landeskirchen ging, kaum Rückwirkungen aufHessen-Kassel undWaldeck zeigte. Diese Tendenz einer partiellen Abkopplung von der Entwicklung im Reich verstärkte sich mit Beginn der Kirchenausschusszeit. Unter dem Vorsitz Happichs „steuerte die Landeskirche Kurhessen-Waldeck [ . . . ] einen imganzen ruhigenKurs“, urteilt der LeipzigerKirchenhistoriker Kurt Meier. Von Außenstehenden sei die Landeskirche deshalb gelegentlich als „Insel der Seligen“ im Umfeld des Kirchenstreits bezeichnet worden. Der Hauptgrund dafür lag in dem Verzicht des Landesbruderrats der BK unter von Soden auf eigene kirchenregimentliche Befugnisse. Dafür hatte der Bruderrat für eine enge Kooperationmit dem LKAu die permanente Abstimmung zwischen beiden Gremien zur Bedingung gemacht.18 2. Der Landeskirchenausschuss Auch in Kurhessen-Waldeck wurde 1935 ein Landeskirchenausschuss gebildet, auf dessen Zusammensetzung der neu etablierte Reichskirchenminister Hans Kerrl zwar entscheidenden Einfluss nahm, andererseits aber dafür sorgte, dass nur gemäßigte Mitglieder der streitenden Kirchenparteien BK und Deutsche Christen sowie der neutralen Mitte in das Gremium berufen wurden. Unter den sechs Mitgliedern – fünf Theologen und ein Jurist – gehörten nur zwei Theologen zu denDC, zwei weitere, darunter der als Vorsitzender vorgesehene Friedrich Happich, hatten diese Gruppierung nach dem Sportpalastskandal verlassen und wurden nun als Vertreter der Mitte angesehen, während der junge Kasseler Landgerichtsrat Ferdinand Fricke zwar Parteigenosse und nebenamtlicher Leiter der Rechtsabteilung in der Kasseler NSDAP-Kreisleitung war, sich jedoch wie der Ziegenhainer Kreispfarrer bzw. Dekan Fritz Laabs zur BK hielt. Von Sodenwar formell nicht Mitglied geworden, was sicher auch an der Berliner politischen Skepsis ihm 18 Meier 1976/84, Bd. 3, 419 f. 81 Jochen-Christoph Kaiser gegenüber seit seiner kurzzeitigen Suspendierung undWiedereinsetzung in seine Professur zu tun hatte. Aber der Marburger Theologe entwickelte sich im Laufe der Jahre – der LKAu fungierte wie erwähnt ja bis 1945 als Kirchenregierung in Kurhessen-Waldeck! – als bedeutsamer Gegenpol zu Friedrich Happich. Dieser vermied es zwar, sich in divergierenden Fragen offen gegen von Soden und dessen Anhänger zu stellen, verfolgte jedoch seinen eigenen Kurs und scheute auch den Konflikt mit von Soden nicht, der freilich meist im kleinsten Kreis und oft auch nur brieflich ausgetragen wurde. Gleichwohl war die im Ganzen verträgliche Zusammenarbeit innerhalb des Ausschusses auch dem Vorsitzenden Friedrich Happich zu verdanken, der sich durch Verhandlungsgeschick, Pragmatismus und die Fähigkeit auszeichnete, in alle kirchlichen Lager hinein funktionierende Netzwerke zu unterhalten, ohne sich einer der Fraktionen auszuliefern oder der Versuchung zu unterliegen, diese offen gegeneinander auszuspielen. Happich war seit zwölf Jahren Chef der schon damals größten Einrichtung der Inneren Mission in Hessen mit reicher Verwaltungserfahrung und ähnlich großem Personalbestand wie in der gesamten Landeskirche. Er galt als einer der erfahrensten Personalmanager im kirchlichen Raum Kurhessens und überragte in dieser Beziehung eigentlich alle anderen führenden Persönlichkeiten der Landeskirche. Außerdem verstand er viel von staatlicher Verwaltung und Wohlfahrtspolitik, mit der er in seiner Funktion als Anstaltsleiter täglich zu tun hatte. So kannte er die führenden Funktionäre und Politiker in Partei, Regierungs- und Oberpräsidium. Auch im diakonischenBinnenbereichbesaßHappichzahlreicheKontakte, etwa alsMitglied der Brüderhausvorsteherkonferenz, im Evangelischen Reichserziehungsverbandund in anderenZusammenschlüssen innerhalb der dem Berliner Central-Ausschuss für Innere Mission angeschlossenen Fachverbände.19 19 Zu Happichs Rolle innerhalb des Landesverbands Kurhessen-Waldeck der Inneren Mission s. Freudenstein 1983. Auch auf Reichsebene spielte Happich eine beachtliche Rolle, vor allem innerhalb des sog. Eugenetischen Ausschusses, später ‚Ausschuss für Rassenhygiene und Rassenpflege‘, den die Gesundheitsabteilung des CA ins Leben gerufen hatte und dessen erste Sitzung 1931 in Hephata stattfand. Näheres bei Kaiser 1989, 324 ff. 82 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ Mit der Einrichtung des Landeskirchenausschusses gelangte die kurhessische Kirchenpolitik wieder in ruhigeres Fahrwasser, zumal Happich mit dem Landesbruderrat der BK zumeist einvernehmlich kooperierte und Letzterer darauf verzichtete, eigene kirchenleitende Funktionen bzw. ein ‚Notregiment‘ in Anlehnung an den Beschluss III, 3 der Dahlemer Synode von 1934 anzustreben. Im Berliner Reichskirchenministerium galt Kurhessen deshalb als die „geordneteste und befriedeteste aller Landeskirchen“, – ein Eindruck, den Happich in Briefen an Kerrl und in Unterredungen mit ihm in Berlin nach Kräften förderte. Im Ministerium hieß es bald, Kurhessen-Waldeck sei in Sachen der dort herrschenden kirchlichen Situation geradezu ein „Paradies“ geworden.20 Happich nutzte die ‚gute Presse‘ seines Ausschusses in Berlin auch dazu, um sich dort Rückendeckung für die Beseitigung nach wie vor kirchenfeindlicher Zustände inKurhessen-Waldeck zu sichern. – Am Beispiel des LKAu von Kurhessen-Waldeck wird deutlich, dass die gängige Auffassung, die Ausschüsse und ihre personelle Zusammensetzung seien per Diktat des Ministers zustande gekommen, eher einer alten ‚Kirchenkampflegende‘ entspricht denn den Tatsachen, wie Kurt Meier hervorgehoben hat.21 Natürlich waren auch in dieser Landeskirche mit der Einsetzung des LKAuKonflikte vorprogrammiert, von denen drei ausgewählt und im Folgenden knapp skizziert werden sollen: Erstens ging es umdie theologische Legitimität der von Staats wegen eingesetzten Ausschüsse als kirchenleitende Organe, sodann zweitens um die Gebetsliturgie im Kontext der Tschechenkrise 1938 und schließlich drittens und amGravierendsten um den AlleingangHappichs bei der Mitunterzeichnung der sog. Godesberger Variata ein Jahr später. Erstens –Hatte schon die Einsetzung des Reichskirchenausschusses 1935 zu heftigen Protesten des Dahlemitischen Flügels der BK auf Reichsebene geführt, weil man darin die laut der formal auch im Dritten Reich weitergeltenden Weimarer Reichsverfassungnicht erlaubte Einmischungdes Staates in die innerenAngelegenheiten der Kirche sah, setzten sich diese Proteste in den einzelnen Landeskirchen bzw. preußischen Provinzialkirchen fort. Doch 20 Meier 1976/84, Bd. 2, 302. 21 A.a.O., 442, Anm. 801. 83 Jochen-Christoph Kaiser in Kurhessen-Waldeck verlief diese Auseinandersetzung wesentlich ‚friedlicher‘ als andernorts, wenn auch Landesbruderrat und BK aus ihrer Skepsis gegenüber diesem Weg keinen Hehl machten. Andererseits stimmten sie der Einsetzung zu, da sie darin den einzigen Weg zur Konsolidierung der Kirche sahen, die ja seit der Verfassung von 1923 darunter litt, keine geistliche Spitze mit Leitungsfunktion zu besitzen. Dieser innere Widerspruch gegenüber denLKAubestimmte das fragile Verhältnis zwischenHappich und der BK, konnte aber durch das Verhandlungsgeschick von Sodens bis zu dessen Ausscheiden aus der Führung der BK 1940 immer wieder stabilisiert werden. – Auch für ihn waren die Ausschüsse aufgrund ihrer „Berufung und Zusammensetzung nicht fähig, das Kirchenregiment der evangelischen Kirche im vollen und eigentlichen Sinne zu führen“, sondern dienten nur „als Treuhänder“ für eine Übergangszeit. Sie sollten bei der Schaffung einer Ordnung mitwirken, „die der Kirche ermöglich[e], in voller Freiheit und Ruhe ihre Glaubens- und Bekenntnisfragen selbst zu regeln“. Für die beiden letzten Bereiche hätten sie keine Entscheidungskompetenz. Kirchenvertretung und -leitung könnten sie nur insofern ausüben, „als sie deren zur Erfüllung ihrer begrenzten und befristeten Aufgabe [ . . . ] bedürf[t]en“. Von Soden betrachtete die Ausschüsse also als Notbehelf und billigte sie mit dieser Einschränkung. Deshalb war er auch strikter Gegner der Ausschusskritiker aus dem Dahlemitischen Lager. In diesem Sinne berichtete er dem kurhessischen Bruderrat kritisch von der Reichsbekenntnissynode 1936 in Bad Oeynhausen, auf der es 1936 faktisch zur Spaltung der Bekennenden Kirche gekommen war. Dieser Bericht erregte bei manchen Mitgliedern des kurhessisch-waldeckschen Landesbruderrats Unwillen: Von Soden hatte den Rücktritt der 1. VorläufigenKirchenleitung [VKL], die faktische Spaltung der BK und die einseitige Besetzung der 2. VKL ausschließlich mit Vertreten der Dahlemitischen Richtung heftig kritisiert und die dadurch hervorgerufene Zerstörung der bekenntniskirchlichen Einheit beklagt. Daraufhin bildete sich im April 1936 der sog. Hersfelder Kreis aus Mitgliedern der ‚linken Fraktion‘ der kurhessischen BK und Führung des Pfarrers Konrad Eichhöfer aus dem Kirchenkreis Eschwege. Eichhöfer kritisierte von Soden wegen seiner harmonisierenden Haltung und forderte 84 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ sowohl die Nichtanerkennung des LKAu als auch die Unterstellung unter die 2. VKL, was die Spaltung der Landeskirche zur Folge gehabt hätte. Diese implizit mit handfester Kritik am Spitzenpersonal der heimischen BK verbundenen Forderungen des Kreises um Eichhöfer dürften Hans von Soden wie auch Bernhard Heppe einigermaßen getroffen haben, – konterkarierten sie doch alles, wofür sich die beiden – und mit ihnen die Mehrheit von Bruderbund bzw. BK und LBR – bisher eingesetzt hatten. Nur der Verzicht auf eine eigene Bekenntnissynode und ein eigenes BK-Kirchenregiment hatte ja die einvernehmliche Bildung des LKAu ermöglicht, mit dem man bisher zwar nicht reibungsfrei, aber imGanzen doch vernünftig erfolgreich kooperierte. Und stand nicht hinter den Unterstellungsforderungen unter die VKL auch jener kirchenpolitische Machtanspruch der Bekenntnisfront, den nicht nur DC und Neutrale kritisierten, sondern der gelegentlich auch aus den Reihen der gemäßigten BK-Gruppierungen selber kam? – Der mangelnde Rückhalt derwenigenDahlemitenunterder kurhessischenPfarrerschaft und die Drohung von Sodens mit der Aufgabe seines Amtes des Vorsitzenden von Landesbruderrat und BK erstickte die aufflammendeOpposition gegenüber seinemKurs jedoch rasch, zumal die von Eichhöfer zur Hilfe gerufenen Gesinnungsfreunde aus Berliner radikalen BK-Kreisen diesem ihre Unterstützung versagten. Zweitens – Hatte von Soden im Grundsatzkonflikt zwischen Kirchenausschüssen und der ‚reinen Lehre‘ der BK noch vermittelnd zu Happich und dem LKAu gestanden, änderte sich das, als der Vorsitzende der 2. VKL, der Berliner Pfarrer Friedrich Müller(- Dahlem) für Freitag, den 30. September 1938 zu einem Gebetsgottesdienst aufrief, um den drohenden Krieg wegen der Tschechenkrise zu verhindern. Einen Tag zuvor verschickte der Reichsbruderrat ein liturgisches Formular und bat alle BK-Pfarrer, sich an diesem Gebetsgottesdienst für den Frieden zu beteiligen. Nicht nur dies, sondern auch der berühmte Brief Karl Barths an den Prager Theologen Josef Hromádka, in dem Barth die Tschechen zum bewaffneten Widerstand gegen die scheinbar bevorstehende deutsche Invasion und damit für die Freiheit Europas aufrief, wurde alsbald bekannt und führte zu heftigsten Attacken des Schwarzen Korps, der Zeitschrift der SS, auf BekennendeKirche und 85 Jochen-Christoph Kaiser 2. VKL und war damit Wasser auf die Mühlen all jener, die entweder zu den Resten der deutschchristlichen Gruppen gehörten oder zu den erklärten Feinden der Kirche unter den NS-Funktionären. Zwar war es zu den Gebetsgottesdiensten am 30. September gar nicht mehr gekommen, weil das Münchener Abkommen am Tag zuvor die Situation entspannt hatte, aber die BK-Aktion war für Partei und Politische Polizei Anlass genug, sich erneut auf die Kirche gleichsam einzuschießen. Flankierend dazu zwang Minister Kerrl die Führer der großen Landeskirchen dazu, sich von der Gebetsliturgie öffentlich in einer von ihm entworfenen Erklärung zu distanzieren, was diese auch taten. Die darüberhinausgehende Forderung, sich von der 2. VKL zu trennen, konnte er jedoch nicht durchsetzen.DiesemSchritt folgtendanndie leitendenMänner der kleineren Landeskirchen, darunter auch Happich. Dass dieser hier mitunterzeichnete, lag in der Konsequenz seines Hineinwachsens in den Kreis der Kirchenführer, die als altgediente – schon vor der Machtergreifung auf legalemWege ins Amt gelangte – Bischöfe allerdings über breiteren Rückhalt in ihren Landeskirchen verfügten als Happich. Dessen Position als Leiter des LKAu war wesentlich prekärer: Den Frieden in seiner Landeskirche konnte er nur im sorgsam austarierten Gleichgewicht der unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Interessen wahren. Doch über diesen, ihm faktisch vorgegebenen Handlungsrahmen hatte er sich in diesem Fall hinweggesetzt und LBR und BK Kurhessen-Waldecks zunächst nicht über seine Unterschrift informiert bzw. dies später in so verharmlosender Form getan, dass kaum jemand außer von Soden und dem LBR die Brisanz dieses Schritts erkannte und dagegen protestierte.22 Hans von Soden wandte sich daraufhin in einem langen Protestbrief zunächst an Wurm, Meiser und Marahrens,23 22 Vgl. den Brief von Sodens an Happich v. 19.11.1938, Hein/Dorhs 1996/2013, Bd. 2.2, Nr. 208. 23 An den badischen Landesbischof Julius Kühlewein ging der Rundbrief von Sodens nicht, da dieser nur zu den drei anderen Bischöfen ein so persönliches Vertrauensverhältnis besaß, um sich in dieser heiklenAngelegenheit an sie zu wenden. Zum Text des Briefes v. 15.11.1938 vgl. Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984, 279–287, und Hein/Dorhs 1996/2013, Bd. 2.2, Nr. 207. Schon am 13.11.1938 hatte das Mitglied des LBR, Pfr. Hans Zimmermann aus Kassel-Bettenhausen, an die Bischöfe geschrieben und ihnen imNamen 86 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ bevor er auch an Happich schrieb und dessen Schritt einer schneidenden Kritik unterzog. Aufgrund der Veröffentlichungen in der Presse, die – mit Nachhilfe der Zensur – unisono die Kundgebung begrüßten, habe Kerrl sein Ziel erreicht, die Gegner der DC im kirchlichen Spektrum zu spalten, schrieb von Soden. In „aller Ehrerbietung und persönlichen Hochachtung, aber mit größtem Nachdruck und voller Offenheit“ müsse er dieser „schärfsten Verurteilung“ des Formulars und seiner Autoren entgegentreten. Warum denn eine solche klare Abgrenzung nicht gegenüber der Attacke des ‚Schwarzen Korps‘ erfolgt sei? Die damit erfolgte Diffamierung der gesamten Bekennenden Kirche und nicht nur der VKL sei unsäglich und schade dem gerechtfertigten Anliegen dieser Richtung außerordentlich. Auch wer bestimmte Passagen der Gebetsliturgie für problematischhaltewie er selbst, könnenicht die „Würde und Reinheit der Motive“ der VKL in Frage stellen, die in ihrer übertrieben ängstlichen Sorge, ihre Position könne mit jener der DC verwechselt werden‚ das vaterländische Moment freilich nicht deutlich genug herausgestellt habe. Dem Vernehmen nach hätten die Bischöfe mit dem Rücktritt der 2. VKL nach Bekanntwerden der Gebetsliturgie gerechnet. Wer denn deren Nachfolge in dieser angespannten Situation antreten solle? Eine Durchschrift dieses Briefes erhielt Happich, den von Soden am 19. November wegen seiner Unterschriftsleistung unter das revidierte Kerrl-Papier in ähnlich klaren Worten wie die Bischöfe rügte, wenn auch – wie stets – in höflich-vollendeter Form.24 Die kurhessische BK fühle sich durch die Unterschrift Happichs nicht gebunden und behalte ihre Linie vom7.November bei. Allerdingswolle er nachRücksprachemit denMitgliederndesLBR„aus kirchlicher Verantwortung“ die Zusammenarbeit mit dem LKAu fortsetzen, solange dies möglich sei. Freilich müsse er – Happich – ebenfalls dazu beitragen, „den in der DEK entstandenen tiefen Riß in unserer Landeskirche sich nicht auswirken zu lassen“ und sich nicht weigern, „wieder zusammenzufügen, was sich nicht hätte scheiden dürfen“. auch anderer Geistlicher und Gemeinden „Befremden“ und Kritik wegen ihrer Nachgiebigkeit gegenüber Kerrl übermittelt. Ebd., Nr. 206. 24 Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984, 288–292 und Hein/Dorhs 1996/2013, Bd. 2.2, Nr. 208. 87 Jochen-Christoph Kaiser Es ist bemerkenswert, dass Hans von Soden in seinen beiden Schreiben an die Bischöfe und an Happich trotz eindeutiger Sachkritik an ihrem Verhalten gegenüber Ministerium und VKL im Ton geradezu seelsorgerlich blieb und immer wieder auch Verständnis für die schwierige Situation der Beteiligten zeigte. Und es hat nicht den Anschein, als ob das nur ‚Taktik‘ war. Der Verzicht von Sodens auf jede radikale Reaktion und sein Versuch, noch in der Beschreibung des Dissens darauf zu achten, Wege zu weiterer Zusammenarbeit offen zu halten, waren andererseits Indikatoren für ein Dilemma, aus dem es keinen praktikablen Ausweg zu geben schien. Gewiss berührt es sympathisch, dass er – fast wider besseres Wissen – um der Zukunft der geschichtlich gewordenen Kirche in Deutschland willen an seiner Gesprächs- und Kooperationsbereitschaft festhielt. Nicht zu übersehen ist jedoch die Schattenseite dieser Einstellung: Der LBR und dieMehrheit der BK-Mitglieder setzten – auch ohne Zugeständnisse Happichs – ihren auf Tolerierung und Mitarbeit fußenden Kurs gegenüber dem LKAu fort, – sie waren gewissermaßen auch dazu ‚verdammt‘, wenn sie den relativen Erfolg ihres Modells als regionales Alleinstellungsmerkmal der Landeskirche im ‚Kirchenkampf‘ nicht aufs Spiel setzen wollten. Ob die eindeutigeren Vorschläge der kurhessischen Dahlemitendazu eine erfolgreicheAlternative gebotenhätten, darf allerdings bezweifelt werden, zumal sie – der Quellenlage nach zu urteilen – im Streit um die Gebetsliturgie mit Gegenkonzepten nicht hervortraten. Drittens – Ein knappes Jahr darauf ereignete sich ein Vorfall, der das Tischtuch zwischen von Soden und Happich endgültig zerschnitt und der neben den zunehmenden Problemen zum weitgehendenRückzug desMarburgerHochschullehrers aus der Leitung von BK, Landesbruderrat und damit aus der Kirchenpolitik führte. Wieder ging es um eine Unterschrift, die Happich erneut ohne Absprache mit den divergierenden Fraktionen seiner Landeskirche geleistet hatte, um dem Reichskirchenminister entgegenzukommen: Denn Ende 1938 verfestigte sich bei diesem und einem kleinen, heterogen zusammengesetzten Kreis von Vertretern der Mitte in 88 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ Kirchenregiment, akademischerTheologieundVerbändenderEindruck, noch einen allerletzten Versuch wagen zu sollen, das Verhältnis von Kirche und Staat dauerhaft zu befrieden. Wenn sich die Kirche mit der Scheidung der Externa – deren Regelung dem Staat vorbehalten bleiben sollte – von den Interna, über die sie allein zu entscheiden hätte, dauerhaft abfände, würde der Staat ihre Existenz akzeptieren und unterstützen, mindestens aber in Frieden lassen. Dahinter stand die illusionäre Vorstellung, nur eine Art neuen Staatskirchentums, das nach 1918 aus guten Gründen abgeschafft worden war, könne das kritische Verhältnis der Kirche zum NS-Staat entspannen. Gemeinsam berührende Fragen, die Kerrl ‚res mixtae‘ nannte, sollten auch gemeinsam gelöst werden. Schriftlichen Ausdruck fand diese Konzeption in der sog. Godesberger Erklärung und ihren sechs Punkten vom 26. März 1939. Sie wurde allerdings nur von DC-Gruppierungen und Neutralen unterzeichnet, während sich die BK dazu nicht bereitfand. Damit gab sich Kerrl nicht zufrieden, weil er davon ausging, dass nur ein möglichst breiter kirchlicher Zusammenschluss unter Einbeziehung der BK Staat und Partei in der vom Minister erhofften Auffassung überzeugen würden, dass die protestantische Kirchenfrage nun endgültig gelöst sei. Als sich die unterschiedlichen BK-Flügel weiterhin weigerten, die Erklärung mitzutragen, legte Kerrl am 26. Mai 1939 eine neue, sogar noch verschärfte Fassung vor, die sog. Grundsätze, die wir heute ‚Godesberger Variata‘ nennen. Der Minister hatte sie zusammen mit einem akademischen Ghostwriter-Kollegium formuliert, zu dem u.a. OKR Theodor Ellwein/Berlin, Prof. Helmuth Kittel/Münster, dem Ephorus des Wittenberger Predigerseminars und – wie erst seit kurzem bekannt – auch Oberkonsistorialrat Heinz Brunotte/Berlin zählten, wobei Letzterer gemeinhin zur BK gerechnet wird. – Die ‚Grundsätze‘ ließen nun wirklich keinen Zweifel mehr, dass hier primär ein völkisches Religionsprogrammproklamiert wurde, über das unter Christen eigentlich keine Diskussion mehr möglich war.25 Zitiert sei hier nur der Punkt drei zur ‚Judenfrage‘, der folgendermaßen lautet: 25 Vgl. die Diss. Gundlach 2010. 89 Jochen-Christoph Kaiser „Die nationalsozialistische Weltanschauung bekämpft mit aller Unerbittlichkeit den politischen und geistigen Einfluß der jüdischen Rasse auf unser völkisches Leben. – Im Gehorsam gegen die göttliche Schöpfungsordnung bejaht die evangelische Kirche die Verantwortung für die Reinerhaltung unseres Volkstums. Darüber hinaus gibt es im Bereich des Glaubens keinen schärferen Gegensatz als den zwischen der Botschaft Jesu Christi und der jüdischen Religion der Gesetzlichkeit und der politischenMessiashoffnung.“ Das war selbst jenen Mitgliedern der Kirchenführerkonferenz zu viel, die zuvor die Urfassung vonGodesberg gebilligt hatten. Kerrl gelang es dennoch, vier von ihnen für eine Unterschrift unter sein Pamphlet zu gewinnen: Das waren der hannoversche Landesbischof August Marahrens, sein Braunschweiger Kollege Helmuth Johnsen sowie der reformierte Landessuperintendent von Aurich, Walter Hollweg, und eben Friedrich Happich, die dieses Dokument kirchlicher Selbstverleugnung unterzeichneten. Die Diskussion um Godesberg erreichte bald auch Kurhessen- Waldeck. Noch ohne zu wissen, dass Happich später die verschärfte Fassung der Grundsätze unterzeichnen würde, bat der Landesbruderrat von Soden um ein Gutachten zur Godesberger Urfassung, das dieser mit Konzentration auf dessen theologische Implikationen alsbald vorlegte.26 Sein Urteil fiel scharf aus: Die Erklärung biete keinerlei Grundlagen für eine Beilegung des Kirchenstreites und gehe an der Grundfrage der Auseinandersetzung nach der Gültigkeit der Hl. Schrift und der Bekenntnisse der Reformation völlig vorbei; der Name Christi werde nicht einmal genannt. – Und hinsichtlich der Passagen über die Judenfrage sei die Feststellung eines ‚unüberbrückbaren Gegensatzes‘ zwischen Juden und Christen schlicht falsch. Als sich dann herausstellte, dass Happich unter den vier Kirchenführern gewesen war, welche die Grundsätze unterzeichnet hatten, war für von Soden das Maß voll. Resignierend erklärte er, die Entscheidung von Happich zu respektieren, die er jedochweder teilen noch stützen könne. Damit gebe es keine Basis mehr für seine beratende Mitwirkung in den Leitungsgremien der Landeskirche, denen er fortan fernbleiben müsse. 26 Undatierter Text bei Slenczka 1977, 211 ff. 90 Der kirchliche ‚Sonderweg‘ Der Einfluss von Sodens auf den Kurs der kurhessischwaldeckschen Kirche während der Kriegsjahre ging kontinuierlich zurück, auch wenn er hier und da durch persönliche Gespräche vor allem mit seinem Freund Rudolf Bultmann, den er immer wieder gegen die theologischen Gegner von dessen Entmythologisierungsprogramm auch aus den Reihen der BK verteidigen musste.27 Hinzu kam, dass enge Mitarbeiter wie der Geschäftsführer von BK und Landesbruderrat, Pfr. Bernhard Heppe, bald eingezogenwurden und trotz zeitweise heimatnaher Verwendung immer seltener zur Verfügung standen. Seine Überlegung zum Verfassungsneubau der Landeskirche werden ein Thema des Beitrags von Michael Stahl bilden und können in unserem Zusammenhang deshalb ohne Berücksichtigung bleiben.28 Es ist deutlich geworden, welche dominierende Rolle Hans von Soden gerade in den Jahren der NS-Herrschaft in Kurhessen- Waldeckgespielt hat. Theologischundeigentlich auchpolitisch immer eindeutig,wenn auch ausheutiger Sicht gelegentlichdurchdie Perspektive seiner Zeitgenossenschaft eingeengt, nahm er sich anders als zahlreiche seiner Kollegen immerwieder das Recht, öffentlich und im dienstlichen Umfeld Kritik an der Kirchen- und Hochschulpolitik des Dritten Reiches zu üben. Dazu blieb er menschlich stets verbindlich und in seiner Kritik immer maßvoll, ohne den jeweiligen Gegner persönlich zu verletzen. Gewiss, man kann –wiemancheNachgeborene es getan haben –dies als Befangenheit durch die unheilvollen Traditionen eines letztlich dennoch obrigkeitshörigen, deutschnationalen Milieus deuten, was mir persönlich jedoch kein Grund zu sein scheint, Hans von Soden in dieser geistigen Landschaft zu verorten. Jedenfalls wäre unsere Landeskirche ohne sein Wirken ärmer gewesen. Und dass dieses keineswegs in seinen Verfassungsplänen für die heutige EKKW aufgeht, ist hoffentlich deutlich geworden. 27 Vgl. dazu den Abschnitt „Die ‚causa Bultmann‘“ in: Kaiser 2012, 355 ff. 28 Vgl. nochmals Anm. 10. 91

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References

Zusammenfassung

Neben seinem Freund Rudolf Bultmann war Hans von Soden der führende Kopf der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg. Neben seiner akademischen Tätigkeit nahm er großen Einfluss auf das kirchenpolitische Geschehen seiner Zeit in Nordhessen und darüber hinaus. Insofern prägte er den sog. Kirchenkampf in seiner Landeskirche entscheidend mit. Seine verfassungsrechtlichen Vorarbeiten prägten über seinen frühen Tod hinaus die Strukturen des Neubeginns seiner Landeskirche. – Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die 2012 in der Ev. Akademie Hofgeismar stattfand.