Friedrich W. Horn, Hans von Soden als Neutestamentler in:

Jochen-Christoph Kaiser

Hans von Soden, page 17 - 36

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4076-8, ISBN online: 978-3-8288-6950-9, https://doi.org/10.5771/9783828869509-17

Tectum, Baden-Baden
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Hans von Soden als Neutestamentler von Friedrich W. Horn HansvonSodenwar zwar SohneinesNeutestamentlers, von seiner akademischen Ausbildung her allerdings nicht Neutestamentler. Sein Vater, Hermann von Soden,1 ein bedeutender Textgeschichtler, war nach einer lange währenden Zeit als außerordentlicher Professor erst im Alter von 61 Jahren auf ein Ordinariat in Berlin berufen worden, wo er nur wenige Monate später im Jahr 1914 verstarb.2 Hans von Soden, der im Studium maßgeblich durch Adolf von Harnack geprägt war,3 in dessen kirchengeschichtlichem Seminar er das Amt des Seniors innehatte, hatte sich 1910 in Berlin für Kirchengeschichte habilitiert. Der erste Ruf führte ihn 1918 als Extraordinarius für Kirchengeschichte nach Breslau, und dort wurde er 1921 in das kirchengeschichtliche Ordinariat befördert. Erst 1924 wurde im Zuge der Berufung nach Marburg seine Lehrbeauftragung erweitert, und zwar für Kirchengeschichte, Neues Testament und Christliche Archäologie, und zusätzlich las er auch noch Kirchenrecht. In einer autobiographischen Skizze schreibt Hans von Soden, dass die Verbindung der ersten drei Fächer der bisherigen Richtung seiner Studien genau entsprach.4 Er folgte in Marburg auf Adolf Jülicher, der hier seit 1889 Ordinarius für Kirchengeschichte und Neues Testament gewesen war. Einen gleichzeitig ergangenen Ruf nach Jena hatte er abgelehnt. 1 Zur Biographie: Dinkler 1962; Dinkler 1984; Wesseling 1995a; Wolter 2000; Ott 2008a; Christophersen 2010. 2 Zur Biographie: Wesseling 1995b; Ott 2008b. Die Bedeutung Hermann von Sodens für die neutestamentliche Textgeschichte und Textkritik würdigen Aland/Aland 1982, 32 f., auch wenn sie seine vierbändige Ausgabe aus den Jahren 1902–1913 als „Fehlschlag“ bewerten (33). 3 Vgl. Wischmeyer 2004. Es handelt sich um ein Konvolut von drei Heften mit Protokollen zu vier Seminaren vonHarnacks, insgesamt etwa 330 handschriftliche Seiten. 4 Hans von Soden, „Autobiographische Skizze“, in: Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984, 379. 17 Friedrich W. Horn Einen Ruf auf die neutestamentliche Professur in Heidelberg lehnte Hans von Soden 1928 ab.5 In Marburg wirkte er dann bis zu seinem Tod im Jahr 1945, unter anderem neben Rudolf Bultmann, dessen Kollege er bereits in Breslau gewesenwar.6 Gemeinsam gaben sie ab 1929 die Neue Folge der Theologischen Rundschau heraus.7 Hans von Soden fand allerdings keinen Zugang zu der von Bultmann mitbegründeten Dialektischen Theologie, sondern lebte stärker aus den Traditionen des theologischen und politischen Liberalismus.8 Hans von Soden starb 1945 im Beisein Bultmanns; dieser hielt dann auch anlässlich der Beerdigung die Traueransprache.9 5 Vgl. Großmann/Landmesser 2009, 77. In seiner autobiographischen Skizze schreibt von Soden: „Berufungen an andere Universitäten habe ich abgelehnt, weil der hiesige Lehrstuhl mir eine unvergleichlich vielseitige Wirksamkeit im Unterricht ermöglichte“ (Soden, „Autobiographische Skizze“, (wie Anm. 8), 379). 6 Über das Verhältnis Hans von Sodens zu Rudolf Bultmann informiert umfassendHammann 2009; vgl. zunächst dieHinweise zur gemeinsamen Breslauer Zeit (91). Zur Berufung von Sodens nachMarburg schreibt Hammann: „Schon bald nach seinem Dienstantritt in Marburg fasste Bultmann den Gedanken, seinen Freund Hans von Soden für die in absehbarer Zeit frei werdende Professur Jülichers gewinnen zu können. Als Jülichers Emeritierung nahte und die Fakultät demMinisteriumVorschläge für die Besetzung seines Lehrstuhls zu unterbreiten hatte, gelang es Bultmann ohne Schwierigkeiten, von Soden primo loco der Fakultätsliste zu platzieren“ (ebd., 158 f. Hervorhebung im Original). Um das Verhältnis Bultmanns zu von Soden umfänglicher wahrzunehmen, empfiehlt sich auch die Lektüre von Großmann/Landmesser 2009. Bultmann hat demnach erwogen (ebd., 38. 68), von Soden anzuraten, von der Rektoratsrede im Jahr 1927, deren Manuskript von Soden dem Kollegen vorab übergeben hatte, Abstand zu nehmen. Von Soden und Bultmann hatten im Blick auf die Bewertung Heideggers völlig unterschiedliche Positionen eingenommen (vgl. Heideggers Antwort auf Bultmann, ebd., 42). 7 Nachdem zwischen 1917 und 1929 das Erscheinen der Theologischen Rundschau unterbrochen war, erschien sie, zunächst mit dem Zusatz NF (=Neue Folge), unter der Leitung von Rudolf Bultmann und Hans von Soden und derMitwirkung vonWalter Baumgartner, Hermann Faber, Friedrich Gogarten, Martin Heidegger und Friedrich Karl Schumann ab 1929 erneut. 8 Wolter 2000, 422; Dinkler 1984, 20; Dinkler 1962. Bultmann erwähnt 1927 in einem Brief, dass von Soden Heideggers Arbeit als „unfruchtbare Scholastik“ erachtet (Großmann/Landmesser 2009, 58). 9 Dazu Hammann 2009, 354 f. In einer autobiographischen Skizze aus dem Jahr 1969 schreibt Bultmann: „Den größten Gewinn nicht nur für die theologische Fakultät, sondern für die ganze Universität war die BerufungHans von Sodens als Nachfolger Jülichers 1924“ (Jaspert 1971, 323). 18 Hans von Soden als Neutestamentler Eine ausgewiesene breite neutestamentliche Schülerschaft von Sodens scheint sich in Marburg nicht ausgebildet zu haben – eine wichtige Ausnahme ist allerdings Erich Dinkler –, was in nicht geringem Maße neben den politischen Umständen auch der zunehmenden Beteiligung von Sodens an unterschiedlichen Ämtern und seiner 1933 einsetzendenkirchenpolitischenAktivität geschuldet sein wird, an der seine wissenschaftliche Präsenz in den unterschiedlichen Disziplinen seines Lehrstuhls litt.10 Überdies war von Soden zunehmend durch ein Herzleiden in seiner Arbeitskraft beeinträchtigt. Er gab ab 1940 die kirchliche Arbeit auf und beschränkte sich auf den theologischen Unterricht, den er in seinem Privathaus anbot.11 Erich Dinkler hat als Student, Hilfsassistent und Oberassistent bei von Soden gelernt und auch dessen wissenschaftliche Breite in den FächernNeues Testament, Kirchengeschichte und Christliche Archäologie zu seinen Disziplinen gemacht. Er hat überdies eine Bibliographie Hans von Sodens erstellt12 und die Dokumentation der Tätigkeiten seines Lehrers im Kirchenkampf publiziert. Ausgesprochen positiv scheint auch das Verhältnis Hans von Sodens zuHeinrich Schlier gewesen zu sein.13 Die frühen Publikationen von Sodens14 berühren ausnahmslos altkirchliche Themen: 10 Zu von SodensWirksamkeit im Kirchenkampf: Meier 1996, 177–188; Gräßer 2008, 313–331. Sie erwähnen, dass Kümmel von 1930–1932 in Marburg Assistent Hans von Sodens, aushilfsweise auch noch Adolf Jülichers war. Die Abfassung der Habilitationsschrift wurde im Jahr 1932 durch eine Berufung auf eine außerordentliche Professur nachZürich beendet; ebensoMerk 1999, 40 f. Eine besondere Nähe Kümmels zu von Soden ist den Referaten Grä- ßers und Merks nicht zu entnehmen. Lips 2008 erwähnt, dass Erich Dinkler im Jahr 1932 Hilfsassistent bei Hans von Soden in Marburg wurde und durch diesen an die Christliche Archäologie herangeführt wurde. Dinklers Habilitationsprojekt verdankte sich dann einer Anregung von Sodens (192). 11 Dinkler 1984, 17: „. . . hat er regelmäßig zwei vierstündige Vorlesungen – im Neuen Testament und in der Kirchengeschichte – gehalten, dazu ein Hauptseminar und eine Vorlesung oder Übung aus dem Gebiet der Christlichen Archäologie oder des Kirchenrechts.“ 12 Dinkler 1981. 13 Bendemann 1995, 32–42. 14 Dinkler 1981. 19 Friedrich W. Horn • Die cyprianische Briefsammlung. Geschichte ihrer Entstehung undÜberlieferung, Leipzig 1904 (TUNF 10/3), 268 Seiten. – Dies war ein Jahr später die Promotionsschrift zum Licentiaten in Berlin. • Das lateinischeNeue Testament inAfrika zur Zeit Cyprians nach Bibelhandschriften und Väterzeugnissen, Leipzig 1909 (TU 33), zugleich die Habilitation, 663 Seiten, ebenfalls in Berlin. Vorausgegangen war eine fünfjährige Tätigkeit als Assistent für Patristik am Preußisch-Historischen Institut in Rom. • Urkunden zur Entstehungsgeschichte des Donatismus, Bonn 1913 (KlT 122) – eine Zusammenstellung auf 56 Seiten, die von Soden als Privatdozent in Berlin angefertigt hatte. Von Sodens erste neutestamentliche Arbeiten sind eher allgemeinverständliche Abhandlungen über die Entstehung des Christentums in der Sammlung ‚Aus Natur- und Geisteswelt‘ (1919/20).15 Sie berücksichtigen sog. häretische und orthodoxe Quellen nebeneinander, was durchaus ungewöhnlich war, vielleicht aber auch als ein Relikt liberaler Theologie anzusehen ist. Diese Arbeiten haben die Forschung in keiner Weise bewegt. Beide Bände gehen ursprünglich auf Kriegshochschulkurse zurück, die von Soden im Jahr 1918 an der Westfront gehalten hatte.16 Im Rückblick auf sein wissenschaftlichesWerk schreibt Rudolf Bultmann imVorwort der Gesammelten Werke Bd. I von Sodens: „So blieben denn auch die Pläne zu wissenschaftlichen Arbeiten, zumal die zu einer Darstellung der neutestamentlichen Theologie, unausgeführt, wie denn auch Zahl und Umfang seiner Veröffentlichungen infolge seiner überreichlichen Inanspruchnahme durch die von ihm übernommenen Pflichten nicht dem entsprechen, was er als wissenschaftlicher Theologe zu sagen hatte“.17 Im Blick auf das Gesamtwerk 15 Soden (Hans von) 1919. 16 Wesseling 1995 (1), 716. 17 Rudolf Bultmann, Vorwort, in: Soden (Hans von) 1951/56, Bd. 1 (1951), VII. Im Briefwechsel Bultmann–Heidegger schreibt Bultmann 1932: „von Soden verzehrt seine Kraft mit Nebenämtern aller Art; – nun für ihn ist es wohl in gewisser Weise ein Selbstschutz.“ (Großmann/Landmesser 2009, 188). Zu dieser Einordnung und Bewertung passt der Befund, dass von Soden in folgenden Forschungsüberblicken zur neutestamentlichen Wissenschaft nicht erwähnt wird: Kümmel 1970; Baird 2003; Merk 2008. 20 Hans von Soden als Neutestamentler von Sodens – das meiste ist in den beiden Bänden Urchristentum und Geschichte. Gesammelte Aufsätze und Vorträge hg. von Hans vonCampenhausen enthalten18 – beziehen sich deutlichmehr Titel auf kirchengeschichtliche, kirchenrechtliche und kirchenpolitische Themen als auf das Neue Testament.19 Fast alle durch von Soden verfassten Lexika-Artikel greifen altkirchliche Themen auf. 20 Allein die wissenschaftliche Literatur zur Textkritik hat von Soden weiterhin verfolgt und etwa 40 Rezensionen, angereichert mit eigenen Vorschlägen zur Textgestalt, in der Theologischen Literaturzeitung und in Gnomon publiziert.21 Eine größere neutestamentliche Monographie, ein Kommentar, ein Lehrbuch – all dies hat von Soden nicht verfasst, und es ist auch im Blick auf seine Forschungen nicht zu erkennen, dass von Soden auf solch ein Werk hingearbeitet hätte. Die wenigen hier zu nennenden Publikationen sind zum Teil Gelegenheitsschriften oder auf aktuelle kirchenpolitische und gesellschaftliche Vorgänge eingehende Ausführungen, in denen von Soden sich schon durch die Auflagenstärke der Publikationen öffentlich positioniert. Einzig dem Aufsatz „Sakrament und Ethik bei Paulus. Zur Frage der literarischen und theologischen Einheitlichkeit von 1 Kor. 8–10“ aus den Marburger Theologischen Studien 1931 kann zugesprochen werden, einen deutlichen Beitrag zur neutestamentlichen Wissenschaft geleistet zu haben, der bis heute in der Forschung wieder abgedruckt, gelesen und berücksichtigt wird.22 Dieser Aufsatz zu Sakrament und Ethik bei Paulus, 1931 in der Festschrift für den Marburger Kollegen Rudolf Otto erschienen, soll hier nicht eingehend bedacht werden. Es handelt sich um 18 Neben Band 1 (s.o.) dann noch Soden (Hans von) 1951/56, Bd. 2 (1956). Vgl. auch die Besprechung von Dinkler 1957. 19 Vgl. die Notiz des Hg. in: Soden (Hans von) 1951/56, Bd. 2, 278. 20 Auch die zwischen 1927 und 1932 durch Hans von Soden verfassten Artikel in der 2. Aufl. der RGG (vgl. das Verzeichnis im Registerband 90 f.) bleiben ausschließlich bei altkirchlichen, vorwiegend textgeschichtlichen Themen und behandeln kein einziges neutestamentliches Stichwort. In dem von Gerhard Kittel hg. Theologischen Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933 ff., hat von Soden ausschließlich den recht knappen Artikel δελφός κτλ. (ThWNT 1, 1933, 144–146) geschrieben. 21 Dinkler 1984, 32. 22 Soden (Hans von) 1931e. 21 Friedrich W. Horn eine ausgesprochen subtile Untersuchung zur Frage der literarischen und theologischen Einheitlichkeit von 1. Kor 8–10 (so der Untertitel), in der der Verfasser von der sog. Antinomie in der Theologie des Paulus ausgeht, die ihrerseits im Gegenüber von Sakrament und Ethik, von Erlösungslehre und Rechtfertigungslehre, von hellenistischen und jüdischen Anteilen Ausdruck findet. Die Zuordnung beider Linien stellte im Ausgang der liberalen Theologie und in der frühen Dialektischen Theologie ein ungelöstes Problem dar. Die Antwort, die von Soden vorlegt, zeigt auf, dass Paulus das Sakrament nicht naturalistisch als mechanischmagischen Träger und Vermittler von Göttlichem betrachtet (267). Im Gegensatz zur jüdischen Theologie und ihrer Abgrenzungskasuistik gegenüber der heidnischen Welt gehe es Paulus auch nicht um Feststellungen über die Herkunft und den Gebrauch der paganen Elemente des Götzenopfers, da er das Gewissen zum Kriterium des Handelns mache und so jedes formale Gesetz aufhebe und überbiete (268). Hingewiesenwerdenmuss schließlich auch auf von Sodens Rede bei Antritt des Rektorats der Universität Marburg aus dem Jahr 1927 zum Thema Was ist Wahrheit. Vom geschichtlichen Begriff der Wahrheit.23 Aber schauen wir zuerst auf die anderen Beiträge.24 In der volksmissionarischen Schriftenreihe ‚Deine Kirche‘ erschien 1936 ein Aufsatz von Sodens unter dem Titel „Hat Ludendorff recht?“. In ihm setzt sich der Autormit einer in gemeinsamer Arbeit vonMathilde und Erich Ludendorff verfassten Schrift Das große Entsetzen – die Bibel nicht Gottes Wort auseinander, in der diese behauptet hatten: „Die Christenlehre verliert mit dieser Veröffentlichung ihre vermeintliche geschichtliche Grundlage. Wir zeigen die Bibel als das,was sie ist, als trügerischesMachwerk für die Juden, Romsund 23 Soden (Hans von) 1927c. – Recht ausführlich würdigt Kümmel 1958, 508– 512, diese Rektoratsrede. Äußerst kritisch äußern sich allerdings sowohl Martin Heidegger als auch Rudolf Bultmann (Großmann/Landmesser 2009, 38 und 42). 24 Die im Folgenden genannten Publikationen sind alle wieder abgedruckt, gelegentlich auch ergänzt undvomHerausgeber verbessert, in: Soden (Hans von) 1951/56, Bd. 1. Hier sind auch die ursprünglichen Erscheinungsorte wiedergegeben worden (277 f.). 22 Hans von Soden als Neutestamentler herrschsüchtiger Priester Herrschaft“ (130). Sechs Jahre später publizierte von Soden einen weiteren, ähnlich positionierten Aufsatz unter dem Titel „Jesus der Galiläer und das Judentum“ (Deutsches Pfarrerblatt 1942), in dem von Soden sich mit dem gleichnamigen Buch des Jenaer Neutestamentlers Walter Grundmann auseinandersetzt, aber eben reagiert. In demselben Kontext steht auch eine als Handschrift gedruckte Publikation aus dem Jahr 1941 im recht unbekannten Lichtweg-Verlag Essen,25 in dem er sich mit einer neuen Verdeutschung des Neuen Testaments („Volkstestament“) auseinandersetzt, die auch nicht ohne Walter Grundmann zu denken ist. Sodann eine Besprechung zu einem 1937 erschienenen BuchM. ErichWinkels Das ursprüngliche Evangelium, befreit von den erst nachträglich angebrachten dogmatischen Änderungen und Zusätzen in den Theologischen Blättern 1939. Michael Wolter bewertet diese Schriften folgendermaßen: „Literarisch trat von Soden in diesen Jahren weniger durch die Teilnahme am wissenschaftlichen Diskurs hervor als durch mehrere auf eine größere Öffentlichkeit abzielende Arbeiten“.26 Um den Neutestamentler Hans von Soden angemessen zu erfassen, sind nicht nur diese Schriften zu würdigen, sondern auch das Auftreten des Neutestamentlers in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Briefe und Dokumente hat Erich Dinkler in einer Monographie im Jahr 1984 herausgegeben.27 Hierzu verweise ich auch auf den von Andreas Lindemann verfassten Aufsatz, „Neutestamentler in der Zeit des Nationalsozialismus: Hans von Soden und Rudolf Bultmann in Marburg“.28 Vielmehr möchte ich heute auf die neutestamentlichen Beiträge von Sodens eingehen, die sich damals direkt in die Kirchenpolitik der Nationalsozialisten und deren Missbrauch der neutestamentlichen Wissenschaft einmischten.29 Der zuerst genannte Aufsatz30 25 Der Verlag publizierte zwischen 1925 und 1964, allerdings überwiegend auf das Rheinland bezogene kirchengeschichtliche sowie missionstheologische und pädagogische Schriften. Von Sodens Arbeit fällt aus dem Verlagsprogramm heraus. 26 Wolter 2000, 421. 27 Dinkler/Dinkler-von Schubert/Wolter 1984. 28 Lindemann 2011. 29 Vgl. auch den Überblick a.a.O., 479–484. 30 Soden (Hans von) 1942. 23 Friedrich W. Horn setzt sich mit dem 1940 erschienenen Buch Walter Grundmanns, Jesus der Galiläer und das Judentum auseinander.31 Um heute zu verstehen, was seinerzeit von Grundmann gelehrt wurde und welchen Einfluss er in dieser Zeit und durch seine gerne gelesenen Kommentare vor allem zu den Synoptikern auf Theologie und Kirche hatte, hat die Universität Jena im Jahr 2007 in insgesamt 12 Beiträgen eine von Roland Deines u.a. herausgegebene Publikation vorgelegt.32 In ihr werden Herkunft und Anliegen der Behauptung Grundmanns einer nichtjüdischen und möglicherweise arischen Herkunft Jesu untersucht. Im Jahr 1938 war Walter Grundmann ohne Habilitation, ohne fachliche Ausweise und ohne Zustimmung des Dekans zu einem ordentlichen Professor für Neues Testament und Völkische Theologie an der Universität Jena ernannt worden. Der Rektor der Universität Jena empfahl seinen Lehrstuhl als Vorbild für alle Fakultäten, denn seine wissenschaftliche Arbeit werde Bahn brechend sein für eine nationalsozialistische Haltung auf dem Gebiet der Theologie. Im November 1938 hatte Walter Grundmann mit der konkreten Planung einer „Zentralabteilung zur Entjudung des religiösen und kirchlichen Lebens“ begonnen. Deren Aufgabe sollte die Gründung dreier Institute sein: • ein Forschungsinstitut in Jena zu begründen, das eine wissenschaftliche Zeitschrift herausgeben sollte, • eine Bibelgesellschaft zur Vorbereitung einer ‚entjudeten Volksbibel‘, • Einrichtung einer Schule zur Fortbildung für Pfarrer, Lehrer und Kirchenvertreter. Grundmanns grundsätzlicherAntisemitismus unddie Bedeutung, die er der wissenschaftlichen Arbeit im Kampf gegen das Judentumbeimaß,wurdebesondersdeutlich in seiner SchriftDas religiöse Gesicht des Judentums,33 wo bereits im Vorwort zu lesen ist: „Aber die eine Tatsache wird durch alle Zeiten unverrückbar bleiben: ein gesundes Volk muß undwird das Judentum in jeder Form ablehnen . . . Deutschland hat dennoch die geschichtliche Rechtfertigung und die geschichtliche Berechtigung zum Kampf gegen 31 Grundmann 1940. 32 Deines u.a. 2007; zuvor bereits Schenk 2002; Meier 1996. 33 Grundmann 1942. 24 Hans von Soden als Neutestamentler das Judentum auf seiner Seite. Diesen Satz zu beweisen, ist das besondere Anliegen dieser Schrift; und an diesem Satz wird auch spätere Forschung nichts mehr ändern können! So dient diese Arbeit dem großen Schicksalskampf der deutschen Nation um seine politische und wirtschaftliche, geistige und kulturelle und auch um seine religiöse Freiheit.“ Am Ende seines Beitrags hielt Grundmann fest: „Der Jude muß als feindlicher und schädlicher Fremder betrachtet werden und von jeder Einflußnahme ausgeschaltet werden. In diesem notwendigen Prozeß fällt der deutschen Geisteswissenschaft die Aufgabe zu, das geistige und religiöse Gesicht des Judentums scharf zu erkennen . . . “34 Im Jahr 1940 erschien das „Volkstestament“ mitsamt einem Katechismus, vorbereitet von einer Arbeitsgruppe unter der Leitung von Walter Grundmann und Herbert Preisker.35 Es stand in der Tradition der seit dem 19. Jahrhundert üblich gewordenen antijudaistischen Bibelkritik. So wurde etwa die paulinische Rechtfertigungslehre einer vermeintlichen jüdischen Lohn-Strafe-Moral entgegengesetzt, und Paulus wurde als der Opponent der Tora, ja der Grundordnung Israels verstanden. Das Volkstestament, eine Verdeutschung des Neuen Testaments, verkündete jetzt einen arischen Jesus, der nicht aus dem Judentum stamme und der sein Gottesbild gegen das Gottesbild des Judentums gestellt habe. Die dichterische Textfassung stammte von der Balladendichterin und Inhaberin des Eugen Diederichs Verlags Lulu von Strauß und Torney. Das Volkstestament fand jedoch nicht den erhofften und von dendamaligenEvangelischenLandeskirchengefördertenAnklang unter den deutschen Protestanten.36 34 A.a.O., 161. 35 Die Botschaft Gottes. Herausgegeben vom ‚Institut zur Erforschung (und Beseitigung) des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben‘. Weimar 1940. Inhalt: I. Jesus der Heiland: Jesusüberlieferungen der ersten drei Evangelien II. Jesus der Gottessohn: [Das Evangelium Johannes] III. Jesus der Herr: IV. Das Werden der Christusgemeinde. – Hans von Soden bezieht sich auf den gerade erschienenen ersten Teil (159). 36 Vgl. zum Volkstestament Jerke 1994; Deines 2007, 124, Anm. 227, geht von einer Auflagenstärke von 200.000 Exemplaren aus, die ihm freilich als völlig unwahrscheinlich erscheint. Gelegentlichwird auch eine Auflagenstärke von 20.000 genannt. Nach Hutter-Wolandt 2007 wurde zunächst eine Auflage von 90.000 Exemplaren gedruckt, die sofort nach Erscheinen ausverkauft 25 Friedrich W. Horn Hans von Soden hat sich mit diesem sog. Volkstestament, genannt Die Botschaft Gottes, ungewöhnlich intensiv auseinandergesetzt. Sein Beitrag umfasst im erneuten Abdruck immerhin 54 Seiten.37 Dennoch kann man nicht sagen, dass dieser Beitrag seinerzeit eine scharfe und einschneidende Stellungnahme innerhalb der theologischen Landschaft in Deutschland gewesen sei. Zu abwegig waren Publikationsort und -art,38 zu vornehm, bedächtig und behutsam auch das Gespräch mit den Verfassern der Volksbibel.39 Der Titel der Auseinandersetzung mutet zunächst merkwürdig an: „Die synoptische Frage und der geschichtliche Jesus“. Aber er entspricht der Aufgabe, die von Soden sich gestellt hat: „Die Prüfung hat sich vielmehr ausschließlich darauf zu richten, ob die evangelische Überlieferung nach ihrem ursprünglichen Sinn und Gehalt wiedergegeben ist“ (162). Von Soden setzt daher mit einer umfangreichen Stellungnahme zur Textauswahl des Volkstestaments ein, bespricht dann die Behandlung des Textes in der Übersetzung und schließt mit einer abschließenden Stellungnahme. Diese fällt durchaus ambivalent aus: „Die eingehende Besprechung, die im Vorstehenden demVT. gewidmetwurde, soll zeigen,wie ernst dieser Versuch, den deutschen Menschen unserer Zeit einen Zugang zum Evangelium von Jesus Christus zu eröffnen, genommenwird. Es ist zu hoffen, dass auch das VT. an seinem Teil manchen Menschen den von seinen Bearbeitern beabsichtigten Dienst tut. Denn in großem Umfange kommt auch in ihm das Evangelium selbst zu Worte. Es ist aber zu fürchten, dass es nicht wenige Menschen enttäuschen und vielleicht einige irreführen wird, weil es, wie gezeigt werden konnte, das Evangelium an nicht wenigen und nicht unwesentlichen Punkten verkürzt und verändert; weil es im Gegensatz zu seinem Vorhaben ein ungeschichtliches Bild von Jesus gibt“ (204). Deutlicher wenige Seiten später: „In Wahrheit ist es war. Für die Soldaten an der Westfront erschien hernach eine handliche Taschenausgabe in einer Auflagenhöhe von 200.000 Exemplaren. 37 Soden (Hans von) 1941. 38 Dinkler 1984, 30, berichtet, dass ab 1940 keine theologische Zeitschrift mehr eine gegen das Volkstestament gerichtete Kritik publizieren konnte. Daher habe von Soden seine Stellungnahmeunter dem sachlichen Titel ‚Die synoptische Frage und der geschichtliche Jesus‘ in Essen als Handschrift drucken lassen. Ein öffentlicher Vertrieb sei gleichwohl schwer gewesen. 39 Vgl. dazu die Bemerkungen a.a.O., 30–31. 26 Hans von Soden als Neutestamentler eine unter teils historischen, teils theologischen Gesichtspunkten getroffene Auswahl aus den Evangelien, die in ihrer Weise ebenso Geschichte und Glauben mischt . . . “ (208). Von Soden spricht den Bearbeitern das Recht ab, „es als Überlieferung, die ‚die Wissenschaft‘ aus mannigfaltiger Überschichtung freigelegt hätte, darzustellen . . . “ (208). Von Soden kritisiert die Willkür, die seitens der Bearbeiter des Volkstestaments durch Streichungen herrscht: „Es kann keine Rede davon sein, dass die Streichungen im VT. auch nur überwiegend ‚judenchristliche Erweiterungen‘ betreffen. Im Übrigen christianisiert man einen Text nicht mit dem Rotstift“ (188 f.). Um zu verdeutlichen, was von Soden im Blick hat, nenne ich folgende Entscheidungen innerhalb des Volkstestaments. „So wird bei den Juden das Jüdische unterstrichen und zuweilen geradezu vergröbert, bei Jesus dagegen alles Jüdische nach Möglichkeit getilgt . . . “ (182). Die ganze Sprache alttestamentlich-jüdischer Frömmigkeit wird aus den Worten Jesu komplett getilgt. Die hermeneutischen Grundsätze des Volkstestaments hat von Soden klar dargestellt und kritisiert. Es mutet heute freilich ein wenig seltsam an, mit welcher Akribie er einzelne Entscheidungen des Volkstestaments bespricht, obwohl deren Haltlosigkeit allzu offensichtlich ist. Die schon auf den ersten Blick völlig abwegige und gegen die Mehrheit der Textüberlieferung stehende Übersetzung des sog. Heilandsrufs aus Mt 11,25–27 überprüft von Soden minutiös, führt mittelalterliche textkritische Varianten und Kirchenväterzitate an, auf die sich möglicherweise der Text des Volkstestaments beziehen könnte, um dann abschließend (nach einer weiteren umfangreichen Fußnote zur Textüberlieferung S. 181 Anm. 7) anzusprechen, hier nicht den Raum zu haben, näher auf die textlichen Probleme des Wortes einzugehen und sodann nicht mehr als die Frage zu stellen, ob die textkritische Entscheidung des Volkstestaments gegen die großen Rezensionen im Recht ist. Gleichwohl ist ihm deutlich: die Herausgeber „können doch unmöglich meinen und wollen, dass der von ihnen hergestellte Text von den Benutzern für eine wissenschaftliche Entdeckung gehalten wird, der unter jüdischem Einfluss bisher von der Kirche dem Volke vorenthalten wurde . . . “ (204 f.). Weshalb bleibt von Soden so vornehm bei einer Frage stehen, weshalb so „ausführlich und 27 Friedrich W. Horn geduldig“?40 Wieso nicht eine klare Antwort eines Mannes, der schonunter derAnleitung seinesVaters dasHandwerkder Textkritik gelernt hatte? Die Kollegenschaft begegnete Grundmann und seinen Leuten zu Beginn der 40er Jahre freundlich, vornehm, kollegial, aber nie entlarvend. Walter Grundmann hatte in dem Buch ‚Jesus der Galiläer und das Judentum‘41 im Vorwort festgehalten, er wolle „den fragenden deutschenMenschen eineAntwort aufdie brennendund schicksalhaft gewordene Frage nach demVerhältnis Jesu vonNazareth zum Judentum geben, und zwar eine Antwort, die auf ernster wissenschaftlicher Arbeit aufgebaut ist, in der Anlage und im Ausdruck jedoch so gehalten ist, dass ihr auch der religionswissenschaftlich nicht arbeitendeMensch folgen kann“ (Vorwort). Grundmanngliedert seine Studie in zwei Fragen, deren Beantwortung von Soden mit seiner Stellungnahme verknüpft. Auf die Frage „War Jesus selbst Jude?“ antwortet Grundmann: „Aus der unserer Zeit geschenkten Erkenntnis der Einheit seelischer Haltung und blutmäßigen Erbes ergibt sich mit Notwendigkeit, dass aller Wahrscheinlichkeit nach Jesus, da er auf Grund seiner seelischen Artung kein Jude gewesen sein kann, es auch blutsmäßig nicht war, wofür wir bei der Frage nach seiner völkischen Zugehörigkeit einige Gesichtspunkte gewannen, die diese Beobachtung unterstützen. Wohl gehörte er wie die meisten Bewohner Galiläas zur jüdischen Konfession, aber eben diese Konfession hat er von seiner Position aus durchstoßen, und sein Kreuz ist zugleich die allen sichtbare Ausstoßung aus dem Judentum; sie erfolgte, nachdem er sich innerlich längst von ihm gelöst hatte“ (205). Von Soden gesteht zu, dass die Frage der völkischen Zugehörigkeit eines Galiläers verschiedene Möglichkeiten und Antworten offen lässt, wendet sich aber dezidiert unter Bezugnahme auf die Palästinaforschungen Albrecht Alts gegen unterschiedliche Konstruktionen, den nichtjüdischen Anteil innerhalb der galiläischen 40 Lindemann 2011, 480. Dinkler 1984, 31, Anm. 16 berichtet, dass ihm aus dem Nachlass etwa 100 Blätter von Text-Vergleichstabellen vorliegen, die von Soden als Vorarbeit (!) erstellt hatte. 41 Grundmann 1940. Zu dieser Schrift ausführlich Deines 2007. 28 Hans von Soden als Neutestamentler Bevölkerung über Gebühr zu betonen. Sodann wendet er sich gegen die von Grundmann übernommene – wie er sagt – „grundlose These“ des Lutherforschers Reinhold Seeberg, der durch die Erwähnung der nichtjüdischen Frauen Thamar, Rahab, Ruth und Bathseba im Stammbaum Jesu nach Matthäus eine Linie zu Maria, der Mutter Jesu, gezogen hatte, die er ebenfalls als Nichtjüdin ansah. Reinhold Seeberg ist damals wohl der erste akademische Theologe gewesen, der die populäre These, Jesus sei Arier gewesen, unterstützte.42 Sekundiert wurde dieser Versuch seinerzeit von Emanuel Hirsch, der sich die Verschiedenheit der Namen des Großvaters Jesu in den Stammbäumen des Matthäus und des Lukas zunutze gemacht hatte, um zu vermuten, der wahre Name sei hier unterdrückt worden, nämlich Panthera, der römische Soldat, der nach dem römischen Philosophen Celsus und einer älteren Legende der wahre, leibliche Vater Jesu gewesen sei.43 Von Soden beurteilt diese Bemühungen folgendermaßen: „Wissenschaftlich betrachtet setzen alle diese Vermutungen die Überzeugung von der nichtjüdischen Herkunft voraus und können sie somit ihrerseits nicht stützen“ (152). Grundsätzlich sagt von Soden zum Argument der Herkunft Jesu und seiner Bedeutung für den Glauben: „Der Glaube lebt nicht von Wahrscheinlichkeiten, und so ist es theologisch gleichbedeutend, ob man Jesus ablehnt, weil er wahrscheinlich jüdischen Blutes ist, oder an ihn nur glauben zu können meint, wenn er dies wahrscheinlich nicht ist. Die Frage, vor die unser deutsches Volk in Christus gestellt ist, ist nicht die seiner Herkunft“ (152). Auf die andere Frage ‚Wie stand Jesus in seiner Botschaft und als geschichtliche Erscheinung zum Judentum?‘ hatte Grundmann Jesus in einemgrundlegendenGegensatz undKonfliktmit dem Judentumdargestellt. In dieser Arbeit vermochte von Soden „im einzelnen viel Richtiges und Wichtiges“ (153) zu entnehmen, betonte aber gleichzeitig: „Aus überwiegend (wenn auch nicht durchweg) richtigen Einzelzügen wird durch Zusammensetzung und Weglassung ein Bild geschaffen, das im Wesentlichen mehr falsch als 42 Zu diesem Thema Fenske 2005. 43 Kollmann 2009, 26–31. Er beleuchtet die Hintergründe der Legende des nichtjüdischen Vaters Jesu und deren Rezeption im Umfeld der deutschen Christen. 29 Friedrich W. Horn richtig ist und gerade zum tiefsten und eigentlichen Gegensatz Jesu zum Judentum nicht vordringen lässt“ (153). Von Soden betont gegen Grundmann, dass er mit einem verzerrten, einseitigen Bild des Judentums arbeitet, mit dem der verhärteten und antichristlichen Reaktion, dass das Judentum zur Zeit Jesu in Wahrheit aber vielgestaltig und durchaus von inneren Gegensätzen durchzogen gewesen sei. Innerhalb dieser lebendigen innerjüdischen Konflikte bewegt sich nach von Soden auch Jesus, etwa bei den Sabbatkonflikten, die von Grundmann allerdings verschwiegen oder, sofern es positive jüdische Parallelen zur Verkündigung Jesu gibt, einfach übergangen werden. Der Gegensatz zum Judentum seinerzeit wird von Grundmann dahingehend ausgeweitet, dass er das Alte Testament als gemeinsame Grundlage für Jesus und das Judentum bestreitet. Demgegenüber betont von Soden: „Die Freiheit Jesu gegenüber dem Alten Testament ist die des Verstehens und nicht die des Verwerfens, und dass Jesus über das Alte Testament hinauswächst . . . , hat zur Voraussetzung, dass er sich am Alten Testament nicht ‚ärgert‘, sondern ihm glaubt“ (155). So klar von Soden sich hier positioniert, so deutlich ist aber auch er den von Grundmann aufgeworfenen Fragen zugänglich, wenn er etwa in der Menschensohnchristologie einen „kräftigen Einschlag aus arischer (iranischer) Tradition“ attestiert, um aber gleichzeitig festzuhalten, dass diese ursprünglich nichtjüdischen Gedanken „im Judentum der Zeit Jesu ja aufgenommen und ausgebildet“ wurden, also „eine Linie im Judentum selbst darstellen“ (155). Deutlicher gegen Grundmann, dem er ungeschichtliche Willkür vorhält, liest sich schließlich die Auseinandersetzung um den Messiastitel. Grundmann hatte behauptet, Jesus habe diesen jüdischenMessiastitel abgelehnt und demgegenüber den unjüdischen Gottessohntitel bevorzugt. Roland Deines hat in seiner Aufarbeitung des Buches Grundmanns gezeigt, dass die Reaktionen in Form von Rezensionen, StellungnahmenundBesprechungendurchdieKollegenunter den Neutestamentlern es letztlich Grundmann leicht machten, auf seiner Position zu beharren.44 Er verweist auf eine BesprechungWerner Georg Kümmels, die in Konzessionen endet: „Unsere Quellen 44 Deines 2007, 123–126. 30 Hans von Soden als Neutestamentler zeigen nichts Anderes, als dass Jesus ebenso gut Jude wie Nichtjude der Rasse nach gewesen sein kann wie seine Landsleute, Anhänger wie Gegner in Galiläa. Und selbst wenn Jesu Familie nicht rein jüdischer Abstammung gewesen sein sollte, so besteht keinerlei Sicherheit, dass die galiläische Bevölkerung nicht semitischer Rasse gewesen ist“.45 Otto Merk hat einmal darauf hingewiesen, dass seitens der Neutestamentler im gelehrten Diskurs Grundmannwidersprochen wurde, dass sich aber die Kritik stets nur auf das exegetische Detail und nie auf die dahinter stehende politische Motivation bzw. mörderische Konsequenz für das damalige Judentumbezog.46 Deines bemerkt daher zuHans von Soden, dass „eine grundsätzlicheAbsage andiese FormderDistanzierungvom Judentum auch hier unterbleibt“.47 Auf von Sodens Stellungnahme zu dem 1937 erschienenen Buch des Rostocker Theologen M. Erich Winkel48 ‚Das ursprüngliche Evangelium, befreit von den erst nachträglich angebrachten dogmatischen Änderungen und Zusätzen, aus den ältesten Texten der Evangelienhandschriftenwieder gewonnen und imRhythmus des Urtexteswort- und sinngetreu insDeutscheübertragen‘möchte ich nicht ausführlich eingehen.49 A. Erich Winkel, ein Privatgelehrter, dessen Vater das gewünschte Theologiestudium dem Sohn verboten hatte, betätigte sich vornehmlich in astrologischen Studien. Er war von 1923 bis 1938 Schriftleiter der Astrologischen Blätter, einer Zeitschrift der Berliner astrologischen Gesellschaft. Noch heute findet man im Internet einen großen Artikel über Winkel in wiki.astro.com.50 Winkel durfte allerdings im Alter von 43 Jahren ohne ein theologisches Studium durch Einflussnahme der Deutschen Christen und der Nationalsozialisten die erste theologische Prüfung ablegen, wurde 1939 in Jena kumulativ nach bestandener Prüfung mit der Benotung rite promoviert und war angeblich 45 Kümmel 1941.Merk 2005, 109 (sowie Anm. 11 und 12) verweist darauf, dass Kümmels Besprechungen in denLiteraturberichten der ThR 14, 1942 und 17, 1948, den „Nachweis unhaltbarer tendenziöser, zeitverhafteter Konzeption des Jenaer Neutestamentlers [ . . . ] entfaltet“ haben. 46 Merk 2005, 108–111. 47 Deines 2007, 124, Anm. 227. 48 Winkel 1937. 49 Soden (Hans von) 1939. Ausführlich dazu Dinkler 1984, 27 f. 50 M. Erich Winkel [20.05.2012], in: www.wiki.astro.com/astrowiki/de/. 31 Friedrich W. Horn hernach, wie von Soden in einer Fußnote unter Bezugnahme auf eine Mitteilung Winkels kundtut (214*), zum Rostocker Universitätsprediger ernannt worden. Ich vermute allerdings, dass von Soden hier möglicherweise einer irreführenden Auskunft Winkels aufgesessen ist, da diese Berufung aus der gründlichen Recherche von Sabine Pauli (Pettke) nicht bestätigt wird. Hier müsste allerdings etliches zur Person Erich Winkel, zur damaligen Rostocker Fakultät und zur Landeskirche gesagt werden. Sabine Pauli (Pettke) hat den ‚Fall Winkel‘ in einem Aufsatz zur Rostocker Fakultät präzise aufgearbeitet.51 In dem Werk Der Sohn,52 das seine Nähe zum völkischariosophischen und nationalsozialistischen Gedankengut deutlich machte, wollte Winkel nachweisen, dass und wie die christliche Religion durch jüdische Einflüsse verfälscht worden sei. Winkel hatte in einem anderen Werk durch umfangreiche textkritische und textgeschichtliche Arbeiten den Versuch unternommen, einen ursprünglichen Text des Markusevangeliums zu erstellen, um sodann auf dieserGrundlage ein kritisch gesichertes Bild derVerkündigung und der Geschichte Jesu zu gewinnen. Von Sodens Urteil zu Beginn seiner Besprechung der Arbeit Winkels ist vernichtend: „Die Nachprüfung zeigt jedoch, dass er weithin einen Text übersetzt, der eine Grundlage in der handschriftlichen Überlieferung überhaupt nicht hat und nur auf Vermutungen über ältere Formen beruht“ (217). Gleich zu Beginn der Besprechung muss von Soden auf peinliche Übersetzungsfehler hinwiesen. Winkel verwechselt in Mk 1,19 katartizein mit katharizein, also flicken mit reinigen, und von Soden kommentiert, dass solches „bei Prüfungen von Studenten gelegentlich begegnet, bei Dozenten der neutestamentlichen Wissenschaft aber nicht vorkommen sollte“ (218). Dennoch, und das zeichnet von Soden alsWissenschaftler aus, geht diesemUrteil eine höchst detaillierte Überprüfung der gewählten TextgrundlagenWinkels voraus.Wieso diese Arbeit –wirdmanch einer fragen, wenn es abschließend heißt: „UmWinkels willen hätte der Bericht ja nicht so lang zu werden brauchen, und für mich war es nicht eben angenehm, ein Faß auszutrinken, dessen Inhalt sich nach den ersten Proben als Essig erwies.Winkels Buch bietet an sich garnicht 51 Pauli (Pettke) 2004, 55–60. Daneben auch Heinonen 1978, 222–225. 52 Winkel 1935, 496. 32 Hans von Soden als Neutestamentler die Grundlage für wissenschaftliche Erörterung. Er kann und will nur auf Unkundige wirken . . . Winkel handelt genau so, wie ein Archäologe handeln würde, der bei einer Ausgrabung Stücke beseitigt, die zu der ihm vorschwebenden Rekonstruktion der auszugrabenden Bauten oder Bildwerke nicht passen“ (237). Schließlichdas abschließendeUrteil zuWinkels Forschungen: „krankhafte Einbildungen, objektiv: verwerfliche Fälschungen“ (238). Hat von Soden mit dieser ausführlichen Beschäftigung mit dem Werk Winkels diesem nicht vielleicht zu viel Ehre erboten?53 Und war es für von Soden nicht an falscher Stelle undmit viel Aufwand, aber doch unnötig eingesetzte Zeit, so detailliert auf den philologischen und theologischen UnsinnWinkels einzugehen? Die gleiche Frage würde ich auch an von Sodens ausführliche Beschäftigung mit der Broschüre des Ehepaars Ludendorff richten. Die Antwort mag bejahend ausfallen, dennoch erkenne ich folgende Beweggründe und möchte sie ausdrücklich respektieren und würdigen. Von Soden geht von der grundlegenden Beziehung wissenschaftlicher Theologie und kirchlichem Handeln aus. Da durch Winkel in Rostock wie auch durch Grundmann in Jena seitens der Nationalsozialisten durch Verzicht auf alle bestehenden wissenschaftlichen Standards massiv Einfluss auf Universität und Kirche genommenwurde, in Besetzungsfragen von Professuren und in Umbenennungen von Lehrstühlen, war die kritische Auseinandersetzung im Interesse von Kirche und wissenschaftlicher Theologie gefragt. Von Soden mischt sich nicht in alles und jedes ein, sondern sucht als Neutestamentler die Auseinandersetzung auf dem Feld, das er seit Studienzeiten beherrscht, der Textkritik,54 und er weist Erich Winkel durch Wissenschaft, durch Sachargumente in die Schranken.55 53 Pauli (Pettke) 2004, 55, Anm. 96, verweist auf weitere Rezensionen zu Winkels Schrift und auf eine als Manuskript gedruckte Antwort Winkels auf von Sodens Stellungnahme aus dem Jahr 1939. 54 Dinkler 1984, 32: „Wenn auch von Sodens kirchenpolitisch brisante Abhandlungen über Winkels erdichtetes Markusevangelium oder über das Thüringer Volkstestament nur auf der Basis der besonderen Kenntnisse der griechischen Handschriftenüberlieferung möglich waren“. 55 Nach Dinkler 1984, 28, Anm. 12, musste sich Winkel in der Folge der Besprechung von Sodens aus der Lehre zurückziehen. 33 Friedrich W. Horn Mit dem Pamphlet des Ehepaars Erich und Mathilde Ludendorff, einer in erster Auflage im Jahr 1936 gedruckten 32-seitigen Broschüre,56 hatte sich seinerzeit wohl aus ähnlichen Interessen wie von Soden auch Kurt Aland57 auseinandergesetzt. Seine Schrift Wer fälscht? Die Entstehung der Bibel, zu den Enthüllungen E. und M. Ludendorffs hatte in kurzer Zeit eine hohe Auflage erreicht; eine noch größere Verbreitung verzeichnete die Entgegnung des katholischen TheologenKarl Pieper.58 Von Soden schließt seine Besprechung59 mit den Worten: „Das Wort Gottes hat von solchen Angriffen der Unwissenheit und der Lüge nichts zu fürchten. Zu fürchten hat nur ein Volk, das sich von solchen Verführern verführen ließe, abzufallen von dem, was seinen Vätern Licht und Kraft gewesen ist“ (145). Ich möchte jetzt nicht ausführlich referieren, was das Ehepaar Ludendorff im Einzelnen in ihrer Broschüre ausführt und welche Entgegnung von Soden im Detail gibt. Es wäre ein abendfüllendes Thema, sich ausführlich mit dem von Ludendorffs ins Leben gerufenen Bund für Gotterkenntnis und seiner Nachgeschichte zu befassen. In der wissenschaftlichen Haltlosigkeit dieser Broschüre hat von Soden es in seiner Replik leicht, da er wieder von seinem Spezialgebiet aus, also der Textgeschichte, die Auseinandersetzung führen kann. Das antisemitisch eingestellte Ehepaar Ludendorff hatte abenteuerliche Thesen zur Textgeschichte des Alten und Neuen Testaments verbreitet, ohne über philologische und textkritische Grundkenntnisse zu verfügen. Sie versuchen den Nachweis zu führen, dass das Alte Testament die bei weitem jüngste Niederschrift unter allen vor unserer Zeitrechnung entstandenen Religionen sei (139). Dagegen hält von Soden fest, der hebräische Kanon sei „etwa umdieWende des 1. Jahrhunderts nach Chr., eben im Zusammenhang mit der Konzentration des palästinischen Judentums auf seine alte Überlieferung und seiner Scheidung von der ins Christentum übergehenden griechischen Diaspora zum Abschluss gekommen, nicht im 11. Jahrhundert“ (142 f.). Von Soden hält ihnen ‚literarische Hochstapelei‘ vor, da sie über das Hebräische dozieren wollen ohne Hebräisch zu 56 Ludendorff 1936. 57 Aland 1936. 58 Pieper 1937. 59 Soden (Hans von) o.J. 34 Hans von Soden als Neutestamentler können (141). Auf dem Umschlag der Broschüre der Ludendorffs sei eine hebräische Schriftrolle abgebildet, bei der die Schrift peinlicherweise auf dem Kopf steht (140). Hans von Soden als Neutestamentler – wir müssen also darüber sprechen, wie von Soden sich als Wissenschaftler eingesetzt hat, einer verblendeten Ideologie entgegenzutreten, indem er als ausgewiesener Fachvertreter Argumente sammelte und darlegte, die diese Ideologie in ihren vermeintlich wissenschaftlichen Ansprüchen vor dem Forum einer breiten Öffentlichkeit trafen, freilich in der Breite nicht erschüttern und erst recht nicht aufhalten konnten. Wir müssen über die Verantwortung der Wissenschaft für Kirche und Staat sprechen und darüber, dass Wissenschaft sich in die öffentlichenDiskurse einmischenmuss.Diesnehme ich imRückblick auf Hans von Soden als Neutestamentler mit. 35

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References

Zusammenfassung

Neben seinem Freund Rudolf Bultmann war Hans von Soden der führende Kopf der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg. Neben seiner akademischen Tätigkeit nahm er großen Einfluss auf das kirchenpolitische Geschehen seiner Zeit in Nordhessen und darüber hinaus. Insofern prägte er den sog. Kirchenkampf in seiner Landeskirche entscheidend mit. Seine verfassungsrechtlichen Vorarbeiten prägten über seinen frühen Tod hinaus die Strukturen des Neubeginns seiner Landeskirche. – Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die 2012 in der Ev. Akademie Hofgeismar stattfand.