Ulrich Oelschläger, Hans von Soden – Ein Gelehrtenleben zwischen Wissenschaft und Kirchenpolitik in:

Jochen-Christoph Kaiser

Hans von Soden, page 13 - 16

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4076-8, ISBN online: 978-3-8288-6950-9, https://doi.org/10.5771/9783828869509-13

Tectum, Baden-Baden
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Hans von Soden – Ein Gelehrtenleben zwischen Wissenschaft und Kirchenpolitik von Ulrich Oelschläger Für die Einladung zurwissenschaftlichen Tagung über: „Hans von Soden. Ein Gelehrtenleben zwischenWissenschaft undKirchenpolitik“ möchte ich mich herzlich bedanken. Lassen Sie mich eingangs auf den gesamtkirchlichen Rahmen innerhalb der Ev. Kirche in Hessen und Nassau zum Thema Kirchenkampf hinweisen. Die Kirchenleitung der EKHN hat 2008 Herrn Kirchenarchivdirektor Bogs und Herrn Oberkirchenrat i.R. Dr.Grunwald, der heute anwesend ist, beauftragt, die acht „Blauen Bände“ ihrer Kirchenkampfdokumentation wissenschaftlich auszuwerten.DieseDokumentation umfasstmehr als 4.000 Seiten. Die mehr als 40.000 Dokumente wurden von 1960 bis 1996 im Auftrag der Kirchenleitung zusammengetragen, gesichtet und historisch eingeordnet. Karl Herbert, der langjährige Stellvertretende Kirchenpräsident, hat diese Dokumentation bis zu seinem Tode 1995 begleitet. Sie war ihm als langjährigem BK-Mann eine Herzensangelegenheit. Der letzte Vorsitzende der Kirchenkampfkommission der EKHN war Pfarrer i.R. Dr. HermannOtto Geißler, der für die Auswertung als Mitarbeiter gewonnen werden konnte, dessen Arbeit in der Kommission eine verdienstvolle Dissertation über den ehemaligen Landesbischof Dr. Ernst Ludwig Dietrich als zusätzlichen Ertrag hervorgebracht hat.1 Das Forschungsprojekt hat 2009 begonnen und wurde inzwischen abgeschlossen. Inzwischen sind 2 Bände erschienen: Telschow 2013 und Grundwald/Oelschläger 2014. Insgesamt zwölf Autorinnen und Autoren wirkten an dieser Auswertung mit. 1 Geißler 2012. 13 Ulrich Oelschläger Der erste Band enthält die umfangreiche Regionalstudie zu Frankfurt. Der zweite Band konzentriert sich auf Sachthemen wie z.B. „Kirchenkampf und Verwaltung“, „Kirchenkampf und Diakonie“, „Kirchenkampf und Juden“. Letzteres Thema habe ich selbst bearbeitet. Ein Band mit den Regionalstudien zu den einzelnen Propsteibereichen – eigentlich als erster Band geplant – steht noch aus. Lassen Sie mich, meine sehr geehrten Damen und Herren, Folgendes hinzufügen: Der Kirchenleitung kam es nicht nur darauf an, einen zeitgeschichtlichen Beitrag zum Kirchenkampf in der EKHN zu leisten. Sie legte bei der Bewilligung des Projektes auch großenWert darauf, mit dem Forschungsvorhaben einen wesentlichen Beitrag zur Erinnerungskultur an die Zeit des Kirchenkampfes zu initiieren. Was heißt in diesem Zusammenhang, die Erinnerungskultur der EKHN zu stärken? Prof. Harry Oelke, der Vorsitzende der EKD- Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte, hat die Zielrichtung wie folgt markiert: „Das komplizierte Verhältnis von Nationalsozialismus und Kirchen hat sich im zurückliegenden Jahrhundert auf die lange Reise vom kommunikativen Gedächtnis der Zeitzeugen über das kollektive Gedächtnis der kirchlich interessiertenKlientel bis zumkulturellenGedächtnis in derGegenwart gemacht. Zukünftigwird sich die Frage stellen, wie dasWissen um die kirchliche Geschichte in der NS-Zeit ein integrativer Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses in Deutschland bleiben kann.“ Mir ist es eine besondere Freude, heute an dieser wissenschaftlichen Tagung über Hans von Soden teilzunehmen. Ich darf Ihnen die herzlichen Grüße von Herrn Kirchenpräsident Dr. Jung und der Kirchenleitung überbringen und Ihnen ein gutes Gelingen dieser Tagung wünschen. Danken möchte ich aber auch Frau Oberkirchenrätin i.R. Bernhardt, die von Anfang an die Konzeption und die Durchführung dieser Tagung mit Hilfe ihrer Familie begleitet hat. Sie hat als langjährige Leiterin der Kirchenverwaltung der EKHN, neben juristischen Akzenten, sich immer auch um die historischen Aspekte gekümmert und das gesamtkirchliche Projekt 2009 als Kirchenleitungsmitglied mit auf den Weg gebracht 14 Ein Gelehrtenleben zwischen Wissenschaft und Kirchenpolitik – herzlichen Dank dafür. Dank gebührt aber auch und vor allem Herrn Prof. Dr. Jochen-Christoph Kaiser der dieses wichtige Projekt zur Erforschung kirchlicher Zeitgeschichte zusammen mit Herrn Oberkirchenrat i.R. Dr. Grunwald auf denWeg gebracht hat. Herr Dr. Grunwald leitet zusammenmitHerrnKirchenarchivdirektor Bogs das gesamtkirchliche Projekt der EKHN. Ich habe in den blauen Bänden nachgesehen und mehr als 30 Stellen gefunden, die sich mit dem Wirken von Hans von Soden und insbesondere der Kooperation mit der damaligen Nassau- Hessischen Landeskirche befassen. In unserer Auswertungsarbeit wird darüber hinaus das Gutachten der Marburger Fakultät zum Arier-Paragraphen, das Hans von Soden verfasst hat, gewürdigt. In meiner nahezu 40-jährigen Arbeit als Gymnasiallehrer habe ich – zudem als Sohn eines Pfarrers, der stolz war auf seine Vergangenheit in der bekennenden Kirche – das Thema Kirche im Nationalsozialismus nie ausgespart. Und die Gegenüberstellung des Marburger und des Erlanger Gutachtens zum Arierparagraphen bzw. zur sogenannten „Judenfrage“ hat dabei immer eine wichtige Rolle gespielt. Gern habe ich dann in dem Zusammenhang die theologische Beständigkeit der neutestamentlichen Wissenschaft, die Orientierung der Exegeten am biblischen Text gegen die Anpassungsfähigkeit der Systematiker ausgespielt. Doch musste ich im Laufe eigener Forschungstätigkeit immer mehr erfahren, dass eben nicht alle Exegeten waren wie Hans von Soden, bedenkt man zumBeispiel, dass auch einNeutestamentler aus unseremKirchengebiet am sogenannten „Entjudungsinstitut“, genauer am „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben“ in Eisenach mitgearbeitet hat, zeitweise sogar dessen Leiter wurde und es nach 1945 erhalten wollte. Umso dankbarer müssen wir an einen Wissenschaftler wie Hans von Soden erinnern. Die Zeit ist reif für eine Kultur der Erinnerung, und zwar in jeder Hinsicht. Ich habe dies einmal 1996 gespürt, als ich in meinerHeimatgemeinde Fürfeld, einemkleinen rheinhessischenDorf, zusammen mit dem damaligen Propst Hermann Petersen anlässlich des hundertsten Jubiläums der Fertigstellung des Pfarrhauses predigte. Als ich in meinem Beitrag daran erinnerte, dass im Jahr zuvor im gleichen Dorf die 1938 zerstörte Synagoge eingeweiht 15 Ulrich Oelschläger wurde und die Pfarrer beider Konfessionen zusammen mit dem Rabbiner dabei waren und dass der aus diesem Dorf stammende Historiograf der EKHN, Prof. Heinrich Steitz, bei dem Rabbiner dieses Dorfes noch vor 1933 seinen ersten Hebräischunterricht erhalten hat, konnte ichmich über viel Zustimmung freuenwie auch über meinen Satz: „Unser Dorf ist durch das, was im sogenannten Dritten Reich passiert ist, ein Stück ärmer geworden.“ SeinenDank sprach sogar der Sohn des ehemaligen Ortsgruppenleiters aus, der mich 20 Jahre zuvor noch beschimpft hätte für eine ähnliche Erinnerung. Ich möchte durch diese kleine Geschichte aus dem eigenen Erfahrungsbereich nicht ablenken vomWerk und vom segensreichen Wirken Hans von Sodens, sondern das untermauern, was meine feste Überzeugung ist, und dies in einem Wortspiel ausdrücken: Die Zeit ist reif für die Erinnerung, es wird aber auch Zeit zu erinnern! Deshalb noch einmal vielen Dank allen, die diese von der EKKW und der EKHN gemeinsam unterstützte Tagung möglich gemacht haben. 16

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Zusammenfassung

Neben seinem Freund Rudolf Bultmann war Hans von Soden der führende Kopf der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg. Neben seiner akademischen Tätigkeit nahm er großen Einfluss auf das kirchenpolitische Geschehen seiner Zeit in Nordhessen und darüber hinaus. Insofern prägte er den sog. Kirchenkampf in seiner Landeskirche entscheidend mit. Seine verfassungsrechtlichen Vorarbeiten prägten über seinen frühen Tod hinaus die Strukturen des Neubeginns seiner Landeskirche. – Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die 2012 in der Ev. Akademie Hofgeismar stattfand.