Sigrid Bernhardt geb. von Soden, Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie oder Begegnungen im Rückblick: Facetten einer faszinierenden Persönlichkeit in:

Jochen-Christoph Kaiser

Hans von Soden, page 115 - 150

Leben und Werk

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4076-8, ISBN online: 978-3-8288-6950-9, https://doi.org/10.5771/9783828869509-115

Tectum, Baden-Baden
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Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 115 Das Wort Erinnerungen suggeriert, dass eine Vielzahl von erlebten Eindrücken innerhalb der Familie an die Person Hans von Soden vorhanden sei. Solche Erinnerungen gibt es aber nicht. „Begegnung“ im Rückblick oder durch Rückblick habe ich deshalb, was ich vortragen kann, genannt. So gesehen findet unsere Begegnung mit Hans von Soden erst jetzt statt mittels des Rückblicks. Und was wir dabei entdeckt haben, sind Facetten einer faszinierenden Persönlichkeit. Machen wir es uns klar anhand dieser Übersicht über vier Generationen, die sich mit der Generation von Hans von Soden überschnitten haben. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie oder Begegnungen im Rückblick: Facetten einer faszinierenden Persönlichkeit von Sigrid Bernhardt geb. von Soden Gabriele von Schaedtler * 1852 † 1925 Hermann von Soden * 1852 † 1914 El te rn Hans von Soden * 1881 † 1945 Dorita * 1883 † 1928 Gabriele * 1884 † 1970 Margot * 1888 † 1970 Ingeborg * 1891 † 1925 Renata * 1894 † 1963 Silvretta * 1895 † 1922 Alhard von Soden * 1897 † 1915 Ge sc hw is te r 1. Ehe: 1907–1919 Magdalena von Möller * 1883 † 1919 2. Ehe: 1921–1945 Hedwig von Möller * 1877 † 1963 E he fra ue n Ekkehard * 1910 † 1973 Otfried * 1912 † 1942 Wolfram * 1908 † 1996 Ki nd er Sigrid * 1948 Ursula * 1944 † 1946 Hildegund * 1941 Friedrun * 1939 † 2010 Wiltrud * 1937 Irmhild * 1936 Silvretta * 1942 Rotraut * 1939 Dieter * 1938 Ingelore * 1932 Heiko * 1941 Almut * 1939 Susanne * 1943 En ke l 21 Urenkel 35 Ur-Urenkel Sigrid Bernhardt 116 Wir sehen: • die Generation der Eltern von Hans: Gabriele und Hermann von Soden. Sie reichte bis in das Jahr 1925, das Todesjahr von Gabriele. • die Generation von Hans und seinen sieben Geschwistern: sie reichte bis in das Jahr 1970. Hans von Soden selbst lebte aber nur bis 1945 • die Generation der Söhne Wolfram, Ekkehard und Otfried: sie reichte bis in das Jahr 1996 • und schließlich die Generation der Enkelinnen und Enkel. Sie sind es, die heute leben, die selbst Kinder und Enkel haben. Von den Enkeln war die älteste, meine Schwester Irmhild von Drachenfels, neun Jahre alt, als unser Großvater starb. Das Foto zeigt sie mit ihrem Großvater. Sie könnte kindliche Erinnerungen haben, die sie jedoch nicht hat, was sicherlich auch mit den sehr schwierigen Zeiten bis 1945 zusammenhängt, als die Kinder mehr mit ihren Verhältnissen zu Hause und im Luftschutzkeller als mit dem in einer anderen Stadt lebenden Großvater beschäftigt waren. Da wurde vieles überdeckt. Die einzige aus der Enkelgeneration, die die kindlichen Erinnerungen hat, ist meine Schwester Wiltrud Ott, die zum Zeitpunkt seines Todes acht Jahre alt war – hier mit ihrem Großvater. Darauf komme ich später zurück. Da wir auch keine noch lebende Person unter den heute 80- bis 90-jährigen kennen, die unseren Großvater gut gekannt hat, mussten wir Enkel also Erinnerungen in uns selbst erst aufbauen anhand von Briefen, Bildern, schriftlichen Berichten, Büchern, Dokumenten. Damit began- Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 117 nen wir langsam vor einigen Jahren bei unseren damals neu eingeführten sporadisch stattfindenden „Cousinentreffen“. Von unseren Vätern hatten wir fast gar nichts erfahren. Der Jüngste, Otfried, war früh verstorben, und die beiden anderen gehörten zu der in Bezug auf persönliche Erinnerungen meist schweigsamen Generation derer, die die NS- Zeit und den zweiten Weltkrieg durchlebt und überlebt hatten. Und wir gehörten zur Generation derer, die die Väter nicht viel fragten. Im Vorfeld dieses Tagungsprojekts begann das intensive Suchen in Fotos, Briefen, Büchern, Monographien und sonstigen Materialien. Die Briefe – soweit sie handschriftlich verfasst waren – wurden zum größten Teil von unserem Familienfreund Dieter Emmerling – Tag für Tag mit Lupe – in allgemein lesbare Schrift übertragen. Einen anderen Teil, weitgehend Briefe zwischen Hans von Soden und seinem Sohn Otfried, übertrug unsere Cousine Susanne Heßdörfer. Sie suchte auch die Archive in München1 auf, in denen bestimmte Bestände über unseren Großvater bzw. unsere Familie aufbewahrt sind, und half mir mit vielen Einzelrecherchen. Einen großen Bestand an Familienunterlagen, den wir bei der Haushaltsauflösung in den Sachen meines Vaters Wolfram von Soden gefunden hatten, scannte meine angeheiratete Nichte Katrin Ott ein und erstellte davon eine CD. Allen Genannten danke ich, ebenso meinen Schwestern und weiteren Cousinen hier und in Afrika und meinem Vetter mütterlicherseits, Hans Leuschner, die mir Material zur Verfügung gestellt haben. Im Ergebnis liegen Briefe vor, die Hans von Soden an seinen jüngsten und an seinen ältesten Sohn und deren Ehefrauen geschrieben hat, aber auch umgekehrt von diesen an ihn gerichtete Briefe, außerdem von Freunden, Schwestern, Schülern, Assistenten. Seine Schwester Gabriele, genannt Lele, hat ihrem nach Namibia ausgewanderten Sohn schriftliche Erinnerungen hinterlassen, die wir jedoch nur in Bruchstücken aus einem mail-Verkehr mit der dortigen Enkelgeneration kennen. Ebenso liegen einige Erinnerungen vor, die er für seine Kin- 1 Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Familienarchiv von Soden-Fraunhofen, München. Sigrid Bernhardt 118 der, Enkel und Schüler geschrieben hat,2 außerdem autobiographische Aufzeichnungen für die Zwecke des Entnazifizierungsverfahrens. Durch Hinzunahme von Veröffentlichungen von ihm und über ihn entstand zunehmend ein lebendiges Bild der Persönlichkeit unseres Großvaters, das aus interessanten, überraschenden Facetten besteht: Entwicklungsstufen genauso wie Begabungen, Neigungen und Hinwendungen. Die Theologie rechne ich nicht zu diesen Facetten – falls Sie sie im folgenden vermissen – denn sie umspannt alles bei ihm, auch jeden seiner Aussprüche. Sie ist nicht nur Teil seiner Person, sondern die ganze. Und sie kommt auf dieser Tagung in anderen Referaten zur Geltung. Unser Großvater war ein großer Briefeschreiber vor dem Herrn. Die Briefe sind lang, ausführlich, auf alles, was der jeweilige Adressat geschrieben hat, eingehend, dabei immer hilfreich, sorgfältig. Wenn ich darüber spreche, komme ich ins Schwärmen. Am liebsten hätte ich das ganze Referat nur aus Briefzitaten aufgebaut, nur meinen Großvater sprechen lassen. Aber wenn dies mündlich vorgetragen wird, ist ganz schnell jede Zeitgrenze überschritten, und es würde auch nicht helfen, die Zitate bis zur Unkenntlichkeit zu kürzen. Kommen wir deshalb nun zu den einzelnen Facetten. Facetten sind glitzernde Strukturen. Wenn man darauf guckt, zeigt sich schnell wechselnd ein verändertes Bild. So ist es mit menschlichen Facetten auch. Und so will ich von unserem Großvater 10 Facetten zeigen und dabei ihn selbst möglichst viel zu Wort kommen lassen. 2 Nicht veröffentlicht. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 119 1. Elternhaus und Prägung Hans von Soden kam am 04.11.1881 in Striesen bei Dresden zur Welt. Er wuchs als Ältester unter 6 Schwestern und einem Bruder auf. Die Eltern waren Pfarrer Hermann von Soden und Gabriele von Soden geb. von Schädtler. Das Foto zeigt sie mit ihrem Ältesten Hans. Sigrid Bernhardt 120 Vater Hermann von Soden war zur Zeit der Geburt seines ersten Kindes Hans Gemeindepfarrer in Striesen bei Dresden. Nach einem Jahr dort wechselte er die Stelle und ging mit seiner Familie in eine Gemeinde in Chemnitz. Die berufliche Tätigkeit des Vaters als Gemeindepfarrer war wichtige Prägung für Hans von Anfang an. Hans von Soden in seinen Erinnerungen: „Ich habe nie etwas anderes werden wollen als was mein Vater war: Pfarrer. Bestimmend waren für mich … die in meiner Kinderzeit an allen Sonntagen gut gefüllte, an den Festtagen stets überfüllte Kirche meines Vaters einerseits und die Besuche von Trauernden und die damals fast täglichen Fahrten auf den Friedhof. Ich sagte mir, dass sein Beruf offenbar sehr vielen Menschen diene und ihnen in ihrem schwersten Erleben Hilfe bringe.“ Die ersten Kindheitsjahre verbrachte Hans im väterlichen Pfarrhaus in Chemnitz. 1887 zieht die Familie nach Berlin. Dort wird der Vater – Hans ist 6 Jahre alt – Gemeindepfarrer der Jerusalemskirche und 8 Jahre später Honorarprofessor an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Hans begleitet den Vater mit zunehmendem Alter intensiv bei beiden beruflichen Tätigkeiten. Er schildert in seinen Erinnerungen die ersten Jahre seiner Kindheit ganz aus der Sicht des Vaters. Während ein anderer vielleicht auch die Mutter und die Geschwister beschrieben hätte – gerade in den ersten Jahren des Lebens – finden diese bei Hans – außer der Zahl bzw. dem Namen nach – keine Erwähnung. Aus der ersten Zeit berichtet Hans nur über die jeweiligen Beweggründe des Vaters für seine Gemeindestellenwechsel. Nach Berlin, so berichtet er – geht man wegen der größeren Pfarrwohnung, die in Chemnitz für die wachsende Familie zu klein war. Die Wohnung in Berlin beschreibt Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 121 Hans mit einigen Worten und kommt dann endlich zu sich selbst mit der Feststellung: „In diesem Pfarrhaus bin ich aufgewachsen“. Hier in Berlin beginnt für ihn also das Leben. Dort absolviert er die Schulzeit so schnell wie möglich – ein halbes Jahr wird ihm zum Schluss auf Antrag „geschenkt“, wie er sich ausdrückt. Die Familie hatte ein Feriendomizil, das Rittergut Grüngräbchen in Sachsen. Lange nach dieser Zeit, im Mai 1942, schreibt Hans von Soden an seinen Sohn Wolfram, der zu der Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg in Meißen stationiert ist: „Du kannst natürlich, wenn Du willst, einmal nach Grüngräbchen fahren. Du weißt ja wohl, dass meine Eltern seinerzeit im dortigen Schloss eine ständige Sommerwohnung hatten, in der ich die Ferien in meiner Primaner- und Studentenzeit zugebracht habe. Ich habe eigentlich nur glückliche Erinnerungen an diese Zeit. Ich liebte den Wald und habe ihn mit und ohne Gewehr nach allen Richtungen durchstreift.“ Vater Hermann schreibt im Sommer 1902 spürbar genussvoll aus den Ferien in Grüngräbchen an seinen Vater Theodor in Esslingen: „Lieber Vater, ich stecke trotz der Ferien so im Korrekturlesen und Manuscriptvollendung, dass ich, da ich dazwischen doch auch radeln, baden, Böcke schießen muss, Tag um Tag auf ein freies Stündchen hoffte Dir zu schreiben … Am 16. [das war Hermanns 50. Geburtstag] läutete mich die Glocke auf dem Türmchen aus dem Schlaf. Nach steten Wolkentagen brach ein einzig schöner Sonntag an. Unter den Linden, wo wir mit Dir stets so gemütlich saßen, standen die 8 Kinder und besangen mich mit Meisterversen von Hans, jedes sinnig geschmückt.“ Die Verse von Hans sind überliefert. Sigrid Bernhardt 122 Das Musizieren hat in der Familie von dem sehr musischen Vater Hermann her Tradition und wird besonders in Grüngräbchen gepflegt, ebenso wie gesellschaftlich/verwandtschaftliches Leben, lange Radtouren mit vielen Fahrrädern. Nach den Schilderungen von Hans’ Schwester Gabriele, hatten die Acht eine sehr glückliche Kindheit. Als Student bleibt Hans von Soden im Elternhaus in Berlin. In seinen Erinnerungen schreibt er: „In Berlin ist neben meinem Vater vor allem Adolf Harnack mein Lehrer geworden; er wurde für mich der Lehrer.“ Das Foto zeigt ihn mit dem verehrten Lehrer. Hermann von Soden und Adolf von Harnack als prägende Personen für Hans von Soden – was charakterisiert die beiden in ihrer Beziehung zu Hans? Harnack hat offenbar eine ganze Generation von Theologen mit seinen Vorlesungen und Seminaren gefesselt, darunter Dietrich Bonhoeffer, Rudolf Bultmann, Martin Dibelius u.v.m. Er faszinierte sie durch seine mitreißende Art zu lehren, aber zweifellos auch durch die Breite seines Hintergrundes in der Verbindung von liberaler Theologie und Kulturprotestantismus mit Wissenschafts-, Sozial- und Kulturpolitik. Den jungen Hans holte er theologisch dort ab, wo er sich in der Beschäftigung mit den Quellen des Neuen Testaments befand, nämlich in der Kirchengeschichte und im Besonderen im Urchristentum, das übrigens auch eine besondere Leidenschaft von Hermann von Soden war. Harnack beschäftigte sich wie später sein Schüler Hans von Soden u.a. mit den Kirchenvätern, besonders Augustinus. Harnacks Seminare im eigenen Haus übten auf Hans, der sich gern im vertrauten Rahmen bewegte, eine besondere Anziehung aus. Seine Seminarprotokolle, die er als sog. Senior der Seminare verfasste, sind z.T. ver- Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 123 öffentlicht.3 Er zählte zu denen, die Harnack humorvoll als „Dauersenioren“ bezeichnete. Das kennzeichnet zugleich die Nähe, die Hans zu seinem Lehrer hatte. (Bonhoeffer anlässlich Harnacks Trauerfeier 1930: Er kam uns nahe, wie ein Lehrer dem Schüler nahe kommt.) Harnack verband Wissenschaft und Politik. Auch sein Schüler Hans von Soden wurde später sowohl in der Kommunalpolitik – wenn auch verhalten – und in der Kirchenpolitik aktiv. Der liberalen Theologie Harnacks ist Hans treu geblieben, auch in den Zeiten der Auseinandersetzung der deutschen Theologen mit der dialektischen Theologie Bultmanns und Barths, in der er innerhalb der Bekennenden Kirche um Vermittlung bemüht war. Hermann von Soden wird sowohl von einem Studienfreund in dessen Nachruf als auch von seiner Tochter Lele als Frohnatur bezeichnet. Er war künstlerisch veranlagt, musikalisch wie als Dichter und Zeichner. Nach dem Studium in Tübingen, Vikariat und den ersten Berufsjahren in Württemberg entwickelten sich beruflich drei Schwerpunkte: die Arbeit in der Gemeinde, das soziale Engagement (z. B. Leitung eines Vereins für Kinderschutz, außerdem Gründung eines Heimes für Wöchnerinnen) und die Arbeit an der Universität einschließlich des großen neutestamentlichen Textkritikprojekts. Er gehörte außerdem zum Aktionskomitee des Evangelisch-Sozialen Kongresses, wo auch Harnack an entscheidender Stelle mitwirkte. Mit der Arbeit an seinem 1913 vollendeten zweibändigen Buch „Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt“4 verbinden sich auch Reisen zu den Quellen. Hermann liebte Englandreisen am meisten, Hans bekanntlich die Aufenthalte in Rom. Mehr als 40 weitere wissenschaftliche Mitarbeiter beteiligten sich an dem 16 Jahre dauernden Mammutprojekt. Für Hans eröffnete sich in diesem vielseitigen Leben des Vaters eine Welt, in der er sowohl für seine persönliche wie für seine geistige Entwicklung ideale Bedingungen fand. In seinen sorgfältig geführten kleinen Protokollheften aus dem Konfirmandenunterricht notiert er etwas für sein späteres Leben unter der 3 Wischmeyer 2004. 4 Soden (Herrmann von) 1902/13. Sigrid Bernhardt 124 NS-Diktatur sehr Wichtiges: „Unser Gewissen sagt uns, was gut ist: falsch! Nein, wir müssen lernen,was gut ist.“ Er konnte sich in seinem Elternhaus offenbar frei entfalten und so seine in den späteren Briefen und Predigten spürbare Zugewandtheit entwickeln. Der glanzvolle geistige Reichtum und die Vielfalt der Tätigkeiten des Vaters, aber auch seine Liebe zur Natur, zu Musik, Kunst, zu Blumen gehörten mit zu dem, was Hans prägte und ihm einen wachen Blick für Wissenschaft und Kirche, aber auch darüber hinaus gab. All das war für Vater Hermann dennoch nicht ohne Hetze und Stress zu bewerkstelligen. Davon war er schon als Heranwachsender geplagt, als er von den Eltern ins evangelische Internat in Bad Urach geschickt wurde, eines der württembergischen Oberstufengymnasien, die speziell für die Hinführung zum Theologiestudium in Tübingen angelegt waren. Dazu seine Tochter Lele in ihren Erinnerungen: „Die Seminarzeit in Bad Urach war nicht leicht, es war damals alles höchst primitiv und hart, schwere Kopfschmerzen waren die fast ständigen Begleiter meines Vaters.“ Hermann selbst schreibt am Ende eines Urlaubs in Grüngräbchen an seinen Vater: „Montag morgen stehe ich in Dahlem … auf dem Katheder und das Arbeitsleben nimmt wieder jede Minute in Anspruch und spannt jede Sehne. Hätte nur der Tag mehr Stunden, die Zeit fliegt wie ein Windhauch, wie ein Zeppelin über einen hin. Und immer hat man das Nachsehen und die Empfindung, nicht mitzukommen.“ „Es ist tragisch, aber bezeichnend, dass er dem Kampf um die Minute zum Opfer gefallen ist“, so der Studienfreund in seinem Nachruf. Hermann von Soden verunglückte im Alter von 62 Jahren tödlich beim Aufspringen auf einen fahrenden U-Bahn-Zug. Im Ergebnis ist die von Hans von Soden immer wieder betonte und gelebte Verbindung von wissenschaftlicher Theologie und Kirche auch eine Frucht des väterlichen Vorbilds, aber ebenso die Lebensfreude sowie die Einfühlung in die Mitmenschen. Hans von Soden schloss sein Theologiestudium 1905 mit der Promotion zum lic. theol. ab. Seine Dissertation hatte das Thema: „Die Cyprianische Briefsammlung, Geschichte ihrer Entstehung und Über- Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 125 lieferung“. Auf Grund seiner häufigen Romaufenthalte wurde er nahtlos an das Preußische Historische Institut in Rom berufen, wo er vier Jahre blieb. Auch wenn er die 1. Theologische Prüfung nicht ablegte und kein Vikariat machte, wandte er sich früh neben der wissenschaftlichen Haupttätigkeit dem kirchlichen Wirken zu, dies schon in Rom, wo er Pfarramtsvertretungen übernahm und sich Konflikten in der dortigen Gemeinde widmete. Während seiner Breslauer Zeit begann die Zeit des kirchenpolitischen Engagements mit der Mitarbeit in der Verfassunggebenden Kirchenversammlung der Altpreußischen Union. In seinen Erinnerungen beleuchtet Hans von Soden nicht ohne selbstkritische Anteile seine ersten 25 Lebensjahre. Den Gedanken, zum Studium das Elternhaus zu verlassen und nach Tübingen zu gehen, wo der Vater studiert hatte, hatte er fallen lassen, weil er dem Vater weiter bei der Textkritik helfen wollte. Weitere Gründe kommen hinzu. Er selbst schreibt dazu: „Dies [die Assistenz beim Vater] ist der wesentliche Grund gewesen, dass ich Berlin nie verlassen habe. Die starke Anziehung Adolf Harnacks, den ich vom 3. Semester an gehört habe, kam freilich hinzu und verdeckte mir etwas den Blick für die Bedeutung anderer Fakultäten und ihrer Lehrer und den Wert des Studiums an mehreren Fakultäten überhaupt. Eine besondere Neigung zur Selbständigkeit vom Elternhaus hatte ich nicht, schloss mich im Gegenteil an Altersgenossen schwer an, hatte keine Neigung, einer studentischen Verbindung beizutreten, und etwas Scheu, allein an einem fremden Ort zu leben. Nachträglich erscheint es mir fraglich, ob es nicht ein Fehler gewesen ist …“ Sigrid Bernhardt 126 2. Frauen im Leben von Hans von Soden Man kann kaum glauben, dass nur Männer (Vater Hermann und Harnack) Hans beeinflusst haben – wie es nach seinen Erinnerungen scheint – und dass Frauen in Hans’ Leben ohne prägenden Einfluss geblieben sind. Schauen wir deshalb auf die Frauen in seinem Leben: Die erste Frau im Leben von Hans von Soden war naturgemäß seine Mutter Gabriele. Sie zeigt auch außerhalb der Mutterrolle als sog. achtfache Mutter, wie man heute sagen würde, ein besonderes Profil, das sie ihrem Schwiegervater Theodor von Soden gegenüber verteidigen muss. Er fürchtet, dass sie auf der Tagung des Evangelisch-Sozialen Kongresses Pfingsten 1896 in Stuttgart ein Referat zu Frauenrechten halten wird. Denn das hat sie in Berlin schon erfolgreich getan und ist daraufhin gebeten worden, auf der Kongresstagung mitzuwirken. Mit Rücksicht auf den in Esslingen bei Stuttgart lebenden und um seinen Ruf besorgten Schwiegervater lehnt sie die Mitwirkung ab. Aber sie schreibt ihrem Schwiegervater und erläutert ihm ihre aus christlicher Motivation rührende Solidarität für Frauen, die nicht verheiratet oder geschieden und alleinerziehend sind und der Solidarität ihrer verheirateten Schwestern bedürfen. Sie schreibt: „Diesen wollen wir helfen, wir wollen suchen, ihnen ein lebenswerthes Dasein in theilweise geistiger Berufsarbeit zu schaffen, und für uns selbst wollen wir lernen, Töchter zu erziehen, die einerseits fähig sind, allein durch’s Leben zu gehen, andererseits … befähigter sind, einem gebildeten Mann nicht nur eine gute Hausfrau und treue Mutter seiner Kinder zu sein, sondern auch geistig ihm zur Seite zu stehen.“ Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 127 Hans wuchs im Kreise von sechs Schwestern auf. Der einzige Bruder kam erst zur Welt, als Hans 16 Jahre alt war. Die Schwestern gehen teilweise in den Beruf und heiraten nicht, teilweise werden sie Mütter und Hausfrauen. Unter den Berufstätigen sind eine Diakonisse und spätere Oberin, eine Ärztin und eine Berufsmusikerin. Von seiner Großmutter, Clementine von Soden, der Frau des gestrengen (Schwieger)Vaters Theodor in Esslingen, die gemeinsam mit ihrem Mann ein Institut für Höhere Töchter besitzt und leitet, schwärmt Hans von Soden in seinen Erinnerungen: „Meine Großmutter, eine überzeugte und aktive Christin, die wohl wesentlich den Theologen in meinem Vater geweckt hatte, hat mich in meiner Kinderzeit stark beeinflusst; sie hat mich zuerst und mit nachhaltigstem Eindruck in die biblische Geschichte eingeführt und mir zu dieser eine niemals abnehmende Liebe eingepflanzt.“ Die Großmutter war eine starke Frau, unter deren verhältnismäßig frühem Tod der Großvater Theodor zeitlebens sehr litt. Hans hatte väterlicherseits drei Tanten, die er in seinen Erinnerungen erwähnt: Anna, Frieda und Eugenie: „Bei der ältesten war ich im Kindergottesdienst. Sie [Tante Anna] wurde später Diakonisse, hat mich stets innig geliebt und an meinen Studien wie an meiner Berufstätigkeit treulich Anteil genommen.“ Ihre Schwester Eugenie war eine profilierte Vertreterin der bürgerlichen Frauenbewegung und Buch- Sigrid Bernhardt 128 autorin. Alle drei Tanten waren in dem Institut ihrer Eltern als Lehrerinnen tätig Hans lernt im Jahre 1906 seine erste Ehefrau Magdalena von Möller kennen und verlobt sich im selben Jahr mit ihr. Im Jahre 1907 heiraten sie. Sie ist eine hervorragende Pianistin und an der theologischen Fakultät immatrikuliert. Sie nimmt regen Anteil an der Arbeit ihres Mannes. Die Ehe ist sehr glücklich bis zu Lenas frühem Tod 1919. Nach dem Tod seiner ersten Frau Magdalena im Jahre 1919 übernimmt ihre Schwester Hedwig von Möller den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 129 Im August 1920 schließt Hans mit Hedwig von Möller seine zweite Ehe. Er betont in seinen Erinnerungen, dass er damit „zugleich“ einem Wunsch seiner verstorbenen Frau nachgekommen sei. Auch diese Ehe wird sehr glücklich. Es ist kaum vorstellbar, dass auf Hans angesichts seiner Zugewandtheit und Wachheit die Mutter, die Großmutter, die Tanten und die Schwestern – allesamt sehr gestandene Frauen – ohne Einfluss geblieben sind. Seine Schülerin und spätere Freundin des Ehepaares von Soden, Katharina Staritz, ist jedenfalls überzeugt, dass Hans von Soden für die Stellung von Frauen in Studium und Beruf überdurchschnittlich aufgeschlossen war. Katharina Staritz in ihren Aufzeichnungen über die Breslauer Zeit: „Für uns Studentinnen war es so wichtig, dass er uns in keiner Weise anders als die Studenten behandelte … In jener Verfassung der altpreu- ßischen Union war die Verwendung theologisch gebildeter Frauen im kirchlichen Dienst ausdrücklich vorgesehen, und das hatten wir Vikarinnen ihm zu verdanken.“ Katharina Staritz selbst wurde auf der Grundlage des zitierten Art. 55 der Verfassung der altpreußischen Union, an deren Entstehen Hans von Soden vor seinem Wechsel nach Marburg mit gearbeitet hatte, 1938 in Breslau ordiniert und – für Theologinnen zu der Zeit absolut ungewöhnlich – verbeamtet, bevor sie einige Zeit später wegen ihres öffentlichen Eintretens für Christen jüdischer Abstammung ins Kon- Sigrid Bernhardt 130 zentrationslager kam. Von Hans von Soden findet sich in der Tat in einer von ihm verfassten Rezension von Ausgaben der Verfassungen der altpreußischen Union eine wohlwollende Kommentierung des genannten Verfassungsartikels. Er hat sich des Weiteren durch ein Referat auf der ersten Tagung des neu gegründeten Verbandes evangelischer Theologinnen hervorgetan. 3. Hans von Soden an der Kriegsfront Als Kind seiner Zeit war für Hans von Soden der Krieg eine Realität, die er nicht grundsätzlich infrage stellte. In seinen Erinnerungen reflektiert er nachträglich seine Berufswahl, indem er den gewählten Beruf anderen klassischen Berufsbildern gegenüber stellt. Darunter ist auch der Offiziersberuf: „Dass ich meine Wehrdienstpflicht nicht ableisten und Reserveoffizier nicht werden konnte, war mir freilich schmerzlich. Aber so sehr mich der Ernst und die entscheidende Wichtigkeit des Offiziersdienstes schon von meiner geschichtlichen Bildung her durchdrangen (die ich in der Schulzeit erheblich über das in der Schule gebotenen Maß hinaus ausgedehnt hatte, ich habe häufig das Berliner Zeughaus besucht und ziemlich eingehend studiert), so hätte ich mich nicht zu einem Beruf entschließen können, der seine eigentliche Erfüllung im Kriegsdienst findet …“ „Wegen meines Herzfehlers war ich bei der allgemeinen Untersuchung der Wehrpflichtigen meines Jahrgangs für dauernd untauglich erklärt worden … Meine körperliche Tauglichkeit zum Feldgeistlichen, die ich zu besitzen glaubte, prüfte ich, indem ich das Reiten erlernte.“ Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 131 „Im Frühjahr 1915 erreichte ich beim Feldprobst in Berlin die Übernahme als freiwilliger Feldgeistlicher ‚auf eigene Verantwortung‘, wie er sich ausdrückte.“ Der Probst machte jedoch die Ordination zur Bedingung, um die Hans dann nochmal kämpfen musste, weil er ja kein kirchliches Examen hatte. Aus einem Brief an Wolfram (zu dessen 30. Geburtstag) am 18.06.1938: „Für mich lag in diesem Jahrzehnt ja der Krieg … Ich war trotzdem sehr glücklich in diesen Jahren.“ Über die Tätigkeit als Feldgeistlicher finden wir nichts in seinen Erinnerungen, aber stattdessen eine gewissermaßen exemplarische Schilderung in dem 1937 erschienenen Buch von Ernst Lange „Hauptmann Willy Lange“.5 Hans von Soden über Willy Lange: „Er hat mir trotz seiner der Landeskirche und ihren Geistlichen abgeneigten Stellung seine Freundschaft geschenkt … ich habe mir diesen Dienst von Lange leisten lassen und danke Gott, dass er mir diesen Christen, der ganz im urchristlichen Sinne im Herrn lebte und sich in seinen Leib getauft glaubte, begegnen lies.“ 5 Lange 1937. Sigrid Bernhardt 132 Hauptmann Lange war eine Art Lichtgestalt unter den Offizieren im Ersten Weltkrieg. In dem Buch wird dies von zahlreichen Personen, meist hochrangigen Offizieren bezeugt, darunter eben auch Hans von Soden. Der Autor des Buches über Willy Lange, sein Bruder, beschreibt die Bekehrung Willy Langes zu einem Leben, das ganz Gott gewidmet ist. Als Konsequenz trat Hauptmann Lange aus der Evangelischen Kirche aus und schloss sich einer Gemeinschaft an. Das verstellte Hans von Soden nicht den Blick auf die besondere Ausstrahlung dieses Menschen, die sich auch in besonderen Führungsqualitäten als Offizier niederschlug. Das Buch gibt im Zusammenhang mit der Schilderung des Sterbens von Hauptmann Lange nach schwerer Verwundung Einblick in die Tätigkeit Hans von Sodens als Feldgeistlicher. Es wird eindrücklich geschildert, wie er zu nächtlicher Stunde nach einem größeren Kampf von Bett zu Bett eilt, weil viele Schwerverwundete und Sterbende ihn anfordern. An dieser Stelle erschließt sich vielleicht der bereits zitierte Satz, den er viele Jahre später an Wolfram schrieb: „Ich war trotzdem sehr glücklich in diesen Jahren.“ Er war bei dieser Tätigkeit als Feldgeistlicher dort gelandet, wo seine berufliche Motivation angesetzt hatte, nämlich „dass der Pfarrberuf offenbar sehr vielen Menschen diene und ihnen in ihrem schwersten Erleben Hilfe bringe.“ Hauptmann Lange war für Hans von Soden auch lebendiges Beispiel von dem, was er aus seiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Urchristentum wusste. Sein Interesse daran ging über das Wissenschaftliche hinaus und beschäftigte ihn innerlich in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben. Auf diese innere Auseinandersetzung finden wir Jahre später noch einmal einen Hinweis von Katharina Staritz: Sie berichtet von einer der mit erheblichem Zuspruch versehenen akademischen Predigten Hans von Sodens in Breslau. Sie schreibt: „Diese Predigt führte anhand von Luthers de servo arbitrio in die Tiefe christlicher Glaubenserkenntnis und zu dem vollen Gehorsam bis zur resignatio ad infernum, für die es keine Hölle mehr gibt. Tief ergriffen hat mich damals die Wahrhaftigkeit seines Bekenntnisses: Ich weiß, dass ich diesen Glauben nicht habe, darum predige ich ihn.“ 6 6 Erhard/Haubold/Lange 2002. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 133 4. Hans von Soden als Vater Die Kinder von Hans und Magdalena – hier mit Großvater Hermann – werden 1908 (Wolfram), 1910 (Ekkehard) und 1912 (Otfried) geboren. Als die Kinder klein waren, überlies Hans die Erziehung wohl weitgehend seiner Frau und den Kindermädchen. Die häufigen örtlichen Veränderungen (Rom, Berlin, Breslau) sowie die Jahre des Ersten Weltkrieges brachten dies von selbst mit sich. Wegen Magdalenas intensiver Musikausübung am Klavier und der Beschäftigung mit Theologie waren die Söhne viel den jeweiligen Kindermädchen überlassen. Eine Cousine der drei Söhne schildert ihre Eindrücke: „Tante Lena – auf dem Foto mit ihren drei Söhnen – war sehr streng. Bei ihr herrschte ein viel härterer Ton als bei mir zu Hause. Die Söhne mussten mit gefalteten Händen bei Tische sitzen, wenn sie nicht gerade aßen. Sie durften kein Wort sprechen, wenn sie nicht gefragt wurden … Auch später mit 16 Jahren durfte sich Wolfram nicht an der Unterhaltung der Erwachsenen beteiligen, obwohl er sehr klug und begabt war. Sein Vater wies ihn dann barsch zurück …“ Es fällt schon schwer, dies einzuordnen. Einen unmittelbaren Eindruck von Hans’ Umgang mit seinen heranwachsenden Söhnen – auf dem Foto mit den drei Söhnen und seiner zweiten Frau Hedwig – geben uns seine Briefe an sie. Diese klingen in der Tat anders als die späteren mit den erwachsen gewordenen Söhnen. Auf der einen Seite Sigrid Bernhardt 134 sind sie engagiert, zugewandt, liebevoll, auf der anderen Seite zuweilen streng, ermahnend, auch mal vorwurfsvoll an der Demütigungsgrenze – dies zum Beispiel, als Otfried einmal heimlich Motorrad fährt und ein anderes Mal bei seiner Prüfung einen „Schwanz“ gemacht hat. Zum 20. Geburtstag von Wolfram schreibt Vater Hans: „Ich freue mich auch gerade darauf, daß Du in ein Alter hineinwächst, in dem wir uns beide immer besser verstehen, wie ich denke.“ Im Prinzip sind die Briefe an die erwachsen gewordenen Söhne traumhaft. Ich könnte eine zu Herzen gehende Passage nach der anderen vorlesen. Aus ihnen spricht intensive väterliche Liebe, Sorge, Zuwendung, Hilfsbereitschaft, Interesse bis ins kleinste Detail, Großzügigkeit bei finanziellen Hilfen. Beide Söhne, an die die mir vorliegenden Briefe gerichtet sind, ermahnt er immer wieder, sich unbedingt auch zu erholen, eine schöne Sportart zu wählen, verspricht hierbei finanzielle Unterstützung. Die Sprache ist einfach immer wieder wunderschön, teilweise ein wenig poetisch. Ein kleines Beispiel: Zu dem der Verlobung folgenden Geburtstag von Wolfram schreibt er: „Das ist eine wundervolle Zeit, in der Hoffnungen der Jugend und die erste Reife des Mannes sich verbinden.“ Dabei nimmt er Bezug auf die eigenen Erfahrungen mit der Zeit der Verlobung. Eine andere Frage ist, wie alles auf die Söhne gewirkt hat, die ja im Übrigen nicht nur den Vater, sondern hintereinander auch zwei Mütter hatten, die sich als Schwestern in einer mehr oder weniger herben Wesensart ähnlich waren. Mein Vater hat wenig erzählt, aber durchaus Kritisches, aus dem hervor ging, dass er seine Kindheit als nicht sehr glücklich erlebt hat. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 135 5. Hans von Soden als Schwiegervater Bei Hans von Soden ist auch das eine erwähnenswerte Facette. Hier einige Fragmente aus dem langen ersten Brief an die ihm zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Schwiegertochter Margret Conze nach deren Verlobung mit Sohn Wolfram: „Meine liebe Margret! Meine Begrüßung vorhin am Fernsprecher war doch etwas gar zu kurz … ich habe in Wolframs Wahl rückhaltloses Vertrauen … wir als Eltern wünschen uns gar nichts als Euer Glück … hoffentlich wird es uns gelingen, dass Du auch bei uns heimisch wirst und uns lieb gewinnst. Versuch es nur in dem Gedanken, dass Dir unsere Gefühle mit wärmster Empfindung entgegenkommen … nimm nochmals die allerherzlichsten Wünsche für Dein Glück mit unserem Wolfram und sei gewiss, dass Dich unsere Liebe aufnimmt. Mit dem ersten väterlichen Gruß Dein …“ Mit Otty, Verlobte von Ekkehard, kam eine katholische Schwiegertochter ins Haus. Hans nimmt die Schwiegertochter ohne Vorbehalte an. Aus seiner Trauansprache: „Von besonderer Bedeutung ist es für Euch, dass Ihr in verschiedenen christlichen Konfessionen aufgewachsen seid. Davon sprechen wir ruhig in dieser ernsten Stunde; denn dies ist nichts, dessen wir uns zu schämen hätten … möchte Euch diese wichtige Verschiedenheit der Konfessionen vor allem dazu dienen, den Gedanken und die Bedeutung der Konfession selbst ernst zu nehmen … die schwächste und schlechteste Weise, über eine ernste Verschiedenheit eins zu werden, ist die, dass man sie verleugnet oder doch nicht wirklich ernst nimmt …“ Sigrid Bernhardt 136 Otty ist von der Toleranz ihres Schwiegervaters so beeindruckt, dass sie ihre Kinder evangelisch werden lässt. Die Tragfähigkeit der Beziehung zu Schwiegertochter Bärbel, Frau von Otfried, erweist sich, als Otfried im Sommer 1942 von einer Bergtour nicht mehr zurückkommt. Einige Sequenzen aus Hans von Sodens langem Brief an Bärbel unmittelbar nach Erhalt der schlimmen Nachricht: „Ich sagte Dir gestern ferner [am Telefon], daß mir Dein gefasster tapferer Brief ein Trost war, und er ist es weiter, mein liebes, liebes Kind … der Schmerz der Eltern hat sein eigenes und besonderes Gewicht neben dem der Gattin … wie wirst Du täglich nach ihm ausschauen, ihn fragen, ihm berichten wollen – und nicht mehr dürfen … Sorgen äußerer Art sollst Du nicht haben, solange wir leben, und was wir Dir bei den Kindern helfen können, tun wir ja nur mit Freuden … aber das ist ja wenig und fast gar nichts gegenüber Deinem Leid des Verlassen seins … dazu sind wir Dir unendlich dankbar dafür, dass Du Otfried einige glückliche Jahre in seinem kurzen Leben und ihm und uns die geliebten Kinder geschenkt hast. Sein Platz bei uns ist immer für Dich bereit.“ Es folgen viele weitere einfühlende und praktisch hilfreiche Briefe und lange Aufenthalte der Kinder bei den Großeltern, die Bärbel die Freiheit geben, sich neu zu orientieren. Dass Hans von Soden so unbeschreiblich gut Worte des Trostes finden konnte, war auch in Kreisen der Kollegen und Schüler bekannt. So erwähnt es Alfred Niebergall in dem Buch „Lebensbilder aus der Bekennenden Kirche“.7 7 Niemöller 1949. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 137 6. Hans von Soden als Großvater Hans von Soden hing unendlich an seinen Enkelkindern. Er nahm sich bei jedem ihrer Besuche jedes einzelnen intensiv an und berichtete in ausführlichen Briefen an die jeweiligen Eltern der Kinder. An Schwiegertochter Bärbel am 20.12.1943: „Für die Kinder habe ich aus Kartonabfällen in unserer kleinen Buchdruckerei das Zahlen- und Farbdomino gemacht.“ Die Fotoserie (ca. 1938) von Großvater Hans mit seiner Enkeltochter Wiltrud zeigt besonders anschaulich die Intensität seiner Zuwendung und seine Konzentration auf das Kind. Enkeltochter Wiltrud berichtet: „Ich glaube, dass wir Kinder damals im Großelternhaus nie laut waren. In dem Arbeitszimmer hielt Großvater auch Seminare ab, das wissen wir heute … Sigrid Bernhardt 138 … ein großer dunkler, mehrfach ausziehbarer ovaler Tisch, an dem die Studenten arbeiteten, diente später in unserem Elternhaus bis zu dessen Auflösung als Esstisch. Über der Tür des Arbeitszimmers hing das Bild eines Engels, der die Finger einer Hand auf die Lippen legt „Psch-Ruhe!“ Was hatte es auf sich mit dem Engel: Der „Engel“ ist der an Schulter und Kopf durchbohrte Heilige Petrus Martyr (13. Jh.). Gemalt hat es der berühmte Künstler Fra Angelico um 1440/42. Das Original ist ein Fresco, das sich im Kloster San Marco in Florenz befindet. Enkeltochter Wiltrud berichtet: „Ritual beim Ins- Bettbringen: Wir lagen in unseren Betten, Großmutter cremte uns mit Sorgfalt das Gesicht ein und Großvater sang derweil das Lied: Mit dem Pfeil den Bogen durch Gebirg und Tal … Dieses abendliche Ritual liebte ich sehr und höre noch heute die wohlklingende Baritonstimme meines Großvaters.“ Enkeltochter Wiltrud berichtet: „Ich liebte meinen Großvater sehr. Dazu passt auch die Erzählung, dass ich als etwa zweijähriges Kind großes Theater machte, wenn er nach einem Besuch bei uns wieder abfuhr. Man sagt, dass ich mich vor den Bus auf die Erde warf, um ihn so am Abfahren zu hindern.“ Brief von Hans von Soden an Wolfram am 28.12.1941: „Ihr könnt ja gar nicht wissen, wie viel meine Gedanken bei Euren Kindern sind … in diesem Jahr hatten wir 16 Wochen Enkelbesuch, dazu drei Wochen mit den Münchner Kindern in Berchtesgaden.“ Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 139 7. Kirchen- und hochschulpolitisches Engagement Hans von Sodens in der Kommunikation mit Familie, Freunden, Schülern In seinen Briefen äußert sich Hans von Soden immer wieder zum Zeitgeschehen und zu seinem kirchen- und hochschulpolitischen Engagement. Dies betrifft nicht nur die Briefe an die Söhne, sondern auch Briefe an andere Verwandte und Freunde, z.B. Hans von Campenhausen und Rudolf Bultmann. Das Bild zeigt Hans von Soden mit seinem Freund Rudolf Bultmann. Seite an Seite mit diesem Freund aus Breslauer Zeiten geht Hans von Soden durch die unruhigen Jahre vor und während der Zeit des NS-Regimes. Auch in Zeiten beiderseitiger Urlaube schreiben sich die beiden fortlaufend Karten – zunächst über das Wetter und die Familien – aber in der Regel auch zu Aktuellem in Fakultät und Kirche und zu in Arbeit befindlichen Veröffentlichungen. Hans von Soden ist Pate von einer der Töchter Bultmanns. Die Freunde ergänzen sich in ihrem unterschiedlichen Vorgehen: Rudolf Bultmann: theologisch in der Argumentation, als Forum nutzt er Lehrveranstaltungen, Vorträge und akademische Gottesdienste, Hans von Soden: im Strudel der kirchlichen Gremien weit über den kurhessischen Raum hinaus. Zu Beginn der 1940er Jahre muss Hans von Soden seinen Part beenden, weil die Kraft des kranken Herzens erschöpft ist. Dennoch bleiben die Freunde im engen Austausch, so dass es nicht Wunder nimmt, dass Bultmann bei seinem Freund ist, als diesen unerwartet der Tod ereilt. Auch bei Hans von Campenhausen war Hans von Soden Pate von dessen Sohn Christoph von Campenhausen. Die Briefe, die uns von dem Sohn Axel von Campenhausen dankenswerterweise zur Verfügung gestellt worden sind, sind weit überwiegend solche von Cam- Sigrid Bernhardt 140 penhausen an unseren Großvater, wenige umgekehrt. Sie sind zeit-wie familiengeschichtlich von Interesse. Sohn Otfried nimmt regen Anteil an den kirchenpolitischen Aktivitäten des Vaters, liest Unterlagen („Kirchenkampfakten“) und ermutigt den Vater. Wolfram und Ekkehard beurteilen die politische Lage anders. Hans bleibt seinen Söhnen dennoch emotional sehr nah. Er schweigt trotz der Differenzen in den Auffassungen das Thema in den Briefen an Wolfram nicht tot. So begegnen uns in den Briefen die verschiedenen politischen Erlebnisse von Hans von Soden zumindest sporadisch und er äußert sich schon auch mal zu Fragen der Wahl der richtigen Partei: Brief an Wolfram am 18.6.1932: „Osw. Bendemann [ein Neffe] schickte mir eine Broschüre von Rosenberg, das innere Gefüge des Nationalsozialismus, und einen Vortrag von Hitler über die Wirtschaftsfrage und bat mich um eine Stellungnahme, ich hatte noch nicht die Zeit, näher hineinzusehen und begreife schwer die geistige Anspruchslosigkeit, die solches Geschwätz für Wegweisung nimmt.“ Brief an Wolfram von 21.06.1932: „Die Nazi-Studenten erscheinen jetzt in Uniform, was man natürlich einfach ignoriert!“ Brief an Wolfram vom 05.07.1932: „Wähle ruhig Nazi, wenn Du es aus der politischen Lage für richtig hältst. Daß ordentliche bürgerliche Leute bei den Nazi in der Partei mitmachen, kannst Du aber nicht erwarten … Auch gibt es schließlich Parteien, zu denen unsereiner aus Anstandsgründen nicht gehören kann, und das sind für mich wie die Sozi auch die Nazi.“ Hans von Sodens vorübergehende Versetzung in den Ruhestand im August 1934 löst zahlreiche briefliche Reaktionen aus dem Familien-, Kollegen- und Schüler- bzw. Studentenkreis aus. Werner Hess, Fachschaftsführer und späterer Intendant des Hessischen Rundfunks: „Ich übernahm die Fachschaftsführung mit der festen Hoffnung, mit Ihnen zusammen daran arbeiten zu können, die Marburger Theologenschaft weit möglichst frei zu halten von drohenden und ihr schädlichen Einflüssen. Wenn ich nun Ihre Hilfe entbehren muss, so hoffe ich dennoch, ja möchte Sie darum bitten, dass Sie mir Ihren persönlichen Rat nicht entziehen werden …“ Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 141 Schwesterchen Renata, Diakonisse, schreibt: „ … ich fühle, dass Du auf der Linie stehst, auf die wir durch unseres Vaters Persönlichkeit und Wirken gestellt wurden und weiß ganz genau, dass Du in Treue zu dieser Auffassung so handeln musstest wie Du es getan hast.“ Fast hellsichtig schreibt Vetter Kurt, der zu diesem Zeitpunkt nicht mehr lange leben wird. „ … hoch ist das Glück, das Du unserer Kirche durch eben diesen Verlust geopfert hast und nun fast noch unmittelbarer als bisher ihr die Dienste zu geben vermagst, deren sie heute nicht entraten kann, und die von einem Mann, welcher nicht nur Geistlicher, sondern auch Geistwirker und der inneren Anlage nach Politiker ist, besonders fruchtbar geleistet werden.“ Ganz im Sinne dieser Worte wird Hans von Soden kurz nach der vorübergehenden Ruhestandsversetzung dem Ruf folgen, die Leitung der Bekennenden Kirche Kurhessen-Waldeck zu übernehmen. 8. Hans von Soden als Psychologe Diese Facette mag überraschen, allerdings nicht diejenigen, die seine Briefe gelesen haben. Im Folgenden wenige Beispiele von den vielen: Die ersten beiden betreffen einen der Söhne in einer im Rahmen seiner Berufstätigkeit entstandenen Konfliktlage mit einem engen Kollegen, mit dem die Zusammenarbeit bisher sehr beglückend gewesen war. Vater Hans schreibt ihm über die Wirkung des Lächelns: „Ich weiß nicht, ob Dir die physiologische Beobachtung bekannt oder bewusst ist, dass man sich einfach nicht ärgern kann, wenn man lächelt. Ich habe sehr oft einen in Sitzungen und dergleichen aufsteigenden Ärger gelöst, indem ich lächelte, und wenn ich es nicht tun konnte, weil andere sich dadurch verletzt gefühlt Sigrid Bernhardt 142 hätten, so tat ich es abgewandt oder wenigstens nach innen. Man muss sich das tatsächlich selbst verordnen, um sich vom Ärger nicht an-oder gar auffressen zu lassen. Das sachliche oder sittliche Urteil über das, worüber man sich mit Recht ärgert, wird dadurch ja gar nicht gemildert, sondern nur von Stimmungsmomenten geläutert, die es trüben können.“ In demselben Brief schreibt er über menschliche Beziehungen: „Kein Enthusiasmus dauert im Leben und die Umstellung auf Achtung und Treue ist immer schmerzlich. Man muss dann versuchen, nicht immer auf das zu sehen, was versagt ist, sondern auf das, was gewahrt ist, und muss einander gegenseitig vergeben, dass man zu viel gewollt hat, und einander helfen, dass das Mögliche und Fruchtbare verwirklicht werde.“ Hans von Soden äußert sich auch wiederholt zu psychologischen Fragen in der Entwicklung seiner Enkelkinder. Hier zwei Beispiele von vielen: Brief an Sohn Wolfram vom 07.11.1942: „Daß Wiltrud linkshändig schreibt, würde ich – glaube ich – nicht besonders bekämpfen. (Wenn ich nicht irre, tat es Otfried zunächst auch.) Im Allgemeinen ist die einseitige Ausbildung der rechten Hand sicher ein Mangel unserer Erziehung …“ Brief an Schwiegertochter Margret vom 15.7.1944: „Du schreibst, dass Du den Kindern immer wieder dasselbe sagen müsstest. Es gibt wohl keinen Erzieher in Haus oder Schule, dem dies anders geht, und man muss sich die Mühe nicht verdrießen lassen. Schließlich lernen die Kinder auf diese Weise zu wissen, was sich gehört, und dass sie es wissen, verraten sie öfter in der Kritik an anderen Kindern. Vom Wissen zum Tun ist freilich der Weg ja nicht nur für Kinder weit und nicht beliebt.“ In diversen weiteren Briefen fehlt fast kein einschlägiges Thema, vom Bettnässen angefangen bis zum Kratzen usw. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 143 9. Hans von Soden als Jurist Hans von Campenhausen bezeichnete Hans von Soden in einem Nachruf in der Zeitschrift Kirche in der Zeit als konservativ, energisch und fast juristisch geprägt.8 In der Tat: Sein juristisches Naturtalent – es verhält sich da m. E. ähnlich wie bei der Psychologie – kommt nicht nur in der kirchlichen Verfassungsarbeit und der freiwilligen Übernahme von Vorlesungen im Kirchenrecht sowie Veröffentlichungen, sondern auch in vielen Briefen zum Ausdruck. Gegenüber den Söhnen und Schwiegertochter Bärbel hilft er bei Steuererklärungen und gibt Rat in Rechtsfragen, die ja in jedem menschlichen Leben vielfach auftauchen. Zwei der reichlich vorhandenen Beispiele: In einem Brief an die Schwiegertochter Bärbel vom 14.11.1942 kommentiert er deren Grunderwerbssteuerbescheid unter dem Gesichtspunkt ihrer Frage, ob sie nach dem Tod ihres Mannes weniger zahlen müsse. Hans: „Ich glaube nicht, dass Du … Ermäßigung erreichst. Man muss sich klar machen, dass die Steuer eine sog. dingliche bzw. Verkehrssteuer ist, also von persönlichen Verhältnissen ganz unabhängig … Anfechtung ist nur möglich, wenn … Hypothekenbelastung wird wohl nicht berücksichtigt, und zwar wohl zu Recht … Ich glaube nicht, dass in dieser Rechtslage irgendwelche Billigkeitsrücksichten Platz greifen.“ Dies als juristische Klausur für den kleinen Steuerrechtsschein wäre eindeutig „über dem Strich“ benotet worden. In einem Brief an Otfried vom 23.10.1933 geht es um einen aufregenden Rechtsfall: Immerhin ist der von der Polizei vorgeladen worden. Zwar weiß der Vater nicht sicher, um was es geht, hat aber eine Ahnung, dass dem Jüngsten im Zuge seiner Wut auf die politischen Verhältnisse eine Beleidigung vorgeworfen wird. Nun berät er den Sohn, wie es ein wirklich zugewandter Anwalt nicht besser könnte, in 8 Campenhausen 1956. Sigrid Bernhardt 144 einer Mischung aus der Erläuterung der in Betracht kommenden gesetzlichen Vorschriften sowie rechtlichen und taktischen Folgerungen. Zu den kirchenrechtlichen Aktivitäten Hans von Sodens in Schrifttum, Lehre und Kirche fehlt auf dieser Tagung ja leider ein eigenes Referat, das es hierfür tatsächlich bräuchte. Natürlich hat mich diese Seite meines Großvaters als Kirchenjuristin besonders interessiert. Mit Leidenschaft hat Hans von Soden kirchliche Verfassungsarbeit gemacht. Insofern, so schrieb er in seinen Erinnerungen, sei die Annahme des Rufs nach Marburg ein Opfer gewesen, weil er sein Amt in der verfassunggebenden Versammlung der Altpreußischen Union und in dem entsprechenden Ausschuss aufgeben musste, ebenso die Aussicht, in absehbarer Zeit in die Generalsynode zu kommen. Von Kirchenverwaltungen hat er keine gute Meinung. In der Tat hat sich im Zusammenhang mit der Berufung Harnacks nach Berlin der Oberkirchenrat nicht mit Ruhm bekleckert, als er diese verhindern wollte, wobei er nicht mit der Entschlusskraft Bismarcks gerechnet hatte. Hans von Soden 1915 an seinen Onkel Julius, der zu dieser Zeit Kabinettschef am Hof des Königs von Württemberg war: „An Bismarck sollte man eben lernen, dass für evangelisches Christentum nicht der Oberkirchenrat maßgebend ist.“ Ebenso seine Denkschrift zum Entwurf eines Kirchengesetzes betr. Leitung und Verwaltung der Evangelischen Landeskirche von Kurhessen- Waldeck 1945 und die Verfassung der Landeskirche von 1923: „Es ist deutlich, dass nach diesen Bestimmungen [nämlich nach der Verfassung von 1923] der Geistliche … der eigentlich zur Führung der Landeskirche bestellt ist, eine wirkliche Führung gar nicht ausüben kann … und dass ein sachkundiger, fleißiger und energischer Präsident des Landeskirchenamts tatsächlich die Führung der Kirche hat.“ Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 145 Die Leidenschaft meines Großvaters für kirchliche Verfassungsarbeit kann ich gut nachempfinden, seit ich selbst an der Neuordnung unserer Kirchenordnung in Hessen und Nassau mit gearbeitet habe. Sein Entwurf einer kirchlichen Leitungsstruktur mit der uneingeschränkten Alleinherrschaft des Bischofs war zweifellos – wenn auch in der ersten Verfassung der kurhessichen Kirche nach dem Krieg aufgenommen – nicht auf Dauer zukunftsfähig. Es wurde schon gesagt: Mein Großvater gehörte zu den Kindern seiner Zeit, die, im Kaiserreich aufgewachsen, der neuen Republik misstrauten und dann in den politischen und wirtschaftlichen Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und dem bald beginnenden Einfluss des Nationalsozialismus zunächst auch keine positiven Erfahrungen damit machten. Und er hatte während der NS-Zeit erstmal eine Kirche erlebt, die ihrem Auftrag nicht gerecht wurde und eine Bekennende Kirche, die Mühe hatte, einmütige und jeweils zeitnahe Entscheidungen und Verlautbarungen nach außen zu fördern. Seine Vorbehalte gegen Kirchenverwaltungen, insbesondere gegen deren juristische Leitungen, kenne ich aus meiner Zeit in eben diesem Leitungsamt zur Genüge. Sie haben gute Tradition – bekanntlich schon von Martin Luther her. Ich kann sie allerdings bei den Theologen, die 1945 nach unsäglichen Erfahrungen mit Kirche und ihrer Administration im Nationalsozialismus und mit noch wenig Erfahrungen mit einem funktionierenden parlamentarischen System nach der jungen Weimarer Verfassung und mit der neuen Volkskirche als deren Konsequenz besser nachvollziehen als bei Theologen späterer Generationen. Ich tröste mich damit: mein Großvater hat seine Enkelkinder abgöttisch geliebt hat, so hätte er auch mich geliebt und deshalb in meinem juristischen Leitungsamt unterstützt und gut beraten. Aber selbst wenn er ein hohes Alter erreicht hätte: diese Epoche in meinem Leben als Kirchenjuristin, die erst 1990 begann, hätten wir nicht gemeinsam erleben können. Sigrid Bernhardt 146 10. Krankheit und Tod im Leben von Hans von Soden In sehr jungen Jahren begegnet Hans Krankheit und Tod. Mit 10 Jahren erwirbt er den Herzfehler, der sein Leben verkürzen wird. Der Beruf des Vaters bringt ihn mit dessen „Besuchen von Trauernden und seinen damals fast täglichen Fahrten auf den Friedhof“ in Berührung. 1914 verliert er unerwartet den Vater, 1915 den erst 18-jährigen Bruder. Als Feldgeistlicher ist er täglich mit der Begleitung Sterbender konfrontiert. Diese Tätigkeit hat er sich gewünscht und dafür gekämpft. Auch wenn er in seinen Erinnerungen den frühen Tod seiner Ehefrau Magdalena nur sachlich erwähnt, ist er in Wahrheit wohl sehr tief getroffen. In einigen seiner Briefe an die Söhne erinnert er immer wieder in entsprechenden inhaltlichen Zusammenhängen an sie. So schreibt er Wolfram, dass er sein Klavierspiel ja pflegen möge, weil darin das Talent der Mutter fortlebe. In der Zeit nach dem Tod seines Sohnes Otfried durchlebt er in der Begleitung seiner Schwiegertochter Bärbel – wie es scheint – den Verlust seiner ersten Frau noch einmal. Er schreibt z. B.: „Es ist schön, dass Du abends in Briefen liest. Das habe ich nach dem Tod von Otfrieds erster Mutter auch wochenlang getan …“ Der Tod seines Sohnes Otfried fällt in eine Zeit (die 1940er Jahre), in der Hans von Sodens eigener Abschied von vielem begonnen hat. Die Niederlegung verschiedener Ämter im Zusammenhang mit dem Kirchenkampf in einem Zeitraum von 1937 bis 1940 sowie die zunehmende Unmöglichkeit, in sein geliebtes Italien und zu den Enkeln zu reisen, die Notwendigkeit Lehrveranstaltungen mit den wenigen nicht zum Kriegsdienst eingezogenen Studenten zu Hause durchzuführen, verstärken bei ihm zeitweilig Empfindungen von Endzeit. Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 147 Brief von Hans von Soden an Wolfram am 28. Dezember 1941: Es geht um Enkeltochter Hildegunds Taufe während eines Feldurlaubs von Wolfram: „Es ist Eure erste Taufe, bei der wir nicht dabei sind und die ich nicht halten kann. Und es beginnt damit wohl eine Reihe von Enkel-Taufen, die ich nicht vollziehen darf [er meint: gesundheitlich], aber ich will darüber nicht wehmütig, sondern vielmehr dankbar sein, daß ich diese Taufen noch erleben darf.“ Am 30. Januar 1943 schreibt er an Schwiegertochter Bärbel: „Man vermisst ihn [Otfried], der in all dem Unglück, an das man denkt, etwas Trost und Freude wäre.“ An Hans von Campenhausen schreibt er im November 1943: „In den Ferien habe ich an der synoptischen Ethik gearbeitet und auch ein Stück davon geschrieben … aber zu einer Darstellung in einem Buch fehlt es mir immer wieder an Mut und Zutrauen zu mir selbst wie zum Publikum und zur Zeit. Nach dem Krieg wird unsereiner zu den Toten gehören, auch wenn er noch leben sollte – und auch dies ist ja sehr fraglich. Ich bin immer wieder dankbar, dass ich als Lehrer im Großen und Ganzen Glück gehabt und auch manchen gedient habe. Darauf blicke ich mit Freude und im Ganzen auch mit gutem Gewissen zurück. Das übrige in meinem Leben sind zumeist interessante Misserfolge bei Versuchen, die vergeblich waren und es wohl sein mussten und, wie ich wenigstens meine, dennoch gemacht werden mussten.“ Einerseits hat sich die düstere Vision erfüllt. Hans von Soden starb knapp fünf Monate nach dem Ende des Krieges und der Nazi-Schreckensherrschaft. Bewahrheiten sollte sich aber auch noch vor seinem Tod eine fast prophetische glückliche Vision – so weit wir das mit unseren menschlichen Sinnen ermessen können – seines Schwagers Heinrich in seinem Brief an ihn 1934 aus Anlass der vorübergehenden Versetzung in den Ruhestand. Brief des Schwagers Heinrich zur Ruhestandsversetzung 1934: „Vielleicht öffnet sich Dir aber in der Entwicklung dieser Dinge eine Wirkungsmöglichkeit, die den Rahmen Deiner bisherigen Tätigkeit übersteigt und wo Du ausgerüstet mit dem Wissen um die Vergangenheit in der Gegenwart Kirchengeschichte gestalten kannst.“ Sigrid Bernhardt 148 Hans von Soden war in der Tat 1945 als Bischof der kurhessischen Kirche und als Ratsvorsitzender der EKD im Gespräch. Daran war allerdings gesundheitlich nicht zu denken, selbst wenn er länger gelebt hätte. Aber die Vorlage für die im September 1945 zusammengetretene Notsynode zur neuen Verfassung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hat Hans von Soden erstellt, und sie wurde beschlossen. Im Bewusstsein dieses Erfolges ist er in seinem Haus in der Marburger Liebigstraße – damals noch Wörthstraße – gestorben im Beisein von Rudolf Bultmann, dem er den Brief mit der Nachricht von der Entscheidung der Synode gerade vorgelesen hat. Morgens hatte er noch mit Katarina Staritz, die im Hause von Soden zu Besuch war, gefrühstückt. Im Lauf des Vormittags klingelte ein noch heute lebender Zeitzeuge an der Haustür der von Sodens, nämlich Ulrich Kabitz, den ich anlässlich der Verleihung der theologischen Ehrendoktorwürde an ihn in Münster kennen lernte. Er war nicht Theologe und kannte Hans von Soden nur von Predigten. Er hielt sich am 2. Oktober 1945 beruflich in Marburg auf und war von seiner Schwester, einer Theologin und Schülerin von Hans von Soden, gebeten worden, Grüße auszurichten. Der damals 25-jährige Kabitz berichtet von einem heiteren Austausch an der Haustüre mit Hans von Soden. Der Tod kam plötzlich und traf unseren Großvater in Zuversicht und Heiterkeit an, so wie seine Wesensart auch meistens gewesen war. Wir wissen allerdings nicht sicher, ob er auch noch erfahren hat, dass sein Sohn Wolfram, um dessen Heimkehr aus amerikanischer Gefangenschaft er sehr gebangt hatte, auf dem Weg nach Hause war. Der Erste Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck Wüstemann schrieb tief betroffen an Hedwig von Soden: Erinnerungen an Hans von Soden aus Sicht der Familie 149 „Ich hatte gehofft, die ersten Schritte in meinem neuen Amt, zu dem er mir in so unvergesslicher Weise Mut gemacht hatte, in der dauernden Beratung mit ihm gehen zu können. (Ihn, den so still gewordenen und innerlich so reichen Mann, sich zur Seite zu wissen im Ringen mit den heutigen Kräften und im Stehen vor dem Heiligen selbst, das war eine von den unschätzbaren Hilfen, deren ich nun bedürftig bin und die mir nun zerbrochen ist.).“ Und uns Enkeln ist der zugewandte, liebevolle Großvater entgangen.

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References

Zusammenfassung

Neben seinem Freund Rudolf Bultmann war Hans von Soden der führende Kopf der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg. Neben seiner akademischen Tätigkeit nahm er großen Einfluss auf das kirchenpolitische Geschehen seiner Zeit in Nordhessen und darüber hinaus. Insofern prägte er den sog. Kirchenkampf in seiner Landeskirche entscheidend mit. Seine verfassungsrechtlichen Vorarbeiten prägten über seinen frühen Tod hinaus die Strukturen des Neubeginns seiner Landeskirche. – Der vorliegende Band enthält die Beiträge einer Fachtagung, die 2012 in der Ev. Akademie Hofgeismar stattfand.