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6 Zusammenfassung der wichtigsten Studienergebnisse in:

Jessica Hartig

Tafelnutzer im Profil, page 333 - 340

Eine empirische Analyse am Beispiel Hessen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4094-2, ISBN online: 978-3-8288-6940-0, https://doi.org/10.5771/9783828869400-333

Tectum, Baden-Baden
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333 6 Zusammenfassung der wichtigsten Studienergebnisse In Deutschland nutzen ca. 1,5 Millionen Menschen die Tafel, um dort ergänzend Lebensmittel zu beziehen. Seit der Gründung der ersten deutschen Tafel Anfang der 1990er Jahre hat die Zahl der TafelnutzerInnen stetig zugenommen und im Laufe der Zeit waren unter den TafelnutzerInnen immer weniger obdachlose Menschen, für die die Tafel ursprünglich gegründet wurde, zu finden. Stattdessen scheint die Tafel zunehmend in die Mitte der Gesellschaft gerückt zu sein insofern, dass sie gesellschaftlich angenommen wird, zum einen durch die ehrenamtliche Mitarbeit und zum anderen durch die große Anzahl an TafelnutzerInnen. Seit dem Bestehen der Tafel und bereits Anfang der 1980er Jahre hat auch der Sozialstaat sein Gesicht insofern verändert, dass es seither eine Vielzahl an verschiedenen sozialpolitischen Reformen gegeben hat. Viele dieser Reformen zeigen einen Abbau sozialstaatlicher Transferleistungen und insgesamt hat sich ein Wandel vom passiven hin zum aktivierenden Sozialstaat abgezeichnet, was insbesondere seit den Hartz-Reformen der Agenda 2010 der rot-grünen Koalition unter Schröder im Fokus gesellschaftlicher Diskussionen steht. Das Ziel meiner Arbeit bestand darin zu untersuchen, wer die TafelnutzerInnen sind und ob sie sich von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden. Im Einzelnen ging es darum herauszufinden, welche demographischen Merkmale kennzeichnend sind, seit wann sie die Tafel nutzen, wie sich ihre materielle und soziale Ernährungssituation darstellt und in welchen Bereichen sie sich finanziell einschränken müssen. Da alle TafelnutzerInnen den Aspekt gemeinsam haben, dass sie von sozialstaatlichen Transferleistungen abhängig sind bzw. ihr eigenes Einkommen so gering ist, dass sie als bedürftig und somit „tafelanspruchs- 334 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil berechtigt sind“, interessiert hier ebenfalls die Einstellungen der TafelnutzerInnen zum Sozialstaat. Da bisher in keiner Tafelnutzerbefragung die Ernährungssituation der TafelnutzerInnen umfassend abgebildet wurde und bisher auch noch keine Tafelnutzerbefragung für ein ganzes Bundesland existiert, habe ich zur Untersuchung meiner Fragestellungen einen Fragebogen entwickelt und im Rahmen eines Pretests erprobt, bevor ich die modifizierte Form des Fragebogens in der Hauptdatenerhebung eingesetzt habe. Die bisherigen Tafelnutzerbefragungen unterscheiden sich in verschiedenen Aspekten von der vorliegenden Arbeit. Häufig wurden beispielsweise lediglich die TafelmitarbeiterInnen befragt (wie beispielsweise bei den Befragungen durch den Bundesverband Deutsche Tafel e.V.), oder die TafelnutzerInnen wurden von TafelmitarbeiterInnen befragt (siehe Studie von Hendel-Kramer 2010). Weitere Unterschiede bestehen in den Stichprobenumfängen insofern, dass sich bisherige Studien mitunter auf einen Tafelstandort konzentrierten (siehe Studie von Münch et al. 2011) oder die befragten Tafelstandorte die Vielfalt der Tafelträgerschaft nicht widerspiegelten, z. B. indem lediglich TafelnutzerInnen von Tafeln in kirchlicher Trägerschaft befragt wurden (siehe Hendel-Kramer 2010). Die Befragung im Rahmen meiner Arbeit richtete sich daher direkt an die Betroffenen: Die TafelnutzerInnen. Zudem wurde bei der Datenerhebung explizit darauf geachtet, dass TafelnutzerInnen von je einer Tafelausgabestelle jeder hessischen Tafel befragt wurden, um auf diese Weise eine für Hessen möglichst repräsentative Tafelnutzerstichprobe zu gewinnen, in der auch die Heterogenität der Tafelträger abgebildet wird, d.h. sowohl Tafeln, die als eingetragene Vereine organisiert sind, als auch Tafeln in kirchlicher Trägerschaft oder in Trägerschaft von Wohlfahrtsverbänden. Zur Ermittlung der kleinsten empfohlenen Stichprobengrö- ße wurde eine Grundgesamtheit von 1.050.000 erwachsenen TafelnutzerInnen bundesweit209 angenommen, wodurch als kleinste empfohlene Stichprobengröße 385 TafelnutzerInnen ermittelt wurden. Der Stichprobenumfang der vorliegenden Arbeit übersteigt diese Anzahl mit 507 hessischen TafelnutzerInnen, die sich an der Befragung beteiligten, deutlich 209 Es existiert keine Angabe zur Anzahl der hessischen TafelnutzerInnen, sodass die Anzahl aller erwachsenen TafelnutzerInnen in Deutschland als Grundgesamtheit verwendet wurde. 335 �u����En����ung �E� wic�tig�tEn �tu�iEnE�gEbni��E und stellt somit die derzeit hessenweit größte befragte Tafelnutzerstichprobe dar. Die Ergebnisse der Datenauswertung habe ich bezogen auf die demographischen Merkmale mit den Daten der ALLBUS-Stichprobe verglichen, um daraus eine Aussage zu dominanten Merkmalen in der Tafelnutzerstichprobe, die von der Allgemeinbevölkerung abweichen, zu treffen. So ergab der in der bisherigen Tafelforschung erstmalige Vergleich einer Tafelnutzerstichprobe mit einer die Gesamtbevölkerung repräsentierenden Stichprobe (ALLBUS), dass über 60 % der befragten TafelnutzerInnen weiblich waren, während sich in der Gesamtbevölkerung ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zeigte. Hinsichtlich des Familienstandes waren die männlichen TafelnutzerInnen häufiger ledig und die weiblichen TafelnutzerInnen waren deutlich häufiger geschieden als die Gesamtbevölkerung. Zudem waren über die Hälfte der TafelnutzerInnen als alleinerziehend zu bezeichnen. Anders als erwartet, lebten unter 10 % der TafelnutzerInnen mit mehr als zwei Kindern bis 14 Jahre im Haushalt, während der Anteil an Mehrkinderfamilien in Deutschland bei ca. 15 % lag. Ein deutlicher Unterschied zur Gesamtbevölkerung zeigte sich ebenfalls hinsichtlich des Migrationshintergrundes: Ca. 27 % der TafelnutzerInnen hatten Migrationshintergrund, während der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in der ALLBUS-Stichprobe lediglich bei ca. 14 % lag. Auch bezüglich des Bildungsniveaus zeigte sich im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein deutlicher Unterschied insofern, dass die Mehrheit der TafelnutzerInnen ein niedriges Bildungsniveau aufwies und TafelnutzerInnen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung häufiger keinen Schulabschluss und seltener Abitur hatten. Bei Betrachtung weiterer demographischer Merkmale der TafelnutzerInnen zeigte sich hinsichtlich der Erwerbssituation die Besonderheit, dass ca. ein Drittel der TafelnutzerInnen dem Arbeitsmarkt dauerhaft nicht zur Verfügung stand, z. B. aufgrund von Alter oder Erkrankung. Ca. 57 % der TafelnutzerInnen erhielten ALG II als sozialstaatliche Leistung und ca. 37 % der TafelnutzerInnen zahlte ein Darlehen von (kommunalen) Jobcentern ab. Eine Erklärung für diesen Befund ist darin zu sehen, dass ein Großteil der TafelnutzerInnen aus Alters- oder aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage war, die eigene finanzielle Situation durch die Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit zu verändern. In Verbindung mit den geringen sozialstaatlichen Leistungen, von denen oftmals auch noch ein Betrag für die Darlehenstilgung abgezogen 336 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil werden muss, führt dies zwangsläufig zu Einschränkungen und Entbehrungen. Bezüglich der Ernährungssituation wurden Hinweise auf materielle und soziale Ernährungsarmut deutlich. Am eindeutigsten zeigte sich dies bei der sozialen Ernährungsarmut insofern, dass ca. 60–70 % der TafelnutzerInnen nicht ohne weiteres auswärts essen gehen konnten oder sich aus finanziellen Gründen sogar auch seltener mit Freunden zum auswärts essen gehen trafen. Dadurch ist eine deutliche Einschränkung hinsichtlich sozialer Teilhabe erkennbar. Als positiver Aspekt der Tafelnutzung stellte sich für die Mehrheit der TafelnutzerInnen neben der Geldersparnis auch die Möglichkeit heraus, bei der Tafel soziale Kontakte zu knüpfen und aufrechtzuerhalten. Die Tafel als „soziale Kontaktstätte“ kann jedoch auch als Beleg für eine Entwicklung einer „Parallelgesellschaft“ gedeutet werden, was ebenfalls die Armutssituation der TafelnutzerInnen verfestigen kann. Auch zeigte sich, dass die TafelnutzerInnen in den seltensten Fällen die Tafel nur kurzzeitig nutzten. Stattdessen nutzte die Mehrheit der TafelnutzerInnen (44,4 %) die Tafel seit ein bis drei Jahren und auch ein nicht unerheblicher Anteil an TafelnutzerInnen in Höhe von ca. 24 % nutze die Tafel sogar seit vier bis maximal fünfzehn Jahren, was ebenfalls die Verfestigung der Situation der TafelnutzerInnen widerspiegelt. Eine längere Tafelnutzungsdauer ging einher mit einem niedrigeren Bildungsstand und auch mit einer negativeren Einstellung zum Sozialstaat sowie einer negativeren Einschätzung der eigenen zukünftigen finanziellen Situation, was eine wahrgenommene Perspektivlosigkeit unterstreicht, die sich wiederum langfristig negativ auf die (psychische) Gesundheit und somit auch auf die Erwerbsfähigkeit auswirken kann. Aus den verschiedenen Einzelbefunden konnten letztendlich vier Tafelnutzer-Profile gebildet werden: Die alleinerziehenden Tafelnutzerinnen, die ledigen männlichen Tafelnutzer, die Rentnerinnen sowie die kinderreichen Familien. Bei Analyse der sozialstaatlichen Reformen seit Beginn der 1980er Jahre wird deutlich, dass sich auch verschiedene Reformen auf RentnerInnen und Alleinerziehende bezogen. Auf den ersten Blick stellt sich daher die Frage, warum diese Bevölkerungsgruppen trotz sozialpolitischer Bemühungen häufig auf die Tafeln angewiesen zu sein scheinen. Eine mögliche Erklärung ist darin zu sehen, dass in der Rentenpolitik zwar im Verlauf die Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten für die Rente immer weiter ausgedehnt wurde, aber gleich- 337 �u����En����ung �E� wic�tig�tEn �tu�iEnE�gEbni��E zeitig auch das Rentenniveau immer stärker gesenkt und Rentenbeitragssätze erhöht wurden, was langfristig zu einer niedrigeren Rente im Alter führt und zudem die private Altersvorsorge im Vorfeld erschwert. Die Verbesserung der Situation von Alleinerziehenden war auch bereits mehrfach ein familienpolitisches Schwerpunktthema. Obgleich in den letzten Jahren zwar verschiedene Maßnahmen zur Unterstützung von Alleinerziehenden ergriffen worden sind, ist diese Bevölkerungsgruppe nach wie vor häufig mit einem hohen Prozentsatz in Armutsstatistiken zu finden. Alleinerziehende sind nicht nur im erwerbsfähigen Alter mit einem erhöhten Armutsrisiko konfrontiert, sondern sie sind auch langfristig von Altersarmut betroffen und werden auch im Alter mit hoher Wahrscheinlichkeit auf sozialstaatliche Unterstützung angewiesen sein. Dies verdeutlicht umso mehr die Bedeutsamkeit, Alleinerziehende sozialstaatlich stärker zu unterstützen bzw. finanziell zu entlasten. Bei den TafelnutzerInnen mit Kindern bis 14 Jahre im Haushalt stellte sich heraus, dass der Großteil der TafelnutzerInnen ihre Kinder selbst betreuten und sich auch ein Großteil der TafelnutzerInnen keine andere Form der Kinderbetreuung wünschte, gleichwohl über die Hälfte der alleinerziehenden TafelnutzerInnen angab, in Teil- oder sogar in Vollzeit arbeiten zu wollen. Daher stellt sich die Frage, ob für (alleinerziehende) TafelnutzerInnen andere sozialstaatliche Unterstützungsmaßnahmen zusätzlich zur Bereitstellung der Kinderbetreuungsinfrastruktur von hoher Bedeutung sind. Neben Alleinerziehenden sind auch kinderreiche Familien besonders von Einkommensarmut betroffen und stellen somit ebenfalls eine der Haupttafelnutzergruppen dar. Seitens der amtierenden schwarz-roten Bundesregierung wurde der Kinderzuschlag als probates Mittel zur Armutsbekämpfung gerade bei kinderreichen Familien betrachtet, doch die Realität hinsichtlich der Reichweite des Kinderzuschlags zeigt sich stattdessen ernüchternd und führt dazu, dass kinderreiche Familien häufig auf ALG II angewiesen sind. Ein weiterer Ansatzpunkt bei kinderreichen Familien zeigt sich darin, dass bei der vorliegenden Tafelnutzerstichprobe bei TafelnutzerInnen mit mehr als zwei Kindern bis 14 Jahre im Haushalt im Vergleich zu den anderen Tafelnutzerprofilen mit fast 30 % die höchste Quote an TafelnutzerInnen ohne Berufsausbildung zu verzeichnen war. Zweifelsohne würde auch diese Tafelnutzergruppe von einem weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten profitieren, sofern die Nutzung von Kinderbetreuungseinrichtungen ggf. auch verpflichtend sein sollte, damit die betroffenen Mütter/Väter bei gesicher- 338 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil ter Kinderbetreuung die eigene Erwerbsbiographie ausbauen können. Allerdings wird eine Fremdbetreuung der Kinder vermutlich nur dann in Kauf genommen, wenn erzieltes Erwerbseinkommen auch ohne aufstockende Leistungen nach ALG II ausreicht, um den Lebensunterhalt der Familie zu decken und somit einen Anreiz zur Arbeitsaufnahme darstellt. Allgemein ist zu bedenken, dass auch kinderlose Menschen in hohem Maß von Einkommensarmut betroffen sein können, wie am Beispiel der ledigen männlichen Tafelnutzer zu erkennen ist. Ursachen sind unter anderem ein niedriger Schulbildungsstand sowie gesundheitliche Einschränkungen. Auffällig war zudem, dass sich der Großteil aller befragten TafelnutzerInnen als psychisch und/oder körperlich beeinträchtigt einschätzte, was sich negativ auf die Erwerbsfähigkeit bzw. die Arbeitsmarktintegrationschancen auswirkt. Ohne die Tafeln wären diese verschiedenen TafelnutzerInnen hinsichtlich ihrer Ernährungssituation deutlich schlechter gestellt. Zumindest an einigen Tagen im Monat wären ca. 66 % der TafelnutzerInnen mit einer geringeren Lebensmittelmenge und/oder -qualität (ca. 41 %) konfrontiert. Da sie „mit leeren Händen“ durch die Tafel „zu vollen Tüten“ gelangen, können die Tafeln zweifelsohne als Unterstützung zur Linderung von Ernährungsarmut angesehen werden, sie sind jedoch nicht in der Lage, (Ernährungs-)Armut zu bekämpfen, was stattdessen eine wesentliche Aufgabe des Sozialstaats, d.h. der sozialstaatlichen Armutspolitik, darstellt. Da Bundeskanzlerin Merkel wörtlich im März 2017 sagte: „Wir sind die Partei, die sagt: Der Staat kann und will nicht alles machen. Deshalb stärken wir das Ehrenamt.“ Groeneveld (2017) stellt sich die Frage, ob diese auf die Flüchtlingspolitik bezogene Aussage und die angedeutete Stärkung des Ehrenamtes in Verbindung mit dem „Rückzug“ des Sozialstaates nicht auch auf andere sozialpolitische Bereiche bezogen sind oder zumindest in Zukunft in diese Richtung weisen. Im Zusammenhang mit den Tafeln könnte die Aussage der Bundestagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden der Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Göring-Eckardt sprechen: „[…] haben die vielen Tafeln in Deutschland hoffentlich einen festen Platz in unserer Gesellschaft“ und die Tafeln „müssen politische Unterstützung erfahren“ (Göring-Eckardt 2010: 151). 339 �u����En����ung �E� wic�tig�tEn �tu�iEnE�gEbni��E Die wirksame Bekämpfung/weitere Eindämmung von (Ernährungs-) Armut wird langfristig jedoch nur gelingen, wenn der Sozialstaat das Niveau der sozialen Sicherung nicht weiter absenkt, sondern besonders betroffene Bevölkerungsgruppen stärker entlastet und vor allem die Rahmenbedingungen schafft, um beispielsweise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Erste Schritte in diese Richtung sind bereits erfolgt durch den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten und vor allem zuletzt durch den Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten speziell für unter dreijährige Kinder. Ein relevantes arbeitsmarktpolitisches Thema stellt zudem auch die Eindämmung von Langzeitarbeitslosigkeit dar. In Deutschland ist jeder dritte Arbeitslose langzeitarbeitslos, d.h. 43,1 % aller Arbeitslosen sind langzeitarbeitslos. Von den Langzeitarbeitslosen sind 26 % älter als 55 Jahre (Bertelsmann Stiftung 2016). Auch in der vorliegenden Tafelnutzerbefragung war innerhalb der Stichprobe der männlichen ledigen Tafelnutzer die Mehrheit in der Alterskategorie zwischen 45 bis 59 Jahren angesiedelt. Lange Zeiten der Erwerbslosigkeit wirken sich nicht nur negativ auf die aktuelle finanzielle Situation aus, sondern dadurch wird z. B. auch das Betreiben von privater Altersvorsorge deutlich erschwert bzw. unmöglich gemacht, was sich wiederum beim Renteneintritt negativ auswirkt, da das Rentenversicherungssystem mit Einführung der Riester- Rente um die Säule der privaten Altersvorsorge ergänzt wurde. Bei Betrachtung des prognostizierten Rentenniveaus von 43 % im Jahr 2030 wird die wachsende Bedeutung privater Altersvorsorge offensichtlich. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass Langzeitarbeitslose oftmals multiple Hemmnisse hinsichtlich der Arbeitsmarktintegration aufweisen, sodass sich die Frage stellt, ob neben den sinkenden Integrationschancen mit zunehmender Dauer der Arbeitslosigkeit nicht auch der gesundheitliche Zustand der Langzeitarbeitslosen eine Arbeitsmarktintegration erschwert bzw. dazu führen würde, dass sie selbst nach Arbeitsaufnahme bereits kurze Zeit später erneut arbeitslos wären. Neben der Gesundheit stellt das Alter vieler Langzeitarbeitslosen ein weiteres Hemmnis auf dem Arbeitsmarkt dar. Daher besteht ein weiterer Ansatzpunkt darin, dass aus arbeitsmarktpolitischer Sicht auch hier Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Arbeitgeber auch bereit sind, Arbeitsplätze mit älteren Arbeitslosen zu besetzen. Die Altersstatistik der Langzeitarbeitslosen spricht dafür, dass bisherige arbeitsmarktpolitische Instrumente, 340 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil wie beispielsweise ein Eingliederungszuschuss für ältere ArbeitnehmerInnen, bisher nicht den gewünschten Erfolg erzielt hat. Langfristig wird sich insbesondere für diejenigen TafelnutzerInnen, deren Erwerbsbiografien diskontinuierliche Verläufe aufweisen, als negativ hinsichtlich deren Rentenhöhe erweisen, dass Zeiten von Arbeitslosigkeit nicht mehr als Beitrags- sondern nur noch als Ausfallzeiten gelten. Sofern diese TafelnutzerInnen zusätzlich noch in den Zeiten der Erwerbstätigkeit im Niedriglohnsektor tätig sind, werden sie auch insgesamt nur geringe Rentenanwartschaften aufbauen können. Diesbezüglich erwies sich auch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns als weiterer bedeutender Schritt, allerdings wurde auch deutlich, dass die Höhe des aktuellen Mindestlohns nach wie vor nicht ausreichend ist, um eine Rente oberhalb des Grundsicherungsniveaus zu erhalten (Steffen 2015). Damit die „working poor“ von heute nicht die auf Grundsicherung im Alter angewiesenen RentnerInnen von morgen sind, bedarf es daher einem gesetzlich festgelegten Mindestlohn, der eine oberhalb der Grundsicherung liegende Altersrente garantiert.

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References

Zusammenfassung

Die Wohlfahrtsorganisation „Tafel“ feiert 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Durch das Einsammeln und Verteilen überschüssiger Lebensmittel versuchen die Tafeln, Ernährungsarmut zu lindern und die von Einkommensarmut bedrohten oder betroffenen Menschen zu unterstützen. Doch wer sind eigentlich die TafelnutzerInnen in Deutschland und inwiefern unterscheiden sie sich von den Durchschnittsbürgern? Sind in einem Sozialstaat wie Deutschland tatsächlich Menschen von Ernährungsarmut betroffen? Durch eine quantitative und repräsentative Befragung bearbeitet Jessica Hartig diese Forschungslücken und lässt die Menschen zu Wort kommen, die sich regelmäßig in die Warteschlangen der Tafelausgabestellen einreihen und die in der Forschung bisher kaum berücksichtigt wurden. Neben dem Empfinden der TafelnutzerInnen stellt sie dar, ob Ernährungsarmut vorliegt, welche Nutzergruppen vermehrt zu den Tafeln gehen und welche möglichen Zusammenhänge zwischen den kontinuierlich gestiegenen Tafelnutzerzahlen und den wohlfahrtsstaatlichen Reformen in den Politikfeldern Arbeitsmarkt-, Renten- und Familienpolitik bestehen. Im Fokus steht dabei der Wandel von der aktiven zur aktivierenden Sozialpolitik.