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2 Armut in Deutschland in:

Jessica Hartig

Tafelnutzer im Profil, page 139 - 174

Eine empirische Analyse am Beispiel Hessen

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4094-2, ISBN online: 978-3-8288-6940-0, https://doi.org/10.5771/9783828869400-139

Tectum, Baden-Baden
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139 2 Armut in Deutschland Im Folgenden werden zunächst innerhalb der Armutsforschung gebräuchliche Definitionen von Armut sowie verschiedene Indikatoren zur Messung von Armut vorgestellt. Neben der oftmals verwendeten Messgröße der Armutsrisiko-/Armutsgefährdungsquote wird zudem auf den ebenfalls häufig genutzten Lebenslagen-Ansatz eingegangen, um in diesem Zusammenhang insbesondere auf das subjektive Empfinden von Armut betroffener Menschen einzugehen, auch im Kontext von Ernährungsarmut. 2 .1 Definitionen des Armutsbegriffs und Konzepte der Armutsmessung Innerhalb der Armutsforschung besteht zwischen Armutsforschern Konsens zu folgenden Aspekten der Armut: Zum einen wird Armut in Industriestaaten nicht im Kontext des „physischen Überlebens“ (absolute Armut), sondern als eine Frage „des angemessenen Lebens“ (relative Armut) betrachtet und die Armutsgrenze wird somit auch durch „ein soziokulturelles Existenzminimum“ dargestellt (Geißler 2014: 30). Bei der Differenzierung zwischen absoluter und relativer Armut von Hauser (2012: 124) wird deutlich, dass absolute Armut in Industriestaaten wie Deutschland nahezu nicht mehr vorkommt und stattdessen bei der Rede von Armut die relative Armut und deren Bekämpfung gemeint sind. Menschen gelten dann als arm im Sinne der relativen Armut, wenn deren Lebensstandard deutlich vom im Heimatland durchschnittlichen Lebensstandard abweicht und sie somit gezwungen sind, ein Leben unterhalb des „soziokulturellen Existenzminimums“ zu führen, was wiederum soziale Exklusion zur Folge hat (Hauser 2012: 124). 140 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Der Begriff der „bekämpften Armut“ basiert nicht auf einem theoretischen Konzept und bezieht sich auf den Anteil der Menschen, die sozialstaatliche Leistungen beziehen und somit als „von Armut befreit gelten“, da sie ohne diese staatliche Unterstützung arm wären. Somit lässt sich das Ausmaß an „bekämpfter Armut“ durch die Anzahl der Menschen, die sozialstaatliche Leistungen zur Existenzsicherung beziehen, quantifizieren (Dietz 1997: 92 f.). Zum anderen weist Geißler (2014: 30) darauf hin, dass sich die Definition von Armut innerhalb verschiedener kultureller Gesellschaften und zwischen verschiedenen historischen Zeitabschnitten unterscheidet. Definitionen von Armut in diesem Kontext basieren auf Meinungen der gesellschaftlichen/politischen Mehrheit. Ebenso sind sich ForscherInnen darüber einig, dass Armut viele Facetten hat und somit als mehrdimensional zu bezeichnen ist. Materielle Mangelversorgung steht in Zusammenhang mit sozialen, kulturellen und psychischen Komponenten insofern, dass Armut durch mangelnde Teilhabe am „wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben“ geprägt ist (Geißler 2014: 30). Im Rahmen des Ressourcenansatzes wird Armut als eine „Unterausstattung mit ökonomischen Ressourcen“ definiert. Dabei steht meist das Einkommen ggf. in Verbindung mit Vermögen als einzige ökonomische Ressource im Vordergrund (Hanesch 1998: 224). Eine Person ist demnach dann als einkommensarm zu bezeichnen, wenn das vorhandene Einkommen unterhalb einer festgelegten Einkommensarmutsgrenze liegt. Der Sozialstaat ist dann in der Lage, durch aufstockende Sozialleistungen Einkommensarmut vollständig zu bekämpfen, sofern der Einkommensabstand der untersten Gruppe deutlich vom Durchschnittseinkommen entfernt ist (Hauser 2012: 123 f.). Nach Hauser wird bei der Charakterisierung von Armut diese auf Einkommen fokussierte Betrachtungsweise als Einkommensarmut bezeichnet (Hauser 2012: 123 f.). 2 .1 .1 Lebenslagen-Ansatz Ein mehrdimensionales Konzept stellt der Lebenslagen-Ansatz dar (Neurath 1931, zitiert nach Engels 2008), der „im Gegensatz zu anderen Armutsdefinitionen die tatsächliche aktuelle Lage von Menschen erfasst“ (Hauser 2012: 127). Bei Heranziehung des Lebenslagen-Ansatzes kann jedoch trotz aufstockender Sozialleistungen in einigen Lebenslagedimen- 141 ���ut in �Eut�c�l�n� sionen relative Armut vorliegen und zwar dann, wenn das inklusive der staatlichen Sozialleistungen zur Verfügung stehende Einkommen nicht so eingesetzt wird, dass in allen Dimensionen ein bestimmter Standard erzielt wird (Hauser 2012: 123 f.). Nach Engels (2008: 643) bezieht sich der Begriff „Lebenslage“ dabei auf die Zusammenfassung von äußeren Bedingungen, die das Leben von Personen oder Gruppen beeinflussen. Kennzeichnend für den Begriff der Lebenslage ist die Mehrdimensionalität, die sich darauf bezieht, dass gleichzeitig mehrere Lebensbereiche betrachtet werden. Im Rahmen der Armutsforschung wird der Lebenslagen-Ansatz verwendet, um Unterversorgung in den folgenden Bereichen zu messen: Erwerbstätigkeit, Bildung, materieller Lebensstandard, Wohnqualität und Gesundheit. Somit wird bei der Erfassung der Armut nicht ausschließlich die Einkommensdimension betrachtet, sondern „mehrdimensionale Unterversorgungslagen und deren Wechselwirkungen“ (Engels 2008: 643). Soll relative Armut mithilfe des Lebenslagen- Ansatzes beschrieben werden, so erfordert dies die Entscheidung darüber, welche Mindeststandards in einer Lebenslagedimension zugrunde zu legen sind. Um dies empirisch erfassen zu können, müssen geeignete Indikatoren gefunden werden. Bei der Betrachtung dieser besteht dann die Möglichkeit, zwischen der externen Sicht von Experten sowie der subjektiven Sicht der Betroffenen zu unterscheiden, wodurch für einen Indikator unterschiedliche Werte zustande kommen können (Hauser 2012: 127). Im Rahmen des vom damaligen Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung59 beauftragten Projekts „Methoden und Grundlagen des Lebenslagen-Ansatzes“ wurden anhand des Lebenslagen-Ansatzes Indikatoren für die Erfassung von Armut festgelegt (Voges et al. 2003: 8 f.). Die im Folgenden genannten Dimensionen wurden ebenfalls im Rahmen der vorliegenden Studie bei der Entwicklung des eingesetzten Fragebogens verwendet (siehe Tabelle 2). 59 Vor dem Hintergrund der von SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN geforderten Armuts- und Reichtumsberichterstattung der Bundesregierung (Voges et al. 2003: 10). 142 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Tabelle 2 Dimensionen einer Lebenslage Erhebung Voges et al . (2003) Vorliegende Studie Dimensionen Indikatoren Schwellenwerte Indikatoren Schwellenwerte Bildung Schulabschluss kein Schulabschluss Frage 30: Höchster allgemeinbildender Schulabschluss nie Schule besucht, Schule besucht, aber kein Schulabschluss, noch SchülerIn, Schulabschluss einer Lernförderschule (früher: Sonderschule) Berufsbildender Abschluss kein berufsbildender Abschluss Frage 31: Berufliche Ausbildungsabschlüsse Kein Ausbildungsabschluss, noch in der Lehre/Ausbildung, beruflich-betriebliche Anlernzeit mit Abschlusszeugnis, aber keine Lehre Einkommen Einkommenserzielung Nettoäquivalenzeinkommen pro Kopf 60% des Median OECD-Skala Frage 37: Höhe eigenes monatliches Nettoeinkommen Hier: Keine Schwellenwerte, da in der vorliegenden Untersuchung Kategorien und keine absoluten Zahlen erhoben wurden und sich somit keine Schwellenwerte bestimmen lassen. Einkommensverwendung Mietaufwand bzw. laufende Kosten für Wohneigentum (bei Selbstnutzung) Aufwand für Gesunderhaltung Mietaufwand > 30% vom Haushaltsnettoeinkommen Aufwand > 5% vom Haushaltsnettoeinkommen Erwerbstätigkeit Erwerbsbeteiligung Erwerbslos, unfreiwillige Teilzeitarbeit, Entmutigte Frage 33: jetzige Erwerbssituation Dauerhaft Erwerbsunfähig, arbeitslos inadäquate Beschäftigung Anteil an inadäquat Beschäftigten (berufliche Stellung ≠ Ausbildungsniveau) 143 ���ut in �Eut�c�l�n� Gesundheit Erkrankung starke/sehr starke Einschränkung der alltäglichen Arbeit durch Krankheit Frage 40: seelischer Zustand Seelisch krank in Behandlung und seelisch krank und nicht in Behandlung Frage 41: Körperliche Beschwerden/Krankheiten, die einschränken Ja, vorhanden und teils-teils Wohnen Wohndichte Anzahl Personen/ Zimmer > 1 Frage 38: Wohnungsgröße in Zimmern und in Quadratmeter Anzahl Quadratmeter/Anzahl Personen im Haushalt Wohnfläche < 50 % der mittleren Wohnfläche obdachlos Anmerkung: Entnommen aus Voges (2003: 9f), ergänzt um eigene Darstellung Im Folgenden werden die einzelnen Dimensionen in Anlehnung an (Voges et al. 2003: 10) detaillierter dargestellt. Bildung ist als Einflussnehmer auf Berufs- und Lebensperspektiven zu betrachten, da sich die Bildung auf die Position im Arbeitsmarkt auswirkt. Einkommen wird als „zentrale Dimension der Lebenslage“ betrachtet, da knappe finanzielle Mittel die Lebenslage bestimmen und auch Benachteiligungen in anderen Dimensionen oft mit Einkommensarmut zusammenhängen. Erwerbstätigkeit ist zum einen als Fundament für die Existenzsicherung zu sehen und zum anderen als Chance für die berufliche Karriere und somit als Lebenschance zu betrachten. Gesundheit stellt sich ebenfalls als relevante Dimension dar, da sich materielle Unterversorgung negativ auf psychische und körperliche Erkrankungen und das subjektive Wohlbefinden auswirkt und bei chronischen Erkrankungen/Behinderungen letztendlich auch Teilhabemöglichkeiten am sozialen Leben beeinträchtigen kann. Wohnen ist eine weitere zentrale Lebenslagedimension, da Wohnen als „existenzielles Grundbedürfnis des Menschen“ sowie als „elementare Erscheinungs- und Ausdrucksform menschlichen Daseins“ zu sehen ist (Voges et al. 2003: 10). 144 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Operationalisierung des Lebenslagen-Ansatzes/Konzeptes der materiellen Deprivation Ausgehend von der Definition für EU-SILC (European Union Statistics on Income and Living Conditions) liegen Armut oder soziale Ausgrenzung dann vor, wenn eines oder mehrere der vorliegenden Kriterien gegeben sind: Armutsgefährdung, erhebliche materielle Entbehrung, Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Von erheblicher materieller Entbehrung/Deprivation ist dann auszugehen, wenn mindestens vier der folgenden Kriterien zutreffen: 1. Finanzielles Problem, Miete oder Rechnungen für Versorgungsleistungen rechtzeitig zu bezahlen; 2. Finanzielles Problem, die Wohnung angemessen heizen zu können; 3. Finanzielles Problem, unerwartete Ausgaben in einer bestimmten Höhe aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten zu können; 4. Finanzielles Problem, jeden zweiten Tag Fleisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit einnehmen zu können; 5. Finanzielles Problem, jährlich eine Woche Urlaub an einem anderen Ort als zu Hause zu verbringen; 6. Fehlen eines Pkw im Haushalt aus finanziellen Gründen; 7. Fehlen einer Waschmaschine im Haushalt aus finanziellen Gründen; 8. Fehlen eines Farbfernsehgeräts im Haushalt aus finanziellen Gründen; 9. Fehlen eines Telefons im Haushalt aus finanziellen Gründen. Ein Haushalt wird dann als „Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung“ bezeichnet, wenn „die tatsächliche Erwerbsbeteiligung (in Monaten) der im Haushalt lebenden, erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Alter von 18 bis 59 Jahren insgesamt weniger als 20 % ihrer potenziellen Erwerbsbeteiligung beträgt60“ (Statistisches Bundesamt 2014b: 8). 60 Bsp.: Leben in einem Haushalt drei Personen im erwerbsfähigen Alter, so beträgt deren potenziell mögliche Erwerbsbeteiligung 36 Erwerbsmonate im Jahr. 20 % von 36 Erwerbsmonaten sind 7,2 Monate, sodass bei einer Unterschreitung dieses Wertes von „einem Haushalt mit niedriger Erwerbsbeteiligung“ die Rede ist. 145 ���ut in �Eut�c�l�n� 2 .1 .2 Relative Einkommensarmut Wie von Stauder und Hüning (2004: 10) ausgeführt, existiert weder in der Forschung noch in der Politik eine einheitliche und anerkannte Definition von relativer Armut. Dies liegt u.a. daran, dass es „für Armut keinen objektiven, sondern lediglich einen normativen Maßstab gibt“. Eine Schwierigkeit besteht in der Bestimmung der Armutsschwelle, worunter der Mindest-Geldbetrag für einen Haushalt verstanden wird, um nicht unter die Definition „arm“ zu fallen. Meist wird als statistische Grö- ße für die Armutsschwelle der Prozentsatz des mittleren bedarfsgewichteten Haushaltsnettoeinkommens pro Kopf verwendet (Stauder/Hüning 2004: 10). Nach der im Rahmen der Europäischen vergleichenden Armutsforschung verwendeten Definition von relativer Armut gilt als arm, wer „über weniger als 60 % des durchschnittlichen Haushaltseinkommens“ in Relation zu Anzahl und Alter der in einem Haushalt lebenden Personen verfügt (Geißler 2014: 32). Ein Vorteil bei der Betrachtung von statistischen Maßen zur relativen Armut besteht insgesamt darin, auch Änderungen im Zeitverlauf betrachten zu können (Geyer 2015: 6). 2 .1 .3 Armutsrisiko-/Armutsgefährdungsquote Die relative Einkommensarmut wird oft durch die Armutsrisikoquote dargestellt. Die Armutsrisikoquote bezeichnet den „Anteil der Personen an der Gesamtbevölkerung, deren bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Medianeinkommens beträgt“ (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013: 425). Die Wirkungen von Sachund Dienstleistungen werden bei der Armutsrisikoquote nicht berücksichtigt, auch dann nicht, wenn sich dadurch eine deutliche Verbesserung der Lebenssituation der Betroffenen zeigt. Als häufiger Kritikpunkt an der Armutsrisikoquote wird genannt, dass sie „nur auf relative Veränderungen reagiert und allgemeine Wohlfahrtsgewinne nicht beachtet.“ Daraus ist zu folgern, dass weniger die Höhe der Quoten besonders relevant ist, sondern insbesondere Veränderungen im Zeitverlauf sowie Unterschiede zwischen verschiedenen sozioökonomischen Bevölkerungsgruppen von Interesse sind. Zudem wird in der Armutsrisikoquote das soziokulturelle Existenzminimum nicht abgebildet, ebenso wenig wie Ressourcen, z. B. Vermögen, Bildung, Gesundheit (Bun- 146 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil desministerium für Arbeit und Soziales 2013: VIIIf.). In Abhängigkeit der Datenbasis sowie der Berechnungsweise kann es zu unterschiedlichen Armutsrisikoquoten kommen. Der 4. Armuts- und Reichtumsbericht61 der damaligen konservativ-liberalen Bundesregierung verwendet Armutsrisikoquoten nach dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), dem Mikrozensus sowie nach EU-SILC (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013: 425). 2 .1 .4 Sozialstaatlich definierte Armutsgrenze/Grundsicherungsquote als Armutsindikator Als ein weiterer Indikator von Armut kann die „sozialstaatlich definierte Armutsgrenze“ Anwendung finden, wonach diejenigen als arm gelten, die Leistungen nach SGB II (Tophoven et al. 2015b: 7) bzw. Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung beziehen (Geyer 2015: 3). Dies wird auch als „offizielle Armut“ bezeichnet (Geißler 2014: 31). Diese Armutsdefinition ist mit der Betrachtung der Haushalte verbunden, deren Einkommen niedriger als 60 % des mittleren Einkommens aller Haushalte angesiedelt ist, da das Einkommen auch durch die Höhe der Sozialleistungen definiert ist. Die Verwendung beider Armutsmaße erlaubt eine differenziertere Betrachtung (Tophoven et al. 2015b: 7). Bei der Betrachtung verschiedener Armutsmessgrößen ist zu bedenken, dass die durch SGB II und SGB XII definierte Armutsgrenze das gesetzlich vorgegebene Existenzminimum sichern soll, während die Armutsgrenze bei der relativen Armutsmessung sich auf eine Einkommensgröße bezieht, ab der von Armut oder zumindest einem Armutsrisiko ausgegangen wird (Geyer 2015: 2). Bei der Betrachtung der Grundsicherungsquote als Indikator für Armut stellt sich die Frage, wie viele der Leistungsberechtigten die Transferzahlungen letztendlich nicht in Anspruch nehmen (sogenannte ver- 61 Da der 5. Armuts- und Reichtumsbericht sich zum Zeitpunkt der Einreichung der vorliegenden Arbeit in der Ressortabstimmung befand, bevor er im Kabinett beschlossen und anschließend im Bundestag beraten wird, wird auf den 4. Armuts- und Reichtumsbericht verwiesen. Untersuchungsgegenstand des am 12.04.2017 veröffentlichten 5. Berichts ist die Frage, ob jeder die gleichen Chancen hat, um am gesellschaftlichen Wohlstand teilzuhaben (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2017). 147 ���ut in �Eut�c�l�n� deckte Armut), wodurch wiederum die Aussagekraft der Grundsicherung als Armutsindikator in Frage gestellt wird (Geyer 2015: 3).62 Nach Becker (2007: 4) sind insbesondere alleinstehende Frauen, Paarhaushalte mit erwerbstätigem Haushaltsvorstand sowie Haushalte älterer Menschen besonders stark von verdeckter Armut betroffen (Becker 2007: 4). Insgesamt ist zu berücksichtigen, dass relative Armutsquoten im Vergleich zu Sozialhilfeempfängerquoten deutlich höher sind, da in der relativen Armut auch die angenommene verdeckte Armut enthalten ist (Geißler 2014: 32). Die nachfolgenden Abbildungen zeigen die Entwicklung der SGB II-Hilfequoten im Betrachtungszeitraum 2007 bis 2015, dem Ende des Erhebungszeitraums der vorliegenden Untersuchung, gesondert dargestellt für die gesamte Bundesrepublik Deutschland (BRD) (Abbildung 6) sowie für das Bundesland Hessen (Abbildung 7). 62 Durch ein auf die Datenbasis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 2008 angewandtes Mikrosimulationsmodell wird die Quote der Nicht-Inanspruchnahme von Leistungen der Grundsicherung zwischen 34–43 % geschätzt. Diese Quote fällt zwar im Vergleich zu anderen Studien geringer aus, allerdings lässt sich dennoch auf einen nicht unerheblichen Anteil von verdeckt armen Haushalten schließen in Höhe von 1,75 Mio. Haushalten, in denen ca. 3,1 Mio. Menschen leben (Bruckmeier/Pauser et al. 2013: 4). Beim Vergleich verschiedener Studien zur Ermittlung von verdeckter Armut ist jedoch zu beachten, dass unterschiedliche Betrachtungszeiträume, Sozialleistungen, Simulationsmodelle und Datensätze herangezogen werden und somit nur eine eingeschränkte Vergleichbarkeit möglich ist (Bruckmeier/Pauser et al. 2013: 23). 148 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Abbildung 6 SGB II-Hilfequoten63 für Deutschland von 2007 bis 2015 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2016b; eigene Darstellung Insgesamt zeigt sich ein leichter Rückgang der SGB II-Quoten sowie der SGB II-Quote bezogen auf erwerbsfähige LeistungsempfängerInnen (ELB-Quote) sowohl für die gesamte BRD als auch für Hessen. Dabei liegen die SGB II- und ELB-Quoten für Hessen leicht unterhalb der Quoten für die gesamte BRD. 63 Die SGB II-Quoten setzen den Bestand an Leistungsberechtigten nach SGB II in Beziehung zur Bevölkerung in der entsprechenden Altersgruppe. Dabei wird als Bezugsgröße die vom Statistischen Bundesamt jeweils zum 31.12. eines Jahres ermittelte Bevölkerungszahl zugrunde gelegt. Die SGB II-Quote setzt die Leistungsberechtigten ins Verhältnis zur Bevölkerung im Alter von 0 Jahren bis zur Regelaltersgrenze. Bei der ELB-Quote (erwerbsfähige Leistungsberechtigte) werden hingegen die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten zur Bevölkerung im Alter von 15 Jahren bis zur Regelaltersgrenze ins Verhältnis gesetzt. 149 ���ut in �Eut�c�l�n� Abbildung 7 SGB II-Hilfequoten64 für Hessen von 2007 bis 2015 Quelle: Bundesagentur für Arbeit 2016b; eigene Darstellung Im Folgenden sind die Regelbedarfshöhen des ALG II dargestellt. Die Höhe des Arbeitslosengeldes II und des Sozialgeldes richtet sich nach den Regelbedarfen. Alleinstehende, Alleinerziehende sowie Volljährige, deren Partner minderjährig ist, haben Anspruch auf den vollen Regelbedarf, der seit dem 01.01.2017 bundeseinheitlich 409 Euro beträgt (Tabelle 3). 64 Siehe Fußnote 63. 150 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Tabelle 3 Regelbedarf Arbeitslosengeld II nach SGB II im Zeitraum 2014 bis 2017 2017 2015 2014 (seit 01 .01 .2017; Ver- änderung gegenüber 2016 in Klammern) (Erhebungszeitpunkt) (Erhebungszeitpunkt) Regelbedarfsstufe 1, voller Regelbedarf 409 Euro (+ 5 Euro) 399 Euro 391 Euro Alleinstehende, Alleinerziehende sowie Volljährige, deren Partner minderjährig ist Regelbedarfsstufe 2 368 Euro (+ 4 Euro) 360 Euro 353 Euro volljährige Partner Regelbedarfsstufe 3 327 Euro (+ 3 Euro) 320 Euro 313 Euro Junge Erwachsene ab 18 Jahre, die noch bei ihren Eltern wohnen und das 25. Lebensjahr noch nicht vollendet haben Regelbedarfsstufe 4 311 Euro (+ 5 Euro) 302 Euro 296 Euro Jugendliche zwischen 15–18 Jahre Regelbedarfsstufe 5 291 Euro (+ 21 Euro) 267 Euro 261 Euro Kinder im Alter zwischen 7–14 Jahre Regelbedarfsstufe 6 237 Euro (+/-0 Euro) 234 Euro 229 Euro Kinder unter sechs Jahre 6 Quelle: Bundesregierung 2013b; eigene Darstellung Seit 2007 erfolgte eine jährliche Erhöhung der Regelbedarfsstufen. Von 2005 bis 2008 haben die Regelbedarfsstufen 3 und 4 die gleiche Regelbedarfshöhe erhalten, ebenso wie die Regelbedarfsstufen 5 und 6 (Bundesregierung 2013b). Kosten der Unterkunft und Heizung werden zudem in der Höhe der tatsächlichen Aufwendungen übernommen, sofern diese als angemessen einzustufen sind. Zudem besteht die Möglichkeit, einmalige Leistungen in Form von Darlehen oder als Geld- und Sachleistungen zu erhalten (Bundesagentur für Arbeit 2016a). 151 ���ut in �Eut�c�l�n� Armutsgefährdungsquote in Deutschland und im Bundesland Hessen Im Zeitvergleich ist die Armutsgefährdungsquote für Deutschland in den letzten zehn Jahren insgesamt leicht angestiegen (Statistisches Bundesamt 2015). Die anhand von Zensus 2011-Daten am Bundesmedian ermittelte Armutsgefährdungsquote für Deutschland betrug für das Jahr 2014 15,4 %. Das Bundesland Hessen verzeichnete im gleichen Jahr eine Armutsgefährdungsquote von 13,8 % und zählte damit hinter Baden- Württemberg und Bayern innerhalb von Deutschland zu den Bundesländern mit der niedrigsten Armutsgefährdungsquote. Nach der Befragung „Leben in Europa 2013“ von über 10.000 Privathaushalten in Deutschland und über 20.000 Befragten ab 16 Jahren in diesen Haushalten waren im Erhebungsjahr 2012 16,1 % der Bevölkerung armutsgefährdet (Statistisches Bundesamt 2015a). Als noch höher stellt sich der Prozentsatz heraus, betrachtet man den von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffenen Bevölkerungsanteil. Demnach waren im Jahr 2013 insgesamt 20,3 % der Bevölkerung von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Differenziert nach Alter und Geschlecht stellt die Gruppe der 18- bis unter 65-Jährigen Frauen mit 23,5 % die davon am stärksten betroffene Bevölkerungsgruppe dar. Beim Vergleich der über 65-Jährigen zeigt sich ebenfalls, dass Frauen mit 18,3 % stärker betroffen sind als Männer (13,5 %) (Statistisches Bundesamt 2015c). Als armutsgefährdet galten bezogen auf das Jahr 2012 allein lebende Personen dann, wenn sie weniger als 979 Euro im Monat zum Bestreiten ihres Lebensunterhaltes zur Verfügung hatten (Statistisches Bundesamt 2015a). 2 .2 Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Armutsrisiko Im Zusammenhang mit der Armutsforschung taucht häufig der Begriff des „Prekariats“ auf, oftmals definiert als die Bevölkerungsgruppen, denen der Abstieg in die Armut droht. Dies betrifft insbesondere die „untere Einkommens-Mittelschicht“ (Geißler 2014: 39). Insbesondere kinderreiche und ausländische Familien sowie Alleinerziehende und Jugendliche ohne Schulabschluss oder ohne berufliche Ausbildung gelten als Risikogruppen, von Armut betroffen zu sein (OECD 2008: 137 ff.; BMFSFJ 2008: 12 ff.). Geißler (2014: 34) konnte anhand der von Goebel, Habich und Krause im Rahmen des Datenreports 2013 angegebenen so- 152 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil ziodemographischen Merkmale der von Armut betroffenen Bevölkerung verschiedene Faktoren ableiten, die das Armutsrisiko erhöhen. In absteigender Reihenfolge zählen dazu: Arbeitslosigkeit, Kinder allein erziehen, Migrationshintergrund (dabei vor allem Ausländerstatus), schulische Qualifikation unterhalb des Hauptschulabschlusses, Scheidung, geringe berufliche Qualifikation, Alter zwischen 11 bis 30 Jahre, mindestens drei Kinder (Geißler 2014: 34). Im Zeitverlauf hat sich die Zusammensetzung der Armutsrisikogruppen insgesamt jedoch verändert. Während in den 1960er und 1970er Jahren ältere Menschen und davon insbesondere weibliche ältere Menschen von einem hohen Armutsrisiko bedroht waren, zählte diese Gruppe vor fünf Jahren nicht mehr zu den vordergründig stark von Armut bedrohten Bevölkerungsgruppen, was auf die Verbesserung der Alterssicherung zurückgeführt werden kann. Auch zeigen sich bei der Geschlechterverteilung nur geringe Unterschiede, mit Ausnahme der meist weiblichen Alleinerziehenden (Geißler 2014: 34). Besonders stark von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind jedoch nach wie vor die Personengruppen, die sehr geringe Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt haben aufgrund persönlicher und sozialer Problemlagen, wie u.a. Drogenabhängige, chronisch psychisch oder physisch behinderte Menschen (Boeckh et al. 2011: 188). Im Folgenden werden verschiedene „Armutsrisikogruppen“ daher näher dargestellt. Dabei werden Drogenabhängige als in der Risikogruppe der psychisch eingeschränkten/behinderten Menschen inkludiert betrachtet, da psychische Störungen und Verhaltensstörung durch psychotrope Substanzen ausgelöst werden können (World Health Organization 2015).65 65 So zeigte sich z. B. die Tendenz, dass bei chronischem Cannabiskonsum das Risiko für z. B. psychotische Symptome und Störungen doppelt so hoch ist wie bei Nichtkonsumenten (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht 2016: 56). Während Substanzstörungen psychische Störungen auslösen können, können Substanzstörungen auch als Folge einer psychischen Erkrankung auftreten. Hinsichtlich der Komorbidität von Drogenkonsum und psychischen Störungen litten bereits im Jahr 2004 europaweit ca. 30–50 % aller psychiatrisch behandelten PatientInnen neben mindestens einer psychischen Erkrankung unter einer Substanzstörung (Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht 2004: 1 ff.). 153 ���ut in �Eut�c�l�n� 2 .2 .1 Working Poor: Armut trotz Erwerbstätigkeit In den letzten Jahren ist die Zahl der erwerbstätigen LeistungsbezieherInnen, den sogenannten AufstockerInnen, fast unverändert geblieben. Bruckmeier et al. (2013:3 f.) konnten in Simulationsrechnungen zeigen, dass nur ein geringer Anteil der AufstockerInnen durch den Mindestlohn die Hilfebedürftigkeit überwindet und nicht mehr auf den Leistungsbezug angewiesen wäre. Dies betraf primär die AufstockerInnen, deren Beschäftigungsumfang weitgehend einer Vollzeitbeschäftigung entsprach und deren Einkommen nicht zur Sicherung des Lebensunterhaltes mehrerer Familienangehöriger herangezogen wurde. Innerhalb einer Auswertung des PASS wurde der größte Anteil (34 %) der AufstockerInnen durch Single-Haushalte gebildet, gefolgt von Paaren mit Kindern (28 %). Bezogen auf den wöchentlichen Arbeitszeitumfang zeigte sich, dass 60 % der AufstockerInnen Beschäftigungen im Umfang von weniger als 22 Stunden pro Woche ausübten. Somit kann eine niedrige Anzahl an Wochenarbeitsstunden ein Grund für die Notwendigkeit des Aufstockens sein. Die Gruppe der Singles und Alleinerziehenden weist die geringste durchschnittliche Wochenarbeitszeit auf (Bruckmeier/Eggs et al. 2013: 3 f.). In Bedarfsgemeinschaften, zu denen Kinder zählen, sind mangelnde Kinderbetreuungsangebote ein wesentliches Hemmnis für eine stärkere Integration der Eltern in den Arbeitsmarkt (Dietz/Müller/Trappmann 2009: 9), daher ist auch bei den Alleinerziehenden die geringere durchschnittliche Wochenarbeitszeit erklärbar durch nicht gesicherte Kinderbetreuung. Bruckmeier und Eggs et al. (2013) stellten dar, dass mit steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit, den Leistungsbezug zu beenden, sinkt. Ebenso wirkt sich ein sich verschlechternder Gesundheitszustand negativ aus und erhöht die Wahrscheinlichkeit des Verbleibs im Leistungsbezug. Positiv wirkt sich hingegen ein Berufsabschluss (Ausbildung, Meister- oder Hochschulabschluss) aus, da dies gegenüber Beschäftigten ohne Qualifikation die Wahrscheinlichkeit erhöht, den Leistungsbezug verlassen zu können (Bruckmeier und Eggs et al. 2013: 5). Zu den als erwerbsfähig betrachteten AufstockerInnen zählen auch die Menschen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht in der Lage sind, einer Vollzeit-Beschäftigung nachzugehen (Dietz/Müller/Trappmann 2009: 9). Hinsichtlich sozialstaatlicher Anknüpfungspunkte für den Abbau der 154 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Anzahl an „working poor“ wird zum einen der Mindestlohn als entscheidender Schritt in diese Richtung betrachtet. Um nicht mehr auf aufstockende Leistungen angewiesen zu sein, ermittelte Steffen (2015) einen erforderlichen Brutto-Stundenlohn von 8,17 Euro bzw. monatlich 1.333 Euro, wovon netto 1.006 Euro blieben. Davon wären seinen Berechnungen zufolge 300 Euro nicht von der Anrechnung auf die Grundsicherung betroffen (Erwerbstätigenfreibetrag), sodass ein verbleibendes auf die Grundsicherung anrechenbares Einkommen von 706 Euro bliebe und somit kein Anspruch auf aufstockende Leistungen nach SGB II vorhanden wäre. Der genannte Mindestlohn würde nicht ausreichen, um nach 45 Beitragsjahren in der gRV auch eine Altersrente in mindestens Existenzminimumhöhe zu erhalten. Nach Steffens Berechnungen wäre zum jetzigen Zeitpunkt für eine Altersrente in mindestens der Höhe des Existenzminimums ein Brutto-Stundenlohn von 11,94 Euro bei einer 37,7-Stunden-Woche erforderlich (Steffen 2015). 2 .2 .2 Jugendliche (insbesondere ohne Schulabschluss oder berufliche Ausbildung) und junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 25 Jahren Hohe Armutsgefährdungsquoten zeigten sich im Jahr 2014 für Gesamtdeutschland ebenfalls bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren (23,6 %) sowie mit 19 % ebenfalls in der Altersgruppe der unter 18-Jährigen. Frauen (25,8 %) waren in dieser Altersgruppe dabei insgesamt etwas häufiger betroffen als Männer (23,6 %) (Statistisches Bundesamt 2015b). Teilweise besuchen hilfebedürftige Jugendliche noch die Schule, absolvieren eine Berufsausbildung, studieren, nehmen an arbeitsmarktpolitischen Fördermaßnahmen teil oder erziehen Kinder im Alter unter drei Jahren. Bei Betrachtung des Bildungsniveaus fällt auf, dass ein erheblicher Anteil der jugendlichen LeistungsempfängerInnen entweder keinen Schulabschluss oder einen Hauptschulabschluss hat. Ein Großteil der auf Leistungen nach SGB II angewiesenen Jugendlichen lebt in Großstädten. Zudem sind die Jugendlichen mehrheitlich über einen längeren Zeitraum auf SGB II angewiesen und auch diejenigen, die ihre Hilfebedürftigkeit beenden können, sind oft kurze Zeit später wieder auf SGB II angewiesen (Buntenbach et al. 2013: 1 ff.). Daher erörtern Götz, Ludwig-Mayerhofer und Schreyer (2010: 1) im Folgenden Ursachen für die häufigeren Sanktionen bei jüngeren SGB II- 155 ���ut in �Eut�c�l�n� LeistungsbezieherInnen im Vergleich zu 25- bis 64-Jährigen66. Gründe für die meisten Sanktionen sind dabei Meldeversäumnisse. Für Arbeitslose unter 25 Jahren gelten zudem besondere Sanktionierungsregelungen insofern, dass die Regelleistung vollkommen gestrichen werden darf, wenn der/die arbeitslose Kunde/Kundin eine zumutbare Ausbildung, Arbeit oder Arbeitsgelegenheit nicht annimmt. Allerdings ist die Häufigkeit der Sanktionierung bei dieser Kundengruppe mitunter auch darauf zurückzuführen, dass ein/e FallmanagerIn für weniger unter 25-jährige Kunden zuständig ist als FallmanagerInnen im Bereich der Kundengruppe ab 25 Jahren. Durch diese intensivere Betreuung kann eine höhere Kundenkontaktdichte gewährleistet werden und es können auch mehr Anforderungen an die Kunden gestellt werden, sodass es häufiger vorkommen kann, dass Kunden eine Anforderung nicht erfüllen (Götz/Ludwig-Mayerhofer/Schreyer 2010: 1). Neben Arbeitslosigkeit können bei Jugendlichen auch andere Lebensumstände zu Hilfebedürftigkeit im Rahmen von Leistungen nach SGB II führen, sofern das eigene Einkommen bzw. das Einkommen der Haushaltsgemeinschaft nicht zur Existenzsicherung reicht. Oft leben die Jugendlichen noch im Elternhaus und häufig ist auch ein weiteres Haushaltsmitglied arbeitslos, sodass das Verarmungsrisiko Jugendlicher in engem Zusammenhang zur beruflichen Situation der Eltern steht (Buntenbach et al. 2013: 1 ff.). Bei Betrachtung staatlicher Interventionen zur Vermeidung von Armut bei der Bevölkerungsgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen sich im Rahmen der Sozialpolitik verschiedene Anknüpfungspunkte erkennen. Familien- und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wirken dabei zunächst primär auf die finanzielle Situation der Eltern/der Bedarfsgemeinschaft. Eine wichtige Rolle spielt vor allem die Herstellung von Chancenund Bildungsgerechtigkeit für Jugendliche und junge Erwachsene aus sozialschwachen Elternhäusern, da die schulische und berufliche Qualifizierung die Chancen für ein Arbeitsverhältnis erhöht und damit zur Sicherung des eigenen Einkommens beiträgt. 66 Im Dezember 2009 lag die Quote bei 10,1 % für die unter 25-Jährigen und bei 3,2 % bei den 25- bis 64-Jährigen (Götz et al. 2010: 1). 156 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil 2 .2 .3 Menschen mit psychischen Erkrankungen/gesundheitlichen Einschränkungen Menschen mit psychischen Erkrankungen sind insofern mehrfach benachteiligt, da sie zum einen bedingt durch ihre Erkrankung stärker vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind und zudem ein Zustand lang andauernder Arbeitslosigkeit eine Verschlechterung des psychischen Zustandes verstärkt (Schubert et al. 2013b: 27), was sich wiederum erschwerend auf die Rückkehr/den Einstieg ins Erwerbsleben auswirkt. Ausgehend von einer Stichprobe von n67 = 398 aus dem Jahr 1997 zeigte sich, dass ein hoher Anteil an als arm bezeichneten Personen von gesundheitlichen Beeinträchtigungen berichtete (Klocke 2000: 324). Bei Betrachtung der Unterschiede in den letzten fünfunddreißig Jahren hinsichtlich des Gesundheitszustandes zeigte sich, dass heute mehr Menschen aus der niedrigsten Einkommensgruppe ihren Gesundheitszustand als „weniger gut“ oder sogar „schlecht“ einschätzten (Statistisches Bundesamt/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung 2013). Bei Menschen ab 45 Jahren zeigte sich, dass Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Angina pectoris, Hypertonie, Diabetes, chronische Bronchitis, chronische Lebererkrankung, Osteoporose, Arthrose und Depression verstärkt in der Armutsrisikogruppe aufgetreten sind. Zudem zeigte sich bei Männern ein Zusammenhang zwischen Armutsrisiko und Herzinsuffizienz, Arthritis sowie chronischer Niereninsuffizienz, während bei Frauen zusätzlich noch Asthma bronchiale und erhöhte Blutfettwerte in der Armutsrisikogruppe häufiger auftraten (Lampert et al. 2013: 259). Personen mit niedrigem Einkommen verhalten sich eher riskant hinsichtlich ihrer Gesundheit und partizipieren seltener an Vorsorgeuntersuchungen. Darin ist häufig die Ursache zu sehen, warum bestimmte Krebserkrankungen, Herzinfarkt, Diabetes und chronische Bronchitis innerhalb dieser Personengruppe mitunter häufiger auftreten. Ein weiterer Zusammenhang besteht darin, dass durch Krankheit wiederum das Armutsrisiko steigt, da bei Arbeitslosigkeit die Chancen auf Wiederbeschäftigung geringer sind. Bei krankheitsbedingter Erwerbsunfähigkeit sind die Betroffenen z. T. mit geringen Einkommen konfrontiert, sofern sie sich durch ihren vorherigen Erwerbsverlauf und etwaigen Versicherungsschutz nicht absichern konnten (Bundesministerium 67 n bezeichnet die Größe der Stichprobe ausgedrückt durch die absolute Anzahl 157 ���ut in �Eut�c�l�n� für Arbeit und Soziales 2013: XXXVII). Auch besteht ein Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und einem schlechteren Gesundheitszustand. Durch die Arbeitslosigkeit sind die finanziellen Möglichkeiten begrenzt, der Lebensstandard ist insgesamt geringer und Zukunftsängste sowie Ausgrenzungserlebnisse können zu psychosozialen Belastungen führen (Lampert et al. 2013: 271). Anhand einer Auswertung von Daten, u.a. der Bundesagentur für Arbeit sowie der Krankenkassen aus dem Jahr 2011, konnten Schubert et al. (2013a: 41) zeigen, dass Diagnosen aus dem psychiatrischen Spektrum häufiger verkommen bei erwerbsfähigen LeistungsbezieherInnen als bei Erwerbstätigen. Hinsichtlich der Frührenten aufgrund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen konnte festgestellt werden, dass bei den Neuzugängen in Erwerbsminderungsrente psychische Erkrankungen häufiger bei zuvor arbeitslosen Menschen vorkamen als bei Menschen, die aus vorheriger Erwerbstätigkeit in die Rente übergingen (Schubert et al. 2013a.: 42). Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen kommt erschwerend hinzu, dass neben der Erkrankung z. T. weitere Vermittlungshemmnisse bestehen, wie z. B. prekäre finanzielle Lage durch Schulden sowie Schwierigkeiten in der Selbstsorge (Schubert et al. 2013a: 54). 2 .2 .4 Menschen mit Migrationshintergrund Basierend auf den Daten des Mikrozensus aus dem Jahr 2010 konnte ermittelt werden, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland68 ein doppelt so hohes Armutsrisiko aufweisen, wie Menschen ohne Migrationshintergrund. Zudem ist diese Bevölkerungsgruppe deutlich häufiger von Kinder- und Altersarmut betroffen (Fuhr 2012: 549). 68 Im Jahr 2010 hatte ein Fünftel der Gesamtbevölkerung in Deutschland Migrationshintergrund. Dabei wird differenziert zwischen zugewanderten vs. hier geborenen Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit vs. nicht deutscher Staatsangehörigkeit, Zugewanderte mit und ohne deutschen Pass sowie hier geborenen AusländerInnen und hier geborenen Deutschen. Zudem erfolgt eine weitere Differenzierung innerhalb der Deutschen mit Migrationshintergrund in (Spät-)AussiedlerInnen, Eingebürgerte und hier geborene Deutsche, deren Migrationshintergrund auf die Herkunft der Eltern zurückzuführen ist (Fuhr 2012: 552). 158 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Insgesamt zeigt sich ein erhöhtes Armutsrisiko bei Kindern mit Migrationshintergrund, die häufig in Familien mit mehreren Kindern leben und auch unabhängig vom Migrationshintergrund steigt das Armutsrisiko bei Familien mit drei und mehr Kindern deutlich an (Fuhr 2012: 552). Das Altersarmutsrisiko unter Deutschen erweist sich mit 12,5 % deutlich niedriger als das von AusländerInnen aus Anwerbestaaten (bezogen auf ehemalige GastarbeiterInnen) mit 41,8 %. Insbesondere die niedrigen Renten der türkischen StaatsbürgerInnen sind mit einem hohen Risiko der Altersarmut von 54,7 % verbunden, während sich die Altersarmutsquoten von Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien und Italien im Bereich von 29 % bis 37 % bewegen. Unter RentnerInnen zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Deutschen und Menschen mit Staatsbürgerschaften der Anwerbestaaten im Hinblick auf das Vorhandensein von Wohneigentum. Von den deutschen RentnerInnen besitzen 55,5 % Wohneigentum, während von den ehemaligen GastarbeiterInnen lediglich 23,1 % zur Gruppe der WohneigentümerInnen zählen (Höhne et al. 2014: 18). 69 Mika und Tucci (2006: 40 f.) fanden heraus, dass ZuwanderInnen im Vergleich zur deutschen Bevölkerung niedrigere berufliche Stellungen sowie niedrigere Erwerbseinkommen haben. Daraus resultieren ebenfalls geringere Rentenzahlbeträge. Zudem weisen Zuwande rInnen kürzere Zeiten der Erwerbstätigkeit auf, was die Rentenbeträge insgesamt schmälert. AussiedlerInnen, deren Erwerbstätigkeit im Herkunftsland bei der Rentenberechnung angerechnet wurde, weisen geringere Lücken in ihrem Rentenkonto auf, sodass die gesetzliche Rente für diese Gruppe eine noch größere Bedeutung hat (Mika/Tucci 2006: 40 f.). Bei der Betrachtung von älteren MigrantInnen ist zu berücksichtigen, dass sich insbesondere MigrantInnen aus den ehemaligen Anwerbestaaten deutlich von AussiedlerInnen unterscheiden. Ältere (Spät-)AussiedlerInnen haben oftmals höhere Abschlüsse als MigrantInnen aus den Anwerbestaaten, die als ungelernte ArbeiterInnen nach Deutschland kamen. AussiedlerInnen erhielten zudem automatisch die deutsche Staats- 69 Bei der Wohnsituation älterer MigrantInnen fällt auf, dass ihnen im Durchschnitt kleinere Wohnflächen pro Person zur Verfügung stehen. Insbesondere MigrantInnen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien haben durchschnittlich 35 Quadratmeter pro Person zur Verfügung, während MigrantInnen aus anderen EU-Ländern sowie Berentete aus Ostdeutschland auf 47 Quadratmeter und westdeutsche Berentete ohne Migrationshintergrund auf 62 Quadratmeter pro Person kommen (Tucci 2012: 16 f.). 159 ���ut in �Eut�c�l�n� bürgerschaft und konnten an Eingliederungsprogrammen teilnehmen (Tucci 2012: 12). Beim Vergleich deutscher Männer mit Männern mit Migrationshintergrund wird ersichtlich, dass Arbeitslosigkeit im Alter zwischen 50 und 60 Jahren bei männlichen Migranten häufiger auftritt als bei deutschen Männern, was sich bei langfristiger Betrachtung auch bei der Alterssicherung widerspiegeln wird. Beim Vergleich deutscher Frauen mit nicht deutschen Frauen zeigt sich, dass die Erwerbsbeteiligung bei deutschen Frauen insgesamt höher ist (bezogen auf Teil- und Vollzeitbeschäftigungen). Insgesamt haben es MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt schwerer als Menschen ohne Migrationshintergrund insofern, dass das Bildungsniveau von Zugewanderten im Durchschnitt niedriger ist und sie häufiger arbeitslos sind als Nicht-MigrantInnen. Die Unterschiede bezüglich der Arbeitssituation verschärfen sich insbesondere im Alter zwischen Männern mit und ohne Migrationshintergrund (Romeu Gordo 2012: 20 f.). Die erhöhte Rate der Altersarmut bei Menschen mit Migrationshintergrund insgesamt könnte darin begründet sein, dass die damalige Gastarbeitergeneration überwiegend im Niedriglohnsektor beschäftigt war und somit nur niedrige Rentenansprüche erwirtschaften konnte (Fuhr 2012: 553). Innerhalb der Bevölkerungsgruppe der Menschen mit Migrationshintergrund sind, ebenso wie innerhalb der Gesamtbevölkerung, bestimmte Untergruppen besonders armutsgefährdet. Während in der Gesamtbevölkerung jede dritte alleinerziehende Person als armutsgefährdet gilt, ist innerhalb der Bevölkerungsgruppe mit Migrationshintergrund bereits jede zweite Person armutsgefährdet. Bei Personen ohne Schulabschluss oder BezieherInnen von Sozialleistungen ist der Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bezogen auf die Armutsgefährdungsquote verhältnismäßig gering. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass bei allen Bevölkerungsgruppen grundsätzlich Menschen mit Migrationshintergrund in höherem Ausmaß armutsgefährdet sind als Menschen ohne Migrationshintergrund (Fuhr 2012: 551 f.). AsylbewerberInnen In den 1990er Jahren war ein verstärkter Zustrom von AsylbewerberInnen zu verzeichnen, wobei die Anerkennung von AsylbewerberInnen ab 160 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil dem Jahr 1993 zunächst stark reglementiert wurde (Kriele 2007: 3). Da viele der sogenannten Armutsflüchtlinge von dem bis 1993 bestehenden damaligen Asylverfahren Gebrauch machten und dies Verwaltung und Justiz an deren Grenzen führte, wurde das Asylrecht geändert (Schnoor 2001: 60). Als Hauptursache für ein erhöhtes Armutsrisiko bei MigrantInnen war der eingeschränktere Zugang zum Arbeitsmarkt zu sehen. Bezüglich der Vermittlung von Arbeitsplätzen zeigte sich eine „Art Hierarchie unter den Zuwanderungsgruppen“, da zunächst, sofern eine Arbeitsstelle nicht vorrangig mit einem/einer deutschen BewerberIn oder EU-BürgerIn besetzt werden konnte, ZuwanderInnen aus EU-Beitrittsländern vor Nicht-EU-BürgerInnen mit dauerhafter Arbeitserlaubnis, vor Nicht-EU-BürgerInnen mit kurzfristiger Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis berücksichtigt wurden. Zuletzt erst wurden AsylbewerberInnen berücksichtigt, sofern diese eine Arbeitserlaubnis besaßen. Diese Einschränkung hinsichtlich des Zugangs zum Arbeitsmarkt hat Auswirkungen auf das durchschnittliche Einkommen und somit auch auf das Armutsrisiko (Kriele 2007: 4 f.). Seit 2015 gilt für Flüchtlinge allerdings ein vereinfachter Zugang zum Arbeitsmarkt und es wurden in den letzten Jahren auch verschiedene Fördermaßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt für die Zielgruppe der Flüchtlinge konzipiert (Bundesagentur für Arbeit 2015: 2). Eine erhöhte Familien- und Kinderarmut insbesondere bei Flüchtlingen und AsylbewerberInnen ist bei dieser Risikogruppe häufig auf die durchschnittlich höhere Anzahl an Kindern in Verbindung mit der überproportional hohen Arbeitslosigkeit und den geringen Arbeitseinkommen zurückzuführen (Bäcker et al. 2010b: 289). Schlechtere Arbeitsmarktchancen zeigten sich auch bei Asylberechtigten, da innerhalb der befragten Gruppe auch die erwerbstätigen Asylberechtigten ein geringes monatliches Nettoeinkommen aufwiesen. Insgesamt war bei der Mehrheit der Befragten Armut und Unterversorgung in den Bereichen Beschäftigung, Einkommen und Wohnen festzustellen. Trotz z. T. hoher schulischer und beruflicher Qualifikationen und trotz des Anspruches auf Eingliederungsmaßnahmen sind Flüchtlinge weitgehend vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen (Hadeed 2004: 19). Wie sich die insbesondere in den Jahren 2014 und 2015 stark gestiegenen Flüchtlingszahlen aufgrund weltweiter Krisenherde langfristig auf die Armutsgefährdungsquote niederschlagen, kann derzeit nur prognostiziert werden und wird in hohem Maß davon abhän- 161 ���ut in �Eut�c�l�n� gen, wie vielen der AsylbewerberInnen und in welchem Zeitraum die Integration in den Arbeitsmarkt gelingen wird. 2 .2 .5 Mehrkinderfamilien Bei Betrachtung kinderreicher Familie wird deutlich, dass sich diese nicht als eine homogene Gruppe charakterisieren lassen. Stattdessen kristallisieren sich drei verschiedene Familientypen heraus: Zum einen große Familien mit hoher schulischer und beruflicher Bildung beider Elternteile. Zum anderen Großfamilien, die u.a. bedingt durch fehlende schulische und berufliche Ausbildung der Eltern in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Diese Familien leben häufig von staatlichen Transferleistungen. Als dritter Familientyp lassen sich Mehrkinderfamilien mit Migrationshintergrund beschreiben (Eggen/Rupp 2006: 167). Neben Alleinerziehenden weisen Familien mit drei oder mehr Kindern eine mit 24,6 % erhöhte Armutsrisikoquote auf bezogen auf das gesamte Bundesgebiet (Statistisches Bundesamt 2015). Allerdings sind mitunter auch schon Paare mit zwei Kindern (oder mehr Kindern) im Vergleich mit Ein-Kind-Familien finanziell trotz des Familienlastenausgleichs schlechter gestellt aufgrund höherer Wohn- und Verbrauchskosten (Dietz/ Frevel/Toens 2015: 120). Anhand verschiedener Studien konnte gezeigt werden, dass nicht Kinder allgemein ein Armutsrisiko darstellen, sondern vor allem die Erwerbsbeteiligung der Eltern von großer Bedeutung ist. Fehlende Kinderbetreuungsangebote oder familiäre Krisen, wie Trennungen oder Scheidungen, können zu fehlender oder zu geringer Erwerbsbeteiligung der Eltern und damit verbunden zu geringen Einkommen führen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales 2013: XXIX). Daraus kann geschlussfolgert werden, dass zur Vermeidung von Armut bei Mehrkinderfamilien zum einen staatliche Transferleistungen, wie Kindergeld und Kinderzuschlag, zum anderen aber auch politische Maßnahmen zum Ausbau der Kinderbetreuungsinfrastruktur eine Rolle spielen, um die Erwerbsbeteiligung von Eltern auszubauen. Innerhalb der Gruppe der SozialhilfeempfängerInnen zeigt sich allgemein ein überproportionaler Anteil von Paaren mit Kindern (Dietz/ Frevel/Toens 2015: 120). Bei Betrachtung von Haushalten im SGB II-Bezug kann gezeigt werden, dass im Vergleich zu Haushalten außerhalb des SGB II-Bezuges häufiger mehr als zwei Kinder in den Haushalten le- 162 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil ben und die Kinder auch häufig jünger sind. Ebenso zeigt sich bei Kindern, deren Eltern sich im SGB II-Leistungsbezug befinden, häufiger ein Migrationshintergrund (Tophoven/Wenzig/Lietzmann 2015a: 11). 2 .2 .6 Alleinerziehende Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen bei Erhebungen die Familienformen als Alleinerziehende, in der mindestens ein Elternteil mit mindestens einem minderjährigen Kind gemeinsam in einem Haushalt lebt. Der Elternteil kann dabei jedoch eine/n neue/n PartnerIn haben, allerdings führt der/die neue PartnerIn einen eigenen Haushalt. Der nicht im Haushalt lebende Elternteil kann trotz verschiedener Haushalte aktiv in die Kinderbetreuung und -erziehung involviert sein (Egeler 2010: 2). Die Bundesagentur für Arbeit (2016: 1) definiert Alleinerziehende folgendermaßen: „Als Alleinerziehende bezeichnet man Elternteile, die minderjährige, d.h. unter 18 Jahre alte Kinder, alleine betreuen und erziehen. Unerheblich ist dabei der Familienstand des Alleinerziehenden (ledig, verwitwet, dauernd getrennt lebend, geschieden) und wer im juristischen Sinn für das Kind sorgeberechtigt ist.“ (Bundesagentur für Arbeit Statistik 2016: 1) Die „Alleinerziehende Bedarfsgemeinschaft“ im Rahmen der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) wird durch die BA (2016: 1) wie folgt definiert: „In einer Alleinerziehenden-Bedarfsgemeinschaft lebt stets ein Elternteil allein mit mindestens einem minderjährigen (unverheirateten) Kind zusammen, betreut und erzieht es. Dabei ist es nicht ausschlaggebend, ob es sich um ein leibliches oder ein Pflegekind handelt.“ (Bundesagentur für Arbeit Statistik 2016: 1) Die Armutsgefährdungsquote gemessen am Bundesmedian nach Haushaltstyp im Jahr 2014 zeigt, dass die höchsten Quoten bei Alleinerzie- 163 ���ut in �Eut�c�l�n� henden zu finden sind (41,9 %) im Vergleich zur niedrigsten Quote bei einem Haushalt mit zwei Erwachsenen ohne Kind (8,9 %) (Statistisches Bundesamt 2015c). Auch bei Betrachtung der Armutsgefährdungsquoten nach Sozialleistungen zeigt sich, dass vor allem Alleinerziehende vergleichsweise häufiger von Armut betroffen sind. Dies liegt u.a. daran, dass eine Trennung häufig finanzielle Spielräume verkleinert, u.a. auch durch die dann getrennte Haushaltsführung. Während in Paarbeziehungen beide Partner zum Haushaltseinkommen beitragen können, fehlt bei Alleinerziehenden das zweite Einkommen. Ebenso wenig können sie die Kinderbetreuung aufteilen, was die Flexibilität im Hinblick auf Beschäftigungsverhältnisse verringert (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2008: 17 f.). In verschiedenen Datenanalysen (Müller 2011; Jaehrling 2011) konnte zudem gezeigt werden, dass das Bildungsniveau bei alleinerziehenden Müttern im Vergleich zu Müttern in Paargemeinschaften tendenziell etwas niedriger ist bezogen auf schulische und berufliche Abschlüsse (Müller 2011: 2). Im Hinblick auf die Situation von Alleinerziehenden werden durch staatliche Reformen unterschiedliche Ziele verfolgt. Neben der Verringerung von Armut bestand ein weiteres Ziel in der Erhöhung des Anteils von Alleinerziehenden bzw. Müttern innerhalb des Arbeitsmarktes. Um dies zu realisieren, wurden verschiedene Ansätze gewählt von der Erhöhung staatlicher Leistungen für Nicht-Erwerbstätige mit dem Ziel der Verringerung von Kinderarmut bis zur Absenkung staatlicher Leistungen bei Arbeitslosigkeit und dem Ausbau der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik durch „Fördern und Fordern“ bei Müttern (Jaehrling et al. 2011: 1). Aufgrund der in Deutschland vorhandenen Möglichkeiten der Kinderbetreuung ist es nach Jaehrling et al. (2011: 1) für Alleinerziehende mit Kindern zwischen drei Jahren und Schuleintrittsalter zumeist möglich, in Teilzeit zu arbeiten. Die Ausübung einer Vollzeittätigkeit bleibt für Alleinerziehende mit Kindern zwischen drei Jahren und Grundschulalter aufgrund der kaum vorhandenen Ganztagsbeschulung hingegen schwer realisierbar. Der Trend, dass die Erwerbsbeteiligungsquote bei Alleinerziehenden im Verlauf der letzten Jahre zugenommen hat, lässt Jaehrling et al. (2011: 99 f.) zufolge darauf schließen, dass Reformen innerhalb der Familien-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu wirken begonnen haben. Dabei muss jedoch ebenfalls berücksichtigt werden, dass sich der Zuwachs bezüglich der Erwerbsbeteiligung primär auf Teilzeitbeschäftigungen bezieht und Teilzeitbeschäftigungsverhältnisse nur be- 164 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil dingt zur Existenzsicherung geeignet sind. Hinzu kommt, dass Alleinerziehende ebenfalls häufig befristet beschäftigt sind. Diesbezüglich werden verschiedene Gründe angenommen, wie z. B. Vorbehalte seitens Arbeitgebern hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Alleinerziehenden. Ebenso ist es möglich, dass Alleinerziehende eher bereit sind, unsichere Beschäftigungsverhältnisse zu akzeptieren, wenn die Arbeitsstellen z. B. wohnortnah sind oder mit der Kinderbetreuung kompatible Arbeitszeiten bieten (Jaehrling et al. 2011: 99 f.). 2 .2 .7 Altersarmut bei RentnerInnen: Das Risiko der Verarmung im Rentenalter Die Wiederkehr der Altersarmut in Deutschland wurde aufgrund verschiedener politischer und gesellschaftlicher Veränderungen in den letzten Jahren vermehrt diskutiert. Zu diesen Veränderungen zählen die Senkung des Leistungsniveaus der gRV sowie die Wandlung des Rentensystems zum „Drei-Säulen-System“ sowie veränderte Erwerbsbiografien, wodurch immer mehr Menschen geringere Rentenansprüche erzielen (Blank/Schulz 2015: 5). Das Armutsrisiko ist bei Einpersonenhaus halten besonders ausgeprägt, da z. B. eine niedrige Rente nicht durch andere Einkommensquellen anderer Haushaltsmitglieder ausgeglichen werden kann (Bäcker 2012: 23). Bei von Altersarmut betroffenen Menschen besteht die Schwierigkeit darin, dass sie nach dem Austritt aus dem Erwerbsleben kaum Möglichkeiten haben, ihre Einkommenssituation zu verändern und somit häufig dauerhaft in Armut leben müssen. Als Hauptgründe werden die Rentenreformen der letzten fünfunddreißig Jahre sowie die derzeitige Arbeitsmarktentwicklung gesehen (Geyer 2014: 1). Bei der Betrachtung der Verteilung einkommensarmer Personen im Alter ab 65 Jahren zeigen sich regionale Unterschiede. Hohe Quoten finden sich insbesondere in Großstädten und Ballungsgebieten und in ostdeutschen ländlichen Regionen (Martens 2014: 13). Vor allem in sozialen Berufen sind überwiegend Frauen beschäftigt. Da insbesondere im Sozialsektor die Tarifbindung abnimmt, oftmals Teilzeitstellen verfügbar sind und belastende Arbeitsbedingungen keinen langen Verbleib im Beruf garantieren und zudem Pflege von Angehörigen sowie Erziehungsphasen häufig von Frauen übernommen werden, führt dies häufig dazu, dass insbesondere Frauen im Sozialsektor Schwierigkeiten haben, ihre Alterssicherung aufzubauen. Die Datenlage zum Thema Altersarmut kann über 165 ���ut in �Eut�c�l�n� folgende Wege betrachtet werden: (1) über die Armutsrisikoquote der älteren Bevölkerung, (2) über die Grundsicherungsquote der BezieherInnen von Grundsicherung im Alter und Erwerbsminderung (beispielsweise bei der Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen) und über Daten zu den Leistungen der gRV (Blank/Schulz 2015: 11). Statistische Daten zur Altersarmut basieren größtenteils auf den jährlichen Datenerhebungen wie SOEP, EU-SILC, Mikrozensus sowie der im Fünf-Jahres-Rhythmus durchgeführten Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) (Geyer 2015: 5). Im Rahmen der EU-SILC Datenerhebung zeigt sich innerhalb der deutschen Bevölkerung der 55- bis 64-Jährigen für das Jahr 2014 eine Armutsrisikoquote von 11,9 % bezogen auf Haushalte, die nicht unter erheblicher materieller Entbehrung litten oder in einem Haushalt mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung lebten. Dabei liegt die Armutsrisikoquote von Frauen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren mit 12,1 % etwas über der Quote der gleichaltrigen Männer (11,7 %) (Eurostat 2016a). Altersarmut wird in Studien oft durch die Dimensionen der materiellen Armut gemessen. Bei Betrachtung von Altersarmut muss berücksichtigt werden, dass bei Grundsicherung nach SGB II und SGB XII Unterschiede bezüglich des anrechenbaren Vermögens existieren, zumal insbesondere ältere Menschen eher Vermögen besitzen. Bei der Betrachtung von Armutsmaßen bei der älteren Bevölkerung muss zudem zusätzlich berücksichtigt werden, dass ältere Menschen häufiger als die übrige Bevölkerung auf eine selbstbewohnte hypothekenfreie Immobilie zurückgreifen können. Sowohl im SGB II als auch im SGB XII gehören ein angemessenes Hausgrundstück, angemessener Hausrat, das Kapital einer staatlich geförderten Altersvorsorge sowie verschiedene Sondervermögensarten zum zu schonenden Vermögen. Ein angemessenes Kraftfahrzeug wird jedoch lediglich im SGB II als zu schonendes Vermögen berücksichtigt. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Vermögensfreibeträge im SGB II deutlich höher sind als im SGB XII. Zudem existieren im SGB II noch Freibeträge für Altersvorsorgeersparnisse sowie ein Freibetrag für besondere Anschaffungen (Geyer 2015: 3). Das Armutsrisiko im Alter wird u.a. abgemildert durch die Besserstellung von Kindererziehungs- und Pflegezeiten bei der Rentenanrechnung sowie die Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente. Als von Altersarmut betroffene Risikogruppen zählen insbesondere Langzeitarbeitslose sowie im Niedriglohnsektor Beschäftigte, da diese Gruppen bereits im Erwerbsleben von Armut bedroht sind (Geyer 2014: 8). 166 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Insbesondere bei länger andauernder Arbeitslosigkeit sinken die Rentenansprüche, da für ALG II-BezieherInnen der Beitrag zur Rentenversicherung mit dem Haushaltsbegleitgesetz 2011 gestrichen wurde (Haushaltsbegleitgesetz 2011). Außerdem sind die ALG II-EmpfängerInnen während der Phase des Leistungsbezugs finanziell nicht in der Lage, selbst für eine private Altersvorsorge zu sorgen (Schmähl 2012: 400). Die Rentenhöhe von Frauen liegt deutlich unter der Rentenhöhe von Männern, mit dem weitesten prozentualen Abstand von 55 % zwischen den durchschnittlichen Renten von westdeutschen Männern und westdeutschen Frauen (Bogedan/Rasner 2008: 134). Eine mögliche Ursache für diese Diskrepanz könnte darin liegen, dass westdeutsche Männer sehr häufig kontinuierlich Vollzeitbeschäftigungen ausüben, während insbesondere die Erwerbsverläufe westdeutscher Frauen viele Erwerbsunterbrechungen aufweisen bedingt durch Kindererziehungszeiten oder Teilzeitbeschäftigungen. Die Rentenanwartschaften westdeutscher Männer resultierten aus fortlaufenden Beitragszahlungen, durch einen hohen Anteil Vollzeitbeschäftigter, mehr finanziellen Möglichkeiten für eine private Altersvorsorge sowie aus einem hohen Anteil qualifizierter Beschäftigter mit hohen betrieblichen Zusatzversorgungsanwartschaften (Kortmann et al. 2005: 95). Nach Faik und Köhler-Rama (2013) lassen sich zwar keine genauen Vorhersagen über die Entwicklung der Altersarmut machen, allerdings sei auch nicht von „vollständiger Entwarnung“ auszugehen. Die Wissenschaftler vermuten eine Zunahme der Altersarmut aufgrund verschiedener Faktoren wie Zuwachs prekärer Beschäftigungsverhältnisse und Zeiten nicht-versicherungspflichtiger Selbstständigkeit, langen Phasen der Arbeitslosigkeit sowie der Ausweitung des Niedriglohnsektors (Faik/Köhler-Rama 2013: 160). Bogedan und Rasner (2008: 135) sehen das Armutsrisiko insbesondere dann erhöht, wenn das Einkommen die meiste Zeit unterdurchschnittlich ist, z. B. durch Teilzeitbeschäftigung oder wenn lange Phasen mit geringen Beiträgen existieren (z. B. durch späten Berufseinstieg, Arbeitslosigkeit oder auch Pflegezeiten) und wenn mehrere der genannten Faktoren gemeinsam auftreten. Da Frauen sowohl häufiger Teilzeitbeschäftigungen nachgehen als Männer (Brehmer/Seifert 2007: 20) als auch als pflegende Angehörige seltener zusätzlich sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind als männliche pflegende Angehörige (Statistisches Bundesamt 2014) und die Lebenserwartung von Frauen zudem höher ist als von Männern (Statistisches Bundesamt 2014b: 3) ist davon auszugehen, dass innerhalb der 167 ���ut in �Eut�c�l�n� Bevölkerungsgruppe der älteren Menschen insbesondere Frauen von Altersarmut bedroht sind. Im Fall von starken Rentenkürzungen, z. B. in Höhe von 16 %70 bezogen auf Renteneinkommen von Männern und Frauen, würde die Armutsrisikoquote bei den 65-Jährigen und älter als 65-Jährigen bei 16,2 % liegen und wäre somit 0,7 % höher als die Armutsrisikoquote bezogen auf die Gesamtbevölkerung. Um jedoch genaue Angaben zum wirklichen Umfang zukünftiger Altersarmut machen zu können, sollten insbesondere möglichst viele Informationen über die betroffenen Personengruppen vorliegen. Zentrale Armutsrisiken bestehen derzeit, wenn die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und die Erhöhung der privaten Vorsorge für die Menschen nicht machbar sind (Faik/Köhler-Rama 2013: 162 f.). 2008 war ein Anstieg der Zahl der EmpfängerInnen von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung um 75 % im Vergleich zu 2003 zu verzeichnen (Schmähl 2012: 403 f.) und ebenfalls von der absoluten Höhe der gezahlten Beiträge, vom Zeitpunkt der Beitragszahlung (Lebensalter) und von der Entwicklung der Kapitalmärkte (Steffen 2012: 416). Mit steigendem Alter ist zusätzlich mit höherer Wahrscheinlichkeit von Krankheit oder Pflegebedürftigkeit auszugehen, sodass die Ausgaben in diesen Bereichen im Alter meist höher sind (Schmähl 2012: 403 f.) und somit wiederum weniger finanzielle Möglichkeiten für private Altersvorsorge bestehen. Bei den Kohorten der deutschen Babyboomer, geboren zwischen 1956 und 1965, zeigten sich „eine zunehmende Vielfalt der Erwerbsverläufe“. Insgesamt sind die Erwerbsverläufe von Frauen deutlich brüchiger als die der Männer und sind geprägt durch mehr Übergänge und eine höhere Vielfalt, was auf häufigere Wechsel zwischen Familien- und Erwerbsphasen zurückzuführen ist (Simonson et al. 2012: 3 ff.). Bei der Untersuchung der Babyboomer-Kohorten zeigte sich, dass insgesamt die Rentenanwartschaften der Frauen deutlich niedriger waren, als die der Männer (Simonson et al. 2012: 12). Ob jemand im Alter von Altersarmut betroffen sein wird, hängt nicht ausschließlich von der Rente aus der gRV ab. Bei Alleinstehenden stellt sich zum einen die Frage, ob zusätzlich eine Hinterbliebenenrente und ob und in welcher Höhe Leistungen aus der privaten und/oder betrieblichen Alterssicherung bezogen werden. Ebenfalls relevant sind das Vorhandensein und die Höhe des Einkommens weiterer Einkommensbe- 70 Eine Rentenkürzung in Höhe von 16 % würde dem für das Jahr 2030 prognostizierten Rentenniveau von 43 % entsprechen. 168 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil zieherInnen innerhalb eines Haushalts. Durch den steigenden Anteil erwerbstätiger Frauen werden zunehmend mehrere Alterseinkünfte innerhalb eines Haushaltes zur Verfügung stehen. Hinzu kommt die erhöhte Anrechnung von Erziehungsjahren bei Frauen, gleichwohl es bei gRV-Renten und Betriebsrenten nach wie vor geschlechtsspezifische Unterschiede gibt (Schmähl 2012: 401). 2 .3 Ernährungsarmut Um zu untersuchen, ob die in den vorigen Kapiteln beschriebenen Armutsrisikogruppen auch innerhalb der Tafelnutzerstichprobe vorhanden sind und ob bei diesen TafelnutzerInnen Ernährungsarmut vorliegt, ist es zunächst erforderlich, den Begriff der Ernährungsarmut zu definieren, um daraus bezüglich der vorliegenden Tafelnutzeruntersuchung den Messgegenstand zu konkretisieren und entsprechend zu operationalisieren. Die schnelle Verbreitung der Tafeln in Deutschland kann zwar als Indiz für eine deutlich ausgeprägte Ernährungsunsicherheit angesehen werden (FIAN Deutschland 2012: 5), doch ist diese „Ernährungsunsicherheit“ bereits mit „Ernährungsarmut“ gleichzusetzen? Nach Pfeiffer (2010), die den gegenwärtigen Forschungsstand diesbezüglich darstellt, wird in der Gesellschaft den Themen Hunger und Ernährungsarmut mit „Delegierung, Negierung und Stigmatisierung“ begegnet, was wiederum zu „einer weiteren Verstärkung von Hunger und Ernährungsarmut mit beitragen dürfte“ (Pfeiffer 2010: 91). Die „Negierung“ zeigt sich unter anderem darin, dass in den deutschen einschlägigen Statistiken Hunger und Ernährungsarmut nicht als feste Größen auftauchen (Pfeiffer 2010: 7). Um die Existenz von Ernährungsarmut in Deutschland empirisch zu belegen, stehen insgesamt keine entsprechenden passenden Datensätze zur Verfügung, sodass die Erkenntnisse auf „empirischen Annäherungen“ beruhen. Hinzu kommt, dass insbesondere Bevölkerungsgruppen mit einem erhöhten Risiko von Ernährungsarmut betroffen zu sein scheinen, oftmals nicht in Studien repräsentiert sind (Pfeiffer 2010: 92 ff.). Es zeigt sich, dass bezüglich der Untersuchung von Ernährungsarmut in Deutschland entweder qualitative Studien mit geringen Stichproben-Umfängen von unter zwanzig StudienteilnehmerInnen (Kaiser 2001; Lehmkühler 2002: 137) oder allgemeine Studien zur 169 ���ut in �Eut�c�l�n� Ernährungssituation in Deutschland ohne Betrachtung der Ernährungsarmut vorliegen, wie z. B. die Nationale Verzehrstudie (NVS) (Max Rubner-Institut Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel 2008a: XXII), dem Ernährungsreport (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2015) sowie den alle vier Jahre erscheinenden Ernährungsberichten der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) (Arens-Azevêdo et al. 2016: V4).71 Die derzeit aktuellste publizierte Studie zum Thema Ernährungsarmut stammt von Oestreicher, Pfeiffer und Ritter und wurde 2016 publiziert. Das Datenmaterial, welches im Rahmen der Studie analysiert wurde, bezieht sich jedoch auf Daten der Einkommens- und Verbrauchs stichprobe (EVS) aus den Jahren 2003 und 2008 sowie auf Daten aus dem qualitativen Längsschnittpanel „Armutsdynamiken und Arbeitsmarkt“72. Der Schwerpunkt der Studie lag auf den subjektiven Perspektiven und Bewältigungsstrategien hinsichtlich Armutskonsum und konsumvermittelter Teilhabe. Die Autoren betonen, dass „Die […] quantitativen Analysen lediglich Indizien für die Existenz von Ernährungsarmut geben, […] (Oestreicher/Pfeiffer/Ritter 2016: 2–10). Aufgrund der bisherigen Datenlage zum Thema Ernährungsarmut liefert die vorliegende Untersuchung zum Armutserleben von TafelnutzerInnen einen wesentlichen Beitrag zur Darstellung von Ernährungsarmut/-unsicherheit bei TafelnutzerInnen, sowohl hinsichtlich der Menge an Informationen (demographisch sowie armutsbezogen), als auch im Hinblick auf die Stichprobengröße (n = 507) sowie die Aktualität des Datenmaterials aus den Jahren 2014 und 2015. Neben den Menschen, die von Ernährungsarmut betroffen sind, ist davon auszugehen, dass daneben noch eine quantitativ schwer zu bestimmende Gruppe von Menschen existiert, deren Lage als „ernährungsunsicher“ zu beschreiben ist 71 Die Ernährungsberichte der DGE werden im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) erstellt. Themen innerhalb der DGE-Ernährungsberichte sind u.a. „Verpflegung in Kindertagesstätten“ (Arens- Azevêdo et al. 2016: V4). 72 Das qualitative Längsschnittpanel „Armutsdynamik und Arbeitsmarkt“ wurde vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg koordiniert. Die Datenbasis besteht aus 45 transkribierten biografisch-narrativen Interviews während vier Erhebungswellen im Zeitraum 2006–2011. Alle InterviewteilnehmerInnen haben Erfahrungen mit Grundsicherungsleistungen nach SGB II (Oestreicher/Pfeiffer/Ritter 2016: 3). 170 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil (Pfeiffer 2010: 96). Im Rahmen der Nationalen Verzehrstudie II (NVS) wurde Ernährungsarmut/-unsicherheit zwar nicht explizit abgebildet, es stellte sich jedoch heraus, dass Menschen „der unteren Schicht“ mehr fettige und zuckerreiche Lebensmittel konsumieren (Max Rubner-Institut Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel 2008a: XXII). Dieser Befund könnte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass Obst und Gemüse im Rahmen der oben beschriebenen optimierten Mischkost den größten Kostenfaktor darstellen. Bei der Betrachtung der soziodemographischen Merkmale in der NVS zeigte sich zudem, dass der Body-Mass-Index (BMI) geringer ausfällt, je höher der Schulabschluss der Befragten ist. Auch zeigte sich mit einem steigenden Pro- Kopf-Nettoeinkommen ein Absinken des BMI (Max Rubner-Institut Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel 2008b: XII). Hinzu kommt, dass Schätzungen zu Folge insbesondere ärmere Bevölkerungsgruppen von ernährungsbedingten Erkrankungen wie Herz- Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Übergewicht und Karies betroffen sind (Waskow et al. 2003: 22). Vor allem im letzten Drittel eines Monats zeigt sich Ernährungsarmut darin, dass es den Betroffenen schwerer fällt, für ihre Ernährung zu sorgen, sodass sie auf verschiedene Strategien, wie beispielsweise dem Rationieren von Lebensmitteln, angewiesen sind (von Normann 2011: 102). Zu den als besonders von Ernährungsarmut betroffenen Bevölkerungsgruppen zählen vor allem in Armut aufwachsende Kinder und Jugendliche, EmpfängerInnen von Asylbewerberleistungen, Pflegebedürftige in stationären Einrichtungen sowie obdachlose Menschen73 (FIAN Deutschland 2012: 6). Die Tatsache, dass heute insbesondere Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind, lässt sich dadurch erklären, dass die Armut in gewisser Weise „vererbt“ wird, d.h. von Armut betroffene Kinder und Jugendliche werden in Armut hineingeboren. Die Familie prägt somit auch das Ernährungs(fehl)verhalten, sodass das erlernte Verhalten oft auch im Erwachsenenalter Bestand hat (Klasen 2011: 215). Legt man das Konzept der optimierten Mischkost als Maßstab für die gesun- 73 Da in der vorliegenden Studie aufgrund von Sprachbarrieren nur wenige AsylbewerberInnen an der Befragung teilnehmen konnten und allgemein Obdachlose nur noch einen geringfügigen Anteil der Tafelnutzerschaft ausmachen, liegt das Hauptaugenmerk in der vorliegenden Studie auf erwachsenen TafelnutzerInnen mit festem Wohnsitz und ausreichenden Deutschkenntnissen. 171 ���ut in �Eut�c�l�n� de Ernährung bei Kindern zugrunde, so reichen die staatlichen Transferleistungen bereits bei Kindern im Alter von vier Jahren nicht aus, um die empfohlenen Lebensmitteln in Supermärkten oder Discountern zu kaufen. Dabei stellen pflanzliche Lebensmittel, insbesondere Obst und Gemüse, mit ca. 60 % den größten Kostenfaktor der optimierten Mischkost dar. Auch für Jugendliche, deren Nahrungsbedarf im Vergleich zu Erwachsenen erhöht ist, reicht selbst der Regelsatz für Erwachsene nicht aus, um die Kosten zu decken (Clausen 2011: 207 ff.). In Bezug auf Ernährungsarmut wird zwischen materieller und sozialer Ernährungsarmut differenziert. Bei der materiellen Ernährungsarmut74 herrscht ein quantitativer und qualitativer Mangel an Nahrung, sodass der Nahrungsbedarf nicht ausreichend gedeckt werden kann (Feichtinger 1995: 295). Als zentrale Probleme bei vorliegender materieller Ernährungsarmut lassen sich Hunger in Folge von mangelnder Nahrungsmittelverfügbarkeit aufgrund von nicht ausreichenden finanziellen Mitteln und/oder mangelndem Zugang zu Lebensmitteln sowie Fehlernährung bedingt durch fehlerhafte Auswahl und Zusammenstellung von Lebensmitteln identifizieren. Ebenso kann die Verwendung zur Verfügung stehender finanzieller Mittel für Lebensmittel in Konkurrenz stehen zur Verwendung dieser Mittel für Genussmittel oder illegale Drogen, was wiederum in Hunger und Fehlernährung resultieren kann (von Normann 2011: 93). In Familien, die von materieller Ernährungsarmut betroffen sind, kann die Nahrung oftmals als „einseitig“, „wenig abwechslungsreich“ und vitaminarm in Folge eines geringen Obst- und Gemüsekonsums beschrieben werden. Bei finanziell schlecht gestellten Familien steht am Ende des Monats häufig nicht mehr genügend Geld für warmes Essen zur Verfügung mit der Folge, dass vermehrt Brot und einseitige Nahrung wie „Nudeln mit Ketchup“ konsumiert werden (Klasen 2011: 218). Viele der von Einkommensarmut betroffenen Menschen sparen u.a. am Kauf bestimmter Lebensmittel, da meist nur im Bereich der Nahrung Einsparungen vorgenommen werden können. Häufig wird auf Fleisch verzichtet und frisches Obst sowie Milch zählen ebenfalls zu den „Luxusgütern“ (von Normann 2008: 70). Lorenz (2012: 26) sieht in der 74 Im weiteren Verlauf wird vor allem bei der Beschreibung der Fragebogenentwicklung und der Darstellung der Ergebnisse zwischen quantitativer und qualitativer materieller Ernährungsarmut unterschieden, um Ernährungsarmut differenzierter darzustellen. 172 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil Ernährungsarmut eher ein „Zugangsproblem“, da „gesellschaftliche Barrieren“ den ausreichenden Zugang zu Nahrungsmitteln für einen Teil der Bevölkerung deutlich schmälern. Insgesamt kann nicht pauschal behauptet werden, dass in einer Überflussgesellschaft arme Menschen zu Hunger oder Unterernährung neigen, ebenso wenig sorgen die materielle und finanzielle Absicherung für ein mengenmäßig ausreichendes und gesundes Essen. Lorenz plädiert dafür, bei TafelnutzerInnen nicht Ernährungsarmut isoliert zu betrachten, sondern zu berücksichtigen, dass die Lebensmittel der Tafel genutzt werden, um auf diese Weise mehr Geld für andere notwendige Anschaffungen zu haben. Somit kann aus der Verteilung von Lebensmitteln durch die Tafeln nicht automatisch auf das Vorliegen von Ernährungsarmut geschlossen werden (Lorenz 2012: 26). Aus diesem Grund ist der Beitrag dieser Untersuchung zur Erstellung eines umfassenden Tafelnutzerprofils ein relevanter Erkenntnisgewinn zur Untersuchung von Ernährungsarmut bei TafelnutzerInnen. Bei Abgrenzung der materiellen von der sozialen Ernährungsarmut wird deutlich, dass bei Letzterer gesellschaftliche Teilhabe in Bezug auf die „Einhaltung der gesellschaftlich akzeptierten Sitten und Gebräuche im sozialen und kulturellen Umgang mit Essen“ verhindert wird (Feichtinger 1995: 295). Ernährung hat für den Menschen zusätzlich auch soziale, psychische und kulturelle Funktionen. Besondere Lebensphasen sowie zentrale Punkte im Leben (z. B. Heirat, religiöse Anlässe, Tod) werden gesellschaftlich mit einem „gemeinsamen Mahl zur Stärkung der Gemeinschaft“ zelebriert (von Normann 2011: 92). Essen und Ernährung können in jeder Gesellschaftsform als zentrale Teilhabemöglichkeiten gesehen werden. Pfeiffer (2014: 14) spricht in diesem Zusammenhang von „alimentärer Teilhabe“, was am Beispiel des Auswärtsessengehens („Eating Out“) beschrieben werden kann. Inwiefern ein Mensch in einer „individualisierten und pluralisierten Gesellschaft“ angekommen ist, zeigt sich beispielsweise u.a. daran, zu welchen Gegebenheiten, wo und mit wem auswärts gegessen wird und ob mit der ständigen Fortentwicklung von Tischsitten und Nahrungstrends mitgehalten werden kann. Neben dem Aspekt des Sattwerdens kann „Essen in einer individualisierten Gesellschaft essenzielle Teilhabe und Sozialität“ darstellen. Bei einem Budget von nur wenigen Euro pro Tag für die Ernährung sind einige Menschen zwangsläufig von einer „nicht zu kompensierenden Dimension von Teilhabe an unserer Gesellschaft“ ausgeschlossen (Pfeiffer 2014: 3). Ein weiterer Aspekt von sozialer Ernährungsarmut zeigt sich insofern, 173 ���ut in �Eut�c�l�n� dass Menschen z. B. Einladungen ablehnen aus Angst/Scham, aufgrund mangelnder finanzieller Möglichkeiten keine Gegeneinladung anbieten zu können oder nicht in der Lage zu sein, „kulturell geforderte Speisen“, wie z. B. Weihnachtsgans, anbieten zu können. Durch diese Einschränkungen sind „soziale Teilhabe, Zugehörigkeit, Kommunikation, Geselligkeit, Lust und Genuss“ deutlich eingeschränkt oder unmöglich (von Normann 2011: 93). Nach Heindl (2008: 68) verhindert soziale Ernährungsarmut „in einer gesellschaftlich akzeptierten Weise soziale Beziehungen aufzubauen, Rollen und Funktionen zu übernehmen, Rechte und Verantwortlichkeiten wahrzunehmen oder Sitten und Gebräuche einzuhalten, die jeweils im sozialen und kulturellen Umgang mit Essen in einer Gesellschaft zum Ausdruck kommen“ (Heindl 2008: 68). Zur Bekämpfung der sozialen Ernährungsarmut existieren mitunter Unterstützungsangebote für sozialschwache Kinder/Jugendliche und deren Eltern, z. B. in Form von gemeinschaftlichem Kochen, mit Berücksichtigung des Geselligkeitsaspekts, da neben der physischen Sättigung auch der sozial-kommunikative Aspekt der gemeinsamen Nahrungsaufnahme berücksichtigt wird und vor allem Kinder und Jugendliche ihre sozialen Kompetenzen und Tischmanieren auf diese Weise ausbauen können (Klasen 2011: 219). Solche Angebote richten sich mitunter an Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten, um auf diese Weise Vorurteile abzubauen, einen „schichtübergreifenden“ Kontakt zu ermöglichen und Ausgrenzung zu verhindern. Zum anderen lernen Kinder Genuss beim Essen sowie gesunde Essensvarianten kennen (Klasen 2011: 225). Angebote, wie die Tafeln oder von den Tafeln oder anderen Organisationen angebotene Mittagstische mit warmen Mahlzeiten, haben zusätzlich zum sättigenden Aspekt den Vorteil, die Essenspalette der NutzerInnen zu ergänzen und zu erweitern und es besteht die Möglichkeit, die Ausbildung eines gesundheitsbewussteren Ernährungsverhaltens zu fördern und durch das Kennenlernen bislang unbekannter Lebensmittel neue Ernährungsweisen zu etablieren (von Normann 2011: 104). Insgesamt ist davon auszugehen, dass in Deutschland sowohl materielle als auch soziale Ernährungsarmut vorhanden sind, auch wenn in Bezug auf Armut meist Begriffe wie die zuvor beschriebene „Einkommensarmut“, „relative Armut“ oder „Armutsgefährdung“ vorherrschend sind. Allerdings wird in Deutschland ein vorhandener Mangel oftmals durch das vorherrschende Bild der schlechten Ernährung innerhalb der konstru- 174 Jessica Hartig: tafelnutzer im Profil ierten „culture of poverty“ überlagert, auch wenn Fehlernährung und Ernährungsarmut oft gemeinsam auftreten (FIAN Deutschland 2012: 5). Nach von Normann (2008: 74) lassen sich bei der Prävention von Ernährungsarmut Defizite finden, wie beispielsweise mangelnde schulische Bildung in den Bereichen Ernährung und Verbrauch, Beratungsangebote bei Verschuldung oder „Angebote der zugehenden Hilfe in Haushalten“. Als Ausweg aus der sozialen Ernährungsarmut kann zum einen der Ausbau von Kindertagesstätten und Ganztagsschulen gesehen werden, die Anlaufstellen für Eltern und deren Kinder darstellen (Meier-Gräwe 2009: 29). Ein Unterstützungsangebot, was zwar nicht präventiv, sondern unterstützend in Bezug auf Ernährungsunsicherheit und Ernährungsarmut wirkt, sind Lebensmittelausgabestellen, wo Lebensmittel an anspruchsberechtigte Bedürftige verteilt werden. Dabei stellen sich nun die Fragen: Sind diese Bedürftigen in einem Land wie Deutschland von Ernährungsunsicherheit oder gar von Ernährungsarmut betroffen und wie lässt sich dieses Unterstützungsangebot in das sozialstaatliche Modell des deutschen Wohlfahrtsstaats einordnen? Im folgenden Kapitel werden zum besseren Verständnis die Etablierung der sogenannten Lebensmittel-Tafeln, im Folgenden zur besseren Lesbarkeit als „Tafel(n)“ bezeichnet, sowie deren Grundsätze und bisherige Erkenntnisse über demographische Merkmale von TafelnutzerInnen dargestellt. Diese Erkenntnisse sollen genutzt werden, um im Rahmen der vorliegenden Untersuchung ein detailliertes Tafelnutzerprofil erstellen zu können.

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References

Zusammenfassung

Die Wohlfahrtsorganisation „Tafel“ feiert 2018 ihr 25-jähriges Bestehen. Durch das Einsammeln und Verteilen überschüssiger Lebensmittel versuchen die Tafeln, Ernährungsarmut zu lindern und die von Einkommensarmut bedrohten oder betroffenen Menschen zu unterstützen. Doch wer sind eigentlich die TafelnutzerInnen in Deutschland und inwiefern unterscheiden sie sich von den Durchschnittsbürgern? Sind in einem Sozialstaat wie Deutschland tatsächlich Menschen von Ernährungsarmut betroffen? Durch eine quantitative und repräsentative Befragung bearbeitet Jessica Hartig diese Forschungslücken und lässt die Menschen zu Wort kommen, die sich regelmäßig in die Warteschlangen der Tafelausgabestellen einreihen und die in der Forschung bisher kaum berücksichtigt wurden. Neben dem Empfinden der TafelnutzerInnen stellt sie dar, ob Ernährungsarmut vorliegt, welche Nutzergruppen vermehrt zu den Tafeln gehen und welche möglichen Zusammenhänge zwischen den kontinuierlich gestiegenen Tafelnutzerzahlen und den wohlfahrtsstaatlichen Reformen in den Politikfeldern Arbeitsmarkt-, Renten- und Familienpolitik bestehen. Im Fokus steht dabei der Wandel von der aktiven zur aktivierenden Sozialpolitik.