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Stephan Schlothfeldt: Gleichheit richtig verstanden in:

Sebastian Schleidgen (Ed.)

Gleichheit und Gerechtigkeit, page 11 - 24

Beiträge zur Egalitarismusdebatte

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4096-6, ISBN online: 978-3-8288-6937-0, https://doi.org/10.5771/9783828869370-11

Tectum, Baden-Baden
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11 Stephan Schlothfeldt Gleichheit richtig verstanden All men are created equal. (Amerikanische Unabhängigkeitserklärung, 1776) Liberté, egalité, fraternité. (Rekonstruierter Leitspruch der Französischen Revolution, 1789) In den bedeutenden Dokumenten der Aufklärungs- und Revolutionszeit begegnet uns überall die Idee der Gleichheit. Sie wurde offensichtlich dem alten Regime entgegengehalten, das wesentlich inegalitäre Züge trug. Zwar wurde, wie man am ersten Zitat sieht, oft von faktischer Gleichheit geredet, aber das ist eher irreführend und scheint mir auch nicht der tragende Gedanke zu sein, denn wir gleichen uns nur in wenigen Hinsichten. Gemeint war vielmehr die normative Behauptung, dass alle Menschen gleich zählen und gleiche Beachtung verdienen. Von diesem Impetus ist in der zeitgenössischen (oft technischen) philosophischen Debatte über Gleichheit nicht viel zu spüren.1 Im Gegenteil mehren sich gar die Stimmen, die der Gleichheit normative Relevanz absprechen wollen.2 Sind die traditionellen Gleichheitsforderungen teils obsolet, teils überzogen, teils nur rhetorisch, wie Kritiker meinen? Oder sind sie substantiell und heute so aktuell wie früher? Zu dieser Frage will ich im vorliegenden Beitrag Stellung nehmen. Dabei wird es zum einen um Aspekte gehen, die in der enggeführten heutigen Diskussion kaum eine Rolle spielen (Abschnitte 1 u. 3), zum anderen soll in Grundzügen eine kritische Auseinandersetzung mit der neueren Gleichheitskritik stattfinden (Abschnitt 2). Für die Gegenkritik bietet es Für hilfreiche Hinweise danke ich Insa Lawler und Sebastian Schleidgen. 1 Die Debatte um Gleichheit, die ab den 1980er Jahren zwischen Ronald Dworkin, Richard Arneson, Gerald Cohen, Amartya Sen und John Roemer geführt wurde, kreiste vor allem um die Frage, ob als Gleichheitsindex Wohlergehen oder Ressourcen geeignet seien und wie dies genauer ausbuchstabiert werden müsse (Dworkin 1981a&b, Arneson 1989, Cohen 1989, Sen 1993, Roemer 1996). 2 Am prägnantesten wurde diese These von Harry Frankfurt (2000) formuliert; sie findet sich aber bereits früher bei Joseph Raz (2000). Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem Angelika Krebs (2000) mit einer solchen Position hervorgetan. 12 sich an, sich zunächst vor Augen zu führen, was mit der Idee der Gleichheit eigentlich einmal gemeint war. 1. Die Idee der Gleichheit Um den Impetus der aufklärerischen Gleichheitsforderung zu verstehen, muss man sich deutlich machen, wie die soziale Welt bis dahin aussah. Vor allem erkennen wir eine hierarchische Gliederung: Menschen wurden weitgehend von Geburt an je nach Stand abgestuft hinsichtlich dessen, was ihnen zustand – einige regierten, andere hatten zu gehorchen; einige frönten dem Müßiggang, während andere schufteten; einige hatten immense Besitztümer, während andere von der Hand in den Mund lebten. Sogar die rechtliche Stellung war unterschiedlich in Abhängigkeit vom sozialen Stand,3 und selbst die Grußformeln unterschieden sich je nach Rang. Angesichts dieser Befunde wäre es irreführend zu sagen, dass Gleichheit vor der Neuzeit eine nennenswerte Rolle spielte. In der Antike ist nur der Grundsatz etabliert, dass Gleiches gleich zu behandeln sei, Ungleiches ungleich – aber das ist offensichtlich kein egalitäres Prinzip im hier relevanten Sinne,4 denn es ist mit den genannten Rangunterschieden vereinbar: Menschen von „edler“ und von „niederer“ Geburt galten eben nicht als gleich, also stand ihnen auch nicht dasselbe zu. Im Christentum war eine Tendenz zur Gleichheit der Menschen zwar angelegt, aber das bezog sich natürlich nur auf Gläubige und nach dominanter Auffassung auch ausschließlich auf religiöse Belange (hinsichtlich der Stellung gegenüber Gott), ohne dass daraus wesentliche rechtliche, politische oder soziale Konsequenzen gezogen worden wären (Lübbe 1992). Abgesehen von Zwang wurde die hierarchische Ordnung wesentlich dadurch gestützt, dass den Schlechtergestellten ihre untergeordnete Stellung anerzogen wurde. Man muss wohl davon ausgehen, dass dies tief in ihrem Selbstbild verankert war, also von den meisten weitgehend akzeptiert wurde. Da sie keine gegenteiligen Erfahrungen machen konnten, ist es auch nicht überraschend, dass sie den Eindruck hatten, 3 Als Beispiel lässt sich anführen, dass Verbrechen gegen Höherrangige gravierender bestraft wurden als gleichartige Vergehen der Höhergestellten gegen Niedriggestellte. 4 Stefan Gosepath (2004: 122) weist allerdings darauf hin, dass bereits dieses Prinzip Ungleichheiten reduziert. 13 sie seien für anspruchsvolle Tätigkeiten, politische Aufgaben und dergleichen nicht geschaffen. Erstaunlich ist eher, dass dennoch manche das Selbstvertrauen hatten, sich gegen diese Ordnung aufzulehnen. Die Idee der Gleichheit wird erst mit der Aufklärung relevant. Hier wurde erstmals die Gleichheit der Menschen propagiert. Hinsichtlich der praktischen Forderungen scheint es zunächst Gleichheit vor dem Recht zu sein, die eingeklagt wird.5 In Verbindung damit ging es um Standesunterschiede, die in Frage gestellt wurden; später folgte die Forderung nach gleicher politischer Partizipation und schließlich die Forderung nach der Beseitigung ökonomischer Ungleichheiten. Ebenfalls erweiterte sich der Kreis derjenigen, für die Gleichheit gefordert wurde – ging es zunächst um männliche Bürger eines Landes, wurden später die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern und dann auch die zwischen Nationalitäten und Rassen angeprangert.6 Auch wenn es offensichtlich unterschiedliche Dimensionen sind, auf denen Gleichheit gefordert wurde, und sich die Forderungen in ihrer Radikalität unterscheiden, glaube ich dennoch, dass es ein verbindendes Element gibt, das sich immer mehr ausgeweitet hat: die Forderung nach gleicher Anerkennung oder Achtung.7 Zunächst wurden die offensichtlichsten Verletzungen dieses Prinzips attackiert – dass Menschen nicht einmal rechtlich als Gleiche anerkannt wurden und ihre soziale Stellung von der Standeszugehörigkeit abhing. Ebenfalls wurde bald deutlich, dass geringerer politischer Einfluss einen Mangel an Achtung darstellt.8 Auch die unterschiedlichen Entfaltungsspielräume 5 Genauer handelt es sich um zwei Dimensionen: Zum einen um die Gleichbehandlung im etablierten Rechtssystem, zum anderen um die Beseitigung von Vorrechten (gleiche Rechte). 6 Eine schöne Rekonstruktion der historischen Abfolge dieser egalitären Forderungen findet sich bei Honneth (1992: 175ff.). 7 Die Begriffe „Achtung“, „Anerkennung“ und „Respekt“ verwende ich in diesem Aufsatz synonym. Sie sind nicht zu verwechseln mit gradueller Wertschätzung. Dass gleiche Achtung die Grundlage unseres modernen Selbstverständnisses bildet, ist in der politischen Philosophie vielfach betont worden (Dworkin 1981a, Kymlicka 1990, Sen 1992, Gosepath 2004), allerdings unter Vernachlässigung einiger Aspekte, die mich hier interessieren. Thomas Nagel (1979) hat einen weiteren Blick auf die verschiedenen Dimensionen der Gleichheit, lässt sie aber in seinem Beitrag dazu bis auf die individualistische Verteilungsfrage gleich fallen. 8 Das demokratische Prinzip hat vor allem eine symbolische Funktion: Es begründet sich weniger daher, dass jeder in gleicher Weise politisch kompetent 14 durch die ökonomische Lage konnten in diesem Sinne als eine ungleiche Anerkennung der Menschen gesehen werden hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, ein wünschenswertes Leben zu führen. Nun könnte man sagen: Das war einmal, und mit Ausnahme der ökonomischen Ungleichheit sind diese Missstände behoben; schließlich sind wir (zumindest als Staatsbürger) vor dem Gesetz gleich, haben die gleichen Rechte, es gibt keine Stände- und Klassenprivilegien mehr, und alle dürfen politisch mitbestimmen. Also ist es vernünftig, sich – wie bei Gleichheitsverfechtern üblich – gleich über ökonomische Ungleichheit zu unterhalten, also zu prüfen, inwieweit Gleichheit hier wünschenswert ist und wie sie zu messen wäre. Ich glaube aber nicht, dass das so zutrifft. In weiten Teilen hat sich nur der Fokus verschoben hinsichtlich dessen, woran Unterschiede zwischen Menschen festgemacht werden: Heute geht es darum, wie erfolgreich man in einem System ist, das nach Leistung(sfähigkeit) in (nach)gefragten Hinsichten differenziert. Menschen, die nach diesen Kriterien versagen, sind nicht nur ökonomisch schlechter gestellt, sondern sie genießen auch weniger Achtung. Man denke nur an Menschen, die die Schule abbrechen, aus dem Arbeitsleben herausfallen oder gar auf der Straße leben: Nicht selten werden diese Personen auf Ämtern oder auch in Geschäften wie Menschen zweiter Klasse behandelt; von einer gleichen Achtung kann also keine Rede sein. Die Botschaft des Egalitarismus war und ist aber: Du zählst nicht mehr als ich, weil du Professor bist und ich ein arbeitsloser Landstreicher. Natürlich könnte man der Meinung sein, dass es sich dabei im Unterschied zu Stand, Klasse, Rasse oder Geschlecht um begründete Differenzierungen handelt: Immerhin sind es Leistungen und Verdienste, nach denen wir heute unterscheiden, und eine differentielle Wertschätzung erscheint hier nicht unangebracht.9 Aber das halte ich letztlich für nicht sonderlich überzeugend. Wie Menschen auf der relevanten Leistungsskala abschneiden, ist offensichtlich von Faktoren geprägt, für die sie ebenso wenig können wie für ihre Hautfarbe oder ihr Geschlecht – etwa natürliche Begabungen, familiärer Hintergrund, soziales Umfeld ist, sondern bringt die gleiche Achtung in der politischen Dimension zum Ausdruck. 9 Tugendhat (1993) spricht von sekundärer vs. primärer Diskriminierung; erstere bezieht sich auf Leistung und Verdienst, letztere auf Stand, Klasse, Rasse oder Geschlecht. 15 und dergleichen mehr.10 Warum sollte jemand, der aus einer bildungsbürgerlichen Familie kommt, dem viele Möglichkeiten in den Schoß gelegt wurden und der eine erfolgreiche Karriere macht, mehr Anerkennung verdienen als ein anderer, dessen Eltern von Sozialhilfe lebten, der keine Ermutigung und Unterstützung erfahren hat und sein Leben als Hilfsarbeiter fristet?11 Aber selbst wenn eine differenzierte Wertschätzung trotz der genannten Bedenken vertretbar sein sollte, gilt das nicht für die Achtung, die wir Menschen schulden: Die Idee der Gleichheit verlangt eben, dass wir hinsichtlich der Achtung keine Abstufungen machen.12 Das scheint mir nach wie vor auch in unserer Gesellschaft nicht gegeben, nicht einmal in der Haltung gegenüber und im alltäglichen Umgang mit den Mitmenschen. Zur Stützung der vorgebrachten Thesen bietet sich ein Blick auf einen Beitrag von Bernard Williams an, der das geschilderte Problem schon früh gesehen und thematisiert hat. Williams unterscheidet verschiedene Dimensionen der Gleichheit, die uns hier nicht alle interessieren müssen.13 Relevant sind vor allem seine Ausführungen zum gleichen Respekt, da sie in eine ähnliche Richtung gehen wie meine obigen Überlegungen. Williams (1978: 376ff.) konstatiert, dass Menschen sich hinsichtlich solcher Eigenschaften wie Begabung, Leistung und Erfolg unterscheiden, meint aber, dass sich gerade hier die Gleichheit bewähren muss – als eine gleiche Achtung der Menschen hinter den (Miss-) Erfolgen und den sozialen Rollen. Es geht also gerade nicht darum, Gleiches gleich und Ungleiches ungleich zu behandeln, sondern um gleiche Achtung trotz der genannten Unterschiede. Dies hat nach Williams auch praktisch-politische Konsequenzen, denn es ist nicht zuletzt gefordert, 10 Die sozialisatorischen Faktoren kann man zwar auszugleichen versuchen, aber das wird sicher nur zu einem gewissen Grad gelingen. 11 Für eine ausführlichere Kritik am Verdienstgedanken vgl. Schlothfeldt 2012: 68ff. 12 Deutlich herausgestellt wird der Unterschied zwischen nicht-gradueller Achtung und gradueller Wertschätzung von Gosepath (2004: 165f.): Mangel an Achtung ist Demütigung, im Unterschied zu Kränkung im Falle mangelnder Wertschätzung (vgl. zu dieser Unterscheidung auch Honneth 1992: 179ff. sowie Ladwig 2006). 13 Nicht alles, was Williams verhandelt, ist im übrigen gleichheitsbezogen – „Gleichheit des Menschseins“ („common humanity“) liegt eher auf der Linie des nonegalitären Humanismus (s.u.). 16 Menschen ein für gleiche Achtung adäquates Selbstbild zu ermöglichen; schließlich können sie durch Erziehung und Sozialisation auch dahin gebracht werden, dass sie meinen, gar keinen gleichen Respekt zu verdienen, insbesondere bei vollständiger Identifikation mit ihrer untergeordneten sozialen Rolle oder Position (Ebd.: 378). Williams erkennt also (und das ist in der Debatte selten), dass gleiche Anerkennung in unserer heutigen Gesellschaft keineswegs garantiert ist. Darüber hinaus behauptet er, es bestünde ein Konflikt mit einer anderen Gleichheitsforderung und damit eine innere Spannung im Ideal der Gleichheit: einerseits fordere es gleiche Anerkennung, andererseits Chancengleichheit beim Streben nach sozialen Positionen. Durch die Fokussierung auf höhere (und niedere) Positionen im Rahmen der Chancengleichheit werde aber die gleiche Anerkennung, die ja von solchen Positionen absehen soll, eher gefährdet als gefördert (Ebd.: 395ff.). Ich denke, dass Williams hier durchaus zu Recht auf eine Gefahr aufmerksam macht. Allerdings scheint mir das Problem eher darin zu liegen, dass im Rahmen der etablierten Auffassung von Chancengleichheit die unterschiedlichen sozialen Positionen nicht angetastet werden. Chancengleichheit lässt sich aber auch weiter verstehen, als gleiche Aussichten auf ein gutes Leben; so verstanden gibt es nicht nur keinen Konflikt mit dem Prinzip der gleichen Achtung, sondern Chancengleichheit könnte sogar als Konsequenz aus diesem Grundsatz angesehen werden.14 Die Gefährdung der gleichen Anerkennung ergibt sich nicht durch Bemühungen um Chancengleichheit per se, sondern durch das Leistungsprinzip. Ob eine auf Leistung („Verdienst“) aufgebaute Gesellschaft mit der Idee der gleichen Anerkennung vereinbar ist, erscheint allerdings in der Tat fragwürdig: Kann man Achtung und Wertschätzung separieren, oder müssten die herrschenden sozialen Bedingungen geändert werden? Auf diese Frage werde ich im Schlussabschnitt des Aufsatzes zurückkommen. 2. Gleichheitskritik Nachdem ich die Gleichheitsidee und deren heutige Relevanz verdeutlicht habe, wird es leichter fallen zu sehen, weshalb die zeitgenössische Gleichheitskritik nicht überzeugt. Als Repräsentanten dieser Kritik will ich vor allem Harry Frankfurt herausgreifen, der in seinem Aufsatz 14 Das scheint Williams nicht zu sehen, denn er verhandelt Verteilungsfragen unabhängig vom Prinzip der gleichen Achtung. 17 Gleichheit und Achtung die provokative Behauptung aufgestellt hat, Gleichheit habe in keinem wie auch immer gearteten Sinne normative Relevanz.15 Grundsätzlich sieht Frankfurt nicht, warum es nicht reichen soll, genug (für ein gutes Leben) zu haben; den Vergleich mit Bessergestellten hält er für fehlgeleitet. Schlechte Leben seien ein Übel, weil sie schlecht sind, nicht weil sie schlechter seien als andere Leben (Frankfurt 2000: 41). Speziell hinsichtlich des hier thematisierten Anspruchs auf gleiche Achtung spricht Frankfurt einfach von Achtung und setzt sie der Gleichheit entgegen. Angeblich werden beide von Egalitaristen verwechselt: Achtung soll heißen, Menschen angesichts ihrer wirklichen Eigenschaften zu berücksichtigen, also (so Frankfurt) unparteilich und ohne Willkür. Mit Gleichheit habe das aber nichts zu tun; diese sei nur ein Beiprodukt, wenn es keine relevanten Unterschiede gibt, also Mensch zu sein der allein normativ ausschlaggebende Gesichtspunkt sei (Ebd.: 44ff.). Merkwürdig an dieser Position erscheint bereits, dass wir offenbar von gleicher Achtung reden, also kein Gegensatz vorzuliegen scheint, sondern Achtung von uns durch Gleichheit qualifiziert wird. Frankfurt würde dazu wohl sagen, die Formulierung „gleiche Achtung“ sei nur Ausdruck der von ihm konstatierten Begriffsverwirrung. Also müssen wir prüfen, ob Achtung in Frankfurts Sinne tatsächlich das meint, was wir mit gleicher Anerkennung ausdrücken wollten. Genau das leuchtet mir nicht ein. Achtung ist bei Frankfurt differentiell; unterschiedliche Fähigkeiten und Leistungen bringen unterschiedliche Achtung mit sich.16 Dagegen wendet sich aber die Idee der gleichen Achtung – man verdient eben nicht mehr Respekt, weil man begabter ist oder mehr geleistet hat. Es ist nicht zu sehen, dass Achtung und Gleichheit von Egalitaristen verwechselt werden; die Rede von gleicher Anerkennung hat vielmehr einen klaren Sinn. Eher verwechselt Frankfurt etwas, nämlich Achtung mit Wertschätzung, welche durchaus differentiell ausfallen dürfte (s.o.). In ähnlicher Weise scheitert auch Joseph Raz´ Behauptung, das Prinzip der gleichen Achtung sei nur rhetorisch egalitär: Seiner Ansicht nach 15 Angelika Krebs ist moderater, denn sie gesteht wenigstens zu, dass Gleichheit bis zu einem gewissen Grad normativ relevant sein kann (Krebs 2000: 32f.). 16 Bezeichnenderweise spricht Frankfurt von „angemessener“ Achtung (Frankfurt 2000: 42). 18 bedeutet die Rede von gleichem Respekt „wenig mehr […] als dass jede Person zählen sollte“ (Raz 2000: 53), und das Prinzip lasse sich angemessener formulieren als „Mensch zu sein ist für sich genommen ein hinreichender Grund für Respekt“ (Ebd.: 63). Beides scheint mir nicht zu stimmen. Dem Prinzip der gleichen Achtung zufolge soll eben nicht jeder nur (irgendwie) zählen, sondern alle sollen gleich zählen; und es geht auch nicht nur um einen hinreichenden Grund für (irgendeinen) Respekt, sondern um gleichen Respekt.17 Unparteilichkeit und Willkürverbot als (laut Frankfurt) Bestandteile der Achtung sind ebenfalls schwächer als das Prinzip der gleichen Anerkennung. Innerhalb des hierarchischen Rahmens galt die Ungleichbehandlung der Mitglieder unterschiedlicher Stände eben nicht als willkürlich und auch nicht als parteiisch. Doch selbst wenn man argumentieren könnte, dass das dennoch Willkür sei (aber wie?), wäre jedenfalls eine ungleiche Anerkennung nach Leistung oder Begabung nicht im selben Sinne willkürlich – was Frankfurt ja auch unumwunden ausspricht. Eine solche Differenzierung der Anerkennung ist aber genau das, was (wie gesehen) aus egalitärer Sicht an der heutigen Gesellschaft kritikwürdig erscheint. Es kann also keine Rede davon sein, dass Achtung in Frankfurts Sinne mit gleicher Achtung zusammenfällt. Was stört Frankfurt dann an der Gleichheitsidee? Offenbar meint er, dass sie die Menschen auf die falsche Fährte lockt – sie schielten, wenn sie an Gleichheit interessiert seien, zu sehr auf andere, denen es besser geht (Frankfurt 2000: 49). Mit Ungleichheit lässt sich leben, scheint die Botschaft zu sein, solange das eigene Potential ausgeschöpft werden kann und anerkannt wird. Nur wer in einer relevanten Hinsicht nicht respektiert werde, erleide einen moralisch zu berücksichtigenden Schaden; eine mögliche Schädigung durch den Vergleich mit anderen fügten sich die Menschen hingegen unnötig selbst zu. Aber auch in dieser Hinsicht kann ich den behaupteten Gegensatz zwischen Achtung und Gleichheit nicht sehen: Die von Frankfurt (Ebd.: 48f.) herausgestellten verletzenden und verstörenden Effekte der kompletten Missachtung stellen sich auch ein, wenn Menschen weniger anerkannt werden als andere – sofern ihnen bewusst ist, dass sie gleich 17 Raz bezeichnet den Grundsatz der gleichen Achtung als Abschlussprinzip (closure principle): Er soll anzeigen, dass nur eine bestimmte Eigenschaft (hier: Menschsein) zu Ansprüchen berechtigt. Das scheint mir aber ein Trick zu sein, denn dass nur das Menschsein (und nichts anderes) zählt, ist erst dann einsichtig, wenn man bereits voraussetzt, dass alle gleich zählen (Ladwig (2006) sieht das ähnlich). 19 zählen. Die Kritik an der überzogenen Orientierung auf Bessergestellte (die es ja durchaus geben mag) liegt hingegen auf einer ganz anderen Ebene; dieses Problem ist sicher keine Konsequenz der Forderung nach gleicher Anerkennung. Vor dem Hintergrund der von mir explizierten gleichen Achtung lässt sich auch verstehen, was Frankfurt grundsätzlich nicht versteht: Warum es nicht ausreicht, genug zu haben, sofern andere mehr haben. Das ist nicht, wie Frankfurt unterstellt, selbstentfremdetes Schielen auf andere, sondern es geht darum, dass man hinsichtlich der eigenen Anliegen weniger zu zählen scheint als andere, also eine geringere Anerkennung erfährt. Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Menschen damit nicht einverstanden sind. Anhand dieses Aspekts lässt sich sogar einsichtig machen, dass keineswegs jeder den auch im egalitaristischen Lager üblichen Kompromiss akzeptieren muss, dass Ungleichheiten gerechtfertigt sind, wenn sie die sozioökonomische Lage der Schlechtergestellten verbessern (Rawls´ Differenzprinzip): Die Bessergestellten kommen dabei noch besser weg, und das kann als ein Zeichen einer geringeren Achtung der Schlechtergestellten gedeutet werden.18 Ich will im Übrigen nicht bestreiten, dass es das von Frankfurt herausgestellte Phänomen gibt. Dass bestimmte Menschen(gruppen) in manchen gesellschaftlichen Konstellationen nicht nur weniger, sondern gar nicht geachtet, also nicht als Menschen anerkannt werden, ist eine traurige Tatsache – man denke an Sklaverei und Shoa (vgl. dazu insbesondere Margalit 2000). Insofern hat Frankfurts Position ihre Berechtigung. Diese gänzliche Missachtung ist auch sicherlich noch grausamer und verletzender als eine Abstufung der Menschen – die unteren Stände wurden im Mittelalter immerhin als Menschen geachtet. Aber der humanitäre Nonegalitarismus19 deckt eben nicht alles ab, was uns aus moralischer Perspektive interessieren kann. In dieser Hinsicht irrt Frankfurt, und das festzuhalten ist wichtig, um zu erkennen, dass hier etwas zu entscheiden ist. Damit ist natürlich noch nicht gesagt, wer Recht hat 18 Nagel (1979: 110) macht deutlich, dass eine Schädigung der Selbstachtung ein Grund sein kann, Ungleichheit trotz eigener materieller Besserstellung abzulehnen. Insofern lässt sich die angedeutete Position evtl. auch im Rawlsschen Rahmen vertreten, wenn man das Grundgut der Selbstachtung berücksichtigt. Allerdings ist es bezeichnend, dass Rawls (wie alle liberalen Egalitaristen) nicht von wechselseitiger Achtung redet, sondern ein individuelles Gut konstruiert. 19 Für diese Formulierung sowie eine etwas anders gelagerte Kritik am humanitären Nonegalitarismus vgl. Gosepath 2004: 180ff. Siehe dazu auch Schlothfeldt 2012: 78ff. 20 – man kann durchaus der Meinung sein, dass der Egalitarismus überzogen und der humanitäre Nonegalitarismus die plausiblere Position ist. Dazu wird im folgenden Abschnitt mehr gesagt werden. 3. Folgerungen Das Prinzip der gleichen Achtung oder Anerkennung ist wichtig, und es ist nicht nur rhetorisch, sondern substantiell egalitär. Aber wie weit reicht dieser Grundsatz, hat er nennenswerte sozialkritische Implikationen? Zunächst einmal kann man den Eindruck haben, dass es sich (wie bei Williams) um ein sehr eingeschränktes und wenig radikales Prinzip handelt. Könnten nicht viele faktische Ungleichheiten bestehen bleiben, sofern nur dafür gesorgt ist, dass sich die Menschen trotz der Unterschiede als Gleiche anerkennen? Für rechtliche und politische Ungleichheit ist das zwar kaum vorstellbar – es wäre zynisch zu sagen, Menschen würden gleich geachtet, wenn sie rechtlich schlechter gestellt sind und politisch nicht mitbestimmen dürfen. Aber es scheint weniger klar, ob gleiche Achtung und unterschiedliche sozioökonomische Stellung nicht zusammengehen können. Theoretisch wäre die eben genannte Kombination denkbar, scheint mir, und unter dieser Voraussetzung müsste man (sofern man es will) für eine Beseitigung sozioökonomischer Ungleichheiten zusätzlich argumentieren. Aber de facto halte ich die angedachte Separierung von Anerkennung und sozioökonomischer Position für eine Illusion. Ganz offensichtlich gelingt es den meisten nicht, Menschen unabhängig von ihrer Stellung und Leistung anzuerkennen, also Wertschätzung und Achtung zu trennen; die sozialen Ungleichheiten strahlen auf die Achtung aus. Dafür sprechen die im ersten Abschnitt dieses Artikels genannten Beispiele, die sich leicht ergänzen ließen. Hinzu kommt, dass diejenigen, die schlechter dastehen, dies durchaus mit einem gewissen Recht als eine Verletzung der gleichen Anerkennung (hinsichtlich ihrer Anliegen) empfinden können. Diese direkte Implikation der gleichen Achtung reicht allerdings nicht so weit, dass sie sozioökonomische Ungleichheiten, die alle besser stellen, zwingend ausschließt; das gelingt nur über die zuvor geschilderten indirekten Folgen für die wechselseitige Anerkennung. 21 Wenn diese Bemerkungen zutreffend sind, lassen sich aus dem Prinzip der gleichen Achtung durchaus radikale Schlüsse ziehen. Es erscheint mir nicht abwegig, dass unsere etablierte soziale Welt die Forderung nach gleicher Anerkennung faktisch verletzt.20 Inwieweit dem so ist, also welche (funktionalen) Ungleichheiten hinsichtlich Status, Position und ökonomischer Ausstattung noch mit dem Prinzip der gleichen Achtung vereinbar sind, ist eine empirische Frage; dazu würde man von den Sozialwissenschaften gerne mehr erfahren.21 Nach meiner Einschätzung würde eine Welt, die das Prinzip der gleichen Achtung ernstnimmt, deutlich weniger sozioökonomische Ungleichheiten zulassen als wir sie gewohnt sind, und sie wäre in manchen Hinsichten wohl sehr anders gestaltet als die Gesellschaften, in denen wir leben.22 Das hätte natürlich seinen Preis. Eine solche Welt wäre weniger leistungsorientiert und damit weniger effizient, würde also auch insgesamt weniger Wohlstand bieten. Möchte man diesen Preis zahlen? Muss man ihn aus moralischen Gründen gar zu zahlen bereit sein? Ich denke nicht, dass man muss – eine weniger anspruchsvolle humanitäre Moral à la Frankfurt ist ja durchaus eine denkbare Alternative, und verschiedene Kompromisse zwischen Gleichheit und Effizienz sind ebenfalls möglich. Ob und inwieweit man Egalitarist sein will, muss letztlich jede(r) selbst beantworten, indem er/sie sich die Konsequenzen einer solchen Einstellung vor Augen führt. Zwingend argumentieren lässt sich hier m.E. nicht mehr; man kann sich nur klarmachen, was bei der Entscheidung auf dem Spiel steht, und muss sich ein eigenes Urteil bilden. Abschließend festhalten lässt sich jedoch, dass Gleichheit ein wichtiges Ideal ist, das mindestens ein Stachel gegen die vorliegenden Verhältnisse bleibt und von dem ich persönlich hoffe, dass es sich mehr und 20 Man könnte durchaus auch bezweifeln, ob die Differenz zwischen denjenigen, die über Produktionsmittel verfügen, und denjenigen, die von ihnen (durch Lohnarbeit) abhängig sind, eine gleiche Achtung zulässt. Es fällt auf, dass diese Ungleichheit von den heutigen Gleichheitsvertretern kaum einmal in Frage gestellt wird. 21 Die etablierte Idee der Chancengleichheit scheint mir eher ein schlechter Kompromiss zu sein, denn sie läuft in letzter Konsequenz darauf hinaus, die sozioökonomischen Unterschiede bestehen zu lassen. Das ist aber nicht Gleichheit, welche vielmehr nahelegt, die Unterschiede einzuebnen. 22 Als Beispiel im Kleinen für eine egalitäre Orientierung könnte man kooperativ organisierte Unternehmen heranziehen, in denen alle Werktätigen (von Arbeitern über Ingenieure bis zum Management) gleich bezahlt werden und sogar Unternehmensentscheidungen demokratisch abgestimmt werden. 22 mehr durchsetzen wird. Gleichheitskritikern wie Frankfurt ist entgegenzuhalten: Wir Egalitaristen haben uns selbst sehr wohl richtig verstanden. Da du das, was wir wollen, nicht teilst, sind wir tatsächlich nicht im selben Lager – auch wenn wir uns hinsichtlich humanitärer Forderungen und deren Vordringlichkeit einigen können. Den zeitgenössischen Egalitaristen wiederum möchte man sagen: Ihr macht euch zu wenig klar, welche Sprengkraft in der Idee der gleichen Anerkennung steckt, und wendet euch zu schnell den individualistisch aufgefassten Verteilungsfragen zu. Literatur Arneson R (1989): Equality and Equal Opportunity for Welfare. Philosophical Studies 56: 77-93. Cohen G (1989): On the Currency of Egalitarian Justice. Ethics 99: 906- 944. Dworkin R (1981a): What is Equality? Part 1: Equality of Welfare. Philosophy and Public Affairs 10: 185-246. Dworkin R (1981b): What is Equality? Part 2: Equality of Resources. Philosophy and Public Affairs 10: 283-345. Frankfurt H (2000): Gleichheit und Achtung. In: Krebs A (Hg.): Gleichheit oder Gerechtigkeit. Texte der neuen Egalitarismuskritik. Frankfurt a. Main: Suhrkamp: 38-49. 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References

Zusammenfassung

Das Verhältnis von Gleichheit und Gerechtigkeit ist seit der Antike Gegenstand intensiver Debatten. Notorisch strittig ist beispielsweise, ob Gleichheit überhaupt eine Rolle für Gerechtigkeitsüberlegungen spielt, ob Gleichheitsforderungen auf die gerechte Verteilung bestimmter Güter oder etwa die gleiche Achtung aller Menschen zielen und welche Reichweite sie haben, ob sie also etwa globalen oder kulturspezifischen Anspruch haben. Diesen und weiteren Fragen widmen sich die Beiträge des vorliegenden Bandes.

Mit Beiträgen von

Julian Culp, Orsolya Friedrich, Johannes J. Frühbauer, Bernward Gesang, Angelika Krebs, Jörg Löschke, Sebastian Schleidgen und Stephan Schlothfeldt.