Content

1. Einleitung in:

Judith Lichtblau

Plinius' Naturgeschichte der Magie, page 1 - 8

Die Ambivalenz magischer Praktiken in der Naturalis Historia

1. Edition 2017, ISBN print: 978-3-8288-4089-8, ISBN online: 978-3-8288-6934-9, https://doi.org/10.5771/9783828869349-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Literaturwissenschaft, vol. 45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung First Witch: Thrice the brinded cat hath mewed. Second Witch: Thrice and once the hedge-pig whined. Third Witch: Harpier cries ʻʼTis time, ʼtis time.ʼ First Witch: Round about the cauldron go; In the poisoned entrails throw. (W. Shakespeare, Macbeth IV, 1, 1-6) Die drei Hexen, die Macbeth mit ihren Prophezeiungen zum Mord an König Duncan treiben und ihn am Schluss selbst zu Fall bringen, die magische Zahl Drei, mit Zaube‐ rei assoziierte Tiere, magische Zeiten und ein aus vergifteten Eingeweiden gebrauter Zaubertrank – die einleitenden Verse zu Akt IV des berühmten Dramas von William Shakespeare beschreiben klar erkennbar einen Schadenzauber, in dem die Kombina‐ tion einer Vielzahl magischer Elemente die bösartige Tätigkeit der Hexen ermöglicht. Shakespeare greift dabei auf magische Vorstellungen zurück, deren Anfänge weit zu‐ rückliegen und auch für die griechisch-römische Antike nachgewiesen werden kön‐ nen. Unsere Kenntnis von Magie von der griechischen Archaik bis zur frühen römi‐ schen Kaiserzeit stützt sich vor allem auf historische und literarische Quellen, die – abhängig von der Überlieferung – für die verschiedenen Epochen in ihrer Zahl variie‐ ren und hinsichtlich der Rekonstruktion der Magiegeschichte der einzelnen Zeitab‐ schnitte einen unterschiedlichen Stellenwert einnehmen. Sie ermöglichen es uns je‐ doch, durch den Einblick in die antike Magiepraxis (historische Quellen) und die ge‐ sellschaftliche Reflexion über Magie (literarische Quellen) die Einstellung der einzel‐ nen Epochen zum Themengebiet näher einzugrenzen und Rückschlüsse auf dessen praktische Umsetzung zu ziehen. Für die Zeit der griechischen Archaik tritt uns Magie in den Epen Homers in Form von magischen Gegenständen, Wortmagie und magischer Medizin entgegen und wird überwiegend von Göttern, aber auch Menschen praktiziert. Daneben be‐ gegnen uns mit übermenschlich-magischen Fähigkeiten begabte mythische oder his‐ torische Personen (Orpheus, Pythagoras, Empedokles aus Akragas), die die moderne Forschung als Schamanen bezeichnet1; mit Anbruch des klassischen Zeitalters verlie‐ ren diese aber ihre Bedeutung und verschwinden. Vor dem Hintergrund des enormen politischen und gesellschaftlichen Umbruchs im 5. Jahrhundert v. Chr. bildet sich in der griechischen Klassik Magie als ein von Religion und Wissenschaft getrennter, ei‐ 1. 1 Vgl. Dodds 1951; Ogden 2009, 9. 1 gener Bereich heraus2. Grund hierfür ist einerseits die kritische Reflexion von Religi‐ on, andererseits der durch Hippokrates angestoßene Entwicklungsbeginn einer wis‐ senschaflichen Medizin; beide Prozesse sorgen dafür, dass Magie als etwas Nicht- Griechisches, Fremdes empfunden wird, wie der Einzug der griechischen Termini μάγος und μαγεία, die iranischen Ursprungs sind, belegt3. Diese Entwicklung tut der regen Anwendung von Magie jedoch keinen Abbruch, da uns aus der griechischen Klassik eine Vielzahl von historischen und literarischen Quellen überliefert ist. Zu den archäologischen Zeugnissen dieser Zeit zählen neben den im Schadenzauber ver‐ wendeten Defixionen und Zauberpüppchen auch Amulette, die die Praxis des Schutz‐ zaubers belegen4. Im Bereich der schriftlichen Quellen ist zuvorderst der Geschichts‐ schreiber Herodot (ca. 490/480-425 v. Chr.) anzuführen, der in seinen Historien erst‐ mals auf die Herkunft der Magier eingeht und ihre Aufgaben und weitreichenden be‐ sonderen Fähigkeiten, die von der Beeinflussung der Elemente bis hin zur Schau der Zukunft mittels Traumdeutung reichen, beschreibt5. Ganz deutlich hebt er die An‐ dersartigkeit dieser Personengruppe im Vergleich zu anderen Menschen hervor. Die unterschiedlichen Zauberarten finden einen Widerhall in der griechischen Tragödie, es werden der Liebeszauber, Schadenzauber und die Nekromantie thematisiert6. Ebenfalls überliefert ist trotz der spärlichen Quellenlage für diesen Bereich – im Ge‐ gensatz zu anderen griechischen Stadtstaaten ist aus Athen selbst keine eigene Gesetz‐ gebung gegen Zauberei überliefert7 – ein von Demosthenes in seiner Rede gegen Aristogeiton (79-80) erwähnter Gerichtsprozess, der gegen die Hexe Theoris von Lemnos geführt wurde. Ergebnis war die Hinrichtung der Angeklagten und ihrer An‐ gehörigen aufgrund von ἀσέβεια (Gottlosigkeit)8. Die Ausweitung der griechischen Einflusssphäre im Hellenismus (3.-1. Jhd. v. Chr.) bedingt auch die – in der Antike bis zum 1. Jhd. n. Chr. umfangreichste – An‐ reicherung des Feldes der Magie mit neuen, fremdartigen Vorstellungen, Praktiken und bisher unbekannten, mit Magie befassten Personen; einen großen Einfluss üben dabei der Nahe Osten und Ägypten aus9. Neben den bereits für die Zeit der Klassik existenten Zeugnissen zur Magie lassen sich in dieser Epoche Neuentwicklungen be‐ obachten, die in der Folgezeit auf die römische Vorstellung von Magie einwirken. Ar‐ chäologisch belegt sind neben den Defixionen10 Amulette aus verschiedenen Materia‐ 2 Graf 1996, 31-36; Ankarloo 1999, 176. 3 Martin 2005, 66. 4 Luck 1990, 65-67. 5 Zu den Schriftquellen der Archaik und griechischen Klassik (darunter auch Hippokrates und Plato) und der in diesem Zusammenhang verwendeten Magieterminologie vgl. auch Otto 2011, 149-178. Zur Herkunft der Magier vgl. Herodot, Hist. I, 101; zu ihren Aufgaben und Fähigkeiten vgl. ibid., 107, 120 f., ibid., VII, 19 und 37, 133 f., 191; zur Andersartigkeit vgl. ibid., 140. 6 Vgl. zum Liebeszauber Euripidesʼ Hippolytos (476-481, 507-518) und Andromache (29-35, 155-160, 205-207, 355-360), zum Schadenzauber Sophoklesʼ Rhizotomoi (TrGF F534-6) und zur Nekromantie Aeschylusʼ Perser (598-906) sowie Psychagogoi (TrGF F273, F273 a, F275). 7 Luck 1990, 58. 8 Vgl. Collins 2001, 485-493. 9 Dickie 2001, 98. 10 Beispielsweise aus dem Heiligtum der Demeter auf Knidos, 1. Jhd. v. Chr. (vgl. Dickie 2001, 104-106). Vgl. auch Luck 1990, 66. 1. Einleitung 2 lien (Stein, Metall), Zauber, Zaubersammlungen11 und für magische Beschwörungen verwendete Ostraka12. Im Bereich der Schriftquellen lässt sich eine wichtige Neuent‐ wicklung nachvollziehen, da erstmals schriftliche Zeugnisse zur Magie (Fachwerke sowie poetische Zeugnisse13) abgefasst werden. Im Bereich der Fachliteratur spielt Ägypten mit Alexandria und seiner umfangreichen Bibliothek eine große Rolle. Hier wird der Bereich der Magie ebenso wie die weiteren okkulten Wissenschaften der Al‐ chemie, Dämonologie oder auch Astrologie in ein gewisses System gebracht und erst‐ mals schriftlich fixiert14. Auch das Prinzip der Sympathie und Antipathie wird formu‐ liert und in schriftlicher Form niedergelegt. Eine weitere Anreicherung erfahren die magischen Vorstellungen und Kenntnisse durch die jüdische Kultur, da in Alexandria viele Juden ansässig waren, deren Religion ein eigenes Zauberwesen ausgebildet hatte und in den Augen von Außenstehenden magische Elemente beinhalten mochte. Ebenso wie ägyptisch-orientalisches Magiewissen wurden diese Elemente teilweise in das griechische magische Wissen übernommen15. Zur Fachliteratur zählen daneben auch die schriftlichen Sammlungen magischen Wissens, die das hohe Interesse an Magie und die verfeinerte Ausformung der Magiepraxis im Hellenismus bezeugen16. Der Kontakt mit dem griechischen Kulturkreis führt in der römischen Republik dazu, dass die römische Gesellschaft, allen voran wohl die gebildete römische Ober‐ schicht, das Magiekonzept des Hellenismus kennenlernt und mit den bereits existen‐ ten römischen Vorstellungen von Magie verbindet17. Welche Formen die Ausübung von Magie in der römischen Frühzeit und in der frühen und mittleren Republik an‐ nahm, lässt sich aufgrund der mangelhaften schriftlichen und archäologischen Quel‐ lenlage nicht genau beschreiben. Aus den aus der Zeit der Republik überlieferten lite‐ rarischen Texten lässt sich jedoch ableiten, dass es eine Vielzahl von Personen gab, die ihre Dienste in verschiedenen Bereichen gegen Bezahlung anboten18. Neben der 11 Dickie 2001, 96-99. 12 Luck 1990, 65. Die Ostraka lassen sich vom 4. Jhd. v. Chr. bis in die byzantinische Zeit nachweisen. 13 Das 2. Idyll des Theokrit (Φαρμακεύτριαι) gibt uns Aufschluss über die wichtige Frage, welche gesell‐ schaftliche Schicht mit der Praxis von Magie assoziiert wurde. 14 Luck 1990, 51; 60. 15 Luck 1990, 52. Zum Einfluss der Kabbala vgl. ibid., 55 f. Zentrale Figuren, die im Rahmen der jüdi‐ schen Religion mit der Ausübung von Magie in Verbindung gebracht wurden, waren Moses und Jesus (vgl. Luck 1990, 53); auch Plinius erwähnt in seiner Geschichte der Magie Ersteren als Magier (Nat. hist. 30,11). 16 Dickie 2001, 98. Die magischen Wissenssammlungen wurden durch an der Thematik stark interes‐ sierte Personen von Bildung abgefasst, die eventuell mit diesem Wissen experimentierten, aber nicht notwendigerweise praktizierende Magier waren. Der wohl bekannteste Vertreter ist der Ägypter Bo‐ lus von Mendes (1. Hälfte des 2. Jhd. v. Chr.), der in der griechischen Sprache und Kultur bewandert war und daher möglicherweise dem Priesterstand angehörte (vgl. Dickie 2001, 117-123). Er sammel‐ te Wissen über die Eigenschaften von Naturmitteln, sein Fokus lag also auf dem Bereich der magi‐ schen Medizin (medicina magica). 17 Eine detaillierte Untersuchung findet sich bei Dickie 2001, 124-141. 18 Dickie 2001, 133; 162-164. Männer wie Frauen deuteten Träume (coniector/coniectrix), sahen die Zu‐ kunft voraus (hariolus/hariola) oder hatten sich auf die Eingeweideschau (haruspicina), die Vogel‐ schau (augurium), das Deuten des Himmels oder auf die nur wenig Ansehen genießenden Bereiche der Anwendung von Zaubersprüchen bzw. des Werfens von Losen (sortilegium) spezialisiert. Auch gab es privat durchgeführte Einführungen in die Mysterien. Die genannten Dienstleister besaßen nicht immer einen festen Wohnsitz, sondern zogen umher (vgl. Cato, De agr. cult. 5). 1. Einleitung 3 Schau in die Zukunft waren die Römer mit dem Bindezauber vertraut, wie er in der griechischen Magie angewandt wurde, um Gegner vor Gericht außer Gefecht zu set‐ zen, indem man ihren Gedächtnisinhalt hinsichtlich des Prozesses mit Hilfe des Zau‐ bers blockierte (vgl. Cic. Brut. 217). Aus Cic. In Vat. 14 lässt sich überdies aus den Vorwürfen Ciceros gegen den Angeklagten Vatinius folgern, dass die Nekromantie und die magische Verwendung von Eingeweiden der römischen Gesellschaft bekannt gewesen sein müssen19. Ebenfalls thematisiert werden der Liebeszauber (vgl. Horaz, Epode 5) und die Verwendung von Liebestränken (amatoria; vgl. Plinius, Nat. Hist. 25, 25). Die für die griechische Klassik so zahlreich belegten Defixionen sind für die Zeit der römischen Republik nicht nachweisbar, das erste Zeugnis dieser Art stammt aus der Zeit des Augustus20. Der Schutz vor Zauberei in Form von Amuletten jedoch ist auch für die Republik dokumentiert (vgl. den Schutz von Kindern durch die bulla). Dass in der Frühen Kaiserzeit die Magie in ebenso großer Blüte stand wie in der aus‐ gehenden römischen Republik, belegt ein Blick auf die überlieferten Quellen (Defi‐ xionen, Rechtstexte), die sich dem Thema in großer Ausführlichkeit widmen, eine Er‐ weiterung des Magiespektrums lässt sich jedoch nicht konstatieren. Im Bereich der Dichtung erfolgt eine ausführliche Reflexion des Themas neben Vergil, Lukan und Catull auch bei den Elegikern, im antiken Roman spielt es bei Petron eine wichtige Rolle. Eine weitere wichtige Quelle für die Magie der Frühen Kaiserzeit bildet die Natu‐ ralis Historia des Älteren Plinius, dessen der Medizin gewidmete Bücher 20 bis 32 eine Fundgrube an magischen Heilmitteln und Kommentaren zur antiken Magie dar‐ stellen. Obgleich der Anteil dieser magischen Inhalte v.a. für die Bücher 28 bis 30 äu‐ ßerst hoch ist und seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nahezu kein wissen‐ schaftliches Werk zu Plinius dem Älteren ohne den Hinweis auf diese auskommt, hat bis jetzt noch keine systematische Auseinandersetzung mit den Magiekapiteln oder eine geordnete Analyse derselben hinsichtlich der verschiedenen erkennbaren Facet‐ ten von Magie und ihrer Ausprägung bei Plinius stattgefunden. Auch wurde bis jetzt nicht der Versuch unternommen, die gedanklich-ideologischen Parallelen zwischen den Flaviern und Plinius anhand der Beschäftigung mit den genannten magischen Inhalten der Naturalis Historia herauszuarbeiten. Meiner Meinung nach ist dieser letztgenannte Zugang jedoch von großer Bedeutung, da sich aus der Analyse der pli‐ nianischen Magiekapitel einerseits Schlüsse zu Plinius’ Wissensdiskurs und seinem Verständnis von Wissensordnung ziehen lassen; diese ermöglichen es uns anderer‐ seits wiederum, genauere Aussagen zur politischen und sozialen Dimension der Na‐ turgeschichte zu treffen, da auf der Basis der Analyseergebnisse der Magiekapitel die 19 Cic. In Vat. 14: et quoniam omnium rerum magnarum ab dis immortalibus principia ducuntur, volo ut mihi respondeas tu, qui te Pythagoreum soles dicere et hominis doctissimi nomen tuis immanibus et bar‐ baris moribus praetendere, quae te tanta pravitas mentis tenuerit, qui tantus furor ut, cum inaudita ac nefaria sacra susceperis, cum inferorum animas elicere, cum puerorum extis deos manis mactare soleas, auspicia quibus haec urbs condita est, quibus omnis res publica atque imperium tenetur, contempseris, initioque tribunatus tui senatui denuntiaris tuis actionibus augurum responsa atque eius conlegi adro‐ gantiam impedimento non futura? 20 Dickie 2001, 128 f. 1. Einleitung 4 Parallelen der Welt- und Gesellschaftsordnung des Kaisers Vespasian und des For‐ schers Plinius aufgezeigt werden können und Plinius’ Einsatz für die Flavier von der persönlichen auf die gedanklich-ideologische Ebene gehoben werden kann. Eben die‐ sem Forschungsvorhaben widmet sich die vorliegende Arbeit. Wie nicht anders zu erwarten, ist die Forschung zum Themengebiet der Magie im Allgemeinen sowie auch zu Plinius dem Älteren zum jetzigen Stand äußerst umfang‐ reich21. Nicht zu vergessen ist hierbei jedoch, dass die Beschäftigung mit diesem Au‐ tor erst in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder an Aufschwung gewann. Zuvor herrschte ein überwiegend negativ geprägtes Pliniusbild vor, obwohl der Autor in Mittelalter und Renaissance die zentrale Autorität für naturwissenschaftliches Wissen gewesen war und seine von ihm verwendeten Quellen weitestgehend ersetzt hatte. Diese seine Stellung begann allerdings im 17. und 18. Jahrhundert mit der Herausbil‐ dung der modernen Naturwissenschaften zu bröckeln und wurde von harscher Kritik an Arbeitsweise, Inhalt und auch Sprache des Autors abgelöst22. Erst im genannten Zeitraum erwachte erneut das Interesse an Plinius und das Bild von ihm wandelte sich langsam hin zum Positiven, da man begann, ihn als Schriftsteller wahrzuneh‐ men, und ihm seinen Platz in der lateinischen Literatur zugestand. Seit dieser Rehabi‐ litierung hat sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern mit dem Älteren Plinius be‐ schäftigt. Es erschienen neue Forschungen zu seiner Biographie, seiner Karriere unter den julisch-claudischen und flavischen Kaisern und seinem Tod im Rahmen des Ve‐ suvausbruchs 79 n. Chr., wobei neben Sekundärzeugnissen und Inschriften auch die Naturalis Historia als Quelle herangezogen wurde. Eine Rehabilitierug erfuhr dane‐ ben auch Plinius’ Leistung als Schriftsteller insgesamt, da seine subjektive Leistung als Autor in den Vordergrund trat. Man versuchte im Rahmen der Forschung zu den ver‐ lorenen Werken, ihn als Historiker und Sprachforscher einzuordnen. Auch die Art und Weise, wie man an Plinius herantrat, änderte sich: Wurde der Autor in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts noch ausschließlich unter spezifischen Gesichtspunkten erforscht, so bemühte man sich bis Ende des genannten Jahrhunderts immer mehr, ihn ganzheitlich in den Blick zu nehmen (vgl. Forschungsschwerpunkte zur Naturalis Historia im Folgenden). Die Forschungsberichte von Sallmann 1977 und Serbat 1986 geben hierbei einen wichtigen Überblick über die geleisteten Arbeiten bis 1986. Für unsere Fragestellung am wichtigsten ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Naturalis Historia, der seit ihrer Entstehung kontinuierlich ein einflussreiches Fortleben beschert war, obgleich u.a. die Definition des Werks sowie seine eigentüm‐ liche Struktur bis zum 20. Jahrhundert immer stärker problematisiert wurden. Diese und weitere Frage- und Problemstellungen wurden seit der 1. Hälfte des 20. Jahrhun‐ derts in Angriff genommen und die Naturalis Historia hat wie die gesamte Auseinan‐ dersetzung mit ihrem Schöpfer eine ganzheitliche Untersuchung erfahren: Es wurden einerseits die bereits bestehenden kritischen Ausgaben von Mayhoff, Jan und Detlef‐ sen um die lateinisch-englische der Loeb Classical Library, die lateinisch-französische der Édition les Belles Lettres, die lateinisch-deutsche der Tusculum-Bücherei sowie 21 Vgl. die Forschungsberichte von Sallmann 1977 und Serbat 1986. 22 Naas 2002, 4. 1. Einleitung 5 die lateinisch-italienische der Edition Giardini erweitert, andererseits richtete sich der Fokus auf Plinius’ Grammatik, Stilistik und Sprache sowie die Struktur des Werkes und eben seine Gattungseinordnung (vgl. die Diskussion um die Frage der Einord‐ nung als Enzyklopädie). Inhaltlich erfolgte eine tiefgehende Beschäftigung mit den Einzelbänden, obgleich es nicht für alle gesonderte Kommentare gibt. Ebenfalls im Zentrum des Interesses stand Plinius’ Nachleben und seine Stellung als naturwissen‐ schaftliche Autorität in Mittelalter und Neuzeit, v.a. im medizinischen Bereich (vgl. Medicina Plinii). Für die vorliegende Arbeit sehr wichtig ist eine Vielzahl von For‐ schungsarbeiten, die die allgemeinen Tendenzen der wissenschaftlichen Auseinander‐ setzung mit Plinius widerspiegeln. Auf der einen Seite stehen die Arbeiten, die eine Aufarbeitung des wissenschaftlichen Hintergrunds der Naturalis Historia, u.a. die hel‐ lenistischen Wissenschaften und ihre Arbeitsweise sowie den Stand der Wissenschaf‐ ten in der Frühen Kaiserzeit, bieten (beispielsweise French/Greenaway 1986, Healy 1999, Russo 2005); andererseits gewinnbringend sind diejenigen, die sich mit der po‐ litischen, gesellschaftlichen oder moralischen Gedankenwelt und der philosophischen Haltung des Älteren Plinius (z.B. Citroni-Marchetti 1991, Beagon 1992, Oliveira 1992) sowie dem zeitgeschichtlichen Hintergrund seines Lebens (beispielsweise Kra‐ mer/Reitz 2010, Gibson/Morello 2011 oder Zissos 2016) auseinandersetzen. Ebenfalls nicht zu vergessen sind die Arbeiten zu Plinius’ Verständnis von Kunst und Gesell‐ schaft (z.B. Isager 1991) und die Deutungsversuche der Aussage der Naturalis Historia, so etwa in den Untersuchungen des ideologischen Aspekts des Werkes (beispielsweise bei Naas 2002, Carey 2003 und Murphy 2009). Auch für das für die Arbeit zentrale Thema der Magie steht v.a. seit der starken Belebung des Magiediskurses in den klassischen Altertumswissenschaften in den letz‐ ten Jahrzehnten eine Fülle an Forschungsarbeiten zur Verfügung23. Mit neuen Schwerpunktsetzungen im und Zugängen zum Themengebiet erschienen zahlreiche Monographien (z.B. Graf 1996, Dickie 2001, Grafton 2001, Martin 2005, Collins 2008, Otto 2011), die sich u.a. mit der Figur des magus, der Magiepraxis in grie‐ chisch-römischer Zeit, der Magieterminologie oder der Geschichte der Magiediskur‐ ses und seiner Rezeption auseinandersetzen. Auch gibt es mehrere Aufsatzsammlun‐ gen, die sich speziellen Aspekten von Magie widmen (beispielsweise Jordan 1999, Mi‐ recki/Meyer 2002, Shaked 2005) sowie Textsammlungen (z.B. Luck 1990, Gager 1992, Ogden 2009). Herrschte zunächst die Rezeption evolutionistischer Modelle im Ma‐ giediskurs vor, so versucht die neuere Forschung eine „stärker[e] Orientierung an der historischen Semantik des Magiebegriffs“ und somit „ein wie auch immer gefasstes modernes Verständnis von Magie auszuklammern“ (Otto 2011, 146)24. Das Thema Magie bei Plinius wurde im Rahmen der Forschung zur Magie eben‐ falls behandelt, jedoch nicht in der wünschenswerten Tiefe, da in vielen wissenschaft‐ lichen Beiträgen die Magi lediglich en passant als Bestandteil der Naturalis Historia erwähnt werden oder die Tatsache, dass Plinius’ Werk Magisches enthält, bloß festge‐ stellt wird; das Thema wird allerdings zumeist nicht tiefgründiger behandelt. Eine sys‐ 23 Otto 2011, 144-149. 24 Auf das evolutionistische Modell bei Frazer wird auf S. 21 f. näher eingegangen. 1. Einleitung 6 tematische Untersuchung der Magiekapitel und die Interpretation derselben im Kon‐ text des Gesamtwerks fehlen leider. Neben inhaltlichen Zusammenfassungen der ma‐ gischen Inhalte in den medizinischen Büchern der Naturkunde (frühestes und aus‐ führlichstes Dokument ist hier Thorndike 1923) ist jedoch bereits die Auseinander‐ setzung mit folgenden kleineren Facetten des Themas erfolgt: Untersucht wurde der plinianische Magiebegriff (z.B. Otto 2011), das magische Sprechen im Rahmen des religiösen Sprechens (beispielsweise bei Köves-Zulauf 1972) bzw. die Macht des ge‐ sprochenen Wortes in Religion und Magie (z.B. Bäumer 1984) oder auch das Thema der magischen Medizin (z.B. bei Stannard 1987). Um die gedanklich-ideologischen Parallelen zwischen den Flaviern und Plinius auf Basis der Analyse der Magieinhalte der Naturalis Historia herausarbeiten zu kön‐ nen, orientiert sich die Arbeit an folgendem Programm: Im 2. Kapitel erfolgt als erster Schritt eine genaue Abgrenzung der Haltung des Älteren Plinius zum Bereich der Ma‐ gie auf der Grundlage der plinianischen Magiegeschichte am Anfang von Nat. Hist. Buch 30. Zunächst werden hierfür der Inhalt und die von Plinius für den Bereich der Magie verwendete Begrifflichkeit analysiert, um dann seine Haltung zur Magie und die aus seinen Aussagen extrahierbare Definition von Magie zu erarbeiten. Die Hal‐ tung des Autors bildet als zentrale Erkenntnis den Ausgangspunkt für die Fragestel‐ lung der Arbeit. Alle Ergebnisse dieses Abschnitts fungieren als Basis für das weitere Vorgehen, doch müssen vor der eigentlichen Arbeit mit den Magiekapiteln in Kapitel 3 theoretische und historische Vorbetrachtungen zum Magiebegriff angestellt werden, um die Wissensgrundlage für die folgenden Teile der Arbeit zu legen. In diesem Ab‐ schnitt wird zunächst die für die Arbeit verwendete Definition von Magie aufgestellt, die dem von Hubert/Mauss vertretenen religionssoziologischen Ansatz folgt, da auch bei Plinius Magie als soziales Geschehen verstanden wird und deutlich wird, dass die Gesellschaft festsetzt, welches Handeln als magisch eingestuft wird und ob es als ge‐ sellschaftlich akzeptabel oder inakzeptabel gilt. An die Arbeitsdefinition schließt sich als Verständnisgrundlage die in der griechischen und lateinischen Antike für das Feld der Magie verwendete Terminologie an; in diese wird die in Kapitel 2 erarbeitete pli‐ nianische Begrifflichkeit eingebettet. Um festzustellen, ob es sich bei Plinius’ Haltung zur Magie um ein Einzelphänomen handelt oder sich seine Einstellung dem Themen‐ gebiet gegenüber auch in anderen Schriftquellen finden lässt, schließt sich zum Ab‐ schluss von Kapitel 3 eine Untersuchung ausgewählter lateinischer Quellen an. In Ka‐ pitel 4 erfolgt die Feinanalyse der Magiekapitel in der Naturalis Historia, in der deren Kontext und die Quellen für magische Rezepte beleuchtet und die genaue Analyse der verschiedenen in der Naturalis Historia greifbaren Facetten von Magie und ihrer in‐ haltlichen Ausprägung durchgeführt wird; aufgrund dieser können (in 4.3) die von Plinius aufgestellten Auswahl- und Ausschlusskriterien abgeleitet werden. Ergänzt wird die Analyse durch die Betrachtung der Themen „Lügen und Unglaubwürdigkeit der Magier“, „Magie und Angst“ und „Magie – Ersatz für Wissenschaft“ sowie der Sprache. Abschnitt 4.3 bietet das Fazit aus der Analyse der Magiekapitel und stellt grundlegende Erkenntnisse zur Arbeitsweise des Autors und zu seiner Wissensord‐ nung heraus. Den Höhepunkt und Abschluss der Arbeit bildet Kapitel 4.4. In diesem wird nach der Darstellung von Plinius’ persönlichem Verhältnis zur julisch-claudi‐ 1. Einleitung 7 schen, vor allem aber zur flavischen Dynastie die Restaurations- und Ordnungspoli‐ tik unter Vespasian und Titus sowie ihre ideologische Rückbindung an Augustus ein‐ gehend beleuchtet. Im finalen Abschnitt 4.4.3 gelingt es auf der breiten Basis der in Kapitel 4.1 bis 4.4.2 erarbeiteten Ergebnisse, die Parallelen zwischen Vespasians Vor‐ gehen bei der Neuordnung des römischen Staates nach Beendigung des Bürgerkriegs 68/69 n. Chr. und dem des Plinius bei der Schaffung seines Werkes im neuen Rahmen der Flavierherrschaft aufzuzeigen und damit die gedanklich-ideologischen Parallelen zwischen den Flaviern und Plinius auf der Basis der Magiekapitel der Naturalis Histo‐ ria zu belegen. Kapitel 5 bietet eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse der Ar‐ beit. 1. Einleitung 8

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Golf von Neapel, 24. August 79 n. Chr.: Als der Vesuv ausbricht, macht sich Plinius der Ältere, Kommandant der in Misenum stationierten kaiserlichen Flotte und Naturforscher, mutig auf, um die von der Naturkatastrophe betroffenen Bewohner der Region zu retten, und findet dabei den Tod.

Seine „Naturalis Historia“ ist das einzige Werk, das uns von ihm überliefert ist. Es zeugt von einem äußerst gebildeten Angehörigen des Ritterstands, dessen Interesse und Liebe neben seiner intensiven Tätigkeit für die Flavierkaiser Vespasian und Titus dem zeitgenössischen naturkundlichen Wissen und seiner Bewahrung galt.

Doch wie und nach welchen Kriterien schuf Plinius sein Werk? Welche Vorstellung von Wissensordnung besaß er? Und vor allem: Was haben die Magier, ihre Praktiken und magischen Rezepturen in einem so wissenschaftlichen Werk wie der „Naturalis Historia“ zu suchen?