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7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 73 - 86

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-73

Tectum, Baden-Baden
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Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren Kaiserin Elisabeth, Sissi mit Rufnamen, war eine aussergewöhnliche Frau, und sie starb in Genf nach einem ebenso aussergewöhnlichen, bis heute in manchen Aspekten rätselhaften Mordanschlag am 10. Septem‐ ber 1898. Eugenie Amalie Elisabeth, Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn, die Frau des letzten berühmten österreichisch-ungarischen Kai‐ sers Franz Joseph I., wird bis heute durch mindestens teilweise kitschige Filme und ebensolche Schriften und Bücher in ein einseitiges Licht ge‐ rückt. Erst in jüngerer Zeit haben die Biographien der Engländerin Joan Haslip und der Österreicherin Brigitte Hamann den Lebenslauf dieser hochinteressanten, durch ihre gefeierte Schönheit in eine Feen- und Mär‐ chenwelt entrückte Frau objektiver darzustellen versucht. Ein Stachel pauschaler, nun negativer Einseitigkeit mit dem jeweiligen Etikett angeb‐ licher Egozentrik und Depressivität durchzieht die heutige Historiogra‐ phie, Klebezettel mit Aufschriften, die wiederum einseitig und letztlich oberflächlich sind. Elisabeth ist selbst nicht ganz unschuldig daran durch manch bizarre Verhaltensweise. Der nachfolgende Beitrag versucht unter diesen, von oberflächlichen Etiketten verstellten Blick zu tieferen Schich‐ ten im Leben dieser bis heute ungewöhnlich stark beachteten Persönlich‐ keit zu dringen. Der rätselhafte Anarchist Er war zur Zeit seiner Mordtat 25 Jahre alt, bei Pflegeeltern in Italien aufgewachsen und hiess Luigi Lucheni. In der Schule fiel er als aufge‐ weckter und intelligenter Schüler auf. Mit 21 Jahren rückte er für drei‐ einhalb Jahre in den obligatorischen Militärdienst ein und war in der Nähe von Neapel stationiert. Sein Kommandant war der Prinz von 7. 73 Aragona. Lucheni erhielt einen Orden und fiel dem Prinzen so positiv auf, dass er ihn nach Absolvierung der Militärdienstzeit als Diener ein‐ stellte. Lucheni selbst bezeichnete seine Zeit im Militärdienst und auch jene als Diener beim Prinzen als glückliche Zeit. Sei es eine früh er‐ worbene Abneigung gegen die Träger der Macht und gegen die Aristo‐ kratie, oder sei es Abenteuerlust, Lucheni kündigte dem erstaunten Prinzen die gute Anstellung und verschwand. Er suchte und fand Kon‐ takte zu den Anarchisten. Sie wurden zur Basis eines Amoklaufs, mit welchem er paradoxerweise einen ihm seelenverwandten Menschen traf. Lucheni war einsam. Einsam war auch sein Mordopfer Elisabeth. Er war gegen die Aristokraten. Gegen diese kämpfte auch Elisabeth bis fast zum eigenen Untergang. Sie suchte das gefährliche Abenteuer, in‐ dem sie etwa jeglichen Begleitschutz ablehnte. Denselben todesverach‐ tenden Mut zeigte der Abenteurer Lucheni. Allein, er wurde dabei zum gefährlichen Mörder. Kurz, eine merkwürdig ähnliche Morbidität haf‐ tet Täter und Opfer an, deren Wege sich tausendfach unterscheiden, aber, als sei ihr fatales Schicksal unentrinnbar miteinander verquickt, durch alle Hemmnisse ihrem Ziel unentwegt auf sich zusteuern zum Zweck der gegenseitigen Vernichtung. Der Mörder Lucheni sah seine Bluttat als Höhepunkt seines Le‐ bens an, war stolz und danach in Hochstimmung. Aber er verwickelte sich im Verhör in unzählige Widersprüche über die Hintergründe. War es wirklich seine Tat? Oder standen andere im Hintergrund? Die Neue Zürcher Zeitung argwöhnte kurz nach dem Verbrechen: „Stehen schlauere Hintermänner hinter einem dummen Teufel? Wurde er viel‐ leicht selbst mit dem Tod bedroht, falls er das Verbrechen nicht ausge‐ führt hätte?“ Bis heute verliert sich diese Komplotttheorie im Dunkeln. Unermüdlich versicherte Lucheni, es sei ihm nur darum gegangen, ein fürstliches Haupt zu treffen. Elisabeth sei ein Zufallsopfer gewesen. Später, schon lange im Zuchthaus, gestand er, dass er mit mindestens zwei Landsleuten die Tat geplant hätte. Diese waren zwar schon immer verdächtigt worden, aber nicht identifiziert und mittlerweile über alle Berge. Damit reisst der Faden aller Untersuchungen ab und verschwin‐ det im Sumpf des damaligen Anarchismus. Ermittlungstechnisch ist das Rätsel nie gelöst worden. Der wenige Jahre später ebenfalls gewalt‐ same Tod Luchenis riss es endgültig ins Grab der Geschichte. 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 74 Die Mordtat Kaiserin Elisabeth hatte am 9. September 1898 einen Ausflug von Ter‐ ritet bei Montreux nach Pregny unternommen, um dort die Baronin Julie Rothschild zu besuchen. Sie reiste wie üblich inkognito, unter dem Namen einer Gräfin von Hohenems. Graf von Hohenems war einer der 48 Titel ihres Gemahls. Das war nicht nur ein allgemeiner Schutz für die Kaiserin persönlich, sondern auch ein offizieller, stand die damals aufgewühlte Zeit doch im Sturm eines Antisemitismus, der selbst vor Krawallen nicht zurückschreckte und die Kaiserin heftigen Attacken ausgesetzt hätte, wenn bekannt geworden wäre, dass sie ein prominentes Mitglied der jüdischen Bankier-Familie Rothschild mit einem kaiserlichen Besuch beehrt hatte. Nach dem Besuch übernachtete sie in Genf im Hotel „Beau Riva‐ ge“. Im Gegensatz zu ihrem Begleittross liebte sie diese Stadt. Mindes‐ tens dem Hotelier war von früheren Aufenthalten her bekannt, welch prominenter Gast bei ihm weilte. Wer die Zeitung informierte, wurde nie in Erfahrung gebracht. Jedenfalls meldete anderntags eine Zei‐ tungsnotiz, Kaiserin Elisabeth von Österreich sei im „Beau Rivage“ ab‐ gestiegen. Genf war nicht nur eine Stadt der Kultur, der Weltoffenheit und des Charmes der Romandie, sondern auch der Dekadenz und des Gesindels. Dieses Gesindel lehnten andere ab. Elisabeth zog es an. Trotzdem wusste sie um die Gefahren der im europäischen Vergleich überdurchschnittlich asyloffenen Schweiz. In ihren Winterliedern dichtete sie 1887: Schweizer, Ihr Gebirg ist herrlich! Ihre Uhren gehen gut; Doch für uns ist höchst gefährlich Ihre Königsmörderbrut. Nach der Ermordung Elisabeths erfolgten europaweit scharfe Ankla‐ gen gegen die Schweiz, weil sie „ihr Asyl zu weit öffne und alles auf‐ nehme, was zu ihr komme, also auch die Verbrecher aller Herren Län‐ der.“ (NZZ vom 13. 9. 1898 unter Berufung auf die italienische und deutsche Presse) Der „Königsmörder“ Lucheni hatte seit Tagen in der Gegend her‐ umgelungert. Er äusserte vor dem Untersuchungsrichter, wie er „zufäl‐ lig“ die Zeitungsmeldung gelesen habe. Hierauf lauerte er dem Opfer Die Mordtat 75 beim Hotel auf. In Begleitung der ungarischen Gräfin Irma Sztaray ging die wie immer schwarzgekleidete Kaiserin, in der einen Hand den Fächer, in der anderen den Sonnenschirm, zur wenige hundert Meter entfernten Schiffsanlegestelle, um mit dem Mittagskurs des Linien‐ schiffes nach Montreux zurückzukehren. Da sprang der gedungene Mörder hinter einem Baum hervor, um‐ kreiste die Sztaray, die sich instinktiv vor die Kaiserin zu stellen ver‐ suchte, und fuhr dieser mit einem so heftigen Faustschlag gegen die Brust, dass sie rücklings zu Boden stürzte. Sofort liefen Leute herbei. Ein Kutscher half der Hofdame, die Gestürzte hochzuheben. Elisabeth war völlig präsent, beteuerte, es sei ihr nichts passiert und bedankte sich in deutsch, französisch und englisch für die rasche Hilfe der Um‐ stehenden. Der Kutscher bürstete ihr Seidenkleid. Gleichzeitig war der Portier des Hotels herbeigeeilt und bot die Rückkehr ins Hotel an. Da sagte die Kaiserin: "Eilen wir aufs Schiff!" Die Hofdame Sztaray und die Kaiserin gingen jetzt sehr schnell, denn es war höchste Zeit. Dabei sinnierte die Kaiserin gegenüber der Hofdame, "was dieser Mann von ihr gewollt" habe. Die Sztaray fragte nach: "Der Portier?" "Nein", korri‐ gierte Elisabeth, "jener andere, furchtbare Mensch!" Die zwei Frauen mutmassten schliesslich, er habe der Kaiserin die Uhr stehlen wollen. Bereits waren die zwei Damen als letzte Fahrgäste auf das Schiff gelangt. Da brach die Kaiserin zusammen. Man dachte an eine Ohn‐ macht wegen des erlittenen Schreckens. Man schob ihr ein mit Äther getränktes Zuckerstück in den Mund. Sie wachte ein letztes Mal auf, dankte und fragte: "Was ist denn jetzt mit mir geschehen?" Das waren ihre letzten Worte. Als man ihr den Mieder öffnete, um ihre Brust zu reiben, sah man eine winzige Wunde, an der ein Tropfen Blut klebte. Erst jetzt wurde das Ausmass des Unglücks ersichtlich. Die Hofda‐ me rief nach dem Kapitän. Das Schiff wendete und fuhr in den Hafen zurück. Im "Beau Rivage" wurde die tote Kaiserin aufgebahrt. Elisabeth wäre in keinem Fall mehr zu retten gewesen. Der Mörder hatte ihr, anatomisch versiert und vorbereitet, mit einer Eisenfeile di‐ rekt ins Herz gestochen. Medizinisch gesehen erklärt sich die Tatsache, dass Elisabeth die tödliche Verletzung gar nicht bemerkte und noch hundert Meter schnellen Schrittes gehen konnte, mit der Kleinheit der Wunde. Das Blut floss äusserst langsam in den Herzbeutel und legte 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 76 ebenso langsam die Herztätigkeit still. Nach aussen war sogar nur der eine, festgestellte Blutstropfen gelangt. Die Erregung der Völker Massenerregung ganzer Völker über alle Grenzen infolge des jähen und gewaltsamen Todes einer aristokratischen, aber umstrittenen Per‐ sönlichkeit ist uns auch heute vertraut. 1997 erlebte die Welt den fast uferlosen Gefühlsausbruch beim Tode der englischen Prinzessin Diana in Paris. Als wäre die nachträgliche Trauer angefeuert durch Schuldge‐ fühle gegenüber der Verstorbenen wegen der früheren unzähligen At‐ tacken und Diffamierungen, so entlädt sich in einem Meer der Kathar‐ sis urseelischer Schutt, der sich aus Zwiespalt und Hass in trauernde und überhitzte Liebe verwandelt. In derselben nachträglichen Liebe, welche sich erst der Toten zu‐ neigt, die Lebende aber nicht unwesentlich verschmäht hatte, wandte sich die Zuneigung eines Grossteils der trauernden Völker Kaiserin Elisabeth zu, nachdem sie, ohne es bewusst erfahren zu haben, letztlich still, kurz und schmerzlos verstorben war. Tausende von Menschen strömten bis tief in die Nacht vor das "Beau Rivage", um der toten Kaiserin die letzte Ehre zu erweisen. Gan‐ ze Fuhrwerke voller Blumenkränze wurden herangefahren. Am Mon‐ tag, 12. September 1898, schlossen die Läden in Genf um 11 00 Uhr. Die Büros, Werkstätten und Fabriken stellten ihren Betrieb ein, damit die Leute sich an der allgemeinen Trauerkundgebung beteiligen konn‐ ten. Alle Gemeindepräsidenten des Kantons und alle Behördenmitglie‐ der der Stadt Genf wurden zur Kundgebung gesandt. "Eine ungeheure Menschenmenge stand wie Mauern links und rechts der Strasse,“ be‐ richtete die Neue Zürcher Zeitung am 13. September 1898 aus Genf. "Zehntausende" hätten "den Trauerzug gesäumt". Die allgemeine Trau‐ er steigerte sich, als aus Wien der Sonderzug des Kaiserhofes mit dem Leichenwagen eintraf und die tote Elisabeth, in einen mit zwei Fens‐ tern versehenen Sarkophag gebettet, am 14. September 1898 nach Wien holte. Der gesamte Bundesrat war nach Genf gekommen. Die Bahnhöfe von Lausanne, Fribourg, Bern, Aarau und Zürich vermoch‐ ten die schwarzgekleideten Menschen nicht zu fassen, die, in Trauer Die Erregung der Völker 77 erstarrt, im Geläut ihrer Stadtglocken der Kaiserin ihre letzte Referenz erweisen wollten. Auf der Fahrt des Spezialzuges von Buchs nach Feld‐ kirch läuteten im ganzen Fürstentum Liechtenstein die Kirchenglo‐ cken. Die Trauerkundgebungen in Österreich steigerten sich noch. Die Bevölkerung stand selbst an der Bahnstrecke Spalier, um stumm ein letztes Mal die Kaiserin im hier speziell langsam fahrenden Zug zu grüssen. Aber am meisten und wohl auch echtesten wurde der Tod Elisa‐ beths in Ungarn betrauert. "Der Feind meines Feindes ist mein Freund", lautet ein uraltes arabisches Sprichwort. Hier im Osten des Reiches hatte sie diesen Feind des ihr feindlich gesinnten Wiener Ho‐ fes gefunden und die Ungaren in ihr Herz geschlossen. Das haben ihr diese nie vergessen. Ihr, die sich sonst so sehr von politischen Geschäf‐ ten fernhielt, verdankten die Ungaren eine Reihe von Wohltaten. Sie hatten ihr das Schloss Gödöllö, auf dem sie sich so oft aufhielt, ge‐ schenkt. Mit ihnen sprach sie in ihrer Sprache ungarisch und begeis‐ terte die Magyaren als verwegene Reiterin. Hier war sie nicht leute‐ scheu und unnahbar. Sie hatte sich selbst unter die einfachsten Men‐ schen gemischt und sich hier nochmals besonders der Ärmsten, aber auch der Unordentlichen und Zerlumpten angenommen. Innert Stunden nach dem Verbrechen wurden Millionenbeträge privat vom ungarischen Volk gespendet. Per Gesetz wurden Denkmä‐ ler beschlossen. Sowohl hier als auch in Deutschland kam es zur Er‐ richtung von Elisabeth-Museen. Dichter wie Gabriele d'Annunzio, Giovannni Pascoli oder Stephan George schwärmten in Oden über sie. Ludwig Klages, Alfred Schuler und Theodor Fontane betrachteten sie als ihnen seelenverwandt. Die Herkunft Elisabeths Aber woraus resultiert diese Seelenverwandtschaft zu bedeutenden Vertretern des europäischen Geisteslebens? Eine durchschnittliche Persönlichkeit des europäischen Adels und schon gar des Wiener Ho‐ fes war sie in keiner Weise. Die Kaiserin stammte aus dem herzoglichen Haus der Wittelsba‐ cher in München und wuchs im Schatten der ursprünglich als mögli‐ 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 78 che Kaiserin von Österreich vorgesehenen Schwester Helene auf. Elisa‐ beth lernte ausgezeichnet reiten und schwimmen, sie ging angeln und bergsteigen. Sie war von grosser Heimatliebe zu Bayern erfüllt, sprach bayerischen Dialekt und wuchs unter Bauernkindern auf dem Land auf. Elisabeth wurde in keiner Weise auf eine höfische Karriere vorbe‐ reitet. Im Gegenteil eignete sie sich eine Lebensweise ihrer Familie an, die wenig auf Formen hielt. So verpönte ihr Vater geradezu alles Zere‐ moniell. Es war dem Mädchen in keiner Weise in die Wiege gelegt, einmal die glänzendste Partie des 19. Jahrhunderts zu machen. Aber als der junge Kaiser Franz Joseph in Bayern auf Brautschau war, verliebte er sich auf den ersten Blick in Elisabeth und übersah zum nicht geringen Erstaunen die damals eigentlich viel schönere, viel gebildetere und be‐ vorzugtere Helene. Freude und Furcht vor dem fremden Österreich Die kleine Elisabeth hat wohl selbst das riesige Glück und Unglück zu‐ gleich am wenigsten erwartet. Mit fünfzehneinhalb Jahren verlobte sich das halbe Kind – sie befand sich voll im Wachstum – in Ischl mit dem 23-jährigen Kaiser, ein halbes Jahr später erfolgte die Heirat. Man geht davon aus, dass auch Elisabeth den aussergewöhnlich charmanten und blendend aussehenden Kaiser wirklich liebte. Aber gleichzeitig türmten sich ganze Berge an Einengungen, Intrigen und Blossstellun‐ gen auf, welche manchen robusten Durchschnittsmenschen hätten zer‐ malmen müssen. Elisabeth, die gewohnt war, jedem, dem sie wollte, die Hand zu reichen, mit jedem zu sprechen, der ihr gefiel, hinzuge‐ hen, wo sie wollte und wie sie wollte, wurde jetzt in das strenge, höfi‐ sche Zeremoniell in Wien eingepfercht oder wie sie es ohne Um‐ schweife nannte, „ins Geschirr gespannt“. Sie durfte nur noch zu aus‐ gewählten Aristokraten – häufig ihren ärgsten Feinden – Kontakte ha‐ ben. Sie musste sich selbst in der Hofburg in Wien von speziell hierfür bestimmten Hofbeamten begleiten lassen. Sie durfte sich nicht mehr selbst ankleiden. Sie musste die Schuhe bereits nach einmaligem Tra‐ gen weggeben. Und vor allem: sie unterlag 24-stündiger ständiger Be‐ Freude und Furcht vor dem fremden Österreich 79 obachtung bis in die intimsten Bereiche. Das Natürliche, das Einfache wurde verbannt, das Unnatürliche, Künstliche, die übertriebene Etiket‐ te erstickte alles Lebhafte und Echte. Der Schein war alles, die Realität egal. Als Kaiserin gab es keine vertraulichen Intimitäten mehr. Jeder wusste, dass sie in der dritten Nacht zur Frau geworden war. Dagegen bäumte sich alles in dem bayerischen Naturkind auf. Aber vergeblich. Die Hofbeamten fühlten sich beleidigt, wollte die Kai‐ serin sich nicht begleiten lassen, die Kaisermutter Sophie, damals die mächtigste Persönlichkeit am Hof, begann Elisabeth wie ein kleines Kind wegen des geringsten Fehlverhaltens in Sachen Zeremoniell zu beschimpfen, die Zofen rümpften die Nase, wollte Elisabeth unkaiserli‐ cherweise ein Kleidungsstück ein zweites Mal tragen. Und der Kaiser? Er war ganz einfach zu beschäftigt, noch zu jung, noch zu sehr abhän‐ gig von den Mächtigen des Hofes, allen voran seiner Mutter, um seine junge Frau auch nur annähernd zu schützen. Man kann wohl sagen, selten war ein fürstlicher Lebenspartner weniger auf die Gefahren eines solchen Lebens vorbereitet als Elisa‐ beth. Und vor allem, sie wollte es nicht, machte es nicht mit und wich aus. „Wäre er doch ein Schneider!“ ist ein Ausspruch der jungen Ver‐ lobten; und dieser Ausspruch fasst vielleicht am besten das Kernpro‐ blem für Elisabeths ganzes Leben zusammen. Liebe und Leid Es ist der scharfsinnige Philosoph und Psychoanalytiker Ludwig Mar‐ cuse, der die berühmte Äusserung tat, dass den Menschen am wesent‐ lichsten die Fähigkeit zum Menschen mache, ausweichen zu können. Und die junge Kaiserin begann auszuweichen. Sie floh in die Welt der Literatur. Sie dichtete Verse. In der Betätigung als Dichterin fand die junge Frau schon bald nach der Heirat eine Verarbeitung ihrer gar nicht naturgemässen Lebensführung und – nicht das Glück – aber eine nicht gering zu veranschlagende Erfüllung. Es sind romantische, mystische Bilder und Motive der Liebe, wel‐ che ihren umfangreichen, 1984 publizierten Gedichtband prägen: „Sehnsucht“, „Der gefangene Vogel“ oder etwa „Der Schmetterling“ sind Beispiele für Gedichte, in welchen der Naturmensch Elisabeth mit 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 80 der ganzen Kraft seiner Liebe die eigentlichen Lebenswünsche durch‐ tränkt und modelliert. Wehmut speist zwangsläufig ihr Werk, sind die Wünsche für sie doch letztlich nicht mehr erfüllbar. Dieses Manko verletzt und reizt die sensible Dichterin. Sie zieht sich zurück. Niemand ausser ihrer engsten Familie darf etwas von ihren Gedichten wissen. Der Kaiser hat kein Verständnis für die Dich‐ tungen seiner Frau, und sie versteht ihn nicht. Franz Joseph vermag das aussergewöhnliche, feurige Temperament seiner Frau nicht aufzu‐ fangen, und sie kann seinen einfachen, auf das Praktische ausgerichte‐ ten Verstand und kaiserlichen Beamtenhabitus nicht akzeptieren. So bleibt sie als Dichterin in der Einsamkeit. Das lebensnotwendi‐ ge Elixier eines jeden sprachschöpferischen Autors, die Kommunikati‐ on, die Korrektur und das laufende Modellieren im Austausch mit einem kulturellen Umfeld war ihr zweifach verschlossen: einerseits durch die Isoliertheit ihres Schaffens und andererseits durch den kul‐ turellen Analphabetismus des Hofes. Der amerikanische Botschafter, John Motley, schrieb aus Wien: „Der einzige Pass für diese Gesellschaft ist der Stammbaum.“ Und es gebe „nur drei Themen: Oper, Prater und Burgtheater.“ Aber auch das ist erst die Oberfläche. Tatsächlich war es noch ärger: Am Hof ging es um Klatsch, Tratsch und Intrigen. Die Be‐ herrschung des Zeremoniells bedeutete alles. Bücher und Bildung ge‐ hörten nicht zur Welt des Kaiserhofes. Im umgekehrten Verhältnis zu manch anderen Gesellschaftsformen galt derjenige als dumm, der über Bildung verfügte, aber nicht über den Hofklatsch und die Etikette Be‐ scheid wusste. In diesem Sinne galt Elisabeth als schöne, aber dumme Frau. Wir wissen heute, sie war in keiner Weise dumm. Sie war im Ge‐ genteil überdurchschnittlich intelligent, auch wenn beispielsweise ihre Gedichte in diesem Umfeld keinen fruchtbaren Boden finden konnten, um erfolgreich zu gedeihen und einen Platz in der Literaturgeschichte zu erobern. Elisabeths Leben ist zutiefst von Licht und Schatten, von Zwiespalt und Tiefgründigkeit geprägt. Im Guten wie im Schlechten schiesst sie über alles Durchschnittliche hinaus, argwöhnisch von der Welt beob‐ achtet, die mehr schlecht als recht mit diesen Beobachtungen zurecht‐ kommt. So erklärt die internationale Presse Anfang der neunziger Jah‐ re einmütig, die österreichische Kaiserin sei geisteskrank geworden. Auch hier war das Gegenteil der Fall. Die Hofdame Gräfin Marie Liebe und Leid 81 Festetics schreibt, wie „gut gelaunt“ Elisabeth sei und welch „feste Lie‐ be jetzt Kaiser und Kaiserin verbinde“. Menschen neigen gerne dazu, Erscheinungen punktuell zu erfas‐ sen und das Vordergründige oder Überwiegende schliesslich als das Richtige zu taxieren. Aber was ist bei Elisabeth nun das Überwiegende und schliesslich das richtige Bild? Wir müssen zudem nach den Fun‐ damenten schürfen, welche die offen zutage liegenden positiven und negativen Erscheinungsbilder freilegen. Am Hof in Wien organisiert Elisabeth protokollwidrige private Bälle. Sie tanzt leidenschaftlich gern. Fern von Wien nimmt sie an al‐ len Auftritten des Kaisers, ausgenommen im streng militärischen Be‐ reich, versiert und publikumswirksam teil. Sie weiss um ihre erblühte, gefeierte Schönheit als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit und ge‐ niesst und pflegt sich entsprechend. Sie erscheint gleichzeitig als die gute Fee, welche Spitäler gründet, Heime besucht und sich direkt unter Umgehung jeglicher Anmeldung und jeglichen Begleittrosses, und deshalb erfolgreich, um die Insassen kümmert. Diesem Erscheinungsbild gegenüber steht die kränkliche, um der Schönheit willen hungernde Elisabeth, die sich zurückzieht, verbirgt, alle Auftritte in Wien absagt, nach dem Tod ihres Sohnes Rudolph nur noch schwarzgekleidet auftritt und sich auch den kaiserlichen Gemahl vom Leibe hält, nach Gödöllö in Ungarn flüchtend. Auch hier haben wir es mit Fluchtmechanismen zu tun. Und Elisabeth war eine Meiste‐ rin im Ausweichen. Gleichzeitig verfügt sie über eine robuste Kämpfernatur. Ihr später als Kaiserin erstarktes Selbstbewusstsein, ihr seit 1875 enorm angestie‐ genes Vermögen, ihre absolut ergebene ungarische Klientel in Wien selbst, legen ihr die Macht und die Mittel zunehmend in die Hand, oh‐ ne Rücksicht auf allfällige Anfechtungen und seien es auch soziale Ächtungen, sich diese aktivere Form des Ausweichens zu leisten. Dabei besticht sie sowohl durch ihre unkonventionelle Haltung als auch Ori‐ ginalität. In München geht sie regelmässig, getarnt als gutbürgerliche Dame, zu einem Bier ins Hofbräuhaus. In Ägypten marschiert sie un‐ ter sengender Sonne bis zu acht Stunden im Tag. Bei ihren Ritten in Ungarn mischt sie sich plötzlich unter Gesindel, spricht mit diesen Leuten und lädt die verdutzten, zerlumpten Gestalten auf ihr Schloss Gödöllö, wo sie diese bewirtet, mit neuen Kleidern versieht und reich‐ 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 82 lich beschenkt wieder entlässt. Sie suchte ohne weiteres Leute direkt in ihren Häusern auf, wurde dabei aber einmal von einer keineswegs er‐ freuten alten Frau mit Schimpf und Schande davongejagt. Der Kaiser sah sich veranlasst, seiner Frau in einem Brief die Besorgnis zu äussern, dass sie bei Leuten, die nun wirklich keine wildfremden Besucher er‐ warteten, einmal Prügel einstecken könnte. Dies alles bringt der Kaiserin aber einen Erfahrungsschatz ein, der für sie die Welt in einen ganz anderen Blickwinkel rückt als für den Durchschnittsbürger, für die Zofe am Kaiserhof ebenso wie für den Kaiser, die Spiessbürgerin in Wien oder den eigenwilligen Hofbeam‐ ten. Vielleicht ist es die dunkle Ahnung der Menschen um diese erwei‐ terte Dimension bei der Kaiserin und entsprechender intuitiver Re‐ spekt, unterstützt durch ihr Charisma, dass sie auch immer wieder ihr entgegengesetzte Leute zu gewinnen vermochte. Der Kaiser selbst hing mit grenzenloser Liebe an Elisabeth, und es ist ihre Lebensgeschichte, die ein ergreifendes Bild seiner Güte und Ritterlichkeit bietet. Sie wiederum zeigt in vielen Situationen, wie mutig und taktvoll sie ihren Gemahl umsorgte. So bestimmte sie in Triest, wo man jeden Augenblick auf ein Attentat gefasst war, bei einer Ausfahrt des Kaisers, um ihn zu schützen, dass er auf der dem Meer zugekehrten Seite sitze, die Sonne sei ihr sonst lästig. Auch wenn sie sich der Politik eher fern‐ hielt, überzeugte sie durch ein klares Urteilsvermögen. So schrieb der deutsche Botschafter in Rom, „namentlich in Bezug auf das Verhältnis der katholischen Kirche zum österreichisch-ungarischen Staat bekun‐ de die Kaiserin in ihrem Urteil eine erstaunliche Objektivität und Schärfe“. Und „sie treffe dabei stets den Nagel auf den Kopf “. Kaiser Wilhelm II. von Deutschland nannte sie sogar „eine der politisch am klarsten und objektivsten denkenden Fürstinnen des Jahrhunderts.“ Nüchternheit und Rationalität Elisabeths Leben wird oft beklagt. Sie habe gelitten, sie sei oft krank und unglücklich gewesen. Sicher litt sie, am Körper, dem sie zum Teil unglaubliche Torturen durch Hunger, Gewaltmärsche oder Bäder in eisigem Wasser zumutete. Sie litt Seelenschmerzen durch schwere Nüchternheit und Rationalität 83 Schicksalsschläge wie beispielsweise den Tod einer Tochter und des Thronfolgers, aber auch andere grausame Todesfälle in ihrer Familie. Die Zeit war aufgewühlt durch Krieg und Elend, aber auch Hoffnungs‐ losigkeit. Es litten aber auch andere, namenlos viele Menschen im aus‐ gehenden 19. Jahrhundert. Der Kaiser selbst ist davon nicht ausge‐ nommen. Die Kaiserin war mit wenigen Gleichgesinnten vom Unter‐ gang einer ganzen Welt, des hochinteressanten und riesigen Reiches der Doppelmonarchie absolut überzeugt. Aber was sollte danach kom‐ men? Und wie sollte das Neue aussehen? Heute kennen wir die Hölle, durch welche das 20. Jahrhundert schliesslich gepeitscht wurde. Es blieb Elisabeth vorbehalten, aus ihrer jeweiligen Situation etwas Positives, Neues und Erfolgreiches hervorgebracht zu haben. Es ist oft versteckt, verborgen, noch geächtet. Es ist all das, was im 20. Jahrhun‐ dert zur allgemeinen und zwiespältig wuchernden Blüte gelangen soll‐ te. In einer besonders inaugurativen Weise hat sie Teil am modernen Aufstand der Massen und in diesen wiederum des Einzelnen gegen je‐ de Einengung. Um in diese Ambiance zu gelangen, musste sie mehr Schattenseiten erleben, mehr Isolation auf sich nehmen als jeder Durchschnittsmensch, denn wenn sie auch die Moderne ebenso vor‐ ausahnte wie vorausahmte, sie lebte noch in der alten Welt. Daher litt sie offensichtlicher als ein stilleres, angepassteres Wesen an ihrer Stelle gelitten hätte, aber vielleicht durchaus nicht ärger. Zudem war ihr Lei‐ den auch Aggression und Kampf gegen aussen, und dies erfolgreich. Ihr Kampf ist gekennzeichnet durch den Willen, Masken wie beispiels‐ weise überladene gesellschaftliche Formen, die der neu aufkeimenden Modernität als Lüge erscheinen, radikal dem Leben herunterzureissen. So enttarnte sie rasch das durch Zeremoniell erstickte Leben der Aristokraten am Wiener Hof. Ganz im Gegensatz etwa zur russischen Zarin Katharina der Grossen ein Jahrhundert zuvor, welche solche strengen, aber leeren Formhülsen sehr wohl auch durchschaute, je‐ doch noch als unerlässliche Zügel zur Bändigung der Rohheit der Hof‐ leute betrachtete, drängt es Elisabeth jenseits dieses Aspektes des „Ins- Geschirr-Spannens“ zum modernen Individualismus des Einzelnen im zwanzigsten Jahrhundert. Und sie geht dabei noch weiter. Sie nimmt den Kampf auf gegen Strukturen, an die sie nicht mehr zu glauben vermag. Sie ist Katholikin, aber als Liberale, die der Ewigkeit misstraut. Sie ist Monarchin, aber sie 7. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn in Genf vor rund 120 Jahren 84 glaubt bereits an die Republik. Für diese fehlt aber zurzeit noch jede hoffnungserweckende Chance in ihrem Reich. Die Kaiserin sichert sich jedenfalls gegen die österreichisch-ungarischen Behörden ebenso ab wie gegen ihre habsburgischen Verwandten. Ohne Wissen des Kai‐ sers brachte sie einen grossen Teil ihres Vermögens zur jüdischen Bank Rothschild in der Schweiz, um für den Fall einer Emigration gesichert zu sein. Ihre mehrbändigen Gedichte schickt sie streng geheim der Schweizer Regierung mit der Auflage, diese Werke ab 1951 zu publizie‐ ren. Der Begleitbrief an den Schweizerischen Bundespräsidenten könnte nicht aufschlussreicher hinsichtlich ihrer politischen Warte for‐ muliert sein: „Der Ertrag aus der Publikation soll ausschliesslich für hilflose Kinder von politisch Verurteilten der österreichisch-ungari‐ schen Monarchie verwendet werden.“ Kaiserin Elisabeths Sehnsucht war, das Leben einfacher Menschen kennenzulernen. Sie versprach sich davon Geradlinigkeit, Echtheit und mehr Wahrhaftigkeit. Sie erreichte dabei in ihrem ganz persönli‐ chen Wirkungsfeld überdurchschnittlich viel. Das ist – bereits unab‐ hängig von der weltanschaulichen Wertung – ihr Erfolg und ihr mode‐ rates, aber genossenes Glück. Und sie verfügte vor allem über ein Plus an unkorrumpierbarer Charakterstärke, die historische Beachtung ver‐ dient. Nüchternheit und Rationalität 85

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.