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28. Der Zar: Noch vor den USA die Sklaven befreit in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 303 - 306

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-303

Tectum, Baden-Baden
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Der Zar: Noch vor den USA die Sklaven befreit Der amerikanische Präsident Abraham Lincoln beklagte sich bitter da‐ rüber, dass der russische Zar die Sklaven befreit habe, er aber ein Land regiere, das nach wie vor die Sklaverei betreibe. Tatsächlich brachte Zar Alexander II. vor rund 150 Jahren am 19. Februar 1861 ein Gesetz zu‐ stande, das 47 Millionen Bauern und Haussklaven die Freiheit brachte. Anders als in den USA, wo Lincoln mit der gewaltsamen Sklavenbefrei‐ ung einen Jahre dauernden Massenvernichtungskrieg vom Zaune brach, verlief die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland kurzfristig gesehen einigermassen ruhig. Langfristig aber wurde sie zum grausamen Tor, durch welches der bolschewistische Terror einer jahrzehntelangen sozia‐ listischen Despotie brach. Gute Absicht, misslungene Tat Mit dem westlichen Liberalismus gelangten die Ideen von Menschen‐ rechten, Freiheit und Demokratie nach Russland. Die Liberalen in St. Petersburg, Moskau und weiteren Städten nahmen die langersehnte Verkündung der sogenannten Bauernbefreiung mit Ergriffenheit und Begeisterung auf. Diese Liberalen waren isolierte Intellektuelle, stan‐ den mancher Realität fern und konnten demzufolge kaum abschätzen, für welch gewaltige Irrtümer sie die Bahn brachen. So unglaublich es klingt, bei den leibeigenen Bauern stiess die Befreiung vielfach auf Misstrauen, ja sogar Empörung. Der Wunsch wurde laut, es möchte doch lieber alles beim Alten bleiben. „Wir sind dein,“ lautete ein geflü‐ geltes Wort der Bauern gegenüber den Gutsherren, „aber das Land ist unser.“ Damit steht die Frage im Raum, wie konnte es zu einer solch para‐ doxen Entwicklung kommen? 28. 303 Die Freiheit und ihr Preis Das Freiheitsgesetz Zar Alexanders II. war von Anfang an mit einer schweren Hypothek belastet. Das Land wurde nämlich nicht unent‐ geltlich an die Bauern abgetreten. Diese mussten vielmehr relativ hohe Ablösesummen bezahlen. Kurz, das Land reichte in keiner Weise für die grosse Masse der Bauern. Das Resultat war, dass sie verarmten. Ja, es ging ihnen schlechter als je zuvor. Hungersnöte brachen aus. Es dürfte auf der Hand liegen, dass einem Hungernden das Brot wichtiger ist als ein schwammiger Begriff von intellektueller Freiheit, die sie zudem wirklichem Elend preisgibt. Wir dürfen nicht unter‐ schlagen, dass schon vorher, wenn auch an die Scholle gebunden, der leibeigene Bauer in der Dorfgemeinschaft eine bedeutende, ja nahezu autonome Rolle zu spielen vermochte. Das Kapitel 26 über Nadeschda Suslowa erhellt diesen Aspekt exemplarisch. In der Dorfgemeinschaft hielten diese Bauern selber Gericht, und sie bildeten geradezu einen Staat im Staat, der ihnen grosse Unabhängigkeit gewährte. Nun waren sie zwar frei, konnten theoretisch hingehen, wohin sie wollten, aber sie hatten dafür nicht die materiellen Mittel, und schlimmer noch, sie wa‐ ren beständig in Gefahr, nicht einmal an ihrem angestammten Ort ma‐ teriell überleben zu können. Not und Aufhetzung Die frühere, althergebrachte Tradition mit der oft kaum beklagten Un‐ freiheit machte die Bauernmassen zu einer der treuesten Stützen des zaristischen Russlands. Zudem war der russische Mushik geprägt durch politische Abstinenz und Passivität. Erst die Not liess ihn aufbe‐ gehren, und diese Not war jetzt eingetreten. Es kam zu Revolten. In mehr als 200 Fällen musste Militär eingesetzt werden. Langfris‐ tig wirkt zudem nichts so nachhaltig wie geistige, kulturelle und philo‐ sophische Indoktrination. Diese Indoktrination findet mit dem Vehi‐ kel der westlichen, liberalen Ideenwelt die entscheidende Durch‐ schlagskraft. Ideologisch hochgepulverte Intellektuelle aus den Städten gingen als Dorfschreiber, Landlehrer und Heilgehilfen zu den Bauern. Einerseits unterstützten sie diese fachlich in vorbildlicher Weise, ande‐ 28. Der Zar: Noch vor den USA die Sklaven befreit 304 rerseits hetzten sie die Masse der Bauern gegen alles Bisherige. Es tau‐ chen revolutionäre Flugblätter auf. Der philosophische Materialismus wird Hauptkampfruf. Das Gespenst des Nihilismus, gespiesen vom li‐ beralen und sozialistischen Geist, legt sein Netz über das Zarenreich. Die Revolution frisst ihr eigenes Kind Noch wollte der Zar, Alexander II., der als erster moderner und libera‐ ler Herrscher Russlands gilt, das Volk retten. Mit einer Revolution von oben, insbesondere dem Gesetz vom 19. Februar 1861, wollte er Russ‐ land nach westlichen Vorbildern nach vorne katapultieren. Er wollte „den Pulverkeller des Staates“, wie ein Sprichwort der Zeit die konservativen Verhältnisse in Russland karikierte, ausräumen und merkte nicht, dass er als Liberaler gerade zur Lunte an dieser Höl‐ lenmaschine des Kaiserreiches wurde. Und wie so oft die Revolution ihre eigenen Kinder frisst, so begann auch bei dieser Revolution von oben diese ihr Kind selber zu fressen. 1863 trat die erste sozialistischkommunistische Vereinigung auf, die auch das erste Attentat 1866 auf den sogenannten Befreier-Zaren verübte. Hierauf beginnt sich „die Revolution von oben“ zu wenden. Es be‐ ginnt die Zeit der Reaktion. Gewalt aber gebiert neue Gewalt. Schlag auf Schlag folgen rund ein halbes Dutzend weitere Attentate – nebst den vielen anderen im Reich – allein auf Alexander II. 1881 wird er ge‐ tötet. Die Weichen sind gestellt. Der Zug der Moderne ist nicht mehr zu stoppen. Der Zarismus wird endgültig überholt. Die Finsternis des Tunnels der rund 70-jährigen Despotie im sozialistisch-bolschewisti‐ schen Sowjetrussland bricht in der Revolution – jetzt von unten – 1905 und 1917 endgültig über das grösste Land der Erde herein. Die Revolution frisst ihr eigenes Kind 305

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.