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27. General Antoine Henri Jomini – Schweizer Militärstratege von Weltrang in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 295 - 302

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-295

Tectum, Baden-Baden
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General Antoine Henri Jomini – Schweizer Militärstratege von Weltrang Es sind rund 150 Jahre verflossen, und das Thema ist aktueller denn je: Die Begründung der modernen Strategie. General Antoine Henri Jomini starb, 90 Jahre alt, am 22. März 1869 in Paris. Er hatte als General an der Seite Kaiser Napoleons und später genauso als General an der Seite dreier Zaren eine Karriere gemacht, wie sie atemberaubender kein Romanschriftsteller aushecken könnte. Jomini beschrieb die Weltgeschichte – es sind bisher über 40 Bände erschienen – und mehr noch, er hat die Weltgeschichte auf höchster Ebe‐ ne in den engsten Machtzirkeln der Weltmächte als hoher Kommandeur und Stratege entscheidend mitgeprägt. Aber damit nicht genug, der von Frankreich in den Adelsstand erho‐ bene Schweizer aus Payerne, wo eine Statue an ihn erinnert, wirkt durch seine Werke bis heute und dies sogar noch verstärkt in Politik und Mili‐ tärtheorie in den bedeutendsten Staaten der Welt, von Amerika bis Russ‐ land. Und, so paradox es für den Laien erscheint, Jomini hat die Kriege zwar nicht aus der Welt geschafft, aber er trägt dazu bei, wenn sie dann doch nicht mehr vermeidbar sind, diese rücksichtsvoller, humaner und gerade dadurch auch erfolgreicher zu machen, sie ersehntem Frieden ra‐ scher zuzuführen. Allein, die jeweilige politische Führung ist es letztlich, die verhindert oder fördert, ob sie Jominis Errungenschaften Gehör ver‐ schafft. Bescheidene Jugend im Waadtland Dabei begann seine Jugend abseits jeder Weltpolitik. Am 6. März 1779 als Sohn des Stadtschreibers von Payerne geboren, wuchs er in einer Familie auf, welche als sein Berufsziel den Kaufmannsstand vor Augen hatte. In Aarau und Basel zum Kaufmann ausgebildet, erblickte Jomini 27. 295 diesen Beruf nur als vorläufige Nebenbeschäftigung. Seine Hauptbe‐ schäftigung galt der Geschichte. Als Autodidakt verschaffte er sich ein gewaltiges Wissen. Im Besonderen studierte er minutiös den Feldzug Napoleons in Italien, sodann die Handlungen Friedrichs des Grossen von Preussen, spürte Ursachen und Wirkungen nach. Sein Scharfsinn, seine sprachliche Brillanz hatten ihm in Paris einen hochbezahlten Posten bei der Bank Mosselmann eingebracht. Aber es herrschte Krieg. In der Schweiz genauso wie im Ausland. Und diesem Phänomen, die‐ sem Problem widmete er seine ganze Lebenskraft. Er kehrt in die Schweiz zurück und wird 1798 Chefsekretär des Kriegsministeriums der von Frankreich dominierten Helvetischen Republik. Nacheinander wird er, ohne je eine ordentliche militärische Ausbildung erhalten zu haben, Hauptmann, Bataillonskommandeur, Reorganisator der chaoti‐ schen schweizerischen Armee. Dienst an der Spitze der damaligen grössten Weltmacht Wieder lockt den Westschweizer der allmächtige Nachbar. Er kündigt und kehrt nach Paris zurück. Zweisprachig aufgewachsen, ist seine ei‐ gentliche Sprache Französisch. Auf Französisch erscheint sein erstes Werk, das Signalwirkung hat: „Traité de grande tactique, Paris 1807.“ Jomini gelang es, Marschall Michel Ney für sich zu gewinnen. Damit geht auch die Tür auf zum Weltenherrscher der Zeit: Napoleon Bona‐ parte. Der Kaiser erkennt rasch, dieser Schweizer verfügt über ein un‐ glaubliches Wissen. Dieses Wissen kann gefährlich werden. Auch die Feinde werden lesen, was dieser Jomini über die Kriegskunst schreibt. Wenn nun dieser Militärschriftsteller schon existiert, will er ihn wenig‐ stens in seiner Nähe haben. Die Kontrolle über diesen Waadtländer nicht verlieren. Schon denkt der Kaiser darüber nach, bei gewissen Manuskripten die Veröffentlichung zu verbieten. Damit steigerte Na‐ poleon noch die Neugierde auf Jomini. Immer wieder im Tross des Kaisers, auf den europäischen Kriegs‐ schauplätzen, mitten in der grössten Lebensgefahr, oft am Rande des Todes infolge Hunger, Erschöpfung und Krankheit, schreibt Jomini Buch um Buch. Er wird Ritter der Ehrenlegion, Baron des Kaiserrei‐ ches. Aber er hat in der Staatsspitze auch Feinde. Der Kriegsminister, 27. General Antoine Henri Jomini – Schweizer Militärstratege von Weltrang 296 Louis Alexandre Berthier, der unmittelbare Vorgesetzte, hasst den aus‐ ländischen Emporkömmling, diesen Besserwisser, diesen Jüngling un‐ ter den Altgedienten seines Schlages, der Classe politique supérieure der Grande Nation. Gerangel der Weltmächte um das Militärgenie Napoleon hatte es geahnt. Auch der Feind hört mit, d. h. der Kaiser von Russland, Zar Alexander I., hat mitgelesen. Russland entsendet einen Kundschafter für Besondere Aufgaben, Oberst Tschernitschow, nach Paris, um Jomini auszuspionieren. Wie ist seine finanzielle Lage? Die Russen wollen den Schweizer mit hohen Geldsummen für sich ge‐ winnen. Spionage und Werbung verschmelzen. Jomini lehnt ab. Hier‐ auf benimmt sich der russische Sondergesandte so auffällig, dass Frankreich den Russen ausweist. Aber wieder folgt – jetzt völlig offiziell – ein Angebot direkt aus Russland. Die russische Regierung verleiht dem Schweizer kurz und bündig in-absentia den Dienstgrad eines Generalmajors mit der Posi‐ tion eines ständigen Zugangs zum Zaren persönlich. Allein, Jomini bleibt standhaft. Nur, die Feindseligkeit des Kriegsministers in Paris lastet wie ein schmachvoller Schatten über dem Militärgenie Jomini. Jomini schreibt jede freie Minute. Aber auch Berthier schreibt und ist nun auch direk‐ ter publizistischer Konkurrent. Napoleon ist über die Russen genauso informiert wie über die Animosität Berthiers. Da wird Jomini über den Kopf Berthiers hinweg zum General befördert, und Napoleon beauftragt ihn ausdrücklich, mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit fortzufahren. 1812 erfolgte gegen den ausdrücklichen Rat Jominis der Feldzug Frankreichs gegen Russland. Als Militärstratege sah Jomini die ganze Katastrophe voraus. Napoleon nahm Rücksicht auf den Pessimismus seines Generals, aber auch auf seine verständliche Abneigung, die Rus‐ sen direkt und persönlich anzugreifen. Der Kaiser liess Jomini im rückwärtigen Raum gewähren. Nacheinander wird er Gouverneur von Vilnius und Smolensk, und sein Regime fällt auf durch Milde ebenso wie strenge Rechtlichkeit. Dennoch liess Napoleon seinen treuen Ge‐ Gerangel der Weltmächte um das Militärgenie 297 fährten in anderer Weise rügen: Er möge weniger schlafen, nicht wei‐ nen, sich nicht beklagen. Wie Jomini es vorausgesagt hatte, brach Napoleons Feldzug in Russland zusammen. Knapp dem Tod entronnen Jomini erkundete die Rückzugsmöglichkeiten für den französischen Kaiser am Dnjepr und an der Beresina. Napoleon selbst beauftragte seinen Bigadegeneral, die Brücke und den allgemeinen Rückzug über die Beresina zu erstellen. Nicht nur für die Truppe, auch für Jomini selbst wird dieser Rückzug zur Katastrophe. Er ist krank, arbeitet aber weiter. Er verfällt in einen Fieberwahn. Am Rande der Bewusstlosig‐ keit wird er in ein Bauernhaus getragen. Da schiessen die vorrücken‐ den Russen dieses in Brand. Er muss, halbtot, dennoch flüchten, fällt bei minus 30 ° Celsius ins Wasser der Beresina. Wie durch ein Wunder wird er abermals gerettet und überlebt. Monatelang siecht er von Etap‐ pe zu Etappe dahin. Napoleon aber ist erfüllt von grösster Dankbarkeit und äusserte: „Wenn Jomini 1813 nicht krank geworden wäre, wäre er Marschall Frankreichs geworden.“ Die eine Konstante aber bleibt. Berthiers Hass auf Jomini. Es ist nie gut, im Leben krank zu sein. Sei es die Zeit der Rekonvaleszenz, sei es die erfolgreiche Falle, die Berthier seinem Widersacher stellte, in‐ dem er einen konstruierten Vorwurf an diesen richtete, er habe einen Dienstbericht verspätet an den Kaiser gesandt, die Tage des Schweizers im Dienste Frankreichs sind gezählt. Rund ein halbes Jahrhundert im Dienst des russischen Kaiserreiches Was die Beresina nicht geschafft hatte, Berthier gelingt es. Er bringt Jo‐ mini in Lebensgefahr, indem er ihn unter Hausarrest stellte und gegen ihn die Todesstrafe beantragen will. Mehrfach gedemütigt und in aus‐ wegloser Lage entschliesst sich Jomini tatsächlich, die Dienste der Rus‐ sen anzunehmen. Er handelt mit ihnen das Abkommen aus, dass er ih‐ nen keine Geheimnisse Frankreichs mitzuteilen habe. Sodann ist er 27. General Antoine Henri Jomini – Schweizer Militärstratege von Weltrang 298 Schweizer, Ausländer für Frankreich wie für Russland, aber Spezialist in Militärfragen und als solcher wird er als Neutraler selbst von Napo‐ leon – zumal in dessen Verbannungsort St. Helena – ausdrücklich von jeglicher Widerrechtlichkeit und Schuld freigesprochen. Von 1813 bis 1854 stand Jomini im Dienst der russischen Zaren Alexander I., Niklaus I. und Alexander II. Er war der Initiant und Mit‐ begründer der ersten Militärakademie Russlands. Im Krimkrieg beriet er zum letzten Mal den Zaren. Dann übersiedelt er zurück in den Wes‐ ten, sein geliebtes Paris. Ein Auge für die Heimat Obschon fern der Heimat, hat Jomini die Schweiz nie aus den Augen verloren. Ein Juwel im Herzen Europas, eine Insel der Alpen hat er in ihr gesehen, und dies zum Vorteil sowohl des Landes selbst als auch für ganz Europa. Da las er in der Zeitung, dass sein Herkunftsland ge‐ mäss einem der führendsten Staatsmänner der Zeit, dem Fürsten Met‐ ternich, unter österreichische Vorherrschaft fallen sollte. Jomini ge‐ langte an den Zaren. Dieser intervenierte erfolgreich bei den Österrei‐ chern, sodass die in der helvetischen Revolution erworbenen Rechte und die Unabhängigkeit der Schweiz nicht angetastet werden dürften. Jomini ist einer der Väter der völkerrechtlich durchgesetzten Neutrali‐ tät der Schweiz. Jominis heutige Bedeutung Jominis Bedeutung besteht darin, von den grossen emotionalen politi‐ schen Parolen weggekommen zu sein. Er verurteilt Worte wie “Sieg um jeden Preis”, Leben oder Tod” oder “Es gibt kein Zurück”. Unheilvoll dröhnen uns solche exzessiven politischen Parolen von den Gewalt‐ herrschern rechter wie linker Provenienz aus dem 20. Jahrhundert zu uns herüber. Aber auch das 21. Jahrhundert ist davor nicht gefeit. Die asymmetrischen Kriege der Gegenwart lassen erneut dumpf aufhor‐ chen und wecken Erinnerungen an übelste Menschheitszustände und dies gerade wegen oder auch trotz wieder allzu salopper und vollmun‐ Jominis heutige Bedeutung 299 diger Friedensbeteuerungen und Menschenrechtsdiskurse, die dann aber vernebeln und zudecken, statt Klarheit zu schaffen. Und im Nebel der Lügen wird das gemacht, was eigentlich Frieden und Menschen‐ achtung widerspricht. Jomini setzte auf die Kräfte der Verhältnismässigkeit, der Ange‐ messenheit, der Sachlichkeit. Er verlangt die Abstützung auf die vor‐ handenen Kräfte, gestützt auf den Wert eines Unterfangens und Unter‐ nehmens. Damit spricht er die Schnittstellen von Militärstrategie und Wirtschaftsstrategie an. Er fordert, dass bedacht wird, welche Folgen die Entscheidungen für ein Unternehmen haben. Dass die Vertiefung in seine Lehren nötiger denn je ist, zeigte sich etwa am Beispiel der russischen Kriege in Tschetschenien vor und nach 2000. Auch im Falle Amerikas sieht man, dass die Folgen für den Afghanistankrieg und den Irakkrieg kaum angemessen bedacht sind. Ausgerechnet mit den Menschenrechten wird zusätzlich Missbrauch getrieben, und sie wer‐ den ihres sinnvollen Gehaltes beraubt, indem versucht wird, mit zu ab‐ strakten Parolen die Unfähigkeit der Kriegsbewältigung zu verschlei‐ ern. Wenn auch übertrieben publizitätsträchtig, aber noch lange nicht das übelste Beispiel heute stellt hierfür das gleichsam symbolgeworde‐ ne amerikanische Guantanamo dar. Wir sehen, Strategie reicht hiermit auch weit in die Politik hinein. Wird diese zu emphatisch, zu werbege‐ trieben, läuft sie Gefahr, am Ziel vorbeizuschiessen, ins Demagogische abzudriften und die Sache aus den Augen zu verlieren. Führung und Verführung lassen sich immer weniger auseinanderhalten. Machtinter‐ essen verdrängen die sachbezogenen Lösungsversuche. Abenteurertum tritt an Stelle stabiler Lösungen. Fehlt in der Politik die Fähigkeit zur geradlinigen, klaren Strategie, geht diese auch im militärischen Bereich verloren. Jomini denkt sodann in seinen Werken über die Minderung der militärischen Auseinandersetzungen nach. Er verweist auf die Vorteile bei der Begrenzung von Brutalität. Jomini gelangt vom Strategen zum Humanisten. Es lässt positiv aufhorchen, wenn heute an den Militärschulen er‐ neut und vertieft die Werke des grossen Schweizers studiert werden, und dies von Russland bis nach Amerika. Seit jeher wird Jomini zudem auf eine Stufe gestellt mit seinem an‐ deren grossen Zeitgenossen, dem preussischen General Clausewitz. 27. General Antoine Henri Jomini – Schweizer Militärstratege von Weltrang 300 Und jederzeit kann man Jomini auch mit dem chinesischen General und Strategen von Weltformat, Sun Tse, vergleichen. Die Frage bleibt allein, hören neben den Militärs auch ihre Dienst‐ herren, die Politiker, diese Botschaft ebenso ehrlichen wie fundamen‐ talen Menschheitsfortschrittes. Jominis heutige Bedeutung 301

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.