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25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 271 - 282

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-271

Tectum, Baden-Baden
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Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi Am 4. Juli 1807, wurde Giuseppe Garibaldi in Nizza geboren. Er wurde zum Helden zweier Kontinente, der Zertrümmerer eines Königreichs und mächtiger Diktator mit fast unbegrenzten Mitteln. Und dennoch entsagte er aller Macht, zog sich auf eine einsame Insel zurück, als einfacher Bauer, der selber seinen Acker pflügte. Ora et labora, bete und arbeite, postulierte der heilige Benedikt von Nursia, und genau so machte sich der Bauer Garibaldi nach getaner Arbeit an die Schriftstelle‐ rei. Beten und geistig zu arbeiten hatten im Mittelalter denselben Stellen‐ wert. Entsprechend hegte er seine Gedanken über das Geschehen in der Welt. In leidenschaftlichen Stellungnahmen geisselte er die Missstände. Schriftstellerisch und noch mehr rhetorisch von überwältigender Bril‐ lanz, war er stets auf dem Sprung, sein Eiland vor der Nordküste Sardini‐ ens zu verlassen und in die Geschichte der Welt, vor allem aber jener sei‐ nes geliebten Italiens einzugreifen. „Wer je auch nur das gottverlassenste Nest in Italien besucht, stösst irgendwann auf eine „Via Garibaldi“, eine „Piazza Garibaldi“, … oder eine Erinnerungstafel,“ hält seine Biographin Friederike Hausmann treffend und wahrhaft ins Auge stechend fest. Franzose oder Italiener? "Ich bin geboren zu Nizza, den 4. Juli 1807. Nicht nur in demselben Haus, sondern in demselben Zimmer, wo Masséna geboren wurde." Gleich zu Beginn seiner Memoiren stellt Garibaldi nicht ohne Stolz diesen Zusammenhang zu dem berühmten französischen Marschall her, welcher als Oberkommandierender Napoleons in der Schweiz 1799 in der Schlacht von Zürich über die Russen siegte. Nizza gehört zu Frankreich. Aber wo liegt Italien? Dieser bis dahin mehr geographische als nationale Begriff stellte eine Vielstaaterei, eine 25. 271 Ansammlung von Einzelstaaten dar: Das Königreich Sardinien-Pie‐ mont im Norden, sodann das Polizeiregime des Kirchenstaates in Mit‐ telitalien und das spanisch-bourbonische Königreich beider Sizilien im Süden. Im Nordosten befand sich das Land in den Klauen Österreichs. Allein der sardinisch-piemontesische König Vittorio Emanuele mit seinem berühmten Ministerpräsidenten Camillo Graf von Cavour folgte dem Zeitgeist und schlug einen liberalen Kurs in der Staatsent‐ wicklung ein. Und in ihrem Machtbereich nun lag eben Nizza. Seit der Kindheit war Garibaldis Leben auf das Meer ausgerichtet. Wie sein Vater befuhr er ab seinem 15. Altersjahr das Mittelmeer und schliesslich die Weltmeere. In seiner bisherigen Kindheit scheint die Liebe seiner Eltern zu ihm von zukunftsweisender Bedeutung gewesen zu sein. Der Vater hing mit der allergrössten Zärtlichkeit und Fürsorg‐ lichkeit an seinen Kindern. Die Mutter selbst stilisiert der durch so vie‐ le Entbehrungen und schreckliche Schicksale gegangene Mann noch nach Jahrzehnten zur Mutter aller Mütter: Sie ist für ihn ein Inbegriff des Heiligsten von allem Heiligen: „Nur Gott kann die Angst wissen, die sie bei meiner abenteuerlichen Laufbahn ausgestanden, denn nur Gott kennt die unendliche Zärtlichkeit, die sie für mich hegte.“ … in den schrecklichsten Augenblicken meines Lebens, wenn der Ozean unter dem Kiel brüllte und an die Flanken meines Schiffes schlug, das er wie Kork in die Höhe hob, wenn die Kanonenkugeln um meine Ohren sausten wie der Sturmwind, wenn die Flintenkugeln ha‐ geldicht um mich regneten, sah ich beständig sie vor mir auf den Kni‐ en im Gebet vor dem Allerhöchsten versunken, den sie für mich, ihr Herzenskind, anrief. Ja, und was mir diesen Mut gab, über den man sich manchmal gewundert, war die Überzeugung, dass mir kein Un‐ glück begegnen könne, wenn eine so heilige Frau, wenn ein solcher Engel für mich bete." Das Interesse des Jünglings galt der Geschichte und im Besonde‐ ren der Geschichte Italiens. Und diese Geschichte Italiens sollte sein Leben nun ebenso prägen wie er selbst die Geschichte Italiens unaus‐ löschlich zu gestalten begann. 25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi 272 Im Sog der Freiheitsbewegung Giuseppe Mazzinis Auch Mazzini ist ein Kind seiner Zeit und des sardinisch-piemontesi‐ schen Liberalismus. Und auch er will, ähnlich wie Garibaldi es bald anstrebt, noch schneller noch mehr Demokratie und Freiheit. Und dies eben gerade für das ganze Land. Als ganzes Land rückte der bisher nur geographische Begriff Italien ins Zentrum des Gedankens einer staatli‐ chen Einheit, des sogenannten Risorgimento. Wenn Cavour noch den gemässigten Staatsmann darstellt, so ist Mazzini schon viel stärker der eigentliche Revolutionär. Sie beide aber beginnt Garibaldi rasch weit in den Schatten zu stellen. Er wird zur eigentlichen Kampfmaschine nicht nur der Revolution, sondern gleichzeitig einer geschichtsmächtigen Neugestaltung, der gegenüber jede bloss intellektuelle Revolutions‐ theorie der Zeit in den Hintergrund gedrängt wird. Aufstand und Todesurteil 1834 ist es so weit. Es kommt zum Aufstand in Piemont. "Über Kopf und Hals stürzte ich mich ins revolutionäre Leben, das mir wie kein anderes zusagte", gesteht Garibaldi. Nach dem Zusammenbruch des Aufstandes wird Garibaldi zum Tode verurteilt, kann aber nach Süd‐ amerika entkommen. Dort tobt der Kampf Uruguays um seine Unabhängigkeit von Bra‐ silien. Diesem Kampf angeschlossen hat sich die im Süden Brasiliens gelegene Republik Rio Tinto. Es gelingt Garibaldi, freundschaftliche Beziehungen zu deren Präsidenten, Bento Gonzales, zu knüpfen. Rio Tinto stellt dem Italiener Kaperbriefe aus. Diese ermächtigen den Pri‐ vatmann Garibaldi, mit eigenem, bewaffnetem Schiff feindliche Han‐ delsschiffe aufzubringen. Mit nur 12 Mann auf einem kleinen Schiff begann Garibaldis republikanisch-demokratischer Kampf gegen das Kaiserreich Brasilien. Es ist also falsch, Garibaldi der Freibeuterei zu bezichtigen. Sein Tun war völkerrechtlich abgesichert. Erst 1856 wurde die Kaperei durch die Pariser Seerechtsdeklaration abgeschafft. Aufstand und Todesurteil 273 Aufstieg zur Weltberühmtheit in Südamerika Giuseppe Garibaldi hat eine eiserne Konstitution und fast unvorstell‐ bares Glück. Er kämpft zu Wasser und zu Land. Dutzende und schliesslich Hunderte sinken an seiner Seite zu Tode getroffen dahin oder schleppen sich, elend verkrüppelt aus furchtbaren Kämpfen und Gemetzeln davon. Auch der Held selbst wird von Kugeln getroffen, ge‐ fangen, in übelster Weise gequält. Aber er schreit seinem Peiniger – es ist der Gouverneur Leonardo Millan persönlich – offen ins Gesicht, er werde nichts sagen und nichts verraten. Garibaldi schreibt wörtlich: "Mein armer Körper brannte wie ein Ofen, und mein Magen ver‐ dampfte das mir von einem mitleidigen Soldaten fortwährend gereich‐ te Wasser wie glühendes Eisen." Wieder in Freiheit gesetzt, geht er nach Montevideo. Er wird Kom‐ mandeur der Flotte Uruguays und gründet die "Italienische Legion". Da kommt es zur Belagerung der Hauptstadt. Jahrelang verteidigt Ga‐ ribaldi mit zumeist völlig unterlegenen Kräften, aber erfolgreich, die Stadt. Sein Kampfesmut, seine Hingabe und sein Erfolg sind so gross, dass ganz Südamerika von ihm spricht. 1848 ist er Oberkommandie‐ render aller Streitkräfte zu Land und zur See von Uruguay. Die Sehnsucht nach der Heimat Auf dem Höhepunkt von Macht und Ansehen in Südamerika, erreicht Garibaldi die Nachricht, dass Italien abermals vor der Chance stehe, die ersehnte Einigung zu erzielen. „Ich habe in Amerika der Sache des Volkes gedient“, und an diese Feststellung knüpft Garibaldi die Frage, warum er nicht dasselbe für sein, so wörtlich, „eigenes, liebes Italien“ tun solle. Schon befindet sich der ruhelose Kämpfer auf der Überfahrt. Da brechen in Mailand, Venedig und Palermo Aufstände aus. Revolutio‐ nen durchzucken die Apenninenhalbinsel. Noch hält das verhasste Österreich halb Oberitalien in seinem Griff. Doch die Chancen wie‐ dererweckter Italianità sind zum Greifen nahe. Also erklärt der diesbe‐ züglich fortgeschrittenste Staat, Piemont-Sardinien, Wien den Krieg. 25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi 274 Am 23. Juni 1848 landet Garibaldi in seiner Heimatstadt Nizza und bietet derselben Regierung, die ihn 1834 noch zum Tode verurteilt hatte, seine Dienste an. Und ebenso entsetzt wie exakt den Sachverhalt erfassend ruft er aus: „Oh, diese Charakterlosen, die die Freiheit … nur gewähren, … aus Furcht vor dem Volk, nicht aber, weil sie an den Fortschritt der Menschheit glauben!“ Garibaldi hatte einen Rang er‐ klommen, an welchem kein Mächtiger mehr ungestraft sich vergehen konnte. Der Jubel des Volkes, die Verehrung des zum Mythos gewor‐ denen Garibaldi, kannte bald keine Grenzen mehr. So erhält er den Auftrag, an der Spitze eines Regimentes von 3'000 Mann gegen das Tirol vorzustossen. Da muss er erfahren, dass die mächtigste Stadt, Mailand, kapituliere. Mit Ingrimm schreibt der Frei‐ heitsheld über den damals kläglich gescheiterten Feldzug von 1848: „… verloren durch die Dummheit und den Verrat der Regierenden, der Könige, der Doktoren und Pfaffen.“ Kampf um Rom Noch hatte das päpstliche Polizeiregime Mittelitalien unter Kontrolle. Im Verlauf des Sommers 1848 radikalisierte sich die Stimmung auch in Rom. Aufruhr tobt in der ewigen Stadt. Im Herbst wird der Minister‐ präsident des Papstes, Pellegrino Rossi, ermordet. Pius IX. muss flüch‐ ten. Es ist die Stunde des anderen oberitalienischen Helden, Giuseppe Mazzini. Unter ihm als Ministerpräsidenten etabliert sich eine neue Regierung. Rom ist Republik geworden. Sofort wetzen die Feinde des neuen Rom ihre Messer. Von Norden greift das reaktionäre Österreich an, von Süden kommen die bourbo‐ nischen Neapolitaner, von Westen die traditionellen Beschützer des Papstes, die Franzosen. Da erfasst der ebenso furchtsame wie hoff‐ nungsträchtige Angstschrei die freiheitheischenden Massen der Halb‐ insel: „Noch ist Garibaldi da!“ Und dieser ist rechtzeitig zur Stelle. Aber er verfügt über bloss 1'200 Mann, mit welchen er in die bedrängte Stadt einzieht. Die feind‐ liche Übermacht ist gewaltig. Noch gelingt die Abwehr der Neapolita‐ ner. Aber gegen die Franzosen ist kein Kraut gewachsen. Im Sommer Kampf um Rom 275 1848 zieht Frankreich zum einen Stadttor ein, Garibaldi zum anderen aus. Und nun beginnt eine entsetzliche Flucht Garibaldis durch halb Italien. Von 4'000 Fanatikern und Getreuen eskortiert, zieht er nach Norden, ständig gehetzt und verfolgt von den Österreichern. Als er endlich im Gebiet von San Marino Unterschlupf findet, verbleiben ihm noch 200 Mann. Seine Gattin selbst, Anita, von den entsetzlichen Stra‐ pazen zugrunde gerichtet, stirbt noch in seinen Armen. Wieder einmal kehrt dieser Kämpfer der Welt zu seiner Familie nach Hause zurück, nach Nizza. Nach dem Wiedersehen ist es jedoch auch wieder Zeit, Abschied zu nehmen. Zu gross ist die Kluft zwischen dem so hoch politisch wir‐ kenden Unpolitischen und Privatmann Garibaldi und den eigentlichen politischen Machtträgern um den König in Turin und seinen Grafen Cavour. Der Volksheld setzt sich nach Tanger in Marokko ab und wird wieder Seemann. Seine Fahrten führen den Weltgewandten nach Eng‐ land, Zentralamerika, Peru, ja bis nach China, aber auch nach Nord‐ amerika. Erst 1854 ist eine Rückkehr zur Familie in Nizza wieder möglich. Als festen Wohnsitz wählt er aber in kluger Distanz eine bis dahin un‐ bewohnte Insel vor der Nordküste Sardiniens, Caprera, die Ziegeninsel, bestehend aus drei Hügeln, auf denen eben wilde Ziegen weiden. Der Kämpfer so vieler Kämpfe macht seine Schwerter zu Pflug‐ scharen. Er wird Bauer, der seinen Acker selber pflügt. Nach der Arbeit auf dem Feld hält er aber scharf Ausschau nach dem Festland. Wo im‐ mer er geknechtete Völker wähnt, beginnt sein Räsonnement, und alle Mächtigen fürchten, der Privatmann Garibaldi könnte seinem Räson‐ nement Taten folgen lassen. Der berühmte Zug der Tausend 1859 versucht der König in Turin nochmals, die Österreicher aus dem Land zu werfen. Er hat die Unterstützung Kaiser Napoleons III., und es kommt zur Schlacht von Magenta, der wenige Wochen später die schrecklichste aller Schlachten folgt: Solferino. Die Macht Österreichs ist gebrochen. Mit dem Rauswurf der Österreicher ist gleichzeitig das 25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi 276 entscheidende Signal gegeben: Ein Jahr nach den Erfolgen in der Lom‐ bardei steht der Süden Italiens in Flammen. Sowohl im Norden als auch im Süden war der Bauer von Caprera voll dabei. Graf Cavour selbst hatte ihn gerufen. Und wie von einem Magneten angezogen, strömten Garibaldi Tausende junger Männer zu. Die Cacciatori delle Alpi Garibaldis durchkämmen ganz Oberitalien bis in die entlegensten Täler. Gegen die Garibaldini haben die Österrei‐ cher keine Chance. Sie müssen selbst das Veltlin bis hinauf zum Stilfser Joch räumen. Diese ungeheuren Erfolge dieses privaten Generalissi‐ mus sind gleichzeitig das Dilemma seiner Auftraggeber. Sie brauchen ihn. Aber zugleich fürchten sie zu Recht den mächtigen Feldherrn. Wörtlich schreibt Garibaldi über die Regierungen, die ihn rufen: „Man wollte nur meinen Namen benützen zur Insurgierung der Massen, mich selbst sah man mit Widerwillen.“ Konnte Garibaldi, nachdem er den Brand im Norden gelöscht hat‐ te, sich auch dem Flammenherd im Süden zuwenden? Durfte Graf Ca‐ vour hierfür die Einwilligung Piemont-Sardiniens geben, wenn sein Verbündeter Frankreich unter Napoleon III. gleichzeitig die Schutz‐ macht des Kirchenstaates war? Aber darum schert sich jetzt der Generalissimus keinen Deut. Im Frieden von Zürich belohnte die sardisch-italienische Regierung in Tu‐ rin die Hilfe Frankreichs mit der Abtretung von Nizza. Nie hat Gari‐ baldi diesen Handel, diesen Frevel, dem „Räuber an der Seine“, wie er sich wörtlich ausdrückte, nie auch der Regierung in Turin verziehen. Die Aufständischen im Süden, allen voran die Sizilianer, brauchten eine Führung. Und diese ihre Führung sahen sie unter Garibaldi. Wer ausser ihm konnte ein solches, äusserst schwieriges Unterfangen über‐ nehmen? Wem sonst als ihm würden die Tausende von Soldaten zu‐ strömen und bedingungslos in die gefährlichsten Situationen folgen? Aber selbst Garibaldi sah, dass das Unterfangen praktisch an Wahn‐ sinn grenzte. Darin war er sich mit dem inzwischen wieder verfeinde‐ ten Grafen Cavour einig, der politisch intrigant lavierend, den Zug Ga‐ ribaldis in jeder Hinsicht zu vereiteln trachtete. Am 30. April 1860 fällte Garibaldi seinen Entscheid. Er würde tat‐ sächlich nach Sizilien ziehen. Mit drei Schiffen und 1'000 Mann lande‐ te er am 11. Mai in Marsala. Und nun wird sein Marsch durch Sizilien nach Palermo zum eigentlichen Triumphzug. Wie gelähmt vom unbe‐ Der berühmte Zug der Tausend 277 zähmbaren Kampfesmut der Garibaldinischen Truppen ziehen sich die bourbonischen Streitkräfte entsetzt bis nach Palermo zurück. Die wil‐ desten Gerüchte lähmen die Widerstandskraft der Gegner. Garibaldi eilt der Ruf und die Aura des Unverwundbaren voraus: „Die Kugeln seien von seiner Brust wie von Eisenplatten abgeprallt.“ Und die ihm so erzfeindlich gesinnten Pfarrer schreien von den Kanzeln herunter, er stehe „mit dem Teufel im Bunde“. 20'000 feindliche Soldaten müssen Palermo räumen. Ungeheurer Jubel brandet dem einziehenden Sieger entgegen. Garibaldi wird zum unumschränkten Diktator erhoben. Noch ist die andere Hälfte des Königreichs beider Sizilien nicht er‐ obert beziehungsweise befreit. Garibaldi muss die Revolution auf das Festland zurückbringen und den Stiefel hinaufrollen. Neben dem Kampfesmut seiner Soldaten verfügt der Feldherr über einen ausge‐ zeichneten Generalstab. Kein Geringerer als der berühmte Militärwis‐ senschaftler und ETH-Professor Wilhelm Rüstow war sein General‐ stabschef. Bereits im September 1860 stehen die Heere Garibaldis – sie sind inzwischen auf Tausende von Kämpfern angewachsen – vor Nea‐ pel. Abermals bricht in einer Grossstadt unbeschreiblicher Jubel aus. Der König muss den Palast räumen. Der neue Hausherr ist Giuseppe Garibaldi. Das Königreich der Bourbonen ist zerschlagen. Und nun geschieht, was die Popularität Garibaldis ins Unermessli‐ che steigerte. Obwohl mit gewaltiger Macht ausgestattet, verzichtet er auf diese Macht, legt sie in die Hände seines für ihn so zwielichtigen Landesherrn im Norden, König Vittorio Emanuele, und zieht sich wie‐ der nach Caprera auf seine Scholle zurück. Denn nach der Arbeit auf dem Feld kann er in Ruhe über die Plä‐ ne einer endgültigen italienischen Einigung nachsinnen. Der erste Schritt ist getan. Der zweite kann folgen. Dazwischen steht Frankreich. Paris ist die Knacknuss sowohl für Garibaldi als auch für den nun so nahe vor Rom stehenden König Vittorio Emanuele. „Obwohl Garibaldi nur eine einzelne Privatperson ist, ist er jetzt in sich und für sich eine der grossen Mächte der Welt“, so lautet das Urteil des amerikanischen Botschafters in Turin, George P. Marsh, an seinen Präsidenten, Abra‐ ham Lincoln. 25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi 278 Der zweite Vorstoss auf Rom Letztlich war sowohl für Vittorio Emanuele wie Garibaldi klar, dass der wichtigste Schritt zur italienischen Einigung die Übernahme Roms sei. Als Cavour überraschend mit nur 50 Jahren verstorben war, hatte Garibaldi einen entscheidenden Gegner weniger. Er verliess Caprera und suchte den König auf. Dieser liess sich überreden. Erneut scharte Garibaldi auf Sizilien seine Getreuen um sich. Mit dem Kampfruf "Rom oder der Tod!" machte er sich auf den Weg nach Norden. Wörtlich schrieb Garibaldi: "Rom war für mich Italien, das ich mir nicht anders denken kann als in der Verbindung aller seiner Glieder. Und das verfluchteste Werk des Papsttums war, es von Italien getrennt zu halten." Aber Garibaldi unterschätzte nach dem Tod Cavours den viel ge‐ fährlicheren noch verbliebenen Gegner: Frankreich begann sofort, den König in Turin zu bedrohen, und dieser schickte den Befehl in den Sü‐ den, zurückzukehren. Nun war Garibaldi nicht der Mann, der sich so schnell vom einmal als richtig erkannten Weg abbringen liess. Da sandte Vittorio Emanue‐ le seine regulären Truppen dem Freiheitshelden entgegen. Dieser woll‐ te keinen Bürgerkrieg, verbot seiner Truppe zu schiessen und konnte so, nachdem er hinterrücks noch feige beschossen und schwer verletzt worden war, auf dem Aspromonte – Gebirge gefangengenommen wer‐ den. Wenigstens wurde er fürsorglich gepflegt, auf schonendste Weise nach La Spezia getragen und von den Kriegsschiffen dorthin verbracht, wo er herkam, nach Caprera. Von diesem Heimtransport zeugt ein hochinteressanter Brief, der zeigt, wie vernetzt und vielfältig die weltweiten Kontakte Garibaldis waren. In der Schweiz hatte – insbesondere bei den Kämpfen in Ober‐ italien – in Locarno auch für Garibaldi ein wichtiger Rückzugs- und Fluchtort gelegen. Dort hatte er seine Kontakte zum Grütli-Verein ge‐ knüpft, welchem als Vorläufer der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz eine wichtige Bedeutung zukommt. Garibaldi war in Locarno Ehrenmitglied geworden. Und noch während seiner Heimfahrt und Rekonvaleszenz schrieb er aus Pisa in seiner Annahmeerklärung mit eindrücklicher Hochachtung vor den Errungenschaften der Schweizer: Der zweite Vorstoss auf Rom 279 „Ihr seid ein grosses Volk, das seine Unabhängigkeit und Freiheit zu erkämpfen wusste, ein Volk, das verstand, sie zu behaupten.“ Auf Caprera findet ein reger Besucherverkehr statt. Die Abgesand‐ ten des Königs wie die Abgesandten der Regierung suchen regelmässig den Feldherrn z. D. auf. Wenn es draufankommt, das weiss Vittorio Emanuele haargenau, dann zählt nur dieser General aller Generäle. Aber so unentbehrlich er ist, so gefährlich erweist er sich in seiner un‐ erhörten Unabhängigkeit. Tag und Nacht lässt die Regierung Kriegsschiffe um die Insel kreu‐ zen. Denn was wäre, sollte der trügerisch friedliche Geist dieses Bau‐ ern wieder von Unruhe und Unrast erfüllt werden? Wohl schlägt die eine Hälfte des Herzens für den grossen Rebellen, aber gleichzeitig fürchten die Machthaber in Turin die Macht Frankreichs, der Beschüt‐ zerin des Papstes. Doch wiederum ist gegen die Durchsetzungskraft Garibaldis auch eine ganze Armada von Kriegsschiffen, Spionen und Helfershelfern machtlos. Mit einem Trick gelingt dem Helden der Durchbruch durch die Seeblockade. Am 20. Oktober 1867 erscheint Garibaldi vor dem Volk in Florenz, das ihm frenetisch zujubelt. Nur auf dem Land, nur bei den Bauern und denen, welche diese noch mehr verehren als ihren eigenen Stand, schwindet die Zugkraft dieses Stars. Und er weiss um ihren Hass auf ihn, ihren ständigen Verrat und schlägt genauso erbar‐ mungslos zurück, ohne deshalb etwa der Gottlosigkeit zu verfallen: „… welcher Religion der Priester auch immer angehören möge, er ist ein Heuchler und Betrüger; er ist die schädlichste aller Kreaturen, denn er ist mehr als jeder andere ein Hemmnis für den menschlichen Fort‐ schritt und für die Verbrüderung der Völker. … Mögen Sie ihre Kutten ausziehen, dieses Symbol der Schande und des Unglücks unseres schö‐ nen Landes, und mögen sie Menschen werden, indem sie ihre falschen Lehren abschwören und den Menschen die Religion des Wahren pre‐ digen. … Es ist die Religion Christi.“ Die Kraft seiner Rede, sein Charisma und sein Ruhm fegen alle Politiker, alle Generäle, alle Diplomaten wie Staubkörner im Sturm weg. Wo er auftritt, wird er, politisch gesehen, unweigerlich zur fakti‐ schen Staatsmacht, welcher keine andere mehr gewachsen ist. Noch vor seiner Ankunft auf dem Schauplatz liess Garibaldi durch seinen Sohn und weitere Waffengefährten Freiwilligenverbände auf‐ 25. Der berühmteste Italiener aller Zeiten – Giuseppe Garibaldi 280 stellen. Schon überschreiten diese die Grenzen zum Kirchenstaat. Aber es stellen sich ihnen starke päpstliche Truppen entgegen, die von einem Korps Franzosen ergänzt werden. Als Garibaldi selbst erscheint, rücken die Garibaldinischen Verbände bis in die Nähe der Hauptstadt vor. Nun aber näherten sich auch reguläre italienische Truppen Turins, die als dritte Front gegen die Garibaldiner antraten. Garibaldi muss zum Rückzug blasen. Wiederum in Florenz angelangt, wird er von der Regierung Vittorio Emanueles zurück in sein Refugium nach Caprera gebracht. Aber letztlich war dieser zweite Schlag Garibaldis gegen Rom in jedem Fall ein voller Erfolg. Die vereinte Abwürgung dieses zweiten Vorstosses auf Rom wirkte nur noch als diplomatisches Verzögerungs‐ manöver. Die Rechnung ging für Garibaldi auf. Die Tage des letzten Papstkönigs, Pius IX., waren gezählt. Drei Jahre später, am 20. Septem‐ ber 1870, konnte auch Vittorio Emanuele seine Zurückhaltung gegen‐ über dem Kirchenstaat fallenlassen. Die weltliche Macht der Päpste war zertrümmert. Sie sollte erst durch die Lateranverträge unter Beni‐ to Mussolini 1929 mit dem „Staat der Vatikanstadt“ wiederhergestellt werden. Die letzte Schlacht Nochmals sollte dieser Grösste der Grossen sich in den Kampf für Freiheit und Selbständigkeit werfen. 1870 sah er im Deutsch-Französi‐ schen Krieg diese Freiheit und Selbständigkeit durch das monarchi‐ sche Deutschland gefährdet. Obwohl Garibaldi so schwer unter der Feindschaft Frankreichs ihm gegenüber zu leiden hatte, engagierte er sich für Frankreich, das immerhin Napoleon III. inzwischen gefangen‐ genommen und unter dem Republikaner Jules Favre die Republik aus‐ gerufen hatte. Als einzigem General während des ganzen Krieges, der für Frankreich kämpfte, gelang es ihm, an der Spitze von 15'000 Mann in der Schlacht von Dijon am 2. Januar 1871 einen Sieg über die Deut‐ schen mit der Erbeutung einer Fahne zu erringen. Das war seine letzte Schlacht, und der grosse Held kehrte endgül‐ tig auf seine Insel zurück, wo er am 2. Juni 1882 im Alter von 75 Jah‐ ren verstorben ist. Die letzte Schlacht 281

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.