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24. Die untergegangene Hauptstadt Amerikas in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 265 - 270

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-265

Tectum, Baden-Baden
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Die untergegangene Hauptstadt Amerikas Vor über 400 Jahren, am 14. Mai 1607, wurde die erste feste Siedlung in Nordamerika gegründet. Sie wurde Hauptstadt der ersten Kolonie, näm‐ lich von Virginia. Die Stadt gibt es heute nicht mehr. Jamestown entstand in bitterer Verzweiflung, und in ebensolcher Verzweiflung ging sie auch wieder un‐ ter. Jamestowns Existenz dauerte gerade einmal rund 90 Jahre. Aber die‐ se Stadt hatte einen wichtigen Grundstein für den späteren Bundesstaat Virginia und damit für die Vereinigten Staaten von Amerika gelegt. Am Anfang standen furchtbare Krankheiten und schreckliche Hungersnot, welche 1607 innerhalb von nur zwei Wochen bereits die Hälfte der so hoffnungsvoll eingetroffenen Ankömmlinge dahinrafften. Dann aber be‐ hauptete sich Jamestown als erste Hauptstadt der ersten Kolonie auf dem neuen Kontinent. Von 1676 an verlief die Entwicklung dieser Pionierstadt in umge‐ kehrter Richtung. Streit und Rebellion gegen den Gouverneur leiteten den Niedergang der Stadt ein. 1698 versetzte ein Grossfeuer, bei welchem so‐ wohl die Regierungsgebäulichkeiten als auch der Rest der Wohnhäuser völlig zerstört wurden, dieser ersten Hauptstadt den Todesstoss. James‐ town wurde aufgegeben. Die Leute zogen ins nahe gelegene Williamsburg, das zur neuen Hauptstadt erkoren wurde. Für die Gegenwart aber – und das ist wichtig und bedeutungsvoll – messen die Amerikaner den letzten noch übrig gebliebenen Ruinen des einstigen Jamestown einen respektvol‐ len, nationalen Stellenwert bei: Sie gehören heute zum historischen Schatz des Colonial National Historic Park der USA. Ein Land wie Arkadien Virginia ist bereits ein Südstaat der USA. Rund zwei Autofahrtstunden, in fast schnurgerader südlicher Richtung von der Bundeshauptstadt 24. 265 Washington entfernt, liegt die heutige Hauptstadt Virginias: Richmond. Sie liegt nur wenig weiter nordöstlich der beiden früheren Hauptstädte Virginias, wiederum am James River wie das ehemalige Jamestown und genau auf jener Höhe, bis zu welcher der Fluss für grössere Schiffe befahrbar ist. 1779 hatte Richmond Williamsburg als Hauptstadt abge‐ löst, und von 1861 bis 1865, also während des grossen amerikanischen Bürgerkrieges, wurde es sogar Hauptstadt der sezessionistischen Süd‐ staaten. Die von romantischen Flusslandschaften geprägten Landstri‐ che Virginias strahlen einen bergenden Charme aus. Verwinkelte Seen und sommerlich schwüle Gewitter zaubern eine saftiggrüne, teilweise leicht hügelig gewellte Landschaft hervor, wenn im viel gelobten, eben‐ falls südlich milden Klima Kaliforniens nur öde, von der Sonne ver‐ sengte Dürre herrscht. Der Reiseschriftsteller Martin Kilian, der Virgi‐ nia sogar zur Wahlheimat erkor, bringt in seinen Beschreibungen die Atmosphäre, welche auch gesellschaftlich heute diesen Staat prägt, auf einen Punkt, dass man sich in ein idyllisches Arkadien versetzt fühlen könnte. „Man bleibt hier hängen“, schreibt Kilian, „und wird zum Vir‐ ginian, auch wenn das Alte Geld des Staates und seine alteingesessenen Familien dagegen einwenden würden, dass nur ein Virginian ist, des‐ sen Vorfahren 1607 oder kurz danach anlandeten.“ Trügerische Idylle Was waren das für Leute, die 1607 unter allergrössten Strapazen in die‐ sem anscheinend so schönen, friedlichen Land zu überleben vermoch‐ ten, ja überhaupt Amerika in diesen Anfängen urbar und für Siedler bewohnbar zu machen begannen? Vor 400 Jahren herrschte in Europa Aufbruchstimmung. Private Gesellschaften und ihre Leute witterten Abenteuer und schnellen Reichtum. Neben ersten Pelzhändlern, Goldsuchern und oberflächli‐ chen Glücksjägern folgten siedlungswillige Gesellschaften. 1606 ver‐ lieh der englische König Jakob I. zwei solchen Gesellschaften je eine Genehmigung zur Kolonisierung in Nordamerika. Einer der Kolonisa‐ toren, Walter Raleigh, scheiterte mit seiner Gesellschaft, hatte aber zu Ehren der englischen Königin das Land Virginia, Jungfernland, ge‐ tauft. Die zweite Expeditionsgesellschaft, die London-Company, war 24. Die untergegangene Hauptstadt Amerikas 266 im Dezember 1606 in England in See gestochen. Im Mai des folgenden Jahres segelte sie die Mündung eines Flusses hinauf, dem sie den Na‐ men James River – zu Ehren von König Jakob I. – gab. Es waren drei Schiffe mit insgesamt 100 Mann. Sie erreichten jene Halbinsel, auf der sie am 14. Mai Jamestown gründeten. Man kann sich die Schwierig‐ keiten und Lebensgefahren kaum drastisch genug vorstellen, denen diese – modern formuliert – Migranten ausgesetzt waren. Malaria, Skorbut und Syphilis waren sie zumeist schutzlos ausgeliefert. Ständig erfolgten Indianerangriffe. Der Hunger grassierte derart entsetzlich, dass sogar Berichte über Kannibalismus vorliegen. Nach den ersten zwei Wochen war die Hälfte der Leute tot. Die noch am Leben gebliebenen konnten oder wollten nicht mehr arbeiten. Unter ihnen waren englische Edelleute ebenso vertreten wie gewöhnliche Sträflinge. In der Not aber begannen die zwei Gruppen nicht etwa zusammenzuhalten. Sie stritten. Es kam zu Sabotageakten. Der Hunger trieb die Menschen bis zur Verzweiflung. Kaum gegründet schien dieses Jamestown wie Dutzende ähnlicher Gründungsversuche im Müll der Geschichte, so rasch wie es entstanden war, wieder zu ver‐ sinken. Im Frühsommer 1607 bestand es denn auch nur aus zwei Dut‐ zend grasgedeckter Hütten mit Leuten, die, töteten sie sich nicht selbst gegenseitig, von Hunger und Krankheiten endgültig ausgelöscht zu werden drohten. Das Verdienst, dass Jamestown überdauerte, gebührt dem Kapitän John Smith. Er tat sich als mutiger Erforscher der Flussläufe in diesem Gebiet Virginias hervor. Neben Lebenserfahrung verfügte er über poli‐ tisches Talent. Da wurde er von den Indianern gefangen und zum Tode verurteilt. Die Tochter des Häuptlings scheint aber ein wohlwollendes Auge auf den fremden Eindringling geworfen zu haben. Sie bekam ihn frei. Smith verständigte sich mit den Indianern, und diese waren bereit, Lebensmittel in das von der Auflösung bedrohte Jamestown zu schi‐ cken. Da schlug das Schicksal erneut zu. Smith wurde bei der Explosion eines Munitionsdepots so schwer verkrüppelt, dass er nach England zurückfuhr. Wieder daheim, entfaltete er eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Aber ihres Anführers beraubt, fiel Jamestown erneut in furchtbare Hungersnot. Diesmal starben 450 Siedler. Die restlichen 60 verzweifelten und wollten weg. Da trafen, wiederum im letzten Mo‐ Trügerische Idylle 267 ment, Hilfsschiffe ein. Der neue Gouverneur, Thomas Dale, erwies sich als ein wahres Scheusal. Es scheint aber, dass er sich dessen sehr wohl auch bewusst war. Es gab in dieser Lage gar keine mannigfachen ande‐ ren Lösungen. „Mit so undisziplinierten, gemeinen und aufsässigen Leuten“, schrieb der Gouverneur, könne er Jamestown nicht halten. Be‐ reits Smith hatte einen sogenannten Arbeitskommunismus eingeführt. Dale perfektionierte jetzt die Brutalität dieser Tyrannei bis zum Äus‐ sersten. Dabei benützte er die Schwächsten und Geschundensten der Gesellschaft, denn diese sind schliesslich leichter niederzuknebeln: Dies waren Sträflinge. Davon forderte er mehr. Aber solche gab es nie genug. Also mussten die nächsten Schwächeren eingefangen werden: Das waren die Mittellosen. In einer Art Vertragsknechtschaft mussten diese genauso Bedauernswerten ihre Schulden – wie zum Beispiel jene der Überfahrt und Reise – abverdienen. Unter solchen Schuldknechten gab es auch Afrikaner. Wenigstens die Negersklaverei war damals noch nicht erfunden. Die üble Behandlung traf jedermann gleich. Aber es kam gemäss dem Phantasiereichtum der Leute auch so durchaus noch schlimmer. Die Bäuche der in den Häfen Grossbritanniens angelegten Virginia – Schiffe waren so hungrig auf menschliche Arbeitskräfte, dass in den Städten Englands nichtsahnende Passanten niedergeschla‐ gen wurden, auf die Schiffe verbracht, über den Atlantik gefahren und durch Gouverneur Dale wie Vieh in Jamestown versteigert wurden. Wie der grausamste Diktator regelte Dale jede Einzelheit im tägli‐ chen Leben der Geschundenen. Briefe unterlagen strenger Zensur. Ar‐ beitsverweigerer oder nur schon Leute, die nicht die volle Leistung er‐ brachten, wurden ausgepeitscht, Flüchtlinge grausam eingefangen, un‐ säglichen Folterungen unterzogen und dann getötet. Es dürfte auf der Hand liegen, das zarte Geschlecht war in dieser grausamen Welt zu seinem Glück noch schwach vertreten. Das änderte sich aber schnell. Ganze Schiffsladungen junger Mädchen wurden bald herangebracht. Für 120 bis 150 Pfund Tabak pro Frau fanden sie reis‐ senden Absatz. Und Tabak wurde nun auch das vorherrschende land‐ wirtschaftliche Produkt, das bis heute Virginia auszeichnet. Das Land begann ab etwa 1620 tatsächlich zu erblühen, und Ja‐ mestown erstarkte. Eine autarke Ernährungsbasis brachte den Siedlern die Freiheit zurück. Die Nachfolger des grausamen Arbeitskommunis‐ ten Dale wurden zu Liberalen. 24. Die untergegangene Hauptstadt Amerikas 268 Auch wenn nach rund 90 Jahren dieses Jamestown wieder erlosch, so hat es doch entscheidende Signale und Initialzündungen für die Entstehung der grössten Weltmacht, die es mit den USA bisher je gab, ausgelöst und mitgestaltet. Trügerische Idylle 269

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.