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21. Lebensgrundsätze, die Amerika von Europa scheiden in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 245 - 248

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-245

Tectum, Baden-Baden
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Lebensgrundsätze, die Amerika von Europa scheiden Globalisierung ist in aller Munde. An der Globalisierung scheiden sich die Geister. Wenn die einen sich von einer Globalisierung mehr Frei‐ heit, mehr vorteilhaften Wettbewerb und mehr Chancen erhoffen, so befürchten die Gegner die Zerstörung lokaler Besonderheiten und er‐ haltenswerter Eigenheiten. Minderheiten sind von den Einflüssen der Globalisierung in allen Bereichen von der Wirtschaft bis zur Kultur be‐ sonders betroffen. Der Motor der heutigen Globalisierung ist eindeutig Amerika. Viele andere Länder erscheinen in diesem Blickwinkel der Kritik als Gehilfen bei der Durchsetzung einer Globalisierung, die stark die Züge einer Amerikanisierung trägt. Und selbst grosse Weltor‐ ganisationen sind in der Tat geprägt von einer entscheidenden Domi‐ nanz der USA. Die englische Sprache dringt als kulturelle und techni‐ sche Macht bis in die hintersten Winkel der Erde. McDonald, Coca Cola, Walt Disney und Microsoft erobern die letzten Lebensbereiche. Nicht selten löschen sie Lokales, Traditionelles und all das, was Millio‐ nen Menschen mit ihrem Leben verknüpfen, langsam, aber unaufhalt‐ sam aus. Eine Vereinheitlichung, ja Gleichschaltung weiter Teile der Welt, scheint unaufhaltsam. Aber bei genauerem Hinsehen gibt es schon an der Oberfläche durchaus deutliche Unterschiede in der Entwicklung der Globalisie‐ rung. Und schürft man tiefer, so gelangen Wurzeln zum Vorschein, die auf hochinteressante Weise belegen, wie stark sich auch heute noch so nahe verwandte Kontinente wie Amerika und Europa wohltuend, weil facettenreich unterscheiden. In Amerika gilt, von einer klaren Mehrheit getragen, die Todes‐ strafe. In Amerika wird grundsätzlich klar und deutlich zwischen „bad guys and good guys“ unterschieden. Die Neigung, die Welt in Freunde und Feinde zu unterteilen, ist in Amerika typischer als in Europa. Zen‐ tral im Leben der Mehrheit der Amerikaner ist ein breit ausgelegter 21. 245 kämpferischer Wettbewerb, welcher das Leben fundamental bestimmt: Dem Erfolgreichen gehört die Welt. Ganz anders ist demgegenüber die Lebensgrundhaltung auf dem Alten Kontinent. Die überwiegende Mehrheit in den europäischen Ländern lehnt die Todesstrafe vehement ab. Die Ansicht, dass man er‐ folgreich und treffsicher zwischen guten und bösen Ländern, Freun‐ den und Schurken zu unterscheiden vermöge, wird in Europa viel schwächer vertreten. Unter europäischen Linken, zumal in starken Po‐ sitionen und getragen von ebenso starken Mehrheiten, ist die Idee des globalen und weltweit grenzfreien und grenzenlosen Wettbewerbs zum grossen Schreckgespenst avanciert. Worauf aber basieren die grundsätzlichen Unterschiede, die gerade auch jenseits der allgemeinen Politik der Parteien liegen? Zwei Stränge westlicher Zivilisation Vor allem in England wurde im Verlauf des 17. Jahrhunderts in der Staatsphilosophie die Frage erörtert, welches der Ursprung einer Re‐ gierung sei. Diese Erörterungen zeitigten gewaltige praktische Folgen: Durch die grossen Revolutionen, 1776 in Amerika und 1789 in Frank‐ reich, begann die Neugestaltung der Welt hin zur Moderne. Seit urvordenklicher Zeit galt die Auffassung, Gott habe bestimm‐ ten Personen Macht verliehen und diese Personen, so zum Beispiel der König und seine Erben, stellten die rechtmässige Regierung. Im Blick‐ punkt steht ein Staat, der geschichtlich gewachsen und durch Gefühl, Mythos, kurzum die Geschichte und deren Tradition bestimmt ist. In der Neuzeit Europas setzte sich nun theoretisch – und mit den Revolutionen auch praktisch – der Einwand durch, der Staat werde durch gemeinsamen Beschluss der Leute, sich zu vereinigen und eine Gesellschaft zu bilden, gegründet. Es kommt durch einen politischen Vertrag eine Regierung zustande. Deutlich zeigen sich hier zugleich die Strukturen der Demokratie, welche das ursprüngliche Königsmo‐ dell in den Hintergrund drängen. Die Abstimmenden und Zustim‐ menden sind dann an den Vertragsabschluss gebunden. Wichtige Phi‐ losophen dieser Staatslehre waren in England Thomas Hobbes und John Locke. Am berühmtesten aber wurde in der Zeit der Amerikani‐ 21. Lebensgrundsätze, die Amerika von Europa scheiden 246 schen Revolution und der Französischen Revolution der Genfer Jean- Jacques Rousseau mit seinem Werk „Contrat Social“. Die Revolution hat sich gegen die bisher geltende Geschichtsbetrachtung und das Ge‐ schichtsempfinden der Menschen gewendet. Und mit der neuen Staatslehre etablierte sich die Neue Welt: Es entstanden die USA. Die USA schüttelten in ihrem Unabhängigkeitskrieg gegen England und mit ihrer Revolte nicht nur die ehemalige Kolonialmacht ab. Sie hieben auch die Fessel der Geschichte durch. In Amerika wurde der Gesellschaftsvertrag zum wesentlichen Grundelement einer Selbstentfaltung, wie sie die Welt nie zuvor erlebt hat. Der Individualismus erhält zentrale Bedeutung. Die Devise lautet: Sich so wenig einschränken wie möglich. Die höchstmögliche Freiheit fördert den Einzelnen in höchstmöglicher Ausprägung. Dem Streben nach Erfolg stehen unbegrenzte Möglichkeiten offen. Alles ist gleich‐ wertig. Auch die Meinungen sind wertneutral. Der totale Wettbewerb ist der Motor des Individualismus, und dieser Individualismus ent‐ scheidet sich am Gradmesser des Erfolges. Ganz anders sieht es in Europa aus. Gewachsene Kultur und Ge‐ schichte prägen gerade die Gegenwart. Kultur und Landesgeschichte stehen über dem Markt und seinem Wettbewerb. Die Folge ist unwei‐ gerlich, dass nicht alle Meinungen gleichwertig sind. Sozialpolitik spielt eine zentrale Rolle jenseits jeden Erfolgsprinzips. Politik wird ak‐ zentuiert von der Geschichte her verstanden und betrieben. Das kulturelle Auseinanderdriften zwischen Amerika und Europa wird besonders anschaulich, wenn man die Pfeiler westlicher Zivilisa‐ tion betrachtet: Griechische Philosophie, Römisches Recht und Chris‐ tentum. Der grosse französische Dichter Paul Valéry hat richtigerweise diese drei Fundamente als die entscheidenden Grundlagen unseres westlichen Kulturkreises herausgearbeitet. Die Griechische Philosophie der Antike bildet in Europa den Grundstein für die verschiedenen Wissenschaften an den Universitä‐ ten, in Amerika wird sie mehrheitlich für praktische ökonomische und militärische Interessen benutzt. Das Römische Recht wird in Europa als universelles Recht beachtet, das selbst über dem Staat steht. In Amerika ist das Recht der Sicherheit und der Kriegspolitik des Landes untergeordnet. Deutlich erkennbar wird dadurch die Bindung an das Zwei Stränge westlicher Zivilisation 247 vertragstheoretische Denken: wer sich dem Vertrag verweigert, dem ist eben in der Todeszelle oder auf Guantanamo nicht zu helfen. Das Christentum in Amerika ist lebendiger, aber es gilt nur als Meinung unter Meinungen. Die Religion hat viel privateren und sub‐ jektiveren Charakter, und sie verstärkt dadurch gerade das Freund- Feind-Denken, während das Christentum auf dem Alten Kontinent ri‐ gorose Schwarz-Weiss-Skizzierungen mildert, da es mit der Tradition viel tiefgreifender verbunden ist. Aber die amerikanischen, einseitig ökonomischen Tendenzen wer‐ den auch in Europa immer stärker. Ein Unwillen, kulturell zu werten, macht sich in allen europäischen Ländern breit. Dann wäre jedoch ge‐ schichtliche Tradition bei uns nur noch von ästhetischer Bedeutung. Eine solche Globalisierung „à l’ américaine“ würde mit Sicherheit zwar nicht in Amerika, aber bei uns unendlich viel zerstören. 21. 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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.