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18. Da hielt die Welt den Atem an: Ein Gymnasiast entfesselte 1914 den Ersten Weltkrieg in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 223 - 228

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-223

Tectum, Baden-Baden
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Da hielt die Welt den Atem an: Ein Gymnasiast entfesselte 1914 den Ersten Weltkrieg Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdi‐ nand am 28. Juni 1914 in der bosnischen Hauptstadt Sarajewo wird all‐ gemein als der unmittelbare Anlass zum Ausbruch des Ersten Weltkrie‐ ges betrachtet. Auch wenn die Ursachen für diesen furchtbaren Krieg tie‐ fer liegen, so bleibt der Anschlag von Sarajewo doch zu Recht in entschei‐ dender Erinnerung. Das Machtstreben der Völker nach wirtschaftlicher und politischer Weltgeltung auf dem Balkan, in Afrika und in Asien trieb einem Kollisi‐ onskurs entgegen. Doch wer sah die Flammenzeichen an der Wand? Der Frühling 1914 bescherte den Menschen schöne, milde Tage. Der Sommer folgte, und die Mächtigen der Welt gingen vorerst unbekümmert in ihre Ferien. Erst als es zu spät war, als das Stahlgewitter über diese Welt her‐ einzubrechen begann, kehrten sie zurück, um ihre Amtsgeschäfte wieder voll aufzunehmen. Sie konnten den Frieden nicht mehr retten. Und nicht wenige wollten den Frieden auch gar nicht mehr. Serben und Russen gegen Österreich – Ungarn Besonders brodelte es im Vielvölkerstaat Österreich – Ungarn. Die Serben standen im Hader mit der österreichisch-ungarischen Doppel‐ monarchie. Sie fühlten sich in diesem Staat zu wenig berücksichtigt. Es bildeten sich verschwörerische Gruppen wie die „Mlada Bosna“, das „Junge Bosnien“, das wiederum von der sogenannten „Schwarzen Hand“ gesteuert wurde. Die „Schwarze Hand“ ihrerseits stand in Kon‐ takt mit nationalistisch geprägten russischen Kreisen. Zur „Mlada Bos‐ na“ gehörten viele junge Leute, die im Kampf gegen die Doppelmonar‐ chie von der Errichtung eines grossserbischen Staates träumten. Das italienische Piemont wurde für sie Vorbild für ein Königreich Serbien. 18. 223 Franz Ferdinand, der verkannte Kriegsgegner Franz Ferdinand von Österreich wurde am 18. Dezember 1863 in Graz geboren und war ein Neffe des Kaisers Franz Joseph von Österreich. Über seine Mutter war er ein Spross des Königshauses Beider Sizilien, und, da in Italien zum Erben eingesetzt, führte er seit 1875 den Beina‐ men d’Este. Er gehörte somit dem allerhöchsten Adel Europas an. Von Anfang an schlug Franz Ferdinand die Laufbahn eines Berufs‐ soldaten ein. Er litt aber an einer heimtückischen, schweren Krankheit. Dank eiserner Energie, starker Willenskraft und wohl auch einer völlig unerwarteten, fast mystischen Gläubigkeit bekam er seine chronische und damals kaum heilbare Lungenkrankheit in Griff und konnte schliesslich ein fast normales Leben führen. Ja, man kann sogar davon ausgehen, dass seine Krankheit ihn überdurchschnittlich reifen liess und in ihrer Überwindung stärkte. Mochte man den alten Kaiser Franz Joseph als gute, aber schwache Persönlichkeit einstufen, so war mit Franz Ferdinand ein Nachfolger herangereift, dem man Stärke gegen‐ über sich und dem in seiner Form dringend darauf angewiesenen Staat zutraute. Obwohl eigentlich keine besonders soldatische Natur, profitierte der kränkelnde Thronfolger von der soldatischen Disziplin. Sein Schicksal aber machte ihn nicht zu einem Mann zum Anfassen. Ob‐ wohl zunehmend zum Stolz der Armee geworden, lebte er sein eigenes Leben. Er wurde mit 36 Jahren General, sodann Generalinspekteur und Kommandeur zur „Disposition des Allerhöchsten Oberbefehls der gesamten Wehrmacht“. Sein Leben bestand aus Kampf in jeder Beziehung: Kampf gegen seine Krankheit, Kampf gegen seine engste Umgebung und Kampf ge‐ gen die Oberste Wehrmachtführung. Franz Ferdinand erzwang eine sogenannte morganatische Ehe: Er heiratete völlig unstandesgemäss eine Hofdame, Sophie Chotek, die gemäss damaliger Sicht „nur eine Gräfin“ war. Als Berufssoldat gewann er früh genauen Einblick in die Armee der Doppelmonarchie, beschäftigte sich eingehend mit dem Vielvöl‐ kerproblem und geriet schliesslich in einen schroffen Gegensatz zum österreichisch-ungarischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Hötzendorf trat für einen Präventivkrieg gegen Serbien ein. Das Ziel 18. Da hielt die Welt den Atem an: Ein Gymnasiast entfesselte 1914 den Ersten Weltkrieg 224 Franz Ferdinands dagegen war, neben der deutschen und ungarischen auch eine südslawische Völkergruppe einzubeziehen und damit den Serben eine relative Selbständigkeit zu geben. Aus dem bisherigen Dualismus sollte in einem weiteren Ausgleich ein Trialismus, ein Staa‐ tenbund aus drei Völkern werden. Weder in Wien noch in Budapest teilte man diese optimistische Zielsetzung. Der Erzherzog trat aber en‐ ergisch für eine diesbezüglich friedliche Lösung ein. Sei es seine Krankheit oder seine Zurückgezogenheit, der Thron‐ folger neigte zur Kontaktscheu und Verschlossenheit. Innere Spannun‐ gen verleiteten ihn zu Wutausbrüchen. Gegenüber entschieden kon‐ taktfreudigeren und offeneren Angehörigen des Kaiserhauses musste er zwangsläufig ins Hintertreffen geraten. Vom einfachen Volk bis hin‐ auf zum Kaiser war der Thronfolger daher wenig beliebt. In Serbien betrachtete man den verschlossenen Generalinspekteur irrtümlich und letztlich fatalerweise als Kopf der Kriegsbefürworter in der Doppel‐ monarchie. Mit ihm tötete man offensichtlich den Falschen und öffne‐ te erst die Schleusen für die kriegsbereiten Falken. Die Schüsse des Lyzeumsschülers Gavrilo Princip Seit langem stand eine Inspektionsreise zu den Manövern in Bosnien und der Herzegowina fest. Sophie von Hohenberg, wie die frühere Gräfin Chotek nach ihrer Verheiratung hiess, hielt ihren Mann Franz Ferdinand vorerst zurück. Zu viele Morddrohungen waren in der letz‐ ten Zeit eingegangen. Der Thronfolger selber war unschlüssig gewor‐ den. Da sprach der serbische Gesandte, J. Jovanovic, beim zuständigen Minister in Wien, L. von Bielinski, vor. Eindringlich warnte er die Re‐ gierung, Schüsse auf den Thronfolger seien bei einem Besuch in Bosni‐ en durchaus möglich. Noch wäre Zeit gewesen, das Rad des Schicksals zu stoppen und herumzuwerfen. Aber das Schicksalsrad drehte sich kontinuierlich weiter. Ebenfalls Anfang Juni erhielten der zwanzigjährige Lyzeums‐ schüler Gavrilo Princip und der neunzehnjährige Nedeljko Cabrinovic von ihrem Mittelsmann in Serbien in Belgrad letzte Anweisungen. Mit Hilfe serbischer Offiziere und Grenzwächter schmuggelten die zwei ge‐ Die Schüsse des Lyzeumsschülers Gavrilo Princip 225 dungenen und fanatischen Mörder Handgranaten, Pistolen, Geld und Zyankali nach Bosnien. Beide Verschwörer waren Mitglieder der „Mlada Bosna“. Obwohl die Verschwörungen alles andere als völlig versteckt ablie‐ fen, und obwohl so viele düstere Anzeichen Schlimmstes befürchten liessen, reisten Franz Ferdinand und Sophie schliesslich nach Bosnien. Am 27. Juni gab der Thronfolger den Befehl zum Abbruch der Manöver. Da machte der Obersthofmeister, Freiherr von Rumerskirch, den Vorschlag, aus Sicherheitsgründen den Besuch in Sarajewo für den kommenden Tag abzusagen. Doch, auch dieser Versuch, dem Schicksal ins Rad zu fallen, misslang. Franz Ferdinand wollte nicht kneifen. Der 28. Juni 1914 war ein Sonntag, ein strahlend blauer Sommer‐ tag. Emsiges Treiben erfüllte Sarajewo. Die halbe Stadt war auf den Beinen. Alle wollten das Thronfolgerpaar sehen. Aber auch die Mörder begaben sich nach genauem Plan auf ihre Posten. Neben Princip und Cabrinovic bezogen weitere gedungene Mörder der „Mlada Bosna“ Aufstellung. 1910 hatten beim Besuch des Kaisers allergrösste Sicherheitsvor‐ kehrungen geherrscht. Es wimmelte von Sicherheitsleuten. Jetzt wurde in fast unglaublicher Weise und im Nachhinein kaum mehr nachvoll‐ ziehbarer Sturheit auf jegliche Sicherheitsvorkehrungen verzichtet. Ein Chronist jener Zeit, Graf Sternberg, vermerkte: „Jetzt stand bei jedem Baum ein Mörder mit einer Bombe.“ Im Konvoi mehrerer Autos fährt das Thronfolgerpaar im offenen Wagen langsam durch die Stadt. Da löst sich aus dem Spalier der Zu‐ schauer am Strassenrand Cabrinovic, zündet ungehindert eine Hand‐ granate und schleudert die Bombe auf das Auto des Thronfolgers. Der Thronfolger selbst ergriff die Bombe, die in den Wagen gefallen war, und warf sie hinaus. Gleich darauf explodiert sie vor dem nachfolgen‐ den Begleitfahrzeug. Das Thronfolgerpaar trifft hierauf im Rathaus der Stadt ein und wird vom Bürgermeister, der in der Wagenkolonne vor‐ ausgefahren war, feierlich begrüsst. Er wusste noch nichts vom schrecklichen Massaker, das sich hinter ihm und so knapp hinter dem Thronfolgerpaar ereignet hatte. Sophie erlitt eine unwesentliche Schürfwunde am Hals. Die Bombe tötete aber sechs Personen und ver‐ letzte zahlreiche weitere. Endlich platzte dem Thronfolger der Kragen. 18. Da hielt die Welt den Atem an: Ein Gymnasiast entfesselte 1914 den Ersten Weltkrieg 226 Es sollte sein letzter Wutausbruch gewesen sein. Er fauchte mitten in der Ansprache den verdutzten Muslim, den keine Schuld traf, an: „Da kommt man zu Besuch in diese Stadt und wird mit Bomben empfan‐ gen. So, jetzt fahren Sie weiter!“ Nach dem allgemeinen Bekanntwerden des Bombenanschlages stellte sich die entscheidende Frage, wie Franz Ferdinand ungeschoren aus der Stadt zu bringen wäre. Die Fehlentscheide sind kaum mehr zu überbieten. Es ist, als sollte Franz Ferdinand geradezu mit allen Mit‐ teln einer Hinrichtung zugeführt werden. Es ist, als wollte das Thron‐ folgerpaar sich selbst exekutieren. Franz Ferdinand will die Verletzten im Spital besuchen. Und wie‐ der fährt man im offenen Wagen durch die Stadt. Und wieder hat das Thronfolgerpaar nicht einen einzigen Leibwächter. Dafür sind die Mörder abermals bestens gerüstet auf der Lauer. Es ist jetzt zehn Mi‐ nuten vor elf Uhr. Da muss der Wagen des Thronfolgers für zwei bis drei Sekunden stoppen. Das ist der Moment für Princip. Er hat das Thronfolgerpaar direkt vor sich. Er muss nur noch abdrücken. Und der Gymnasiast gibt genau zwei Schüsse ab. Der eine trifft Franz Ferdi‐ nand in den Hals, der andere die Erzherzogin in den Darm. Sie sterben innerhalb weniger Minuten. Ob geliebt oder nicht geliebt in diesen Minuten des Todes, die Welt hielt den Atem an. Die Menschen spürten instinktiv, dass nun Ent‐ scheidendes bevorstünde und dass Schweres sich ereignen könnte. Den Gymnasiasten Princip trifft der düstere Ruhm, die letzten Schleusen für den bis anhin schrecklichsten Krieg geöffnet zu haben. Genau einen Monat später, am 28. Juli 1914, erklärte Österreich – Ungarn Serbien den Krieg. Und der Funke dieses vorerst lokalen Krieges setzte die ganze Welt in Brand. Die Schüsse des Lyzeumsschülers Gavrilo Princip 227

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.