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16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 183 - 210

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-183

Tectum, Baden-Baden
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Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte Leiden sind Lehren, Äsop Geschichte wiederholt sich nicht, lautet ein allgemeiner Satz. Aber Ge‐ schichte besteht immer auch aus Beispielen. Unter ähnlichen Bedin‐ gungen brechen Mechanismen durch, die erklärbar sind aufgrund von Regeln, die, Naturgesetzen gleich, sich im Sturm der Ereignisse nicht ausser Kraft setzen lassen. Dann kommt es zum Beispiel. Und sein We‐ sen besteht darin, dass es sich wiederholt. Es ergibt sich parallel zu je‐ nen Elementen bei Ereignissen und in der Geschichte, die einmalig sind. Als Peter Scholl-Latour im Fernsehen darauf angesprochen wurde, wie schrecklich doch die Zeit für ihn gewesen sein müsse, als er von der nationalsozialistischen Gestapo aus der Wehrmacht entfernt und ins Zwangslager geworfen und gefoltert worden sei, entgegnete der Schriftsteller in ungebrochen frischem Ton: „Nein, das war nicht schrecklich, das war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Denn ich lernte dort die Menschen kennen, wie sie sind.“ Scholl-La‐ tour meinte natürlich nicht ein Kennenlernen wie bei Ferienbekannt‐ schaften und Dienstausflügen, das Kennenlernen im Alltag. Er wies auf die tieferen Schichten hin, die ihre schreckliche oder gute Qualität als Mechanismen, die Regeln unterliegen, gerade im Ausnahmefall oder eben in der Extremsituation erst klar aufscheinen lassen. Dass Stalin einen Extremfall in der Geschichte darstellt, steht aus‐ ser Zweifel. Dass dieser Diktator bis heute umstritten ist, macht seine Biographie im Sinne Scholl-Latours noch interessanter. In einem russi‐ schen Gedicht heisst es: “Stalin – unsere Stärke, unsere Liebe, unsere Verehrung, unser Herz, unser Heldenmut, unser Leben Dir. Wir geben sie Dir. Nimm sie grosser Stalin.“ Aber auch im Westen, bei uns, wurde der grosse kommunistische Führer tief bewundert. „Unter der Leitung Stalins ist zum ersten Mal Wirklichkeit geworden, was einst nur der Traum der kühnsten und 16. 183 besten Menschen gewesen ist: Der Aufbau einer Gesellschaft, wo ein Mensch nicht mehr ausgebeutet werden kann durch den nächsten.“ (Vorwärts, 20. 3. 1947) Als Stalin auf dem Sterbebett lag, betete der Papst für ihn. Das war ein nicht unwesentlicher Tenor westlicher Medien und auch westlicher Historiker. 1953 schrieb die Neue Zürcher Zeitung an‐ lässlich seines Todes: „Stalin wird einen bedeutenden Platz in der rus‐ sischen Geschichte behaupten; als ein aus Revolution und Massenbe‐ wegung hervorgegangener Diktator ist er Napoleon an die Seite zu stellen und dem zeitgenössischen Hitler als Staatsmann und Persön‐ lichkeit unzweifelhaft überlegen.“ Ab 1954 werden grosse Teile der Medien und der Geschichtsschreibung zurückhaltender. Jetzt ist die Rede vom „Gewandelten Stalin-Bild“ (Die Tat, 6. 3. 1954), vom „zer‐ störten Mythos“ (NZZ, 6. 4. 1956) oder von der „Neuschreibung der Geschichte der Sowjetunion“ (NZZ, 18. 8. 1957). 1961 heisst es: „Mar‐ schall Stalin war ein Dilettant“ (Vaterland 21. 6.), „Die Sonne Stalins ist erloschen“ (Frankfurter Allgemeine, 2. 11.) und „Stalin wird ausge‐ löscht“ (Neue Zürcher Nachrichten, 3. 11.). Der Schatten und die Erin‐ nerung an diesen Gewaltherrscher der Weltgeschichte geistern unauf‐ hörlich weiter und auch der Zwiespalt über ihn: „Leistungen und Ver‐ brechen des russischen Diktators“, lautete eine Überschrift 1963. (Die Welt, 5. 3.) Während die deutsche faschistische Diktatur grundsätzlich mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden konnte, gibt es nach wie vor Stali‐ nisten, die eine zwar geringe, aber politisch längst nicht völlig verfemte Bedeutung geniessen. Das Janus-Gesicht Stalins wurde allerdings punktuell frühzeitig erkannt und dessen schreckliche Kehrseite mit markanten Worten gegeisselt: Der ehemalige jugoslawische Vizepräsi‐ dent Djilas, der im Auftrag Titos mehrmals mit Stalin zusammenge‐ troffen war, nannte Stalin „den grössten Verbrecher der Geschichte“ und verglich ihn mit einem Kaiser Caligula, mit Cesare Borgia und Iwan dem Schrecklichen. Trotzki, immerhin Stalins Revolutionskame‐ rad, sprach von Stalin als der „unheilvollsten Figur der menschlichen Geschichte“. Auch er stellte ihn an die Seite eines Borgia sowie eines Kaiser Nero, die aber geradezu „bescheiden“ und „fast naiv“ erschei‐ nen würden gegenüber den Verbrechen Stalins und seiner Diktatur, dem „verlogensten Regime der Weltgeschichte“. 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 184 Sei es auf Grund des Standes der Kenntnisse oder seien es Trends von politischen Standpunkten, Wandlungen und Interessen, Geschich‐ te wird in jedem Fall auch hier immer wieder umgeschrieben. Ein Ge‐ schichtsbild, das heute noch gilt, wird morgen schon völlig abgelehnt. Nicht zufällig ist es ein Psychiater, ein Wissenschaftler, der gerade hin‐ ter die vordergründigen Erscheinungen zu blicken versucht und nach Grundmechanismen forscht, der Zürcher Arzt Adolf Guggenbühl- Craig, welcher anmerkt, es sei nicht auszuschliessen, dass plötzlich auch ein Hitler wieder anders betrachtet werden könnte und Zustim‐ mung erfahren würde. (Tages Anzeiger-Magazin, Zürich, 16. 11. 1974) Stalin hat eine doppelte Beispielfunktion. Gerade wegen der be‐ sonderen und andauernden historischen Zwiespältigkeit lädt sein Fall dazu ein, Grundmechanismen bei ihm ebenso wie bei uns Menschen, die wir die Geschichte betrachten, freizulegen. Die Historiker vieler Länder sind in den letzten Jahren nicht müde geworden, die Untaten der grössten Diktatoren des 20. Jahrhunderts gegeneinander abzuwägen. Interessant ist, dass die geschätzte Zahl der Opfer in letzter Zeit kontinuierlich angestiegen ist. Interessant ist auch, dass nicht derjenige, welcher am meisten Tote auf dem Gewissen hat, am schlechtesten wegkommt im Spiegel der gegenwärtigen Intelligenz und der Öffentlichkeit. Schätzte Djilas 1978 die Zahl der Opfer Stalins noch auf rund 30 Millionen eigene sowjetrussische Bürger, so spricht das „Schwarzbuch“ des französischen Historikers Stéphan Courtois 1997 bereits von 100 Millionen Toten Stalins und stellt sie jenen Hitlers gegenüber, die 25 Millionen ausmachen. Courtois fügt an, dass sich „die Nazis von den Kommunisten“ bezüglich der Massenverbrechen hätten inspirieren las‐ sen. Das verbindende Kennzeichen, die totale Bejubelung eines einzi‐ gen Systems oder eines einzigen Mannes, welche sich zum Ziel setzen oder vorgeben, die Welt endgültig zum Glück zu führen, ist vielleicht der entscheidende Grund, warum sich dann das pure Gegenteil, die Hölle auf Erden, auftut. Solche sogenannten geschlossenen Gesell‐ schaften sind letztlich das Hauptproblem, und sie können tausendfach maskiert sich über lange Zeit harmlos oder gar gutmenschartig vorbe‐ reiten, bis dann der Durchbruch zur Schreckensherrschaft erfolgt. Der Westen und Amerika tun gut daran, nicht allzu selbstherrlich und 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 185 selbstgerecht sich für alle Zukunft über alle Zweifel erhaben zu fühlen. Schurkengebilde und Schurkenstaaten, so zeigt das vorliegende Bei‐ spiel Stalin, können sich unverhofft auch dort ergeben, wo man es gar nicht erwartet. Oder wie der diesbezüglich unverdächtige, weil sozia‐ listische Schriftsteller Ignazio Silone schon 1945 äusserte – ich wieder‐ hole es: „Der künftige Faschist wird sich Antifaschist nennen.“ Kindheit zwischen Suff und Sünde Das Klima ist mild, mediterran. In rund einer Stunde Auto- oder Ei‐ senbahnfahrt gelangt man von der georgischen Hauptstadt Tiflis in nordwestlicher Richtung längs der munter entgegenfliessenden Kura nach Gori. Dieses Landstädtchen glich um 1900 mit seinen krummen Gassen, weit auseinanderliegenden Gehöften und den reichhaltigen Obstgärten mehr einem grossen Dorf. Hier wohnte Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, der sich später Stalin, der Mann aus Stahl, nannte, mit seinen mittellosen Eltern in einer erbärmlichen einzimmerigen Hütte aus Holz und Lehm. Obwohl der Vater Wissario ein selbständiger Handwerker und Schuster war, vermochte er immer weniger seine Fa‐ milie mit dem Gewerbe durchzubringen. Jekatherina wurde wie die meisten Georgierinnen frühzeitig Mutter. Aber die Kinder starben je‐ des Mal bereits in der Wiege. Als sie 20 Jahre alt war, wurde am 21. Dezember 1879 Josef, das vierte Kind geboren. Es überlebte, trug aber eine Missbildung am Fuss davon. Und am linken Arm stellte sich früh eine weitere Behinderung ein, so dass die zaristische Armee je‐ denfalls später von einer Aushebung absah. So hat ein schweres Leben vielleicht den Vater früh verhärtet. Jedenfalls verfiel er immer mehr der Trunksucht. Böse geworden, schlug er das Kind übermässig oft, ungerechtfertigt und hart. Der Knabe hegte mehr Groll und Bitterkeit gegenüber seinem Erzeuger als Liebe und Respekt. Da wurde der Vater bei einem Streit in Tiflis erschlagen, als Josef 11 Jahre alt war. Für die kleine Familie bedeutete dies nicht Trauer, sondern endli‐ ches Aufatmen. Die Mutter hatte schon vorher mit Waschen und Nä‐ hen für Miete und Unterhalt aufkommen müssen. Jetzt sah sie ihre ganze Lebenserfüllung in der Hege und Pflege des Kindes. Nie sollte 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 186 Josef Schuster werden. Wörtlich äusserte sie: „Ich wollte nur eins: er sollte Priester werden.“ Die Härte des Lebens liess Jekatherina Trost und Zuversicht in der Religion und bei der Kirche suchen. Zehn Jahre später sollte abermals eine einfache Mutter, wenn auch nicht so arm, in Österreich, für ihr Kind diesen Beruf erträumen: Hitlers Mutter wünschte für ihren Sohn gleichfalls die Pfarrerlaufbahn. Der von tiefer Frömmigkeit erfüllten Jekatherina gelang es, Josef in die Pfarrschule zu schicken. Und die Pfarrschulen bereiteten gezielt auf die Priesterseminare vor. Im alten Russland herrschte in den Pfarr‐ schulen eine erschreckende Rohheit. Schmutz, Kälte und Hunger wa‐ ren an der Tagesordnung. Bei vielen Zöglingen – Stalin war da keines‐ wegs allein – entwickelte diese Schulzeit Misstrauen, Verstellung, Feindseligkeit und Hass gegen die Gesellschaft und den Staat schlecht‐ hin. Wörtlich äussert Trotzki in seiner zweibändigen Biographie über Stalin: „Alle von der Heiligen Schrift verdammten Laster blühten auf diesen Mistbeeten der Frömmigkeit.“ Diese Einschätzung Trotzkis be‐ legt der russische Schriftsteller Pomjalowski eindrücklich in seinen „Skizzen aus der Pfarrschule“. Der neue Ausweg: Sozialismus Der Vater hatte seine Lebenserfüllung nicht gefunden. Die Mutter fand sie in der Kirche. Stalin wurde der beste Schüler in der Pfarrschule. Ohne Probleme schaffte er 1893, er ist jetzt 14 Jahre alt, die Aufnahme ans Priesterse‐ minar in Tiflis. Dank der ausgezeichneten Noten von der Pfarrschule wird Josef mit voller Pension – Kleider, Schuhe und Lehrbücher inbe‐ griffen – aufgenommen. Iremaschwili, sein Schulkamerad, schreibt: "Das Leben in der Schule war eintönig und düster. Tag und Nacht von Kasernenwänden umgeben, fühlten wir uns wie unschuldig zu jahre‐ langer Haft verurteilte. … Das Lesen georgischer Literatur und Zeitun‐ gen hatte die zaristische Schulinspektion verboten. … Sie fürchteten, dass unsere jungen Gemüter von der Idee der Freiheit und Unabhän‐ gigkeit unseres Landes und den neuen sozialistischen Lehren ange‐ steckt werden könnten. … Wir verbargen unsere Gedanken hinter den devoten Mienen, die wir vor den wachsamen Mönchen zur Schau tru‐ Der neue Ausweg: Sozialismus 187 gen." Die seminaristischen Erziehungsmethoden basierten auf dem je‐ suitischen System der Zähmung junger Seelen, das aber äusserst roh und primitiv angewandt wurde: Dunkelzelle, schlechte Noten, die alle Hoffnungen zunichtemachten, und schliesslich der Rauswurf waren Alltag. Mancher körperlich Schwache wanderte aber auch unmittelbar vom Seminar auf den Friedhof. In diesen Jahren um die Jahrhundertwende gärte es in Georgien genauso wie im ganzen übrigen Russland. Im Kaukasus war das Tifli‐ ser Priesterseminar aber just zum Hauptherd marxistischer Anste‐ ckung geworden. Es dürfte naheliegen, dass für Josef Stalin, der abermals vom Leben hart bedrängt wurde, der Ausweg in den Sozialismus sich geradezu aufdrängte. Das ganze Volk in Georgien war damals von tiefer sozialer und nationaler Unzufriedenheit erfasst. Die grobschlächtige zaristische Bürokratie provozierte die kräftigen und unabhängigen grusinischen Bergler noch mehr als andere innerrussische Ethnien. Wie überall in Europa brachen die Schäden, welche aus der Unüberbrückbarkeit zwi‐ schen moderner technologischer Entwicklung und gesellschaftlicher Verharrung resultierten, offen durch. Jesuitische Scholastik und logi‐ sche Deduktion, wie sie die Seminaristen in Tiflis beherrschten, waren eine optimale Vorbereitung zur Aufnahme der Rezepte, welche der So‐ zialismus nun in den Lehren von Marx und Engels lieferte. Stalin besorgte sich Bücher ausserhalb der Schule. Das war streng verboten. Als man bei ihm Victor Hugos "Sklaven der Seefahrt" ent‐ deckte, sperrte man ihn für längere Zeit in die Dunkelzelle. Er hatte Zeit, über sich und die Welt nachzudenken. Josef machte die Bekanntschaft mit Mitgliedern der Sozialdemo‐ kratischen Partei in Tiflis, die, vor der Ochrana, der Geheimpolizei des Zaren, verborgen, ihre illegale Tätigkeit ausübte. Von der Partei erhielt er verbotene sozialistische Literatur, die er abermals ins Seminar schmuggelte. Ständiger Überwachung und Bespitzelung ausgesetzt, war es nur eine Frage der Zeit, bis er von den berüchtigten Aufsehern ertappt wurde. So flog er mit zwanzig Jahren, ein Jahr vor der Abschlussprü‐ fung, wegen Unzuverlässigkeit aus dem Priesterseminar. Die Priesterkarriere war zerbrochen. Mit nicht wenigen anderen Leidensgenossen stand er, gesellschaftlich deklassiert, voller Hass und 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 188 Kampfbereitschaft gegen die zaristische Gesellschaft, auf der Strasse. Da reichte eine bescheidene Anstellung am Observatorium in Tiflis Ende 1899 nicht mehr, um ihn in die herrschenden Verhältnisse von Staat und Gesellschaft zu integrieren. Terrorkrieg gegen das System Der Weg war frei, Revolutionär zu werden. Dem Druck von oben folg‐ te der Terror von unten. Im Kaukasus, wo romantische Überlieferun‐ gen von Strassenraub und Blutrache sehr lebendig waren, fanden sich für einen eigentlichen Guerillakrieg unerschrockene Kämpfer in belie‐ biger Menge. In den Revolutionsjahren zwischen 1905 und 1908 wur‐ den hier allein 1150 Terroranschläge gezählt. Stalin hielt sich in Tiflis auf; er gewinnt die Arbeiter für die revolutionären Ideen. Damit wird auch der Weg frei für die Gefängnisse des Zaren, in die Verbannung nach Sibirien oder zum Galgen. Stalin ist in Tiflis nicht mehr sicher. Er setzt sich – stets im Untergrund – nach Batum ab, wird aber doch er‐ wischt und das erste Mal ins Gefängnis geworfen. Wie in der Pfarr‐ schule, wie bei den Arbeitern, so ist er auch im Gefängnis im Umgang mit den Leuten höchst erfolgreich. Die neue Karriere wird im Gefäng‐ nis nicht gestoppt, sondern wie durch einen Katalysator beschleunigt und gestärkt. Ende 1903 entlassen, geht der revolutionäre Kampf für Stalin bei der Arbeiterschaft praktisch nahtlos weiter. Obwohl im tie‐ fen Winter in die unendlichen Einöden Sibiriens verschickt, in die eisi‐ ge Kälte des Bezirks Balagansk im Gouvernement Irkutsk, gelingt ihm innert weniger Wochen die Flucht zurück nach Tiflis. Während sich andere Gefangene und verschickte Mitrevolutionäre "in den sauberen sibirischen Bauernhäusern" (Christian Windecke, Wie Stalin wurde, Bern 1943, aber ähnlich auch Trotzki) oft für Jahre einrichten mussten, gelang Stalin in den folgenden Jahren rund fünf Mal fast reibungslos die Flucht. Blieb er doch einmal längere Zeit, so berichten die Quellen von geradezu idyllischem Müssiggang Stalins beim Fischen oder Um‐ herstreifen in den Wäldern als Jäger auf der Pirsch nach Wild. 1905 wird er als Delegierter der Sozialdemokratischen Partei des Kaukasus zu einer Konferenz für ganz Russland nach Tammerfors in Finnland entsandt. Erstmals trifft Stalin mit dem Grössten aller Revo‐ Terrorkrieg gegen das System 189 lutionäre, Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, zusammen, der, zumeist aus dem Ausland, die Fäden der entflammten revolutionären Kräfte für das Zarenreich mit eiserner Faust zusammenhält. Die Revolution kostet. Die Revolution ist Krieg. Und Geld ist der Nerv des Krieges. Bis zur Revolution von 1905 war die revolutionäre Bewegung hauptsächlich vom liberalen Bürgertum und der linkslibe‐ ralen Intelligenz finanziert worden. Jetzt waren diese Kreise in den progressiven Teil der Duma, das neu gegründete Parlament, eingebun‐ den. Sie hatten sich von den Revolutionären abgewandt. Unter diesen Umständen war die einzige Möglichkeit, der Revolution weitere mate‐ rielle Mittel zuzuführen, sich mit Gewalt in den Besitz von Geld zu bringen. Die Zeit der asymmetrischen modernen Kriege, wie sie heute etwa der deutsche Politologe Herfried Münkler in seinem Buch "Die neuen Kriege" beschreibt, ist angebrochen. Privatleute und private Kriegsun‐ ternehmer greifen den Staat an, und zwischen den Lagern bei dieser neuen Kriegsform herrscht in keiner Weise eine Gleichheit, ja sie sind nicht einmal vergleichbar. Die Asymmetrie ist ein Hauptmerkmal. Es gibt keine professionellen Feldschlachten. Deren Regeln sind ausser Kraft gesetzt. Die Terroristen, diese neuen Kriegsherren, regeln das Spiel neu. Die alten russischen Revolutionäre in ungeheurem Ausmass überbietend, agieren Al Kaida, die Taliban und der IS mit Usama bin Laden als Spiritus Rector und mythischer Heldenfigur auf ebenfalls asymmetrischer Ebene in der heutigen Zeit. Und diese völlig neuarti‐ gen Kämpfer geben ein Beispiel hierfür, wie tausendfach multipliziert, früherer Terror allein von der Wirkung her in neuer Dimension noch zu überbieten ist. Trotzki, der engste Weggefährte und spätere Kriegsminister Lenins, argumentiert in Bezug auf die Mittelbeschaffung im Krieg, dass es sich dabei nicht um eine Frage der allgemeinen Moral handle. Alle Parteien würden das Problem des Mordes nicht vom Standpunkt der biblischen Gebote, sondern im Hinblick auf ihre politischen Interessen angehen. "Als der Papst und seine Kardinäle die Waffen Francos segneten," so Trotzki, "hat keiner der konservativen Staatsmänner vorgeschlagen, sie wegen Anstiftung zum Mord ins Gefängnis zu schicken." Hieraus re‐ sultierte die Überlegung, dass derjenige, der für eine andere, neue Idee kämpft, diesen Kampf gutheissen muss. Der Krieg der Revolution und 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 190 damit der Krieg des Terrors findet so seine logische und gefährliche Legitimation. Dennoch bleibt bei jedem Menschen ein instinktiver Reflex, der ihn vor Raubüberfällen und weiteren Gewalttaten zurückschrecken lässt. Der Revolutionär als Gewalttäter ist ein Grenzgänger. Mit einem Fuss steht er noch im alten, herrschenden System, mit dem anderen weilt er schon in der revolutionierten Zukunft. Olminsky, ein anderer Kampfgenosse Lenins schrieb: „Zahlreiche ausgezeichnete junge Ge‐ nossen sind dem Galgen zum Opfer gefallen, … sind … verkommen, viele haben den Glauben an die Revolution verloren.“ Und das Haupt‐ problem steht ungelöst im Raum, wenn er fortfährt: "Die Öffentlich‐ keit stellt schliesslich die Revolutionäre mit gewöhnlichen Banditen auf die gleiche Stufe." Unter solchen und weiteren Diskursen der Revolutionäre rollen die Jahre dahin. Wie andere intellektuellen Revolutionäre schreibt Sta‐ lin Artikel und Aufsätze. Er ist Journalist und Agitator. Aber vor allem und trotzdem: seine Bedeutung ist sehr bescheiden. Noch ist er – ganz im Gegensatz zu Lenin und Trotzki – kaum jemandem in der grossen Welt bekannt. Da schiesst sich der Siebenundzwanzigjährige – es ist das Jahr 1907 – mit einem, wenigstens für die damalige Welt- furchtbaren Ver‐ brechen am 12. Juni auf dem Eriwan-Platz in Tiflis den Weg frei für eine Karriere, wie sie sich atemberaubender in der Weltgeschichte nie ereignet hat. Marsch zu den Schalthebeln der Macht Durch geeignete Mittelsmänner und Vertrauensleute hatte Stalin her‐ ausbekommen, an welchem Tag ein neuer Geldtransport die Strassen von der Post bis zur Staatsbank passieren würde. Der Ablauf der Tat wurde generalstabsmässig vorbereitet. Es war 10 Uhr 45 vormittags, als eine Kosakenabteilung den Geldtransport begleitete. Mit der Präzision eines Uhrwerks wickelte sich nun die ganze Operation ab. In exakt vorausberechneten Zeitabständen detonierten mehrere Bomben von ausserordentlicher Sprengkraft. Der Bombeneinsatz wurde begleitet von zahlreichen Revolverschüssen. Der Anführer dieser Gewalttat vor Marsch zu den Schalthebeln der Macht 191 Ort, der armenische Revolutionär Petrossjan, der Offiziersuniform trug, stand mitten auf dem Platz und behielt alle Bewegungen der Be‐ gleitmannschaft und seines Überfallkommandos im Auge. Schon vor dem Angriff war er bemüht, mit geschickten Zurufen die Neugierigen fernzuhalten, um Menschenleben zu schonen. Dennoch fielen über 50 Personen der Gewalttat zum Opfer. Petrossjan war eng mit Lenin und der Krupskaja, dessen Frau und Weggefährtin, befreundet. Kurz vor dem Aufsehen erregenden Terror‐ anschlag in Tiflis weilte er bei ihnen in Finnland. Mit Waffen und Sprengstoff versehen, war er zurückgekehrt. Stalin aber war der Initi‐ ant und Organisator dieser Expropriation, dieser Enteignung, wie die Revolutionäre solche Taten schamhaft bemäntelten. Petrossjan war sei‐ ne rechte Hand auf dem Schauplatz. Nach dem Überfall konnte kein einziger Täter verhaftet werden. Das Geld, 341'000 Rubel, kaufkraft‐ mässig von heute aus betrachtet eine Millionensumme, wurde vor‐ übergehend unter dem Sofa des Direktors vom Observatorium ver‐ steckt. Es war derselbe Direktor, bei dem der junge Stalin seinerzeit als Buchhalter gearbeitet hatte. Nie wurde von der zaristischen Polizei auch nur eine Spur, die zu den Tätern geführt hätte, entdeckt. Die Re‐ gie Stalins war perfekt. Stalin selbst nahm keine einzige Kopeke von dem Geld an sich. Es floss im Wesentlichen direkt in Lenins Kriegskasse, so auch in die Schweiz, wo dieser seinen zentralen Hauptsitz von 1916 bis 1917 an der Spiegelgasse in Zürich hatte. Damit begann die engere Freundschaft zwischen Stalin und Lenin. Lenin muss durchaus zufrieden gewesen sein, als ihn das Telegramm mit der Mitteilung erreichte, dass die Beute eingebracht worden war ohne ein einziges Opfer auf Seiten der Revolutionäre. Auf diesen Zeit‐ punkt zurück wird auch das Zitat Lenins datiert, der ausrief: "Welch prächtiger Georgier!" Lenin schätzte Männer der Tat. Er sah in Stalin einen Mann, der imstande war, bis zum Äussersten zu gehen und an‐ dere so zu dirigieren, dass sie vor nichts zurückschreckten. Lenin musste erkennen, dass der "prächtige Georgier" einmal sehr nützlich sein könnte. Dennoch trat ein, was nicht zu vermeiden war. Im Kreis auch der Bolschewisten waren diese Expropriationen umstritten. Tiflis erschien nur als Spitze derartiger Freveltaten, so dass die Auseinandersetzungen 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 192 darüber die Atmosphäre in der Partei auf lange Zeit vergifteten. In ganz Europa kamen die Russen ins Gerede. "Der Durchschnittsschwei‐ zer", schrieb die Krupskaja, "war zu Tode erschrocken. Man sprach nur noch von den russischen Expropriateuren. Auch in der Pension, wo Il‐ jitsch und ich assen, wurde mit Schrecken davon gesprochen." Lenin selbst war denn auch zurückhaltender als Stalin. Das kaukasische ge‐ walttätige Abenteurertum lag weniger auf seiner Linie. Für Stalin sah die Sache anders aus. Für ihn war die Partei einer‐ seits ein Apparat für das Leben und den Kampf der Massen; anderer‐ seits bildete dieser Apparat das revolutionäre Kampfinstrument, um die Geldmittel zu beschaffen. Dieser andere Kampf kann auch als Par‐ tisanenkrieg gesehen werden. Und hier war Stalin in seinem Element. Für seine Laufbahn jedenfalls hatte Stalin den Durchbruch ge‐ schafft. Er stösst rasch in die oberste Führungsriege um Lenin auf. Im Februar 1917 überstürzen sich die Ereignisse in Russland. Eine zweite Revolution fegt den Zaren vom Thron. Eine liberal-sozialisti‐ sche Regierung unter Ministerpräsident Kerenski kann sich nicht durchsetzen. Lenin hatte sofort den Kampf gegen sie aufgenommen. Hartnäckige Umsturzversuche misslingen zunächst. Die Macht Lenins ist aber selbst vom Ausland aus so gross, dass die Agitation schliesslich Erfolg hat: Am 25. Oktober besetzen aufständische Truppen schlagar‐ tig alle Schlüsselpositionen in Petersburg. Stalin hielt sich auch diesmal im Hintergrund. Solange der Prozess unkalkulierbar bleibt, hält er sich verborgen. Sein Erfolgsrezept war, sich optimal und möglichst unbe‐ helligt für die Zukunft zu reservieren. So wahrte er seine Machtchan‐ cen. Nikolaj Suchanow, der Chronist jener Periode, äusserte: "Während der Zeit seiner bescheidenen Tätigkeit … machte er (Stalin) den Ein‐ druck eines grauen Flecks, der gelegentlich auftaucht und dann wieder verschwindet." Jetzt trat Stalin auf die Bühne. Die Machtverhältnisse waren geklärt, seine Beziehungen zur neuen Führung gefestigt. Am 26. Oktober übernimmt ein bolschewistischer Rat der Volkskommis‐ sare die Macht. Lenin ist der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare. Trotzki übernimmt das Kommissariat für Äussseres, Stalin jenes für Nationali‐ tätenfragen. Ganz offen beginnen nun Theorie und Praxis bei Stalin auseinan‐ der zu driften. Er, der in seinen Artikeln sich so vehement zum Vor‐ Marsch zu den Schalthebeln der Macht 193 kämpfer des Selbstbestimmungsrechts der vom Zarismus unterdrück‐ ten Völker gemacht hatte, zwang jetzt nach der Machtübernahme aus‐ gerechnet die kaukasischen Völker, insbesondere seine Heimat Georgi‐ en, besonders brutal unter die russische Knute. Die persönliche Sicher‐ heit und Macht spielen eine immer grössere Rolle. Als einziger aus dem bolschewistischen Führungskreis erreichte er eine Ämterkumula‐ tion, die ihm gewaltige Machtbefugnissse verleiht. 1919 Mitglied des Politbüros und des Organisationsbüros geworden, übernahm er das 1922 neu geschaffene Amt des Generalsekretärs der Partei. Seine Posi‐ tion machte ihn neben Lenin zum mächtigsten Mann in Russland. Der Einzige, der Stalin noch bändigen kann, ist Lenin. Die rück‐ sichtslosen Methoden Stalins im Bürgerkrieg, der das Land seit der Re‐ volution peitscht und schlägt, erregen immer mehr das Missfallen Le‐ nins. Dabei geht auch Lenin keineswegs zimperlich vor. Bereits auf Le‐ nins Konto gehen Millionen Tote im Bürgerkrieg. Die Zeiten sind seit 1900 brutaler geworden. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Dass ins‐ besondere in Russland jetzt nur Diktatur, Gewalt und Terror zum Ziel führen konnten, davon war auch Lenin überzeugt. Die berüchtigte Ge‐ heimpolizei des Zaren, die Ochrana, wurde durch die viel berüchtigte‐ re Tscheka ersetzt. Der Mann, der Stalin misstrauisch gegenübersteht, ist Leo Dawi‐ dowitsch Bronstein, genannt Trotzki, der charismatische, hochbegabte Schriftsteller, weltgewandt und viel idealistischer als der nüchterne, be‐ rechnende und durchaus auch beamtenhafte Stalin. Mit Stalin und Trotzki stehen sich plötzlich zwei unversöhnliche Todfeinde gegenüber. Man kann nicht genug betonen, wie hart, düster und grausam die‐ se Zeit in der jungen, im Entstehen begriffenen Sowjetunion war. Alex‐ andra Rachmanowa, die illustre Zeitzeugin dieser Jahre in Russland, schildert an unzähligen Beispielen, wie schrecklich die Parteien im Bürgerkrieg sich gegenseitig niedermetzelten. Regiment gegen Regi‐ ment, Kompanie gegen Kompanie. Mann gegen Mann. Um die Ver‐ hältnisse noch zu verschärfen: Der Genosse selbst konnte zum übels‐ ten und tödlichen Feind werden. Das ist das Prinzip des Terrors. Nie‐ mand ist vor niemandem mehr sicher. Die Revolution frisst ihre eige‐ nen Kinder. Und die Macht eines kleinen Bürochefs war eine Macht über Leben und Tod. Nüchtern und doch einfühlsam schildert Alja Rachmanowa, wie eine Sekretärin, die sich vertippt hatte, eine Stunde 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 194 später vor dem Erschiessungskommando endete. Solche überlieferten Beispiele sind Legion. Tschekisten und Tschekistinnen marterten Tag und Nacht Tausende zu Tode. Der Tod machte vor niemandem halt. Die Opfer von heute waren noch die Täter von gestern. Und was wa‐ ren diese Folterknechte für Leute? Es waren im Regelfall ganz gewöhn‐ liche, kräftige, zufriedene Burschen, die ihr elendes Handwerk verrich‐ teten, als pflanzten sie im Garten Rosen. Damit kann man bereits einen Bogen zum Despoten werfen. Sah etwa Stalin unglücklich oder grausam aus? Er war ein ganz gewöhnli‐ cher Mann. Und man muss schon lange in seinen Gesichtszügen lesen und suchen und mit eigenem bösem Blick hineininterpretieren, es ge‐ be hier keine Zufriedenheit oder Glück. Der Wunsch von uns Men‐ schen, denjenigen, den wir als Bösewicht erkannt zu haben glauben, auch als unglückliches Geschöpf disqualifizieren zu können, bleibt eben nur zu oft Wunschdenken. Es ist durchaus denkbar, dass, wenn der Vater Wissario sein Kind Josef nicht geschlagen hätte, der spätere Stalin auch nicht geschlagen hätte, und Josef alsbald rascher als irgendjemand, selbst hätte erschla‐ gen werden können. Es ist ein verhängnisvolles Axiom der Aufklä‐ rung, mit Vernunft das Böse endlich aus der Welt befördern zu kön‐ nen. Jean Baudrillard warnt in seinem Buch „Der Geist des Terroris‐ mus“ ausdrücklich vor dieser linksliberalen Überheblichkeit, die er auch schlicht als naiv bezeichnet. Wir sind eben auch heute im Westen und in der säkularisierten, ehemaligen christlichen Welt nicht Men‐ schen, die mit Demokratie und Menschenrechten nun endlich in den Hauptbahnhof der Weltgeschichte eingefahren wären. Und eine solch säkularisierte Welt war eben auch die werdende Sowjetunion. Auch Überheblichkeit war ihr eigen. Doch die Zeiten wurden von Jahr zu Jahr schlechter. Von den Menschenrechten blieb nicht einmal mehr gewöhnliches Recht übrig. Das, was der General‐ staatsanwalt Wyschinski als Recht proklamierte, war der reine Hohn auf das, was man im Entferntesten als Restbestand von Recht zu be‐ zeichnen vermöchte. Stalin ist dabei nur die eine Seite der Medaille. Die andere war der neue Mensch, das neue System. In diesem selbst steckt der bis zum Ex‐ zess getriebene seelenlose, über allem stehende technologische, leni‐ nistische Fortschrittswahn: Sowjetmacht ist Kommunismus plus Elek‐ Marsch zu den Schalthebeln der Macht 195 trizität. Insofern ist diese eine Seite eines nackten Materialismus, in welchem nur noch Gewinn und Macht zählen, bis in die heutige Glo‐ balisierung hinein, die jetzt wie von einem Zwillingspaar des ehemali‐ gen Ostens vom Westen ausgeht, ungebrochen und verhängnisvoll in Kraft. Das Zerwürfnis mit Lenin Der Bürgerkrieg tobt. Und Stalin, der nie auch nur einen Tag lang Sol‐ dat war, nie eine militärische Ausbildung genossen hatte, ist über Nacht militärischer Organisator, Heerführer und Feldherr geworden. Jetzt ist der perfekte Organisator des Partisanenschlags und Verbre‐ chens von Tiflis, dieser „prächtige Georgier“ höchst nützlich gewor‐ den. Stalin eilt von Front zu Front. Selbstverständlich ist er nicht allein. Die zaristischen Generäle und Stäbe wurden übernommen. Aber rhe‐ torisch geschickt werden sie als Spezialisten bezeichnet. Sie sind nur Gehilfen der neuen siegreichen Machthaber. Jedoch muten die Zeiten unter dem Zaren geradezu idyllisch an, gegenüber dem, was sich jetzt abspielt. Die Bolschewisten greifen mit brutaler Härte durch. Stalin nützt die Armee wie ein Städter, der nie zuvor ein Pferd gesehen hat, es aber einem armen Bauern gestohlen hat und nun zu äusserster Kraft‐ anstrengung antreibt, so wie es der Kenner, der Bauer, selbst nie getan hätte. Wie ein Berserker treibt er die Offiziere an, „mistet“, so der Ori‐ ginalton Stalins, „die Pferdeställe der Militärbehörden aus“, und klagt, dass „die Spezialisten zu einer energischen Kriegführung gegen die Konterrevolutionäre psychologisch unfähig“ seien. Sie könnten „nur Karten zeichnen und Truppenumleitungspläne aufstellen“. Er sah, wie der Stab im Nordkaukasus sich um die Gefechtshandlungen zu wenig kümmerte und den Dingen unbeteiligt gegenüberstand. Dabei war der Befehlshaber im Kaukasus, Kalnin, bereits vom Nachschub abgeschnit‐ ten. Stalin beschimpft die Berufssoldaten als „Schuster“, stampft mit beispiellosem Einsatz ganze neue Regimenter, Brigaden und Divisio‐ nen aus dem Boden. Er allein bestimmt deren Kommandeure. Und vor allem: er gewinnt Zarizyn, das später Stalingrad heissen wird, befreit es von den Konterrevolutionären. Mit absoluten Vollmachten ausgestattet, ist Stalin mit zwei Panzerautos und Gefolge unterwegs. Und dieses Ge‐ 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 196 folge besteht zu einem nicht geringen Teil aus den Mörderbanden der Tschekisten, die alles niedermachen, was sich auch nur verdächtig macht. Also häufen sich auch die Klagen, die aus dem Süden bei Lenin und Trotzki, dem neuen Kriegsminister, eintreffen. Trotzki, kurz zuvor noch Aussenminister, fuhr jetzt unermüdlich in seinem legendär ge‐ wordenen Panzerzug durch die unendlichen Weiten des Reiches, häu‐ fig dorthin, wo es am gefährlichsten war. Seine Aufgabe war, eine neue Gesamtarmee, die Rote Armee, zu gründen. Und in der Tat, innerhalb von nur zwei Jahren brachte er diese auf zwei Millionen Mann. Trotzki und Stalin stiessen von Anfang an auf gegenseitige persön‐ liche Antipathie. Hinzu traten theoretische Differenzen wie Stalins These vom „Sozialismus in einem Land“. Die zwei Königskinder spür‐ ten bald, dass letztlich nur einer von ihnen überleben konnte. Eine Lö‐ sung des Problems hätte allein bei Lenin gelegen. Die Autorität des Al‐ ten, wie er genannt wurde, stand über allem und jedem. Seine Macht‐ position war unantastbar. Da traf Lenin im Mai 1922 ein Schlaganfall. Die Krankheit schalte‐ te ihn praktisch von der Politik aus. Als er im Dezember einen weite‐ ren Schlaganfall erlitt, ist er bereits todkrank. Dennoch diktierte er Briefe und Artikel. Ein letztes Mal versucht er die Weichen zu stellen. In einer Art Testament warnt er vor Stalin: „Seitdem Genosse Stalin Generalsekretär geworden ist, vereinigt er in seiner Hand eine unge‐ heure Macht, und ich bin nicht davon überzeugt, dass er diese Macht immer mit der gebotenen Vorsicht zu nützen wissen wird.“ In einem späteren Zusatz drängt er ganz direkt auf eine Auswechslung Stalins. Aber es ist bereits zu spät. Lenins Kräfte schwinden. Der Schieds‐ richter zwischen den zwei Titanen, die aneinandergeraten, stirbt am 21. Januar 1924. Im entscheidenden Moment versagt dem grossen Redner Trotzki die Stimme. Was mag in dem scharfsinnigen Denker, Schriftsteller und Idealisten vor sich gegangen sein, in jener einen Minute, als vor der Parteielite das Testament verlesen worden war, und peinliches Schwei‐ gen sich über den Saal gelegt hatte? In einem sophistischen Meister‐ stück erster Güte stürzten sich Stalins Gefolgsleute in diesen Sekunden, die der eigentliche Thronfolger des Bolschewismus, Trotzki, noch hätte füllen und für sich gewinnen können, in die entstandene Bresche. Pa‐ Das Zerwürfnis mit Lenin 197 thetisch und wortgewaltig räumten Sinowjew und Kamenew jegliche Zweifel an Stalin aus. Und Trotzki? Er blieb abermals stumm. Jetzt wa‐ ren die Würfel endgültig gefallen. Sein Todesurteil gefällt, und Stalins Henker sollte ihn auch viele Jahre später in der schwer befestigten Burg, in welche er die letzten Tage seines Lebens auf der anderen Seite der Erdkugel in Mexiko verbrachte, erreichen. Die dicksten Mauern und die schwerst bewaffneten Wächter konnten ihn vor dem falschen Freund, der in Wahrheit der Mörder war, nicht schützen. Stalin hatte seine Netze richtig ausgeworfen. Die Rollen waren ge‐ neralstabsmässig verteilt und erfolgreich vor der überrumpelten und zu statistischen Narren degradierten Elite der Partei abgespielt worden. Der Vorhang konnte fallen. Jetzt war er der Alleinherrscher dieses Rei‐ ches des Todes, wie es sich nie sonst in der Geschichte der Menschheit eingestellt hat. Die Ermordung der Bauern Gemäss allgemeiner sozialistischer Lehre und gemäss der konkreten Absicht Lenins mussten die Bauern enteignet werden. Die Enteignun‐ gen in der Industrie, die genauso Programm der sozialistischen Theo‐ rie waren, können kaum mit dieser in der Landwirtschaft verglichen werden. Erstens waren die Arbeiterschaften viel offener für die sozia‐ listischen Neuerungen. Zweitens konnte und kann es einem Arbeiter eher gleichgültig sein, für wen er nun letztlich als obersten Fabrikherrn arbeitet. Der deutsche Russlandhistoriker Richard Lorenz schreibt in der Fischer-Weltgeschichte, dass bei den Bauern „die private Verfü‐ gungsform … weniger verwurzelt war als in Westeuropa und über‐ haupt eine „Reihe günstiger Voraussetzungen“ für den Übergang zu einer Kollektivierung mittels Enteignung in der jungen Sowjetunion bestanden habe. Der Professor verharmlost. Das, was dann in Wirk‐ lichkeit geschah, verweist auf das Gegenteil. Es gab in Russland Millio‐ nen von selbständigen Bauerngütern. Aus der Sicht des russischen Zeitzeugen und Historikers David Daudrich, der mit diesen Bauern eng zusammengelebt hatte, „waren die Bauern mit tiefen Wurzeln in ihr Stückchen Land gewachsen“. Lenin selbst erwartete hier grössten Widerstand. Dennoch enteignete er entschädigungslos Anfang der 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 198 zwanziger Jahre 150 Millionen Hektar bäuerlichen Landes. Man nann‐ te das Überführung des Landes in „gesellschaftlichen Besitz“. Die Fol‐ gen waren fatal. Die Bauern opponierten augenblicklich und erfüllten ihre Ablieferungspflichten nicht mehr. Sie bauten nur noch für ihren Eigenbedarf an. Die Hungersnot und die Seuchen, die ausbrachen, wa‐ ren zu einem grossen Teil willentlich und künstlich ausgelöst. Rund 10 Millionen Menschen kamen um. Von links bis rechts empörte sich das Volk gegen die Bolschewisten. Es kam zu Aufständen, und diese wur‐ den nun mit beispielloser Grausamkeit niedergeschlagen. Die Köpfe der aufständischen Opposition wurden 1922 in einem grossen Prozess liquidiert. Lenin selbst erschrak über den grenzenlosen Terror. Er war bereit, Zugeständnisse zu machen. Die „Neue Ökonomische Politik“ sah eine Verlangsamung der Sozialisierung vor. Für eine „begrenzte Zeit“ erhielten das private Gewinnstreben und privater Handel wieder einen „begrenzten Platz“. Das Land erholte sich. Es stellte sich sogar ein Lebensmittelüber‐ schuss ein. Sowohl auf dem Land als auch in den Städten war die Ver‐ sorgung sichergestellt. Da machte mit einem gigantischen Schlag Anfang der dreissiger Jahre Stalin den kleinen Wohlstand zunichte. Stalin begann im Rah‐ men eines ehrgeizigen Fünfjahresplanes die endgültige Kollektivierung in der Landwirtschaft anzupacken. Die Schwierigkeiten und Härten mit den Bauern waren ihm vom ersten Anlauf her unter Lenin be‐ kannt. Also war er gewillt, mit noch grösserer Härte vorzugehen. Da‐ bei wahrte er, wenn auch rhetorisch abschätzig, im Übrigen doch die Form. Am 1. Februar 1930 erging ein Regierungsbeschluss in Moskau über den „Kampf gegen das Kulakentum“. Kulak heisst die Faust, diffa‐ mierte offen die Bauern und bedeutet sicher keinerlei politische Kor‐ rektheit. Aber, um es nochmals zu betonen, der jetzige Krieg erfolgte nicht hinterrücks. Stalin log im Moment dieses Kampfes nicht, er meinte, was er sagte. Jeder Bauer wusste, was ihm blühte. 1,5 Millionen grosse Bauern und rund 18 Millionen mittlere Bau‐ ern wehrten sich verzweifelt. Erstmals wurden auch die Medien in grossem Stil zur politischen Stimmungsmache und kriegsmässigen Vorbereitung gegen die eigenen Landsleute verwendet. Und mittels der Medien wurde dafür gesorgt, dass der Begriff Kulak zum Schimpfwort wurde. Hierauf setzte Stalin die Armee ein. Ganze Dörfer wurden nie‐ Die Ermordung der Bauern 199 dergemacht. Jene, die das Land ernährten, wurden als Ausbeuter be‐ schimpft, getötet oder in die arktischen Gebiete Sibiriens deportiert. Sie konnten sich nicht mehr wie einst Stalin und seine revolutionären Mitgefangenen unter dem Zaren, in „sauberen Bauernhäusern“ (vgl. vorne) einrichten. Sie verdarben in Konzentrationslagern, die gezielt auf die Tötung dieser geschundenen Arbeitersklaven ausgerichtet wa‐ ren. Der erwähnte Franzose Stéphan Courtois hat belegt, wie die Nazis diese stalinistischen Konzentrationslager später nachgeahmt und ihr System übernommen haben. Hinzu kommen rund elf Millionen Tote infolge einer erneuten, ge‐ steuerten und künstlich erzeugten Hungersnot. Diejenigen, die in den Dörfern durch die Schergen und Soldaten des Regimes direkt getötet wurden, schätzt man auf weitere 5 Millionen Menschen. Und was berichteten die Medien bei uns im Westen? Es sei in So‐ wjetrussland „das Fundament der neuen Gesellschaftsformation“ ge‐ bildet worden. Und „die Arbeiterklasse in den kapitalistischen Län‐ dern“ sei „stolz über den Erfolg ihrer Brüder beim Kampf für ein bes‐ seres Leben der Menschen im ersten Sozialistischen Staat“. Modernes Public Relation einer riesigen, mächtigen Zeitungs- und Medienmaschinerie und die Leichtgläubigkeit der Menschen hatten dies möglich gemacht. Die Ermordung der Weggefährten Andauernde Not und ständiger Terror führten Anfang der dreissiger Jahre zur erneuten, weitreichenden politischen Gärung. Stalins zweite Frau, Nadeshda, nahm sich aus Sorge und Kummer über die allgemei‐ ne Unzufriedenheit und die entsetzlichen Grausamkeiten bei der Zwangskollektivierung der Bauern das Leben. Stalin selbst bot seinen Rücktritt an. Selbstverständlich war das nicht sein Ernst. Er musste je‐ doch etwas unternehmen und wenn es auch nur eine abgekartete, öf‐ fentlichkeitswirksame Schau war. Sein Ministerpräsident, Molotow, führte politisch theatralisch vor, wie unausweichlich Stalins Verweilen sei. Der Despot war dennoch in die Ecke gedrängt. Aber wie sollte er wieder Fuss fassen? Stalin konnte nicht mehr wie Lenin nach der Ok‐ 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 200 toberrevolution die inneren Feinde einfach erschiessen. „Terror ohne Gericht und ohne Untersuchung. Auf der Stelle in allen Städten des Landes erschiessen, Hunderte, Tausende erschiessen“, bevor sich auch nur einer besinnen konnte. (Solouchin, Wladimir, Im Tageslicht, Mos‐ kau 1992) Für die Medien, insbesondere des Auslandes, brauchte man zu die‐ ser Zeit schon einen Grund und ein Gericht. Da kam das im Breschnew-Kapitel schon erwähnte, schwere At‐ tentat, das nie restlos aufgeklärt wurde, Stalin zu Hilfe. Am 1. Dezem‐ ber 1934 wurde der Leningrader Parteichef, Stalins Nachwuchstalent, Kirow, ermordet. Kirow wird in seiner Brutalität und Funktion mit Hitlers Henker der Juden in Deutschland, Heydrich, verglichen. Jetzt hatte Stalin einen Grund. Er konnte zuschlagen. Er löste eine Terrorwelle von ungeheuerlichem, nie da gewesenem Ausmass aus. Bei diesen Massenverfolgungen, die nun begannen, wären aber jegliche Gerichte, die auch nur ansatzweise eine solche Bezeichnung verdient hätten, völlig überfordert gewesen. Da erfand Stalin den soge‐ nannten Schauprozess. Schauprozesse waren aber nur einer schmalen Elite vorbehalten. Unter den Angeklagten befanden sich ausser Trotzki, der im Ausland lebte, und Stalin selbst, alle, die mit Lenin die Revolu‐ tion gemacht und sich jetzt für Stalin in Feinde des Volkes umgewan‐ delt hatten, darunter seine einst so willigen Helfer gegen Trotzki, Ka‐ menew und Sinowjew, die der Henker noch vor jenem einholen sollte. Die Verhandlungen erschienen in ihrer Ungeheuerlichkeit ge‐ spenstisch. Die Anklagen lauteten stets dahingehend, die Angeklagten hätten unter anderem Stalin ermorden, Russland zum Kapitalismus zurückführen wollen und Rüstungssabotage betrieben. Confessio est regina probationum. Das Geständnis ist die Königin der Beweise. Nach dieser klassischen Maxime der Jurisprudenz arbeitete der Gene‐ ralstaatsanwalt und mächtigste Richter Stalins, Andrej Januarjewitsch Wyschinski. Ein alter und stets gültiger Rechtssatz lautet, dass jedes System und der ärgste Despot immer einen weisen Juristen finden, der ihr Regime verteidigt und zu rechtfertigen vermag. Der brillante Jurist Wyschinski brachte es bis zum Rektor der Moskauer Universität, wur‐ de Justizminister und schliesslich Generalstaatsanwalt. Wyschinski un‐ termauerte und rechtfertigte in seinen Schriften Stalins Diktatur. Jetzt wurde er Hauptankläger in den Moskauer Schauprozessen. Die Ermordung der Weggefährten 201 Das alleinige Beweismaterial waren die Geständnisse. Durch Folter und Dauerverhöre wurde jede gewünschte Selbstanschuldigung der Angeklagten erzielt. Man muss nicht Schreckensbilder des Mittelalters in den Kinderbüchern des Geschichtsunterrichts der Volksschulen an‐ schauen, um davon einen Begriff zu bekommen. Es genügt, dem Alltag unserer modernen, durch Menschenrechte geprägten Gerichte zu fol‐ gen, und dann weiss man, dass auch hier und heute täglich Geständ‐ nisse erpresst werden. Es war schon jeher in der Praxis unnötig, immer gleich die sensationellsten Mittel einzusetzen. Auch ein Henker macht seine Folterwerkzeuge nicht unnötig schmutzig, wenn er einfacher mit völlig subtilen Methoden, der Psychologie beispielsweise, jede beliebi‐ ge Selbstanschuldigung erzielen kann. Einen Häftling während einiger Tage völlig zu isolieren, führt zu geradezu Aufsehen erregenden Resul‐ taten, was die gewünschten Selbstanklagen betrifft. Natürlich war und ist der Zwang in einem totalitären System ent‐ schieden unnachgiebiger und im renitenten Fall schrecklich. Die Folter ist aber auch offensichtlicher, gleichsam ehrlicher, also auch anfechtba‐ rer: sie verschanzt sich nicht hinter dem durchaus möglichen Einwand, Demokratie und Menschenrechte würden ja eingehalten. Punkt. Schluss. Ende der Diskussion. Fiel es in den Schauprozessen nun einem Angeklagten dennoch ein, vor dem Gericht aus der Rolle zu fallen und Schwierigkeiten zu bereiten, wurde er hinausgeführt, entsprechend „nachbehandelt“, und bei seiner Rückkehr lief alles wie geschmiert. Wyschinski erniedrigte die Angeklagten zu moralischen Ungeheuern und verlangte ihre Ver‐ nichtung: „Ich fordere, dass diese toll gewordenen Hunde allesamt er‐ schossen werden.“ Fast durchwegs verhängte denn auch das Gericht die Todesstrafe. Eine so komplizierte Inszenierung wäre für das einfache Volk zu teuer und zu langsam gewesen. Es galt, Millionen abzuurteilen, zu er‐ schiessen oder in die furchtbaren Konzentrationslager Sibiriens zu ver‐ schicken, aus denen in gewissen Jahren kaum einer wieder zurück‐ kehrte. Um auch diesem massenhaften Morden einen legitimen An‐ schein zu verschaffen, hatte Stalin mit seinen Spiessgesellen wiederum eine einfache und griffige Form erfunden. In dem riesigen Land wur‐ den von den Staatssicherheitsdiensten Gerichte mit Laien direkt von der Strasse eingesetzt. Wiederum wurden Geständnisse erpresst. Oft 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 202 reichten wenige Minuten, und es konnte über das Schicksal eines Op‐ fers entschieden werden. Hinzu kam die Möglichkeit der sogenannten Telefongerichte. Via Telefon konnte von den Häschern des Staates ein Parteisekretär angefragt werden, und dieser bestimmte dann, wer wie zu verurteilen sei. Es ist durchaus möglich, dass Stalin die furchtbare Ausweitung der Verfolgungen anfänglich nicht beabsichtigte. (Trotzki, Leo, Stalin, Band II, Reinbek 1971, S. 269). Anfänglich ging es nur darum, seine unmittelbaren Konkurrenten und Gegner in der Partei, der Bürokratie, der Armee und der Polizei zu liquidieren. Aber der Diktator hatte sich verrechnet. Vor allem die Bürokratie war zutiefst erschrocken. Sie sah plötzlich in Stalin nicht mehr den Pri‐ mus inter pares, den Ersten unter Gleichen, sondern einen asiatischen Despoten, einen Tyrannen oder, wie ein weiterer führender Bolsche‐ wist, der auch nicht überleben sollte, Bucharin, eines Tages sagte: "Ein Dschingis Khan". Mochten im Ausland auch manche den Prozessen glauben, in Russland glaubte man nicht, am wenigsten glaubten die Alten. Stalin sah sich gezwungen, den Terror auszuweiten. Man kommt nicht um‐ hin zu sagen, dass es unter der Sonne kaum je völlig Neues gibt. Die grundsätzlichen Gesetzesmechanismen, welche die Menschen mitein‐ ander verflechten, können so wenig wie die Erde aus den Angeln geho‐ ben werden. Das Jakobinische Element der Französischen Revolution leuchtet wie ein Blitz aus diesem innerrussischen Brodeln auf. Die französische, Jakobinische Schreckensherrschaft, die Terreur, beginnt systemimmanent zu wuchern. Hegel hat es auf den Punkt gebracht, als er darlegte, wie „in … Fürchterlichkeit das Prinzip des Verdachts … unter der Schreckensherrschaft“ erscheine. In diesem Moment kann das Gewaltregime aufatmen. Keiner wagt mehr, sich auch nur zu rüh‐ ren. Jetzt erst gewann Stalin Oberwasser. Der Blutzoll war unsäglich: Man geht heute davon aus, dass bei dieser dritten Mordwelle noch mehr Millionen Menschen umkamen als in den früheren hunger- und seuchengesteuerten Ausmerzungen. Die Auslese an jungen Kadern, die Stalin, befreit von den lästigen und allzu viel wissenden Alten, neu heranzog, erhielt auch ein neues Selbstverständnis von dem, was jetzt Sozialismus zu bedeuten hatte. Die Ermordung der Weggefährten 203 Die Zustimmung der Völker Stalin hatte in den dreissiger Jahren bereits eine lange politische Erfah‐ rung. Er war sich des Problems bewusst, dass der Druck des Terrors nicht immer an der gleichen Stelle erfolgen durfte, damit nicht eine all‐ gemeine Lethargie alle Lebensbereiche lähme. Der Gesinnungsterror braucht wie Wellen seine Täler, wenn er noch weiteren Widerstand aufspüren soll. Der Schraubstock muss gleichsam dialektisch gelockert und wieder angezogen werden, damit sich das Regime nicht selbst fest‐ keilt. Das probate Mittel ist dann, allzu grosse Eiferer und damit gerade auch unbequeme Enthusiasten aus dem Verkehr zu ziehen und un‐ schädlich zu machen. Und das Volk? Dieses dankt Josef Wissariono‐ witsch Stalin, der die Bedrückung gelindert hat. Die schreckliche Zeit der Hungersnot bei der Kollektivierung der Bauern, das Elend der Arbeiter in den Städten anlässlich der rück‐ sichtslosen Durchsetzung des ersten Fünfjahresplanes in der Schwerin‐ dustrie, der fast unmenschliche Kräfte erforderte, lastete furchtbar auf dem ganzen Volk. Die Grenzen dessen, was es ertragen konnte, waren erreicht. Zudem unterliefen der Partei wie den Staatsorganen auf allen Stufen der Befehls- und Organisationsgewalt erhebliche Fehler. Aber ein Versagen des Systems konnte nicht zugegeben werden. Der Unfehlbarkeitsanspruch der sozialistischen Lehre und ihres Pro‐ pheten, Stalin, durfte nicht angetastet werden. Es ging darum, die Verfälscher der wahren Lehre zu suchen und zur Verantwortung zu ziehen. Nach ihrer Liquidierung konnte das gepeinigte Volk auf die end‐ lich erhoffte neue Zukunft, das Arbeiterparadies auf Erden, wieder ver‐ trauen. Natürlich war dabei eine Bedingung; auch der einfache Soldat, Angestellte und Arbeiter mussten sich auf der richtigen Linie, der Li‐ nie der Partei, befinden. Die Linie der Partei war die alles entscheiden‐ de Tugend. Eine abweichende Gesinnung konnte auch ihnen das Le‐ ben kosten. Aber wie wollte man die Gesinnung erschnüffeln? Wie schon in der Französischen Revolution gesellte sich zur richtigen Ge‐ sinnung der erwähnte Verdacht. Verdacht und Schrecken hielten die 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 204 Menschen vom Mitarbeiter Stalins bis zum Holzfäller in Sibirien in der Schraubzwinge. Welches ist nun die richtige Gesinnung? Die richtige Gesinnung ist die richtige Auslegung der Lehre. Und der unfehlbare Interpret dieser Auslegung ist der grosse Führer, Stalin. In einer unerforschlichen Zick‐ zacklinie weist Stalin den Weg. Die ganze Sowjetgesellschaft wird dabei ständig über die Frage in Atem gehalten: Was ist die nächste Devise des Diktators? Damit bewahrt Stalin den ganzen Apparat und das gan‐ ze Volk davor, zu erstarren oder zu erschlaffen und der Hand des Pro‐ pheten zu entgleiten. Mit den Säuberungen entstand ein Mangel an Führungskräften, Kadern, Ingenieuren und zahllosen Fachleuten. Stalin aber war stark genug, um mit seinem Apparat Entbehrungen, Zwang und Mord durchzusetzen und vor allem, er wurde jetzt getragen von den Kadern junger Sowjetfachleute, die gestern noch analphabetische kirgisische Hirten oder russische analphabetische Bauern gewesen waren und nun in den regionalen Sowjets, den Behörden sassen, wo man in bolsche‐ wistischem Parteichinesisch mit ihnen diskutierte und sie auf die Schulbank setzte. Zeigten sie Beharrlichkeit und Systemtreue, machte man sie zu technischen Hochschülern und Ingenieuren. Hunger und Entbehrungen waren diese jungen Burschen gewohnt. Sie glaubten an die Sache der Revolution. Was seit 1917 geschah, wur‐ de ihnen mit einfachen Leitsätzen eingetrichtert. Mittels simpler Schlagwörter und Thesen wurden die "Wahrheiten" der Lehre von Marx, Lenin und Stalin auch dem hinterwäldlerischsten sibirischen Jungbolschewisten eingebläut. Für sie war das Stalinsche Regime eine Fortsetzung der Revolution. Sie brachten noch die Naivität des Dorfes, des Neulings und Jünglings mit und staunten in der Stadt über "Wasser, das aus Wand kommen … und Licht, von Glaskugel leuchtet". Die Technik war ihnen neu, aber die Gnade der Jugend liess sie rasch mit dieser Technik fertig werden. Gestern hatten sie noch mit dem Haken‐ ast gepflügt, heute sassen sie auf dem Motorpflug. Diese Leute gewann Stalin für sich. Stalin blitzt auf wie ein Cha‐ mäleon: Er ist Despot und Demokrat zugleich. Er gewinnt aber nicht nur die Stimmen von Millionen. Er gewinnt ihre Herzen. Aber er woll‐ te mehr. Ganz anders als Hitler, war ihm auch die Zuneigung des Aus‐ landes wichtig. Dieses war aber klar demokratisch, jedenfalls was die Die Zustimmung der Völker 205 wichtigen Grossmächte betraf. Russland hatte mit dem Bolschewismus schon früh die Geister im Westen gespalten. Die widerlichen Schau‐ prozesse hatten längst nicht alle Leute in den westlichen Gesellschaften beruhigen können. Da griff Stalin abermals zu einem grandiosen Kunstgriff, einer kaum mehr zu überbietenden Lüge. Noch während der Vorbereitun‐ gen zu den Massenhinrichtungen von 1936 legte Stalin das Projekt einer neuen Verfassung vor. Es wurde eine der demokratischsten Ver‐ fassungen der Welt. Weltweit wurde von nicht wenigen laut das Lob einer neuen demokratischen Ära in der Sowjetunion gesungen. Stalin hatte eine phantastische Plattform. Von ihr aus knüppelte er nun jede Opposition noch effizienter als faschistische Verbrecher nie‐ der. Denn Millionen glaubten ihm und stellten sich auf seine Seite. Auch wenn nie auch nur ein Buchstabe des Geistes dieser Verfassung Anwendung fand. Der Sieger hat immer recht Noch vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Stalin seine Position als Allein‐ herrscher gesichert. Er war wie ein früherer russischer Kaiser. Er war ein roter Zar. Nur ist seine Macht viel grösser und fast unvorstellbar grausam. Einen solchen Mann umgeben nur wenige Freunde. Er ist von Hass, auch Neid und Missgunst umbrandet. Die Attentate im In‐ land, aber auch vom Ausland aus, die gegen Stalin versucht wurden, sind zahlreich. Dank seiner Spitzel, der GPU, wie die Tscheka neu hiess, und seiner Schutzgarde, konnten alle Anschläge rechtzeitig verhindert werden. Im Winter wohnt er im Kreml in Moskau. Ähnlich wie Lenin, lebt er sehr bescheiden, mit seiner Familie in einer kleinen Vierzim‐ merwohnung eines ehemaligen Offiziershauses im ersten Stock. Zu Fuss geht er in sein Büro, das sich im Gebäude des Zentralkomitees befindet. Im Sommer hat er seinen Wohnsitz in dem kleinen Dorf Gorki, rund 35 Kilometer südlich von Moskau. (Nicht zu verwechseln mit der Millionen-Stadt im Osten) Die ganze Strasse von Moskau bis Gorki ist Tag und Nacht bewacht. Um 9 Uhr morgens fährt er mit dem Auto in den Kreml. Um 6 Uhr abends kehrt er zurück. Im Zweiten 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 206 Weltkrieg empfängt er bereits am Morgen in seiner Wohnung im Kreml das sogenannte „Kleine Komitee“, das aus Stalin, Generalstabs‐ chef Schaposchnikow und Marschall Merzkow besteht. Er ist noch nicht fertig angekleidet. Er erscheint im Schlafrock aus Schaffell. Stalin erhält Berichte über die Lage an den einzelnen Fronten des Krieges. Es wird beraten, und hierauf werden die Beschlüsse gefasst. Marschall Merzkow begibt sich hierauf sofort zu seinem Flugzeug, um an eine der Fronten zu fliegen. Schaposchnikow geht in sein Büro und sendet Stalins Befehle chiffriert an die verschiedenen Armeekommandos. Stalin nimmt nun sein Frühstück im Kreis der Familie ein. Zur Ar‐ beit geht er im Anzug, einem Mittelding zwischen Uniform und Zivil‐ anzug, das einem Chauffeuranzug ähnelt. Dass der Diktator wie Hitler regelmässig an die Front geflogen sein soll, erscheint eher als Propa‐ ganda. Es gibt Hinweise, die von der Flugangst Stalins zeugen. Um sechs Uhr abends diktiert er seinem Adjutanten, einem Obersten, sein tägliches Memorandum, in welchem er sich über militärische, wirt‐ schaftliche und politische Probleme äussert. Das Diktat dauert etwa eine Stunde. Nachher wird es sofort getippt und vervielfältigt und noch am gleichen Abend etwa 200 führenden Persönlichkeiten der UdSSR zugestellt. In krassem Gegensatz zu seinen georgischen Landsleuten, die als besonders geschwätzig bezeichnet werden, war Stalin eine schweigsa‐ me Natur. Auch in Russland, wo man gerne endlos redet, ist er der grosse Schweiger. Andererseits nahm er lebhaften Anteil an seiner nächsten Umge‐ bung, bemühte sich um Kranke, suchte nach kräftigenden Heilpflan‐ zen und Stärkungsmitteln wie einem Topf Bienenhonig, um diese Auf‐ merksamkeiten dem Betroffenen zu senden. Auch verfügte er über Humor. Eines Tages erschien eine kleine Abordnung von Bauern aus dem hohen Norden und brachte es zu‐ stande, mit einer Klage direkt zu Stalin vorgelassen zu werden: „Väter‐ chen, hilf uns, man hat unsere Kirche geschlossen und uns das Läuten der Glocke verboten. Wir bitten Dich, gib uns unsere Kirche wieder, damit wir zu Ostern die Glocken läuten können. Der Kommissar sagt, nur Du könntest das tun, Du wärest der rote Zar. … Wir stöhnen unter dem neuen Regime! … Wir werden von dem Kommissar und den Leuten, die sich Bolschewisten nennen, unterdrückt. … Gib dem Pfar‐ Der Sieger hat immer recht 207 rer seine frühere Macht wieder, denn er ist besser als der Kommissar. Dann wollen wir auch … für das Heil Deiner Seele beten.“ Stalin selbst hat diese Anekdote unter dem entsprechenden Ge‐ lächter seiner Entourage erzählt. Den Höhepunkt an Macht und Ansehen erlangte Stalin mit dem Zweiten Weltkrieg. Bereits 1925 war Stalin fest davon überzeugt, dass es nochmals zu einem Weltkrieg kommen würde, und dass dieser Krieg von Deutschland ausgehe. Stalin selbst bestimmte in jenem Jahr, dass die Sowjetregierung Gewehr bei Fuss stehen solle. Erst ganz zu‐ letzt, so sah der Plan Stalins vor, sollte Sowjetrussland als Schiedsrich‐ ter auf dem Kriegsschauplatz erscheinen. Der schwedische Diplomat und Historiker Sven Allard kommt zum Schluss, dass Stalin schon bald nach Hitlers Aufstieg dessen Freundschaft suchte. Hitler sollte sein Kumpan zur Niederringung Frankreichs und Englands werden. Als Bluff und Vernebelung dieser Absicht habe Stalin die Volksfront – Po‐ litik in Westeuropa betrieben. Zehn Jahre nach Allard schreibt Stalins Biograph, Maximilien Rubel 1984: „Der Pakt mit Hitler war eine na‐ türliche Folge dieser Bestrebungen, und er wurde nur deshalb abge‐ schlossen, weil Stalin Deutschland mehr fürchtete als die anderen im‐ perialistischen, nicht aggressiven Staaten Westeuropas.“ Stalin hat Hit‐ ler den Rücken gestärkt und ihm damit geholfen gegen die Westmäch‐ te vorzugehen. Für Stalin war der Zweite Weltkrieg primär ein Krieg zwischen kapitalistischen Staaten. Da wurde Stalin aber getäuscht. Am 22. Juni 1941 überfiel Hitler die Sowjetunion. Bedenkt man, was Stalin aus diesem Überfall machte und wie er schliesslich als Sieger nicht nur aus diesem Überfall, sondern letztlich aus dem ganzen Zweiten Weltkrieg hervorging, so steht man in der Tat vor einer Meisterleistung von aussergewöhnlichem Ausmass. Plötzlich fand sich der Diktator an der Seite der grossen westlichen Demokrati‐ en. Stalin erhält fast unerschöpfliche Hilfe. Ohne Gegenleistungen er‐ bringen zu müssen, fliessen ihm von den westlichen Alliierten die kriegsentscheidenden Mittel unbegrenzt zu, die nun seine Kriegsma‐ schine nähren und deren Potential Hitler so leichtfertig und überheb‐ lich unterschätzte. Stalingrad wird Anfang 1943 der Höhepunkt für Stalin und Fanal zur Vernichtung Deutschlands. 16. Stalin – Donnerschlag der Weltgeschichte 208 Auf den Kriegskonferenzen mit Churchill und Roosevelt in Tehe‐ ran und Jalta erwies sich Stalin als listenreicher Verhandlungspartner, dem weder der amerikanische Präsident noch der englische Premier‐ minister gewachsen waren. Noch leichter manövrierte er deren uner‐ fahrene Nachfolger Attlee und Truman aus und machte reiche Beute. Stalin gelang es, seine Macht bis an die Elbe und nach Thüringen aus‐ zuweiten. Am 5. März 1953 starb der Despot. Ein unauffälliges Atten‐ tat, zumal von Seiten der Ärzte, die er genau in jenen Wochen schlimmster Verfolgung ausgesetzt hatte, scheint möglich. Es ist offensichtlich: Stalin stand auf dem obersten Tritt des Po‐ dests des eigentlichen Siegers des Zweiten Weltkrieges. Wer aber hätte diesen gewaltigen Herrscher in einem solchen Moment noch ernsthaft angreifen können? Wer hätte noch Einwände von Gewicht wagen dür‐ fen, wenn selbst der kapitalistische Todfeind, der amerikanische Präsi‐ dent Truman, öffentlich vom „Good old Joe Stalin“ schwafelte. Selbst dem Diktator scheint dies zu weit gegangen zu sein. Stalin soll auf die‐ se Bemerkung indigniert und befremdet reagiert haben. Mochte der amerikanische Präsident wirklich so albern sein, das unsägliche Leid und das viele Blut, das an Stalins Händen klebte, zu übersehen? Das gehörte eben auch zu Stalin: er wusste um seine Härte und Grausam‐ keit. Er hat sich zweifellos auch in seiner so oft demonstrierten Be‐ scheidenheit immer noch als ganz gross und gewaltig eingeschätzt, was auch der Realität entsprach. Aber gut? Weder ein Hitler noch ein Stalin verstiegen sich je zu einer solchen Einschätzung ihrer selbst. Hierzu konnte sich wohl nur ein unbedarfter Westler versteigen. Gewollt oder ungewollt, verweist diese Anekdote des Amerikaners jedenfalls auf eine immense Schwäche von uns Menschen: Der Sieger hat immer recht. Der Sieger hat immer recht 209

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References

Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.