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15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 173 - 182

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-173

Tectum, Baden-Baden
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Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht Heute kennen wir nur die eine, weltumspannende Supermacht, welche uns alle, wo wir auf diesem Globus auch sein mögen, dominiert oder welche diese Dominanz zumindest versucht: die USA. Das war vor 1991, dem Zusammenbruch der Sowjetunion, eindeutig anders. Und daran zu erinnern, lohnt sich gerade angesichts der gegenwärti‐ gen Entwicklungen ganz besonders. Es kann das Handeln ganz weniger Leute oder sogar eines Einzelnen sein, welche geliebt oder ungeliebt, ent‐ scheidende Verhältnisse geschaffen, bewahrt oder beendet haben und un‐ sere Gegenwart prägen. Eine dieser Persönlichkeiten der neuesten Welt‐ geschichte ist Leonid Iljitsch Breschnew. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts standen die Amerikaner einer zweiten Supermacht gegenüber, der Sowjetunion. Diese zwei dama‐ ligen Weltmächte hoben sich in scharfem ideologischem Gegensatz von‐ einander ab: die eine stand für den westlich freiheitlichen Kapitalismus, die andere für den diktatorischen Sozialismus. Jahrzehntelang bestand ein stabiles, auf gegenseitiger militärischer Abschreckung beruhendes Gleichgewicht zwischen den zwei Blöcken. Leonid Breschnew, welcher an der Spitze der Sowjetunion diese zur ebenbürtigen Gegenmacht führte und den USA nachhaltig die Stirn zu bieten vermochte, verstarb – noch im Amt – vor 35 Jahren am 10. November 1982. Kindheit und Jugend in grausamer Zeit Im Arbeiter- und Bauernstaat, welcher die Sowjetunion zu sein vorgab, war Breschnew der erste Mann an der Spitze, dessen Abstammung wirklich proletarisch war: sein Vater wie sein Grossvater waren Metall‐ arbeiter. Lenin war der Sohn eines adligen Schulrates, Stalins Vater im‐ merhin Schuster und Chruschtschows Vater trotz manchem proletari‐ 15. 173 schem Gerede anscheinend ein Dorfschmied. Sie alle waren somit Männer, die mehr verdienten als die gewöhnlichen Bauern und Arbei‐ ter. Es war ein Jahr, in welchem sich Russland gerade von schweren Wunden erholte, die es zuvor erlitten hatte. Der Krieg Russlands 1905 gegen Japan endete mit einer Niederlage für den Zaren und löste im selben Jahr eine Revolution aus. Der Zar musste unter dem Druck der Strasse Zugeständnisse machen. Leo Trotzki war der Held dieser Revolution und 1906 gerade 27 Jahre alt. Aber grundsätzlich war die Revolution gescheitert. Trotzki wurde eingesperrt. Lenin, damals 36 Jahre alt, gelang die Flucht ins Ausland. Es wurde eine Volksvertretung, die Duma, geschaffen. Am 23. Juli 1906 wurde P. A. Stolypin Ministerpräsident, und dieser nahm sich vor, Reformen für das Land voranzutreiben. In dieser Zeit des Umbruchs, am 19. Dezember 1906, wurde der Russe Leonid Breschnew in Kamenskoje, das 1936 in Dneprodsers‐ hinsk umbenannt wurde, am Unterlauf des Dnjepr geboren. Die Stadt liegt in der Ukraine. Die Russen bildeten mit etwa einem Fünftel Be‐ völkerungsanteil eine klare Minderheit. Es scheint, dass der Knabe vorerst mindestens zweisprachig aufwuchs. Er lernte jedenfalls sowohl Russisch als auch Ukrainisch. Da er in Kamenskoje auf die Welt kam und aufwuchs, war Breschnew auch der erste Sowjetchef, der wirklich aus der Stadt war und derjenige, der zugleich aus einem der westlichs‐ ten Landesteile stammte. 1914 begann der erste Weltkrieg, der in Russ‐ land in den Bürgerkrieg umschlug und vom Land bis 1921, dem Sieg der Roten Armee, weitere grosse Opfer abverlangte. In Breschnews Kindheit gab es angesichts dieser Umwelt kaum Schulunterricht. Hinzu kam in diesen westlichen Kriegsgebieten Russ‐ lands, dass neben den Bürgerkriegsparteien der Roten, der Weissen – das sind die zaristischen Kräfte – und den Grünen, den Banditen in den Wäldern, auch Deutsche und Polen kämpften. Das ist deshalb in‐ teressant, weil der spätere Generalsekretär der UdSSR, Breschnew, auch Polnisch konnte. Als 1921 der Bürgerkrieg im Westen Russlands abflaute, konnte man wieder arbeiten, ob man eine Schule besucht hatte oder nicht. Leonid Breschnew blieb in der Tradition seiner Vorväter. Der Fünf‐ zehnjährige wurde Metallarbeiter. 15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht 174 Anschluss an die richtige Partei Die Abweichung vom Normalweg eines Arbeitersohnes in einer Arbei‐ terstadt wie Kamenskoje folgte zwei Jahre später. Breschnew trat in den Komsomol, die kommunistische Jugendorganisation, ein. Das war trotz des Umsturzes der Verhältnisse nach wie vor ein kühner Schritt. Gemässigte Linke wie die Menschewisten, die Sozialrevolutionäre, Weissgardisten, Bürgerlichen und die als Kulaken bezeichneten Gross‐ bauern empörten sich gegen die siegreichen Roten, die Bolschewisten. Der Komsomol war trotz der unaufhaltsamen bolschewistischen Machtentfaltung auf Grund dieser Unruhen in jenem Jahr 1923 in grosser Bedrängnis. Aber er war eine Vorstufe für den Eintritt in die Kommunistische Partei. Der Siebzehnjährige hatte die entscheidende Weichenstellung für sein ganzes Leben gemacht. Ablösung vom Beruf des Arbeiters: Erstes Studium Und abermals steuerte der junge Breschnew völlig neue Ziele an. Er fährt 500 Kilometer von zu Hause fort, nach Kursk, und beginnt noch im selben Jahr ein Studium am Landwirtschaftlichen Technikum. Neu‐ gier, Opportunismus und Ehrgeiz treiben den Arbeiter an. Wie einst George Washington (Kapitel 9) arbeitet er hierauf als Landvermesser. 1931 wird der 25-Jährige Parteimitglied. Wieder steht der junge Mann am Scheideweg. Sollte er als Absolvent des Landwirtschaftlichen Technikums in der Landwirtschaft verbleiben? Die misslungenen Kol‐ lektivierungsbemühungen Lenins hatten diese ruiniert. Millionen wa‐ ren durch Hungersnot umgekommen. Für jemanden, der die Zeichen der Zeit zu lesen verstand – und Breschnew verstand dies – gab es nur eine Antwort: Raus aus dieser Branche! Der Sturm kündigte sich glas‐ klar an: Am 1. Februar 1930 war ein Beschluss des Zentralkomitees und der Regierung über den „Kampf gegen das Kulakentum“ ergangen. Der Krieg erfolgte nicht hinterrücks. Jeder Bauer wusste, was ihm blühte. Millionen von ihnen wurden anschliessend erneut ausgerottet. Abermals fanden durch bewusste Herbeiführung und Steuerung einer Hungersnot rund elf Millionen Menschen – so schätzt man heute – den Tod. Hinzu kommt im Hinblick auf den jungen Breschnew, dass Ablösung vom Beruf des Arbeiters: Erstes Studium 175 niemals in der ganzen Epoche der Sowjetunion ein Funktionär, der sich vornehmlich mit der Landwirtschaft befasste, zu Ruhm und Ehren kam. Wie ihre direkten Opfer wurden auch sie als beliebteste Sünden‐ böcke grausam geopfert. Das zweite Studium So finden wir 1931 Breschnew in seiner Heimatstadt Kamenskoje am Abendtechnikum. Am Tag arbeitet er als Arbeiter wie sein Vater im selben Werk. Dieses zweite Studium schloss er 1935 mit dem Inge‐ nieur-Diplom ab. Er muss hart gearbeitet haben, so, wie man es nur in der Jugend vermag. Vier Jahre lang hat er ständig Prüfungen. Er ist Student und Metallarbeiter zugleich. Ehrenamtlich ist er als Parteior‐ ganisator tätig. Obwohl Metallurg, ist sein wichtigstes Fach der Mar‐ xismus-Leninismus, der sich langsam zum Stalinismus wandelt. Neben diesem lebenswichtigen ideologischen Fach gewinnt Breschnews Fä‐ higkeit, Freundschaften zu zementieren, eine überragende Bedeutung. Der Ursprung der später legendär gewordenen „Dnepropetrowsker Mafia“ liegt in jenen Studienjahren und hat Breschnew bis ans Lebens‐ ende Karriere und Machterhalt gesichert. Der Sonderfall Ukraine Schon 1932 wird Breschnew Abteilungsleiter im ukrainischen Partei‐ gebietskomitee Dnepropjetrowsk, wo er den anderen Ukrainer, Nikita Chruschtschow, trifft. Chruschtschow ist einer der treuesten Paladine Stalins und hat nach den Gräueln des Bürgerkrieges und der zweiten Bauernsäuberung den entscheidenden Anteil an einem gigantischen Vernichtungsfeldzug in der Ukraine. Hatte Chruschtschow wegen dieses Vernichtungsfeldzuges in der Ukraine vielleicht Gewissensbisse? – Es war immerhin ein Auftrag Sta‐ lins. Hätte er hingehen sollen, um zu sagen: "Genosse Stalin, ich kann nicht mehr, lass mich lieber erschiessen?" Im ganzen Land hatte diese Worte nur einmal einer gesagt, Stalins Jugendfreund Jenikidse, worauf 15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht 176 Stalin antwortete: "Wenn Du nicht für mich bist, so bist Du gegen mich." – und ihn dann in der Tat auch erschiessen liess. Die Ukraine war für die Sowjetregierung eine schwierige Republik. Die ukrainische kommunistische Partei tanzte immer wieder aus der Reihe und beschritt eigene Wege. Immer wieder schlugen Versuche fehl, diese Form eines ukrainischen Sonderfalls, eines Landes, das flä‐ chenmässig und von der Bevölkerungszahl her ziemlich genau der Grösse Frankreichs entspricht, zu unterbinden. Der Diktator Stalin sass zudem keineswegs gefestigt im Sattel der staatlichen Allmacht. Da wurde am 1. Dezember 1934 durch nie völlig geklärte Umstän‐ de der Leningrader Parteichef, Kirow, ermordet. Dieser Mord wurde für Stalin zur Initialzündung für eine Säuberungswelle von ungeheuer‐ lichem Ausmass. Es dürfte auf der Hand liegen, dass Stalin die Chance nutzte, um insbesondere auch gegen die Ukraine vorzugehen. Eine Sonderkommission für den Sonderfall Im August 1937 traf eine Sonderkommission des Kremls, bestehend aus Chruschtschow, dem Ministerpräsidenten Molotow und Jeschow, dem Chef der Geheimpolizei, in Kiew ein. Sie waren nicht allein. Chruschtschow brachte ganze Eisenbahnzüge voll Soldaten aus Sibiri‐ en und Geheimdiensteinheiten aus Moskau mit. Ein ganzer Stadtbe‐ zirk wurde durch die mitgebrachten Truppen zur Festung ausgebaut und abgeriegelt. Und hier empfingen Chruschtschow und seine Leute die Ukrainer. Damit begann die Vernichtung der gesamten Elite dieser Republik. Der Krieg wurde diesmal nicht wie jener von 1930 gegen die Bauern angekündigt. Er erfolgte aus dem Hinterhalt. Terrormässig. Die Opfer hatten keine Ahnung von ihrem schrecklichen Verderben. Es war der Krieg eines einzigen Mannes: Stalins. Einer gegen alle: gegen die Partei, die Verwaltung, die Armee und die Polizei. Nur wenigen ge‐ lang es zu überleben. Breschnew war einer dieser Glücklichen. Es ist interessant, wie auch allerschlauste Leute, solche, die durch grosse Erfahrung menschliche Abgründigkeit sehr wohl kennen, intel‐ ligent und gebildet sind, dennoch immer wieder auf schreckliche Ver‐ brechen, zumal schwere Verbrechen des Staates voll hereinfallen und darin umkommen. Eine Sonderkommission für den Sonderfall 177 Eigendynamik von Massentötungen Im Mai 1937 war der prominenteste ukrainische General, Jakir, zu einer Sitzung nach Moskau gerufen worden. Er fiel auf den Trick her‐ ein. Dienstreisen waren beliebte Fallen. Auch in der ärgsten Diktatur haben deren Schergen immer wieder das grosse Problem, auch Furcht, wie sie die ausersehenen Opfer fangen könnten. Nichts hasst eine Ter‐ rortruppe des Staates mehr als Aufsehen. Aus dem Zug heraus konnte Jakir problemlos, weil diskret, verhaftet werden. Im Juni wurde er, zu‐ sammen mit sechs weiteren Generälen und Marschall Tuchatschewski, dem Generalstabschef und Helden der Sowjetunion, nach nur einem Verhandlungstag zum Tode verurteilt, degradiert und erschossen. Im August erschoss der Ministerpräsident der Ukraine, Ljutschenko seine Tochter, eine Studentin der Kiewer Universität, seine Frau und sich selbst. Das sind nur einige Beispiele, die stets von Moskau inszeniert waren. Und das war vor allem nur ein Vorspiel für das, was folgen soll‐ te. Nur die dümmsten Kälber wählen auch noch ihren Metzger selber. Am 2. September bestiegen 101 von 102 Mann des Ukrainischen Zen‐ tralkomitees einen Sonderzug nach Moskau, um mit Stalin persönlich zu sprechen. Sie sollten Stalin nie zu Gesicht bekommen. Bis auf drei von ihnen wurden alle verhaftet und verschwanden auf Nimmerwie‐ dersehen. Als 1938 Chruschtschow in seiner Festung in Kiew die ukrainische Elite empfing, verlas Molotow einen ganzen Katalog von konstruierten und erfundenen Anschuldigungen. Dann stellte er das Ansinnen an die Ukraine, Chruschtschow zu ihrem Parteichef zu wählen. Wie zu erwarten war, widersetzten sich die Ukrainer. Und damit war das ge‐ wünschte Todesurteil auch gegen sie besiegelt. Alle 17 Regierungsmitglieder in Kiew und alle 17 Gebietspartei‐ chefs der Ukraine samt ihren Sekretären wurden verhaftet und tauch‐ ten ebenfalls nie wieder auf. Wie Kettenreaktionen setzten sich Denunziation, Verfolgung, Ver‐ haftung und die massenhafte Tötung mit und ohne Konzentrationsla‐ ger fort. Vor diesem Terror war niemand sicher. Wieder starben, jetzt noch mehr Millionen infolge dieser Schreckenszeit. Die Eigendynamik solcher inquisitorischer Verfolgungen führt stets zum gleichen Prob‐ 15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht 178 lem: Niemand ist mehr sicher, weder der einfache Bürger noch der engste Angehörige des Terrordiktators. Bereits sassen auch die Frau Molotows sowie praktisch die ganze Verwandtschaft Stalins hinter Git‐ tern, als im letzten Moment die Terrorwelle gestoppt wurde. Held infolge schwerer Lebensumstände? Vielleicht ist es diese Zeit, in der ein Menschenleben nicht das Ge‐ ringste zählte, die staatliche Macht und Ideologie aber alles, auch wenn ihr Irrsinn mit Händen zu greifen war, welche Breschnew, der dies al‐ les überlebte, den Tod verachten liess. Aus dem Zweiten Weltkrieg wird berichtet, wie Breschnew sich immer wieder an der vordersten Front, dort, wo es am gefährlichsten war, besonders auszeichnete. Einmal zielt ein Deutscher direkt auf Bre‐ schnew, der im letzten Moment von einem Infanteristen zur Seite ge‐ worfen werden kann, ein anderes Mal fährt sein Boot auf eine Mine auf, und er droht zu ertrinken, als ihn Soldaten suchen und retten. Breschnew war durchaus auch beliebt. Ungeliebte Vorgesetzte rettet man im Kriege nicht. Breschnew war 1942 zur Armee eingezogen worden. Er wurde Lei‐ ter einer politischen Verwaltungseinheit mit Dienst an verschiedenen Fronten. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass der politische Kommissar stets an der Seite des militärischen Kommandeurs stand. Gültige Befehle mussten stets von beiden unterzeichnet sein. Da der Kommissar Stellvertreter war, wurde er sogleich selber Befehlshaber, wenn der andere, ausschliessliche Militär, aus irgendeinem Grunde ausfiel. Breschnew brachte es noch im Krieg bis zum Generalmajor. Die Lücken füllen, welche die Terroropfer hinterliessen Als die alte Garde der Führungskräfte in der Ukraine ausgelöscht war, mangelte es an allen Ecken und Enden an qualifizierten neuen Leuten. Am 28. Januar 1938 war auf der Titelseite der Prawda ein Bild mit dem fleischigen, rundlichen und lachenden Gesicht eines blonden Mannes erschienen: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow. Eine fünf‐ Die Lücken füllen, welche die Terroropfer hinterliessen 179 zeilige Meldung der Agentur TASS besagte, dass Chruschtschow von den Ukrainern zu ihrem Parteichef gewählt worden sei. Das war die reine Lüge. Jenes ukrainische Wahlgremium war Monate zuvor liqui‐ diert worden. Chruschtschow war es allein auf Geheiss Stalins und blieb es bis 1949. Genau dieser Mann wurde Breschnews Förderer und Mentor. So blieb auch Breschnew in der Ukraine tätig. 1950, Chruscht‐ schow ist jetzt zum zweiten Mal als Stadtparteichef in Moskau, wird Breschnew ebenfalls in Moskau Abgeordneter im Obersten Sowjet der UdSSR und gelangt auch ins Zentralkomitee. Weitere höchste Ämter führen ihn nach Kasachstan und Moldawien. 1960 wird er Staatsober‐ haupt der Sowjetunion, eine höchste Auszeichnung, jedoch ohne jede Machtbefugnisse. Er kann sich aber an der Seite des Parteichefs und Ministerpräsidenten Chruschtschow aussenpolitisch profilieren. Der Aufstieg zum allmächtigen Parteichef Am 14. Oktober 1964 wurde Chruschtschow gestürzt, und es folgt die Herrschaft der Troika mit Ministerpräsident Kossygin, Parteichef Bre‐ schnew und Staatsoberhaupt Podgorny. In der Rivalität zwischen Bre‐ schnew und Kossygin siegte alsbald der erstere. Trotz des erneuten kol‐ lektiven Führungsprinzips verschob sich die Macht klar auf die Seite des Parteichefs. Und nun setzte Breschnew die Reformen Chruscht‐ schows auf allen Ebenen aus: In der Partei, der Landwirtschaft und auch der versuchten Dezentralisierung der Wirtschaft. 1966 fühlte sich Breschnew so stark, dass er den seit Stalin nicht mehr verwendeten Ti‐ tel "Generalsekretär" für sich wieder einführte. Die Chruschtschow‐ sche Liberalisierung schlug um in eine Zeit der Restauration und Sta‐ gnation. 1968 marschierten die Russen mit vier verbündeten War‐ schauer Pakt – Staaten in die reformorientierte Tschechoslowakei ein. Die Furcht vor einer Ausuferung nonkonformistischer Strömungen auf allen Gebieten der sowjetischen Gesellschaft hatte gesiegt. Die Wirt‐ schaft litt aber gerade an dieser Immobilität. Die Landwirtschaft wurde erneut unfähig, die eigene Bevölkerung zu ernähren. 15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht 180 Der Aufstieg Russlands zur Supermacht Die grossen Erfolge verzeichnete die UdSSR auf militärischem Gebiet. Der militärisch-industrielle Komplex blühte auf. Seit dem Krieg hatte Breschnew seine Beziehungen zur Rüstungsindustrie verstärkt, und wie unter keinem anderen Sowjetführer vor ihm gelang es, die sowjeti‐ schen Streitkräfte aufzurüsten und zu modernisieren. Breschnew ver‐ stand es, das erstarkte Militärpotential so einzusetzen, dass Russland von der Position einer Grossmacht zu jener einer militärischen Super‐ macht aufrückte. Konkret bedeutete diese Machtstellung international, dass in den siebziger Jahren zahlreiche Länder Afrikas, Asiens und teilweise auch Mittel- und Südamerikas stark und nachhaltig unter so‐ wjetrussischen Einfluss gerieten. Aber gleichzeitig schwand die Bereitschaft der kommunistischen Parteien in der Welt, sich stets auf Moskau auszurichten. Die von Pe‐ king propagierte Parole vom Sozialimperialismus Moskaus fand Gehör. Unter Breschnew begann die Sowjetunion den Krieg gegen Afghanis‐ tan. Weltweit stiess Breschnew mit seinem Feldzug gegen die Muslime in Kabul auf Unverständnis und Widerstand. Im sowjetisch-afghani‐ schen Krieg begann der Saudiarabier Usama bin Laden, ausgebildet und hofiert von den Amerikanern, gegen die Ungläubigen zu kämpfen, um sie von der heiligen muslimischen Erde zu vertreiben. Er hatte Er‐ folg. Die Sowjetrussen verliessen Afghanistan. Sie wurden durch die Amerikaner abgelöst, die bis heute auf vielen islamischen Territorien stehen. Im Mittelpunkt stand wieder Kabul. Und Usama bin Laden hatte den Panzerturm gedreht. Der andere Ungläubige kam und kommt weiterhin an die Reihe. Das Attentat Auf der zweitletzten Seite der Iswestija vom 24. Januar 1969 findet sich eine knappe Meldung, wonach beim feierlichen Empfang für Kosmo‐ nauten Schüsse auf die Fahrzeugkolonne Breschnews abgefeuert wor‐ den seien. Der Generalsekretär selber wurde nicht getroffen. Ein Leut‐ nant aus Leningrad, das heute wieder St. Petersburg heisst, war der At‐ tentäter. Erstmals seit dem Mord an Kirow 1934 wurde wieder ein An‐ Das Attentat 181 schlag auf einen sowjetischen Spitzenpolitiker verübt. Hintergrund war das Aufbegehren weiter Kreise – und eben auch des Inlandes – ge‐ gen die Erstarrung und Unfreiheit. Krankheit und Tod In dieser Zeit, Anfang der siebziger Jahre, machten sich beim nunmehr 65-jährigen Breschnew erste Anzeichen ernsthafter gesundheitlicher Störungen bemerkbar. Es stellten sich Verwirrtheit und Sprachstörun‐ gen ein. Sein Arzt, Tschasow, diagnostizierte im Frühjahr 1973 Störun‐ gen des Zentralnervensystems, begleitet von schwerer Schlaflosigkeit. 66 Jahre alt, begann Breschnew unkontrolliert und in grossen Mengen Schlafmittel und Beruhigungspillen einzunehmen. Seine persönliche Krankenschwester spielte dabei eine verhängnisvolle Rolle, indem sie an Tschasow vorbei dem Patienten stärkste Medikamente verschaffte. Früh stellte sich bei Breschnew Arteriosklerose der Gehirngefässe ein, was zu Schwächeanfällen und noch schwereren Erregungszuständen führte. Er sei „unfähig zur Selbstkritik geworden, leicht grössenwahn‐ sinnig und sentimental“, schrieb Tschasow in der saloppen Art des In‐ ternisten. Aufgabe des Ärztestabes um Tschasow wurde, bei den zu‐ nehmend selteneren Auftritten des Sowjetchefs diesen medizinisch so vorzubereiten, dass der Schweregrad der Behinderung möglichst nicht zu erkennen war. Der Wochenplan in den letzten Jahren Breschnews sah so aus, dass er hin und wieder einen Empfang gab, eine zweistün‐ dige Sitzung absolvierte und im Übrigen Ausflüge machte. Lektüre – auch von Zeitungen oder Büchern – betrieb er in dieser Zeit nicht mehr. Er wusste schliesslich überhaupt nicht mehr, was um ihn herum geschah. Die Regierungsgeschäfte liefen ohne ihn ab. Für seinen Schlaf setzte er bis zu 12 Stunden ein, obwohl er ihn doch nicht fand. Am Morgen des 10. Novembers 1982 traf der Diener den General‐ sekretär tot im Bett. 15. Leonid Breschnew führte Russland zur Supermacht 182

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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.