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13. Die explosive Mischung: Diktatur und Demokratisierung in:

Johann Ulrich Schlegel

Feuersignale der Menschheit, page 155 - 160

Wie das Beispiel zum Lehrmeister der Geschichte wird

1. Edition 2018, ISBN print: 978-3-8288-4078-2, ISBN online: 978-3-8288-6927-1, https://doi.org/10.5771/9783828869271-155

Tectum, Baden-Baden
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Die explosive Mischung: Diktatur und Demokratisierung Gedanken zum Scheitern der Chruschtschowschen Entstalinisierung Der Nachfolger von Josef Stalin, Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, starb vor rund 45 Jahren, am 11. September 1971, vergessen und isoliert von jeglicher Politik. Trotz einer unglaublichen Karriere bis zum 70. Al‐ tersjahr haderte der schliesslich unfreiwillig aus Amt und Würden manö‐ vrierte Spitzenpolitiker mit seinem späten Schicksal, das ihn zwar als Staatspensionär einigermassen aufhob, aber politisch zur Unperson, die man verschwieg, degradierte. Gerettete als Privatsache Am 14. September 1971 herrschte in Moskau ein kühler Herbsttag, als sich gegen Mittag dem für Prominente reservierten Nowodjewitschi- Friedhof ein Extra-Bus der Städtischen Verkehrsbetriebe näherte. Ihm entstieg eine Trauergesellschaft. Ein Sarg wurde nachgereicht. Blumen‐ kränze wurden entladen. Der Trauerzug machte vor dem ausgehobe‐ nen Grab halt. Aus einiger Entfernung überwachten Geheimdienstbe‐ amte des KGB die Zeremonie. Nach russischer Sitte lag der Tote offen im Sarg. Nikita Chruscht‐ schow, der einst zweitmächtigste Mann der Welt, war drei Tage zuvor im Alter von 77 Jahren einem Herzschlag erlegen. Fast zögerlich näherten sich jetzt weitere Trauergäste. Sie schienen mit ihm verbunden oder zu Dank verpflichtet zu sein. Sein heute in den USA lebender Sohn, Sergej Chruschtschow, hielt die Grabrede auf seinen Vater. Er strich hervor, wie viel jene Hunderttausende politi‐ scher Gefangener aus den Straflagern diesem zu verdanken hatten, als sie im Zuge der Entstalinisierung 1956 freigekommen waren. Aus der 13. 155 Ukraine überbrachte eine ehemalige Lagerinsassin den Dank der Be‐ freiten. Die erste Lehrerin Aber vorerst hatte Nikita Chruschtschow auf Stalin gesetzt. Mit dem roten Diktator und an dessen Seite verwirklichte er sein Karrierewun‐ der. Am 17. April 1894 in Kalinowka, einem Dorf im russisch-ukraini‐ schen Grenzgebiet, geboren, rühmte Chruschtschow seine bäuerliche Herkunft und erzählte, sein Grossvater sei noch Leibeigener gewesen, der weder lesen noch schreiben konnte. Sein Dorf sei so arm gewesen, dass nur ein einziger Bauer Schuhe gehabt hätte, und er fährt fort: „Ich begann zu arbeiten, als ich gerade zu gehen anfing.“ Das Kind Nikita wird früh in die Arbeitswelt der Erwachsenen einbezogen. Zuerst als Schafhirt, später als Taglöhner bei Gutsbesitzern. In den Wintermonaten kann er hingegen die Kirchgemeindeschule besuchen, wird der Musterschüler des Popen und lernt die Bibel aus‐ wendig. Dann aber folgt der entscheidende Wechsel zu einer jungen Lehre‐ rin. Ihr gelingt die für die Zukunft Nikita Chruschtschows gewinn‐ trächtige Neuorientierung auf jegliche Leugnung Gottes und der Reli‐ gion. Er ist damit der Zeit zwar voraus. Als er im Donezbecken als Schlosser einer deutschen Maschinenfabrik Arbeiteraufstände unter‐ stützt, wird er 1912 entlassen, ist zeitweilig arbeitslos und gedenkt, nach Amerika auszuwandern. Da bricht der Erste Weltkrieg aus, kann diesen aber ungeschoren hinter der Front verbringen. Die anschlies‐ senden Wirren in Russland spülen ihn erfolgreich in die eingeschlage‐ ne Richtung. 1918 trat Chruschtschow der bolschewistischen Partei bei. In den Streitkräften wirkt er als Politkommissar. Der Bürgerkrieg tobt. Er bringt es später bis zum Generalleutnant. Sein Rang wurde früh bedeutsam, zählt ihn doch bereits 1938 die Parteigeschichte allein schon im Hinblick auf die pädagogische Formung der Roten Armee zur obersten Elite der Sowjetunion. 13. Die explosive Mischung: Diktatur und Demokratisierung 156 Die zweite Lehrerin 1920 erhielt Chruschtschow abermals Arbeit in einem westeuropäi‐ schen Unternehmen, das in Russland tätig war. Im enteigneten franzö‐ sischen Bergwerk Jussupowo wurde er Direktor. Zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau, die ihm zwei Kinder geschenkt hatte, und ge‐ mäss den guten Erfahrungen als Schüler wandte der Witwer sein Au‐ genmerk erneut einer Lehrerin zu. 1924 heiratete er die Lehrerin Nina Petrowna Kuchartschuk. Und auch sie spielte hinsichtlich seiner weite‐ ren Laufbahn wiederum eine wichtige Rolle. Dieser Ehe entsprossen drei Kinder, darunter der erwähnte, später in den USA als Professor an einer Universität lehrende Sergej. Obwohl Nikita Chruschtschow sich sowohl an der Arbeiterfakultät des Technikums in Donez als auch an der Stalin-Industrie-Akademie in Moskau weiterbildete, blieb sein Schulsack leichtgewichtig. Auch als er schon Parteichef und Regierungschef der Sowjetunion war, wurde ihm der Mangel an Bildung von der Parteielite immer noch vorgehal‐ ten. Der Organisator Seine Stärke lag anderswo: Er war ein gewiefter und erfolgreicher Or‐ ganisator. Chruschtschow wusste stets, woher der Wind blies. Und vor allem: er kannte keine Skrupel, wenn es um die Sache des Kommunis‐ mus ging, die er zu seiner eigenen machte. In der Ukraine schob er sich Schritt um Schritt nach oben. Er löste dort auf Geheiss Stalins den düsteren und brutalen Parteichef Lew Kaganowitsch ab und gelangte damit als gleichzeitiger Regierungschef der zweitgrössten Unionsrepu‐ blik in Moskau ins Politbüro. Im Politbüro rückte er nach nur einem Jahr vom Kandidaten zum Mitglied auf. Von nun an gehörte er zum engsten Führungskreis um Stalin. Der Organisator 157 Das Blut, das Stalin vergoss, klebt auch an seinen Händen Mit oft vulgären Worten verunglimpfte Chruschtschow jene, die von Stalin verfolgt wurden. Bei der furchtbaren Kollektivierung der Bauern, die Millionen Tote zur Folge hatte, ebenso wie bei den Säuberungen der dreissiger Jahre stand er stets an Stalins Seite. Da starb der Diktator am 5. März 1953. Sofort entbrannte der Streit um dessen Erbe. Es ge‐ lang Chruschtschow, sich gegen die scheinbar mächtigeren und stärke‐ ren Rivalen durchzusetzen. Er wird Parteichef der Sowjetunion und ist bestrebt, als Diktator die Einmannherrschaft zu wahren. 1955 wird sein Gefolgsmann Bul‐ ganin Regierungschef. Noch unterscheidet Chruschtschow wenig vom grausamen roten Tyrannen Stalin. Sein Name steht genau so unter den Hinrichtungsbefehlen, die Stalin den Mitgliedern des Politbüros zur Unterzeichnung vorzulegen pflegte. Von 70 Mitgliedern des Zentralko‐ mitees in der Ukraine blieben nach Chruschtschows Säuberung nur drei übrig. Das Rätsel seines Lebens Überkam Nikita Chruschtschow plötzlich Reue? Als Konrad Adenauer 1955 seinen Kremlbesuch absolvierte, charakterisierte er Chruscht‐ schow als „klug und intelligent“. Und Chruschtschow besass viele Ga‐ ben; auch menschliche Güte und Wärme waren ihm nicht fremd. Über die wahren Gründe, die Chruschtschow veranlasst haben mögen, sich plötzlich gegen Stalin und sein grausames System zu wen‐ den, ist viel gerätselt worden. Sicher war dieser Schritt waghalsig. Auch Mut ist Nikita Chruschtschow nicht abzusprechen. Mancher andere hätte den einfacheren Weg des Festhaltens am Status quo vorgezogen. Trotz aller Verbrechen wurde Stalin nach wie vor vergöttert. Und jetzt schoss der neue Generalsekretär des Reiches plötzlich quer. Am 25. Februar 1956 vor dem XX. Parteitag hielt Chruschtschow seine wie Blitz und Donner einschlagende Anklagerede gegen Stalin. Er selbst setzte sich an die Spitze einer „Entstalinisierung“. Zugleich legte er eine neue Generallinie der KPdSU fest, die auf Lockerungen und Reformen, auf wirtschaftlichen Aufschwung und die Anerkennung des eigenen 13. Die explosive Mischung: Diktatur und Demokratisierung 158 Weges der verbundenen Parteien setzte. Im Hinblick auf die atomare Weltbedrohung setzte er auf friedliche Koexistenz. Gewinn für das Volk, Verderben für seinen Gönner Chruschtschow bemühte sich redlich, die Schatten der Vergangenheit zu beschwören und mit einer Politik des Wohlfahrtskommunismus die Menschen zu gewinnen. Er sorgte für die Beachtung rechtsstaatlicher Prinzipien, verlangte Rechtssicherheit, und er löste das grausame Zwangslagersystem des Gulags auf. Persönlich setzte er sich dafür ein, dass der junge Alexander Solschenizyn 1962 seinen Roman aus der Stalinzeit über „Iwan Denisowitsch“ publizieren konnte. Eine erfolgrei‐ che Schul- und Bildungsreform verbesserte die beruflichen Möglich‐ keiten der heranwachsenden Generation. Eine Demokratisierung in zaghaften Ansätzen zwar, aber doch ernsthaft und auch in erfolgrei‐ chen Schritten initiiert, begann tatsächlich zu keimen. Aber sofort begannen auch die Schwierigkeiten. Nach diesen ers‐ ten Versuchen von Glasnost und Perestroika in der Art des späteren letzten Generalsekretärs, Michail Gorbatschow, ging es letztlich mit der Karriere Nikita Chruschtschows nur noch abwärts. Das Land und das Volk hatten zweifellos gewonnen. Er, der Initiant aber, verlor. Der deutsche Russlandhistoriker Edgar Hösch brachte das Thema 1996 auf den Punkt, als er festhielt: „Die sowjetische Führung hatte sich mit ihrem Entstalinisierungsversuch ins Abseits manövriert. Sie verlor im eigenen Lager an Ansehen und Autorität und musste auf Schadensbegrenzung bedacht sein. Chruschtschow kam als Parteichef ins Gerede.“ Die Zügel anziehen? Der Topos besagt, dass es leichter ist, die Zügel schiessen zu lassen als sie wieder anzuziehen. Als Aufweichungstendenzen überhandnahmen, als chaotische Entwicklungen drohten, reagierte der Alleinherrscher Chruschtschow mit Härte und Aggressivität. Die Zügel anziehen? 159 In Polen und Ungarn waren die Folgen des ideologischen Schwenks Aufruhr und Revolution. Der Glaubenskampf tobte. Aber‐ mals griff Chruschtschow persönlich durch und reglementierte über‐ bordende Chefredaktoren und Schriftsteller. Auch abstrakte Malerei und ausgeflippte moderne Musik begann er wenig zimperlich zu be‐ schimpfen und diagnostizierte hier klar Entartungserscheinungen, de‐ ren Ausmerzung er forderte. Also verdarb er es auch mit den westli‐ chen Liberalen, deren neue, unausgesprochene, letztlich von materiel‐ lem Gewinn bestimmte Gottheit grenzenloses Laisser-faire erheischt. Hinzu kommt ein letzter, gefährlicher Mangel Chruschtschows. Ihm fehlte jegliche Geduld. Hin und wieder charmant, aufs Ganze ge‐ sehen aber mehr polternd, versuchte er sich innenpolitisch wie aussen‐ politisch durchzusetzen. Die Erfolge aber schmolzen dahin, die Miss‐ erfolge häuften sich. Durch die Einführung von Volkswirtschaftsräten hatte er selbst Unordnung in die Produktion gebracht. Die Neulandgewinnung in Si‐ birien und Kasachstan zeitigte nicht die gewünschten Erfolge. In der Landwirtschaft löste sich Experiment um Experiment ab. Im Ausland erwies er sich als zu stachelig für eine Welt, die sich in ganz anderer Richtung entwickelte. Als er 1962 den Einfall hatte, den USA auf Kuba mit Raketen auf den Pelz zu rücken, musste er schmählich mit Sack und Pack den Rückzug antreten. Auf der Sitzung des Zentralkomitees vom 14. Oktober 1964 wurde der nunmehr 70-Jährige Chruschtschow von Vertretern genau jener jungen Generation zur Aufgabe gezwungen, die er selbst in den Jahren zuvor gross gezogen hatte. Er wurde zur Unperson und aus offiziellen Listen sowie den Lehrbüchern gestrichen. Aber sie liessen ihn entge‐ gen den früheren Praktiken – und das waren immerhin auch seine ei‐ genen – am Leben. Neuer Erster Sekretär wurde Leonid Breschnew. 13. 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Zusammenfassung

Immer wieder haben einschneidende Ereignisse und große Persönlichkeiten der Weltgeschichte die Menschen bewegt und über Jahrhunderte nicht mehr losgelassen. Als herausragende Beispiele werden sie zu Wegweisern der menschlichen Geschichte. Johann Ulrich Schlegel präsentiert eine Fülle von Beispielen aus der Allgemeinen Geschichte, die sich als wahre Feuersignale der Menschheit entpuppen. Von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zeigt der promovierte Historiker und Jurist auf, wie einzelne Geschichten nicht nur der Präsentation von Sachverhalten und ihrer Identifizierung dienen, sondern insbesondere wie sich anhand von Geschichte Regelmäßigkeiten aufzeigen lassen: Nicht alle Elemente unseres Lebens und allen Lebens sind ausschließlich individuell, neben dem Einmaligen, eindeutig Identifizierbaren begegnen wir Wiederkehrendem und Ähnlichem, das uns anleitet oder von dem wir hoffen, dass es uns trittsicherer mache auf unserem oft so verborgenen und verschlungenen Pfad in die Zukunft.